War da was?
Bericht zur Tagung „Die Zukunft der Polizeiarbeit – die Polizeiarbeit der Zukunft“
am 4. und 5. Juni 2019 an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Der Anlass
25 Jahre Hochschule der Sächsischen Polizei (FH), 20 Jahre Schriftenreihe „Rothenburger Bei-
träge“ und das Erscheinen des Bandes 100 sind Ausdruck eines erfolgreichen Schaffens für
eine moderne, wissenschaftszugewandte sächsische Polizei. Nur stehen derzeit ganz andere
Fragen rund um unsere Hochschule im Fokus. Das ist aber kein Grund, die erreichten Erfolge
zu ignorieren.
Erste Vorbereitungen
Der Aufruf zur Mitgestaltung des Bandes „Die Zukunft der Polizeiarbeit – die Polizeiarbeit der
Zukunft“ vom 4. Oktober 2018 wurde in Deutschland und Österreich gehört und 28 Aufsätze
wurden bis Ende April 2019 eingereicht. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es zu Aufsätzen zu-
meist auch Diskussionsbedarf gibt. So entstand die Idee, die Autorinnen und Autoren zu einer
Konferenz einzuladen, um Ihre Aufsätze in Kurzform vorzutragen und zur Diskussion zu stellen.
Der amtierende Rektor entschied, dass diese Konferenz hier in Rothenburg stattfinden soll,
um Studierenden und Dozenten die Teilnahme zu ermöglichen, sei es für die gesamte Zeit
oder nur für ausgewählte Vorträge.
Es wird konkret
Es ist für die Organisatoren einer solchen Konferenz immer eine spannende Zeit, bis sich her-
ausstellt, ob und welche Autoren der Einladung folgen werden. Denn diese haben selbst genug
Arbeit in ihren Dienststellen, Lehrverpflichtungen an Hochschulen und Universitäten und volle
Terminkalender. 14 Autorinnen und Autoren sagten zu, sich mit 10 Vorträgen zur Diskussion
zu stellen. Am 3. Mai konnte der erste Programmentwurf erstellt und veröffentlicht werden.
Dazu wurde er ins Intranet und ins Internet eingestellt und per Mail an alle Dozentinnen und
Dozenten in Rothenburg und Bautzen verschickt. Als am 13. Mai dann das Programm fertig
war, wurde diese Öffentlichkeitswerbung im Intranet, Internet und per Rundmail wiederholt.
Die Konferenz
Nach einer kurzen Begrüßung durch den Organisator der Konferenz hielt Herr Prof. Dr. Anton
Sterbling den Eröffnungsvortrag zum Thema
Wissenschaft und Irrtum
. Damit war ein tragfähi-
ges Fundament für alle weiteren Diskussionen gelegt: das Streben nach Wissen, die Rolle der
Wissenschaften im Allgemeinen und in der Polizeiausbildung im Besonderen. Irrtümer gehö-
ren zur Wissenschaft, wertvoll werden diese aber erst durch deren Korrektur! Es schloss sich
eine Diskussion an, u.a. zum Begriff der Polizeiwissenschaft. Ergebnis in Kurzfassung: Es gibt
derzeit keine fertig herausgebildete Polizeiwissenschaft. Ob diese künftig entstehen wird,
hängt maßgeblich davon ab, ob die Polizei diese künftig benötigen wird, um ihre Aufgaben zu
erfüllen. (Die Rothenburger Beiträge verstehen und bezeichnen sich
polizeiwissenschaftliche
Schriftenreihe
.
)
Es folgte der Vortrag von Herrn Dr. Adam Slabý zum Thema
Zwischen Versicherheitlichung,
Sicherung und Europäisierung.
Ausgehend von der Erkenntnis, das sich das Sicherheitsgefühl
der Bürgerinnen und Bürger zusammensetzt aus der tatsächlichen Lage und der gefühlten Si-
cherheit, sprach er über Grenzkriminalität, die Probleme ihrer Definition und Formen der Zu-
sammenarbeit mit den Polizeien in Tschechien und Polen.

Prof. Dr. Dieter Müller sprach zur
Verkehrssicherheitsarbeit der Polizei, deren gegenwärtigen
Stand und künftige Aufgaben
. Statistiken zu Unfallhäufigkeiten junger und alter Fahrzeugfüh-
rer waren beeindruckend und dürfen dennoch nicht dazu verführen, dass korrekte Unfallur-
sachenermittlungen durch vorgefertigte Meinungen zu Risikogruppen überlagert werden.
Die Professoren Dr. Dr. Mario Staller und Dr. Swen Körner stellten in ihrem Vortrag polizeiliche
Einsatztrainings und deren Weiterentwicklung in den Mittelpunkt. Zentrale Frage dabei war,
ob das trainiert wird, was später tatsächlich gebraucht wird. Auch die Frage, ob Versuche zur
Deeskalation vor dem Einsatz unmittelbaren Zwanges in die Trainings gehören, spielte eine
große Rolle. Sehr aufschlussreich war eine Analyse empirischer Daten zu den Zeiten der Ein-
satztrainings. Wie viel Zeit bleibt für die Trainings der Teilnehmer tatsächlich übrig, wenn man
warten, zugucken, quatschen u.a. abzieht? Wie können diese Zeiten durch bessere Organisa-
tion in echte Trainingszeiten verwandelt werden? Die anschließende Diskussion zeigte den
großen Bedarf für Erfahrungsaustausch und neue Methoden und Erkenntnisse. Zu diesem Vor-
trag war ein kompletter Polizeitrainerlehrgang vom FBZ angereist.
Frau Dr. Figen Özsöz und Herr Dr. Johannes Luff vom Bayerischen LKA stellten in ihrem Vortrag
Und sie bewegt sich doch!
ein neues, überraschendes Organisationsmodell für Polizeidienst-
stellen zur Diskussion. Neben einer Kernbesetzung in bekannter allgemeiner Aufbauorganisa-
tion soll es einen Personalpool mit flexibel disponierbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
geben, die den zu erfüllenden Aufgaben flexibel zugeordnet werden. Damit sollen die vorhan-
denen Kapazitäten schnell den sich oft ändernden Aufgaben zugeordnet werden können. Fra-
gen der Qualifikation, Unterstellung, Beförderung, Kommunikation spielten in der Diskussion
eine große Rolle. Das Fazit lautete in Kurzfassung: hoch innovativ, hätte viele Vorteile, könnte
es mal geben
,
aber nicht so bald.
Der 5. Juni begann mit dem Vortrag von Frau Dr. Hedda Holzhauer zum Thema
Der Ermitt-
lungsexperte. Ermitteln auf Expertenniveau- eine vergessene Tugend?
Anfänger nutzen das er-
worbene Wissen, lieben Checklisten und arbeiten diese ab. Sie wollen alles richtig machen und
viel zu oft haben sie damit keinen Erfolg. Warum ist das so? Wann und wie wird aus Einsteigern
ein Experte? Was muss man selbst erlebt haben und was kann vermittelt werden? Welche
Rolle hat Story telling von Alten Hasen? Und wie kontraproduktiv ist Rotation und breite Ver-
wendung für die Herausbildung von Ermittlungsexperten? Auch hierzu entspann sich eine in-
teressante Diskussion.
Der Vortrag von Frau Prof. Dr. Susanne Benöhr-Laqueur zum Thema
Freund oder Feind? Recht-
liche Aspekte der zeitgleichen Nutzung von Drohnen über Protestcamps durch Demonstranten
und die Polizei
beruhte auf zwei studentischen Arbeiten. Fairer (und richtiger) Weise brachte
sie die PKAs Frau Tamara Wilde und Herrn Daniel Bußmann mit und ließ sie Teile des Vortrages
halten. Es gab schon erstaunliche Erkenntnisse zum polizeilichen Drohneneinsatz über Pro-
testcamps: die Gültigkeit des Versammlungsgesetzes, der Bedarf eines konkretes Anlasses
zum polizeilichen Drohneneinsatz, die Pflicht zum Abbruch des Einsatzes, wenn aus dem Camp
Drohnen oder Luftballons aufsteigen. Hier ist nichts so einfach wie man meinen könnte!
Herr Polizeidirektor Leif Woidtke stell
t
e in seinem Vortrag das
Diensthundewesen in der säch-
sischen Polizei
vor und zeigte mögliche künftige Entwicklungen auf. Interessant waren die em-
pirischen Auswertungen zu Anforderungen und Ergebnissen von Einsätzen der Polizeihunde,
die zu großen Teilen im Rahmen von Bachelorarbeiten erfolgten.
Herr Prof. Dr. Tom Thieme sprach zum
Feindbild Polizei im politischen Extremismus
. Zuneh-
mende Gewaltbereitschaft, Gruppenidentitäten durch Feindbilder und die große Bedeutung

professionellen Handelns und Distanz zu den Akteuren bei Provokationen oder Vereinnah-
mungsversuchen waren Schwerpunkte seines Vortrages und der anschließenden Diskussion.
Den Abschlussvortrag hielt Herr Dr. Stefan Schade zum Thema
Die Aus- und Weiterbildung der
Spezialeinheiten der Polizei in Rheinland-Pfalz.
Nach der Vorstellung der Struktur und Aufga-
ben der Spezialeinheiten stellte der Referent selbst eine Reihe provokanter Fragen. Woher
nehmen wir die Erkenntnis, dass wir mit unseren Eignungstests die richtigen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter für die Polizei im Allgemeinen und insbesondere die Spezialeinheiten gewin-
nen? Sind Spitzensportler als Quereinsteiger denkbar? Welche Eigenschaften der Bewerberin-
nen und Bewerber sind unverzichtbar, was kann durch Trainings aufgebaut werden? Auf viele
dieser Fragen konnten die anwesenden sächsischen Beamten aus ihrer Sicht klare Antworten
geben, die auch empirisch belegt sind. Es entspann sich im Anschluss eine sehr interessante
Fachdiskussion, die wohl noch ihre Fortsetzung finden wird.
Zum Abschluss bedankten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die umsichtige Orga-
nisation, die spannenden Vorträge und das sehr angenehme Konferenzklima (abgesehen von
der Raumtemperatur). Im Mittel gab es 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, der Spitzenwert
lag bei 40.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich dieses Veranstaltungsformat ebenso wie in der
Vergangenheit bewährt hat. Zu jedem Vortrag gibt es Diskussion, der Gesprächsbedarf ist
groß, niemand wird „in die Pfanne gehauen“ und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen
mit neuen Erkenntnissen, Anregungen und Kontakten für Erfahrungsaustausche wieder an
ihre Arbeit.
Wer an der Konferenz nicht teilnehmen konnte, kann in den Bänden 100 und 101 diese und
viele weitere Aufsätze nachlesen.
Danke!
Auf breiten Schultern lassen sich große Lasten stemmen. So war das auch bei dieser Konfe-
renz. Alle Beteiligten „vor und hinter den Kulissen“ zeigten großes Engagement und dachten
mit, damit die Konferenz ein Erfolg wird. Alles funktionierte!
.
Dafür ein herzliches Danke an
alle Beteiligten!
Prof. Dr. Eberhard Kühne
Organisator im Auftrag der Rothenburger Beiträge