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University of Applied Police Science
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie
in der VUCA-Welt
Kriminalität und digitaler Raum,
Gefahren für den Rechtsstaat
Teil II
Rothenburger Beiträge
Polizeiwissenschaftliche Schriftenreihe
Band 105
Rothenburg/Oberlausitz 2020
ISBN 978-3-938015-84-1

(Text für den Buchrücken)
105
Ralph Berthel – Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt –

Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt –
Herausforderungen, Entwicklungen und Perspektiven
Mit dem Akronym VUCA werden die deutschen Begriffe Volatilität, Ungewiss-
heit, Mehrdeutigkeit und Komplexität als Charakteristika der aktuellen gesell-
schaftlichen Entwicklungen verknüpft. Diese Eigenschaften erscheinen deshalb
von Relevanz für die innere Sicherheit, weil sich aus den damit verbundenen
Problemfeldern in der Gesellschaft insgesamt und für den Einzelnen bzw. Grup-
pen von Menschen, Konfliktpotenzial in z. T. gesellschaftsgefährdendem Aus-
maß ergeben kann. Die entsprechenden menschlichen Verhaltensmuster kön-
nen dabei von Resignation über Verweigerung bis hin zu strafrechtlich relevan-
tem Handeln reichen. Genannt seien etwa politisch und/oder religiös motivier-
ter Fanatismus und Terrorismus, subkulturelle Clankriminalität oder das Nut-
zen tatsächlicher oder vermeintlicher anomischer Räume, etwa des Internets
für kriminelles Agieren.
In diesem Kontext sind die Kriminalwissenschaften aufgrund ihres interdiszip-
linären Charakters, ihrer Nähe zur Sicherheits-, Innen- und Justizpolitik sowie
nicht zuletzt wegen der unmittelbaren Bezüge zum Sicherheitsgefühl der Be-
völkerung in besonderer Weise gefordert. Gleichermaßen kommen der prakti-
schen Vorbeugung und Bekämpfung von Kriminalität gerade auch vor dem Hin-
tergrund der genannten Problemfelder eine wichtige gesellschaftserhaltende
Funktion zu.
In den drei Teilen dieses Sammelbandes kommen 45 Autoren aus Deutschland
und der Schweiz zu Wort. Sie betrachten diese Herausforderungen in insge-
samt 40 Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, aus der des Wis-
senschaftlers, des Polizeipraktikers oder etwa des Anwalts, bringen, Erfahrun-
gen ein und regen mit Ideen und Konzepten an. Und sie vermitteln Einblicke in
das, was die Kriminalwissenschaften und die praktische Kriminalitätsbekämp-
fung in diesem Kontext leisten können und leisten müssen.
Ergänzt werden diese Aufsätze durch vier Rezensionen aktueller kriminalwis-
senschaftlicher Werke.
Teil I ist überschrieben mit Lage, Herausforderungen und Lösungsansätze.
Die Autoren der Beiträge von Teil II befassen sich vor allem mit Themen des
Verhältnisses von Kriminalität und digitalem Raum sowie der Gefahren für den
Rechtsstaat.
Die Beiträge im Teil III (Ermittlungen) stellen Probleme der Ermittlungsführung
in den Mittelpunkt.

 
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der
VUCA-Welt
Kriminalität und digitaler Raum,
Gefahren für den Rechtsstaat
Teil II
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
ROTHENBURG/OBERLAUSITZ 2020

 
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der
VUCA-Welt – Herausforderungen,
Entwicklungen und Perspektiven
Kriminalität und digitaler Raum,
Gefahren für den Rechtsstaat
Teil II
Die Inhalte der einzelnen Artikel liegen im
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und spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung des
Herausgebers wider
.

 
Eigenverlag der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Rothenburg/Oberlausitz 2020
Herausgeber ist der Beirat der Schriftenreihe
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
in Rothenburg/OL
Mitglieder des Beirates:
Dr. Laura Linczmajer, Dr. Dirk Dalberg, Prof. Dr. Frank Lohse
Prof. Dr. Dieter Müller, Prof. Dr. Marcel Schöne,
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Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Rektor/Prorektor
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt
Kriminalität und digitaler Raum, Gefahren für den Rechtsstaat.
Teil II. Ralph Berthel (Hrsg.).
Rothenburg/OL: Hochschule der Sächsischen Polizei (FH), 2020.
(Rothenburger Beiträge; 105)
ISBN 978-3-938015-84-1
ISSN 1439-393X
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
- ROTHENBURG/OL -
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Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck oder die
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Inhaltsverzeichnis
Teil I1- Band 105
Seite
Die VUCA-Welt - Kriminalität und digitaler Raum sowie
I
Gefährdungen des Rechtsstaates als Herausforderungen
für die Sicherheitsakteure und die Kriminalwissenschaften
Einführung Teil II
Ralph Berthel
Kriminalität und digitaler Raum
Bedürfen Cyberstrafrecht und Cyberkriminologie der
1
Fortentwicklung?
Holger Plank
Digitale Hasskriminalität
75
Thomas-Gabriel Rüdiger
Die kriminalistische Fallbearbeitung adaptiert für den Bereich
97
Cybercrime
Ronny Bodach
Biometrische Sicherungen mobiler Endgeräte
121
Felix Horn
Herstellung und Detektion von Videos und Bildern mit KI
139
und deren Bezug zu Beweismitteln
Jennifer Woithe / Sven Becker / Dirk Labudde
Die Quellen-Telekommunikationsüberwachung
157
Kai Lampe
Onlinedurchsuchungen in der Schweiz
185
Fabian Teichmann
Internetkriminalität: Veränderte Kriminalitätsformen
197
- Veränderte Organisationsformen
Christoph Büchele

Gruppendynamik in Sozialen Netzwerken - Bestimmung und
211
Vorhersage von Gruppendynamiken auf Grundlage von Daten
aus Sozialen Netzwerken
Christoph Frenzel / Dirk Labudde
Cybergrooming
241
Kriminalpolitische Auswirkungen der Einführung der
Versuchsstrafbarkeit
Thomas-Gabriel Rüdiger
Der Einfluss zunehmender Datenmengen auf Strukturermitt-
263
lungen im Bereich der organisierten Schleusungskriminalität
Katja Seeber / Christian Beier
Gefahren für den Rechtsstaat
Risikoeinschätzung extremistischer Radikalisierung in die
293
Gewalt als kriminologische Herausforderung
Michail Logvinov
Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus in Deutschland
335
– Eine aktuelle Analyse
Stefan Goertz
Das Geldwäschereigesetz - Ein geeignetes Instrument zur
355
Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung?
Fabian Teichmann
Das Erfordernis des Vorsatzes in Art. 260quinquies
367
Schweizerisches Strafgesetzbuch (StGB) – Ein Freischein für
Terrorismusfinanzierer?
Fabian Teichmann
Der Beitrag von Medien und Internet zum posthumen
373
Personenkult - und das Vertrauen von sendungsbewussten
Selbstmordattentätern darauf
Matthias Frey
Autorenverzeichnis
385

 
„Ohne zu schreiben,
kann man nicht denken;
jedenfalls nicht in anspruchsvoller,
anschlussfähiger Weise.“
Niklas Luhmann

Ralph Berthel
II
Die VUCA-Welt
Kriminalität und digitaler Raum sowie Gefährdungen des
Rechtsstaates als
Herausforderungen für die Sicherheitsakteure und die
Kriminalwissenschaften
Einführung Teil II
Ralph Berthel
Gesellschaftliche Entwicklungen sind zunehmend durch Volatilität, Disrup-
tion, Komplexität und Ambiguität gekennzeichnet. „
Viele Menschen haben
das Empfinden, dass die Welt aus den Fugen geraten ist
“.
1
Mit diesen Wor-
ten beschrieb die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Angela
Merkel, unter offenkundiger Bezugnahme auf Shakespeares Hamlet
2
bereits
im Jahr 2016 einen gesellschaftlichen Zustand und damit somit Herausfor-
derungen an jeden Einzelnen, wie auch an die Gesellschaft als Ganzes.
Aus kriminologischer Perspektive dürften die dramatischen Veränderungen
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf die
Menschen, deren Verunsicherung, ihre Sorgen wohl am ehesten mit dem
Begriff „Sicherheitsgefühl“ und aus sozial- oder politikwissenschaftlicher
Sicht mit Begriffen wie „globale Veränderungsprozesse“ oder „globaler
Wandel“ verbunden werden. Die letzteren Begriffe werden regelmäßig mit
folgenden Inhalten verknüpft:
1
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article160074682/Die-aus-den-Fugen-geratene-
Welt-der-Angela-Merkel.html,
Abruf: 15.01.2020.
2
Das Originalzitat lautet: „The time is out of joint“, also „Die Zeit ist aus den Fugen“ (Act 1 Scene 5,
190) oder in einer anderen Fassung „There is so much out of whack in these times. And damn the
fact that I’m supposed to fix it.“, dt.: „In diesen Zeiten ist so viel aus dem Ruder gelaufen. Und
verdammt sei der Umstand, dass ich es reparieren soll.“ Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Ausruf
auch im Deutschen zum geflügelten Wort.

Vorwort
III
globale Umweltveränderungen, wie Erderwärmung, Entwal-
dung, Müllentsorgungsprobleme sowie die Ausbreitung von
Wüsten,
die mit technischen Fortschritten, insbesondere der digitalen
Revolution, der sog. 4. industriellen Revolution, der Liberali-
sierung des Welthandels, dem Bevölkerungswachstum in vie-
len Ländern und der sog. Containerisierung des Stückguttrans-
ports, einhergehende Globalisierung und deren Auswirkungen
sowie
die demographischen Veränderungen auf der Erde (Bevölke-
rungswachstum, Alterung, Migration).
3
Durch die wechselseitigen Impulse und Stimulationen werden die Halb-
wertszeiten zwischen maßgeblichen Entwicklungsschritten des „Fort-
schritts“ immer kürzer, so dass das Anthropozän
4
zu Recht als Zeitalter der
großen Beschleunigung beschrieben wird.
5
Der Übergang von linearen zu
exponentiellen Entwicklungspfaden ist ein Muster, das viele Prozesse vor
allem im 20. Jahrhundert gemein haben … . Diese immer schneller ablau-
fenden Entwicklungen stellen die Wissenschaft, aber auch die Praxis und
3
Aufzählung in Anlehnung an:
https://de.wikipedia.org/wiki/Globaler_Wandel
.
Bemerkenswert
erscheint, dass die Suche in (jedenfalls deutschsprachigen Publikationen zu den Themen „Globaler
Wandel/Globale Veränderungsprozesse“ nahezu ausschließlich Ergebnisse im Bereich des Klima-
bzw. Umweltschutzes erbrachten. Innen-, sicherheitspolitische oder gar kriminalwissenschaftliche
Publikationen, die diese Veränderungsprozesse zum Gegenstand haben, sind selten. Selbst in dem
sehr breit angelegten sog. Hauptgutachten „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ des Wissen-
schaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aus 2019 finden sich
zwar ausführliche Darstellungen etwa von Big Data, KI, Internet der Dinge usw. Sieht man jedoch
von einigen überschaubaren Ausführungen zu Cybersicherheit (S.80ff.) ab, werden sicherheitsrele-
vante Aspekte nicht abgebildet.
https://issuu.com/wbgu/docs/wbgu_hg2019?fr=sMjA4NTIyNDgxOA
,
Abruf: 26.03.2020.
4
Den Begriff Anthropozän (dt. Zeitalter der Menschen soll vor ca. 20 Jahren der holländische Atmo-
sphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen während eines Symposiums geprägt haben, in
dem der Vorsitzende immer wieder das Holozän erwähnte, jene Epoche, die mit dem Ende der letz-
ten Eiszeit vor 11500 Jahren begann und die – offiziell – bis heute andauert. Crutzen soll aufgeru-
fen haben: «
Hören wir auf damit. Wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im Anthropozän.
» Da-
nach sei es eine Weile still im Saal gewesen, aber in der nächsten Kaffeepause hätten einige Kolle-
gen vorgeschlagen, Crutzen solle sich die Urheberschaft für den Begriff sichern. Vgl. Kolbert, Eli-
sabeth, Anthropozän - Das Zeitalter des Menschen, National Geographic, 2011, Heft 3, S. 64,
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/anthropozaen-das-zeitalter-des-
menschen
,
Abruf: 12.04.2020.
5
Steffen, W., A. Sanderson, P.D. Tyson, J. Jaeger, P.A. Matson, B. Moore III, F. Oldfield, K.
Richardson, H.J. Schellnhuber, B.L. Turner & R.J. Wasson, Global Change and the Earth System:
A Planet under Pressure, 2004.

Ralph Berthel
IV
Politik (und jeden Einzelnen [d.Verf.]) vor immer neue, immer größer wer-
dende Herausforderungen, für die es keine vergleichbaren Situationen in der
Vergangenheit (der ganzen Menschheitsgeschichte) gibt.
6
In diesem Zusammenhang findet oft auch der Begriff „Megatrend“ Verwen-
dung. Seiter und Ochs kennzeichnen diesen Begriff wie folgt: „
Megatrends
sind die großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verän-
derungen unserer Zeit. Sie haben einen prägenden Einfluss auf Tiefenstruk-
tur, Verhaltensweisen, Lebensweisen und Wertesysteme in einer Gesell-
schaft. Sie bilden und entfalten sich langsam, aber wenn sie wirken, kann
von einem globalen rückschlagresistenten Einfluss von mindestens zehn bis
zwanzig Jahren ausgegangen werden, auch wenn ihre Wirkungsstärke regi-
onal sehr unterschiedlich ausfallen kann
.“
7
Zu diesen Trends werden nicht nur die demografische Entwicklung, die
Trendbereiche Mobilität und Logistik, der Klimawandel und die Ökologi-
sierung sowie die fortschreitende Globalisierung gerechnet. Die meisten Au-
toren fassen darunter auch die Elemente „Kampf um Energie“ und „Zugang
zu Ressourcen“ sowie „zunehmende weltweite Risikodichte“. In letzterer
Kategorie finden sich Begriffe, wie
Zunahme von Naturkatastrophen,
asymmetrische Konflikte,
wachsende Störanfälligkeit technischer und sozialer Infrastrukturen,
zunehmendes Konfliktpotential zwischen armen und reichen Bevölke-
rungsschichten,
Wirtschaftskrisen, Währungskrisen und Abschottungstendenzen,
global organisiertes Verbrechen und Cyberkriminalität sowie
transparente Gesellschaft, Überwachung und Kontrolle.
6
Coy, Martin, Stötter, Johann, Die Herausforderungen des Globalen Wandels - Theoretische Kon-
zepte – regionale Fallbeispiele – fachliche Implikationen, Österreichische Akademie der Wissen-
schaften, IGF, 2013, S.74.
7
Seiter, Christian, Ochs, Simon, Megatrends verstehen und systematisch analysieren - Ein Framework
zur Identifikation von Wachstumsmärkten, markeZin, Karlsruher Marketing-Fachschrift, Heft 5
2014, S. 7.

Vorwort
V
Das Zukunftsinstitut charakterisiert „Sicherheit“ gar als eigenen Megatrend
und verknüpft diesen mit Begriffen, wie Cybercrime, Big Data, Identitäts-
management, aber auch Flexicurity, also die Wechselwirkungen und Abhän-
gigkeiten zwischen Flexibilität einerseits und Sicherheitsbedürfnissen ande-
rerseits.
8
Mit all diesen Begriffen verbinden sich Inhalte, Probleme, die in mehr oder
weniger Umfang, mehr oder weniger Tiefe und Aktualität die Bedeutung
von Sicherheit für die Gesellschaft und den Einzelnen hinterfragen. Diese
Fragen müssen zunächst formuliert werden und auf diese Frage müssen so-
wohl die Sicherheitsbehörden als auch die Wissenschaft, und hier sind die
Kriminalwissenschaften in besonderer Weise angesprochen, Antworten fin-
den.
9
Hier dürfte sich in der Zukunft ein nicht unerheblicher Forschungsbe-
darf eröffnen. Die Polizeien und die anderen Akteure der inneren Sicherheit
sind gut beraten, wenn sie diese Forschungen anregen und unterstützen, wol-
len sie nicht wieder einmal zu Getriebenen werden. Gerade im Zeitalter der
großen Beschleunigung wäre das fatal; fatal, weil möglicherweise nicht
ohne erhebliche Folgen für den gesellschaftlichen Frieden auf- bzw. nach-
zuholen; fatal auch, weil Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der Polizeien als
Garanten des Rechtsstaates auf dem Spiel stehen.
Die Autoren des Sammelbandes haben wichtige Beiträge dazu geleistet.
Im ersten Teil des Sammelbandes haben sie sich mit den sich aus diesen
Charakteristika ergebenden und oft mit dem Begriff VUCA verbundenen
Herausforderungen für die innere Sicherheit befasst. Teil II setzt dort fort.
Dabei wenden sich die Autoren insbesondere Themen aus dem Bereich Cy-
bercrime und Gefährdungen der Gesellschaft durch terroristische als auch
extremistische Delikte und entsprechenden Gegenstrategien zu.
8
Ausführlich vgl.
https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/mtglossar/sicherheit-glossar/
,
Abruf:
15.01.2020.
9
Zu den mit den Megatrend verbundenen Herausforderungen an die Sicherheitsbehörden und die Kri-
minalistik vgl. auch: Berthel, Ralph, Megatrends und aktuelle Herausforderungen an die Kriminalis-
tik, DIE KRIMINALPOLIZEI, 2017, 3, S. 8 - 15.

Ralph Berthel
VI
Zu den Beiträgen des zweiten Teils
Kriminalität und digitaler Raum
Holger Plank
, Leiter des Sachgebietes Verbrechensbekämpfung im Füh-
rungsstab des Polizeipräsidiums Mittelfranken in Bayern und Lehrbeauf-
tragter an der Ruhr-Universität Bochum im Masterstudiengang Kriminolo-
gie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Cyber-
kriminologie - und -strafrecht“ und ausgewiesener Fachmann im Bereich des
Cyberstrafrechts und der Cyberkriminologie, führt mit dem ersten Beitrag
(
„Bedürfen Cyberstrafrecht und Cyberkriminologie der Fortentwick-
lung?
“) dieses Teils in das Spannungsfeld von Dogmatik, Kriminalpolitik
und evidenzbasierten Kriminalwissenschaften im Themenfeld Cybercrime
ein. Gleichzeitig widmet er sich der Frage, ob bzw. inwieweit Cyberstraf-
recht und Cyberkriminologie einer Fortentwicklung bedürfen und gibt damit
wichtig Impulse, die auch in den Folgebeiträgen dieses Buches aufgegriffen
werden.
Thomas-Gabriel Rüdiger
, Cyberkriminologe am Institut für Polizeiwis-
senschaft der Hochschule für Polizei des Landes Brandenburg, stellt in sei-
nem Aufsatz
„Hass im digitalen Raum“
nicht nur das Phänomen der „di-
gitalen Hasskriminalität“ als solches dar. Er erläutert auch die gravierenden
Auswirkungen auf das menschliche Sicherheitsgefühl und das Vertrauen in
den Rechtsstaat durch eine vermeintliche oder tatsächliche Inaktivität des
Staates im Cyberraum und stellt zudem dringenden Handlungsbedarf dar.
Ronny Bodach
, gelernter Polizeibeamter und Professor in der Fachgruppe
Forensik der Fakultät Angewandte Computer
und Biowissenschaften der
Hochschule Mittweida, untersucht im Rahmen seines Aufsatzes
„Die kri-
minalistische Fallbearbeitung adaptiert für den Bereich Cybercrime“
,
ob bzw. wie die kriminalistische Fallanalyse im Kontext der kriminalisti-
schen Fallbearbeitung auf die Untersuchung von Cybercrime Delikten ange-
wendet werden kann.
Ein Beispiel für die Schwierigkeiten, denen sich Ermittler bei der Bekämp-
fung von Kriminalität in der digitalen Welt, insbesondere beim Zugriff auf
Speicher sichergestellter Smartphones oder Tablet-PCs, gegenüber sehen,

Vorwort
VII
stellt
Felix Horn,
Polizeirat beim Polizeipräsidium Bochum in seinem Bei-
trag
„Biometrische Sicherungen mobiler Endgeräte“
dar.
Mit Begriffen wie Deep Fake, Morphing oder Warping und Analysemög-
lichkeiten zur Detektion von Deep Fake bei der Ermittlungsführung setzen
sich
Jennifer Woithe
, Cybercop bei der Polizei Sachsen,
Sven Becker
,
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Mittweida mit Tätigkeits-
schwerpunkt Rekonstruktion und Digitale Forensik und
Dirk Labudde
,
Professor für Allgemeine und Digitale Forensik an der Hochschule Mitt-
weida und Leiter der Forschungsgruppe "Digital Intelligence and Investiga-
tions" des Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie SIT
Darmstadt in ihrem Beitrag „
Herstellung und Detektion von Videos und
Bildern mit KI und deren Bezug zu Beweismitteln“
auseinander.
„Die Quellen-Telekommunikationsüberwachung“
Die Bekämpfung von Cybercrime lässt das Spannungsfeld zwischen Freiheit
und Sicherheit immer wieder sichtbar werden.
Kai Lampe
von der Krimi-
nalpolizeidirektion im Polizeipräsidium Karlsruhe betrachtet in diesem
Kontext die Quellen-TKÜ als hoheitliche Ermittlungsmaßnahme in Zeiten
fortschreitender Digitalisierung.
Fabian Teichmann,
Autor, Rechtsanwalt und Notar aus St. Gallen, be-
schreibt mit „
Onlinedurchsuchungen in der Schweiz“
im ersten von drei
Aufsätzen in dieser Buchreihe, die aktuelle Rechtslage in unserem Nachbar-
land und die dringende Notwendigkeit der Einführung dieses Instruments.
Zur wirksamen Bekämpfung von Cybercrime bedarf es entsprechender
Strukturen bei den Strafverfolgungsbehörden. Den Aufbau einer Cyber-
crime-Polizeidienststelle aus dem Blickwinkel des Organisationsmanage-
ments untersucht
Christoph Büchele
, Polizeibeamter in München und ge-
genwärtig Student an der Deutschen Hochschule der Polizei Münster, in sei-
nem Aufsatz
„Internetkriminalität: Veränderte Kriminalitätsformen -
Veränderte Organisationsformen“
.
In einem weiteren Beitrag aus der Hochschule Mittweida
(„Gruppendyna-
mik in Sozialen Netzwerken - Bestimmung und Vorhersage von Grup-
pendynamiken auf Grundlage von Daten aus Sozialen Netzwerken“
)
stellen
Christoph Frenzel,
Masterstudent Cybercrime/Cybersecurity und

Ralph Berthel
VIII
Dirk Labudde
, Professor für Allgemeine und Digitale Forensik, Herausfor-
derungen und Möglichkeiten im Bereich der Analyse und Klassifizierung
von unbekannten und ungelabelten Textdaten dar. Diese Erkenntnisse kön-
nen in Vorhersage- und Analysealgorithmen einbezogen werden, um eine
präzisere Klassifizierung verdächtiger Personen oder sogar die Vorhersage
geplanter Aktivitäten anhand auffälliger gruppendynamischer Merkmale zu
erreichen.
In seinem zweiten Aufsatz für diesen Sammelband „
Cybergrooming - Kri-
minalpolitische Auswirkungen der Einführung der Versuchsstrafbar-
keit“
setzt sich
Thomas-Gabriel Rüdiger
einerseits mit der Phänomenolo-
gie des Cybergroomings und seiner definitorischen Eingrenzung sowie den
Modi Operandi auseinander. Andererseits unterzieht er die mit dem Sie-
benundfünfzigsten Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches - Versuchs-
strafbarkeit des Cybergroomings
10
seit dem 13. März 2020 eingeführte
Strafbarkeit des Versuches gem. § 176 Abs. 6 StGB einer kritischen Be-
trachtung und setzt sich mit deren kriminalpolitischen Auswirkungen ausei-
nander.
Insbesondere, allerdings nicht nur in Großverfahren der Organisierten Kri-
minalität, der Wirtschafts- oder Schleusungskriminalität und im Deliktsbe-
reich Terrorismus, spielen große Datenmengen eine zunehmende Rolle. Su-
che, Sicherung und Auswertung dieser Daten stellen für die Ermittlungsbe-
hörden eine außerordentliche Herausforderung dar. In ihrem Beitrag
„Der
Einfluss zunehmender Datenmengen auf Strukturermittlungen im Be-
reich der organisierten Schleusungskriminalität"
analysieren
Katja See-
ber
und
Christian Beier
, beide Angehörige der Bundespolizeiinspektion
Kriminalitätsbekämpfung München, diese Herausforderungen. Ausgehend
von der Darstellung diverser Informationsquellen, unter besonderer Berück-
sichtigung von Internetermittlungen und Mobilfunkforensik, rücken die Au-
toren die elementare Verzahnung zwischen klassischer Ermittlungsarbeit
und verfahrensbegleitender operativer Auswertung in den Fokus ihrer Dar-
legungen.
10
BGBl. I S. 431 (Nr. 11);

Vorwort
IX
Gefahren für den Rechtsstaat
Teil II schließt mit fünf Beiträgen aus dem Bereich der Bekämpfung poli-
tisch motivierter Delikte.
Michail Logvinov
, einer der profiliertesten deutschen Extremismusexper-
ten, legt dabei mit
„Risikoeinschätzung extremistischer Radikalisierung
in die Gewalt als kriminologische Herausforderung“
einen Beitrag zur
angewandten Extremismusforschung vor.
Stefan Goertz
, Dozent an der Hochschule des Bundes, analysiert im Rah-
men seines Beitrages
„Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus in
Deutschland – Eine aktuelle Analyse“
die Lageerkenntnisse zum Rechts-
extremismus und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik. Seine Darstel-
lungen reichen dabei von den rechtsterroristischen Straftaten des National-
sozialistischen Untergrunds über die Auswirkungen des rechtsterroristi-
schen Anschlags in Christchurch (Neuseeland) im März 2019 auf die deut-
sche rechtsextremistische Szene bis hin zu Verboten rechtsextremistischer
Vereinigungen und Formate.
Die Perspektive der Schweiz bei der Bekämpfung der Terrorismusfinanzie-
rung bzw. Geldwäschebekämpfung stellt
Fabian Teichmann
aus St. Gallen
in seinen beiden Aufsätzen
„Das Geldwäschereigesetz - Ein geeignetes In-
strument zur Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung?“
und
„Das
Erfordernis des Vorsatzes in Art. 260quinquies Schweizerisches Straf-
gesetzbuch (StGB) – Ein Freischein für Terrorismusfinanzierer?“
vor.
Matthias Frey
, Dozent im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement
an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, beleuchtet mit
„Der
Beitrag von Medien und Internet zum posthumen Personenkult - und
das Vertrauen von sendungsbewussten Selbstmordattentätern darauf“
die Motivlage und das Phänomen der starken Medienaffinität von Attentä-
tern. Dabei unterstreicht er, dass das Erlangen von Berühmtheit, die Erwar-
tung, von Bewunderern gefeiert zu werden, eine Botschaft oder ein Ver-
mächtnis zu hinterlassen, zunehmende Bedeutung für die Motive von
Amoktätern oder auch Terroristen erlangten.

Ralph Berthel
X
Autorenverzeichnis
Auch diesem Teil ist ein Verzeichnis aller Autoren der drei Teile mit deren
Tätigkeits- bzw. Forschungsschwerpunkten sowie der Erreichbarkeit beige-
fügt.