Schriftenreihe
des
Sächsischen Staatsministeriums der Justiz
Sächsische
Justizgeschichte
Band 11
11
Gerichtsbauten
in der
Oberlausitz
Frank Hiekel
Andreas Bednarek
Lars-Arne Dannenberg
Jörg Möser

1
Schriftenreihe
des
Sächsischen Staatsministeriums der Justiz
Sächsische
Justizgeschichte
Band 11
Gerichtsbauten
in der
Oberlausitz
Frank Hiekel
Andreas Bednarek
Lars-Arne Dannenberg
Jörg Möser

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Inhalt
Andreas Bednarek
Das Görlitzer Land- und Amtsgericht und
sein Gefängnis
3
Frank Hiekel
Kulturhistorische Streiflichter aus dem und
um das Görlitzer Gefängnis von seinen Anfängen
bis in die Gegenwart
21
Jörg Möser
Das Gerichtshaus in unserer Zeit –
Neubau und die denkmalgerechte Instandsetzung
des Görlitzer Gerichtshauses
90
Andreas Bednarek und Lars-Arne Dannenberg
Die Gerichtsstandorte der Oberlausitz
100
Quellen- und Literaturverzeichnis
127
Bildnachweis
129
Die Autoren
130
Anmerkungen
131

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3
Andreas Bednarek
Das Görlitzer Land- und Amtsgericht und sein Gefängnis
Die Oberlausitz zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Das Schicksalsjahr 1815 hat in der Oberlausitz tiefe Spuren hinterlassen. Der
Wiener Kongress nahm nach den napoleonischen Kriegen eine Neuordnung der
politischen Landkarte Europas vor. Sachsen verlor dabei fast zwei Drittel seines
Territoriums an Preußen. Die Teilung des Landes beendete die jahrhundertelange
Sonderstellung der Oberlausitz. Die neue Grenze richtete sich allein nach fiska-
lischen Gesichtspunkten und zerstörte mit einem Schlag historisch gewachsene
Strukturen. Sie verlief in der Oberlausitz auf knapp 190 Kilometern von Seidenberg
über Tauchritz, Sohland am Rotstein, Weißenberg, Bernsdorf bis in den nordöst-
lichen Zipfel bei Ruhland. Die Städte Lauban, Seidenberg, Schönberg, Görlitz,
Rothenburg, Hoyerswerda, Wittichenau und Ruhland wurden aus dem säch si-
schen Staatsverband entlassen. Während im sächsischen Anteil die Sonder-
stellung des Markgrafentums Oberlausitz erst 1831 aufgehoben wurde, gliederte
die preußische Regierung die neugewonnenen Gebiete sogleich in ihr Staats-
gebiet ein. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich fortan das Justizwesen in
der preußischen Oberlausitz deutlich anders als im verbliebenen sächsischen Teil.
1 Das alte Zollhaus in Bernsdorf, unweit der sächsisch-preußischen Grenze.

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4
Die Anfänge des modernen Justizbaus
Das frühe 19. Jahrhundert ist geprägt von tiefen politischen und ökonomischen
Umwälzungen. Ihren Ausgangspunkt nahmen diese Entwicklungen in der Franzö-
sischen Revolution des Jahres 1789, erhielten 1804 Impulse durch die Errichtung
des Ersten französischen Kaiserreiches unter Napoleon Bonaparte und 1815 mit
dem Wiener Kongress, der das Ende der napoleonischen Ära markierte. Seit dem
Ende des 18. Jahrhunderts waren aber auch die Einflüsse der industriellen Revo-
lution in England auf dem Kontinent immer spürbarer geworden. Der eigentliche
Aufschwung der bürgerlich-nationalen Bewegung in Deutschland setzte unmittel-
bar nach dem Wiener Kongress ein. Vor allem Preußen hatte im Vergleich zu den
übrigen deutschen Staaten ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum zu
verzeichnen.
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Justizbehörden in Gebäuden
unter gebracht, die ursprünglich völlig anderen Zwecken gedient hatten. Dies
gilt für die Gerichte ebenso wie für die Strafvollzugseinrichtungen. Während die
Gerichte in der Regel mit temporär genutzten Räumlichkeiten auskamen, bean-
spruchte der Strafvollzug bedeutend mehr Platz und wies eine breitgefächerte
Struktur auf. Die Gefängnisstrafe wurde noch zu jener Zeit in Stadttürmen, Rat-
hauskellern oder Verliesen vollzogen. Vielerorts sind auch sog. Stockhäuser be-
kannt, die wie in Görlitz, Habelschwerdt oder Ohlau in vorhandenen Baulichkeiten
eingerichtet wurden. Der Einsatz der Gefängnisstrafe war vornehmlich der Klein-
kriminalität vorbehalten. Schwerere Formen des Strafvollzugs waren die öffent-
liche Arbeitsstrafe sowie das Zuchthaus, die beide in ihren Anfängen auf das späte
16. Jahrhundert zurückgehen. Einzig und allein hier sind für den Zweck bestimmte
Neubauten bereits im 18. Jahrhundert zu finden, so u.a. für die Zuchthäuser in
Celle (1710–1732), Münster (1732–1738) und Osnabrück (1756–1767).
Die politischen und wirtschaftlichen
Umwälzungen in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts zogen tiefgreifende
Reformen in der deutschen Rechtspre-
chung nach sich. Die richterliche Un-
abhängigkeit, das Ersetzen des „gehei-
men und schriftlichen Verfahrens durch
ein öffentliches und mündliches sowie
die Laienbeteiligung in Strafverfahren
durch Einrichtung von Geschworenen-
gerichten“
1
hatten nicht nur funktionale
und damit auch räumliche Konsequen-
zen. Die demographische Revolution
in Deutschland erforderte einen viel
umfangreicheren Verwaltungsapparat,
2 Der Vogtshof zu Görlitz, 1830 zum Zucht-
haus umgebaut und bis 1927 genutzt.

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5
dessen Mitarbeiter nun oft „zum Nachteile ihrer Gesundheit und mit steigendem
Missmute in elenden und der Justiz unwürdigen in der Stadt verstreuten Räu-
men ihren Dienst versahen.“
2
Unter der Vielzahl neuer Bauaufgaben im 19. und
20. Jahrhundert stellt der Gerichtsbau einen eigenständigen Typ der Verwaltungs-
bauten dar. Gerichte übten eine wichtige Ordnungsfunktion innerhalb der Gesell-
schaft aus, ein Anspruch, der durch das Gebäude selbst nach außen getragen
werden sollte. Mit der Errichtung der Gerichtsbauten war ein Repräsentations-
bedürfnis zu befriedigen, waren Fragen von der Anlage der Grundrisse bis hin
zur Gestalt und Ausstattung von Verhandlungssälen, Verkehrs- und Büroräumen
aufgeworfen. Und nicht zuletzt rückten der Bauplatz und dessen städtebauliche
Einbindung ins Blickfeld von Bauherr und Architekt. Dagegen entwickelte sich
der Gefängnisbau, der seine Impulse aus englischen Bauten empfing, auf den
ersten Blick in eine eigenständige Richtung und scheint kaum von solchen Fragen
berührt gewesen zu sein. Dies kann jedoch nur für das Zuchthaus gelten, das
baulich auf die Traditionen des 18. Jahrhunderts zurückgriff, aber in seiner Funk-
tion ebenfalls von zahllosen Neuerungen erfasst wurde. Anders ist dagegen der
Gefängnisbau im engeren Sinne zu sehen. Das Inquisitoriat oder Stadtgefängnis
wurde oft mit dem Kreisgericht in einer funktionalen Einheit errichtet und kann bei
der Betrachtung nicht gänzlich außer Acht gelassen werden.
3 Die Börse am Görlitzer Untermarkt wurde 1817 als Königlich-preußisches Kreisgericht
eingerichtet.

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Schlesien war die größte Provinz im preußischen Herrschaftsbereich. Ihre wirt-
schaftliche und politische Rolle als Brückenland zwischen Habsburg, Polen und
Sachsen hat ihr zu jeder Zeit eine besondere Bedeutung verliehen. Ab 1815 spie-
gelt die Provinz eine Entwicklung der Gerichtshäuser wider, die für ganz Preußen
von exemplarischem Charakter ist, lässt sich doch unter Berücksichtigung einer
bewegten Rechtsgeschichte und eines repräsentativen Baubestandes die formale
und stilistische Entfaltung dieser neuen Gebäudegattung nachzeichnen.
Mit dem Oberlandesgericht in Ratibor (1823–1826) entstand, neben dem Kölner
Appellationsgerichtshof, der erste Gerichtsbau Preußens überhaupt. Er ist als
großes Verwaltungsgebäude unter direktem Einfluss Karl Friedrich Schinkels in
strengen klassizistischen Formen ausgeführt und repräsentiert so die offizielle
Architektur dieser Zeit. Entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung des preußi-
schen Gerichtsbaus hat der Schinkel-Schüler Carl Ferdinand Busse (1802–1868).
Unter seiner Leitung entstehen in Schlesien Bauten, die für ganz Preußen bei-
spielgebend sind, wie das Inquisitoriat in Brieg (1843) und das Stadtgerichts- und
Inquisitoriatsgebäude in Breslau (1845–1853), das als erster preußischer Schwur-
gerichtsbau außerhalb der Rheinlande von grundsätzlicher Bedeutung vor allem
für die nachfolgende Epoche ist. Busse stellt hier seine bei mehreren Reisen in
England erworbene Kompetenz als Gerichts- und Gefängnisfachmann unter Be-
weis. Die Inquisitoriatsbauten, entstanden beispielsweise auch in Grünberg und
Ratibor, repräsentieren als Vorläufer des Kriminalgerichts eine formal wichtige Ent-
wicklungsstufe des preußischen Gerichtsbaus.
4 Das Inquisitoriat zu Breslau, 1849, C. F. Busse.

7
Mit der Neuordnung des preußischen Justizwesens wird im Jahre 1849 das öffent-
liche und mündliche Verfahren nach französisch-rheinischem Muster eingeführt.
Damit vollzog Preußen den Übergang in ein modernes Rechtszeitalter. Die Reform
des preußischen Verfahrensrechts schuf eine völlig neue Gerichtsstruktur und
ließ mit ihren neuen Anforderungen ein geordnetes Gerichtsbauwesen überhaupt
erst entstehen. Die unzähligen Gerichtssitze der privaten Gerichtsbarkeit wurden
aufgegeben. Diese neue Funktion und auch die klare Gliederung der Instanzen
mit neuartigen Aufgabenstellungen zogen bauliche Konsequenzen nach sich. Die
alten Räumlichkeiten, zumeist in den Rathäusern der Städte untergebracht, reich-
ten für das gewachsene Aufgabenfeld nicht mehr aus.
Die erforderlichen räumlichen Voraussetzungen für den Schwurgerichtsprozess
werden von Carl Ferdinand Busse 1849 in einem Musterplan entwickelt. Auf der
Grundlage des französischen Vorbilds weist dieser die spezifisch funktionalen An-
forderungen einer Trennung von Öffentlichkeit und den am Verfahren Beteiligten
exakt aus. Bei den zwischen 1849 und 1877 entstandenen Gerichtsbauten ist der
zentrale Raum, das Schwurgericht, zumeist im funktionalen Zusammenhang mit
einem Gefängnis im mittelachsialen Hofflügel untergebracht. Stilistisch prägend
wird für die preußischen Gerichtsbauten in dieser Epoche die Architekturauffas-
sung Schinkels und seiner Schüler. Die Gebäude werden vornehmlich in Back-
stein errichtet und sind historisierenden Formen verpflichtet.
Im Königreich Sachsen kamen die Verfassungs- und Verwaltungsreformen nur
sehr zögerlich in Gang. Bislang gab es keine Trennung von Verwaltung und Justiz.
Weder existierte ein klar geregelter Instanzenzug noch ein oberstes Gericht. Es
gab zahlreiche privilegierte Gerichtsstände, wie Berg- oder Universitätsgerichte,
die keine Rechtsgleichheit zuließen. Hinzu kam, dass vor diesen Gerichten dem
Grunde nach Zivilstreitigkeiten verhandelt wurden, während für Kriminaldelikte,
also Strafrecht, die Spruchkollegien zuständig waren. Mehrere Verfassungs-
entwürfe, die zum Teil bereits die Einrichtung von Fachministerien, darunter auch
ein Justizministerium vorsahen, blieben unbeachtet. Erst die Verfassung von 1831
schuf die Grundlagen und machte den Weg frei für die Errichtung eines Justiz-
ministeriums. Ein Staatsgerichtshof, bestehend aus Präsident und 12 Richtern,
wachte nun über Schutz und Einhaltung der Verfassung. Durch Anwendung der
Verfassung auf die sächsische Oberlausitz per Verordnung vom 17. November
1834 wurde auch dieser Landesteil in die Sächsischen Verfassungsänderungen
einbezogen, so dass auch die vier 1835 verabschiedeten Justizgesetze galten.
Das Gesetz A regelte die Kompetenzen und trennte nunmehr Justiz und Verwal-
tung. Gesetz B bestimmte die Behörden und legte den Instanzenzug fest. Fortan
war das Oberappellationsgericht das alleinige höchste Gericht. Ferner wurden
vier Appellationsgerichte eingerichtet, von denen eines in Bautzen seinen Sitz
hatte. Ihre Bezirke waren deckungsgleich mit den Kreisdirektionen als mittlere
Verwaltungsbehörde, Patrimonialgerichte als unterste, gewissermaßen lokale

8
Gerichte. Diese Gerichte waren nunmehr zuständig sowohl für die Zivil- als auch
die Strafgerichtsbarkeit. Gesetz C behandelte diverse privilegierte Gerichtsstände
und schränkte zumindest teilweise ihre Freiheiten ein. Gesetz D führte neben der
Straf- und der Zivilgerichtsbarkeit die Verwaltungsgerichtsbarkeit ein. Parallel dazu
wurden neue Gesetzbücher erarbeitet: 1838 erhielt Sachsen ein neues Kriminal-
gesetzbuch, das 1856 durch ein Strafgesetzbuch und eine Strafprozessordnung
abgelöst und modifiziert wurde, sowie ein Militärstrafgesetzbuch, dieses wiederum
ergänzt durch die Militärgerichtsverfassung und die Militärstrafprozessordnung
von 1862. Nur ein Jahr später, 1863, folgten das Bürgerliche Gesetzbuch und die
Zivilprozessordnung, die 1865 in Kraft traten und die Constitutionen von 1572
bzw. den 1724 erlassenen Codex Augusteus aufhoben. So verzögerte sich der
Bau von Gerichtshäusern und erhielt erst nach 1877 die nötigen Impulse.
Das Gerichtsverfassungsgesetz 1877/79
Das Gerichtsverfassungsgesetz für das Deutsche Reich von 1877/79 reformiert
auch das Justizwesen der Länder durchgreifend und legt ein enges Netz von
Justizbehörden über das Land. In der Oberlausitz wurden unter dem schlesi-
schen Oberlandesgericht Breslau das Landgericht Görlitz und acht Amtsgerichte,
unter dem sächsischen Oberlandesgericht Dresden das Landgericht Bautzen mit
sechs Amts gerichten eingerichtet. Die Gerichtsbauten blieben, abgesehen vom
Reichsgericht in Leipzig, Landesangelegenheit.
In Preußen zieht die deutlich vermehrte Zahl der Gerichtssitze eine intensive, im
Umfang bislang einmalige Planungs- und Bautätigkeit nach sich. Diese Arbeiten
werden von Heinrich Herrmann (1821–1889) geleitet, einem von C. F. Busse be-
einflussten und im Gerichtsbau erfahrenen Baubeamten. Innerhalb kürzester Zeit
werden für das gesamte preußische Herrschaftsgebiet zahlreiche Neu-, Um- und
Erweiterungsbauten geplant und auch ausgeführt. Ab Mitte der 1880er Jahre
prägt Karl Friedrich Endell (1843–1891) das preußische Gerichtsbauwesen, nach-
dem er bereits 1882 die bislang erzielten Erfahrungen im Gerichtsbau publiziert
hatte. Wichtigster Raum im Landgericht ist der Schwurgerichtssaal, dessen funk-
tionale Einordnung sich an den Busse‘schen Grundsätzen des Jahres 1849 orien-
tiert. Abhängig von der Grundrissfigur ist die Lage des Schwurgerichtssaales,
ebenso wie die der Straf- und Zivilkammersäle, wegen der notwendigen Raum-
höhen zentral im Mittelrisalit bzw. im Hofflügel oder auch in einem der Seitenflügel
angeordnet. Das Amtsgericht besitzt eine Mehrfachfunktion. Im Erdgeschoss be-
findet sich aus Gründen der Statik und der Sicherheit zumeist das Grundbuch-
gewölbe. Im Obergeschoss hat in der Regel der Schöffensaal seinen Platz, äußer-
lich gekennzeichnet durch einen dreiachsigen Risalit. Abhängig von der jeweiligen
Größe der Behörde sind dem Amtsgericht entweder einige Gefängniszellen oder
ein eigenständiger Gefängnisflügel zugeordnet sowie eine Amtsrichterwohnung,

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seit Beginn des 20. Jahrhunderts oft ein Amtsrichter-Wohnhaus auf demselben
Grundstück.
Stilistisch ist unter K. F. Endell die Hinwendung zur deutschen Neurenaissance
mit den typischen Risaliten, Giebeln und Erkern zu beobachten, ein Trend, der
bis über die Jahrhundertwende hinaus wirkt und dann von neobarocken Bauten
verdrängt wurde. Am Ende der 1920er Jahre ist die Verwendung von modernen
Bauformen zu beobachten. Die Bauten sind geprägt von Sachlichkeit, Zweck-
mäßigkeit und moderner Formensprache. Kubische Baumassen, Fensterbänder
und flache Walmdächer charakterisieren die Bauten.
Im Jahre 1934 wird das Justizwesen, das bis dahin der Verwaltung der einzelnen
Länder unterstand, der alleinigen Hoheit des Reiches zugewiesen. Damit hörten
die preußische und die sächsische Justizverwaltung auf zu bestehen. Während
mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Moderne ihr Ende findet, wird
der Traditionalismus der späten zwanziger Jahre in der Gerichtsbauarchitektur
5 Grundriss eines Schwurgerichtssaales. Karl Friedrich Endell, 1882.

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fortgesetzt. So sind die wenigen Bauten der nationalsozialistischen Zeit vornehm-
lich im Regionalstil gehalten.
Der Görlitzer Gerichts- und Gefängnisbau
Görlitz erlebte im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts einen enormen wirtschaft-
lichen Aufschwung. Die Ursachen dafür sind nicht nur in dem frühen Eisenbahn-
anschluss der Stadt zu suchen, vielmehr war es die kluge Kommunalpolitik unter
dem Oberbürgermeister Ludwig Gottlob Demiani, die ihre bedeutende Stellung in
der Oberlausitz sichern und ausbauen ließ. Unter preußischer Hoheit wurde in der
alten Börse am Untermarkt das Kreisgericht eingerichtet und das Gebäude selbst
vom Staat übernommen. Im Jahre 1849 wurde Görlitz zu einem der 22 Kreis-
gerichtsstandorte mit Schwurgericht in Schlesien erhoben. Die Räumlichkeiten in
der alten Börse hielten mit der Entwicklung allerdings nicht Schritt. Somit verhan-
delte der Görlitzer Magistrat zum Bau eines neuen Gerichtsgebäudes, was jedoch
immer wieder an den hohen Forderungen der Berliner Beamten scheiterte.
Im Jahre 1858 berichtet der Stadtchronist von einem Vertrag zwischen dem
Justiz fiskus und der Stadt Görlitz über den Bau eines neuen Kreisgerichtsge-
bäudes. Als Bauplatz wird ein Teil des zum Frauenhospital gehörigen Spittelgar-
6 Die Situation am Görlitzer Postplatz im Jahre 1864. Noch ist der ursprüngliche Verlauf der
Straßen vor dem Hospitaltor gut erkennbar. In der Fluchtlinie der Salomonstraße liegt der Bau-
platz des neuen Kreisgerichtes.

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tens genannt. Der Bau war teuer erkauft. Die Kommune trug 7.000 Taler für die
Errichtung des Hauses bei und zahlte 9.000 Taler für den Erwerb des Grundstü-
ckes. Das Gelände, auf dem der Gerichtsbau errichtet werden sollte, gehörte dem
Frauenhospital. Der Chronist berichtete weiter, „dass der Bau bis zum Jahre 1866
vollendet sein soll“
3
. Mit dem Umzug der Justizbehörden sollten das Haus am
Untermarkt und auch das Stockhaus am Fischmarkt wieder in das Eigentum der
Stadt übergehen.
Nach diesen Mitteilungen im Jahre 1858 wird es wieder still um das Projekt. In
den Akten zur Feststellung der Baufluchtlinien im Görlitzer Ratsarchiv hat sich ein
Vorgang zur Expropriation eines Grundstückes am Postplatz/Ecke Jakobstraße
erhalten. Die Angelegenheit hat ab Mitte 1863 über zwei Jahre hinweg die Gör-
litzer Behörden bis hinauf zum preußischen Innenminister Graf v. Eulenberg be-
schäftigt. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Unternehmer Hecker ist 1864
ein Plan entstanden, der die damalige Situation am Postplatz darstellt. Der Risalit
des Kreisgerichtes ragt aus der Fluchtlinie der späteren Berliner Straße unmerk-
lich hervor. Der spätere Oberbürgermeister Carl Eduard Maximilian Richtsteig
wandte sich am 23. Juni 1864 in dieser Angelegenheit an v. Eulenberg und ver-
merkte: „Der hiesige Postplatz wird durch die teils schon im Werke befindlichen,
teils zu erwartenden öffentlichen und Privatbauten künftig einer der schönsten
Plätze der hiesigen Stadt“. Erst 1865 berichtet dann regelmäßig die Presse über
7 Der Kreisgerichtsbau am Görlitzer Postplatz unmittelbar nach seiner Fertigstellung im Jahre
1866.

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den Fortgang der Arbeiten und schließt am 31. Dezember 1865 mit der Nachricht,
alle Justizbehörden seien inzwischen in das neue Haus eingezogen, und mit
der Verlegung der Gefangenen am Tage zuvor sei die Inbesitznahme des neuen
Gebäudes endgültig abgeschlossen.
4
Der Baukomplex erhebt sich auf einem T-förmigen Grundriss. Das Grundstück
selbst berührt nur mit der Schmalseite den öffentlichen Verkehrsraum und er-
streckt sich weit in die Tiefe, in der auch der Gefängnisbau seinen Platz findet.
Der breitgelagerte dreigeschossige Gerichtsbau beherrscht mit dreizehn Achsen
die Nordwest-Front des Görlitzer Postplatzes. In der Mittelachse des Gebäudes
schließt sich ein Hofflügel an, der im 1. Obergeschoss den Schwurgerichtssaal
und im 2. Obergeschoss die Gefängniskirche beherbergt. Der Gefängnisbau
findet unmittelbar an den Hofflügel seinen baulichen Anschluss und garantiert
eine funktionale Verflechtung mit dem Gerichtsbau. Die Erschließung des Hauses
erfolgt über eine weiträumige Eingangshalle im Hochparterre, über Mittelflure in
allen Etagen und über das in der Mittelachse sich anschließende Haupttreppen-
haus. In den Obergeschossen des fünfachsigen Mittelrisalits befinden sich weitere
Verhandlungsräume der Zivilkammer. Die Raumkombination von Schwurgerichts-
saal und Gefängniskirche ist im Görlitzer Bau ebenso wie im Breslauer Stadt-
gericht zu verfolgen. Auch sind hier die Treppenanlagen und Beratungsräume
unter funktionalen Gesichtspunkten angeordnet. Der Angeklagte wird über ein
internes Treppenhaus, über das die Gefangenen auch den Betsaal erreichen, an
die Rückfront des Schwurgerichtssaales geführt. An gleicher Stelle findet sich
auch das Richterzimmer. Das Beratungszimmer der Geschworenen und das
Wartezimmer für die Zeugen liegen hingegen unmittelbar rechts bzw. links neben
8 Schnitt durch das Gerichtshaus.

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dem Haupttreppenhaus. Mit der Raumhöhe des Schwurgerichtssaales verschiebt
sich das Fußbodenniveau des Betsaals deutlich über die Ebene des 2. Ober-
geschosses. Ein Vergleichsobjekt ist das ebenfalls von Carl Ferdinand Busse
1855–1859 errichtete Landgericht in Bonn. Busse nutzt bereits hier das gleiche
Grundrissschema wie später in Görlitz, wenngleich in Bonn durch den viel aus-
geprägteren Mittelrisalit der Grundriss eher eine Kreuzform annimmt. Selbst die
Anordnung der Räume für den Angeklagten ist hier
trotz nicht unmittelbar anschließendem Gefängnis-
bau die gleiche.
Der Einzug in das neue Gebäude stellte für die Ge-
richtsbehörden zweifellos einen großen Fortschritt
dar. Nicht nur, dass die räumlichen Probleme
scheinbar gelöst waren, auch die repräsentative
und großzügige Ausstattung der Räume für die
Justizverwaltung wie auch die zeitgemäße Unter-
bringung der Strafgefangenen schienen weit in die
Zukunft geplant.
Das Görlitzer Gericht im Deutschen Reich
Eine wesentliche Veränderung erfuhr das Görlit-
zer Gerichtsgebäude durch den Erweiterungsbau
im Jahre 1879. Bei der Indienststellung des
Kreisgerichts gebäudes im Jahre 1865 zählte die
Stadt 32.000 Einwohner. Während die Einwohner-
zahlen bis 1879 um ca. 17.000 anstiegen, erlebte die
Stadt in den folgenden Jahren noch einmal einen
besonders kräftigen Bevölkerungszuwachs. Dies
und die Forderungen des Gerichtsverfassungsge-
setzes ließen das alte Gebäude durch Anbauten
erweitern, die das Haus zur Platzfront hin nun als
mehrfach gestaffelten Baukörper erscheinen lässt.
Der Rücksprung um jeweils eine Fensterachse und
die Reduzierung jeder Frontseite des Rücksprunges um jeweils eine Fensterachse
tragen sehr zur harmonischen Gesamtwirkung des Bauwerkes bei. Die Anbauten
schieben sich nun in die Zufahrtswege zum Gefängnistrakt hinein, so dass die
Architekten des Ministeriums im Erdgeschoss mächtige Tordurchfahrten anord-
nen mussten, die in Form und Gestalt dem Haupteingang im Mittelrisalit folgen.
Die Anbauten sind mit solch großer Sorgfalt ausgeführt, dass selbst ein geübtes
Auge die Ansätze der Neubauten in der ursprünglichen Fassade kaum ausma-
chen kann. Gesimse, Fenstereinfassungen etc. sind solid handwerklich gearbeitet,
9 Fassadendetail des Görlitzer
Gerichtshauses.

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dass sie in der Qualität in keiner Weise dem „alten“ Baukörper nachstehen. Die
zugewonnenen Räume in den Obergeschossen wurden als Büros genutzt. Im
zweiten Ober geschoss des südwestlichen Anbaues fand ein kleiner Sitzungssaal
Aufnahme. Der Schwur gerichtssaal, wie er schon im Kreisgericht im Ansatz des
Hofflügels genutzt wurde, unterstand gemäß Titel 6, § 79 des Gerichtsverfas-
sungsgesetzes dem Landgericht.
Im Jahre 1900 lebten in der Stadt mehr als 81.000 Menschen. Mithin wuchsen
die Anforderungen an die Justiz. Das großzügig geplante und 1865 fertiggestellte
Kreisgerichtsgebäude am Postplatz war nun selbst nach dem funktionell beding-
ten Umbau von 1878/79 bald nicht mehr in der Lage, den Erfordernissen der
Zeit standzuhalten. Und auch der Gefängnisbau hatte seine Kapazität längst aus-
geschöpft. Um die Jahrhundertwende dürften daher im Berliner Ministerium die
Pläne für einen erneuten Um- bzw. Erweiterungsbau gereift sein. Unter dem Titel
„Erweiterungsbau des Land- und Amtsgerichtes und des Gefängnisses“ werden
im Juli 1905 schließlich die Entwürfe des Bauvorhabens bei der örtlichen Polizei-
behörde eingereicht.
10 Grundrisse des Görlitzer Gerichtsgefängnisses, 1. und 2. Obergeschoss, C.F. Busse, 1863

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Die in den Jahren 1904–1910 vorgenommene Erweiterung des Görlitzer Land-
gerichts hat tief in den Altbau von Carl Ferdinand Busse eingegriffen. Nicht nur,
dass für einen schmucklosen dreigeschossigen Neubau das alte Gefängnis abge-
brochen wurde, auch der alte Betsaal wurde aufgegeben. An seiner Stelle wurde
der Schwurgerichtssaal, bislang im 1. Obergeschoss des Hofflügels gelegen, in
das 2. Obergeschoss eingebaut. Ziel dieser Veränderungen war die Verbesserung
der Zugänglichkeit für den nun dahinter zu errichtenden Neubau. Auch die Wege-
führung für die am Prozess Beteiligten musste neu organisiert werden. Der Neu-
bau nimmt vornehmlich nur Büroräume auf. Ein großes Treppenhaus mit einem
über drei Geschosse reichenden Fenster erschließt das Gebäude vom Hof aus.
In der Tiefe des Grundstücks und ganz außerhalb des öffentlichen Verkehrsrau-
mes gelegen, ist die Fassadengestaltung auf einen reinen Zweckbau in Backstein
reduziert. Selbst auf eine Gestaltung der von der Berliner Straße aus sichtbaren
Giebelfläche ist am Ende aus Sparsamkeitsgründen verzichtet worden. Die Bau-
geschichte zeigt aber auch einen anderen Aspekt. Die Stadt Görlitz klagte über
eine allzu eigenmächtige Vorgehensweise der Staatsbaubeamten. Insbesondere
die Baupolizei stellte fest, dass die erforderlichen Genehmigungen zum Bau nicht
vollständig vorlägen. Unbeeindruckt von diesen Kritiken und Forderungen ließ der
Staat den Bau fortführen und erlaubte keinerlei Einflussnahme der Kommune. Das
benachbarte Gelände, heute durch die Sparkasse genutzt, war ursprünglich für
einen Erweiterungsbau des Amtsgerichtes vorgesehen. Hier allerdings setzte die
Kommune ihre eigenen Interessen durch.
Der Architekt
Schöpfer des Görlitzer Kreisgerichtsbaus war Carl Ferdinand Busse. Er gilt als
der Spezialist für den preußischen Gerichtsbau. Als Geheimer Oberbaurat und
Mitglied der Oberbaudeputation führte ihn eine Dienstreise nach England, um
dort die modernen Gefängnisbauten zu studieren. Im Ergebnis dieser Reise schuf
Busse u.a. die Zellengefängnisse in Moabit (1842–1849) und in Ratibor (1844)
sowie das Inquisitoriat zu Breslau (1845–1853).
Der Lebensweg hat Busse über den preußischen Norden bald in die Hauptstadt
Berlin und dort unmittelbar in den Bannkreis Schinkels geführt. Carl Ferdinand
Busse wurde am 11. Juni 1802 auf Gut Prillwitz bei Stargard/Hinterpommern als
Sohn eines Landwirts geboren. Auf Wunsch seines Vaters lernte er in den Jahren
1816 bis 1822 bei einem Landbaumeister in Stargard. Unmittelbar danach nahm
er ein Studium an der Berliner Bauakademie auf und schloss 1823 mit der Feld-
messerprüfung ab. Nach einer Unterbrechung, die er mit praktischer Bautätigkeit
ausfüllte, setzte Busse seine Studien an der Bauakademie in den Jahren 1825 bis
1827 fort, hörte an der Berliner Universität Vorlesungen über Kunstgeschichte und
Ästhetik und war zugleich auch als Hilfsarbeiter bei der Oberbaudeputation tätig.
Ende 1827 legte er die Baumeisterprüfung ab.

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11 Görlitz, Blick auf die Gesamtanlage. 1998.

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12 Grundriss des Görlitzer Gerichtsgefängnisses, Erdgeschoss, 1911

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Am 1. Juli 1830 wird „zur Erleichterung des Geheimen Ober-Baurats Schinkel in
seinen Dienstgeschäften ein von ihm vorzuschlagender tüchtiger Baubeamter ihm
zur Aushülfe beigeordnet und als Assessor bei der königlichen Baubehörde ein-
geführt.“
5
Die Wahl Schinkels fällt auf den gerade achtundzwanzigjährigen Busse.
1841 wird Busse zum Geheimen Oberbaurat ernannt und 1847 übernimmt er
neben den Landbauten zusätzlich das Ressort Postbauten. Am 11. August 1849
übernimmt das aus den Ministerial-Bauräten Carl Ferdinand Busse, August Stüler
und Emil Hermann Hartwich bestehende Kuratorium die Leitung der Berliner Bau-
akademie, und Busse wird ihr als Direktor bis zum Jahre 1866 vorstehen.
Unter den Schülern Karl Friedrich Schinkels hat neben August Stüler und August
Soller der bislang wenig beachtete Carl Ferdinand Busse eine besondere Bedeu-
tung für Schlesien. Seine ausgesprochen funktionale Begabung und sein ästhe-
tisches Empfinden prägen über zwei Jahrzehnte preußische Baukultur mit und
lassen in der größten preußischen Provinz würdevolle Verwaltungsbauten entste-
hen, die auf ganz eigene Weise den Machtanspruch des Staates repräsentieren.
Die Gerichts- und Gefängnisbauten nehmen einen herausragenden Platz in sei-
nem Gesamtwerk ein. Der stilistische Bogen spannt sich von der Neugotik in den
vierziger und frühen fünfziger Jahren über den Rundbogenstil bis hin zum späten
Klassizismus und der sienesisch beeinflussten Neurenaissance seines Spätwer-
kes. Sein Schaffen in einer Umbruchzeit des Gerichtswesens zeigt ihn gerade auf
diesem Sektor als einen Architekten und Baubeamten, der die Anforderungen
spezifischer Verwaltungsabläufe in funktionale Grundrissstrukturen programma-
tisch umzusetzen weiß.
Unter Busse wächst auch die nächste Architektengeneration heran. Dazu gehört
Heinrich Ludwig Alexander Herrmann, der als junger Bauleiter bereits den Busse-
schen Neubau für das Breslauer Stadtgericht mitbetreut. Mitte der fünfziger Jahre
macht er mit ersten Entwürfen von Gerichtsbauten auf sich aufmerksam. Nur ein
Jahrzehnt nach Busses Tod wird er als Leiter der Anpassungskommission für
die Ausbauprinzipien der Gerichtsgebäude auf Grund der Gerichtsverfassung des
Jahres 1877 die „Nachfolge“ Busses antreten.
Der heutige Baukomplex
Die baulichen Veränderungen der Jahre 1905–1910 am Gerichts- und Gefäng-
nisbau hatten in ihrem funktionalen Konzept bis zu Beginn der fünfziger Jahre
Bestand. Danach bezog das Gebäude des Landgerichts, zwischen Gefängnis
und altem Gerichtsbau gelegen, der Rat des Kreises Görlitz, der alte Gerichtsbau
selbst wurde wieder Kreisgericht und das Gefängnis verblieb in den räumlichen
Strukturen von 1910.
Mit der politischen Wende stand nun auch eine Neuordnung des Gebäude-
komplexes und die Instandsetzung der reichlich verbrauchten Bausubstanz an. So

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13 Das neue Gebäude hinter dem Landgericht.

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wich der schlichte Baukörper des Landgerichtes von 1910 und wurde durch einen
eleganten zweigeschossigen Neubau, der sich in die historische Fassadenstruktur
mit modernen keramischen Platten harmonisch einfügt, ersetzt. Den Entwurf für
den Neubau des Amtsgerichts schuf das Büro Milde & Möser, Pirna. Die eins-
ti ge Verbindung von Gefängnis und Gerichtsgebäude, mit den Umbauten in den
Jahren 1905–1910 unterbrochen, wurde nicht mehr aufgegriffen. Die Gebäude
stehen nunmehr als eigenständige Baukomplexe. Eingang in die Ausstattung des
Neubaus fand als historisches Zitat das Treppenhausfenster aus dem Jahre 1910.
Damit wird an die wechselvolle Baugeschichte des Gerichtsgebäudes erinnert
und zugleich ein Stück wertvolles Kulturgut erhalten.
Der ursprüngliche Gerichtsbau wurde aufwendig instandgesetzt. Zahlreiche
Details konnten restauriert werden. So gewann der historische Gerichtsbau vieles
von seiner einstigen Ausstattung zurück. Herzstück der Bemühungen war neben
dem Treppenhaus der Schwurgerichtssaal. Auch konnte die Decke im Verhand-
lungssaal der kleinen Strafkammer freigelegt und restauriert werden. Damit erhielt
das Landgericht seine würdige Heimstatt zurück.
In den Jahren 1992 bis 2008 wird der Gefängnisbau grundlegend erneuert. Es
entsteht eine neue Torwache. Schließlich werden die einzelnen Gefängnisflügel
instandgesetzt. Bei all diesen Veränderungen bleibt der hochwertige Altbau von
Busse im Fokus der am Bau Beteiligten. Selbst so ein nüchterner Bau wie das
Gefängnis hielt viele Überraschungen bereit. Viele Funde berichten über den All-
tag hinter den Gefängnismauern. Die Bereinigung späterer entstellender Einbauten
hat auch diesen Baukomplex in seinem historischen Gepräge wieder entstehen
lassen, ohne die modernen Aspekte des heutigen Strafvollzugs zu vernachlässi-
gen.
Die Instandsetzung und die behutsame Restaurierung des Görlitzer Gerichts-
und Gefängnisbaus sind so nicht nur ein denkmalpflegerischer Erfolg, sondern
vielmehr auch die Erhaltung eines bedeutenden Zeugen der preußischen Justiz-
geschichte.

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21
Frank Hiekel
Kulturhistorische Streiflichter aus dem und um das Görlitzer
Gefängnis von seinen Anfängen bis in die Gegenwart
Mit den „Streiflichtern” soll ein kleiner Einblick in das Gefängnisleben und seine
Merkwürdigkeiten gegeben werden. Die „Streiflichter“ erheben keinen Anspruch
auf Vollständigkeit. Dies lässt die Quellenlage nicht zu.
Das Leben im Inquisitoriat im Mittelalter und der frühen Neuzeit
Die baugeschichtliche Seite des städtischen Inquisitoriates ist im vorangegange-
nen Beitrag bereits erläutert worden. Nun steht das Dasein der dort eingesperrten
Menschen im Blickpunkt. Der Stadtobrigkeit war die Durchsetzung von Ruhe und
Sicherheit im Stadtgebiet sehr wichtig. Mittels Zucht und Disziplin, eingeschlossen
die Züchtigung, galt es, den Körper und die Kräfte des Eingesperrten in physischer
sowie psychischer Hinsicht zu schwächen. Die Delinquenten sollten am Leben
gehalten werden, um den Gerichtsprozess und ihre Verurteilung gerade noch
wahrnehmen zu können. Die Todesstrafe war keine Seltenheit und der Einsatz
von Folterinstrumenten an der Tagesordnung. Allgemein wurden diese Menschen
als völlig nutzlos angesehen und dementsprechend behandelt. Die Behandlung
und Unterbringung der Gefangenen musste auch von der Bevölkerung als großes
Übel akzeptiert sowie empfunden werden. In die Zellen drang so gut wie kein
14 Zelleneingänge des Gefängnisses im Hof des Görlitzer Rathauses.

22
Tageslicht. Bei Eintritt in die Dunkelheit gab es kein künstliches Licht. Wasser gab
es nur zum Trinken. Körperhygiene fand nicht statt. Die Herausgabe von Wasser
war dafür zu kostbar. Geschlafen wurde auf einem Bündel Stroh. Selbiges diente
zum Zudecken. Im Winter gab es keine Heizung. Damit kein Gefangener erfror,
sperrte man mehrere Personen in einen Raum. Somit wurde der Raum durch
die Ausdünstungen der darin untergebrachten Menschen erwärmt. Das Wecken
fand im Sommer um 04.00 Uhr statt. Im Winter konnte man bis 05.00 Uhr aus-
schlafen. Aggressive oder der Flucht Verdächtige wurden in der Nacht angekettet.
Insofern waren einzelne Kerkerräume mit einem in den Boden fest eingelassenen
Eisenring versehen. Daran erfolgte das Anschließen mit einer Eisenkette, welche
wiederum an einen am Fußgelenk angeschmiedeten Ring befestigt wurde. Ein
kurzes oder langes Anschließen war möglich. Beim kurzen Anschluss ist eine
erholsame Nachtruhe nicht gegeben gewesen. Eine Trennung der Geschlechter
oder Kinder von Erwachsenen ist nicht nachgewiesen. Die Verpflegung bestand
aus gesammelten Essensresten oder Abfällen aus der Stadt. Je nach Jahreszeit
gab es Sauerkraut, Erbsen, Linsen und viel Suppe. Jeder Gefangene erhielt pro
Tag 1/6 eines Ein-Pfund-Brotes. Fleisch und Fisch galten als Edelspeisen. Ge-
fangene bekamen das nicht. Eine Ausnahme bildeten die Gefangenen, welche
Angehörige hatten und diese bereit waren, für zusätzliches Essen zu bezahlen.
Das war aber noch an eine weitere Voraussetzung gebunden: Der Stockmeister
musste die Möglichkeit der Zusatzverpflegung genehmigen. Daran schloss sich
eine praktische Notwendigkeit an: Das Zusatzessen musste beim Hungernden
auch ankommen.
Der innere Zusammenhang zwischen dem Frauenspital und dem Gerichts-
gefängnis
Auf den ersten Blick erscheint ein Zusammenhang von Frauenhospital und Ge-
richtsgefängnis ausgeschlossen. In der näheren Betrachtung gibt es aber eine enge
Verknüpfung. Das Frauenspital ist in den Archivalien bis in die Mitte des 15. Jahr-
hunderts belegbar. Im Jahr 1856 ist es verlegt worden. Später wurde das Gebäude
abgerissen und die Fläche durch das Preußische Staatsministerium der Justiz von
der Stadt Görlitz käuflich erworben. Der „Spittelgarten im Stadtzentrum“
6
hatte für
heutige Vorstellungen eine riesige Ausdehnung. Dieser Garten hat sich über vier
Jahrhunderte erhalten. Die Ursache dafür ist darin zu finden, dass es sich um für
Bauvorhaben nicht geeignetes Land handelte. In dem Garten befand sich an der
tiefsten Stelle des Geländezuschnittes ein Brunnen zur Bewässerung des Garten-
grundstückes. Dieser Brunnen ist zu keinem Zeitpunkt vergessen worden und be-
fand sich stets in Nutzung. Die Brunnenanlage ist allerdings außer Sicht geraten.
Rund um diesen Brunnen ist 1905 bis 1910 der Erweiterungsbau des Gefängnis-
ses errichtet worden. Erst im Jahr 2006, als der heutige Wirtschaftshof erneuert

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wurde, kam die prächtige Brunnenanlage wieder in Sicht. Mit der Freilegung des
Unterbaus des gesamten Hofes und der Installation neuer Schmutz- und Regen-
wassergrundleitungen wurde auch der Brunnenkopf sichtbar. Dabei wurde deut-
lich, dass das Auflager des Brunnenkopfes (zwei Granitsteine in einer Größe von
jeweils Länge x Breite x Höhe: 2,19 m x 1,10 m x 0,33 m; errechnetes Gewicht:
1,8 t pro Stein) unbedingt neu befestigt werden musste. Mit Sicherheit ist davon
auszugehen, dass der Transportweg dieser Kolosse ein kurzer war. Daher liegt
die Vermutung nahe, dass diese Granitblöcke in den Königshainer Bergen gebro-
chen worden sind. Zur Herstellung der Befestigung des Brunnenkopfes war des-
sen Entfernung erforderlich. Das allein bedeutete eine logistische Meisterleistung.
Jetzt wurde der Brunnen sichtbar. Die Messung ergab eine Tiefe von 10,50 m.
Davon war am 10. Juli 2006 ein Wasserspiegel von 4,50 m vorhanden. Der Brun-
nengrund zeigte sich kluftig und von felsiger Natur. Der gesamte Brunnen war in
der Tiefe mit Ziegelsteinen trocken an- und aufeinandergelegt. Diese Bauweise
ermöglichte die Zirkulation der Feuchtigkeit. Zur Befestigung des Brunnenkopfes
sind 10 Lagen Wandsteine entfernt und neu aufgenommen worden. Somit besitzt
die Görlitzer Anstalt eine historische und bautechnische Einmaligkeit. Im Freistaat
Sachsen gibt es keine weitere Justizvollzugsanstalt, die einen Brunnen in ihren
Mauern beherbergt.
15 Mittelalterliche Brunnenanlage im Gefängnishof der heutigen Justizvollzuganstalt.

24
Das Gefängnis verfügt über ungeahnte Anziehungskraft
Am 26. Januar 1879 berichtet die „Niederschlesische Zeitung“ in großer Aufma-
chung über die nachfolgend dargestellte Episode in Görlitz: „Während alle Hotels
über Mangel an Fremdenbesuch klagen, erfreut sich das Frei-Hotel, welches an
die Hinterfront des Kreisgerichts-Gebäudes angebaut ist, eines noch nicht dage-
wesenen Zuspruchs. Ursprünglich für 150 Gäste eingerichtet, wird die Maximal-
zahl gegenwärtig um ein Beträchtliches überstiegen und auf jede leer werdende
Stelle warten in der Regel schon mehrere Kandidaten. Vor einigen Tagen wollte
ein eben verurtheilter Sünder die ihm zudictirte Strafe gleich absitzen und meldete
sich zu diesem Behufe beim Gefängnis-Inspector. Dieser mußte jedoch den Bitt-
steller wegen Mangel an Raum abweisen, worüber der Letztere sehr unzufrieden
war, indem er sich auf sein gutes Recht berief. Dieser starke Andrang zu den
Königlich-preußischen Frei-Hotels ist ein ziemlich allgemeines Zeichen der Zeit.
Die Gäste befinden sich dort sehr wohl, die Behandlung ist eine außerordentlich
rücksichtsvolle, die Verpflegung gut; alle Schmerzen und Sorgen hat der Gast
draußen gelassen, was fehlt ihm da noch, um glücklich und zufrieden zu sein?“
Ohne Personal geht es nicht
Das Publikum ist stets gut informiert gewesen. Personelle Neuerungen und Meh-
rungen teilte die Justiz der Bevölkerung mit. Die „Niederschlesische Zeitung“
berichtet am 6. September 1879: „Görlitz, 5. September. Das Gefängnißwesen
erleidet vom 1. Oktober ab, wie alle Theile der Justizverwaltung, wesentliche Än-
derungen. Eine Justizministerialverfügung ordnet es in den Hauptzügen wie folgt.
Das Beamtenpersonal jedes Gefängnisses besteht aus einem Vorsteher, einem
Inspektor und der erforderlichen Anzahl von Unterbeamten (Gefangenenober-
aufseher, Gefangenenaufseher und Gefangenenaufseherinnen). Größere Gefäng-
nisse können mehrere Inspektoren haben, auch Rechnungs- und Kanzleibeamte,
Beamte für den technischen und wirthschaftlichen Betrieb. Geistliche, Ärzte und
Lehrer werden nach Bedürfniß angestellt. Die Geschäfte des Vorstehers versieht in
den Gefängnissen, welche sich am Sitze eines Landgerichts befinden, die Staats-
anwaltschaft. Dies ist die bedeutendste Verschiedenheit gegen früher.“
Ein voller Magen schafft Zufriedenheit
Diese Zufriedenheit bei den Gefangenen ist wichtig und kommt nicht von allein.
Das vernünftige Essen rückt beim gefangenen Menschen in den täglichen Mit-
telpunkt seiner Ausgerichtetheit. Einen Einblick in die Logistik und die mühevolle
Arbeit gibt eine Nachricht im „Görlitzer Anzeiger“ vom 9. Oktober 1882: „Die Lie-
ferung der Verpflegungsbedürfnisse an Brot, Gerstenmehl, Kartoffeln, Erbsen,
Bohnen, Linsen, Graupen, Mohrrüben, Kohlrüben, Kohlrabi, Weißkohl, Sauerkraut,

25
Pfeffer, Kümmel, Milch, Rindfleisch, Rindertalg, Elainseife, Talgseife und Soda für
circa 200 Gefangene auf das Kalenderjahr 1893 soll im Termin am 27. Oktober
1892, Nachmittags 4 Uhr, im Zimmer No. 25 des Gerichtsgebäudes, Postplatz
18, an den Mindestfordernden verdungen werden. Nähere Auskunft über die Be-
dingungen wird im Sekretariat der Kgl. Staatsanwaltschaft und in der hiesigen
Gefängniß-Inspektion bereitwilligst ertheilt, eventuell kann Abschrift der Bedin-
gungen gegen Erstattung der Schreibgebühren vom Sekretariat erfordert werden.
Schriftliche Offerten können bis zum 27. Oktober 1892, Vormittags, unter der Auf-
schrift: Offerte auf Lieferung von Verpflegungs-Bedürfnissen für das Gerichts-Ge-
fängnis zu Görlitz im Sekretariat abgegeben werden. Nachgebote werden nicht
angenommen. Görlitz, den 7. Oktober 1892. Der Königliche Erste Staatsanwalt“
Die Flucht eines Gefangenen
Tagaktuelle Unterrichtung der Bevölkerung ist keine Erfindung aus der heutigen
Zeit. Insbesondere bei Vorkommnissen im Gefängnis war das Interesse groß. Am
19. Oktober 1892 melden die „Görlitzer Nachrichten“ über eine verhinderte Flucht:
„Görlitz, 18. Oktober. Entwischt war heute Vormittag ein junger Mensch, welcher
mit zwei anderen Komplizen in das Gerichtsgefängnis abgeliefert werden sollte,
dem ihn transportierenden Polizeibeamten. Der Flüchtling nahm seinen Weg an
der Frauenkirche vorbei zum Demianiplatz, wurde aber in der Museumsstraße
aufgegriffen und wieder eingeliefert.“
Alles hat seine Zeit
Gefangene werden zum Strafantritt geladen. In dieser schriftlichen Ladung erfolgt
auch die Mitteilung der Aufnahmezeit. Diese Regel gilt es einzuhalten. Am 10. April
1893 entschied sich ein Verurteilter anders. Daraus entstand ein öffentlichkeits-
wirksames Vorkommnis, worüber die Görlitzer Bevölkerung informiert sein wollte.
Der „Neue Görlitzer Anzeiger“ kam am 11. April 1893 diesem Informationsbedürfnis
nach: „Einen Menschenauflauf verursachte gestern Morgen 9 Uhr auf dem Post-
platz der Arbeiter Haupt dadurch, daß er ins Gerichtsgebäude kam um eine gegen
ihn erkannte 3 wöchentliche Gefängnißstrafe anzutreten. Da Sonntags Sträflinge
nicht angenommen werden, wurde er zurückgewiesen, in seinem angetrunkenen
Zustande aber bestand er darauf, seine Strafe anzutreten und mußte mit aller
Gewalt aus dem Gebäude befördert werden. Draußen angekommen, schimpfte er
natürlich und versuchte nochmals ins Haus einzudringen, es wurde ihm aber die
Tür vor der Nase zugemacht. Der Eindringling versuchte nun bei dem anwesenden
Polizeibeamten anzukommen: dieser machte kurzen Prozeß und brachte ihn vom
Bürgersteig herunter. Da der Skandalmacher nichts anderes ausrichten konnte,
ging er gestikulierend und schimpfend die Berlinerstraße entlang.“

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16 Gerichtsgefängnis Görlitz, Treppenanlage aus dem Jahr 1910.

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17 Gerichtsbau und Gefängnis mit der Grundrissgestalt von 1910 bis 2001. Der T-förmige Bau-
körper von 1910 schloss unmittelbar an dem Schwurgerichtstrakt an. Die Gefängnishöfe sind am
oberen Bildrand gut erkennbar.

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18 In der Nachbarschaft zum Gefängnis hatten die Görlitzer Nachrichten und Anzeiger ihren
Sitz. Von hier aus wird regelmäßig über die Ereignisse im Gefängnis berichtet.

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Vollstreckung von Todesurteilen im Gefängnis
Am 15. September 1893 ist eine Mörderin hingerichtet worden. Für die Behör-
den bestand die Pflicht der Bekanntmachung der Vollstreckung. Das geschah am
14. September 1893 im „Neuen Görlitzer Anzeiger“. „Die Hinrichtung der Selma
Schubert, die wegen Ermordung der Wittwe Hartmann vom hiesigen Schwur-
gericht in der Sitzung vom 20. April zum Tode verutheilt worden ist, findet morgen
früh 6 Uhr in einem Hofe des Untersuchungs-Gefängnisses statt. Das Verbrechen,
das mit diesem Akt seine Sühne erhält, ist am 11. Dezember v. J. begangen wor-
den. Um unnöthigen Versuchen, die Hinrichtung von den Häusern der Nachbar-
schaft des Gefängnisses anzusehen, vorzubeugen, sei mitgeteilt, daß der Platz,
wie bei der letzten Doppel-Hinrichtung, wieder so gewählt wird, daß Unbefugten
der Anblick des schaurigen Vorganges unmöglich ist.“
Am 15. September 1893 vermeldet der „Neue Görlitzer Anzeiger“ durch Bekannt-
machung der Vollziehung des Urteils. „Durch Urteil des Königlichen Schwurgerichts
zu Görlitz vom 20. April 1893 ist die unverehelichte Anna Hermine Selma Schubert
aus Görlitz wegen Ermordung der Witwe des Lohnfuhrmanns Hartmann in Görlitz
rechtskräftig zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt wor-
den. Nachdem seine Majestät der Kaiser und König durch Allerhöchsten Erlaß vom
30. August 1893 zu entscheiden geruht haben, daß von dem Allerhöchsten Begna-
digungsrecht kein Gebrauch zu machen sei, vielmehr der Gerechtigkeit freier Lauf
zu lassen, ist heute Morgen 6 Uhr im Hofe des hiesigen Gerichts-Gebäudes an der
verurteilten Selma Schubert das Todesurteil durch Enthauptung vollzogen worden.
Görlitz, den 15. September 1893. Der Königliche Erste Staatsanwalt.“
Hinter diesen nüchternen Fakten verbergen sich vielfältige Ereignisse, welche
bei der Vollstreckung der Todesstrafe sich in Görlitz ereigneten. Aus dem vorlie-
genden Archivmaterial ist bekannt, dass die zum Tode verurteilte Anna Henriette
Selma Schubert aus Görlitz die erste Frau gewesen sei, an der die Vollstreckung
dieses Urteils im Gefängnis durchgeführt worden ist. Im Übrigen war die Hinge-
richtete nicht verheiratet gewesen. Zwölf Stunden vor dem Hinrichtungstermin ist
amtlich eröffnet worden, dass ein Gnadengesuch keine Entsprechung fand und
die Vollziehung des Urteils am nächsten Morgen erfolgt. Die oder der Verurteilte
durfte sich ein „Gnadenbrot“ und Wein wünschen. Selma Schubert lehnte dies ab.
Das „Gnadenbrot“ war eine verbesserte und aufgewertete Gefängniskost. Dem
Akt der Vollziehung der Todesstrafe stand stets ein Staatsanwalt vor. Dieser ließ
die Protokollierung vornehmen. In aller Regel erfolgten die Enthauptungen um
6.00 Uhr. Die Enthauptung nahm ein vom preußischen Staat ernannter Scharf-
richter vor. Während der hier behandelten Zeitspanne war dies der Scharfrichter
Reindel, wohnhaft in Magdeburg. Dieser reiste einen Tag vorher mit seinen drei
Hilfsbeamten aus Magdeburg an. Logiert wurde im Hotel „Victoria“, Postplatz in
Görlitz, im Übrigen das teuerste Hotel der Stadt. Für eine vollzogene Hinrichtung
erhielt der Scharfrichter 100 Reichsmark.

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Der Hinrichtung wohnten zwei weitere Staatsanwälte als Zeugen bei, ein Arzt, ein
Pfarrer, der Gefängnisvorstand und 24 Bürger der Stadt. Die Bevölkerung konnte
sich für die Teilnahme an der Hinrichtung anmelden. Es kann davon ausgegan-
gen werden, dass sich hunderte Bürger meldeten. Mittels Los sind die 24 Teil-
nehmer ermittelt worden. Vor dem Gefängnis auf dem Postplatz versammelten
sich mehrere hundert Schaulustige, ebenso auf den Dächern der umliegenden
Wohnhäuser. Beim Verlassen des Gefängnisses umringten die Schaulustigen den
Scharfrichter Reindel, sodass dieser auf seinem kurzen Weg über den Postplatz
bis zum Hotel durch Polizei geschützt werden musste.
Nach vollzogener Hinrichtung beschwerten sich die Bürger, welche auf den
Dächern standen, oftmals bei der preußischen Regierung in Berlin. Das Be-
schwerdevorbringen nahm zu. Die Behörden reagierten und verlegten die Hinrich-
tungen im Jahr 1911 von Görlitz nach Breslau (heute: Wroclaw/ Republik Polen).
Der Scharfrichter für das Königreich
Preußen, Reindel, führte dieses Amt bis
zum 31. Juli 1900 aus.
Der gescheiterte Ausbruchsversuch
Am 22. Mai 1894 versuchten Gefan-
gene aus der Anstalt auszubrechen. In
dem Artikel der „Görlitzer Nachrichten“
vom 23. Mai 1894 ist das detailliert ge-
schildert und verrät dem Fachmann,
dass alle ungünstigen Umstände aus
der Sicht des Personals wieder ein-
mal zusammengetroffen sind: Nacht
und Feiertag. Diese Zeitungsnachricht
lässt weitere bedeutsame Details ans
Tageslicht treten. „Über den versuchten
Ausbruch dreier Inhaftierter aus dem
hiesigen Gefängnis schreibt uns ein Ein-
geweihter Ausführliches: In der Nacht
von Pfingst-Sonnabend zu Sonntag ver-
suchten drei Untersuchungs gefangene
des hiesigen Gerichtsgefängnisses aus
ihrer Zelle auszubrechen. Zu diesem
Zwecke haben dieselben bereits nach
7 Uhr abends, nachdem sämtliche Be-
amte des Gefängnisses dieses verlas-
sen und der Nachtdienst thuende Be-
19 Hafthausfassade, ursprünglich 1910.

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amte seinen Dienst angetreten, den in der Zelle befindlichen Ofen angefangen
abzubrechen. Gegen 12 Uhr nachts müssen die Ausbrecher bereits soweit mit
ihrer Arbeit vorgeschritten sein, daß sie nur noch die Feuerung herauszubrechen
hatten, um in den Korridor zu gelangen. Hierbei sind dieselben jedoch auf Wider-
stand gestoßen, da die, die Feuerung umgebenden Ziegelsteine sehr scharf ge-
brannt sind. Um jedoch dieses Hindernis zu bewältigen, benutzten die drei Gefan-
genen die bereits herausgebrochenen Roststäbe und sprengten die Ziegeln mit
Gewalt. Durch den dabei entstandenen Knall wurden die in der Nebenzelle befind-
lichen Insassen, welche schon vorher Geräusche vernommen hatten, aufmerksam
und gelangten zu der Ansicht, daß es nun nicht mehr weit mit den Ausbrechern
bis zum Ausbruch sei. Dieselben riefen deshalb den Posten an und machten den-
selben darauf aufmerksam, daß in der Nebenzelle Gefangene ausbrechen wollten.
Der Posten konnte dies jedoch dem Beamten nicht mitteilen, da sich derselbe be-
reits auf dem stündlich zu erfolgenden Rundgängen durch das Gefängnis befand.
Die Gefangenen, welche den revidierenden Aufseher kommen hörten, klopften
darauf und teilten demselben mit, daß sich derselbe vorsehen möchte, denn in der
Nebenzelle würde versucht auszubrechen und müßten die Vorbereitungen nun
bereits sehr weit vorgeschritten sein. Der Aufseher überzeugte sich alsbald davon
20 Der ursprüngliche Gefängnisbereich, erbaut 1863 bis 1865.
Zustand vor dem Abriss im Jahre 1999.

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21 Gefängnisfassade des Jahres 1865 mit typischem Anbau des DDR-Haftvollzuges.

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und weckte den Gefängnis-Inspektor, unter dessen Leitung im Beisein des Pos-
tens die Zelle geöffnet wurde. Die Ausbrecher wurden ohne Gegenwehr in Ketten
gelegt und in Einzelhaft untergebracht. Damit wäre es durch die Aufmerksamkeit
der in der Nebenzelle befindlichen Gefangenen gelungen, den Ausbrechern ihren
Vorsatz zu vereiteln.“
Nichts geht mehr
Die Anzahl der Gefangenen, welche zur gleichen Zeit im Gefängnis untergebracht
werden müssen, schwankt im Verlauf eines Jahres erheblich. Die Gefängnis-
verwaltung kann das nur bedingt beeinflussen. Sind alle Haftplätze belegt, müs-
sen andere Regelungen gefunden werden. Eine Lösung kann die Verlegung von
Gefangenen in andere Gefängnisse sein. Die „Görlitzer Nachrichten“ vom 21. Juni
1894 teilen mit, dass eine ebensolche Situation im Postplatz 18 eingetreten ist
und verrät auch die Lösung des Problems. „Gefangenen-Transport. Wegen Über-
füllung des hiesigen Gerichts-Gefängnisses wurden heute Vormittag (Mittwoch,
den 20. Juni) mit dem um 6 Uhr 30 Minuten nach Breslau abgehenden Zuge
25 Strafgefangene, darunter 5 weibliche nach Rosenberg in Oberschlesien beför-
dert, um dort ihre Strafe zu verbüßen.“ Weiterhin ist aus dieser Nachricht erkenn-
bar, dass die Gefangenentransporte mit dem Zug erfolgten. Die Fachleute nennen
diese Verfahrensweise den „Schienentransport“. Nur am Rande sei vermerkt, dass
diese Transportart bis 1990 von und nach Görlitz stattgefunden hat.
Strafe muss sein
Das Gefängnis Görlitz war zu jeder Zeit bei einzelnen Straftätern sehr beliebt. Von
Abschreckung konnte keine Rede sein. Manchmal gehen die Dinge aber anders
aus, als man sich das gedacht hat. Davon berichten uns die „Görlitzer Nachrich-
ten“ vom 23. Mai 1897 über folgenden Vorfall: „Sitzung der Königlichen Strafkam-
mer zu Görlitz am Sonnabend, den 22. Mai. Zur Verhandlung kamen folgende
Strafsachen: Am Nachmittag des 16. Februar begehrte der Schmied Karl Scheller
von hier behufs Abbüßung einer Strafe in das hiesige Gerichts-Gefängnis aufge-
nommen zu werden. Da Scheller total betrunken war, wurde ihm bedeutet, daß er
in solchem Zustande nicht aufgenommen werden könne. Er wurde vom Gefäng-
nis-Inspektor wiederholt aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, Scheller ließ
sich aber nicht abweisen, sondern zog noch mehrmals an der Gefängnis klingel. Es
mußte schließlich zu seiner Verhaftung geschritten werden, da er heftigen Wider-
stand entgegensetzte, einen argen Skandal vollführte und schließlich die Beamten
beleidigte. Wegen all dieser Strafthaten belegte das hiesige Schöffengericht den
schon 15-mal bestraften Scheller mit vier Monaten Gefängnis und zwei Wochen
Haft. Er beruhigte sich aber bei dieser Strafe nicht, sondern legte Berufung ein,
die indessen verworfen wurde. Dagegen wurde die gegen den Angeklagten vom

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Schöffenbericht erkannte Gefängnisstrafe, mit Rücksicht auf den gröblichen Ex-
zeß und das Vorleben des Angeklagten, auf Antrag der Staatsanwaltschaft, die
ebenfalls Berufung eingelegt hatte, auf 6 Monate erhöht.“
Das Gefängnis als Verlockung
Am 22. August 1897 erscheint ein neues Heft des „Grenzboten“. In einem Artikel
dieser Ausgabe wird eine grundlegende Reform des Gefängniswesens angeregt,
um die Gefängnisse wieder zu dem zu machen, was diese sein sollen: Ein Ort der
Buße. „Daß im Winter Bettler und Vagabunden sich nach dem Aufenthalte in den
Gefängnissen geradezu drängen, ist eine Tatsache. Es wird daraus der Schluß
gezogen, daß eine Reform des Gefängniswesens notwendig ist. Es wird einmal die
Einführung nützlicher, harter Arbeit, wie sie in den Landarbeitshäusern besteht,
sowie die Einführung von Wasser und Brot als Gefangenenkost und die Entzie-
hung aller Annehmlichkeiten empfohlen. Die Gefängnisse würden dann aufhören,
Zufluchtsstätten von hungrigen und frierenden Bettlern und Bummlern zu sein
und wieder zu dem werden, was sie sein sollen: Strafanstalten, deren Besuch für
keinen Menschen etwas Verlockendes haben soll. Außerdem würde dem Staate
eine Menge Geld erspart.“ Zu einer derartigen Reform ist es nicht gekommen.
Sparsamkeit ist oberstes Gebot
Ein schönes Beispiel preußischer Gründlichkeit im Görlitzer Gefängnis beschrei-
ben die „Görlitzer Nachrichten“ in ihrer Ausgabe vom 12. Oktober 1887 über die
Behandlung von Küchenabfällen. Die Bekanntmachung im Einzelnen lautet: „Die
Küchenabfälle aus dem hiesigen Gerichtsgefängnis für das Jahr 1898 sollen im
Termine Donnerstag den 28. Oktober nachmittags 3 Uhr im Zimmer 48 des Ge-
richtsgebäudes an den Meistbietenden vergeben werden. Nähere Auskunft über
Abholung wird in der hiesigen Gefängnis-Inspektion erteilt. Schriftliche Offerten
können bis zum Beginn des Termins unter der Aufschrift: Offerte auf Küchen-
abfälle aus dem Gerichtsgefängnis Görlitz im Sekretariat abgegeben werden.
Nachgebote werden nicht angenommen. Görlitz, den 8. Okt. 1897. Der Erste
Staatsanwalt.“
Neujahrsüberraschung für das Gefängnispersonal
Soweit der Historiker in die Geschichte des Gefängniswesens zurückblicken kann,
mussten die Bediensteten an sieben bis zehn Tagen hintereinander 12-Stun-
den-Dienste leisten, Tag- oder Nachtdienste. Danach wurde ein Tag dienstfrei
gewährt. Ab 1898 trat in Preußen eine Erleichterung diesbezüglich ein. In den
„Görlitzer Nachrichten“ vom 7. Januar 1898 erscheint folgende Spitzenmeldung:
„Eine dankenswerte Überraschung hat der Justizminister durch eine Verordnung

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dem Aufsichtspersonal der ihm unterstellten preußischen Gefängnisse mit dem
neuen Jahre bereitet. Die Dienstzeit der Gefangenen-Aufseher ist auf zehn Stun-
den verkürzt, und ist die Anordnung getroffen worden, daß thunlichst jeder zweite
Sonntag und ein Nachmittag in der Woche dienstfrei sein sollen.“
Bildung der Gefangenen und deren Fürsorge
Die Betreuung der Gefangenen ist gewährleistet worden, sowohl in der Haft als
auch nach deren Entlassung. Der Fürsorge-Gedanke umfasste durchaus Maß-
nahmen der Resozialisierung und Hilfe zur Lebensführung, um erneuten Straf-
taten vorzubeugen. Auch aus diesem Grund wurde Wert darauf gelegt, die Ge-
fangenen schulisch bilden zu können. „Den Görlitzer Nachrichten“ vom 10. März
1898 ist das einen Bericht Wert gewesen: „Die Gefangenen unter 30 Jahren erhal-
ten in der Regel Unterricht in den Gegenständen der Volkshochschule, soweit sie
dessen noch bedürfen. Die Jugendlichen haben wöchentlich mehr Schulstunden
als die Erwachsenen. Jeder Gefangene hat eine Bibel oder ein Neues Testament
mit Psalmen, ein kirchliches Gesangbuch, die Schüler außerdem die eingeführten
Schulbücher in ständigem Besitze; dazu wird ihnen wöchentlich wechselnd ein
Buch belehrenden oder unterhaltenden Inhalts verabreicht. Die Fürsorge für die
Entlassenen ist durch den gemeinsamen Erlaß des Ministers des Innern, der Justiz
und des Kultus vom 13. Juni 1895 geregelt. Nach den eingegangenen Berichten
wächst das Interesse für die Fürsorge.“
Das Gefängniswesen im immerwährenden Widerstreit von Behandlungs-
euphorie und Sicherheitsfanatismus
Die „Görlitzer Nachrichten“ berichten am 14. Juni 1902 ausführlich: „Am Dienstag,
den 10. Juni, tagte in Breslau die 23. ordentliche Generalversammlung des Ge-
fängnisvereins für Schlesien und Posen. Nach dem Geschäfts- und Kassenbericht
betrug die Einnahme 1883 Mark, die Ausgabe 249 Mark, sodaß ein Bestand von
1634 Mark verbleibt. Alsdann erfolgte die Wiederwahl der drei statutengemäß
ausscheidenden Vorstandsmitglieder. Herr v. Beaulieu (Groß-Strehlitz) sprach da-
rauf über die Organisation der Strafbeamten und deren erzieherischen Einfluß auf
die Gefangenen. Die Erfahrung habe gelehrt, daß Unteroffiziere und Feldwebel,
durch die stramme Disziplin im Heere zu striktem Gehorsam erzogen, ganz vor-
zügliches Beamtenmaterial für Strafgefangene abgeben. Wie die Unterbeamten,
werden auch die Oberbeamten dem Heere entnommen. Noch größere Vorsicht
als beim männlichen Personal bedürfe es bei der Anstellung weiblicher Strafan-
staltsbeamten. Das Weib gehorche weniger als der Mann, es sei deshalb durchaus
erforderlich, daß die Aufseherinnen sich die nötige Autorität gegenüber den weib-
lichen Gefangenen verschaffen können. In dieser Beziehung redet Br. v. Beaulieu
der gebildeten Frau das Wort. Über den Vortrag fand eine rege Debatte statt, in

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welcher von verschiedenen Seiten Wünsche zum Ausdruck kamen. Pastor Künzel
ist keineswegs der Meinung, daß Militäranwärter das beste Beamtenmaterial sei,
das in Gefängnissen erzieherisch wirken könnte; in erster Reihe wären es doch
die Geistlichen und Lehrer, die hier in Vordergrund zu stellen wären. Durchaus sei
es erforderlich, wenn der Geistliche ersprießlich wirken solle, daß er im Hauptamt
angestellt oder seine Bezüge vergrößert werden.“
Eine Schere als Ausbruchswerkzeug
Das eingesperrte Dasein regt zu jeder Zeit die Kreativität an. Der nachfolgend
geschilderte Ausbruch, der im Übrigen erfolgreich für die Ausbrecher verlief, hat
Seltenheitswert. Das schätzten die „Görlitzer Nachrichten“ am 22. März 1904 so
ein und berichteten über die Strafkammer-Sitzung vor dem Landgericht Görlitz
vom 19. März 1904. „Der Drang nach der goldenen Freiheit war in dem Eisen dreher
Josef Stepansky aus Bautzen so stark geworden, daß er mit einem Komplizen aus
einer Baracke des hiesigen Gefängnisses ausbrach. Sein Mithelfer drückte die
Türfüllung ein, warf einen aus einer Schere gefertigten Anker über die Mauer, der
an einem Strick befestigt war, und dann zogen sich beide daran hoch. Seinen Frei-
heitsdrang muß er auf neun Monate im Gefängnis unterdrücken.“ Offen sichtlich
währte die geglückte Flucht nicht lang. Die Nachverurteilung für diese Tat brachte
zusätzlich neun Monate Freiheitsentzug für die Täter ein.
22 Kleiner Freistundenhof, Originalzustand von 1910 bis 1994.

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Gefangenenmeuterei
Die nachfolgend geschilderte Normabweichung war für die daran beteiligten
Gefangenen folgenschwer gewesen. Diese Straftat ist am 5. Juli 1905 vor der Straf-
kammer des Landgerichts Görlitz verhandelt worden. Grundlage ist eine Anklage
der Täter durch die Staatsanwaltschaft Görlitz gewesen. Über das Geschehen wird
in den „Görlitzer Nachrichten“ vom 7. Juli 1905 in großer Aufmachung berichtet.
„Als Gefangene sich zusammengerottet und mit vereinten Kräften in der Nacht
zum 12. April der Bäcker Hermann Fiebig von hier, der aus Nieder-Schönweide
(Kreis Teltow) geborene Maurer, Wilhelm Wußmann, der Arbeiter Michael Lubke
aus Lieborn bei Bautzen und der in Neisse geborene Schlossergeselle Josef Wen-
disch einen gemeinsamen Ausbruch unternommen hatten. Die ersten drei Ange-
klagten sind Zuchthauskandidaten. Fiebig ist bekanntlich am 3. Juni wegen des
dreisten Einbruchsdiebstahls in dem Geißlerschen Grundstück zu sieben Jahren
Zuchthaus verurteilt worden. Um einen Ausbruch ermöglichen zu können, hatten
die Meuterer mit Tisch- und Schemelbeinen das Gitter des Zellenfensters ausein-
andergebogen und nachdem sie noch sämtliche zur Verfügung stehenden Bett-
laken, Handtücher usw. zu einem Seile zusammengebunden hatten, ließ sich als
Erster Fiebig vom 2. Stockwerk an dem Seile hinunter, daß aber in halber Höhe riß.
Als die übrigen Angeklagten dies bemerkten, begaben sie sich schleunigst ins Bett.
Der alsbald von einem Aufseher in dem nach der Mittelstraße zu gelegenen Hof-
raume aufgefundene F. stellte sich bewußtlos und gab einige Tage keine Auskunft.
Als der Oberinspektor mit einem Aufseher in derselben Nacht die Zelle betrat, taten
die Angeklagten so, als ob sie fest schliefen. Der zunächst geweckte Wußmann
wunderte sich über den Verbleib Fiebigs. In der heutigen Verhandlung erklärte auf
Befragen nur der Angeklagte Wendisch bereit, sich über den Vorgang auszulassen,
worauf ein gegenseitiges Bezichtigen der übrigen Angeklagten folgte. Die Meuterer
haben einen Schaden von 42 Mark angerichtet. Der Ein- und Ausbrecher Fiebig
wurde zu der am 3. Juni erkannten Zuchthausstrafe zu noch 6 Monaten Zuchthaus,
die Angeklagten Wußmann und Lubke zu je ein Jahr Gefängnis und der weniger
bestrafte Wendisch zu einer Zusatzstrafe von fünf Monaten Gefängnis verurteilt.“
Die erfolgreich verhinderte Lynchjustiz wegen gescheiterter
Resozialisierung
Der Volkszorn kann schnell hochkochen, wenn entlassene Gefangene erneut
schwere Straftaten begehen. Die „Görlitzer Nachrichten“ teilen am 22. April 1910
ausführlich folgenden Fall mit: „Ein aus dem Görlitzer Gerichtsgefängnis Entlasse-
ner begeht 14 Tage nach seiner Entlassung einen Mord, einen Vatermord.
Der Vatermord in Rudolfswaldau
Bei der heute Nachmittag erfolgten Einlieferung des Vatermörders Pazelt zeigte
die in den Straßen angesammelte tief erbitterte Menschenmenge die beste Ab-

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38
sicht, an dem Mörder Lynchjustiz zu
üben, sodaß ein starkes Polizeiaufgebot
den Transport begleiten mußte. Trotz-
dem konnte es nicht verhindert wer-
den, daß am Wilhelmsplatz ein Arbei-
ter aus der Menge hervorsprang und
dem Mörder einen wuchtigen Schlag
mit der Faust versetzte. Der Mörder,
welcher an Handfesseln zwischen
zwei Transporteuren schritt, zeigte ein
zynisches Wesen und musterte höh-
nisch die Menschenmenge. Über das
bereits Berichtete rohe Verhalten des
Mörders nach vollbrachter Tat gehen
uns aus Rudolfswaldau noch weitere
ausführ liche Mitteilungen zu, die von
einer kaum glaublichen Entartung des
Verbrechers zeugen. Danach begab
sich Pazelt sofort nach Verübung des
Mordes in die Wohnung des Vaters, er-
brach dort einen Kasten und entnahm
diesem ein Beinkleid, mit welchem er sich bekleidete. Bei einem Handelsmann
in Rudolfswaldau kaufte er sich Schlips und Kragen, damit er recht sauber an
einem Gestellungskränzchen teilnehmen könne. Bis früh 4 Uhr widmete er sich
dem Tanze und verjubelte das dem ermordeten Vater geraubte Geld. Dabei fragte
er wiederholt, wo eigentlich sein Vater bleibe, der doch gewiß gern an dem Ver-
gnügen teilnehmen würde. Erst früh ging er heim und legte sich zur Ruhe nieder.
Der Mörder, welcher aus Wurzeldorf gebürtig ist, war erst 14 Tage vor der Tat aus
dem Görlitzer Gerichtsgefängnis entlassen worden, wo er eine lange Gefängnis-
strafe verbüßte. Er hatte einen Schausteller, mit dem er im Lande umherzog, einen
Kasten erbrochen und den Geldinhalt geraubt. Soeben trifft die Nachricht ein, daß
auf der Pazeltschen Besitzung noch ein zweites Beil beschlagnahmt wurde, wel-
ches der Täter zur Ermordung des Vaters bereit gelegt hatte. Bei diesem sowohl
als auch bei der blutbefleckten Axt hatte der Mörder zuvor einen Teil des langen
Holzstieles abgesägt, um das Mordwerkzeug besser handlicher zu machen. In
Erwartung der Überführung des Mörders in das Schweidnitzer Gerichtsgefängnis
hatte sich auch am Charlottenbrunner Bahnhofe eine große Menschenmenge an-
gesammelt, welche mit Knütteln, Ochsenziemern usw. bewaffnet, an den Mörder
Lynchjustiz ausüben wollten. Nur mit Mühe gelang es den Sicherheitsorganen, die
erregte Menschenmenge zurückzuhalten.“
23 Weibergefängnis. Revisionsschnitt 1911.

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39
Das Jubiläum des Scharfrichters
Am 1. August 1900 trat ein neuer Scharf richter für das Königreich Preußen sei-
nen Dienst an. Das Amt fiel auf Lorenz Schwietz aus Breslau. Am 26. Juli 1910
vollendete er sein 60. Lebensjahr. Als
Amtsträger stand ihm eine öffentliche
Würdigung zu. Diese nahm die „Görlit-
zer Nachrichten“ am 30. Juli 1910 vor:
„Der Scharfrichter für das Königreich
Preußen, Lorenz Schwietz in Breslau,
vollendete am 26. Juli das 60. Lebens-
jahr. Am 9. August 1900 vollzog er in
Glogau seine erste Hinrichtung. Seit-
dem hat er 87 Personen hingerichtet.
Das Richtbeil, welches Schwietz be-
nutzt, ist aus Silberstahl und 11 Pfund
schwer. Der Scharfrichter erhält für
jede Hinrichtung 100 Mark, das Reise-
geld und 10 Mark Taschengeld, seine
Gehilfen erhalten pro Mann 20 Mark,
das Reisegeld und 7,50 Mark Taggeld.
Schwietz hat bisher in einem Jahre
höchstens 13 Personen, wenigstens 3
hingerichtet.“
Sexualität im Gefängnis
Die Vollziehung von Freiheitsstrafe beeinträchtigt in jedem Fall das Sexualleben.
Fachspezifische Überlegungen dazu stellte der Soziologe Franz Hilbig in seinem
Werk „Das Geschlechtsleben der neuesten Zeit“ im Jahr 1910 an. Er kam zu folgen-
den Ergebnissen: „Die männlichen Sträflinge, die als Weiber, und die weiblichen, die
als Männer gelten wollen, sind in den Gefängnissen in großer Anzahl vorhanden. Die
Laster und die Prostituierten, zu denen sie Anlaß geben, sind der hauptsächlichste
Grund, warum ich, so viel es möglich ist, eine Isolierung der Gefangenen bei Nacht
anempfehle. Ich will nicht schildern, mit welcher Frechheit und Schamlosigkeit diese
sittenlosen Geschöpfe allen Strafen, allen Hindernissen Trotz bieten, um sich den
schändlichsten, unnatürlichsten Ausschweifungen zu überlassen. Die Eifersucht der
Weiber untereinander steigert sich zuweilen bis zum Wahnsinn und führt bis zum
Mord der Ungetreuen. Das Traurigste dabei ist, daß der Sträfling, der dieses Laster
im Gefängnis angenommen hat, es in der Regel nach seiner Entlassung nicht wie-
der ablegen kann. Der Anzug, das Benehmen, der Charakter, die Stimmen dieser
Geschöpfe, die zu gleicher Zeit Mann und Frau sind, sind so auffällig, daß jeder sie
auf den ersten Blick hin von den übrigen unterscheiden kann.“
24
Scharfrichter Lorenz Schwietz (1850–1925).

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40
Erfolgreiche Wiederergreifung
Am 17. März 1911 brach ein Untersuchungsgefangener aus dem Gefängnis aus.
Eine sofortige Reaktion des Personals, im Zusammenwirken mit der Bevölkerung,
ermöglichte die schnelle Wiederergreifung des Flüchtigen. Die Presse teilte am
18. März 1911 dem Leser mit: „Heute Vormittag gelang es dem auf dem Bo-
den des Gefängnisgebäudes arbeitenden Untersuchungsgefangenen Fichtner
zu entweichen. Er erreichte das Dach des Gebäudes und sprang von dort auf
das niedriger gelegene Dach eines Seitengebäudes des Hauses Demianiplatz 28.
Von hier aus schwang er sich wahrscheinlich auf einen in der Nähe stehenden
Baum und ließ sich in den Garten hinunter. Über die Zäune im Wiener Kaffee-
garten angelangt, verbarg er sich unter dem dortigen Musikpavillon, wo er sich
in einen dort liegenden Strohsack einwickelte. Von in den Gärten beschäftigten
Anwohnern wurde der Flüchtende beobachtet. Seitens der Gefängnisbeamten
wurde sofort nach dem Vermißten geforscht. Der nur mit Unterjacke und Hose be-
kleidete Unter suchungsgefangene wurde in seinem Versteck entdeckt und wieder
in siche res Gewahrsam gebracht.“
Hoher Besuch im Postplatz 18
Ministerbesuche bedeuten im Dienstbetrieb einen erheblichen Aufwand, sind gern
gesehen und für die Beteiligten hilfreich. Nachweisbar ist ein Besuch des preußi-
schen Justizministers für den 12. Juli 1911. Die „Görlitzer Nachrichten“ berichten
darüber erst in der Ausgabe vom 14. Juli 1911. „Gestern Nachmittag 5 Uhr 28 Mi-
nuten traf seine Exzellenz der Justiz-
minister Dr. Max von Beseler auf seiner
Inspektionsreise durch Schlesien, von
Lauban kommend, auf hiesigem Bahn-
hofe ein. In seiner Begleitung befan-
den sich die Herren Ministerial direktor
Dr. Mügel und Geheimrat Engelberth.
Zum Empfang auf dem Bahnhofe war
erschienen Herr Geheimer Justizrat
Landgerichtsdirektor Koscky, der die
Herren nach dem Hotel Vier Jahreszei-
ten geleitete. Heute Vormittag 10 Uhr
wurde das Landgerichtsgebäude sowie
das Gerichtsgefängnis einer Besich-
tigung unterzogen. Gegen 1 Uhr kehr-
ten die Herren wieder in das Hotel zu-
rück. Die Herren unternahmen alsdann
zu Wagen eine einstündige Fahrt durch
25 Max v. Beseler (1841–1921),
Preußischer Justizminister 1905–1917.

41
die Stadt und nahmen hierauf das Diner im Hotel ein. Mit dem Zuge um 4 Uhr
9 Minuten verließ der Herr Justizminister nebst seiner Begleitung wieder unsere
Stadt, um nach Berlin zurückzukehren.“
Arbeitsverweigerung
Jeder Gefangene ist grundsätzlich froh, wenn er im Gefängnis einer Beschäf-
tigung nachgehen kann und dafür Geld erhält. Doch es gibt auch Ausnahmen.
Die „Görlitzer Nachrichten“ drucken am 16. April 1912 einen Beitrag über eine
Verhandlung, welche am 12. April 1912 vor der kleinen Strafkammer des Görlitzer
Gerichts stattgefunden hat. „Der Schmied Anton L. aus Waldenburg, welcher im
hiesigen Gerichtsgefängnis wegen Landfriedensbruch eine Gefängnisstrafe von
zwei Jahren verbüßt, wird darin mit Schuhfabrikation beschäftigt; zu dieser Arbeit
hatte er aber nur geringe Lust und bat um andere Beschäftigung, was ihm nicht
gewährt werden konnte. Aus Rache soll er 24 Schuhe verdorben haben. Wegen
Sachbeschädigung erhielt er vom hiesigen Schöffengericht eine Woche Gefäng-
nis auferlegt, doch gab er sich damit nicht zufrieden und legte Berufung ein. Der
Gerichtshof kann aber auch heute auf Grund der erneuten Beweisaufnahme zu
keiner anderen Überzeugung kommen wie der Vorderrichter und verwirft die Be-
rufung.“ Damit ist uns übermittelt worden, dass im Gefängnis eine Schuhproduk-
tion durch Gefangene stattgefunden hat. Diese Gefängnisschuhproduktion wird
an anderer Stelle noch einmal Bedeutsamkeit entfalten.
Der Gefängnisaufseher mit dem kriminellen Nebenerwerb
wird Gast im eigenen Gefängnis
Am 10. September 1912 geben die „Görlitzer Nachrichten“ einen ausführlichen
Leitartikel heraus. Der Skandal für das Gefängnis ist perfekt und die gewissen-
hafte sowie langjährige erfolgreiche Arbeit des gesamten Personals auf Jahre
ruiniert, als am 9. September 1912 die Verhaftung des ehemaligen Mitarbeiters
erfolgt. Unter der Schlagzeile „Verhaftung eines Gefangenenaufsehers unter dem
Verdacht der Falschmünzerei“ wird ausführlich Berichterstattung gegeben. „Bei
dem Gefangenenaufseher Karl Ludwig in der Löbauerstr. wohnte seit längerer
Zeit ein junger Lithograph, der sich Max Adam nannte und seiner Anmeldung
auf der Polizei heftig entgegensetzte. Er arbeitet wenig und doch lebte er herrlich
und in Freuden. Er machte große Reisen ins Ausland, namentlich in die Schweiz
und kam nach ungefähr 8–11 Tagen regelmäßig mit wohlgefüllter Geldbörse zu-
rück. Dieses Treiben konnte schließlich seinem Wirt nicht unbekannt bleiben; er
kam dann auch dahinter, daß der Mann falsche Hundertmarkscheine anfertigte
und auf seinen Reisen umwechselte. Anstatt nun den Menschen zur Anzeige zu
bringen, ließ er sich von diesem überreden, mit zu machen. An für L. freien Tagen
machten beide Ausflüge nach Dresden, überhaupt nach Sachsen, und suchten,

42
die falschen Scheine umzuwechseln, indem sie Kleinigkeiten kauften, einen der
falschen Scheine in Zahlung gaben und sich den überschießenden Betrag aus-
zahlen ließen. In Dresden gelang es ihnen auch, falsche Scheine los zu werden.
Am Freitag machten sie auch eine solche Spritzfahrt nach Lauban; sie kauften
beim Fahrradhändler Brückner ein Fahrrad und gaben einen ihrer Scheine in Zah-
lung. Dem Händler kam aber der Schein nicht echt vor, er benachrichtigte die
Polizei, welche erschien und den Ludwig festnahm, während sein Begleiter – es
war Adam – entfloh und noch nicht verhaftet werden konnte. Ludwig ist verheira-
tet und Vater eines Kindes. Er steht bereits 18 Jahre im Dienste des Gerichts und
ist vor ungefähr fünf Jahren von Oppeln nach Görlitz versetzt worden. Er galt als
ein pflichttreuer und tüchtiger Beamter, dem man nicht Schlechtes nachsagen
konnte. Neuerdings wird er aber mit dem in dem vergangenen Jahre bei der hie-
sigen Staatsanwaltschaft ausgeführten Diebstahl, der noch nicht aufgeklärt ist, in
Zusammenhang gebracht. Was den Beamten auf diese schiefe Bahn gebracht
haben kann, ist unbegreiflich, da er in geordneten Verhältnissen lebte und keine
großen Ansprüche ans Leben stellte. Von anderer Seite wird uns die Verhaftung
wie folgt geschildert: Aufsehen erregte die am Freitagnachmittag in Lauban er-
folgte Verhaftung des Gefangenenaufsehers Karl Ludwig von hier, Löbauerstr. 32
wohnhaft. In dem Langenölser Filialgeschäft des Laubaner Fahrradhändlers woll-
ten zwei Männer bei einem Fahrradkauf falsche Hundertmarkscheine in Zahlung
geben. Die Frau des Geschäftsinhabers merkte den Schwindel, und es gelang
der telephonisch benachrichtigten Laubaner Polizei, den einen der Männer, und
zwar Ludwig, zu ergreifen und zu verhaften, während sein Mittäter flüchtig wurde.
Letzterer, der als Verfertiger der Scheine im Betracht kommt, ist ein Lithograph,
namens Adam, der bei Ludwig gewohnt hatte und zuletzt bei einer hiesigen
Firma beschäftigt war. Eine Haussuchung bei Ludwig förderte etwa 200 weitere
gefälschte Scheine zutage. Die Fälscher hatten sich die Umgegend ausgesucht,
um die falschen Scheine umzusetzen; glücklicherweise gelang es aber beizeiten,
dem betrügerischen Treiben ein Ziel zu setzen. Über die Ausgabe von falschen
Hundertmarkscheinen wird in Dresden geschrieben: Falsche Hundertmark-
scheine sind am 4 d. Mts. in Dresden von zwei Männern ausgegeben worden;
diese Schwindler suchten Geschäfte auf, in denen nur Damen anwesend waren,
gaben entweder den falschen Schein in Zahlung, oder sie haben gekaufte Waren
mit anderem Gelde bezahlt und sich den Schein wechseln lassen. Es ist für ihre
Ermittlung eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt worden.“

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43
Badeanstalt im Gefängnis
Das Jahr 1912 ist auch in anderer Hinsicht ein ereignisreiches gewesen. In der
Mitte des Gefängnisses ist eine Badeanstalt errichtet worden, mit Duschen und
Wannenbädern. Das Bad und dessen Nutzung erfreuten sich größter Beliebtheit,
nicht nur bei den Gefangenen. Die Nutzung war auch für die Beamten möglich.
Zu dieser Zeit hatten die Wohnungen in der Stadt wohl kaum solche Ausstattun-
gen. Aus diesem Grund fand diese Möglichkeit beim Personal regen Zuspruch.
Die Inanspruchnahme der Badeeinrichtung kostete pro Person für eine Nutzung
0,06 Reichsmark. Einmal im Monat, jeweils zum Monatsende, sind die „Badelisten“
durch den Verwaltungsinspektor des Gefängnisses an die Gerichtskasse mit der
Begleichung des Betrages übersandt worden. Obwohl die Listen einsehbar gewe-
sen sind, ließ sich ein interessanter Fakt nicht aufklären. Die Listen enthalten nur
Familiennamen. Die Vornamen fehlen. Daher lassen sich die daran teilnehmenden
Geschlechter nicht bestimmen. Die Archive lassen uns im Unklaren darüber, ob
weibliche und männliche Bedienstete die Badeanstalt gemeinsam sowie zur glei-
chen Zeit genutzt haben. Die Vergangenheit hat einen Schleier des Vergessens
über das Ereignis gezogen. So soll es bleiben.
26 Badeanstalt des Gefängnisses im Jahre 1912.

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Blühender Tauschhandel
Am 15. Oktober 1915 sandte der Gefängnisvorstand, Gefängnisoberinspektor
Scheike, ein Schreiben an das Königliche Hochbauamt Görlitz ab. Darin fordert er
die schnelle bauliche Abriegelung des Anstaltsvorgeländes, um die Bevölkerung
daran zu hindern, unmittelbar an das Gefängnis herantreten zu können. Dem Haft-
haus vorgelagert befand sich eine zweistöckige Arbeitsbaracke. In der oberen Etage
befand sich die Schuhmacherei. Hier wurden die schon an anderer Stelle erwähn-
ten Schuhe hergestellt. Die Verbindung der Bevölkerung zu ihrem Gefängnis war
schon immer von Zuneigung geprägt und die Lederschuhe machten diese richtig
attraktiv. Andererseits ließen die in der Arbeitsbaracke beschäftigten Gefangenen
nichts unversucht, um ihrerseits Kontakte zur Bevölkerung herzustellen. Mit den
begehrten Lederschuhen wurde ein blühender Tauschhandel aufgezogen. An Stri-
cken ließen die Gefangenen die Lederschuhe in Paketen in das Vorgelände hinab.
Die freien Tauschpartner hängten im Gegenzug Esswaren, Tabak und Alkohol an
den Strick. Um dieser Illegalität den Riegel vorzuschieben, sind noch 1915 an den
dem Gerichtsgebäude zugewandten Fenstern zusätzliche Verblendungen sowie
engmaschiges Drahtgeflecht angebracht worden. Später erfolgte die Abgrenzung
des gesamten Vorgeländes. Herr Gefängnisinspektor Scheike hatte also nicht nur
Papier bewegt, sondern die Angelegenheit für sich erfolgreich gestalten können.
Den Gefangenen ist ermöglicht worden, bei klarem Verstand bleiben zu dürfen.
27 Gerichtsgefängnis. Zustand im Jahre 1910.

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Gesellschaftlicher Wandel hinter den Gittern
Die Zeit der Weimarer Republik brachte für die Gefangenen Erleichterungen und
mehr Rechtssicherheit. In Görlitz bestanden die Zellentüren aus massivem Holz,
waren in Richtung Zelle mit Blech ausgeschlagen und in der Tür befand sich
der obligatorische Spion. Die Mahlzeiten sind dreimal täglich in den Haftraum
durch die Essenklappe gereicht worden. Die Gefangenen wurden vereinzelt un-
tergebracht und Begegnungen untereinander vermieden. Selbst beim täglichen
Hofgang waren Unterhaltungen verboten. In einem aus dem Jahr 1921 stammen-
den zeitgenössischen Bericht heißt es an die Oberbehörde: „Die Gefangenen sind
soweit voneinander entfernt, dass ein gegenseitiges eingehenderes Ausfragen,
Unterhalten und Beeinflussen oder gar ein allgemeines Paktieren, Aufreizen und
Zusammenrotten, wozu es bei gewissen Elementen, die in unserer heutigen Ge-
fängnisbevölkerung reichlich vorhan-
den sind, nur eines Anstoßes bedürfte,
nicht stattfinden kann, ohne dass dies
von den Aufsichtsbeamten alsbald be-
merkt werden könnte.“
Der Umgang und die Behandlung der
Gefangenen waren detailliert geregelt.
Die Wahrung der Rechte des Gefan-
genen wurde beachtet, wobei ande-
rerseits strenge Zucht und Ordnung
vorgeschrieben waren. So schreibt eine
Dienst- und Vollzugsordnung aus dem
Jahr 1923 vor: „Bei der Behandlung al-
ler Gefangenen ist jede in den Gesetzen
und den Ausführungsvorschriften nicht
zugelassene Schärfung oder Milderung
des Vollzuges verboten. Jede Unge-
bühr gegen Gefangene, wie Schimp-
fen, Stoßen, Schlagen und dergleichen
ist untersagt. In dem Verkehr mit den
Gefangenen und ihren Angehörigen ist
jede Schroffheit zu vermeiden. Bei dem
Vollzug der Strafen sind mit der Zufü-
gung des Strafübels und mit der Auf-
rechterhaltung von Zucht und Ordnung
geistige und sittliche Hebung, Erhal-
tung der Gesundheit und Arbeitskraft,
gleichmäßig in den Einzelheiten und
Gemeinschaftshaft anzustreben!“
28 Haftraumtür. Originalzustand aus dem
Jahre 1910.

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Strafen und Belohnen
Zur Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung gab es in der Vollzugsordnung aus
dem Jahr 1923 umfangreiche Möglichkeiten. Einerseits waren folgende Diszip-
linar strafen in dieser Zeit zulässig:
– Verlust der Arbeitsvergütung bis zu 3 Monaten,
– Kostschmälerung bis zu Wasser und Brot,
– hartes Lager,
– einfacher Arrest bis zu 21 Tagen,
– verschärfter Arrest bis zu 14 Tagen
(also mit Kostschmälerung und/oder hartem Lager),
– enger Arrest bis zu 10 Tagen
(durch Lattenkonstruktion nur Stehen und Sitzen möglich),
– Dunkelarrest,
– enger und dunkler Arrest,
– Lattenrarrest (nur das Stehen möglich).
Andererseits konnten folgende Vergünstigungen gewährt werden:
– Halten einer Tageszeitung,
– Rauchen,
– Ausschmückung der Zelle durch Bilder und Blumen,
– Anschaffung eines Kalenders,
– Schriftliche Arbeiten oder Aufzeichnungen oder Zeichnen und
Beschaffung der dazu erforderlichen Geräte,
– bei Einzelhaft Beleuchtung eine bestimmten Zeit lang nach dem Einschluss,
– eine zweite Freistunde, in der auch Turnübungen usw. zugelassen werden
können,
– bei Einzelhaft Befreiung von der Verpflichtung, nach Vollendung des
täglichen Arbeitsmaßes während der Arbeitszeit, die Arbeiten fortzusetzen,
– Selbstbeschäftigungen.
Über erstere und letztere Maßnahmen entschied allein der Anstaltsdirektor.
Das Berufsbild des Anstaltsleiters
Die Direktoren der jeweiligen Anstalten standen in direkter Unterstellung zum
Ministerium, führten die Oberaufsicht über die Anstalt und konnten im Übrigen,
freilich im Rahmen der von ministeriellen Verordnungen gezogenen Grenzen,
rela tiv frei schalten und walten. Ihnen stand die Disziplinargewalt über alle ihnen
unterstehenden Beamten, mit Ausnahme des Kündigungsrechts, das dem Minis-
terium vorbehalten blieb, zu. Ein Direktor jener Zeit sah seine Verantwortung als

47
Machtträger. Im Jahr 1923 beschrieb ein dem Autor unbekannter Vollzugsjurist
sein Berufsbild so:
„Machträger ist die Direktionsgewalt des Anstaltsleiters, gleichsam des Komman-
danten eines mit gefährlicher Last durch die Klippen steuernden Schiffes, der
allein die Verantwortung für richtigen Kurs und sichere Fahrt, Zucht und Ordnung
an Bord trägt.“ Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch, dass für das gesamte
Personal, einschließlich des Anstaltsleiters, eine Entwaffnung verordnet war. Es
durften innerhalb und außerhalb des Dienstes keine Säbel (höhere Beamte) oder
Bajonette (Aufseher) mehr getragen werden. Die Beamten kämpften verbissen um
die Erhaltung dieses Vorrechts. Oberbehördlich verblieb es bei der waffenlosen
Entscheidung.
Pünktlichkeit und Ordnung
Für die Gefängnisaufseher gab es ein Handbuch. Dieses enthielt für die Bewältigung
des Gefängnisalltages viele gut gemeinte Hinweise. Obwohl es älteren Datums ge-
wesen ist, gab es nichts Vergleichbares. Im Auftrag der Rheinisch-Westfälischen
Gefängnisgesellschaft schrieb das Werk 1888 der Waldheimer Anstaltsinspektor
und Premierleutnant a. D. Johann-Bernhard Roßny. Das Nachschlagewerk ver-
breitete sich in allen Gefängnissen des Deutschen Reiches. Pünktlichkeit und Ord-
nung gehörten zu den wesentlichsten Vorbildwirkungen des damaligen Personals.
Die folgenden Passagen geben uns heute noch einen guten Einblick in das Ge-
fängniswesen. „Du weißt, dass hier alle Beamten, mit Ausnahme der Geistlichen
und Lehrer, Uniform tragen. Es ist dies aus polizeilichen und dienstlichen Gründen
nur für zweckmäßig zu erachten. Durch die Uniform ist schon angedeutet, daß
man von den Trägern derselben ein straffes Auftreten verlange und daß hier auch
unter den Beamten eine scharfe, der militärischen ähnliche Disziplin herrscht.
Wenn ich Dir bei unserer ersten Besprechung die Gefangenen als Feinde der
bürgerlichen Gesellschaft wie aller Autorität, Zucht und Ordnung bezeichnete, so
ist ohne weitere Beweisführung begreiflich, daß innerhalb der zur Beaufsichtigung
dieser Elemente befohlenen Beamtenkategorien eine nicht minder strenge Diszip-
lin aufrecht zu halten ist.“ Der hier zitierte Abschnitt ist für mehrere Jahrzehnte Voll-
zugspolitik prägend, denn der gefangene Mensch wird als Feind der Gesellschaft
definiert. Weitere Lehrsätze des Anstaltsoberinspektors Roßny machen den Be-
trachter aufmerksam auf Wesentliches für die Dienstdurchführung. „Bringe mit,
was Du Dir unter der militärischen Disciplin, in dieser strengen aber guten Schule
zu Eigen gemacht hast: das pünktliche Befolgen gegebener Befehle, den Sinn der
Sauberkeit und Ordnung in allen Details, die straffe Ausführung aller Dienstpflich-
ten, aber fühle Dich im Uebrigen in Deinem neuen Berufe als Lehrling und Rekrut.
Du wirst sehr bald erfahren, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, mit Gefan-
genen zu verkehren oder mit freien Menschen. Deshalb eignet sich auch nicht ein

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Jeder für den Gefängnisdienst, da zur ersprießlichen Erfüllung der in demselben
erwachsenden Pflichten besondere Eigenschaften verlangt werden müssen, die
nicht allzu häufig anzutreffen sind. Wir verlangen von einem Aufseher, dass er
im Stande sei, sich klar und deutlich auszudrücken, eine schriftliche Anzeige in
leserlicher Schrift und verständlicher Form zu erstatten, sowie die Arbeits- und
sonstigen Listen, Verzeichnisse und Journale gewissenhaft zu führen. Was die
Persönlichkeit anbelangt, so soll der Aufseher sich einer kräftigen Gesundheit, die
er für den anstrengenden Gefängnisdienst braucht, erfreuen und muß zuverlässig,
nüchtern, wahrheitsliebend, energisch, umsichtig, thätig, äußerlich wohlanständig
sein. Wenn diese Eigenschaften sich bei vielen ehemaligen Unteroffizieren finden
werden, so entsprechen doch einer anderen Forderung, wenigstens beim Eintritt,
recht wenige. Der Aufseher muß vor Allem ein gewisses Wohlwollen, ich will es
selbst wagen es auszusprechen, er muß eine gewisse Liebenswürdigkeit haben.
Und aus diesem Wohlwollen folgen dann zwei weitere nicht minder nöthige Eigen-
schaften für den Dienst an den Gefangenen, Geduld und Ruhe. Der Strafanstalts-
beamte jeden Grades soll den Sträflingen gegenüber immer leidenschaftslos und
gleichmüthig sein, aber wohlverstanden, nicht gleichgültig, willkürlich und herzlos.
Das kommt manchem Neuling hart an, und doch muß die Direktion im Interesse
der Zucht und Ordnung, welche unter den Gefangenen herrschen soll, an dieser
Forderung, ruhig und gleichmütig zu bleiben, festhalten.“
Durchherrschung und Reglementierung im national-sozialistischen Staat
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich das Haftregime,
welches sich absolut in menschenverachtender Art und Weise verschärft hatte.
Der allgemeine Terror zeigte sich auch unter den Bedingungen der Haft. Die
neuen „Dienstvorschriften“ dienten der totalen Isolation der Gefangenen und de-
ren Einschüchterung. Der Vollzug wurde durch normierte und systematisierte Vor-
schriften geprägt. An der Tagesordnung waren Unberechenbarkeit, Unwägbarkeit
und Willkür des Personals gegenüber den Gefangenen. Die Beschwerde- und
Petitionsmöglichkeiten sowie gerichtlichen Überprüfungsmöglichkeiten durch die
Gefangenen wurden sofort abgeschafft. Die Lebensbedingungen für die Gefange-
nen waren geprägt durch militärischen, bis zur Perversion gesteigerten Drill, durch
zum Teil völlig sinnlose Arbeitsverrichtung sowie Einflussnahme auf die Gefange-
nen als Staatsfeinde, die für geringste Vergehen mit drakonischen Strafen belegt
worden sind. Im Jahr 1934 traten gravierende Veränderungen ein. Das betraf auch
die Dienstkleidung. Am 28. April 1934 verordnete die Oberbehörde bezüglich des
Hoheitszeichens an der Dienstmütze: „Vom 1. Mai 1934 haben alle zum Tragen
von Dienstkleidung verpflichteten Justizbeamten an der Dienstmütze die deut-
sche Kokarde und darüber in der Mitte des Seitenteils das Hoheitszeichen nach
dem Muster der Polizei mit blankem Hakenkreuz zu tragen.“ Nach der Macht-
ergreifung und den darauf folgenden Jahren gingen die nationalsozialistischen

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Machthaber daran, militärische Formen in den Anstalten sowohl beim Personal
als auch gegenüber den Gefangenen sofort wieder einzuführen. Die liberalisierte
Form des Strafvollzuges der Weimarer Republik wurde restlos beseitigt. Das betraf
zum Beispiel die Abschaffung der Anstaltsbeiräte und die Elemente der Gefange-
nenfürsorge in den Anstalten sowie außerhalb dieser. Weiterhin wurde der relativ
großzügige Bezug von Büchern, Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen
der vergangenen Jahre restriktiv ins Gegenteil verkehrt. In Größenordnungen
mussten die Gefangenenbibliotheken Bücher aussortieren und vernichten. Mit der
neuen Strafvollzugsordnung vom 25. September 1933 kamen als tragende Voll-
zugsziele die Vergeltung und Abschreckung zur Anwendung. Das Entgegenkom-
men gegenüber Gefangenen galt nunmehr als verpönt. Im Vordergrund hatten
Zucht und Ordnung, Straffreiheit sowie Gehorsam zu stehen. Auch das gesamte
Schließsystem, Haftraum- und Durchgangsschlösser, ist in Görlitz komplett ge-
wechselt worden. Mit dem Jahr 1935 war dieser Prozess der „Umgestaltung“ in
allen Anstalten des Reiches abgeschlossen. In der Folgezeit sind nicht wenigen
arbeitslosen NSDAP-Mitgliedern und SA-Leuten Arbeitsplätze in den Anstalten als
Beamte zugeschanzt worden. Dies ging einher mit zielgerichteten Entlassungen
im Stammpersonal, wenn diese für sich und Familienangehörige ersten Grades
nicht nachgewiesen hatten, dass sie arischer Abstammung waren. Auch unwil-
lige oder sich „unvölkisch“ verhaltende Beamte wurden ohne Rücksicht auf so-
29 Haftraumschloss aus der Zeit von 1934 bis 1945.

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ziale Belange geschasst. Als 1939 der Krieg begann, endeten alle Ausbau- und
Umbauprogramme in den Anstalten. Das Anstaltspersonal, welches in aller Regel
nicht zum Kriegsdienst einberufen wurde, ging zurück. Abgänge vom Personal
fanden keinen Ersatz mehr.
Nach wiederholter Durchsicht der fragmentarisch vorhandenen Dokumente ergibt
sich, dass die Gefängnisse permanent mit Überbelegungen zu kämpfen hatten.
Eine umfangreiche Ausrüstung der Bediensteten hatte nicht nur schmückenden
Charakter, galt es doch, die Ausrüstung und Waffen ggf. gegen die Gefangenen
in Anwendung zu bringen. Zur typischen Ausrüstung und Bewaffnung jener Zeit
gehörten:
– Säbel,
– Seitengewehre,
– Koppelzeug aus schwarzem Blankleder,
– Schulterriemen aus schwarzem Blankleder,
– Faustriemen,
– Portepees,
– Signalpfeifen mit vernickelter Kette,
– Handschellen,
– Überschnallkoppel,
– Unterschnallkoppel,
– Pistole Walther, Modell PP Kaliber 7,65 cm
– Karabiner.
Reichlich vorhandene Bedarfsträger belieferte die Solinger Waffen- und Metall-
warenfabrik CLEMEN & JUNG, das zu dieser Zeit führende Unternehmen für die-
sen spezifischen Bedarf. Das Unternehmen wurde 1860 in Solingen gegründet
und hatte seinen Sitz auf der Florastraße 54. Neben den Justizanstalten und der
Bedarfsabdeckung bei der allgemeinen Justiz sowie den Staatsanwaltschaften
sind weiterhin das Militär, die Polizei, die Feuerwehr, Theater und solche Vereine
für Schützen, Jäger und Sportler umfassend beliefert worden. Im Inneren der Ge-
fängnisse sah es jedoch ganz anders aus. Obwohl nicht normiert, waren Prügel-
strafen gegenüber Gefangenen an der Tagesordnung. Das belegen viele Berichte
der Betroffenen. Besonders traten dabei immer wieder die nach 1934/1935 ange-
stellten Bediensteten hervor. Beschwerden bzw. Klagen der Gefangenen über die
Verpflegung gehörten jetzt zur täglichen Übung. Wer sich beschwerte oder sonst
auffällig war, wurde in anderen Abteilungen eingesetzt und erhielt schlechtere
Arbeit zugewiesen. Die Arbeitszeit verlängerte sich für die Gefangenen auf täglich
12 Stunden, das Arbeitspensum wurde enorm erhöht. Während die politischen
Gefangenen besonders getrennt gehalten wurden und nur im Innenarbeitseinsatz
tätig sein durften, bekamen die kriminellen die besseren Arbeitsplätze mit grö-

51
ßeren Verdienstmöglichkeiten zugewiesen. Die erste Gruppe verbüßte die Strafe
in strengster Einzelhaft. Alle anderen Gefangenen hatten sich mit Massenunter-
künften zu begnügen.
Licht und Schatten
In der Bahnhofstraße 34 wohnte der 1894 geborene Bruno Göldner. Er war als
Druckerei-Hilfsarbeiter bei der Görlitzer Volkszeitung beschäftigt. Er unterstützte
Familien, deren Väter inhaftiert waren. Dafür kam er selbst in Haft. Vom 2. April
1937 bis zum 31. März 1938 war er im Gefängnis auf dem Postplatz inhaftiert. Weil
seine Ehefrau keinen Ausweg sah, nahm diese sich während seiner Inhaftierung
das Leben. In einem Erlebnisbericht gab Herr Göldner zu Protokoll: „Ich lag ganz
oben unter dem Dach auf der Station V. Ich kann mich noch an folgende Ereig-
nisse im Gefängnis erinnern. Einmal sprach ich den Kalfaktor wegen einem Blei-
stift an. Der Kalfaktor hat mich dem Aufsichtspersonal gemeldet. Ein kleiner dicker
Hauptwachtmeister kam zu mir und beschimpfte mich, daß ich den Kalfaktor zu
einer unerlaubten Handlung verleiten wollte. Er benannte mich mit verschiedenen
Schimpfwörtern. Es handelt sich um den Hauptwachtmeister Heidrich, der auch
einen Säbel trug. Mir gegenüber hat sich auch der Gefängnisdirektor Emmerich
human und menschlich verhalten. Er war ein feiner Mann. Später, als ich wegen
dem Tode meiner Frau etwas deprimiert war, kam Emmerich zu mir und machte
mir Mut. Er sagte sinngemäß: Göldner, wenn du dir etwas antust, verliere ich die
Achtung vor dir, bleibe tapfer, was du dir eingebrockt hast, mußt du auch aus-
löffeln.“
Traurige Weihnacht
Das Görlitzer Händlerehepaar Matzel führte auf der Hohestraße 3 ein Lebensmit-
telgeschäft. Von diesem aus wurde das Gefängnis mit Lebensmitteln beliefert, eine
Verkaufsstelle für den Gefangeneneinkauf und die Personalkantine bewirtschaftet.
Das Ehepaar Matzel belieferte das Gefängnis von 1925 bis Mai 1945. Die offen-
sichtlich gute Arbeit der Händler würdigte die Anstaltsleitung mit regelmäßigen
Einladungen zur Teilnahme an der Gefangenenweihnachtsfeier. Frau Elsa Matzel
erinnerte sich: „Die Gefängnisverwaltung hat uns zur Teilnahme an einer Weih-
nachtsfeier in der Gefängniskirche eingeladen. Das war vor dem 2. Weltkrieg in
der Zeit zwischen 1930–1939. Der Weihnachtsbaum war sehr schön geputzt und
um 2 Meter hoch. Wir haben beide neben den leitenden Herren des Gefängnisses
in der 1. Reihe gesessen. Bei dieser Feier hat ein Teil der Männer auch geweint.
Damals war schon Emmerich der Direktor. Er war auch ein sehr netter Herr.“

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52
Eine Kuhglocke gewährt Einlass
Die Lebensmittelhändlerin, Frau Elsa Matzel, musste mehrmals wöchentlich dem
Gefängnis einen Besuch abstatten. Dabei erlebte die Einlass Begehrende das Zu-
trittsprozedere folgendermaßen: „Erwähnen möchte ich noch, daß man die erste
Zeit vor dem Gefängnis an einer Glocke, einer Kuhglocke ähnlich, ziehen mußte.
Die Gefängnispforte befand sich in der Ecke oben im ersten Stock. Nach dem
Läuten hat ein Gefängnisbeamter oben zum Fenster hinausgesehen und dann
die Tür aufgemacht. Später kam eine elektrische Klingel an das Tor.“ Der Post-
platz 18 hatte den Krieg äußerlich ohne Zerstörungen überstanden. Durch die
bedingungslose Kapitulation und die Flüchtlingsströme sowie die Befehlsgewalt
der sowjetischen Besatzungsmacht sind die Lebensverhältnisse der Bevölkerung
umfassend verändert worden. Der Dienst in den Gefängnissen bis Mai 1945 hatte
für die betreffenden Bediensteten weitreichende Folgen, insbesondere für jene,
welche in der sowjetischen Besatzungszone verblieben.
30 Anstaltskirche, Zustand 1910 bis 1945.

53
Neuordnung des Staatswesens in der sowjetischen Besatzungszone –
Herausbildung anderer Vollzugssysteme
Die bedingungslose Kapitulation am 7. Mai bzw. 9. Mai 1945 beendete folgerichtig
die Existenz des national-sozialistischen deutschen Staates. Am 7. Mai in Reims
(US-Hauptquartier) und 9. Mai in Berlin-Karlshorst (sowjetisches Hauptquartier)
bestätigten die deutschen Generalfeldmarschälle Keitel für die Wehrmacht, Friede-
burg für die Marine und Stumpff für die Luftwaffe mit ihrer Unterschrift, dass die
Waffen sowohl gegenüber dem Westen als auch dem Osten bedingungslos ge-
streckt sind. Dieses Ende war total. Mit dem Einmarsch der Alliierten waren diese
sich in den Grundzügen durch die Beschlüsse von Jalta im Februar 1945 sowie im
zähen Ringen auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli 1945 bis 2. August 1945
darüber im Klaren, was im besetzten Deutschland geschehen sollte:
– Wiederherstellung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage,
– Ausübung der obersten Gewalt durch die vier Oberbefehlshaber,
– Bildung eines Alliierten Kontrollrates, dem deutsche zentrale Verwaltungs-
abteilungen zu unterstellen waren,
– Dezentralisierung der deutschen Wirtschaft und ihre Beaufsichtigung
durch die Alliierten,
– Ausbau der Landwirtschaft als künftig wichtigsten Wirtschaftszweig,
– Entmilitarisierung und Entnazifizierung Deutschlands,
– Realisierung der Reparationsleistungen für die Sowjetunion in Höhe von
20 Milliarden Dollar durch Entnahme aus ihrer Besatzungszone.
Von diesen vereinbarten Zielen ausgehend entwickelten sich in den einzelnen
besetzten Zonen äußerst unterschiedliche Formen der Ausgestaltung. Das Land
Sachsen gehörte zum Machtbereich der Sowjetunion, welche in ihrer Besatzungs-
zone eine Politik zur Bildung eines Staates nach sowjetischem Vorbild betrieb. Dies
wiederum führte zur Herausbildung einer umfangreichen Militärgerichtsbarkeit
der sowjetischen Besatzungsmacht mit unmenschlichen Internierungslagern des
NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der Sowjetischen Besat-
zungsmacht) und unzähligen Haftkellern der militärischen Dienste. Vorbenanntes
soll und kann an dieser Stelle nicht weiter betrachtet werden. Jene Delikte, welche
die Besatzungsmacht mit den ihr genehmen deutschen Stellen in Absprache nicht
verfolgte, fielen in den Amtsbereich der Deutschen Justizverwaltung (DJV), welche
auch die Verantwortung für die noch funktionierenden Untersuchungs- und Straf-
gefängnisse besaß. Diese Zuständigkeit der DJV ergab sich aus dem Befehl Nr. 17
vom 27. Juli 1945 der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland).
Zur Regelung der Strafvollzugsangelegenheiten bildete die DJV innerhalb ihres
Verwaltungsapparates eine eigene Abteilung Strafvollzug, welche die zentrale Ko-
ordination ihr untergeordneter Abteilungen Strafvollzug in den Ländern der sow-

54
jetischen Besatzungszone (SBZ) übernahm. Die Zustände in den Anstalten nach
dem Krieg waren katastrophal. Nicht einmal ausreichend Essen war weder für
die Gefangenen noch für das Personal vorhanden. Ausbrüche und Entweichun-
gen Gefangener waren an der Tagesordnung. Bereits ab 1947 wandelte sich das
Herangehen gegenüber den Gefangenen von deren Erziehung zum Primat der
Sicherheit. Die Rufe, das Gefängniswesen von der Justiz zur Innenverwaltung um-
zulagern, wurden täglich lauter. Aus politischen Gründen war dieser Schritt noch
nicht auf der Tagesordnung, denn die Besatzungsmacht und die deutschen, meist
kommunistischen Entscheidungsträger hofften auf eine deutsche Einigung nach
sowjetischem Muster. Am 31. Oktober 1945 befanden sich 2.700 Gefangene in
der Obhut der DJV. Die Gefangenenzahlen in der SBZ stiegen sprunghaft an und
erreichten im April 1949 22.000 Gefangene in den der DJV unterstellten Anstalten.
Diese Entwicklungen schlugen selbstverständlich auch im Personalbereich durch.
Die von den Alliierten beschlossene Entnazifizierung wird in diesem Bereich be-
sonders gründlich vorgenommen. Die Einsetzung, Ablösung oder Versetzung von
Personen, welche in Anstaltsleitungen tätig sind, erfolgt ausschließlich durch die
SMAD, wobei die deutschen Stellen nicht einmal ein Mitspracherecht haben. Bis
zum Jahr 1952 waren alle ehemaligen Gefängnisbediensteten vom Dienst entfernt
worden. In der Zeit von 1945 bis 1952 befand sich der Strafvollzug in mehreren
Verantwortlichkeiten:
– Der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland der
Sowjetischen Besatzungsmacht),
– dem NKWD (Narodni Kommissariat Wenutrennich Djel = Volkskommissariat
für innere Angelegenheiten, Sowjetische Geheime Staatspolizei, aus Tscheka
hervorgegangen, später in KGB unbenannt, der Sowjetischen Besatzungs-
macht),
– dem Innenministerium/ Polizei,
– der Justiz und
– dem späteren MfS (Ministerium für Staatssicherheit der DDR).
Entsprechend den Wünschen der Moskauer Beratungsoffiziere sowie dem Willen
der SED- und Staatsführung der DDR und deren Ankündigung im Oktober 1949,
dass die SMAD beabsichtigt, alle von ihrer Seite aus gefangen gehaltenen Perso-
nen in absehbarer Zeit an die Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei übergeben
zu wollen, verordnet die Regierung der DDR am 16. November 1950 die Verant-
wortungsübernahme für den Strafvollzug durch das Innenministerium („Verord-
nung zur Übertragung der Geschäfte des Strafvollzuges auf das Ministerium des
Innern der DDR“; Gesetzblatt der DDR Nr. 133/1950, S. 1165f.). In Berlin wird als
zentrale Verwaltungseinheit für den Strafvollzug zunächst die „Abteilung Strafvoll-
zug“ (1947–1949), danach in Aufwertung der Tätigkeit die „Hauptabteilung Straf-
vollzug“ (1949–1956) und ab 1956 die „Verwaltung Strafvollzug“ – im Folgenden
nur noch VSV genannt – herausgebildet.

55
Schon am 31. Dezember 1950 wurden die ersten Gefängnisse dem Ministerium
des Innern, Hauptabteilung Strafvollzug, unterstellt. Mit Ablauf des Jahres 1952
waren alle Anstalten der Innenverwaltung zugeordnet. Der Prozess dieser Macht-
konzentration war mithin abgeschlossen. Alle Bediensteten des Görlitzer Gefäng-
nisses am Postplatz gehörten nun der Polizei an.
Systemtreue als oberstes Gebot
Mit dem Prozess der Unterstellung des Strafvollzuges unter das Ministerium des
Innern begann hier eine systemtreue Personalauswahl und deren Schulung. Die
organisatorische Unterstellung des Strafvollzuges beim Ministerium des Innern
erfolgte durch Zuordnung zur Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei. Zu diesem
Zweck wiederum formte sich bei der Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei die
Hauptabteilung Strafvollzug heraus. Deren erster Leiter war VP Inspekteur Karl
Gertich. Am 2. Mai 1952 befand sich der gesamte Untersuchungshaft- und Straf-
vollzug beim Ministerium des Innern, der ab Juli 1951 bis 1959 durch den späte-
ren Generalmajor August Mayer geleitet wurde. Formal geschah die Unterstellung
mit der 2. Durchführungsbestimmung zur Verordnung zur Übertragung der Ge-
schäfte des Strafvollzuges auf das Ministerium des Innern der DDR vom 5.5.1952,
Min. Bl. 1952, S. 47.
Ab 1. Januar 1949 gab es auch für die Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei ein-
heitliche Dienstgradbezeichnungen und Abzeichen, welche in Görlitz alle Gültig-
keit besaßen. Das waren:
– VP-Anwärter,
– VP-Unterwachtmeister,
– VP-Wachtmeister,
– VP-Oberwachtmeister,
– VP-Hauptwachtmeister,
– VP-Meister,
– Offiziersschüler,
– VP-Unterkommissar,
– VP-Kommissar,
– VP-Oberkommissar,
– VP-Rat,
– VP-Oberrat,
– VP-Kommandeur,
– VP-Inspekteur,
– Chefinspekteur der VP,
– Generalinspekteur der VP,
– Chef der Deutschen Volkspolizei.

56
Diese Dienstgrade galten für die Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei bis
Ende des Jahres 1954. Der Görlitzer Gefängnisleiter konnte zu diesem Zeitpunkt
bis zum VP-Rat aufsteigen. Das gründete sich in der Zuordnung zur Kategorie
III dieser Anstalt. Die Kategorie III blieb den kleineren Gefängnissen vorbehalten.
Erhellend ist ein Blick auf die geforderten Voraussetzungen an den Polizisten, um
im Aufsichtsdienst unmittelbar mit den Gefangenen arbeiten zu können.
Der Forderungskatalog beinhaltete:
1. Erfolgreicher Abschluss einer 8-klassigen Volks- bzw. Grundschule mit der
Note „befriedigend“ oder höher bzw. den Besuch einer Abend- oder Volks-
hochschule, in der er sich das allgemeine Grundwissen angeeignet hat.
2. Ein Lebensalter von mindestens 21 Jahren, um eine gewisse Lebenserfahrung
zu besitzen.
3. Gute charakterliche und moralische Eigenschaften.
4. Erfolgreicher Abschluss eines Lehrganges für den Aufsichtsdienst an der ZSV
Radebeul mit der Note „befriedigend“ oder höher und dem Zusatzprädikat
„geeignet für Aufsichtsdienst“.
5. Mindestens 1-jährige Dienstzeit in einem anderen Fachgebiet des SV, z. B. im
Wachdienst des Strafvollzuges.
6. Gutes Allgemeinwissen und geistige Beweglichkeit, pädagogische Eignung,
feste Verbundenheit mit der staatlichen Entwicklung.
7. Seine körperliche Beschaffenheit muss so sein, dass ärztlicherseits keine Ein-
wände bestehen.
8. Mitglied oder Kandidat der Partei bzw. einer Massenorganisation wie FDJ oder
DFD mit aktiver Betätigung.
Die vorbenannten acht Punkte sind um die Jahreswende 1952/1953 als absolute
Mindestanforderung an den Polizisten im Strafvollzugsdienst benannt. Eine Fort-
bildung des Personals war von der Zentrale aus strengstens organisiert. Im ers-
ten Schulungsheft der Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei, Hauptabteilung
Strafvollzug, vom August 1952, sind die Aufgaben des Strafvollzuges in der DDR
deutlich definiert:
„Der Strafvollzug in der Deutschen Demokratischen Republik ist eine Einrichtung
unseres demokratischen Staates, der den Sozialismus planmäßig aufbaut. Es
ist die Funktion des Strafvollzuges, die Strafurteile der Gerichte unseres demo-
kratischen Staates, die zu Freiheitsentziehung, Gefängnis- und Zuchthausstrafe
Verurteilen, zur Vollstreckung zu bringen. Der Strafvollzug hat die Ziele, die sich
unser Staat mit seiner Strafjustiz stellt, zu verwirklichen. Es ist also eine große und
bedeutsame Aufgabe, die unser Staat den Organen des Strafvollzuges auferlegt,
und jeder, der im Strafvollzug arbeitet, muss sich dieser Aufgabe bewusst sein,

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57
um sie richtig erfüllen zu können. Es muss betont werden, dass unser Strafvoll-
zug eine Einrichtung unseres Staates ist, dass er die Aufgaben zu erfüllen hat,
die sich unser Staat mit seiner Strafjustiz stellt; das heißt, dass unser Strafvollzug
nicht außerhalb der politischen Zielsetzung unseres Staates steht, sondern mit
dieser auf das engste verbunden ist. Unsere Strafjustiz dient der Sicherung und
Festigung der volksdemokratischen Grundlagen unserer gesellschaftlichen Ord-
nung. Unsere Gerichte haben die Funktion, diese Ordnung vor ihren Feinden zu
schützen und diejenigen, die sich in dieselbe nicht einfügen und unsere Gesetze
verletzen, zur Ordnung zu rufen und sie durch die Zwangsgewalt des Staates zur
staatlichen und Arbeitsdisziplin anzuhalten. Unsere Gerichte haben damit eine
große Erziehungsaufgabe.“
Der Gefangene ist zum Bestandteil des Feindbildes geworden. Daran ändert sich
in den nächsten 38 Jahren nichts!
31 Haftraumschloss des DDR-Strafvollzuges, sogenanntes Brandenburger Schloss.

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Die Situation der Gefangenen
Alle Umstrukturierungsmaßnahmen im Gefängnis führten nicht zu einer Verbes-
serung der in Görlitz eingesperrten Menschen. Das Gegenteil ist der Fall, denn die
Lebensqualität der Gefangenen verschlechterte sich. Die Bewegungsmöglichkei-
ten engten sich ein, weil in diesem Haus alle Haftstrafen vollzogen worden sind,
einschließlich der Untersuchungshaft. Das führte dazu, dass sowohl weibliche
als auch männliche Gefangene sich hier aufhielten. Eine Hauptaufgabe war der
Vollzug von Freiheitsstrafen an weiblichen Gefangenen, welche alle Arbeit im Ge-
fängnis erhalten konnten. Für die Gefangenen sind der militärische Umgangston,
menschliche Kälte, hohe Arbeitsnormen und die unausgesetzte Reglementierung
besonders belastend gewesen. Vermittelt durch genehmigte Besuchsdurchfüh-
rungen sind immer wieder Informationen über den beschwerlichen Haftalltag an
die östliche und westliche Öffentlichkeit gedrungen. Das war von den Strafvoll-
zugsverantwortlichen nicht gewollt. Es galt gegenzusteuern. Aus diesem Grund
ist der Görlitzer Fotografenmeister Scholz, Bismarkstrasse, beauftragt worden, in
der Anstalt eine Serie von Fotos anzufertigen. Mit diesen Fotos sollte das Wohl-
ergehen der Gefangenen und die Humanität des Strafvollzuges dokumentiert
werden. Die intensive Betrachtung dieser Görlitzer Fotoserie verrät jedoch das
Gegenteil. Verwunderlich ist der Einlass dieses zivilen Fotografen in das festungs-
32 Deutliche Zeichen beim Hofgang.

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59
artig gesicherte Gefängnis. Das dürfte
aus Propaganda gründen erfolgt sein.
Zum Zeitpunkt der Aufnahmen gehör-
ten Blumen keinesfalls zur Ausstattung
der Hafträume. Insbesondere das Hof-
gang-Foto verrät dem Betrachter, dass
die gefangenen Frauen dieses „Schau-
spiel“ ablehnten. Die Wahrheit ist, dass
der Haftvollzug auch in Görlitz auf der
Grundlage einer internen Besprechung
der Innenverwaltung, vollzogen wird.
Die Aufgabenstellung lautet:
„Die Behandlung der Gefangenen
soll nach der von den Nazis für ihre
Gefan genen erlassenen Dienst- und
Vollzugs ordnung von 1940 erfolgen
(Ergebnisprotokoll der Besprechung
vom 2. November 1948).“
Der 17. Juni 1953 im Görlitzer
Gefängnis
Der Volksaufstand in der DDR ging an
den Gefängnissen nicht spurlos vorbei.
Kaum bekannt ist, dass es auf dem Ter-
ritorium der DDR in und vor insgesamt
22 Haftanstalten Proteste gegeben hat.
Aus 12 Anstalten sind insgesamt 1.400
Gefangene befreit worden.
7
In keiner
der 12 Anstalten war die Befreiung der
Gefangenen so total, wie dies auf dem
Postplatz geschehen ist. Hier sind alle
364 Gefangenen befreit worden und es
handelte sich dabei keineswegs nur um
politische Gefangene.
Was hatte sich ereignet?
Die Proteste in den Städten Dresden
und Görlitz nahmen für die Sicherheits-
behörden beängstigende Ausmaße
an. Diese Entwicklung erfasste auch
33 Auftragsbilder arbeitender Gefangener,
um 1950.

60
die Gefängnisse im Bezirk Dresden. Aus diesem Grund gab die BdVP (Bezirks-
behörde der Deutschen Volkspolizei) Dresden am 17. Juni 1953, um 04.45 Uhr,
eine bis dahin nie dagewesene Befehlslage an die nachgeordneten Polizeidienst-
stellen heraus:
Ausrufung der Alarmstufe III (Verteidigungszustand). Das bedeutete kasernierte
Unterbringung des gesamten Personals, Ausgabe der Pistolen und anderer Be-
waffnung. Während der Dienstdurchführung im Hafthaus war das Tragen der
Schusswaffe und des langen Schlagstockes am Mann befohlen. Zusätzlich sollte
jeder Bedienstete Fesselungswerkzeug zur unmittelbaren Verfügung erhalten.
Diese vorgegebene Befehlslage ist in Görlitz ignoriert worden. Andere Quellen
sprechen davon, dass zwischen 6.30 Uhr und 7.30 Uhr am 17. Juni 1953 diese
Befehlslage für die Gefangenen aufgehoben worden sei.
8
Gegen 11.20 Uhr erhielt
der Anstaltsleiter, VP-Rat Heinz Kerinnes, den Befehl aus Dresden, alle Anstalts-
schlüssel in Panzerschränken einzuschließen oder in die Toilette zu werfen. Auf
keinen Fall dürften die Schlüssel in die Hände der Protestanten fallen. Zusätzlich
wurde der Befehl erteilt, eventuelle Angreifer zu erschießen. Der Chef der BdVP
Dresden befahl, die Polizeiobjekte mit allen Mitteln, auch mit Waffengewalt, zu
verteidigen. VP-Rat Kerinnes ignorierte diese Befehlslage. Seine Meinung änderte
er auch nicht, als zwischen 12.00 Uhr und 13.00 Uhr ca. 2.500 Menschen vor
dem Gefängnis erschienen. Teilweise waren die Demonstranten mit Äxten oder
Eisenstangen bewaffnet. Es bestand kein Zweifel, dass diese die Absicht hatten,
die Anstalt zu stürmen und die Gefangenen zu befreien. Heinz Kerinnes lehnte es
ab, auf die wütenden Bürger zu schießen. Er übergab die Anstalt dem Streikkomi-
tee. Die Demonstranten befreiten alle 364 Gefangenen in der Zeit von 13.00 Uhr
bis 14.00 Uhr. Das Personal flüchtete aus der Anstalt, um körperliche Schädigun-
gen durch die befreiten Gefangenen und Demonstranten zu vermeiden. Als am
Nachmittag sowjetische Truppen ins Gefängnis kamen, fanden diese die Anstalt
offenstehend, menschenleer und die unverschlossenen Hafträume vor.
9
Bis Ende
Juni 1953 hatte die Deutsche Volkspolizei 1.100 befreite Gefangene wieder festge-
nommen. Weitere 1.000 bis 2.000 Menschen nahm die sowjetische Besatzungs-
macht fest, wobei genaue Zahlen und die Inhaftierungsgründe bis zum heutigen
Tag unbekannt sind.
Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes ging es auch dem Anstaltsleiter
an den Kragen. Die Vorgesetzten in Dresden schätzten ein, dass es völlig unsinnig
gewesen sei, dass Kerinnes mit den Demonstranten diskutiert habe. Weiterhin
habe ihm die Entschlusskraft und der Wille zur Verteidigung der Anstalt gefehlt.
10
Der Anstaltsleiter wurde unehrenhaft aus der Deutschen Volkspolizei entlassen. Er
bekam im sich anschließenden zivilen Leben nur noch Arbeit als Hilfsarbeiter. Im
Ergebnis und in Auswertung des Volksaufstandes sind alle VP-Dienststellen mit
Waffen hochgerüstet worden. Das Görlitzer Gefängnis bekam 50 % mehr auto-
matische Handfeuerwaffen und im Jahr 1954 schweres Verteidigungsgerät.

61
Tagesbefehle
In aller Regel wurden aus Anlass des Jahrestages der Deutschen Volkspolizei
am 1. Juli und dem Gründungstag der DDR am 7. Oktober durch den Minister des
Innern und Chef der Deutschen Volkspolizei Tagesbefehle herausgegeben. Diese
Tagesbefehle sind vor der geschlossenen Front der uniformierten und vollzählig
angetretenen Volkspolizisten durch den Anstaltsleiter verlesen worden. Am 1. Juli
1955, dem 10. Jahrestag des Bestehens der Deutschen Volkspolizei, verlas der
Leiter der Strafvollzugsanstalt Görlitz den Tagesbefehl im Schulungsraum. Der In-
halt lautete: „Die Volkspolizei ist entschlossen, den demokratischen Fortschritt und
seine Grundlagen, das gesellschaftliche Eigentum, die öffentliche Sicherheit und
Ordnung, das Leben und das Eigentum der Bürger zu schützen. Sie ist bereit zum
Kampf gegen alle Feinde der Arbeiter- und Bauernmacht, ist wachsam gegenüber
jeglichen Stör- und Sabotageversuchen verbrecherischer Elemente, diszipliniert
und gut ausgerüstet. Es wird weiter eingeschätzt, dass sich die Deutsche Volks-
polizei dank der engen Zusammenarbeit mit den Werktätigen zu einem zuver-
lässigen, schlagkräftigen und jederzeit einsatzbereiten Machtorgan des Staates
entwickelt hat. Sie ist die erste wahrhaft demokratische Polizei in der Geschichte
Deutschlands. Geführt von bewährten und erprobten Genossen der deutschen
Arbeiterbewegung, setzt sie sich in der überwiegenden Mehrzahl aus Arbeitern
und Bauern zusammen, aus Söhnen und Töchtern des werktätigen Volkes in Stadt
und Land. Die Freundschaft zur Sowjetunion und zu allen anderen friedliebenden
Völkern ist jedem Volkspolizisten eine Verpflichtung.“ Bezüglich des vorstehenden
Textes im Tagesbefehl bedarf es ganz sicher keiner Kommentierung. Der Volksauf-
stand warf lange Schatten.
Erziehungsvollzug und Zwang
Diesen Vorstellungen entsprechend, beinhaltete die Erziehung des Straftäters
auch den Zwang. Die in der damaligen DDR führenden Strafrechtswissenschaftler
Joachim Renneberg und vor allem Herbert Kern sahen das 1957 bzw. 1958 so:
„In der Deutschen Demokratischen Republik übt also die Strafe (...) eine doppelte
Funktion aus: eine Unterdrückungs- und eine Erziehungsfunktion. Sie bilden eine
untrennbare dialektische Einheit (...). Die Repressiv- und die Erziehungsfunktion
der Strafe finden ihren Niederschlag in konkreten, gesellschaftlich-politischen
Zielen, die vom Arbeiter-und-Bauern-Staat mit der Anwendung von Strafen ver-
folgt werden und deshalb sowohl bei ihrer generellen gesetzlichen Androhung als
auch bei ihrer Verhängung und Vollstreckung im Einzelfall von den betreffenden
Staatsorganen in Rechnung gestellt werden müssen.“ Die nachfolgend zitierte
Aussage Kerns ist für den weiteren Verlauf des Strafvollzuges äußerst bedeutsam,
denn dieser Wissenschaftler erarbeitete ganz wesentlich die Grundgedanken für
spätere Dienstvorschriften und sonstige Regelungen der Hauptabteilung SV mit

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62
aus. „Unter den Zwangsmaßnahmen des Staates ist die Strafe die schärfste Form
des gesellschaftlichen Zwanges. Ihre Funktion ist es, den Widerstand der Feinde
des werktätigen Volkes, die den gesellschaftlichen Fortschritt aufzuhalten und die
kapitalistische Ordnung zu restaurieren versuchen, wie auch andere besonders
gefährliche verbrecherische Angriffe gegen die bestehenden gesellschaftlichen
Verhältnisse zu unterdrücken sowie die Menschen durch den mit der Strafe an-
gewandten Zwang zu erziehen.“ Bis zum 19. April 1955 sind alle Angelegen heiten
des Strafvollzuges nur durch Anordnungen, Dienstanweisungen, Richtlinien,
Instruk tionen oder Befehle des Innenministers, des Chefs der Deutsche Volks-
polizei oder des Leiters der Hauptabteilung Strafvollzug/Leiters Verwaltung Straf-
vollzug, geregelt. Am 20. April 1955 bestätigt der damalige Minister des Innern
Willi Stoph, die Dienstvorschrift für die Durchführung des Strafvollzuges, die Straf-
vollzugsordnung - SVO -. Selbstverständlich veranlassten diese Richtlinien eine
dementsprechende Vollzugsdurchführung in Görlitz.
Eine ideologische Wunschvorstellung scheitert
Der damaligen sozialistischen Gesellschaftstheorie folgend, ging man davon aus,
dass diese Gesellschaftsordnung den besseren Menschen hervorbringt und die
34 Nachtruhe!

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63
Kriminalität enorm sinken würde. Andererseits herrschte bezüglich des Strafvoll-
zugspersonals ständig akuter Mangel. Aus diesen Gründen beschlossen oberste
Stellen die kleinen und personalintensiven Gefängnisse bei den Kreisgerichten
zu schließen. In der gesamten DDR wurden vom 1. August 1960 bis März 1963
wenigstens 100 kleine Untersuchungshaftanstalten geschlossen. Dies betraf
solche Gefängnisse bei den Amtsgerichten in Kötzschenbroda, Radeberg, Frei-
tal, Dippoldiswalde, Kamenz, Bautzen, Meißen und Zittau. Nunmehr konzentrierte
sich alles auf die noch bestehenden
Gefängnisse. Eine Entwicklung mit ka-
tastrophalen Folgen nahm ihren Lauf.
Eine Folge war, dass auch die Straf-
vollzugseinrichtung Görlitz permanent
mit dem Problem der Überbelegung
konfrontiert war. Acht Gefangene und
mehr in einem Haftraum unterbringen
zu müssen, entwickelte sich zur täg-
lichen Übung. Einzelzellen wurden mit
zwei Gefangenen belegt.
Einteilung in Kategorien
Am 4. April 1963 verabschiedete der
Staatsrat den „Rechtspflegeerlass über
die grundsätzlichen Aufgaben und die
Arbeitsweise der Organe der Rechts-
pflege“. Das Ziel dieses Erlasses be-
stand in der Erhöhung der Gesetzlich-
keit und deren Wirksamkeit. Für den
Strafvollzug bedeutete das die Verwei-
sung auf Gesetzlichkeit und als prakti-
sches Ergebnis die Neufestlegung der
Kategorisierung der Strafgefangenen. Jetzt galt es, alles besser machen zu wol-
len und die Kategorien gestalteten sich übersichtlicher. Im Detail verfuhren die
Verantwortlichen wie folgt:
– Kategorie I: Strafgefangene, die wegen der Schwere ihrer friedens- und
staatsfeindlichen Handlungen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und mehr
verurteilt sind sowie wegen anderer Straftaten zu mehr als fünf Jahren Strafe,
– Kategorie II: Strafgefangene, die aus einer feindlichen Einstellung Straftaten
gegen die Arbeiter- und Bauernmacht, ihrer Organe oder Funktionäre begangen
haben und zu einer Freiheitsstrafe bis drei Jahren verurteilt sind sowie Strafgefan-
gene anderer Deliktgruppen mit Strafen zwischen zwei bis fünf Jahren.
35 Einzelhaftraum mit rätselhaftem Blumen-
strauß, um 1950.

64
– Kategorie III: Alle anderen Fälle, welche nicht der Kategorie I oder II zugeord-
net sind.
Diese vorgenommene Kategorisierung sagt an sich sehr viel aus. Es nimmt kaum
Wunder, wenn heutige Historiker errechnet haben, dass 40 % bis 50 % der Ge-
fangenen um 1960 in der DDR aus politischen Gründen inhaftiert gewesen sind.
Weiterhin bedeutsam ist, dass psychisch kranke Persönlichkeiten sich häufig in
den Anstalten des Strafvollzuges befanden. Diese Menschen konnten objektiv
kein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Tobsuchtsanfälle und Aggressivität der
Gefangenen sind in dieser Zeit recht häufig zu verzeichnen. Dementsprechende
Fesselungswerkzeuge kamen zum Einsatz. Der weiter oben schon erwähnte
Rechtspflegeerlass von 1963 war eine hinreichende Bedingung für die am 1. März
1965 in Kraft getretene „Vorläufige Ordnung über die Durchführung des Straf-
vollzuges“, die Strafvollzugsordnung. Wie es der Titel der Vorschrift schon sagt,
handelte es sich um eine Ordnung, welche der Innenminister, Generalleutnant
Dickel, am 25. Januar 1965 zeichnete.
Der Gefangene als Kommandoempfänger
Der gesamte Strafvollzug erfährt eine strenge militärische Ordnung, gerade den
Gefangenen gegenüber. Die Anzugsordnung der Gefangenen, Ordnung in den
Zellen oder auch das Verhalten gegenüber dem Personal war militärisch geregelt.
Ein vereinheitlichtes Merkblatt ist an das Görlitzer Gefängnispersonal ausgegeben
und auf die Durchsetzung des Inhalts penibel geachtet worden. Eine Seite dieser
Anweisung wird hier ungekürzt zitiert:
„Merkblatt über einheitliche Kommandosprache und Bekleidungsstücke für
G
efa
n
g
e
n
e
1. Abschnitt
Meldesystem und Grußerweisung
1. Verhalten des Gefangenen gegenüber den Angehörigen des Strafvollzuges,
a) Der Angehörige des Strafvollzuges ist durch Gefangene mit „Herr Wachtmeis-
ter“, „Herr Oberrat“ usw. anzusprechen.
b) Der Gefangene hat die Angehörigen des Strafvollzugs innerhalb und außerhalb
der Verwahrräume zu grüßen. Der Gruß ist durch Einnehmen einer straffen Hal-
tung und Blickwendung zu erweisen. Trägt der Gefangene eine Kopfbedeckung,
so hat er diese für die Dauer des Grüßens abzunehmen und die Mützenöffnung
nach außen seitlich des rechten Oberschenkels zu halten.
Marschieren die Gefangenen in Kolonnen ohne Begleitung eines Angehörigen
des Strafvollzugs, so grüßt nur der Schichtführer oder Brigadier, welcher auch die
Meldung erstattet.

65
c) Wird ein Gefangener von einem Angehörigen des Strafvollzugs angesprochen,
so hat der Gefangene die Mütze abzunehmen, aufrechte Haltung einzunehmen
und den Angehörigen des Strafvollzuges anzusehen. Sitzende Gefangene haben
aufzustehen.
d) Betritt ein Angehöriger des Strafvollzugs einen Verwahrraum, so hat der Zellen-
älteste „Achtung“ zu rufen, alle Gefangenen haben aufzustehen, unter das Fenster
(in größeren Unterkünften vor die Betten) zu treten und Haltung zum eintretenden
Angehörigen des Strafvollzuges einzunehmen.
Die Fenster des Verwahrraumes sind zu schließen.
Die darauf folgende Meldung des Zellenältesten lautet z. B. „Zelle fünf belegt mit
acht Strafgefangenen; sieben anwesend, Strafgefangener Schulz hat Sprechzeit;
es meldet Strafgefangener Kunze.“
Sind besondere Vorkommnisse in der Zelle zu verzeichnen, so sind diese mit zu
melden.“
Die Strafvollzugsanstalt Görlitz wird blau
In den zumindest jährlich stattfindenden Tagungen des nationalen Verteidigungs-
rates der DDR sind im Sommer 1966 Festlegungen getroffen worden, welche die
Ausstattung der bewaffneten Einheiten des Landes betraf. Hierbei ging es um ver-
besserte Ausrüstung, Unterbringung und auch Uniformierung. Auf dieser Tagung
ist die Einführung der blauen Uniform und die Ausgestaltung der Farbe Grau als
Waffenfarbe des Strafvollzuges beschlossen worden. Die Neuausrüstung des Per-
sonals begann 1967. Görlitzer Zeitzeugen berichteten, dass sich diese Maßnahme
bis 1980 ausdehnte. Bei Betrachtung der ständigen Material- und Geldknappheit
in der gesamten ehemaligen DDR ist dies nicht verwunderlich. Außerdem befand
sich die Görlitzer Anstalt in weiter Ferne der Hauptstadt und in einer Randlage.
Diese Neueinkleidung des Strafvollzugspersonals hatte einen tieferen Sinn. Meh-
rere Ministerien arbeiteten an zahlreichen neuen Gesetzen, welche im Jahr 1968
der Volkskammer zur Verabschiedung vorgelegt werden sollten. Unter anderem
betraf dies das „Gesetz über den Vollzug der Strafen mit Freiheitsentzug und über
die Wiedereingliederung Strafentlassener in das gesellschaftliche Leben (Straf-
vollzugs- und Wiedereingliederungsgesetz)“ – SVWG – .
Am 12. Januar 1968 ist dieses Gesetz verabschiedet worden und mit seiner
Verkündigung im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 3, am 22. Januar 1968 in Kraft
getreten.

66
Wechselfälle des Vollzugslebens
Offensichtlich gut gerüstet konnten die Bediensteten an den Wechselfällen des
täglichen Lebens aktiv teilnehmen. An Wechselfällen im Leben des Strafvoll zuges
hat es in jener Zeit keinesfalls gemangelt. Im Jahr 1971 kam Erich Honecker an die
Macht. Er lud die Bürger ein, an seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik teil zunehmen.
Auch den gefangenen Bürgern gedachte er durch Erlass einer Amnestie im Jahr
1972. Innerhalb weniger Tage sind tausende Gefangene entlassen worden. Nach
dieser Entlassungswelle befanden sich im MdI-Strafvollzug nur noch 18.261
Menschen. Wer sich weigerte, an der entwickelten sozialistischen Gesellschaft
teilzunehmen, wurde ohne Gnade verfolgt und als Verurteilter ins Gefängnis ver-
bracht. Hinzu kam die schon zur Schau gestellte Weltoffenheit anlässlich der
Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Sommer 1973 in Berlin. Alle Bürger,
von denen man Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit nur vermu-
tete, sind inhaftiert worden. Das führte zu einer Explosion der Gefangenenzah-
len, welche zum Ende des Jahres 1974 den absoluten und niemals übertroffenen
Höchststand an Gefangenen in der DDR hervorbrachte: 48.000 Inhaftierte.
Das Geld im Gefängnis
Die Gefangenen besaßen eigenes Geld, die Wertgutscheine. Dieses Ersatzzah-
lungsmittel, 1975 erstmalig im Strafvollzug des Ministeriums des Innern eingeführt,
galt bis zum 3. Oktober 1990. Im Verlauf dieser Zeit gab es fünf verschiedene Aus-
gaben. Die Strafvollzugsverantwortlichen verfolgten damit innen- und außenpoli-
tische Ziele. In der Außenpolitik ging es um Anerkennung der DDR, Hebung der
Reputation des DDR-Strafvollzugs und Zurückdrängung internationaler Kritik an
der Ausgestaltung der Vollziehung von Freiheitsstrafen. Innenpolitisch diente das
Gefängnisgeld als Anreiz für erhöhte Produktivität und Überbietung der gesetzten
Arbeitsnormen durch die Gefangenen. Dieses Geld wurde auch als „Lohn“ für
geleistete Spitzelarbeit von den im Strafvollzug tätigen Geheimdiensten benutzt,
dem Ministerium für Staatssicherheit (Linie VII) und der politischen Kriminalpolizei,
der Arbeitsgruppe I./4. Die für die Geheimdienste arbeitenden Gefangenen er-
hielten für den Verrat an Mitgefangenen bis zu 20 Mark im Monat. Am 3. Oktober
1990 endete im Wesentlichen der Einsatz von Gefängnisgeld. Für Numismatiker ist
dadurch ein abgeschlossenes Sammelgebiet entstanden und diese Geldscheine
bekamen als gesuchte Sammelobjekte eine zweite Lebensphase geschenkt. Ins-
besondere die gestempelten Gefängnisgeldscheine mit dem Namen der jewei-
ligen Strafvollzugsanstalt sind begehrt. Dabei nehmen die Görlitzer Gefängnis-
scheine einen großen Spitzenplatz ein, weil diese besonders selten sind. Dieses
Thema ist äußerst spannend, denn es beinhaltet vielfältige Facetten. Einige sollen
hier benannt sein:

image
67
– die Fälschungen von Wertgutscheinen durch Gefangene,
– das Durchführen von illegalen Geschäften Gefangener mit Betriebsangehöri-
gen der Arbeitseinsatzbetriebe unter Verwendung von Wertgutscheinen,
– die Durchführung von Betrugshandlungen mit Wertgutscheinen durch Gefan-
gene, Betriebsangehörige und Strafvollzugsangehörige,
– das Erschleichen, Erpressen und Betrügen von Gefangenen zur Erreichung
höherer Normerfüllung im Arbeitsbetrieb, um mehr Wertgutscheine für den
Einkauf von Zusatznahrungsmitteln in den Verkaufsstellen der Strafvollzugs-
anstalt oder einzelner Arbeitseinsatzbetriebe zu erhalten,
– die illegale Nachrichtenübermittlung unter Verwendung von Wertgutscheinen,
– das Organisieren und Abhalten von Glücksspielen aller Art um Wertgutscheine,
– das Erpressen von Wertgutscheinen durch Androhung oder Anwendung von
Gewalt durch Gefangene gegenüber Mitgefangenen,
– die Beschäftigung mit Manipulationen Gefangener, Betriebsangehöriger und
Strafvollzugsmitarbeiter mit diesem Ersatzzahlungsmittel,
– Außerkraftsetzung von Wertgutscheinen und deren protokollarische Vernich-
tung.
36 Gefängnisgeld im DDR-Strafvollzug, die Wertgutscheine.

68
Internationale Ambitionen
Am 18. September 1973 gelingt es der DDR, die Aufnahme in die UNO umzuset-
zen. In Folge dieser Aufnahme unterzeichnet die Regierung der DDR eine Vielzahl
von völkerrechtlichen Dokumenten mit konkreten Auswirkungen für das Land,
auch auf den Strafvollzug. Hierbei handelt es sich vor allem um die Gewährleis-
tung und Einhaltung der Menschenrechte gegenüber den Gefangenen. Mit den
gesetzlichen Regelungen aus dem Jahr 1968 ist dies nicht machbar. Mehrere
Ministerien arbeiteten bis 1977 fieberhaft an einem neuen Strafvollzugs- und Wie-
dereingliederungsgesetz. Im Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens trennen sich
die Verantwortlichen von der Idee, ein gemeinsames Gesetz zum Strafvollzug und
zur Wiedereingliederung zu verabschieden. Am 7. April 1977 verabschiedete die
Volkskammer das Strafvollzugsgesetz, welches auch an diesem Tag in Kraft trat.
Die Aktenlage im Bundesarchiv überliefert uns, dass kurz vor der Verabschiedung
des Gesetzes der Staatschef höchstpersönlich Änderungen am Entwurfstext vor-
nahm, um wenigstens Mindeststandards der UNO-Menschenrechtskonvention
über die Behandlung von Gefangenen nach dem Gesetzestext einhalten zu kön-
nen. Mit diesen Änderungen in letzter Minute trat es den Weg in die Praxis an.
Trotz gewisser Verbesserungen der Haftsituation der Gefangenen blieben Vor-
kommnisse weiterhin nicht aus. Mit Härte ist gegen Gefangene vorgegangen
worden, die entschieden dem Vollzugsregime und der rigorosen Arbeitspflicht
Widerstand entgegensetzten. Ganz sicher gab es hier Unterschiede von Anstalt
zu Anstalt. Derartige Eingriffe ermöglichte auch das Gesetz.
Der Meisterfälscher
In den siebziger Jahren kamen Vorkommnisse, bei denen Gefangene mit er-
heblicher krimineller Energie und intelligent handelten, in reichlicher Vielzahl vor.
Einzelne Inhaftierte gelangten gar zu großer Aufmerksamkeit bezüglich ihrer kri-
minellen Handlungen im Gefängnis. Dafür ein Beispiel: Bekanntlich gab es im
DDR-Strafvollzug ab 1975 ein spezifisches Gefängnisgeld, die Wertgutscheine. Ab
dem Jahr 1977 ging die VSV, Abteilung Ökonomie, daran, eine Nachfolgeserie
Wertgutscheine zu entwickeln, weil die Nutzungsfähigkeit der 2. Serie schon ein-
geschränkt war. Je größer die Abnutzung war, desto mehr nahm die Anzahl der
Fälschungen zu. Unbestritten gab es in der Geschichte der Wertgutscheine viele
Fälschungen. Eine Episode ragt jedoch heraus. In den Jahren 1977 bis 1982 saß
der Strafgefangene Bodo Bösewicht
11
eine Strafe wegen Diebstahls ab und war
zum zehnten Mal „Gast“ im Gefängnis von Bautzen. Vor dem dortigen Aufenthalt
absolvierte er die Zeit der Untersuchungshaft in der U-Haftabteilung der Straf-
vollzugsanstalt Görlitz. Hier bleiben seine außerordentlichen Fähigkeiten unent-
deckt. Das hat ihn auch nicht traurig gestimmt, denn entdeckt wollte er bestimmt
nicht werden. Am 4. Juli 1980 wurde er routinemäßig nach Waldheim verlegt.

69
In Bautzen ahnte kein Bediensteter, wie „innovativ“ der Inhaftierte seinen „Jubi-
läumsaufenthalt“ genutzt hatte. Im „Nebenamt“ betätigte er sich als Fälscher von
Wertgutscheinen. Erst in Waldheim konnte ihm im Juli 1981 das Handwerk gelegt
werden. Nachweisbar hat er in Waldheim Wertgutscheine im Wert von 1.540,00
Mark gefälscht. Die Dunkelziffer lag weitaus höher. Die Kriminalpolizei ermittelte
und in diesem Zusammenhang legte Bodo Bösewicht auch offen, dass er in Baut-
zen ebenso aktiv war. Die Gesamtrevision in Bautzen führte zu dem Ergebnis, dass
sich die Experten nicht sicher waren, was in der Anstalt an unechten Wertgut-
scheinen im Umlauf war. Die Anklage gegen Bodo Bösewicht war vor Gericht zur
Verhandlung so gut wie zugelassen, jedoch wurde das Ermittlungsverfahren über-
raschend eingestellt. Die Strafvollzugsverantwortlichen fürchteten die vorgeschrie-
bene Öffentlichkeit der Verhandlung vor Gericht. Der Gefangene Bodo Böse wicht
wurde für psychisch krank erklärt und von der Strafvollzugsanstalt Waldheim in
die auf der anderen Straßenseite liegende Psychiatrie eingewiesen! Die betroffe-
nen Strafvollzugseinrichtungen Bautzen und Waldheim sind um gehend mit neuen
Wertgutscheinen der 3. Serie ausgestattet worden.
Görlitz schafft es in den Stern
Im Jahr 1984 befand sich in der Strafvollzugsanstalt Görlitz keine weibliche Straf-
gefangene mehr. Ab 1982 wurden die verurteilten Frauen zügig in andere Ein-
richtungen verlegt. Bis zum Jahr 2005 blieb das ein Rätsel, welche Ursachen es
dafür gegeben haben könnte. Der Autor hatte immer wieder einmal Glück, beim
Bundesbeauftragten für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes
Forschungsanträge genehmigt zu bekommen. Der Forschungsantrag bezog sich
auf die benachbarte Anstalt in Bautzen, jedoch nicht auf Görlitz. Das bedeutet,
dass Görlitzer Einzelfälle nicht zugänglich gemacht werden durften. Trotzdem be-
kam er einen Vorgang vorgelegt. Das war ein Zufall. Aus diesem Zufallstreffer ging
hervor, dass die weiblichen Strafgefangenen der Strafvollzugsanstalt Görlitz unter
anderem den Arbeitseinsatz im Braunkohletagebau Hagenwerder durchführen
mussten. Insbesondere bestand die Arbeitsaufgabe im Verlegen der Gleise für die
Deutsche Reichsbahn und den Abbaugeräten in den Arbeitseinsatzbetrieben. Die
Frauen mussten körperliche Schwerstarbeit bei Wind und Wetter, auch im Winter,
verrichten. Eine Frau quetschte sich die Finger ein. Bis der Transport zur medizi-
nischen Behandlung erfolgte, kamen noch Erfrierungen an den Fingern dazu. Die
Gesundheit der Verunfallten konnte wiederhergestellt werden. In der Psyche der
Betroffenen hatte sich dieses Erlebnis fest eingebrannt. Aus diesem Grund über-
gab sie heimlich beim Besuch einen Zettel an ihre Mutter. Die Übergabe dieser
heimlichen Nachricht blieb im Verborgenen. Durch die Mutter wurde der Erlebnis-
bericht im Jahr 1981 an ihre Schwester in der BRD geschickt. Der „Stern“ interes-
sierte sich dafür und brachte das Ereignis in großer Aufmachung heraus. Das
führte zu panischen Reaktionen beim MfS und in der VSV. Die Anordnung erfolgte
auf dem Fuß: Die Strafvollzugsanstalt Görlitz wird eine Männervollzugsanstalt.

70
Arbeitsunfälle
Diese blieben bei männlichen Strafgefangenen auch nicht aus. Am 18. Novem-
ber 1987 kam es im Braunkohletagebau Hagenwerder zu einem Arbeitsunfall,
wobei zwei Strafgefangene verletzt worden sind. Deren Verletzungen am Ober-
körper und Schienbeinfrakturen mussten im damaligen Bezirkskrankenhaus Gör-
litz ärztlich versorgt und weiterhin behandelt werden. Ursache für diesen Unfall
war, dass ein Betriebsangehöriger die beiden Strafgefangenen angewiesen hatte,
einen LKW-Anhänger, welcher nicht an die Zugmaschine angekoppelt war, zu ent-
laden. Im Verlauf der Entladung verringerte sich das Gewicht des Anhängers. In
der Folge setzte sich der Anhänger in Bewegung und quetschte die Gefangenen
ein. Der Betriebsangehörige hatte durch seine Anordnung die Gesundheit und
das Leben der Gefangenen vorsätzlich gefährdet, denn seine Handlung ist wei-
sungswidrig gewesen. Der Anhänger hätte nur angekoppelt an die Zugmaschine
entladen werden dürfen. Die umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei, des
Betriebes und der Strafvollzugsanstalt Görlitz brachten insofern kein Ergebnis,
weil der vorsätzlich handelnde Betriebsangehörige nicht belangt worden ist. Ob
die beiden Gefangenen nach dem Unfall Folgeschäden erleiden mussten, konnte
nicht festgestellt werden, weil die Archivalien dazu keine Auskunft geben.
Verhaltensregeln
Der MdI-Strafvollzug blieb bis zu seinem Ende das, was er seit seinem Anfang war:
Ein militärischer Strafvollzug. Mit den Gefangenen galt es nach militärischen Re-
geln zu kommunizieren. Verwendung fand eine einheitliche Kommandosprache.
Typische Kommandos sind gewesen:
„AUFSTEHEN!“ Körperpflege, entsprechende Bekleidung anziehen, Bettenbau,
Unterkunft aufräumen;
„FERTIGMACHEN ZUR (ZUM)
– ARBEIT,
– ESSEN
– UNTERRICHT usw.!“ Materialien und Gegenstände bereitlegen; alle Unter-
künfte und Räume sind vorher aufzuräumen, sofern sie nicht zu kurzen Pausen
verlassen werden (z. B. Werkstätten);
„RAUSTRETEN!“ Zügiges und ruhiges Verlassen des Raumes; Antreten am fest-
gelegten Platz und in der festgelegten Ordnung (Form je nach Anzahl der Straf-
gefangenen und Möglichkeit);
„RAUCHEN ERLAUBT!“ (-BEENDEN) Antrete- und Marschordnung!
„IN LINIE (oder ZU EINEM GLIED)
– REIHE (oder DOPPELREIHE)

image
71
– MARSCHORDNUNG
ANTRETEN!“ Die Strafgefangenen stehen im Glied.
„RÜHRT EUCH!“ Es wird nicht gesprochen.
„STILLGESTANDEN!“ Kommando erfolgt nur, wenn im Gleichschritt marschiert
werden soll.
„IM GLEICHSCHRITT bzw. OHNE TRITT – MARSCH!“ Bewegungen im Gleich-
schritt werden nur außerhalb von Gebäuden durchgeführt, sonst erfolgt die
Be wegung „ohne Tritt“, auf Vordermann und Seitenrichtung ist zu achten.
„RECHTS BZW. LINKS SCHWENKT – MARSCH!“
„ABTEILUNG – HALT!“ Erforderliche Schwenkungen können auch auf Hinweis
wie „IN RICHTUNG TREPPE“ usw. durchgeführt werden.
Die Wachtmeister des operativen Dienstes im Strafvollzug hatten ebenfalls kein
erholsames Dasein. Die Fülle an Ausrüstungsgegenständen, welche zu jeder
Sekunde der Dienstdurchführung in der oder an der Uniform mitzuführen war, ist
selbst 1989 noch enorm gewesen.
37 Gefängnisgang im Flügel E.

image
72
Revolution hinter Gittern
Im Herbst 1989 und zum Anfang des Jahres 1990 mussten die Bediensteten des
Strafvollzuges erneut Fehlleistungen der Politik ausbaden. Als im Herbst 1989,
vor dem Hintergrund der wachsenden Übersiedlerströme, die mächtige Volks-
bewegung den rasanten Sturz der Regierung Honeckers einleitete, schlug diese
nochmals zurück. Mehrere Strafvollzugseinrichtungen sind im Oktober 1989 zu
Zuführungspunkten der Demonstranten bestimmt. Damit sind auch die Proteste
in die Mitte der Anstalten gelenkt worden. Das betraf ebenfalls das Haus am Post-
platz. In zahlreichen Haftanstalten kam es zu Arbeitsverweigerungen und Hunger-
streiks. Die Häftlinge forderten eine Überprüfung der Urteile. Überstürzt verkün-
dete der Staatsrat der DDR am 27. Oktober 1989, unter dem Vorsitz von Egon
Krenz, eine Amnestie für Personen, die wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“
inhaftiert waren oder „Straftaten gegen die staatliche und öffentliche Ordnung
im Zusammenhang mit demonstrativen Ansammlungen begangen haben.“ Damit
war der Kreis der unter die Amnestie fallenden Personen sehr eingegrenzt. Auch
waren diejenigen ausgenommen, die Waffen mitgeführt oder gefährliche Mittel
und Methoden angewandt hatten. Die Häftlinge waren empört. Sie lehnten die
Amnestie ab. Ihre Forderungen gingen weiter: Sämtliche Urteile sollten überprüft,
38 Mehrfach belegter Haftraum.

73
mehr Mitspracherecht eingeräumt, die Bezahlung der Gefangenenarbeit gerecht
geregelt und insgesamt eine Verbesserung der Haftbedingungen erreicht wer-
den. Die Widerstandsaktionen der Häftlinge gingen weiter. Schwerpunkte waren
ab Oktober 1989 die Strafvollzugsreinrichtungen Bautzen I und Brandenburg. Im
Kontext der revolutionären Ereignisse verkündete der Staatsrat der DDR, unter
Manfred Gerlach, schließlich am 6. Dezember 1989 eine Amnestie, in deren Folge
bis Februar 1990 15.586 Personen frei kamen. Die Lage beruhigte sich jedoch
nicht und der Strafvollzug befand sich in einer beklagenswerten Situation. Im Zeit-
raum vom 1. Januar 1990 bis Ende Juli 1990 kam es in fast allen Strafvollzugs-
anstalten und Untersuchungshaftanstalten der gesamten DDR zu ultimativen
Forderungen der Gefangenen. Solche waren:
– Generalamnestie,
– Prüfung von Strafakten/Gerichtsurteilen,
– Gespräche mit Vertretern der Öffentlichkeit, Medien, Kirche, Ministerium der
Justiz und des Ministerium des Innern,“
– Bestrafung ehemaliger Parteifunktionäre,
– Verbesserung der Haftbedingungen und Verpflegung.
Arbeits- und Nahrungsverweigerungen ganzer Vollzugsabteilungen und Straf-
vollzugseinrichtungen, die Androhung von Brandstiftungen, Verbarrikadierungen
und Meutereien sowie Zerstörungen sollen die Umsetzung der Forderungen zu
Beginn des Jahres 1990 unterstützen. Insgesamt waren an diesen und ande-
ren Vorkommnissen ca. 1.250 Strafgefangene und Verhaftete beteiligt. Nach den
gewaltsamen Ausschreitungen von Strafgefangenen in der Strafvollzugsanstalt
Brandenburg und Bautzen I im Dezember 1989 kam es insbesondere zu Gewalt-
akten in der Untersuchungshaftanstalt Leipzig im Juli 1990. Die von den Amnes-
tien ausgeschlossenen Gefangenen gingen zur Erreichung ihrer Ziele noch risiko-
bereiter vor. Ausdruck der gestiegenen Risikobereitschaft war die Zunahme von
Entweichungen von Strafgefangenen und Verhafteten. Im Extremfall überstiegen
z. B. Verhaftete die Umwehrungsmauer während der Beaufsichtigung durch be-
waffnete Posten.
Insgesamt entwichen im Zeitraum Januar bis Ende Juli 1990 bei elf Entweichun-
gen zwölf Strafgefangene und sieben Verhaftete aus sieben Strafvollzugseinrich-
tungen sowie fünf Untersuchungshaftanstalten. Damit ist bei einem um ca. 75 %
reduzierten Gefangenenbestand im Juli, die gleiche Anzahl von Entweichungen
wie im Gesamtzeitraum 1989 zu verzeichnen gewesen. Weitere dreizehn Fälle der
aktiven Fluchtvorbereitungen sind vor Vollendung entdeckt worden. An dieser
„Bilanz“ war die Strafvollzugsanstalt Görlitz nicht beteiligt. Die Gefangenen stell-
ten die Forderungen ebenfalls. Dem ausgesprochen großen Führungsvermögen,
seiner Persönlichkeit und dem Fingerspitzengefühl des Leiters der Strafvollzugs-

74
anstalt, Oberstleutnant des Strafvollzuges Max Hirsch, war es zu verdanken, dass
hier der Vollzug in geordneten Bahnen verlief. Alle am Vollzug Beteiligten sind ihm
dafür noch heute dankbar. Tief verunsichert und zum Teil die Aktivitäten der Ge-
fangenen gröblich unterschätzend, sahen die Bediensteten dem angebrochenen
neuen Zeitabschnitt in der Geschichte des Strafvollzuges entgegen.
3. Oktober 1990
Am 23. August 1990 fasste die letzte Volkskammer der DDR den Beschluss, schon
am 3. Oktober 1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundes repu-
blik Deutschland beizutreten. So geschah es auch. Als die Anstaltsleiter am frühen
Morgen des 4. Oktober 1990 in Sachsen ihre Gefängnisse betraten, lag ein zwei
Seiten langes Fernschreiben des für Sachsen eingesetzten Länderbevollmäch-
tigten Rudolf Krause vor. Darin heißt es: „Die Zuständigkeit für den Vollzug der
Freiheitsstrafe, der Jugendstrafe, des Jugendarrests, der Sicherungsverwahrung
und der Untersuchungshaft ist mit Wirkung vom heutigen Tag auf die Justizver-
waltung übergegangen. Die Verwaltungsvorschriften des Ministeriums des Innern
zum Straf- und Untersuchungshaftvollzug treten außer Kraft. Stattdessen werden
in Kraft gesetzt:
– die bundeseinheitlichen Verwaltungsvorschriften zum Strafvollzugsgesetz
(Erg. Autor: der BRD)
– die Untersuchungshaftvollzugsordnung (erg. Autor: der BRD).“
Damit war die Neuorganisation des Strafvollzuges zur Justizverwaltung des Lan-
des Sachsen administrativ vollzogen. Die inhaltliche Arbeit begann. Zum damaligen
Zeitpunkt standen in den sächsischen Anstalten 8.372 Haftplätze in Mehrfach-
belegungen der Hafträume auf der Grundlage von berechneten 3,8 qm pro Ge-
fangenen zur Verfügung. Demgegenüber befanden sich insgesamt 1.607 Gefan-
gene, wobei diese sich in 1.136 Strafgefangene und 471 Untersuchungsgefangene
unterteilten, in den Anstalten. Die baulichen und sanitären Hinterlassenschaften
genügten in keiner Weise den neuen geltenden Anforderungen. Auf der anderen
Seite befanden sich 2.889 Bedienstete. Viele dieser Bediensteten rechneten mit
ihrer Entlassung. Die große Mehrheit der über 50 Jahre alten ehemaligen Strafvoll-
zugsangehörigen nahm Vorruhestandsregelungen in Anspruch und schied aus
dem Dienst aus. Bedienstete, welche sich als belastet einschätzten und Arbeit
außerhalb des Vollzuges fanden, verließen ebenfalls die Anstalten.
Am 14. Oktober 1990 fanden die Landtagswahlen statt, aus der die CDU mit einer
absoluten Mehrheit von 54,1 Prozent der Wählerstimmen als Siegerin hervorging
und sodann die Landesregierung bildete. Ebenfalls im Oktober 1990 wurde Stef-
fen Heitmann sächsischer Justizminister und damit auch oberster Dienstherr für
die sächsischen Justizvollzugsanstalten. Er amtierte bis September 2000 in die-

75
sem Amt – so lange wie kein anderer Justizminister der neuen Bundesländer.
Für eine kontinuierliche und stabile Entwicklung der Justizvollzugsanstalten ein
absoluter Glücksfall. Nicht wenigen Mitarbeitern ist so eine einmalige historische
Chance zur Beteiligung an der Schaffung eines neuen und demokratisch legiti-
mierten Justizvollzuges eingeräumt worden. Ob sich dieser Möglichkeit jeder Ein-
zelne bewusst war und als Motivation für sich betrachtete, steht auf einem ganz
anderen Blatt. Dieses müssen zukünftig Historiker noch beschriften. Noch im Jahr
1990 begannen die Personalprüfungen. Für dieses Prüfungsverfahren waren vier
Komplexe vorgesehen:
1. auf Mitarbeit mit dem ehemaligen MfS,
2. auf Menschenrechtsverletzungen gegenüber ehemaligen Gefangenen,
3. auf Hinweise in der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen
in Salzgitter, in denen Vorgänge wegen Gefangenenmisshandlungen von nach
der damaligen BRD freigekauften Gefangenen vermerkt gewesen sind,
4. Prüfung der Eignung für die weitere Verwendung im Justizvollzugsdienst des
Freistaates Sachsen.
Diese hoch komplizierten und sensiblen Überprüfungen sind äußerst gewissen-
haft geführt worden. Wegen der Abhängigkeit von Auskünften anderer Behörden,
insbesondere der langen Verfahrensdauer bei der sogenannten Gauck-Behörde,
welche die Belastung durch Mitarbeit beim Staatssicherheitsdienst der ehemali-
gen DDR überprüft, zogen sich die Personalprüfungen bis 1995 hin. Im Ergebnis
dieser Überprüfungen sind viele, als belastet eingestufte, ehemalige Mitarbeiter
entlassen worden. Andererseits kamen neue Mitarbeiter in allen Berufsgruppen
des Justizvollzuges aus West und Ost hinzu. Nicht wenige, aus den alten Bundes-
ländern kommende Mitarbeiter, blieben für immer hier und machen den Vollzug mit
spezifisch unterschiedlichen Vollzugsvorstellungen interessant und lebhaft. Ohne
diese Mitarbeiter hätte der sächsische Justizvollzug nicht die Erfolgsgeschichte
schreiben können, die er in den fast 26 Jahren seines Bestehens geschrieben hat.
Fast gleichzeitig galt es, folgende Problemfelder anzupacken:
– Personalentwicklung und umfangreiche Schulung,
– Gestaltung des Resozialisierungsprozesses der Gefangenen,
– bauliche Sicherung der Anstalten in kürzester Zeit herstellen,
– Bauentwicklungs- und Standortkonzepte entwerfen,
– Verbesserung der Unterbringungsmöglichkeiten der Gefangenen,
– Verbesserung der Verpflegungsversorgung der Gefangenen,
– Betreuung der Gefangenen durch Fachdienste,
– Veränderung des Stils und Tons im Umgang mit den Gefangenen und
strikte Beachtung ihrer Rechtsstellung,

76
– Einbeziehung der Öffentlichkeit,
– Entwicklung neuer Dienstkleidung für die Justizvollzugsbediensteten
und vieles andere mehr.
Die Vielfalt dieser Probleme erforderte das Setzen von Prioritäten. Die Zusammen-
arbeit der vielen Menschen, die den Justizvollzug gestalten, lässt neue Geschich-
ten entstehen. Nachfolgend sind einige für den Außenstehenden nachvollziehbar
geschildert.
Internationales Publikum I
Das Vollzugsprofil im Gefängnis am Görlitzer Postplatz ist auch durch einen stets
hohen Anteil von ausländischen Inhaftierten geprägt. Dieser Anteil liegt bei ca.
50 % des Gesamtbestandes. Mehr als 24 unterschiedliche Nationalitäten zur
gleichen Zeit sind keine Seltenheit. Hinzu kommt, dass hier die schon erwähnte
Abschiebehaft zusätzlich vollzogen worden ist.
Im Herbst 1994 bekam die Anstalt auf einen Schlag 30 Bürger der Volksrepublik
China eingewiesen. Diese hatten keinerlei Ausweispapiere und verrieten auch ihre
Namen nicht. Zur Aufnahme in den Vollzugsprozess war aber eine Namensfindung
dringend erforderlich. Insoweit bekamen diese Menschen die Namen „Chinese 1“
bis „Chinese 30“. Alle wollten in einem Haftraum und gemeinsam untergebracht
werden. Auf diese Regelwidrigkeit konnte sich die Anstaltsleitung nicht einlassen.
Die chinesischen Bürger gaben zu verstehen, dass alle aus einem Dorf im Süden
Chinas geflüchtet und miteinander verwandt seien. Daher wurde die Entscheidung
getroffen, dass jeweils 10 Mann einen Haftraum belegen dürften. Dafür wurden
die größten Hafträume zur Verfügung gestellt. Darin befanden sich damals große
Doppelwaschbecken in der Größe von 60 x 40 cm. Aus den Wasserhähnen kam
zu dieser Zeit noch heißes Wasser. Wer sich in China auskennt weiß, dass die
Südchinesen kleine und zierliche Menschen sind. Das war auch ein Grund dafür,
dass die 30 Männer stets fröstelten. Vom Anstaltspersonal bekam jeder chinesi-
sche Inhaftierte warme Bekleidung und zwei Wolldecken zusätzlich. Ihre Gewohn-
heiten pflegten die Herren auch in der fremden Görlitzer Umgebung. Den gesam-
ten Tag nahmen stets zwei Gefangene, sich abwechselnd, in den Waschbecken
heiße Sitzbäder. Während der Nacht lagen drei bis vier Männer in einem Bett, was
jedoch keinesfalls sexuelle Ursachen hatte. Wir gewöhnten uns an die diszipli-
nierten und höflichen Chinesen. Diese wiederum respektierten das Personal. Die
chinesische Botschaft erkannte alle 30 Inhaftierten als ihre Staatsbürger an und
stellte die notwendigen Dokumente aus. Nach dreimonatigem Aufenthalt wurden
die chinesischen Bürger durch die Polizei zum Flughafen Schönefeld gefahren
und von dort über Moskau nach Peking geflogen. Letzteres löste bei keinem der
30 Passagiere Freudengefühle aus.

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77
Wer für die Nachwelt eine Grube gräbt, fällt selbst hinein
Die Jahre nach der Wiedervereinigung waren auch im Justizvollzug stets span-
nend. Viele Details waren noch nicht bis in die letzte Verästelung reguliert und
Kreativität wirkte sich oftmals hilfreich aus, wenn Grundsätze des Vollzuges Be-
achtung fanden. Ein solcher Grundsatz betraf die Aussonderung von nicht mehr
benötigten Schlössern. Diese mussten unter Aufsicht und mit Protokoll ausge-
sondert, einem Stahlwerk zugeführt sowie im Hochofen verschmolzen werden.
Der nächstliegende geeignete Hochofen befand sich im Stahlwerk Riesa, nicht
gerade in der Nachbarschaft gelegen. Im Zuge der Rekonstruktion des C-Flügels
in den Jahren 1993-1994 wurden neue Haftraumtüren eingebaut, einschließlich
neuer Haftraumschlösser. In großer Anzahl waren DDR-Haftraumkastenschlös-
ser überzählig vorhanden. Der verantwortliche Beamte, Herbert Dekiarov
12
, nutzte
Bau arbeiten im Bereich der alten Torwache und warf in großer Anzahl sowie wei-
sungswidrig diese nicht mehr benötigten Schlösser in ein Fundament. Das Funda-
ment wurde anschließend mit Beton ausgegossen. Diesen Vorgang beaufsichtigte
er persönlich und allein. Das „Geheimnis“ bewahrte er standhaft. Kein Mensch er-
hielt davon Kenntnis. Dekiarov freute sich über seine illegale Entsorgungs methode
und die „eingesparten“ Protokolle, Nachfragen sowie sonstigen Schriftkram. Er
war sich sicher, dass ihn dieses Problem bis zu seiner Pensionierung im Januar
2003 nicht mehr einholt. Sollten sich doch seine Nachfolger mit diesem lästigen
Problem herumschlagen. Soweit die Theorie.
39 Zweckmäßige Zufahrt zur Justizvollzugsanstalt ab Januar 2001.

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78
In der Praxis begann im Januar 2000 die Rekonstruktion der neuen Torwache.
Das alte Torwachgebäude wurde abgerissen, einschließlich aller Fundamente.
In diesem Augenblick kamen DDR-Haftraumkastenschlösser zum Vorschein.
Der Beamte Dekiarov erschrak und sammelte jedes einzelne Schloss selbst mit
Eimern „bewaffnet“ ein. Er offenbarte sich seinem Anstaltsleiter. Dieser legte fest:
Protokollfertigung, Terminabsprache mit dem Stahlwerk Riesa, persönliche Fahrt
ins Stahlwerk, den Schmelzprozess bewachen, Vernichtungsprotokoll fertigen
und Vorlage beim Anstaltsleiter. Anders ausgedrückt, der Beamte Dekiarov war in
seine eigene Grube gefallen. Er konnte jedoch mit einem nunmehr vorhandenen
reinem Gewissen in den Ruhestand gehen.
Sprachlosigkeit
Es kommt vor, dass man von dem Schutzbefohlenen nicht viel weiß. Die Görlitzer
Justizvollzugsanstalt war von 1991 bis November 2011 auch für die Vollziehung
der Abschiebehaft zuständig. Am 24. April 1998 brachte der damalige BGS (Bun-
desgrenzschutz, heute: Bundespolizei) einen Bürger in das Haus am Postplatz,
der offensichtlich taubstumm war. Die Kommunikation mit ihm erfolgte ausnahms-
los schriftlich. Er verriet uns schriftlich, dass er Roland Espanol
13
heiße. Wann
er geboren wurde, wisse er nicht. Auch
seine Eltern seien ihm unbekannt. In
Erzählungen sei ihm mitgeteilt worden,
dass der Geburtsvorgang unter freiem
Himmel in Matrill stattgefunden habe.
Ein Blick auf die europäische Land-
karte brachte die Erleuchtung: Spanien
ist das Herkunftsland. Die Rückfrage
bei der spanischen Botschaft ergab,
dass die spanischen Behörden erklär-
ten, dass Herr Espanol nicht deren
Staatsbürger sei und eine Abschiebung
in sein „Heimatland“ ablehnten. Danach
entschied sich dieser Klient um und ließ
erkennen, dass er vietnamesischer Bür-
ger sein könnte. Das Ergebnis ähnelte
dem der Spanischen Botschaft. Da-
nach beschäftigten sich die Behörden
mit der Anbietung dieses Bürgers bei
den Vertretungen Russlands, der Uk-
raine und Polens. Herr Espanol gewann
Zeit. Am 23. November 1998, 11.00 Uhr,
40 Lichtdurchflutete Stationen.
musste er entlassen werden, weil eine

79
längere Anordnung der Abschiebehaft aus rechtlichen Gründen nicht möglich
war. Als er die Anstalt verließ, verabschiedete er sich am Anstaltstor beim Beam-
ten Mayer
14
mit den Worten: „Auf Wiedersehen Herr Mayer. Alles Gute für Sie und
vielen Dank.“ Zur Beruhigung der rechtstreuen Bevölkerung sei hierdurch mit-
geteilt, dass Herr Espanol noch heute in der Stadt Görlitz wohnt. Er hat eine feste
Arbeit und Familie. Straffällig ist dieser Meister der Verstellungskunst zu keinem
Zeitpunkt mehr geworden.
Internationales Publikum II
Die Bediensteten des Justizvollzuges benötigen eine hohe soziale Kompetenz und
sollen sich durch Verständigungsprobleme nicht verunsichern lassen. Eine bei
den Gefangenen besonders beliebte Fachgruppe ist der psychologische Dienst.
Bei diesem Fachdienst kann sich jeder Gefangene zum Gespräch anmelden. Das
sollte mit einem schriftlichen Antrag erfolgen. Der bearbeitete Antrag, nach einer
erfolgten Gesprächsführung, kommt in die Akte. Dieses Verfahren ist notwendig,
weil es die Nachvollziehbarkeit ermöglicht. Insofern lässt sich der Ruf nach den
begehrten psychologischen Gesprächen gut objektivieren.
Das sah so aus: (siehe Kasten auf den Seiten 80 und 81)
Es wird versichert, dass jedes hierdurch zur Anmeldung gebrachte Gespräch ge-
führt worden ist. Diese Sammlung ist in ungefähr 12 Monaten entstanden und
ließe sich unendlich fortsetzen.
Der Anstaltsaußenposten in Görlitz-Königshufen
Nicht immer und nicht jedem Bediensteten gelingt es, sich nach dem Dienst zu
erholen. Einzelne Mitarbeiter sind in Gedanken immer im Dienst. Der Beamte Knut
Knorrig
15
gehörte zu diesem stets der Dienststelle verbundenen Personal. Herr
Knorrig war ein Wunder der Kommunikation, denn er sprach nur, wenn dies unbe-
dingt erforderlich war. Unabhängig davon war er bei den Gefangenen sehr geach-
tet und bei den Zentralbediensteten beliebt. Der Beamte wohnte im Neubau gebiet
Königshufen im dritten Obergeschoss, den Balkon seiner Wohnung dem Stadt-
zentrum zugewandt. Wenn über Görlitz die Nacht hereinbrach, dann lag das Lich-
termeer förmlich vor seinen Füßen. Besonders stach die Sicherheits anlage der
Justizvollzugsanstalt hervor, die wie eine Flutlichtanlage funktionierte. Das taghelle
Licht in der Nacht ermöglichte eine bestimmte Anzahl von Strahlern. Fallen diese
aus, dann ist die Sicherheit der gesamten Anstalt beeinträchtigt. Die Zentral-
bediensteten leiten die Justizvollzugsanstalt bei Abwesenheit des Anstaltsleiters
und überwachen dabei auch die technischen Hilfsmittel. Fällt ein Scheinwerfer
aus, ist das wegen der hier vorhandenen bau lichen Situationsgebundenheit nicht
sofort feststellbar. Knut Knorrig stellte das aber sofort fest. Er griff dann stets zum

80
0 Psychologe 6 Psychologearbeiter
1 Psycologe 7 Phsiholog
2 Psycholog 8 PHSIKOLOg
3 psicholog 9 Phyhologe
4 psycholog 10 Phychologe
5 Phsihologe 11 psiholog
18 psylogie 48 psycholeg
19
Pyschologe
49
Psycholog
20 pescichologe 50 psichologren
21
PISYGOLOCHE
51
PSYCHOLGE
22 Pischologe 52 phsikolage
23 syhulog 53 PSUCHOLOG
24 pzekelog 54 Doktor Psihologie
25 süjologu 55 Psyschologe
26 phyholoishe 56 pschiolog
27 phcüchologe 57 Prucholog
28 CYKOLOG 58 Posikologe
29 PSIYKATR 59 PSUCHIATA
30 süschologe 60 Psöchologe
31 pshiolog 61 Psuchiatra
32 Züchologe 62 Pichaiogia
33 Pzicholog 63 Pcssiolog
34 Psychotoge 64 phusologe
35 Schiecheloge 65 Cihohater
36 cykologa 66 psihiatre
37 Pysologe 67 pschkologe
38 Anstaltspsychater 68 pscoloug
39 Doktor-Psichiatrik 69 Psyddog
40 Psixologa
70 Sychologe
41 PCIKOULOUG 71 Psiekhologe
42
Psychologisch Arbeiter
72
Physiolge
43 Spyschologe 73 PSSyHoLoGE
44 PiczMoQÙ
74 BISCOLOGO
45 Ciologe
75 P?ICHOLOK
46 Zujologe 76 PSCHOLOK
47 Psidzolog 77 PSECHOGE

81
12 phisiatru
13 Pichiator
14 psycoloch
15 Psikolog
16 Pscholog
17 PHISIOLOG
78 C.Sologer
79
Psychologist
80 psisocholog
81
pichalos
82 picalog
83 psychalogesch
84 psicologo
85 PISIHIATRU
86 Phucholog
87 psihog
88 PSICHOLOGIKER
89 Puschologe
90 Söchologe
91 PSICHOLOTT
92 Pyologe
93 psyologe
94 physchologe
95 pisjokolog
96 phykolloge
97 Psychiologe
98 Psychoge
99 PSÜCHOLOG
100 Zicholloge
101 pychater
102
Zocholluge
103 Psyüschologe
103 PISOLOG
105 Bzugolog

image
82
Telefon und rief den diensthabenden
Zentralbediensteten an. Ohne Namens-
nennungen lauteten seine Durchsagen:
„Die acht“ oder seine noch mehr ver-
kürzte Version „zehn“. Das tat jedoch
seinen wertvollen Hinweisen keinen
Abbruch. Es konnten zeitnah die er-
forderlichen Schritte in Gang gesetzt
werden.
Als der Bedienstete mit 65 Jahren am
30. November 2000 in den Ruhestand
versetzt wurde, benötigte er weniger
Nachtschlaf. Er zeigte seine tiefe Ver-
bundenheit zu einem stets sicheren
Justizvollzug in Görlitz durch seine kur-
zen, aber präzisen Telefondurchsagen
noch viele Jahre.
Erlebnis Schubtage
Der „Schubtag“ findet mehrmals wö-
chentlich statt. Die Gefangenen werden
in einem speziellen Gefangenenbus von
einem zum anderen Gefängnis gefah-
ren. Das geschieht aus Gründen der Si-
cherheit innerhalb einer Justizvollzugs-
anstalt, niemals in der Öffentlichkeit.
Bis zum Januar 2001 geschah dies in
Görlitz allerdings, mitten auf dem Post-
platz, in aller Öffentlichkeit. Das große
Interesse der Görlitzer Bevölkerung an
ihrem Gefängnis führte deshalb zu er-
heblichen Ängsten bei den Sicherheitsverantwortlichen. Die Be- und Entladung
des Gefangenenbusses erzeugte Massenaufläufe bei der Bevölkerung und diese
versammelte sich um die Plastikabsperrbänder aus dem Baumarkt. Aus dem
Blickwinkel der Sicherheit war dies ein wöchentlich hochriskantes Unterfangen.
Jeder Schubtag ohne Zwischenfälle wurde zum Beamten-Erfolgserlebnis.
Seit Februar 2001 ist die neue Torwache mit integrierter Kfz-Schleuse in Betrieb.
Diese erfüllt alle Anforderungen und der Bus kann in die Anstalt fahren. Leider ist
den Görlitzern dadurch eine Attraktion verlorengegangen.
41 Sicherheit ist erforderlich!

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83
Das Jahr 1865 schaut aus der Wand
Im Jahr 2007 ist ein weiterer Zugang vom Verwaltungsbereich in das Hafthaus
mittels Einbau einer verglasten Tür geschaffen worden. Die notwendige Baufreiheit
entstand durch einen Wanddurchbruch. Bei den Bauarbeiten stießen die Arbeiter
mit den Presslufthämmern auf Metall. Das konnte nicht sein, denn in diesem Ge-
bäudeteil gab es entsprechend des bis dahin vorhandenen Wissenstandes keine
Metallgegenstände. Die beauftragte Firma informierte den Anstaltsleiter. Dieser
ging sofort auf diese Baustelle. Auch für den Nichtfachmann ist unschwer ein altes
Eisengitter erkennbar gewesen. Er ordnete die Einstellung der Presslufthammer-
einsätze an. In Handarbeit wurde das Eisengitter freigelegt. Am Ende des Tages
kam ein gewaltiges und gut erhaltenes Durchgangsgitter zum Vorschein. Mit die-
ser „Überraschung“ hatte kein Beteiligter gerechnet. Im Nachgang ist das Durch-
gangsgitter restauriert worden und die Hinweise verdichteten sich, dass diese
Arbeit sehr alt ist. Ein in der Anstalt bekannter und im Ruhestand befindlicher
Kunstschmied wurde gebeten, sich den Fund näher anzuschauen. Die Expertise
dieses Fachmannes ergab, dass das Durchgangsgitter in seiner Entstehungszeit
42 Transport Gefangener in der Görlitzer Öffentlichkeit.

84
in reiner Handarbeit von einem Schmied hergestellt worden ist. Im Fachgespräch
zur Entstehungsgeschichte des Hauses datierte der Handwerksmeister die vor-
liegende Arbeit ohne Zögern auf das Jahr 1865. Die Sensation war perfekt. Der
Anstaltsleiter bot dem Handwerksmeister für sein Gutachten eine Anstaltsführung
an. Das Angebot wollte er sich überlegen. Nach ungefähr vier Wochen rief er an,
um das Angebot nun einzulösen. Auf die Nachfrage, wie viel Personen kämen,
antwortete er, dass 25 Personen Interesse hätten. Der interessierte Personen-
kreis sei seine gesamte Verwandtschaft und Bekanntschaft. Versprochen ist ver-
sprochen. Für ein originales Durchgangsgitter aus der Zeit der Eröffnung dieses
Gefängnisses kann man das schon einmal tun.
Im Rahmen von Gruppenführungen durch das Haus ist die Vorstellung dieses
Durchgangsgitters immer ein Höhepunkt. Daran besteht auch zukünftig kein
Zweifel.
Zwei Kirchentüren wollen auf Wanderschaft gehen
Als im Jahr 2008 die Grundsanierung der Justizvollzugsanstalt beendet war,
musste entsprechend den Bauvorschriften ein Brandschutzgutachten erstellt
werden. Das erledigte gründlich ein in seiner Fachwelt gefesselter Brandschutz-
ingenieur. Dieser teilte das bauliche Ensemble in viele kleine Brandschutzeinheiten
ein. Die Folge davon war, dass Türen zusätzlich eingebaut werden mussten und
insofern gewollte Sichtachsen sowie Durchgängigkeit empfindliche Störungen
erlitten. Die Krönung seines Wirkens stellt jedoch die Forderung dar, dass die
Kirchentüren auszubauen sind und durch Brandschutztüren ersetzt werden
mussten. Gutes Zureden und fachliche Argumente prallten an ihm ab. Es führte
kein Weg daran vorbei, die Jugend stil-Eichentüren aus dem Jahr 1910 mussten
ausgebaut werden. Bei diesen Umbauarbeiten sind stets Firmen außerhalb des
Gefängnisses beauftragt worden. So geschah es auch im vorliegenden Fall. Dabei
ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Abbruch der beauftragten Firma ge-
hört, weil diese das nicht mehr benötigte Material beseitigen muss. Das sollte aus-
drücklich nicht mit den wert vollen und wunderschönen Kirchentüren geschehen.
Am Tage des Ausbaus fragte gegen 15.00 Uhr der Anstaltsleiter nach, ob und wo
die Türen eingelagert worden sind. Kein Mitarbeiter konnte darüber erschöpfend
Auskunft erteilen. Die Türen waren verschwunden. Die Suche und Nacheile be-
gann. Mitarbeiter der Fremdfirma erkannten sofort, welchen Schatz sie geborgen
hatte und verluden schnell sowie heimlich die Türen auf ihren Lkw. Die Ausfahrt
der Türen bemerkte kein Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt. Der Wirtschafts-
leiter telefonierte mit der Geschäftsleitung dieser Baufirma. Zum Glück bekam
dieser die Handy-Nummer des Vorarbeiters ausgehändigt. Telefonisch konnte der
Vor arbeiter auf der Autobahn bei Dresden kontaktiert und die Wanderschaft der
Türen beendet werden. Am Abend befanden sich die Kirchentüren wieder in der

image
image
image
85
43 Gittertür aus dem Jahre 1865.

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86
Justizvollzugsanstalt. Beide kamen un-
ter Sonder verschluss. Heute sind beide
Türen an anderer Stelle eingebaut und
können nach Voranmeldung besichtigt
werden.
Lebendkontrolle
Die Hochschule für Film und Fernsehen
„Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg
bildet Filmschaffende aus. Der prak-
tische Teil der Diplomarbeit kann die
Herstellung eines Spielfilms beinhal-
ten. Die Studenten organisieren alles
Erforderliche selbst. Insofern entstand
im vorliegenden Fall eine Gemein-
schaftsproduktion mit dem rbb (Rund-
funk Berlin-Brandenburg). Der Film
„Lebendkontrolle“ sollte in der Realität,
in einer Justizvollzugsanstalt, entste-
hen. Einfacher gedacht als getan. Nach
mehreren Absagen in Brandenburg und
Mecklenburg-Vorpommern „landete“
die Crew in der Justizvollzugsanstalt
Görlitz. Schnell stand fest, dass auch
Gefangene und Bedienstete der Görlitzer Anstalt Rollen im Film übernehmen. Ein-
zige Bedingung war, dass die Justizvollzugsanstalt Görlitz im Vorspann hinter den
hiesigen „Schauspielern“ und im Abspann benannt wird. Die Dreharbeiten fanden
im Juli 2009 im voll belegten Hafthaus statt. Jeder Gefangene konnte beim Dreh
zuschauen, wenn er sich diszipliniert verhielt. Die Aufnahmen am Drehort durften
nicht gestört werden. Das hat funktioniert, denn ein solches Schauspiel erlebt man
live in der Mitte der Justizvollzugsanstalt nur einmal.
Der Film „Lebendkontrolle“ basiert auf der Kurzgeschichte „Reise zum Fluss“
von Clemens Meyer, erschienen in dem Erzählband „Die Nacht, die Lichter“. Für
diesen Erzählband erhielt Clemens Meyer den Preis der Leipziger Buchmesse
2008. Die Handlung des Films spielt zum größten Teil in einem Haftraum; weil die
Hauptperson eine mehrjährige Haftstrafe absitzt. Einziger Lichtblick in seinem von
stumpfer Routine geprägten Alltag ist die Aussicht, seine Freundin Jessica wieder-
zusehen. In der Nacht vor Marks Ausgang bittet ihn Boxer (dargestellt von Eddy
Kante, gleichzeitig Bodyguard Udo Lindenbergs), sein älterer Zellengenosse, um
einen Gefallen: Er soll seiner Tochter das letzte Ersparte überbringen. Mark willigt
44 Eine gerettete Kirchentür.

image
87
45 Prachtvolle Treppenanlage.

88
ein. Doch dieser Freundschaftsdienst wird ihn auf einen Weg zurückdrängen, den
er hinter sich glaubte. Mehr und mehr entfaltet sich das Porträt eines Gefangenen,
der während eines kurzen Aufenthaltes in der Freiheit an sich selbst zerbricht.
Die Filmproduktion „Lebendkontrolle“ hat alle Beteiligten zwei Jahre beschäftigt
und ist ein voller Erfolg geworden. Völlig unterschiedliche Menschen mit unter-
schiedlichen Zielstellungen haben gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe zu-
sammengearbeitet. Es lohnt sich, überschaubare Risiken und zusätzliche Arbeit
zu übernehmen. Die Justizvollzugsanstalt Görlitz ist international ein Begriff, selbst
in Hongkong nahm man davon Kenntnis. In Zeiten knapper Ressourcen kann sich
viel bewegen, wenn die Beteiligten es nur wollen.
Verlängerter Aufenthalt
Die Anstalt am Postplatz 18 ist bei manchen Gefangenen nicht unbeliebt. Am
25. November 2014 wandte sich ein Gefangener an den Anstaltsleiter mit der
Bitte, seinen Gefängnisaufenthalt auf freiwilliger Basis verlängern zu dürfen. In
dem Antragsschreiben teilte er mit, dass seine Entlassung für den 7. Dezember
2014 vorgesehen ist. Er begründete seinen Antrag damit, dass er im Januar 2015
eine weitere Hauptverhandlung habe und ihn nochmals mindestens 18 Monate
Freiheitsstrafe erwarten würden. Wenn er entlassen wäre, dann müsse er im Win-
ter einen Monat ohne festen Wohnsitz zubringen. Zudem könne er sich nicht vor-
stellen, freiwillig der Ladung des Gerichts zur Teilnahme an der Hauptverhand-
lung Folge zu leisten. Außerdem kann er die Zeit ohne weitere Diebstähle nicht
absolvieren. Die Bevölkerung müsse vor ihm geschützt werden. Der Anstaltsleiter
entsprach dem Antrag. Das Sächsische Strafvollzugsgesetz eröffnet solche Ent-
scheidungsmöglichkeiten, nachdem der Einzelfall gründlich geprüft worden ist.
Im Justizvollzug leben und arbeiten Menschen auf engstem Raum. Diese Nähe
zum Menschen schafft täglich tiefe Eindrücke. Auch zukünftig sollen diese Werte
in geeigneter Form der Nachwelt erlebbar durch Verschriftlichungen erhalten
bleiben.

image
89
46 Das rekonstruierte Hafthaus.

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90
Jörg Möser
Das Gerichtshaus in unserer Zeit – Neubau und die denk-
malgerechte Instandsetzung des Görlitzer Gerichtshauses
Das als Kreisgericht am Görlitzer Postplatz errichtete Bauwerk wurde im Jahre
1992 in die Verantwortlichkeit der neu geschaffenen Staatshochbauverwaltung
Sachsens übergeben. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands und der Neu-
schaffung der eigenständigen Gerichtsbarkeit in Sachsen erhielt der Gebäude-
komplex seine ursprüngliche Bestimmung als Gericht zurück, nachdem es seit
1952 mehrere Jahrzehnte u.a. als Verwaltungsgebäude des Rates des Kreises
Görlitz in der DDR gedient hatte. Recht bald wurden in der Benutzung funktio-
nale Defizite und gravierende bauliche Mängel durch fehlende Instandhaltungen
deutlich. Durch diesen schlechten Zustand wurden Nutzungseinschränkungen in
vielen Bereichen der Gebäudeteile unumgänglich. Zudem waren wichtige Funk-
tionen nicht in dem vorgefundenen baulichen Bestand zu erfüllen. Eine Zahlstelle
und Vorführzellen wurden beispielsweise in den Jahren 1995 und 1996 einge-
fügt. Für ein modernes Gerichtsgebäude, das Land- und Amtsgericht sowie die
Außen stellen des Arbeitsgerichts Bautzen unter einem Dach vereinen soll, fehlten
in dem Ensemble zahlreiche Räumlichkeiten, die auch durch partielle Erweiterun-
47 Blick auf den Landgerichtsbau aus dem Jahre 1905. Zustand um 2001.

image
91
gen wie Anbauten oder dem Ausbau von Dachgeschossen nicht zu kompensie-
ren gewesen wären. Neben zahlreichen Verhandlungssälen und Büros sollte das
Grundbuchamt mit seinem umfänglichen Archiv, eine Bibliothek und verschiedene
öffentlichkeitswirksame Bereiche geschaffen werden. So wurden in den Jahren
1996 und 1997 Variantenentwürfe zur Herstellung moderner und zweckmäßiger
Arbeitsbedingungen der Gerichte erarbeitet und unter wirtschaftlichen und funk-
tionalen Gesichtspunkten diskutiert.
Diese Phase mündete in die Erstellung des Bauantrags zur Sanierung des histori-
schen Gerichtsgebäudes, zum Abriss des Hinterhauses sowie der Erstellung eines
Neubaus im Hofbereich, der im Februar 1998 eingereicht wurde. Die „Große Bau-
maßnahme Sanierung und Neubau des Landgerichts Görlitz“ wurde im Juli 1999
genehmigt, nachdem bereits vorgezogene Bauleistungen in Angriff genommen
48 Grundriss 2. OG, Altbau und Neubau.

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92
49 Neubau 2004.

image
93
wurden. So wurden von Mai 1998 bis November 1999 die Fassade zum Postplatz,
die gesamte Dachdeckung und die Fenster saniert. Eine neue Heizungsanlage
wurde im Jahre 2000 für den künftigen Gesamtkomplex geplant und realisiert.
Im Ergebnis eines VOF-Verfahrens (Vergabe freiberuflicher Leistungen), in das ein
Wettbewerb mit Stegreif-Entwürfen eingebunden war, wurde im Oktober 1999 die
Architektengemeinschaft Milde + Möser aus Pirna mit der Planung und Ausfüh-
rung beauftragt.
Die Haushaltsunterlage Bau wurde bis zum Frühjahr 2000 erarbeitet. Ihrer
Genehmigung folgte im Jahre 2001 der Abbruch des in den Jahren 1909 und
1910 errichteten Hinterhauses. Eine geplante Sprengung des Gebäudes wurde
aus sicherheitstechnischen Erwägungen heraus verworfen. Ein teilmechanisierter
Abbruch mit einem hohen Anteil Handarbeit verursachte in der Enge des Hofes in
unmittelbarer Nachbarschaft zur Justizvollzugsanstalt für alle Anlieger Unannehm-
lichkeiten. Der Baubeginn für den Neubau war im August 2001 und zunächst von
gravierenden Baugrundproblemen begleitet.
50 Verhandlungssaal.

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94
51 Detail der Treppenhausverglasung des Landgerichtsbaus von 1910, die in den Neubau
umgesetzt wurde.

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95
Anstelle des Gerichtsgebäudes aus den Jahren 1909 und 1910, zwischen der
Justizvollzugsanstalt und dem Landgericht gelegen, entstand nun ein ebenso
quergelagerter, elfachsiger Bau zu drei Geschossen. In Anlehnung an die Back-
steinfassade des Gerichtsbaus von Carl Ferdinand Busse erhielt die Fassade eine
Verkleidung aus Ziegelplatten. Anders als beim ursprünglichen Bau ordnet sich
der Neubau dem Hauptbau unter und bildet einen harmonischen Übergang zu
dem Bautenensemble der Justizvollzugsanstalt. Im Inneren überzeugt der Neubau
durch eine klare räumliche Aufteilung und eine organische Anbindung an den
Altbau. Aus dem abgebrochenen Baukörper konnte für das Fenster mit der quali-
tätvollen Glasmalerei aus der Zeit um 1910 ein würdiger Platz gefunden werden.
Die Übergabe an die nutzenden Dienststellen fand am 26. November 2002 zum
festgesetzten Termin statt. Zeitgleich wurden ab dem Sommer des Jahres 2002
vorbereitende Arbeiten im Kellerbereich des Altbaus für eine einwandfreie tech-
nische Versorgung des Neubaus durchgeführt. Die Mitarbeiter des Landgerichts,
die während der Bauphase zahlreichen Belästigungen und Widrigkeiten ausge-
setzt waren, unterstützen die Arbeiten nach besten Kräften. Die Verantwortlichen
in allen drei Gerichten begleiteten die Planungs- und Bauarbeiten mit tatkräftiger
konstruktiver Mitwirkung und gestalteten so einen kreativen und produktiven Pro-
zess mit. Nach dem sehr kurzfristigen Umzug in den Neubau durch die Mitarbeiter
der drei Gerichte begannen im Januar des Jahres 2003 die Sanierungsarbeiten im
52 Übergang zum Altbau.

image
96
53 Treppenhaus des Altbaus nach der Restaurierung 2004.

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97
54 Befundachse im Treppenhaus.

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98
56 Decke über dem Saal der Kleinen Strafkammer.
55 Entwurf zur Farbfassung.

image
99
Altbau, bei denen zwei größere Unterbrechungen wegen verschiedener objektiver
Gründe kompensiert werden mussten.
Die Aufgabenstellung war eine völlig andere. Umbau und Instandsetzung mussten
hier unter denkmalpflegerischen Grundsätzen erfolgen. Schwerpunkte waren der
Schwurgerichtssaal, der Verhandlungssaal der kleinen Strafkammer und natür-
lich auch der Eingangsbereich mit dem repräsentativen Treppenhaus. Hier gingen
umfangreiche Befunduntersuchungen voraus, die in ein verbindliches Konzept
mündeten. Mit der Erhaltung des auf uns überkommenen historischen Gepräges
hat die sächsische Justiz einen der interessantesten Justizbauten in alter Pracht
zurückgewonnen. Die Fertigstellung des Bauwerks und die Übergabe an die Nut-
zer konnten so termingemäß am 7. Juli 2004 stattfinden. So wurden insgesamt
4.500 m
2
² modern ausgestattete Nutzflächen für einen effizienten und zeitgemä-
ßen Gerichtsbetrieb ihrer Bestimmung übergeben.
57 Farbentwurf für das Treppenhaus.

100
Andreas Bednarek und Lars-Arne Dannenberg
Die Gerichtsstandorte der Oberlausitz
Die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts zogen tiefgreifende Reformen in der deutschen Rechtsprechung
nach sich. Trotz massiver Gebietsverluste aufgrund der Beschlüsse des Wiener
Kongresses – das Königreich Sachsen hatte fast zwei Drittel seines Territoriums
verloren – kamen Verfassungs- und Verwaltungsreformen nur sehr zögerlich in
Gang. Bislang gab es keine Trennung von Verwaltung und Justiz. Weder exis-
tierte ein klar geregelter Instanzenzug noch ein oberstes Gericht. Es gab zahlrei-
che privilegierte Gerichtsstände, wie Berg- oder Universitätsgerichte, die keine
Rechtsgleichheit zuließen. Hinzu kam, dass vor diesen Gerichten dem Grunde
nach Zivilstreitigkeiten verhandelt wurden, während für Kriminaldelikte, also Straf-
recht, die Spruchkollegien zuständig waren.
In Sachsen schuf die Verfassung von 1831 die Grundlagen für ein modernes
Rechtssystem und machte den Weg frei für die Errichtung eines Justizministeri-
ums. Ein Staatsgerichtshof, bestehend aus Präsident und 12 Richtern, wachte nun
über Schutz und Einhaltung der Verfassung. Durch Anwendung der Verfassung
auf die Oberlausitz per Verordnung vom 17. November 1834 wurde auch die Ober-
lausitz in die sächsischen Verfassungsänderungen einbezogen.
In Preußen hatten die richterliche Unabhängigkeit sowie das Ersetzen „des ge-
heimen und schriftlichen Verfahrens durch ein öffentliches und mündliches so-
wie die Laienbeteiligung in Strafverfahren durch Einrichtung von Geschworenen-
gerichten“ nicht nur funktionale sondern auch räumliche Konsequenzen. Die
Bevölkerungsexplosion in Deutschland erforderte einen viel umfangreicheren
Ve
r
wa
l
tun
gs
a
p
pa
rat
.
Mit der Errichtung der Gerichtsbauten war nun aber auch ein Repräsentations-
bedürfnis zu befriedigen, waren Fragen von der Anlage der Grundrisse bis hin
zur Gestalt und Ausstattung von Verhandlungssälen, Verkehrs- und Büroräumen
aufgeworfen. Und nicht zuletzt rückten der Bauplatz und dessen städtebauliche
Einbindung ins Blickfeld von Bauherr und Architekt. Dagegen entwickelte sich der
Gefängnisbau, der seine Impulse aus englischen Bauten, wie der Anlage in Pen-
tonville, empfing, auf den ersten Blick in eine eigenständige Richtung und scheint
kaum von solchen Fragen berührt gewesen zu sein. Dies kann jedoch nur für das
Zuchthaus gelten, das baulich auf die Traditionen des 18. Jahrhunderts zurück-
griff, aber in seiner Funktion ebenfalls von zahllosen Neuerungen erfasst wurde.
Anders ist dagegen der Gefängnisbau im engeren Sinne zu sehen. Das Inquisi-
toriat oder Stadtgefängnis wurde oft mit dem Kreisgericht in einer funktionellen
Einheit errichtet und kann bei der Betrachtung nicht gänzlich außer Acht gelassen
werden.

101
Die Errichtung und die Unterhaltung der Justizbauten war in Deutschland Aufgabe
der einzelnen Staaten bzw. später der Länder. Damit spielten regionale Eigen-
heiten zunächst eine untergeordnete Rolle und stellte die architektonische Aus-
prägung der Bauten eine Widerspiegelung des Zeitgeistes und einen Ausdruck
politischer Kultur dar. Dies gilt freilich nicht nur für das 19. Jahrhundert im engen
Sinne, sondern ebenso für die Folgezeit nach der Jahrhundertwende. Die Ge-
richtsarchitektur ist bis zu der historischen Zäsur von 1945 als einheitliche Auf-
gabenstellung zu betrachten.
Seit alters her waren die Land- und Stadtgerichte auf Grund ihrer traditionellen
Bindungen oft in den Rathäusern oder im Gutsbezirk, also in den Herrenhäusern
und Schlössern untergebracht. Mit der Verstaatlichung dieser Gerichte änderte
sich daran zunächst wenig. Der Fiskus mietete, sofern nicht eigene Baulichkeiten
Platz boten, die erforderlichen Räumlichkeiten von den städtischen Behörden an.
Für die Unterbringung eines Gerichtes in sonstigen städtischen Bauten kann stell-
vertretend das sogenannte „Neue Kaufhaus“ in Görlitz genannt werden. Am 1. Ok-
tober 1816 war in dem unter preußische Hoheit gelangten Teil der Oberlausitz
die neue Regierungs- und Gerichtsverfassung eingeführt worden. Eine geeignete
Heimstatt für die Gerichtsbehörden fand man unter Schwierigkeiten erst 1824 –
die mittelalterliche Stadt verfügte schon damals über keine nennenswerten Raum-
reserven. Der 1706–1714 auf dem Untermarkt errichtete prächtige Barockbau war
immerhin als Verwaltungsbau konzipiert und sollte bis 1865 Sitz der Gerichts-
behörden bleiben.
Es liegt nahe, dass für die Gerichtsbehörden beim Bau der Rathäuser bereits
die notwendigen Vorkehrungen getroffen worden sind. Die bestehende Gerichts-
verfassung hatte keine Anforderungen an das Raumprogramm formuliert. Selbst
die Frage der staatlichen Repräsentanz war bei kleinen Gerichtsstandorten nicht
ins Blickfeld gerückt worden und stand endlich auch wegen der Diskrepanz von
zu lösender Aufgabe und Raumangebot in den Kommunen nicht im Mittelpunkt.
Insbesondere bei den Justizbehörden werden diese Fragen erst nach der Jahr-
hundertmitte und dann auch nur bei größeren Gerichtsorten zunehmend eine
Rolle spielen.
Ein anderes Bild zeigt sich bei den Standesherrschaften und zahllosen Patrimonial-
gerichten. Die Standes- und Grundherren hatten ihre Gerichte fast ausnahmslos
in den Verwaltungsbauten ihrer Güter untergebracht. Hier wird die Neuordnung
deutliche Veränderungen mit sich bringen. Viele Rittergutsbesitzer hatten aus
Kostengründen bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Patrimonial-
gerichtsbarkeit freiwillig an den Staat abgetreten, spätestens aber mit Inkrafttreten
des „Gesetzes, die künftige Einrichtung der Behörden erster Instanz für Rechts-
pflege und Verwaltung betreffend“ vom 11. August 1855 kam es zu einer Neuord-
nung. Nach dem Verfassungsgrundsatz, dass alle Staatsgewalt beim Staat liegen

image
102
58 Der Görlitzer Gerichtskomplex. 2015.

image
103
müsse, ging gemäß gesetzlicher Anordnung „die Patrimonialgerichtsbarkeit jeder
Art (…) auf den Staat über“. Königsbrück ist hierfür ein typisches Beispiel.
Eine beinahe gegenteilige Entwicklung ist seit der Einführung der kommunalen
Selbstverwaltung zum Beginn der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in den
Städten zu beobachten. Hier ist ein Ringen der Städte und Gemeinden um Be-
deutungszuwachs zu spüren. Dabei spielte die Erhebung zum Gerichtsstandort
eine gewichtige Rolle. In seltener Form erzählt uns dies eine Quelle zum Amts-
gericht Marklissa, (heute Lesna/Polen). Die Kleinstadt mit ca. 2.000 Einwohnern
am Rande des Isergebirges war bis 1848 Sitz eines Patrimonialgerichtes und hatte
dann ihre Gerichtsbarkeit verloren. Zwischen Görlitz und Hirschberg gelegen, be-
saß der Ort zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine nennenswerten Entwicklungs-
chancen. Im Juli des Jahres 1878 wurde die Einrichtung eines Amtsgerichts in der
Kleinstadt in Aussicht gestellt. Daraus entwickelte sich ein regionaler Machtkampf.
Als der Stadtrat von Marklissa zunächst zögerte, dem Fiskus im gewünschten
Maße entgegenzukommen, legte der für die Verhandlungen zuständige Lauba-
59 Gerichtsstandorte in der Oberlausitz nach dem Gerichtsverfassungsgesetz von 1877.
Rot: Die in der Oberlausitz liegenden Gerichtsstandorte des Landgerichtsbezirkes Görlitz
(Preußen).
Blau: Die in der Oberlausitz liegenden Gerichtsstandorte des Landgerichtsbezirkes Bautzen
(Sachsen).

104
ner Kreisgerichtsdirektor Neuhaus dem Appellationsgericht zu Glogau vorsichtig
nahe, von der Einrichtung eines Amtsgerichtes in Marklissa Abstand zu nehmen
und stattdessen die Gemeinde Gebhardtsdorf zu berücksichtigen, die sich zur
Beschaffung der für ein Amtsgericht erforderlichen Lokalitäten bereit erklärt habe.
Diese Entwicklung bewegte nun offenbar die Stadt Marklissa zum Einlenken.
Noch im selben Monat verhandelte Kreisgerichtsdirektor Neuhaus mit dem Bür-
germeister und einem Stadtrat von Marklissa über die Leistungen der Kommune
im Falle der Einrichtung eines Amtsgerichtes nebst Gefängnis. Die Stadt stellte
nun ein unbebautes Grundstück zur Verfügung und verpflichtete sich, einen Bau
aufzuführen, dessen Projekt zuvor von der Justizverwaltung genehmigt werden
sollte. Der Fiskus behielt sich das Recht vor, die seitens der Stadt eingereichten
Pläne vom Kreisbaubeamten ausarbeiten zu lassen. Mit weiteren Bestimmungen
wurde der Stadt ein Mitspracherecht zu funktionalen Fragen faktisch genommen.
So sind in der Oberlausitz viele der oben genannten Entwicklungen zu beobach-
ten. Diese seit 1815 zwischen zwei Ländern aufgeteilte Landschaft repräsentiert
die sächsische und die preußische Justizentwicklung und verweist vor allem nach
der Mitte des 19. Jahrhunderts durch seine Gerichts- und Gefängnisbauten auf
die jeweils eigenen Entwicklungslinien. Im Folgenden werden die Gerichtsbau-
ten des sächsischen Landgerichtsbezirks Bautzen und des preußischen Landge-
richtsbezirks Görlitz vorgestellt. Gerichtsstandorte, die sich außerhalb der Ober-
lausitz befinden, bleiben dabei unberücksichtigt. Eine Ausnahme wird mit dem an
der Grenze zur Oberlausitz gelegenen Ort Bischofswerda eingeräumt.

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105
Landgerichtsbezirk Görlitz
Land- und Amtsgericht Görlitz,
Postplatz 18
Der Gebäudekomplex mit Gerichts-
haus und Gefängnis entstand in den
Jahren 1863–1865. Architekt war Carl
Ferdinand Busse. Der Komplex ist ei-
ner der letzten Bauten des Altmeisters
der frühen preußischen Gerichtsbau-
kultur. Pläne aus der Bauzeit sind nur
für den Gefängnistrakt erhalten. Nach
den Erfordernissen des Gerichtsver-
fassungsgesetzes erhielt der Bau im
Jahre 1877 zwei würfelförmige Anbau-
ten, die der Stilistik des Altbaus folgten.
In den Jahren 1905–1910 entstand ein
Neubau unmittelbar im Anschluss des
Schwurgerichtstraktes für das Landge-
richt und ein tiefgreifender Umbau des
Gefängnisses. Dieser Ergänzungsbau
zwischen Gerichtshaus und Gefängnis wurde 2002 abgetragen und durch einen
modernen Neubau ersetzt. Der Baukomplex wurde 2002–2004 durch greifend
instand gesetzt.
Amtsgericht Bad Muskau,
Markt 274
Seit dem Jahr 1879 hatte das Amts-
gericht der Kleinstadt seinen Sitz im
1826 errichteten Rathaus. 1944 wird
der Gerichtsstandort zu einer Zweig-
stelle herabgestuft. Das Rathaus wurde
1945 zerstört.
61 Postkarte um 1900.

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106
Amtsgericht Hoyerswerda,
Schlossplatz 1
Das Schloss in Hoyerswerda war seit
1781 im Eigentum des Staates und von
1879 bis 1945 Sitz der Gerichtsbehör-
den. In seinen Mauern hatte auch das
Gerichtsgefängnis mit einer Reihe von
Gefängniszellen seinen Platz. Der Bau
wird heute museal genutzt.
Amtsgericht Lauban,
Poststraße 1 b (heute Luban´/Polen,
Plac 3-go Maja 12)
Der Amtsgerichtsbau wurde um die
Jahrhundertwende in neugotischen
Formen errichtet und beschreibt eine
U-Form. Der Schöffensaal findet sich
im 1. Obergeschoss des Risalits, der,
begleitet von je einer Fensterachse,
den Platz vor der Straßeneinmündung
beherrscht. Dieses Gericht war mit vier Richtern besetzt. Das Gefängnis wurde
bereits 1852 auf diesem Grundstück errichtet.
62 Postkarte um 1900.
64 Postkarte um 1900.

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107
Amtsgericht Marklissa,
Wollerstraße 335 (heute Lesna/Polen, ul. Kosciuski 9)
Am 27. Januar 1879 legte der Marklissaer Stadtbaurat Abel Skizzen für ein Ge-
richtsgebäude, besetzt mit zwei Amtsrichtern, vor. Abel sah einen zweigeschossi-
gen Bau zu fünf Achsen mit einem dreiachsigen Mittelrisalit vor, hinter dem sich im
Obergeschoss der Schöffengerichtssaal verbarg. Der Grundriss war ausgewogen
und durchaus mit Amtsgerichtsbauten dieser Zeit vergleichbar. Die Erschließung
erfolgte über eine Eingangshalle, einen kleinen Mittelgang und das hofseitig an-
geordnete Treppenhaus. Am Hauptbau sollte sich ein schmaler Hofflügel mit den
Gefängniszellen anschließen. Die Grundlage für diesen Entwurf bildeten offenbar
die Pläne von Musterbauten, die die Anpassungskommission Heinrich Herrmanns
für die einzelnen Stufen der Amtsgerichte entworfen hatte. Der Gefängnisflügel
schiebt sich entlang der Mittelachse des Hauses in den Hof und verbreitert sich
an seinem Ende zu einem kleinen Zellentrakt. Damit entsteht ein recht kompakter
Grundriss mit einer engen Verbindung von Gericht und Gefängnis. Der in Marklissa
ausgeführte Bau erinnert an eine aus dem Busse´schen Schwurgerichtsbau ent-
lehnte Grundrissform. Der Bau wird heute als Wohnhaus genutzt.

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108
Amtsgericht Niesky,
Muskauer Straße 12
Schon vor der Einführung der neuen Gerichtsstruktur hatte sich Niesky um eine
Aufwertung durch die Einrichtung eines Gerichtstages in der Gemeinde bemüht.
1878 kam nun die Möglichkeit in greifbare Nähe, ein Amtsgericht für den Ort zu
erhalten. Die 1742 von Herrnhutern gegründete Gemeinde war im Verlauf des
19. Jahrhunderts durch eine beachtliche industrielle Entwicklung und ihre be-
deutenden pädagogischen Einrichtungen zu einer Stadt emporgewachsen und
wollte nun auch als Behördensitz diesem Aufschwung Rechnung tragen. Im Juni
1878 verhandelte der Rothenburger Kreisgerichtsdirektor Boethke mit der Brüder-
gemeine Niesky wegen der Errichtung des Amtsgerichts. Die Brüder gemeine zu
Niesky verpflichtete sich, ein mit zwei Richtern besetztes Amtsgericht und ein
daran anschließendes Gefängnis mit einer Kapazität von durchschnittlich zehn
Gefangenen bis zum 1. Oktober 1879 zu errichten. Das Grundrissschema des
Baus ist mit keinem zeitgleichen Staatsbau vergleichbar. Die Ausarbeitung des
Bauplanes für den 1879 fertiggestellten Bau dürfte ein Nieskyer Baumeister vor-
genommen haben. Der Bau wird heute als Wohnhaus genutzt.

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109
Amtsgericht Reichenbach,
Bahnhofstraße 5
In den Jahren 1912–1913 entstand ein zweigeschossiger Amtsgerichtsbau zu neun
Achsen. Das Gefängnis setzt hier aber als kurzer Flügelbau an der rechten Hof-
ecke an. Die Wohnung des Gerichtsdieners hat Räume im Geschäftshaus und zieht
sich in den Gefängnisflügel hinein. Die Erschließung des Geschäftshauses wird mit
einer geräumigen Halle in das Zentrum des Baus gelegt. Die Fassadengestaltung
ist äußerst schlicht, der dreiachsige Risalit, überdeckt durch einen mächtigen Korb-
bogengiebel, tritt kaum hervor, der gesprengte Giebel des Haupteingangs trägt
das Hoheitszeichen. Die höhergezogenen Fenster im Risalit des Obergeschosses
weisen auf die Lage des Schöffensaales. Das 1945 restlos zerstörte Amtsgericht
wurde nicht wieder aufgebaut. Auch haben sich keine Pläne erhalten.
Amtsgericht Rothenburg,
Markt (heute Görlitzer Straße 3)
Bereits 1849 wurde die Stadt als Sitz
eines Kreisgerichtes ausgewählt, 1879
zum Amtsgericht umgewandelt. Die
Rothenburger Gerichtsbörden nutzten
als Sitz ein Bürgerhaus des 19. Jahr-
hunderts.
68 Amtsgericht Reichenbach, Aufnahme ca. 1920.
69 Amtsgericht Rothenburg, Aufnahme 1990.

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110
Amtsgericht Seidenberg,
Görlitzer Straße 16 (heute Zawidow/
Polen, Zgorzelecka 34)
Das seit 1879 bestehende Amtsgericht
Seidenberg bezog nach der Jahrhun-
dertwende einen stattlichen Bau an der
Görlitzer Straße, der zuvor caritativen
Zwecken gedient hatte. Im Jahre 1944
wurde das Gericht zu einer Zweigstelle
herabgestuft.
Amtsgericht Ruhland,
Sychy Straße 3 (heute Rudolf-Breit-
scheid-Straße)
Die Gerichtsbehörden hatten zunächst
ihren Sitz in einem zweigeschossigen
Gebäude an der Bahnhofstraße. Bereits
1905 wurden erste Gedanken über ei-
nen Neubau geäußert. 1917 lag erstmals
ein Entwurf für einen Neubau vor, aber
erst in den dreißiger Jahren wurde die
Angelegenheit erneut betrieben, und so
konnte nach kurzer Bauzeit am 1. März
1938 das Gebäude an der Suchystraße
den Gerichtsbehörden übergeben
werden. Der Amtsgerichtsbau wurde
als komplexe Anlage geplant und um-
fasst neben dem Geschäftshaus auch
ein Amtsrichterwohnhaus. Hinter dem
Haupteingang empfängt den Besucher
eine großzügige Halle mit seitlich lie-
gendem Treppenhaus und in die Tiefe
führendem Mittelgang. Für Ruhland stellt das Handbuch der Architektur 1943
fest: „Das kleine Amtsgericht bildet zusammen mit dem Dienstwohngebäude
eine wohl abgewogene Bautengruppe an einer Straßenkreuzung des Städtchens.
Das Hauptgebäude liegt hinter die Straßenfluchten zurückgesetzt, wodurch eine
schöne räumliche Gruppierung des Baukörpers erreicht wird.“
72 Haupteingang.

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111
Amtsgericht Weißwasser,
Kaiserplatz 1 (heute Marktplatz)
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wuchs Weißwasser durch den Abbau
von Bodenschätzen zu einem wichtigen Ort innerhalb der preußischen Ober-
lausitz heran. So bemühte sich die Gemeindeverwaltung auch um den Sitz eines
Amtsgerichts. Als Bauplatz war der zukünftige Marktplatz ausgewählt worden, wo
auch auf dem benachbarten Grundstück das neue Rathaus entstehen sollte. Die
Grundsteinlegung erfolgte am 10. Mai 1910. Der 1911 fertiggestellte zweigeschos-
sige Gerichtsbau zu neun Achsen, zu dem ein mittels Verbindungsgang ange-
schlossenes, zeitgleich errichtetes Gefängnis gehörte, bot im Erdgeschoss dem
Grundbuchamt und der Wohnung des Gerichtsdieners Platz. Die Fassadengestalt
ist ganz der Neurenaissance verpflichtet. Der Bau wurde 1945 zerstört.
73 Zeichnung um 1930.

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112
Landgerichtsbezirk Bautzen
Land- und Amtsgericht Bautzen,
Lessingstraße 7
Der mächtige Komplex an der Lessingstraße umfasst ein ganzes Quartier. In den
Jahren 1902 bis 1906 wurden hier die Bauten für das Landgericht, das Amts-
gericht und die Staatsanwaltschaft errichtet. Die Hauptfronten, durch Seitenrisalit
gegliedert, beherrschen die Taucher- und die Lessingstraße und werden von spät-
gotischen Formen geprägt, in die sich ein vornehmer Jugendstil einfügt. Entwurf
und Bauleitung lagen in den Händen von Baurat Baumann, Regierungsbaumeis-
ter Kempe, Baurat Schnabel und Bauamtsarchitekt Grosselt. Letzterer wird auch
in Zittau tätig werden. Die feierliche Eröffnung des Amtshauses erfolgte am 6. Sep-
tember 1906. Das dazugehörige Gerichtsgefängnis öffnet sich zur Weigangstraße
und spielte in den Jahren 1945–1949 als sowjetisches Untersuchungsgefängnis
und von 1956 bis 1989 als Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicher-
heit eine besondere Rolle.
74 Land- und Amtsgericht Bautzen, Aufnahme 2015.

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113
Amtsgericht Bernstadt,
Markt 11
Das Bernstädter Rathaus wurde un-
mittelbar nach dem Stadtbrand 1828
neu erbaut. Mit der Aufhebung der
Klostergerichtsbarkeit zogen die
Gerichts behörden in das repräsenta-
tive Gebäude ein. Bis 1939 wurde es
als Amtsgericht genutzt, während die
Stadtverwaltung mit einem anderen
Gebäude vorlieb nehmen musste. Von
der Ausstattung des Sitzungssaales
ist ein Foto erhalten. 1939 wurde das
Amtsgericht aufgehoben, der Sitzungs-
saal zu Wohnungen umgebaut.
76 Verhandlungssaal, um 1925.

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114
Amtsgericht Bischofswerda,
Kirchstraße 32
Die Geschichte des Gerichtsstandortes
ist eng mit der alten Frohnfeste verbun-
den. Die unzureichenden Bedingungen
dieser Anlage führten zum Erwerb ei-
nes Grundstückes an der Kirchgasse
und 1859 zunächst zum Bau eines
neuen Gefängnisses. Zwei Jahre später
entstand hier der qualitätvolle Bau des
Gerichtsamtes, ab 1879 Amtsgericht.
Von der Straßenfluchtlinie leicht zu-
rücktretend wirkt der Bau zu der zwei-
geschossigen Bebauung des Straßen-
zuges repräsentativ. Bis 1994 hatte in
diesem Gebäude das Amtsgericht sei-
nen Sitz. Heute befindet sich im Haus
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115
Amtsgericht Ebersbach,
Schloßstraße 6
Im Jahre 1856 wurde Ebersbach Amtsgerichtsbezirk. Seinen repräsentativen
Amtssitz erhielt der Justizfiskus im Jahre 1897 mit dem Umbau eines repräsenta-
tiven Gebäudes an der Schloßstraße. In den Formen der deutschen Renaissance
erhebt sich der Bau über unregelmäßigen Grundriss zu drei Geschossen. Heute
befinden sich eine Pflegeeinrichtung und altersgerechte Wohnungen im Gebäude.
Amtsgericht Herrnhut,
Löbauer Straße 66 (heute Nr. 14)
Im Jahre 1850 verkaufte der Herrnhuter
Bürger Karl Wilhelm Blumental sein
1806 errichtetes Haus an der Löbauer
Straße zur Einrichtung eines Einzel-
gerichtes an den sächsischen Staat. Die
Brüdergemeine und die Firma Dürnin-
ger beteiligten sich finanziell an diesem
Vorhaben. Das hofseitige Stallgebäude
wurde um ein Geschoss erhöht, um da-
rin Gefängniszellen einzurichten. Heute
dient das Gebäude als Wohn- und Ge-
schäftshaus.

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116
Amtsgericht Großschönau,
Hauptstraße 69
Großschönau hat vor allem durch die
Damastherstellung und im 19. Jahrhun-
dert mit Frottierwaren eine beachtliche
Entwicklung vollzogen. Folgerichtig
war 1856 die Gemeinde als Gerichts-
amt bestimmt worden. Im Jahre 1890
entstand für die Gerichtsbehörden
ein langgestreckter, zweigeschossiger
Backsteinbau in Formen der Renais-
sance. Der Backstein mit den Sand-
steineinfassungen prägt in besonderer
Weise das Straßenbild. Der Bau wird
heute als Grundschule genutzt.

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117
Amtsgericht Kamenz,
Am Damm 5
Nach dem Kauf des Grundstückes im
Jahre 1843 am Stadtrand von Kamenz
wurde in den folgenden Jahren ein
schlichter dreigeschossiger Bau auf-
geführt und schließlich 1844 eröffnet.
Kamenz hatte neben Zittau und Löbau
seine Bedeutung als Bezirksgericht.
Der Kamenzer Gerichtsbau ist einer der
frühesten Bauten dieser Gattung in der
Oberlausitz. Vermutlich hat der Wieder-
aufbau der Stadt Kamenz nach dem
verheerenden Stadtbrand im Jahre
1842 diesen frühen Gerichtsbau her-
vorgebracht. Der Bau ist nach der Jahr-
tausendwende aufgegeben worden
und steht heute leer. Das Amtsgericht
hat in einem Gebäude der ehemaligen
Offiziershochschule der Luftstreifkräfte
an der Macherstraße ein neues Domizil
gefunden.

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118
Amtsgericht Königsbrück,
Markt 13
Bereits im Jahre 1850 überließ die Stadt
Königsbrück drei Baustellen für das
Amtsgebäude. Das neue Gebäude an
der Südseite des Marktes erhebt sich
als dreigeschossiger Bau zu sieben
Achsen. Im Erdgeschoss befanden sich
das Archiv und die Wohnung für den
Wachtmeister, im Obergeschoss vier
Geschäftsräume und ein Warteraum,
im Dachgeschoß die sieben Arrestzellen. Am 6. Juli 1853 wurde das Haus eröffnet
und ab 1879 wurden die Geschäfte als Amtsgericht geführt. Nach gründlicher
Sanierung wird seit 1997 das Gebäude durch die Stadtverwaltung Königsbrück
genutzt.
85 Postkarte um 1900.

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119
Amtsgericht Löbau,
Promenadenring 3
Am Rande der Löbauer Altstadt erhebt
sich das Löbauer Amtsgericht als breit-
gelagerter Bau zu drei Geschossen und
zehn Achsen. Als 1837 das Königliche
Justizamt in Löbau geschaffen wurde,
fanden die Behörden zunächst im Rat-
haus ihren Platz. Bereits ein Jahr später
erwarb der Staat den Marstall und er-
richtete bis 1841 auf den Grundstücken
der alten Frohenfeste das „Landgerichtsgebäude“. Ab 1850 bemühte sich Löbau
um die Einrichtung eines Bezirksgerichtes und förderte dies mit der Bereitstel-
lung von Grundstücken. 1851 bis 1853 wird der Bau um einen Flügelbau für das
„Bezirksgericht“ erweitert und unmittelbar darauf bis zum Jahre 1855 entstand
das Gefängnis im Hof der Anlage. Am 21. Mai 1874 wird das Bezirksgericht in ein
Amtsgericht umgewandelt. Der Bau ist heute Zweigstelle des Amtsgerichts Zittau.
87 Gefängnisflügel.

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120
Amtsgericht Neusalza,
Kirchstraße 17
Seit 1841 ist Neusalza Gerichtsort. Für
die Behörden entstand im Jahr 1880
ein breitgelagerter Bau zu neun Achsen
und zwei Geschossen. Der vornehme
Bau ist ganz im Stil der Neorenaissance
gehalten. Unmittelbar hinter dem Amts-
gericht fällt ein zweiter Bau auf, das zur
gleichen Zeit errichtete Amtsgerichts-
gefängnis. Das ehemalige Amtsgericht
ist heute Sitz der Stadtverwaltung von
Neusalza-Spremberg.

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121
Amtsgericht Ostritz,
Markt
Im Jahre 1850 wurde Ostritz zum Gerichtsstandort bestimmt. Für die Gerichts-
behörden konnte am Markt ein Gebäude erworben und umgebaut werden. In
unmittelbarer Nachbarschaft diente ab 1907 ein zweites Gebäude als Gerichts-
gefängnis. Der in schlichten klassizistischen Formen gehaltene Bau war in den
letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört und vereinfacht wieder aufgebaut
worden.
91 Fotografie um 1900.

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122
Amtsgericht Pulsnitz,
Schießgasse (heute Dr.-Wilhelm-Külz-
Straße 2)
Der sächsische Justizfiskus erwarb
1855 für den Bau des Gerichtes ein
Grundstück an der Schießgasse. 1856
wird der Bau feierlich eröffnet und 1860
wird unmittelbar neben dem Gebäude
ein weiteres Grundstück für ein Beam-
tenwohnhaus erworben. Im Oktober
1879 wird aus dem alten Gerichtsamt
das Kreis gericht Pulsnitz. In exponier-
ter Stellung erhebt sich ein schlichter
Putzbau zu zwei Geschossen und neun Achsen.
92 Amtsrichterhaus.

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123
Amtsgericht Reichenau,
(heute Bogatynia/Polen,
ul. Ignacego-Daszynskiego 29)
Im Jahre 1856 erhielt die Gemeinde ein
Königlich-sächsisches Gerichtsamt. Im
Jahre 1890 entstand für die Gerichts-
behörden ein langgestreckter, zwei-
geschossiger Backsteinbau in Formen
der Renaissance. Deutlich sind Paral-
lelen zum Bau in Großschönau bis hin
zum Eingangsportal ablesbar. Etwas
abgesetzt vom Hauptbau ist im Hof
noch das alte Gerichtsgefängnis vor-
94 Postkarte um 1900.
handen.

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124
Amtsgericht Schirgiswalde,
Hauptstraße 7
Der im Jahre 1839 errichtete domstift-
liche Amtsbau wurde seit dem Über-
gang in den sächsischen Staat im
Jahre 1845 als Gerichtshaus genutzt.
Anstelle eines Vorlaubenhauses ent-
stand 1861 noch ein Gerichtsneubau
unmittelbar rechts des Amtshauses.
Der Neubau orientierte sich in Form
und Gestalt an der des Amtshauses,
ist aber in seiner Tiefe geringer. Im
Neubau wurden Wohnungen und der
Verhandlungssaal eingerichtet. Später
kam ein Verbindungsbau zwischen den
beiden Gebäuden hinzu. Im Hof sind
bis heute die Baulichkeiten des Amts-
gerichtsgefängnisses ablesbar. In den
Jahren 1904–1905 entstand ein zwei-
ter Neubau, der vornehmlich Amts-
wohnungen aufnahm.
96 Gefängnisflügel.

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125
Amtsgericht Zittau,
Lessingstraße 1
Das Zittauer Amtsgericht hatte seinen Sitz in einem prächtigen Neobarockbau an
der Westseite des Marktes. Erste Planungen für das Gerichtsgebäude am Zittauer
Ring gehen auf das Jahr 1890 zurück. In den Jahren 1911–1914 schuf der Bau-
amtsarchitekt Grosselt, der bereits an der Errichtung des Bautzener Land- und
Amtsgerichts maßgeblich beteiligt war, den heutigen Baukomplex. Das Gerichts-
haus am Ring ist nach Bautzen mit Ab-
stand das größte Gerichtshaus in der
sächsischen Oberlausitz. Das Gebäude
wendet sich eher zurückhaltend mit nur
drei Achsen der städtebaulich bedeut-
samen Ringstraße zu. Hingegen entfal-
tet sich der mehrfach gestaffelte Bau-
körper zur verhältnismäßig schmalen
Lessingstraße in seiner ganzen Länge.
Die leicht abschüssige Lessingstraße
zieht ein kräftiges Untergeschoss nach
sich, so dass sich der Bau dennoch städte baulich gegenüber der prächtigen Ring-
bebauung behaupten kann. Das Gerichtsgefängnis erstreckt sich im Hofgelände
und ist so kaum wahrnehmbar.
98 Zeichnung.

126
Übersicht zu den Gerichtsstandorten in der Oberlausitz
1. Als Gerichtshäuser errichtete Bauten
Gerichtsstandort
errichtet als
Land
Baujahr
Löbau Landgericht S 1838–1841
Kamenz Bezirksgericht S 1843–1844
Königsbrück Gerichtsamt S 1853
Pulsnitz Gerichtsamt S 1855–1856
Schirgiswalde Gerichtsamt S 1861
Görlitz
Kreisgericht
P
1863–1865
Marklissa Amtsgericht P 1879
Niesky Amtsgericht P 1879
Neusalza Amtsgericht S 1880
Großschönau Amtsgericht S 1890
Reichenau Amtsgericht S 1890
Lauban Amtsgericht P 1898–1900
Bautzen
Land- und Amtsgericht
S
1902–1906
Weißwasser
Amtsgericht
P
1910–1911
Zittau Amtsgericht S 1911–1914
Reichenbach Amtsgericht P 1912–1913
Ruhland Amtsgericht P 1937–1938
2. Als Gericht genutzte Gebäude mit ursprünglich anderem Zweck
Gerichtsstandort
genutzt als
Land
Baujahr
errichtet als
Rothenburg Kreisgericht P 1849 Bürgerhaus
Herrnhut
Amtsgericht
S
1851
Bürgerhaus
Ostritz Gerichtsamt S 1851 Bürgerhaus
Bernstadt Amtsgericht S 1852 Rathaus
Hoyerswerda Amtsgericht P 1879 Schloss
Seidenberg
Amtsgericht
P
1879
Bürgerhaus
Muskau
Amtsgericht
P
1879
Rathaus
Ebersbach Amtsgericht S 1897 Schloss
S = Sachsen, P = Preußen

127
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellenverzeichnis
Archivverbund Bautzen, Staatsfilialarchiv.
Gerichtsgefängnis in Görlitz – 1911 bis 1920; Reg.-Nr. 50090–202.
Gerichtsgefängnis in Görlitz – 1920 bis 1927; Reg.-Nr. 50090–203.
Haftanstalt Görlitz – 1929 bis 1944; Reg.-Nr. 50090–124.
Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden
Haftanstalt Görlitz – 1929 bis 1944; Reg.-Nr. 10834, Nr. 98.
Sammlung Strafvollzug Frank Häcker.
Unveröffentlichtes Manuskript Frank Häcker.
Interviews des Autors mit Frank Häcker im Zeitraum von 1995 bis 2015.
Frank Häcker arbeitete seit 1965 im Strafvollzug der DDR. Zumeist übte er
Führungs funktionen, auch als Anstaltsleiter, aus. Er behandelte die Gefangenen
stets menschlich. Auch aus diesem Grund wurde er 1977 als Leiter einer StVE
abgelöst. Vom 3. Oktober 1990 bis 30. September 2010 war er als Vollzugsabtei-
lungsleiter in der Justizvollzugsanstalt Görlitz tätig. Zum 1. Oktober 2010 erfolgte
seine Pensionierung. Er ist ein kulturhistorisch bewanderter und interessierter
Mensch. Der Pensionär gibt sein umfangreiches Wissen in Foren und Veranstal-
tungen weiter. Er lebt in Görlitz und liebt diese Stadt sowie deren Historie.
Sammlung Strafvollzug Frank Hiekel
Literaturverzeichnis
Ammerer, Gerhard; Weiß, Alfred Stefan: Strafe, Disziplin und Besserung. Frankfurt
am Main 2005.
Ansorg, Leonore: Politische Häftlinge im Strafvollzug der DDR: Die Strafvollzugs-
anstalt Brandenburg, Berlin 2005.
Bechler, Theodor: Herrnhut. Ortsgeschichte. Naumburg 2004.
Bednarek, Andreas: Katalog der Gerichtsbauten der Provinz Schlesien. Unver-
öffentlichtes Manuskript.
Bednarek, Andreas: Gerichtsbauten in Schlesien 1815 bis 1945. Görlitz 2003.
Bednarek, Andreas; Häcker, Frank; Mocikat, Lutz: Justizvollzugsanstalt Görlitz,
Umbau und Sanierung Haftflügel C, Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und
Baumanagement im Auftrag des Freistaates Sachsen, Staatsministerium der
Finanzen, Zittau 2008.
Begleitband zur Ausstellung des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz;

128
des Stadtmuseums Dresden und des Strafvollzugsmuseums Ludwigsburg im
Stadtmuseum Dresden vom 16. Juli bis 15. Oktober 1998.
Böhmer, Tilo und Marita: Ostritz und seine Dörfer beiderseits der Neiße. Bautzen
2006.
Dienst- und Vollzugsordnung für die Gefangenenanstalten Justizverwaltung in
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Drehwald, Suzanne; Jestaedt, Christoph: Sachsen als Verfassungsstaat. Leipzig
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Klewin, Silke; Reinke, Herbert; Sälter, Gerhard: Hinter Gittern. Leipzig 2010.
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Sächsische Justiz in der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR
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Bildnachweis
Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz 4, 11, 13, 16, 38
Robert-Scholz Archiv Görlitz 2, 9, 10, 128
Andreas Bednarek 1, 3, 12, 15, 19, 21, 22, 26, 27, 29, 45, 49, 57, 85, 86, 104,
105, 107, 108, 109, 110, 112, 113, 114, 115, 116, 117, 118, 119, 121, 122, 126, 127,
129
Sammlung Jörg Möser
92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101
Sammlung Bednarek
107, 108, 111, 113, 120, 125
Sammlung Strafvollzug Frank Hiekel
31, 32, 36, 39, 40, 44, 78, 80, 82, 83,
87, 89
Sammlung Strafvollzug Frank Häcker
25, 43, 52, 58, 59, 62, 63, 67, 71, 72
Heimatmuseum Bernstadt 115
Heimatmuseum Ostritz 123
Nora Wiedemann 124
Lars-Arne Dannenberg 120
100 Land- und Amtsgericht Görlitz, um 1900.

130
Die Autoren
Dr. Andreas Bednarek
1957 in Görlitz geboren. Studium an der Ingenieurschule für Bauwesen in Cottbus
und Studium der Kunstwissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-
Wittenberg. 2002 Promotion an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Seit 2001 freiberuflich in der historischen Bauforschung und in der Altbauplanung
tätig. Forschungen zur Architekturgeschichte und zum Städtebau des 19. Jahr-
hunderts. Andreas Bednarek lebt und arbeitet in Bernstadt a.d.E.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
geboren 1971 in Greifswald. Studium der Rechtswissenschaften und der Mitt-
leren Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der TU Dresden. 2007
Promotion. Vizepräsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften.
Zahlreiche Publikationen zur Geschichte und Kultur Sachsens, Schlesiens und der
Oberlausitz. Lars-Arne Dannenberg ist freiberuflich tätig und lebt in Königsbrück.
Frank Hiekel
1957 geboren. Er ist Leiter der Justizvollzugsanstalt Bautzen und führte zuvor die
Justizvollzugsanstalt in Görlitz. Seit 35 Jahren arbeitet er im Justizvollzug, davon
neun Jahre im Strafvollzug der ehemaligen DDR. In seiner Freizeit beschäftigt er
sich mit vollzugshistorischen Themen und Dingen, die es wert sind, bewahrt zu
bleiben.
Jörg Möser
geboren 1963. Freier Architekt und Bauforscher. 1984 bis 1989 Studium der
Architektur an der TU Dresden. 1989 bis 1991 Wissen schaftlicher Assistent am
Institut für Baugeschichte, Architekturtheorie und Denkmalpflege der TU. 1989
Forschungsaufenthalt am Moskauer Architekturinstitut in der Russischen Repu-
blik. Seit 1991 gemeinsam mit Prof. Milde (†) (bis Ende November 2007) Archi-
tekturbüro mit dem Schwerpunkt Öffentlicher Bauten und denkmalpflegerischer
Sanierungen. 1997 Gründungsmitglied des Instituts für bewahrende Erneuerung
historischer Bauwerke. Seit 1998 Gründungsmitglied und Vorsitzender der Gesell-
schaft für historische Städteforschung in Böhmen und Sachsen. Beirats mitglied
im Ergänzungsstudiengang Denkmalpflege und Bestandsentwicklung der Denk-
malakademie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der TU Dresden. Jörg
Möser lebt in Dresden.

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Anmerkungen
0
1) Klemmer, Klemens; Wassermann, Rudolf; Wessel, Thomas Michael:
Deutsche Gerichtsgebäude. Von der Dorflinde über den Justizpalast
zum Haus des Rechts. München 1993. S. 28.
0
2) Bietz, Christa: Vom Tempel der Themis zum Wasserschloss.
Zur Planungsgeschichte Bonner Justizarchitektur. In: Deutsche Richter-
zeitung 65, 1987, S. 331.
0
3) Stadtarchiv Görlitz. Chronik der Stadt Görlitz 1858–1867. S. 52f.
0
4) Görlitzer Anzeiger, 31.12.1865
0
5) Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. Hauptabteilung,
Rep. 93D, Nr. 23: Acta wegen Anstellung des Herrn
Bauinspektors Ferdinand Carl Busse als Assessor der Königl. Ober-
baudeputation 1830–1847.
0
6) Bednarek, Andreas: Gerichtsbauten in Schlesien 1815–1914.
Görlitz 2003. S. 46–47.
0
7) Roth, Heidi: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Sonderausgabe der
Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. 2003. S. 245–315.
0
8) Roth, S. 274.
0
9) Roth, S. 275–276.
10) Roth, S. 276.
11) Der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen pseudonymisiert.
12) Der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen pseudonymisiert.
Der Name ist dem Verfasser bekannt.
13) Der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen pseudonymisiert.
Der Name ist dem Verfasser bekannt.
14) Der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen pseudonymisiert.
Der Name ist dem Verfasser bekannt.
15) Der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen pseudonymisiert.
Der Name ist dem Verfasser bekannt.