Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren,
ehrlich gesagt, bin ich vor allem in den letzten Wochen kaum noch in der
Lage, die derzeit laufenden Diskussionen in der Öffentlichkeit zu
verfolgen, ohne mich sehr zurückhalten zu müssen, um nicht ernsthaft
ausfällig zu werden.
Ich habe nämlich das dringende Gefühl, dass sich hierzulande – aber
offensichtlich nicht nur hier – Paranoiker und Schizophrene zu
Therapeuten erklärt haben und feste dabei sind, auch noch die Leitung
der Klinik zu übernehmen.
Was haben wir aktuell – neben der Terrorkatastrophe – denn heute so
im Panik-Kochtopf?
Ah, eine von Glühlampen und deutschen Ferienfliegern hervorgerufene
Klimakatastrophe und eine durch Geburtsverweigerung der Frauen und
Sterbeverweigerung der Alten hervorgerufene gesellschaftliche
Vergreisungskatastrophe.
Wissen Sie,
ich habe einen guten alten Freund. Der ist Schweizer, kommt aus den
Alpen. Wir saßen bei einem Gläschen beieinander als in der LVZ just
berichtet wurde, dass eine Lawine ein erst kürzlich dort erbautes
Ferienhotel verschüttet hätte und Touristen dabei zu Tode gekommen
seien. Schlimm, wenn so was passiert.
Kommentar meines Freundes:
„Weißt Du Knut, die Alpen gibt’s seit 65 Millionen Jahren. Hin und wieder
schneit´s da auch und Gletscher und Schneeüberhänge entstehen und
vergehen seither immer wieder. Jedes Jahr gehen Lawinen ab. Was
haben wir da: ein Naturereignis, oder?
Wenn Leute nicht vorausschauend denken und so sensationell blöd sind,
ein Ferienhotel in die offensichtliche Abgangszone zu bauen, dann wird
das Ereignis zu Katastrophe. Aber nur für die dummen Leute, nicht für
die Natur.“
Dankenswerterweise hat die Regierung Sachsens – allen voran Prof.
Milbradt – begonnen, das Thema „Demografische Veränderung“ auf die
Tagesordnung einer vorausschauenden und sachlichen, öffentlichen
Debatte zu stellen. Natürlich sind wir Sachsen nicht die Erfinder dieser
Diskussion und gleich gar nicht die der demographischen
Veränderungen, aber schauen wir doch mal ob es uns gelingt, kein Haus

in die offensichtliche Abgangszone dieser Lawine zu bauen, damit das
Ereignis nicht zur Katastrophe wird.
Doch zuerst müssen wir uns mit einer Krankheit beschäftigen, die
möglicherweise die sachliche Vorausschau verhindern könnte:
Die mittlerweile in die englische Sprache eingeflossene, so genannte
Deutsche Krankheit: Angst.
Angst vor allem und jedem. Angst vor Veränderung.
Zukunftsangst.
Das lesen und hören wir dann so:
Die vergreisende Gesellschaft.
Die alternde Gesellschaft.
Aufstand der Alten.
Das Methusalemkomplott.
Was sehen wir da vor unserem inneren Auge: Eine riesige, dumpfe
Versammlung von sabbernden Greisen, die nichts weiter zu tun haben,
als von den noch wenigen übrig gebliebenen Jungen höhere Rente und
mehr Pflegegelder zu fordern.
Maßlos überfüllte Altersheime, überforderte Krankenhäuser,
kollabierende Sozialsysteme, niedergehende Wirtschaft, völlig
entvölkerte Landstriche - der Verwüstung anheimgestellt, über die
symbolträchtig ein glühend heißer Wind weht – das Aus für die stolze,
deutsche Nation.
In der Ferne ziehen schwarz verschleierte Horden aus dem Nahen
Osten und Asien heran….
Na, wie finden Sie dieses Bild?
Übertrieben, sinnlos, geschmacklos, unpassend, böse, panisch?
Das können Sie jeden Tag in den Medien dieses Landes entdecken,
wenn Sie nur genau hinschauen.
Es ginge natürlich auch anders darzustellen.
Ja, es ist richtig, betrachten wir den Zeitraum seit 1900, dann stellen wir
fest: das allgemeine, durchschnittliche Lebensalter der Menschen in
Deutschland nimmt zu.
1900: Männer: 41 Jahre
Frauen:
44 Jahre
1950: Männer: 65 Jahre
Frauen: 69 Jahre
2005: Männer: 76 Jahre
Frauen: 81 Jahre

Fällt Ihnen was auf?
Nun, die so genannte „Gesetzliche Rente“ gibt’s erst seit 1891
(Bismarcks Idee!).
Zu dieser Zeit war die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer 40
Jahre.
Aber das „gesetzliche Renteneintrittsalter“ war – na, was denken Sie?
70 Jahre !
Erst 1916 senkte Deutschland die Altersgrenze auf 65 Jahre. Und erst
die Nazis räumten (den deutschen!) Frauen ein vorgezogenes
Eintrittsalter von 60 Jahren ein.
Das heißt statistisch erreichte erst 1950 (60 Jahre nach Einführung der
Rentenversicherung!) das durchschnittliche Lebensalter das
„Gesetzliche Rentenalter“!
Weiter stellen wir ganz sachlich fest: Wir leben einfach wirklich länger!
Und wir leben länger und gesünder! Das muss auch festgestellt werden.
Statistisch gesehen, erreichen die Menschen in Deutschland „in bester
Gesundheit“ heute ein Alter von rund 70 Jahren (Männer 68, Frauen 72).
Ich möchte Sie nicht mit Zahlen langweilen.
Aber die hier sind auch nicht ohne:
Um 1900 trat ein gesunder junger Mann mit 14 Jahren ins Berufsleben
ein.
1950 mit 16 Jahren. Heute mit 20 Jahren.
Und Akademiker in Westdeutschland tun das sogar erst mit 30!!!
„Gesetzliches Rentenalter“ hin oder her. In Wahrheit werden die
Deutschen im Durchschnitt schon mit 58 Rentner.
Aber Leute, die heute 58 sind und es sich als Pensionäre gut gehen
lassen, haben ein statistisches Leben von mindestens noch 22 Jahren
vor sich – und ein (statistisches) Arbeitsleben von (nur) 38 Jahren hinter
sich. Westdeutsche Akademiker haben´s noch besser, sie arbeiteten nur
28 Jahre.
Die Gesellschaft wird nicht älter – Wir leben länger und besser!
Unser Leben ist länger, gesünder, reicher und sicherer als je zuvor.
Man kann sich das Problem vorstellen, indem man ein Gummiband
zwischen beiden Händen dehnt, auf dem die Marken Geburt, Einrittsalter
ins Arbeitsleben, Austrittsalter aus dem Arbeitsleben und Tod
eingetragen sind. Prima wäre, wenn sich alle Abschnitte gleichermaßen
dehnen würden. Das ist leider nicht so. Der Abschnitt „Arbeitsleben“
schrumpft, während die beiden anderen sich dehnen.
Das ist, simpel gesagt, unser erstes Problem. Auch in Sachsen.

Aber Sachsens Bevölkerung schrumpft auch noch, wird kleiner, dünner,
ärmer…
Liebe Freunde,
die Bevölkerungsdichte Deutschlands war
1871:
76 Leute / Quadratkilometer
1900:
100 Leute / qkm
2006:
229 Leute / qkm
Sachsen (was auch immer man historisch dazu zählen kann) war schon
seit längerer Zeit ein bevölkerungsreiches Land. Besonders während der
industriellen Boomphase explodierte die Bevölkerungszahl geradezu:
1900:
280 Menschen / qkm,
1930:
333 Menschen / qkm.
Heute hat unser Freistaat rund 232 Bewohner / qkm (etwa soviel wie
1871) und ist wahrscheinlich das am dichtesten besiedelte Bundesland
Deutschlands.
Aber es wird – bevölkerungsdichtemäßig – offensichtlich lichter um uns
herum…
Die Frage ist: ist das gut oder schlecht?
Sie erinnern sich an die Geschichte mit der Lawine?
Es ist weder – noch.
Ich wage an dieser Stelle mal eine Vermutung auszusprechen, die mir
während der Wochen, in denen ich mich mit diesen Themen neugierig
befasse, so in den Kopf gekommen ist:
Es scheint eine optimale Bevölkerungsdichte zu geben, auf die sich über
lange Zeit hinweg eine menschliche Population unter Berücksichtigung
moderner Industrie- und Agrartechnologie hin bewegt. Diese Zahl könnte
so um die 110 Individuen / qkm liegen.
Große Zeiträume, große Gebiete und stabile Wirtschafts- und
Gesellschaftssysteme vorausgesetzt – unter Naturwissenschaftlern
gesagt: in Nullter Näherung.
Also, nun ist die Katze aus dem Sack: bald faucht der Wind doch über
menschenleere Gegenden…
Liebe Freunde, halten sie Frankreich für menschleer? Dort leben diese
ca. 110 Einwohner pro qkm und bei dieser Gelegenheit gesagt, der
Rückgang der Kinderzahl / Frau und damit der Rückgang der
Bevölkerung scheinen gestoppt, ja sich sogar umzukehren….
Wir haben eine Verdünnung der Bevölkerung. Wir haben eine
Vergrößerung der Lebensspanne. Wir haben eine Kinderzahl pro Frau
von 1,3. Wir haben darüber hinaus aber noch dazu eine sehr

ungleichmäßige, sich weiter inhomogen entwickelnde
Bevölkerungsverteilung innerhalb einer Region und wir haben eine
ungleichmäßige Verteilung und Entwicklung der Lebensabschnitte.
Das ist das simple Problem Numero 2.
Und, meine Damen und Herren, wir haben uns als Gemeinwesen (und
das in nur wenigen Jahrzehnten) auf eine irgendwann mal als optimal
geltende Struktur der Gesellschaft, des Staates, der Kommunen, der
Sozialsysteme und vieler anderer zur Kultur der Gesellschaft gehöriger
Dinge fest eingestellt.
Die Grundlagen dafür verändern sich naturgegeben und unaufhaltsam
und demzufolge müssen sich auch die Strukturen des Überbaus ändern.
Die Deutsche Furcht lässt jedoch grüßen.
Veränderung ist immer schlecht.
Das ist unser Problem Nummer 3.
Ich bin kein Politiker, nur ein Physiker und Geschäftsmann.
Doch wenn der nun schon auf die Veränderungsangst der Deutschen
schimpft, muss er wenigstens seine Idee sagen, was er denn nun selber
gedenkt zu tun.
Ach, dazu sollte ich eigentlich nichts sagen können.
In einem erst jüngst erlebten Kolloquium wurde ich mit der offensichtlich
allen bekannten Tatsache konfrontiert, dass schließlich die kreative und
beste Lebenszeit die um die 30 ist. Danach ginge der Zug zur Demenz
sehr rasch ab.
Ich fühlte mich mit meinen 57 Jahren zwar ziemlich beleidigt – aber
wenn´s so ist, warum sollte ich mich dann noch bemühen??
Na gut, die Frage heißt ganz konkret: Was tut PC-Ware (mein
Unternehmen), um mit all diesen Dingen progressiv umzugehen?
Zunächst zur Standortfrage.
Der Hauptsitz von PC-Ware ist in Leipzig. Wir haben 13 weitere
Standorte in Deutschland und 19 Auslandsgesellschaften. Wir brauchen
neben der guten Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur vor allem
gute Mitarbeiter. Und wir wachsen. Deshalb sind wir in oder in
unmittelbarer Nähe von Ballungszentren, weil das Reservoir an
Arbeitskräften groß sein muss. Und es muss Hoch- und Fachschulen in
der Nähe geben. Deshalb haben wir alle durchaus preislich und
steuerlich tollen Angebote abgelehnt, uns auf einer grünen „geförderten“
Wiese eines Dorfes nieder zu lassen.
So wie uns geht’s vielen anderen Unternehmen. Ich sehe eine
wirtschaftliche, bildungsmäßige und kulturelle Gravitation von Städten
und einigen wenigen anderen Zentren, die auf Menschen wie

Unternehmen wirkt. Gibt es weniger Arbeitskräfte im Durchschnitt einer
Region, dann werden die sich noch mehr dieser Gravitation beugen.
Zur Arbeitskräftefrage.
Abgesehen davon, dass ich als Mann, der 40 Jahre in der DDR gelebt
hat, sowieso eine offensichtlich andere Haltung zu Frauen im Beruf und
in der Familie habe, wählen wir bei PC-Ware sowohl in technischen,
kaufmännischen und Management-Segmenten nur nach entsprechender
Qualifikation aus. Das hat zur (natürlichen?) Folge, dass wir eine recht
hohe „Frauenrate“ (ca. 40%) haben.
Und die Frauen, liebe Freunde, kriegen derzeit reihenweise Kinder.
Weil wir bewusst drauf achten kann ich´s auch genau sagen: Es gibt
derzeit 67 PC-Ware-Kinder.
Und die jungen Mütter wollen nicht zuhause bleiben – aber sie wollen
Beruf (den sie lieben) und Familie (die sie lieben) in Übereinklang
bringen. Also haben wir zunächst in Leipzig (da gibt´s die meisten Mütter
und Väter!) einen Kindergarten ausgewählt und unterstützt, so dass er
praktisch unser Betriebskindergarten ist – flexiblere Öffnungszeiten,
abgestimmte pädagogische Programme als Voraussetzung. Wir wollen
dafür sorgen, dass Mütter und Väter mit ihren Kindern, die jungen
Familien, ihre Arbeit im Unternehmen und ihre Freizeit (mit der Familie)
nicht als total getrennte Sachen betrachten. Also machen wir
Weihnachtsfeiern, Kinderfeste und ähnliches direkt im Unternehmen.
Unsere Kinder sollen wissen, wo Mutti und Vati am Tage sind. Und die
Eltern sollen wissen, was ihre Kinder so machen.
Ach übrigens gilt bei PC-Ware: es gibt keine feste Arbeitszeit.
Wenn die Lebensarbeitszeit aber kürzer und die Arbeitskräftepotentiale
kleiner werden, kommt kein Unternehmen umhin, Männer wie Frauen
und jüngere wie ältere Mitarbeiter zu beschäftigen und sie zu halten und
zu entwickeln.
Und es muss dafür sorgen, dass die entsprechenden Voraussetzungen
dafür auch geschaffen werden.
Die beste und erste Voraussetzung dafür ist übrigens Profit!
Außerdem tun wir etwas, was manche von Unternehmen fordern, obwohl
es zunächst wirklich nicht ihre Aufgabe ist:
Wir mischen uns durch enge Kontakte zu Schulen und Hochschulen in
die Ausbildung, durch Dozententätigkeiten und Ideengabe in die
Gestaltung der Lehre ein.
Dass wir ausbilden steht außer Frage. Wir brauchen ja Leute in den
nächsten Jahren.
Zur Zeit sind das 108 Auszubildende bei PC-Ware allein in Deutschland
(26 Lehrlinge, 14 BA-Studenten, 68 Werkstudenten).

Ach ja, Ein IT-Unternehmen wie PC-Ware besteht ja nur aus jungen
Wilden!
Weit gefehlt!
Wir legen großen Wert auf die Erfahrungen von Älteren. Besonders im
Umgange mit Kunden, in der Beratung, im Training, als Ruhepool im
Team. Das ist unerlässlich.
Und die moderne Technik, die rasante Entwicklung?
Ja, glauben Sie, dass das nur 20-Jährige schnallen?
Nein, natürlich nicht. Wir haben dafür unsere Akademie und
Qualifizierungsangebote die Masse.
Leben wir länger und gesünder (an Geist und Körper), dann werden wir
damit zurechtkommen müssen, uns auf mehrere, sich verändernde
berufliche Herausforderungen einzurichten. Manchmal geistert der
Begriff „Lebenslanges Lernen“ so herum, als wenn das neu erfunden
worden wäre.
Ich, zum Beispiel, bin Chemieanlagenbauer von Beruf, habe
Festkörperphysik studiert und gründete 1990 (da war ich 40) ein IT-
Unternehmen mit seither neu erworbenem kaufmännischen Wissen.
Ich habe noch (laut Statistik) 33 Jahre vor mir.
Mann, was ich noch alles bewegen und was ich neu lernen kann!
Meine Damen und Herren,
ich hatte das Glück, bei Prof. Jürgen Kuczynski (einem bekannten
Wirtschaftswissenschaftler des vorigen Jahrhunderts) Vorlesungen
hören zu dürfen.
Der kam eines Tages in den Hörsaal, riss seine langen Arme hoch und
rief:
Kommilitonen, oh welche Freude, ich habe eine Krise entdeckt!
… Schweigen im Hörsaal ...
Einer meldete sich: “Und warum, Herr Professor, sollten wir uns über
eine Krise freuen?“
Er darauf: „Jede Krise ist eine Herausforderung und der Beginn von
etwas Neuem. Etwas Neues – was kann es Schöneres geben!
Und eine Herausforderung ist doch dafür da, der Welt zu beweisen, dass
wir diejenigen sind, die sie am besten meistern!“
Darauf freue ich mich und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.