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Alte Aktienspinnerei
Umbau und Sanierung zur Zentral bibliothek der
Technischen Universität Chemnitz

Inhalt
01
Grußworte
07
Die Chemnitzer Aktienspinnerei –
Beleuchtung einer wechselvollen
Baugeschichte
15
Aufgabenstellung und Wettbewerb
17
Entwurfs- und Sanierungskonzept
20
Herausforderungen
23
Bauausführung und Bauabschnitte
31
Beschreibung
31
Kubatur und Fassade
32
Lesesäle
33
Freihand- und Lesebereiche
34
Magazin
35
Außenanlage
37
Ausstattung und Möblierung
38
Technik
42
Zahlen im Überblick
46
Zeitstrahl
48
Projektpartner

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Grußworte
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Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Bibliotheken so beeindruckend schön sind wie die neue Universitätsbibliothek für die
Technischen Universität Chemnitz, würde man gern noch einmal studieren. Hier in Chemnitz ist
etwas ganz Besonderes entstanden. Ich freue mich sehr, dass der Freistaat Sachsen durch den
Umbau der Alten Aktienspinnerei eines der bedeutendsten industriegeschichtlichen Bauwerke
und Kulturdenkmale der Stadt Chemnitz erhalten konnte.
Zu ihrer Entstehungszeit im 19. Jahrhundert gehörte die Alte Aktienspinnerei zu den bedeu-
tendsten Industriebauwerken der Stadt Chemnitz. Sie beherbergte damals, in der Hochzeit der
sächsischen Industrialisierung, die größte Spinnerei Sachsens. Der Freistaat hat das denkmal-
geschützte Gebäude im Jahr 2011 erworben, um Platz für die wachsende Technische Universität
Chemnitz zu schaffen und die verschiedenen Standorte der Bibliothek unter einem Dach zu
vereinen.
Unter der Regie des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) ist die
Alte Aktienspinnerei seit 2014 zur Universitätsbibliothek umgebaut worden. Bei der Ausführung
haben die Fachleute darauf geachtet, der industriegeschichtlichen Bedeutung der gesamten
Anlage gerecht zu werden. Jetzt stehen den Nutzerinnen und Nutzern ein repräsentativer Lese-
saal über drei Etagen mit einem Dach aus Glas sowie modernste Lese-, Lern- und Gruppenarbeits-
plätze zur Verfügung. Hier lernt man wirklich gern!
Wenn man von außen miterlebt hat, wie aus einer Bauruine die Alte Aktienspinnerei wieder
entstanden ist, kann man nur den Hut ziehen vor allen, die an der Entstehung der neuen Uni-
versitätsbibliothek mitgewirkt haben. Ihnen möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen.
Mein Dank geht in diesem Zusammenhang auch an die Europäische Union, die über den EFRE-
Fonds 13,6 Millionen beigesteuert hat. Die weiteren Kosten in Höhe von 39,8 Millionen Euro
trägt der Freistaat Sachsen, dank des Beschlusses des Sächsischen Landtags.
Das neue Gebäude ist ein Lern- und Kommunikationszentrum für Studierende wie auch für
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Technischen Universität Chemnitz. Sie ist ein Begegnungs-
und Bildungsort für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt sowie auch der Region. Hier sind
Medien- und Literaturrecherchen in ruhiger Atmosphäre ebenso möglich wie die Gruppenarbeit
in speziell ausgestatteten Räumen. Einzelne Bereiche der Zentralbibliothek sollen auch für
Lesungen und andere Veranstaltungen genutzt werden. Auch die Chemnitzer Innenstadt am
Brühl wird durch die neue Zentralbibliothek aufgewertet. Der Campus der Technischen Univer-
sität Chemnitz rückt nun näher an die Innenstadt. Lehre und Forschung, aber auch das studen-
tische Leben, werden das Stadtbild künftig noch stärker prägen.
Ich wünsche allen Beteiligten, dass die neue Universitätsbibliothek als Ort der Kommunikation
und des Lernens begeistert angenommen wird.
Hartmut Vorjohann
Sächsischer Staatsminister der Finanzen
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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Nutzerinnen und Nutzer der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Chemnitz,
»Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.«
An diese Worte des argentinischen Schriftstellers und Bibliothekars Jorge Luis Borges fühle ich
mich erinnert, wenn ich die Räume der neuen Universitätsbibliothek der Technischen Univer sität
Chemnitz in der Alten Aktienspinnerei betrete. Trotz der zunehmenden Nutzung digitaler Medien
sind Präsenz- und Ausleihbibliotheken weiterhin ein wichtiger Teil der universitären Landschaft,
die innovative Lehre, exzellente Forschung und einen Transfer von Wissen in die Gesellschaft
möglich machen. Bibliotheken sind nicht einfach nur Verstauräume für Bücher, sondern vielmehr
Orte der Begegnung, des Austauschs, der Wissensvermittlung und -vermehrung.
In der Alten Aktienspinnerei werden die bisherigen drei dezentralen Standorte der Chemnitzer
Universitätsbibliothek, deren Magazine sowie das Universitätsarchiv an einem Ort zusammen-
gefasst. Der namensgebende Spinnereibetrieb des 1857 erbauten Gebäudes schloss bereits im
Jahr 1914. Seitdem hat die Alte Aktienspinnerei Etappen als Essensausgabe, provisorisches
Opernhaus, Kaufhaus, Stadtbibliothek, Bürohaus, Puppentheater und zuletzt als Galerie durch-
lebt. Nach der im April 2014 begonnenen umfassenden Sanierung werden in Zukunft mehr als
1,45 Millionen Bücher und Zeitschriften sowie ein Großteil des umfangreichen Archivguts auf
über 11 000 Quadratmetern Magazin- und Freihandfläche der neuen Universitätsbibliothek ihren
Platz finden. Daneben erhalten die Studierenden der Technischen Universität Chemnitz ein Lern-
und Kommunikations zentrum mit über 700 Arbeitsplätzen – teils als Einzelarbeitsplätze für die
konzentrierte Vor bereitung auf Prüfungen und die Anfertigung von Haus- und Abschlussarbei-
ten in Lesesaal und Carrels, teils als Gruppenarbeitsplätze für den Austausch untereinander.
Eine weitere Besonderheit der Chemnitzer Universitätsbibliothek sollen ab April 2021 die Öff-
nungszeiten sein: Rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche wird der Gesamtbestand
den Studierenden – sowie natürlich auch den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Chemnitz und
der Region – zur Verfügung stehen. Das ist im Freistaat Sachsen einmalig.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen an der Sanierung und am Umzug der Universitäts-
bibliothek in das neue Gebäude Beteiligten meinen herzlichen Dank für die hervorragende Arbeit
und das geleistete Engagement auszusprechen. Ein ganz besonderer Dank gilt dem Freistaat
Sachsen für die Bereitstellung der finanziellen Mittel in Höhe von rund 53,4 Millionen Euro
(darunter 13,6 Millionen Euro aus EFRE-Fördermitteln der Europäischen Union) und natürlich
allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek, die während des laufenden
Bibliotheksbetriebs den Umzug bewältigt haben.
Ich wünsche allen Nutzerinnen und Nutzern der neuen Universitätsbibliothek, dass sie diese
– ganz im Sinne der eingangs zitierten Vorstellung von Jorge Luis Borges – genießen und die
Alte Aktienspinnerei mit ihrer facettenreichen Geschichte mit neuem Leben füllen.
Prof. Dr. Gerd Strohmeier
Rektor der Technischen Universität Chemnitz
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Liebe Leserinnen und Leser,
das Gebäude der Alten Aktienspinnerei zählt zu den herausragenden Bauten der Industrie-
geschichte in Chemnitz. Mitte des 19. Jahrhunderts als industrielle Spinnerei errichtet, wurde
der Bau im Laufe der Zeit höchst unterschiedlich genutzt, blieb allerdings seit der Jahrtausend-
wende weitgehend leer und verfiel zusehends.
Einst Ikone der industriellen Revolution in Chemnitz und eine der damals modernsten Spinnerei-
anlagen Sachsens, gelang es dem Gebäude nun, seiner Geschichte eine neue Bedeutung als Ort
des Wissens hinzuzufügen.
Mit der Sanierung der Alten Aktienspinnerei haben die Niederlassung Chemnitz des Staats-
betriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) sowie die beteiligten Firmen und
Unternehmen es in beispielhafter Weise vollbracht, ein städtebaulich wichtiges Areal wiederzu-
beleben. Zugleich wird die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Chemnitz, welche
bisher auf verschiedene Standorte verteilt war, durch die Einrichtung einer Zentralbibliothek auf
einen Standort konzentriert. Für Lehre und Forschung konnten so optimale Bedingungen ge-
schaffen und der Betrieb der Universitätsbibliothek modernisiert und effizient gestaltet werden.
Die Bibliothek wird mit all ihren öffentlichen Bereichen im Gebäude der Alten Aktienspinnerei
untergebracht. Im Mittelteil des Gebäudes schließt sich zudem ein Neubau, der sogenannte
Bücherturm, an – hier finden das Archiv mit seinen hohen Anforderungen an Tragfähigkeit und
Klimatisierung und die Lesesäle ihren Platz.
Im Spannungsfeld zwischen moderner Nutzung und historischer Bausubstanz galt es, die er-
forderlichen Flächen, beispielsweise der Freihandbereiche, durch effektive Ausnutzung des Alt-
baubestands möglichst wirtschaftlich unterzubringen. Dazu erforderten die teils schlechte
historische Bausubstanz und der Baugrund tiefgreifende Umbauten und Eingriffe. Die Sanierung
des Gebäudes erfolgte zudem unter der Maßgabe, die durch die Bombardierung 1945 verloren
gegangene Kubatur der Alten Aktienspinnerei und deren zeitlose Ästhetik der Industriearchi-
tektur wiederherzustellen und fortzuführen. Der industrielle Charakter der Architektur bleibt
auch im Inneren erhalten. So wurde die historische Tragkonstruktion der Seitenflügel mit den
gusseisernen Säulen, Spanngliedern und Gewölbekappen erhalten, saniert und als raumbestim-
mendes Merkmal erlebbar gemacht.
Damals wie heute zeichnete sich das Gebäude durch moderne Nutzungsbedingungen aus. In
den Planungen zum Umbau als Bibliotheksgebäude spielte der Aspekt der Energieeffizienz eine
wichtige Rolle. Die Fassade mit Fenstern, Dach und Dämmung wurde auf höchstem Energie-
effizienzstandard erneuert. Ebenso sind Heizungs- und Klimatechnik sowie Beleuchtungsanla-
gen und Gebäudeautomation überdurchschnittlich sparsam. Die geltenden Referenzwerte für
das Gebäude konnten so um mehr als 30 Prozent unterschritten werden.
Die vorliegende Broschüre dokumentiert das außergewöhnliche Bauvorhaben, von der Planung
bis hin zur Ausführung. Im Ergebnis steht ein Gebäude, das modernste Nutzungsbedingungen
bietet. Mein Dank geht an alle beteiligten Firmen, Architekten, Fachplaner, Handwerker sowie
Kolleginnen und Kollegen des SIB, die zur Wiederbelebung der Alten Aktienspinnerei beigetragen
haben.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Volker Kylau
Technischer Geschäftsführer des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
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Die Chemnitzer Aktienspinnerei –
Beleuchtung einer wechselvollen
Baugeschichte
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Tischlereisaal I der Otto Hoffmann
Kunstmöbelfabrik in der Aktienspinnerei, 1910 –1912
Ansicht unmittelbar nach
Entstehung um 1860
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gewannen
die Chemnitzer Industriellen, Kaufmänner und
Bankiers die Erkenntnis, dass ein Zusam-
menschluss gewinnbringend sein könnte. Die
Finanzierung von geschäftlichen Vorhaben
konnte sich für den Einzelnen recht risikoreich
entwickeln. Die Chemnitzer Aktiengesellschaft
wurde ins Leben gerufen. Im Jahr 1852 for-
mulierte Richard Hartmann, ein in Chemnitz
an sässiger Maschinenfabrikant, erstmals die
Idee, einen Spinnereibetrieb zu errichten. Am
23. September 1856 berichtete das Chem-
nitzer Tageblatt, »dass die Herren A. Götze,
K. Knackfuß und M. F. Bahse [. . .] sich unterhalb
des Angermarktes ein bedeutendes Grund-
stück gesichert [haben], um darauf ein grösse-
res Fabrikunternehmen auf Aktien zu errich-
ten«. Dieses Vorhaben wurde von den Initia-
toren folgendermaßen begründet: »Günstige
örtliche Verhältnisse werden aber jederzeit den
Ausschlag geben, wenn es der Sache selbst an
Tüchtigkeit nicht fehlt und technische und
fabrikwirtschaftliche Vorzüge sich mit den
Vorteilen der Lage verbinden. Chemnitz befin-
det sich mitten im großen deutschen Eisen-
bahnnetze. Wenige Stunden von Chemnitz
liegen die großen Steinkohlengruben Sach-
sens von Zwickau und Würschnitz. In Chem-
nitz ist der bedeutendste Baumwoll- und
Garnmarkt in einem sehr weiten Umkreise.
Inmitten eines Heerdes von Baumwollweberei
in Sachsen, Thüringen, Schlesien, Böhmen und
Franken hat Chemnitz den Garnabsatz ganz
nahe vor der Thür.« Die genannten drei Be-
gründer waren keine Unbekannten: August
Götze, Kaufmann und Inhaber der Maschinen-
fabrik Götze & Co., Carl Knackfuß, Bankier und
Garnhändler sowie Moritz Ferdinand Bahse,
Teilhaber der Fa. Knackfuß, hatten sich zu die-
ser Zeit bereits einen Ruf als Industrielle er-
arbeitet. Am 30. März 1857 erfolgte die Kons-
tituierung der Chemnitzer Aktienspinnerei,
genehmigt durch die Königlich Sächsische
Staatsregierung. Bereits wenige Wochen da-
nach begannen am 19. Mai 1857 die Erd- und
Maurerarbeiten auf dem Spinnereigrundstück
am Anger, einer Stadtviehweide an der dama-
ligen Königstraße. Schon im Oktober war das
Erdgeschoss vollendet.

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Die Vision von Architekt
Friedrich Theodor Roschig
Nach dem Kauf einer fast 10 Hektar großen
Fläche für 20 000 Taler erfolgte der Auftrag
an den Architekten Friedrich Theodor Roschig
zur Erstellung der Entwürfe. Die Gesamtkosten
für die Spinnerei wurden mit 1 Million Thaler
veranschlagt; über 1,3 Millionen Thaler hat sie
letztlich gekostet. Der Bauauftrag wurde an
Maurermeister Müller übergeben. Dem Archi-
tekten schwebte die Vision vor, eine Orien-
tierung am Baustil des Eklektizismus zu ver-
wirklichen. Das Gebäude sollte ein moderner,
zweckmäßiger und feuersicherer Bau aus Eisen
und Ziegeln werden. Geplant wurde ein Mittel-
bau mit zwei Seitenflügeln. Persönlichkeiten
der damaligen Zeit beschrieben das Gebäude
als einzigartig: »Die klare architektonische
Gestaltung mutet fast modern an. Vergleicht
man den Bau mit dem nur wenige Schritte
entfernten ehemaligen Hauptgebäude der
höheren Gewerbeschule [heute: Technische
Universität], welches zwischen 1875 und 1877
entstand, könnte man meinen, ein recht jun-
ges Bauwerk vor sich zu haben. Nur wer
des-
sen Inneres betritt, dem verraten die schweren,
gusseisernen Stützpfeiler und die Gewölbe-
konstruktionen der Decken ein höheres Alter.«
Die Konstruktion des Hauptgebäudes
Im Gegensatz zu vorher errichteten Spinne-
reien hatte man die Aktienspinnerei komplett
aus Eisen und Stein projektiert. Damit galt
dieses Gebäude als eines der brandsichersten
Bauwerke der Stadt Chemnitz. Tragende Säu-
len, Balken und Dachsparren aus Eisen boten
ein hohes Maß an Stabilität und Stützkraft.
Die gewölbten Ziegeldecken mit einer Spann-
weite von beachtlichen 6,50 Metern sowie die
abgepflasterten Fußböden zeichneten sich
durch eine enorme Feuerfestigkeit aus. Die
architektonische Gliederung des Fabrikgebäu-
des erfolgte über einen fünfachsigen, leicht
vorgelagerten und unterkellerten Mittelbau
mit dem Haupteingang. Dieser überragte die
seitlichen Gebäudeteile um ein Stockwerk und
beherbergte das Kessel- sowie das Maschi-
nenhaus, das Treppenhaus, die Kontore, die
Werkstätten, die Warenausgabe und die Weif-
säle.

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oben: Zeitgenössische Darstellung des Rohbaus 1857/58
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unten: Ansicht um die Jahrhundertwende
Gesamtanlage um 1911
Der Mittelbau mit Treppenhaus trägt ein Ober-
licht; die Gesamtlänge liegt bei 24 Metern, die
Tiefe bei 45 Metern. Die beiden Flügel, rechts
und links jeweils 62 Meter lang und 27 Meter
tief, enthielten jeweils das Erdgeschoss und
drei Etagen sowie einen Dachsaal. Durch
Satteldach, herausgehobenen Mitteltrakt mit
Risalit und Zierbekrönung, einer Uhr sowie
vier Ecktürmchen wurde das Gebäude symme-
trisch gegliedert. Die Geschossdecken wurden
auf schmiedeeiserne Tragekonstruktionen aus
der Gruson’schen Maschinenfabrik Buckau
gelegt, welche wiederum auf gusseisernen
Stützen vom Eisenwerk Gröditz mit einem Ge-
samtgewicht von 3 316 Zentnern mit jeweils
6 Metern Abstand ruhen. Rundstahlanker mit
einem Abstand von 2 Metern verbinden die
Träger zur Aufnahme hoher und auch unsym-
metrischer Lasten aufgrund der Maschinen-
aufstellung. Ebenfalls von der Maschinen-
fabrik Buckau stammten die gusseisernen
Dach sparren, welche gemeinsam mit den Trä-
gern – insgesamt 12 850 Zentner – aus der
Maschinenfabrik von Richard Hartmann ver-
arbeitet wurden. Der verwendete Gewölbekalk
hatte seinen Ursprung in den Ostrauer Kalk-
werken. Der Zink, genutzt zum Decken des
Dachs, kam aus den Zinkwerken bei Breslau.
Insgesamt stellten 12 Ziegeleien aus der Um-
gebung den Bedarf von knapp 3 Millionen
Ziegeln zur Verfügung. Darüber hinaus wur-
den beträchtliche Mengen Sandstein aus Kö-
nigstein und Pirna für Fundament, Mauer-
werk, Treppenhaus und Ähnliches eingesetzt.
Schmucklose Fassade,
aufwändige Ausstattung
Obwohl von außen schmucklos,
war das Ge-
bäude von innen geprägt durch besondere
technologische Ausstattungen. Die für die
be nötigte Treibkraft erforderlichen Dampf-
maschinen, zwei Doppelmaschinen mit jeweils
250 Pferdestärken, lieferte Richard Hartmann.
Damit war die Chemnitzer Aktienspinnerei
auch aufgrund dieser fortschrittlichen An-
triebstechnik äußerst konkurrenzfähig. Die
Spinnereimaschinen in erlesener Qualität
wurden größtenteils von regionalen Unter-
nehmen zur Verfügung gestellt. Eine fort-
schrittliche Investition war die Einrichtung
eines Belüftungssystems. Durch die ausgeklü-
gelte Funktionsweise konnten die Betriebs-
räume im Winter einerseits gut geheizt, im
Sommer aber andererseits entsprechend be-
lüftet werden. Einmalig in Chemnitz war der
direkte Anschluss an das rasant entstehende
Eisenbahnnetz.

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Zeitgenössische Darstellung um 1890
Darstellung der Eisenbahnbrücke
aus der Bauakte
Zu diesem Zweck erfolgte im Jahr 1858 eigens
die Konstruktion eines Viadukts aus Holz und
Eisen. Auf diese Art und Weise konnte die
Baumwolle ungehindert direkt vom Lagerhaus
abtransportiert werden. Der Zweiggleis-
anschluss entstand durch die Abzweigung
einer Verbindung von der zum Chemnitzer
Hauptbahnhof führenden Eisenbahnlinie der
Chemnitz-Riesaer Staatseisenbahn. Um den
entstandenen Höhenunterschied überwinden
und die ehemalige Königstraße (jetzt Straße
der Nationen) überbrücken zu können, wurde
ein Eisenbahn-Viadukt aus eisernen Rauten-
fachwerkträgern mit einer lichten Weite von
ca. 14 Metern und einer Länge von 491 Metern
sowie beidseitig gemauerten, aufgelösten
Widerlagern errichtet. Die Zweigbahn diente
dem Transport der Wolle in das Lagerhaus und
der Beförderung von Kohlen in ein unterhalb
des Viadukts angelegtes Kohlenhaus. So
konnte das Befeuerungsmaterial durch Ein-
falllöcher von der Bahn aus direkt abgeladen
werden. Außer dieser Hofbahn existierte zu-
dem noch eine zweite Hochbahn, welche die
Kohlen abtransportierte und direkt zu den
Dampfkesseln fuhr.

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Nutzung als Getreidelager im 1. Weltkrieg
Kontorgebäude
Neben dem Hauptgebäude entstanden ein
Maschinenhaus mit Schornstein, der eine
Höhe von beachtlichen 97 Metern hatte, und
ein Wirtschaftsgebäude mit Pferdestall, Kut-
scherstube, Geschirrkammer und einer Schreib-
stube. In einem Lagerhaus mit 3 Geschossen
konnten bis zu 1 000 Ballen Garn und Wolle
untergebracht werden. Entsprechend eines
Revisionsprotokolls aus dem Jahr 1867 betrug
die Heizfläche des Dampfkessels 163 Quadrat-
meter. Das gesamte Bauareal samt Nebenge-
bäuden wurde im Jahr 1859 fertiggestellt.
Später erfolgten noch weitere An- und Um-
bauten: 1879 ein Badelokal, 1881 ein Kontor-
gebäude (anstelle des abgerissenen Wirt-
schaftsgebäudes) sowie weitere mechanische
Installationen wie die Anlage zweier Seiltürme
und die Errichtung eines Laufkransystems.
Aufgabe der Spinnerei und Nachnutzung
Aufgrund der stetigen Expansion und fehlen-
der Flächen wurde die Produktion in die neu
erbauten Anlage am Standort Altchemnitz,
Schulstraße 38, verlagert und der Betrieb am
Schillerplatz schrittweise eingestellt. 1905
wurde das Objekt Eigentum der Stadt Chem-
nitz. Bis zum Jahr 1906 war bereits die Hälfte
aller Spinnmaschinen ausgelagert worden.
Statt einer Nachnutzung für die neue Kunst-
sammlung – hier wurde ein stattlicher Neubau
nach Entwürfen von Stadtbaurat Richard Mö-
bius am Neustädter Markt (heute Theater-
platz) errichtet – vermietete die Stadt ab 1910
Räumlichkeiten der Aktienspinnerei an grö-
ßere Unternehmen, was zu Umbauten, wie
beispielsweise dem Einbau von Aufzügen,
führte. Im Ersten Weltkrieg diente sie als Ge-
treidelager. Der Zweite Weltkrieg verhinderte
zwar den 1935 geplanten Abriss der alte Ak-
tienspinnerei zu Gunsten eines nationalsozia-
listischen monumentalen Versammlungsbaus,
verursachte jedoch auch erhebliche Zerstö-
rungen wie den Verlust der Obergeschosse.
Nach notdürftiger Instandsetzung erfolgte die
Nutzung als Lager, Essensausgabe, Wohnmög-
lichkeit sowie als Provisorium für das beschä-
digte Opernhaus. Nach zahlreichen Um- und
Ausbauten wurde das Gebäude als Großküche,
Konzertkaffee, Tischlerei, Kulissenlager und
Verkaufsraum genutzt. Im Jahr 1950 etablier-
ten sich die Stadtbibliothek, zunächst als Pro-
visorium, und das Wismut-Kaufhaus »Glück
Auf«. Erstere wird 50 Jahre bleiben. Weitere
Hauptnutzer waren die Städtische Puppen-
bühne, Verwaltung und Buswerkstätten des
Kraftverkehrs und zuletzt auch die Neue Säch-
sische Galerie.

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Zustand bei der Übernahme durch den Freistaat Sachsen

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Umbau zur zentralen
Universitäts bibliothek
Nach der Jahrtausendwende ist kaum mehr
eine Nutzung der Alten Aktienspinnerei zu
verzeichnen. Der Versuch, großflächigen Ein-
zelhandel anzusiedeln, scheitert. Als eine der
be deutendsten Spinnereianlagen Sachsens
zählt das Objekt zu den industriegeschichtlich
wichtigsten Bauwerken der Stadt Chemnitz
und steht daher unter Denkmalschutz. Trotz
dieses Sachverhalts entstehen Überlegungen,
das Gebäude abzureißen. Im Jahr 2008 reift im
Rahmen der Bewerbung der Stadt Chemnitz
um den Titel »Stadt der Wissenschaft« der Ge-
danke zur Nutzung als Zentralbibliothek der
Technischen Universität. Eine Machbarkeits-
studie belegt 2009 die prinzipielle Umsetzbar-
keit dieser Idee. 2010 formuliert die Techni-
sche Universität Chemnitz ihren konkreten
Raumbedarf. Nach dessen Anerkennung er-
wirbt der Freistaat Sachsen das Objekt 2011
von der Stadt Chemnitz für einem symbo-
lischen Euro. Mit der Einstellung der Maß-
nahme in den Doppelhaushalt 2011/12 durch
den Sächsischen Landtag wurde der Weg zur
Auslobung eines Architektenwettbewerbs frei.

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Aufgabenstellung
und Wettbewerb
Bedarf
Die Universitätsbibliothek der Technischen
Universität Chemnitz war bisher auf sechs
Standorte verteilt. Durch die Errichtung einer
Zentralbibliothek sollte diese unzureichende,
zersplitterte Unterbringung aufgelöst werden,
um für Lehre und Forschung optimale Be-
dingungen zu schaffen. Die Verortung in der
Innenstadt sollte zur Belebung des inner-
städtischen Umfeldes beitragen und den In-
nenstadtcampus weiterentwickeln.
Das Raumprogramm umfasste 12 354 Qua-
dratmeter Nutzfläche, davon 8 520 Quadrat-
meter Freihand- und Lesebereich. Die Qualität
sollte durch ein vielfältiges, auf die Lernbe-
dürfnisse eingehendes Raumangebot an Ein-
zelarbeitsplätzen, Gruppenarbeitsräumen und
Arbeitskabinen sowie durch einen sozialen Ort
als Treffpunkt für Studierende und Lehrende
bestimmt sein. Die Universitätsbibliothek sollte
sowohl Elemente einer »extrovertierten« als
auch einer »introvertierten« Bibliothek enthal-
ten. Dabei wären »laute Zonen« als Orte der
zwischenmenschlichen Kommunikation und
für eine Bibliothek typische Rückzugsbereiche
für ein stilles Studium gegeben.
Für die Verwaltung waren auf 732 Quadrat-
metern Büroräume für die Mitarbeiter sowie
ein Beratungsraum vorgesehen. Der Bereich
steht in funktionalem Zusammenhang mit
dem Freihandbereich.
Das nicht öffentliche Magazin sollte eine
Nutzfläche von 2 779 Quadratmetern haben.
Der Bereich sollte vorrangig aus Kompakt-
regalanlagen bestehen und in das allgemeine
Kompaktmagazin, das Magazin für besondere
Bestände, das Magazin für das Patentinforma-
tionszentrum (PIZ) und das Archiv unterteilt
sein. Im Magazin sollten besondere klimati-
sche und statische Anforderungen bestehen,
um die Medien sicher und archivarisch korrekt
unterzubringen. Die sonstigen Flächen sollten
hauptsächlich Lager, Kopierräume, Teeküchen
und die Poststelle umfassen.
Die Bibliothek soll 24 Stunden täglich einen
Anlaufpunkt für Universitätsangehörige und
für an wissenschaftlichen Informationen inte-
ressierte Bürger bieten. Die maximale Nutzer-
anzahl soll bei rund 780 Personen liegen. Im
Rahmen der Nutzung werden auch Sonder-
veranstaltungen in einem Bereich im Erdge-
schoss möglich sein.
Standort
Das Grundstück befindet sich innenstadtnah
zwischen der Straße der Nationen und der
Karl-Liebknecht-Straße in unmittelbarer Nähe
zum Universitätshauptgebäude und ist über
öffentliche Verkehrseinrichtungen und -ver-
bindungen sehr gut erreichbar. Zwischen-
zeitlich führte im Rahmen des Chemnitzer
Modells eine Straßenbahntrasse direkt zum
Campus auf der Reichenhainer Straße.
Mit der Entwicklung der Gesamtfläche zwi-
schen Alter Aktienspinnerei und Schillerplatz
soll ein neuer Schwerpunkt im Stadtraum ent-
stehen und zugleich die Verbindung zu den
Bestandsgebäuden an der Straße der Nationen
für die Technische Universität Chemnitz her-
gestellt werden.
Wettbewerb
Der Wettbewerb wurde als einstufiger, nicht
offener, anonymer Wettbewerb mit vorge-
schaltetem, offenem Bewerbungsverfahren
ausgelobt. Es gingen 115 Teilnahmebewerbun-
gen ein; auslobungsgemäß wurden 30 Teil-
nehmer zugelassen. Der Wettbewerb war in
zwei Kategorien aufgeteilt: Zum einen gab es
einen Städtebaulichen Ideenwettbewerb zur
Entwicklung eines neuen Innenstadtcampus
unter Einbeziehung der Alten Aktienspinnerei
mit Erweiterungsflächen für die Fakultät
Wirtschaftswissenschaften und zum anderen
ei nen Realisierungsteil für das Programm
»Zentrale Universitätsbibliothek im denk-
malgeschützten Gebäudes der Alten Aktien-
spinnerei«.
Aus städtebaulich-denkmalpflegerischer Sicht
bestand das Ziel, die ursprüngliche Kubatur in
seinem historischen Erscheinungsbild wie-
derherzustellen. Die geplanten Maßnahmen
wurden im Zuge der Entwurfsbearbeitung mit
der Unteren Denkmalschutzbehörde Chemnitz
und dem Landesamt für Denkmalpflege abge-
stimmt.
Der Wettbewerb fand in der zweiten Jahres-
hälfte 2012 statt. Es wurden 26 Arbeiten ein-
gereicht. Im Januar 2013 stand das Ergebnis
fest.
Der Entwurf der Bürogemeinschaft Siegmar
Lungwitz Architekt BDA und Heine, Mildner
Architekten aus Dresden sowie Thomas Rabe
Architekt aus Berlin zur baulichen Umsetzung
der Maßnahmen wurde mit dem ersten Platz
ausgezeichnet und zur Umsetzung empfohlen.
Für den städtebaulichen Ideenteil konnte sich
Ferdinand Heide aus Frankfurt am Main mit
dem ersten Platz durchsetzen.
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Graphische Darstellung zentraler Lesesaal
aus dem Architektenwettbewerb

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Entwurfs- und Sanierungskonzept
Die Bibliothek wird mit all ihren öffentlichen
Bereichen im Gebäude der Alten Aktienspinne-
rei untergebracht. Der Magazinbereich ist auf-
grund der Lasten und Ebenheitsanforderun-
gen in einem Erweiterungsbau nördlich des
Bestandgebäudes angegliedert, da die Alte
Aktienspinnerei bautechnisch dafür nicht ge-
eignet ist.
Alte Aktienspinnerei
Dem Typus der bestehenden Gebäudestruktur
folgend, werden in den seitlichen Gebäudeflü-
geln die Freihandbereiche angeordnet. Der
Mittelteil wird entsprechend seiner struktu-
rellen Bedeutung mit zentralen Funktionen
wie Eingangshalle, Haupterschließung und
Lesesälen besetzt.
Die Leseplätze im zentralen Lesesaal (54 Plätze),
im Sonderlesesaal (36 Plätze) und in den Car-
rels (24 Plätze) werden über eine Lichtdecke
mit gefiltertem Tageslicht belichtet und ent-
raucht. Zugleich bildet das Areal das Zentrum
des Gebäudes und gibt Orientierung.
In den Seitenflügeln befinden sich die Frei-
handbereiche mit den Büchern. In der Mitte
und entlang der Außenwandfassaden sind die
Arbeitsplätze angeordnet. In den Stirnbaute n
der Seitenflügel befinden sich Büro- und Sani-
tärräume.
Weitere Büroflächen und die Schulungs- und
Beratungsräume sind im südlichen Kopfbe-
reich des Mittelbaus untergebracht. Dieser
verfügt zusätzlich über ein Untergeschoss mit
zentralen Garderoben- und Sanitäranlagen
sowie Technikflächen.
Flächen für Lüftungsanlagen befinden sich in
den Dachgeschossen des Mittelbaus und der
Stirnbauten.
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Tageslichtdecke im zentralen Lesesaal
Lageplan

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Grundriss 2.OG
Längsschnitt
Ansicht Südfassade

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Erweiterungsbau
Der unmittelbar an der Nordseite des Mittel-
trakts angrenzende Erweiterungsbau ist als
Bücherturm vorgesehen, welcher in jeder
Ge schossebene an das Bestandsgebäude an-
geschlossen ist. Die Geschosshöhe im Erd -
geschoss erlaubt das Aufstellen eines Roll-
regallagers über zwei Ebenen, was entschei-
dend zur Optimierung der Magazinflächen
beiträgt. Im Erdgeschoss werden außerdem
die Anlieferung und Räume für das Verpacken
und Reinigen der Buchmedien sowie ein
Sortierraum mit direkter Anbindung an die
Buchtransportanlage und an die Rückgabe-
automaten untergebracht.
Erschließung
Der Hauptzugang des Bibliotheksgebäudes
erfolgt durch den zentralen Zugang im Mittel-
risalit vom südlich gelegenen Schillerplatz –
entsprechend der ursprünglich angelegten
Erschließung in der Erbauungszeit des his-
torischen Gebäudes. Im Gebäude führt eine
offe ne Treppe vom Untergeschoss bis in das
vierte Obergeschoss und erschließt somit alle
öffentlich zugänglichen Bereiche.
Ein separater Zugang an der Stirnseite von der
Straße der Nationen bietet eine unabhängige
Nutzung des Sonderveranstaltungsbereichs
im Erdgeschoss. Ein weiterer Zugang ist über
den öffentlichen Lesegarten im Norden ge-
plant, welcher gleichzeitig die unabhängige
Zugänglichkeit zu den Buchrückgabeautoma-
ten gewährleistet. Die Anlieferung erfolgt über
einen eigenen überdachten Zugang vom nord-
westlich gelegenen Wirtschaftshof. Im Zuge
des Umbaus und der Erweiterung der Alten
Aktienspinnerei zur Zentralbibliothek der
Tech nischen Universität Chemnitz erhielt das
Gebäude eine neue Aufzugsanlage. Ein Per-
sonen- und ein Lastenaufzug im Mittelbau
verbinden alle Geschossebenen vom Unter-
geschoss bis zum vierten Obergeschoss.
Nebengebäude
In dem nordwestlich gelegenen Wirtschafts-
hof sind technische Anlagen (Netzersatz-
anlage, Trafostation) sowie der Müllsammel-
platz in einem neu errichten Nebengebäude
untergebracht.
Der Wettbewerbsentwurf wurde in der weite-
ren Planung in einem Optimierungsprozess
überarbeitet, komprimiert und verbessert.
Dabei wurde das Raumprogramm auf die un-
mittelbar für die Funktionen der Bibliothek
notwendigen Flächen reduziert.
Grafische Darstellung Vorplatz
aus dem Architektenwettbewerb

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20 |
Herausforderungen
Prämisse war, das historische Gebäude der
Alten Aktienspinnerei als Zeugnis der Indust-
riekultur in seiner ursprünglichen Erscheinung
zu erhalten, es seiner neue Nutzung anzupas-
sen und die heutigen komplexen Anforderun-
gen zu erfüllen. Die für das Gebäude charak-
teristische Kubatur, Fassade und sichtbare
Tragkonstruktion waren hierbei zu erhalten, zu
ergänzen und wiederherzustellen. Im Span-
nungsfeld zwischen Projektplanung, Denk-
malschutz, Nutzeranforderungen und Archi-
tektur mussten einige Herausforderungen
gemeistert werden.
Zur Förderung des Mittelstands wurden große
Aufträge auf je zwei ausführende Firmen pro
Fachgewerk gesplittet, beispielsweise bei Roh-
bau, Malerarbeiten, Bodenbelag, Außenputz
und Innenputz. Allerdings bedeutete diese
Arbeit mit mehreren Firmen einen erheblich
höheren Koordinierungsaufwand.
Trotz sorgfältiger Auswertung der wenigen
Bestandsunterlagen und durchgeführter, um-
fangreicher Voruntersuchungen kam es wäh-
rend der Baumaßnahmen zu neuen Erkennt-
nissen. Daraus ergaben sich zusätzliche Maß-
nahmen:
Zum einen musste die Bodenplatte des Mittel-
baus abgerissen und entsorgt werden, was aus
den Bestandsunterlagen nicht hervorging und
zum Zeitpunkt der EW-Bau-Erstellung unbe-
kannt war. Zum anderen musste eine statische
Sanierung von Teilen der Gewölbedecken im
Ostflügel vorgenommen werden. Des Weiteren
mussten Teile der Gewölbedecken im West-
flügel aufgrund von Kontaminierungen mit
Alt öl saniert werden. Außerdem entstand we-
gen des Ausgleichs der festgestellten Höhen-
toleranzen der Bestandsgewölbe ein Mehr-
aufwand im Fußbodenaufbau oberhalb der
Gewölbekappen. Zusätzlich mussten die ein-
gemauerten Stahlträger in den Bestandswän-
den entfernt werden.
Zudem wurde erst nach Abnahme des Putzes
die Schädigung durch Wasser und Frost aus
der Zeit ohne Dach unmittelbar nach den
Zweiten Weltkrieg offensichtlich. Die Ziegel-
decke musste vermessungstechnisch und sta-
tisch untersucht sowie ein Sanierungskonzept
zur Ertüchtigung entwickelt werden. Die Aus-
führung erfolgte in aufwändiger Handarbeit
– beispielsweise durch Austausch einzelner
Ziegel bis hin zu großen Gewölbeflächen.
Bei der Innenraumgestaltung und Material-
wahl wurde, wie auch bei der äußeren Er-
scheinung, das Konzept des Erhaltens und
Fortführens des Industriecharakters ange-
strebt. Besonders erwähnenswert ist hier die
historische Tragkonstruktion der Seitenflügel,
welche in ihrer ursprünglichen Raumwirkung
mit den Gusseisenstützen, -trägern, Spann-
gliedern und Gewölbekappen wieder erlebbar
Eine besondere Aufgabe im 21.Jahrhundert,
das Mauern von Kappengewölben

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gemacht wurde. Die vorhandene, denkmal-
geschützte Tragkonstruktion stellte eine große
Herausforderung an Tragwerksplaner, Prüf-
ingenieur und Architekt dar, denn es musste
eine denkmalgerechte, jedoch wirtschaftlich
optimierte und technisch machbare Lösung
gefunden werden. Es folgten zahlreiche Vor-
untersuchungen.
Neben der rechnerischen Ermittlung wurde
durch Lastuntersuchungen in situ die tat-
sächliche Tragfähigkeit der Stützen und Ge-
wölbeträger an abzubrechenden Bauteilen im
Westflügel untersucht. Zusätzlich zu den
durchgeführten Vor-Ort-Belastungsversuchen,
wurden weiterführende Prüfungen der Guss-
stützen, der genieteten Hauptträger und der
Stützkapitelle in einer Prüfhalle durchgeführt.
Hierfür wurden aus dem abzureißenden, mitt-
leren Gebäudeteil Originalteile entnommen
und zur Nachbildung der Tragkonstruktion
genutzt.
Die hohen Lastanforderungen an den Neubau
des Magazins standen im Kontrast zum vor-
handenen Baugrund. Dieser erwies sich als
ungeeignet. Untersuchungen zeigten eine
mäch tige Schicht von Kriegsschutt mit darun-
terliegendem, nicht tragendem Deck- und Aue-
lehm.
Die Bestandsfundamente des Mitteltrakts
lagen ebenfalls auf wenig tragfähigen Schich-
ten. Um eine ausreichende Gründung für die
geforderten Traglasten zu gewährleisten,
mussten umfangreiche Gründungsarbeiten für
den Mittelbau erfolgen.
Die Bestandsfundamente wurden an mehreren
Stellen mittels Hochdruckinjektion ertüchtigt.
Um die zusätzlichen Lasten aus der Auf-
stockung der Seitenflügel sicher in den Bau-
grund abzuleiten und neuen Belastungen für
die Gussstützen auszuschließen, musste das
Dachtragwerk weit zwischen den Außenmau-
ern gespannt werden, was mittels Stahlfach-
tragwerk gelöst wurde.
Belastungsversuch am Tragwerk vor Ort

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Bauausführung
und Bauabschnitte
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Ostgiebel vor dem Wiederaufbau
Abbrucharbeiten am Mittelbau
Abbrucharbeiten
Bevor mit den Baumaßnahmen begonnen wer-
den konnte, war es nötig, umfangreiche Ab-
brucharbeiten vorzunehmen.
Im Jahr 2014 erfolgte der Rückbau von leer-
stehenden Gebäuden und Anbauten rund um
den Hauptbau. Die Seitenflügel der Alten Ak-
tienspinnerei wurden beräumt sowie von allen
nachträglichen Einbauten samt Fußbodenauf-
bau befreit und in den Rohbauzustand ver-
setzt. Dabei wurden etwa 6 600 Tonnen Bau-
schutt, zum Großteil in Handarbeit, aus dem
Gebäude gebracht. Das wertvolle gusseiserne
Tragwerk mit den gemauerten Kappengewöl-
ben und die Außenwände blieben erhalten.
Anfang des Jahres 2015 wurden im Außen-
bereich alte, nicht mehr benötigte Leitungs-
trassen zurückgebaut oder, soweit noch in
Betrieb, umverlegt. Reste einer alten Tank-
stelle, sowie die alten unterirdischen Tankbe-
hälter wurden umweltgerecht entsorgt. Kon-
taminierter Boden wurde ausgetauscht.
Im Juli 2015 begann die Komplettentkernung
des Mittelbaus. Die Außenwand zum Bus-
bahnhof wurde statisch mit einer Stahlkon-
struktion gesichert. Im Anschluss wurde die
Baugrube für den Mittel- und Magazinanbau
hergestellt.
Mit den Abbruchmaßnahmen an den beiden
Giebelseiten wurde der Abbruch planmäßig
Ende des Jahres 2015 beendet.
Jetzt schloss sich der Neuaufbau der äußeren
Achsen der Seitenflügel an. Für die Erschlie-
ßung des Gebäudes und die Schachtführung
der Haustechnik erfolgten konstruktive Ein-
griffe in den Bestandbau. Innenwände und
Decken wurden als zeitgemäße Stahlbeton-
konstruktionen ausgeführt. Die Außenwand
des Ostflügels, an der sich der Eingangs bereich
zum ehemaligen Kaufhaus »Glück Auf« mit
den Schaufenstern im Erdgeschoss befand,
wurde zugunsten einer denkmalgerecht wie-
deraufgebauten historischen Fassade zurück-
gebaut. Alle weiteren Bereiche des Ost- und
Westflügels samt der historischen Bausubs-
tanz und des Tragwerks blieben erhalten und
wurden beim Umbau des Gebäudes integriert.

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Entkernung WestflügeL
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Ertüchtigung Fundamente Mittelbau

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Westflügel nach Sanierung
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Foyer

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Rohbauarbeiten am 4. OG Mittelbau 2017

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Wiederaufbau und Ausbau
Nach Abschluss der Abbrucharbeiten konnten
die Rohbauarbeiten 2016 beginnen.
Von März bis Juni 2016 wurde das komplette
Gebäude eingerüstet. Die drei Oberdrehkrane
der beiden Rohbaufirmen kündeten nun deut-
lich den Wiederaufbau an. In den beiden Gie-
belbereichen wurden als Gründung Bohrpfäh le
eingebracht und die Bodenplatten in den Sei-
tenflügeln hergestellt.
Die über die gesamte Gebäudebreite spannen-
den Stahlbinder für das Dach und die Stahl-
stützen für die Wiederherstellung des dritten
Obergeschosses der beiden Seitenflügel wur-
den auf der Baustelle vormontiert. Ende Juni
2016 konnte mit Hilfe eines Autodrehkrans
das Aufsetzen der Stahlskelettdachkon-
struktion auf vorher montierten Stahlstützen
am Westflügel erfolgen. Jetzt entstand nach
70 Jahren ein erster Eindruck von der neuen
und alten Kubatur des Gebäudes. Daran
schloss sich die Eindeckung aus Trapezblechen
an. Die gleiche Prozedur wiederholte sich im
Anschluss am Ostflügel.
Parallel wuchsen der Rohbau im Mittelbau und
der Anbau des neuen Magazins in die Höhe.
Die Rohbauarbeiten am Ostflügel wurden im
Mai 2017, die am Westflügel im Juni 2017 fer-
tiggestellt. Am Mittelbau und am Magazin-
Neubau konnte der Rohbau im Januar 2018
beendet werden.
Im Inneren erfolgte die Wiederauffüllung der
sanierten Gewölbebögen mit Leichtbeton, um
Tragreserven für die künftige Nutzung zu er-
halten.

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Der neue Lesesaal entsteht
u
Aufbau des Dachtragwerkes Juni 2016

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Einhub der Fachwerkdachträger
Ab Juni 2017 begann die Montage der über
300 Fenster in den Seitenflügeln, eine wich-
tige Voraussetzung für den Ausbau. Das hohe
Eigengewicht der Fenster stellte eine beson-
dere Herausforderung dar. Die letzten Fenster
im Mittelbau wurden im November 2018 ein-
gebaut.
Parallel mit der Fertigstellung der Rohbau-
arbeiten im Mittelbau wurde mit dem Innen-
ausbau in den Seitenflügeln und den ersten
Rohinstallationen der Technik-Gewerke be-
gonnen. Im Februar 2018 starteten die Putz-
arbeiten im Inneren; nachfolgend konnte die
Unterkonstruktion für den Trockenbau herge-
stellt werden.
Die Montage der Fertigteilfassade aus Archi-
tekturbeton am Magazin war im Februar 2018
fertiggestellt.
Umfangreiche Arbeiten erfolgten auch an den
Außenfassaden. Die Fensteröffnungen wurden
wieder in ihrer ursprünglichen Größe herge-
stellt und erhielten ihre Sandsteingewände
zurück. Der verlorene Sandsteinsims über dem
Erdgeschoss wurde ebenso wieder hergestellt
wie der Bossenputz. Das gesamte Gebäude
erhielt einen Wärmedämmputz.
Der Ausbau mit zahlreichen technischen
Gewerken wie Heizung und Kühlung, Elek-
trotechnik, Lüftung, Aufzugs- und Buch-
transportanlage, Fernmelde- und informa-
tionstechnische Anlagen, Sprinkleranlage und
Sanitäranlagen war parallel zu organisieren
und zu koordinieren.
Die umfangreichen Tischlerarbeiten in den Sei-
tenflügeln und im Mittelbau begannen ab Mai
2019. Sie wurden im Februar 2020 beendet.
Die aufwändigen Terrazzoarbeiten im Foyer
und der Haupttreppe konnten im März 2020
abgeschlossen werden.
Auf großformatigen Folien am Bauzaun wurde
die Öffentlichkeit über den erreichten Bau-
fortschritt in Wort und Bild informiert. Zum
Tag der Architektur stießen Führungen auf
großes Interesse.
Übergabe
Ende März 2020 wurden Teilbereiche für den
Umzug an den künftigen Nutzer übergeben.
Nun folgte der Aufbau der Freihandregale, die
spezifische Einrichtung der Räume sowie der
Umzug der Bibliotheksbestände in die baulich
fertiggestellten Räume.
Die haustechnischen Anlagen gingen nach
erfolgreichem Funktionsnachweis im Mai in
Betrieb.

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Beschreibung
Kubatur und Fassade
Ziel der Gesamtmaßnahmen war es, die Ku -
batur der historischen Aktienspinnerei in die
ursprüngliche Form zu versetzen. Bei der Wie-
derherstellung der Putzfassade galt es, die
Gliederung der historischen Substanz zu be-
rücksichtigen, um einen stimmigen Gesamt-
eindruck zu erzielen. Im dritten Obergeschoss
der Seitenflügel und im vierten Obergeschoss
des Mittelbaus wurde daher die Struktur, dem
historischen Vorbild folgend, im Mauerwerk
ergänzt.
Eine unmittelbare Lesbarkeit der nachträgli-
chen Ergänzungen am Hauptgebäude wurde
bewusst vermieden. Der Sockel ist zur übrigen
Fassade farblich abgehoben und gliedert sich
durch eine Bossierung mittels Nutenprofilen.
Die Ausführung der Details orientierte sich am
industriellen Charakter der gesamten Anlage,
um der übergeordneten Ästhetik Rechnung zu
tragen.
Der Neubau (Magazin) als Erweiterung des
Mittelteils in Richtung Norden erhielt eine
Vorhangfassade aus Betonfertigteilen, die sich
ebenfalls in ihrer Erscheinung in das Gesamt-
ensemble harmonisch einfügt.
Ein wichtiges Gestaltungsmerkmal der Fas-
sade bilden die Fenster. Die bestehenden Fens-
terformate wurden auf ihre ursprüngliche
Größe und Form zurückgebaut. Die neuen
Fenster sind als thermisch getrennte Metall-
profile mit Isolierverglasung ausgeführt und
durch Wiener Sprossen zoniert. Hierdurch ent-
steht der Eindruck, das Fenster bestünde aus
einzelnen Glasscheiben. Auf diese Weise konnte
die denkmalpflegerisch gewünschte feine Glie-
derung kostengünstig erzielt werden.
Zur Wiederherstellung der Kubatur erhielt der
Bestandsbau eine neue Dachkonstruktion aus
Stahl mit gedämmten Metallblechsandwich-
elementen. Die Doppelstehfalzdeckung ist mit
Zinkblechen ausgeführt, sodass die flach ge-
neigten Satteldächer wieder in ihr ursprüng-
liches Erscheinungsbild zurückversetzt wur-
den. Für die Belichtung des Lesesaals ist im
Dach des Mittelbaus ein flach geneigtes Ober-
licht eingebaut.
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Zentraler Lesesaal
von oben nach unten:
Ostgiebel vor, während und
nach dem Umbau

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Lesesäle
Das Herzstück der Bibliothek bilden die Lese-
säle, die im Mittelteil des Gebäudes unter-
gebracht sind. Der zentrale Lesesaal bietet 54
Plätze. Dazu kommen weitere 36 Plätze im
Sonderlesesaal. Die Carrels bieten insgesamt
24 Plätze.
Der zentrale Lesesaal nimmt das zweite bis
vierte Obergeschoss ein und wird zum Flur
durch ein festes Wandregal mit integriertem
Oberlicht abgetrennt.
Alle Plätze werden durch gefiltertes Tageslicht
beleuchtet, welches über die Lichtdecke im
Dach in den Innenraum der Bibliothek dringt,
was neben einer angenehmen Ausleuchtung
auch zur energieeffizienten Nutzung des Ge-
bäudes beiträgt. Die Entrauchung dieser Räume
wird über das Dach gewährleistet. Im Lesesaal
ist unterhalb des Oberlichts eine satinierte
Staubdecke eingezogen. Der Zwischendecken-
raum wird für notwendige Technikinstallatio-
nen genutzt und kann über einen Zugang vom
Dachraum gewartet werden.
Die Plätze im Lesesaal, im Sonderlesesaal und
in den Carrels haben fest eingebaute Arbeits-
tische mit integrierter Arbeitsplatzbeleuch-
tung.
Die Böden der Lesesäle und Carrels sind mit
Holzparkett belegt, was sich positiv auf die
Raumakustik auswirkt und zudem eine der
Nutzung angemessene Ästhetik schafft.
Zentraler Lesesaal
Sonderlesesaal

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Freihand- und
Lesebereiche
Unter dem Begriff Freihandbereich sind alle
öffentlich nutzbaren Bereiche der Bibliothek
zusammengefasst. Hierzu zählen die Frei-
handbereiche und die Arbeits- sowie Lese-
plätze auf den jeweiligen Etagen des Gebäu-
des. Weiterhin sind dem Freihandbereich auch
Gruppen- und Schulungsräume, der Emp-
fangs- und Verbuchungsbereich, die Auskunft
sowie das Patentinformationszentrum zuge-
ordnet. Die Freihand- und Lesebereiche sind
im Gebäude vom Erdgeschoss bis zum Dach-
geschoss verteilt. Insgesamt steht hierfür eine
Fläche von 8 520 Quadratmetern zur Verfü-
gung.
Dem Typus der bestehenden Gebäudestruktur
folgend, werden in den seitlichen Gebäude-
flügeln die Freihandbereiche angeordnet. Der
frei zugängliche Buchbestand umfasst zirka
785 000 Bände. In den Freihandbereichen sind
die Arbeitsplätze entlang der äußeren Wand-
fassaden angeordnet; die Büro- und Sanitär-
räume finden sich an den Stirnseiten.
Das architektonische Gesamtkonzept berück-
sichtigt die Anordnung der Bereiche mit Ta-
geslichtanforderungen entlang der Außen-
fenster oder um das Atrium im Mittelbau,
welches sich über drei Geschosse erstreckt.
Besonders in den Aufenthaltsbereichen wie
den Büro- und Schulungsräumen sowie an
den Arbeits- und Leseplätzen wird dadurch
eine größtmögliche Versorgung mit Tageslicht
erzielt.
Die Beleuchtung ist auf die jeweiligen Nut-
zungsbereiche abgestimmt – hierzu zählen die
allgemeine Raumbeleuchtung, Sicherheitsbe-
leuchtung oder auch die Arbeitsplatz- sowie
Regalbeleuchtung.
Für die Lüftung der Freihandbereiche in den
Seitenflügeln wurde eine mechanische Lüf-
tung umgesetzt. Im Zuge der Planungen wurde
alternativ zur mechanischen Lüftung eine
gesteuerte natürliche Querlüftung geprüft.
Diese hätte eine höhere Schallimmission
durch Umgebungs- und Verkehrslärm sowie
eine mögliche Einschränkung der Behaglich-
keit auf gewiesen, dabei aber keine deutlichen
wirtschaftlichen Vorteile erbracht. Zusätzlich
Freihandbereich Ergeschoss Ost
ist eine Klimatisierung im Magazinanbau, in
den Schulungs-, Beratungs- und Gruppenräu-
men sowie in den Lesesälen und Carrels um-
gesetzt worden.
In der Planung für die Räume der Bibliothek
wurde den raumakustischen Maßnahmen ein
hoher Stellenwert zugeschrieben. Dies galt vor
allem für die Gruppen-, Schulungs- und Bera-
tungsräume, die Arbeits- und Leseplätze im
Freihandbereich sowie für die Lesesäle. Ebenso
wurden die akustischen Anforderungen der
Ausleihe und Büroräume beachtet.
Mittels der Kombination aus schallabsorbie-
renden Wandbekleidungen und teilflächig
absorbierenden Unterdecken konnte in den
oben genannten Räumen eine hohe Sprach-
verständlichkeit sichergestellt werden.
Die Schallabsorptionsflächen an den Regal-
fronten sowie an der Brüstungsverkleidung,
die entlang der Längsseite verläuft, optimieren
die Akustik in den Freihandbereichen der Sei-
tenflügel.
Im Erdgeschoss des Ostflügels ist keine
groß-
flächige Regalaufstellung vorgesehen. Die Ver-
besserung der Raumakustik wird hier durch
Akustikputz an den Gewölbekappen gewähr-
leistet. Weiterhin sind schallabsorbierende
Unterhangdecken im Lesesaal, im Bereich der
Galerien, in der Ausleihe im ersten Oberge-
schoss sowie in den Büroräumen ausgeführt.
Die Fußbodenbeläge in den Eingangsbereichen
und im Foyer sind als Terrazzobelag
auf schwimmendem Estrich ausgeführt. Die
Gewölbezwickel der Seitenflügel sind zur Ge-
wichtsreduzierung mit Porenleichtmörtel
(Poriment) aufgefüllt. Zudem ist ein Trockene-
strichsystem auf Trittschalldämmung verlegt.
In den Freihandbereichen und in den Büros ist
Linoleum als Bodenbelag verlegt.

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34 |
Magazin
Der Erweiterungsbau grenzt nördlich an den
Mitteltrakt. Die hohen Anforderungen an Eben-
heit, Traglasten und Brandschutz machten
einen Neubau notwendig. Hier sind sämtliche
Magazinbereiche angeordnet. Eine Unterbrin-
gung im Bestandsgebäude war bautechnisch
und wirtschaftlich nicht sinnvoll.
Der Neubau ist in jeder Geschossebene niveau-
gleich an das Bestandsgebäude angeschlos-
sen. Die Magazine sind mit Kompaktregal-
anlagen ausgestattet. Durch die gegebenen
Geschosshöhen sind zur Optimierung der Ma-
gazinflächen im Erdgeschoss Hochregale als
motorisch betriebene Anlagen implementiert.
Im neuen Magazin finden etwa 595 000 Bände
auf einer Nutzfläche von 2 779 Quadratmetern
ihren Platz.
Im Erdgeschoss sind zudem die Anlieferung
und die Räume für das Verpacken und Reini-
gen der Buchmedien sowie ein Sortierraum
mit direkter Anbindung an die Buchtransport-
anlage und an die Rückgabeautomaten unter-
gebracht.
Die Buchtransportanlage verbindet als Verti-
kalsystem alle sechs Nutzungsgeschosse der
Bibliothek.
Der Erweiterungsbau ist als Stahlbetonkon-
struktion errichtet. Dieser ist für eine Flächen-
last von 33,0 Kilonewton pro Quadratmeter im
Erdgeschoss und 16,5 Kilonewton pro Quad-
ratmeter in allen anderen Geschossen ausge-
legt. Aufgrund des unterschiedlichen Set-
zungsverhaltens wurde der Erweiterungsbau
konsequent durch eine vertikale Bewegungs-
fuge vom Altbau getrennt.
Um eine ausreichende Gründung für die ge-
forderten hohen Traglasten zu gewährleisten,
wurden 270 duktile Rammpfähle mit einer
Länge zwischen fünf und sieben Metern ein-
gebracht.
Oberhalb der Pfähle schließen sich ein Stahl-
betonträgerrost und eine Bodenplatte von
35 Zentimetern an. Die angrenzenden Be-
standsfundamente zu den Seitenflügeln wur-
den mit Mikropfählen ertüchtigt.
Der klimatisierte Erweiterungsbau ist fenster-
los, da im Magazinbereich viele licht- und kli-
ma empfindliche Medien untergebracht sind.
Magazinbereich mit Kompaktregallager

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Nach dem Umbau der Alten Aktienspinnerei
zur Universitätsbibliothek wird die Verlage-
rung des südlich angrenzenden Busbahnhofs
auf den Vorplatz des Hauptbahnhofes und die
Entwicklung einer städtebaulichen Achse zum
Stadtzentrum angestrebt. Hier soll eine multi-
funktional nutzbare Fläche entstehen, die dem
Haupteingang des Gebäudes vorgelagert ist.
Der Platz soll durch zwei neue Gebäude ge-
rahmt werden, die den Innenstadtcampus er-
gänzen.
Der langestreckte Baukörper der Aktienspin-
nerei mit seiner klaren Formensprache prägt
die angrenzenden Freiflächen im Norden und
Süden zwischen der Karl-Liebknecht-Straße
sowie der Straße der Nationen. Der Haupt-
zugang befindet sich auf der südlichen Ge-
bäudeseite.
Nordwestlich der Aktienspinnerei sind Funk-
tionalflächen für die Erschließung, den ruhen-
den Verkehr sowie die Ver- und Entsorgung
angeordnet. Im Nordosten ist zwischen Biblio-
theksgebäude und benachbartem Kontorhaus
ein begrenzter Freiraum eingerichtet. Der als
»Lesegarten« bezeichnete Außenbereich ist
begrünt und vereint Aufenthaltsqualität im
Freien mit dem Bibliotheksbesuch.
Auf dem Wirtschaftshof sind 46 PKW-Stell-
plätze mit Zutrittsbeschränkung vorhanden,
Außenanlage
davon fünf Stellplätze für Menschen mit kör-
perlichen Beeinträchtigungen. Hinzu kommen
46 Fahrradbügel, die vorwiegend vor der Süd-
fassade in der Nähe des Haupteingangs plat-
ziert sind.
oben: Magazinanbau
unten: Lesegarten

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Freihandbereich
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Flurbereich 2. OG Lesesaal

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Ausstattung und
Möblierung
38 Kilometer Bücher, Zeitschriften und Akten,
mehrere Hundert Computer, Bildschirme und
nicht zuletzt die Büros von fast 60 Mitarbei-
terinnen und Mitarbeitern der Universitäts-
bibliothek mit allen Büromaterialien und -un-
terlagen ziehen in die Alte Aktienspinnerei um.
Die alten Möbel und Regale müssen nicht um-
ziehen, denn sowohl die Öffentlichkeitsberei-
che als auch die Büros der Mitarbeitenden
konnten neu ausgestattet werden.
In den Freihandbereichen werden Regalen mit
integrierter Beleuchtung alle aktuellen Bücher
und Zeitschriften sowie besondere regional-
geschichtliche Sammlungen aufnehmen. In
den Lesesaalregalen werden Nachschlage-
werke, Lexika und Handbücher stehen.
In den Magazinen finden die Bücher und Zeit-
schriften des wissenschaftlichen Altbestands,
ältere Zeitschriftenjahrgänge und wenig ge-
nutzte Bücher ihren Platz. Die Regale in den
Magazinen sind elektrisch betriebene Roll-
regale.
Eine Besonderheit stellt das Magazin des Uni-
versitätsarchivs dar. Auch dort gibt es elek-
trisch betriebene Rollregale, allerdings sind
diese als Doppelstockregale angeordnet, in
denen alle Akten des Archivs stehen werden.
Die Bibliothek in der Alten Aktienspinnerei ist
nicht nur ein Haus der Bücher, sondern vor
allem ein Haus für Menschen, die an wissen-
schaftlichen Informationen interessiert sind,
sich treffen und kommunizieren wollen. Dafür
stehen Arbeitsplätze in ausreichender Anzahl
und in verschiedenen Ausstattungen zur Ver-
fügung. Im Lern- und Kommunikationsbereich
im Erdgeschoss kann man sich treffen und
unterhalten, neue Ideen entwickeln, aber auch
die Gedanken schweifen lassen. Kinder können
inzwischen in den Kinderecken spielen. Im an-
grenzenden IdeenReich stehen Gruppenar-
beitsräume zur Verfügung, die mit flexiblen
Wänden ausgestattet sind und in verschiede-
nen Größen für Veranstaltungen genutzt wer-
den können. In den Freihandbereichen in den
Seitenflügeln gibt es Einzelarbeitsplätze. Für
das stille, konzentrierte Arbeiten können ent-
weder der Lesesaal mit seiner Empore oder die
Carrels genutzt werden.
Die Bibliothek ist als 24/7-Bibliothek geplant.
Deshalb steht Technik zur Ausleihe der Medien
zur Verfügung. Die Buchrückgabe ist über
einen Automaten möglich, der an eine Buch-
transportanlage angeschlossen ist, welche die
Bücher in die einzelnen Etagen verteilt.

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Technik
Gebäudeleittechnik
Über die zentrale Gebäudeleittechnik wird das
komplexe Zusammenspiel eines Teils der tech-
nischen Einzelanlagen wie Klima- und Lüf-
tungsgeräte, Heizungs- und Kälteverteilung
sowie die maschinelle Entrauchung geregelt
und abgebildet.
Weitere haustechnische Anlagen wie Stark-
strom-, Fernmelde- und Informationstechnik,
Sprinkler-, Sanitär- und Fördertechnik werden
in ihrer Funktion auf Störung überwacht.
Ein Zählermanagement dient der Erfassung
und Auswertung des Verbrauchs zur energeti-
schen Optimierung des Gebäudes nach Nut-
zungsbeginn.
Heizung und Kühlung
Um einen hohen energetischen Standard zu
erreichen, wurden Verbesserungen des Wär-
meschutzes im Bereich des Bestandsbaus
durchgeführt. Alle dem Baukörper neu hinzu-
gefügten Bauteile sind energiesparend ge-
plant und ausgelegt.
Im Ergebnis wird die Energieeinsparver ord-
nung um 31,7 Prozent unterschritten, so dass
eine Förderung durch die Europäische Union
aus EE-EFRE-Mitteln im Umfang von über
13 Millionen Euro möglich wurde.
Die Wärmeversorgung erfolgt durch Fern-
wärme, die zu 97 Prozent aus Kraft-Wärme-
Kopplung gewonnen wird und einen Primär-
faktor von 0,70 aufweist. Die Wärmeabgabe in
die Räume erfolgt größtenteils über Fußbo-
denflächenheizungen mit geringem Tempera-
turniveau. Insgesamt werden 10 200 Quadrat-
meter durch Fußbodenheizungen abgedeckt.
Nur die Büros in den östlichen und westlichen
Stirnbauten werden mittels Planheizkörper
beheizt.
Aufgrund des geringen Warmwasserbedarfs
erfolgt die Trinkwassererwärmung dezentral
über Durchlauferhitzer; die Nutzung regene-
rativer Energien ist nicht wirtschaftlich.
Durch die monolithische Bauweise des Be-
standsgebäudes und des Erweiterungsbaus
steht eine hohe Speichermasse zur Verfügung,
die sich günstig auf das Aufheizverhalten des
Gebäudes in sommerlichen Hitzeperioden
auswirkt. Der erforderliche Sonnen- und Er-
wärmungsschutz wird durch eine entspre-
chende Verglasung und eine Nachtauskühlung
erzielt.
Die Kälte zur Einhaltung der geforderten
Raumklimabedingungen wird primärenerge-
tisch günstig über Fernkälte zur Verfügung
gestellt. Es handelt sich zum Großteil um Ab-
sorptionskälte, also um Kälte mit einer Tem-
peraturspreizung von 6/12° Celsius, welche
aus überschüssiger Fernwärme gewonnen
wird. Rund 30 Prozent dieser Leistung dienen
der direkten Raumkühlung von Seminar- und
Gruppenarbeitsräumen und technischen Be-
triebsräumen. Etwa 70 Prozent der Anschluss-
leistung werden zur dynamischen Kühlung der
Luft in den raumlufttechnischen Anlagen be-
nötigt.
In den Sommermonaten kann bei anhaltenden
Hitzeperioden das in den Nachtstunden nicht
benötigte Kältepotenzial in die Flächentempe-
rierung der Seitenflügel und des Mittelbaus
taupunktüberwacht eingebracht werden. Da-
mit können optimale Arbeitsbedingungen si-
chergestellt werden.
Über einen zusätzlichen Plattenwärmetau-
scher zwischen Kälteverteiler und dem Heiz-
kreis der Flächentemperierung kann bei langen
Hitzeperioden vom Heiz- in den Kühlbetrieb
gewechselt werden.
Elektrotechnik
Die Stromversorgung erfolgt über die Mittel-
spannungsebene mittels hauseigener Trafo-
station mit 800 Kilovoltamperen und Nieder-
spannungshauptverteilung.
Für die kurzzeitige Überbrückung von Netz-
ausfällen steht eine Zentralbatterieanlage und
unterbrechungsfreie Stromversorgung mit ca.
100 Kilovoltamperen bereit. Für die netzun-
abhängige Versorgung von sicherheitstech-
nischen Anlagen wurde ein Netzersatzaggre-
gat mit 250 Kilovoltamperen Nennleistung
errichtet.

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Beleuchtung
Die Anordnung der Arbeitsplätze ist grund-
sätzlich am Tageslicht orientiert. Durch die
Gebäudestruktur ergeben sich dunklere Mit-
telbereiche, die mit energetisch optimierten
Leuchtmitteln wirtschaftlich ausgeleuchtet
werden. Zusätzlich ist zur Energieeinsparung
eine bedarfsgerechte Regelung der Belichtung
über eine präsenz- und tageslichtabhängige
Steuerung eingerichtet. Die Lichtdecke des
Lesesaals wird über eine homogene Beleuch-
tungssteuerung mit automatischem Ausgleich
des künstlichen Anteils in Abhängigkeit zum
schwankenden Tageslicht geregelt.
Buchtransportanlage
Eine Buchtransportanlage an der Schnittstelle
zwischen Altbau und Magazinanbau verbindet
als Vertikalsystem alle sechs Nutzungsge-
schosse der Bibliothek. Die Rückgabeautoma-
ten befinden sich im Erdgeschoss. Dort wird
die Medienförderanlage bestückt, und die
Medien werden dem Bestimmungsort zuge-
führt. In jeder Etage fährt die Anlage im Sor-
tierraum aus dem Schacht heraus und stellt
dort das Medium bis zu den Empfangsbehäl-
tern zu. Die weitere Verteilung auf der jewei-
ligen Etage erfolgt über Bücherwagen.
Die Büroräume sind mittels zweier Kleingüter-
aufzüge für den vertikalen Transport von Bü-
chermedien ausgestattet. Sie verbinden die
Etagen vom ersten bis ins dritte Obergeschoss.
Buchtransportanlage
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Fernwärmezentrale

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40 |
Raumlufttechnische Anlagen
Es kommen Teil- sowie Vollklimatisierung und
maschinelle Entrauchungsanlagen zum Ein-
satz.
Die Teilklimaanlagen übernehmen die Luft-
behandlungsfunktionen, filtern, heizen und
kühlen. Sie sorgen im Ost- und Westflügel für
die Be- und Entlüftung der Freihandbereiche
mit einer maximalen Luftleistung von jeweils
9 600 Kubikmetern pro Stunde. Um die histo-
rische Bausubstanz mit den gusseisernen
Stützen und dem zugstangenunterstützten
Kappengewölbe nicht zu stören, wurde auf
Kanalinstallationen im sichtbaren Bereich
komplett verzichtet. Die Zuluft wird an den
Stirnseiten über drei großflächige Quellluft-
auslässe zugfrei in die Etagen eingebracht und
verdrängt die vorhandene Raumluft in Rich-
tung der stets offenstehenden Türen zum Mit-
telbau. Dort wird die Abluft über die im um-
laufenden Flur des Mittelbaus befindlichen
Quelllufteinlässe abgesaugt und den Zentral-
geräten über verdeckt liegende Lüftungs-
kanäle wieder zugeführt.
Mittels der Gebäudeleittechnik erfolgt die Re-
gelung der Luftleistung. Hierfür wird über je
zwei CO
2
-Sensoren pro Etage die vorhandene
Luftqualität ausgewertet.
Der Mittelbau (ohne Lesesaal) sowie die Grup-
penarbeitsräume im Erdgeschoss des Ostflü-
gels werden ebenfalls durch jeweils eine Teil-
klimaanlage mit einer Luftleistung von 7 900
und 6 000 Kubikmetern pro Stunde versorgt.
Der Magazinanbau und der große Lesesaal
werden mit Vollklimaanlagen versorgt.
Das Magazin wird aus energetischen Gründen
zu 90 Prozent mit Umluft und nur zu 10 Pro-
zent mit Außenluft betrieben.
Auch im Lesesaal wird die Luftleistung über
die Auswertung der Luftqualität per CO
2
-
Sensoren gesteuert. Des Weiteren wurden
noch vier Entrauchungsventilatoren zur Ent-
rauchung der Freitreppe und der umlaufenden
Flure im Mittelbau, des Lesesaals, der Garde-
robe im Untergeschoss sowie zur geschoss-
weisen Entrauchung des Magazins eingebaut.
Detail Konstruktion Oberlicht über
Zentralen Lesesaal

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| 41
Brandschutzkonzept
Aufgrund der Klassifizierung des Bauvorha-
bens als Sonderbau wurde ein gesondertes
Brandschutzkonzept erstellt. Es wurden die
Brand abschnitte Westflügel, Mittelbereich,
Ostflügel und Magazin gebildet.
Die historischen gusseisernen Stützen erfüll-
ten die heutigen Brandschutzanforderungen
für tragende Bauteile nicht. Sie mussten hin-
sichtlich des erforderlichen Feuerwiderstands
durch das Aufbringen eines Dämmschichtbild-
ners ertüchtigt werden. Hinzu kommt eine
flächendeckende Brandmeldeüberwachung in
Verbindung mit thermischer Entlastung über
Rauch- und Wärmeabzugsfenster.
Alle Flucht- und Rettungswege werden im Ge-
bäude grundsätzlich baulich sichergestellt.
Jeder Brandabschnitt erhält einen eigenen
Zugang zu einer notwendigen Treppe. Als
zweiter Fluchtweg wird der Übergang in den
benachbarten Brandabschnitt als Abweichung
im Gesamtbrandschutzkonzept berücksichtigt.
Der Mittelbau des Bestandsgebäudes (ohne
Magazin) wurde aufgrund der offenen Ge-
schossabschnitte über die Freitreppe und den
mehrgeschossigen Lesesaal mit einer Sprink-
leranlage (nass) ausgerüstet. Die Sprinklerzen-
trale mit Tank, der ein Fassungsvermögen von
43 Kubikmetern hat, ist im Technikbereich des
Mittelbaus angeordnet.
Im Gebäude wurde ein trockenes Löschwas-
sersystem installiert, in welches im Brandfall
Löschwasser von der Feuerwehr eingespeist
wird. Die Entnahmestellen befinden sich in
allen Etagen der drei Fluchttreppenhäuser im
Ost- und Westflügel, im Mittelbau sowie in der
Zugangsschleuse zum Magazin.
Der Mittelbau wird vom Erdgeschoss bis zum
vierten Obergeschoss als ein Rauchabschnitt
betrachtet. Die Rauchableitung erfolgt mit
zwei Brandgasventilatoren maschinell über
die Haupttreppe und den Lesesaal. Die Nach-
strömung wird über die Fenster in der Südfas-
sade sichergestellt. Der Magazinbereich wird
über eine maschinelle Rauchableitung je Ge-
schoss separat entraucht.
Barrierefreiheit
Das Gebäude und die öffentlich zugänglichen
Bereiche sind barrierefrei erschlossen.
Auf dem nordwestlich angeordneten Wirt-
schaftshof stehen im Bereich des Parkplatzes
sechs PKW-Stellplätze für mobilitätseinge-
schränkte Personen zur Verfügung.
Alle Eingänge sind stufenfrei erreichbar. Die
Hauptzugänge sind zudem mit automatischen
Türanlagen ausgestattet. Über einen zentralen
Personenaufzug können alle Etagen barriere-
frei erschlossen werden. Im zentralen Garde-
roben- und Sanitärbereich im Untergeschoss
befindet sich eine barrierefreie Toilettenanlage.
Sprinklertank

42 |
Zahlen im Überblick
Flächen Funktionsbereiche
Freihand/Lesen: 8 520 m²
Verwaltung: 732 m²
Magazin: 2 779 m²
Sonstige: 323 m²
Gebäude
Hauptnutzfläche: 12 235 m²
Bruttogrundfläche: 23 243 m²
Umbauter Raum: 107 250 m³
Hauptabmessungen
2 Seitenflügel je 61,5 m × 26,7 m
(4 Geschosse ohne Kellergeschoss), h = 22 m
Mittelbau 24,16 m × 38 m
(6 Geschosse, unterkellert), h = 26 m
Magazin 24,16 m × 18,5 m
(6 Geschosse, unterkellert), h = 26 m
Länge gesamt 147 m
1 450 000 Bände gesamt
785 000 Bände Freihandbereich
595 000 Bände Magazin
70 000 Bände auf elektronischem
Datenträger
710
Nutzerarbeitsplätze
71
Arbeitsplätze für
Personal in Büros
43 m³
fasst Sprinklertank
3 950 m² Dachdeckung
Zinkblech
auf Trapezblech
185 km
Elektrische Leitungen
3 132 m³
neues Mauerwerk
1 075 t
Betonstahl
21 550 t Abbruchmaterial
(Entkernung
Seitenflügel und Teilabbruch Mittelbau)
332
Stahlfenster

| 43
Bauablauf
Ergebnis Wettbewerb: Januar 2013
Planungsauftrag: Februar 2014
Bauauftrag: Februar 2015
vorgezogene Leistungen: April 2014
Baubeginn: Juni 2015
Fertigstellung: März 2020
Eröffnung: Oktober 2020
Energieeffizienz-(EE)-EFRE
geförderte Baumaßnahme
Gesamtbaukosten: 53 414 000 Euro davon
Freistaat Sachsen: 39 831 000 Euro
EFRE-Fördermittel: 13 583 000 Euro
1 Medientransportanlage
(
800 bis 1 000 Medien / h
)
2 Kleingüteraufzüge, 1 Personenaufzug,
1 Lastenaufzug
950 m
Trinkwasserleitung
550 m
Abwasserleitung
5 100 m²
Wärmedämmputz
250 t Stahlträger
Dachkonstruktion
42 gusseisernen Stützen
ertüchtigt
mittels Betonverfüllung
Mittelbau (unterkellert):
6 Geschosse, 26 m hoch
6 600 t Bauschutt
zum großen Teil in Handarbeit
aus dem Gebäude gebracht
Fundament mit
270
Rammpfählen
mit einer Länge zwischen 5 m – 7 m
im Erdboden
10 200 m²
Fußbodenheizung

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46 |
Zeitstrahl
1857
Baubeginn
1890
um 1900
1857 bis 1859
Bau des Fabrik-Hauptgebäudes, Installation
der Antriebstechnik, Maschinen und Kessel-
anlage sowie der verkehrstechnischen
Einrichtungen
1871
Einfriedung des
Gebäudes
1879
Planung und Bau
eines Badelokals
1884
Erhöhung des Daches über
dem Kesselhaus sowie An-
lage zweier Seiltürme,
neue Dampfmaschine
1888
Errichtung einer Laufkran-Anlage
und eines Garn-Kellers
1889
Bau einer Baumwoll-
niederlage und Errich-
tung von Kohleräumen
an der Gleisanlage
1905
Übergabe an
die Stadt
1914 bis 1918
Nutzung als Getreidelager
im 1. Weltkrieg
1946
Wiederaufbau des im
Krieg stark beschädigten
Lichthofes
1850

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| 47
1947
Ausbau durch Janiks
Wohn- und Gaststätten-
gesellschaft mbH
1950
Installation von Theater-
kassen des Opernhauses und
Einzug der Stadtbibliothek
1951 – 1953
Einrichtung einer HO-Verkaufsstätte
für Feinkostwaren, Ausbau der Werk-
stätten des Städtischen Theaters
1954
Einzug
der Städtischen
Puppenbühne
1957/ 58
Umfangreicher Baumaß-
nahmen für das Wismut-
Kaufhaus »Glück Auf«
1977
Installation einer
Leuchtröhrenanlage
»Glück Auf«
1998
Umbau der Puppenbühne
zur Kinderbibliothek
2000
Einzug der Neuen
Sächsischen Galerie
2002
Einrichtung der Tanzbar
»Helios« im Anbau
Straße der Nationen
um 1948
2015 bis 2020
Umbau zur zentralen
Universitätsbibliothek
der TU Chemnitz
2020

Projektpartner
48 |
Bauherr
Freistaat Sachsen
Sächsisches Staatsministerium
der Finanzen
Staatsminister der Finanzen
Hartmut Vorjohann
Staatsbetrieb
Sächsisches Immobilien-
und Baumanagement
Kaufmännischer Geschäftsführer
Oliver Gaber
Technischer Geschäftsführer
Volker Kylau
Niederlassung Chemnitz
Niederlassungsleiter
Peter Voit
Sachgebiet Hochbau 3
Kerstin Reinhardt, Dr. Lars Rudolph,
Peggy Altmeyer (Projektleitung bis 11/2018),
Janet Dietzold (Projektleitung ab 12/2018),
Mirko Richtsteiger, Wolfgang Pleß
Sachgebiet Betriebstechnik
Timo Manke, Maik Enderlein, Jörg Freitag,
Hagen Michalke
Sachgebiet Ingenieurbau
Matthias Hausdorf, Karin Friedl
Auszug der Planungsbeteiligten
Y
Projektsteuerung
ARGE Unit 4 GmbH & Co. KG + FC.
Projektsteuerung GmbH, Stuttgart
Y
Architektur
ARGE Aktienspinnerei Chemnitz
Lungwitz Dresden, Heine Mildner Dresden,
Rabe Berlin
Y
Tragwerksplanung
Mathes Beratende Ingenieure GmbH,
Chemnitz
Y
Technische Ausrüstung
INNIUS GTD GmbH, Dresden
TEAMPLAN Ingenieure GmbH, Leipzig
Y
Fördertechnik
DTP Theaterbühnentechnik GmbH, Dresden
Y
Brandschutz
ARGE Aktienspinnerei
Y
Freianlagen
Landschaftsarchitekt Blume, Dresden
Y
Ingenieurbau
EBB Ingenieurgesellschaft mbH, Chemnitz
Y
Bauphysik
Bauphysik & Integrierte Planung Kai Rentrop,
Dresden
Y
Prüfingenieur Tragwerk
Prof. Dr. Wolfram Jäger, Radebeul
Y
Prüfingenieur Brandschutz
Prof. Rühle, Jentzsch & Partner GmbH,
Dresden
Y
Baugrundgutachten
Schäfer Geotechnik Consult GmbH, Chemnitz
Y
Sicherheits- und Gesundheitsschutz-
koordinator, Sachverständigenbüro
Thomas Roitzsch, Chemnitz
Y
Vermessung
Vermessungs- und Ingenieurbüro Andreas
Lantzsch, Chemnitz

image
Herausgeber:
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
Wilhelm-Buck-Straße 4
01097 Dresden
www.sib.sachsen.de
im Auftrag des Freistaates Sachsen
Sächsisches Staatsministerium der Finanzen
Redaktion:
Pressestelle SIB-Zentrale
Fotos:
ARGE AAC: S. 14 (aus Entwurf), 18 (Pläne), 19 (Modell); BLUME Landschaftsarchitekten
Dresden: S. 17 (Plan); Chemnitz am Ende des XIX. Jahrhunderts. Chemnitz ca. 1900: S. 8 u.;
Chemnitz in großer und schwerer Zeit, 1919: S. 11 o.; Illus trierter Kalender für 1861. Jahrbuch
der Ereignisse, Bestrebungen und Fortschritte im Völkerleben und im Gebiete der Wissenschaf-
ten, Künste und Gewerbe, Leipzig 1861, S. 69: S. 8 o.; Siegmar Lungwitz: S. 20 – 21, 29; Jacob
Müller TU Chemnitz: S. 4/5; David Nugglisch: S. 3; Pressestelle TU Chemnitz: S. 2; Rathaus Fest-
schrift 1911: S. 6, S. 9; Sandstein Kommuni kation: S. 42 – 43; Schlossbergmuseum Chemnitz,
Inv.-Nr. cm 00-6437: S. 7; Till Schuster: Titelseite, U 4, S. 12/13, S. 22, S. 24, 25 u., S. 26/27, S. 28,
S. 30, S. 31 Mitte, u., S. 32 – 33, S. 34, S. 36 o., S. 38 – 41, S. 44/45; SIB Chemnitz: S. 11 u., 23, 25 o.,
35, 47 (Zeitstrahl 1977), 47 (Zeitstrahl 2000); SLUB: S. 10 u.; Stadtarchiv Chemnitz: S. 10 o.,
47 (Zeitstrahl um 1948); Christian Sünderwald: S. 16, 31 o., 36 u.; Jo Zeitler: S. 1
Gestaltung und Satz:
Sandstein Kommunikation GmbH, Dresden ·
www.sandstein.de
Druck:
Graphische Werkstätten Zittau GmbH
Redaktionsschluss:
01. 08. 2020
Auflagenhöhe:
1 000 Exemplare
Bezug:
Diese Druckschrift kann kostenfrei bezogen werden bei:
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
Niederlassung Chemnitz
Brückenstraße 12, 09111 Chemnitz
Telefon: + 49 371 457 0
Telefax: + 49 371 457 4611
E-Mail: poststelle@sib-c.smf.sachsen.de
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verfassungsmäßigen Verpflichtung zur Information der Öffentlichkeit herausgegeben.
Sie darf weder von Parteien noch von deren Kandidaten oder Helfern im Zeitraum von
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ständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer
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