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University of Applied Police Science
Dirk Mathias Dalberg (Hrsg.)
Die Freiheit des Wortes –
Wissenschaft und demokratische
Gesellschaft
Festschrift anlässlich des 60. Geburtstages
von Herrn Prof. Dr. Anton Sterbling
Rothenburger Beiträge
Polizeiwissenschaftliche Schriftenreihe
Band 65
Rothenburg/Oberlausitz 2013
ISBN 978-3-938015-44-5

Dirk Mathias Dalberg
(Hrsg.)
Die Freiheit des Wortes –
Wissenschaft und demokratische
Gesellschaft
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
ROTHENBURG/OBERLAUSITZ 2013

Dirk Mathias Dalberg (Hrsg.)
Die Freiheit des Wortes –
Wissenschaft und demokratische
Gesellschaft

 
Eigenverlag der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Rothenburg/Oberlausitz 2013
Herausgeber ist der Beirat der Schriftenreihe
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
in Rothenburg/OL
Mitglieder des Beirates:
KD Axel Teichmann, Prof. Dr. Karlhans Liebl, Prof. Dr. Dieter Müller,
Ass. jur. Paul Senghaus, Prof. Dr. habil. Anton Sterbling, Dr. Dirk Dalberg,
Prof. Dr. Eberhard Kühne (Vorsitzender), Ltd. PD a.D. C.-Siegfried Grommek
Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Rektor/Prorektor
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Die Freiheit des Wortes – Wissenschaft und demokratische Gesellschaft.
Festschrift anlässlich des 60. Geburtstages von Herrn Prof. Dr. Anton
Sterbling.
Dirk Mathias Dalberg (Hrsg.) Rothenburg/OL: Hochschule der
Sächsischen Polizei (FH), 2013. (Rothenburger Beiträge; 65)
ISBN 978-3-938015-44-5
ISSN 1439-393X
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
- ROTHENBURG/OL -
Copyright
: Bei den Autoren der einzelnen Beiträge.
Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck oder die Vervielfälti-
gung des Werkes insgesamt oder in Auszügen ist nur mit der Zu-
stimmung der Verfasser gestattet.

 
Inhaltsverzeichnis
Seite
Geleitwort – Anton Sterbling im Dienste der „Freiheit des Wortes“
Dirk Mathias Dalberg
Anton Sterbling zum 60. Geburtstag. Ein kleiner Dank oder:
Wissenschaftliches Arbeiten als eine Lebensaufgabe
Ralph Berthel
1
13
Die Freiheit des Wortes
Die Freiheit des Wortes – Wissenschaft und demokratische Gesellschaft
im 21. Jahrhundert
Uwe Mader
Die krisenbedingte Hassrede: Gedanken zur Freiheit des Wortes
Máté Szabó
Demokratie ist auch eine Frage der Sprache
Matthias Theodor Vogt
Über die Freiheit der Sprache
Anton Sterbling
17
25
27
35
Gedanken und Betrachtungen zu Zeitgeist, Ethik und Religion
Freiheit in der Kindheit – Beobachtungen aus dem Alltag
Isolde Uhlig
Werteorientiertes und wertebewusstes Leben –
Sozialethische Splitter (Eine pointiert-kritische Betrachtung
gegenwärtiger Lebensaspekte)
Clauss-Siegfried Grommek
Gott im Banat
Richard Wagner
Zum Inhalt der Religions- und Glaubensfreiheit
Ulrich Wussow
45
55
75
77

Die Legende der Gerechten als ethisches, soziologisches und
sozialontologisches Narrativum
Endre Kiss
Die sprachlose Medienlandschaft und die wortsuchende Gesellschaft
Peter Paul Gregor
105
121
Demokratie und demokratische Gesellschaft in Europa und
Deutschland
Die gesamtgesellschaftliche Demokratie. Tschechische
Demokratievorstellungen aus der Zwischenkriegszeit.
Dirk Mathias Dalberg
Michail Gorbatschows Weg zur demokratischen Gesellschaft
Wolfgang Geierhos
Die Freiheit in Zeiten des Internet. Versuch einer Bestandsaufnahme
mit Ausblicken zu Licht und Schatten
Eberhard Kühne
Weimarisierung in Ungarn? Institutionelle Vorbilder deutscher
Demokratien im Ungarischen Grundgesetz
Máté Szabó
Organisation und politische Steuerung in der demokratischen
Gesellschaft
Klemens H. Schrenk
Das ehrenamtlich-freiwillige Engagement am Beispiel der Museen
und des Naturschutzes in ländlichen Regionen
Gerd Vonderach
Die Organisation der Jugendhilfe in der demokratischen Gesellschaft
Karl Friedrich Bohler
Persönliche Zielhierarchien als Voraussetzung für demokratisches
Handeln
Matthias Schmidt
135
161
183
203
217
241
261
281

Irrungen und Wirrungen um die Reform der Straßenverkehrs-Ordnung –
ein Lehrstück einer Gesetzesreform im demokratischen Rechtsstaat?
Dieter Müller
307
Polizei und Hochschule
Moderne Aufgabenfelder der Polizei am Beispiel verkehrspolizeilicher
Präventionsarbeit
Joachim Burgheim
„Präventivwirkung des Nichtwissens“ – Zur Dunkelfeldforschung
in Deutschland
Karlhans Liebl
Frauen in der ungarischen Polizei
Andrea Kozáry
European Police Education Unites – The International Perspective.
Chances and Challenges for Law Enforcement Education due to
Bologna Reform
Karoline H. Starkgraff
Aufruf zur Etablierung einer gemeinen ungezogenen Polizeiforschung
Peter Löbbecke
323
351
381
393
407
Autorinnen und Autoren
427

 
Geleitwort -
Anton Sterbling im Dienste der „Freiheit des Wortes“
Dirk Mathias Dalberg
„Wohl mir, ich bin ein freier Mann!
Nur den Gesetzen untertan.
[…]
Wohl mir, ich bin ein freier Mann!
Trotz jedem, der’s nicht leiden kann.“
Friedrich Lehne
(1797: 124f.)
Festschriften zu Geburtstagsjubiläen stellen den Herausgeber der selbigen zumeist vor
die schwierige Aufgabe, ein Thema zu finden, welches dem Leben und dem (bisheri-
gen) Lebenswerk sowie den persönlichen Interessen und Vorlieben des zu Ehrenden
nahe kommt. Bei Anton Sterbling ist dies tatsächlich mit gewissen Schwierigkeiten
verbunden, zumindest auf den ersten Blick, denn allzu groß ist sein Interessenfeld (vgl.
Sterbling 2006: 247f.). Allerdings findet sich in seiner gesamten – nicht allein wissen-
schaftlichen – Arbeit ein gemeinsamer Nenner, auf den sich sein bisheriges Werk zu-
rückführen lässt: die
Freiheit des Wortes
.
Sterblings Eintreten für diese ist eng mit seiner Biografie und seinen frühen
schriftstellerischen Erfahrungen im rumänischen Teil des Banats verbunden. Es ist
seine persönliche Antwort auf die Erfahrungen und Herausforderungen seiner Jugend.
Geboren am 12. April 1953 in der Kleinstadt Groß-Sankt-Nikolaus/Sȃnnicolau Mare,
unweit der westrumänischen Großstadt Temesvár/Timişoara wuchs er zwischen zwei
Epochen auf, zwischen Stalinismus und nationalkommunistischem Neostalinismus.
Diese Zwischenzeit besaß einen merkwürdigen und unverwechselbaren Charme. Ge-
gründet war dieser auf der „Bewusstseinskrise“, in die
Nikita Chruschtschows
(1894-
1971) „Tabubruch die stalinistisch-kommunistische Macht“ stürzte (Csejka 1992:
228). Gemeint ist dessen Geheimrede vom Februar 1956 auf dem 20. Parteitag der
KPdSU. Der Parteivorsitzender und spätere Regierungschef der UdSSR griff in dieser
den Personenkult um Stalin an und verwies auf dessen Verbrechen. Chruschtschows
Rede führte in den folgenden Jahren zur
Entstalinisierung
in der Sowjetunion.
Die Führungen in den unter sowjetischer Vorherrschaft stehenden Staaten im östli-
chen Europa passten sich diesem „Neuen Kurs“, der „kollektive Führung, Verbesse-
rung der Versorgung mit Konsumgütern, mehr Rechtsstaatlichkeit und Abbau der
Willkür von Justiz und Polizei“ anstrebte, jedoch nur vorsichtig an (Völkl 1995: 176).

Dirk Mathias Dalberg
2
Auch die rumänische Regierung um
Gheorghe Gheorghiu-Dej
(1901-1965) hielt zu-
nächst an der stalinistischen Politik fest. Die Aufdeckung der unter Stalin begangenen
Verbrechen erachtete sie nicht für notwendig, weil sie bereits in den „Säuberungen“
von 1948 bis 1952 erfolgt sei. Gheorghiu-Dej gestand lediglich „kleinere Konzessio-
nen, wie eine gewisse kulturpolitische Lockerung der Zensur und die Rehabilitierung
von Schriftstellern“ zu (Völkl 1995: 177).
In den Sechziger und Siebzigerjahren machte Rumänien durch seine Politik der
„nationalen Unabhängigkeit“ in zunächst wirtschaftlichen, später auch in politischen
Fragen weltweit auf sich aufmerksam. Das südosteuropäische Land, dessen Kommu-
nistische Partei sich nun vom Zwangssystem des Stalinismus verabschiedete, ließ die
beklemmende Atmosphäre des Kalten Krieges hinter sich und vollzog eine – wohldo-
sierte – Öffnung gegenüber dem Westen. Diese von Gheorghiu-Dej eingeleitete und
später von
Nicolae Ceauşescu
(1918-1989) zunächst fortgesetzte Politik betraf zwar
vorrangig den Außenhandel, sie äußerte sich aber ebenso in der Entwicklung des auf-
kommenden Massentourismus (vgl. ebd.: 178ff.). Allgemein betrachtet erweckte sie
den Eindruck einer „ideologischen und geistigen Liberalisierung“ sowie „den Beginn
einer Rechtsstaatlichkeit“ (ebd.: 189; vgl. Scharr/Gräf 2008: 123f.). Anton Sterbling
(2008: 155ff.) selbst bezeichnet diese Zeit als „Tauwetterperiode“. Die Lockerung des
ideologischen Zwanges im Leben und der Kunst bot ihrerseits die Chance, „wieder
menschlich
zu sprechen“, und zwar „frei von der Angst, die „falsche“ Position zu ver-
treten“. Sie bot somit zugleich die Möglichkeit, bisher sorgfältig versteckte oder ver-
drängte Denkweisen und Meinungen zu vertreten (Csejka 1992: 229f.).
Die hoffnungsvolle Annahme, dass der Stalinismus tatsächlich überwunden und
seine Restbestände sich „unter der aufklärenden Wirkung des intellektuellen Schaffens
und nicht zuletzt der avantgardistischen Literatur und Kunst“ schnell in Richtung einer
fortschreitenden Liberalisierung, Demokratisierung und Verwestlichung der rumäni-
schen Gesellschaft auflösen würden, erwies sich, wie Sterbling (2004: 146) rückbli-
ckend feststellte, allerdings als Illusion. Allmählich wurde nämlich deutlich, dass es
keineswegs um eine Demokratisierung und Verwestlichung Rumäniens ging, sondern
um die Sicherung einer, wie sich herausstellen sollte, neostalinistisch-national-
kommunistischen Diktatur (vgl. Sterbling 2008: 166). Der rumänische Staat verfiel,
und gerade dies kennzeichnet die Merkwürdigkeit dieser Zeit, einem „Dissimulations-
rausch“. Auf der einen Seite bekundete er zwar „permanent seinen Willen zur demo-
kratischen Umgestaltung“. Auf der anderen Seite blieben die realen Verhältnisse da-
von jedoch „unberührt, bis auf die nicht ganz unerhebliche Tatsache, dass präsumtive
Angriffsflächen der Kritik per Sprachregelung sorgfältig wegretuschiert wurden“
(Csejka 1992: 229). Dieser offensichtliche Widerspruch erfüllte jedoch eine wichtige
legitimatorische und auch integrative Funktion. Ziel war die Schaffung einer Illusion,
derzufolge der Staat sich selbst kritisch sieht und mit „seiner stetigen Verbesserung im

Geleitwort
3
Sinne der Menschheitsideale beschäftigt“ ist (ebd.), was ihm zugleich Legitimation in
der Bevölkerung verschaffen sollte. Durch das – scheinbare – Eingehen auf die Be-
dürfnisse des Volkes, erhoffte sich die Führung, dieses in den sozialistischen Staat zu
integrieren.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die beginnenden Siebzigerjahre als eine schi-
zophrene Zeit bezeichnen. Einerseits bot sie jungen Leuten, Gymnasiasten und Abitu-
rienten die Möglichkeit, die eigene „intellektuelle Entwicklung in literarischen Formen
zu protokollieren“ (Wichner 1992: 7). Andererseits setzte eine Reideologisierung ein,
die in den folgenden Jahren forciert und mit einem extremen rumänischen Nationalis-
mus sowie einem massiven Personenkult verbunden wurde (vgl. Sterbling 2004: 147).
Diese, mit zunehmenden Restriktionen und Repressionen gegenüber Intellektuellen
verbundene Entwicklung, rief Kritiker auf den Plan. Zu den sich vermehrenden kriti-
schen Stimmen, die gehört und wahrgenommen werden wollten, zählte die Anfang
April 1972 ins Lebens gerufene rumäniendeutsche „Aktionsgruppe Banat“, zu deren
Mitgründern Anton Sterbling gehörte (vgl. Scharr/Gräf 2008: 129). Ihren Namen er-
hielt sie am 14. Mai 1972 von Horst Weber, der in der Neuen Banater Zeitung unter
dem Titel „Am Anfang war das Gespräch“ ein Rundtischgespräch der sich konstituie-
renden Gruppe veröffentlichte (vgl. Csejka 1992: 230). Die ironisch gemeinte Be-
zeichnung „Aktionsgruppe“ wurde ohne Vorbehalt angenommen, obgleich sie, wie
Sterbling meinte, erst im Nachhinein zutreffend und berechtigt gewesen sei (vgl.
Sterbling 2008: 13, 19). Im Nachhinein bedeutet nach der Zerschlagung der Gruppe
durch die rumänische Geheimpolizei Securitate drei Jahre nach ihrer Gründung. Deren
Aktionen vom Oktober 1975 versetzten den jungen Literaten einen schweren Schlag,
von dem sie sich nur schwer erholten (vgl. Csejka 1992: 242). Wenig später siedelte
Anton Sterbling in die Bundesrepublik Deutschland über. Dort schlug er eine wissen-
schaftliche Karriere ein, die ihren Ausgangspunkt in Mannheim fand und ihn über die
Bundeswehr-Universität Hamburg, die Universitäten Heidelberg und Bonn letzten En-
des an die Hochschule der Sächsischen Polizei nach Rothenburg in die niederschlesi-
sche Oberlausitz führte.
Nach innen verstand sich die Banater Gruppe, die ihre Texte auf Grundlage der
rumänischen Verfassung von 1965 auf Deutsch publizieren konnte (vgl. Völkl 1995:
197)
1
1
In dieser Verfassung wurden nationale Minderheiten, wie bspw. Deutsche und Ungarn, als
mitwohnende Nationalitäten bezeichnet (vgl. Völkl 1995: 197).
, „als kritische, sich gegenseitig stützende und fördernde Solidargemeinschaft“
(Wichner 1992: 9). Sie war ein Zusammenschluss von Autoren einer Generation, die
gemeinsam besprochene Texte publizieren wollte. Sie diskutierte intern neue politi-
sche und literarische Entwicklungen und machte diese für die Arbeit des Einzelnen
fruchtbar, um im Anschluss daran auch an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf ihren ers-
ten Treffen wurden die Auffassungen ihrer Mitglieder zu Literatur und Wirklichkeit

Dirk Mathias Dalberg
4
programmatisch artikuliert (vgl. ebd.). Die nonkonformistischen Köpfe der Aktions-
gruppe wollten also ihre Worte frei publizieren und öffentlich machen, und zwar frei
von ideologischen und geistigen Zwängen. Wie all „die jungen, nach 1945 zur Welt
Gekommenen“ traute sich auch die Aktionsgruppe „einen
eigenen
Standpunkt zu“
(Csejka 1992: 231). Ceauşescus – ab den Siebzigerjahren zunehmend neostalinistische
Züge tragende – Herrschaft
2
Freiheit ist im Sinne
Martin Heideggers
(1889-1976) zunächst
negativ
als Unge-
bundenheit, d. h. als „Freiheit
von
“ etwas zu verstehen (Heidegger 1936: 152). In die-
sem Sinne bedeutet die Freiheit des Wortes, Freiheit von beengenden (ideologischen
oder anderen politischen) Vorgaben, die sich in einer wie auch immer gearteten Zensur
äußern. Nicht übersehen werden sollte jedoch, dass eine solche Freiheit immer auch
die Möglichkeit bzw. Gefahr ihres Missbrauchs beinhaltet, wie es bspw. auch bei
Thomas Hobbes
(1588-1679) nachzulesen ist. Aus diesem Grunde kann Freiheit keine
absolute Freiheit sein. Eine solche ist unmöglich, da sie zur Unfreiheit des Anderen
führt (vgl. Otáhal 1983: 353). Negative Freiheit ist somit nicht mit
Laisser-faire
gleichzusetzen (vgl. Peroutka 1923: 107). Sie ist keine Gesetzlosigkeit. Im Gegenteil,
sie ist auf das Gesetz angewiesen. Freiheit kann, soll sie vernünftige Freiheit sein, nur
in den Grenzen von Gesetzen existieren, am besten in denen eines demokratischen
Staates. Das Gesetz hat eine freiheitssichernde Funktion. Diese von
Charles de Mon-
tesquieu
(1689-1755) entwickelte Idee der gesetzmäßigen Freiheit, die insbesondere
während der
Französischen Revolution
„einen hohen politischen Stellenwert“ besaß
(vgl. Conze 1994: 527), findet sich auch im Grundgesetz für die Bundesrepublik
Deutschland wieder. „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die
Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung“ heißt es hier im fünf-
ten Artikel, einen Artikel, den Anton Sterbling immer wieder gern zitiert. Bedeutet
konnte solche Freiheiten, die von provokanten öffentli-
chen Auftritten der Gruppe begleitet waren, naturgemäß nicht hinnehmen (vgl. ebd.:
234). Sie führte einen „Kampf gegen das Denken und die Denkenden, gegen die Intel-
lektuellen“ (Sterbling 2004: 132). Diese Feindschaft bekam, wie angedeutet, auch die
Gruppe selbst zu spüren. Ihre Mitglieder wurden beobachtet, kontrolliert, überwacht,
verfolgt und letzten Endes zum Schweigen gebracht (vgl. ebd.: 143). Gerade die Er-
fahrung, dass es trotz der Liberalisierung in Kunst und Kultur, die jedoch nur schein-
bar stattfand, offensichtlich nicht möglich war, das Wort frei zu äußern, d. h. der Wi-
derspruch zwischen dem Anspruch des Staates und der Wirklichkeit im Staat, begrün-
det Sterblings Eintreten
für
die Freiheit des Wortes und
gegen
Programme und
Schlagworte, die „Freiheit“ lediglich als Dekoration oder gar als Maske nutzen (vgl.
Conze 1994: 541). Als „grundlegender Wert- und Zielbegriff“ ist die Freiheit (des
Wortes) für ihn „anthropologisch nicht eliminierbar“ (ebd.: 542).
2
Ceauşescus Regierungsstil verinnerlichte stalinistische Grundmuster und wies überhaupt eine
„tiefgründige strukturelle Kontinuität“ zum Stalinismus auf (Sterbling 2004: 145).

Geleitwort
5
Satz 1 negative Freiheit, so zielt Satz 2 auf gesetzmäßige Freiheit ab, die eine – freie –
Unterwerfung unter das Gesetz bedeutet. Freiheit ist deshalb, erneut im Sinne Heideg-
gers, auch
positiv
zu verstehen, als „Freiheit
zu
“ etwas. Positive Freiheit ist die Freiheit
des „Sichbinden an [etwas], libertas determinationis“ (Heidegger 1936: 152). Diese
Bindung wird auch am Beispiel des Grundgesetzes deutlich und zwar insofern, als
dass sich das „Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grund-
gesetz“ selbst gegeben und somit auch selbst gebunden hat. Freiheit und Ordnung sind
also keine Gegensätze. Die Freiheit geht, wie schon der deutsche Frühliberale
Fried-
rich Christoph Dahlmann
befand, vielmehr aus der Ordnung hervor (vgl. Dahlmann
1835: 123; Conze 1994: 527). Freiheit ist immer auch gesetzliche Freiheit, im Sinne
von Selbstbeschränkung und Einbindung.
Eng verbunden ist die Freiheit mit dem zweiten Kernbegriff, der sich ebenso wie
das Wort und der Begriff Freiheit im Titel der Festschrift wiederfindet, wenn auch in
seiner adjektivischen Form. Gemeint ist die
Demokratie
. Die normativ verstandene
und scheinbar mit allem Guten und Schönen verbundene „Herrschaft des Volkes,
durch das Volk und für das Volk“ (Abraham Lincoln) ist, allen definitorischen Un-
klarheiten zum Trotz, mit gerade dieser verbunden. Dies gilt insbesondere für die Frei-
heit des Wortes, wie sie formal im ersten Absatz des fünften Artikels des deutschen
Grundgesetzes verbürgt ist. Demokratie ohne Freiheit im Allgemeinen und ohne Frei-
heit des Wortes im Besonderen ist nicht vorstellbar. Sie kann ohne diese nicht existie-
ren. Dies gilt spätestens seit
Max Weber
(1854-1920). Als Grundwert der Demokratie
wird Freiheit bejaht und zugleich auch gefordert. Darüber hinaus wird sie „in die dop-
pelte Sicht der Sicherung und Kontrolle sowie der Ermöglichung schöpferisch gestal-
tender Tätigkeit in Politik und Wirtschaft gestellt“ (Conze 1994: 541). Denn nach We-
ber ist es „eine gröbliche Selbsttäuschung, zu glauben, ohne diese Errungenschaften
aus der Zeit der ‚Menschenrechte‘“ überhaupt leben zu können (Weber 1918: 333).
Der dritte Kernbegriff des Titels der Festschrift ist die „
Wissenschaft
“. Auch hier
soll auf eine nähere Definition verzichtet werden. Bedeutsam sind jedoch zwei Punkte,
zunächst das Webersche Gebot der „
Wertneutralität
“ in der Wissenschaft (
vgl. Weber
1917)
. Diesem, von Sterbling geteilten, Verständnis zu Folge sind
„die wissenschaftli-
che Tätigkeit und die intellektuelle Stellungnahme […] auseinanderzuhalten“, denn
letztere enthält ihrerseits „
praktische (moralische, politische) Bewertungen
“ (Sterbling
2006: 241 - HiO). Zweitens ist
das Verhältnis von Wissenschaft, Freiheit und Demo-
kratie von Bedeutung. Es herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass Wissen-
schaft und insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaft, nur unter den Bedingun-
gen der Demokratie und der demokratischen Freiheit gedeihen kann. Zugleich aber
soll die Wissenschaft die Demokratie unterstützen und zwar mittels ihrer Expertise.
Mit anderen Worten: Die
Wissenschaft ist auf die Freiheit des publizierten Wortes an-
gewiesen, soll sie ihre angedeutete Aufgabe, die Demokratie zu (unter)stützen, erfüllen

Dirk Mathias Dalberg
6
(vgl. Hagner 2012)
. Freiheit und Wissenschaft sind für Sterbling aber noch auf eine
andere Weise miteinander verbunden. Freiheit des Wortes bedeutet auch Eintreten für
die Wahrheit. Dies wiederum ist ihm nach die Pflicht eines Wissenschaftlers (vgl.
Sterbling 2013: 39).
Wie sehr der Jubilar nicht allein die wissenschaftliche Freiheit des Wortes in die
Tat umsetzt, verdeutlicht ein Blick in die seit 1999 publizierten Rothenburger Beiträ-
ge, in deren Rahmen der vorliegende Band herausgegeben wird. Neben weiteren Pub-
likationen, die hier nicht alle aufgelistet werden, war Anton Sterbling seit dem ersten
Rothenburger Beitrag an ungefähr 26 der bisher 64 erschienenen Ausgaben als alleini-
ger Autor, Co-Autor, Herausgeber oder Mitherausgeber beteiligt. Werden die Aufsätze
für die restlichen Bände mit einbezogen, so war er an fast jedem Band in irgendeiner
Form beteiligt.
Der Titel der Festschrift, „Die Freiheit des Wortes“, bietet einen großen Vorteil.
Als negative Freiheit gestattet sie es, seinen Gedanken und Worten freien Lauf zu las-
sen, frei von engen thematischen Vorgaben. Die Autoren des Sammelbandes, Wegge-
fährten, Freunde, ehemalige und gegenwärtige Kollegen Anton Sterblings, konnten
sich entsprechend Themen widmen, die ihnen persönlich nahe liegen. In diesem Sinne
bietet die Schrift den Autoren auch die Möglichkeit, dem Jubilar ihr eigenes For-
schungs- und Interessengebiet näherzubringen.
Der vorliegende Band ist in
vier
unterschiedliche große thematische Teile unter-
gliedert. Der
erste Teil
dreht sich um die
Freiheit des Wortes
. Er wird eröffnet mit ei-
nem an Anton Sterbling gerichteten Brief von Pfarrer
Uwe Mader
. Dessen Betrachtun-
gen zur „Freiheit des Wortes“ haben das Zusammenspiel von Wissenschaft und Frei-
heit in der Demokratie zum Gegenstand. Hierauf folgt ein knapper Beitrag des Poli-
tikwissenschaftlers
Máté Szabó
, der sich einem Problem der negativen Freiheit des
Wortes widmet. Ihm zufolge beinhaltet diese die Möglichkeit ihres Missbrauchs, kon-
kret gemeint ist hier die Hassrede. Hierbei fragt er nach der Sinnhaftigkeit ihres Ver-
botes. Mit dem Problem der Sprache setzt sich anschließend der Kultur- und Musik-
wissenschaftler
Matthias Theodor Vogt
auseinander. Sein Beitrag „Demokratie ist
auch eine Frage der Sprache“ ist eine literaturgeschichtliche Abhandlung, die sich mit
dem mündigen Bürger und den Funktionen von Sprache beschäftigt. Hierauf folgt, in
Form eines essayistischen Briefes, eine persönliche Antwort von
Anton Sterbling
, die
das Zusammenspiel von der Freiheit des Wortes und der Wahrheit betrachtet. Den zu
Ehrenden in einer für ihn bestimmten Jubiläumsschrift selbst zu Wort kommen zu las-
sen, mag ungewöhnlich erscheinen. Allerdings gilt die Freiheit des Wortes, die sich
nicht zuletzt auch als Freiheit der Zusammenstellung der Wortbeiträge äußert.
Ihren konkreten Ausdruck findet die diskutierte und verteidigte Freiheit des Wor-
tes im
zweiten Teil
den
Gedanken und Betrachtungen zu Zeitgeist, Ethik und Religion
.
Versammelt sind hier überwiegend gesellschaftskritische Essays, bei denen es sich

Geleitwort
7
zumeist um subjektive Betrachtungen zu gegenwärtigen Entwicklungen in der deut-
schen Gesellschaft handelt. Eingeleitet wird dieser Abschnitt durch
Isolde Uhligs
„Be-
obachtungen aus dem Alltag“, die sich mit der Freiheit in der Kindheit beschäftigen.
Die Germanistin nimmt hier auch eine wortgeschichtliche Herleitung des deutschen
Wortes
Freiheit
vor. Der leitende Polizeidirektor a.D.,
Clauss-Siegfried Grommek
,
beschäftigt sich in seiner „pointiert-kritischen Betrachtung“ mit der als problematisch
wahrgenommenen Beschleunigung des alltäglichen Lebens und anderen kritikwürdi-
gen Entwicklungen in der modernen deutschen Gesellschaft, die er, gestützt auf aktu-
elle Zeitungsartikel, kritisch kommentiert.
Der sich hieran anschließende belletristische Beitrag des Schriftstellers
Richard
Wagner
über „Gott im Banat“, eine Beobachtung einer Begebenheit an einer Bushalte-
stelle vor einer Kirche, leitet zum nächsten Beitrag über, einer umfangreicheren Ab-
handlung von
Ulrich Wussow
, die sich dem Inhalt der Religions- und Glaubensfreiheit
widmet. Angesprochen werden hier bspw. das Verhältnis von Religion, Offenbarung
und Glaube, Probleme der Toleranz und die Beziehung von Religion, Recht, Moral
und Ethik. Eine theologische Grundrichtung hat auch der Aufsatz des Philosophen und
Germanisten
Endre Kiss
über die Legende der 36 Gerechten. Diese erweist sich ihm
nach als Paradigma des gesellschaftlichen Seins
par excellence
, und zwar u.a. deshalb,
weil sie den Dialog zwischen Gott und Mensch thematisiert und weil der Fragenkreis
besonders guter und gerechter Menschen, die menschliche Gesellschaft seit jeher be-
schäftigt. Kiss weist nach, dass diese Legende fortlaufend neu interpretiert wird und
bis heute fortwirkt, bspw. in Berthold Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ oder
auch in Quentin Tarantinos Film „Pulp fiction“.
Peter Paul Gregors
Auseinanderset-
zung mit der „sprachlosen Medienlandschaft und der wortsuchenden Gesellschaft“
dreht sich um die für ihn unklaren und undurchsichtigen Begriffe Organisation, De-
mokratie und Gesellschaft. Demokratie ist für den Pfarrer eine Frage der Einstellun-
gen. Sie brauche nicht allein Institutionen, sondern auch und vor allem Demokraten, d.
h. demokratisch denkende und handelnde Menschen. Getätigt ist hiermit der Übergang
zum dritten Abschnitt des Bandes.
Dieser, von Geistes- und Sozialwissenschaftlern dominierte Teil, hat das Thema
Demokratie und demokratische Gesellschaft
im weitesten Sinne zum Gegenstand. Hier
geht es um aktuelle und historische Probleme der Demokratie, um demokratietheoreti-
sche Fragen, um Fragen demokratischer Organisation und politischer Steuerung in
demokratischen Staaten, Übergänge zu demokratischen Regimen und die Freiheit im
Internet. Unterteilt ist dieser Abschnitt in zwei Teile, während die ersten vier Beiträge
eher eine internationale Ausrichtung haben, geht es in den folgenden fünf Aufsätzen
um die Demokratie in Deutschland.
Der Politikwissenschaftler
Dirk Mathias Dalberg
setzt sich in seinem ideenge-
schichtlichen Beitrag mit tschechischen Demokratievorstellungen aus den Zwischen-

Dirk Mathias Dalberg
8
kriegsjahren auseinander. Er verweist darauf, dass die zu Beginn des 21. Jahrhunderts
verstärkt auftretenden Forderungen nach einer Demokratisierung der Gesellschaft über
den politischen Bereich hinaus, vor allem der Wirtschaft, sich auch in der Tschecho-
slowakei nachweisen lassen. Darüber hinaus wurde dort auch von einer sozialen, kul-
turellen und moralischen Demokratie gesprochen. Die Demokratie müsse, um beste-
hen zu können, von den Menschen verinnerlicht sein.
Wolfgang Geierhos
, ebenfalls Politikwissenschaftler, beschäftigt sich in seinem
Beitrag mit dem Wirken Michail Gorbatschows in der Sowjetunion, d. h. von seinem
Aufstieg zum Generalsekretär der KPdSU bis zum Ende des Staates. Die biografische
Züge tragende Untersuchung geht aber auch auf allgemeine gesellschaftliche und poli-
tische Entwicklungen in der Sowjetunion ein.
Der Ökonom und Informatiker
Eberhard Kühne
untersucht den Komplex der indi-
viduellen Freiheit und deren Bedrohung in Zeiten des Internets. Ziel seines Beitrages
ist die Differenzierung, Beschreibung und Definition der Freiheiten beim Nutzen des
Internets hinsichtlich ihrer Funktionalitäten und Handlungen. Hierbei geht es nicht
zuletzt auch um das Aufzeigen erkennbarer Schranken und Entwicklungstendenzen,
die die Freiheit im Internet begrenzen (können).
Der Politikwissenschaftler und Ombudsmann für Bürgerrechte
Máté Szabó
analy-
siert und vergleicht in seinem anschließenden Beitrag die aktuelle politische Lage in
Ungarn und das neue – umstrittene – Ungarische Grundgesetz. Das politische System
seines Landes vergleicht er mit verschiedenen politischen Systemen, die im 20. Jahr-
hundert in Deutschland existierten. Kernthese seiner Abhandlung, die an seinen Bei-
trag im ersten Teil anknüpft, ist die Widerlegung der aktuell oft aufgestellten Behaup-
tung, dass sich das EU-Land Ungarn „weimarisiert“, also in einem politischen Chaos
versinkt und in eine Diktatur abzudriften droht. Damit ist zugleich der Übergang zum
zweiten, fünf Beiträge umfassenden Abschnitt dieses Teils hergestellt, in dem es um
die Demokratie (und ihre Organisation) in Deutschland geht.
Dem Politikwissenschaftler
Klemens H. Schrenk
geht es im seinem Artikel um die
Darstellung und Analyse des Koordinationsaufwandes politischer Steuerung in plura-
listischen und demokratischen Gesellschaften. Veranschaulicht wird dieser an den
Vertretungen der deutschen Bundesländer und, in Verbindung damit, am Beispiel des
deutschen Bundesrates. Schrenk zufolge handelt es sich hierbei um historisch gewach-
sene politische Institutionen, deren institutionelle Leitidee die Vertretung und Durch-
setzung der Interessen der einzelnen Länder im Rahmen des demokratischen Willens-
bildungs- und Entscheidungsprozesses auf der Ebene des Bundes sind.
Der Soziologe
Karl Friedrich Bohler
beschäftigt sich mit dem Thema der Organi-
sation der Jugendhilfe in der demokratisch organisierten Gesellschaft der Bundesre-
publik Deutschland. Die Grundlagen und Charakteristika des bundesdeutschen Ju-
gendhilfesystems verortet er im Artikel 6 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik

Geleitwort
9
Deutschland. Untersuchungsgegenstände sind die historische Entwicklung der Jugend-
hilfe im 19. und 20. Jahrhundert und ihre konkrete Organisationsform, die ihrerseits
ein Ausdruck und Beleg für den Demokratisierungsgrad einer modernen Gesellschaft
sind. Charakterisiert ist die Jugendhilfe in modernen demokratischen Gesellschaften
laut Bohler durch ein Spannungsfeld unterschiedlicher kultureller Perspektiven, insti-
tutionellen Logiken und Interessen von Trägergruppen. Das Thema Jugend ist auch
Gegenstand der empirischen Studie des Psychologen
Matthias Schmidt
. Allgemein
dreht sich diese um Überzeugungen, Werte und persönliche Zielhierarchien und als
Voraussetzung zum demokratischen Handeln. Konkret geht es hier jedoch um die Fra-
ge, welche beruflichen Ziele arbeitslose Jugendliche verfolgen und welche Einflüsse
auf die Realisierbarkeit dieser Ziele bestehen.
Auf empirische Untersuchungen stützt sich ebenso der Beitrag des Soziologen
Gerd Vonderach
. Sein Interesse gilt dem ehrenamtlich-freiwilligen Engagement, wel-
ches, allgemein betrachtet, äußerst wichtig für das Gedeihen einer demokratischen Ge-
sellschaft ist und seit längerer Zeit im Mittelpunkt des öffentlichen und politischen
Interesses steht. Untersucht wurde dieses am Beispiel der Museen und des Naturschut-
zes in ländlichen Regionen und Lebenswelten.
Der Übergang zum nächsten polizeispezifischen Teil wird vom Verkehrsrechtler
Dieter Müller
gestaltet. Sein Beitrag setzt sich mit der am 1. April 2013 in Kraft getre-
tenen neuen deutschen Straßenverkehrsordnung auseinander. Ihre Entstehung bezeich-
net er als Lehrstück, wie Gesetzesreformen weder geplant und noch weniger durchge-
setzt werden sollten. Seine Kritik gilt vor allem ihrer Ausarbeitung im stillen Kämmer-
lein der Ministerialbürokratie, wodurch die Bürger als Verkehrsteilnehmer nur sehr
wenig von der Reform mitbekamen. Ziel des Beitrages ist es, etwas Licht in das Dun-
kel der Verkehrspolitik zu bringen.
Der abschließende
vierte Teil
Polizei und Hochschule
“ beinhaltet Aufsätze, die
sich mit der Polizei und der Polizeiausbildung beschäftigen. Die ersten drei Beiträge
stützen sich auf empirische Untersuchungen und sind direkt mit der Polizei und deren
Arbeit verbunden. Die folgenden beiden Beiträge drehen sich um das Studium im Zu-
ge der Ausbildung für den gehobenen Polizeivollzugsdienst.
Eingeleitet wird dieser Teil mit einem Beitrag vom Psychologen
Joachim
Burgheim
. Ziel seines Aufsatzes ist die Präsentation der wichtigsten Ergebnisse einer
Studie, in der die Verkehrsunfälle mit Getöteten in Nordrhein-Westfalen innerhalb von
12 Monaten analysiert und mit leichten Verkehrsunfällen kontrastiert wurden. Ge-
gründet ist die Studie auf die Überlegung, dass Verkehrsunfälle mit Todesfolge durch
ein situativ geprägtes Fehlverhalten einzelner Verkehrsteilnehmer ausgelöst werden.
Ebenfalls auf eine empirische Untersuchung gestützt, ist der Beitrag des Kriminologen
Karlhans Liebl
, dessen Thema das umstrittene Problem des Dunkelfeldes und seiner
Erforschung ist. Ihm nach darf keineswegs auf die Dunkelfeldforschung verzichtet

Dirk Mathias Dalberg
10
werden. Ziel seines Aufsatzes ist die Untersuchung des (Zu-)Standes der Dunkelfeld-
forschung in Deutschland, die er als „Prävention des Nichtwissens“ bezeichnet. Die
Historikerin und Soziologin
Andrea Kozáry
beschäftigt sich mit der Stellung der Frau
in der ungarischen Polizei seit dem 2. Weltkrieg und untersucht deren Zufriedenheit
mit ihrem Arbeitsumfeld. Eingegangen wird hier ansatzweise auch auf das Verhältnis
zwischen männlichen und weiblichen Kollegen. Sie bildet hiermit zugleich den Über-
gang zu den letzten beiden – kritischen – Beiträgen, die die Wissenschaft und Ausbil-
dung an den Polizeihochschulen der Länder zum Thema haben.
Die Rechtswissenschaftlerin
Karoline H. Starkgraff
untersucht in ihrem englisch-
sprachigen Beitrag die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Bachelor-Reform
den Ansprüchen einer sachgerechten Ausbildung der Polizei in der demokratischen
Gesellschaft genügen kann. Die polizeiliche Ausbildung darf ihr zufolge nicht zum
„Labor“ werden, in dem an Ausbildungsreformen „herumgedoktert“ wird. Vielmehr
müsse sich die Organisation der Ausbildung des Ziels einer rechtsstaatlichen Polizei-
arbeit bewusst sein, um dergestalt die demokratische Gesellschaft fördern und schüt-
zen zu können.
Peter Löbbeckes
Beitrag wird dem Titel des Bandes in ganz besonde-
rem Maße gerecht und bildet einen würdigen Ausklang. Der Erziehungswissenschaft-
ler und Soziologe beschäftigt sich mit der Stellung von Wissenschaft und Wissen-
schaftlern in „internen“ Hochschulen, die gelegentlich erfahren müssen, dass Wissen-
schaft und wissenschaftliche Kompetenz dort oft nicht die ihnen zustehende Würdi-
gung erfahren. In diesem Zusammenhang geht es auch um Probleme des Personals,
Strukturen und Hierarchien sowie nicht zuletzt um die polizeiliche Selbstdefinition.
Darüber hinaus wird aber auch die Stellung der Polizeiwissenschaft im Gefüge der
Wissenschaft im Allgemeinen untersucht. Vollendet wird der Beitrag mit einen „
Auf-
ruf zur Etablierung einer gemeinen, ungezogenen Polizeiforschung
“.
Der 24 Beiträge umfassende Band bietet ein breitgefächertes interdisziplinäres Pa-
norama aus verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften, das dem Abbild Anton
Sterblings farbigen wissenschaftlichen Persönlichkeitsprofil entspricht. Nicht immer
steht ein hoher wissenschaftlicher Anspruch im Vordergrund. Dies gereicht den Bei-
trägen jedoch keineswegs zum Nachteil, ganz im Gegenteil. Gerade hier lässt sich die
„Freiheit des Wortes“ am besten ausdrücken. Als persönliches und auch wissenschaft-
liches Credo Anton Sterblings kann diese auch als Wink für die politische Praxis der
Gegenwart verstanden werden, demokratische Grundsätze in einer stabilen und konso-
lidierten Demokratie nicht als ewig gegeben hinzunehmen, sondern diese auch tatsäch-
lich zu nutzen und für sie einzustehen.
Dem Herausgeber bleibt abschließend der Dank an Eberhard Kühne, für seine ge-
duldige Beratung, an Anja Cierzniak, für verschiedene Korrekturen, und nicht zuletzt
an Doreen Pickert für die redaktionelle Arbeit.

Geleitwort
11
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