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60. Jahrgang 2018 · ISSN 0863-0704
Naturschutzarbeit in Sachsen

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Vom Aussterben bedroht:
Inhaltsverzeichnis
Klaffender Eisenhut (
Aconitum plicatum
)
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, R. Jahn
Uwe Fischer, Thomas Frank, Jan Gahsche, Susann Koppelt, Lars Koschke, Frank Meyer,
Frank Müller, Frank Richter, Christiane Schmidt, Michael Striese, Thoralf Sy,
Hendrik Trapp, Susanne Uhlemann, Hanno Voigt, Alexander E. Wünsche, Ulrich Zöphel
Zu Bestandssituation und Hilfsmaßnahmen
für ausgewählte landesbedeutsame Arten
....................................................................................................... 4
Christina Scheinpflug, Marit Deumlich
Erste Ergebnisse und Artenhilfsmaßnahmen im Rahmen des Sächsischen
Wiesenbrüterprojektes für Vorkommen von Wachtelkönig (Crex
crex),
Bekassine (Gallinago
gallinago)
und Braunkehlchen (Saxicola
rubetra)
...................................... 16
Ronny Goldberg
Einmal spät ist nicht genug – späte Nutzungstermine
als Problem für den Erhalt artenreicher Wiesen und Weiden
.............................................................. 32
Carola Schneier, Sabine Ochsner, Christina Kretzschmar, Ines Senft
10 Jahre Naturschutzberatung in Sachsen
.................................................................................................. 48
Anna M. Wolf, Berit Künzelmann, Heike Panzner, Jan Schimkat, Madlen Schimkat,
Uwe Stolzenburg, Marit Deumlich
Hallo Nachbar! Ahoj sousede!
Das sächsisch-tschechische Kooperationsprojekt „Lutra lutra“
zum Schutz des Fischotters (2017 – 2020)
................................................................................................. 58
Werner Hentschel
Raus in die Natur, Leute treffen, vor Ort wirksam sein –
das HIFA-Camp der NAJU Sachsen
................................................................................................................. 66
Maik Denner, Ines Thiele, Andreas Ihl
Kurzfilmreihe zu NATURA 2000 in Sachsen
............................................................................................... 70
Friedemann Klenke
Schutzgebiete in Sachsen 2017
........................................................................................................................ 76

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Einleitung
Der Maßnahmenplan des sächsischen Program-
mes „Biologische Vielfalt 2020“ sieht eine Prio-
risierung der Schutzgüter des Arten- und Bio-
topschutzes vor, um Kräfte zu bündeln und auch
um kurzfristige Verbesserungen zu erzielen.
Dazu wurden im Jahr 2014 50 Arten mit der
höchsten Bedeutung für den Artenschutz und
das Artenmanagement aus Landessicht, soge-
nannte TOP 50-Arten, nach bestimmten Kriterien
ausgewählt. Gefährdungsgrad, Schutzstatus,
Verantwortlichkeit Sachsens und Umsetzbarkeit
von Maßnahmen lagen den gruppenspezifischen
Auswahlregeln maßgeblich zugrunde. Die Liste
wurde 2016 nochmals überprüft und dem aktu-
ellen Kenntnisstand angepasst. Für die ausge-
wählten Arten sind Schutz-, Entwicklungs-,
Dokumentations- und Informationsmaßnahmen
besonders vordringlich. Weitergehende Informa-
tionen sind im Internet verfügbar
(https://www.
umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/44372.htm).
Diese Liste hat unter anderem Eingang in die
Förderinstrumente, insbesondere in die Kriterien
zur Auswahl von Vorhaben der Richtlinie Natür-
liches Erbe (RL NE/2014), gefunden. Im Rahmen
der Förderung sind Maßnahmen nur durch die
Initiative geeigneter Akteure umsetzbar. Für
Maßnahmen, die nicht über die Förderung um-
setzbar sind und der Abwehr akuter Gefahren
oder der Umsetzung zwingend erforderlicher
Schutz- beziehungsweise Artenhilfsmaßnahmen
dienen, können die unteren Naturschutzbehör-
den für einige der TOP 50-Arten Mittel des Frei-
staates Sachsen in Anspruch nehmen. Einige
Schutzaktivitäten wurden behördlich initiiert wie
beim kooperativen Hamsterschutz oder dienen
vor allem der Akzeptanzsicherung wie beim
Wolfs- und Bibermanagement. Für Arten mit
zerstreuten Vorkommen und erhöhtem Koordi-
nierungsbedarf wurden Stellen auf der Grund-
lage von Kooperationsvereinbarungen zwischen
dem Freistaat und den Landkreisen eingerichtet,
bislang beispielsweise für die Kreuzkröte oder
für die Wiesenbrüter Braunkehlchen, Bekassine
und Wachtelkönig.
Durch Beauftragung werden sukzessive für wei-
tere TOP 50-Arten Grundlagen für einen verbes-
serten Schutz geschaffen, indem beispielsweise
Artenhilfsprogramme mit konkreten Aktions-
plänen erarbeitet werden, unter anderem für
zwei Fledermausarten, drei Pflanzenarten und
sechs Insektenarten. Nachfolgend werden exem-
plarisch einige Aktivitäten zu den im Fokus ste-
henden Arten vorgestellt. Zukünftig soll in regel-
mäßigen Abständen zu den Artenhilfsmaß-
nahmen für landesweit bedeutsame Arten be-
richtet werden.
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 4 – 15
Zu Bestandssituation und Hilfsmaßnahmen
für ausgewählte landesbedeutsame Arten
Uwe Fischer, Thomas Frank, Jan Gahsche, Susann Koppelt, Lars Koschke, Frank Meyer,
Frank Müller, Frank Richter, Christiane Schmidt, Michael Striese, Thoralf Sy,
Hendrik Trapp, Susanne Uhlemann, Hanno Voigt, Alexander E. Wünsche, Ulrich Zöphel
Abb. 1: Als Quartier für die Kleine Hufeisennase optimiertes Gebäude mit vegetationsnahen Einflügen und zusätzlich
einer fledermausgerechten Holzverkleidung für weitere spaltenbewohnende Arten
Foto: T. Frank
Quartiere für die Kleine Hufeisennase
und das Graue Langohr
Das sächsische Elbtal im Großraum Dresden ge-
hört zu den verbliebenen Verbreitungsschwer-
punkten der Kleinen Hufeisennase (
Rhinolophus
hipposideros
) in Mitteleuropa. Mit einem Anteil
von mehr als 40 Prozent am Gesamtbestand der
Art in Deutschland besitzt die hier lebende Popu-
lation eine wesentliche Bedeutung für den ge-
samten mitteleuropäischen Raum. Daraus ergibt
sich für Sachsen eine hohe Verantwortung zum
Schutz der Kleinen Hufeisennase. 2013 waren
noch zwölf stabile Wochenstubenquartiere be-
kannt. Für einige dieser Objekte ist trotz bestä-
tigter Fachplanungen der langfristige Erhalt auf-
grund des baulichen Zustandes der Quartierge-
bäude fragwürdig. Zudem hat die Kleine Hufei-
sennase sehr spezielle Quartieransprüche, die nur
noch wenige Bauwerke erfüllen. Ziel eines 2013
gestarteten Projektes war es daher, durch die In-
spektion ehemaliger und potenzieller Quartiere
Projekte für die Optimierung von Quartieren zu
entwickeln und mit den Eigentümern beziehungs-
weise Nutzern abzustimmen, um die Quartiersi-
tuation zu verbessern. Darüber hinaus wurde in
vier Gebieten, in denen Winterquartiere bekannt
sind, Sommerquartierfunde jedoch bislang fehl-
ten, mittels Telemetrie nach weiteren Quartieren

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wässers begünstigte die Erosion an ungeschütz-
ten Uferpartien. Innerhalb von rund 35 Jahren
wurde geschätzt mehr als ein Drittel des aufge-
schobenen Sandes von der Insel abgeschwemmt.
Den traditionsreichen und von unmittelbarem
Verlust bedrohten Koloniestandort zu sichern,
bedeutete im Zusammenhang mit der Zuordnung
der Flussseeschwalbe zu den TOP 50-Arten eine
vordringliche Aufgabe. Die entsprechende
Grundschutzverordnung des EG-Vogelschutzge-
bietes „Talsperre Quitzdorf“ nennt vegetations-
arme Inseln als bedeutsame Strukturen in Ver-
bindung mit Erhaltungszielen für Vogellebens-
räume. Zu den Rahmenbedingungen gehören
dort auch die extensive Teichbewirtschaftung,
bereits realisierte Maßnahmen zur Abwehr be-
stimmter Prädatoren (K
lauKe
&
Trapp
2016) sowie
der Besitz und die Vorkommensbetreuung durch
Naturschutzvereine.
Im Zuge der regelhaften Bewirtschaftung wurde
der Neuteich Diehsa im Herbst 2017 abgelassen.
Ein Zeitraum von etwa zehn Wochen, in dem der
Teich weitgehend leer und folglich gut erreichbar
war, musste für das grundhafte Ertüchtigen der
Brutinsel genutzt werden. Da der Teich frühestens
in zwei Jahren wieder abgelassen würde, konnte
die dringend notwendige Sicherung der Insel
nicht weiter aufgeschoben werden. Die Mittel für
diese Sofortmaßnahme, welche eine vor Ort an-
sässige Tiefbaufirma zuverlässig umsetzte, wur-
den durch den Freistaat Sachsen bereit gestellt.
In sehr kurzer Frist gelang das Abstimmen der
Planungen zwischen Flächenbesitzer, Teichwirt,
den Vorkommensbetreuern und zuständigen Be-
hörden. Ein Wiederanstau des Teiches musste
bereits ab März erfolgen, um Fische einsetzen und
den Vögeln eine von Wasser umgebene Insel an-
bieten zu können. Daraus entstand ein gewisser
zeitlicher Druck für die Logistik um das Vorhaben.
Den Schwerpunkt der Maßnahme stellt ein sta-
biler und langlebiger Ringwall dar. Er besteht fast
vollständig aus lokal beschafftem Material und
wurde vor den erodierten Uferbereichen aufgebaut
(Abb. 2). Damit scheint nun für längere Zeit einem
Abb. 2: Sofortmaßnahme zur Sicherung der Brutinsel für die Flussseeschwalbe im Neuteich bei Diehsa
Foto: H. Trapp
Sofortmaßnahme für die Flussseeschwalbe
in der Oberlausitz
In Sachsen gingen sämtliche primäre Bruthabi-
tate der Flussseeschwalbe (
Sterna hirundo
) in
der Vergangenheit verloren. Damit ist sie in Ge-
sellschaft anderer gefährdeter Arten, deren Vor-
kommensschwerpunkte in intakten Flussauen
liegen. Ersatzlebensräume kann die Flusssee-
schwalbe an Standgewässern finden. Dazu zäh-
len Bergbaurestseen, Stauseen und Teichgebiete.
Brutansiedlungen setzen vegetationsarme Inseln
voraus, welche den Erfahrungen nach sehr un-
terschiedlich dimensioniert sein können (S
TeffenS
et al. 2013). Spezielle Schutzmaßnahmen, auch
eigens angebotene Nistflöße, stellen sich an aus-
gewählten Stellen als chancenreich dar. Inzwi-
schen liegen aus einer Reihe von Bundesländern
entsprechende Erfahrungen von Erhalt und Ma-
nagement künstlicher Brutinseln vor. Bei Maß-
nahmeplanung und -umsetzung kann darauf
zurückgegriffen werden.
Eine der wiederholt von der Art besiedelten In-
seln liegt im Neuteich Diehsa, südlich der Tal-
sperre Quitzdorf, in der östlichen Oberlausitz.
Zwar nutzten Flussseeschwalben den Standort
seit seinem Bestehen; der Bestand schwankte
naturgemäß jedoch erheblich, was auch in Ver-
bindung mit räumlichen Verlagerungen hin zu
anderen Ansiedlungen in der Oberlausitz zu
sehen ist. Infolge der regelmäßigen Inselpflege
durch die NABU-Fachgruppe Ornithologie Niesky
konnte sich zeitweilig eine der landesweit größ-
ten Kolonien etablieren, das heißt in den 1990er
Jahren umfasste das Vorkommen mitunter mehr
als 100 Brutpaare. Nach wie vor brütet die Art
dort regelmäßig. Im Jahr 2017 belief sich der
lokale Bestand auf etwa 30 Brutpaare. Die Insel
im Neuteich Diehsa wurde Anfang der 1980er
Jahre beim Teichbau aus einem Sandgemisch vor
Ort aufgeschoben. Seither trugen vornehmlich
Wellenschlag und Eis große Substratmengen ab.
Die exponierte Lage der Insel inmitten des Ge-
gesucht. Dabei wurden sieben bislang nicht be-
kannte Wochenstubenkolonien mit bis zu mehr
als 100 adulten Weibchen gefunden. Allerdings
wurde auch der problematische Zustand von
Quartieren dieser Art deutlich. Die neuen Quar-
tiergebäude weisen so große Bauschäden auf,
dass mittelfristig das Erlöschen dieser Quartiere
zu befürchten ist. Insgesamt wurden 43 Objekte
inspiziert und für die meisten Gebäude Maßnah-
men geplant, die nun schrittweise umgesetzt
werden (siehe Abb. 1). Dazu gehören beispiels-
weise die für die Art erforderlichen freien Einflüge
ins Quartier, Verdunklungen oder Wärmekam-
mern, die im Dachfirst einen Warmluftstau an
einem abgetrennten Hangplatz erzeugen.
Ein analoges Projekt wurde 2015 für das Graue
Langohr (
Plecotus austriacus
) begonnen, nach-
dem die Quartiersituation im Nordosten Sach-
sens als kritisch eingeschätzt wurde. Das Graue
Langohr ist in Sachsen über das gesamte Tief-
und Hügelland verbreitet, jedoch bestehen über
aktuelle Vorkommen und den Zustand lokaler
Populationen erhebliche Kenntnisdefizite. Spe-
zielle Fachplanungen für bedeutsame Quartier-
standorte lagen nicht vor. Daher wurden im
gesamten sächsischen Verbreitungsgebiet be-
kannte Quartiere überprüft und mit Gebäudebe-
gehungen und der Verfolgung besenderter Tiere
weitere Wochenstubenkolonien gefunden. Für
die ermittelten Quartiergebäude wurden Erhal-
tungsmaßnahmen mit teilweise hoher Dringlich-
keit sowie langfristige Entwicklungsmaßnahmen
festgelegt. Gegenwärtig werden besonders in
Ostsachsen weitere Quartierkontrollen in Kir-
chengebäuden durchgeführt und dabei konkrete
Ansätze für einen verbesserten Quartierschutz
gesucht. Unterstützend wirkt auch das laufende
NABU-Projekt „Quartierpaten“, das über die
Richtlinie
Bes
ondere
In
itiativen gefördert wird.
In diesem Rahmen sollen neue Quartierbetreuer
gewonnen, motiviert und mit Wissensgrundla-
gen versorgt werden.

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(K
oppiTz
2017). An dem Kooperationsvorhaben
sind neben dem Landkreis Leipzig auch die Land-
kreise Bautzen, Zwickau, Mittelsachsen und
Nordsachsen beteiligt. Hier richten sich die An-
strengungen besonders darauf, die Zusammen-
arbeit zwischen dem Bergbau und dem Natur-
schutz zum Wohle der Konfliktart Kreuzkröte zu
verbessern. Die Abbaubetriebe besitzen ein sehr
hohes Potenzial, die Kreuzkröte und weitere Be-
wohner von zeitweilig bestehenden Gewässern
zu fördern (Abb. 4). Weiterhin greift die Koordi-
nierungsstelle Maßnahmevorschläge des Akti-
onsplanes auf und entwickelt sie in strategisch
angelegten regionalen Konzepten weiter. Natur-
schutzhelfer und Naturfreunde sind aufgerufen,
alle Beobachtungen der Kreuzkröte ab 2015 an
die Koordinierungsstelle weiterzuleiten, da die
Art oft schwer nachzuweisen ist.
nahmen ergriffen werden müssen, sind die vor-
geschlagenen Maßnahmen Teil des Aktionspla-
nes für die Art, der die erforderlichen Maßnah-
men bis 2020 beinhaltet. Diese Planungen zielen
in der Regel auf eine rasche Stabilisierung der
lokalen Bestände durch Bereitstellen geeigneter
Fortpflanzungshabitate und sind nahezu aus-
schließlich in Sekundärbiotopen angesiedelt.
Für den langfristigen Schutz der Kreuzkröte in
Sachsen sind dagegen weitergehende Maßnah-
men und Strategien erforderlich und im Arten-
hilfsprogramm skizziert. In die gleiche Zielrich-
tung sollen auch neu geschaffene, initiative und
beratende Kapazitäten wirken. Durch den Anstoß
und mit Unterstützung des SMUL wurde die Ko-
ordinierungsstelle „Akteursnetz Kleingewässer
für die Kreuzkröte“ eingerichtet, die im Landrat-
samt Leipzig am 1. Juli 2017 ihre Arbeit aufnahm
Abb. 4: Von der Kreuzkröte genutzter Laichtümpel im nordöstlichen Tagebau Profen
Foto: T. Sy
arme, sekundäre Pionierstandorte ausgewichen
und besiedelt beispielsweise Braunkohletage-
baue und deren Folgelandschaft; Sand-, Kies-
und Lehmgruben oder Gesteinsabbaue; aktive
oder ehemalige Truppenübungsplätze und ver-
einzelt Teichgebiete.
Bestand und Verbreitung der Kreuzkröte in Sach-
sen befinden sich derzeitig regelrecht „im freien
Fall“, da auch die Ersatzhabitate zusehends aus
der Landschaft verschwinden oder durch verän-
derte Abbautechnologien kaum noch geeignete
Lebensräume aufweisen.
Für das bis Jahresende 2017 erstellte Arten-
hilfsprogramm für die Kreuzkröte wurden Daten
zum Vorkommen recherchiert und in den Jahren
2015 und 2016 umfangreiche Geländeuntersu-
chungen durchgeführt. Diese lieferten neben
weiteren Nachweisen vor allem Informationen
zum aktuellen Zustand der Habitate sowie An-
satzmöglichkeiten für den Schutz der Lebens-
stätten im lokalen und regionalen Maßstab. Es
wurden auf pragmatische Weise in Sachsen
fünfzehn Schwerpunktgebiete ausgewiesen, die
89 aktuelle Fundorte (Jahre 2013 bis 2017) um-
fassen. Zunächst sind in vielen Fällen sofortige
oder kurzfristige Maßnahmen erforderlich, um
die derzeit vorhandenen Bestände der Kreuzkröte
zu erhalten. Für die meisten der Schwerpunkt-
gebiete wurde ein entsprechender Handlungs-
bedarf aufgezeigt. Die Gefährdungsfaktoren
beziehungsweise unmittelbar festgestellten Be-
einträchtigungen ähneln sich dabei in vielen
Fällen. Oft sind der aktuelle Mangel an geeigne-
ten Kleingewässern in jungen Sukzessionssta-
dien oder aber die ungehindert fortschreitende
Sukzession der Gewässer- und Landhabitate die
entscheidenden Faktoren. Zuweilen kommt die
direkte Vernichtung von Laichgewässern als er-
hebliche Beeinträchtigung hinzu.
Sofern die lokale Situation der Kreuzkröten-
Population als so gefährdet eingestuft wurde,
dass sofortige oder kurzfristige Erhaltungsmaß-
weiteren Verlust wertvoller Inselfläche vorge-
beugt. Es handelt sich um einen wesent lichen
Beitrag für den Erhalt des lokalen Brut bestandes
der Flussseeschwalbe. Die Kolonie am Neuteich
Diehsa war im Jahr 2018 lediglich eines von drei
größeren Vorkommen in der Oberlausitz! Mitte
Juni 2018 nisteten auf der umgestalteten Insel
15 Paare Flussseeschwalben in Gesellschaft von
Lachmöwen (
Larus ridibundus
). Inselzustand und
Brutbestandsentwicklung werden künftig weiter
vor allem durch die NABU-Fachgruppe Ornitho-
logie Niesky beobachtet und dokumentiert.
Kleingewässer und Offenhabitate
für die Kreuzkröte
Die Kreuzkröte (
Bufo calamita
) (Abb. 3) besiedelt
besonders im Tiefland trocken-warme Landha-
bitate mit lückiger und spärlicher Vegetations-
decke wie Heiden, Magerrasen, Ruderalflächen
mit Rohböden, sehr lichte Kiefernwälder auf
Flugsand, aber auch sandige Äcker und teilweise
Grünland. Als Laichgewässer nutzt sie flache und
schnell erwärmte, vielfach nur zeitweilig beste-
hende Wasseransammlungen, die sie ursprüng-
lich besonders in den Überschwemmungsauen
der Flüsse fand. Sie ist in der intensiv genutzten
Landschaft auf offene und zumeist vegetations-
Abb. 3: Die Kreuzkröte besiedelt Pionierstandorte.
Foto: C. Koppitz

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sen“ ist das aber noch nicht. Die Art ist für starke
Bestandsschwankungen bekannt. Es ist zu er-
warten, dass die derzeitige Gradation ein Ende
findet und in eine Retrogradation übergeht. Aus
diesem Grunde ist eine kontinuierliche Überwa-
chung des Bestandes und eine Kontrolle der
Wirksamkeit der Maßnahmen notwendig. Das
erste Etappenziel ist erreicht, wenn über Jahre
eine Zahl von 100 bis 200 Gespinsten registriert
werden kann.
Das nächste Etappenziel besteht darin, das Vor-
kommen soweit auszuweiten, dass im Umfeld
des Kernvorkommens weitere Waldparzellen
(teilweise noch vor 20 Jahren Vorkommensge-
biet) wieder besiedelt werden, sei es auf natür-
liche Weise oder durch gezielte Ansiedlung. Dies
setzt allerdings voraus, dass die Habitatqualität
entsprechend entwickelt wird und geeignete
Eschen zur Eiablage verfügbar sind.
Ein weiteres Ziel besteht darin, die sächsische
Population mit der letzten Population Sachsen-
Anhalts, die nur wenige hundert Meter westlich
der BAB 9 und nur wenig mehr als ein Kilometer
entfernt von der sächsischen Population lebt, zu
vereinigen. Die Chancen stehen derzeit gut. Ver-
bindungskorridore und Trittsteine müssen opti-
miert werden. Wir sehen das auch im Sinne der
genetischen Vielfalt als notwendig an, auch
wenn zu vermuten ist, dass die Vorkommen zu
beiden Seiten der BAB 9 ursprünglich einer Po-
pulation angehörten.
Um diese Ziele zu erreichen, ist eine Einbezie-
hung weiterer Akteure sowie eine stärkere Zu-
sammenarbeit mit Bundesländern geplant, in
denen die Art noch vorkommt, vor allem aber mit
dem benachbarten Sachsen-Anhalt. Dazu fand
Ende Mai 2018 bereits ein Arbeitstreffen mit
Experten aus dem Landesamt für Umweltschutz
Sachsen-Anhalt und einem Spezialisten des Mu-
seums für Naturkunde Karlsruhe statt.
Aufgrund der äußerst kritischen Bestandsitua-
tion des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings
(
Phengaris teleius
), die nach Auswertung der
Ergebnisse des FFH-Feinmonitorings der Jahre
2014 und 2015 deutlich wurde, hat das LfULG
kurzfristig ein Artenhilfsprogramm für eine wei-
tere Schmetterlingsart gestartet. Die Vorkom-
men der Art um Leipzig waren bis auf ein kleines
fragiles Vorkommen bereits in den 1990er Jahren
erloschen. Im Erzgebirge beziehungsweise Erz-
gebirgsvorland existieren nur wenige, teilweise
erst in den letzten Jahren gefundene und iso-
lierte Vorkommen. Auch um Dresden sind nur
noch sehr wenige Vorkommen bekannt, die zu-
mindest annähernd als stabil anzusehen sind.
Damit liegt die sächsische Hauptverbreitung im
Neißegebiet. Im Zuge des FFH-Feinmonitorings
musste aber auch dort eine Verschlechterung der
Bestandssituation festgestellt werden, sei es
durch nicht an die Phänologie der Art angepas-
ste Mahd oder durch Neiße-Hochwasser, wo-
durch Habitate komplett zerstört wurden.
Um die verbliebenen, teils fragilen Populationen
an der Neiße zu erhalten, konzentrieren sich die
Aktivitäten zunächst auf die Stabilisierung dieser
(Rest-)Vorkommen im Landkreis Görlitz. Neben
der langfristigen Erhaltung der entsprechenden
Habitate und einer angepassten Nutzung der
Habitatflächen sollte nach möglichen weiteren
Vorkommen gesucht werden. Eine wertvolle Da-
tengrundlage war dabei die auf Initiative der
unteren Naturschutzbehörde (UNB) im Landkreis
Görlitz durchgeführte Erfassung der Vorkommen
des Großen Wiesenknopfs durch ehrenamtliche
Naturschutzhelfer. In den Erfassungsjahren 2017
und 2018 wurden durch gezielte Suche vier neue
Vorkommensflächen gefunden
In enger Zusammenarbeit mit der UNB und dem
vom LfULG beauftragten Artspezialisten werden
die erforderlichen Sofortmaßnahmen fachlich
vorbereitet und Möglichkeiten der Umsetzung
geprüft. Erste Maßnahmen konnten bereits um-
gesetzt werden. Mit Unterstützung der Landes-
talsperrenverwaltung (LTV) konnte auf mehreren
Artenhilfsprogramme für den Eschen-
Scheckenfalter und den Hellen Wiesen-
knopf-Ameisenbläuling
Der Eschen-Scheckenfalter oder Maivogel
(
Euphydryas maturna
) gehört aktuell zu den
seltensten Tagfalter-Arten in Deutschland.
Aktuelle Vorkommen gibt es nur noch in Bayern,
Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und
Sachsen (jeweils ein Vorkommen). Auch diese
Vorkommen müssen zum Teil als sehr fragil an-
gesehen werden. Aus diesem Grund genießt die
Art in Deutschland „strengen“ Schutz und gilt
sowohl in Deutschland als auch in Sachsen als
„vom Aussterben bedroht“ (r
einhardT
&
Bolz
2011,
reinhardT
2007).
Das in Sachsen noch verbliebene Restvorkom-
men des Eschen-Scheckenfalters (Abb. 5) kon-
zentriert sich auf Waldflächen im Besitz des
Staatsbetriebs Sachsenforst in der Elster-Luppe-
Aue. Die Kanalisierung der Luppe in den 1930er
Jahren führte zum Austrocknen der Auenstand-
orte und langfristig zum Entstehen neuer Wald-
strukturen. Neue Gehölzarten breiteten sich aus,
auf Kosten einer dynamischen Eschenverjün-
gung. Die Alteschen (Baumholz) sind als Eiabla-
gehabitat für den Eschen-Scheckenfalter nicht
mehr attraktiv. Der Anteil junger, gut besonnter
Eschen im warmfeuchten Waldinnenklima vor
allem im Bereich von Waldinnensäumen oder in
Auflichtungen als essenzielles Eiablagemedium
ging stark zurück oder sie wurden/werden durch
andere Gehölzarten stark bedrängt (vgl. auch
fiScher
et al. 2017). Die Folge war ein kontinuier-
licher Bestandsrückgang von
E. maturna
im
Laufe mehrerer Jahrzehnte. Vor wenigen Jahren
war das mittelfristige Überleben der Art nicht
mehr gesichert.
Seit etwa 2012 nimmt zudem der Befallsdruck
durch das Eschentriebsterben, hervorgerufen
durch einen Pilz, erheblich zu. Vorübergehend
führt das zwar zu den benötigten lichten Wald-
strukturen, kann aber langfristig durch den
Ausfall der Esche in den Beständen fatale Folgen
für das Überleben des Eschen-Scheckenfalters
haben.
Um die Population von
E. maturna
langfristig
zu stabilisieren, sind forstliche Maßnahmen er-
forderlich, die darauf abzielen, die nötigen
Waldstrukturen zu schaffen und das Aufkom-
men und die Entwicklung von Eschen-Verjün-
gung zu fördern.
Für den Eschen-Scheckenfalter wurden 2015 und
2016 als fachliche Grundlage für Artenhilfsmaß-
nahmen ein Artenschutzkonzept mit Aktionsplan
erarbeitet und das kurz- und mittelfristige Vor-
gehen vor Ort abgestimmt. In direkter Zusam-
menarbeit mit dem Artspezialisten werden seit-
dem vom Staatsbetrieb Sachsenforst die festge-
legten Maßnahmen planmäßig und in fachlich
vorbildlicher Weise umgesetzt. Die Zielstellung,
die Population zu stabilisieren und die Individu-
endichte zu erhöhen, wurde erreicht. 2017 waren
auch dank der Maßnahmen ein enormer Be-
standszuwachs und sogar eine leichte Ausbrei-
tung des Aktionsradius und der Eiablagen über
das Kernvorkommen hinaus zu verzeichnen. 2018
zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Ein „Ruhekis-
Abb. 5: Weibchen des Eschen-Scheckenfalters bei der
Eiablage
Foto: Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe,
R. Trusch

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mahd, eine Entnahme und den Rückschnitt ein-
zelner Gehölze sowie die gezielte Entnahme von
Sumpf-Kratzdisteln (
Cirsium palustre
). Seitdem
findet im Spätsommer (nach dem Ende der Brut-
zeit) jährlich eine Pflegemahd statt, bei der auch
bei Bedarf eine Entfernung beziehungsweise ein
Rückschnitt aufkommender Gehölze erfolgt. Seit
2016 kann wieder eine leicht positive Bestand-
sentwicklung festgestellt werden. Die von der
Art bedeckte Fläche betrug im Jahr 2017 0,04 m²
und war somit doppelt so groß wie im Jahre
2015. Der in den Jahren 2016 und 2017 zu kon-
statierende höhere Wasserstand hatte einen
positiven Einfluss auf den Zustand der Vegeta-
tion der Vorkommensfläche. Im Jahr 2015 weit-
gehend ausgetrocknete Bereiche sind wieder mit
eine Zunahme der Beschattung durch
angrenzende Gehölze [Erle, Grauweide]) und eine
Verfilzung der Krautschicht feststellbar. Ferner
musste eine sehr starke Austrocknung der
Vorkommensfläche registriert werden. Die Teich-
gruppe wird vom Doberschützer Wasser ge-
speist. In trockenen Jahren kann es in der Teich-
gruppe zu Wassermangel kommen. Der Teichwirt
versucht jetzt das Wassermanagement in der
Teichgruppe so zu gestalten, dass es am Woll-
schankteich nicht zu einem längeren Trockenfal-
len der Verlandungsbereiche kommt. Zur Verbes-
serung der Konkurrenzsituation für das Firnis-
glänzende Sichelmoos wurde eine Erstpflege des
Vorkommensbereichs im Februar 2016 durchge-
führt. Die Erstpflege beinhaltete eine Pflege-
Abb. 6: Männchen der Großen Moosjungfer
Foto: H. Voigt
relevanten Deichabschnitten die Bewirtschaf-
tung so angepasst werden, dass die für die er-
folgreiche Reproduktion der Art erforderliche
Bewirtschaftungspause jetzt abgesichert werden
kann. Darüber hinaus hat die LTV eine dringend
erforderliche Pflegemaßnahme im Böschungs-
bereich der Pließnitz übernommen. Zwei Sofort-
maßnahmen konnten durch die UNB bereits
realisiert werden. Für eine weitere Fläche sind
Maßnahmen veranlasst. Eine dringend erforder-
liche Pflegemahd hat ein Eigentümer in privater
Ini
tiative durchgeführt. Zudem möchte sich zu
-
künftig auch der Landschaftspflegeverband
Oberlausitz an der Umsetzung von notwendigen
Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensraum-
qualität für die Art stärker beteiligen und hat
einen entsprechenden Förderantrag gestellt.
Begleitend zum Artenhilfsprogramm wurde von
Dr. Hanno Voigt die Broschüre „Wiesenknopf-
Ameisenbläulinge – Naturwunder der Wiesen“
erarbeitet, die den derzeitigen Kenntnisstand zur
Verbreitung, Biologie und Ökologie der Art sowie
zu Gefährdungen und möglichen Schutzmaß-
nahmen in allgemein verständlicher Weise zu-
sammenfasst (V
oigT
2018). Auf einer Tagung
zu den Wiesenknopf-Ameisenbläulingen am
10. April 2018 in Ostritz wurden diese Broschüre
vorgestellt und Möglichkeiten zum Schutz dieser
beiden Falterarten diskutiert.
Zukünftig sollen auch die Vorkommen in den
anderen Landkreisen stärker in das Arten-
hilfsprogramm einbezogen werden.
Modellvorhaben für die Große Moosjungfer
und das Firnisglänzende Sichelmoos an den
Commerauer Teichen
Bei der Bearbeitung der Aktionspläne für die drei
Moosjungfern–Arten (
Leucorrhinia pectoralis
-
Große Moosjungfer,
L. albifrons
- Östliche Moos-
jungfer und
L. caudalis
– Zierliche Moosjungfer)
wurde auch in Zusammenhang mit der Auswer-
tung der Ergebnisse des FFH-Feinmonitorings
deutlich, dass mehrere lokale Populationen in
ihrem Bestand gefährdet sind. Die Habitatqua-
lität für die genannten Arten hat sich auch an
Gewässern, die nicht oder kaum fischereilich
genutzt werden, in den letzten Jahren erheblich
verschlechtert. Diese Verschlechterung ist ein-
getreten durch eine zu starke Verlandung und/
oder eine starke Zunahme der mit Röhricht be-
standenen Fläche. Einige Gewässer („Himmels-
teiche“) haben nur noch in regenreichen Jahren
ganzjährig einen ausreichenden Wasserstand
und stellen damit keine stabilen Reproduktions-
gewässer mehr für die Arten dar. Der Zipfelteich
(Teichgruppe Commerauer Teiche) war in der
Vergangenheit ein wichtiges Reproduktionsge-
wässer der Großen Moosjungfer (Abb. 6). Seit
2012 gelang jedoch kein Reproduktionsnachweis
mehr. Der Teich war fast vollständig verlandet
und wies kaum noch freie Wasserfläche auf.
Deshalb wurde eine Teilentschlammung auf
einem Drittel der Teichfläche im Februar 2017
durchgeführt. Auf einem weiteren Drittel der
Teichfläche erfolgte in dieser Zeit ein Schilf-
schnitt durch den Teichwirt. Weiterhin wurden
durch intensive Nachsuche für alle drei
Moosjungfern-Arten auch bisher nicht bekannte
Reproduktionsgewässer in Sachsen gefunden.
Das Firnisglänzende Sichelmoos (
Hamatocaulis
vernicosus
) kommt in Sachsen nur noch an drei
Fundorten vor. Die beiden Vorkommen im Erz-
gebirge werden durch das Naturschutzzentrum
Erzgebirge artgerecht gepflegt, sodass hier ge-
genwärtig kein vordringlicher zusätzlicher Hand-
lungsbedarf besteht.
Das einzige Vorkommen in der sächsischen Ober-
lausitz befindet sich im Verlandungsbereich des
Wollschankteichs im NSG „Wollschank und
Zschark“. Dieses Vorkommen war 2015 in einem
schlechten Erhaltungszustand und akut vom
Aussterben bedroht. Die von diesem Moos be-
deckte Fläche umfasste nur noch 0,02 m². Es war
eine Ausbreitung von Gehölzen (Erlenjungwuchs,

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|
|
15
Christiane Schmidt
Schillerstraße 5
02906 Niesky
ch.schmidt.niesky@gmx.de
Michael Striese
Büro für Naturschutz und
l
a
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s
c
h
a
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s
ök
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l
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g
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s
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h
e
F
or
s
c
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ng
Förstgener Straße 9
02943 Boxberg/OT Tauer
m.striese@lutra-striese.de
Dr. Hanno Voigt
nature concept
Krug-von-Nidda-Straße 5
01705 Freital OT Saalhausen
voigt@nature-concept.de
Susann Koppelt, Lars Koschke, Alexander
E. Wünsche
Landkreis Görlitz, untere Naturschutzbehörde
Postfach 30 01 52, 02806 Görlitz
susann.koppelt@kreis-gr.de
Hendrik Trapp, Dr. Susanne Uhlemann,
Dr. Ulrich Zöphel
Sächsisches Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie
Postfach 54 01 37, 01311 Dresden
susanne.uhlemann@smul.sachsen.de
Autoren
Uwe Fischer
Büro für Landschaftsökologie
&
Landschaftsplanung
Hauptstraße 12
04680 Colditz OT Terpitzsch
oekologie-fischer@t-online.de
Thomas Frank
ChiroPlan - Büro für Fledermauskunde
Bärensteiner Straße 18, Haus C
01277 Dresden
frank@chiroplan.de
Jan Gahsche
NaturPlan
Kascheler Straße 10
02694 Malschwitz OT Ruhethal
naturplan@heidepferde.com
Frank Meyer, Thoralf Sy
RANA – Büro für Ökologie und Naturschutz
Mühlweg 39
06114 Halle (Saale)
info@rana-halle.de
Dr. Frank Müller
TU Dresden, Institut für Botanik
Mommsenstraße 13
01062 Dresden
frank.mueller@tu-dresden.de
Frank Richter
Landgraf
&
Richter GbR
Ockerwitzer Allee 1
01156 Dresden
landgraf.richter.gbr@gmx.de
Torfmoos-Wasserschlauch-Gesellschaften be-
wachsen und der Anteil der Feuchtezeiger hat
insgesamt zugenommen.
Froschkraut – Aufbau einer Erhaltungskul-
tur im Botanischen Garten der TU Dresden
Für das Froschkraut (
Luronium natans
) wurde
2015 bis 2016 ein Aktionsplan mit Artenschutz-
konzept erarbeitet. Die Art ist in Sachsen sehr
stark rückläufig. In jüngster Zeit (ab 2015) konn-
ten auch einige der noch um 2000 existenten
Bestände nicht mehr nachgewiesen werden.
Damit konnten 2017 nur noch sechs Vorkommen
des Froschkrauts bestätigt werden. Als
Hauptursachen für den Bestandsrückgang
werden die zunehmende Eutrophierung der
Gewässer aber auch die Folgen des Klimawandels
angenommen. Dies führt zu einer Zunahme der
Dichte beziehungsweise zu einer Ausbreitung der
Röhrichtvegetation und zu einem Trockenfallen
früher stetig wasserführender Gräben. Da auch
die Perspektive einiger noch existierender Vor-
kommen unsicher beziehungsweise ungünstig
ist, sollen nach dem Artenschutzkonzept auch
die Möglichkeiten einer Wiederansiedlung im
Bereich historischer Vorkommensgebiete geprüft
werden. Erste Voruntersuchungen zur Auswahl
möglicher, geeigneter Standorte für eine Wie-
deransiedlung der Art sind abgeschlossen.
Zudem ist bei einigen noch verbliebenen Stand-
orten eine Populationsstützung sinnvoll.
Als Ausgangspunkt für Populationsstützungs-
und Wiederansiedlungsmaßnahmen soll eine
Erhaltungs- und Vermehrungskultur im Botani-
schen Garten der TU Dresden angelegt werden.
Dazu wurde im Einvernehmen mit der UNB Gör-
litz von einem vitalen Vorkommen im NSG „Nie-
derspreer Teichgebiet und Kleine Heide Hähni-
chen“ Material entnommen. Der Botanische
Garten hat bereits Erfahrung in der Kultivierung
dieser Art. Bisher war dort nur eine Kultur aus
einer nicht gesicherten Herkunft vorhanden, die
jetzt durch Material aus gesicherten sächsischen
Herkünften ersetzt werden soll.
Literatur:
fiScher, u.; doleK, M.; Bolz, r.
&
KurTz, M.
(2017): Zur
Situation des Eschen-Scheckenfalters (
Euphydryas
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Kleingewässer für die Kreuzkröte“ (KsAKK) – ein
landkreisübergreifendes Artenschutzprojekt zur
Förderung von Pionierarten in Sachsen mit Fokus auf
eine Stabilisierung der Bestände von
Epidalea calamita
(l
aurenTi
, 1768) in den Landkreisen Bautzen, Zwickau,
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Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Sammelreihe
Natur- und Landschaft Heft 5, 24 S.

image
image
16
|
|
17
1
Einleitung
Der langfristig negative Bestandstrend von Be-
kassine (
Gallinago gallinago
) und Braunkehlchen
(
Saxicola rubetra
) in Sachsen wird im Vergleich
der Ergebnisse der landesweiten Brutvogelkar-
tierungen von 1993 bis 1996 und 2004 bis 2007
deutlich. Mit einem Rückgang von 190 bis 260
auf 130 bis 220 Brutpaare wurde die Bekassine
in der Roten Liste Sachsens in die Kategorie „Vom
Aussterben bedroht“ eingestuft (S
TeffenS
et al.
2013,
zöphel
et al. 2015). Der Bestand des Braun-
kehlchens lag 1996 noch bei 2.500 bis 5.000
Brutpaaren, 2007 war er mit 1.500 bis 3.000
Brutpaaren bereits deutlich gesunken, und es
wurde in der Roten Liste Sachsens in die Kate-
gorie „Stark gefährdet“ eingestuft. In vielen Ge-
bieten Sachsens kam es nach 2007 zu weiteren,
teils dramatischen Bestandsrückgängen (verglei-
che
ernST
et al. 2015). Die Ursachen hierfür sind
vielfältig und auch nicht allein auf die Zustände
in den Brutgebieten zurückzuführen (vergleiche
BaSTian
&
BaSTian
1996,
feulner
2015). Einzig der
Wachtelkönig (
Crex crex
) hat eine leichte Zu-
nahme des Bestandes von 1993 bis 1996 mit 60
bis 120 zu 2004 bis 2007 auf 100 bis 250 rufende
Männchen aufzuweisen und ist in Sachsen in der
Roten Liste als stark gefährdet eingestuft
(S
TeffenS
et al. 2013,
zöphel
et al. 2015). Dennoch
ist der Wachtelkönig in Sachsen ein seltener
Brutvogel, der in weiten Teilen sporadisch auf-
tritt und aufgrund seiner späten Brutzeit beson-
ders durch Mahd oder Beweidung gefährdet ist
(vergleiche
ernST
&
Mann
2016).
Im Januar 2016 startete das Sächsische Wiesen-
brüterprojekt als Kooperation zwischen dem
Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft, dem Landratsamt Erzgebirgs-
kreis und dem Landratsamt Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge. 2016 sind dem Projekt der Vogt-
landkreis, der Landkreis Zwickau und der Land-
kreis Mittelsachsen beigetreten. Gemeinsam
bilden sie mit den koordinierenden Landkreisen
das derzeitige Projektgebiet. Projektarten sind
die bereits genannten Arten Bekassine, Braun-
kehlchen und Wachtelkönig. Ziel des Projektes
ist es unter anderem, eine Stabilisierung der Po-
pulationen dieser Wiesenbrüterarten in Koope-
ration mit Landnutzern und ehrenamtlichen
Akteuren zu erreichen. Zu diesem Zweck wurde
im Landratsamt Erzgebirgskreis die Koordinie-
rungsstelle für das Management von Bekassine
und Braunkehlchen eingerichtet, die gleichzeitig
für die Gesamtkoordination des Projektes zu-
ständig ist. Dem Landratsamt Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge obliegt die Koordinierung
für das Wachtelkönigmanagement. Beide Koor-
dinierungsstellen sind landkreisübergreifend
tätig.
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 16 – 31
Erste Ergebnisse und Artenhilfsmaßnahmen
im Rahmen des Sächsischen Wiesenbrüter-
projektes für Vorkommen von Wachtelkönig (
Crex crex
),
Bekassine (
Gallinago gallinago
) und Braunkehlchen
(
Saxicola rubetra
)
Christina Scheinpflug, Marit Deumlich
punktgebiete in den kammnahen Lagen. Im
Landkreis Zwickau erfolgt ausschließlich die
Erfassung des Wachtelkönigs im Limbacher
Teichgebiet, da nur in diesem Gebiet diese Art
als Brutvogel zu erwarten ist. Die Brutvorkom-
men von Bekassine und Braunkehlchen sind im
Landkreis Zwickau erloschen (pers. Mitt. J. He-
ring).
Für die Brutsaison 2017 wurden zusätzliche Kar-
tierungen in weiteren Gebieten vorgenommen.
Eine weitere wichtige Datenquelle stellen die im
Rahmen des Ehrenamtlichen Naturschutzdiens-
tes erfassten Daten sowie Zufallsbeobachtungen
dar. Außerdem wird öffentlich aufgerufen, be-
kannte Vorkommen an die unteren Naturschutz-
behörden zu melden. Insbesondere nächtliche
Wachtelkönig-Rufer sind dafür prädestiniert,
durch Anwohner verhört zu werden. Die Erfas-
sungsmethodik orientierte sich an den Metho-
2
Material und Methode
Aktuelle flächendeckende Kartierungen lagen für
das Projektgebiet nicht vor. In Teilgebieten waren
gute Datengrundlagen vorhanden. So beispiels-
weise im Vogtlandkreis (e
rnST 2012, ernST
et al.
2015,
ernST
&
Mann
2016), im Erzgebirgskreis für
das SPA-Gebiet „Erzgebirgskamm bei Satzung“
(pers. Mitt. D. Saemann und J. Gläßer), für die
kammnahen Lagen des Osterzgebirges (NSI
2005,
Menzer
&
hachMöller
2010), hier beispiels-
weise langjährige Brutbestandserfassungen und
Vorkommensbetreuung des Wachtelkönigs durch
B. Kafurke und M. Schindler (†) oder die Natio-
nalparkregion Sächsische Schweiz (pers. Mitt. U.
Augst) sowie wichtige Vergleichsuntersuchun-
gen für das Mittelerzgebirge (h
olupireK
1995,
KolBe
2002) beziehungsweise Untere Mittelerz-
gebirge (h
allfahrTh
et al. 2006). Die Erfassungen
im Jahr 2016 konzentrierten sich auf die Schwer-
Abb. 1: am 13.08.2011 bei der Wiesenmahd im LSG Limbacher Teiche, Teilbereich Meinsdorfer Wiesen, festgestelltes,
ca. 17 Tage altes Wachtelkönigküken
Foto: J. Hering

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19
chen.jimdo.com/download-list-single-papers
abrufbar beziehungsweise über die Autorinnen
erhältlich. Nachfolgend sind die Reviere für die
jeweiligen Landkreise zusammengefasst und für
alle Wiesenbrüterarten je Landkreis in der Abbil-
dung 2 dargestellt.
Wachtelkönig
2017 konnten im Projektgebiet insgesamt 36
Rufer festgestellt werden (Abb. 2, Abb. 3). Die
Hauptvorkommen liegen mit 14 Rufern im SPA
Fürstenau, Landkreis Sächsische Schweiz-Os-
terzgebirge, und mit je drei Rufern in Crottendorf
und Oberwiesenthal, Erzgebirgskreis.
Bekassine
Für das Projektgebiet konnten insgesamt 23 Re-
viere nachgewiesen werden (Abb. 2, Abb. 4). Die
Hauptvorkommen liegen mit elf besetzten Re-
vieren im SPA Fürstenau, Landkreis Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge, sowie in Satzung, Erz-
gebirgskreis, mit fünf besetzten Revieren.
denstandards laut
SüdBecK
et al. 2005. Es erfolg-
ten mindestens drei flächige Kartierungen der
Reviere mit einem Mindestabstand von sieben
Tagen:
Wachtelkönig:
Nachterfassung ab 21:00 bis
03:00 Uhr: Mitte bis Ende Mai, Anfang Juni
und Mitte Juni, Tagerfassung: Erfassung ru-
fender Männchen bei bereits nachts nachge-
wiesenen Revieren zur besseren Einschätzung
einer möglichen Brut
Bekassine:
Morgendämmerung bis eine
Stunde nach Sonnenaufgang und eine Stunde
vor Sonnenuntergang bis Abenddämmerung:
Mitte bis Ende April (Zählung balzender Alt-
vögel), Anfang Mai (Zählung balzender oder
warnender Altvögel), Mitte Mai (Zählung
balzender oder warnender Altvögel) und Ende
Mai (Zählung verleitender oder warnender
Altvögel und gegebenenfalls Familienver-
bände)
Braunkehlchen:
Mitte Mai (Gesang, Nest-
bau), Ende Mai (Gesang, Nestbau, warnende
oder fütternde Altvögel), Anfang bis Mitte
Juni (Gesang, warnende oder fütternde Alt-
vögel) und Ende Juni bis Anfang Juli (füt-
ternde Altvögel, Familienverbände)
Der Wiesenpieper (
Anthus pratensis
) ist nicht als
Projektart im Kooperationsvertrag aufgenom-
men. Sein Bestand ist jedoch in vielen Gebieten
noch dramatischer zurückgegangen als beim
Braunkehlchen (vergleiche
STeffenS
et al. 2013,
ernST
et al. 2015). Aus diesem Grund werden
Vorkommen des Wiesenpiepers als Beibeobach-
tung mit erfasst.
3
Erste Ergebnisse der Erfassungen
und Habitatanalysen
Eine Übersicht zur Anzahl der besetzten Reviere
pro Gebiet im Jahr 2017 sowie die jeweiligen
Beobachter enthält
Scheinpflug
&
deuMlich
2017
und ist unter der Internetseite https://braunkehl-
0
30
60
90
120
150
LK SOE
LK MSN
LK Z
LK ERZ
LK V
Wachtelkönig
Bekassine
Braunkehlchen
Wiesenpieper
Abb. 2: Darstellung der Anzahl der besetzten Reviere
von Wachtelkönig, Bekassine, Braunkehlchen und
Wiesenpieper im Projektgebiet im Jahr 2017
(Abkürzungen: LK SOE Landkreis Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge, LK MSN Landkreis Mittelsachsen, LK Z
Landkreis Zwickau, LK ERZ Erzgebirgskreis und LK V
Vogtlandkreis)
Braunkehlchen
Insgesamt wurden im Projektgebiet 189 Reviere
erfasst (Abb. 2, Abb. 5). Schwerpunktvorkommen
sind im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzge-
birge die kammnahen Lagen des Osterzgebirges,
insbesondere das SPA Fürstenau mit 26 Revieren.
Ein weiterer Verbreitungsschwerpunkt liegt in
der Sächsischen Schweiz in den Gemeinden
Hohnstein, Sebnitz und Neustadt, auch wenn
2017 nur zehn Reviere gefunden wurden. Im
Erzgebirgskreis wurden 21 Reviere in Satzung,
elf Reviere in Oberwiesenthal, zehn Reviere in
Rübenau, sieben Reviere in Sehmatal und je fünf
Reviere in Carlsfeld und Heidersdorf, im Vogt-
landkreis 13 Reviere im GLB Triebel, neun im GLB
Eichigt, sieben im NSG Großer Weidenteich und
im Landkreis Mittelsachsen zehn Reviere in Neu-
hausen erfasst.
Wiesenpieper
Im Projektgebiet wurden 2017 insgesamt 199
Reviere dokumentiert (Abb. 2, Abb. 6). Der größte
Abb. 3 und 4: Räumliche Verteilung der Wachtelkönigrufer (links) sowie der Nachweise der Bekassine (rechts) im
Projektgebiet 2017
Abb. 5 und 6: Räumliche Verteilung der Nachweise des Braunkehlchens (links) und des Wiesenpiepers (rechts) im
Projektgebiet 2017

20
|
|
21
gebirges werden artenreiche Mähwiesen oftmals
erst spät geschnitten und es erfolgt mitunter nur
eine Mahd pro Jahr. Diese Flächen sind grund-
sätzlich aufgrund geringer Gefährdung durch zu
zeitiges Mähen bestens als Bruthabitate geeig-
net. Viele spät gemähte Wiesen entwickeln je-
doch bis zum Ende der Vegetationsperiode kaum
noch Aufwuchs, sodass diese im Frühjahr kurz-
rasig und strukturlos sind. Bei Rückkehr der
Braunkehlchen aus dem Winterquartier mit deut-
lichem Schwerpunkt im Mai (S
TeffenS
et al. 2013)
fehlen dann Sitzwarten, sodass in dieser Zeit fast
ausschließlich brachliegende Flächen, Brache-
streifen oder mit Koppelpfählen oder kleinen
Büschen bestandene Flächen als Reviere ange-
nommen werden. Im Landkreis Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge werden auch artenreiche,
spät geschnittene Mähwiesen angenommen,
sofern genügend Strukturen als Sitzwarten vor-
handen sind. Frühe Brachestadien im Feucht-
grünland werden vorübergehend besiedelt, kön-
nen bei zunehmender Verbuschung ihre Habitat-
eigenschaften jedoch verlieren.
Wachtelkönige haben im Landkreis Erzgebirge
artenreiche Mähwiesen frischen Standortes an-
genommen, welche eine vergleichsweise geringe
Vegetationshöhe und lichte Bodenvegetation
aufwiesen, aber auch eine feuchte Biotoppfle-
gefläche mit deutlich höherer Vegetation, bei-
spielsweise mit Kohl-Kratzdistel (
Cirsium olera-
ceum
) und Mädesüß (
Filipendula ulmaria
). Die
typischen Habitate des Wachtelkönigs im Land-
kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind
unterschiedliche Biotoptypen des Feuchtgrün-
lands (Feucht- und Nassgrünland, feuchtes In-
tensivgrünland) mit spätem Nutzungszeitpunkt.
Beim Wachtelkönig wurde bisher beobachtet,
dass beweidete Flächen eher gemieden werden.
Die Habitate der Bekassine im Erzgebirgskreis
bilden Feuchtbiotope. Bis auf eine extensive Be-
weidungsfläche liegen alle übrigen Flächen brach
und weisen im Gegensatz zu vielen ehemaligen
Verbreitungsschwerpunkt liegt im Erzgebirgs-
kreis mit 51 Revieren in Satzung. Weitere
Schwerpunktgebiete sind mit 16 Revieren Ober-
wiesenthal, mit zehn Revieren Carlsfeld, mit je
acht Revieren Sehmatal und Reitzenhain sowie
im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
mit 28 Revieren im SPA Fürstenau.
Die Ergebnisse deuten trotz der nicht vergleich-
baren Methodik und der selektiven Erfassung
darauf hin, dass es seit der letzten Brutvogelkar-
tierung (S
TeffenS
et al. 2013) zu weiteren deutli-
chen Bestandsrückgängen gekommen ist. Die
Kartierungen ergaben für Braunkehlchen und
Wiesenpieper auch, dass manche Gebiete keine
Vorkommen mehr aufweisen, obwohl hier offen-
bar keine sichtbaren Veränderungen stattgefun-
den haben.
Neben den Habitatveränderungen kommen wei-
tere Ursachen für die Rückgänge der Bestände
in Betracht. So bestehen Gefährdungsursachen
während Zug und Überwinterung. Die Verluste
durch Prädation können derzeit nicht beziffert
werden.
Charakterisierung der Wiesenbrüter-Habitate
Eine erste Habitatanalyse für Braunkehlchen und
Wiesenpieper in Bereichen mit aktuellen und
erloschenen Vorkommen im Vogtlandkreis, Erz-
gebirgskreis und Landkreis Mittelsachsen ergab
eine Bevorzugung von Brutplätzen in Offenland-
flächen, welche aktuell keiner Nutzung unterlie-
gen. Ausnahmen bilden größere Beweidungsflä-
chen mit geringem Viehbesatz, welche aufgrund
der Koppelpfähle und des Weidedrahtes über
attraktive Sitzwarten verfügen. Neben der ent-
sprechenden Bodenfeuchte verfügen die Flächen
über eine hohe Strukturvielfalt. Überständige
Stängel aus dem Vorjahr stehen als Sitz- und
Singwarten zur Verfügung. Hohe Grasbulte bie-
ten gute Deckung für das Nest. Attraktiv sind
zudem ausgekoppelte Brachestreifen.
Insbesondere in den kammnahen Lagen des Erz-
schutz einschließlich einer Biotopsanierung
durch Mahd in mehrjährigem Abstand. Drin-
gende Artenschutzmaßnahmen können auch
durch die untere Naturschutzbehörde veranlasst
werden. Auch Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
können für die Gestaltung von Wiesenbrüter-
habitaten gebunden werden.
4.1 Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen
Brutplatzschutz durch Aussparung von
der Nutzung
Für den Bruterfolg der Wiesenbrüter sind Nut-
zungsintensität und Nutzungszeitpunkt ent-
scheidend. Zu zeitige Mahd führt zum Verlust
des Geleges oder der noch nicht flüggen Jung-
vögel und mitunter auch des Weibchens. Bei
Feststellung eines Brutvorkommens auf einer
Mähwiese wird der Brutplatz abgesteckt und von
der Mahd ausgespart (vergleiche auch
horch
&
Spar
2015). Dies erfolgt in Abstimmung zwischen
der örtlich zuständigen unteren Naturschutzbe-
hörde und dem Bewirtschafter. Erste Vorausset-
zung für den Brutplatzschutz ist eine systema-
tische Erfassung der Wiesenbrüter. Beim Wach-
telkönig ist dies aufgrund der Aktivität in der
Nacht besonders aufwändig, aber unerlässlich,
um einen Schutz der Brutplätze zu gewährleis-
ten. So wurde es nur durch die intensive Betreu-
ung im Naturschutzgroßprojekt „Bergwiesen im
Osterzgebirge“ und im SPA Fürstenau möglich,
seit 2001 jährlich zwischen sieben und 38 Brut-
verdachtsflächen und in den meisten Jahren über
20 Flächen für den Wachtelkönig zu identifizie-
ren und zu schützen.
Da die Bewirtschafter in den meisten Fällen För-
derung für die Pflege der Flächen beziehen und
sich gegebenenfalls für Agarumweltprogramme
nach Richtlinie AUK verpflichtet haben, ist zudem
die zuständige Informations- und Servicestelle
des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft
und Geologie als Bewilligungsbehörde für land-
wirtschaftliche Förderung zu informieren, damit
Brutplätzen nur vereinzelt Bäume und Sträucher
auf. Gleichzeitig verfügen diese Flächen über
Grasbulten. Im Landkreis Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge liegen die Bruthabitate in Bewei-
dungs- und Biotoppflegeflächen auf Feucht- und
Nassgrünland, oft seggen- und binsenreich mit
schlammigen Anteilen.
4
Maßnahmespektrum
Das Maßnahmenspektrum umfasst reine Schutz-
und Erhaltungsmaßnahmen sowie auch Entwick-
lungsmaßnahmen für die drei Projektarten und
den Wiesenpieper. Die Maßnahmen zum Schutz
der Vorkommen umfassen hauptsächlich die
Abwehr von Gefährdungen des Reviers durch
Mahd oder Viehtritt. Dies kann zum Beispiel
durch eine mit dem Flächenbewirtschafter ab-
gestimmte Aussparung des Brutplatzes von der
Nutzung erfolgen. Erhaltungsmaßnahmen sind
dann notwendig, wenn eine Verschlechterung
der Habitateigenschaften durch Verfilzung der
Fläche oder durch Verlust der Vegetationsstruk-
tur aufgrund regelmäßiger Mahd droht. Schutz-
und Erhaltungsmaßnahmen allein sind jedoch
nicht ausreichend, um dauerhaft die Populatio-
nen der Wiesenbrüterarten zu stabilisieren. Aus
diesem Grund sind Entwicklungsmaßnahmen wie
beispielsweise die Verbesserung der Habitat-
struktur, Entbuschung, Wiedervernässung von
Grünland oder die Schaffung von Blänken oder
Altgrasstreifen notwendig, um zusätzliche Le-
bensräume anzubieten. Die Nahrungssituation
kann beispielsweise durch im Umfeld des Brut-
platzes angelegte Blühflächen für das Braunkehl-
chen verbessert werden.
Zur Finanzierung der Maßnahmen bestehen
Möglichkeiten der Förderung nach den Richtli-
nien Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen
(Richtlinie AUK/2015), Maßnahmen der wieder-
kehrenden Nutzung oder Pflege von Grünland
und Natürliches Erbe (Richtlinie NE/2014), bei-
spielsweise zur Biotopgestaltung und Arten-

image
image
22
|
|
23
das verzögerte Mähen einer Fläche aus arten-
schutzrechtlichen Gründen nicht als Verstoß
gegen die eingegangenen Verpflichtungen ge-
wertet wird. Die Größe der ausgesparten Fläche
variiert je nach Wiesenbrüterart und Anzahl
vorkommender Brutpaare und kann beispiels-
weise bei Braunkehlchen und Wiesenpieper 100
Quadratmeter betragen, wenn der Neststandort
bekannt ist. Beim Wachtelkönig variiert die
Größe der Schutzzone je nach örtlichen Gege-
benheiten. Da der Neststandort beim Wachtel-
könig jedoch bis zu 200 Meter vom Rufplatz
entfernt sein kann (h
elMecKe
et al. 2005, pers.
Mitt. J. Vlcˇek), ist es unumgänglich, die Mahd auf
einem großen Areal von bis zu mehreren Hektar
zu verschieben. Eine Nutzung darf hier frühes-
tens nach dem 15. August erfolgen (zum Beispiel
BelleBauM
et al. 2014). Treten Rufer erst nach dem
15. Juli auf, sind noch spätere Mahdtermine sinn-
voll. Sind keine benachbarten Brachen als Rück-
zugsräume vorhanden, sollte zusätzlich ein etwa
zehn Meter breiter Streifen bis Anfang Septem-
ber verbleiben. Ein am 13.08.2011 im Limbacher
Teichgebiet während der Wiesenmahd festge-
stelltes circa 17 Tage altes Wachtelkönigküken
(Abb. 1) zeigt, wie wichtig dieser Schutzstreifen
oder eine Brache für noch nicht flugfähige Jung-
vögel ist (pers. Mitt. J. Hering).
Aber auch für Altvögel sind derartige Flächen
von großer Bedeutung (V
lc
ˇ
eK
&
pešKe
2014), da
sie in dieser Zeit aufgrund der Brutmauser vor-
übergehend flugunfähig sind (g
luTz Von BloTzheiM
et al. 1994). Erst nach Abzug der Wachtelkönige
ins Winterquartier Anfang September darf der
Schutzstreifen gemäht werden.
Wachtelkönigfreundliche Mahd
Damit die Wachtelkönige den verbleibenden
Streifen oder eine angrenzende Brache erreichen
können, ist es notwendig, dass mit verminderter
Geschwindigkeit, verminderter Breite und Beach-
tung der Mährichtung gemäht wird (vergleiche
auch
Vlc˘eK
&
pešKe
2014,
Schulze
2015,
inderWildi
et al. 2017). Nur so können Jungvögel und Alt-
vögel in den Schutzstreifen flüchten. Die Tren-
nung von Jung- und Altvögeln sollte ebenfalls
vermieden werden.
Späte Mahd
Grünland, das früh gemäht wird, stellt in der
Regel keine geeigneten Habitate für Wiesenbrü-
ter dar, da die Brutzeit spät abgeschlossen wird
und Wachtelkönige erst bei einer Höhe des Auf-
wuchses von etwa 20 Zentimeter genug Deckung
finden. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass
genügend spät gemähtes Grünland zur Verfü-
gung steht (zum Beispiel
BaSTian
&
BaSTian
1996,
horch
&
Spar
2015). Die Bewirtschafter können
im Rahmen der Agrarumweltmaßnahmen des
Freistaates Sachsen nach Richtlinie Agrarum-
welt- und Klimaschutzmaßnahmen (Richtlinie
AUK) Förderung zum späten Schnitt beantragen
(SMUL 2017). Voraussetzung ist, dass die ent-
sprechende Agrarumweltmaßnahme in der so-
genannten Fach- und Förderkulisse hinterlegt
ist. Die Fachkulisse wird durch die Landkreise
aktualisiert und ergänzt, damit in den Vorkom-
mensgebieten spät geschnittene Wiesen zur
Verfügung stehen. Frühester Schnitttermin ist
01.06., 15.06. oder 15.07., wobei besonders eine
Mahd ab 15.07. für Wiesenbrüter geeignet er-
scheint und dabei den Behörden auch ausrei-
chend Zeit gibt, zum Schutz einzelner Brutplätze
insbesondere beim Wachtelkönig die Verschie-
bung der Mahd sicherzustellen.
Beweidungsmanagement
Extensiv beweidete Flächen bieten Strukturviel-
falt. Durch Viehtritt ist das Bodenrelief uneben.
Nicht abgefressene Stängel bleiben über den
Winter stehen und bieten so gemeinsam mit
Koppelpfählen und Weidedraht Sitzwarten.
Gleichzeitig entstehen bei hoher Bodenfeuchte
gute Nahrungsflächen für Bekassinen. Oft ist
Abb. 7: nach dem 15.08.2017 gemähte Wachtelkönigfläche in Hammerunterwiesenthal mit verbliebenem Schutz-
streifen, aufgenommen am 22.08.2017
Foto: C. Scheinpflug
auch das Insektenangebot vergleichsweise höher.
Frühe Beweidung in hoher Tierbesatzdichte kann
allerdings zum Gelegeverlust führen.
Neben dem Auskoppeln bekannter Neststandorte
ist daher die Erarbeitung von Weideplänen sinn-
voll, um Brutplätze langjährig besetzter Reviere
zu schützen. Im Gegensatz zur Richtlinie
AuW/2007 Teil A der Förderperiode 2007-2013
sind Beweidungspläne aktuell nicht mehr ver-
pflichtend, um Förderung für artenschutzge-
rechte Beweidung nach Richtlinie AUK zu bezie-
hen. Da zum Schutz der Wiesenbrüter jedoch ein
auf die Belange des Artenschutzes abgestimmtes
Beweidungsregime notwendig ist, erarbeiten die
unteren Naturschutzbehörden in Zusammenar-
beit mit den Tierhaltern entsprechende Pläne.
Abb. 8: Bekassine in einer durch Beweidung entstan-
denen Nassstelle in Fürstenau, aufgenommen am
20.06.2017
Foto: U.-J. Bartling

image
24
|
|
25
Auch im Betriebsplan Natur, der ein gesamtbe-
triebliches Naturschutzkonzept unter Beachtung
der betrieblichen Gegebenheiten darstellt, wer-
den flächenkonkrete Beweidungsmaßnahmen
durch Naturschutzberater und Landnutzer ge-
meinsam ausgearbeitet.
Erhalt der Strukturvielfalt
Werden größere Brachflächen in die Nutzung
genommen, können sie durch Mahd ihre Struk-
turvielfalt verlieren und werden möglicherweise
nicht mehr von Braunkehlchen, Wiesenpieper
oder Bekassine angenommen (B
aSTian
&
BaSTian
1996,
horch
&
Spar
2015). Aber auch Saumstruk-
turen oder Ampferstängel auf Weideflächen sind
wesentliche Strukturen, die Flächen für Braun-
kehlchen attraktiv machen und erhalten werden
sollen. 2015 wurde eine Brachfläche in Satzung,
Erzgebirgskreis, welche ein langjährig besetzter
Brutplatz der Bekassine war (S
aeMann
2016b), in
die Nutzung genommen. Damit drohte die Fläche
ihre Habitateignung zu verlieren. Durch Inter-
vention der unteren Naturschutzbehörde bleibt
ein Teil der Fläche seit 2017 wieder dauerhaft
ungemäht. In diesem Bereich stehen künftig so-
wohl überständige Stängel als auch Grasbulte
zur Verfügung.
Belassen von Altgras
Altgras bietet natürliche Sitzwarten für Braun-
kehlchen und Wiesenpieper (B
aSTian
&
BaSTian
1996,
horch
&
Spar
2015). Bei einzelnen Förder-
maßnahmen der Richtlinie AUK (GL.1, GL.2 und
GL.5a-d) dürfen bis zu zehn Prozent der Fläche
– jedoch nicht an deren Rand – auch überjährig
stehen bleiben. Im Landkreis Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge wurden auch Altgrasstreifen auf
Kompensationsflächen in 2017 belassen.
Mahd und Entbuschung
Über einen längeren Zeitraum bestehende Bra-
chen können ihre Habitateignung verlieren, wenn
sie verbuschen (S
iering
2017) oder die Bodenve-
getation stark verfilzt. Ist eine Fläche für den
Wachtelkönig fußläufig nicht mehr passierbar,
wird die Fläche unter Umständen nicht mehr
angenommen (vergleiche auch
inderWildi
et al.
2017). Wie schnell eine Fläche verfilzt, ist in
hohem Maße vom Pflanzenbestand abhängig
und somit sehr unterschiedlich. Die Mahd von
Teilbereichen im Herbst ist für den Wachtelkönig
bereits ausreichend. Im Rahmen des Wiesenbrü-
terprojektes wurde zum Beispiel eine Wachtel-
königfläche in Crottendorf, Erzgebirgskreis, im
FND „Kalkofenwiesen“ sowohl 2016 als auch
2017 in Teilbereichen gemäht. Im Jahr 2017 wur-
den auf dieser am 13.07.2017 zwei Tagrufer fest-
gestellt (C. Scheinpflug, R. Böhme).
Verbesserung des Nahrungsangebots durch
benachbarte Blühstreifen
Der verfügbaren Nahrung kommt ebenfalls eine
hohe Bedeutung zu. So können auch Blühstreifen
durch eine hohe Anzahl von Insekten ein Nah-
rungsangebot bieten, wenn diese im näheren
Umfeld der Brutplätze liegen. In Fürstenau und
Fürstenwalde, Landkreis Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge, wurden 2017 drei Blühstreifen mit
einjährigen Blühmischungen aus Sonnenblume
(
Helianthus annuus
), Phacelia (
Phacelia tanace-
tifolia
), Buchweizen (
Fagopyrum tataricum
),
Rettich (
Raphanus sativus
) und Inkarnatklee
(
Trifolium incarnatum
) angelegt. Diese wurden
durch Braunkehlchen während der Jungenauf-
zucht und durch umherziehende Familienver-
bände genutzt.
4.2 Entwicklungsmaßnahmen
Einbringen künstlicher Sitzwarten
Extensiv genutzte Grünlandflächen sind im Laufe
der Brutperiode durch aufwachsende Warten,
beispielsweise durch Distelstängel oder ähnli-
ches, bestens für Braunkehlchen geeignet. Sie
verfügen über einen Reichtum an Blütenpflanzen
Zwickau installiert. Im Landkreis Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge wurden punktuell Sitz-
warten in Nassstellen gesteckt. Die Sitzwarten
werden nicht flächig, sondern linear und/oder
punktuell konzentriert ausgebracht (vergleiche
auch
Siering
&
feulner
2017). Erste Erfolge sind
hierbei schon zu verzeichnen. In Rübenau im FND
„Sumpfwiese“ gelang am 09.06.2017 ein Nest-
fund mit zwei juvenilen Braunkehlchen (Abb. 11).
Bei dieser Fläche war die letzte Braunkehlchen-
brut für das Jahr 2004 belegt (S
aeMann
2016a).
Im Landschaftsschutzgebiet (LSG) Am Filzbach,
Vogtlandkreis, wurden in 2017 erstmals wieder
drei Reviere des Wiesenpiepers festgestellt
(T. Hallfarth). Diese befanden sich überwiegend
in Nassstellen mit Seggen (
Carex
spec.) und Bin-
sen (
Juncus
spec.), bei welchen Ruten einge-
bracht worden waren.
und sind insektenreich. Werden sie spät gemäht
und haben nur noch einen geringen Aufwuchs,
bieten sie im Frühjahr jedoch noch keine Struk-
turen für Braunkehlchen. Auf diesen Flächen
können künstliche Warten das oben genannte
Strukturdefizit ausgleichen, zumal wenn alter-
native, dauerhafte Strukturen, wie Koppelpfähle
und Gebüschgruppen fehlen. Es werden unter-
schiedliche Warten verwendet. Dies sind neben
Robinienpfählen, Holzleisten und Bambusstäben
auch Ruten von vorzugsweise kleinen Birken
oder einjährige Haselruten. Letztere müssen
nicht zwangsläufig dauerhaft stehen bleiben,
sondern können mit abgemäht werden.
Allein im Erzgebirgskreis wurden 2017 Sitzwar-
ten auf 32 Flächen und im Landkreis Mittelsach-
sen auf 13 Flächen, auf drei Flächen im Vogt-
landkreis sowie auf einer Fläche im Landkreis
Abb. 9: Blühstreifen (rot) im Vogelschutzgebiet Fürstenau in der Nähe von Brutstandorten zur Verbesserung des
Nahrungsangebots nach der Wiesenmahd, aufgenommen am 19.09.2017
Foto H. Menzer

image
image
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|
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27
Wiedervernässung von Grünland
Durch die Melioration von Feuchtgrünland und
Nasswiesen sind an vielen Stellen Lebensräume
für Wiesenbrüter verloren gegangen (e
rnST
2012,
STeffenS
et al. 2013). Insbesondere die Bekassine
ist aufgrund ihres Nahrungsaufnahmeverhaltens
an offene Nassstellen gebunden. Durch den
Rückbau oder die Verstopfung von Drainagen
können neue Lebensräume für Wiesenbrüter ge-
schaffen werden. Die Anlage von flachen Mulden
oder Tümpeln in Feuchtwiesen kann zusätzliche
Nahrungsflächen beispielsweise für die Bekas-
sine anbieten. Solche Maßnahmen eignen sich
beispielsweise als Ausgleichs- und Ersatzmaß-
nahmen. Sie sind aber auch als Arten- und Bio-
topschutzmaßnahmen in der Richtlinie NE 2014
förderfähig.
Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
wurden im Rahmen von Ausgleichs- und Er-
satzmaßnahmen sowie im Naturschutzgroßpro-
jekt „Bergwiesen im Osterzgebirge“ Flächen im
SPA Fürstenau wiedervernässt. Durch die an-
schließende wiesenbrütergerechte Bewirtschaf-
tung konnten hier Bestände von Bekassine,
Braunkehlchen, Wiesenpieper und Wachtelkönig
stabilisiert werden. Im Umfeld des SPA Fürstenau
wurde auf Flächen im Quellgebiet der Seidewitz
im oberen Osterzgebirge 2016 und 2017 eine
Wiedervernässung durch die Entfernung von
Drainagen eingeleitet. Im Jahr 2017 wurde die
Maßnahme mit großflächigem Oberbodenabtrag
und Mähgutübertragung zur Entwicklung der
Vegetation fortgesetzt (Abb. 11).
4.3 Erstellung einer Flächenkulisse der
Wiesenbrüterrelevanzflächen
Zur Erstellung einer Kulisse der prioritären Wie-
senbrüterflächen wurden die Erfassungsergeb-
nisse aus den Jahren 2016 und 2017 sowie die
vorhandenen Altdaten ausgewertet. Aus den
landwirtschaftlichen Schlägen wurden für ganz
Sachsen sogenannte Wiesenbrüterrelevanzflä-
chen ermittelt, welche nun für alle vier Wiesen-
brüterarten zur Verfügung stehen und als Flä-
Abb. 10: im April 2017 ausgebrachte Holzleisten und Ruten auf einer Biotoppflegefläche im NSG Schwarze Heide/
Kriegswiese in Satzung, aufgenommen am 21.04.2017
Foto: C. Scheinpflug
al. 2015). In Sachsen droht das Aussterben der
Arten in den kommenden Jahren, wenn nicht
aktiv ein Artenhilfsprogramm ins Leben gerufen
und umgesetzt wird (zum Beispiel
ernST
2012,
STeffenS
et al. 2013,
ernST
et al. 2015,
ernST
&
Mann
2016,
leiperT
2017,
Scheinpflug
2017). Dies wird
mit dem Sächsischen Wiesenbrüterprojekt 2016
angestrebt. Im Projektgebiet erfolgen während
der gesamten Projektlaufzeit Erfassungen in den
Vorkommensgebieten, sodass entsprechende
Schutzmaßnahmen zur bestmöglichen Gewähr-
leistung des Bruterfolgs ergriffen werden kön-
nen. Gleichzeitig werden Entwicklungsmaßnah-
men umgesetzt, um die Habitatbedingungen in
den Gebieten kurz- und langfristig zu verbessern
und eine Wiederbesiedlung aufgegebener Flä-
chen zu ermöglichen.
Im ersten Projektjahr lag der Schwerpunkt bei
der Bestandserfassung, Habitatanalyse und dem
Schutz bekannter Brutplätze. 2017 konnten
punktuell Entwicklungsmaßnahmen umgesetzt
werden. Auch wenn diese bisher nur kleinflächig
chenkulisse für Schutzbemühungen im Rahmen
von Förderprogrammen oder speziellen Arten-
schutzmaßnahmen genutzt werden können.
Dazu gehören neben der Biotoppflege auch
Maßnahmen zur Biotopgestaltung. Die Kulisse
kann auch dazu dienen, Vorrangflächen für Wie-
senbrüter im Vergleich zu anderen Nutzungsan-
sprüchen sowie zu anderen naturschutzfachli-
chen Zielen abzugrenzen, beispielsweise der
Erhaltung geschützter Lebensraumtypen, für die
eine regelmäßige, nicht zu späte Mahd erforder-
lich sein kann.
5 Diskussion und Fazit
Der Bestandsrückgang der Wiesenbrüterarten
ist nicht allein ein sächsisches Problem. In der
ak-tuellen Roten Liste der Brutvögel Deutsch-
lands wurde das Braunkehlchen von vormals
„Gefährdet“ in „Stark gefährdet“ eingestuft,
während der Wiesenpieper aus der Vorwarnliste
nunmehr ebenfalls in die Liste der stark gefähr-
deten Arten aufgenommen wurde (g
rüneBerg
et
Abb. 11: Wiedervernässung einer ehemaligen Nasswiese im Quellgebiet der Seidewitz, aufgenommen am 06.11.2017
Foto: B. Hachmöller

28
|
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29
noch ein Bereich mit ausreichender Deckung
vorhanden sein muss. Ein effektiver Wachtel-
königschutz ist nur in Verbindung von Brutplatz-
schutz und wachtelkönigfreundlicher Mahd
gewährleistet.
Aber auch beim Braunkehlchen kann es zu späten
Ersatzbruten kommen. So wurde in Dörnthal,
Erzgebirgskreis, am 13.07.2017 noch ein Nest mit
fünf Eiern festgestellt (J. Thiele, C. Scheinpflug),
sodass eine späte Mahd ab 15. Juli noch zu früh
sein kann. Auch die in
STeffenS
et al. (2013) zu-
sammengestellten Beobachtungsdaten von noch
am 17.08.2002 fütternden adulten Braunkehl-
chen und Wiesenpieper zeigen, dass unter Um-
ständen die Mahd weiter verzögert werden
sollte. Bei beiden Arten lässt sich dennoch der
Brutverlauf kontrollieren, was beim Wachtelkö-
nig kaum der Fall ist.
Die Wiesenbrüterarten, insbesondere die Bekas-
sine, profitieren von der Wiedervernässung von
Grünland und dessen extensiver Bewirtschaf-
tung. Allerdings handelt es sich um sehr kom-
plexe Maßnahmen, deren Umsetzung schwierig
ist. Vor allem die fehlende Flächenverfügbarkeit
und der hohe Planungsaufwand wirken erschwe-
rend, sodass bisher nur wenige Maßnahmen
realisiert werden konnten. Insbesondere auf Flä-
chen im öffentlichen Eigentum sollten solche
Maßnahmen in Zukunft häufiger umgesetzt
werden.
Die Kenntnis der Brutreviere ist wichtige Voraus-
setzung für zielgenaue Maßnahmen. Derzeit er-
folgt die Kartierung im Rahmen des Projektes
und das Sächsische Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie unterstützt das
Projekt mit Werkverträgen zur Erfassung der
Wiesenbrüterarten. Aber gerade das sporadische
Auftreten des Wachtelkönigs in manchen Gebie-
ten zeigt, wie wichtig die Mitteilung von Zufalls-
beobachtungen ist. Langfristig muss eine dau-
erhaft tragfähige Vorgehensweise entwickelt
werden, die einen effektiven Wiesenbrüterschutz
und in den Landkreisen mehr oder weniger iso-
liert liegen, stehen sie doch im Verbund mit den
aktuellen Vorkommensgebieten und werden
künftig breiter in der Fläche ausgebaut werden.
Die vielfältigen Schutz-, Erhaltungs- und Ent-
wicklungsmaßnahmen sind stets auf die jewei-
lige Fläche sowie die betroffene Wiesenbrüterart
abzustimmen. Dabei sind die Strukturvielfalt und
eine extensive Nutzung großflächiger, zusam-
menhängender Wiesenbrüterareale zu erhalten
beziehungsweis wiederherzustellen.
Besonders im Erzgebirgskreis wurde mit dem
Einbringen von Sitzwarten ein Überangebot ge-
schaffen. Durch eine hohe Anzahl von Sitzwar-
ten (S
iering
&
feulner
2017) sollen die Flächen für
Braunkehlchen attraktiver sein, was in Rübenau
im FND Sumpfwiese 2017 zur Wiederbesiedlung
eines seit 2005 verwaisten Brutplatzes führte.
Beim Wachtelkönig ist eine späte Mahd frühes-
tens ab dem 16. August notwendig. Vorausset-
zung hierfür ist jedoch die Erfassung der Wach-
telkönig-Rufer, da sie zwar bestimmte Flächen
bevorzugen, jedoch jährlich schwankende Rufer-
zahlen und eine im Vergleich zu den anderen
Wiesenbrüterarten geringere Standorttreue
aufweisen. Bei Erfassungen des Wachtelkönigs
können in der Regel nur rufende Männchen kar-
tiert werden. Nestfunde und Beobachtungen von
Küken sind selten (S
adlicK
2005) und oft zufällig,
wie beispielsweise in Crottendorf (W. Düniss)
und Hammerunterwiesenthal (H. Hess) im Erz-
gebirgskreis. Aufgrund der Seltenheit des Wach-
telkönigs und der Schwierigkeiten bei der Erfas-
sung sollten demzufolge auch auf Flächen mit
einmaliger Feststellung eines Rufers die gleichen
Schutzmaßnahmen ergriffen werden wie auf
Flächen mit Tagrufern oder mehrmaligem Nach-
weis, da Brutversuche nicht auszuschließen sind.
Gleichzeitig muss auch die im Juli beginnende
Brutmauser bei adulten Wachtelkönigen beach-
tet werden (g
luTz Von BloTzheiM
et al. 1994), so-
dass zusätzlich zur späten Mahd ab 16. August
damit überwiegend auf niedrigem Niveau, auch
wenn in einzelnen Gebieten im Vergleich zum
Vorjahr deutlich mehr Reviere besetzt waren. Für
die Umsetzung des Wiesenbrüterschutzes stehen
unterschiedliche Schutz-, Erhaltungs- und Ent-
wicklungsmaßnahmen zur Verfügung, welche
auf die jeweilige Art sowie die Fläche angepasst
werden. Dabei lag 2017 der Schwerpunkt auf
dem Einbringen von künstlichen Sitzwarten für
Braunkehlchen und Wiesenpieper sowie dem
Brutplatzschutz bei allen Wiesenbrüterarten und
wachtelkönigfreundlicher Mahd. Zusätzlich wur-
den Maßnahmen zur Wiedervernässung und
Entbuschung, zum Erhalt der Strukturvielfalt
sowie der Wiederherstellung geeigneter Habi-
tatstrukturen ergriffen und eine Flächenkulisse
mit Wiesenbrüterrelavanzflächen erarbeitet.
7 Ausblick
In allen Projektlandkreisen liegt nun eine gute
Datengrundlage zu den lokalen Populationen vor.
Aber nur mit fortlaufenden Erfassungen sind
auch künftig Aussagen zum Bestand und selbst-
verständlich auch zu den Maßnahmen möglich.
Nur wenn die Vorkommen bekannt sind, können
Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Dabei ist
ein enges Netzwerk zwischen den Erfassern, den
Koordinierungsstellen, den örtlich zuständigen
unteren Naturschutzbehörden und den Flächen-
nutzern weiter auszubauen.
Die ersten Erfolge der unterschiedlichsten Maß-
nahmen zeigen, dass Hoffnung für eine Stabili-
sierung der Populationen der Wiesenbrüterarten
besteht, auch wenn derzeit kein kurzfristiger
Bestandstrend abgeleitet werden kann. Denn
auch die Faktoren während des Zuges und in den
Überwinterungsgebieten sind letztlich mit ent-
scheidend. Dennoch ist der Grundstein für wei-
tere Maßnahmen gelegt, welche derzeit in vielen
Gebieten vorbereitet werden, sodass in den Fol-
gejahren großflächige habitatverbessernde Maß-
nahmen umgesetzt werden können. Nicht nur
mit geringerem Aufwand ermöglicht. Die Agrar-
umweltprogramme sollten für die zukünftige
Förderperiode daraufhin überprüft werden, wie
ein besserer Wiesenbrüterschutz gewährleistet
werden kann. Es ist zudem anzustreben, das Wis-
sen in der nächsten Förderperiode um die An-
sprüche der Wiesenbrüterarten bei den Flächen-
nutzern weiter auszubauen und die Zusammen-
arbeit zwischen Naturschutzbehörden, Ornitho-
logen, Naturschutzdienst und weiteren
ehrenamtlichen Akteuren sowie Bewirtschaftern
zu stärken.
Dass auch in Schutzgebieten, in denen sich die
Habitate scheinbar wenig verändert haben,
Rückgänge bei Arten wie Braunkehlchen und
Wiesenpieper nachgewiesen wurden, könnte
unter anderem auf mögliche Einflüsse von Prä-
datoren hinweisen. Daher sollten in Zukunft auch
Maßnahmen zum Management von Prädatoren
durch verstärkte Bejagung einbezogen werden,
um gegebenenfalls auch dadurch die Brutbe-
stände sichern zu können.
6 Zusammenfassung
Das Sächsische Wiesenbrüterprojekt wurde 2016
als Kooperation zwischen dem Sächsischen
Staatsministerium für Umwelt und Landwirt-
schaft, dem Landratsamt Erzgebirgskreis und
dem Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterz-
gebirge gestartet. Projektarten sind Wachtelkö-
nig, Bekassine und Braunkehlchen, wobei der
Wiesenpieper als weitere Wiesenbrüterart eben-
falls berücksichtigt wird. Das derzeitige Projekt-
gebiet umfasst den Vogtlandkreis, Erzgebirgs-
kreis und die Landkreise Zwickau, Mittelsachsen
sowie Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. In
diesen Gebieten erfolgen über die gesamte Pro-
jektlaufzeit jährliche Erfassungen der Wiesen-
brüterarten. 2017 konnten insgesamt 36 Wach-
telkönigrufer, 23 Reviere der Bekassine, 189
Reviere des Braunkehlchens und 199 Wiesenpie-
perreviere festgestellt werden. Der Bestand ist

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geeignete Strukturen für die Anzeige des Reviers
oder die Anlage des Nestes, auch die verfügbare
Nahrung sowie Art und Zeitpunkt der Nutzung
sind für den Bruterfolg entscheidend. Allein das
Zusammenwirken aller Maßnahmen und aller
beteiligten Akteure kann zur Stabilisierung der
Populationen beitragen, wenn diese den Bruter-
folg bestmöglich durch eine angepasste Bewirt-
schaftung gewährleisten und sich zusätzlich
durch Aufwertung und Erweiterung der Lebens-
räume langfristig eine höhere Anzahl an Brut-
paaren ansiedeln kann.
Dank
Unser herzlicher Dank gilt insbesondere allen
Erfassern und ehrenamtlichen Helfern, welche
durch ihre Kartierungen und Zufallsbeobachtun-
gen umfangreiche Daten zum Vorkommen zur
Verfügung gestellt und auch bei habitatverbes-
sernden Maßnahmen, beispielsweise durch das
Einbringen von künstlichen Sitzwarten, engagiert
geholfen haben sowie auch allen Projektpartnern
für die Unterstützung und Realisierung von
Maßnahmen.
Außerdem bedanken wir uns bei J. Feulner, J.
Vlc˘ek, J. Sadlick, U. Leipert, H.-J. Haferland und
S. Arbeiter für den regen fachlichen Austausch
und bei J. Hering, R. Böhme, Dr. B. Hachmöller
und Dr. R. Steffens für die kritische Durchsicht
des Manuskripts.
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htm
Autoren
Christina Scheinpflug
Landratsamt Erzgebirgskreis
Paulus-Jenisius-Straße 24
09456 Annaberg-Buchholz
christina.scheinpflug@kreis-erz.de
Marit Deumlich
Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
Weißeritzstraße 7
01744 Dippoldiswalde
marit.deumlich@landratsamt-pirna.de
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33
Einschürige, häufig späte Mahd oder späte Be-
weidung mit geringer Besatzdichte sind gängige
Maßnahmen zum Erhalt von durch historische
Landnutzungsformen entstandenen Wiesen und
Weiden. Meist geschieht das heute aus Arten-
und Biotopschutzgründen, beispielsweise um ein
Aussamen seltener Pflanzenarten oder den Fort-
pflanzungserfolg von Vögeln oder Insekten zu
ermöglichen. Damit stehen solche Maßnahmen
im Gegensatz zur heute gängigen Nutzung des
Kulturgraslandes mit früheren und häufigeren
Nutzungsterminen, hohen Düngergaben sowie
hohen Ansprüchen an Qualität und Quantität des
Erntegutes (B
ahner
2006).
Das Paradigma später Nutzungstermine scheint
so fest verwurzelt, dass ein kritisches Hinterfra-
gen der Sinnhaftigkeit bisher zu selten stattfin-
det. Problematisch wird es, wenn trotz der
durchgeführten Maßnahmen die Arten, die ei-
gentlich erhalten werden sollen, zurückgehen
oder verschwinden und dadurch die Biotope
einen erheblichen Qualitätsverlust erleiden. Im
Folgenden sollen einige Beispiele aus der Ober-
lausitz dargestellt und diskutiert, mit der Land-
nutzungsgeschichte verglichen und Lösungs-
möglichkeiten skizziert werden.
Wenn der Beitrag zur Diskussion aber auch zum
Nach- und gegebenenfalls Umdenken über die
Nutzung und Pflege geschützter und gefährde-
ter Offenland-Biotope anregt, so wäre ein wich-
tiges Ziel erreicht. Noch besser wären aber An-
passungen in der Praxis, die dem Erhalt der
letzten Reste unserer artenreichen Wiesen und
Weiden dienen.
Beispiele
Besonders auf drei Wiesenflächen begann für
mich das Hinterfragen der gängigen Praxis spä-
ter Nutzungstermine. Alle drei Flächen sind be-
ziehungsweise waren aus botanischer Sicht sehr
wertvoll und werden seit vielen Jahren natur-
schutzgerecht gepflegt. Trotzdem hat sich die
Artenzusammensetzung deutlich geändert und
viele ehemals vorhandene Arten sind heute ver-
schwunden.
1. Quellwiese Rachlau
Es handelt sich um eine kleine Waldwiese mit
einem Mosaik aus nassen, feuchten und frischen
Bereichen. Anfang der 1990er Jahre war die
Wiese noch wesentlich magerer und artenreicher
und wurde als „die beste und artenreichste
Feuchtwiese im engeren nördlichen Czorneboh-
land“ beschrieben (S
chüTze
1992). Es gab einen
großen Bestand der Hohen Schlüsselblume (
Pri-
mula elatior
), sowie Magerkeitszeiger wie Zitter-
gras (
Briza media
), Körnigen Steinbrech (
Saxif-
raga granulata
), Acker-Witwenblume (
Knautia
arvensis
) und Borstgras (
Nardus stricta
). Bis in
die späten 1980er Jahre kam außerdem das Ge-
fleckte Knabenkraut (
Dactylorhiza maculata
s.l.)
vor. Bis auf das Borstgras, das am nördöstlichen
Rand der Wiese noch in einzelnen Exemplaren
vorkommt, sind alle anderen genannten Arten
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 32 – 47
Einmal spät ist nicht genug –
späte Nutzungstermine als Problem für
den Erhalt artenreicher Wiesen und Weiden
Ronny Goldberg
Abb. 1: Verfilzter, lagernder Aufwuchs auf der Quellwiese Rachlau (07/2015)
Foto: R. Goldberg
heute verschwunden. Eine weitere Besonderheit
ist die Phrygische Flockenblume (
Centaurea
phrygia
), die „in dieser Bestandsgröße im Gebiet
einzigartig“ war (g
läSer
1995, S. 6). Heute sind
noch sechs Exemplare am nördlichen Rand der
Wiese vorhanden.
Die Wiese wird jetzt dominiert von Wolligem
Honiggras (
Holcus mollis
) und hat eine Streuauf-
lage, die eine Reproduktion aus Samen für die
meisten Arten unmöglich macht (Abb. 1).
2. Mühlbuschwiese Plotzen
Die zweite Fläche ist eine Feucht- und Nasswiese,
mit Übergängen zu frischen Bereichen an den
Rändern. Sie galt Anfang der 1990er Jahre als
„artenreichste Feuchtwiese des Bautzener Acker-
hügellandes“ (S
chüTze
1992). In der Frischwiese
kamen Glatthafer (
Arrhenatherum elatius
), Gold-
hafer (
Trisetum flavescens
), Gewöhnlicher Frau-
enmantel (
Alchemilla vulagris
agg.), Wiesen-
Glockenblume (
Campanula patula
) und Wiesen-
Margerite (
Chrysanthemum leucanthemum
) vor.
Die feuchten und nassen Bereiche beherbergten
das Breitblättrige Knabenkraut (
Dactylorhiza
majalis
) mit 500 bis 600 blühenden Exemplaren
und die Bach-Kratzdistel (
Cirsium rivulare
)
(S
chüTze 1992, gläSer 1996).
Bis mindestens in die 1960er Jahre kamen au-
ßerdem Arten wie Phrygische Flockenblume,
Großer Klappertopf (
Rhinanthus angustifolius
),

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35
sie im Jahr 2000 noch mehrere Tausend Exemp-
lare, fanden sich 2012 nur noch elf blühende und
circa 20 sterile Pflanzen in lückigen, weniger
stark vom Mädesüß beherrschten Bereichen
(S
cholz
&
Büchner
2012). Es wurde dringend ein
zweiter Schnitt empfohlen, da die Wiese trotz
einer alljährlichen späten Mahd in Verbrachung
begriffen war (S
cholz
&
Büchner
2012). Seit eini-
gen Jahren wird diese Wiese zweimal jährlich
gemäht.
3. Hänschberg bei Eibau
Als drittes Beispiel dient der südexponierte Hang
des Hänschberges, der mit frischen bis trockenen
Wiesen bewachsen war. Durch Nutzungsauflas-
sung in den 1950er Jahren verbuschten größere
Bereiche.
Schon in den 1980er Jahren wurde ein muster-
gültiger differenzierter Pflegeplan entwickelt
(B
uSchMann
1987). Die Vorschläge sind aus heu-
tiger Sicht immer noch fachlich fundiert, wären
aber durch die Mosaiknutzung sehr aufwändig
in der Umsetzung.
Besondere Arten waren Brand-Knabenkraut (
Or-
chis ustulata
), Stengellose Kratzdistel (
Cirsium
acaule
), Silberdistel (
Carlina acaulis
) und Wie-
sen-Salbei (
Salvia pratensis
). Während das
Floh-Segge (
Carex pulicaris
) und Sumpf-Dreizack
(
Triglochin palustre
) vor (S
chüTze
1960, Kasten
1). Während die ersten beiden als klassische
Arten der Heuwiesen gelten können, sind die
beiden letzten typisch für nährstoffarme Nass-
wiesen und Moore. All diese Arten sind heute
hier verschwunden und in der Oberlausitz stark
gefährdet oder vom Aussterben bedroht (B
räu-
TigaM
&
oTTo
2012).
Zu Theodor Schützes Zeiten wurden die Flächen
als Heuwiesen genutzt und der Beschreibung
nach bereits im Juni gemäht (S
chüTze
1960,
Kasten 1).
Die nassen Bereiche werden heute auf größerer
Fläche von Großem Mädesüß (
Filipendula ulma-
ria
), Zittergrassegge (
Carex brizoides
), Wald-
simse (
Scirpus sylvaticus
) und Sumpf-Storch-
schnabel (
Geranium palustre
) dominiert. Sie
ähneln floristisch und bezüglich der Aufwuchs-
menge eher Hochstaudenfluren als Nasswiesen
(Abb. 2). Nichtsdestotrotz sind wertgebende
Arten wie die Hartmans-Segge (
Carex harmanii
)
noch vorhanden und auch das Breitblättrige
Knabenkraut ist noch mit etwa 350 blühenden
Exemplaren vertreten. Die Bach-Kratzdistel ist
hingegen in den letzten Jahren in ihrem Bestand
nahezu vollständig zusammengebrochen. Zählte
Kasten 1:
„Die feuchten Wiesen der Plotzener Quellmulde sind besonders in der Umgebung des Mühlenbu-
sches interessant. Während die leicht geböschten Wiesenhänge nördlich dieses Laubwaldes
kurz vor der Heumahd
[Hervorhebung d. Verf.] mit Unmengen von Otternzunge (
Polygonum
bistorta
L.), Großem Klappertopf (
Rhinanthus glaber
laM.),
Breitblättrigem Knabenkraut (
Orchis
latifolia
L.) und Rauhaarigem Kälberkropf (
Chaerophyllum hirsutum
L.) ein bezauberndes far-
biges Bild bieten und im Spätsommer mit der reizenden Fransenflockenblume (
Centaurea phry-
gia
L. ssp.
austriaca
[W
illd.] gugler
) besetzt sind, überraschen die Flachmoorwiesen am Wege
von Plotzen nach Lehn mit einer eindrucksvollen Fülle von Bachdisteln (
Cirsium rivulare
[J
acq.]
all.).
[…]
Schließlich sei noch erwähnt, daß diese Wiese in ihrem feuchtesten, mit Fieberklee (
Menyanthes
trifoliata
L.) durchsetzten Teil auch die Flohsegge (
Carex pulicaris
L.), die Hartmannssegge (
Carex
hartmanii
caJ.)
und den Sumpfdreizack (
Triglochin palustris
L.) aufweist und damit den Artenbe-
stand dieses eigenartigen Landschaftsteils noch bereichert.“ (S
chüTze
1960, S. 167)
Abb. 2 (oben): Zittergrassegge und Echtes Mädesüß dominieren große Bereiche der Mühlbuschwiesen Plotzen. (05/2015)
Foto: R. Goldberg
Abb. 3 (unten): Durch Obergräser und Rainfarn dominierte überständige Vegetation am Hänschberg (09/2015)
Foto: R. Goldberg

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häufige Nutzungen und hohe aktive oder passive
Stickstoffeinträge.
Wichtige Faktoren
Die prägenden Faktoren für Entstehung und Er-
haltung des mitteleuropäischen Kulturgraslan-
des waren ursprünglich Beweidung und Mahd
(n
oWaK
&
Schulz 2002, BoSShard
2016). Die Menge
und Intensität der Nutzungen beeinflusst die
Bestände grundlegend. Die typischen Arten
müssen dabei mehr oder weniger regelmäßig die
Möglichkeit haben, sich fortzupflanzen.
Dafür sind aus floristischer Sicht neben dem
Aussamen Keimung und Etablierung von Jung-
pflanzen essentiell. Da die meisten Pflanzenarten
des Kulturgraslandes ausdauernd sind, können
sie sich aber bei fehlender Reproduktion und
nicht zu großem Konkurrenzdruck auch ohne
Fortpflanzung über Jahre oder Jahrzehnte halten.
Trotzdem verschwinden sie mittel- oder langfris-
tig, wenn sich keine Jungpflanzen etablieren
können. Viele unserer Zielarten im Naturschutz
benötigen Licht und Rohboden für Ihre Entwick-
lung. Spät genutzte Bestände sind aber, mit
Ausnahme sehr nährstoffarmer Standorte, lange
Zeit an der Bodenoberfläche relativ dunkel
(B
rieMle 2007, raufer
et al. 2014). Außerdem ak-
kumuliert sich Streu, die ebenfalls eine Keimung
verhindert. Die Streuakkumulation ist auch auf
Standorten problematisch, die nur einschürig
gemäht werden und wo bis zum Ende der Vege-
tationsperiode noch viel Biomasse nachwächst.
Je wüchsiger ein Standort ist, umso früher und
öfter muss er auch gemäht werden. Früher wur-
den nur ausgesprochene Magerwiesen einschü-
rig gemäht (B
erTSch
1947).
Ähnlich und vielleicht sogar noch problemati-
scher stellt sich die Situation bei beweideten
Flächen dar. Bei später Erstbeweidung und be-
reits hoher Vegetation werden die Pflanzen nicht
mehr ausreichend abgefressen, sondern in grö-
ßerem Umfang niedergetreten. Auch hier erfolgt
Brand-Knabenkraut bereits in den 1970er Jahren
verschwand, kamen oder kommen die anderen
genannten Arten bis in die jüngste Zeit mit eini-
gen Individuen vor. Auch wenn das Indigenat des
Wiesen-Salbei-Vorkommens angezweifelt wer-
den kann, waren in den 1950er Jahren 300 bis
400 Individuen vorhanden und
geBauer
(1958,
S. 11) bezeichnete das Vorkommen als „einmalige
Seltenheit in der ganzen Lausitz“.
Größere Bereiche werden heute von obergras-
dominierten Wiesen eingenommen, die zahlrei-
che Hochstauden sowie Verbrachungs- und
Nährstoffzeiger wie Rainfarn (
Tanacetum vul-
gare
), Land-Reitgras (
Calamagrostis epigejos
),
Wiesen-Kerbel (
Anthriscus sylvestris
), Wald-
Platterbse (
Lathyrus sylvestris
), Acker-Kratzdis-
tel (
Cirsium arvense
) und Brennnessel (
Urtica
dioica
) enthalten (Abb. 3). Kleinflächig kommen
noch niedrigwüchsige Bereiche vor, die aber
ebenfalls Brachezeiger beherbergen. Die Be-
stände sind verfilzt. Offenboden ohne Streuauf-
lage als Keimbett ist fast nicht vorhanden. Eine
Reproduktion der noch vorhandenen wertgeben-
den Arten über Samen findet offenbar nicht
mehr statt.
Das Dilemma des Kulturgraslandes
Es gibt keinen optimalen Schnittzeitpunkt oder
Beweidungstermin. Bei jeder Nutzung werden
bestimmte Arten oder Artengruppen, wenngleich
in unterschiedlichem Maße, geschädigt. Aber
ohne diese Nutzungen war die Entstehung dieser
Biotope undenkbar und wird auch deren Erhalt
nicht gelingen.
Die meisten Pflanzenarten des Kulturgraslandes
ertragen grundsätzlich Mahd oder Beweidung
und das auch gelegentlich während der Blüte
und vor dem Aussamen. Diese beiden Faktoren
prägten die Entwicklung des mitteleuropäischen
Kulturgraslandes. Ungünstig sind tendenziell
immer gleiche, starre Nutzungstermine. Ebenso
ungünstig sind aber auch zu seltene oder zu
den Effekten bei der heute üblichen Silagenut-
zung ähnelt (h
uMBerT
et al. 2010).
Durch regelmäßige späte Mahd verändert sich
die Vegetationsstruktur. Es können konkurrenz-
kräftige Arten, Verbrachungszeiger und Hoch-
stauden, die im traditionell genutzten Kultur-
grasland unterdrückt wurden, zur Dominanz
eine Nährstoff- und Streuakkumulation und
lichtbedürftige, konkurrenzschwache Pflanzen
haben keine Chance (B
irrer 2011, Wedl
&
Meyer
2003).
Schon der Schweizer Botaniker Theodor
SchlaTTer
(1874, S. 352) bemerkte: „Ohne Sense und Heu-
ernte keine Wiesenflora“. Die Sense steht dabei
sinnbildlich für die Mahdwerkzeuge, das Heu für
die Ernte und den Abtransport der Biomasse. Zu
Zeiten Schlatters war die Heubereitung gängige
Praxis. Eine Silagebereitung oder das Abfahren
direkt nach der Mahd gab es damals nicht. Die
positiven Nebeneffekte der Heubereitung wer-
den heute aber oft unterschätzt. Damit verbun-
den sind Nachreifen, Ausfallen und Verteilen von
Samen auf der Fläche. Bei der Heubereitung
fallen deutlich mehr Samen an als üblicherweise
für Neu- und Nachsaaten verwendet werden
(B
oSShard
2016)! Außerdem haben Wirbellose die
Gelegenheit, das Mahdgut zu verlassen (f
eldMann
2000, MarKgraf 2013, ThuST
&
Thiele
1999). Durch
Abfahren des Mahdgutes im feuchten Zustand
wird die Möglichkeit zur Reproduktion verringert.
Samen und auch Tiere werden in einem Maße
von den Flächen abgefahren, das wahrscheinlich
Kasten 2:
„In den Wochen, da auf den Feldern das Getreide sich reifend wiegt und schließlich den Schnit-
tern zum Opfer fällt, bieten sich die Wiesen mit ganz besonderen Reizen unseren Blicken dar.
Wohl ist es nicht mehr die strotzende Üppigkeit, die wir im Mai und Anfang Juni bewunderten,
jene rasche Aufeinanderfolge der Vorherrschaft verschiedener Frühblüher (Himmelschlüssel,
Wiesenschaumkraut, Hahnenfuß, Löwenzahn, Wucherblume, Sauerampfer usw.), die mit voll-
ständigen Sieg der Gräser endet.
Nach der ersten Mahd
[Hervorhebung d. Verf.] entwickelt
sich die Wiese langsamer, ausgeglichener; zahlreiche Pflanzenarten zeigen gleichzeitig ihre
bunten, kräftigen Blütenfarben, und jeder Naturfreund betrachtet an heiteren Sommertagen
mit großem Genuß den köstlich leuchtenden Teppich. Er erfreut sich am Gelb des Schaftlöwen-
zahns, des Herbstlöwenzahns, der Wiesenplatterbse, des Hornklees, der Sommerfeste, der
Habichtskräuter, des Johanniskrautes, des Felberichs, dem Rot des Wiesenklees, der Flocken-
blume, der Sumpfdistel, des Blutweiderichs, an dem Blau der Glockenblumen, der Braunelle, des
Teufelsabbisses, der Vogelwicke, des Kreuzblümchens, an dem Weiß der Schafgarbe, der Sumpf-
garbe, der Wucherblume, des Augentrostes, des Mädesüßes, des Labkrautes und der vielen
vielen nickenden Dolden.“ (S
chüTze
1940, S. 34)
Abb. 4: Bei Heubereitung reifen viele Pflanzen aus. Die Sa-
men werden beim Wenden auf der Fläche verteilt. (06/2015)
Foto: R. Goldberg

38
|
|
39
gelangen. Das betrifft Arten frischer oder tro-
ckener Standorte wie verschiedene Obergräser,
Rainfarn, Acker-Kratzdistel oder Land-Reitgras
genauso wie die auf feuchten Standorten vor-
kommenden Arten Echtes Mädesüß, Wald-Simse,
Gilbweiderich (
Lysimachia vulgaris
), Schilf
(
Phragmites australis
) oder verschiedene Seg-
genarten (
Carex
sp.). Wiesen oder Weiden ver-
grasen zunehmend und entwickeln sich so trotz
regelmäßiger Nutzung in Richtung von Brachen
und Hochstaudenfluren (B
rieMle 2007, BöhnerT
2009, Birrer 2011, eglof 2011, nlWKn 2011, noWaK
&
Schulz 2002, KreTSchMar
et al. 2016). Durch die
genannten konkurrenzkräftigen Stauden ver-
schlechtert sich die Etablierungs- oder Ausbrei-
tungswahrscheinlichkeit für andere Arten weiter.
Bei einer späten Mahd oder Beweidung werden
außerdem Nährstoffe, insbesondere Stickstoff,
schlechter entfernt. Im Laufe der Vegetations-
periode werden Nährstoffe in den Wurzelraum
umgelagert. Die oberirdische Biomasse ist dann
nährstoffärmer. Begünstigt werden wuchskräf-
tig-anspruchsvollere Arten wie das Echte Mäde-
süß, die über Speicherorgane im internen Stoff-
kreislauf ihre Nährstoffe behalten und im Folge-
jahr fast verlustlos verfügbar haben (sog. „Aut-
eutrophierung“ nach
dierSchKe
&
Briemle 2002).
Bei später Nutzung werden weniger Nährstoffe
entzogen, als für den Erhalt magerer artenreicher
Bestände nötig wäre (T
huST
&
Thiele
1999). Schon
bei einem um drei Wochen verzögerten Mahd-
zeitpunkt kann daher die floristische Vielfalt von
Wiesen deutlich zurückgehen (n
oWaK
&
Schulz
2002).
Es gibt zwei weitere wichtige Aspekte, welche
die Probleme später Nutzungstermine noch ver-
stärken. Zum einen verschiebt sich der Beginn
der Vegetationsperiode seit Jahrzehnten auf
frühere Termine im Jahr (W
ieden
2004). Der erste
Heuschnitt ist in Sachsen seit 1950 um etwa
einen Tag je Dekade nach vorne gerückt. Der
Blütenbeginn des Wiesen-Fuchsschwanzes (
Alo-
pecurus pratensis
) hat sich von 1991 bis 2011
um etwa 18 Tage verfrüht (B
ocK
et al. 2013). Zum
anderen gibt es Stickstoffeinträge aus der Luft.
Diese liegen, trotz sinkender Werte, in Sachsen
immer noch bei etwa 10 bis 15 kg pro Hektar und
Jahr (UBA 2017). In dieser Größenordnung wur-
den noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhun-
derts Äcker gedüngt. Damit sind auch nicht aktiv
gedüngte Flächen heute deutlich wüchsiger als
früher.
Die beiden letztgenannten Aspekte sprechen
ebenfalls für eine mindestens zweischürige
Kasten 3:
„Die angrenzenden Niederungen der Teich- und Flußufer werden meist von saftigen Wiesenflä-
chen eingenommen, die zur Heuerzeugung und als Viehweiden von höchster Wichtigkeit sind.
Hier wächst das Heer der nahrhaften Futtergräser, wie Ruchgras, Raygras, Lieschgras, Wiesen-
fuchsschwanz, Honiggras, Wiesenhafer, Zitter-, Kamm- und Knaulgras, hoher Schwingel, in den
Gräben der Schwaden. Zahlreiche Blütenpflanzen aller Farben verleihen den Wiesen ein buntes
Aussehen. Im ersten Frühlinge sind es Anemonen, Gänseblümchen, Goldstern, Wiesenschaum-
kraut, scharfer Hahnenfuß, Löwenzahn; später blühen Kuckuckslichtnelke, Vergißmeinnicht, die
weißen und roten Kleearten, Günsel, Augentrost und Ehrenpreis, Storchschnabel, Wiesenplatt-
erbse, Kronenwicke, Ampfer, Frauenmantel, Wiesenknöterich, Brunelle, Sumpfherzblatt, Kna-
benkräuter, Kratzdistel, rundblättrige Lysimache, Klappertopf, Engelwurz, Bärenklaue.
Nach dem
ersten Heuschnitt
[Hervorhebung d. Verf.] erscheint bei feuchtem Wetter der Wiesenchampi-
gnon oft in Menge, besonders auf den Viehweiden. Auf Wiesen bei Lugknitz und Groß-Düben
wächst die Herbstzeitlose, bei Trebendorf die phrygische Flockenblume.“ (p
ohl
1924, S. 41 f.)
Mahd. Die Vegetationsperioden sind heute län-
ger und es gibt insgesamt mehr Stickstoff, so-
dass die Bestände produktiver sind als vor 100
Jahren.
Ein weiteres Problem hat mit dem Thema Nut-
zungstermine nur randlich zu tun, ist aber für
viele Arten ebenfalls sehr wichtig. Bei jeder Mahd
wird heute, auch aufgrund der flächenscharfen
Förderung und ausreichender technischer
Schlagkraft, in der Regel eine Fläche komplett
gemäht und beräumt. Häufig fehlen somit Rück-
zugsräume für Tiere, die ein Überleben und eine
schnelle Wiederbesiedlung ermöglichen. Auch
dieses Problem ist im Grundsatz bekannt, auch
wenn es noch Wissenslücken gibt.
Bereits seit über 30 Jahren wird deshalb immer
wieder auf die Notwendigkeit einer räumlich und
zeitlich differenzierten Nutzung oder Pflege von
wertvollem Kulturgrasland hingewiesen (n
oWaK
1983, BöhnerT
&
heMpel 1987, ThuST
&
Thiele 1999,
BuBoVa
et al.
2015, Bonari
et al. 2017). Nur durch
ein solches Nutzungsmosaik kann das typische
Arteninventar, insbesondere die Fauna, erhalten
werden. Bei jedem Nutzungszeitpunkt werden
Arten geschädigt, die durch die Fragmentierung
und Verinselung der Habitate in der Regel keine
Rückzugsmöglichkeiten auf angrenzenden Flä-
chen finden.
Blick in die Vergangenheit
Unsere Kulturgrasland-Biotope sind ausnahms-
los Relikte historischer Landnutzungsformen. Die
biologische Vielfalt entstand dabei unbewusst
als „Koppelprodukt“, das für den Bauern zu-
nächst irrelevant war. Ziel war einzig und allein
die optimale Futtergewinnung unter den gege-
benen Bedingungen. Die heute übliche Landwirt-
schaft „erzeugt“ biologische Vielfalt nicht mehr
oder nur noch in sehr geringem Umfang (S
chu-
Macher
2014).
Wie sahen nun unsere Wiesen und Weiden aber
in der Vergangenheit aus?
Die Heu-Erträge der Wiesen lagen in der Preußi-
schen Oberlausitz bei etwa 4 bis 80 dt pro Hektar
und unterschieden sich je nach Wiesentyp deut-
lich. Die ertragsarmen „Waldwiesen“ wurden
meistens einschürig, selten auch zweischürig
gemäht und erbrachten nur 4 bis 20 dt pro Hek-
tar. Die ertragreicheren und häufigeren „Feldwie-
sen“ und „Flusswiesen“ lieferten im Mittel 16 bis
47 dt pro Hektar und wurden oft mehrschürig
genutzt. Zusätzlich waren Vor- und Nachbewei-
dung der Wiesen verbreitet. Im Extremfall wurden
die Wiesen von Ende Juli bis Anfang Mai bewei-
det, sodass teilweise nur ein relativ später Heu-
schnitt möglich war (J
acoBi 1860, Kapfer
2010a,
b). Mit ihren Erträgen lagen sie im unteren Be-
reich des heutigen Extensiv-Grünlandes im Sinne
von
BrieMle
(2007). Um einen anschaulichen Ver-
gleich zu heutigen Beständen zu ermöglichen,
kann man eine gängige Faustregel nutzen: Die
mittlere Bestandshöhe eines Grünlandes ent-
spricht etwa dem Trockenmasse-Ernteertrag in
dt pro Hektar (r
iehl
2001). Eine mehrschürige
Wiese mit unter 50 dt pro Hektar Ertrag muss
also bei jedem Schnitt deutlich unter 50 cm hoch
gewesen sein. Die Wiesen im Schluckenauer Zip-
fel erbrachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts im Mittel 20 dt pro Hektar beim ersten
Schnitt und 10 dt pro Hektar beim zweiten (f
ied-
ler
1898). Das entspricht Bestandshöhen von
etwa 20 beziehungsweise 10 cm (Abb. 5). An
einem Basaltberg in der Oberlausitz erbrachte
eine einschürige Wiese in den 1950er Jahren etwa
7 bis 9 dt pro Hektar Ertrag, das heißt die Vege-
tation hatte eine mittlere Höhe von unter 10 cm
(Adam 1960). Die meisten unserer heutigen Wie-
sen und Weiden zeigen deutlich größere Wuchs-
höhen und erbringen höhere Erträge!
In der sächsischen Oberlausitz wurden 1883 über
90 Prozent der Wiesen zweischürig genutzt. Der
Rest verteilte sich etwa in gleichen Anteilen auf
eine einschürige oder mindestens dreischürige
Mahd (l
angSdorff
1889).

image
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40
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41
Mahdzeitpunkt und Anzahl der Schnitte waren
dabei immer von der Produktivität der Flächen,
dem Witterungsverlauf und der Entfernung vom
Hof abhängig. Die erste Mahd erfolgte im Juni
bei maximalem Aufwuchs, aber noch bevor die-
ser überständig wurde (T
huST
&
Thiele 1999, noWaK
&
Schulz
2002). Es gab keine Unterschiede im
Mahdtermin für trockene, frische oder feuchte
Wiesen. Auch einschürige Wiesen wurden, wenn
möglich, zum gleichen Termin gemäht, an dem
der erste Schnitt der zweischürigen Wiesen
stattfand (n
oWaK
&
Schulz
2002).
ziMMerMann
(2016) geht davon aus, dass insbesondere die
Feuchtwiesen je nach Witterungsverlauf in
jedem Jahr anders genutzt wurden. In nassen
Jahren könnte demnach eine Nutzung ganz un-
terblieben sein, während in Jahren mit günstigem
Witterungsverlauf mindestens zwei Schnitte
möglich waren. Durch den hohen Zeitaufwand
bei der Mahd mit der Sense entstand zudem ein
Mosaik aus unterschiedlichen Nutzungsstadien.
Bei ungünstigem Witterungsverlauf konnte sich
die Heuernte so mehrere Wochen hinziehen.
Bestimmt heute der Energiegehalt des Ernte-
gutes die Nutzungszeitpunkte, so war es früher
die Menge des Aufwuchses, die den Zeitpunkt
der Mahd bestimmte. Es gab kalendarische Ter-
mine, beispielsweise die Heumahd ab Medardus,
Johanni oder St. Peter (08.06., 24.06. bzw.
29.06.) und phänologische Indikatoren wie zur
Reife des Klappertopfes oder des Wiesen-Küm-
mels (S
chneider
1924).
Wahrscheinlich waren viele Arten, die heute mit
spät gemähten Streuwiesen assoziiert werden,
früher typisch für ungedüngte, meist zweischü-
rige Heuwiesen (n
oWaK
&
Schulz
2002). Auch
Wieden
(2004) erwähnt, dass Pfeifengraswiesen
und Borstgrasrasen ohne einen zweiten Schnitt
zu Verfilzung, Nährstoffanreicherung und Arten-
rückgängen neigen.
Kasten 4:
„Im allgemeinen sind Wiesen immer recht artenreich und neben zahlreichen Gräsern, die sie
aufbauen, sind es vor allem die vielen bunten Kräuter, die ihren Eindruck bestimmen. Im Früh-
jahr ist die Farbe der Wiesen im Friedländer Vorland noch recht unbestimmt. Sie schwankt
zwischen gelb, weiß, rosa, bräunlichgrau und braun, je nachdem, ob die gelben Blüten der
Hahnenfüße (
Ranunculus acer
) oder Gänseblümchen und Schaumkräuter (
Bellis perennis
und
Cardamine pratensis
) oder die stäubenden Ähren der Gräser, des Fuchschwanzes (
Alopecurus
pratensis
) und des Ruchgrases (
Anthoxanthum odoratum
) und die braunen Rispen des Sauer-
ampfers (
Rumex acetosa
) vorherrschen. Besonders in Grasgärten vermag auch das leuchtende
Gelb des Löwenzahns (
Taraxacum officinale
) den Eindruck völlig zu bestimmen.
Später gelangt dann auf den etwas trockeneren Wiesen die Wucherblume (
Chrysanthemum
leucanthemum
) zur Herrschaft, bis schließlich im Sommer
vor der Mahd
[Hervorhebung d.
Verf.] und dann
auch wieder vor dem Grummet
[Hervorhebung d. Verf.] der Arten- und Far-
benreichtum seinen Höhepunkt erreicht. Dann sind wohl die Wiesen an der unteren Wittig am
hellsten und buntesten und stehen damit in scharfem Gegensatz zu denen finsteren Grasgärten,
in denen im Frühjahr vor der Belaubung der Bäume der Löwenzahn blühte und sich jetzt nur
mehr die schmutzig-weißen Blütenstände der Doldenblütler aus dem dunklen Grün erheben.
Weiße, gelbe, blaue, rote und violette Blüten tragen hingegen die Wiesen an der unteren Wittig,
weil hier Augentrost und Bergkümmel, Hahnenfüße und Platterbsen, Glockenblumen, Klee und
Disteln, Studentenröschen, Labkräuter und verschiedene Gräser bunt durcheinander blühen.“
(f
irBaS
1929, S. 186 f.)
zungseinheiten und eine Limitierung von Dün-
gemitteln auszeichnet.
Besonders in einigen Regionen Rumäniens wurde
die Wiesennutzung untersucht und mit westli-
chen Ländern verglichen. Die Schnitttermine
werden noch kalendarisch oder phänologisch
bestimmt und liegen je nach Höhenlage im Juni
oder Juli. Ziel ist die Heuerzeugung als Winter-
futter. Die Wiesennutzung besteht nicht nur aus
Mahd und Beräumung, sondern umfasst viele
Arbeitsschritte. So werden die Wiesen im Früh-
jahr abgerecht und teilweise abgebrannt, wenn
nötig Büsche beseitigt, teilweise gedüngt, es
finden häufig Vor- und Nachweide statt und das
Mahdgut wird auf der Fläche getrocknet (B
aBai
&
Molnár 2014, dahlSTröM
et al. 2013, I
Vaşcu
et
al. 2016, vgl. auch
feldMann
2000). Die Mahd mit
Sense oder Einachsmäher und die kleinteiligen
Besitzverhältnisse garantieren ein vielfältiges
Nutzungsmosaik. Um eine gute Heuqualität zu
erzielen, dabei aber gleichzeitig ein Aussamen
der Pflanzen und damit den Erhalt des Bestandes
zu ermöglichen, wechseln die Schnittzeitpunkte
auf den Parzellen eines Besitzers von Jahr zu Jahr
(B
aBai
&
Molnár
2014). Zum Nachsäen wird die
Heusaat, das bedeutet die auf dem Heuboden
ausgefallenen Samen der Wiesenpflanzen be-
nutzt (B
aBai
&
Molnár 2014, iVaşcu
et al. 2016).
Ältere Zitate aus der floristischen Literatur be-
schreiben die Wiesen immer in Bezug auf eine
Heu- und Grummet-, aber nicht auf eine
Streunutzung (siehe Kasten 1 bis 4). In der zeit-
genössischen Literatur des 19. Jahrhunderts
finden sich keine Hinweise auf eine späte Mahd
und eine Nutzung der Biomasse zur Einstreu
(J
acoBi 1860, langSdorff
1889). Eine reine Spät-
mahd war daher in unserer Region vermutlich in
historischer Zeit sehr selten. Spätgemähte Streu-
wiesen wie im Alpenvorland gab es wahrschein-
lich kaum.
Unter Mangel an Stickstoff wurden viele Wiesen
nicht gedüngt. Daher kam auch das geflügelte
Wort von der „Wiese als Mutter des Ackers“. Eine
regelmäßige Düngung von Wiesen und auch
Weiden begann sich erst im Zuge der Agrar-
reformen im 19. Jahrhundert zu etablieren.
Heute übersteigen schon die Stickstoffeinträge
aus der Luft die früher für Äcker übliche Dün-
germenge.
Blicke über den Tellerrand
Blicke nach Ost- und Südosteuropa erlauben
Analogien zur historischen Landnutzung. Hier
existiert teilweise bis heute eine Landwirtschaft,
die sich ähnlich wie in der Vergangenheit in Mit-
teleuropa durch viel Handarbeit, kleinere Nut-
Abb. 5: Artenreiche Frischwiese (links, 06/2014) und Feuchtwiese (rechts, 06/2016) mit Aufwuchs von unter
20 dt/ha. So könnten historische Wiesen ausgesehen haben.
Foto: R. Goldberg

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Die Lösung?
Es gibt eigentlich keine richtige Lösung für das
geschilderte Problem. Die Relikte artenreicher
Wiesen und Weiden sind unter ganz anderen
soziokulturellen und Landnutzungsbedingungen
entstanden. Heute sind sie häufig nicht mehr in
Landnutzungssysteme eingebunden. Biomasse,
die früher als Viehfutter diente, muss entsorgt
werden, da sie den heutigen Ansprüchen an die
Futterqualität nicht mehr genügt und häufig
sogar als Abfall behandelt werden muss.
Früher war außerdem durch die kleineren Schläge
und die deutlich geringere Schlagkraft immer ein
räumliches und zeitliches Nutzungsmosaik vor-
handen. Ein solches ist essentiell für den Erhalt
der Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten mit ihren
vielfältigen Lebensraumansprüchen.
Mahd und Beweidung müssen sich neben den
flächenspezifischen Zielarten und unerwünsch-
ten Arten vor allem an der Produktivität der
Fläche orientieren. Bei einem Ertrag von über 35
dt pro Hektar, das heißt bei über 35 cm Vegeta-
tionshöhe, sollte zweimal gemäht werden und
der erste Schnitt nicht später als Ende Juni er-
folgen (B
rieMle
2007), im Tief- und Hügelland
besser Anfang Juni. Ein fehlender zweiter Schnitt
führt zur Vergrasung (l
andolT
2018).
Unter den heutigen Bedingungen ist demnach in
der Regel eine zweimalige Nutzung anzustreben.
Denkbar ist dabei eine frühe erste Mahd oder
Beweidung, die der Abschöpfung von Nährstof-
fen dient und lichte Bestände erzeugt. Viele
Arten kommen auch später noch zum Blühen
und Fruchten, wenn die Nutzungspause vor einer
zweiten Nutzung mindestens sechs bis acht Wo-
chen lang ist (W
ieden 2004, BöhnerT 2009, BoSS-
Kasten 5:
Stengellose Kratzdistel (
Cirsium acaule
): „Da sie ihre Blätter dicht an den Boden anlegt,
entgeht sie unbeschädigt dem Heuschnitt
[Hervorhebung d. Verf.]. Erst jetzt gelangt sie
in den vollen Lichtgenuß und bildet ihre roten Blütenköpfe aus, die sich nur wenige Zenti-
meter über den Boden erheben“ (S. 37 f.)
Silberdistel (
Carlina acaulis
): „[…] die sich ebenso dicht an den Boden anschmiegt und sich
so dem Heuschnitt entzieht. Dicht am Boden sitzen auch die ansehnlichen Blütenköpfe, die
bald nach der Mahd erscheinen
[Hervorhebung d. Verf.] [...]“ (S. 38)
Teufelsabbiß (
Succisa pratensis
): „Erst
nach der Heumahd
[Hervorhebung d. Verf.] entwickelt
er seine armblütigen, wenigästigen Stengel, und im August und September kommt er dann
zur Blüte“ (S. 40).
(B
erTSch
1947)
Abb. 6: Stengellose Kratzdistel (08/2014), Silberdistel (10/2008), Teufelsabbiss (08/2015)
Fotos: R. Goldberg
reifen und Aussamen der Pflanzen. Darüber hi-
naus haben Tiere die Möglichkeit, das Mahdgut
zu verlassen (T
huST
&
Thiele 1999, feldMann
2000,
MarKgraf
2013).
Besonders eine Vor- oder Nachbeweidung wirkt
sich positiv auf die floristische Vielfalt aus
(M
arKgraf 2013, WeBer 2016, BoSShard
2016).
Diese waren auch in der Vergangenheit üblich
(J
acoBi 1860, Kapfer 2010a,
b). Wissenschaftliche
Untersuchungen zu diesem Thema gibt es bisher
nicht (B
oSShard
2016). Heute wird sie nur noch
sehr selten praktiziert, weil kaum noch Schafe,
Ziegen und geeignete Rinderrassen gehalten
werden, der Betreuungsaufwand sehr hoch ist
und weil – im Falle der Vorweide – viele Förder-
maßnahmen das nicht zulassen. Eine mögliche
Alternative könnte eine frühe erste Mahd sein.
Auch wenn dabei der Einfluss von Tritt und Ver-
biss fehlt, werden so doch lichte Bestände er-
zeugt, die konkurrenzschwachen Arten ein Über-
leben ermöglichen können.
Besonders günstig wäre eine gestaffelte oder
Teilflächenmahd. Viele Biotoppflegeflächen lie-
gen weit verstreut. Die Akteure, die die Mahd
durchführen, haben daher oft weite Anfahrts-
wege. Ein mehrmaliges Anfahren einer Fläche ist
deshalb, besonders in der Mähsaison, nur schwer
realisierbar. Alternativvarianten sind ungemähte
Streifen oder Ried-Rotationsbrachen (B
oSShard
et al. 2010,
Schieß-Bühler
et al. 2011,
Van der poel
&
zehM
2014). Das Belassen von maximal 10 %
ungenutzter Bereiche bei jedem Nutzungsdurch-
gang ist im Rahmen der Agrarumweltmaßnah-
men neuerdings möglich.
Eine weitere Möglichkeit ist der Wechsel von
frühen und späten Mahdterminen. Mit frühen
Mahdterminen werden Nährstoffe besser abge-
schöpft und die Keimungs- und Etablierungsbe-
dingungen verbessern sich. In den Jahren mit
spätem Schnitt können auch spätblühende und
-fruchtende Arten Samen bilden. Die Probleme
der Mahd der gesamten Fläche ohne Rückzugs-
hard
2016). Demgegenüber sind spät gemähte
Flächen nach der Mahd meist blütenarm (n
oWaK
&
Schulz
2002). Wichtig ist eine zweite Nutzung
in Form einer Mahd oder Beweidung, damit sich
im Herbst und Winter keine Streu ansammelt.
Späte Termine fördern dabei den Blütenreichtum,
während Grasdominanzen zurückgedrängt wer-
den (l
andolT
2018). Das Kulturgrasland sollte mit
maximal fausthoher Vegetation in den Winter
gehen (B
oSShard
2016).
Selbst Arten, die als einem frühen Schnitt ge-
genüber intolerant gelten, vertragen selbigen, da
sie zu diesem Zeitpunkt noch kaum geschädigt
werden (zum Beispiel Lungenenzian,
ziMMerMann
2016). Auch
BerTSch
(1947) beschreibt die Öko-
logie von drei Pflanzenarten, für die heute meis-
tens späte einmalige Mahdtermine empfohlen
werden als typisch für eine zweischürige Mahd
(Kasten 5). Für Arnika oder Wiesen-Siegwurz
wurde schon in den 1980er Jahren eine zwei-
schürige Mahd mit erstem Schnitt bis Mitte Mai
empfohlen (B
ezirKSarBeiTSgruppe arTenSchuTz
1988a, b).
Ein Schnitt von Orchideen vor oder während der
Blüte kann sich sogar günstig auf die vegetative
Entwicklung auswirken (r
ieTher
1980). Ideal ist
beim Breitblättrigen Knabenkraut eine Mahd mit
Heutrocknung zu Beginn der Samenreife. Eine
Mahd während der Blüte wird gut vertragen,
wenn sie alle zwei bis fünf Jahre stattfindet (B
e-
zirKSarBeiTSgruppe arTenSchuTz
1988c).
Ausreichend für den Erhalt der ausdauernden
Pflanzenarten ist ein Aussamen alle drei bis fünf
Jahre (n
oWaK
&
Schulz
2002). Für die wenigen
einjährigen Arten des Kulturgraslandes ist dieses
Intervall aber wahrscheinlich zu groß.
ThuST
&
Thiele
(1999) schlagen detaillierte Mahdpläne vor,
die auf die Flächenstruktur und Ziele abgestimmt
sind. Auch früh gemähte Bereiche müssen darin
vorkommen.
Wo immer möglich sollte eine Heutrocknung auf
der Fläche stattfinden. Sie ermöglicht das Aus-

44
|
|
45
allein reicht langfristig nicht aus, wenn die Ve-
getationsstruktur und die Bodenoberfläche un-
geeignet für die Keimung und Etablierung von
Jungpflanzen sind. Auch der Verzicht auf eine
Nutzung während der Flugzeit einer Schmetter-
lingsart, so essentiell sie selbstverständlich für
das Überleben einer solchen Art ist, reicht nicht
aus, wenn sich dadurch die Habitatqualität mit-
telfristig verschlechtert. Das dadurch mögliche
Verschwinden von Nahrungspflanzen oder ein
ungünstiges Mikroklima aufgrund von hoch-
wüchsiger Vegetation oder Streuakkumulation
können Maßnahmen konterkarieren, die eigent-
lich dem Erhalt dienen sollen. Eine kurze Über-
sicht zu Indizien für eine zu späte Nutzung und
möglichen Gegenmaßnahmen findet sich in
Kasten 6.
Wir brauchen – mindestens für unsere wertvolls-
ten Flächen – die regelmäßige Beobachtung der
Schutzgüter und eine auf deren Erhalt einzelflä-
chenspezifisch angepasste und anpassbare Nut-
zung oder Pflege. Das Mahd- und Beweidungs-
regime muss sich an der Produktivität und den
räume für die Tierarten bleiben dabei trotzdem
bestehen. Ebenso das verminderte Aussamen, da
meist keine Heubereitung stattfindet.
Aufgrund der Isolation der Flächen ist eine Nut-
zungsstaffelung in Kombination mit ungenutz-
ten Bereichen für den Erhalt der biologischen
Vielfalt essentiell. Nutzungsvielfalt und die damit
verbundene Strukturvielfalt sind wesentlich für
den Erhalt der Artenvielfalt.
Fazit
„Nicht häufiger nutzen als nötig, aber so häufig
wie nötig (Entstehung überständiger Vegetation
verhindern, Wiese nicht höher als fausthoch in
den Winter entlassen)“, so bringt es
BoSShard
(2016, S. 244) auf den Punkt. Hinzugefügt wer-
den muss, dass die Lebenszyklen und Lebens-
raumansprüche der flächenspezifischen Zielarten
Beachtung finden müssen. Nötig ist aber auch
ein ökosystemarer Ansatz (M
üKSchel
2000). Die
Arten können nur erhalten werden, wenn auch
deren gesamtes Habitat in geeigneter Qualität
erhalten bleibt. Das Aussamen von Pflanzenarten
Kasten 6:
Indizien für Unternutzung:
Brachezeiger und Obergräser nehmen zu und dominieren
Kräuter und deren sommerliche Blühaspekte nehmen ab
vor dem Winter ist die Vegetation höher als 10 cm
die Bodenoberfläche ist flächendeckend mit Streu bedeckt
einfache Ansätze
zweimalige Nutzung mit mindestens 6 bis 8 Wochen Nutzungspause (Ende Mai/Anfang Juni
und August/September)
einschürige Mahd nur auf mageren Standorten (< 35 cm Vegetationshöhe)
bei einschüriger Mahd Wechsel von frühen und späten Mahdterminen
belassen von ungenutzten Bereichen bei jeder Nutzung
aufwendige Ansätze
gestaffelte, rotierende Nutzung (z. B. ein Drittel früh, ein Drittel spät, ein Drittel ungenutzt)
Vorweide und Nachweide
sche, Andreas Jedzig, Andreas Scholz, Henning
Haase, Holm Riebe und Sven Büchner für ihre
kritischen Anmerkungen zum Manuskript. Ohne
sie wäre dieser Beitrag nicht entstanden!
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entieren (n
oWaK
1983,
ThuST
&
Thiele
1999)
Kommen dominante Hochstauden oder konkur-
renzkräftige Gräser in größeren Mengen vor,
sollte unbedingt auf eine mindestens zweischü-
rige Mahd umgestellt werden. Erfolgverspre-
chend ist dabei eine frühe erste Mahd mit län-
gerer Nutzungspause danach. Immer müssen
dabei aber die relevanten Schutzgüter beobach-
tet werden, um reagieren und die Nutzung den
flächenspezifischen Schutzzielen anpassen zu
können.
Ein weiteres Zitat soll die hier nicht zum ersten
Mal diskutierte Problemlage abschließen: „Maß-
nahmen in anthropogen Lebensräumen, die
deren Erhaltung und Pflege dienen sollen, stellen
immer eine heikle Gradwanderung dar, die um-
fangreiche Kenntnisse hinsichtlich des zu schüt-
zenden Arteninventars, sowie dessen biologi-
scher/ökologischer Ansprüche erfordern. Patent-
rezepte gibt es dazu nicht. Sorgfältige Informa-
tionen über die Entstehungsgeschichte der
Biotope, langjährige Beobachtungen über ablau-
fende Prozesse, das Vorhandensein geeigneter
Technik sowie geschulten Personals, aber auch
Fingerspitzengefühl, Phantasie oder Intuition
sind für erfolgreich praktizierten Biotopschutz
ganz entscheidend“ (T
huST
&
Thiele
1999, S. 16).
Dem ist inhaltlich nichts hinzuzufügen. Wenn
Landschaftspflege nicht zum Ergebnis der Palli-
ativmedizin führen soll (p
öniTz
2017), müssen die
genannten Punkte immer noch und immer wie-
der bestmöglich in der Praxis umgesetzt werden.
Auch im Rahmen der Naturschutzförderung
muss nach geeigneten Wegen gesucht werden,
um die letzten Reste artenreicher Wiesen und
Weiden in ihrer Qualität zu erhalten.
Danksagung
Mein Dank gilt allen, mit denen ich in den ver-
gangenen Jahren über dieses Thema diskutieren
konnte. Besonders danke ich Alexander Wün-

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image
image
48
|
|
49
1
Einleitung
Seit 2008 wird im Freistaat Sachsen die Natur-
schutzberatung/Naturschutzqualifizierung für
Landnutzer als kooperatives, kostenloses Bera-
tungsangebot für mehr Naturschutz in der Land-
wirtschaft angeboten. Die Fördermaßnahme
„Naturschutzberatung für Landnutzer“ der För-
derperiode 2007-2013 (Richtlinie Natürliches
Erbe/2007) wurde mit der Förderperiode 2014-
2020 in „Naturschutzqualifizierung für Landnut-
zer“ (Richtlinie Natürliches Erbe/2014) umbe-
nannt. Der Begriff Naturschutzberatung ist all-
gemein geläufiger und wird daher im Text wei-
terverwendet.
Ausgewählte Fachexperten vor allem aus Land-
schaftspflegeverbänden und Planungsbüros
gehen in der Naturschutzberatung als kompe-
tente Ansprechpartner auf die sächsischen Land-
nutzer zu und besprechen im direkten Kontakt
die naturschutzfachlichen Belange im Kontext
mit landwirtschaftlichen Erfordernissen des Be-
triebes. So können die Anliegen des Naturschut-
zes (unter anderem Natura 2000) praxisnah und
konkret vermittelt und das gegenseitige Ver-
ständnis von Naturschutz und Landwirtschaft
gestärkt werden. Dadurch gewinnen beide Sei-
ten: Landnutzer erhalten naturschutzfachliches
Wissen und fundierte Empfehlungen zu geeig-
neten Fördermaßnahmen. Der Naturschutz pro-
fitiert, indem naturschutzgerechte Maßnahmen
auf mehr Flächen als bisher etabliert beziehungs-
weise gut umgesetzt werden, wodurch wertvolle
Biotope und Arten besser erhalten werden kön-
nen. Die Naturschutzberater begleiten bei Bedarf
auch die praktische Umsetzung der Naturschutz-
maßnahmen des Landnutzers, um deren fach-
gerechte Ausführung sicherzustellen.
Anlässlich des 10jährigen Bestehens der Natur-
schutzberatung werden Ergebnisse aus der Fach-
begleitung des Landesamtes für Umwelt, Land-
wirtschaft und Geologie (LfULG) und aus der
Tätigkeit der Koordinierungsstelle Naturschutz-
qualifizierung zusammengefasst und ein erstes
Resümee gezogen.
2
Umsetzung der Naturschutzberatung
in Sachsen
Die Naturschutzberatung in Sachsen wird als
Fördermaßnahme innerhalb der Richtlinie „Na-
türliches Erbe“ (RL NE) umgesetzt und von der
Europäischen Union und dem Freistaat Sachsen
finanziert. Grundlage ist das Entwicklungspro-
gramm für den ländlichen Raum (EPLR), welches
den Rahmen für die Fördermaßnahme festlegt.
Die Naturschutzberatung ist damit an die jewei-
lige Europäische Förderperiode gebunden wie
auch die Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen,
allgemein als AUKM bezeichnet, für die Land-
wirtschaft.
Die Auswahl der Berater erfolgt seit 2015 auf-
grund der EU-Vorgaben in einem Ausschrei-
bungsverfahren. Jeweils Anfang 2015 und 2016
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 48 – 57
10 Jahre Naturschutzberatung in Sachsen
Carola Schneier, Sabine Ochsner, Christina Kretzschmar, Ines Senft
Abb. 1: Naturschutzberater bei ihrem jährlichen Fachaustausch
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, C. Schneier
erfolgten Aufrufe „zur Einreichung von Geboten
in Form von Förderanträgen für die Qualifizie-
rung Naturschutz für Landnutzer (Fördergegen-
stand C.1 der RL NE/2014)“. Bei der Auswahl
fanden besonders regional- und naturschutz-
fachliche Kenntnisse, kommunikative Fähigkeiten
und Wissen im Förderverfahren Beachtung. Im
Ergebnis konnte für jeden der 22 Altlandkreise
(= Landkreise vor der Kreisgebietsreform von
2008) ein Partner (Institutionen oder Personen)
ausgewählt werden. Die Inhalte der Beratung
und die Tätigkeiten der Berater sind in einer Leis-
tungsbeschreibung definiert. Auf dieser Basis
rechnen die Naturschutzberater ihre erbrachten
Leistungen gegenüber der Bewilligungsstelle ab.
Für die Landnutzer ist die Beratung kostenlos.
Je nach Wunsch des Landnutzers kann die Be-
ratung in unterschiedlicher Tiefe und Intensität
erfolgen. Die verschiedenen Ebenen werden in
sogenannten standardisierten Modulen abgebil-
det, die beispielhaft folgende Inhalte haben:
1. Grundleistung für das
Qualifizierungsgebiet:
Zusammenstellen der bestehenden natur-
schutzfachlichen Ziele und Bewirtschaf-
tungsanforderungen, beispielsweise aus vor-
liegenden FFH-Managementplänen, der se-
lektiven Biotopkartierung und der Grünland-
kulisse

50
|
|
51
notwendige Abstimmungen mit der Natur-
schutzverwaltung; regionale Öffentlichkeits-
arbeit, um über das Beratungsangebot zu
informieren
Weiterbildung über Schulungen und Veran-
staltungen
2. Einzelflächenberatung:
Gezielte Information von Landnutzern zu Na-
turschutzzielen auf ihren Flächen sowie Emp-
fehlungen zu geeigneten Bewirtschaftungs-
maßnahmen und deren Finanzierung im
Rahmen der Naturschutzmaßnahmen in der
Agrarförderung (Agrarumweltmaßnahmen)
Beratung zu investiven Maßnahmen der RL
NE/2014 (wie z.B. die Biotopsanierung durch
Mahd) unter bestimmten Voraussetzungen
3. Gesamtbetriebliche Naturschutzberatung:
Betrachtung des Betriebes in seiner Gesamt-
heit von Flächen, Strukturelementen und
Gebäuden aus Naturschutzsicht
auch Maßnahmen, die über die Naturschutz-
förderung hinausgehen (beispielsweise Aus-
gleich- und Ersatz), können beraten werden
4. Erfolgskontrolle/Maßnahmebegleitung:
Fachliche Unterstützung des Betriebs nach
Beantragung von Fördermaßnahmen bei-
spielsweise bei der Erfassung wertgebender
Arten durch gemeinsame Begehung mit dem
Landnutzer auf Maßnahmenflächen; Beglei-
tung des Landnutzers bei der Maßnahme-
numsetzung (unter anderem Kennzeichnung
Nistschutzbereiche), Vermittlungstätigkeiten
gegenüber Dritten und so weiter
Im Fokus der Naturschutzberatung stehen vier
Aspekte: Wissensvermittlung, Beratung, Moti-
vation der Landwirte und Qualität der Maßnah-
menumsetzung. Sie sind in Abbildung 2 zusam-
menfassend dargestellt.
Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt
und Landwirtschaft (SMUL) gibt den fachlichen
Rahmen der Naturschutzqualifizierung vor, si-
chert die Finanzierung der Naturschutzberatung
und koordiniert die landesweit einheitliche Um-
setzung.
Die Naturschutzabteilung des Sächsischen Lan-
desamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geo-
logie (LfULG) ist für die umfassende Fachbeglei-
tung der Naturschutzberatung zuständig. Dazu
gehören Tätigkeiten wie die Bewertung und
Weiterentwicklung der Naturschutzberatung, die
fachliche Beratung und Unterstützung der Be-
willigungsbehörden in der Umsetzung, Öffent-
lichkeitsarbeit und die fachliche Begleitung der
Koordinierungsstelle Naturschutzqualifizierung.
Die Förder- und Fachbildungszentren mit Sach-
gebiet Naturschutz (FBZ) des LfULG Wurzen,
Kamenz und Zwickau sind sowohl für Bewilli-
Abb. 2: Ziele der Naturschutzberatung
Landnutzer für die Umset-
zung von Naturschutzzielen
im Betrieb qualifizieren
Akzeptanz für Naturschutz
verbessern
Landwirte als Partner
gewinnen
naturschutzfachliche Ziel-
stellung und betriebswirt-
schaftliche Interessen in
Einklang bringen
Verbindung zwischen Natur-
schutzzielen und Förderinst-
rumenten schaffen
Zielgerichteten Einsatz und
fachgerechte Umsetzung von
Naturschutzfördermaßnah-
men verbessern
Sensibilisierung für Natur-
schutz erreichen
Jedes
Gespräch
mit Land-
nutzern zu
Naturschutz-
themen ist
sinnvoll!
Win-Win-
Situation für
Landnutzer
und Natur-
schutz.
Qualität
Beratung
Motivation
Wissenstransfer
über den Europäischen Landwirtschaftsfonds für
die Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER)
von Anbeginn an eine Besonderheit des „säch-
sischen Weges“ dar. Sie ermöglicht einerseits
eine fünf- bis siebenjährige Planungssicherheit,
andererseits muss die Naturschutzberatung aber
auch immer wieder an die EU-Rahmenbedingun-
gen angepasst werden. Im deutschlandweiten
Vergleich hat Sachsen in diesem Kontext eine
Vorreiterrolle, da hier inzwischen die meisten
Erfahrungen vorliegen und das Beratungssystem
am längsten besteht. Über diese lange Zeit
konnte sich die Naturschutzberatung stetig wei-
terentwickeln. Nach ihrer Erprobung in einem
Pilotprojekt des Deutschen Verbands für Land-
schaftspflege (DVL) konnte sie seit 2008 im Rah-
men der Richtlinie Natürliches Erbe umgesetzt
werden (siehe Abbildung 3). Ab dem Jahr 2015
erfolgten weitere grundsätzliche Änderungen:
Sachsenweite flächendeckende Ausdehnung
auf 22 Qualifizierungsgebiete auf Altland-
kreisebene
Langfristigere Verträge zur Sicherung der
Kontinuität des Beratungsangebots
Im Antrag zur Agrarförderung erfolgt eine
konkrete Abfrage, nach dem Interesse der
Landnutzer an der Naturschutzberatung.
Eine weitere wesentliche Neuerung kam mit der
Erweiterung der zunächst einzelflächenbezoge-
nen Naturschutzberatung um ein gesamtbe-
triebliches Modul, dem sogenannten Betriebs-
plan Natur hinzu. Mit dem Betriebsplan Natur
erhält der Betrieb Informationen, in welchen
Schutzgebieten er arbeitet und welche Arten und
Biotope in seinem Betrieb vorkommen. Auch
werden bereits erbrachte Naturschutzleistungen
des Betriebes gewürdigt. Der Berater zeigt die
naturschutzfachlichen Besonderheiten auf und
schlägt mögliche Maßnahmen zur ökologischen
Aufwertung betriebsindividuell für die Flächen,
gung und Fördervollzug als auch für die regio-
nale fachliche Feinsteuerung der Naturschutz-
beratung zuständig. Dies umfasst unter anderem
die Festlegung der jeweiligen naturschutzfach-
lichen Arbeitsschwerpunkte und konkreten Tä-
tigkeiten in den einzelnen Qualifizierungsgebie-
ten. Der Naturschutzberater hat darüber hinaus
Kontakt zur zuständigen unteren Naturschutz-
behörde (UNB), wo die regionalen Umsetzungs-
prioritäten erfragt werden und der Kontakt zu
wichtigen lokalen Ansprechpartnern des ehren-
amtlichen Naturschutzes (beispielsweise Natura
2000-Gebietsbetreuer, Naturschutzhelfer) ver-
mittelt wird.
Die Koordinierungsstelle fungiert als Bindeglied
zwischen den aktiven Beratern und den koordi-
nierenden Behörden SMUL und LfULG. Sie bietet
Austauschmöglichkeiten, Fachinformationen
und, als erster Ansprechpartner für die Natur-
schutzberater, Hilfe bei aktuellen Fragen. Sie
organisiert regelmäßig Fachexkursionen, Infor-
mationsaustausche und Schulungen zur Weiter-
bildung der Berater und unterstützt bei der
Öffentlichkeitsarbeit und der Evaluation der
Beratung.
3
Entwicklung der Naturschutzberatung
in 10 Jahren
Kooperative Ansätze des Wissenstransfers wie
die „Naturschutzberatung für Landnutzer“ wer-
den seit Langem in vielen europäischen Ländern
und deutschen Bundesländern erfolgreich ange-
wandt. Durch Information, Beratung und Um-
setzungsbegleitung sollen landwirtschaftliche
Betriebe für Themen des Naturschutzes sensibi-
lisiert, das Wissen dazu erhöht und dadurch
langfristig die Akzeptanz für Naturschutzmaß-
nahmen gesteigert werden.
Für die sächsische Naturschutzberatung dienten
die Beratungsansätze in Rheinland-Pfalz und
Österreich als Vorbilder. Für Deutschland stellt
die Mitfinanzierung durch Europäische Gelder

52
|
|
53
nuierlich weiter. Zuletzt wurde eine Fallstudie im
Auftrag des LfULG zur Fortschreibung des Be-
triebsplans Natur fertiggestellt. Dieser soge-
nannte Betriebscheck soll bei Betrieben mit
Betriebsplan Natur nach zwei bis drei Jahren
durchgeführt werden. Ziel ist es, mit den Betrie-
ben im intensiven Dialog zu bleiben und die Um-
setzung der Naturschutzmaßnahmen weiter
voranzubringen. Dabei soll beispielsweise geklärt
werden, ob es Anpassungsbedarf am Betriebs-
plan Natur aufgrund der aktuellen Betriebssitu-
ation gibt, ob Probleme in der Umsetzung auf-
traten oder ob es neue Ideen für Naturschutz-
maßnahmen gibt.
4 Ergebnisse
Die Naturschutzberatung wird von den sächsi-
schen Landnutzern gut angenommen. Sie er-
reicht zunehmend Bekanntheit durch gute Vor-
Ort-Arbeit der Berater, aktive Weiterempfehlung
durch die Förder- und Fachbildungszentren (FBZ)
und Informations- und Servicestellen (ISS) des
LfULG sowie Veranstaltungen des LfULG zum
Betriebsplan Natur. Die Berater sind meist lang-
jährig in der Region aktiv und inzwischen als
kompetente Ansprechpartner bekannt. Dadurch
hat sich eine Vertrauensbasis zwischen Landnut-
die Hofstelle und weitere Betriebsressourcen wie
Landschaftselemente vor (beispielsweise geeig-
nete Pflege- und Bewirtschaftungsmaßnahmen
der aktuellen Förderrichtlinien, Ausgleichs- und
Ersatzmaßnahmen). Die partnerschaftliche Ab-
stimmung und Berücksichtigung der Betriebs-
ziele/ -vorstellungen ist dabei wesentliches Ele-
ment für die Identifikation der Landnutzer mit
„ihren“ Schutzgütern und Maßnahmen. Die
Grundlagen für das Modul wurden in zwei Pilot-
projekten des LfULG mit sechs Pilotbetrieben
durch den Landschaftspflegeverband Nordwest-
sachsen zusammen mit dem Büro für ökologi-
sche Studien, Naturschutzstrategien und Land-
schaftsplanung Büchner
&
Scholz umgesetzt
(vergleiche auch
Schneier
2014).
Auch in der fachlichen Ausrichtung der Natur-
schutzberatung erfolgen fallbezogen immer
wieder Anpassungen. So wurde die Naturschutz-
beratung beispielsweise genutzt, um die für
Sachsen neue Agrarumweltmaßnahme der Er-
gebnisorientierten Honorierung (Maßnahmen
GL.1a-c der Richtlinie AUK) erfolgreich einzufüh-
ren. Dazu wurden die Landwirte intensiv zu den
Kennarten auf Grünland sowie der Erfassungs-
methode geschult.
Die Naturschutzberatung entwickelt sich konti-
2006
2007
2008
2009
2010
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
Pilotprojekt „Natur-
schutzberatung in
Sachsen“ in fachlich
definierten
Modellgebieten
„Naturschutzberatung für Landnutzer“ in 25 Beratungseinheiten
(fachlich definiert)
Pilotprojekt „Betriebsplan
Natur“ (gesamtbetriebliche
Beratung)
Fallstudie
„Betriebscheck“
Betriebsplan Natur
„Qualifizierung Naturschutz für
Landnutzer“
Naturschutzberatung
flächendeckend in Sachsen,
inkl. gesamtbetrieblicher
Beratung (Betriebsplan Natur)
Abb. 3: Entwicklung der Naturschutzberatung in Sachsen von 2006 bis heute
Einzelflächenbezogene Qualifizierung
In der einzelflächenbezogenen Naturschutzqua-
lifizierung fanden von 2008 bis 2017 sachsen-
weit rund
1.280 Kontakte mit Landnutzern im jährlichen
Durchschnitt,
4.100 Beratungen insgesamt im Zeitraum
(dabei wurden durchschnittlich pro Jahr
950 konkrete Maßnahmenvorschläge (nach
Richtlinien RL AuW/2007 beziehungsweise
AUK/2015 und RL NE/2014 gegeben) und
6.660 Maßnahmebegleitungen insgesamt im
Zeitraum statt.
Die Leistungen können teilweise einmal pro Jahr
abgerechnet werden. So kann beispielsweise bei
der Maßnahmebegleitung ein Schlag bei fach-
lichem Erfordernis über mehrere Jahre begleitet
werden (beispielsweise bei Brutvorkommen Fest-
legung des naturschutzfachlich geeigneten
Schnittzeitpunktes, Lokalisation ungenutzter
Bereiche).
Mit Beginn einer neuen Förderperiode (2007/
2008 und 2014/2015) war die Zahl an beratenen
Landnutzern und Maßnahmevorschlägen erwar-
tungsgemäß deutlich höher als in den Folgejah-
ren. In den Folgejahren tritt die Maßnahmebe-
gleitung, die eine naturschutzfachlich optimale
zern und Naturschutzberatern entwickelt, die
entscheidend für einen guten Dialog hin zu mehr
Naturschutz in der landwirtschaftlichen Praxis
ist. Durch Schulungen und einen intensiven Aus-
tausch der Berater untereinander und mit dem
LfULG wird der Wissensstand aktuell gehalten
und so die Qualität der Beratung gesichert.
Auch die seit 2015 bestehende Möglichkeit, Inte-
resse an einer Beratung über den Antrag zur Ag-
rarförderung anzumelden, wird sehr gut ange-
nommen. So meldeten beispielsweise 2017 rund
1.960 Landnutzer ihren Beratungsbedarf an.
Jedes Jahr wertet das LfULG die Abrechnungs-
unterlagen sowie die Nachweisdatenbanken der
Naturschutzberater quantitativ aus. Zusätzlich
werden durch die Koordinierungsstelle vor allem
qualitative Erkenntnisse aus einer jährlich statt-
findenden Befragung der Naturschutzberater
erhoben, und den beteiligten Fachbehörden und
Naturschutzberatern im Rahmen einer Auswer-
tungsveranstaltung vorgestellt. Dabei werden
regelmäßig Anregungen zur Verbesserung des
Instrumentes Naturschutzberatung als auch zur
Anwendbarkeit einzelner Agrarumweltmaßnah-
men (RL AUK/2015) gewonnen und fließen in die
weitere Arbeit ein.
506
383
491
415
582
580
555
606
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
2007/2008
(Pilotprojekt)
2008/2009
2009/2010
2010/2011
2011/2012
2012/2013
2013/2014
2014/2015
2015/2016
2016/2017
Landnutzer und Schläge in der Beratung
Information und allgemeine Beratung (Anzahl Landnutzer)
Schläge mit Maßnahmevorschlag*
Schläge mit Maßnahmebegleitung
Abb 4. Übersicht beratene Landnutzer und Schläge sowie Schläge mit Maßnahmebegleitung in der einzelflächenbe-
zogenen Naturschutzberatung von 2007 - 2017 in Sachsen (Hinweis: Landnutzer und Schläge können jährlich bera-
ten werden, sofern für die Schläge noch keine Antragsstellung erfolgte. Datenlücken durch Leistungsänderungen)

54
|
|
55
Umsetzung unterstützen soll, verstärkt in den
Vordergrund. Die Naturschutzberater geben im
Rahmen der Maßnahmebegleitung bei Vorhaben,
die jahrweise wechselnd auf unterschiedlichen
Schlägen umgesetzt werden können, fachliche
Unterstützung, auf welchen Schlägen das Vor-
haben aus naturschutzfachlicher Sicht beispiels-
weise für die Feldlerche oder den Kiebitz am
nutzbringendsten umgesetzt werden kann.
Weiterhin geben sie beispielsweise konkrete
Pflege- und Bewirtschaftungsempfehlungen bei
der Umsetzung der Biotoppflege-Maßnahmen
und den Maßnahmen der Ergebnisorientierten
Honorierung.
Abbildung 5 verdeutlicht anhand der Förderpe-
riode ab 2014 die flächenbezogenen Maßnah-
mevorschläge der Richtlinie AUK/2015, die im
Rahmen der Beratung gegeben wurden. Die Be-
ratung zur Richtlinie NE/2014 wird einzelflächen-
bezogen seit 2017 zu investiven Maßnahmen mit
standardisierten Einheitskosten auf Grundlage
einer bestätigten Fachplanung angeboten. Auf-
grund der komplexen Anforderungen an die
Umsetzung investiver Maßnahmen sind viele
Informationen durch die FBZ als Bewilligungs-
behörden notwendig, sodass hier deutlich weni-
ger Beratungsleistungen erbracht werden kön-
nen.
Hervorzuheben ist der relativ hohe Anteil von
rund 20 Prozent beratenen Maßnahmen im Acker
(siehe Beratung zu Maßnahmen AL.3 - AL.7 in
Abb. 6). Allerdings ist die Bereitschaft der Land-
nutzer, Grünlandmaßnahmen zu beantragen,
deutlich größer als bei Ackermaßnahmen. Die
Landnutzer wollen sich bei Maßnahmen im Acker
ungern über die fünfjährige Vertragslaufzeit
binden. Zudem sind die Ackerstandorte wirt-
schaftlich attraktiver als die Grünlandflächen.
Der dennoch relativ hohe Anteil von beratenen
Maßnahmen im Acker resultiert auch daraus,
dass die Berater gezielt mit der Beratung im
Acker beauftragt wurden, um beispielsweise
Maßnahmen für Bodenbrüter fachlich zu lenken.
Gesamtbetriebliche Naturschutzberatung
Im Gegensatz zur einzelflächenbezogenen Bera-
tung kann in der gesamtbetrieblichen Natur-
schutzberatung zu allen möglichen Finanzie-
rungswegen im Naturschutz beraten werden. Die
Naturschutzförderung der RL AUK/2015 nimmt
als Hauptfinanzierungsquelle einen großen Raum
ein. Das zeigt eine Fallstudie des LfULG, in der
die Betriebspläne Natur der sechs Pilotbetriebe
drei Jahre nach Erstellung derselben ausgewer-
tet wurden. Auch wenn die ausgewertete Stich-
probe klein ist, gibt sie doch erste Hinweise zur
Art der Finanzierung. Erfreulich ist dabei, dass
viele Landwirte bereit sind, auch ohne finanziel-
len Ausgleich Leistungen für den Naturschutz zu
4%
14%
1%
2%
6%
38%
< 0,5%
11%
24%
Beratungsinhalte der einzelflächenbezogenen Qualifizierung
(ohne Betriebsplan Natur)
- Auswertung 2015-2017 C.1 RL NE/2014 -
Umweltsch. Produktionsverfahren des
Ackerfutter- u. Leguminosenanbaus (AL.3)
Blühflächen/Ackerbrache (AL.5)
Naturschutzgerechte Ackerbewirtschaftung (AL.6)
Überwinternde Stoppel (AL.7)
Ergebnisorientierte Honorierung (GL.1)
Biotoppflegemahd (GL.2)
Grünlandbrache (GL.3)
Naturschutzgerechte Beweidung (GL.4)
Terminmahd (GL.5)
Abb. 5: Maßnahmevorschläge der einzelflächenbezo-
genen Naturschutzberatung 2015-2017 unterteilt nach
Maßnahmegruppen AUK
Umweltsch. Produktionsverfahren des
Ackerfutter- u. Leguminosenanbaus (AL.3)
Blühflächen/Ackerbrache (AL.5)
Naturschutzgerechte Ackerbewirtschaftung (AL.6)
Überwinternde Stoppel (AL.7)
Ergebnisorientierte Honorierung (GL.1)
Biotoppflegemahd (GL.2)
Grünlandbrache (GL.3)
Naturschutzgerechte Beweidung (GL.4)
Terminmahd (GL.5)
erbringen (vgl. Abb. 6). Hierbei handelt es sich
vorwiegend um Maßnahmen, die leicht durch-
zuführen und einfach in den Betriebsablauf zu
integrieren sind wie beispielsweise das Ausspa-
ren von Nassstellen bei der ersten Grünlandnut-
zung oder Artenschutzmaßnahmen im Bereich
der Hofstelle. Von einigen unteren Naturschutz-
behörden werden auch Empfehlungen im Be-
triebsplan Natur für Ausgleichs- und Ersatzmaß-
nahmen für Ihre weitere Arbeit genutzt.
Die gesamtbetriebliche Naturschutzberatung
kann, auch wenn das fachlich wünschenswert
wäre, aufgrund des anspruchsvollen und zeit-
aufwändigen Vorgehens nur für eine begrenzte
Zahl an Betrieben angeboten werden. Eine Inte-
ressensbekundung zur Teilnahme am Betriebs-
plan Natur fand erstmalig 2016 statt. Ausge-
wählt wurden 36 Betriebe, die mit einer Flächen-
größe von insgesamt rund 30.000 Hektar (der
kleinste Betrieb ist 98 Hektar groß, der größte
4.800 Hektar) ein breites Spektrum der in Sach-
sen tätigen Landwirtschaftsbetriebe abdecken
(Flächenausstattung aller teilnehmenden Be-
triebe einschließlich der Pilotbetriebe siehe
Abb. 7). Darunter sind vier ökologisch wirtschaf-
tende Betriebe und drei, die sich in der Umstel-
lung befinden. Aufgrund der guten Nachfrage
und der begrenzten Kapazitäten der Bearbeitung
werden aktuell keine weiteren Bewerbungen an-
genommen. Für 16 der 36 Betriebe liegen inzwi-
schen Betriebspläne Natur vor, die ein breites
Spektrum an vorgeschlagenen Maßnahmen ent-
halten und auf die individuellen Gegebenheiten
der Betriebe abgestimmt sind. Es reicht von klei-
nen Maßnahmen wie Anbringen von Nisthilfen
über Empfehlungen für naturschutzgerechte
Flächenbewirtschaftungen bis hin zu Hecken-
pflanzungen und Gewässerrenaturierungen. Da
die Betriebspläne Natur erst seit 2016 Bestand-
teil der Regelförderung sind, gibt es bis auf die
wenigen Pilotbetriebe noch keine Informationen,
wie viele dieser vorgeschlagenen Maßnahmen
in den Betrieben bereits umgesetzt wurden. Dazu
kommt, dass seit 2017 für bestimmte Maßnah-
men der Richtlinie AUK/2015 keine neuen Flä-
chen bzw. Maßnahmen mehr beantragt werden
können.
Grundsätzliche Erkenntnisse und Wirkung der
61%
24%
6%
3%
3%
3%
Agrarförderung (AUK)
Ökokonto
A/E-Maßnahme
LANU
greening
Maßnahmefinanzierung
keine
Abb. 6: Maßnahmefinanzierung der umgesetzten
Maßnahmen im Rahmen der Betriebspläne Natur der
Pilotbetriebe
0
Flächenausstattung in ha (Klassenobergrenze)
Anzahl Betriebe
2
4
6
8
12
10
100
250
500
1.000
2.500
5.000
Abb. 7: Anzahl der teilnehmenden Betriebe am
Betriebsplan Natur nach Flächenausstattung in den
Größenklassen (n=42, Stand Mai 2018)

56
|
|
57
Naturschutzberatung
Wesentliche Erkenntnisse aus der Naturschutz-
beratung und –qualifizierung für Landnutzer in
Sachsen sind:
Die Landwirte begrüßen die konkrete Infor-
mation zu Naturschutzzielen auf ihren Flä-
chen und reagieren überwiegend positiv auf
das Beratungsangebot.
Individuelle Gespräche können die Anliegen
des Naturschutzes besser transportieren,
Vorbehalte zwischen Naturschutz und Land-
wirtschaft abbauen und Vertrauen schaffen.
Die gezielte Information und Beratung der
Landnutzer zu Naturschutzzielen, geeigneten
Maßnahmen, naturschutzgerechten Bewirt-
schaftungsweisen, sowie entsprechenden
Förderangeboten trägt zu einer effizienteren
Umsetzung naturschutzfachlicher Maßnah-
men bei und bringt damit Landnutzern, Natur-
schutz und Behörden gleichermaßen Vorteile.
Für den Erfolg der Naturschutzberatung sind
fachliche Kompetenz und Dialogfähigkeit der
regionalen Berater von entscheidender Be-
deutung, denn darüber entsteht das Ver-
trauen der Landwirte in die Beratung. „Na-
turschutz bekommt ein Gesicht“ – die Konti-
nuität bei den zuständigen Beratern ist wich-
tig für die Vertrauensbildung!
Ebenso ist die Kontinuität des Beratungsan-
gebots entscheidend für die Umsetzung an-
spruchsvoller Maßnahmen. Naturschutzbe-
ratung ist ein fortwährender Kommunikati-
onsprozess, der erst durch regelmäßige
Präsenz zu einer Sensibilisierung und Steige-
rung der Akzeptanz von Naturschutzthemen
führt.
Naturschutzberater benötigen regelmäßige
Information und Schulung, um aktuelles und
fundiertes Wissen an die Landnutzer vermit-
teln zu können.
Die Vernetzung aller Akteure (Naturschutz-
berater, UNB, Ehrenamtlicher Naturschutz,
FBZ, Schutzgebietsbetreuer) vor Ort ist ein
wesentlicher Baustein für eine zielgerichtete
Naturschutzberatung.
Auch die zur Verfügung stehenden Natur-
schutz-Fördermaßnahmen beeinflussen die
Erfolgschancen einer Naturschutzberatung.
Naturschutz braucht flexible Maßnahmen mit
angemessener Honorierung, um breite Ak-
zeptanz bei Landnutzern zu erlangen.
Die kontinuierliche Begleitung der Landnutzer
bei der Maßnahmenumsetzung ist neben der
eigentlichen Beratung ein wichtiger Erfolgs-
faktor für die nachhaltige Sicherung von
Naturschutzzielen.
Der Erfolg der Naturschutzberatung bemisst sich
vor allem an der Zahl der informierten und damit
für Naturschutzthemen sensibilisierten Landnut-
zer, sowie dem Umfang und der naturschutz-
fachlichen Qualität der umgesetzten Maßnah-
men. Die zunehmende Zahl interessierter Land-
wirte verdeutlicht, dass die Naturschutzberatung
sich als Instrument etabliert hat. Auch die zu-
nehmende Unterstützungsbereitschaft der be-
teiligten Naturschutz- und Landwirtschaftsbe-
hörden für die Naturschutzberatung trägt zur
steigenden Inanspruchnahme des Beratungsan-
gebotes bei.
Hier ist auch das Ehrenamt aufgefordert, die
Naturschutzberater durch ihre guten Kenntnisse
vor Ort zu unterstützen, sodass eine noch bes-
sere, zielgerichtete Beratung möglich ist.
Daneben kann der Erfolg der Naturschutzbera-
tung natürlich auch daran gemessen werden, wie
viele der beratenen Inhalte dann tatsächlich als
Maßnahmen umgesetzt werden. Das lässt sich
nur schwer quantifizieren, da nicht jede umge-
setzte Maßnahme als Fördermaßnahme bean-
tragt wird. Ein stichprobenhafter Vergleich in der
vergangenen Förderperiode der Antragszahlen
RL AuW/2007 mit den Beratungsergebnissen im
nahme am Betriebsplan Natur abgeben. Die
Naturschutzberatung in Sachsen ist ein gut
etabliertes System mit zunehmender Breitenwir-
kung, was kontinuierlich an die aktuellen Rah-
menbedingungen und Aufgaben angepasst wer-
den muss. Langfristig wird über einen kontinu-
ierlichen Kommunikationsprozess von Landwirt
und Naturschutzberater die generelle Bereit-
schaft zur Umsetzung von Naturschutzmaßnah-
men bei Landnutzern erhöht, der Naturschutz
als „salonfähig“ und als positiver Imagefaktor
für die Landwirtschaft erkannt und damit kön-
nen auch für derzeit schwierig umsetzbare Maß-
nahmen für hochwertige Schutzgüter gemein-
same Lösungen gefunden werden.
6
Weiterführende Informationen
https://www.smul.sachsen.de/foerderung/5525.htm
(einschließlich Zuständigkeitsbereiche und
Kontaktdaten der Naturschutzberater)
http://www.lfulg.sachsen.de/pilotbetrieb-im-betriebs-
plan-natur-7675.html (Betriebsplan des Lehr- und
Versuchsgutes Köllitsch zur Ansicht)
Schneier, c.; KreTzSchMar, ch.
&
KrafT, W.
(2010):
Naturschutzberatung in Sachsen – erste Ergebnisse.
Naturschutzarbeit in Sachsen, 52. Jahrgang, S. 4–13.
Schneier, c.
(2014): Pilotprojekt „Betriebsplan Natur“ –
gesamtbetriebliche Naturschutzberatung in Sachsen.
Naturschutzarbeit in Sachsen, 56. Jahrgang, S. 70–75.
Büchner, S. Scholz, a.
&
WeidT, h.
(2018): Betriebsplan
Natur – Ermittlung der Umsetzung und fachlichen
Wirksamkeit, Erarbeitung eines Betriebschecks als
Grundlage für die Bewertung. Unveröffentlichte
Fallstudie des LfULG.
Jahr 2010 lässt aber eine gute Erfolgsquote ver-
muten (circa 70 Prozent der beratenen Maßnah-
men wurden auch beantragt).
5
Fazit und Ausblick
Die Naturschutzberatung trägt zum beiderseiti-
gen Verständnis von Landwirtschaft und Natur-
schutz bei. Die Naturschutzberater berichten
immer wieder, dass ihnen durch die Gespräche
deutlich wird, welchen Zwängen landwirtschaft-
liche Betriebe heutzutage unterworfen sind. Die
Landwirte sind erstaunt, welche wertvollen
Arten auf ihren Flächen vorkommen, was man
für die Erhaltung oder Verbesserung der Lebens-
räume tun kann, und nutzen die Ergebnisse aus
der Naturschutzberatung (insbesondere aus der
gesamtbetrieblichen Beratung) gern für ihre Öf-
fentlichkeitsarbeit. Zwischen vielen Betrieben
und Naturschutzberatern hat sich inzwischen
ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelt. Zahl-
reiche Landwirte sind durchaus bereit, Maßnah-
men mit Naturschutzrelevanz umzusetzen. Al-
lerdings gerät das Thema im landwirtschaftli-
chen Alltag aus Kapazitätsgründen oft in den
Hintergrund. Daher benötigen die Landwirte
einen Berater der regelmäßig vorbeikommt, in-
formiert und die Naturschutzthemen immer
wieder auf die Agenda setzt.
Zu Beginn ist es wichtig durch eine Angebots-
beratung miteinander ins Gespräch zu kommen.
Geht diese dann in eine langfristige, vertrauens-
volle Zusammenarbeit über, können sukzessive
auch Lösungen für schwierig umsetzbare The-
men gefunden werden. Nachdem sich die Natur-
schutzberatung in Sachsen inzwischen gut eta-
bliert hat, sollen nun prioritäre Naturschutzziele,
wie Natura 2000, stärker in den Fokus gerückt
werden. Ende 2018 gab es einen neuen Aufruf
zur Naturschutzqualifizierung (der aktuelle
Durchgang geht bis Mai 2019), und Landwirte
können voraussichtlich ab Mitte 2019 auch wie-
der eine neue Interessenbekundung zur Teil-

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59
1
Einleitung
Der Fischotter (
Lutra lutra
) galt bis vor kurzer
Zeit in weiten Teilen Deutschlands als ausgestor-
ben. Inzwischen befindet sich die Art wieder in
der Ausbreitung und ist längst zum Symbol einer
naturnahen und lebendigen Flusslandschaft
avanciert.
Als größter einheimischer Marder besiedelt der
Fischotter sowohl Land- als auch Wasserhabi-
tate. Der Fischfresser wurde jedoch lange als
Nahrungskonkurrent des Menschen sowie als
Pelzlieferant bejagt. Auch die sich häufenden
Eingriffe in seinen Lebensraum, wie zum Beispiel
durch Flussregulierung oder Verschmutzung von
Gewässern führten zu einem starken Bestands-
rückgang des Otters. Dies brachte ihm die frag-
würdige Ehre eines Rote Listen Platzes (Katego-
rie 1 – Vom Aussterben bedroht) und der Listun-
gen in den Anhängen II und IV der Fauna-Flora-
Habitat-Richtlinie ein. Durch den Schutz des
Fischotters konnten in den letzten Jahren wieder
positive Bestandsentwicklungen vermerkt wer-
den. In Deutschland sind die größten Bestände
hauptsächlich im Nordosten (Mecklenburg–Vor-
pommern, Brandenburg, Sachsen) zu finden. Von
dort aus breitet sich die Art weiter in den Westen
des Landes aus. Trotz seiner Rückkehr ist der
Fischotter weiterhin gefährdet. Dabei sind vor
allem die Bundesländer mit einer vitalen Fisch-
otterpopulation in der Verantwortung, den
Schutz und die Ausbreitung des Otters zu unter-
stützen. Sachsen ist eines dieser Bundesländer.
Im Jahr 1999 wurde der Fischotter hier noch als
„Vom Aussterben bedroht“ klassifiziert. Aktuell
gilt er durch seine bereits positive Bestandsent-
wicklung nur noch als „Gefährdet“ (z
öphel
et al.
2015). Der Alttierbestand wird auf 400 bis 600
Individuen geschätzt. Dabei liegt das Hauptver-
breitungsgebiet in der Oberlausitzer Heide- und
Teichlandschaft (LfULG 2018). Weitere Nach-
weise liegen aber auch für die südliche Oberlau-
sitz, die Sächsische Schweiz, das Osterzgebirge
und das mittel- und westsächsische Tief- und
Hügelland vor. Sachsen hat somit eine überregi-
onale Verantwortung für den Erhalt des ge-
schützten Fischotters (LfULG 2018).
Bedroht ist der Fischotter heute hauptsächlich
durch Lebensraumzerschneidungen beziehungs-
weise eine Fragmentierung der Landschaft. Eine
große Problematik stellen dabei Brücken ohne
Querungshilfen dar, denn Fischotter passieren
Brücken nur trockenen Fußes. Ist jedoch kein
natürlicher Uferrandstreifen vorhanden, so
scheut sich der Otter die Brücke zu durchwan-
dern und ist somit auf den Wanderrouten in
seiner Ausbreitung behindert. Gefährdet wird der
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 58 – 65
Hallo Nachbar! Ahoj sousede!
Das sächsisch-tschechische
Kooperationsprojekt „Lutra lutra“ zum
Schutz des Fischotters (2017 – 2020)
Anna M. Wolf, Berit Künzelmann, Heike Panzner, Jan Schimkat, Madlen Schimkat,
Uwe Stolzenburg, Marit Deumlich
Abb. 1: Fischotter-Paar (Präparate)
Foto: NSI Dresden e. V., U. Stolzenburg

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zusammen.
Die länderübergreifende Zusammenarbeit soll
nun der Bestandsermittlung und -stärkung der
böhmischen und sächsischen Fischotterpopula-
tionen dienen. Gefördert wird das Projekt durch
das Kooperationsprogramm zur Förderung der
grenzübergreifenden Zusammenarbeit zwischen
dem Freistaat Sachsen und der Tschechischen
Republik 2014 – 2020 mit Mitteln des Europäi-
schen Fonds für regionale Entwicklung der Eu-
ropäischen Union.
Der Fischotter ist in Tschechien durchaus ähnli-
chen, im Detail aber doch verschiedenen Lebens-
bedingungen ausgesetzt wie in Sachsen. Offen-
bar gibt es eine enge Migrationsbeziehung der
Otter zwischen den beiden Ländern. Der Lebens-
Otter zusätzlich, da er bei undurchquerbaren
Brücken versucht, die Hürde über die Straße zu
passieren (DUH 2015). Daher sind mehr als 50
Prozent der Fischotterverluste in Sachsen durch
Kollisionen mit Fahrzeugen begründet (LfULG
2018, NABU
SachSen
2018).
Es sollte folglich das Ziel sein, aktuelle Gefähr-
dungsstellen des Fischotters zu erfassen und
zerstörte Lebensräume wiederherzustellen.
2
Sächsisch–Tschechische Kooperation
In dem seit Oktober 2017 genehmigten Projekt
„Lutra lutra“ arbeitet das Naturschutzinstitut
Region Dresden e. V. mit den tschechischen Kol-
legen aus dem Verein ALKA Wildlife in Lidér˘ovice
und aus dem Museum der Stadt Ústí nad Labem
Abb. 2: Karte der als Wanderkorridore für Fischotter besonders geeigneten Fließgewässer (- abschnitte) im Unter-
suchungsbiet in Sachsen (Quelle der Kartengrundlage: Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen
(GeoSN))
genetische Variabilität und der Genfluss zwi-
schen einzelnen Subpopulationen analysiert
werden. Abgeleitet von den Ergebnissen der
Untersuchungen soll außerdem ein Maßnahmen-
katalog für die Umsetzung praktischer Maßnah-
men zur Stärkung und Sicherung von Fischot-
terhabitaten erarbeitet werden, der dann Besit-
zern und Behörden zur Verfügung gestellt wird.
Ergebnisse des Projektes werden insbesondere
Beschreibungen und Bewertungen geeigneter
Habitate und Wanderkorridore, Vorkommens-
schwerpunkte sowie Gefahrenstellen und Vor-
schläge für deren Entschärfung sein. Zudem
werden die Erkenntnisse zur gegenwärtigen
Verbreitung des Fischotters, seiner genetischen
Variabilität und Populationsstruktur im Unter-
suchungsgebiet zusammengestellt.
Weiterhin soll durch eine intensive Zusammen-
arbeit von Fachleuten, interessierten Bürgern
und Initiativen (Umweltschutz- und Natur-
schutzvereine, Grundstückseigentümer und an-
dere) verbunden mit einer breitenwirksamen
Öffentlichkeitsarbeit das Bewusstsein für den
Fischotter geweckt und das Verständnis für not-
wendige Schutzmaßnahmen gefördert und an-
geregt werden.
Durch das Projekt soll es langfristig zu einer
deutlichen Stabilisierung der Fischotterpopula-
tion im grenzüberschreitenden Raum kommen.
4
Erste Schritte
Für die Untersuchungen zur Verbreitung und Le-
bensraumeignung des Fischotters wurden grenz-
überschreitende Bach- und Flusslaufsysteme für
das Projekt ausgewählt, deren Bäche und Flüsse
als Wanderkorridore zwischen Sachsen und dem
Kreis Ústí in Frage kommen (Abb. 2).
Die besonders für die grenzüberschreitende
Wanderung geeigneten Bach- und Flussläufe
lassen sich in verschiedene Kategorien untertei-
len. Zum einen wurden Bäche, vor allem im
Westteil des Untersuchungsgebietes ausgewählt,
raum der böhmischen Fischotterpopulation liegt
vorwiegend im tschechischen Teil des Erzgebir-
ges und im Erzgebirgsvorland. Dieses wird von
Wasserläufen des Gebirgs- und Vorgebirgsraums
durchzogen. Problematisch sind das geringe
Nahrungsangebot dieser Gewässer sowie die
hohe Umweltbelastung der Tieflandflüsse, die
von Agrar- und Industrielandschaften sowie von
aktiven und aufgegebenen Braunkohltagebauen
umgeben sind. Dieser Lebensraum bietet nur
einem geringen Anteil der böhmischen Fischot-
terpopulation eine Lebensgrundlage. Die böhmi-
sche Fischotterpopulation besitzt nach bisheri-
gem Kenntnisstand nicht die für ihren eigenen
Erhalt notwendige hohe Fortpflanzungs- und
Überlebensrate. Daher kann ihr mittel- und lang-
fristiges Überleben wahrscheinlich nur durch die
ständige Immigration neuer Einzeltiere aus den
Nachbargebieten, vermutlich insbesondere aus
dem Süden Sachsens, gesichert werden. Andere
Populationen weisen nämlich nur einen sehr
eingeschränkten Kontakt zur südböhmischen
Population auf. Dies ist zum einen durch weite
Entfernungen und zum anderen durch die Ab-
hängigkeit von Flusssystemen begründet. Daher
ist die Verbindung der nordtschechischen Popu-
lation zum Gebiet Südsachsens von grundlegen-
der populationsökologischer Bedeutung. Eine
grenzübergreifende Kooperation ist somit für
den Erhalt der tschechischen Fischotterpopula-
tion essentiell.
3
Projektziele
Ein wesentliches Projektziel besteht in der Be-
standsermittlung und darauf aufbauend der
Stärkung grenzübergreifender Fischotterpopu-
lationen. Dafür sollen qualifizierte Kartierungen
und Biotopbewertungen der Fischotterhabitate
erstellt werden. Ein besonderes Augenmerk fällt
dabei auf die Biotopverbundfunktion von Fließ-
gewässern und der Identifikation von Gefahren-
punkten für den Fischotter. Weiterhin soll die

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Abb. 5: Brücke ohne Uferstreifen oder Bermen stellt
eine Gefährdung für wandernde Otter dar.
Foto: NSI Dresden e. V., R. Lott
Abb. 3: Losung Kategorie 1 (ganz frisch)
Foto: NSI Dresden e. V., R. Lott
Abb. 4: Brücke mit beidseitigem Uferstreifen
Foto: NSI Dresden e. V., R. Lott
deren Quellgebiete weit auf tschechischer Seite
liegen und von denen weite Abschnitte als
Grenzbäche ausgeprägt sind. Dazu zählen Flöha,
Pöhlbach, Schwarze Pockau, Natzschung und
Schweinitz. Weiterhin sollen Fließgewässer un-
tersucht werden, deren Quellgebiete in Grenz-
nähe liegen, beziehungsweise die Grenze queren.
Diese sind hauptsächlich in der Osthälfte des
Untersuchungsgebietes zu finden. Dabei handelt
es sich um Biela, Gottleuba, Müglitz, Weißeritz
und die Freiberger Mulde. Zudem werden Bäche
betrachtet, die zwar nicht in den Kammlagen des
Erzgebirges entspringen, jedoch in ihren Quell-
gebieten eine räumliche Nähe zu Bächen haben,
die bis in die Grenzregion reichen. Das sind unter
anderem Bobritzsch und Gimmlitz. Es ist davon
auszugehen, dass diese Bäche ebenfalls geeig-
nete Wanderrouten darstellen.
Auch die rechtselbisch gelegene Wesenitz soll
im Rahmen der Untersuchungen betrachtet wer-
den. Da sie Kontakt zu den südwestlichen Teilen
der Oberlausitz hat, stellt sie eine enge Verbin-
dung zum Hauptverbreitungsgebiet des Fisch-
otters in Sachsen dar und ist somit ein essenti-
elles Bindeglied.
Insgesamt soll so eine Gesamtstrecke von 833
km Fließgewässerlänge betrachtet werden, um
ein repräsentatives Bild über potenzielle Ausbrei-
tungskorridore des Fischotters zwischen den
Gebieten Sachsens und des tschechischen Krei-
ses Ústí zu erhalten. Die ausgewählten Fließge-
wässer werden im Projektzeitraum jährlich auf
Nutzungsspuren des Fischotters, wie beispiels-
weise Kotspuren und Trittsiegel, untersucht
(Abb. 3). Dafür werden vor allem mögliche Aus-
breitungsbarrieren (unter anderem Brücken,
Verrohrungen, Wehre) kontrolliert (Abb. 4) sowie
die Art der Böschungsbefestigung dokumentiert.
Weiterhin werden die untersuchten Ausbrei-
tungsbarrieren hinsichtlich ihrer Gefährdung für
querende Otter eingestuft. Ausschlaggebend
sind hierbei Merkmale wie die Art der Ausbrei-
1 (ganz frisch), Markierungsflüssigkeit sowie
Losungen unterschiedlicher Kategorien an einem
Ort vorgefunden wurden. In Abbildung 6 sind
beispielhaft für einen Teil der bisher untersuch-
ten Gewässer die Eignungen für das genetische
Monitoring kartografisch dargestellt.
Auch die unterschiedlichen Gefährdungsgrade
der Ausbreitungsbarrieren für wandernde Fisch-
otter wurden bewertet. Von den 312 untersuch-
ten Kreuzungsstellen wurde bislang für 43 Stel-
len eine hohe Gefährdung (13,7 Prozent) festge-
stellt (siehe Abbildung 7). Dies ist oftmals der
Fall, wenn keine natürlichen Uferstreifen oder
Bermen vorhanden sind und der wandernde
Fischotter die Ausbreitungsbarriere nur passieren
kann, indem er den Weg über die Straße nimmt.
Je stärker die Straße frequentiert wird (beispiels-
weise hohe Frequentierung bei Bundesstraßen),
tungsbarriere, das Vorhandensein von Uferrand-
streifen oder Bermen sowie der querende Stra-
ßentyp (Abb. 5).
5
Erste Ergebnisse
Zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 wur-
den auf sächsischer Seite bereits an allen Bach-
und Flussläufen des Untersuchungsgebietes
Erfassungen durchgeführt. Insgesamt wurden
dabei bisher 312 Kreuzungsstellen (beispiels-
weise Brücken) untersucht. An 136 dieser Kreu-
zungsstellen (43,6 Prozent) wurde Fischotterlo-
sung verschiedener Kategorien (sehr frisch,
frisch oder alt) vorgefunden. Anhand der Lo-
sungsfunde wurde anschließend eingeschätzt,
ob sich die jeweilige Kreuzungsstelle für das
weitere genetische Monitoring eignet. Aus-
schlaggebend ist dabei, ob Losung der Kategorie
Abb. 6: Geeignete Orte für das genetische Monitoring entlang untersuchter Bachläufe (Quelle der Kartengrundlage:
Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen (GeoSN))

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ottergerechte Ausgestaltung von Pufferstreifen
entlang von Gewässern und die Revitalisierung
von Teichen. Ziel ist es, in einem ersten Umset-
zungsschritt, zwei bis drei Hektar Fläche für
solche Maßnahmen des Fischotterschutzes mo-
dellhaft umzusetzen.
Ausblick
Im Laufe des Jahres werden die Untersuchungen
der Flüsse und Bachläufe fortgeführt. Weiterhin
soll mit dem genetischen Monitoring an ausge-
wählten Kreuzungsstellen begonnen werden. Dabei
sollen auch Wildtierkameras zum Einsatz kommen.
Öffentlichkeitsarbeit ist ebenfalls ein wichtiger
Bestandteil der Projektarbeit. Diese umfasst vor
allem die Information für Betroffene (wie Angler,
Grundstücksbesitzer), politische Entscheidungs-
träger sowie die breite Öffentlichkeit.
desto höher ist auch das Kollisionsrisiko des
Fischotters mit Fahrzeugen und entsprechend
hoch ist die Gefährdung der Kreuzungsstelle.
An den als „hoch gefährdet“ gekennzeichneten
Ausbreitungsbarrieren können in den folgenden
Projektschritten Maßnahmen zur Verbesserung
der Situation des Fischotters ansetzen. Wirksame
Maßnahmen im Fischotterschutz wären bei-
spielsweise Querungshilfen, die Entwicklung
eines durchgängigen Gewässernetzes im Sinne
einer ökologischen Gewässerentwicklung sowie
die Lebensraumaufwertung von Land- und Tritt-
steinbiotopen. Im Rahmen des Projektes soll
erarbeitet werden, welche dieser Maßnahmen
eingeplant werden und wie diese kurz- oder zu-
mindest mittelfristig umgesetzt werden können.
Mögliche Maßnahmen wären beispielsweise der
Einbau von Otterbermen, die Anlage und fisch-
Abb. 7: Anteil bisher untersuchter Kreuzungsstellen mit hoher Gefährdung (n=43). (Quelle der Kartengrundlage:
Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen (GeoSN))
Das Kooperationsprojekt „Lutra lutra“ ist auf drei
Jahre angelegt und wird bis ins Jahr 2020 fort-
geführt.
Literatur
DUH –
deuTSche uMWelThilfe
(2015): Neue Wege für den
Fischotter. Jahresbericht 2015, S. 10–11.
haupT, h.; ludWig, g.; gruTTKe, h.; BinoT-hafKe, M.; oTTo, c.
&
pauly, a.
(red.) (2009): Rote Liste gefährdeter Tiere,
Pflanzen und Pilze Deutschlands – Band 1: Wirbeltiere.
Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg, 386 S.
NABU
SachSen
naTurSchuTzBund SachSen
(2018):
Der Fischotter – Wo der Otter noch fischt. https://
sachsen.nabu.de/tiereundpflanzen/saeugetiere/21836.
html, zuletzt aufgerufen am 15.01.2018.
LfULG –
SächSiScheS landeSaMT für uMWelT, landWirTSchafT
und geologie
(Hrsg.) (2018): Fischotter (
Lutra lutra
)
- FFH Art 1355.
https://www.umwelt.sachsen.de/
umwelt/natur/18225.htm, zuletzt aufgerufen am
11.01.2018.
zöphel, u.; Trapp, h.
&
WarnKe-grüTTner, r.
(2015): Rote
Liste der Wirbeltiere Sachsens – Kurzfassung. https://
www.umwelt.sachsen.de/umwelt/download/natur/
RL_WirbeltiereSN_Tab_20160407_final.pdf
Autor
Anna M. Wolf
Naturschutzinstitut Region Dresden e. V.
Weixdorfer Str. 15
01129 Dresden
nsi-dresden@naturschutzinstitut.de
Abb. 8: Gelobtbach Markierung mit Fischschuppen und Gräten
Foto: NSI Dresden e. V., U. Stolzenburg

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67
… und das seit nunmehr zwanzig Jahren. Jedes
Jahr aufs Neue setzt sich die NAJU am Himmel-
fahrtswochenende in Bewegung, um Wald, Wie-
sen und Flüsse quer durch Sachsen oder an der
sächsischen Grenze zu bereisen. Angefangen
1997 in der Dresdner Naturschutzstation Dach-
senberg, machte das HIFA-Camp 2004 sogar Halt
im Thüringer Pleißetal in Windischleuba, 2003
und 2016 im sachsen-anhaltinischen Radis und
zum zwanzigjährigen Bestehen 2017 im bran-
denburgischen Annahütte. Ortskundige Referen-
tInnen, idealerweise aus der örtlichen NABU-
Gruppe, bringen uns bei Exkursionen zu Fuß, per
Rad oder Boot die jeweilige Landschaft näher.
Auf welche Weise nutzt der Mensch die Natur?
Wie schuf er aus dem vorgegebenen Naturraum
den vorliegenden Kulturraum? Welche Folgen
haben diese Eingriffe – sowohl negative als auch
positive für die Arten- und Biotopvielfalt?
Es gilt aber nicht nur zu gucken, sondern mitan-
zupacken! Mit einem Arbeitseinsatz wird der
praktische Naturschutz vor Ort unterstützt.
„Vom Tümpelausheben, Unkrautjäten im Kräuter-
garten, der Errichtung eines Weidenpavillons,
von Zäunen oder Lesesteinhaufen und der Pflege
einer Katzenpfötchenwiese war schon vieles
dabei”, erinnert sich Anja Schenk. Sie nimmt seit
dreizehn Jahren teil und hat die letzten fünf
HIFA-Camps hauptverantwortlich zusammen mit
weiteren NAJU Sachsen-Aktiven organisiert:
„Für mich bedeutet HIFA, in der Natur unterwegs
sein, neue Leute kennenlernen, Spaß haben, sich
vernetzen, Erfahrungen austauschen und – ganz
wichtig – Neues lernen und erleben.“
Um die 35 Menschen zwischen zwölf und dreißig
Jahren versorgen sich selbst in der Gruppe, neh-
men an Naturpädagogik-Workshops im Wald und
Geocachingtouren vor Ort, sowie ganztägigen
Paddel- und Radtouren teil – zum Beispiel 2014
auf der Kleinen Spree, 2016 entlang der Mulde
ab Eilenburg oder 2017 zum Tagebau Welzow II
mit einem Abstecher zur Lausitzer Seenplatte.
„Ich habe noch nie so nah an der Abrisskante
eines noch in Betrieb seienden Tagebaus gestan-
den“, resümiert Robert. Der 17-jährige war 2017
zum sechsten Mal dabei und erstmalig auch Teil
des Vorbereitungsteams. Auch für Anne hielt das
letztjährige HIFA-Camp eine besondere Neue-
rung bereit: 1999 war sie zum ersten Mal in
Steinbach mit dabei, zuletzt dann 2009 in Frei-
berg und nun zum ersten Mal mit ihrem Mann
und den zwei Kindern.
Eine Rückschau auf den Arbeitseinsatz beim
HIFA-Camp 2017: Nach über 30 km Anfahrt per
Rad und noch gut 15 Minuten zu Fuß mit dem
Werkzeug in der Hand vorbei an im Raster oder
Reihen angeordneten Arnika-Ansiedlungver-
suchsflecken lag sie dann endlich vor uns: Die
Katzenpfötchenwiese. „Und wo sind die Katzen-
pfötchen?“ – „Die müssten im hinteren Bereich
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 66 – 69
Raus in die Natur, Leute treffen,
vor Ort wirksam sein –
das HIFA-Camp der NAJU Sachsen
Werner Hentschel
dgut. Die vom Bergwiesencamp Rechen-Erfah-
renen übernahmen kurzerhand die Gruppenlei-
tung und wiesen in die Kunst des Treppenschwa-
dens ein (s. Abb. 3). Die sommerlichen
Temperaturen und die Verzahnung des alten
Mahdguts im stehenden Grün vereinfachten die
Arbeit nicht unbedingt, aber zusammen war die
vorgesehene Fläche rasch beräumt, nach etwa
einer Stunde traf die Ablösung ein. Die Fahrrad-
bestückten Gruppenteile wechselten zwischen
Lobentour und Wieseneinsatz. Über einen Gra-
ben hinweg wurde auf eine andere Fläche um-
gesetzt und auch diese beräumt. Der vor Ort
betreuende Naturranger lief gemächlich
schmauchend mit der sich jeweils langsam über
die Wiese vorrückenden Gruppe mit und plau-
derte aus dem Nähkästchen: Wir erfuhren vom
stehen. Die sind allerdings sehr unscheinbar, da
müsste ein Messpunkt eingelassen sein.“ Nach
einigem Suchen war der Messpunkt gefunden
und die winzigen Blüten rings um ihn auch. Ge-
pflegt werden sollte aber ein anderer Teil der
Fläche, auf dem der Flächennutzer noch im ver-
gangenen Jahr zwar gemäht, aber nicht be-räumt
hatte. Einige in der Gruppe hatten schon mit der
Pflege der Wiese an der Naturschutzstation
Dachsenberg oder der Wiesen am Fichtelberg
beim Bergwiesencamp Erfahrungen gesammelt.
Bei Ihnen gingen die Augenbrauen in die Höhe:
Es wurde also gemulcht – im Naturpark? Das
geht nicht, hatten sich natürlich auch die Natur-
ranger gesagt und waren deshalb froh, dass wir
im Vorfeld des HIFA-Camps nach einem Arbeits-
einsatz fragten. Also runter mit dem alten Mah-
Abb. 1: Gut gelaunt beschließen die Teilnehmenden das HIFA-Camp 2016 in Radis.
Foto: H. Lueg

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gibt auch Nadelbaum-Misteln – deutlich bekannt
waren bislang nur die auf Pappeln aus der Vor-
Studienzeit in Magdeburg. Und: Warum sind auf
Kirchendächern nicht mehr Solaranlagen? Im
Gespräch einvernehmlich wurde festgestellt,
dass das eine durchaus sinnvolle Kombination
aus baulicher Eignung (Ostung vieler Kirchen
Versuch der Arnika-Wiederansiedlung, vom Aus-
wilderungsprojekt für Auerhuhn im Naturpark,
Schwierigkeiten in der Pflege der Naturparkflä-
che und und und. Drei Erkenntnisse blieben dem
Autor dieser Zeilen besonders in Erinnerung: Es
gibt auch Hutekiefern – die waren deutlich im
Hinterland der beräumten Fläche zu sehen. Es
Abb. 2: Jedes Jahr eine andere Region in oder um Sachsen erkunden. An diese Orte verschlug es die NAJU Sachsen in
den letzten 20 Jahren.
Plakat erstellt: Werner Hentschel
und passende Dachneigung) und gesellschaftli-
chen Auftrag wäre. Das Mahdgut wurde in Big-
packs geräumt und weit abseits der Fläche neben
Heurollen abgelegt. Auf der Rückfahrt zum Lo-
benturm wurde sich über die Wiedervernäs-
sungsflächen am Wegrand ausgetauscht. Nach
einer Verschnaufpause am Lobenturm mit zwei
Notreparaturen an Fahrrädern hieß es für das
Gros der Gruppe wieder 30 km Rückfahrt – al-
lerdings mit Pause am Badegewässer. Während
die Autofahrer noch einen dringend nötigen
Zwischeneinkauf erledigen und die später an-
kommenden Radfahrer im Camp mit frischen
Erdbeeren aus einer Kleinanbauinitiative und
frischem Brot zum abendlichen Eintopf für die
60 bis 70 km Radfahren belohnen konnten.
Wer nun neugierig geworden ist, den laden wir
zum nächsten HIFA-Camp vom 29. Mai bis
2. Juni 2019 in die Zschopauaue ins Natur- und
Freizeitzentrum Töpelwinkel ein. Die NAJU Sach-
sen freut sich auf neue Teilnehmende und Refe-
renten und auch über Ortsvorschläge für die
kommenden Jahre und vor allem auf Erfahrun-
gen, Erkenntnisse und Erlebnisse.
Autor
Werner Hentschel
werner.hentschel@naju-sachsen.de
Abb. 3: Im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft wurde 2017 bei der Pflege einer Katzenpfötchen-Wiese mit
angepackt. Veteranen des Bergwiesencamps zeigen den anderen NAJUs wie das „Treppenschwaden“ funktioniert.
Foto: M. Kürner

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1
Einleitung
Der Aufbau und das Management des EU-weiten
Schutzgebietssystems NATURA 2000, bestehend
aus den Fauna-Flora-Habitat- (FFH-) und Vogel-
schutzgebieten (SPA), stellen für die Natur-
schutzarbeit in der EU, Deutschland und Sachsen
seit mehr als 20 Jahren eine große Herausforde-
rung dar. Die ehemalige Bundesumweltministe-
rin Frau Hendricks hat im 25-jährigen Jubiläums-
jahr der FFH-Richtlinie 2017 resümiert, dass die
NATURA 2000-Richtlinien und ihre Umsetzung
ein echter Meilenstein für den Naturschutz in
Europa sind. Vorgebrachte Zweifel an der Eig-
nung und Wirksamkeit dieser EU-Naturschutz-
richtlinien wurden durch den „Fitness Check“ der
EU-Kommission widerlegt (EK 2016).
In jeweils drei Meldetranchen wurden in Sachsen
insgesamt 270 FFH-Gebiete sowie 77 SPA (Spe-
cial Protection Areas, EU-Vogelschutzgebiete)
ausgewiesen und seitens der EU-Kommission als
sächsischer Beitrag zum NATURA 2000-Schutz-
gebietssystem bestätigt. Dieses umfasst sach-
senweit 292.777 Hektar und damit 15,9 Prozent
der Landesfläche. Die rechtliche Sicherung er-
folgte durch Erlass von sogenannten Grund-
schutzverordnungen für SPA im Jahr 2006 und
für die FFH-Gebiete im Jahr 2011, wobei die
Einzelverordnungen 2012 zu zwei Sammelver-
ordnungen zusammengefasst wurden. Zwischen
2002 und 2014 wurden Managementpläne für
alle FFH-Gebiete (Truppenübungsplatz Oberlau-
sitz in Verantwortung des Bundes läuft noch)
und ausgewählte SPA erarbeitet.
Nachdem die Managementplanung für FFH-
Gebiete und die rechtliche Sicherung der Vogel-
schutz- und FFH-Gebiete in Sachsen abgeschlos-
sen und auch in Deutschland insgesamt weit
vorangeschritten sind, müssen die Hauptan-
strengungen auf die Umsetzung von Maßnah-
men zur Erhaltung und Entwicklung, die Fort-
schreibung der Maßnahmenplanung, die regel-
mäßigen Berichtspflichten und auch auf die
Öffentlichkeitsarbeit gelegt werden. Umfragen
haben ergeben, dass NATURA 2000 in weiten
Teilen der Bevölkerung nach wie vor unbekannt
ist. Ein Ziel bei der Umsetzung ist deshalb auch,
den Bekanntheitsgrad von NATURA 2000 zu
steigern. Nur was man kennt, lernt man achten
und schützen. Die Öffentlichkeitsarbeit zu
NATURA 2000 soll in diesen Sinne dazu bei-
tragen, die Ziele der FFH- und Vogelschutz-
Richtlinien umzusetzen und langfristig einen
günstigen Erhaltungszustand der NATURA
2000-Schutzgüter zu erreichen.
2
Bekanntheit von NATURA 2000
Obwohl das NATURA 2000-Netzwerk ein ganz
zentraler Beitrag zum Erhalt der Arten und ihrer
Lebensräume in Europa ist, wird NATURA 2000
in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum oder aber
als Verhinderer/Verzögerer von Infrastrukturpro-
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 70– 75
Kurzfilmreihe zu NATURA 2000 in Sachsen
Maik Denner, Ines Thiele, Andreas Ihl
jekten wahrgenommen. Im Gegensatz etwa zur
Gewässer- und Luftreinhaltung konnte bei der
Erhaltung der Biodiversität trotz vieler Einzeler-
folge bisher keine generelle Trendumkehr erreicht
werden.
Während die Naturbewusstseinsstudie des Bun-
desamtes für Naturschutz von 2015 als Umfra-
geergebnis enthält, dass 78 Prozent der Befrag-
ten den Begriff „Biologische Vielfalt“ kennen
bzw. davon gehört haben (BMUB
&
BfN 2016),
ist der Bekanntheitsgrad von „NATURA 2000“
viel geringer. So zeigt das Eurobarometer zur
Biodiversität von Oktober 2015 (EC 2015) für
Deutschland, dass 83 Prozent der repräsentativ
Befragten „noch nie etwas vom Netzwerk NA-
TURA 2000 gehört haben“. Nur fünf Prozent
„haben davon gehört und wissen was das ist“
(Abb. 1). Damit liegt Deutschland noch hinter
dem EU28-Durchschnitt (73 Prozent bzw. 10
Prozent). Für Sachsen ist ebenfalls davon aus-
zugehen, dass NATURA 2000 vorwiegend bei
Fachleuten und einem Teil der Landnutzer in
NATURA 2000-Gebieten mehr oder weniger gut
bekannt ist.
3 Kurzfilmreihe NATURA 2000 in Sachsen
Dem dargestellten Handlungsbedarf in Bezug
auf die Öffentlichkeitsarbeit (ÖA) folgend, die
Ziele und den Nutzen von NATURA 2000 bekann-
ter zu machen, hat das SMUL gemeinsam mit
Behörden in seinem Geschäftsbereich eine acht-
teilige Kurzfilmreihe zu NATURA 2000 in Sachsen
beauftragt und fachlich begleitet. Die Produktion
der Kurzfilme erfolgte durch die unter anderem
auf die Erstellung von Natur- und Imagefilmen
spezialisierte Simank-Film GbR aus Bautzen. Ein
Einführungsfilm beleuchtet Zahlen, Fakten und
Hintergründe des Schutzgebietsnetzwerks. Zur
Kurzfilmreihe gehören weiterhin sieben jeweils
ca. 15- bis 18-minütige Regionalfilme über
NATURA 2000 in Sachsen (Abb. 2 und Tab. 1).
Die Kurzfilmreihe ist Bestandteil einer noch in
der Abstimmung befindlichen ÖA-Strategie, wel-
che NATURA 2000 berücksichtigt.
Die Regionalfilme stellen Besonderheiten der
jeweiligen Regionen und ihrer NATURA 2000-Ge-
biete detaillierter vor. Die sieben Regionen wur-
den nach naturräumlichen Haupteinheiten des
Bundes abgegrenzt. Die Regionalfilme enthalten
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10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
EU28
Deutsch-
land
10%
16%
73%
1%
10%
Davon gehört und weiß, was es ist
5%
83%
2%
Niemals davon gehört
Davon gehört, aber ich weiß nicht, was es ist
Weiß nicht, keine Angabe
Frage: Haben Sie schon einmal vom NATURA 2000-Netzwerk gehört?
Abb. 1: Bekanntheit des NATURA 2000-Netzwerks in Deutschland und im Durchschnitt der EU28 (Quelle: EC 2015)

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|
|
73
neben eindrucksvollen Naturbildern zahlreiche
Aussagen und Meinungen von Land-, Forst- und
Teichwirten, ehrenamtlichen und amtlich tätigen
Naturschützern, Verbands- und Kommunalver-
tretern sowie im Tourismus und anderen Bran-
chen Tätigen. Diese haben dankenswerterweise
die Erstellung der einzelnen Kurzfilme unentgelt-
lich unterstützt und inhaltlich bereichert.
Die Kurzfilme sollen anschaulich und regional
bezogen einem breiten Publikum wie auch spe-
Abb. 2: Titelbilder der 8-teiligen Kurzfilmreihe NATURA 2000 in Sachsen
(Quelle: Internet SMUL, Umweltportal,
https://www.umwelt.sachsen.de)
Abb. 3: Äugen-App des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft
Foto: SMUL, I. Thiele
im YouTube-Kanal des Freistaates Sachsen:
Link zur Playlist
https://www.youtube.com/
playlist?list=PLouPT0Qs67pDzDsmTDasvt
DwD-Stv_EyC) und
auf der NATURA 2000-Webseite des LfULG:
http://www.natura2000.sachsen.de.
zifischen Zielgruppen der „Jungen Leute“ und
„Flächeneigentümer/Landnutzer“ die Möglichkeit
geben, sich mit dem Schutzgebietsnetzwerk
NATURA 2000 bekannt zu machen, verschiedene
Akteure kennenzulernen und sich gleichzeitig mit
der Natur – quasi vor der Haustür – zu identifi-
zieren. In den Mittelpunkt der Filme wurden vor
dem Hintergrund des wesentlichen Ziels, den
Bekanntheitsgrad von NATURA 2000 zu erhöhen,
nicht Probleme der Umsetzung oder vertiefende
Fachinformationen gestellt, sondern die Schön-
heit der heimatlichen Natur und die Menschen,
welche sich für den Schutz und die Pflege dieser
Natur engagieren. Real erlebbare NATURA
2000-Gebiete mit ihren Besonderheiten, deswei-
teren Meinungen und Statements von an der
Umsetzung beteiligten Akteuren und positive
Umsetzungsbeispiele sollen zum Kennenlernen,
Mitmachen oder Nachahmen anregen.
Die Premiere der Kurzfilmreihe fand am 14. Mai
2018 auf der Dialogkonferenz Nachhaltigkeit in
Dresden statt.
Die acht Filme der Kurzfilmreihe sind seitdem als
einzelne Streams abrufbar
Titel der Kurzfilme
Länge in min
Einführungsfilm:
NATURA 2000 in Sachsen – Zahlen, Fakten, Hintergründe
11:27
7 Regionalfilme
NATURA 2000 im Erzgebirge
16:59
NATURA 2000 im Sächsischen Hügelland
&
Erzgebirgsvorland
15:40
NATURA 2000 im Vogtland
17:10
NATURA 2000 im Elbe-Mulde-Tiefland
17:31
NATURA 2000 – Nationalparkregion Sächsische Schweiz
16:10
NATURA 2000 im Oberlausitzer Heideland
17:51
NATURA 2000 in der Oberlausitz
17:33
Tab. 1: Titel und Längen des Einführungsfilms und der sieben Regionalfilme zu NATURA
2000 in Sachsen
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/39954.htm
Die Kurzfilmreihe ist auch über die „Äugen-App“
abrufbar – neben faszinierenden und spannen-
den Veranstaltungen rund um das Thema Natur
und Naturschutz. Die App des Staatsministeri-
ums für Umwelt und Landwirtschaft kann kos-
tenfrei in den App-Stores von Google, Apple und
Windows heruntergeladen werden.
„Äugen“, die Eule mit den großen Augen, ist das
Maskottchen für die Naturschutzaktionen in
Sachsen unter dem Motto: „Guck nich so! - Pack
mit an!“

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74
|
|
75
der Öffentlichkeitsarbeit des SMUL bleibt das
Thema NATURA 2000 im Blickfeld. Wesentliche
Ziele neuer bzw. ergänzender ÖA-Maßnahmen
sind die Steigerung des Bekanntheitsgrades von
NATURA 2000 und die Bereitstellung zielgrup-
penspezifisch aufbereiteter Informationen, bei-
spielsweise für Schüler, Jugendliche und junge
Erwachsene sowie für Flächeneigentümer und
Landnutzer. Dazu soll die Kurzfilmreihe einen
Beitrag leisten.
Literatur
BMUB
&
BfN (2016): Naturbewusstsein 2015.
Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer
Vielfalt. Berlin und Bonn, 104 S. Online:
https://www.
bfn.de/fileadmin/BfN/gesellschaft/Dokumente/
Naturbewusstseinsstudie2015.pdf
EC - EUROPEAN COMMISSION (2015): Attitudes of
Europeans towards biodiversity. Special Eurobarometer
436, 141 S. Online:
http://data.europa.eu/euodp/en/
data/dataset/S2091_83_4_436_ENG
EK - EUROPÄISCHE KOMMISSION (2016):
Zusammenfassung des Fitness-Checks des
EU-Naturschutzrechts (Vogelschutzrichtlinie und
Habitat-Richtlinie), 5 S. Online:
http://ec.europa.eu/
environment/nature/legislation/fitness_check/
index_en.htm
Autoren
Dr. Maik Denner
Sächsisches Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie
Postfach 54 01 37
01311 Dresden
Maik.Denner@smul.sachsen.de
Ines Thiele, Andreas Ihl
Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft
Wilhelm-Buck-Straße 2
01097 Dresden
Ines.Thiele@smul.sachsen.de,
Andreas.Ihl@smul.sachsen.de
Informationen in den Internetauftritten, ins-
besondere in dem des LfULG, der auch zahl-
reiche Fachinformationen enthält
(www.natura2000.sachsen.de),
Broschüren, Faltblätter und andere Printme-
dien, die zum Teil auch online verfügbar sind,
Fachveranstaltungen,
Fachpublikationen,
Pressemitteilungen und –artikel,
Werbematerialien, beispielsweise Poster,
Postkarten,
digitale Angebote zur mobilen Nutzung
(Äugen-App)
Für ÖA-Maßnahmen zu NATURA 2000 sollte das
NATURA 2000-Logo stets mitverwendet werden
(Abb. 5).
Akteure im Naturschutz können erfolgreich für
die Ziele von NATURA 2000 werben und diese
stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit
bringen. Beispiele hierfür sind die Netzstelle NA-
TURA 2000 des Landschaftspflegeverbandes
Torgau-Oschatz e. V.
(http://www.natura-in-
nordsachsen.de) oder die NATURA 2000-Touren
des Landschaftspflegeverbandes Westerzgebirge
e. V.
(http://www.natura2000-touren.de).
Bei den Abstimmungen zur künftigen Gestaltung
4
Nutzung der Kurzfilme und Einbettung
in die Öffentlichkeitsarbeit zu NATURA
2000
Die Kurzfilme können und sollen breit genutzt
werden, nicht nur auf Veranstaltungen des SMUL
und seines Geschäftsbereiches, sondern auch
von den Institutionen und Behörden der Land-
kreise und Kommunen, vom ehrenamtlichen
Naturschutz, von Naturschutzstationen, Verbän-
den, Stiftungen und anderen interessierten Ak-
teuren. Dabei ist insbesondere an eine Verwen-
dung für Zwecke der Umweltbildung gedacht.
Die Kurzfilme können bei Internetzugang direkt
von den oben stehenden Links gestartet werden.
Bei Bedarf können sie auf Anfrage auch durch
das SMUL zum Download bereitgestellt werden.
Regelmäßig auf Abruf sollten der Einführungs-
film und der jeweilige Regionalfilm in den Um-
weltbildungseinrichtungen der Großschutzge-
biete (Nationalpark, Biosphärenreservat, Natur-
parke) gezeigt werden. Darüber hinaus bietet sich
die Nutzung in der Schul-, Aus- und Fortbildung
an, beispielsweise in naturkundlichen Schul-AGs
und bei der Bildung in Grünen Berufen wie bei-
spielsweise in den Fachschulen des LfULG.
Das SMUL möchte die Leserschaft der Zeitschrift
Naturschutzarbeit in Sachsen ermuntern, als
Multiplikatoren bei der Bekanntmachung der
Kurzfilmreihe NATURA 2000 in Sachsen mitzu-
wirken und die Filme im Rahmen der skizzierten
und weiteren geeigneten Möglichkeiten zu nut-
zen. Zur Bekanntmachung trägt auch eine Ver-
linkung zur Kurzfilmreihe von den eigenen
Homepages bei.
Seit September 2018 gibt es einen Flyer des
SMUL mit dem Titel „Kurzfilmreihe NATURA 2000
in Sachsen“. Der Flyer ist zur Bekanntmachung
von NATURA 2000 und der sächsischen Filmreihe
gedacht und kann über die unten genannten
Ansprechpartner bezogen werden.
Auf der oben genannten NATURA 2000-Webseite
des LfULG sollen künftig Beispiele für innovative
Abb.5: Logo NATURA 2000
(Quelle zum Download:
http://ec.europa.eu/environ-
ment/nature/natura200/resources/logos.htm)
und einfallsreiche Verwendungen der Kurzfilme
präsentiert werden. Wenn Sie ein solches Beispiel
haben und mit der Veröffentlichung im Internet
einverstanden sind, können Sie gerne einen
Kurztext mit Beschreibung und Fotos an die Au-
toren übersenden.
Die Kurzfilmreihe ist ein neuer Bestandteil der
Öffentlichkeitsarbeit des SMUL und seines Ge-
schäftsbereiches zum Naturschutz, speziell zu
NATURA 2000. Weitere, bereits etablierte ÖA-
Maßnahmen hierzu sind
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Kurzfilmreihe
NATURA 2000 in Sachsen
Abb. 4: Flyer des Staatsministeriums für Umwelt und
Landwirtschaft zur Kurzfilmreihe NATURA 2000 in
Sachsen
Kurzfilmreihe
Natura 2000 in Sachsen

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Im Jahr 2017 wurden zwei neue NSG ausgewie-
sen. Es handelt sich um Feuchtgebiete in der Aue
und Niederterrasse der Großen Röder im Land-
kreis Meißen. Ein drittes NSG wurde neu verord-
net und erweitert.
Die drei NSG werden im Folgenden kurz vorge-
stellt. Die angeführten Daten entstammen den
naturschutzfachlichen Würdigungen der NSG
(PNS 2016, RANA 2016) und eigenen Beobach-
tungen. Die Schutzgebietskarten und -verzeich-
nisse stehen im Internet unter
http://www.um-
welt.sachsen.de/umwelt/natur/8047.htm.
Auf dem Gebiet des Landkreises Mittelsachsen
wurde das Landschaftsschutzgebiet Mulden-
und Chemnitztal neu verordnet. Die anderen
Teile des kreisübergreifenden Gebietes bleiben
unverändert. Weitere Veränderungen bei LSG
beschränken sich auf Ausgliederungen einzelner
Grundstücke bzw. Grundstücksteile.
NSG D 25 Schönbrunner Berg
(Landkreis Görlitz)
56,63 ha
Der Schönbrunner Berg ist eine Basaltkuppe bei
Großhennersdorf (südöstliche Oberlausitz). Das
Naturschutzgebiet von 1961 wurde im Handbuch
der NSG beschrieben (SMUL 2009). Es steht vor
allem wegen seiner strukturreichen naturnahen
Laubmischwälder mit einer reichen mesophilen
Basaltflora unter Schutz.
Mit dem Inkrafttreten der neuen NSG-Verord-
nung wurde das Gebiet erweitert. Zu den Erwei-
terungsflächen gehören ein Laubholzforst im
Nordwesten des NSG und ein Teil des östlich an
das Alt-NSG angrenzenden Oberwaldes, der na-
hezu die gesamte Ostflanke des Schönbrunner
Berges bedeckt. Diese Fläche ist Teil des Natio-
nalen Naturerbes, das für Naturschutzzwecke
aus dem Bundeseigentum an das Land Sachsen
übertragen wurde.
Die Erweiterungsflächen enthalten weitere Be-
stände der wertvollen Waldgesellschaften, die
bereits im Alt-NSG vorkommen, darunter teil-
weise artenreiche mesophile Buchenwälder, Ei-
chen-Hainbuchenwälder und edellaubholzreiche
Mischwälder, aber auch Vorwälder und Forstbe-
stände, die unter Ausnutzung der Naturverjün-
gung umgebaut werden sollen.
Besonders hervorzuheben sind Bestände des in
Sachsen sehr seltenen Waldgersten-Buchenwal-
des, ein über 150-jähriger Buchen-Altbestand und
Vorkommen des Violetten Sitters (
Epipactis pur-
purata
), der Knäuel-Glockenblume (
Campanula
glomerata
) und der Flechte
Ramonia interjecta
.
Faunistische Untersuchungen zeigen eine reiche
Fledermausfauna und bedeutende Vorkommen
holzbewohnender Käfer, darunter die Bockkäfer
Anaesthetis testacea
und
Oplosia cinerea
.
Entwicklungsziel im NSG sind naturnahe, struk-
turreiche Laubwaldbestände mit einem hohen
Anteil an starkem Totholz und Biotopbäumen
sowie einer artenreichen Bodenflora. Bestände,
die diesem Ziel entsprechen, sollen aus der Nut-
zung genommen und der natürlichen Waldent-
wicklung überlassen werden, sofern sie nicht
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 60. Jahrgang 2018 Seite 76 – 81
Schutzgebiete in Sachsen 2017
Friedemann Klenke
Abb. 1: Blick auf den Schönbrunner Berg von Westen
bei Regen
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, F. Klenke
Abb. 2: NSG Schönbrunner Berg (Landkreis Görlitz), Herausgeber: Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft
und Geologie, Geobasisdaten: [CopyrightZeichen] 2017, Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung in
Sachsen (GeoSN)
einer gezielten Pflege bedürfen. Ein Problem
stellt der Neophyt Kleines Immergrün (
Vinca
minor
) dar, der in mehreren größeren inselarti-
gen Flächen bereits die Bodenvegetation domi-
niert und sich weiter im Gebiet ausbreitet.
NSG D 111 Vierteich Freitelsdorf
(Landkreis Meißen)
59,79 ha
Das neue Naturschutzgebiet umfasst außer dem
Vierteich den östlich davon gelegenen Pferde-
teich und das nördlich davon befindliche Vier-
teichmoor – ein Zwischenmoor, das früher eben-
falls ein Teich war (Eckarteich). Es befindet sich
zwischen Radeburg und Großenhain nordöstlich
von Freitelsdorf auf der Niederterrasse der Gro-
ßen Röder aus der Weichselkaltzeit. Auf kiesigen
Mittel- bis Grobsanden haben sich Podsolböden
entwickelt, die in Grundwassernähe in Sand-
Gleye und Kiessand-Rosterden, im Nordosten in
Niedermoorböden übergehen.
Bereits 1933 wurde die Unterschutzstellung des
mehr als 20 Hektar großen Vierteichs wegen
seiner Vogelwelt angestrebt – damals war hier
eine Lachmöwenkolonie – es kam jedoch nicht
dazu. Zum Schutz des Vierteichmoores wurden

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1982 zwei Flächennaturdenkmale etabliert, ein
drittes galt der Feuchtwiese zwischen Pferde-
teich und Vierteichmoor. Das neue NSG will nun
das Gesamtgebiet nachhaltig und störungsarm
bewahren, entwickeln und wiederherstellen. Die
wesentlichen Flächen befinden sich im Eigentum
anerkannter Naturschutzverbände (Landesverein
Sächsischer Heimatschutz und NABU Sachsen).
Der Vierteich ist zur fischereilichen Nutzung ver-
pachtet und wird ohne Besatz und Zufütterung
bewirtschaftet. Er ist als naturnaher mesotro-
pher Teich eingestuft. Im Vierteich leben Fisch-
otter (
Lutra lutra
), Biber (
Castor fiber
), Moor-
frosch (
Rana arvalis
), Laubfrosch (
Hyla arborea
),
Knoblauchkröte (
Pelobates fuscus
) und zahlrei-
che Wasserinsekten, beispielsweise Libellen. Er
ist Brut- und Nahrungshabitat zahlreicher Vo-
gelarten und ein störungsarmer Rastplatz für
Zugvögel. Zu den Brutvögeln gehören Rohrdom-
mel (
Botaurus stellaris
), Kranich (
Grus grus
),
Rohrweihe (
Circus aeruginosus
), Schnatter- und
Knäkente (
Anas strepera, A. querquedula
) sowie
Rohrschwirl (
Locustella luscinioides
). Als Was-
serpflanzen kommen Froschbiss (
Hydrocharis
morsus-ranae
) und Ähriges Tausendblatt (
My-
riophyllum spicatum
) vor. Bemerkenswert sind
die Teichbodengesellschaften seiner Austrock-
nungsbereiche mit Zypergras-Segge (
Carex bo-
hemica
), Dreimännigem Tännel (
Elatine trian-
dra
), Ei- und Nadel-Sumpfsimse (
Eleocharis
ovata, E. acicularis
). Im Osten des Teiches schlie-
ßen sich eine ausgedehnte Röhrichtzone, im
Süden eher Großseggenrieder an.
Vierteich, Pferdeteich und das Vierteichmoor sind
durch Gräben miteinander verbunden und wer-
den im Nebenschluss durch den Dobrabach ge-
speist. Das Gebiet ist jedoch stark von Nieder-
schlägen abhängig, unterliegt seit Jahren deutli-
chen Wasserspiegelschwankungen und weist
keine stabilen Grundwasserverhältnisse auf. Dazu
trugen in den 1970er Jahren landwirtschaftliche
Meliorationen in der Umgebung und der Ausbau
des Dobrabach-Umfluters, aber auch in den
1990er Jahren eine Erhöhung der Trinkwasser-
förderung im Wasserwerk Rödern bei. So ist das
Wasserdargebot im Vierteich und vor allem im
Vierteichmoor im Sommer und Herbst oft unge-
nügend. Der Pferdeteich liegt seit 2007 brach, in
ihm kam früher die Kleine Seerose (
Nymphaea
candida
) vor. In den letzten Jahren wird auf Basis
zweier hydrologischer Gutachten versucht, den
Gebietswasserhaushalt kurzfristig wieder zu ver-
bessern und mittelfristig zu sanieren.
Das Vierteichmoor ist infolgedessen deutlich
beeinträchtigt. In den offenen Moorkern (2,3 ha)
wandern Schilf (
Phragmites australis
) und Erlen
(
Alnus glutinosa
) ein, die als Folge von Torf-
sackung mit Nährstoffmobilisation gedeutet
werden können. Als bemerkenswerte Pflanzen-
arten sind Wasserschierling (
Cicuta virosa
), Was-
serfeder (
Hottonia palustris
), Strauß-Gilbweide-
rich (
Lysimachia thyrsiflora
) und Sumpf-Reitgras
(
Calamagrostis canescens
) zu nennen. Verschol-
len sind Fieberklee (
Menyanthes trifoliata
),
Schlangenwurz (
Calla palustris
), Moosbeere
(
Vaccinium oxycoccos
), Lungen-Enzian (
Genti-
ana pneumonanthe
) und Rundblättriger Son-
nentau (
Drosera rotundifolia
). 1982 wurde aus
einem Tagebauvorfeld in Südbrandenburg der
Abb. 3: NSG Vierteich Freitelsdorf
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, F. Klenke
Gagelstrauch (
Myrica gale
) eingebracht. An Wei-
den am Waldrand legt der Große Schillerfalter
(
Apatura iris
) seine Eier ab.
Die zwischen den Teichen liegenden Feucht- und
Frischwiesen werden überwiegend gemäht. Am
Südrand des Moores beherbergen sie unter an-
derem Goldschopf-Hahnenfuß (
Ranunculus
auricomus agg.
), Schmalblättriges Wollgras
(
Eriophorum angustifolium
), Wassernabel (
Hyd-
rocotyle vulgaris