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Modellvorhaben der Raumordnung und
Landesentwicklung in Sachsen
Optimierung der Infrastrukturangebote und
Aufwertung der Lebensbedingungen in Regionen mit
besonders starkem Bevölkerungsrückgang
Modellregion Oberlausitz-Niederschlesien
Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
Stand 18.04.2007
Bearbeitung:
Ulrich Pfeiffer (empirica)
Julia Kemper (empirica)
Stefan Geiss (empirica)
Dr. Hardo Kendschek (komet-empirica)
komet-empirica
Regionalentwicklung – Stadtent-
wicklung – Immobilienforschung
Schreberstraße 1
04109 Leipzig
Tel. (0341) 960 08-20
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Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
2
1.
Herausforderungen in der Region Oberlausitz-Niederschlesien
3
2.
Identifikation unterschiedlicher Raumpotentialtypen
4
3.
Leitbildentwicklung
5
3.1 Übergeordnete Leitvorstellungen zur Raumentwicklung in der Region
6
3.2 Thematische und räumliche Handlungserfordernisse
8
3.2.1 Soziale Infrastruktur
8
3.2.2 Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung
14
3.2.3 Technische Infrastruktur
16
3.2.4 Verkehr und Erreichbarkeit
17
3.2.5 Wirtschaft
18
4.
Ausblick: Zentrale Fragen für den weiteren Umbauprozess in der Region
19
4.1 Thematische und räumliche Schwerpunkte als zukünftige
Handlungserfordernisse identifizieren
19
4.2 Innovative Schlüsselprojekte für die Region Oberlausitz-Niederschlesien
21
4.2.1 Nachbarschaftsschule
21
4.2.2 Neue Angebote zur Sicherung der Pflege- und Unterstützung älterer
Menschen in der Region
22
4.2.3 Angemessene Angebote für Kinder und Jugendliche
23
4.2.4 Förderung der Wohneigentumsbildung von Selbstnutzern im Bestand
25
4.3 Organisation des Kommunikations- und Veränderungsprozesses
25
4.3.1 Allgemeine Anforderungen an den zukünftigen Kommunikations- und
Veränderungsprozess
25
4.3.2 Veränderungen auf der Landesebene
26
4.3.3 Veränderungen auf der regionalen Ebene
26
4.3.4 Veränderung auf der lokalen Ebene - Aktivierung und lokale
Lenkungsgruppen
28

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Vorwort
Bevölkerungsrückgang und Alterung stellen die Region Oberlausitz-Niederschlesien in ganz unter-
schiedlichen Lebensbereichen vor neue Herausforderungen. In dem in Projektpartnerschaft mit dem
Oberzentralen Städteverbund Bautzen-Görlitz-Hoyerswerda durchgeführten Modellvorhaben der
Raumordnung und Landesplanung des Sächsischen Staatsministerium des Innern wurde der Frage
nachgegangen, welche Chancen zur Gestaltung des demographischen Wandels in der Region bestehen
und wo Anknüpfungspunkte liegen.
Aufgrund der vielfältigen Bereiche und der unterschiedlichen Gruppen, die vom demographischen
Wandel betroffen sind, hat das Modellvorhaben mehrere Aufgaben zu erfüllen.
Eine
kritische Analyse der aktuellen Lage
ist unerlässlich, um die bisherigen Anstrengungen
angemessen überprüfen zu können. Es wurden daher die Auswirkungen des demographischen
Wandels auf die Handlungsfelder Soziale Infrastruktur, Wohnungsmarkt, Technische Infrastruk-
tur, Verkehr und Wirtschaftsentwicklung in der Region Oberlausitz-Niederschlesien untersucht,
um die Dimensionen der bereits eingetretenen und zukünftig noch erfolgenden Veränderungen
sichtbar zu machen.
Neben der Betrachtung der sektoralen
Auswirkungen
des demographischen Wandels wurde auf-
bauend auf einer statistischen Analyse untersucht, wie sich der Wandel
auf die verschiedenen
Teilräume
in der Region auswirkt und mit welcher
übergeordneten Strategie
die anstehenden
Veränderungen in der Region bewältigt werden können.
Konkretisiert werden diese übergeordneten Leitvorstellungen in den
thematischen und räumli-
chen Handlungserfordernissen
.
Neben der thematischen Arbeit in einzelnen Handlungsfeldern steht auch die
Sensibilisierung der
Akteure und Akteursnetzwerke
im Mittelpunkt des Modellvorhabens. Die neuen Aufgaben er-
fordern eine neue Kultur der Zusammenarbeit und Kommunikation der Verantwortlichen. Unsi-
cherheiten, persönliche Betroffenheit und die Komplexität der anstehenden Aufgaben können oh-
ne begleitende Kommunikationsstrategie nicht bewältigt werden.
Außerdem wurde im bisherigen Verlauf des Modelvorhabens eine umfangreiche Projektbibliothek
mit nach- ahmenswerten Projekten aufgebaut (vgl.
www.zukunft-oberlausitz-niederschlesien.de).
In das Modellvorhaben waren und sind viele Partner eingebunden. Im gegenseitigen Dialog sollen die
gemeinsamen Probleme in der Region angegangen werden. Dies geschah u.a. in den gebildeten Ar-
beitkreisen „Städte“, „Ländlicher Raum“ und „Strategie“ sowie in den thematischen Fokusgruppen
„familienfreundliche Kommune“ und „seniorengerechte Stadt“.
Nach nunmehr zweieinhalbjähriger Laufzeit des Modellvorhabens ist ein wichtiger Meilenstein er-
reicht. Erste Projekte, wie die Aktivitäten in Hoyerswerda zur seniorenfreundlichen Stadt, sind bereits
angelaufen und der vorliegende Bericht bildet die Basis für weitere Entscheidungen (vgl. Kapitel V.
Handlungsempfehlungen und Ausblick). Die Diskussionen in der Region und die Einbindung weiterer
Akteure in den anstehenden Veränderungsprozessen wird weiter gehen müssen. Die Ergebniskonfe-
renz am 25. April 2007 bildet demnach gleichzeitig den Auftakt für weitere Aktivitäten in der Region.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
1.
Herausforderungen in der Region Oberlausitz-Niederschlesien
Die Region Oberlausitz-Niederschlesien hat in den letzten 15 Jahren massiv an Bevölkerung verloren.
Seit 1990 sank bis 2004 die Bevölkerung um 20 Prozent von gut 750.000 auf 650.000 Einwohner. Bis
2020 wird ein weiterer Bevölkerungsrückgang um etwa 18 Prozent prognostisiert. In der Region wer-
den dann voraussichtlich noch 540.000 Menschen leben.
Die Bevölkerungsentwicklung verläuft in den Teilräumen der Region unterschiedlich. Während sich
die prosperierenden Gemeinden im Umland von Dresden noch bis 2015 im Hinblick auf die Bevölke-
rungszahl positiv entwickeln, verliert der Nordosten seit Jahren massiv an Einwohnern (z.B. Stadt
Hoyerswerda -32 %, Niederschlesischer Oberlausitzkreis -12 %).
Auch die Bevölkerungsdichte ist in der Region sehr unterschiedlich. Sie liegt in den Landkreisen zwi-
schen 212 Einwohnern pro km² im Landkreis Löbau-Zittau und 75 Einwohnern pro km² im Nieder-
schlesischen Oberlausitzkreis. Einzelne Gemeinden haben deutlich geringere Bevölkerungsdichten,
wie beispielsweise die Gemeinden Spreetal, Boxberg, Uhyst oder Klitten.
Der Bevölkerungsrückgang hat seine Ursache in zwei Entwicklungen: die Geburten sind seit 1990
drastisch zurückgegangen und viele Menschen haben die Region verlassen. Problematisch ist, dass
diese Abwanderung selektiv ist. Insbesondere junge, gut ausgebildete Menschen, darunter überpropor-
tional viele Frauen, haben die Region verlassen. Zurück bleiben oftmals schlechter qualifizierte und
sozial schwächere Bevölkerungsgruppen sowie die älteren Generationen. Die Region erleidet einen
ständigen „Brain Drain“ mit negativen Folgen für die Innovations- und Leistungsfähigkeit.
Ein zentraler Wegzugsgrund aus der Region ist die aufgrund der strukturellen Umbrüche seit der Wie-
dervereinigung angespannte Arbeitsmarktssituation. Mit einer Arbeitslosenquote von 19,7 % (Stand
02/2007) nimmt die Region Oberlausitz-Niederschlesien im bundesweiten Vergleich einen Spitzen-
platz ein. Sollte es nicht gelingen, den in der Region lebenden Menschen eine gesicherte Zukunftsper-
spektive zu bieten, wird die Abwanderung weiter anhalten. Es sind neue wirtschaftliche Perspektiven
außerhalb des öffentlichen Sektors aufzuzeichnen, um denjenigen, die in der Region bleiben wollen,
dies zu ermöglichen.
Neben der Förderung der wirtschaftlichen Basis der Region sind weitere Anpassungen notwendig, um
den anhaltenden Abwanderungstrend aufzuhalten. Der bisherige Bevölkerungsrückgang führt bereits
zu Kapazitätsproblemen der Infrastruktureinrichtungen und der Zugang zu wichtigen Versorgungsein-
richtungen droht nicht mehr für alle Bevölkerungsgruppen langfristig gesichert zu sein. Zahlreiche
Schulen sind bereits geschlossen worden und die Schüler mussten an andere Schulstandorte auswei-
chen, der Supermarkt im Ort leidet unter Kundenmangel und die zentralen Versorgungsfunktionen wie
Post, Bank und Ärzte konzentrieren sich an wenigen Orten, die insbesondere von älteren Bewohnern

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
nur schwer erreicht werden. In ganz verschiedenen Infrastrukturbereichen führt der Bevölkerungs-
rückgang zu einer Unterschreitung der notwenigen Tragfähigkeitsgrenzen der Einrichtungen.
Zugleich wächst durch die selektive Abwanderung der Anteil der älteren Bewohner überproportional
an. Der Bedarf nach Unterstützungsleistungen und wohnortnaher öffentlicher Infrastruktur steigt.
Zwar werden viele dieser Unterstützungsleistungen durch familiäre oder informelle Netzwerke in der
Nachbarschaft erbracht, jedoch zeigen sich auch hier erste Auflösungstendenzen. Oftmals haben Fami-
lienmitglieder der jüngeren Generation die Region verlassen oder die beruflichen Belastungen (Ar-
beitszeiten, Stress, Anfahrtszeiten) sind soweit angestiegen, dass die Stabilität und Leistungsfähigkeit
der familiären Netzwerke gefährdet ist.
Insgesamt wird der notwendige Aktionsradius der Menschen in der Region immer größer. Einkaufen,
Arbeiten oder der Besuch von kulturellen Einrichtungen erfordert in weiten Teilen der Region einen
erhöhten Mobilitätsaufwand. Ohne eigenen PKW ist die Mobilität und somit der Zugang zu diversen
Funktionen eingeschränkt.
Die negativen Folgen des Bevölkerungsrückgangs drohen die Lebensqualität in der Region herabzu-
setzen. Es sind daher neue Organisations- und Angebotsformen zu finden, um die Daseinsvorsorge in
der Region für alle Bevölkerungsgruppen zu erhalten. Ziel des Modellvorhabens ist es daher, unter den
Schrumpfungsbedingungen eine angemessene Politik für alle Landesteile zu finden. Die sächsische
Staatsregierung will im Rahmen dieses Modellvorhabens nach neuen Wegen und kreativen Lösungen
suchen, wie trotz rückläufiger Bevölkerungszahl die Lebensqualität in der Region erhalten bzw. aus-
gebaut werden kann. Es gilt, neue innovative Formen der Daseinvorsorge zu entwickeln, um auch bei
geringerer Bevölkerungszahl die Lebensqualität in der Region zu sichern und auszubauen. Gleichzei-
tig wird versucht, die wirtschaftliche Basis der Region zu stärken, um eine langfristige Stabilität in der
Region zu erreichen.
Entsprechend dieser Entwicklungen sind bis 2020 und auch danach räumlich differenzierte Anpas-
sungen in der Infrastrukturaussattung vorzunehmen. Dies betrifft die Bereiche öffentliche und private
Dienstleistungen, soziale Infratsruktur, Einzelhandel, Wohnungsmarkt, Verkehr und technische Infra-
struktur.
2.
Identifikation unterschiedlicher Raumpotentialtypen
Die innere Differenzierung der Region Oberlausitz-Niederschlesien ist recht groß. Es existieren sehr
dünn besiedelte Bereiche mit einer einseitigen Wirtschaftsstruktur und sehr hoher Arbeitslosigkeit im
Nordosten neben Gemeinden mit kleinteiliger Wirtschafts- und Siedlungsstruktur im Südwesten. Es
liegt daher auf der Hand, dass die Auswirkungen des demographischen Wandels innerhalb der Region
sehr unterschiedlich ausfallen und dementsprechend differenzierte Herangehensweisen und Leitvor-
stellungen erfordern.

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Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Anhand verschiedener statistischer Indikatoren auf Gemeindeebene (u.a. Einwohnerentwicklung, Zu-
und Fortzüge, Geburten und Sterbefälle, Zentralität, Arbeitsmarktentwicklung) konnten fünf Raumpo-
tentialtypen identifiziert werden:
Verstädterte Zentren und ihre Einzugsbereiche :
Städte des Oberzentralen Städteverbunds
(Bautzen, Görlitz, Hoyerswerda) und der Stadtrand von Dresden
Stützpunkte im ländlichen Raum:
Kamenz, Niesky, Weißwasser, Löbau und Zittau
Verdichteter ländlicher Raum:
Siedlungsband zwischen Dresden und Zittau.
Dünn besiedelter ländlicher Raum:
Nord-Westen der Region, Gemeinden um Kamenz
Sehr dünn besiedelter ländlicher Raum:
Nord-Osten der Region, Gemeinden um Niesky und
Weißwasser
Die Raumpotentialtypen ermöglichen es, differenzierte Strategien und passgenaue Projekte zu entwi-
ckeln.
Abbildung 1:
Raumpotentialtypen in der Region Oberlausitz-Niederschlesien
Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen, eigene Berechnungen
empirica
3.
Leitbildentwicklung

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
3.1
Übergeordnete Leitvorstellungen zur Raumentwicklung in der Region
Aufbauend auf den Analysen zum Raumstrukturindex und den identifizierten Raumpotentialtypen
wurde gemeinsam mit dem Projektbeirat die Diskussion über ein mögliches gemeinsames Leitbild für
die Region Oberlausitz-Niederschlesien geführt. Im ersten Schritt erfolgte die Festlegung eines ge-
meinsamen Verständnisses der
Ausgangssituation
bzw. der zentralen Probleme und Herausforderun-
gen in der Region. Diese Formulierung der zentralen Herausforderungen basiert dabei auf der Analyse
der Bevölkerungsentwicklung sowie der sektoralen Analysen in den Handlungsfeldern. Aufbauend auf
das gemeinsame Problemverständnis konnten dann
übergeordnete Ziele
identifiziert werden, die in
allen Teilräumen ihre Gültigkeit haben sollen. Im Anschluss folgte die Benennung von spezifischen
räumlichen Leitlinien
, für die einzelnen Teilräume der Region. Hier wurden den Raumpotentialtypen
in Abhängigkeit ihrer jeweiligen Stärken Aufgaben und Handlungsschwerpunkte im regionalen Ent-
wicklungsprozess zugeordnet.
Die inhaltliche und insbesondere thematische Ausgestaltung der Ziele und Leitlinien erfolgte mit ei-
nem breiteren Personenkreis. Mit verschiedenen Akteuren in der Region (u.a. Arbeitskreis Städte und
Arbeitskreis ländlicher Raum) wurde eine Zusammenstellung der wichtigsten Handlungserfordernisse
erarbeitet, die die Basis für das weitere Vorgehen in der Region bilden (vgl. Abschnitt 3.2).
Ausgangssituation
1. Eine flächendeckende Versorgung nach heutigem Standard ist unter den zukünftigen Bedingungen
nur mit extremem Aufwand zu realisieren. Ohne Anpassungsverfahren kommt es v.a. in den länd-
lichen Räumen zu extremen Versorgungsproblemen.
2. Die Entwicklungsperspektive der Region insgesamt hängt stark von ihrer wirtschaftlichen Kon-
kurrenzfähigkeit (insbesondere Bindung und Akquisition exportorientierter Produzenten und
Dienstleister) ab. Ohne Verbesserung der dazu relevanten Faktoren ist eine mittelfristige Konkur-
renzfähigkeit nicht gesichert.
3. Es stehen wenig öffentliche und private Ressourcen zur Gestaltung zur Verfügung.
Übergeordnete Ziele für alle Teilräume
1. Zugang zu Leistungen im Bereich Bildung und Gesundheit bleibt in allen Teilen der Region ge-
währleistet
Ziel ist es, durch die Qualität der öffentlichen und privaten Leistungen mit Relevanz für die
Bereiche Gesundheit und Bildung ein für alle gleichwertiges Ergebnis zu erreichen.
Art, Umfang, Organisation und Verteilung der Leistungen werden in den Teilräumen der Re-
gion unterschiedlich sein.
2. Die Region verbessert ihre wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Hierzu ist es erforderlich, die vorhandenen Ressourcen so zu bündeln und zu entwickeln, dass
stabile und attraktive Kerne innerhalb der Region entstehen und erhalten bleiben.
Von diesen Kernen strahlen Entwicklungsimpulse auf die gesamte Region aus. Städte und
Teilregionen unterstützen mit eigenen Zielsetzungen die zukunftsfähige Entwicklung der Re-
gion.
3. Die zur Sicherung der Lebenschancen notwendige Infrastruktur wird sparsam und zukunftssicher
organisiert.
Maximale Effizienz ist im Hinblick auf Sparsamkeit zu gewährleisten, jedoch ist hierbei ein
Abkoppeln der Region im Hinblick auf die Gesamtentwicklung des Landes zu vermeiden.
Synergieeffekte zwischen Einrichtungen der sozialen Infrastruktur werden genutzt.
Bekannte und unbekannte Einsparpotentiale werden mobilisiert.
Räumliche Leitlinien für die Teilräume/Raumpotentialtypen
Raumpotentialtyp R1 „Städte“:
Die Städte entwickeln sich zu stabilen Kernen in der Region, die auf andere Teilräume positiv
ausstrahlen; sie bewältigen den Stadtumbau und gewinnen dabei an Qualität. Die Städte ver-
fügen über ein differenziertes und nachfragegerechtes Wohnungs- und Versorgungsangebot.
Die Städte entwickeln integrierte Sozialstrategien und bekämpfen Arbeitslosigkeit und ihre
Folgen sowie soziale Spaltung.
Die Städte begreifen sich als Ort der Kultur und der Innovation.
Die Städte verstehen sich als funktionale Einheit mit ihrem Umland und Funktionsträger für
die Gesamtregion.
Raumpotentialtyp 2 „Stützpunkte im ländlichen Raum“:
Die Stützpunktstädte entwickeln sich zur funktionalen „Mitte“ einer ländlichen Region.
Sie bieten ein qualitativ hochwertiges und umfassendes Angebot bei allen existentiellen Ver-
sorgungsleistungen.
Die Stützpunktstädte haben ein jeweils eigenständiges Profil.
Raumpotentialtyp 3 „Verdichteter ländlicher Raum“:
Die Stützpunktstädte entwickeln sich zur funktionalen „Mitte“ einer ländlichen Region.
Der verdichtete ländliche Raum nutzt sein Potential zur funktionsteiligen Entwicklung als
Tourismus- und Produktionsregion.
Er passt seine Infrastruktur und Versorgung dem moderaten Bevölkerungsrückgang an.
Entwickelt werden Kooperationen zwischen Kommunen, Kreisen, Trägern etc.
Raumpotentialtyp 4 „Dünn besiedelter ländlicher Raum“:
Der Raum nutzt sein landwirtschaftliches und naturräumliches Potential und seine Lagegunst.
Dörfer und Kleinstädte sind moderne und ruhige Orte des Wohnens und Arbeitens.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Bildung, medizinische Versorgung und Pflege werden durch Innovationen und Systemwechsel
sichergestellt.
Der ländliche Raum entwickelt sich in enger Wechselwirkung mit den Städten (R1/R2) (Er-
reichbarkeit)
Raumpotentialtyp 5 „Sehr dünn besiedelter ländlicher Raum“:
Der Nordosten profiliert sich als Raum mit hohem naturbezogenen Freizeitwert.
Dörfer und Kleinstädte sind Orte überschaubaren und ruhigen Lebens.
Bildung und medizinische Versorgung werden durch Innovationen und Systemwechsel si-
chergestellt.
Der Nordosten verfügt über ein hoch entwickeltes mobiles und flexibles Versorgungssystem
(Handel, Dienstleistungen etc.).
3.2
Thematische und räumliche Handlungserfordernisse
3.2.1
Soziale Infrastruktur
3.2.1.1 Bildung
Nach der aktuellen Schulschließungswelle muss sich bereits heute eine Diskussion anschließen, wie in
Zukunft mit diesem Thema umgegangen werden soll. Nach 2020 werden die Schülerzahlen weiter
sinken und es sind neue Ansätze notwendig, um auch dann, die Schulversorgung sicherzustellen. Der
Bereich Bildung ist eines der zentralen Handlungsfelder für die Region Oberlausitz-Niederschlesien.
Nur durch die Schaffung von gleichen Bildungschancen für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsene
in der Region kann dauerhaft die Zukunftsfähigkeit der Region gesichert werden.
Zielvorstellungen:
Gewährleistung von gleichen Bildungschancen in allen Teilräumen (Z1)
Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Bildung in allen Teilräumen (Z2)
Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss soll reduziert werden (Z3)
Handlungserfordernisse:
Verlässliche (Planungssicherheit für die Eltern) organisatorische und räumliche Anpassung der
Bildungseinrichtung an sinkende und räumlich ungleich verteilte Schülerzahlen.
Erhalt von wichtigen Schulstandorten durch Bündelung verschiedener kommunaler Leistungen zur
gemeinsamen Nutzung der vorhandenen Ressourcen.
Entwicklung von Bildungskonzepten, damit mehr leistungsschwache Schüler einen Schulab-
schluss erreichen.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Bildung beginnt bereits im vorschulischen Bereich, daher Entwicklung von Konzepten zur Stär-
kung dieses Bereichs.
Verzahnung von Schule und Wirtschaft zur Sicherung einer passgenauen beruflichen Ausbildung
in der Region zur Sicherung des Fachkräftebedarfs.
Förderung des lebenslangen Lernens zum Erhalt des Fachkräftepotentials in der Region.
Ansätze und Maßnahmen:
Die bisher diskutierten Ansätze und Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, auch in den dünn besie-
delten Teilräumen der Region, Schulstandorte zu erhalten. Nach der durchlaufenen Schließungswelle
sollen die heute vorhandenen Standorte möglichst erhalten bleiben, um den genannten Zielen im Be-
reich Bildung gerecht zu werden. Die Projektvorschläge sehen stets eine
Kombination von mehreren
Funktionen
an einem Schulstandort vor, um durch die gemeinsame Nutzung von Personal und Räum-
lichkeiten, Synergien zu erzeugen, die es ermöglichen, den Standort zu halten (Stichwort
multifunkti-
onale Nachbarschaftsschule
). Beispielsweise kann es im Einzelfall sinnvoll sein, Einrichtungen der
Erwachsenenbildung (Volkshochschulen) oder die örtlichen Vereine mit der Schule zu verknüpfen.
Neben der Etablierung von kombinierten Schulen können die Ziele durch eine Wiederbelebung
eh-
renamtlicher Familienhelfer
erreicht werden. Auch eine Verbesserung der Bildungsqualität an den
Sonde rschulen
sowie eine Reduzierung der Schulabbrecher in der Region durch zusätzliche
Förder-
maßnahmen
können dazu beitragen, die Bildungschancen für alle Bewohner der Region zu verbes-
sern.
3.2.1.2 Gesundheit
Die Sicherung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung in der Region ist der zweite zentrale
Bereich, wenn es um die zukünftige Sicherung der Daseinsvorsorge geht. Akute Engpässe im Gesund-
heitswesen sind allerdings in der Region aktuell noch nicht vorhanden. Es zeichnet sich jedoch ab,
dass im Bereich der hausärztlichen Versorgung aufgrund zahlreicher altersbedingter Praxisaufgaben
und den Schwierigkeiten bei der Wiederbesetzung der Praxen mittelfristig ein Handlungsbedarf be-
steht. Gleiches gilt für die stationäre medizinische Versorgung. Erst mittelfristig ist über eine Anpas-
sung des regionalen Krankenhausnetzes zu diskutieren.
Im Rettungswesen besteht die Gefahr, dass in ländlichen Räumen die Notfallversorgung nicht mehr in
angemessener Zeit gesichert werden kann.
Zielvorstellungen:
Zugang zu Gesundheitsleistungen in allen Teilräumen (Z4)
Sicherung des Zugangs zu einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung (Z5)

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Handlungserfordernisse:
Anpassung der medizinischen Versorgung an die mittelfristig sinkende Hausarztdichte im ländli-
chen Raum.
Entwicklung von neuen wirtschaftlich tragfähigen medizinischen Versorgungseinrichtungen im
ländlichen Raum.
Entwicklung und Erprobung von mobilen ärztlichen Leistungen.
Neuorganisation des Rettungsdienstes, der auch in ländlichen Räumen die Notfallversorgung in
angemessener Zeit sichert.
Entwicklung und Förderung von räumlich konzentrierten medizinischen Spezialangeboten zur
Sicherstellung einer hochwertigen medizinischen Versorgung in der Region.
Nutzung der technischen Möglichkeiten der neuen Informations- und Kommunikationstechnolo-
gien in der medizinischen Versorgung.
Ansätze und Maßnahmen:
Aufgrund des erst mittelfristigen Handlungsbedarfs besteht aktuell die Chance, verschiedene Wege für
die notwendigen Anpassungen an die rückläufige Bevölkerung zu erproben. Mittels finanzieller
An-
reize
können beispielsweise Mediziner
zur Übernahme einer Praxis im ländlichen Raum
gewon-
nen werden.
1
Auch
medizinische Versorgungszentren (MVZ)
, in denen die Ärzte ohne eigenes fi-
nanzielles Risiko als Angestellte arbeiten, stellen eine Alternative zu den klassischen Hausarztpraxen
dar.
2
Auch das Modellprojekt
SaxTeleMed
versucht, durch den Einsatz moderner bildgebender Diagnose-
verfahren, den fachlichen Austausch der Mediziner zu verbessern und leistet somit einen Beitrag zur
Sicherung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung ohne unmittelbare Vor-Ort-
Präsenz.
Im Rettungswesen werden aktuell in der Region diverse Ansätze diskutiert. Gemeinsam mit den Fach-
planern und Experten des Rettungswesens ist zu entscheiden, wie die Notfallversorgung angepasst
werden muss. Denkbar sind u.a. eine
Dezentralisierung der Kraftwagenstandorte
, eine
Kombinati-
on der Rettungsstellen
mit betrieblichen oder anderen Einrichtungen (z.B. Altenpflege) oder der
Ein-
satz eines Hubschraubers
in den Teilräumen, in denen eine zeitnahe Notfallrettung mit dem Ret-
tungswagen nicht mehr gesichert ist. Hier sind entsprechende vergleichende Machbarkeitsstudien
durchzuführen
1
Ein derartiges Projekt wird aktuell im Planungsbereich Torgau/Oschatz erprobt.
2
In der Region Oberlausitz-Niederschlesien existiert bereits das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Rothenburg im Martinshof.
Ein weiteres MVZ der Oberlausitz Kliniken befindet sich in der Vorbereitungsphase.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Auch durch
Verbesserungen im Handlungsfeld Verkehr
kann die Erreichbarkeit der zentralen me-
dizinischen Einrichtungen verbessert und somit der Zugang zu medizinischer Versorgung gesichert
werden:
3.2.1.3 Kinder/Jugendliche
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen nimmt in Zukunft in der Region ab. Allerdings sind diverse
Anstrengungen zu unternehmen, um den Abwanderungstrend insbesondere der jungen Menschen aus
der Region zu stoppen. Durch positive Emotionen und die Schaffung eines Verbundenheitsgefühls mit
der Region, kann der Abwanderungstrend gemildert werden. Freizeitangebote können dazu einen Bei-
trag leisten.
Zielvorstellungen:
Sicherung von angemessenen Freizeitangeboten für Jugendliche in allen Teilräumen (Z6)
Stärkung der emotionalen Bindung von Kindern und Jugendlichen an die Region zur Verhinde-
rung von Abwanderung (Z7)
Schaffung von Zukunftsperspektiven für Kinder und Jugendliche in der Region (Z8)
Handlungserfordernisse:
Bereitstellung von unterschiedlichen Möglichkeiten zur angemessenen Freizeitgestaltung für Kin-
der und Jugendliche in Stadt und Land.
Vermittlung von Identität, Selbstwertgefühl und Zukunftsperspektiven.
Sicherung einer passgenauen Ausbildung an die Erfordernisse der Wirtschaft.
Stärkung der Jugendarbeit in der Sport- und Vereinswesenarbeit.
Ansätze und Maßnahmen:
Die Möglichkeiten, Angebote für Kinder und Jugendliche in der Region zu schaffen, sind vielfältig.
Wichtig ist dabei jedoch, dass den Kindern und Jugendlichen ein hohes Maß an Mitbestimmung einge-
räumt wird. Angebote sollten nicht einfach „vorgehalten“, sondern gemeinsam mit den Kindern und
Jugendlichen entwickelt werden. Beispielsweise kann durch die
Identifikation von Schlüsselperso-
nen im Sport- und Vereinswesen
, die Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen gefördert
werden. Auch
dörfliche Begegnungsstätten
bieten sich als Kommunikationsort für alle Bewohner-
gruppen an und können zu einem wichtigen Treffpunkt von Jugendlichen werden. Gleiches gilt für die
vorhandenen Einrichtungen wie die örtlichen
freiwilligen Feuerwehren
oder
Jugendzentren
, die
besonders unterstützt werden sollten.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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3.2.1.4 Ältere Menschen/Pflege
Aufgrund des demographischen Wandels und der steigenden Zahl älterer Menschen wird der Pflege-
und Unterstützungsbedarf zunehmen. Gleichzeitig werden diese Dienstleistungen immer teurer, da die
Finanzierung über die Pflegeversicherung in der bisherigen Form nicht mehr erfolgen wird. Um eine
Kostenexplosion im Pflegebereich zu vermeiden, sind neue Ansätze und Organisationsformen in der
Pflege zu finden, die bezahlbar sind und den Unterstützungsbedarf der älteren Menschen abdecken.
Momentan können die Pflege- und Unterstützungsleistungen noch in der bisherigen Form erbracht
werden. Daher bietet sich heute die Chance, neue Ansätze im Rahmen von Modellvorhaben zu erpro-
ben. Außerdem muss die Problematik stärker als bisher in das Bewusstsein der heute 50 bis 70-
Jährigen eindringen, damit jeder individuell für sich entscheiden kann, wie das Leben im Alter gestal-
tet werden soll.
Zielvorstellungen
Sicherstellung der Pflege und Unterstützung älterer Menschen in allen Teilräumen (Z9)
Sicherung eines generationsübergreifenden Verständnisses und Miteinanders (Z10)
Handlungserfordernisse:
Entwicklung und Etablierung von neuen Konzepten zur Sicherung des Pflege- und Unterstüt-
zungsbedarfs älterer Menschen.
Entwicklung einer neuen Kultur der gegenseitigen Unterstützung, Selbstorganisation und Hilfe
über die familiären Netzwerke hinaus.
Schaffung von Anlaufstellen, an denen verschiedene Funktionen gebündelt und so Synergieeffekte
genutzt werden können.
Schaffung von Möglichkeiten zur Begegnung der verschiedenen Generationen.
Arbeitsteilung ländlicher Raum – Städte („Städte werden ländlicher“)
Ansätze und Maßnahmen:
Zukunftsfähig sind insbesondere nachbarschaftsbezogene Ansätze, die darauf zielen, Synergieeffekte
bei den professionellen Dienstleistungen und der Mobilisierung von sozialen Netzwerken und Selbst-
organisation zu erreichen.
Alternative Wohnformen
im Alter, wie
Baugruppen für Ältere
,
betre u-
tes Wohnen im ländlichen Raum
(z.B. mit der Möglichkeit ein eigenes Stück Garten zu pflegen oder
Haustiere zu halten) und
neue Unterstützungsnetzwerke
jenseits der familiären Strukturen sind zu
unterstützen.
Auch
dörfliche Begegnungsstätten
,
Selbsthilfenetzwerke
(z.B. Freiwilligenagenturen) und die
vor-
handenen Vereine
können dazu beitragen, dass sich die unterschiedlichen Generationen begegnen

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
und eine neue Kultur der gegenseitigen Unterstützung entsteht. Derartige Ansätze sind auszubauen
und zu fördern.
3.2.1.5 Versorgung
Die Standorte von Einzelhandelseinrichtungen und Dienstleistungsangeboten sind in den letzten Jah-
ren ausgedünnt worden. Insbesondere im ländlichen Raum wird eine fehlende wohnortnahe Einzel-
handelsversorgung beklagt. Problematisch ist jedoch, dass die Kunden kaum bereit sind, höhere Kos-
ten z.B. für mobile Angebote zu akzeptieren. Es ist aber damit zu rechnen, dass sich die mobilen oder
sonstigen alternativen Angebote bei entsprechender Nachfrage ausweiten werden.
Zielvorstellungen:
Sicherung des Zugangs zu Versorgungseinrichtungen in allen Teilräumen der Region (Z11)
Ermöglichen von nachfragegerechten Dienstleistungen für Familien mit Kindern (Z12)
Handlungserfordernisse:
Gewährleistung der Erreichbarkeit verschiedener Versorgungsfunktionen.
Kombination von verschiedenen Einrichtungen an einem Ort zur gemeinsamen Nutzung der vor-
handenen Ressourcen.
Schaffung von dezentralen Anlaufstellen zur Bündelung von Funktionen und Dienstleistungen.
Erprobung und Etablierung von mobilen Diensten auch in bislang eher unüblichen Bereichen.
Etablierung, Förderung und Unterstützung der Akzeptanz von Angeboten im Internet.
Unterstützung und Förderung einer Kultur des gegenseitigen Helfens und informeller Netzwerke
Ansätze und Maßnahmen:
Durch
Maßnahmen im Bereich Verkehr
kann der Zugang zu Versorgungs- und Dienstleistungsein-
richtungen für alle Bewohner der Region gesichert werden. Gleichzeitig bieten mobile Dienste die
Möglichkeit zur wohnortnahen Versorgung. Öffentliche und halböffentliche mobile Angebote (z.B.
mobile Verwaltung, Sparkassenbus, mobile Bibliothek
) können
mit weiteren Angeboten kombi-
niert
werden (z.B. Lieferservice für Einkäufe, Annahmestelle für Reinigung und Schuhreparatur).
Gleichzeitig bieten heute neue Technologien wie das Internet die Möglichkeit, verschiedene Leistun-
gen von zu Hause aus in Anspruch zu nehmen (z.B. Online-Banking, Online-Shopping, elektronische
Steuererklärung, Download von Formularen).
Maßnahmen zur Qualifizierung
der Bürger
im Um-
gang mit den modernen Technologien
leisten somit auch einen Beitrag zur Sicherung der Versor-
gung.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
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empirica
Auch
ehrenamtliche Nachbarschaftsläden
können einen Beitrag zur Sicherung der Versorgung leis-
ten. Es gibt Beispiele, wie aus einem Nachbarschaftsladen eine neue „dörfliche Begegnungsstätte“
geworden ist, die einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Dorfgemeinschaft leistet und so auch
andere Funktionen erfüllt.
3.2.2 Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung
3.2.2.1 Wohnungsmarkt und Siedlungsstruktur
Auch wenn die aktuelle Wohnungsnachfrage in der Region gering ist, wird es trotzdem weiterhin ei-
nen Neubaubedarf geben. Dieser Bedarf richtet sich in erster Linie auf das Wohnungsmarktsegment
des Ein- und Zweifamilienhausbaus, aber auch qualitative Angebotslücken im Geschosswohnungsbau
werden durch Neubauten geschlossen werden.
Ein massives Überangebot besteht trotz der Bemühungen im Rahmen des Programms Stadtumbau-Ost
bei den Geschosswohnungsbauten. Die Wohnungsmarktprognosen verdeutlichen, dass in der Region
mehr Wohnungen als bisher geplant, abgerissen werden müssen, will man umfangreiche Leerstände
vermeiden.
Zielvorstellungen:
Schaffung eines differenzierten, attraktiven und preiswerten Wohnungsmarktes für alle Bewoh-
nergruppen, insbesondere für Familien und ältere Menschen (Z13)
Adäquate Berücksichtigung des privaten Eigentums bei Planungen und notwenigen Anpassungs-
maßnahmen an die rückläufige Bevölkerung (Z14)
Handlungserfordernisse:
Stärkung der Wohnfunktion in den Innenstädten und attraktiven Dörfern.
Konzentration der Wohnungsmarktpolitik auf den stadtbildprägenden attraktiven Bestand, um die
Potentiale der Wohneigentumsbilder umzulenken.
Rückbau von nicht mehr marktgerechten Wohnungsbeständen.
Ausreichende Ausweisung von Bauland für den Ein- und Zweifamilienhausbau. Vorrangige Ent-
wicklung von Flächen in integrierten Lagen.
Sicherung einer ausreichenden Versorgung mit altengerechten Wohnungen in allen Teilräumen
bei zukunftsfähigen Standorten.
Ansätze und Maßnahmen:
Die Ansätze im Bereich Wohnungsmarkt und Siedlungsentwicklung sollten sich auf den bestehenden
Wohnungsbestand konzentrieren. Denkbar sind Maßnahmen zur
Förderung der Wohneigentumsbil-

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 15 -
empirica
dung im Bestand
. Ansätze wie die Initiative „Umgebindeland“ sind auch auf andere erhaltenswerte
Bestandsimmobilien auszuweiten.
Aber auch die Baulandausweisung für Neubauvorhaben darf nicht außer Acht gelassen werden. Hier
ist die
Förderung von Bauvorhaben an integrierten Standorten
zu bevorzugen (z.B. Einfamilien-
hausbau auch an innerstädtischen Standorten, die mangels Nachfrage nicht mehr einer Geschossbe-
bauung zugeführt werden können).
Gleichzeitig muss der
Rückbau
von nicht mehr benötigtem Wohnraum in den Städten und Dörfern im
Rahmen des Stadtumbaus
intensiviert werden
.
3.2.2.2 Stadt- und Innenstadtentwicklung
Problematisch sind die Leerstände in den Städten, da dort ganze Stadtteile zu veröden drohen (betrof-
fen sind überwiegend die Plattenbaugebiete und z.T. die historischen Stadtkerne). Aber auch im länd-
lichen Raum hat dauerhafter Leerstand negative Konsequenzen. Der Strukturwandel in der Landwirt-
schaft führt im ländlichen Raum zu einer steigenden Zahl leer stehender Wirtschafts- und Wohnge-
bäude, die das Erscheinungsbild der Dörfer nachhaltig negativ beeinflussen. Es sind Anstrengungen zu
unternehmen, um die Zentren zu stärken. Nur durch stabile Ortschaften und Ortskerne können die
Städte und Gemeinden in der Region dauerhaft funktionsfähig bleiben. Eine entsprechende Prioritä-
tensetzung, welche Zentren im besonderen Maße gestärkt werden müssen, sollte sich an den identifi-
zierten Raumpotentialtypen orientieren:
Zielvorstellungen:
Stärkung der Innenstädte als stabile Kerne in der Region (Z15)
Konzentration in Entwicklungsschwerpunkten (Z16)
Handlungserfordernisse:
Revitalisierung der Innenstädte als multifunktionale Einheiten in den verstädterten Zentren und
Stützpunkten im ländlichen Raum.
Konzentration von verschiedenen zentralörtlichen Funktionen in den Städten und Stützpunkten im
ländlichen Raum, um Synergieeffekte zu nutzen.
Ansätze und Maßnahmen:
Im Mittelpunkt stehen im Bereich Stadt- und Innenstadtentwicklung, Maßnahmen, die dazu beitragen,
die Innenstädte zu beleben. Dies sind beispielsweise Projekte im Rahmen eines
Leerstands- und Ge-
schäftsstraßenmanagements
oder auch Maßnahmen zur Etablierung einer
angebotsorientierten
Flächenentwicklung
zur Ansiedlung von Einzelhändlern und Dienstleistung in den Innenstädten (u.a.
Potentialanalyse der Innenstädte, Erarbeitung von Standortexposés der leer stehenden Immobilien und

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 16 -
empirica
Grundstücke, pragmatischer Umgang mit Altlasten und Denkmälern, Etablierung von professionellen
Flächenbörsen, Organisation von Grundstückstauschverfahren etc.).
Auch bei noch anstehenden Standortentscheidungen für Einrichtungen der öffentlichen Hand, sollte
auf eine
Bündelung von öffentlichen Funktionen in den Innenstädten
geachtet werden (z.B. sollte
bei der Entscheidung, welcher Schulstandort in einer Stadt geschlossen werden muss, eher dem inner-
städtischen Standort Vorrang eingeräumt werden, auch wenn sich dadurch die Schulwege der Stadt-
randbewohner verlängern).
3.2.3
Technische Infrastruktur
Die technische Infrastruktur der Wasserver- und -entsorgung ist mittlerweile in vielen Kommunen
durch den Bevölkerungsrückgang überdimensioniert. Durch die Unterauslastung der Anlagen steigen
die Kosten pro Kopf. Bislang wird versucht, die steigenden Kosten auf den Endverbraucher in Form
von steigenden kommunalen Abgaben für Ver- und Entsorgung umzulegen. Dies wird aber nur bis zu
einem bestimmten Grad möglich sein.
Noch können die bestehenden Versorgungssysteme aufrechterhalten werden. Mittelfristig besteht je-
doch ein akuter Handlungsbedarf, da der Bevölkerungsrückgang weiter anhalten wird. Betroffen sind
sowohl ländliche Gemeinden, als auch die größere Städte in denen einzelne Stadtteile (zumeist Plat-
tenbaugebiete) einen besonders starken Bevölkerungsrückgang und entsprechende Wohnungsabrisse
zu bewältigen haben.
Zielvorstellungen:
Sicherstellung einer adäquaten Wasserver- und -entsorgung in allen Teilräumen der Region (Z17)
Sicherung einer adäquaten Energieversorgung (Z18)
Sicherstellung eines adäquaten Zugangs zu Datennetzen (Z19)
Handlungserfordernisse:
Erarbeitung von Wirtschaftsplänen zum Betrieb oder Abwicklung bestehender, aber mittel- bis
langfristig überdimensionierter Versorgungssysteme.
Prüfung von technischen Möglichkeiten zur Sicherung einer kostengünstigen und mittel- bis lang-
fristig funktionsfähigen Ver- und Entsorgungsinfrastruktur.
Sicherung des Zugangs zu modernen Datennetzen in allen Teilräumen.
Ansätze und Maßnahmen:
Es muss jeweils im Einzelfall geprüft werden, welche Optionen sich für die Kommune und die Was-
server- und -entsorgungsbetriebe ergeben. Da sich in den wenigsten Fällen wirtschaftlich rentable
Lösungen anbieten, muss es in der Unternehmensstrategie darum gehen, den Verlust möglichst zu

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 17 -
empirica
minimieren. In einer
„Verlustminimierungsstrategie“
muss überlegt werden, ob es sinnvoller ist, die
bestehenden Versorgungssysteme aufrecht zu erhalten oder Neuinvestitionen in bedarfsgerechte, loka-
le Systeme zu tätigen. Es ist im Einzelfall der kritische Punkt zu ermitteln, an dem ein „Weiter so“
höhere Kosten erzeugt, als eine Neuinvestition in lokale Ver- und Entsorgungssysteme.
Um Entscheiden zu können, welche Anlagen aus Kostengründen aufgegeben bzw. erhalten bleiben
sollten, ist ein einheitliches
regionales Monitoringsystem
sinnvoll. Auch
Modellvorhaben zur Er-
probung von Wegen des Rückbaus
von Ver- und Entsorgungsanlagen können dazu beitragen, die
notwendigen Anpassungen möglichst optimal zu gestalten. Da insbesondere Fragen zur Finanzierung
des Rückbaus problematisch sind, kann durch Beispielrechnungen die notwendige
Kostentranspa-
renz
geschaffen werden.
3.2.4 Verkehr und Erreichbarkeit
Das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs ist mittlerweile sehr stark ausgedünnt, weitgehend
auf den Schülerverkehr ausgerichtet und für einen Großteil der übrigen Fahrtzwecke nicht nutzbar.
Der private PKW ist zu einer der wichtigsten Voraussetzung für die individuelle Mobilität geworden.
Will man in der Region den Zugang zu verschiedenen Einrichtungen der Daseinsvorsorge sichern,
bildet der ÖPNV eine zentrale Stellgröße. Gleichzeitig ist seit langem bekannt, dass die bisherigen
Systeme die Mobilitätsbedürfnisse im ländlichen Raum nicht adäquat bedienen können (z.B. ungüns-
tiges Preis-Leistungsverhältnis, ungünstige Taktung und fehlende Flexibilität). Es sind kurz- und mit-
telfristig neue Formen zu erproben und entwickeln, da mit Zunahme der älteren Bevölkerung der Be-
darf nach öffentlichen Mobilitätsangeboten steigen wird.
Zielvorstellungen:
Sicherstellung einer adäquaten verkehrlichen Erreichbarkeit in allen Teilräumen (Z20)
Verbesserung der äußeren Erschließung der Region (Z21)
Handlungserfordernisse:
Ermittlung der konkreten Bedarfe und der Bewertung des öffentlichen Personennahverkehrs in der
Bevölkerung.
Entwicklung und Etablierung von alternativen Verkehrskonzepten.
Ansätze und Maßnahmen:
Im bestehenden Nahverkehrssystem sollten vorhanden Nutzungshemmschwellen beseitigt werden, um
den ÖPNV attraktiver zu machen. Dazu zählt beispielsweise eine bessere
Übersichtlichkeit der
Fahrpläne
und auch ein
einheitliches Tarifsystem
zwischen den verschiedenen regionalen Verkehrs-
verbünden.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 18 -
empirica
Des Weiteren sind neue
flexible Nahversorgungssysteme
zu erproben, wie beispielsweise Ruf-Bus-
Systeme. Es existieren vielfältige Beispiele für derartige Konzepte, so dass auf umfangreiche Erfah-
rungen zurückgegriffen werden kann. Parallel dazu können
nachbarschaftliche Initiativen
, wie
Mit-
fahr- und Mitbringdienste
unterstützt werden. Durch die Bereitstellung von Informationen und Bera-
tung können ehrenamtliche Einsätze gefördert werden.
3.2.5 Wirtschaft
Für das wirtschaftliche Wachstum einer Region und die dauerhafte Sicherung der wirtschaftlichen
Basis einer Region sind insbesondere die Unternehmen relevant, die ihre Waren und Güter außerhalb
der Region absetzen. Es sind für die verschiedenen Teilräume der Region differenzierte Strategien
notwendig, um die vorhandenen und im regionalwissenschaftlichen Sinn „exportorientierten“ Bran-
chen und Betriebe zu unterstützen.
Angesichts der demographischen Entwicklung und des sich abzeichnenden Fachkräftemangel sind
auch Anstrengungen zur Sicherung der zukünftigen Fachkräftebedarfs zu unternehmen.
Zielvorstellungen:
Sicherung und Stärkung der wirtschaftlichen Basis in der Region (Z22)
Handlungserfordernisse:
Konzentration der Wirtschaftsförderung auf die direkten und indirekten Unternehmen der Export-
basis und die wirtschaftlich stabilen Teilräume.
Stärkung und Vermarktung der touristischen Wirtschaftspotentiale in der Region.
Förderung des lebenslangen Lernens zum Erhalt des Fachkräftepotentials in der Region
Beseitigung der Wettbewerbsnachteile in der Region
Ansätze und Maßnahmen:
Die Unterstützung der im regionalwissenschaftlichen Sinn „exportorientierten“ Branchen und Betriebe
kann in ganz unterschiedlicher Weise erfolgen. Die Marketinggesellschaft Oberlausitz leistet wertvolle
Arbeit zur Unterstützung der Unternehmen der Region. Konkrete Maßnahmen sind beispielsweise die
Förderung von
Forschungskooperationen
und
Unternehmensnetzwerken
, die
Profilierung der
regionalen Hochschullandschaft
sowie die Förderung von
grenzüberschreitenden Kooperationen
,
um gemeinsame Synergieeffekte zu nutzen.
Auch die Ermittlung des quantitativen und qualitativen Fachkräftebedarfs in der Region ist zur
Ent-
wicklung von passgenauen Ausbildungsangeboten
relevant.
Ausbildungsverbünde
können dazu
beitragen, die betriebliche Ausbildung in der Region zu sichern und sollten weiterhin unterstützt wer-
den.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 19 -
empirica
Weiteres wirtschaftliches Standbein in der Region sind die touristischen Potentiale. Diese sollten wei-
terhin gemeinsam vermarktet werden. Neue
innovative Konzepte
, wie die verschiedenen touristi-
schen Angebote der Marketinggesellschaft Oberlausitz (z.B. spezielle Angebote für Behinderte „Rei-
sen ohne Handicap“, Angelreisen, gezielte Vermarktung der Region für Radwanderer und Bustouris-
ten)
sollten gezielt unterstützt werden
.
4.
Ausblick: Zentrale Fragen für den weiteren Umbauprozess in der Region
4.1
Thematische und räumliche Schwerpunkte als zukünftige Handlungserfordernisse identi-
fizieren
In allen untersuchten Handlungsfeldern entstehen durch den demographischen Wandel neue Aufgaben
und Herausforderungen. Allerdings ist der Handlungsbedarf nicht in allen Bereichen akut und zum
Teil werden Themen bereits an anderer Stelle adäquat behandelt. Dieses muss bei der weiteren Aus-
gestaltung der Aktivitäten in der Region Oberlausitz-Niederschlesien berücksichtigt werden.
In den Handlungsfeldern, in denen erst mittelfristig, also etwa in fünf bis zehn Jahren, die Probleme
drängender werden, besteht heute die einzigartige Chance durch ausprobieren und experimentieren,
z.B. im Rahmen von thematischen Modellprojekten, nach innovativen guten Lösungen zu suchen.
Dies ist u.a. in den Bereichen Schulnetzplanung, Hausarztversorgung, Pflege- und Unterstützungsbe-
darf für ältere Menschen und auch bei der Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum in weiten
Teilen der Region der Fall.
Selbstverständlich sind auch Ministerien, Landkreise, Kommunen und sonstige Akteure in der Region
durch die bundes- und landesweite Diskussion über die Auswirkungen des demographischen Wandels
in unterschiedlicher Weise für das Thema sensibilisiert und beginnen in ihren Bereichen und Fachpoli-
tiken Projekte und Maßnahmen zu entwickeln. So existiert im Freistaat Sachsen bereits ein Modellpro-
jekt zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum bei dem jungen Ärzten finan-
zielle Anreize und Spielräume bei der Niederlassungsfreiheit eingeräumt werden. Das SMUL fördert
die Schaffung von dörflichen Gemeinschaftseinrichtungen und hat im Sommer 2006 mehrere Gutach-
ten zur Konzeption und Finanzierung derartiger Einrichtungen in Auftrag gegeben.
Um Dopplungen und unnötige Überschneidungen zu vermeiden, sollte vor der Festlegung von thema-
tischen Schwerpunkten für die Region Oberlausitz-Niederschlesien geprüft werden, welche weiteren
Aktivitäten bereits angelaufen sind, wo sich Anknüpfungspunkte ergeben und weiterer Unterstüt-
zungsbedarf besteht (Nutzung von Synergieeffekten). Ergebnis dieser Recherche kann natürlich auch
sein, dass einzelne Themen bereits von anderer Seite kompetent behandelt werden und hier lediglich
der Informationsaustausch und Wissenstransfer gesucht werden muss, um gute Projekt und Ideen auf
andere Teilbereiche der Region zu übertragen. Eine Grundlage bildet auf Landesebene die Ressortab-

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 20 -
empirica
frage der Staatskanzlei, in der im Frühjahr 2006 die Ministerien zu ihren Aktivitäten im Hinblick auf
den demographischen Wandel befragt wurden. Weitere Recherchen sind notwendig, wenn fest steht,
welche Maßnahmen begonnen werden sollen.
Aus gutachterlicher Sicht besteht in der Region Oberlausitz-Niederschlesien insbesondere Handlungs-
bedarf in den vier Themenbereichen Bildung bzw. die
dauerhafte Sicherung von Schulstandorten
im ländlichen Raum
, flächendeckende Sicherung von
angemessenen Angeboten für Kinder und
Jugendliche,
die
Schaffung von neuen Angeboten für ältere Menschen
und
der Umlenkung der
Wohneigentumsbildung auf den Bestand
.
In der
Schulnetzplanung
wurde die erste Schließungswelle der Grund- und Mittelschulen gerade be-
wältigt, so dass zukünftige Anpassungen in zehn bis fünfzehn Jahren heute noch nicht angegangen
werden. Allerdings bietet genau diese Frist die Chance, neue Schulkonzepte im ländlichen Raum zu
erproben.
Das gleiche gilt für die Schaffung von neuen Angeboten zur
Sicherung des Pflege- und Unterstüt-
zungsbedarfs
für ältere Menschen. Noch werden viele dieser Leistungen in den Familien erbracht,
institutionalisierte Unterstützungsleistungen sind gerade im ländlichen Raum fremd und stoßen auf
Ablehnung. Um einen Mentalitätswechsel zu bewirken und um auch die „jungen Alten“ für das The-
ma zu sensibilisieren, sollten heute beispielhafte Projekte initiiert werden.
Akutes Problem in der Region Oberlausitz-Niederschlesien ist nach wie vor die Abwanderung junger
Menschen aus der Region. Es herrscht oftmals bei vielen Jugendlichen eine pessimistische Grund-
stimmung vor. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Haushalten blicken mut-
los in die Zukunft, sehen für sich keine beruflichen Perspektiven und lassen in ihrem schulischen En-
gagement nach. Die Quote der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen ist - wie auch
der Anteil der Sonderschüler - in der Region erhöht.
Angemessene Angebote für Kinder und Ju-
gendliche
im ländlichen Raum und für Kinder und Jugendliche, die die bestehenden Angebote bisher
nicht nutzen, tragen durch gemeinsame Aktivitäten zu einem Verbundenheitsgefühl mit der Region
bei. Gleichzeitig können sie die Abwärtsspirale aus Perspektivlosigkeit und mangelnden Bildungsan-
strengungen durchbrechen.
Die historische Bausubstanz in vielen Gemeinden der Region Oberlausitz-Niederschlesien ist einzigar-
tig und erhaltenswert. Durch gezielte Unterstützungsleistungen für die
Wohneigentumsbildung von
Selbstnutzern im Bestand
können die gewachsenen Stadt- und Dorfstrukturen erhalten bleiben. Die
Städte werden so in ihrer zentralen Funktion gestärkt. Gleichzeitig ziehen die historischen Gebäude
Personen von außerhalb der Region an, die die Region als Altersruhesitz oder Ferienregion für sich
entdecken.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 21 -
empirica
4.2
Empfehlungen für innovative Schlüsselprojekte für die Region
4.2.1 Nachbarschaftsschule
Schulstandorte haben neben ihrem eigentlichen Bildungsauftrag auch eine wichtige Identitätsstiftende
Funktion für die gesamte Gemeinde. Wie die Diskussionen zur bisherigen Schließungswelle verdeutli-
chen, ist das Thema Schulschließung sehr emotional. Familien und deren Kinder, die aktuell von den
Anpassungen betroffen sind, werden verunsichert. Schulschließungen sind ein weithin sichtbares Zei-
chen des „Niedergangs“ und des Abwärtstrends. Diese negativen Gefühle werden auch auf andere
Lebensbereiche übertragen. Schulschließungen können eine vage Idee zur Abwanderung bei jungen
Leuten in eine konkrete Abwanderungsentscheidung umwandeln.
Dieser gefühlte Abwärtstrend muss aufgehalten werden. Dazu muss u.a. für die verbleibenden Schul-
standorte eine Planungssicherheit eingeführt werden. Schulen sind eine der zentralen Funktionen, die
z.B. bei der Wohnstandortentscheidung von jungen Familien einen bedeutenden Einfluss haben. Ohne
Klarheit darüber, dass auch noch in zehn oder 15 Jahren die Schule in der jeweiligen Gemeinde gesi-
chert ist, wird die Entscheidung für die Region erschwert.
Weitere
Anpassungen im Schulstandortsystem
müssen daher stärker als bisher
ressortübergreifend
erarbeitet werden
, da die Auswirkungen der Schließung bzw. des Erhalt eines Schulstandortes unter
den Bedingungen des Bevölkerungsrückgangs diverse Fachplanungen stärker als in der Vergangenheit
berührt (z.B. Verkehr, ländliche Entwicklung, zentralörtliche Gliederung etc.). Alternative Schulkon-
zepte, die bisher aus bildungspolitischen Überzeugungen heraus nicht zum Einsatz kamen wie z.B.
Jahrgangsübergreifender Unterricht, Internate, Gesamtschulen, Zwergschulen sind in der Fachdiskus-
sion erneut zu berücksichtigen und angesichts des Bevölkerungsrückgangs in den dünn und sehr dünn
besiedelten Teilräumen der Region neu zu bewerten. Das bedeutet nicht, dass ein bildungspolitischer
Systemwechsel in Sachsen angestrebt werden muss. Es sollte jedoch möglich sein,
in Teilräumen mit
einer besonderen Problemlage
auch
andere Konzepte zuzulassen
.
Neben dem Einsatz von alternativen Schulkonzepten zur Sicherung des Schulstandortes, können auch
durch die
Kopplung der Schule mit anderen öffentlichen und privaten Leistungen
, die wirtschaft-
liche Funktionsfähigkeit des Schulstandortes erhalten bleiben. Organisatorisch kann an die Schule zum
Beispiel der Aufbau von Netzwerken für Kinderbetreuung, Altenpflege und andere soziale Dienste
angedockt werden. Dies würde zur Folge haben, dass der Schulleiter oder andere an der Schule ange-
stellte Personen nicht nur unterrichten und ihre schulischen Aufgaben wahrnehmen, sondern auch
andere organisatorische Leistungen übernehmen. Hier ist eine systematische Suche nach „Mehr-
Produktorganisationen“ notwendig, die in dünn besiedelten Regionen oder kleinen Orten als Multi-
funktionseinrichtungen kostengünstig betrieben werden. Durch die Kopplung mehrere Funktionen
entstehen
Einsparpotentiale, die insgesamt zum Erhalt des Standortes beitragen
.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 22 -
empirica
Derartige Konzepte sind bisher in Deutschland noch nicht vorhanden oder erprobt. Sie stoßen in ganz
unterschiedlichen Bereichen an ihre rechtlichen und organisatorischen Grenzen (z.B. Abrechnungsme-
chanismen, Versicherungsauflagen, Zuständigkeiten etc.). In einem
Modellprojekt
in einer Gemein-
de, in der alle Akteure in Schule, Gemeinde/Politik und Vereinswesen wie auch die Bürger bereit sind,
neue Wege zu beschreiten, sollte ausgelotet werden, welche Bereiche des öffentlichen Lebens sich für
ein derartiges Kopplungsprojekt „Schule plus“ eignen. Es gilt herauszufinden, wo Hemmnisse beste-
hen, Regularien verändert bzw. geöffnet werden müssen und welche Kombinationen bereits heute
möglich sind.
4.2.2 Neue Angebote zur Sicherung der Pflege- und Unterstützung älterer Menschen in der
Region
Die Zahl der älteren Menschen wird in der Region wachsen. Dabei wird insbesondere die Zahl derer
steigen, die ohne direkten Kontakt zu Familienangehörigen in einer Nachbarschaft leben. Dies betrifft
sowohl ältere Menschen in bestimmten Stadtteilen der größeren Städte wie auch in den ländlichen
Dörfern. Für die Politik entsteht aus dieser Konstellation eine erhebliche Herausforderung. Die klassi-
schen Einrichtungen der Alten- und Krankenpflege können mangels Auslastung nicht in allen Teil-
räumen eingesetzt werden. Gleichzeitig will man jedoch die Härte vermeiden, die es für einen alten
Menschen bedeutet, sein gewohntes Umfeld zu verlassen.
Zum einen können durch die
Kopplung von verschiedenen Funktionen
Synergieeffekte entstehen,
die es erlauben, auch bei rückläufiger Bevölkerung bestimmte Einrichtungen vorzuhalten. Des weite-
ren kann durch eine gezielte Stärkung der Selbstorganisation der Bürger ein neues Klima der gegensei-
tigen Unterstützung aufgebaut werden, um lokale Versorgungsengpässe zu überbrücken und Umzüge
in ein Senioren- oder Pflegeheim zu vermeiden.
Auch im Hinblick auf die Bezahlbarkeit der Dienstleistungen, die bei zunehmender Hilfs-/ Pflegebe-
dürftigkeit notwendig sind, gilt es,
Konzepte für „Neues Wohnen im Alter“
zu entwickeln. Es geht
um
quartiersbezogene Ansätze
, die darauf zielen, Synergieeffekte bei den professionellen Dienstleis-
tungen („Pflegekerne“ in einem Wohnumfeld mit einem hohen Anteil älterer Bewohner) und der Mo-
bilisierung von sozialen Netzwerken zu erreichen.
Bereits jetzt schon werden zunehmend verschiedene Alternativen zum stationären Pflegeheim disku-
tiert und in der Praxis umgesetzt. Im Mittelpunkt dieser Neuorientierung steht eine stärkere Betonung
des eigenständigen Wohnens in
Kombination mit individuellen und bedarfsgerechten Hilfe- und
Pflegeleistungen.
Es handelt sich bei den betreffenden Alternativkonzepten nicht mehr nur um "exoti-
sche" Beispiele, sondern z.B. planen verschiedene Pflegeheimbetreiber, die einen relativ hohen Anteil
am Markt abdecken, für die Zukunft keine bzw. kaum noch stationäre Pflegeeinrichtungen neu zu

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 23 -
empirica
bauen (z.B. Kuratorium Wohnen im Alter e.V., Bremer Heimstiftung, Evangelisches Johanneswerk).
Stattdessen gewinnen quartiersbezogene Ansätze an Bedeutung.
Vor dem Hintergrund des wachsenden Bedarfs nach Dienstleistungen für Ältere bei gleichzeitig sin-
kenden Angeboten durch die Familie werden gerade innovative Wohnformen notwendig, bei denen
bestimmte
Hilfeleistungen informell
erbracht werden. Ein organisatorisches Instrument, um im Sinne
der Kostenreduzierung die
Ressourcen der Älteren einbeziehen
zu können, ist die
professionelle
Planung und Unterstützung eines sozialen Netzwerkes
. Hier kann auf sehr gute Erfahrungen auch
bereits aus Sachsen zurückgegriffen werden. Die Mobilisierung sozialer Netzwerke muss professionell
organisiert werden (z.B. Gründung eines Vereins). Ein solcher Verein sollte nicht nur auf das Haus
selbst beschränkt sein, sondern offen für andere Menschen aus der gesamten Nachbarschaft sein.
Wichtige Aufgabe dieses Vereins ist es, informelle Leistungen, die die Bewohner gegenseitig erbrin-
gen, zu organisieren. Solche Leistungen können z.B. sein: Besuche von älteren allein stehenden Be-
wohnern, Zeitung vorlesen bei Sehschwäche, Begleitung zum Einkaufen, Organisation einer Kultur-
veranstaltung. Über diesen Verein kann ein Quartiers- oder Dorfbezug hergestellt werden, der von
informellen Leistungen bis hin zu der oben genannten ambulanten Pflege in der angestammten Woh-
nung (in Kooperation mit einem ambulanten Pflegedienst) erfolgt.
Aus der Beschreibung wird deutlich, dass der Erfolg der Projekte ganz wesentlich von einer hohe Mo-
tivation und Einsatzbereitschaft der Adressaten abhängt. Es ist jeweils genau zu prüfen, wo sich in der
Region Oberlausitz-Niederschlesien bereits Anknüpfungspunkte ergeben.
4.2.3 Angemessene Angebote für Kinder und Jugendliche
Angebote für Jugendliche sind einem ständigen Wandel unterworfen. Neue Trends oder neue Gruppie-
rungen bewirken verlagerte Interessen und ein anderes Nachfrageverhalten. So kann es durchaus vor-
kommen, dass vorhandene Jugendzentren nicht angenommen werden, Sportvereine über rückläufige
Mitgliederzahlen klagen und gleichzeitig die Kinder und Jugendlichen ein nicht passgenaues Freizeit-
angebot bemängeln. Außerdem sind die „Generationswechsel“ bei den Kindern und Jugendlichen sehr
schnelllebig. Angebote, die vor drei Jahren exakt den Wünschen der damals 15-Jährigen entsprachen,
können heute von den heute 15-Jährigen strikt abgelehnt, auch um sich von der Gruppe der älteren
Jugendlichen deutlich abzugrenzen. Dies ist bei der Konzeption von Angeboten zu berücksichtigen.
Die Kinder und Jugendlichen können dabei in zwei Gruppen unterteilt werden. Es gibt zum einen die
„auffälligen“ Jugendlichen, die sich im öffentlichen Straßenraum aufhalten und z.T. auch andere Be-
wohner des Dorfes oder des Stadtviertels stören. Beliebte Treffpunkte sind zentrale Plätze, Tankstellen
oder auch Spielplätze. Die andere Gruppe bilden die stillen, unauffälligen Kinder und Jugendlichen,
die keiner Clique angehören, sich nach der Schule zu Hause zurückziehen und ihre Freizeit mit Com-

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 24 -
empirica
puter spielen und fernsehen verbringen. Diese beiden Gruppen erfordern ein unterschiedliches Vorge-
hen bei der Ansprache der Kinder und Jugendlichen.
Zugehende Jugendarbeit für „auffällige“ Jugendliche
Es sind in einem ersten Schritt die Teilräume, Dörfer oder Nachbarschaften zu ermitteln, in denen sich
viele Kinder und Jugendliche nach Schulschluss im öffentlichen Straßenraum aufhalten, da entweder
keine Angebote vorhandenen sind, oder diese nicht akzeptiert werden. Um dort passgenaue Angebote
für Kinder und Jugendliche zu schaffen, bedarf es dann einer zugehenden Jugendarbeit. Es ist vor Ort
eine erwachsene Person zu finden, die einen ersten Draht zu den Jugendlichen aufbaut oder bereits
darüber verfügt. Vieles hängt dabei von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Sie muss bezüglich „Kultur“
und „Milieu“ zu den Jugendlichen passen und von diesen akzeptiert werden. Für die Person wiederum
ist es wichtig, auf eine bestehende Struktur zurückgreifen zu können, um bei Bedarf Unterstützung zu
erhalten. Die Person kann beispielsweise Unterstützung durch die Schule, Sportvereine oder Einrich-
tungen der Jugendhilfe erhalten, die wiederum derartige Maßnahmen bewusst forcieren.
Nachdem ein erster Kontakt zur Gruppe der Jugendlichen aufgebaut wurde, sollte gemeinsam mit den
Jugendlichen nach alternativen Aufenthaltsorten gesucht. Hier sollte die Selbstorganisation der Ju-
gendlichen gestärkt werden. Dazu bedarf es oftmals keiner aufwendigen Finanzierungen oder umfang-
reich sanierter Jugendzentren, auch mit einfachen Mittel können durch das Engagement der Jugendli-
chen neue Treffpunkte gestaltet werden. An die Treffpunkte können dann weitere Angebote angebun-
den werden.
Lotsenprogramme und persönliche Unterstützung für „stille“ Jugendliche
Kinder und Jugendliche, die sich zurückziehen sind schwierig zu erreichen. Zugang zu diesen Kindern
und Jugendlichen besteht allerdings über die Schule. Lehrer können oftmals die Schüler benennen, die
wenig Freunde haben und sich insgesamt wenig in die Klassengemeinschaft einbringen.
Für diese Kinder und Jugendlichen sollte ein Lotsenprogramm („großer Bruder/ große Schwester“)
aufgebaut werden, um frühzeitig den Kreislauf aus Isolation, Mutlosigkeit und Perspektivlosigkeit zu
durchbrechen. Als potentielle Betreuer kommen ältere Schüler in Frage oder auch Erwachsene, die
sich gerne pädagogisch engagieren möchten.
Positive Erfahrungen haben auch Projekte gemacht, die diese Art der persönlichen Betreuung für
Schüler in der Abschlussklasse konzipiert haben. Es konnten engagierte Firmeninhaber von Kleinbe-
trieben gewonnen werden, die Lust hatten, ein bis zwei Jugendliche in ihrem zumeist handwerklichen
Betrieb zu betreuen. Dabei standen immer freizeitbezogene Tätigkeiten im Mittelpunkt wie Fahrrad-
und Mopedreparatur nach Feierabend oder Tischlerarbeiten für das eigene Zimmer usw. Die Motivati-
on der Jugendlichen wie auch die Bereitschaft, sich mit Fragen der Berufswahl auseinanderzusetzen,
stieg im Verlauf des Projektes deutlich an.

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 25 -
empirica
4.2.4 Förderung der Wohneigentumsbildung von Selbstnutzern im Bestand
Die Förderung der Wohneigentumsbildung von Selbstnutzern im Bestand ist ein wirksames Mittel, um
dauerhaft die historische Bausubstanz in der Region zu erhalten und gleichzeitig eine Zersiedelung
und Fragmentierung der Siedlungsstruktur zu vermeiden. Es ist jedoch sicherzustellen, dass die
Wohneigentumsbildung im Bestand nur in den Stadt- und Dorfbereichen unterstützt werden, die dau-
erhaft erhalten bleiben.
Die Wohneigentumsbildung im Bestand steht immer in Konkurrenz zu Neubauvorhaben. Die Vorteile
von Neubauvorhaben liegen auf der Hand: es existieren professionelle Bauträger von denen „schlüs-
selfertig“ ein Eigenheim erworben werden kann, Kostensteigerungen durch unvorhersehbare Schäden
an der Bausubstanz sind nicht zu erwarten und auch die Finanzierungs- und Genehmigungsverfahren
sind bei einem Neubau ungleich einfacher als bei einer Altbausanierung. Viele Bauherren schrecken
daher vom Erwerb einer Bestandsimmobilie ab.
In der Region existiert bereits eine Initiative, die gezielt versucht, die Nachteile beim Erwerb und an-
schließender Sanierung einer gebrauchten Immobilie auszugleichen. Durch Beratung und Unterstüt-
zung versucht die Initiative „Umgebindeland“ Wohneigentumsbilder für den Kauf eines historischen
regionstypischen Umgebindehauses zu gewinnen. Auch andere Städte und Gemeinden unterstützen
die Wohneigentumsbildung im Bestand in der Region.
Die Anstrengungen sollten intensiviert und von den Kommunen weiter vorangetrieben werden. Diese
Art der „Stadtbildpflege“ ist aufwändig und zeitintensiv. Trotzdem sollte versucht werden, besonders
erhaltenswerte Objekte an Selbstnutzer zu veräußern.
4.3
Organisation des Kommunikations - und Veränderungsprozesses
4.3.1 Allgemeine Anforderungen an den Kommunikations- und Veränderungsprozess
Für die weitere Gestaltung des Zukunfts- und Kommunikationsprozesses in der Modellregion lassen
sich folgende Gesichtspunkte zusammenfassen:
weitere Untersuchung und Erprobung unterschiedlicher Aspekte des Themas demographischer
Wandel als Zukunftsprozess
intensive Sensibilisierung und Mobilisierung von Verwaltungen, Unternehmern und Bürgern auf
kommunaler und regionaler Ebene mit den im Modellvorhaben entwickelten Kommunikations-
formen
Entwicklung eines Leitfadens „Strategien, Projekte und Praxistipps zur Bewältigung des demo-
graphischen Wandels“ als Arbeitshilfe für kommunale und regionale Entscheider und andere Ar-
beitsgremien [u.a. motivierende Aufbereitung von guten Praxisbeispielen (vgl. Abschnitt III. im
Anhang)]

Kurzfassung: Zentrale Ergebnisse
- 26 -
empirica
Zusammenstellung einer Synopse mit allen wichtigen Entwicklungstrends, Strategiepapieren, Ex-
pertenempfehlungen, formalen und informellen Planungspapieren, politischen Grundsatzpapieren
zum Thema Zukunftsstrategien und demographischer Wandel (z.B. Einrichtung und intensive
Pflege einer Internetseite zum demographischen Wandel)
Weiterführung und Vertiefung der Diskussion von unterschiedlichen teilräumigen Strategien mit
Szenarien, Handlungsoptionen und aktivierenden Zukunftsbildern im demographischen Wandel
Entwicklung von an Zukunftsprozessen und insbesondere am demographischen Wandel orientier-
ten handlungs- und kommunikationsorientierten Leitbildern in weiteren Kommunen der Modellre-
gion
weitere schwerpunktmäßige Entwicklung von Strategien und Praxisbeispielen der für den demo-
graphischen Wandel erforderlichen Veränderungskultur für mehr Verwaltungs-, Unternehmer-
und Bürgerengagement
Weiterentwicklung des im Modellvorhaben entwickelten Instrumentariums zur Projektentwick-
lung im Zukunftsprozess demographischer Wandel (Projekttypen, Projektfamilien, Fokusgruppen)
in ausgewählten Handlungsfeldern
Weiterführung der Kommunikationsplattform für den Erfahrungs- und Ideentransfer in der Region
auf der Arbeitsebene
Ausbau der Medienpartnerschaft zum Thema demographischer Wandel in weiteren Kommunen
der Modellregion
dauerhafte Etablierung der Regionalforen zum Thema Zukunftsprozesse und demographischer
Wandel als regionale Mobilisierungs- und Kommunikationsplattform
4.3.2 Veränderungen auf der Landesebene
Rahmenstrategie auf Landesebene notwendig
Auf ganz unterschiedlichen Ebenen und aus unterschiedlicher fachlicher Richtung wird aktuell in
Sachsen und auch in Deutschland insgesamt diskutiert, wie mit den Auswirkungen des demographi-
schen Wandels umgegangen werden soll. Durch die Expertenkommission zum demographischen
Wandel und seinen Folgen im Freistaat Sachsen wurde im Oktober 2006 ein erster Handlungsleitfaden
vorgelegt. Die Enquetekommission „Demographischer Wandel“ des Sächsischen Landtags wird bis
Mitte 2008 ihre Ergebnisse vorlegen.
Die Bemühungen, eine verbindliche Rahmenstrategie zu erarbeiten, wie auf Landesebene mit einer
stark rückläufigen und ausdünnenden Bevölkerung umgegangen werden soll, sollten fortgesetzt wer-
den. Die Rahmenstrategie muss auf die Integration der für die Regionalentwicklung relevanten res-
sortspezifischen Ansätze aufbauen und die räumlich differenzierten Politiken der Fachressorts auf
allen Ebenen steuern. Die notwendige fachliche Eigenständigkeit der Ressorts bleibt dabei erhalten;
für die fachpolitischen Handlungsansätze innerhalb der Rahmenstrategie übernehmen jeweils die zu-
ständigen Ressorts die Federführung bei der Vertiefung und Umsetzung der gemeinsam beschlossenen

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Ziele. Die Erreichung der gesteckten Ziele kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn ein allgemeiner
Orientierungsrahmen die Aktivitäten bündelt und kanalisiert.
Zusammenarbeit und Abstimmung der Maßnahmen
Der demographische Wandel wirkt auf ganz unterschiedliche Handlungsfelder und wird daher auch
von den verschiedenen Fachressorts thematisiert. Es wird an verschiedenen Stellen nach neuen Lösun-
gen und Möglichkeiten gesucht, die Folgen des demographischen Wandels zu bewältigen. Eine syste-
matische Prüfung, welche Fachressorts mit welchen Themen und Projekten in Bezug auf den demo-
graphischen Wandel befasst sind, sollte obligatorisch eingeführt werden.
Um Überschneidungen und Parallelentwicklungen zu vermeiden, ist eine ressortübergreifende Zu-
sammenarbeit und Abstimmung von Initiativen und Maßnahmen unerlässlich. Durch den Bevölke-
rungsrückgang erreichen ganz unterschiedliche Infrastruktureinrichtungen ihre unteren Kapazitäts-
grenzen, um noch wirtschaftlich betrieben werden zu können. Umstrukturierungen im bestehenden
System erlauben kurzfristig eine Aufrechterhaltung der jeweiligen Einrichtung. Angesichts des weiter
anhaltenden Bevölkerungsrückgangs wird jedoch schnell deutlich, dass Umstrukturierungen allein
nicht mehr ausreichen. Nur durch die Entwicklung neuer kooperativer Formen der Daseinsvorsorge,
kann flächendeckend die Infrastrukturausstattung sichergestellt werden. Es sind neue Produkte zu
entwickeln, die die bisherigen Fachressortgrenzen überschreiten.
Neben der Erarbeitung neuer fachressortübergreifender Maßnahmen, wird durch die Kopperation das
wechselseitige Lernen gefördert und praktikable Lösungen können zügig und unkompliziert auch in
anderen Teilräumen oder Fachbereichen angewandt werden.
Zentraler „Ansprechpartner“ auf Landesebene notwendig
Die regionalen und lokalen Bemühungen, den demographischen Wandel mit konkreten Maßnahmen
und Projekten zu bewältigen, bedürfen auf der Landesebene eines durchsetzungsstarken Partners, der
sich für die jeweiligen Belange einsetzt und die Akteure vor Ort unterstützt. Hemmnisse und Restrik-
tionen, die sich u.a. aus landesrechtlichen Vorgaben ergeben, kommen häufig erst auf der lokalen E-
bene zum Tragen. Regelungen, die bei einer bestimmten Bevölkerungsanzahl oder Bevölkerungsdich-
te richtig und wichtig sind, verlieren teilweise in Regionen mit stark rückläufiger Bevölkerung ihre
positive Steuerungsfunktion und können sich unter diesen neuen, veränderten Rahmenbedingungen
sogar kontraproduktiv auswirken.
Oftmals sind es die lokalen Akteure vor Ort, die an die Grenzen der bestehenden Regelungen stoßen
und Anpassungsbedarf sehen. Der Weg jedoch, bestehende landesrechtliche Regelungen zu verändern
oder Ausnahmegenehmigungen zu erhalten, ist schwierig und häufig mit massiven Widerständen im
etablierten Politik- und Verwaltungshandeln verbunden. Bevor auf der Landesebene mögliche Anpas-

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sungsbedarfe kommuniziert werden, müssen verschiedene Instanzen auf kommunaler und regionaler
Ebene beteiligt und auch überzeugt werden.
Es bedarf einer zentralen Stelle, die die notwendigen Änderungen frühzeitig erkennt („Antennenfunk-
tion“) diese bündelt und an die zuständigen Fachressorts und nachgeordneten Behörden weiterleitet.
So wird auch die Übertragung von guten Erfahrungen und innovativen Lösungen auf andere Regionen
im Freistaat Sachsen sichergestellt. Eine „Projektbörse“ im Internet kann den Austausch über gute
Projekte und Ansätze zusätzlich ergänzen.
4.3.3 Veränderungen auf der regionale n Ebene
Regionale Kooperation und Netzwerkbildung erforderlich
Die begonnenen Diskussionen sind auch auf der regionalen Ebene fortzusetzen und zu konkretisieren.
Es zeigt sich in diversen Handlungsfeldern, dass die anstehenden Anpassungen nicht allein auf der
kommunalen bzw. von der landesrechtlichen Ebene bewältigt werden können. Exemplarisch sind hier
die Maßnahmen zur Veränderung des ÖPNV, der Abwasserversorgung, des Altenhilfesystems oder
der Schulnetzplanung genannt. Es sind je nach Handlungsfeld regionale Zusammenschlüsse erforder-
lich, um ein abgestimmtes Vorgehen z.B. zwischen den Landkreisen möglich zu machen.
Sensibilisierung der Akteure und gezielter Informationsaustausch
Die regionale Ebene bietet sich zudem als Plattform an, sich über bestimmte Sachverhalte auszutau-
schen und ein gemeinsames regionales Problemverständnis zu entwickeln. Die gemeinsame Sensibili-
sierung der Akteure und aktive Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des demographischen
Wandels müssen als Daueraufgabe begriffen werden. Ein kontinuierlicher Austausch und die Klärung
bestimmter Fragen, kann dauerhaft zur Sensibilisierung der regionalen und lokalen Akteure beitragen.
Mögliche Instrumente sind z.B. jährliche Regionalkonferenzen, Projekttage sowie die Etablierung
einer regionalen Arbeitsgruppe, die die Organisation des Austausches organisiert und steuert. In die-
sem Zusammenhang sollte auch der Regionale Planungsverband stärker tätig werden.
4.3.4 Veränderung auf der lokalen Ebene - Aktivie rung und lokale Lenkungsgruppen
Flächendeckende Aktivierung und Beteiligung der Bewohner
Die aufgezeigten Ergebnisse machen jeweils deutlich, dass in verschiedenen Bereichen ein neuer
Mangel bzw. eine neue Unterversorgung entstehen wird und dass die klassischen Lösungen zum Teil
obsolet werden. Die neuen Lücken werden von den Bewohnern der dünn besiedelten Regionen bei
gleichzeitig schrumpfender Bevölkerung sehr unterschiedlich und teilweise als sehr schmerzhaft emp-

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funden. Während einige Bewohner eine fehlende wohnortnahe Versorgung beklagen, ist für andere
eine unzureichende ÖPNV-Anbindung ein Aspekt, der ihre subjektive Lebensqualität einschränkt.
Welche Projekte und Maßnahmen genau in welcher Stadt, welchem Stadtteil oder welchem Dorf um-
gesetzt werden sollten, kann nicht „von oben“ entschieden werden. Die individuellen Präferenzen und
somit auch erfahrenen Defizite in der Infrastrukturausstattung sind unterschiedlich. Gleichzeitig zei-
gen die Erfahrungen aus der Region wie auch aus anderen Regionen und dem Ausland, dass Projekte
nur erfolgreich umgesetzt werden können, wenn es Menschen oder Gruppen gibt, die sich mit hohem
persönlichen Einsatz für eine Sache engagieren.
Es ist nicht einfach, diese lokalen Potentiale zu entdecken und zu wecken. Das Land sollte deshalb für
solche Initiativen sichtbare
Anreize schaffen
. Ein
regionaler Innovations- und Motivationswettbe-
werb
ist daher unseres Erachtens ein geeignetes Instrument, um die Projekte und Personen in der Re-
gion zu finden, die mit kreativen neuen Ideen den demographischen Wandel gestalten wollen.
Der Wettbewerb sollte weithin sichtbar ausgelobt und durch entsprechende politische Aufmerksamkeit
und Beteiligung eine hohe Bekanntheit und Bedeutung erhalten. Ein solcher Wettbewerb sollte jähr-
lich durchgeführt werden. Dabei sollten jeweils bestimmte Schwerpunkte oder bestimmte Typen von
Lösungen angeregt werden. Es ist zudem sinnvoll, dass bestimmte Modelle und Konzepte im Wettbe-
werb beschrieben werden, um vergleichsweise gezielt Akteure für bestimmte Projektideen zu finden,
die sich in anderen Regionen bewährt haben. Thematisch kommen aus gutachterlicher Sicht insbeson-
dere die im Abschnitt 4.1 skizzierten Projektfelder und Projektideen in Frage.
Die Landesregierung sollte zusammen mit anderen öffentlichen und privaten Akteuren (Sparkassen,
Banken, großen Unternehmen, Städten, Landkreisen) als Träger des Wettbewerbs agieren. Sie hätte
dementsprechend die Teilnahmebedingungen und Bewertungskriterien festzulegen sowie die Zusam-
mensetzung und die Regeln der Jury zu bestimmen. Es erscheint sinnvoll, einen geteilten Wettbewerb
zu organisieren, bei dem Wettbewerbsbeiträge aus ländlichen Gemeinden, Kleinstädten und größeren
Städten jeweils in verschiedenen Kategorien teilnehmen können. Durch diese Aufspaltung wird si-
chergestellt, dass die unterschiedlichen Lebenslagen und Interessensituationen adäquat berücksichtigt
werden. Es ist zu prüfen, ob sich eventuell eine
Kombination mit bereits
im Freistaat Sachsen
lau-
fenden Wettbewerben
(z.B. „Unser Dorf soll schöner werden“, „Ab in die Mitte“, „Mittelstands-
freundliche Kommune“) sinnvoll ist. Der Teilnehmerkreis sollte möglichst breit gefächert sein. Es
sollte möglich sein, dass sich sowohl Kommunen, Vereine, private Gruppen als auch Einrichtungen
am Wettbewerb beteiligen können.
Lenkungsgruppen als lokale Steuerungsinstrumente
Damit Projekte und Maßnahmen in den Gemeinden passgenau umgesetzt werden können, hat es sich
bewährt, auf lokaler Ebene eine Lenkungsgruppe zu initiieren. Die Lenkungsgruppe steuert die Aktivi-
täten und bereitet inhaltlich und organisatorisch die Entscheidungen des Stadt- bzw. Gemeinderats vor.

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Es ist wichtig, dass auch auf lokaler Ebene derartige Gremien „hochkarätig“ besetzt sind und dass die
Entscheidungsträger darin vertreten sind, damit die Beschlüsse später auch umgesetzt werden können.
Für die Koordinierung einer derartigen Lenkungsgruppe ist eine externe Projektsteuerung empfeh-
lenswert, da sonst die Gefahr besteht, dass der Prozess aufgrund von Einzelinteressen in Stocken gerät.
Bei komplexeren Vorhaben ist es außerdem sinnvoll, durch ein externes Büro oder mit Unterstützung
von außen, ein Handlungskonzept für die Gemeinde zu erarbeiten, in dem die konkreten Projekte auf-
geführt werden. Dieses Konzept ist dann vom Stadt- bzw. Gemeinderat zu beschließen.