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University of Applied Police Science
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt
Lage, Herausforderungen, Lösungsansätze
Teil I
Rothenburger Beiträge
Polizeiwissenschaftliche Schriftenreihe
Band 104
Rothenburg/Oberlausitz 2020
ISBN 978-3-938015-83-4

(Text für den Buchrücken)
104
Ralph Berthel – Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt –

Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt –
Herausforderungen, Entwicklungen und Perspektiven
Mit dem Akronym VUCA werden die deutschen Begriffe Volatilität, Ungewiss-
heit, Mehrdeutigkeit und Komplexität als Charakteristika der aktuellen gesell-
schaftlichen Entwicklungen verbunden. Diese Eigenschaften erscheinen des-
halb von Relevanz für die innere Sicherheit, weil sich aus den damit verbunde-
nen Problemfeldern in der Gesellschaft insgesamt und für den Einzelnen bzw.
Gruppen von Menschen, Konfliktpotenzial in z. T. gesellschaftsgefährdendem
Ausmaß ergeben kann. Die entsprechenden menschlichen Verhaltensmuster
können dabei von Resignation über Verweigerung bis hin zu strafrechtlich re-
levantem Handeln reichen. Genannt seien etwa politisch und/oder religiös mo-
tivierter Fanatismus und Terrorismus, subkulturelle Clankriminalität oder das
Nutzen tatsächlicher oder vermeintlicher anomischer Räume, etwa des Inter-
nets für kriminelles Agieren.
In diesem Kontext sind die Kriminalwissenschaften aufgrund ihres interdiszip-
linären Charakters, ihrer Nähe zur Sicherheits-, Innen- und Justizpolitik sowie
nicht zuletzt wegen der unmittelbaren Bezüge zum Sicherheitsgefühl der Be-
völkerung in besonderer Weise gefordert. Gleichermaßen kommen der prakti-
schen Vorbeugung und Bekämpfung von Kriminalität gerade auch vor dem Hin-
tergrund der genannten Problemfelder eine wichtige gesellschaftserhaltende
Funktion zu.
In den drei Teilen dieses Sammelbandes kommen 45 Autoren aus Deutschland
und der Schweiz zu Wort. Sie betrachten diese Herausforderungen in insge-
samt 40 Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, aus der des Wis-
senschaftlers, des Polizeipraktikers oder etwa des Anwalts, bringen, Erfahrun-
gen ein und regen mit Ideen und Konzepten an. Und sie vermitteln Einblicke in
das, was die Kriminalwissenschaften und die praktische Kriminalitätsbekämp-
fung in diesem Kontext leisten können und leisten müssen.
Ergänzt werden diese Aufsätze durch vier Rezensionen aktueller kriminalwis-
senschaftlicher Werke.
Teil I ist überschrieben mit Lage, Herausforderungen und Lösungsansätze.
Die Autoren der Beiträge von Teil II befassen sich vor allem mit Themen des
Verhältnisses von Kriminalität und digitalem Raum sowie der Gefahren für den
Rechtsstaat.
Die Beiträge im Teil III (Ermittlungen) stellen Probleme der Ermittlungsführung
in den Mittelpunkt.

 
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-
Welt
Lage, Herausforderungen, Lösungsansätze
Teil I
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
ROTHENBURG/OBERLAUSITZ 2020

 
Ralph Berthel (Hrsg.)
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-
Welt – Herausforderungen, Entwicklungen und
Perspektiven
Lage, Herausforderungen, Lösungsansätze
Teil I
Die Inhalte der einzelnen A rtikel liegen im
Verantwortungsbereich der jeweils genannten Autoren und
spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung des Herausgebers
wider
.

 
Eigenverlag der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Rothenburg/Oberlausitz 2020
Herausgeber ist der Beirat der Schriftenreihe
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
in Rothenburg/OL
Mitglieder des Beirates:
Dr. Laura Linczmajer, Dr. Dirk Dalberg, Prof. Dr. Frank Lohse
Prof. Dr. Dieter Müller,Prof. Dr. Marcel Schöne,
Prof. Dr. Henning Schwier (Vorsitzender),
Prof. Dr. Tom Thieme, Polizeidirektor Leif Woidtke
Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Rektor/Prorektor
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Kriminalistik und Kriminologie in der VUCA-Welt
Lage, Herausforderungen, Lösungsansätze.
Teil I. Ralph Berthel (Hrsg.).
Rothenburg/OL: Hochschule der Sächsischen Polizei (FH), 2020.
(Rothenburger Beiträge; 104)
ISBN 978-3-938015-83-4
ISSN 1439-393X
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
- ROTHENBURG/OL -
Copyright
: Bei den Autoren der einzelnen Beiträge.
Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck oder die
Vervielfältigung des Werkes insgesamt oder in Auszügen ist nur
mit der Zustimmung der Verfasser gestattet.

 
Inhaltsverzeichnis
Teil 1- Band 104
Seite
Die VUCA-Welt Herausforderungen an die
I
Sicherheitsakteure und die Kriminalwissenschaften
Einführung Teil I
Ralph Berthel
Innere Sicherheit in der VUCA-Welt durch Human Law
1
Sigrun v. Hasseln-Grindel
Kriminologie der Beschleunigung
167
Zum Zusammenhang von sozialer Beschleunigung und Anomie
Sebastian Enghofer / Johannes Eberhardt
Wir wissen oft nicht, wie viel wir eigentlich wissen
205
Wissensmanagementansätze für die Kriminalwissenschaft
in der VUCA-Welt
Anne Melzer / Wolfram Karg
Ein Weg zu einer besseren Prognosepraxis bei der
223
Einschätzung des Kriminalitätsrisikos junger Straftäter
Barbara Bergmann
Alterskriminalität als polizeiliche Herausforderung
235
in der VUCA-Welt
Welche Vorstellung haben angehende Polizeibeamte
von (potentiellen) Tätern und möglichen Ursachen?
Frank-Holger Acker
Einige Bemerkungen zum Verhältnis von
265
Kriminologie und Kriminalistik
Andrea Cornelia Holzer
Biosoziale Kriminalitätstheorien eine Renaissance
269
des geborenen Verbrechers?
Sebastian Enghofer / Daniel Müller

Waffenverbote im Versammlungsgeschehen
313
Hartmut Brenneisen / Dirk Staack / Martin Schardt
Der Ausbau des transkulturellen Ansatzes zur
327
Schaffung weiterer Handlungsmöglichkeiten für die Polizei
André Schulz
Der Weg zum Masterstudiengang Kriminalistik an der
365
Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg
Ralph Berthel
Policing: Gewalt von und an der Polizei
383
Andrea Cornelia Holzer
Rezensionen
Huber, Edith, Cybercrime. Eine Einführung
425
Rezension von
Holger Plank
Cathy O'Neil, Angriff der Algorithmen: Wie sie Wahlen
431
manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit
gefährden
Rezension von
Marco Mohr
Stefan Goertz, Islamistischer Terrorismus
435
Analyse – Definition – Taktik
Rezension von
Ralph Berthel
Horst Clages, Rolf Ackermann, Der rote Faden
437
Grundsätze der Kriminalpraxis, 14. Auflage
Rezension von
Ralph Berthel
Autorenverzeichnis
443

 
„Alles Wissen und alle Vermehrung unseres Wissens
endet nicht mit einem Schlusspunkt,
sondern mit Fragezeichen.“
Hermann Hesse

Die VUCA-Welt
Herausforderungen an die Sicherheitsakteure und die
Kriminalwissenschaften
Einführung Teil I
Ralph Berthel
Kriminalität ist als Ausdruck normabweichenden Verhaltens eine
gesellschaftliche Tatsache. Sie kann nur als Bestandteil unseres sozialen
Lebens begriffen werden. Kriminalität stellt in mehr oder weniger
ausgeprägter Form, die Art und Weise der gesellschaftlichen Interaktionen,
die als sozialadäquat bewertet werden und für den Erhalt und das
Funktionieren von Gemeinwesen essenziell sind, in Frage.
Die Bekämpfung und Vorbeugung von Kriminalität hat damit auch einen
gesellschaftserhaltenden bzw. -stabilisierenden Charakter. In einer Umwelt,
die von Anarchie, und der Hegemonie von Individualinteressen und deren
gewaltsamer Durchsetzung dominiert wäre, könnten sich auf Dauer weder
Strukturen herausbilden, die gesellschaftlichen Fortschritt zulassen, noch
die Technologien hervorbringen, die zum Wohle und im Interesse der
Menschen sind. So wie die Abiogenese relativ stabile Umweltbedingungen
voraussetzte, setzen die Fortexistenz der Menschheit und die Möglichkeit,
sich der eigenen Existenzgrundlagen und den künftigen
Entwicklungen/Herausforderungen überhaupt widmen zu können, ein
Mindestmaß an Sicherheit voraus. In einem gesellschaftlichen Umfeld
dauerhafter Kriege und destruktiver Konflikte würden weder genügend
Ressourcen für neue Technologien noch die erforderlichen Institutionen zur
Herausbildung des dafür erforderlichen Humankapitals entwickelt bzw.
erhalten werden können.
Und doch ist gesellschaftlicher Fortschritt nur durch teils radikale, bisweilen
revolutionäre Veränderungen denk- und gestaltbar. Menschliche Existenz
war und wird immer vom Widerspruch zwischen diesen stabilisierenden und
den verändernden Kräften gekennzeichnet sein. In den sich dabei
entwickelnden Konfliktkonstellationen kommt den Kriminalwissenschaften
wie auch der praktischen Verbrechensbekämpfung daher eine

Ralph Berthel
II
außerordentliche Bedeutung bei der Erhaltung und Gestaltung des sozialen
Gleichgewichts zwischen Erhaltenswertem und radikal-dynamisch Neuem
zu. Diese reicht dabei zwangsläufig über die reine Rechtsanwendung, die
eher dem traditionell-bewahrendem Spektrum zuzurechnen ist, hinaus.
In einer immer komplexer werdenden Welt, immer schwerer
durchschaubarer Zusammenhänge, einer Welt einschneidender
gesellschaftlicher Veränderungen und massiver Verunsicherungen der
Menschen und sich daraus entwickelnden Krisen, mit globalen bis
regionalen Konflikten, erlangt ein fakten- und wissensbasiertes Handeln der
Sicherheitsakteure zunehmende Bedeutung für den Erhalt und die
erfolgversprechende Fortentwicklung einer Gesellschaft.
In diesem Kontext ist seit einiger Zeit von der sog. VUCA-Welt die Rede.
Der Begriff VUCA ist ein Akronym. Es stammt aus dem Englischen und
steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Die
Begrifflichkeit VUCA entstand Anfang der 1990er Jahre im US Army War
College als Reaktion auf den Zusammenbruch der UdSSR. Plötzlich gab es
nicht mehr den einen Feind. „Im Jargon des amerikanischen Militärs
beschreibt VUCA die Bedingungen des modernen Krieges – Stichwort:
asymmetrische Kriegsführung, Selbstmordattentäter, Dschungel- oder
Straßenkampf. Die Bedingungen lassen sich nicht mehr mit den klaren
Frontlinien vergangener Schlachten vergleichen, in denen zwei große Heere
aufeinander trafen.“
1
Inhaltlich steht VUCA für veränderte globale
Rahmenbedingungen, die besonders, allerdings nicht ausschließlich, mit
dem Zeitalter der Digitalisierung einhergehen.
Inhaltlich verbinden die meisten Autoren folgende Merkmale mit der
VUCA-Welt. Dabei wurde VUCA bisher insbesondere mit Blick auf
Management- und Marketingstrategien thematisiert:
V = Volatility (Volatilität / Unbeständigkeit): Diese bezieht sich auf die
zunehmende Häufigkeit, Geschwindigkeit und das Ausmaß von (meist
ungeplanten) Veränderungen. Beispiele dafür sind in starken
Preisschwankungen an der Börse sowie schnellen Markteintritten und -
verlusten zu sehen.
1
Gläser, Waltraud, Woher kommt der Begriff „VUCA“? VUCA Blog, 13. Juni 2018,
https://www.vuca-welt.de/woher-kommt-vuca-2/,
Abruf: 22. Januar 2020.

Vorwort
III
U = Uncertainty (Unsicherheit / auch Disruption): Diese bedeutet das
generell abnehmende Maß an Vorhersagbarkeit von Ereignissen in unserem
privaten und beruflichen Leben. Gründe dafür sind die Unkenntnis von
Variablen sowie deren kausale Beziehungen zueinander. Beispiele sind
Märkte, die scheinbar neu entstehen.
K = Complexity (Komplexität von Variablen): Diese bezieht sich auf die
steigende Anzahl von unterschiedlichen Verknüpfungen und
Abhängigkeiten, welche viele Themen in unserem Leben undurchschaubar
machen. Viele, teilweise unbekannte Variablen mit vielfältigen Wirkungen
aufeinander. Eine Aktion hat Wirkungen auf sehr viele Variablen. Dadurch
lassen sich einige Projekte bzw. deren Ergebnisse weniger als bekannt
berechnen und vorplanen.
A = Ambiguity (Ambiguität / Mehrdeutigkeit): Diese beschreibt die
Mehrdeutigkeit der Faktenlage, die falsche Interpretationen und
Entscheidungen wahrscheinlicher macht. Informationen sind nicht eindeutig
interpretierbar. Die aus der Vielzahl der Rollen, Aufträge und Schnittstellen
resultierenden Missverständnisse haben sich erhöht. Interessenkoalitionen
werden komplexer und schwerer durchschaubar.
Alle vier Elemente greifen ineinander und sind inhaltlich fließend und
bisweilen überlappend zu verstehen.
Für die Sicherheitsakteure erscheint die Frage evident, ob bzw. in
welchem Maße die mit den VUCA-Inhalten verbundenen
Problembereiche auch auf die innere Sicherheit und den Umgang mit
den Veränderungen in der Gesellschaft anwendbar sind. Damit
verbunden ist die zweite Frage, wie diese Akteure damit proaktiv
agieren sollten bzw. müssten.
VUCA erscheint deshalb von Bedeutung für Akteure der inneren Sicherheit
und die Kriminalwissenschaften, weil sich aus dem durch diesen Begriff
definierten Zustand der Gesellschaft Konflikte, z. T. in
gesellschaftsgefährdendem Ausmaß ergeben können; etwa im
Zusammenhang mit Straftaten, die aus politisch und/oder religiös
motiviertem Fanatismus rühren und die zu erheblichen Verunsicherungen in
der Gesellschaft führen können. Disruptionen, Verunsicherungen und
Ambiguitäten bilden zudem einen fatalen Nährboden für das Kippen der
fragilen Balance von Freiheit und Sicherheit. Sicherheit in einer offenen

Ralph Berthel
IV
Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass die Bevölkerung den
Sicherheitsakteuren vertraut. Wenn dieses Vertrauen verloren zu gehen
droht, weil sich etwa kriminelle Subkulturen in Stadtteilen scheinbar
unbehelligt ausbreiten und No-Go-Areas entstehen, wenn staatliche
Souveränität scheinbar oder tatsächlich aufgegeben wird, weil der Staat in
Größenordnung nicht weiß, welche Personen sich auf seinem Territorium
aufhalten oder sich das Internet zum scheinbar rechtsfreien Raum
entwickelt, ist dieser direkte Bezug von VUCA und innerer Sicherheit
augenfällig.
2
Fraglos waren gesellschaftliche Entwicklungen schon immer durch die
VUCA-Charakteristika gekennzeichnet. Veränderungen im sozialen,
wirtschaftlichen oder politischen Umfeld und das Infragestellen von
Allhergebrachtem sind nicht neu und stellten schon immer
Herausforderungen für die Menschen dar. Allerdings sind die aktuellen
Entwicklungen von einer noch nie gekannten Dynamik und von einer mit
dem Einzug der Digitalisierung in nahezu alle Lebensbereiche verbundenen
Informations- und Interaktionsfülle und -dichte verbunden, die Menschen
nicht nur in besonderer Weise fordern, sondern auch Versagen und/oder
destruktiv-deviantes Verhalten begünstigen. Wenn etwa gesellschaftliche
Erwartungen, Normen und Wertvorstellungen, die in einer Gesellschaft
noch vor Generationen oder Jahren als richtig und erwünscht galten, durch
Eliten und/oder den medialen Mainstream mehr oder weniger für den
Einzelnen oder ganze Gruppe nicht nachvollziehbar in Frage gestellt oder
gar geändert werden, können diese VUCA-Veränderungen direkt auf die
Entwicklung der Kriminalität durchschlagen.
Allein der Blick auf eine Reihe von Kriminalitätstheorien, etwa die Kontroll-
und Bindungs-, die Lern- und Subkultur- oder die Rational-Choice-
Theorien, macht die Relevanz dieser gesellschaftlichen Entwicklungen und
der mit ihnen verbundenen Problemfelder für die Kriminalwissenschaften
deutlich.
3
Das alles ist viel mehr als „nur“ ein akademischer Diskurs. Die höchst
praktischen Bezüge dessen, was mit Volatilität, Disruptionen, Komplexität
und Ambiguität die Menschen in einer Gesellschaft irritiert und
2
Martin Permantier, VUCA – eine weitere Floskel für den Paradigmenwechsel?, https://die-
werteentwicklung.de/blog/artikel/vuca-eine-weitere-floskel-fuer-den-paradigmenwechsel/, Abruf:
26.01.2020.
3
Beispielhaft seien die Ansätze der Anomietheorie genannt. Danach entstehen anomische, also gesetz-
bzw. regellose Zustände durch Zusammenbruch der kulturellen Strukturen (Merton) sowie
tatsächliche oder wahrgenommene Regellosigkeit, gestörten Ordnung und tatsächliche oder
vermeintliche Normlosigkeit in einer Gesellschaft (Durkheim).

Vorwort
V
verunsichert, was auslösend oder begünstigend hinsichtlich der Begehung
und/oder Tolerierung von Straftaten ist, sind mannigfaltig. Konsequenzen
hat das nicht nur für die Akzeptanz von Verbrechensbekämpfung und
Strafverfolgung in der Gesellschaft. Es wirkt auch, und nicht zuletzt, auf die
Menschen, die als Angehörige von Polizei und anderen Sicherheitsakteuren
im gesellschaftlichen Auftrag Gefahren abzuwehren und Straftaten zu
bekämpfen haben. Auch die unterschiedlichen Perspektiven auf diese
Problemkonstellationen stellen die Autoren der drei Teile des
Sammelbandes dar. Exemplarisch sei die Thematik der Clankriminalität
genannt, die Kai Seidensticker einerseits aus phänomenologischer
Perspektive und André Schulz mit Blick auf Fragen der transkulturellen
Kompetenz und z. T. innenpolitische Debatten thematisieren.
Seit etwa zwei Jahren haben die Herausforderungen der VUCA-Welt für die
Kriminalwissenschaften und die Praxis der Verbrechensbekämpfung
(vorsichtig) Eingang in den kriminalstrategischen Diskurs gefunden. So
waren die Konsequenzen der VUCA-Entwicklungen u. a. Gegenstand der
64. Herbsttagung des Bundeskriminalamtes im Jahr 2018.
4
Eine Strategie zum „Überleben“ in der VUCA-Welt, besser vielleicht zur
Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen als Teil von
Managementstrategien, leitet sich ebenfalls von der Abkürzung ab, nämlich:
vision (Vision), understanding (Verstehen), clarity ‚( Klarheit) und agility
(Agilität). Der sich hier für die Organisation der Verbrechensbekämpfung
ergebende Forschungs- und Handlungsbedarf wird in einigen Beiträgen
dieses Sammelbandes berührt, bedarf aber mit Sicherheit in der Zukunft
einer breit angelegten Aufbereitung.
Der vorliegende Sammelband greift vor dem Hintergrund dieser aktuellen
gesellschaftlichen Entwicklungen, die eben gerade mit dem VUCA-Bild,
also Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit,
Herausforderungen für die Kriminalwissenschaften und die Akteure der
inneren Sicherheit auf. Dabei werden sicherheitsrelevante Problemfelder,
etwa spezifische Deliktsbereiche, wie Cybercrime, Clankriminalität oder
Alterskriminalität ebenso betrachtet, wie technische oder rechtliche
Entwicklungen und deren Folgen für das Handeln von Sicherheitsakteuren.
4
Berthel, Ralph, Sicherheit in einer offenen und digitalen Gesellschaft, DIE POLIZEI, 2019, S. 149.

Ralph Berthel
VI
Die Teile des Sammelbandes
Der Sammelband besteht aus drei Teilen. Die Beiträge des erstens Teiles
befassen sich insbesondere mit den Herausforderungen, denen sich die
Kriminalwissenschaften und die Sicherheitsakteure gegenüber sehen. Er ist
überschrieben mit
„Lage - Herausforderungen - Lösungsansätze“
.
Teil II besteht aus den Teilen
Kriminalität und digitaler Raum
und
Gefahren für den Rechtsstaat
und beinhaltet insbesondere Beiträge mit
Bezügen zu Bedrohungen durch Cybercrime und Gefahren für den
demokratischen Rechtsstaat durch terroristische bzw. politisch motivierte
Delikte sowie Bekämpfungsansätzen in diesem Kontext.
Der dritte Teil trägt den Namen
„Ermittlungen“
. Darin befassen sich die
Autoren insbesondere mit Fragen der Ermittlungsführung im weitesten
Sinne und in unterschiedlichen Deliktsbereichen.
Natürlich lassen sich die Themen nicht trennscharf voneinander abgrenzen.
Daher finden sich bisweilen inhaltliche Überschneidungen. Das ist, so meine
Überzeugung, Ausdruck der Komplexität und Mannigfaltigkeit der Themen,
denen sich die Kriminalwissenschaften in der VUCA-Zeit gegenüber sehen.
Das Werk entstand in einer Zeit, in der die sog. Corona-Krise neben den
Herausforderungen an das Gesundheitssystem und wirtschaftlichen
Verwerfungen auch mit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
nicht bekannten Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten verbunden waren.
Aufgrund des erforderlichen redaktionellen Vorlaufs der Beiträge und der
Bearbeitungszeit durch den Herausgeber konnten diese Problemfelder im
Sammelband allerdings nicht abgebildet werden. Sie werden mit Sicherheit
Gegenstand einer späteren kriminalwissenschaftlichen Betrachtung sein
müssen.

Vorwort
VII
Autorenverzeichnis
Vielleicht sind die Beiträge dieses Sammelbandes dem einen oder anderen
Leser nicht nur Information und Anregung. Vielleicht ergeben sich aus der
Lektüre auch Frage an die Autoren und/oder Überlegungen zu
Kooperationen oder zum Austausch von Gedanken und Ideen. Daher ist
jedem der drei Teile des Sammelbandes ein komplettes Verzeichnis aller
Autoren angefügt; jeweils mit deren Tätigkeits- bzw.
Forschungsschwerpunkten, Publikationen und Kontaktmöglichkeiten.

Ralph Berthel
VIII
DANK
"Keine Schuld ist größer, als die, Danke zu sagen"
Cicero
Mein herzlicher Dank gilt den Autorinnen und Autoren dieses
Sammelbandes, die mit ihren Arbeiten einen Beitrag dazu geleistet haben,
das Wissen um die Herausforderungen, die Handlungserfordernisse und
auch die Chancen, die diese „verrückte“ VUCA-Welt für die Gesellschaft,
jeden Einzelnen, für das Handeln der Sicherheitsakteure und für die
Kriminalwissenschaften mit sich bringen, zu erweitern.
Für den Leser nicht immer erkennbar, waren es auch manche Gespräche,
Telefonate und/oder Schriftwechsel mit den Autoren, die ich als
Herausgeber außerordentlich anregend und fruchtbringend empfunden habe
und deren Ergebnisse an mancher Stelle in diese drei neuen Bände der
Rothenburger Beiträge eingeflossen sind.
Nun wünsche ich allen Lesern jede Menge Denkanstöße und viel Vergnügen
bei der Lektüre!
Ihr
Ralph Berthel
Frankenberg/Sa. im Frühjahr 2020

Vorwort
IX
Zu den Beiträgen des ersten Teils
Sigrun von Hasseln-Grindel
, Rechtsanwältin in Bad Saarow und
langjährige Vorsitzende Richterin einer Jugendschwurgerichts- und
Jugendschutzkammer, führt mit ihrem Aufsatz
„Innere Sicherheit in der
VUCA-Welt durch Human Law“
unter Bezugnahme auf den Human-
Law-Bildungs- und Erziehungsansatz für ein friedliches Zusammenleben in
die Thematik ein. Sie stellt dabei nicht nur eine Vielzahl von Problem- bzw.
Konfliktbereichen in der Gesellschaft, wie Unzufriedenheit, Utopieverlust
oder Überforderungen dar, die strafrechtliche und damit auch
kriminalwissenschaftliche Relevanz aufweisen. Anhand einer Vielzahl
praktischer Beispiel regt sie auch an, Probleme nicht nur zu erkennen,
sondern auch Lösungen zu suchen.
Beschleunigungstendenzen des sozialen Wandels und kriminologische
Perspektiven auf die Entstehung und die Prävention von Kriminalität
betrachten
Johannes Eberhardt
, Student der Kriminologie und
Gewaltforschung (M.A.) an der Universität Regensburg und
Sebastian
Enghofer
, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende
Politikwissenschaft der Universität Regensburg, in ihrem Aufsatz
„Kriminologie der Beschleunigung“.
Die Feststellung
„Wir wissen oft nicht, wie viel wir eigentlich wissen“
stellen
Anne Melzer
und
Wolfgang Kark
, beide Dozenten an der
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in
Güstrow, ihrem Beitrag, der sich mit der Notwendigkeit und den Inhalten
kriminalwissenschaftlichen Wissensmanagements befasst, voran.
Mit Fragen der altersspezifischen Kriminalität befassen sich die Autoren der
darauf folgenden Aufsätze.
Barbara Bergmann
, die sich im Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz mit
kriminalpsychologischen Analysen in der Einsatz- und
Ermittlungsunterstützung und Gefährdungsanalysen befasst, stellt dabei
eine Prognose-Checkliste für die Beurteilung des Kriminalitätsrisikos junger
Straftäter vor und schließt damit inhaltlich an die Ergebnisse einer Studie zu
kognitiven Urteilsverzerrungen bei der (intuitiven) Bewertung des

Ralph Berthel
X
Kriminalitätsrisikos junger Straftäter an, die in Ausgabe 6-2020 der
Zeitschrift DIE POLIZEI vorgestellt wurde.
Frank-Holger Acker
, Dozent an der Polizeiakademie Niedersachsen,
befasst sich in seinem Aufsatz „
Alterskriminalität als polizeiliche
Herausforderung in der VUCA-Welt
“ mit Erscheinungsformen und
Ursachen von Kriminalität älterer Menschen in der VUCA-Welt, stellt Push-
und Pull-Faktoren dar und erörtert Herausforderungen, denen sich die
polizeiliche Bearbeitung dieser Delikte gegenüber sieht.
Einen Zwischenruf bringt
Andrea Cornelia Holzer
, wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Universität Regensburg mit ihrem ersten Beitrag
Einige Bemerkungen zum Verhältnis von Kriminologie und
Kriminalistik“
ein.
Sebastian Enghofer
und
Daniel Müller
, ebenfalls von der Universität
Regensburg erläutern in ihrem Aufsatz "Biosoziale Kriminalitätstheorien
eine Renaissance 269 des geborenen Verbrechers?" aktuelle Erkenntnisse
aktueller biologischer und neurowissenschaftlicher Kriminalitätstheorien
und setzen sich dabei mit der bisweilen vertretenen These einer
„Revolution“ der Kriminologie durch die Naturwissenschaft auseinander.
Darauf aufbauend erfolgt eine Bewertung der Leistungsfähigkeit biosozialer
Kriminalitätstheorien mit Blick auf ihr Potential innerhalb der zunehmenden
Komplexität und Mehrdeutigkeit der Kriminologie.
Die Begehung von Straftaten im Zusammenhang mit dem
Demonstrationsgeschehen stellt besondere Anforderungen an die
Sicherheitsakteure.
Hartmut Brenneisen, Dirk Staak
und
Martin Schardt
von der Landespolizei bzw. der Fachhochschule für Verwaltung und
Dienstleistung Schleswig-Holstein analysieren im Rahmen ihres Aufsatzes
„Waffenverbote im Versammlungsgeschehen
“ das Mitführen und Nutzen
von Waffen sowie Waffenverbote im Lichte der Versammlungsfreiheit.
„Der Ausbau des transkulturellen Ansatzes zur Schaffung weiterer
Handlungsmöglichkeiten für die Polizei“
: Die Elemente Volatilität,
Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit manifestieren sich nicht
selten im Aufeinandertreffen von Sicherheitsbehörden und Menschen, die
tatsächlich oder auch scheinbar anderen Kulturen, Ethnien und/oder
Religionen angehören, als sie der sog. Mehrheitsgesellschaft gemeinhin

Vorwort
XI
zugeschrieben werden. Gerade für die Prävention als auch die Repression
im Rahmen der Verbrechensbekämpfung erscheinen sich daraus ableitende
Fragestellungen von großer praktischer Relevanz.
André Schulz
, Dozent
am Institut für transkulturelle Kompetenz der Polizeiakademie Hamburg,
plädiert in seinem Beitrag für den Ausbau des sog. transkulturellen Ansatzes
im Rahmen der polizeilichen Bildungsarbeit.
Rolf Ackermann betonte in einem Aufsatz aus dem Jahr 2013, dass
Kriminalistik als Wissenschaftsdisziplin eine Heimstatt, ein Mutterhaus,
welches auf die eng mit ihr verknüpften Wissenschaftsdisziplinen direkt und
nicht über Umwege zugreifen kann, benötige.
5
Hinter dieser Forderung steht
die seit der fatalen Abwicklung der Sektion Kriminalistik an der Humboldt-
Universität zu Berlin bislang nur mit eingeschränktem Erfolg
unternommenen Anstrengungen, Kriminalistik in der Hochschullandschaft
wieder zu etablieren. Nun hat das Land Brandenburg eine Vorreiterrolle
übernommen. An der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg
werden im Oktober dieses Jahres erstmals Studentinnen und Studenten ihr
Studium in dem völlig neu konzipierten Masterstudiengang Kriminalistik
aufnehmen. Über die Entstehungsgeschichte und die Inhalte dieses
Studienganges berichte ich in meinem Aufsatz
„Der Weg zum
Masterstudiengang Kriminalistik an der Hochschule der Polizei des
Landes Brandenburg in Oranienburg“
.
Gewalt gegen und durch Polizisten ist bisweilen Gegenstand intensiver und
oft kontrovers geführter öffentlicher Diskussionen. In ihrem zweiten Beitrag
für diesen Sammelband („
Policing: Gewalt von und an der Polizei“
) stellt
Andrea Cornelia Holzer
anhand der Ergebnisse eines bemerkenswerten
Interviews interessante Befunde zur Innenansicht der Polizei vor. Zugleich
verbindet sie damit ein sehr klares Statement zum Verhältnis von Wissen
und Kenntnissen über den Polizeiberuf und öffentlichen Verlautbarungen
Einzelner.
5
Ackermann, Rolf, Kriminalistik – Wissenschaft – Gesellschaft, in: Artkämper/Clages, Kriminalistik
– gestern – heute – morgen, 2013, S. 40.

Ralph Berthel
XII
Rezensionen
Gern habe ich die Anregung unsers Autors Marco Mohr aufgegriffen und
vier Buchbesprechungen aktueller Titel in Teil I des Sammelbandes
aufgenommen.
Es handelt sich um die Rezensionen folgender Titel:
Edith Huber, Cybercrime. Eine Einführung
, besprochen durch Holger
Plank,
Cathy O'Neil, Angriff der Algorithmen: Wie sie Wahlen manipulieren,
Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden
, besprochen
durch Marco Mohr,
Stefan Goertz, Islamistischer Terrorismus, Analyse – Definition –
Taktik
, besprochen durch Ralph Berthel
sowie
Horst Clages, Rolf Ackermann, Der rote Faden, Grundsätze der
Kriminalpraxis, 14. Auflage
, besprochen durch Ralph Berthel