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Untersuchungen zum Raum-Zeitverhalten und
zur Abwanderung von Wölfen in Sachsen
Endbericht Projekt "Wanderwolf" (2012 - 2014)
Mai 2015
Ilka Reinhardt & Gesa Kluth

Auftragnehmer:
LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland
Reinhardt & Kluth GbR
Dorfstr. 20, D-02979 Spreewitz
Laufzeit des Vorhabens: 01.01.2012 - 31.12.2014
Der vorliegende Bericht ist der Endbericht einer Untersuchung zum Raum-Zeitverhalten von
Wölfen in Sachsen, die im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem
Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL), der Gesellschaft zum
Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW), dem Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem
Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und dem World Wide Fund For Nature
Deutschland (WWF) durchgeführt wurde.
Auftraggeber:
Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL).
Titelfoto:
Heiko Anders: FT9 ("Frieda") zusammen mit einem zweiten Wolf im
Februar 2014.
Der Bericht gibt die Auffassung und Meinung des Auftragnehmers wieder und muss nicht mit
der Auffassung des Auftraggebers überein stimmen.

1
Inhalt
1. Einleitung
........................................................................................................................... 2
2. Material und Methoden
................................................................................................ 3
3. Ergebnisse
......................................................................................................................... 5
3.1 Kurze Biographie der besenderten Wölfe
....................................................... 6
3.2 Territoriengröße und -Nutzung
........................................................................ 10
3.3 Verschiebung von Territorien
............................................................................ 16
3.4 Abwanderung
.......................................................................................................... 20
3.5 Habitatnutzung
....................................................................................................... 24
3.5.1 Wölfe und Straßen.........................................................................................
29
3.6 Aktivität
..................................................................................................................... 30
4. Diskussion
....................................................................................................................... 36
4.1 Methodendiskussion
............................................................................................. 36
4.1.1 Fang von Wölfen
............................................................................................ 36
4.2 Ergebnisdiskussion
................................................................................................ 38
4.2.1 Territoriengrößen
........................................................................................... 38
4.2.2 Verschiebung von Territorien
.................................................................... 39
4.2.3 Abwanderung
.................................................................................................. 40
4.2.4 Habitatnutzung
............................................................................................... 42
4.2.5 Aktivität
............................................................................................................. 43
4.3 Implikationen für Management und Forschung
......................................... 44
4.4 Öffentlichkeitsarbeit..............................................................................................
45
Danksagung
......................................................................................................................... 47
Literatur
................................................................................................................................. 48

2
1. Einleitung
Der Wolf (
Canis lupus
) ist zurück in Deutschland. 150 Jahre nach seiner faktischen
Ausrottung hat er hier wieder Fuß gefasst. Immer wieder wanderten einzelne Tiere von
Polen in den Osten Deutschlands ein. 2000 wurde die erste Reproduktion in Sachsen
bestätigt. Seither ziehen Wölfe hier regelmäßig Welpen auf. Inzwischen gibt es
reproduzierende
Wolfsrudel
auch
in
Brandenburg,
Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-
Vorpommern und Niedersachsen. Einzelwölfe wurden in Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein,
Nord-Rhein-Westphalen und Rheinland-Pfalz nachgewiesen. Im Monitoringjahr 2013/2014
wurden in Deutschland 25 Wolfsrudel und acht territoriale Paare sowie drei residente
Einzelwölfe bestätigt. Weitere 30 Rudel und Paare wurden in West- und Mittelpolen
nachgewiesen.
Die
Wölfe
in
Deutschland
und
West-/Mittelpolen
gehören
der
mitteleuropäischen
(früher
deutsch-westpolnischen)
Flachlandpopulation
an.
Das
momentane Verbreitungsgebiet dieser Wolfspopulation erstreckt sich von der Weichsel in
der Mitte Polens bis nach Niedersachsen, dem westlichsten Gebiet mit residenten Wölfen in
Deutschland. Das größte zusammenhängende Vorkommensgebiet dieser Population liegt in
der Lausitz, beiderseits der deutsch-polnischen Grenze (Reinhardt et al. 2014).
Noch immer gibt es viele offene Frage, wie Wölfe in Deutschland leben. Wie groß sind die
Gebiete, die sie nutzen? Welche Habitatstrukturen bevorzugen, welche meiden sie? Erste
Antworten darauf hat eine in den Jahren 2009 bis 2011 im Auftrag des Bundesamts für
Naturschutz (BfN) von LUPUS durchgeführte Pilotstudie zu diesem Thema geliefert. Im
Rahmen dieses F+E Vorhabens wurden sechs Wölfe (zwei erwachsene und vier Welpen) mit
GPS-GSM Halsbandsendern ausgestattet. Die Ergebnisse aus diesem Pilotprojekt führten zu
ersten wichtigen Erkenntnissen über das Raum-Zeitverhalten und zur Abwanderung von
Wölfen in Deutschland, machten jedoch gleichzeitig deutlich, dass wesentlich mehr Daten
benötigt werden, um verallgemeinernde Aussagen treffen zu können (Reinhardt & Kluth
2011).
Vor diesem Hintergrund hat das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft (SMUL), unterstützt durch die Projektgruppe „Wanderwolf“ bestehend aus
der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW), dem Internationalen Tierschutz-Fonds
gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und dem World Wide Fund
For Nature Deutschland (WWF), das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in
Deutschland damit beauftragt, im Rahmen des sächsischen Monitorings jährlich mehrere
Wölfe mit einem GPS-GSM Halsbandsender auszustatten, um mehr Informationen über die
Raumnutzung und zum Abwanderungsverhalten der sächsischen Wölfe zu erhalten.

3
2. Material und Methoden
Studiengebiet
Das Untersuchungsgebiet liegt im Osten Sachsens in den Landkreisen Görlitz und Bautzen.
Das Studiengebiet ist überwiegend flach. Lediglich in den Königshainer Bergen und in der
Hohen Dubrau gibt es Erhebungen, bis zu 415 bzw. 307 m. Die Böden sind sandig und meist
mit Kiefernforsten, teilweise auch mit gemischten Eichen-Kiefernwäldern bedeckt. Die
Waldbedeckung beträgt 36 %. Die Bevölkerungsdichte in den Landkreisen Görlitz und
Bautzen liegt bei durchschnittlich 124 bzw. 129 Einwohner pro km², wobei sie im
eigentlichen Studiengebiet sicherlich noch niedriger liegen.
Im Untersuchungsgebiet kommen neben Reh (
Capreolus capreolus
), Rothirsch (
Cervus
elaphus
) und Wildschwein (
Sus scrofa
), auch Damhirsch (
Cervus dama
) und Mufflon(
Ovis
ammon musimon
) als potentielle Beutetierarten vor.
Fang von Wölfen
Die im Rahmen dieses Projektes gefangenen Wölfe wurden mittels Soft Catch Traps (EZ Grip
No.7) gefangen. Soft Catch Traps (SCT) wurden speziell für den unversehrten Fang von Tieren
für Forschungszwecke entwickelt. Bei einer Auslösung wird der Fuß des Tieres von zwei mit
Hartgummi gepolsterten Bügeln festhalten. Dieser Fallentyp ist nach internationalen
Tierschutzstandards (Agreement on international humane trapping standards, AIHTS)
zertifiziert und wird international als effektive und sichere Fangmethode für Wölfe
angesehen.
Die
notwendigen
naturschutzfachlichen
und
tierschutzrechtlichen
Genehmigungen für den Fang von Wölfen lagen vor. Die jeweiligen Flächeneigentümer
waren informiert.
Die SCT wurden mit Fallensendern (Alarmhandy, Fa. Alarmwelt24.de.) ausgestattet, um eine
möglichst geringe Verweilzeit des gefangenen Tieres in der Falle zu gewährleisten. Beim
Auslösen einer Falle wurden die in den Fallensender einprogrammierten Telefonnummern
angerufen. Vom Anruf bis zum Eintreffen vor Ort verging je nach Entfernung des jeweiligen
Territoriums zwischen unter 30 Minuten und knapp über einer Stunde.
Auf dem Truppenübungsplatz (TrÜbPl ) Oberlausitz blieben die Fallen über die kompletten
24 Tagesstunden fängisch gestellt. Der TrÜbPl ist öffentlich nicht zugänglich und die
Fangversuche erfolgten in enger Abstimmung mit dem Bundesforstbetrieb Lausitz sowie der
Kommandantur. Außerhalb des TrÜbPl wurden die Fallen früh morgens geschlossen und
abends bei Einbruch der Dunkelheit wieder fängisch gestellt. Auf diese Weise sollte
verhindert werden, dass Spaziergänger oder Hunde die Fallen auslösten. Je nach Begängnis
in der Nähe der Fallenstandorte wurde bereits vor dem Schließen bzw. noch nach dem
Öffnen der Fallen in deren Nähe gewartet, um etwaige sehr frühe oder späte Spaziergänger
zu bemerken.

4
Die Projektlaufzeit betrug vom 01.01.2012 bis zum 31.12.2014, wobei sich die Fangversuche
auf die Jahre 2012 und 2013 und jeweils auf die Monate März bis Mai beschränkten.
Halsbandsender
Bei den verwendeten Halsbandsendern handelt es sich um GPS-GSM Sender (GPS Plus) der
Firma Vectronic Aerospace (Berlin). Die Sender besitzen eine Satelliteneinheit, um sich via
Satelliten lokalisieren zu können. Die Lokationen werden über das GSM-Netz an ein Modem
mit Computeranschluss gesendet. Außerdem sind die Halsbänder mit einem VHF-Sender
(VHF = very high frequency) ausgestattet, so dass sie auch mittels Handantenne lokalisiert
werden können. Die Halsbänder besitzen einen Drop Off Mechanismus, der das Halsband
zwei Jahre nach Aktivierung desselben öffnet. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit den
Drop Off per Fernauslösung zu aktivieren - allerdings muss man sich dem Tier dafür auf unter
500m nähern und es sollte freie Sicht zwischen Fernauslöser und Halsband bestehen.
Der Zeitplan, wie häufig der Sender sich lokalisieren und wie häufig er seine Daten
verschicken soll, ist über das Modem frei programmierbar. Nach Herstellerangaben reichen
die verwendeten 1D-Batterien unter besten Feldbedingungen für 9000 Lokationen, unter
durchschnittlichen Bedingungen für 5850, und unter schlechtesten Feldbedingungen für
3375. Die Sender sollten zwei Jahre (730 Tage) halten, da dies die Maximalzeitdauer ist, auf
die der Drop-Off programmiert werden kann. Sie wurden die meiste Zeit so eingestellt, dass
sie sich alle vier Stunden lokalisierten (01h00, 05h00, 09h00, 13h00, 17h00, 21h00 Uhr MEZ),
also sechsmal täglich. Jeweils sieben Lokationen wurden per SMS verschickt, um die
Batterieleistung zu schonen. Das heißt, mit dieser Einstellung versucht jedes Halsband alle 28
Stunden seine Daten an das Modem zu senden. Klappt das nicht, zum Beispiel weil sich das
Tier in einem Gebiet ohne GSM-Abdeckung befindet, versucht der Sender es 28 Stunden
später erneut. Die nichtgesendeten Daten werden gespeichert und bei späteren Versuchen
nachgesendet. Nach Herstellerangaben hätten die Batterien mit dieser Einstellung unter
durchschnittlichen Bedingungen 975 Tage und unter schlechtesten Bedingungen 562 Tage
gehalten. Wir gingen davon aus, dass die Bedingungen irgendwo zwischen durchschnittlich
und schlecht liegen und dass wir die Anzahl der Lokationen pro Tag reduzieren könnten,
wenn wir merkten, dass die Batterieleistung abfällt. Zwischendurch gab es Phasen, in denen
einzelne Sender auf einen engeren Rhythmus eingestellt wurden und sich alle 30 oder 60
Minuten lokalisierten. Für die Datenauswertung wurden mit den Vier-Stunden-Intervallen
gearbeitet.
Auswertung
Die Auswertung des räumlichen Verhaltens erfolgte mit Hilfe von ArcGIS 10.0. Die
Berechnung der Streifgebietsgröße erfolgte nach verschiedenen Methoden. Zum einen
wurde die Minimum Convex Polygon-Methode (MCP) nach White & Garrott (1990)
angewandt. Das MCP100 entsteht, in dem die äußeren Punkte aller Lokationen mit einander
verbunden werden. Beim MCP95 werden dabei zuvor die 5 % der Lokationen entfernt, die

5
am stärksten von den anderen abweichen. Mit der Kernel-Methode (Worton 1989) wurde
die Verteilung der Streifgebietsnutzung untersucht. Die MCP Berechnung erfolgte mit Hilfe
von RStudio (R Version 3.1.2, © 2014 The R Foundation for Statistical Computing). Die Kernel
wurden mit Geo Spatial Modeling Environment (Version 0.7.2.0, © Hawthorne L. Beyer
2009-2012,
www.spatialecology.com)
mit der PLUGIN-Methode kalkuliert.
Für den Vergleich von Habitatangebot und -nutzung wurden Corine Land Cover-Daten
(CLC2006; Umweltbundesamt, DLR-DFD 2009) verwendet. Die Reaktion von Wölfen auf
Straßen wurde mit Hilfe des ATKIS-Straßenlayers (Bundesamt für Kartographie und
Geodäsie, 2005) untersucht. Für die Analyse des Aktivitätsmusters wurde das Programm
"Activity Pattern 1.2.3“ der Firma Vectronic Aerospace verwendet. Auf Grund der geringen
Fallzahl (n = 4) wurde auf statistische Analysen verzichtet und die Auswertung beschreibend
vorgenommen.
3. Ergebnisse
Insgesamt wurden im Rahmen
dieses Projektes drei Wölfe gefangen und mit
Halsbandsendern der Firma Vectronic ausgestattet. 2012 wurde in 73 Fangnächten ein Wolf
gefangen (FT7), sowie zwei Dachse und drei Füchse, die unversehrt wieder frei gelassen
wurden. 2013 konnten auf Grund des langen Winters die Fangversuche erst Mitte April
beginnen. In 36 Fangnächten konnten zwei Wölfe (FT8, FT9) gefangen werden. Ein Fuchs und
ein Waschbär wurden ebenfalls gefangen und unversehrt wieder frei gelassen. Außerdem
kam es zweimal zu Fehlauslösungen von Fallen durch Wölfe. Bei den besenderten Wölfen
handelte es sich um eine Jährlingsfähe (FT7) aus dem Milkeler Rudel sowie die Muttertiere
des Nieskyer (FT8) und des Daubaner Rudels (FT9).
Tab. 1: Im Rahmen des Projektes "Wanderwolf" gefangene Wölfe.
Wolf
Fangdatum
Rudel
Alter
Sex
Gewicht
Status bei
Fang
Status bei Berichtsschluss
FT7
"Marie"
02.05.2012
MI
1 Jahr
w
27 kg
Jährling im
elterlichen
Territorium
im Sommer 2013 eigenes
Territorium etabliert (RT),
2014 zum 1. Mal erfolg-
reiche Welpenaufzucht
FT8
"Greta"
09.05.2013
NY
5 - 6 Jahre
w
34 kg
Fähe des
NY-Rudels
2014 zum 4. Mal
Nachwuchs
FT9
"Frieda"
14.05.2013
DN
3 Jahre
w
32 kg
Fähe des
DN-Rudels
2014 zum 3. Mal
Nachwuchs
Ein weiterer Wolf war im Rahmen einer Managementmaßnahme besendert worden. Im
Dezember 2011 wurde ein sieben Monate alter männlicher Welpe des Nochtener Rudels von
einem PKW angefahren und verletzt. Es gelang das Tier einzufangen und tierärztlich zu
behandeln.
Nach
einer
fünfwöchigem
Aufenthalt
in
der
Quarantänestation
des
Naturschutztierpark Görlitz wurde MT5 ("Timo") mit einem GPS-GSM Halsband versehen, im

6
Kerngebiet des Nochtener Territoriums wieder frei gelassen. Die Daten dieses Wolfes
werden in diesem Bericht ebenfalls vorgestellt.
MT5 verlor seinen Sender am 05.01.2014 planmäßig. Die Drop-Off der Halsbandsender sind
so eingestellt, dass die Halsbänder sich nach zwei Jahren öffnen. Der Halsbandsender von
MT5 hatte bis dahin durchgehend funktioniert, so dass das Halsband geborgen werden
konnte. Der Sender von FT7 fiel im November 2013 auf Grund eines Materialfehlers sieben
Monate zu früh ab. Er hatte bis dahin gut funktioniert. FT8 lieferte bis zum 18.03.2015
Daten, dann verstummte ihr Halsband. Ihr Sender sollte sich Anfang Mai 2015 öffnen. Da bei
den letzten Datenübermittlungen die Batterie des VHF noch geladen erschien, wurde
versucht, das Halsband über das VHF-Signal zu lokalisieren. Dies gelang auch am 21.05.2015
und das Halsband konnte geborgen werden. Der Sender von FT9 fiel bereits Anfang Februar
2013, nur neun Monate nach ihrer Besenderung, aus. Auch dieses Halsband sollte im Mai
2015 aufgehen. Da es sehr unwahrscheinlich ist, ein nicht mehr funktionierendes Halsband
zu finden, wurde versucht, den Drop Off mittels remote-Auslöser zu aktivieren. Bei Sichtung
des Tieres könnte der Drop-Off des Halsbandes mittels Remote-Auslöser auf mehrere
hundert Meter Entfernung ausgelöst werden. Trotz zahlreicher Ansitze gelang es jedoch
nicht FT9 zu sehen und den Drop-Off auszulösen.
3.1 Kurze Biographie der besenderten Wölfe
Am Vormittag des 02.05.2012 wurde eine knapp ein Jahr alte Fähe des Milkeler Rudels
gefangen. Das Tier erhielt die Bezeichnung
FT7 ("Marie")
. Sie war relativ klein und zierlich.
Die junge Fähe blieb ihr gesamtes zweites Lebensjahr in ihrem Geburtsterritorium. Nur
selten unternahm sie von hier aus kurze Ausflüge in benachbarte Gebiete, kehrte jedoch
stets innerhalb eines Tages in ihr Elternterritorium zurück. Ab dem Winter 2012 / 2013
unternahm sie wiederholt Exkursionen in das Gebiet Südwestlich des Milkeler Territoriums.
Von dort gab es bis dahin keine Hinweise auf permanente Wolfspräsenz.
Zur Ranzzeit 2013 war FT7 mit 22 Monaten geschlechtsreif, hielt sich jedoch noch immer im
Milkeler Territorium auf. Genetische Analysen und Fotofallenaufnahmen ergaben, dass sie
nach wie vor im Rudel mitlief. Oestrusblutproben, die im Februar 2013 an den Spuren von
sieben Wölfen gesammelt wurden, stammten von der jungen Fähe. Da der Rüde, der zu
dieser Zeit die Paarungsposition im Milkeler Rudel besetzte, nicht ihr Vater war, konnte er
sich theoretisch sowohl mit der alten Milkeler Fähe als auch mit ihrer Tochter FT7 paaren.
Trotzdem tolerierte die Milkeler Fähe ihre Tochter auch während der Paarungszeit in ihrer
Nähe.

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7
Abb. 1: FT7 beim Fang am 02.05.2012 (oben); zusammen mit dem Rüden des Milkeler Rudels (ihrem Stiefvater)
im Februar 2014 (unten links. Foto: A. Klingenberger / SBS). Die Wurfhöhle 2013 (unten rechts). Fotos oben und
unten re): LUPUS.
Die Senderdaten aus dem Mai 2013 ließen darauf schließen, dass FT7 Welpen aufzog. Die
meisten Lokationsversuche blieben im Mai erfolglos, d.h. der Sender bekam keinen
Satellitenkontakt; ein Hinweis, dass die Fähe sich häufig in einer Höhle befand. Einige
Wochen später, nachdem FT7 das Gebiet verlassen hatte, wurde die Wurfhöhle anhand der
Mai-Lokationen gefunden.
Ab Ende Juni 2013 etablierte FT7 zusammen mit einem aus Polen zugewanderten Rüden ein
eigenes Territorium (Rosenthal) südwestlich ihres Milkeler Elternterritoriums. Das
Rosenthaler Paar führte 2013 keine Welpen. Auch in den Genetikproben aus dem Milkeler
Territorium konnten keine Nachkommen von FT7 nachgewiesen werden. Die junge Fähe
hatte es offensichtlich nicht geschafft, ihren ersten Wurf aufzuziehen. Am 01.11.2013 verlor
FT7 ihr Senderhalsband; sieben Monate zu früh. 2014 gelang es dem Rosenthaler Paar
erfolgreich Welpen aufzuziehen.
Am 09.05.2013 wurde
FT8 ("Greta")
, die Fähe des Nieskyer Rudels gefangen. Sie stammt aus
dem Daubitzer Rudel, wo sie 2008 das erste Mal nachgewiesen wurde. 2011 gründete sie
zusammen mit einem aus Polen zugewanderten Rüden das Nieskyer Rudel und hat seitdem
dort jedes Jahr Welpen aufgezogen. Der Sender von FT8 funktionierte über 22 Monate,
wodurch zwei Welpenaufzuchtsphasen und die Verschiebung des Nieskyer Territoriums in
zwei aufeinander folgenden Jahren mit verfolgt werden konnten.

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8
Abb. 2: FT8 ("Greta") nach dem Fang. Fotos: LUPUS.
Das Halsband von FT8 sendete am 18.03.2015 das letzte Mal Daten. Der Drop Off sollte am
07. Mai auslösen und das Halsband abfallen. Tatsächlich gelang es am 21.05.2015 das
Halsband mittels VHF-Signal zu lokalisieren und zu bergen.
FT9 ("Frieda")
wurde am 14.05.2013 im Daubaner Territorium gefangen. Die Fähe wurde
2010 in diesem Territorium geboren. Nachdem ihre Mutter Anfang 2012 überfahren wurde,
übernahm sie zusammen mit einem Rüden unbekannter Herkunft ihr elterliches Territorium.
2012 zog sie das erste Mal Welpen auf. Ihr Halsbandsender fiel bereits im Februar 2014 aus.
Anschließend wurde die Fähe noch über Fotofallen- und Filmaufnahmen bestätigt. Im
Sommer 2014 wurden im Daubaner Territorium 13 Welpen nachgewiesen. Die Vermutung,
dass neben FT9 noch eine weitere Fähe erfolgreich Welpen aufgezogen hat, wird derzeit
noch mit Hilfe genetischer Analysen überprüft. Bis Berichtsschluss gelang es nicht, den Drop-
Off des Halsbandes von FT9 über den Remote-Auslöser zu aktivieren.
Abb. 3: FT9 ("Frieda") nach dem Fang und beim Freilassen nach dem Aufwachen. Fotos: LUPUS.
MT5 ("Timo")
war am 02.12.2011 gefangen und nach tierärztlicher Behandlung am
07.01.2012, mit einem Halsbandsender versehen, im Territorium seiner Eltern wieder
freigelassen worden. Fotofallenaufnahmen belegten, dass er wieder voll in das Rudel
intergiert wurde. Er war derjenige von den vier Geschwistern des Jahrgangs 2011, der am
längsten bei seinen Eltern blieb. Im Juli und August 2012 unternahm er mehrere Ausflüge in

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9
das Daubaner Territorium, kehrte jedoch stets zu seinen Eltern zurück, mit denen er häufig
auf Fotofallenaufnahmen zu sehen war.
Abb. 4: Am 02.12.2011 wird der sieben Monate alte Welpe bei einem Verkehrsunfall verletzt und
einige Stunden später eingefangen. Die tierärztliche Untersuchung ergibt einen Schienbeinbruch und
ein Lungentrauma. Fotos: LUPUS.
Abb. 5: MT5 ("Timo") beim Freilassen am 07.01.2012 und zwei Wochen später zusammen mit dem
Nochtener Rudel. Fotos: LUPUS.
Seit der zweiten Oktoberhälfte hielt MT5 sich überwiegend im Südteil des Daubaner
Territoriums auf und besuchte sein Nochtener Elternterritorium nur noch gelegentlich. Ab
Januar 2013 blieben diese Besuche aus. MT5 hatte zusammen mit einer aus dem Daubaner
Rudel stammenden Fähe im Süden des ehemaligen Daubaner Territoriums ein eigenes

10
Territorium (Kollm) etabliert. Die beiden jungen Wölfe zogen 2013 zusammen mindestens
einen Welpen auf. Nachdem MT5 im Januar 2014 seinen Sender verloren hatte, gab es kaum
noch Hinweise aus dem Kollmer Territorium. Im Winter 2014/2015 nutzte das Nieskyer
Rudel den gesamten Ostteil des Kollmer Territoriums, inklusive der ehemaligen Kollmer
Kerngebiete mit. MT5 war bei Berichtsschluss verschollen.
3.2 Territoriengröße und -Nutzung
Wölfe sind in der Regel territorial (Literaturüberblick in Mech & Boitani ed., 2003).
Territorien sind per Definition Gebiete, die verteidigt werden (Burt 1943
fide
Mech & Boitani
2003). Das können Futtergründe sein, winzige Paarungsterritorien oder ganze Streifgebiete.
Manche Tierarten zeigen nur zu einer bestimmten Jahreszeit Territorialverhalten (z.B.
Rehböcke, Liberg et al. 1998, Damhirsche zur Paarungszeit, Alvarez et al. 1990) und wieder
andere können je nach Ressourcenverfügbarkeit territorial sein oder nicht (z.B. Dachse
Meles meles,
Sleeman & Mulcahy 2005).
Bei Wölfen entspricht das Territorium ihrem Streifgebiet (home range). Jedes Wolfspaar
besetzt ein eigenes Territorium, das gegen fremde Wölfe verteidigt wird. Die
Territoriumsinhaber markieren ihr Revier mit Kot und Urin und machen so ihren
Gebietsanspruch geltend. Da Wolfsterritorien sich in der Regel kaum überlappen, entwickelt
sich in einer Wolfspopulation ein territoriales Mosaik nebeneinanderliegender Reviere. Jedes
Rudel konkurriert mit den Nachbarn um Platz und Ressourcen (Mech & Boitani 2003).
Von den im Rahmen dieses Projektes besenderten Tieren waren zwei bei der Besenderung
adulte Territoriumsinhaber (> zwei Jahre, FT8, FT9) und ein Tier subadult (< zwei Jahre; FT7).
MT5 ("Timo") war bei seiner Besenderung ein acht Monate alter Welpe. Von MT5 und FT7
liegen sowohl Telemetriedaten aus der Zeit vor, als sie noch in ihren jeweiligen
Elternterritorien mitliefen, als auch aus der Zeit, nachdem sie eigene Territorien etabliert
hatten.
Das Streifgebiet von Nachkommen, die noch in ihrem Geburtsrudel leben, muss nicht mit
dem Territorium ihrer Eltern identisch sein. Manche nutzen ein deutlich kleineres Gebiet.
Häufig ist ihr Streifgebiet jedoch größer als das elterliche Territorium, da sie von hier aus
Exkursionen in umliegende Areale unternehmen (Reinhardt & Kluth 2011, Reinhardt et al.
2012).
Für
FT7
und
MT5
wurde
hinsichtlich
der
Territoriumsgröße
nur
der
Überwachungszeitraum analysiert, in dem sie bereits ein eigenes Territorium (FT7 Rosenthal,
MT5 Kollm) etabliert hatten.
Der Sender von FT8 funktionierte über fast zwei Jahre. Um die Vergleichbarkeit mit den
Daten der anderen drei Wölfe zu gewährleisten, wurden ihre Daten auch jahresweise
analysiert, wobei das biologische Wolfsjahr (Mai - April) zugrunde gelegt wurde. Das heißt,
die ersten 12 Monate der Besenderung und die letzten 10 Monate wurden getrennt
analysiert. Für FT9 wurde die Territoriumsgröße über die gesamte Senderlaufzeit
(14.05.2013 - 05.02.2014) berechnet, für FT7 und MT5 die Größe ihrer eigenen Territorien,

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11
nachdem sie ihre Geburtsrudel verlassen hatten (FT7: 01.07. - 02.11.2013, Rosenthal; MT5:
01.01.2013 - 04.01.2014, Kollm).
Für alle vier Wölfe wurde die Entwicklung der Territoriumsgröße in Abhängigkeit von der
Senderlaufzeit untersucht. Dabei muss beachtet werden, dass der Monat "Eins" seit
Besenderung / Territoriumsgründung in unterschiedliche Phasen des biologischen
Wolfsjahres fiel. FT8 und FT9 wurden im Mai besendert, in der Zeit der Welpenaufzucht. FT7
etablierte ihr Territorium im Juli, während MT5 sich im Winter vollständig von seinem
Elternterritorium löste. Der Sender von FT7 fiel nur vier Monate nach dem sie ein eigenes
Territorium gegründet hatte aus. Die Abbildungen verdeutlichen vor allem, wie abhängig die
Ergebnisse von Dauer und Zeitraum der Überwachung sind. Über die Territoriumsgröße von
FT7, vor allem über das MCP100, kann nach nur viert Monaten Überwachung noch keine
abschließende Aussage getroffen werden. Die Größe des MCP95 scheint sich dagegen
bereits eingependelt zu haben. Ob dies tatsächlich so ist oder ein Artefakt des kurzen
Untersuchungszeitraums bleibt ungewiss. Genetische Ergebnisse weisen darauf hin, dass FT7
nach ihrem Senderausfall noch weitere Flächen, die außerhalb des hier ermittelten MCP100
lagen, nutzte.
Werden alle Daten von FT8 über die 22 Monate Senderlaufzeit kumuliert, zeigt sich, dass die
ermittelte Territoriumsgröße im zweiten Untersuchungsjahr scheinbar noch einmal um
100 km² zunimmt, mit einem deutlichen Anstieg am Ende des Untersuchungszeitraumes.
Dies hat mit einer Ausdehnung des Nieskyer Territoriums in die Flächen des ehemaligen
Kollmer Territoriums zu tun (siehe Kap. 3.3). Allerdings handelt es sich hierbei eher um eine
Verschiebung als um eine Vergrößerung. Werden die ersten 12 Monate und die letzten 10
Monate getrennt analysiert, zeigt sich dass das MCP100 im zweiten Untersuchungsjahr nicht
größer war als im ersten (Tab. 2). Allerdings vergrößert sich das Kernel95, das heißt, größere
Flächen des Territoriums wurden intensiver genutzt. Dies hängt vor allem damit zusammen,
dass FT8 sich im Januar / Februar 2015 relativ häufig in den neu dazu gekommenen Flächen
im Ostteil des ehemaligen Kollmer Territoriums aufhielt. Diese Flächen kamen in der Kernel-
Analyse zu den bisher von ihr hauptsächlich genutzten Arealen noch hinzu.
Abb. 6: Kumulative Entwicklung des MCP100 von vier besenderten Wölfen.

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12
Abb. 7: Kumulative Entwicklung des MCP95 von vier besenderten Wölfen.
Tab. 2: Territoriumsgrößen von vier Wölfen, die im Zeitraum von Januar 2012 bis März 2015 mittels GPS-GSM
Halsbandsendern überwacht wurden. Für FT8 wurden die Daten auch getrennt für die ersten 12 und letzten 10
Monate analysiert.
Nr.
Sex
Status
Rudel
Zeit-
dauer
MCP100
[km²]
MCP 95
[km²]
Kernel
[km²]
# Tages-
lokationen
# Nacht-
lokationen
MT5
m
adulter Rüde KO
12 Mon
149
94
73
878
873
FT7
f
adulte Fähe RT
4 Mon
520
311
223
298
135
FT8
f
adulte Fähe NY
22 Mon
547
379
187
1610
1553
12 Mon
405
300
162
859
787
10 Mon
408
324
223
751
765
FT9
f
adulte Fähe DN
9 Mon
399
251
136
625
529
Werden für FT8 nur die ersten 12 Monate ihrer Senderüberwachung berücksichtigt,
betragen die Mittelwerte ± Standardabweichung (SD) der Territoriengrößen der vier Wölfe
368 km² (± 156) für das MCP100, 239 km² (± 100) für das MCP95 und für das Kernel (PLUGIN)
148 km² (± 62). Ohne die Daten von FT7, deren Überwachungszeitraum während der
territorialen Phase nur vier Monate betrug, verringern sich diese Werte auf 318 km² (± 146)
für das MCP100, 215 km² (± 108) für das MCP95 und für das Kernel (PLUGIN) 124 km² (± 46).

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13
Abb. 8: MCP100, MCP95 und Kernel von vier mit GPS-GSM-Halsbandsendern überwachte Wölfen. Von FT8 sind
die kompletten Daten aus 22 Monaten Überwachungszeit in die Grafik eingeflossen.
Abb. 9: MCP100, MCP95 und Kernel von vier mit GPS-GSM-Halsbandsendern überwachte Wölfen. Von FT8 sind
hier nur die Daten aus den ersten 12 Monaten Überwachungszeit in die Grafik eingeflossen.
Auffällig ist der deutliche Unterschied zwischen den einzelnen Berechnungsmethoden (Abb.
8 & 9). Das hauptsächlich genutzte Gebiet (Kernel) innerhalb des Territoriums ist wesentlich
kleiner als das MCP100. Im Durchschnitt beträgt das Kernel95 nur 41 % des MCP100, wenn
die Daten von FT8 aus den ersten 12 Monaten ihrer Besenderung verwendet werden und
45 %, wenn die Daten aus den letzten 10 Monaten verwendet werden.
Bei der Betrachtung der graphischen Darstellung der vier MCP100 entsteht der Eindruck,
dass die Territorien sich teilweise deutlich überlappen (Abb. 10). Dies kommt daher, dass
auch kurze Ausflüge hier mit einfließen und dass beim MCP zwischen zwei außenliegenden
Punkten eine gerade Verbindungslinie gezogen wird, auch wenn die dazwischen liegenden
Flächen nicht genutzt werden. Auch eine temporäre Überlappung, wie es bei FT7 und FT9

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14
der Fall war, wird in dieser Ansicht manifestiert. Beide Fähen beanspruchten eine Zeit lang
die Flächen östlich von Königswartha. Schließlich zog FT9 sich aus diesem Gebiet zurück, dass
von da an von den Rosenthal-Wölfen genutzt wurde.
Abb. 10: MCP100 von vier mit GPS-GSM-Halsbandsendern überwachte Wölfen. Von FT8 sind hier nur die Daten
aus den ersten 12 Monaten Überwachungszeit in die Grafik eingeflossen.
Die MCP95 zeigen die Trennung zwischen Rosenthaler (FT7) und Daubaner (FT9) Territorium
bereits deutlich (Abb. 11). Allerdings gehen beim MCP95 auch durchaus genutzte Gebiet
verloren, die etwas abseits der sonstigen Kerngebiete liegen. Die Darstellung des Kernel gibt
die Nutzung besser wieder. Hier zeigt sich, dass die von den Wölfen genutzte Flächen kaum
überlappen (Abb. 12).

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15
Abb. 11: MCP95 der vier senderüberwachten Wölfe.
Abb. 12: MCP100 und Kernel von vier mit GPS-GSM-Halsbandsendern überwachte Wölfen. Von FT8 sind hier
nur
die
Daten
aus
den
ersten
12
Monaten
Überwachungszeit
in
die
Grafik
eingeflossen.

16
3.3 Verschiebung von Territorien
Dadurch, dass zeitgleich bis zu vier Wölfe radiotelemetrisch überwacht wurden, war es
möglich, Territorialverschiebungen zeitnah mit zu verfolgen. Solche Verschiebungen können
u.a. entstehen, wenn ein Wolfsterritorium neu etabliert wurde oder, wenn Territorien(teile)
vakant oder weniger intensiv genutzt werden. Im Herbst 2012 etablierte MT5 zusammen mit
einer aus dem Daubaner Rudel stammenden Fähe das Kollmer Territorium. Die Flächen des
neuen Territoriums wurden zuvor vom Daubaner Rudel genutzt.
Das Daubaner Rudel reagierte mit einer Expansion des eigenen Territoriums nach Norden, in
den Südbereich des Nochtener Territoriums sowie nach Westen in den Südbereich des
Milkeler Territoriums (Abb. 13). Hier versuchte zeitgleich FT7 Fuß zu fassen. Ihr neu
etabliertes Rosenthaler Territorium umfasste sowohl bisher nicht von Wölfen besiedelte
Flächen westlich des Milkeler Territoriums als auch den Südteil ihres Elternterritoriums.
Diesen teilten die Rosenthaler und die Daubaner Wölfe schließlich unter sich auf. Das
Milkeler Territorium verkleinerte sich in Folge dessen.
Auch das Nochtener Territorium wurde durch die Expansion sowohl des Daubaner als auch
des Nieskyer Rudels verkleinert. Die Daubaner übernahmen den Süd-Westteil des
ehemaligen
Nochtener
Territoriums,
die
Nieskyer
den
Süd-Ostteil
(Abb.
13).
Fotofallenaufnahmen belegen, dass diese Flächen im Winterhalbjahr 2012 / 2013 von den
Nochtener Wölfen wenig genutzt wurden. Eine Tochter (FT2) des alten Nochtener
Elternpaares hatte das Nochtener Territorium 2012 zusammen mit einem aus Polen
zugewanderten Rüden übernommen. Ihre Eltern und ihr Bruder MT5 wurden an den Rand
des Nochtener Territoriums gedrängt. MT5 verließ im Herbst 2012 seine Eltern. Diese
wurden im Februar / März 2012 im Süd-Ostteil des Nochtener Territoriums mehrfach über
Fotofallenaufnahmen nachgewiesen. Zur gleichen Zeit begann das Nieskyer Rudel in dieses
Gebiet zu expandieren, wie Fotofallenaufnahmen zeigen. Im März 2013 kam die fast 13
Jahre alte Fähe (FT3, "Einauge") im Grenzgebiet zwischen Daubaner, Nieskyer und
Nochtener Territorium ums Leben. Sie war schwer von anderen Wölfen verletzt und
wahrscheinlich zusätzlich angefahren worden. In der Folgezeit wurden die Flächen im Süd-
Osten des Nochtener Territoriums komplett vom Nieskyer Rudel übernommen.

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17
Abb. 13: Ungefähre Lage der Rudelterritorien 2012 (oben) und 2013 (unten) sowie die Kernel 95 der vier
besenderten Wölfe in 2013 (FT7: 01.07. - 02.11.2013, FT8: 09.05.2013 - 30.04.2014, FT9: 14.05.2013 -
05.02.2014, MT5: 01.01.2013 - 04.01.2014). Das Daubaner Rudels hat sein Territorium nach Norden und
Westen verschoben, das Nieskyer Rudel sein Territorium nach Nord-Westen. Der Süden des ehemaligen
Nochtener Territoriums wurde zwischen dem Daubaner und dem Nieskyer Rudel aufgeteilt.

18
Eine zweite Territorialverschiebung wurde im Winter 2014 / 2015 beobachtet. Ab Dezember
2014 kamen die Lokationen von FT8 immer häufiger aus dem Kollmer Territorium. Im Januar
/ Februar 2015 war sie regelmäßig im ehemaligen Kerngebiet des Kollmer Rudels anzutreffen
(Abb.14). Sie übertagte nun auch mehrfach zusammen mit ihrem Rudel dort. Mehrere
Wildtierrisse wurden über die Telemetriedaten von FT8 im ehemaligen Kollmer Territorium
gefunden. Auf Grund der Telemetriedaten von FT8 liegt die Vermutung nahe, dass das
Kollmer Rudel nicht mehr existiert. Da FT8 und ihr Rudel sich vor allem im Ostteil des Kollmer
Territoriums aufhielten, wird vermutet, dass der Westteil inzwischen wieder vom Daubaner
Rudel genutzt wird. Um dies zu verifizieren wurden dort vermehrt Genetikproben
gesammelt, deren Untersuchungsergebnisse zu Berichtsende jedoch noch nicht vorlagen.

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19
Abb. 14 oben: Raumnutzung der vier Wölfe im WJ 2013 / 2014. Unten: Im Winter 2014 / 2015 nutzte das
Nieskyer Rudel vermehrt die Flächen des Kollmer Territoriums. (FT7: 01.07. - 02.11.2013, FT8 oben: 09.05. -
30.04.2014, FT8 unten: 01.05.2014 - 18.03.2015, FT9: 14.05.2013 - 05.02.2014, MT5: 01.01.2013 - 04.01.2014).

20
3.4 Abwanderung
Im Rahmen dieser Untersuchung konnte die Abwanderung von zwei Wölfen, MT5 („Timo“)
und FT7 („Marie“) aus ihren Elternterritorien verfolgt werden. Beide Tiere etablierten direkt
neben (FT7) oder in kurzer Distanz (MT5) zu ihrem jeweiligen Elternrudel ein eigenes
Territorium und gründeten dort eine eigene Familie.
MT5 unternahm im Alter von 12,5 Monaten im Mai 2012 den ersten Ausflug von seinem
Elternterritorium. In den folgenden Monaten führte er immer wieder kurze Exkursionen in
das Milkeler, meist jedoch in das Daubaner Territorium durch. Allerdings kehrte er stets
rasch in sein Elternterritorium zurück. Auf den Fotofallenaufnahmen im Nochtener
Territorium war er bis in den September 2012 regelmäßig zusammen mit seinen Eltern zu
sehen. Seine drei Geschwister wurden als Jährlinge nicht mehr zusammen mit den Eltern
nachgewiesen.
Ab der zweiten Oktoberhälfte war MT5 großräumig im Daubaner Territorium unterwegs und
blieb zunehmend längere Zeit dort. Bis in den Dezember 2012 kehrte er jedoch immer
wieder in das Nochtener Territorium zurück. Im Dezember konzentrierten sich seine
Aufenthalte bereits im Süd-Ostteil des Daubaner Territoriums. Hier etablierte er zusammen
mit einer jungen Daubaner Fähe das Kollmer Territorium (Abb. 15). 2013 zogen die beiden
mindestens einen Welpen auf. Zum Zeitpunkt der endgültigen Lösung von seinem
Elternterritorium war MT5 20 Monate alt.

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21
Abb. 15: Raumnutzung von MT5 ("Timo") in der Phase vor (oben) und nach (unten) der Abwanderung. Die
Daten für das MCP100 von FT3 stammen aus 2011.

22
FT7 bewegte sich in ihrem zweiten Lebensjahr kaum aus ihrem Elternterritorium heraus. Nur
ausnahmsweise erkundete sie die Randbereiche des Daubaner und des Nochtener
Territoriums.
Ab Dezember 2012 begann sie die Flächen westlich des Südendes des Milkeler Territoriums
zu erkunden. Hier lebten noch keine etablierten Wölfe. Trotzdem wanderte FT7 zunächst
nicht ab, sondern blieb auch in der Ranzzeit 2013 in ihrem Geburtsrudel. Da der Milkeler
Rüde inzwischen gewechselt hatte und der neue Rüde ihr Stiefvater war, war es durchaus
möglich, dass dieser sich sowohl mit der alten Milkeler Fähe, als auch mit der nun 22 Monate
alten FT7 paarte.
Tatsächlich bekam die junge Fähe Welpen. Ab dem 30. April 2013 waren die meisten
Lokationsversuche im Mai erfolglos, was darauf hin deutet, dass sich die Fähe häufig in einer
Höhle befand und der Sender keinen Satellitenkontakt bekam. Einige Wochen später,
nachdem FT7 das Gebiet verlassen hatte, wurde die Wurfhöhle gesucht und gefunden. Die
junge Fähe schaffte es jedoch nicht, die Welpen aufzuziehen. Da es keine genetischen Belege
dieser Reproduktion gibt, blieb unklar, wer der Vater der Welpen war. Ab Juli 2013 etablierte
FT7 süd-westlich ihres Geburtsterritoriums zusammen mit einem aus Polen zugewanderten
Rüden ihr eigenes Territorium (Rosenthal) (Abb. 16). Die Fähe war somit 26 Monate alt, als
sie ihr Geburtsrudel verlies. Allerdings war FT7 auch in den Folgemonaten immer mal wieder
in ihrem Geburtsterritorium zu finden. Eine vollständige Lösung von ihrem Elternterritorium,
wie bei MT5, hatte bis zum vorzeitigen Abfallen des Senders Anfang November 2013 noch
nicht stattgefunden. 2014 zog das Rosenthaler Paar das erste Mal erfolgreich Welpen auf.

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23
Abb. 16: Die Lokationen von FT7 vor (oben) und nach (unten) der Abwanderung sowie die ungefähre Lage der
umliegenden Territorien.

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24
3.5 Habitatnutzung
In dieser Studie wurden Habitatangebot und –nutzung der vier telemetrierten Wölfe (FT7,
FT8, FT9, MT5) miteinander verglichen. Als Grundlage für Habitattypen und –verbreitung
wurden Corine Land Cover-Daten verwendet. Die 44 Corine-Habitatklassen wurden in sechs
Sammelklassen zusammengefasst: (1) Orte, Industrie, Transport, umzäunte Flächen; (2)
Tagebaue, (3) Felder und Weiden, (4) Heide und Sukzessionsflächen, (5) Wald sowie (6)
Wasser und Feuchtgebiete.
Zunächst wurden Angebot und Nutzung für alle untersuchten Wölfe gemeinsam
ausgewertet. Dazu wurden die Lokationen der vier Tiere zusammengefasst (n = 5112). Von
FT7 und MT5 wurden hierfür nur die Daten aus der Zeitperiode verwendet, in der sie ein
eigenes Territorium etabliert hatten. Von FT8 gingen nur die Lokationen aus den ersten 12
Monaten ihrer Senderüberwachung in den Datensatz ein. Da die Territorien der vier
telemetrierten Tiere aneinander grenzten, wurde darum ein MCP100 gelegt (Abb. 17).
Zunächst wurde das Habitatangebot in diesem Gebiet analysiert und ermittelt welche
Habitate von den Wölfen tatsächlich genutzt wurden. Dafür wurde berechnet, wie viel
Prozent der Lokationen in welchem Habitattyp lagen. Anschließend wurde untersucht, ob es
Unterschiede in der Habitatnutzung während des Tages und während der Nacht gab. Dafür
wurden die Daten in Tageslokationen (09h00, 13h00, 17h00 Uhr) und Nachtlokationen
(21h00, 01h00, 05h00 Uhr) unterteilt.
Abb. 17: Die Karte zeigt die sechs Corine-Habitatklassen und die Lokationen der vier besenderten Wölfe
während ihrer territorialen Phase. Von FT8 gingen nur die Lokationen der ersten 12 Monate ihrer
Senderlaufzeit ein. Analysiert wurden Habitatangebot und Nutzung innerhalb des MCP100, dass um die
Territorien Rosentahl (RT), Dauban (DN), Kollm (KO) und Niesky (NY) gezogen wurde.

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25
Die Auswertung ergab, dass der Waldanteil im MCP100 um alle vier Territorien bei 36 % lag.
Der Anteil an Feldern und Weiden betrug 48 %. Tagebauflächen spielten in diesen vier
Territorien keine Rolle, obwohl sie in anderen Lausitz Wolfsterritorien durchaus ausgeprägt
sind. Bei der Habitatnutzungsanalyse zeigte sich, dass die vier Wölfe Wald deutlich
bevorzugten (77 % aller Lokationen lagen in Waldhabitaten), Felder und Weiden dagegen
mieden (17 % Nutzung) (Abb. 18). Die Bevorzugung der Waldflächen und die Meidung von
Feldern und Wiesen war während des Tages noch stärker ausgeprägt, als während der
Nacht. 88 % aller Tageslokationen lagen in Waldgebieten, nur 7 % in Feldern und Weiden
(Abb. 19). Während der Nacht stach diese Bevorzugung bzw. Meidung zwar weniger stark
hervor, war aber immer noch deutlich erkennbar. 66 % der Nachtlokationen lagen im Wald
und 28 % auf Feldern / Weiden.
Die hier untersuchten Wölfe mieden Ortschaften sehr stark. Der Flächenanteil von
Ortschaften innerhalb des MCP100 um die vier untersuchten Wolfsterritorien betrug 4 %.
Von den 5112 Lokationen, die in diese Auswertung eingingen lagen dagegen nur drei
(0.06 %) im Gebiet von Ortschaften.
Abb. 18: Habitatangebot und Nutzung durch die vier besenderten Wölfe.
Abb. 19: Habitatangebot und Nutzung durch die vier besenderten Wölfe während des Tages und während der
Nacht.

26
Anschließend wurden diese Analysen für jeden der vier Wölfe einzeln durchgeführt. Das
heißt, Habitatangebot und Nutzung wurden für jeden der vier untersuchten Wölfe getrennt
analysiert. Für FT7 und MT5 wurde auch hier nur die Habitatnutzung während ihrer
territorialen Phase (Rosenthal bzw. Kollm) untersucht. Für FT8 gingen nur die Daten aus den
ersten 12 Monaten ihrer Senderlaufzeit in die Analysen ein, um eine vergleichbare Länge der
Untersuchungszeit zu gewährleisten.
Der Waldanteil schwankte in den vier Wolfsterritorien zwischen 36 % (Kollm) und 43 %
(Dauban). Der Anteil von Feldern und Weiden betrug zwischen 35 % (Dauban) und 50 %
(Kollm). Alle vier Wölfe präferierten Wald und mieden Felder und Weiden. Am deutlichsten
war dies bei den beiden Tieren FT8 und MT5, die den größten Anteil an Feldern und Weiden
in ihrem Territorium hatten. Vor allem tagsüber hielten diese beiden Wölfe sich fast
ausschließlich im Wald auf (FT8 97 %, MT5 93 %). Bei FT7 lagen dagegen 19 % ihrer
Tageslokationen auf Feldern (Weiden), 76 % im Wald. Im Sommer 2013 wählte die junge
Wölfin ihren Tageseinstand wiederholt in hochgewachsenen Getreidefeldern.
Das Territorium von FT9 hatte mit 12 % den höchsten Anteil an Offenland und
Sukzessionsflächen der vier untersuchten Wölfe. 17 % ihrer Lokationen lagen in diesen
Gebieten, wobei es keinen Unterschied zwischen Tag- und Nachtnutzung gab. Dadurch war
die Nutzung des Waldes tagsüber bei ihr mit 73 % geringer ausgeprägt als bei den anderen
Wölfen.

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Abb. 20: Habitatangebot und -nutzung von vier besenderten Wölfen in ihren Territorien.

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Abb. 21: Habitatangebot und -nutzung während des Tages und der Nacht von vier besenderten Wölfen in ihren
Territorien.

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3.5.1 Wölfe und Straßen
Neben der Habitatnutzung wurde auch untersucht, ob und wie Wölfe auf Straßen in ihrem
Streifgebiet reagieren. Dafür wurde der Abstand der Lokationen von Straßen für alle Wölfe
zusammen und für jeden Wolf einzeln analysiert. Von FT7 und MT5 wurden die Lokationen
aus ihrer territorialen Phase verwendet, für FT8 die aus den ersten 12 Monaten ihrer
Senderlaufzeit. Diese Daten wurden mit Zufallspunkten verglichen. Die Anzahl der
Lokationen pro Territorium betrug zwischen 433 (FT7, Rosenthal) und 1751 (MT5, Kollm). In
jedes MCP100 der vier Wölfe wurden 1500 Zufallspunkte gelegt. In das alle Territorien
umschließende MCP100 wurden 5000 Zufallspunkte eingefügt. Da die Zufallspunkte auch in
Ortschafen und (gezäunten) Industriegebieten lagen, die Habitatanalyse jedoch gezeigt
hatte, dass Wölfe sich kaum in diesen Flächen aufhalten, wurde um alle urbanen Gebiete ein
Puffer von 100m gelegt, die darin liegenden Zufallspunkte wurden ausgeschlossen. Für die
Auswertung wurde der ATKIS-Straßenlayer verwendet. Hierin sind alle asphaltierten Straßen
enthalten. Es wird jedoch nicht nach Bundesstraßen, Landstraßen, etc. unterschieden.
Die Straßendichte innerhalb MCP100, das die Streifgebiete der hier untersuchten Wölfe
umgibt, beträgt 1.52 km / km².
Tab. 3: Abstand von Zufallspunkten und Wolfslokationen von Straßen.
Zufallspunkte
alle Wölfe (gesamt)
alle Wölfe Tag
alle Wölfe Nacht
n
4645
5112
2664
2448
Median [m]
310.52
732.13
776.29
669.32
Mittelwert [m]
416.51
785.68
854.77
710.5
SD [m]
382.24
484.77
487.86
470.08
Vergleicht man die Lage der Wolfslokationen mit denen der Zufallspunkte, so wird deutlich,
dass sich die Wölfe in der Regel weiter entfernt von Straßen aufhalten, als wenn sie ihr
Gebiet völlig gleichmäßig nutzen würden (Tab. 3, Abb. 22). Die Lokationen sind im Mittel
mehr als doppelt so weit von der Straße entfernt, wie die Zufallspunkte.
Abb. 22: Verteilung von Zufallspunkten (n = 4645) und Lokationen von vier territorialen Wölfen (n = 5112)
hinsichtlich ihrer Entfernung von Straßen.

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30
Für die Analyse eventueller Unterschiede zwischen den Tages- und Nachtlokationen
hinsichtlich ihrer Entfernung zu Straßen, wurden der Übersichtlichkeit halber die Distanzen
zu Straßen in 300m-Klassen eingeteilt. Während die 68 % Zufallspunkte in die Klasse 0 - 300
m fallen, sind die Wölfe deutlich seltener so nahe an Straßen anzutreffen und wenn, dann in
der Regel nachts. Nur 12 % der Tageslokationen, aber 23 % der Nachtlokationen waren
300m oder weniger von Straßen entfernt. Dagegen nutzten sie straßenferne Gebiete
erheblich häufiger, als das bei einer gleichmäßigen Nutzung ihrer Territorien der Fall wäre
(Abb. 23).
Abb. 23: Verteilung von Zufallspunkten, sowie von Tages- und Nachtlokationen von vier territorialen Wölfen
hinsichtlich ihrer Entfernung von Straßen.
3.6 Aktivität
Durch die Telemetrie ist es möglich, dass Aktivitätsverhalten von Tieren zu studieren, die sich
schwer beobachten lassen. Die in dieser Untersuchung verwendeten GPS-GSM Halsbänder
zeichnen die Aktivität (Bewegung / nicht Bewegung) des besenderten Tieres auf und
speichern sie. Der Aktivitätssensor war so eingestellt, dass er alle 5 Minuten eine Minute
lang die Aktivität misst. Dieses Intervall gibt ein sehr genaues Abbild des kontinuierlichen
Aktivitätsverhaltens wieder (Reinhardt & Halle 1998). Gelingt es ein Halsband zu bergen,
kann diese Aktivitätsaufzeichnung von der Herstellerfirma Vectronic Aerospace ausgelesen
werden. Dies war bei den Sendern von MT5 und FT7 der Fall. Die Daten des Senders von FT8
lagen bei Berichtsende noch nicht vor. Für die Auswertung wurde das Programm „Activity
Pattern 1.2.3“ von Vectronic Aerospace verwendet.
Die Aktogramme (Abb. 24) und die tageszeitliche Aktivitätsverteilung (Abb. 25 & 26) der
beiden Wölfe zeigen, dass sie überwiegend in der Nacht sowie in den Morgen- und
Vormittagsstunden
aktiv
waren.
Die
Aktivitätsschwerpunkte
lagen
vor
allem
im
Sommerhalbjahr in den Stunden um die Morgendämmerung, bei MT5 zusätzlich auch um die
Abenddämmerung.

31
Bei FT7 fand mit der Etablierung eines eigenen Territoriums ein Übergang zu verstärkter
Nachaktivität statt (Abb. 24, 26, 30). Allerdings sind die Tiere nicht die ganze Nacht über auf
den Beinen, sondern unterbrechen auch nachts ihre Aktivitätsphasen durch Pausen, wie an
den hellen Unterbrechungen in den Aktogrammen erkennbar ist (Abb. 24).
Während der Zeit, die die beiden Wölfe noch in ihren Elternterritorien verbrachten, waren
sie durchschnittlich 34,5 % (8.3 ± 2,5 Std, FT7) und 35,5 % (8,5 ± 2,2 Std, MT5) des 24-
Stunden-Tages aktiv. Im eigenen Territorium blieb dieser Wert für FT7 nahezu konstant
(34,5 % = 8,3 ± 2,1 Std) und stieg für MT5 minimal an (36,6 % = ± 2,3 Std) (Abb. 27). Das
heißt, die beiden Wölfe verbrachten nahezu zwei Drittel des Tages ruhend.
Der Diurnalitätsindex (Hoogenboom et al. 1984) gibt an, wie das Verhältnis von Tages- zu
Nachtaktivität ist. Ein Diurnalitätsindex von +1 bedeutet, das Tier ist ausschließlich tagaktiv,
von -1, das Tier ist ausschließlich nachtaktiv. Für MT5 lag der Diurnalitätsindex über die
gesamte Zeit seiner Senderlaufzeit gemittelt bei -0,42 (± 0,33) (Abb. 29). Vor seiner
endgültigen Abwanderung aus dem Elternterritorium betrug er -0,49 (± 0,29). Im eigenen
(Kollmer) Territorium lag der Diurnalitätsindex bei -0,35 (± 0,36). Der Diurnalitätsindex von
FT7 lag über die gesamte Überwachungszeit gemittelt bei -0,21 (± 0,41). Bei der jungen
Wölfin fand mit der endgültigen Lösung von ihrem Elternterritorium ein deutlicher Schub in
Richtung vermehrter Nachtaktivität statt. Der Diurnalitätsindex sank von -0,17 (± 0,41) in
ihrem Milkeler Elternterritorium auf - 0,4 (± 0,34) nach der Abwanderung (Abb. 30).

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32
Abb. 24: Aktogramme von MT5 (07.01.2012 - 04.01.2014), oben und FT7 (02.05.2012 - 02.11.2013), unten. Die
Tage sind doppelt dargestellt, so dass auch die Nächte zusammenhängend abgebildet sind. Je dunkler die Farbe
innerhalb eines Aktogrammes, desto aktiver ist das Tier. Die durchgezogenen Linien geben Sonnenauf- und -
untergang im Jahresverlauf wieder.
MT5
FT7

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33
Abb. 25: Tageszeitliche Aktivitätsvertielung von MT5 und FT7 über ihren gesamten Überwachungszeitraum.
Abb. 26: Tageszeitliche Aktivitätsverteilung von MT5 und FT7 während ihrer territorialen Phase (MT5 im
Kollmer, FT7 im Rosenthaler Territorium).

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34
Abb. 27: Zeitbudget von MT5. Dargestellt ist der Anteil von Aktivität (blau) und Inaktivität (grün) an den 24
Stunden eines Tages. Aufsummiert ergeben die jeweiligen blauen und grünen Piecks für jeden Tag 24 Stunden.
Abb. 28: Zeitbudget von FT7. Dargestellt ist der Anteil von Aktivität (blau) und Inaktivität (grün) an den 24
Stunden eines Tages. Aufsummiert ergeben die jeweiligen blauen und grünen Piecks für jeden Tag 24 Stunden.

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35
Abb. 29: Der für MT5 über die Senderlaufzeit berechnete Diurnalitätsindex zeigt, dass der Wolf überwiegend,
aber nicht ausschließlich, nachtaktiv war, sowohl im Nochtener als auch im Kollmer Territorium.
Abb. 30: Der für FT7 über die Senderlaufzeit berechnete Diurnalitätsindex zeigt, dass die Wölfin insbesondere
während der Zeit, die sie in ihrem Geburtsrudel verbrachte (hellblau, MI), stärker tagaktiv war, als MT5 (Abb.
29). Dies änderte sich mit der Etablierung eines eigenen Territoriums (dunkelblau, RT).

36
4. Diskussion
4.1 Methodendiskussion
4.1.1 Fang von Wölfen
Die Hauptfangzeit von Wölfen in dieser und der vorangegangenen Studie ist März / April.
Das hat zum Einen mit der Fangmethode zu tun. Fußfallen können nur dann eingesetzt
werden, wenn das Wetter gleichmäßig entweder deutlich unter oder über Null Grad bleibt.
Bei einem Wechsel von Tau- und Frostwetter, wie es in Deutschland häufig ist, besteht die
Gefahr, dass die Fallen festfrieren und unzuverlässig auslösen. Die Winter im deutschen
Flachland sind in der Regel sehr wechselhaft, weshalb es sich bewährt hat, die Fallen erst
dann zu stellen, wenn über einen absehbaren Zeitraum kein Bodenfrost droht. Der zweite
Grund, warum diese Fangperiode bevorzugt wird ist, dass zu dieser Zeit die meisten Welpen
noch in ihrem Elternterritorium mitlaufen und bereits groß genug sind, um ein
Senderhalsband zu bekommen. Jeder um diese Zeit gefangene Wolf kann besendert werden.
Dagegen ist im Sommer / Herbst die Chance einen unbedarften Welpen zu fangen, der noch
zu klein ist, um ein normales Senderhalsband zu bekommen, besonders hoch.
Im März / April ist die jeweilige Fähe des Rudels trächtig, Anfang Mai bekommt sie ihre
Welpen. Die Risiken durch den Fang für eine trächtige Fähe oder eine Fähe kurz nach der
Geburt ihrer Welpen, wurden wiederholt mit Tierärzten diskutiert und von diesen für gering
und vertretbar gehalten. FT3 wurde im Rahmen der Pilotstudie Anfang April 2010 gefangen
und zog anschließend erfolgreich 6 Welpen auf (Reinhardt & Kluth 2011). Die Chance eine
Wölfin, kurz nach der Geburt ihrer Welpen zu fangen, wurde als gering eingestuft, da diese
sich in dieser Zeit zumeist überwiegend in der Nähe der Wurfhöhle aufhalten. Dass in dieser
Studie sowohl FT8 als auch FT9 ein bis zwei Wochen nach der Geburt ihrer Welpen gefangen
wurden, war daher überraschend. Beide Wölfinnen zogen 2013 erfolgreich Welpen auf.
Einsatz von Soft Catch Traps
Der Fang von drei der vier hier untersuchten Wölfe erfolgte mit Soft Catch Traps (EZ Grip No.
7), einer gepolsterten Fußfalle, die nach dem Prinzip eines Tellereisens funktioniert. Daher
hat es um den Einsatz dieses Fallentyps einige Irritationen gegeben. Teilweise wurde der
Einsatz jedoch auch bewusst fehlinterpretiert.
Die sogenannte Tellereisenverordnung (EWG) Nr. 3254/91 ist seit 1991 in Kraft. Die
Grundintention dieser Verordnung ist das Verbot von Fallen „mit denen Tiere in größeren
Mengen oder wahllos gefangen oder getötet werden“. Die Abschaffung von Tellereisen
sollte „sich positiv auf den Erhaltungssituation bedrohter oder gefährdeter wildlebender
Tierarten innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft auswirken“. In der Verordnung von
1991 wird ausgeführt, dass man zukünftig der Entwicklung humaner Fangmethoden
Rechnung tragen wird. Dieser Einschub wäre widersinnig, wenn man von Anfang an davon

37
ausgegangen wäre, dass grundsätzlich und zu keinen Bedingungen Ausnahmen zur
Verordnung EWG Nr. 3254/91 zugelassen werden können.
Für verschiedene Tierarten, so auch für den Wolf, wurden seit Inkrafttreten der EWG Nr.
3254/91 humane Fanggeräte entwickelt, um Tiere zu Monitoring-, Forschungs- oder
Managementzwecken fangen und unversehrt wieder freilassen zu können. Die EZ Grip No. 7
wurde von Kanada im Rahmen des AIHTS-Abkommens (Agreement on International Humane
Trapping Standards) für den Fang von Wölfen zertifiziert, entspricht also internationalen
Tierschutzstandards. Zwar bedient sich die Fußfalle des Prinzips des Tellereisens - der Fuß
des Tieres wird mittels zweier Bügel festgehalten – jedoch konnte durch eine Abpolsterung
der Bügel, einer veränderten Fixierung der Falle und dem Anbringen eines Schockabsorbers
in der fixierenden Kette die Verletzungsgefahr für das gefangene Tier auf ein Minimum
reduziert werden. Zusätzlich kann der Stress für das gefangene Tier durch die Verwendung
der Fallen in Kombination mit Fallensendern reduziert werden. Dadurch wird gewährleistet,
dass das Tier nur eine möglichst kurze Zeit in der Falle verweilt.
Nach
Prüfung
der
naturschutzrechtlichen,
der
artenschutzrechtlichen
und
der
tierschutzrechtliche Zulässigkeit des Einsatzes von Soft Catch Traps zum Fangen von Wölfen,
kam die Sächsische Genehmigungsbehörde zu dem Schluss, dass diese Fallen für die
kurzfristige Entnahme von Wölfen aus der Natur zulässig sind. Begründet wurde dies ferner
mit der unterschiedlichen Grundintention eines Forschungsprojektes und der EWG
Verordnung Nr. 3254/91: Eine der Grundintentionen der EU-Verordnung (EWG) Nr. 3254/91,
die sich aus dem „Berner Übereinkommen vom 19. September 1979 über die Erhaltung der
europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihre natürlichen Lebensräume“
(Beschluss 82/72/EWG) ergibt, ist das Verbot von Fallen „mit den Tiere in größeren Mengen
oder wahllos gefangen oder getötet werden“. Das von der Genehmigungsbehörde in
Sachsen genehmigte Fangen von Wölfen mittels Soft Catch Traps erfolgt aber gerade nicht in
größeren Mengen, wahllos, oder gar mit dem Ziel des Tötens. Das Gegenteil ist der Fall – es
werden nur wenige Tiere vorübergehend für ausschließlich wissenschaftliche Zwecke
kurzeitig aus der Natur entnommen, und sie zeitnah unversehrt wieder frei zu lassen.
Trotzdem hat im Herbst 2013 der Landesjagdverband Sachsen in einer eine Pressemitteilung
den mit dem Monitoring, inklusive Besenderung von Wölfen in Sachsen beauftragten
Wissenschaftlern die Verwendung von nicht genehmigten Tellereisen zum Fang von Wölfen
und Tierquälerei vorgeworfen (LJV SN 2013). Medien nahmen das Thema auf (Unsere Jagd
2013,
Sächsische
Zeitung
26.10.2013),
die
Situation
eskalierte,
gegen
die
Wissenschaftlerinnen wurde Anzeige erstattet. Sie wurden schließlich von den zuständigen
Behörden gebeten, ihre Ausnahmegenehmigungen zum Fang von Wölfen bis zur endgültigen
Klärung des Sachverhaltes auf EU-Ebene ruhen zu lassen.
Im
Februar
2014
reiste
I.
Reinhardt
zusammen
mit
einer
Delegation
des
Bundesumweltministeriums nach Brüssel, um auf einer AIHTS-Sitzung das Problem
darzulegen. Dabei führte I. Reinhardt der Europäischen Kommission die Falle an der eigenen,

38
ungepolsterten Hand vor, um die geringe Verletzungsgefahr zu demonstrieren. Der Antrag
Deutschlands, das Soft Catch Traps nicht nach der EU-Verordnung (EWG) Nr. 3254/91,
sondern nach AIHTS beurteilt und entsprechend genehmigt werden sollten, wurde von
mehreren weiteren Mitgliedsstaaten unterstützt.
Im Herbst 2015 wurde das Verfahren gegen I. Reinhardt wegen des Verstoßes gegen die
Tellereisenverordnung eingestellt. Bis zum Berichtsschluss hatte sich die Europäische
Kommission noch nicht schriftlich zu dem Sachverhalt geäußert, ob Soft Catch Traps, da
AIHTS zertifiziert, in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, unter eng definierten
Bedingungen für den unversehrten Fang von Wölfen eingesetzt werden können.
4.2 Ergebnisdiskussion
4.2.1 Territoriengrößen
Die berechnete Territoriumsgröße hängt stark von der verwendeten Methode ab. Außerdem
wird sie von Dauer und Zeitraum der Überwachung und dem räumlichen Verhalten des
Tieres beeinflusst. Die Überwachungsperiode sollte mindestens sieben Monate betragen
(Okarma et al. 1998, Reinhardt & Kluth 2011). Ab diesem Zeitraum nimmt die Größe der
MCP der untersuchten Tiere kaum noch zu.
Mit Hilfe der GPS-Telemetrie ist es möglich ein Individuum über einen langen Zeitabschnitt in
regelmäßigen Abständen zu überwachen. Die daraus resultierende Datenmenge ist um ein
Vielfaches höher als bei der herkömmlichen VHF-Telemetrie. Die Dateninterpretation wird
dadurch allerdings nicht einfacher. Auch Abstecher in benachbarte Territorien, die nur
wenige Stunden dauern, werden erfasst. Solche Abstecher sind zwar selten, können jedoch
das MCP100 stark „aufblähen“. Allerdings kann es sich bei einem vermeintlichen Abstecher
auch um den Beginn einer Territorialverschiebung handeln. Je nachdem in welchem
Zeitraum die Datenerhebung erfolgt, kann ein ganz unterschiedliches Bild entstehen. Das
lässt sich gut anhand der Daten von FT8 zeigen. Werden beide Überwachungsjahre
zusammengefasst,
vergrößert
sich
die
Territoriumsgröße
deutlich.
Werden
die
aufeinanderfolgenden Jahre dagegen getrennt analysiert, bleibt die Größe des Territoriums
nahezu konstant. Die scheinbare Vergrößerung ist das Resultat einer Territorialverschiebung.
Auch die Daten von FT7 aus dem Rosenthaler Territorium sind mit Vorsicht zu interpretieren.
Da der Sender nur vier Monate nach der Neuetablierung des Rosenthaler Territoriums
ausfiel, bleibt die Territoriumsgröße und die Lage der Territoriumsgrenzen nur eine
vorläufige Einschätzung.
Die Flächengrößen der MCP95 der erwachsenen Tiere entsprechen vermutlich eher den
tatsächlichen Territoriumsgrößen als jene der MCP100. Allerdings sind die MCP95 stark von
der Verteilung der Lokationen im Raum beeinflusst. Bei einem MCP95 werden zwar die

39
Ausreißer
eliminiert,
dies
bedeutet
jedoch
nicht,
dass
es
die
tatsächlichen
Territoriumsgrenzen abbildet.
Das Kernel, das die Raumnutzung innerhalb des Territoriums widerspiegelt, ist besonders
abhängig von der Stichprobengröße und dem Verhalten des Tieres, welches sich saisonal
ändert. Der Untersuchungszeitraum hat auf das Ergebnis der Kernelanalyse daher starken
Einfluss.
Wichtig ist, sich bei der Dateninterpretation bewusst zu sein, dass die Berechnung der
Streifgebietsgröße, egal mit welcher Methode, nur eine modellhafte Annäherung an das
Raum-Zeit-Verhalten der Tiere ist und eine vereinfachte Abbildung der Realität.
Die Territoriengrößen der untersuchten Wölfe liegen mit gemittelten 239 km² (n = 4, mit
FT7) bzw. 215 km² (n = 3, ohne FT7) MCP95 im Rahmen der Ergebnisse aus einer
vorangegangenen Telemetriestudie in Deutschland, Sachsen (203 km² MCP95, n = 3;
Reinhardt & Kluth 2011). Jędrzejewski et al. 2007 geben für vier Wolfsrudel im Wald von
Białowieża ein mittleres MCP95 von 201 km² an. Allerdings ist die Stichprobengröße in allen
drei Studien gering und die polnischen Werte wurden mittels VHF-Telemetrie ermittelt.
In Skandinavien sind die Wolfsterritorien mit durchschnittlichen MCP100 von 1166 km² bzw.
MCP95 = 887 km² (n = 14) sehr viel größer als in Mitteleuropa (Sand et al. 2010). Dieser
Nord-Süd Gradient der Territoriumsgrößen wird in der Regel mit der nach Norden hin
abnehmenden Habitatproduktivität begründet (Jędrzejewski et al. 2001; Fuller et al. 2003).
Dort wo das Pflanzenwachstum geringer ist, können weniger Huftiere (potentielle
Beutetiere) pro Flächeneinheit leben. Die Nahrungsverfügbarkeit ist für Wölfe daher in
Gebieten mit geringem Pflanzenwachstum niedrig. Entsprechend brauchen sie im hohen
Norden deutlich größere Territorien, als in produktiveren und wildreicheren Gebieten.
Dass die MCP95 in dieser Studie nur 65 % der MCP100 betragen und die Kernel im Mittel nur
40 %, entsprach den Ergebnissen der Pilotstudie 2009 - 2011 (Reinhardt & Kluth 2011). In
Skandinavien nutzen Wölfe ihr Territorium deutlich gleichmäßiger. Das MCP95 beträgt dort
im Mittel 76 % des MCP100, das Kernel sogar 87 % (Sand et al. 2010). Dies könnte ein
Hinweis darauf sein, dass Rückzugsflächen im Lausitzer Wolfsgebiet eine große Bedeutung
für die Tiere haben. Möglicher Weise ist in den wildreichen, aber intensiv anthropogen
genutzten Landschaften Mitteleuropas nicht die Nahrungsverfügbarkeit der Schlüsselfaktor
für die Territoriumsgröße. Verfügbarkeit von geeigneten Rückzugsräumen könnte hier eine
ebenso große Rolle spielen.
4.2.2 Verschiebung von Territorien
Benachbarte Rudel konkurrieren um Platz und Ressourcen und tendieren zur Expansion
(Mech & Boitani 2003). Das heißt, Wolfsterritorien sind keine statischen Gebilde mit
feststehenden Grenzen. Ihr Grenzverlauf wird zwischen Nachbarn immer wieder neu
verhandelt, während die Kerngebiete relativ konstant bleiben (Mech & Boitani 2003).

40
Dies deckt sich mit den Ergebnissen dieser Studie. Obwohl sich die Grenzen des Nieskyer,
Daubaner und Nochtener Rudels zum Teil deutlich verschoben, behielten sie ihre
Kerngebiete bei, in denen sie bevorzugt den Tag verbringen und wo auch die Welpen
aufgezogen werden.
Die Neuetablierung des Kollmer Territoriums war wahrscheinlich der Auslöser für eine
Verschiebung des Daubaner Territoriums nach Norden und Westen. Die Kollmer Fähe war
eine Schwester der Daubaner Fähe (FT9), die nach dem Tod ihrer Mutter das Daubaner
Territorium übernommen hatte. Die nahe Verwandtschaft der beiden Fähen mag ein Grund
dafür sein, dass dem jungen Kollmer Wolfspaar die Neuetablierung am Rand eines bereits
bestehenden Territoriums gelang.
Die Verschiebung des Daubaner Territoriums nach Norden wurde dadurch begünstigt, dass
das Nochtener Rudel den Südteil seines Territoriums weniger intensiv nutzte, als in den
Jahren zuvor. Anfang 2013 wurde der Südteil des Nochtener Territoriums lediglich von dem
alten Nochtener Wolfspaar genutzt, das an den Rand seines ehemaligen Territoriums
gedrängt worden war. Nach dem Tod der alten Nochtener Fähe FT3 übernahmen das
Daubaner und das Nieskyer Rudel jeweils den Südwest- bzw. Südostteil des Nochtener
Territoriums.
Im Winter 2014 / 2015 begann das Nieskyer Rudel das Kollmer Territorium mit zu nutzen.
Bereits in den Monaten zuvor hatte FT8 vereinzelt Abstecher an den Rand des Kollmer
Reviers unternommen, jedoch stets nur für wenige Stunden. Ab Dezember 2014 begann sie
sich hier regelmäßig aufzuhalten, den Tag zu verbringen und auch zu jagen. Offensichtlich
war dieses Gebiet vakant geworden.
Bei Monitoringexkursionen in das Kerngebiet des Kollmer Territoriums waren Sichtungen
von wilden Huftieren, vor allem von Damhirschen, aber auch von Rehen, sehr häufig. Ein
solches Areal wird in einem flächendeckend von Wölfen genutzten Gebiet nicht lange
ungenutzt bleiben. Ob innerartliche Auseinandersetzungen oder anthropogene Einflüsse für
das Verschwinden von MT5 und seines kleinen Rudels ursächlich waren, ist derzeit
unbekannt.
Die in dieser Studie dokumentierten Territorialverschiebungen verdeutlichen erneut, dass
unsere Kenntnis von Territorien, auch wenn sie auf Daten beruht, stets nur eine
Momentaufnahme ist. Das territoriale Mosaik ändert sich ständig. Im Monitoring muss dies
mitgedacht und bei der Datenerhebung berücksichtigt werden, will man die räumliche
Organisation eines Wolfsbestandes verstehen und korrekt interpretieren.
4.2.3 Abwanderung
Die meisten Wölfe wandern aus ihrem Geburtsrudel ab (Mech & Boitani 2003). Die
Abwanderung eines jungen Tieres von dem Ort, an dem es geboren wurde, zu dem, an dem
es sich das erste Mal fortpflanzt, wird als Dispersal bezeichnet (Bekoff 1977
fide
Mech &

41
Boitani 2003). Bis auf die wenigen Tiere, die innerhalb ihres Elternrudels eine
Paarungsposition übernehmen, verlässt jeder Wolf das Rudel, in dem er geboren wurde
(Mech & Boitani 2003).
Bei Wölfen wandern beide Geschlechter ab. Die Mehrzahl der Jungwölfe verlässt ihr
Elternrudel im Alter von 11 – 24 Monaten, wobei es regional große Unterschiede geben kann
(Überblick in Mech & Boitani 2003). In Skandinavien wandern die meisten Wölfe zu Beginn
ihres zweiten Lebensjahres ab, einige bleiben auch mehr als zwei Jahre in ihrem
Geburtsrudel und ganz wenige verbringen dort sogar ihr ganzes Leben (Pedersen et al.
2005). In Finnland wandern die meisten Wölfe bereits mit 11 – 12 Monaten ab (Kojola 2006).
In Spanien betrug das durchschnittliche Dispersalalter dagegen 25 Monate (18 – 31 Mon;
Blanco & Cortes 2007). In Deutschland scheint das Abwanderungsalter stark zu variieren. Es
wurden sowohl Individuen nachgewiesen, die bereits vor ihrem ersten Lebensjahr
abwanderten, als auch solche, die länger als zwei Jahre in ihrem Elternrudel bleiben. Jedoch
lassen die bisherigen Daten darauf schließen, dass auch hier die meisten Wölfe vor Erreichen
ihres zweiten Lebensjahres abwandern (Reinhardt & Kluth 2011; Reinhardt & Kluth
unveröff.
Daten
).
Die beiden Wölfe, deren Abwanderung in dieser Studie verfolgt werden konnte, wanderten
nur über sehr kurze Distanzen ab. Beide etablierten direkt neben bzw. in kurzer Entfernung
zu ihrem Elternterritorium ein eigenes Revier. Generell scheint die Abwanderungsdistanz
negativ mit dem Alter der Tiere assoziiert zu sein. Je jünger der abwandernde Wolf ist, desto
weiter wandert er in der Regel (Mech & Boitani 2003; Kojola et al. 2006). Mech & Boitani
(2003) vermuten, dass ein älteres Tier stärker dazu tendiert, in vertrauter Umgebung zu
bleiben. Tiere, die lange Distanzen abwandern, sind eher jung und scheinen dies besonders
entschlossen und „zielgerichtet“ zu tun (Mech & Boitani 2003). Bisherige Untersuchungen
von abwandernden Wölfen in Deutschland entsprechen diesem Bild (Reinhardt & Kluth
2011, Reinhardt et al. 2012, diese Studie).
Das Abwandern muss nicht plötzlich erfolgen, sondern kann auch einem Pulsieren ähneln, in
dem Rudelmitglieder sich vom Rudel entfernen und wieder nähern. Einzelne Wölfe
unternehmen mehrere Ausflüge, bevor sie sich endgültig lösen und abwandern (Überblick in
Mech & Boitani 2003). Dieses Verhalten zeigte MT5 in dieser Studie und auch einige
Jungwölfe in vorangegangenen Untersuchungen (Reinhardt & Kluth 2011, Reinhardt et al.
2012).
Ist das Nahrungsangebot hoch, haben die Eltern wenig Grund, sozialen Druck auf die
Jährlinge auszuüben und sie zum Abwandern zu zwingen. In Einzelfällen kann das dazu
führen, dass eine junge Fähe im Territorium ihrer Mutter reproduziert, wie FT7 2013. Dass
mehr als eine Wölfin in einem Wolfsrudel Welpen aufzieht, ist in der Fachliteratur gut
dokumentiert (Überblick in Mech & Boitani 2003). In der Regel handelt es sich dabei um
Mutter und Tochter oder um Schwestern (z.B. Smith et al. 2008, Smith et al. 2009, Smith et

42
al. 2010). Als Voraussetzung dafür wird allgemein eine hohe Nahrungsverfügbarkeit
angesehen (Mech & Boitani 2003).
MT5 etablierte sein Territorium am Rand eines bestehenden Wolfsreviers. Diese Art der
Territoriengründung ("carving out", Mech & Boitani 2003) kann für die Gründertiere riskant
sein, da die Eigentümer des bestehenden Territoriums in der Regel versuchen werden, dies
zu verhindern. Nahe verwandtschaftliche Beziehungen mögen ein solches Vorgehen und
eine Duldung durch die Alteingesessenen erleichtern. Im Fall von MT5 war seine Partnerin
eine Schwester der Daubaner Fähe, er selbst war der Onkel der Daubaner Fähe.
4.2.4 Habitatnutzung
Wölfe kamen einst auf der gesamten Nordhalbkugel mit Ausnahme der Wüsten, Eiswüsten
und weniger Inseln vor (Fuller et al. 2003). Entsprechend gehören sie zu den
anpassungsfähigsten Säugetieren dieser Erde. Sie sind an keinen besonderen Lebensraum
angepasst, sondern können überall leben, wo sie
ausreichend zu Fressen und
Rückzugsräume (vor menschlichen Störungen) finden, um ihre Welpen aufzuziehen. Die
Vegetationsform ist für Wölfe nebensächlich, solange genügend Huftiere als Beute
vorhanden sind (Fuller et al. 2003). In Europa haben sie bis in die Mitte des letzten
Jahrhunderts nicht dort überlebt, wo sie die besten Lebensbedingungen fanden, sondern
dort, wo der Mensch ihre Ausrottung nicht mit letzter Konsequenz betrieb (Boitani 1995).
Wölfe sind nicht auf Wald angewiesen. Trotzdem leben Wölfe in Europa heute vielerorts in
Gebieten mit hohem Waldanteil (Ciucci et al. 2003; Jędrzejewski et al. 2004; Kaartinen et al.
2005; Jędrzejewski et al. 2008); jedoch nicht überall. In spanischen Wolfsgebieten sind
nördlich des Duero-Flusses nur 7 % der Fläche bewaldet, südlich des Duero 26 % (Blanco et
al. 2005).
In Polen kommen Wölfe vor allem in Gebieten mit hohem Waldanteil vor. Im ostpolnischen
Wolfsgebiet beträgt der Waldanteil 50 %, im südpolnischen Wolfsgebiet sogar 62 %. Im
polnischen Durchschnitt ähnelt der Waldanteil mit 33 % (Jędrzejewski et al. 2004;
Jędrzejewski et al. 2005), dem in Deutschland (30 %; Angabe des Statistischen
Bundesamtes).
Im Gebiet der hier untersuchten Wölfe lag der Waldanteil mit 36 % nur wenig über dem
deutschen Durchschnitt. Umso stärker war die Präferenz der Tiere für Wald und die Meidung
von Feldern und Weiden ausgeprägt. Am Tage war dies noch deutlicher als in der Nacht; ein
Hinweis darauf, dass Wölfe nicht den Wald per se präferieren, sondern vor allem das
Zusammentreffen mit Menschen meiden. Ihre Rückzugsgebiete, in denen sie den Tag
verbringen, wählen sie so, dass die Störungswahrscheinlichkeit minimiert wird. Darauf weist
auch die Meidung von Straßen, vor allem am Tage, hin. Straßennahe Gebiete (≤ 300 m)
werden stark gemieden, während Gebiete, die ≥ 900 m entfernt von Straßen liegen, deutlich
bevorzugt werden. Eine finnische Studie zeigte ebenfalls, dass Wölfe Straßen meiden und

43
das Gebiet in 250 m Umkreis um Straßen sehr viel weniger nutzten als weiter entfernte
Gebiete (Kaartinen et al. 2005). Allerdings ist die Straßendichte im deutschen
Untersuchungsgebiet mit 1,52 km Straßen / km² erheblich höher als in der finnischen Studie
(0,4 km / km²). Das heißt, auch in der für deutsche Verhältnisse relativ dünn besiedelten
Lausitz, gibt es nur wenige Ecken, die weiter als 600 m von der nächsten Straße entfernt sind
(vgl. Abb. 22 & 23). Die Landschaft hier ist durch und durch von Menschen geprägt und
genutzt. Auch wenn Wölfe weitestgehend versuchen, dem Menschen aus dem Weg zu
gehen, völlig gelingen kann ihnen das in einer so stark vom Menschen genutzten Landschaft
nicht.
Die Studie hat verdeutlicht, wie groß die individuellen Unterschiede zwischen einzelnen
Wölfen sein können. Während FT7 zum Beispiel lernte Getreidefelder zum Übertagen zu
nutzen, zeigten die drei anderen Wölfe dieses Verhalten fast nie. Es liegt daher auch in der
Individualität eines Tieres begründet, ob es einen bestimmten Lebensraum akzeptiert und
dort ein Territorium etabliert oder nicht. Dass Wölfe nicht nur Wald als Rückzugsraum
akzeptieren, zeigt das Beispiel von FT9. Die Daubaner Wölfin nutzte auch Heide- und
Sukzessionsflächen als Tageseinstand: Diese Flächen hatten in ihrem Territorium einen
höheren Anteil, als in den Revieren der drei anderen Wölfe. Da Heide- und
Sukzessionsflächen in den anderen drei Wolfsterritorien so selten sind, scheinen sie in der
Gesamtanalyse der vier Wölfe kaum auf. In einer vorangegangenen Telemetriestudie von
Wölfen deren Territorien einen deutlich höheren Anteil an Heide- und Sukzessionsflächen
aufwiesen, bevorzugten die Tiere diese Flächen sehr deutlich (Reinhardt & Kluth 2011). Auch
hier zeigt sich die Anpassungsfähigkeit von Wölfen an verschiedene Habitatstrukturen. Die
starke Bevorzugung von Wald in dieser Studie darf nicht zu dem Umkehrschluss führen, dass
Wölfe an Wald angewiesen sind. Das sind sie nicht.
4.2.5 Aktivität
Das Aktivitätsverhalten vieler Prädatoren richtet sich an dem ihrer Beutetiere aus (z.B. Ables
1969; Sunquist 1981; Ferguson et al. 1988, Beltran & Delibes 1994). In Europa kann davon
ausgegangen werden, dass das Verhalten wilder Huftiere, der Hauptbeute von Wölfen,
außerhalb von Nationalparks durch die Jagd stark beeinflusst wird. Insbesondere
Wildschweine (
Sus scrofa
) und Rothirsche (
Cervus elaphus
) reagieren auf Bejagung mit
verstärkter Nachtaktivität (Wildschweine:
Podgórski et al. 2013, Rothirsche: Jeppesen et al.
1987,
Kamler et al. 2007
)
.
Das Aktivitätsverhalten der Wölfe in intensiv von Menschen genutzten Gebieten wird sich
jedoch nicht nur am Verhalten der Beutetiere ausrichten, sondern auch an dem des
Menschen. Die überwiegende Nacht- und Dämmerungsaktivität von Wölfen in Europa (Vila
et al. 1995, Ciucci et al. 1997; Fritts et al. 2003, Blanco et al. 2005, Pederson et al. 2005,
Reinhardt und Kluth 2011), wird in der Regel damit erklärt, dass Wölfe so das
Zusammentreffen mit Menschen vermeiden. Auch die Ergebnisse dieser Studie belegen, dass

44
die untersuchten Wölfe überwiegend, aber nicht ausschließlich, nachtaktiv sind. Die
Interpretation, dass dieses Verhalten dazu dient, dem Menschen auszuweichen, wird durch
die Ergebnisse der Habitatnutzungsanalysen untermauert. Die verstärkte Aktivität in den
Morgenstunden, wie sie hier beobachtet wurde, ist auch aus anderen Gebieten bekannt
(Pederson et al. 2005, Theuerkauf et al. 2007).
4.3 Implikationen für Management und Forschung
Die Ergebnisse dieses Vorhabens haben erneut unterstrichen, dass Wölfe keine Wildnis
brauchen. Auch in relativ dicht besiedelten Kulturlandschaften können sie sich an eine
Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume anpassen, wobei es große individuelle Unterschiede
gibt. Derzeit gibt es keinen Hinweis darauf, dass Wölfe bestimmte Lebensräume meiden, die
aus menschlicher Sicht zu fragmentiert oder zu waldarm für diese Tierart erscheinen.
Solange sie genügend Nahrung vorfinden und Rückzugsräume, in denen sie den Tag
verbringen und Welpen aufziehen können, werden Wölfe nach und nach versuchen, diese
Gebiete zu besiedeln.
Allerdings geben die Daten auch deutliche Hinweise darauf, wie wichtig Rückzugsräume für
diese Tierart in einer so stark zersiedelten Landschaft, wie Deutschland, sind. Die Territorien
der in dieser Studie untersuchten Wölfe waren fragmentierter, wiesen eine höhere
Straßendichte auf und hatten einen niedrigeren Anteil an Wald und Sukzessionsflächen, als
die Territorien der Wölfe, die während der vorangegangen Pilotstudie untersucht wurden
(Reinhardt & Kluth 2011). Die damaligen Ergebnisse wiesen bereits darauf hin, dass
Rückzugsräume eine wichtige Rolle spielen. Die noch deutlichere Meidung von
landwirtschaftlichen Flächen und von Straßen in der aktuellen Untersuchung unterstreicht
dies
eindrucksvoll.
Das
Störungsverbot
für
Aufzuchtstätten,
wie
es
nach
dem
Bundesnaturschutzgesetz gegeben ist, ist daher auch für diese anpassungsfähige Tierart,
sehr wichtig.
Während des Untersuchungszeitraumes zeigte sich, wie hilfreich die Telemetrie einzelner
Wölfe im Rahmen des Monitorings sein kann. Ist es in Gebieten mit räumlich voneinander
getrennten Wolfsterritorien noch einfach den Überblick zu behalten, wird dies immer
anspruchsvoller, je mehr Territorien aneinander grenzen. Da Territorien nicht statisch sind,
sondern
sich
permanent
verschieben
können,
ist
es
mit
den
herkömmlichen
Monitoringmethoden schwierig, über eine größere Fläche jährlich die Daten zu erheben, die
eine räumliche Darstellung des Territorienmusters ermöglichen. Selbst mit einem intensiven
Monitoring wird dies häufig nur zeitverzögert gelingen. Die Telemetrie einzelner Wölfe kann
daher eine sinnvolle Ergänzung zum herkömmlichen Monitoring sein. Sie liefert Daten, wie
durchschnittliche Territoriumsgrößen, die helfen können, andere Monitoringdaten besser zu
interpretieren.

45
Noch immer gibt es viele offene Fragen, nicht nur in Bezug auf die Wolfsforschung, sondern
auch auf das Wolfsmanagement. Zukünftige Forschung sollte unter anderem die Frage näher
untersuchen,
welche
Gebiete
sich
als
Rückzugsräume
eignen
bzw.
ob
es
Mindestanforderungen an Rückzugsräume gibt. Auch hinsichtlich der Ausbreitung der
Wolfspopulation gibt es noch ungeklärte Fragen. Auffällig ist die gegenwärtig stark gerichtet
wirkende Ausbreitung des deutschen Wolfsbestandes nach Nord-West. Dies steht im
Widerspruch zu Erkenntnissen aus anderen Ländern, dass eine solche Expansion ungerichtet
verläuft, es sei denn, die Tiere treffen richtungsabhängig auf starke Beeinträchtigungen. Ein
Beispiel hierfür sind Wölfe, die in Skandinavien und Finnland nach Norden in die
Rentiergebiete wandern und dort legal oder illegal getötet werden (Kojola et al. 2006; Kojola
et al. 2009). Die ungleichmäßige Expansion des Vorkommensgebietes in Deutschland lässt
vermuten, dass es in Deutschland durchaus Beeinträchtigungen gibt, die eine Ausbreitung
von Wölfen z.B. in Südwest-Richtung bislang erschweren. Zur Beantwortung dieser Fragen
und zum Schicksal und zur Überlebensrate von abwandernden Tieren sind neben einem
größeren
Datensatz
auch
ein
längerer
Untersuchungszeitraum
sowie
ein
bundesländerübergreifender Ansatz erforderlich.
In den letzten Jahren mehren sich die Hinweise, dass in einigen Gebieten / in einzelnen
Rudeln die Elterntieren besonders häufig wechseln. Dies geht bis zum Verschwinden ganzer
Rudel. In solchen Hot Spots kann die Telemetrierung von mehreren Wölfen hilfreich sein, um
nachzuweisen, dass und wo die Tiere verschwinden. Zudem ist es gut möglich, dass ein
Halsbandsender einen gewissen Schutz vor illegalen Abschüssen bietet.
Trotz
vieler
interessanter und
wichtiger Ergebnisse sollte
vor jedem
geplanten
Telemetrieprojekt die Frage gestellt werden, ob die Telemetrie tatsächlich die geeignete
Methode ist, um die Fragestellung zu beantworten oder ob dies auch mit anderen Mitteln
gelingen kann. Jeder Fang bedeutet Stress für das gefangene Tier und birgt ein gewisses
Risiko in sich. Vor- und Nachteile sollten daher in jedem einzelnen Fall genau abgewogen
werden.
4.4 Öffentlichkeitsarbeit
Die im Rahmen dieser Studie gewonnen Ergebnisse sind auf großes Interesse in der
Bevölkerung und in den Medien gestoßen. Durch die Zusammenarbeit zwischen der
Arbeitsgruppe Wanderwolf, den Auftragnehmern und dem Kontaktbüro „Wolfregion
Lausitz“ konnten viele Menschen die gewonnenen Erkenntnisse zeitnah mit verfolgen. Durch
die regelmäßige Veröffentlichung von Teilergebnissen dieser Studie, wurde versucht das
Interesse und auch das Verständnis für diese Tierart, vor allem, aber nicht nur in der
Lausitzer Bevölkerung zu erhöhen. Die vielen Nachfragen, die insbesondere beim
Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz" eingingen, zeigen, dass dies zumindest teilweise gelungen
ist.

46
Die Individuenzahlen, der Tiere die innerhalb von solchen Projekten untersucht werden
können, sind häufig gering, was eine statistisch abgesicherte Auswertung erschwert. Für das
Verständnis und die damit einhergehende Akzeptanz dieser Tierart sind jedoch auch diese
wenigen Beispiele aus dem Leben einzelner, individuell bekannter Wölfe sehr wertvoll. Sie
helfen den Menschen einen Zugang zu finden zu einem Tier, das in riesigen Territorien lebt
und sich kaum beobachten lässt. Es ist daher auf jeden Fall empfehlenswert, auch die
Ergebnisse zukünftiger Telemetriestudien für die Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen.
Dabei sollte mit der Darstellung der Daten vorsichtig umgegangen werden. Vor dem
Hintergrund, dass Wölfe in der Regel von sich aus den Menschen meiden und auf
Rückzugsräume angewiesen sind, sollte auf punktgenaue Darstellungen von Telemetriedaten
verzichtet
werden.
Ansonsten
besteht
die
Gefahr,
naturbegeisterte
Menschen,
Rückzugsräume verstärkt aufsuchen, um Wölfe zu sehen.

47
Danksagung
Unser besonderer Dank gilt Herrn Dankert vom SMUL, der maßgeblich Anteil an der
Projektplanung hatte und das Vorhaben über die gesamte Laufzeit unterstützte.
Für die wertvolle Unterstützung bei der Feldarbeit und bei den Fängen danken wir
besonders Jürgen Thanisch, Günther Körner und Franz Graf von Plettenberg vom
Bundesforstbetrieb Lausitz, André Klingenberger vom Staatsbetrieb Sachsenforst, Catriona
Blum und Helene Möslinger von LUPUS sowie Nicola Georgy.
Wir danken den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Wanderwolf, die das Vorhaben interessiert
und mit konstruktiven Vorschlägen begleiteten. Insbesondere Vanessa Ludwig und Helene
Möslinger vom Kontaktbüro Wolfsregion haben wertvolle Anregungen zu einer ersten
Version dieses Berichtes gegeben.
Finanziert wurde das Vorhaben von der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW),
dem Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland
e.V. (NABU) und dem World Wide Fund for Nature Deutschland (WWF) und dem
Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft.

48
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