Diabetes mellitus und Sportunterricht
© Dr. M. Steinhardt
Arbeitsstand Januar 09
Seite 1 von 3
www.promineus.de
Sehr geehrte Sportlehrerinnen und Sportlehrer,
die folgenden Informationen und Empfehlungen sollen Sie in Ihrer pädagogischen Tätigkeit
unterstützen.
Informationen zum Krankheitsbild
Diabetes mellitus ist eine chronische Erkrankung, die auf Insulinmangel oder gestörter
Insulinsensitivität in der Körperperipherie beruht und bei der Stoffwechselprozesse, die durch
Insulin unterhalten oder begünstigt werden, in ihrem Ablauf und Umsatz gestört sind (vgl.
Koinzer 1997).
Bei einem gesunden Menschen schwanken die Blutzuckerwerte in der Regel zwischen
3,3 mmol/l (60 mg/dl) und 7,7 mmol/l (140 mg/dl).
Ca. 4% bis 5% der Gesamtbevölkerung sind an Diabetes mellitus erkrankt. Man unterscheidet
den
Primären Diabetes mellitus
vom
Typ I
(
insulinabhängig
, d. h. Zerstörungsprozesse der
Insulin produzierenden Areale der Bauchspeicheldrüse) und
Typ II
(
insulinunabhängig
, d. h.
sich entwickelnde Insulinresistenz), die
verminderte Glukosesensitivität
, den
Sekundären
Diabetes mellitus
als Folge anderer Erkrankungen, den
Malnutrationsdiabetes
in Folge eines
mangelhaften Ernährungszustandes und den
Schwangerschaftsdiabetes
.
Zur typischen
Symptomatik
des Diabetes mellitus gehören gehäuftes Wasserlassen und
erhöhte Harnmengen, die Steigerung des Durst- und Hungergefühls (mit Gewichtsverlust),
u. U. Bauchschmerz, eine verminderte Leistungsfähigkeit verbunden mit Muskelschwäche und
schneller Ermüdbarkeit, eine auffällige Abwehrschwäche des Immunsystems, eine typische
Gesichtsrötung, ein Azetongeruch und Ketonkörper im Harn.
Diabeteserkrankungen ziehen bei langjährigem Verlauf Folgeerkrankungen, vor allem am
Gefäßsystem, nach sich. Zudem kann es zu zwei typischen schweren Akutsituationen kommen.
Das
Coma diabeticum
, auch hyperglykämisches Coma, mit
Blutzuckerwerten > 22,3 mmol/l
(400 mg/dl)
, entwickelt sich relativ langsam innerhalb von Tagen. Typische Anzeichen sind
Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, rote Gesichtsfarbe, rote Lippen, eingefallene Augen,
trockene Mundschleimhaut, Azidose, vertiefte Atmung (sog. Kussmaulsche Atmung),
Bauchschmerz, Untertemperatur, Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes), erniedrigter
Blutdruck, leise Herztöne, schlaffe Muskulatur, abgeschwächte Eigenreflexe, Schläfrigkeit bis
Bewusstlosigkeit.
Der
hypoglykämische Schock
kündigt sich ab einem
Blutzuckerwert < 2,7 mmol/l
(50 mg/dl)
mit starkem Hungergefühl, Unruhe, Leistungsminderung (Schwäche), Kopfschmerz,
Schwindel, feuchter Haut, Schweißausbrüchen, Übelkeit, Herzrasen (Tachykardie),
gesteigerten Eigenreflexen, erhöhter Muskelspannung, Krämpfen, zwischenzeitlicher
Übererregung (Aggression) an und führt eher selten bis zur Bewusstlosigkeit.
Hier ist
schnelles Handeln (Zuführung von Glukose) notwendig
, da bei weiterem Sinken des
Blutzuckerspiegels (< 2,2 mmol/l) akute Lebensgefahr bestehen kann.
Zur Steuerung von insulinpflichtigen Diabeteserkrankungen werden zwei unterschiedliche
Insulinarten mit abweichender Wirkungsdynamik eingesetzt.
Das
Normalinsulin
beginnt ca. 15 Minuten nach der Injektion seine Wirkung zu entfalten,
erreicht sein Wirkungsmaximum nach ca. 2 Stunden und verfügt über eine Gesamtwirkungs-
dauer von etwa 6 – 8 Stunden.
Das
Langzeit-
oder auch
Depotinsulin
benötigt einen längeren Zeitraum (ca. 45 Minuten) bis
zum Beginn der Blutzucker senkenden Funktion, entfaltet seine maximale Wirkung über 4 – 6
Stunden und kann bis z
u 24 Stunden wirksam sein.

Diabetes mellitus und Sportunterricht
© Dr. M. Steinhardt
Arbeitsstand Januar 09
Seite 2 von 3
www.promineus.de
Empfehlungen für Ihre Tätigkeit als Sportlehrer/in
Spiel, Sport und Bewegung sind vor allem für junge Diabetiker besonders wichtig.
Körperliche Belastung in möglichst dynamischer Form verstärkt den Glukoseeinstrom in die
Muskelzellen und die dort stattfindende Glukoseoxidation. Sport macht den Körper
insulinempfindlicher. Zudem wirken Ausdauerbelastungen präventiv auf das Herz-Kreislauf- und
Gefäßsystem. Die positiven Effekte von Sport auf die psychische und soziale Entwicklung der
Kinder und Jugendlichen sind auch hier unbestritten und für ein gesundes Heranwachsen
unerlässlich.
1. Informieren Sie sich
in geeigneter Form über das eventuelle Auftreten von Diabetes
mellitus bei Ihren Schülern. Lassen Sie sich von den Eltern und dem Schüler
über Art,
Schwere, eventuelle Komplikationen und die aktuelle Therapie
Auskunft geben. Treffen
Sie eventuell notwendige Vorkehrungen für Notsituationen (Traubenzucker, Apfelsaft,
gebundene KH
1
, Alarmierungsplan, …an der Sportstätte griffbereit).
Erfragen Sie
individuell typische Anzeichen einer Unterzuckerung
und sprechen Sie Ihr Vorgehen mit
den betreffenden Schülern ab. Schaffen Sie somit Vertrauen.
2.
Die betreffenden Kinder und Jugendlichen nehmen im Regelfall ganz normal am
Sportunterricht teil. Sport ist ein wesentlicher Teil der Therapie. Kurzzeitige
Teilfreistellungen werden nur bei aktuellen und akuten Beschwerden erforderlich.
Erkundigen Sie sich deshalb vor dem Sport über das Befinden, die letzte
Nahrungsaufnahme, die erfolgte Einnahme von Medikamenten und dem aktuellen
Blutzuckerwert (BZ-Wert).
Lassen Sie sich ggf. (Zweifel) die BZ-Messung demonstrieren.
Zur Einschätzung der „Sporttauglichkeit“ nutzen Sie bitte das auf Seite 3 abgebildete
Flussdiagramm zum Verhalten beim Sport mit Kindern und Jugendlichen mit Typ I Diabetes
und die Empfehlungen des Diabetes-Teams der Universitätsklinik Leipzig.
3.
Insulinpumpen sollten aus Kostengründen abgelegt und sicher verwahrt werden, der
Insulinkatheter kann hingegen ohne Bedenken beim Sport (gesichert) getragen werden.
4.
Bei Doppelstunden ist eine zwischenzeitliche BZ-Messung notwendig, um eventuell die
Blutzuckerwerte zu korrigieren (zusätzliche Sport-KE
2
).
5.
Beobachten Sie den oder die betreffenden Schüler während des Sportunterrichts.
Seien Sie auf Notsituationen eingestellt! Bei einem Bewusstseinsverlust rufen Sie, wie in
jedem anderen Notfall, den Rettungsdienst (112).
6.
Bedenken Sie die Nachwirkung von sportlicher Belastung (Muskelfülleffekt).
Der Diabetiker soll deshalb nach dem Sportunterricht nochmals den Blutzuckerwert
kontrollieren und entsprechend regulieren. Orientieren Sie sich ebenfalls am Flussdiagramm
auf Seite 3.
Sehr geehrte Sportlehrerinnen und Sportlehrer, Unterrichtssituationen sind oft vielschichtig und
kompliziert.
Richtige Entscheidungen zu treffen, ist oft schwieriger als erwartet. Insofern
verstehen Sie bitte die o. g. Empfehlungen als Anregung, Hilfe oder auch Bestätigung für Ihr
tägliches sportpädagogisches Handeln.
1
KH: Kohlenhydrate
2
KE: Kohlenhydrateinheit

Diabetes mellitus und Sportunterricht
© Dr. M. Steinhardt
Arbeitsstand Januar 09
Seite 3 von 3
www.promineus.de
Flussdiagramm zum Verhalten beim Sport mit Kindern und Jugendlichen mit Typ I Diabetes
(aus Kinder- und Jugendarzt 32 Jg. (2001) Nr. 12) vom Autor leicht bearbeitet.
Die Ketonmessung erfolgt mittels Urintest.
(* KE steht für Kohlenhydrateinheit)
Das Diabetes-Team der Universitätsklinik Leipzig gibt folgende Empfehlungen zur
Blutzuckerwertprüfung und -regulation vor Beginn einer sportlichen Belastung. (Stand 12/2008)
Blutzuckerwert
Maßnahmen
< 4,0 mmol/l
4 Traubenzuckerblättchen (z. B. Dextropur) oder
200 ml (Apfel-)Saft
plus
1 Sport-KE (z. B. Riegel)
4,0 – 8,0 mmol/l
1-2 Traubenzuckerblättchen
plus
1 Sport-KE (z. B. Riegel)
8,0 – 12,0 mmol/l
ausreichend, um Unterzuckerung während des Sports
zu vermeiden
12,0 – 15,0 mmol/l
Korrektur des erhöhten Wertes mit der Hälfte der
üblichen Insulindosis
> 15,0 mmol/l
Zunächst
keine
Teilnahme am Sport!
Ketonmessung
(Urin)!
ggf. Insulingabe; viel zuckerfreie Flüssigkeit;
bei schlechtem Allgemeinzustand Eltern informieren
und ggf. Notarzt hinzuziehen
Blutzuckermessung vor der Sportstunde
Blutzucker
< 5,5 mmol/l
(100 mg/dl)
Blutzucker
5,5 – 13,8 mmol/l
(100 – 250 mg/dl)
Blutzucker
> 13,8 mmol/l
(250 mg/dl)
Je nach Dauer
und Intensität 1 – 3
zusätzliche KE
*
Keton negativ
Keton positiv
Kein Sport,
viel trinken,
ggf. Insulin
Sport
Blutzuckermessung nach der Sportstunde
(bei Blutzucker < 5,5 mmol/l (100 mg/dl) weitere 1 – 2 KE)