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SächSiScheS
StaatSarchiv
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2011

Seite
1
Archive unter Dach und Fach. Bau, Logistik, Wirtschaftlichkeit – 80. Deutscher Archivtag 2010 in Dresden
Maria Rita Sagstetter
3
Karikaturen in drei Dimensionen
Volker Jäger
5
Archiv des Leibniz-Instituts für Länderkunde erschließt historische Fotografien aus Ecuador –
Kooperationsprojekt mit Stiftung aus Quito
Heinz Peter Brogiato
6
Erschließung der Gemeindebestände Lindenau und Oberlößnitz im Stadtarchiv Radebeul
Sven Woelke
8
Übergabe des Nachlasses des Architekten Kunz Nierade an das Stadtarchiv Leipzig
Anett Müller
10
Von der Privat-Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke Thonberg zur staatlichen Heilanstalt Thonberg –
Quellen zur mitteldeutschen Psychiatriegeschichte im Stadtarchiv Leipzig
Frauke Gränitz / Olaf Hillert
14
Johann Sebastian Bach – Anteilseigner an einem Silberbergwerk
Eberhard Spree
18
Das Deutsche Rote Kreuz der DDR – Nachlass seines Präsidenten Werner Ludwig vom Hauptstaatsarchiv
Dresden übernommen
Gisela Petrasch
20
Der Willebrief Rudolf I. von Sachsen-Wittenberg an Balduin von Luxemburg von 1339
Daniel Heimes
22
Vom Trödelmarkt gerettet – Der Wissenschaftsverlag J. C. Hinrichs, Leipzig
Thekla Kluttig
24
Training the Trainers – Internationale Tagung zum Thema Notfallplanungen in Archiven in Kattowitz
Thomas-Sergej Huck
25
Kolloquium zur Adelsfamilie von Schönberg im Staatsarchiv Leipzig
Birgit Richter
26
Plenarvideos des Sächsischen Landtages gesichert
Andrea Wettmann
27
Zentraler Server für archivische Fachanwendungen, Upgrade der Software
Michael Merchel
28
Nachhaltige Hilfe für das Stadtarchiv Köln durch das Sächsische Staatsarchiv
Thomas-Sergej Huck / Sabrina Rakelmann
29
Theater im Bergarchiv Freiberg
Peter Hoheisel
29
Ausstellung „Adolf Bleichert & Co. – Leipziger Verlade- und Transportanlagen in aller Welt“
Marion Fechner
30
Rezensionen:
Niklot Klüßendorf, Münzkunde. Basiswissen, Hannover 2009
Gerald Kolditz
31
Sigrid Dauks, „Aus den Akten auf die Bühne“. Inszenierungen in der archivischen Bildungsarbeit, Berlin 2010
Peter Hoheisel
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 1
Archive unter Dach und Fach.
Bau, Logistik, Wirtschaftlichkeit – 80. Deutscher
Archivtag 2010 in Dresden
Vom 29. September bis 2. Oktober 2010 fand
in den Räumlichkeiten der Messe Dresden der
80. Deutsche Archivtag statt. Auf Einladung
des VdA – Verband deutscher Archivarinnen
und Archivare e. V. befasste sich die archivi-
sche Fachwelt mit aktuellen archivbaulichen
Fragestellungen, wobei der Schwerpunkt auf
den Zusammenhängen von Bau, Logistik und
Wirtschaftlichkeit als Rahmenbedingungen
für die dauerhafte Aufbewahrung, Sicherung
und auch für die Zugänglichmachung von
Archivgut lag.
Der Relevanz des Tagungsthemas, von dem
sich Archivarinnen und Archivare aller Ar-
chivsparten angesprochen fühlen konnten,
aber auch der Attraktivität des Veranstal-
tungsortes mit seinem barocken Stadtbild
und vielen Kunst- und Kultureinrichtungen
ist es zu verdanken, dass weit über 800 An-
meldungen gezählt werden konnten. Der Vor-
sitzende des VdA, Dr. Michael Diefenbacher,
erinnerte bei der offiziellen Eröffnung daran,
dass der Deutsche Archivtag nach 1900 und
1994 zum dritten Mal in der Elbmetropole zu
Gast sei, und dankte der Stadt Dresden wie
dem Freistaat Sachsen für die großzügige
Unterstützung und Förderung des Kongres-
ses. In seinen Dank schloss er namentlich das
Stadtarchiv unter der Leitung von Thomas
Kübler und das Sächsische Staatsarchiv un-
ter der Leitung von Dr. Jürgen Rainer Wolf ein.
Diefenbacher verwies darauf, dass das Thema
Archivbau in der Fachdiskussion schon seit
längerem wieder Konjunktur habe, einmal
in Anbetracht einer Reihe von archivischen
Neubauten und Adaptionen, die in den letzten
Jahren entstanden sind bzw. deren Planung
oder Bau gerade in Angriff genommen wurde,
zum anderen aber auch angesichts der Frage
nach den Auswirkungen, die der technische
Wandel in der Archivbenutzung und eben-
so veränderte Erwartungen, die die Öffent-
lichkeit im digitalen Zeitalter an Archive und
Archivgebäude stellt, für die funktionale Ge-
staltung und Ausstattung von Archiven nach
sich ziehen. Nicht zuletzt habe der Einsturz
des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 die
Belange der Archive, insbesondere ihre bau-
liche Unterbringung, auf dramatische Weise
in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt
und dem Leitthema des Archivtags, der sich
damals bereits in der Planungsphase befand,
eine zusätzliche Brisanz verliehen. Der Archiv-
tag solle, wie Diefenbacher weiter ausführ-
te, dem fachlichen Austausch über jüngste
Entwicklungen und praktische Erfahrungen
mit aktuellen Neubau- bzw. Umbauprojek-
ten dienen und zudem zu grundsätzlichen
Überlegungen zu u. a. folgenden Fragen an-
stoßen: Welche Anforderungen bestehen an
Archivgebäude und ihre Ausstattung? Was
ist bei der Planung und Durchführung aus
archivfachlicher Sicht besonders zu beach-
ten? Welche Rolle kommt den Archiven im
digitalen Zeitalter zu? Vollzieht sich derzeit
ein Funktionswandel, der für die Zukunft neue
Strategien erfordert?
Das engere Fachprogramm begann mit ei-
ner gemeinsamen Arbeitssitzung, die sich
mit „Wirtschaftlichkeit und Funktionen im
Archivbau“ befasste. Neben Möglichkeiten
der Reorganisierung und Optimierung ar-
chivischer Betriebsabläufe wurde der neue
Standort des Landeshauptarchivs Sachsen-
Anhalt in der Brückstraße in Magdeburg (mit
Magazinneubau, adaptiertem Kasernenge-
bäude und modularen Erweiterungsmög-
lichkeiten) vorgestellt und ein Überblick über
die Geschichte des Stadtarchivs Dresden, das
seit 2000 in einem umgebauten Speicher der
ehemaligen Königlich-Sächsischen Heeres-
bäckerei untergebracht ist, gegeben. In den
sich anschließenden vier Sektionssitzungen
bestand für die Tagungsteilnehmer Gelegen-
heit, sich je nach Bedarf und Interesse mit
verschiedenen Schwerpunkten oder Facet-
ten der Archivbauthematik auseinanderzu-
setzen. Gegenstand der Betrachtung waren
dabei Rahmenbedingungen und Faktoren in
Planungsprozessen, exemplarische Erfahrun-
gen mit Adaptionen, Fragen der Ausstattung
und Barrierefreiheit sowie Archivbauten im
staats- und gesellschaftspolitischen Kontext
ihrer Zeit.
Aufgegriffen wurde das Rahmenthema des
Kongresses auch in den Sitzungen der acht
Fachgruppen. Zur Sprache kamen etwa Bei-
spiele für Neubauten und Adaptionslösungen,
Erfahrungen mit Umbaumaßnahmen und

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 2
Umzugslogistik, spezielle Anforderungen, die
an AV-Magazine zu stellen sind, sowie As-
pekte der Notfallplanung. Den thematischen
Bezug zum Archivbau stellte außerdem die
Sitzung des Arbeitskreises Archivpädagogik
und Historische Bildungsarbeit her: Unter dem
Titel „Mit Leben füllen. Erkundungstouren im
Archiv“ wurden Hinweise für eine gelungene
Präsentation, die sich aus psychologischer
Sicht empfehlen, und Anregungen für die
Einbeziehung von Gebäude, Raum und Aus-
stattung in Archivführungen gegeben.
Im Rahmen einer Informationsveranstaltung
zur „Nationalen Bestandserhaltung“ wurde
über die „Allianz zur Erhaltung des schrift-
lichen Kulturguts“ und deren Bemühungen
um Mitteleinwerbung für den Originalerhalt
historischer Bestände in den Archiven und
Bibliotheken berichtet. Ein weiterer Vortrag
informierte über den aktuellen Stand der
Bergung und Restaurierung der vom Kölner
Archiveinsturz betroffenen Archivalien, die
provisorische Unterbringung von Benutzung
und Verwaltung am Heumarkt sowie die Pla-
nungen für den Neubau, der bis 2014 am
Eifelwall entstehen soll. Auch in einer wei-
teren gemeinsamen Arbeitssitzung, die mit
dem Titel „Archive als historische Zentren“
überschrieben war, bildete das Schicksal des
Historischen Archivs der Stadt Köln einen The-
menschwerpunkt. Als Konsequenz aus dem
Einsturz sind neue Strategien und Prioritäten
mit dem Ziel geplant, das Archiv noch stärker
zu öffnen und zum zentralen Ansprechpart-
ner der Bürgerschaft in historischen Fragen
werden zu lassen. Dieser Vision eines Kölner
Bürgerarchivs mit all seinen Komponenten
wird der geplante Archivneubau in seiner
räumlich-funktionalen Gestaltung Rechnung
zu tragen haben.
Insgesamt haben die Veranstaltungen und
Vorträge des Archivtags gezeigt, dass der
Archivbau zwar ein traditionelles Thema dar-
stellt, das durch seine handfeste Anschau-
lichkeit und praktische Bedeutung sich als
„Dauerbrenner“ für Archivarinnen und Archi-
vare aller Sparten erweist, zugleich aber auch
einem fortschreitenden Wandel unterliegt.
Dieser ist nicht nur bedingt etwa durch neue
Erkenntnisse und Erfahrungen im Hinblick
auf Lagerungs-, Konservierungs- und Sicher-
heitstechnik oder durch eine zunehmende
Professionalisierung der Organisation von
Prozessabläufen innerhalb der verschiedenen
Funktionsbereiche, sondern vor allem auch
durch die Auswirkungen der Erwartungen, die
Forschung und interessierte Öffentlichkeit an
die Archive als historische Kompetenzzentren
stellen, sowie durch geänderte Benutzeran-
sprüche im Zeitalter der Digitalisierung. Für
das Archiv der Zukunft zeichnen sich im Er-
gebnis aber nicht nur baulich-konzeptionelle
Konsequenzen aus den digitalen Benutzungs-
bedingungen ab, sondern ebenso ein funk-
tionaler Wandel vom bloßen Leseort zum
Erlebnisort.
Mit dem Deutschen Archivtag regelmäßig
verbunden ist die Fachmesse ARCHIVISTICA.
Mit 46 Anbietern präsentierte sich der Bran-
chentreff, der nicht nur für die Kongressteil-
nehmer, sondern allgemein für die interessier-
te Öffentlichkeit zugänglich ist, wieder als die
größte Messe ihrer Art in Europa. In speziellen
Ausstellerforen konnten sich die Tagungsteil-
nehmer über neue Entwicklungen sowie Pro-
dukte und Dienstleistungen zum Archivwesen
informieren.
Traditioneller Bestandteil des Rahmenpro-
gramms des Deutschen Archivtags sind die
Führungen, von denen auch in Dresden wieder
reger Gebrauch gemacht wurde. Neben Stadt-
rundgängen durch das historische Zentrum
wurden Führungen durch den Magazinneu-
bau des Hauptstaatsarchivs Dresden, durch
das Stadtarchiv, das Archiv der Sächsischen
Zeitung und der Morgenpost Sachsen, die
Magazine der BStU-Außenstelle, durch das
Universitätsarchiv, das Landeskirchenarchiv
und das Hörfunk-, Fernseh- und Pressearchiv
des Landesfunkhauses Sachsen angeboten.
Die drei Studienfahrten am letzten Veran-
staltungstag hatten u. a. das Bergarchiv Frei-
berg, den Archivverbund und das Diözesan-
archiv Bautzen sowie das Archivzentrum in
Schloss Hubertusburg (mit Zentralwerkstatt)
in Wermsdorf zum Ziel.
Die Vorträge werden in einem Tagungsband
zugänglich gemacht, der im Sommer 2011 als
Band 15 der vom VdA herausgegebenen Reihe
„Tagungsdokumentationen zum Deutschen
Archivtag“ erscheinen wird. Ein ausführli-
cher Tagungsbericht (mit Einzelberichten der
Fachgruppen) ist in der Zeitschrift „Archivar“
(1/2011) nachzulesen.
Maria Rita Sagstetter
(Staatsarchiv Amberg)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 3
Karikaturen in drei Dimensionen
Im März vergangenen Jahres konnte das
Staatsarchiv Leipzig einen außergewöhnli-
chen Nachlass übernehmen, der vornehmlich
aus den künstlerischen Werken des Karika-
turisten Gerhard Brinkmann besteht. Neben
der Vielfalt der verschiedenen Gebiete, auf
denen sich Brinkmann betätigte, ist auch die
Tatsache bemerkenswert, dass es sich sowohl
um zwei- als auch dreidimensionale Objekte
handelt. Brinkmann machte sich vor allem im
Westen Deutschlands einen Namen und so
stellt sich die Frage, warum sein Nachlass den
Weg ausgerechnet nach Leipzig fand.
Gerhard Brinkmann wurde am 19. August
1913 in Fockendorf bei Altenburg geboren.
Sechs Jahre später zogen seine Eltern mit
ihm nach Leipzig, wo er zehn Jahre die Schule
besuchte. Hier machte er auch seine ersten
künstlerischen Versuche, und es entstand
sein Markenzeichen G. Bri, das ihn sein gan-
zes Künstlerleben begleitete. In Leipzig legte
er auch mit seinen Studien an der Akademie
für Grafische Künste und Buchgewerbe den
Grundstein für sein späteres Wirken. Im März
2010 schenkte die Tochter Brinkmanns den
Nachlass ihres Vaters dem Staatsarchiv Leip-
zig und so kehrten seine Werke an die Stätte
seiner Kindheit und Jugend zurück.
Von Leipzig ging Brinkmann 1932 nach Ber-
lin und führte dort seine Studien fort. Ab
Mitte der 30er Jahre arbeitete er erfolgreich
als Pressezeichner für große Berliner Zeit-
schriften und Magazine, z. B. für die „Woche“,
„Berliner Illustrierte“ und „Berliner Morgen-
post“. Mit dem Kriegsbeginn und den dadurch
veränderten Rahmenbedingungen erhielten
seine Zeichnungen zunehmend politische
Inhalte. 1940 erschien der Band „G. Bri sieht
Groß-Britannien im Spiegel der politischen
Karikatur“. Zwischen 1940 und 1942 betreu-
te er u. a. die politischen Zeichnungen für die
„Lachende Welt“ in Leipzig. Bei Kriegsende war
Brinkmann einer der populärsten Pressezeich-
ner Deutschlands. An diese Erfolge konnte er
auch in der Folgezeit u. a. mit der bekannten
Serienfigur „Papko“, einem stets unrasierten,
unternehmenden Sachsen, der mit allem
Ramsch handelte, anknüpfen. Zunehmend
gelang es ihm, seine Zeichnungen in den neu
Gerhard Brinkmann, Bunter Hund aus Bris Plastische Welt-Ausstellung, zwischen 1970 und 1980 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22206
Nachlass Gerhard Brinkmann, Nr. 54)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 4
Gerhard Brinkmann, Der Idiot aus Bris Plastische Welt-Ausstellung, 1970–1972
(Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22206 Nachlass Gerhard Brinkmann, Nr. 14)
entstehenden großen Magazinen zu etablieren.
In der „Revue“ erblickte seine Figur „Herbert“
das Licht der Welt, deren 100. Folge bereits
nach zwei Jahren erschien. Auch in der „Revue“
erschien die Serie „Familie Engelmann“.
1953 zog Brinkmann mit seiner Familie nach
Kanada. 1959 ging er für vier Jahre in die
USA, 1963 in die Schweiz. 1965 zogen er und
seine Familie nach Bernau am Chiemsee, wo
er bis zu seinem Tode 1990 lebte. Zurück in
Deutschland intensivierte Brinkmann seine
Arbeit für Zeitschriften, zu denen nun auch
„Stern“, „Brigitte“, „Schöner Wohnen“, „Peter
Moosleitners Magazin“, „Quick“, „Playboy“
und „Gong“ zählten. Serien wie „Alfred, der
Straßenfeger“ (400 Folgen), „Frau Sauber-
mann“ und „G. Bri fragt“ belegen seinen Er-
folg. Daneben illustrierte Brinkmann vor allem
in den 80er Jahren zahlreiche Bücher. Seine
Vielseitigkeit bewies Brinkmann auch mit sei-
ner Tätigkeit als Werbegrafiker. Er arbeitete
für renommierte Firmen, wie eine Uerdinger
Weinbrennerei (Dujardin), Faber-Castell (Fa-
bermännchen), Asche AG (Lefax-Männchen),
Dr. Oetker, Warsteiner Pils, Uhu, Lufthansa,
Dresdner Bank und die Allianz AG. Sprüche
wie „Und darauf einen Dujardin“ und „Im Falle
eines Falles klebt Uhu wirklich alles“ sind un-
trennbar mit seinem Namen verbunden.
Einen besonders hervorzuhebenden Bereich
seiner künstlerischen Tätigkeit bilden Brink-
manns dreidimensionale Objekte. Bereits nach
Kriegsende hatte er sich in der Fertigung von
Holzspielzeug versucht, das unter dem Namen
„Keck-Spielzeug“ in Seiffen gefertigt und auch
auf der Leipziger Messe ausgestellt wurde. In
den 70er Jahren folgten Hampelmänner und
Kinderuhren. Bekannt wurden auch seine
Gartenzwerge sowie seine Spiel- und Werbe-
figuren, zu denen das Spukgesindel und der
Zwergenstaat gehören. Unter dem Begriff
„G. Bris PLASTISCHE WELT-Ausstellung“ zu-
sammengefasst, schuf er ab den 70er Jahren
dreidimensionale Karikaturen, mit denen er
zahlreiche Ausstellungen bestückte. Für die
750-Jahr-Feier Berlins fertigte Brinkmann
im Auftrag des Senats kleinformatige Rum-
melparkbuden mit Bezeichnungen, wie „Wild
Billy“, „Astro-Lilly“, „Herkules“ u. a.
Dieses umfangreiche und sehr vielfältige
künstlerische Schaffen Brinkmanns spiegelt
sein Nachlass wider. Der Bestand beinhaltet
124 dreidimensionale Objekte, 451 Original-
zeichnungen und 142 Entwürfe sowie 9 Pla-
kate. Hinzu kommen eigene Publikationen
bzw. von ihm illustrierte Bücher anderer Au-
toren. Biografische Unterlagen sowie Korres-
pondenz existieren leider nur fragmentarisch.
Das Staatsarchiv Leipzig widmet dem künstle-
rischen Werk Brinkmanns in diesem Jahr eine
eigene Ausstellung, die es mit ausgewählten
Exemplaren aus seinem Nachlass in seiner
ganzen Breite präsentieren wird. Die Span-
ne reicht dabei von ersten Zeichnungen aus
der Kinderzeit über Serienfiguren wie „Alfred
den Straßenkehrer“ hin zu Buchillustrationen,
Kinderspielzeug, Werbefiguren, dreidimensio-
nalen Karikaturen u. v. a. m.
Volker Jäger
(Staatsarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 5
Archiv des Leibniz-Instituts für Länderkunde
erschließt historische Fotografien aus Ecuador –
Kooperationsprojekt mit Stiftung aus Quito
Im Archiv des Leibniz-Instituts für Länderkun-
de (IfL) in Leipzig befinden sich etwa 300.000
Bilddokumente aus aller Welt. Von besonderem
Wert sind dabei die historischen Fotografien
aus Ländern der Dritten Welt, wo man diese
Bilder als Teil des kulturellen Erbes betrachtet.
Nachdem am IfL bereits vor einigen Jahren ein
ähnliches Projekt mit einem brasilianischen
Kulturinstitut durchgeführt worden war, läuft
momentan ein Kooperationsprojekt zwischen
dem IfL und der in Quito/Ecuador ansässigen
Stiftung FONSAL (Fondo de Salvamento del Pa-
trimonio Cultural de Quito). Ziel des Vorhabens
ist es, die rund 1.500 historischen Fotogra-
fien aus Ecuador zu digitalisieren und formal
und inhaltlich zu erschließen. Das Spektrum
der Motive reicht von Naturlandschaften der
andinen Hochgebirgsregionen und Siedlun-
gen bis zu Portraits der verschiedenen Bevöl-
kerungsgruppen. Die Bilder stammen aus den
im IfL-Archiv aufbewahrten Nachlässen des
Geologen Alphons Stübel (1835–1904) und des
Geographen, Verlegers und Kilimandscharo-
Erstbesteigers Hans Meyer (1858–1929).
Stübel und sein Geologenkollege Wilhelm Reiß
waren 1868 aufgebrochen, um den Vulkanis-
mus auf Hawaii zu studieren, aber die For-
scher kamen dort nie an: Aus einem kurzen
Abstecher zu den Vulkanriesen der nördlichen
Anden wurde einer der längsten und wissen-
schaftlich ergiebigsten Aufenthalte in der Er-
forschungsgeschichte Südamerikas. Bei seiner
Rückkehr 1877 bestand Stübels Reisegepäck
aus zweihundert Kisten voller Material, darun-
ter Bücher, Karten, Gemälde, Fotografien und
Gesteinsproben. Viele der Stücke gelangten
als Exponate in die Vitrinen des Museums für
vergleichende Länderkunde, das 1896 im Leip-
ziger Grassimuseum eröffnet wurde – und aus
dem über viele Zwischenstationen das heuti-
ge Leibniz-Institut für Länderkunde hervor-
ging. Stübel trug systematisch in Südamerika
zahlreiche Fotografien von Ateliers zusam-
men. Diese Fotografien sollten dazu dienen,
dem europäischen Publikum ein möglichst
authentisches Bild von Land und Leuten zu
vermitteln. Er dokumentierte die wichtigsten
Landschaftsräume und Städte des Landes; vor
allem aber lag ihm daran, die hierarchisch ge-
gliederte gesellschaftliche Struktur Ecuadors
zu veranschaulichen. In seiner Sammlung be-
finden sich daher zahlreiche Porträt-Fotogra-
fien der unterschiedlichen Sozial- und Bevöl-
kerungsgruppen,
angefangen von
den
indigenen
Volksgruppen,
den (ehemaligen)
afrikanischen
Sklaven und den
„Mischrassen“ bis
hin zu den füh-
renden Vertretern
des Adels europä-
ischer Herkunft.
Im Unterschied zu
Stübel war Hans
Meyer selbst be-
geisterter Foto-
graf. Der Geograph und Mitinhaber des
Verlags Bibliographisches Institut hatte sich
drei Jahrzehnte nach Stübel und Reiß 1903
nach Südamerika aufgemacht. Wie für seine
Vorgänger stand auch für ihn die naturwis-
senschaftliche Erforschung des Gebirges im
Vordergrund. In seiner Fotosammlung spie-
geln sich diese Interessen noch stärker als
bei Stübel; auf ethnographische und anthro-
pologische Porträts verzichtete Meyer ganz.
Neben Siedlungsaufnahmen nehmen die
Naturlandschaften der Anden breiten Raum
ein. Aufnahmen von der innerandinen Hoch-
ebene, Panoramen von den Gebirgszügen der
Kordilleren, Nahaufnahmen von vulkanischen
und glazialen Formen stehen im Mittelpunkt
der Meyerschen Sammlung. Daneben kauf-
te er von anderen Forschern und Fotografen
Aufnahmen, um seine Sammlung abzurunden.
Sein besonderes Interesse am Eisenbahnbau
zeigt sich zum Beispiel an Fotografien vom
technisch äußerst aufwändigen Bau der
Bahnstrecke Guayaquil–Quito, die er vom
Amerikaner John Horgan erwarb.
Die beiden Forscher Stübel und Meyer verband
nicht nur ein ähnliches Interesse an der Ge-
birgserforschung, beiden lag auch daran, die
Landschaften künstlerisch zu erfassen. Hatte
Stübel hierzu den Ecuadorianer Rafael Troya
zum Maler ausgebildet, nahm Meyer den
Münchner Künstler Rudolf Reschreiter mit auf
seine Expedition. Leider sind fast alle Gemälde,
die die Forscher zu diesem Zweck anfertigen
ließen, im Zweiten Weltkrieg verloren gegan-
gen. Die Zeit unbeschadet überstanden haben
die Fotosammlungen, darunter die Aufnah-
men aus Ecuador.
Dieser „Schatz“ wird jetzt gehoben. In Quito
sollen die Bilder der Forschung zur Verfügung
gestellt, eventuell aber auch in einem Museum
der Öffentlichkeit präsentiert werden. Durch
die Einbindung der Fotos in den Online-Kata-
log des IfL können die Bilddokumente auch im
Internet recherchiert werden.
Unter
http://katalog.ifl-leipzig.de
sind schon
jetzt zahlreiche der Bilder einsehbar (Doku-
mentart: „Fotos“ / Suchbegriff: „Ecuador“).
Heinz Peter Brogiato
(Leibnitz-Institut für Länderkunde, Leipzig)
Wasserträger in Quito, Fotograf
unbekannt, 1879 (Leibnitz-
Institut für Länderkunde,
Archiv, Collection Alphons
Stübel, SAm 099-0040)
Blick auf Quito, Fotograf unbekannt, ca. 1903 (Leibnitz-Institut für Länderkunde, Archiv, Sammlung Hans Meyer,
SAm 102-0174)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 6
Erschließung der Gemeindebestände Lindenau
und Oberlößnitz im Stadtarchiv Radebeul
Die heutige Stadt Radebeul entstand aus zehn
Ortschaften, die alle mit Erlass der Landge-
meindeordnung von 1838 selbstständige
Landgemeinden geworden waren. Im Zuge
der Industrialisierung der Lößnitz und der
stetig wachsenden Bevölkerungszahl wurden
die Gemeinden seit 1876 sukzessive nach Ra-
debeul bzw. Kötzschenbroda eingemeindet.
1935 schließlich wurden beide Orte, inzwi-
schen Städte, vereinigt.
Das Stadtarchiv Radebeul wurde 1960 ge-
gründet und verwahrt die amtliche Überliefe-
rung aller zehn Gemeinden. Über Vorläufer des
Archivs und die Wege der Bestände ins heuti-
ge Stadtarchiv ist sehr wenig bekannt. Kriegs-
verluste hat es kaum gegeben. Bereits 1958
war mit Paul Brüll, einem pensionierten Leh-
rer und verdienten Heimatforscher, der erste
hauptamtliche Stadtarchivar Radebeuls an-
gestellt worden. In den frühen 1960er Jahren
erarbeitete Brüll ein so genanntes Findbuch,
in welchem er alle Gemeindebestände plus
den der fusionierten Stadt Radebeul vor 1945
mit fortlaufender Signierung, Aktentitel und
Laufzeit erfasste. Auf dieses umfangreiche
Findmittel wird heute noch häufig zurückge-
griffen, trotz seiner unübersehbaren Schwä-
chen. Brüll löste nämlich die Registraturstruk-
tur auf und klassifizierte nach einheitlichen
Sachbetreffen, verzichtete auf Enthält- und
Darin-Vermerke, vermerkte die umfangreichen
Vorprovenienzen (v. a. Amtshauptmannschaft
Dresden und Amt Dresden) nicht, verwischte
das Provenienzprinzip, indem er die Bestände
nach den Ortsgrenzen von vor 1905 abgrenz-
te, und reicherte die Überlieferung mit Samm-
lungsgut an. Zudem kassierte Brüll eine ganze
Reihe Akten aus unbekanntem Grund nach.
Diese Brüllsche Beständestruktur besteht bis
heute; die einzelnen Bestände wachsen auf-
grund von Abgaben aus dem Bauaktenarchiv
sogar noch an.
Brülls Nachfolgerin Liselotte Schließer ver-
suchte, die Erschließung zu verbessern, indem
sie Akten auf Nachfrage tiefer verzeichnete
und darüber eine separate Findkartei anlegte.
Die heutige Archivleiterin Annette Karnatz be-
gann 1991, die einzelnen Gemeindebestände
unter Beibehaltung der vorhandenen Bestän-
destruktur nacheinander sukzessive tiefer zu
erschließen. Den Start machte sie selbst noch
vor ihrem Amtsantritt mit der Überlieferung
der Gemeinde Naundorf, welche seinerzeit Teil
ihrer Abschlussarbeit an der Fachschule für
Archivwesen in Potsdam war. Im Jahr 2010
wurden nun die Gemeindebestände Lindenau
und Oberlößnitz durch den Unterzeichneten
während des Schlusspraktikums des Vorbe-
reitungsdienstes für den gehobenen Archiv-
dienst vertieft erschlossen.
Lindenau ist ein Gassendorf, welches in der
ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet
und 1287 erstmals urkundlich erwähnt wurde.
Lehnsherren waren die Burggrafen zu Dohna,
die Herren von Miltitz auf Scharfenberg und
zeitweise die Leipziger Patrizierfamilie Blaß-
balg. Der Anteil der Burggrafen ging bereits
1304 in landesherrlichen Besitz über, während
die Grundherrschaft der Scharfenberger bis
1839/55 andauerte. Der landesherrliche Teil
wurde seit 1547 vom Amt Dresden verwaltet.
1839 wurde Lindenau selbstständige Land-
Gaststätte Grundschänke, um 1911 (Stadtarchiv Radebeul, P-Postkarten, OL 130)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 7
gemeinde, bis es nach jahrelangen Verhand-
lungen 1920 nach Kötzschenbroda einge-
meindet wurde. Der Ort, noch heute von
Handels- und Verkehrswegen entlegen, war
bis weit ins 20. Jahrhundert nahezu aus-
schließlich von der Land- und Forstwirt-
schaft geprägt. Die schriftliche Überlieferung
der Gemeinde reicht bis in das Jahr 1788 zu-
rück, hat ihren Schwerpunkt jedoch erst in
der Zeit zwischen 1880 und 1920. Sie umfasst
59 Verzeichnungseinheiten oder 0,5 laufende
Meter Archivgut. Herausragende Zimelie ist
das Gemeinde-Buch, worin sämtliche Wahlen
zum Gemeinderat sowie seine Sitzungen und
Beschlüsse von 1839 bis 1890 protokolliert
sind. Insgesamt kann die Überlieferung nur als
relativ dünn eingeschätzt werden.
Gegenteiliges kann über Oberlößnitz berichtet
werden, nicht nur über den Bestand, sondern
auch über die Ortsgeschichte. Oberlößnitz be-
stand bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhun-
derts im Wesentlichen aus mehreren größeren
Weingütern (u. a. Hoflößnitz, Meinholdsches
Weingut), deren Besitzer sich 1839 zu einer
Landgemeinde zusammengeschlossen hatten.
Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich der Ort
von einem Weinbau- zu einem Kurort, was
durch die gezielte Förderung der Villenbebau-
ung beschleunigt wurde und sein Ende mit
der Reblauskatastrophe in den 1880er Jahren
fand, als sämtliche Weinstöcke gerodet wer-
den mussten. Erst seit Beginn des 20. Jahr-
hunderts gab es Bemühungen um die Revi-
talisierung des Weinbaus. In der Zwischenzeit
hatten sich mehrere Kuranstalten in Oberlöß-
nitz angesiedelt, wie z. B. das Kurhaus Wettin
oder das Sanatorium des Naturheilkundepio-
niers Eduard Bilz. Von der Jahrhundertwende
an bis zur Eingemeindung nach Radebeul 1934
führte die Gemeinde die Bezeichnung Kurort.
Der Bestand umfasst 510 Verzeichnungszei-
ten aus der Zeit nach 1749, mit Schwerpunkt
nach 1880; er widerspiegelt die Tätigkeit der
Gemeindeverwaltung und das Wachsen des
Ortes. Durch die Gemeinderatsprotokolle sind
politische Entscheidungen nachvollziehbar.
Einen Schwerpunkt bildet die Überlieferung
des Straßen- und Häuserbaus nicht nur mit
Akten, sondern auch mit zahlreichen Plänen,
Grund- und Aufrissen. Sie bezeugt die städ-
tebauliche Entwicklung der Gemeinde und
ihrer Architektur. Der Bestand dokumentiert
ferner das stetige Wachstum, die Entwicklung
des Ortes und der Gesellschaft in zahlreichen
Facetten – den Siedlungsbau, die Verbesse-
rung der Infrastruktur (Kanalisation, Straßen-
und Eisenbahn), die Zurückdrängung des
Weinbaus, den Wandel zum Ausflugs- und
Kurort, die wachsende Bevölkerungszahl usw.
Gleiches gilt für die Krise nach dem Ersten
Weltkrieg. Der Niedergang der Wirtschaft,
die Wohnungsnot und die massiven Finanz-
probleme einer Kommune können ebenso
nachvollzogen werden. Zugleich überliefert
der Bestand auch den Wandel des politi-
schen Gemeindelebens ausgehend von der
noch sehr von Besitz und Obrigkeit gepräg-
ten Landgemeindeordnung von 1838, über die
Revolution von 1918/19 und eine republika-
nisch-demokratischen Gemeindeverfassung
bis hin zur nationalsozialistischen Gleich-
schaltung.
Bis heute ist die Erforschung der Oberlößnit-
zer Ortsgeschichte ein Desiderat geblieben,
abgesehen von zahlreichen Abhandlungen
der regen Radebeuler Heimatforschung zu
einzelnen Weingütern, Villen, Gaststätten und
Heilanstalten. Nicht nur für die Architektur,
sondern auch für die sächsische Sozial- und
Verwaltungsgeschichtsforschung dürfte der
Bestand interessant sein. Die Findbücher zu
beiden Beständen sind im Stadtarchiv Rade-
beul einsehbar und sollen im Zuge der Über-
arbeitung der Archivhomepage online gestellt
werden.
Sven Woelke
(Sächsicher Landtag, Parlamentsarchiv)
Oberlößnitz mit Grundschänke, um 1900 (Stadtarchiv Radebeul, P-Postkarten, OL 193)
Königsplatz (Kreuzung Eduard-Bilz-Str. / Augustusweg), um 1905 (Stadtarchiv Radebeul, P-Postkarten, OL 179)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 8
Das Stadtarchiv Leipzig sichert die archiv-
würdigen Unterlagen, die im Ergebnis der Ver-
waltungstätigkeit bei den städtischen Ämtern,
Einrichtungen, Eigenbetrieben und Mehr-
heitsbeteiligungen der Stadt entstehen und
bewahrt diese für die Nachwelt auf. Daneben
hat das Stadtarchiv aber auch die Aufgabe, die
Vielfalt des gesellschaftlichen und kulturellen
Lebens in der Stadt für die Nachwelt zu do-
kumentieren. Um das zu erreichen, übernimmt
das Archiv den schriftlichen Niederschlag aus
der Tätigkeit von Vereinen und Initiativen, Pri-
vatpersonen, Familien oder Firmen. Die kom-
munale Überlieferung wird somit ergänzt und
vervollständigt.
Der Nachlass des Architekten Kunz Nierade
(1901–1976) ist aus verschiedenen Gründen
besonders bedeutsam für die Architektur-
und Stadtgeschichte. Zum einen sind kaum
Nachlässe von Privatarchitekten in Leipzig
überliefert, so dass sich deren Schaffen und
das private Bauen allgemein nur sehr schwer
nachvollziehen lassen. Hier verspricht der
Nachlass weiteren Aufschluss über die viel-
fältige Tätigkeit eines freischaffenden Archi-
tekten. Hinzu kommt, dass zwischen 1945 und
1989 das kollektive Planen und Entwerfen im
Vordergrund stand, der Einzelne hinter der Ge-
samtleistung zurücktrat und in der Öffentlich-
keit nur das Gesamtergebnis wahrgenommen
wurde. Durch die Unterlagen des Nachlasses
wird es möglich, den Beitrag des Einzelnen
wieder erkennbar werden zu lassen, seinen
Anteil an der Kollektivleistung und am Ergeb-
nis aufzuzeigen. So können Kunz Nierade kon-
krete Entwürfe zugeschrieben, Verantwort-
lichkeiten und Zuständigkeiten festgestellt
werden.
Da zu einigen Projekten verschiedene Skizzen
und Entwürfe vorhanden sind, können die
Entstehungsstufen bis zum Endergebnis
nachvollzogen werden. Dies ist bei den kom-
munalen Bauprojekten oftmals nicht möglich,
da nur die realisierten Entwürfe auf uns ge-
kommen sind. Die Unterlagen des Nachlasses
zur Deutschen Hochschule für Körperkultur
und Sport (DHfK) und zur Leipziger Oper er-
gänzen auf hervorragende Weise die kommu-
nale Überlieferung, die zum großen Teil auf
dem Schriftverkehr zwischen den zentralen
Behörden und Einrichtungen und den Abtei-
lungen der Stadtverwaltung beruht.
Auf der anderen Seite muss die architektoni-
sche Leistung des Architekten Kunz Nierade
selbst hervorgehoben werden. Der Nachlass
Kunz Nierade besteht aus schriftlichen Auf-
zeichnungen aus seiner beruflichen Tätigkeit,
ca. 1.000 Plänen und Entwürfen zu verschie-
denen Bauprojekten, Materialsammlungen,
Fotos und Dias sowie künstlerischen Studien
und Zeichnungen. Zeitlich erstreckt er sich
von 1941 bis 1976. Der Nachlass ist grob vor-
sortiert und wird nun durch das Stadtarchiv
erschlossen, wobei jedes einzelne Stück mit
seinen Merkmalen in eine Datenbank aufge-
nommen und beschrieben wird. Parallel dazu
werden noch einige Recherchen zur Biografie
und zum Werk erfolgen. Die Ergebnisse der
Verzeichnungsarbeiten und Nachforschun-
gen werden in einem Findbuch zusammen-
gestellt, welches nach Abschluss der Arbeiten
im Lesesaal einsehbar sein wird. Der Nachlass
wird somit öffentlich zugänglich und für In-
teressierte und Wissenschaftler gleicherma-
ßen nutzbar. Der Familie Nierade ist dafür
zu danken, dass sie dies mit ihrer Schenkung
an das Stadtarchiv ermöglicht und somit
die Unterlagen der Nachwelt langfristig
sichert.
Kunz Nierade wurde am 7. November 1901 in
Wohlau / Schlesien als Sohn eines Gerichts-
sekretärs geboren. Seine Kindheit verbrachte
er in Waldenburg / Schlesien. Dort besuchte er
von 1911 bis 1921 das Humanistische Gym-
nasium und begann eine Maurerlehre. Von
1921 bis 1925 absolvierte er ein Studium an
der Staatlichen Gewerbeakademie Chemnitz.
Nach dem Abschluss sammelte er erste Er-
fahrungen in verschiedenen Architekturbü-
ros in Chemnitz, beim Magistrat der Stadt
Waldenburg und bei Regierungsbaumeister
August Siedentop in Braunschweig. 1931 zog
Nierade nach Leipzig und nahm eine Tätigkeit
im Hochbauamt der Stadt, bei Stadtbaurat
Hubert Ritter auf, bevor er dann ab 1933 als
freischaffender Architekt arbeitete. Sein ers-
ter großer Auftrag war die Organisation und
Projektierung der vorstädtischen Kleinsied-
lung Portitz, für die er bis 1941 Entwürfe an-
fertigte. 1941 erhielt Nierade eine Zulassung
durch den Arbeitskreis für Baugestaltung und
Baupflege in Posen im besetzten polnischen
Gebiet und war bis Ende 1944 als Projektant
für Behörden und private Auftraggeber in
Kalisch und Litzmannstadt tätig. Er entwarf
u. a. ein Krankenhaus für Augenkrankheiten,
Übergabe des Nachlasses des Architekten
Kunz Nierade an das Stadtarchiv Leipzig
Stephan Nierade (links) erklärt Dr. Christian Aegerter, Leiter des Hauptamtes der Stadt Leipzig, einen Entwurf seines
Vaters für den Neubau der Leipziger Oper (Foto Heike Gärtner)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 9
ein Hallenschwimmbad und baute das ehe-
malige Kloster in Kalisch zu einem Kranken-
haus um.
Ende 1944 kehrte Nierade mit seiner Familie
nach Leipzig zurück. Im Auftrag der Stadt war
er als Einsatzleiter für die bauliche Instandset-
zung der luftkriegsgeschädigten Bauten des
zivilen Sektors zuständig. Die Verantwortung
für die Erfassung und Projektierung der zer-
störten Gebäude behielt er bis 1947. In den
ersten Nachkriegsjahren übernahm Nierade
vor allem kleinere Projekte. In Cottbus plan-
te er verschiedene Ausstellungsbauten und
fertigte Entwürfe für den Wiederaufbau der
Innenstadt an. Auch beteiligte er sich an den
zahlreich ausgeschriebenen Wettbewerben,
aus denen er erfolgreich hervorging. So
wurde sein Entwurf für den Neubau eines
Institutsgebäudes der Universität Jena 1946
gelobt, sein Entwurf für die Gestaltung der
Bachgrabstätte in der Thomaskirche erhielt
1948 den ersten Preis und wurde zwei Jahre
später realisiert. 1950 bewarb Nierade sich
beim Institut für Städtebau und Hochbau in
Berlin und wurde in die Meisterwerkstatt II, die
Hanns Hopp (1890–1970) leitete, aufgenom-
men. Gemeinsam mit Hopp beteiligte er sich
am Wettbewerb für die Deutsche Hochschule
für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig.
Beiden wurde der erste Preis zuerkannt und
die DHfK wurde unter ihrer Leitung in mehre-
ren Bauabschnitten bis 1958 realisiert, wobei
Kunz Nierade ab 1954 die Arbeiten vor Ort
leitete und überwachte. 1954 erhielt Nierade
gemeinsam mit dem Theaterbauspezialisten
Kurt Hemmerling (1898–1978) den Auftrag zur
Erarbeitung eines Vorprojekts für die Leipziger
Oper. Es wurde im Herbst 1955 der Öffentlich-
keit vorgestellt und nach einer Überarbeitung
zwischen 1956 und 1960 umgesetzt. Der erste
Theaterneubau der DDR wurde am 8. Oktober
1960 mit einem Festakt eingeweiht.
Während Kunz Nierade in den Jahren ab 1950
oft zwischen Berlin und Leipzig gependelt war,
verlegte er 1960 seinen Wohnsitz ganz nach
Berlin. Zu seinen Berliner Projekten gehörten
das Ministerium für Auswärtige Angelegen-
heiten am Marx-Engels-Platz und der Umbau
der Komischen Oper 1964 bis 1966. Für den
Aufbau des Potsdamer Stadtzentrums über-
nahm er 1967 die städtebauliche und archi-
tektonische Beratung des Oberbürgermeis-
ters. Kunz Nierade verstarb am 2. Dezember
1976 in Berlin.
Erste Planungen zum Wiederaufbau des Neu-
en Theaters datieren aus dem Jahr 1947. Das
Neue Theater war von 1864 bis 1867 durch
Carl Ferdinand Langhans (1782–1869) errich-
tet worden. Es wurde bei dem Luftangriff auf
Leipzig in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember
1943 zerstört. Ende 1949 entschied man sich
im Ministerium für Aufbau in Berlin dafür,
die durchaus gut erhaltene Ruine des Neuen
Theaters abzubrechen und durch einen we-
sentlich größeren Opernbau als „Ausdruck
der demokratischen Neuordnung unserer Ge-
sellschaft“ zu ersetzen. Zwischen März 1950
und 1954 fanden mehrere Wettbewerbe und
Projektierungen statt, die jedoch alle in der
Architektur und Raumgestaltung nicht be-
friedigten und den Traditionen des Leipziger
Theaterbaus gerecht wurden. Im Mai 1954
erhielt Kunz Nierade gemeinsam mit dem Ber-
liner Theaterbauspezialisten Kurt Hemmerling
den Auftrag zur Erarbeitung eines zweiten
Vorprojekts. Es wurde im Herbst 1955 der
Öffentlichkeit präsentiert und nach weiteren
Bearbeitungsstufen im Juni 1956 als Ausfüh-
rungsentwurf fertiggestellt. Im Januar 1956
wurde mit dem Bau begonnen, am 20. De-
zember 1958 feierte man Richtfest, am 8. Ok-
tober 1960 wurde die neue Oper mit einem
Festakt eingeweiht und am 9. Oktober mit
der Aufführung von Richard Wagners „Die
Meistersinger von Nürnberg“ eröffnet. Hans
Hopp beschrieb 1961 das Haus folgender-
maßen: „Das Opernhaus ist in seiner äußeren
Erscheinung das Werk einer Übergangsepo-
che, ein Kompromiß zwischen historisierender
Struktur und einer von der Konstruktion un-
abhängigen Haut. Ein Kompromiß deswegen,
weil die Struktur zu schwächlich ausgefallen
ist, die Haut dagegen zu viele Details auf-
weist. Diese Auffassung wird bestätigt durch
die unterschiedliche Wirkung des Hauses bei
Tage und bei Nacht. Bei Tage vermißt man
eine kräftige Schattenbildung der einzelnen
Glieder. Aber bei Nacht, wenn alle Fenster
erleuchtet und die Außenflächen angestrahlt
sind, ist die große Baumasse von einer lichten,
geradezu transparenten Haut umkleidet, und
das Haus erscheint als ein strahlender Palast,
ein festlicher Mittelpunkt der Stadt, im Ge-
gensatz zu der etwas nüchternen Wirkung
bei Tage.“
Anett Müller
(Stadtarchiv Leipzig)
Kunz Nierade, Entwurf für den Zuschauerraum der Leipziger Oper, 30.07.1957 (Stadtarchiv Leipzig)
Kunz Nierade, Entwurf einer Lampe für die Leipziger
Oper, 04.06.1959 (Stadtarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 10
Der kürzlich im Stadtarchiv Leipzig bear-
beitete Bestand Heilanstalt Thonberg birgt
aussagekräftige Inhalte zur mitteldeutschen
Psychiatriegeschichte. Die schriftliche und
bildliche Überlieferung, die rund 10 lfm Akten
umfasst, enthält eindrucksvolle Zeugnisse der
psychiatrischen Institutionengeschichte, der
fachspezifischen Entwicklung sowie einzelner
Patientenschicksale. Aus den zum Großteil
inhaltlich korrespondierenden Sach- und Ein-
zelakten sind für den Zeitraum von 1836 bis
1920 interessante Aspekte und Tendenzen der
psychiatriehistorischen Entwicklung nachvoll-
ziehbar, die weit über eine rein stadthistorische
Relevanz hinausreichen. Inhalte zur Verwal-
tung, zu Baulichem, zu Personal und Patienten
der Heilanstalt liefern zudem Akten weiterer
Bestände des Stadtarchivs, so z. B. Kap. 37
Nr. 501–517. Außerdem umfassen die im Be-
stand 20051 Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-
Dösen im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig
überlieferten Akten der Heilanstalt Thonberg
hauptsächlich Verwaltungs- und Personalun-
terlagen aus dem Zeitraum 1918 bis 1920, in
dem die ehemalige Privatanstalt Thonberg in
staatliche Regie übergegangen war.
An dieser Stelle soll die über 80-jährige Ent-
wicklungsgeschichte des Bestandsbildners
von einer Privat-Heil- und Pflegeanstalt für
Geisteskranke zur staatlichen Heilanstalt
aufgezeigt werden. Die überlieferten Quellen
bieten hierzu zahlreiche und bisher von der
Forschung z. T. noch nicht beleuchtete De-
tails. Die Vorgeschichte der Heilanstalt Thon-
berg beginnt im damaligen Dorf Möckern bei
Leipzig: Auf einem von der „Ökonomischen
Gesellschaft zu Leipzig“ angemieteten Ge-
lände eröffnete der bis 1850 als Leipziger
Stadt- und Gerichtsarzt wirkende Dr. Eduard
Wilhelm Güntz eine „Privat-Heil- und Verpfle-
gungsanstalt für Gemütskranke“. Für den An-
staltsgründer war dieser Standort von Beginn
an ein Provisorium; er verfolgte vielmehr den
Erwerb eines eigenen Areals für den Neubau
einer „Privat-Irrenheil- und Verpflegungs-
Anstalt“ auf städtischem Grund und Boden.
Beim Rat der Stadt Leipzig bat er daher um
die käufliche Überlassung von Gelände auf
der äußersten Grenze des Thonberg-Vorwerks
gegen Stötteritz. Dieser Bitte wurde gegen
eine jährliche Pacht stattgegeben und im
Von der Privat-Heil- und Pflegeanstalt für
Geisteskranke Thonberg zur staatlichen Heilanstalt
Thonberg – Quellen zur mitteldeutschen
Psychiatriegeschichte im Stadtarchiv Leipzig
Auszug aus dem Hauptjournal der Heilanstalt Thonberg II., 1893–1920

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 11
Herbst 1838 begann die Bebauung des Are-
als. Die Gewährung eines größeren Kapitals
durch den Leipziger Rat und die Stadtver-
ordneten sowie Vorschüsse einer ehemaligen
Patientin und Familienangehöriger förderten
das rasche Voranschreiten der Bauarbeiten.
Im Jahr 1839 wurden die Gebäude auf dem
Thonberg ihrer Nutzung übergeben. Mit der
Neugründung der Privat-Heil- und Pflege-
anstalt für Geisteskranke Thonberg und dem
Umzug des Personals aus Möckern schloss die
dortige Anstalt. Die neue „Güntzsche Heilan-
stalt“ erfuhr an ihrem nunmehrigen Standort,
wie schon zuvor in Möckern, eine kontinu-
ierliche Auslastung. Ein Aufenthalt war, wie
aus den Akten ersichtlich wird, durch einen
vierteljährlich zu zahlenden Pensionssatz zu
begleichen.
In Anpassung an die Bedürfnisse der Patien-
ten wurden in den Folgejahren mehrere Um-,
Aus- und Neubauten der Heilanstalt Thonberg
durchgeführt. 1849 / 50 erfolgte der Ankauf
von zwei Landgütern im Pfarrdorf Probsthei-
da, die mit zur Versorgung der Anstalt dienten
und ausgewählten Kranken Beschäftigung
boten. Im Jahr 1856 vergrößerte sich das
Areal der Heilanstalt durch den Zukauf des
angrenzenden Grundstücks der ehemaligen
Kaltwasserheilanstalt „Mariabrunn“ beträcht-
lich. Wie die Quellen berichten, war die Anstalt
in den 1860er Jahren mit ca. 40 Patienten
gut ausgelastet. Über 60 % der Patienten
wurden zum Zeitpunkt ihrer Entlassung als
geheilt bzw. gebessert eingestuft. Mit diesen
Kennziffern übergab Eduard Wilhelm Güntz
die Heilanstalt Thonberg 1863 an seinen
Schwiegersohn Dr. Justus Maximilian Theo-
bald Güntz, der sie bis zum 1. Oktober 1888
als Privatanstalt leitete.
Am 1. Oktober 1888 wurde die Heilanstalt
Thonberg vom Johannishospital der Stadt
Leipzig käuflich erworben und in städtischer
Regie weitergeführt. Ihre Leitung übernahm
nun der Hofrat Dr. Julius Lochner, dessen
gedruckte Ausführungen zur Geschichte der
Heilanstalt eine Verzeichnungseinheit des
Sachaktenbestandes Heilanstalt Thonberg
bilden. Zu diesem Zeitpunkt bot die Anstalt
eine Kapazität für „60 Geistes- und Nerven-
kranke der höheren Stände“. Zur Aufrechter-
haltung des Betriebes standen 50 Angestell-
te zur Verfügung. In der Amtszeit Lochners
wurde auf größere Instandsetzungen und
Verbesserungen der räumlichen und hygi-
enischen Kapazitäten der Heilanstalt wei-
testgehend verzichtet, da sie einen gewissen
Finanzaufwand bedurft hätten. Aufgrund
der sich mehrenden Missstände wurde so-
gar kurzfristig die Schließung der Anstalt ins
Auge gefasst.
Nach dem Tod Dr. Lochners ging 1914 die Lei-
tung der Heilanstalt an seinen langjährigen
Assistenzarzt Dr. Knopf über, der anbot, die
Anstalt pachtweise auf eigene Rechnung zu
übernehmen und eingetretene Missstände
zu beseitigen. Der Plan kam jedoch nicht zur
Durchführung, weil Knopf die Ausführung
der seit Ende 1913 vom Staate geplanten
Errichtung einer Pensionsabteilung bei der
Landesanstalt Dösen fürchtete, wenn der
Stadtrat und das Johannishospital sich ent-
schlössen, die Anstalt Thonberg aufzugeben,
wie es das Königlich Sächsische Ministerium
des Innern in einem Schreiben an den Ober-
bürgermeister vom 1. Januar 1913 forderte.
Knopfs Befürchtungen bewahrheiteten sich.
Die Gesamtratssitzung des Leipziger Stadt-
(Stadtarchiv Leipzig, Heilanstalt Thonberg, Nr. 2, Bl. 1a)
rates gab genau dieser Forderung nach und

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 12
genehmigte am 9. Dezember 1914 gegen eine
Stimme die Aufgabe der Heilanstalt Thon-
berg. Am 17. Dezember 1914 erklärte sich der
Stadtrat unter Vorbehalt der Zustimmung der
Stadtverordneten bereit, von dem Zeitpunkt
an, an dem eine staatliche Nervenheilanstalt
für besser situierte Kranke auf Dösener Flur
errichtet sein wird, den Betrieb der Heilanstalt
Thonberg einzustellen. Durch den Ausbruch
des Ersten Weltkrieges wurde dieser Neubau
einer Pensionsabteilung bei der Landes anstalt
Patientenakte Max Jaffé, Auswahl von Wünschen des Patienten (Stadtarchiv Leipzig, Heilanstalt Thonberg EA, Nr. 1282, Bl. 39)
zur Verfügung. Somit hatte die allmähliche
Überleitung der Heilanstalt Thonberg in das
Eigentum des sächsischen Staates ihren An-
fang genommen. Es folgten länger währen-
de Verhandlungen zwischen der Sächsischen
Staatsregierung und dem Rat der Stadt Leip-
zig zur Überlassung der Heilanstalt, was die
Stadt unbedingt verhindern wollte. Ab dem
1. Juli 1917 übernahm schließlich das König-
reich Sachsen bis auf weiteres die Bewirt-
schaftung der Heilanstalt, vereinnahmte die
Verpfleggelder und trug die Be-
triebs- und Lohnkosten. Die tat-
sächliche Übernahme sollte erst
nach einer endgültig festgesetz-
ten Vereinbarung erfolgen. Somit
war die Übernahme vom 1. Juli
1917 bis zu diesem Zeitpunkt nur
eine rechnerische; Beamte, An-
gestellte und Arbeiter sollten bis
zur förmlichen Abänderung eines
auf den 31. Juli 1916 datierten
Abkommens im Anstellungsver-
hältnis mit der Stadt bleiben.
Am 22. April 1918 besiegelte
schließlich ein Vertrag die rück-
wirkende Übernahme der Heilan-
stalt Thonberg durch den sächsi-
schen Staat zum 1. Januar 1918.
Die tatsächliche Übernahme
sollte bis spätestens zum 1. Ok-
tober 1918 abgeschlossen sein.
Nachdem die ärztliche Leitung
der Anstalt bereits im Oktober
1916 in staatliche Regie über-
gegangen war, folgte bis zum
1. Oktober 1918 nun auch die
wirtschaftliche. Seitdem gehör-
te die Heilanstalt Thonberg zwar
etatrechtlich zur Landesanstalt
Dösen, behielt aber ihren Sta-
tus als selbstständige staatliche
Einrichtung. Die Pensionssätze
für einen Aufenthalt in der Heil-
anstalt wurden erhöht, die Pa-
tientenzahlen hingegen sanken.
Mittels eines Beschlusses wurde
die Heilanstalt bereits am 16. Juni
1920 als staatliche Anstalt wieder
geschlossen. Alle Patienten wur-
den in andere Einrichtungen, so
z. B. in die Heilanstalt Dösen, ver-
legt. Die unmittelbare Nachnut-
zung der Räumlichkeiten erfolgte
im Zuge der Schaffung von Klein-
wohnungen vorerst hauptsäch-
lich als Wohnraum. Geschäftsbü-
cher und Krankenakten sowie ein
Teil des Verwaltungsschriftgutes
wurden der Heilanstalt Dösen
übereignet.
Dösen jedoch verhindert und die Heilanstalt
Thonberg vorerst als städtische Einrichtung
weiterbetrieben. Ein Vertrag vom 31. Juli
1916 regelte die Fortführung bis zur Inbe-
triebnahme einer neuen Anstalt und der da-
mit verbundenen Überführung der Patienten
und der Übernahme des Personals. Da der
bisherige Leiter Dr. Knopf die Anstalt zum
Oktober 1916 verließ, stellte die Sächsische
Staatsregierung für die ärztliche Leitung ab
dem 1. Oktober 1916 unentgeltlich einen Arzt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 13
Patientenakte Max Jaffé, Patientenzeichnung (Stadtarchiv Leipzig, Heilanstalt Thonberg EA, Nr. 1282, Bl. 37)
Die Übernahme der Akten der Heilanstalt
Thonberg durch das Stadtarchiv Leipzig er-
folgte ab Mai 1990 in Zusammenhang mit
der Übernahme der Akten des Bezirkskran-
kenhauses für Psychiatrie Leipzig-Dösen (ein-
schließlich seiner Vorgängereinrichtungen),
das nach 1990 bis zu seinem Übergang in die
Trägerschaft der Rhön-Klinikum AG Bad Neu-
stadt als städtischer Eigenbetrieb unter der
Bezeichnung Städtische Klinik Leipzig-Südost
weitergeführt wurde.
Der Großteil der Sachakten des Bestan-
des Heilanstalt Thonberg steht inhaltlich
in Zusammenhang mit den Patienten der
Heilanstalt. Die Patientenjournale, Zu- und
Abgangslisten sowie Patientenverzeichnisse
beinhalten zahlreiche Angaben über die in
der Heilanstalt befindlichen Insassen. Dazu
gehören z. B. Aufnahme- und Abgangsda-
ten, Patientennamen, Diagnosen, Herkunft,
Stellung. Unter Anwendung notwendiger
quellenkritischer Betrachtung liefern diese
Quellen Datengrundlagen für die Erstellung
historischer Statistiken zur Thematik, so z. B.
zum Einzugsbereich, zur Diagnostik, zur Ver-
weildauer, zum Alters- und Herkunftsspekt-
rum. Diese Statistiken können unter Einbin-
dung der Patientenakten (Einzelakten) noch
präzisiert werden. In Kombination liefern
die die Patienten betreffenden Quellen eine
Grundlage zur Herausarbeitung psychiatrie-
historischer Entwicklungstendenzen nicht
nur für die Heilanstalt Thonberg. Außerdem
geben die Sachakten zu Entmündigungen
und Feststellung von Geschäfts- und Pro-
zessfähigkeiten von Insassen aufschlussrei-
che Einblicke in die Praxis und den Vollzug
dieser Verfahren in der Vergangenheit. Die
Patientenakten (Einzelakten) selbst liefern tie-
fer gehende Einsicht in personengebundene
Einzelschicksale und in die differenzierten,
teils personenabhängigen Aufnahme- und
Behandlungskriterien. Bestandteile einiger
Akten bieten zudem eindrucksvolle, individu-
elle Einblicke in persönliche Befindlichkeiten
der Patienten. Dazu gehören v. a. gesammelte
Patientenbriefe, Notizen, Tagebuchaufzeich-
nungen sowie Zeichnungen. Jede einzelne
Patientenakte gibt mit ihren größtenteils
täglichen Beobachtungsangaben zugleich
auch ein Bild von Krankheitsverläufen und
medizinischer Behandlungspraxis zum Zeit-
punkt der Aufzeichnung. Der Vergleich einer
bestimmten Anzahl von Patientenakten ist
daher auch für die medizinhistorische For-
schung von großem Interesse. Einblicke in
die Personalangelegenheiten der Heilanstalt
geben das Personal betreffende Sachakten,
die einen weiteren Überlieferungsschwer-
punkt des Bestandes bilden. Dazu gehören
hauptsächlich Sammelakten zu den Lohn-
verhältnissen, Bestandsnachweise zum Per-
sonal, Bestimmungen und Festlegungen,
Praktikumsbestätigungen und Urlaubsgesu-
che. Insgesamt bietet der ab sofort für die
Nutzung zugängliche Bestand Heilanstalt
Thonberg einen reichen Fundus nicht zu un-
terschätzender Quellen für einen Zeitraum
psychiatriehistorischer Entwicklung.
Frauke Gränitz / Olaf Hillert
(Stadtarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 14
Johann Sebastian Bach –
Anteilseigner an einem Silberbergwerk
Neue Bachdokumente
Im Band 2 der Bach-Biographie von Philipp
Spitta ist das Nachlassverzeichnis Johann
Sebastian Bachs abgedruckt. Gleich zu Beginn
ist aufgeführt:
„Ein Kux, genannt Ursula-
Erbstolln, zu Klein Voigtsberg an Werthe
60 Rl“.
Diese Zechenregister konnte ich bei
einem Besuch im Bergarchiv einsehen und
las nun auch den Eintrag
„Johann Sebastian
Bach, Capellmeister in Leipzig“.
Das Bergarchiv
Freiberg verwahrt mehr als 140.000 Zechen-
register. In den Zechenregistern informierte
der Schichtmeister über die Zeche. Einnahmen
und Ausgaben sind aufgelistet, der Zustand
der Zeche wird beschrieben und besondere
Vorkommnisse erwähnt. Es wurde hier auch
die Zubuße angegeben, welche die Anteils-
eigner (Gewerken) im jeweiligen Quartal zu
zahlen hatten und auf einem kleineren Zettel
(dem Gewerkenverzeichnis) sind ihre Namen
und die Größe ihres Anteils verzeichnet. Wie
es gewöhnlich üblich war, gab es auch beim
Ursula Erbstollen 124 Kuxe, die von Gewerken
erworben werden konnten.
Im Gewerkenverzeichnis des Zechenregisters
Luciae 1746 fand ich noch weitere Personen,
die in Leipzig wohnten. Da es mich interes-
sierte, wann sie ihre Anteile erworben hatten,
blätterte ich um einige Jahre in den Zechen-
registern zurück und stieß plötzlich wieder
auf den Eintrag:
„Johann Sebastian Bach,
Capellmeister in Leipzig“.
Bei genauerer Prü-
fung stellte ich fest, dass Bach Reminscere
1741 zum ersten Mal als Gewerke des Ursula
Erbstollens aufgeführt wird. Im Zechenregis-
ter von Luciae 1740 taucht Bach noch nicht
auf. So kann sein Kuxerwerb in das Quartal
Reminiscere 1741 datiert werden.
Dass Bach den Anteil an einem Silberbergwerk,
der in seinem Nachlass aufgeführt wird, seit
Luciae 1746 besaß, ist nicht neu. Es war aber bis-
her noch nicht bekannt, dass Bach bereits von
1741 bis 1745 Anteilseigner dieser Zeche war.
Anteilseigner am Ursula-Erbstollen
von 1741 bis 1744
Der Ursula-Erbstollen existierte seit 1737. Zu
einer ersten deutlichen Zunahme von Erzfun-
den kam es dort ab 1739. Ende 1740 konnten
22 Bergleute beschäftigt werden; das war un-
gefähr das Vierfache der vorherigen Quartale.
Der Wert eines Kuxes war seit 1737 kontinu-
ierlich angestiegen und hatte Reminiscere
1741 eine Taxierung von 30 Talern erreicht.
Zu diesem Zeitpunkt wird Bach Anteilseigner
dieser Zeche.
Spätestens Ende 1744 muss Bach allerdings
beschlossen haben, sich wieder von seinem
Anteil zu trennen. Über die Gründe lässt sich
gegenwärtig nur spekulieren. Fakt ist, dass
die positive Entwicklung der Zeche nicht an-
hielt, als Bach Besitzer des Anteils war. Zwar
stieg der Wert eines Kuxes weiterhin, aber die
Menge des geförderten Erzes ging zurück und
damit auch die Zahl der Beschäftigten. 1745
arbeiteten nur noch 3 Bergleute in der Zeche.
Reminiscere 1745 wird Bach im Gewerkenver-
zeichnis ganz am Ende unter:
„Hierunter be-
finden sich dieses Quartal No. 6 W. an verstan-
denen zu verrechnen“
geführt. Das Deutsche
Bergwörterbuch von Heinrich Veith aus dem
Jahre 1871 bringt einige Erklärungen für die-
sen Satz:
„im Retardat verstehen: für die bis-
herigen Eigenthümer verloren gehen, verfallen:
Wenn sie (die Gewerken) Num. 6 des folgenden
Quartals die Zubusse noch nicht abgeleget
haben, werden sie ihrer Kuxe verlustiget, und
im Gegenbuche ausgethan. So dann heißt es:
Die Kuxe sind im Retardat verstanden.“
Dieser
Eintrag im Gewerkenverzeichnis Reminiscere
1745 lässt also den Schluss zu, dass Bach sei-
ne Zubuße nicht mehr bezahlt hat. Wenn ein
Gewerke sie nicht mehr zahlte, wurde er ins
Retardat gesetzt. Wenn die Zahlung der Rück-
stände dann nicht innerhalb einer gewissen
Zeit erfolgte, wurde der Kux im Retardat ver-
standen. Der Kux fiel ans Bergamt zurück.
Dass Bach keine Zubuße mehr zahlte, muss
nicht bedeuten, dass er dazu finanziell nicht
in der Lage war. Peter Freiherr von Hohenthal,
Geheimer Kriegsrat, seine Frau, die Baronin
von Hohenthal, und ihr Sohn erwarben 1743
ebenfalls je einen Kux dieser Zeche. Diese Fa-
milie besaß am Markt in Leipzig ein Haus, das
auf 29.000 Taler geschätzt wurde. 1751 tren-
nen sie sich in der gleichen Weise von ihren
Anteilen, wie es für Bach 1745 nachzulesen
ist. Bei ihnen kann man Geldmangel wohl
ausschließen. Auf die gleiche Weise trennte
sich 1739 der Hofrat Johann Benedict Winkler
aus Leipzig von seinen Anteilen (10 Kuxen des
Ursula-Erbstollens) oder im Jahre 1753 der
Handelsmann Johann Samuel Lamprecht aus
Leipzig. Das legt den Schluss nahe, dass es für
Gewerken, die es sich finanziell leisten konn-
ten, durchaus üblich war, sich auf diese Art
von einem Zechenanteil zu trennen. Falls Bach
in finanziellen Nöten gewesen wäre, hätte er
wohl versucht, seinen Kux zu verkaufen, was
zu diesem Zeitpunkt anscheinend etliche Ge-
werken taten. Beim Vergleich aufeinanderfol-
gender Zechenregister ist festzustellen, dass
immer Namen von Gewerken verschwinden
und neue auftauchen. Dabei fällt auf, dass
es sich häufig um Bergleute handelt, die so
aus der Gewerkschaft ausscheiden. Anschei-
nend wurden hier die Kuxe verkauft. Bach hat
zwischen 1741 und 1745 mehr als 40 Taler
(Wert des Kuxes und Zubuße) in den Ursula-
Erb stollen investiert. Er scheint aber diese
Summe nicht als eine Fehlinvestition gesehen
zu haben, denn keine zwei Jahre später wurde
er wieder Besitzer eines Kuxes der gleichen
Zeche, den man inzwischen mit 60 Talern dop-
pelt so hoch wie 1741 taxiert hatte.
Bachs Lebenssituation 1746
Am 21. März 1746 wurde Johann Sebastian
Bach 61 Jahre alt. Seit 23 Jahren war er nun
als Thomaskantor der dritte Lehrer an der
Thomasschule und als Musikdirektor der Stadt
Leipzig verantwortlich für die Kirchenmusik in
den Leipziger Hauptkirchen. Gemeinsam mit
Zechenregister mit Eintrag zu Bach (Detail) (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg, 40186
Zechenregister der Ursula-Fundgrube Kleinvoigtsberg, Nr. 135007)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 15
Zechenregister mit Eintrag zu Bach (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg, 40186
Zechenregister der Ursula-Fundgrube Kleinvoigtsberg, Nr. 135007)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 16
seiner Frau und immer noch sieben Kindern
wohnte er in der Kantorenwohnung der Tho-
masschule. Die Auswertungen der wenigen
Quellen, die über Bachs letzte Lebensjahre
Auskunft geben können, lassen den Schluss
zu, dass er sich 1746 guter Gesundheit erfreu-
te. Erst ab 1749 deuten verschiedene Hinweise
auf gesundheitliche Probleme hin. Im Frühjahr
1750 unterzog er sich einer Augenoperation,
an deren Folgen er am 28. Juli 1750 verstarb.
Johann Sebastian Bach erhielt in Leipzig pro
Jahr 87 Taler und 12 Groschen als festes Ge-
halt. Dazu kamen noch verschiedene weitere
Einkünfte, so dass er in einem Brief, den er
am 28. Oktober 1730 an seinen ehemaligen
Schulkameraden Georg Erdmann schrieb, sein
Jahreseinkommen mit rund 700 Talern angibt.
Obwohl zu bedenken ist, dass die Lebenshal-
tungskosten in Leipzig deutlich höher lagen
als im ländlichen Raum des Erzgebirges, ist
an dieser Stelle vielleicht folgender Vergleich
ganz interessant: Ein Hauer im Ursula-Erbstol-
len erhielt pro Woche durchschnittlich einen
Lohn von einem Taler. Das wären im Jahr rund
50 Taler gewesen. Allerdings war eine ständige
Beschäftigung im Bergwerk nicht sicher.
Bach war aber auch kein reicher Mann. Als
der in Freiberg ansässige Orgelbauer Gottfried
Silbermann starb, hinterließ er einen Nachlass
im Wert von über 10.000 Talern. Bachs gesam-
ter Nachlass wurde auf knapp 1.160 Taler ge-
schätzt, darunter der Kux und eine Barschaft
von 231 Talern.
Anteilseigner am Ursula-Erbstollen
ab 1746
Gab es zu anderen Zeiten viele personelle
Veränderungen in den Gewerkenverzeich-
nissen, so verlassen im Quartal Luciae 1746
nur Johann August Gastel (bisher Besitzer
eines Kuxes) und Johann Heinrich Linke, ein
Steuereinnehmer (bisher Besitzer eines halben
Kuxes) die Gewerkschaft. Der Böttger Georg
David Dachselt verringert seinen Anteil von
2 2/3 auf 2 5/12 Kuxe. Ab Luciae 1746 fin-
det man Johann Sebastian Bach wieder in
den Zechenregistern des Ursula-Erbstollens
als Besitzer eines Kuxes. Zusammen mit ihm
erscheint noch ein anderer neuer Gewerke:
Johann Christian Richter, ein Müller aus Roß-
wein und nun Besitzer eines halben Kuxes. Der
Archidiaconus Johann Jacob Weller aus Frei-
berg erhöht seinen Anteil von 2 auf 2 1/2 Kuxe.
Damit hatten die Anteile ihre neuen Besitzer
und es ist wohl recht sicher, dass Bach seinen
Kux von Johann August Gastel erwarb, hätten
doch im anderen Fall mit mehreren Personen
Bachdenkmal an der Thomaskirche Leipzig von Carl Seffner (Foto Eberhard Spree)
Kaufverhandlungen geführt werden müssen.
Die Vermittlung des Kaufs ist durch einen
Kuxkränzler anzunehmen. 1744 war ein ge-
wisser Johann Christoph Stiehl zum Leipziger
Kuxkränzler ernannt worden und es ist sehr
wahrscheinlich, dass er Bach den Kauf dieses
Anteils am Ursula-Erbstollen vermittelte.
Bach erwarb beide Anteile in Zeiten, in denen
der Ursula-Erbstollen höhere Erzfunde vorzu-
weisen hat und die Belegschaft vergrößert
werden kann. Das mag ein Zufall sein, könnte
aber auch darauf hindeuten, dass Bach über
diese Entwicklungen gut informiert war. Ein
Mittelsmann für die entsprechenden Informa-
tionen könnte sein Schüler Johann Friedrich
Doles gewesen sein, der seit 1744 Kantor in
Freiberg war. Vielleicht hat auch Gottfried Sil-
bermann, der in Freiberg lebende Orgelbauer,
Bach entsprechende Auskünfte geben können.
Im September 1746 prüfte er gemeinsam mit
Bach die neu erbaute Orgel in der Wenzelskir-
che zu Naumburg. Mehrere Tage nahm diese
Arbeit in Anspruch. Bach und Silbermann wa-
ren in dieser Zeit Gäste der Stadt, und aus den
überlieferten Rechnungen ist zu schließen,
dass nach getaner Arbeit Essen und Trinken
nicht zu kurz kamen. Da Bach in den nächsten
Wochen einen Kux erwarb, der auf 60 Taler
taxiert wurde, was für ihn doch ungefähr ein
Monatseinkommen ausmachte, ist es gut vor-
stellbar, dass man sich auch darüber in Naum-
burg unterhielt. Silbermann besaß einen Kux
der Himmels-Fürsten und Günther-Fundgrube
zum Weissenborn.
22 Taler erhielt Bach für diese Orgelprüfung.
Auf jeden Fall scheint Bach zu diesem Zeit-
punkt genug Geld gehabt zu haben, um sich
den Kauf und die vierteljährlichen Zubußen

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 17
leisten zu können. Übrigens war ein Kux des
Ursula Erbstollens vergleichsweise teuer. Zwei
Drittel der Zechen im Freiberger Raum boten
Anteile an, die billiger waren.
An der Gesamtsituation des Bergbaus im Frei-
berger Revier hatte sich seit Bachs Ausschei-
den als Gewerke 1745 wenig geändert. 1746
gab es dort mehr als 160 Bergwerke, davon
über 110 Zechen, die sich über die Zubuße
ihrer Gewerkschaft und die eigenen Erzfunde
finanzierten. Von all diesen Zechen konnten im
Quartal Luciae 1746 nur 8 Gewinne auszahlen
und nur bei zwei Zechen waren es mehr als
10 Taler pro Kux. Dort war der Gewinn dann
allerdings beträchtlich. Das ist in den entspre-
chenden Ausbeutbögen nachzulesen, die in
gedruckter Form herausgegeben wurden und
für die Öffentlichkeit zugänglich waren. Man
konnte sich also vorab informieren und es war
leicht zu erkennen, wie gering die Chance war,
durch den Besitz eines Kuxes auch einen per-
sönlichen Gewinn zu erzielen.
Auch dieses Mal hielt die positive Entwick-
lung des Ursula-Erbstollens nicht lange an,
doch Bach blieb bis zu seinem Tod Gewerke
dieser Zeche. Anfang 1750 erhöhte sich sein
Anteil auf 1 1/8 Kux. Es ist anzunehmen, dass
Bach hier der Erwerb des achten Teils eines
Kuxes angeboten wurde, der ins Retardat ge-
fallen war. Ab 1750 sind auch die Schulden
der einzelnen Gewerken im Zechenregister
verzeichnet. In dieser Aufstellung taucht
Bachs Name zu seinen Lebzeiten nicht auf,
er hatte also alle fälligen Zubußen bezahlt.
Eine Gewinnauszahlung (Ausbeute) gab es für
Bach nie. Zwar wurde Silbererz in dieser Zeche
gefördert, aber mit dem Erlös mussten die lau-
fenden Betriebskosten gedeckt werden. Der
Ursula Erbstollen brachte auch später keine
Ausbeute, er blieb eine Zubußzeche.
Nach Bachs Tod übernahmen seine Angehöri-
gen den Bergwerksanteil als Gemeinschaftsei-
gentum. 1751 erhöhte sich der Anteil noch
einmal, jetzt auf 1 1/4 Kux. In den Quartalen
Crucis und Luciae wurde keine Zubuße für
den Bachschen Anteil bezahlt. Das wird dar-
an gelegen haben, dass die Aufteilung seines
Nachlasses im November 1750 erfolgte und
erst dort der gemeinschaftliche Besitz des
Bergwerksanteils festgelegt wurde. Reminis-
cere bezahlte man die aufgelaufenen Schul-
den und die fällige Zubuße. Allerdings scheint
man dann doch beschlossen zu haben, diesen
Anteil aufzugeben. In den nächsten Quartalen
erfolgte keine Zubußzahlung mehr und An-
fang 1752 trennt man sich von dem Anteil in
der gleichen Weise, wie Bach das schon 1745
getan hatte. Auffällig ist auch hier, dass Bachs
Familie anscheinend nicht versuchte, den An-
teil zu verkaufen, der zu diesem Zeitpunkt auf
mehr als 70 Taler taxiert wurde.
Mögliche Motive
Den wenigen Quellen die über Bachs privates
Leben Auskunft geben, kann entnommen wer-
den, dass er mit seinem Geld nicht leichtfertig
umging. Anscheinend hatte er aber eine an-
dere Einstellung, als sie in unserer gewinn-
orientierten Zeit erwartet wird. Wenn eine In-
vestition nur positiv bewertet wird, wenn sie
sich am Ende finanziell gelohnt hat, ist Bachs
Handlungsweise kaum zu verstehen. Welche
Gründe könnten Bach also bewogen haben,
Besitzer eines Kuxes zu werden?
Die Metalle aus dem Erzgebirge waren für
Sachsen wichtig. Auf der einen Seite muss
man zwar den sächsischen Bergbau als ein
Zuschussprojekt ansehen. Auf der anderen
Seite aber hatten vor allem das Silber, aber
auch Zinn, Kupfer und die anderen Metalle, die
dort gefördert wurden, eine sehr hohe Wert-
beständigkeit, deutlich höher als die meisten
anderen Produkte, die in dieser Zeit produ-
ziert wurden. Die Gewinnung dieser Metalle
trug dauerhaft dazu bei, dass Sachsen als ein
reiches Land galt. Die Landesherren Sachsens
wussten darum und förderten den Bergbau
in ihren Landen mit entsprechenden Geset-
zen. Der Bergmannsstand war ein geachteter
Stand und die Herrscher würdigten ihn ent-
sprechend. Als Beispiel dafür sei nur die große
Bergparade von 1719 angeführt (das „Saturn-
fest“), die Teil der Feierlichkeiten anlässlich der
Vermählung von Friedrich August, dem Sohn
Augusts des Starken, war. Rund 1.500 Berg-
und Hüttenleute marschierten am Abend des
26. September im Plauenschen Grund bei
Dresden auf. In mitgeführten Miniaturberg-
werken und Schmelzöfen demonstrierten
sie ihre Arbeit. An einer Münzpräge wurden
Münzen hergestellt, die unter die hochrangi-
gen Gäste aus ganz Europa verteilt wurden. So
wurde ihnen eine der Quellen des sächsischen
Reichtums deutlich vor Augen geführt. Bei
dieser Gelegenheit trug der Oberhofmarschall
Freiherr von Löwendahl die Bergmannsgar-
nitur, die Kurfürst Johann Georg II. 1678 für
sich anfertigen ließ. Sie ist heute im Grünen
Gewölbe in Dresden zu bewundern. Und so
stand auch der Bürger nicht zurück, durch
sein Engagement den sächsischen Bergbau
zu fördern.
Auch ein religiöser Hintergrund könnte beim
Erwerb eines Kuxes eine Rolle gespielt haben.
„Neuer Segen Gottes-Erbstollen“, „Gnade
Gottes-Erbstollen“, „Neue Gabe Gottes-
Erbstollen“, „Christbescherung“; das sind nur
einige Beispiele von Zechennamen aus dem
Freiberger Revier. Daraus lässt sich schließen,
dass die Erzlagerstätten zu dieser Zeit als eine
Gabe Gottes angesehen wurden. Um dieser
Gabe teilhaftig werden zu können, war ne-
ben harter Arbeit, Geduld und Ausdauer auch
Geld notwendig und das über einen langen
Zeitraum.
Dazu kommt sicher auch ein sozialer Aspekt.
Die Menschen im Erzgebirge lebten vom Berg-
bau, der ohne die finanzielle Unterstützung
der Gewerken nicht möglich war. Natürlich
kann man davon ausgehen, dass die Gewerken
auch immer auf den großen Silberfund in ihrer
Zeche hofften. Ansonsten hätte man sein Geld
ja auch als Spende dieser Gegend zukommen
lassen können.
Nach der Auswertung der neu entdeckten
Dokumente aus dem Freiberger Bergarchiv
kann davon ausgegangen werden, dass Bach
zwischen 1741 und 1750 mehr als 120 Ta-
ler in den sächsischen Bergbau fließen ließ.
Spätestens durch die Erfahrungen, die er bei
seinem ersten Kuxbesitz gemacht hatte, muss
er gewusst haben, dass eine Gewinnauszah-
lung zwar durchaus möglich, aber doch recht
unwahrscheinlich war. Im damaligen Sachsen
stand es einem ehrbaren Bürger wohl gut an,
Zechenanteile zu erwerben, mit seiner Zubuße
den Betrieb der jeweiligen Zeche zu ermög-
lichen und damit den sächsischen Bergbau zu
unterstützen und zu fördern. Das scheint Bach
auch so gesehen zu haben.
Kleiner Nachsatz
Bei Stadtführungen in Leipzig wird am gro-
ßen Bachdenkmal von Carl Seffner, das direkt
zwischen Thomaskirche und Bose-Haus steht,
gern darauf hingewiesen, dass das Futter einer
Rocktasche nach außen hängt. Dieses wird
als Zeichen gedeutet, dass Bach eben nichts
in der Tasche hatte, ein armer Mann war. Die-
se Geschichte sollte nach den beschriebenen
Funden im Bergarchiv Freiberg wohl über-
dacht werden.
Eberhard Spree
(Musiker des Gewandhausorchesters
zu Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 18
Das Deutsche Rote Kreuz der DDR – Nachlass
seines Präsidenten Werner Ludwig vom Haupt-
staatsarchiv Dresden übernommen
Im Januar 2010 erhielt das Hauptstaatsarchiv
Dresden den schriftlichen Nachlass von Prof.
Dr. Werner Ludwig dem langjährigen Präsi-
denten des Deutschen Roten Kreuzes in der
DDR. Die Unterlagen wurden durch Ludwigs
Sohn, Dr. Klaus Ludwig als Schenkung über-
geben.
Werner Ludwig wurde am 15. Dezember 1914
in Mühlheim an der Ruhr geboren. Nach sei-
nen eigenen Berichten verlebte er eine sorg-
lose und fröhliche Kindheit. Er besuchte die
Volksschule und ab dem 10. Lebensjahr das
humanistisch orientierte Hindenburg-Gymna-
sium in Düsseldorf. Sein Wunsch zum Studium
der Medizin erfüllte sich mit der Aufnahme
als Sanitätsoffiziersanwärter, eine Alternative
zum universitären Medizinstudium, welches
die Eltern nicht finanzieren konnten. Nach
der Grundausbildung in München erfolgte
das Studium an der Militärärztlichen Akade-
mie in Berlin. 1939 legte Werner Ludwig das
Staatsexamen ab, erhielt die ärztliche Ap-
probation und promovierte. Sein beruflicher
Weg begann als Assistenzarzt im Dresdner
Militärlazarett. Nach Kriegsausbruch nahm
er als Truppenarzt am Frankreichfeldzug teil.
1942/43 war er als Stabsarzt nach Stalingrad
abkommandiert. Am 25. Januar 1943 erfolgte
seine Gefangennahme. Nach Ende der Ge-
fangenschaft am 29. April 1948 führte ihn
sein Weg zu seinem fünfjährigen Sohn, der
seit dem Tod seiner ersten Ehefrau Gertraude
im Juni 1947 bei Werner Ludwigs Mutter in
Niederheimbach wohnte. Die dort fehlenden
Einsatzmöglichkeiten als Facharzt trugen zu
der Entscheidung bei, nach Grimma überzu-
siedeln, um dort die Stelle des Kreisarztes
anzunehmen.
Ludwigs hervorragende Aufbauarbeit im Ge-
sundheitswesen des Kreises Grimma führte
zur Berufung in das Komitee zur Vorbereitung
der Weltfestspiele der Jugend und Studen-
ten in Berlin 1951. Er war verantwortlich für
die Sicherung der Ersten Hilfe, der Kranken-
transporte, der stationären Betreuung und
der Lebensmittel- und Quartierhygiene. Nach
erfolgreichem Verlauf der Weltfestspiele in
Berlin bot ihm das Ministerium für Gesund-
heitswesen eine Stelle als Abteilungsleiter im
Ministerium an. Zu seinen ersten Aufgaben
gehörte die Abfassung eines Berichts über den
Ablauf des Gesundheitsdienstes während der
Weltfestspiele. In diesem Abschlussbericht
brachte er zum Ausdruck, „dass man die für
die Ausführung des Festes ausgebildeten
30.000 Gesundheitshelfer nicht auseinander-
laufen lassen sollte.“ „Eines Tages wurde ich zu
einer Sitzung des Politbüros ins Zentralkomitee
eingeladen, in der man diese Frage behandelt
hat, und unter Bestätigung meiner Grundkon-
zeption beauftragte man mich selbst dann in
dieser Sitzung damit, ein Organisationskomi-
tee ins Leben zu rufen und dessen Führung
zu übernehmen. Ich erhielt den Auftrag, mich
beim Finanzminister zu melden, von dem ich
dann einen Scheck von über 1 1/2 Millionen
erhielt. Weiterhin sollte ich beim Genossen
Plenikowski im Büro des Ministerrates mir ein
Auto mit Chauffeur geben lassen.“ (Ludwig,
Werner: Rückblick für meine Familie, 1998,
S. 37.) Die Regierung beschloss am 23. Ok-
tober 1952 die Bildung des Deutschen Roten
Kreuzes der Deutschen Demokratischen Re-
publik. Als Sitz des Deutschen Roten Kreuzes
wurde Dresden festgelegt.
Werner Ludwig absolvierte danach eine zweite
Facharztausbildung zum Facharzt für Sozi-
alhygiene, begann eine wissenschaftliche
Aspirantur und schloss diese mit einer Habili-
tation an der Medizinischen Akademie Erfurt
ab. 1965 wurde er Professor mit Lehrauftrag
an der Medizinischen Akademie Carl Gustav
Carus in Dresden. Bis zu seinem 65. Lebensjahr
wurde Werner Ludwig auf den Kongressen
des Deutschen Roten Kreuzes regelmäßig als
Präsident wiedergewählt. Seine wichtigsten
Funktionen waren die Mitgliedschaften in
der Weltgesundheitsorganisation, im Prä-
sidium der Liga für Völkerfreundschaft, im
Präsidium der Liga für die Vereinten Nationen
und im Nationalrat der Nationalen Front der
Deutschen Demokratischen Republik. Den
Vorsitz des Albert-Schweizer-Komitees der
DDR hatte er seit 1963 inne, 1974 wurde er
Präsident des UNICEF-Nationalkomitees der
DDR. Seine Arbeit fand internationale Aner-
kennung. Diese spiegelt sich auch in seinem
Nachlass, etwa in der Überlieferung seiner
wissenschaftlichen Publikationen, einer Zei-
tungsausschnittsammlung, Fotos, Fotoalben,
seinem chronologisch geführten „Reisebuch“
in nahezu 40 Länder zwischen 1954 und
1981 und den zahlreichen Ehrungen und
Auszeichnungen wider. Mit dem Deutschen
Roten Kreuz der Bundesrepublik Deutschland
DRK-Ausweis Werner Ludwigs, 1957 ff. (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 13801 Personennachlass Werner Ludwig, Nr. 137)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 19
fanden seit 1955 jährlich Präsidententreffen
abwechselnd in Bonn und Dresden statt. Hier
konnten noch vor Aufnahme der offiziellen
Beziehungen zwischen den beiden deutschen
Staaten Probleme mit diplomatischem Ge-
schick gelöst werden.
Als Präsident des DRK übte er seine Tätigkeit
administrativ und wissenschaftlich fundiert
aus. Das DRK der DDR sah seine Aufgaben
nicht nur im Einsatz bei Katastrophenfällen,
sondern überwiegend in der Verbesserung des
Gesundheitsschutzes der Bevölkerung, im So-
zial- und Pflegedienst, im Bahnhofsdienst, im
Blutspendewesen, dem Wasserrettungs- und
Bergunfalldienst, der schnellen medizinischen
Hilfe und im Krankentransport. Die Organisa-
tion hatte über 1 Million Mitglieder, die größ-
tenteils freiwillig als Rot-Kreuz-Helfer in fast
13.000 Grundorganisationen tätig waren.
„Frieden, Humanismus der Tat und Völkerver-
ständigung“ waren Werner Ludwigs Kernge-
danken, die er in seinem Buch Rotes Kreuz
– Ursprung und Wandlung, sowie in weite-
ren mehr als 200 Publikationen behandelt
hat. Seine ehrenamtliche Arbeit im Albert-
Schweitzer-Komitee ist Zeugnis dieser Ge-
danken. In einer Zeit, als noch keine diploma-
tischen Beziehungen zum westafrikanischen
Staat Gabun bestanden, setzte es sich intensiv
für Sachspenden an das Urwaldkrankenhaus
in Lambarene ein. Als nach dem Tod Albert
Schweitzers 1965 die Internationale Albert-
Schweitzer-Vereinigung mit Vertretern aus
aller Welt ihre Tätigkeit aufnahm, wurde Lud-
wig zum Vizepräsidenten dieser Gesellschaft
gewählt.
1981 wurde er nach dem Weggang zweier sei-
ner Kinder in die Bundesrepublik Deutschland
aus dem Amt gedrängt. Er trug den Schmerz
mit der Würde eines Menschen, der sich um
sein Lebenswerk betrogen fühlte und die
geographische Trennung zu seinen Kindern
und Enkelkindern seelisch verkraften musste.
19 Jahre später, am 7. April 1990 wurde er auf
einem außerordentlichen Rot-Kreuz-Kongress
zum Ehrenpräsident gewählt. In dieser Eigen-
schaft unterstütze er den Einigungsprozess
Habilitationsurkunde Werner Ludwigs, 1962 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 13801
Personennachlass Werner Ludwig, Nr. 135)
beider deutscher Rot-Kreuz-Gesellschaften.
Werner Ludwig verstarb am 11. Dezember
2001 in Dresden.
Der Personennachlass dokumentiert ein Leben
zwischen Erstem Weltkrieg und friedlicher Re-
volution. Werner Ludwigs Publikationen bein-
halteten menschliche Schicksale sowie medi-
zinische und sozialhygienische Abhandlungen.
Zum Nachlass gehören persönliche Dokumen-
te von der Geburtsurkunde, über Zeugnisse
bis zur Habilitationsurkunde, Reiseberichte,
Tagebücher, Fotos, Orden und Ehrungen aus
ganz Europa, Asien, Nordamerika und Afrika
sowie ein Verzeichnis der sozialhygienischen,
gesellschafts- und populärwissenschaftlichen
Publikationen, von denen fast alle im Bestand
überliefert sind. Auch die Kondolenzbücher
sind im Nachlass enthalten. Werner Ludwigs
schriftlicher Nachlass ist eine wertvolle Ergän-
zung zur Behördenüberlieferung und den Un-
terlagen des Deutschen Hygiene-Museums im
Hauptstaatsarchiv Dresden. Dieses Nachlass-
schriftgut vermittelt den Blick auf ein huma-
nistisches Leben, welches zielstrebig in einem
diktatorischen System mit diplomatischem
Fingerspitzengefühl zum Wohle der Men-
schen gemeistert wurde. Der Bestand „13801
Personennachlass Werner Ludwig“ wird in
diesem Jahr erschlossen und steht nach Ab-
lauf der Schutzfrist 2012 der Benutzung zur
Verfügung.
Gisela Petrasch
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 20
Der Willebrief Rudolf
I.
von Sachsen-Wittenberg
an Balduin von Luxemburg von 1339
Es ist oftmals spannend, einzelne Unterlagen
in den zeitlichen Kontext einzuordnen, zumal
dann, wenn eine einfache Erklärung nicht auf
der Hand liegt. Dies kann gerade mit mittelal-
terlichen Urkunden ein lohnendes Unterfan-
gen sein, da diese vor dem Aufkommen der
Aktenmassen in der Neuzeit die wichtigsten
schriftlichen Quellen waren. Dabei darf aber
nicht verschwiegen werden, dass das hier
angebotene Ergebnis nur
eine These sein kann, kein
Befund. Dieser Beitrag stellt
den im Landeshauptarchiv
Koblenz überlieferten Wil-
lebrief Herzog Rudolf I. von
Sachsen-Wittenberg (um
1284–1298–1356) zur Privi-
legienbestätigung und -er-
teilung durch Kaiser Lud-
wig IV., genannt der Bayer,
(1281/1282–1314–1328–
1347) an den Trierer Erzbi-
schof Balduin von Luxem-
burg (1285/86–1307–1354)
vor und ordnet ihn zeitlich
ein
(Landeshauptarchiv
Koblenz, Bestand 1 A, Nr.
4988). Der Gattung nach
war der Willebrief eine
Urkunde, durch welche
vom 13. Jahrhundert an
vor allem die Kurfürsten
zu Entschließungen oder
Verfügungen des Königs
oder Kaisers ihre Zustim-
mung gaben. Der Wille-
brief war ein „consensus“
der Kurfürsten. Er entwickelte sich aus dem
in der Zeit der Staufer dem König zur Ver-
fügung stehenden „consilium“ der Großen
des Reiches, genauer der Reichsfürsten. Mit
der Ausformung des Kurfürstenkollegiums
ging eine Zunahme der Verbindlichkeit der
Willebriefe einher, die jedoch unter Rudolf
von Habsburg auf die Rückgewinnung von
Reichslehen beschränkt blieb. Ohne die Zu-
stimmung der Kurfürsten in Form von Wille-
briefen war ein königliches Privileg hinsicht-
lich der Rückgewinnung von Reichslehen
folglich nicht gültig. Mit der Erweiterung
auf fast alle königlichen Privilegien verlor der
Willebrief diese Bindungswirkung wieder und
wurde als zusätzliches Mittel der Besitzbe-
stätigung verstanden, ohne Eingang in die im
14. Jahrhundert sich verstärkt entwickelnde
Reichsverfassung zu finden. Aus dieser Zeit
stammt der hier untersuchte Willebrief Ru-
dolf I. von Sachsen-Wittenberg.
Die Urkunde fehlt in den Balduineen, einer in
der Herrschaftszeit Balduins von Luxemburg
seit 1330 durch Abschreiben zusammenge-
tragenen Sammlung, die in vier Handschriften
erhalten ist, und wurde daher auch nicht von
Mötsch aufbereitet (vgl. Mötsch, Johannes:
Die Balduineen. Aufbau, Entstehung und In-
halt der Urkundensammlung des Erzbischofs
Balduin von Trier, Veröffentlichungen der
Landesarchivverwaltung 33, Koblenz 1980).
Deshalb erfolgt an dieser Stelle eine knappe
Beschreibung. Der Willebrief entstammt dem
Urkundenbestand der Trierer Kurfürsten im
Landeshauptarchiv Koblenz. Diesen ist auch
sein Empfänger, Balduin von Luxemburg, zu-
zurechnen, so dass eine durchgehende Über-
lieferung im Empfängerarchiv angenommen
werden darf. Bei der Urkunde handelt es sich
im Hinblick auf die Klassifikation um eine be-
händigte Ausfertigung auf Pergament. Das
beschädigte Siegel ist anhängend an einem
Pergamentstreifen. Der Willebrief Rudolfs
(Rodolphus Dei gratia dux Saxoniae sancti
Romani imperium archimarschalus)
wur-
de in Frankfurt am Main am 15. März 1339
ausgestellt
(Datum Frankenfort anno Domini
millesimo trecentesimo tricesimo nono Idus
Martii).
Da der Jahresanfang sich nach dem
Circumcisionsstil bestimmt, kann die Datie-
rung unproblematisch aufgelöst werden.
Rudolf stimmt der Privilegienbestätigung
und -erteilung Ludwigs des Bayern
(dominus
Ludewicus quartus romano-
rum imperator)
an Balduin
von Luxemburg
(Baldewini
sancte Trevirensis ecclesie
archiepiscopus)
zu, ohne
dass konkrete Privilegien
genannt werden.
Der Sachse Herzog Rudolf
I. aus dem Geschlecht der
Askanier hatte wohl auf-
grund der Abstammung
seiner Mutter Agnes, einer
Habsburgerin, bei der Dop-
pelwahl von 1314 Partei für
den ebenfalls aus dem Haus
Habsburg
stammenden
Friedrich III., genannt der
Schöne, ergriffen. Damit
stand er nach der Niederla-
ge Friedrichs gegen Ludwig
den Bayern in der Folge der
Schlacht bei Mühldorf am
Inn am 28. September 1322
im Lager der Verlierer. Bal-
duin von Trier gehörte in
der Auseinandersetzung mit
Friedrich der Partei Ludwigs
an und hatte diesen 1314 auch gewählt. Im
Übrigen hatte Sachsen-Lauenburg, das seit
der Erbteilung von 1296 mit Sachsen-Wit-
tenberg um das Recht der Königswahl stritt,
seine Stimme ebenfalls Ludwig gegeben und
damit nicht nur die Doppelwahl erst möglich
gemacht, sondern sich auch im Hinblick auf
die endgültige Sicherung des Rechts der Kö-
nigswahl einen Vorteil verschafft.
Es ist zu fragen, warum der Willebrief, ein
Zeichen der Annäherung an Ludwig, nicht
unmittelbar nach der Schlacht bei Mühldorf,
also nach der augenscheinlichen Niederlage
der Partei Friedrichs III., sondern erst viel
später ausgestellt wurde. Die Gründe hierfür
sind vielschichtig. Durch das Aussterben der
Askanier in Brandenburg 1320 verband Rudolf
Siegel Herzog Rudolfs I. von Sachsen-Wittenberg ab 1335 (Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden, Nr. 3433)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 21
die Hoffnung, dieses von ihm bereits seit 1319
verwaltete Territorium als Lehen zu erhalten.
Als 1323 Ludwig der Bayer seinen gleichnami-
gen Sohn Ludwig mit Brandenburg belehnte,
was im Sinne der Hausmachtpolitik des Wit-
telsbachers in der Hauptsache gegen Habs-
burg gerichtet war, bedeutete dies zugleich
eine Demütigung und Schlechterstellung für
Rudolf. Zwar stand er durch seine Parteinah-
me für Friedrich auf der unterlegenen Seite,
doch war er nicht machtlos. Im Streit mit
Papst Johannes XXII., der sich im Kirchen-
bann gegen den König vom 23. März 1324
manifestierte, war Ludwig zunehmend auf
Verbündete im Reich angewiesen. Selbst eine
Aussöhnung mit dem Haus Habsburg wurde
durch den König im Münchener Vertrag vom
5. September 1325 und auch den Ulmer Ver-
trag vom 7. Januar 1326 vorangetrieben.
Rudolf stellte sich gemeinsam mit seinem
Bruder Wenzel auf die Seite Ludwigs. Diese
gemeinsam mit anderen Fürsten des Reiches
geübte antikuriale Haltung führte für Rudolf
letztlich zur Verbesserung seiner rechtlichen
Position im Hinblick auf das Recht der Königs-
wahl. Im Kurverein von Rhens am 16. Juli 1338
schlossen sich die Kurfürsten zu einem un-
befristeten Bündnis zusammen. Erzbischof
Balduin, der frühe Parteigänger Ludwigs, und
Herzog Rudolf hatten damit eine Annäherung
vollzogen. Konkret wurde im Bündnis des Kur-
vereins bestimmt, dass nur ihnen die Wahl des
römischen Königs (des späteren Kaisers) ohne
päpstliche Einmischung bzw. Approbation zu-
stand. Damit festigte Rudolf seine Ansprü-
che gegenüber den Sachsen-Lauenburgern,
die am Kurverein von Rhens nicht beteiligt
waren. Auch der inzwischen zum Kaiser ge-
krönte Ludwig stellte sich mittelbar hinter
die Ansprüche Sachsen-Wittenbergs. Durch
sein Mandat „Licet iuris“ vom 6. August 1338
nahm er Bezug auf das Bündnis von Rhens, an
dem Rudolf und damit Sachsen-Wittenberg
beteiligt war. Er beanspruchte darin, die Kai-
serwürde aus der Wahl durch die Kurfürsten
abzuleiten. Politisch konnte Ludwig diesen
Anspruch nicht durchsetzen. Erst mehr als
150 Jahre später gelang dies Maximilian I. mit
dem Titel des Erwählten Römischen Kaisers.
Nahezu unmittelbar danach datiert Rudolfs
Willebrief an Balduin. Die vorerst gesicher-
te Position als Kurfürst und das damit ver-
bundene Amt des Erzmarschalls des Heiligen
Römischen Reichs wurden, wie oben gezeigt,
in der Inscriptio durch die Nennung des Erz-
marschallamtes dokumentiert bzw. demons-
triert. Das späte Ausstellen des Willebriefs ist
also in einer ersten Phase auf die Opposition
Rudolfs zu Ludwig zurückzuführen, die durch
die Belehnung von Ludwigs Sohn mit Bran-
denburg weiter Nahrung erhielt. In einer zwei-
ten Phase nutzte Rudolf die Auseinanderset-
zung des Königs bzw. Kaisers mit dem Papst
und zog schließlich hinsichtlich des Rechts
der Königswahl Vorteil aus dem Rhenser Kur-
verein. Diesen wiederum nutzte der Kaiser im
Sinne Rudolfs für sich, so dass der zu diesem
Zeitpunkt erfolgten Versöhnung mit Kaiser
Ludwig, wie auch bereits zuvor mit Erzbischof
Balduin, der Willebrief als ein äußeres Zei-
chen folgte.
Daniel Heimes
(Landeshauptarchiv Koblenz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 22
Vom Trödelmarkt gerettet – Der Wissenschafts-
verlag J. C. Hinrichs, Leipzig
1791 gründete August Leberecht Reinicke eine
Buchhandlung in Leipzig, in die er 1796 Johann
Conrad Hinrichs als Gesellschafter aufnahm.
1819 wurde Adolf Rost Teilhaber des nun unter
J. C. Hinrichs‘sche Buchhandlung firmieren-
den Geschäfts. Von nun an führten Angehö-
rige der Familie Rost die Buchhandlung und
den ab den 1860er Jahren davon getrennt
geführten Verlag J. C. Hinrichs. Dieser hatte
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
aufgrund der Herausgabe von Verzeichnissen
neu erschienener Bücher einen erheblichen
Bekanntheitsgrad im deutschen Buchhandel
erreicht, spezialisierte sich aber zunehmend
auf die Fachgebiete Theologie, Ägyptologie
und Orientalistik.
1863 erschien erstmals die älteste ägypto-
logische Zeitschrift der Welt, die „Zeitschrift
für Ägyptische Sprache und Altertumskun-
de“ (ZÄS). Zu einem bis heute wirkmächtigen
Standardwerk entwickelte sich das ab 1926
erscheinende „Wörterbuch der ägyptischen
Sprache“ von Adolf Erman und Hermann
Grapow. J. C. Hinrichs brachte die „Real-
encyklopädie für protestantische Theologie
und Kirche“ heraus und publizierte seit 1882
unter der Herausgeberschaft von Adolf von
Harnack und Oscar von Gebhardt die „Tex-
te und Untersuchungen zur Geschichte der
altchristlichen Literatur“. Bereits 1876 nahm
er die „Theologische Literaturzeitung“ (ThLZ)
in Verlag. Die Orientalistik gewann unter der
Verlagsleitung von Adolf Rost (ab 1891) zu-
nehmende Bedeutung. So wurden 1900 die
„Wissenschaftlichen Veröffentlichungen der
Deutschen Orient-Gesellschaft“ gegründet,
neben Robert Koldewey und Walter Andrae
publizierte dort auch der Nofretete-Ausgräber
Ludwig Borchardt. 1909 übernahm J. C. Hin-
richs mit dem Selbstverlag Felix Peiser auch
dessen „Orientalistische Literaturzeitung“
(OLZ) , die ebenso wie die ZÄS und die ThLZ
heute noch existiert.
Mit Gustav Rost, der 1934 erst 42-jährig starb,
endete eine lange verlegerische Familien-
tradition. 1937 konnte der Gothaer Verleger
Leopold Klotz als Geschäftsleiter gewonnen
werden. In den folgenden Jahren erschienen
– unter immer schwierigeren Bedingungen –
noch bedeutende Einzelveröffentlichungen.
Eine tragische Zäsur bildete die Zerstörung
des Verlagsgebäudes durch einen Bombenan-
griff am 4. Dezember 1943; zum Kriegsende
lag der Verlag danieder. Klotz gelang es zwar,
eine Verkaufslizenz zu erhalten, nicht aber eine
Lizenz zur Wiederaufnahme der Produktion.
Stattdessen wurde ihm nahegelegt, sich mit
dem 1946 gegründeten Akademie-Verlag in
Berlin in Verbindung zu setzen, dem im ent-
stehenden Verlagssystem der SBZ / DDR die
Funktion des zentralen Wissenschaftsverlags
zugewiesen worden war. 1956 starb Klotz, in
den folgenden Jahren ging fast der gesamte
Verlag in staatliches Eigentum über und wurde
treuhänderisch durch den Akademie-Verlag
Karte von H. Grapow an Rost, 1925 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22208 J. C. Hinrichs Verlag, Leipzig, Nr. 637, Bl. 80)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 23
verwaltet. Mit dem Ausscheiden der schließ-
lich einzigen Mitarbeiterin Lucie Geist endete
auch die Zeit des Verlags. Der Akademie-Ver-
lag wurde mit seiner Liquidation beauftragt,
die 1977 vollzogen wurde.
Noch vorhandene Unterlagen, v. a. wertvolle
Verträge und Autorenkorrespondenzen, wur-
den 1977 zum Akademie-Verlag nach Berlin
überführt. Der Akademie-Verlag selbst wurde
1991 durch Verkauf privatisiert, sein Archiv-
gut 1994 – ohne die Überlieferung des Verlags
J. C. Hinrichs – dem Archiv der Berlin-Branden-
burgischen Akademie der Wissenschaften
übergeben. Die Korrespondenzen mit Wissen-
schaftlern wie Adolf von Harnack und Carl
Schmidt, Alan Gardiner, Ludwig Borchardt,
Georg Steindorff oder Adolf Erman schienen
verloren; bis sie 2008 auf dem Stand eines
Trödelhändlers auf einem Berliner Flohmarkt
auftauchten.
Versucht man die Geschehnisse zu rekonstru-
ieren, ergibt sich folgendes Bild: Zu einem un-
bekannten Zeitpunkt kaufte ein Berliner Trö-
delhändler einem Speditionsunternehmen, das
eine ehemalige Betriebsstätte des Akademie-
Verlages geräumt hatte, ausgedientes Büro-
inventar ab. Unter den übernommenen Ge-
genständen befanden sich auch Kartons mit
den äußerlich nicht als solchen erkennbaren
Verlagskorrespondenzen. Der Händler lager-
te die Kartons zunächst in Berlin-Kreuzberg
ein, im Februar 2008 bot er einen kleinen Teil
der Unterlagen auf einem Trödelmarkt zum
Kauf an. Dort entdeckte sie Dr. Hans-Andreas
Schönfeldt, der sie zunächst aus philatelis-
tischem Interesse aufkaufte. Nachdem er
schnell den kulturhistorischen Wert der Unter-
lagen erkannt hatte, versuchte er in Kontakten
mit Berliner Wissenschaftseinrichtungen und
dem Landeskriminalamt einen Weg zu ihrer
Sicherung und öffentlichen Nutzbarmachung
zu finden. Seine Bemühungen blieben aber
vergeblich.
Nachdem Schönfeldt im Frühjahr 2009 der
Leiterin des Landeshauptarchivs Sachsen-
Anhalt von dem Sachverhalt berichtet hatte,
vermittelte diese den Kontakt zum Sächsi-
schen Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig. Das
Staatsarchiv Leipzig verwahrt Archivgut zahl-
reicher Leipziger Verlage in einem Gesamt-
umfang von über 1.200 laufenden Metern; zu
seinen Beständen zählt u. a. das Archivgut an-
derer bedeutender Wissenschaftsverlage wie
B. G. Teubner und Johann Ambrosius Barth.
Zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme hatte
Schönfeldt zwei Drittel der vorhandenen Un-
terlagen aufgekauft, weitere Ankäufe jedoch
aufgrund der mangelnden Unterstützung
zurückgestellt. Nach dem Ankauf des ersten
Teils durch das Sächsische Staatsarchiv konnte
er auch die restlichen Unterlagen vom Trö-
delhändler erwerben, sie wurden im Frühjahr
2010 durch das Staatsarchiv übernommen.
Um eine zügige Benutzung zu ermöglichen,
wurde das Archivgut umgehend erschlossen
und technisch bearbeitet und bildet nun den
7 lfm umfassenden Bestand „22208 J. C. Hin-
richs Verlag, Leipzig“ mit Archivalien aus dem
Zeitraum 1888 bis 1975. Im November 2010
wurden ausgewählte Autographen erstmals
der Öffentlichkeit präsentiert; die Gastredner
Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph Markschies und
Prof. i. R. Elke Blumenthal würdigten eindrück-
lich die wissenschaftsgeschichtliche Bedeu-
tung des Verlags.
Thekla Kluttig
(Staatsarchiv Leipzig)
Korrespondenzmappen des Verlagsbestands J. C. Hinrichs bei der Übernahme 2010 (Foto Thekla Kluttig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 24
Training the Trainers – Internationale Tagung zum
Thema Notfallplanung in Archiven in Kattowitz
In der Zeit vom 21. bis zum 24. September 2010
fand in Kattowitz in Polen der erste „Internati-
onal Emergency Preparadnes Workshop“ auf
Einladung des Polnischen Staatsarchivs und
unter finanzieller, organisatorischer und per-
soneller Unterstützung und Mitwirkung des
Tschechischen Nationalarchivs, des Bundes-
archivs der Bundesrepublik Deutschland und
des Sächsischen Staatsarchivs statt. Seit Juni
2007 unterhalten diese Institutionen unter
der Bezeichnung „European Disaster Preven-
tion Group“ einen grenzübergreifenden Ar-
beitskreis, dem außer Dr. Barteleit (Referent
für Bestandserhaltung und Notfallbeauftrag-
ter des Bundesarchivs), Dr. Durovic, (Leiter der
Konservierungsabteilung des tschechischen
Nationalarchivs in Prag) und Frau Czajka
(Zentrallabor zur Konservierung archivischer
Unterlagen in Warschau) der Verfasser die-
ses Beitrages als Leiter des Archivzentrums
Hubertusburg und Notfallbeauftragter des
Sächsischen Staatsarchivs angehören.
Bisher beschäftigte sich der Arbeitskreis mit
dem Aufbau einer Informationsplattform
im Internet, die von den beteiligten Ländern
Deutschland, Polen und Tschechien sowie
Sachsen unterhalten wird, sowie mit der in-
haltlichen und organisatorischen Vorberei-
tung dieser internationalen Fachtagung, die
von Anfang an als Veranstaltung mit zwei
Schwerpunkten konzipiert wurde. Zum Ei-
nen wurden einschlägige Vorträge wie etwa
zum Thema „Notfallmanagement und Risi-
koanalyse in Archiven“ oder Auswertungen
des Hochwassers 2002 aus tschechischer
und aus sächsischer Sicht, des Einsturzes
des Stadtarchivs Köln und des Brandes der
Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar geboten.
Zum Anderen wurden praktische Übungen
veranstaltet, die den insgesamt zwei Dutzend
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Polen,
Tschechien und Deutschland einen Eindruck
von der Komplexität der Situation unmittel-
bar nach einem Katastrophenereignis vermit-
telten. Anhand solcher „case studies“ etwa
zu Wasserschäden in einem Archiv oder zu
einem Brandfall und in Folge davon massi-
vem Löschwasserschaden in einer Bibliothek
mitsamt einer Sensationsfotos erheischen-
den „Medienbegleitung“ wurden realistische
Krisen szenarien quasi spielerisch durchlebt
und die so gewonnenen Erfahrungen unmit-
telbar im Anschluss in Arbeitsgruppen unter
fachlicher Leitung ausgewertet.
Eine Videodokumentation der Tagung wird
zur Zeit vorbereitet und soll über die Home-
page des Arbeitskreises öffentlich zugänglich
gemacht werden. Bis das soweit ist, müssen
obige Fotoimpressionen genügen.
Thomas-Sergej Huck
(Archivzentrum Hubertusburg)
… Archivgut wird von …
… engagierten Kräften …
… geborgen …
… doch die Medien …
… behindern die Bergung …

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 25
Kolloquium zur Adelsfamilie von Schönberg
im Staatsarchiv Leipzig
Am 22. Oktober 2010 lud das Sächsische
Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig zum zwei-
ten Mal zu einer Fachveranstaltung zur Erfor-
schung des sächsischen Adels ein. Nachdem
2005 die Familie von Einsiedel im Mittelpunkt
des Interesses stand, war der Blick diesmal
auf die in Sachsen weit verbreitete Familie
von Schönberg gerichtet. Etwa 80 Historiker,
Archivare, Genealogen, Mitglieder der Histori-
schen Kommission des sächsischen Adels und
der Adelsfamilie selbst folgten der Einladung
ins Staatsarchiv.
Die Vorträge waren in drei Themenbereiche
untergliedert: Nach der Begrüßung und einer
Einführung in den Forschungsstand durch
Volker Jäger (Staatsarchiv Leipzig) waren die
ersten beiden Referate auf die Gesamtfamilie
sowie die Besitzgeschichte der von Schön-
berg gerichtet. Hans-Jürgen Voigt (Staats-
archiv Leipzig) zeichnete die Entstehung
der einzelnen Linien des weit verzweigten
Geschlechts nach und gab einen Überblick
über den Stand der Aufarbeitung der Fami-
liengeschichte. Anhand der im Nachlass von
Friedrich Wecken vorhandenen Vorarbeiten
machte er auf Desiderate in der Weiterfüh-
rung der Familiengeschichte von Schönberg
ab dem 17. Jahrhundert aufmerksam. Auf
eine Fülle von Einzelerhebungen stützte sich
der Vortrag von Matthias Donath (Dresden)
über die Besitzungen der Familie von Schön-
berg in Sachsen. Er konnte mehr als 200 Gü-
ter ausmachen, die ab dem 13. Jahrhundert
bis 1945 mit unterschiedlicher Dauer im
Besitz von Angehörigen der Familie waren.
Durch die Analyse von Erwerbszeitpunkt,
Besitzdauer und -verteilung gelangen ihm
wichtige Aussagen zu den Erwerbsstrategien
der Adelsfamilie, die anschließend in einer
lebhaften Diskussionsrunde aufgegriffen
wurden.
Der zweite Themenkreis befasste sich mit
einzelnen Vertretern und dem adligen Selbst-
verständnis der Familie. Enno Bünz (Leipzig)
erläuterte anhand einer Fallstudie die Aus-
sagekraft der Regesten des „Repertorium
Germanicum“ im Vatikanischen Archiv über
die Geistlichen aus dem Hause Schönberg.
Anschließend erläuterte Vicky Rothe (Leip-
zig) die in der Geschlechterordnung von 1675
enthaltenen Strategien des „Obenbleibens“
der Adelsfamilie. Dazu korrespondierten die
Dr. Volker Jäger, Leiter des Staatsarchivs Leipzig, bei seinem Vortrag auf dem Kolloquium (Foto Armin Junghans)
im Vortrag von Jens Kunze (Wermsdorf) vor-
gestellten Bestimmungen aus der „Väterli-
chen Verordnung“ des Caspar von Schönberg
aus dem Jahr 1674. Diese grundlegenden Re-
flexionen über das Verhalten als Vertreter der
Familie von Schönberg bedürfen – so wurde
in der Diskussion deutlich – des Vergleichs
mit anderen Adelsgeschlechtern.
Der dritte Themenkomplex stellte die archi-
valischen Quellen in den Mittelpunkt. Peter
Wiegand (Hauptstaatsarchiv Dresden) gab
einen Überblick über die zahlreichen Bestän-
de des Hauptstaatsarchivs, die Unterlagen zur
Familie von Schönberg beinhalten, und ging
näher auf die Quellen zum Stiftungswesen
ein. Für das Staatsarchiv Leipzig erläuterte
Birgit Richter die Etappen der Entstehung
des Archivbestands „20561 Rittergut Tham-
menhain“. Das Findbuch zum Bestand mit
mehr als 900 Akten und 49 Urkunden konnte
pünktlich zum Kolloquium auf der Homepage
des Staatsarchivs veröffentlicht werden.
Abschließend stimmte Rüdiger Freiherr von
Schönberg (Thammenhain) mit einem histo-
rischen Überblick über seine Vorfahren auf
Schloss Thammenhain auf die nachfolgende
Exkursion ein.
Dass das Thema der Veranstaltung nachhal-
tiges Interesse hervorgerufen hatte, zeigten
auch die angeregten Pausengespräche beim
Imbiss, zu dem das Staatsarchiv eingeladen
hatte. Für einen archiv-würdigen Rahmen
sorgte eine Ausstellung von Archivalien zum
Rittergut Thammenhain und zur Familie
von Schönberg im Veranstaltungsraum. Die
Mehrzahl der Teilnehmer nutzte die Mög-
lichkeit, während der Exkursion nach Tham-
menhain „Geschichte vor Ort“ zu erleben. Der
Druck der Beiträge in einem Tagungsband
wird durch das Staatsarchiv Leipzig derzeit
vorbereitet.
Birgit Richter
(Staatsarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 26
Plenarvideos des Sächsischen Landtages gesichert
Die Plenarprotokolle eines Parlaments bie-
ten politisch Interessierten sozusagen „Po-
litik aus erster Hand“. Für Historiker stellen
diese wörtlichen Niederschriften, auch „ste-
nographische Berichte“ genannt, nicht nur
eine wichtige Quelle zur Erforschung der
Parlamentsgeschichte dar, sondern sie bieten
auch zahlreiche Informationen zu einzelnen
Personen, zu historischen Ereignissen und
zur politischen Geschichte eines Landes. Die
sächsische Überlieferung von der Einrich-
tung der Ständeversammlung des König-
reichs Sachsen 1833 bis zur Auflösung des
Landtages 1952 wird im Sächsischen Staats-
archiv, Hauptstaatsarchiv Dresden verwahrt.
Heutzutage werden die Protokolle des Säch-
sischen Landtages nicht nur gedruckt, son-
dern – so weit es sich um eine öffentliche
Sitzung handelte – auch im Internet veröf-
fentlicht. Die Geschäftsordnung des Landta-
ges sieht darüber hinaus vor, dass Ton- und
Bildaufzeichnungen gefertigt werden, die
nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen im
Parlamentsarchiv niederzulegen sind. Dazu
gehören auch die Plenarvideos, die in Sachsen
seit der ersten konstituierenden Sitzung des
Landtages am 27. Oktober 1990 – zunächst
noch mit Unterstützung der Evangelischen
Landeskirche und dann mit eigener Video-
technik – aufgezeichnet werden. Anders als
die schriftlichen Protokolle dokumentieren sie
nicht nur das gesprochene Wort, sondern sie
liefern ein umfassenderes Bild einer Sitzung,
indem sie z. B. den Tonfall und die Gestik des
Redners, aber auch die Stimmung im Plenum
dokumentieren.
Aufgezeichnet auf S-VHS – einem wenig
verbreiteten und heute veralteten analogen
Videosystem – sind vor allem die frühen Plen-
arvideos des Sächsischen Landtages in ihrer
Erhaltung gefährdet. Das Parlamentsarchiv
trat daher bereits Anfang 2009 an das Sächsi-
sche Staatsarchiv heran, um eine gemeinsame
Lösung für die Archivierung dieser wichtigen
Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung durch Dr. Matthias Rößler, Präsident des Sächsischen Landtags,
und Dr. Jürgen Rainer Wolf, Direktor des Sächsischen Staatsarchivs, am 29.10.2010 (Foto Ines Dietrich)
historischen Überlieferung zu finden. Nach-
dem das Staatsarchiv im Juni 2009 das Ar-
chivzentrum Hubertusburg in Betrieb nehmen
konnte, in dem neben der Zentralwerkstatt für
Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut nun
auch das Sachgebiet Audiovisuelle Medien mit
den erforderlichen Sondermagazinen unter-
gebracht ist, konnte am 29. Oktober 2010 ein
Kooperationsvertrag über die Sicherung, Ver-
wahrung und Erschließung der Plenar videos
der 1. und 2. Wahlperiode (1990–1999) unter-
zeichnet werden.
Mit dem Vertrag wurde vereinbart, dass das
Staatsarchiv die Videobänder verwahrt, eine
Sicherungskopie im jeweils gültigen Master-
Format herstellt und für den Sächsischen
Landtag eine Benutzerkopie als Video-DVD
anfertigt. Der Landtag kommt im Gegen-
zug für die Personal- und Nebenkosten auf,
erschließt die Videobänder und stellt dem
Staatsarchiv die Erschließungsdaten zur Ver-
fügung, damit jederzeit ein Rückgriff auf die
Aufzeichnungen hergestellt werden kann. Bei
der Übergabe der Bänder handelt es sich je-
doch nicht um eine Übergabe von Archivgut
im Sinne von § 12 Sächsisches Archivgesetz.
Da der Landtag ein eigenes Archiv unterhält,
werden die Parlamentsvideos nicht in den
Bestand des Sächsischen Staatsarchivs über-
nommen; die Nutzung der Videoaufzeichnun-
gen erfolgt auch künftig ausschließlich über
das Parlamentsarchiv.
Der Sächsische Landtag und das Sächsische
Staatsarchiv haben durch diese Kooperation
nicht nur sicher gestellt, dass eine wichtige
historische Quelle aus der bewegten An-
fangszeit des Freistaates für nachfolgende
Generationen erhalten werden kann. Zu-
kunftsweisend ist auch die gemeinsame Nut-
zung des Know-hows und der vorhandenen
räumlichen und technischen Ausstattung, die
in Zeiten knapper Ressourcen immer größere
Bedeutung gewinnt. Die Tatsache, dass auch
Plenarvideos künftig ausschließlich digital
aufgezeichnet werden, macht deutlich, vor
welcher Herausforderung die Archive und
mit ihnen ihre Träger stehen, wenn sie den
Bürgern auch in Zukunft „Politik aus erster
Hand“ anbieten möchten.
Andrea Wettmann
(Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 27
Zentraler Server für archivische Fachanwendung,
Upgrade der Software
Es ginge auch mit Karteikarten und den Be-
hördenrepertorien aus dem 18. Jahrhundert.
Dann wären wir aber mindestens von vorges-
tern. Das Sächsische Staatsarchiv mit seinen
unendlich wertvollen Dokumentenschätzen
der jüngeren und ferneren Vergangenheit
hat es sich auf die Fahnen geschrieben, diese
kundenfreundlich für die Benutzung zur Ver-
fügung zu stellen und dabei so effizient wie
nur irgend möglich zu arbeiten.
Zwei Beispiele:
Beispiel 1:
Das Staatsarchiv hat sich nach
einem intensiven Abwägungsprozess für die
neueste Version der Archivsoftware Augias-
Archiv 8.2 entschieden. Mit ihr können die
Kunden nun direkt von den Recherche-PCs in
den Lesesälen Archivalien für ihre Forschun-
gen bestellen. Hat das Staatsarchiv in den
letzten Jahren bereits intensiv an der Über-
tragung seiner Findmittel in elektronische
Form gearbeitet, wird dies nun noch einmal
forciert werden, damit bald das gesamte frei
zugängliche Archivalienvermögen des Frei-
staats Sachsen so recherchiert werden kann.
Im Hintergrund wird an Effizenzsteigerun-
gen gearbeitet, die der Benutzer des Staats-
archivs nur vermittelt durch einen besseren
Service bemerkt. Stichworte sind hier u. a.:
Einbindung von Sonderlösungen im Bereich
der Archivalienlagerhaltung und des Nach-
weises von Reprographien; schnellere Er-
stellung von Beständeübersichten und Find-
büchern; Bereinigung von überkommenen,
schwer durchschaubaren bzw. missverständ-
lichen Signaturschemata; Einbindung der
Rechercheliste mit für die Bestellung markierten Archivalien (Foto Michael Merchel)
Erschließungsinformationen zu den audio-
visuellen Medien in die zugehörigen Akten-
bestände.
Beispiel 2:
Seit diesem Jahr werden die Er-
schließungsinformationen zu den Archivalien
aller Standorte über einen zentralen Termi-
nalserver verwaltet. So kann nun von jedem
Standort aus auf alle Erschließungsdaten im
Bereich des Staatsarchivs zugegriffen werden.
Der Kenner unter den Benutzern weiß, dass ar-
chivische Dokumente oft einer Ergänzung aus
Dokumenten anderer Standorte bedürfen, um
ihren vollen Informationswert zu offenbaren.
Das bedeutete zunächst immer Recherche-
reisen zur Ermittlung relevant erscheinender
Archivalien und in der Regel dann eine zwei-
te Reise zur eigentlichen Forschung. Durch
die zentrale Terminalserverlösung kann nun
komfortabel standortübergreifend ermittelt
werden. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings
auf absehbare Zeit bestehen – die Archivalien
selbst werden aus Bestandserhaltungsgrün-
den nicht mit durch die Datenleitung gepresst.
Die Reise zur Einsichtnahme bleibt.
Unbemerkt von den Archivbenutzern hat das
neue System im Hintergrund noch einen an-
deren Effekt, nämlich eine dem technischen
Stand entsprechende Sicherung der Erschlie-
ßungsdaten. Dies sind zwar nicht die Archi-
valien selbst, aber ein Verlust auch nur dieser
Daten wäre ein herber Rückschlag für jeden
Kunden des Archivs. Ziel ist es darüber hinaus,
alle Daten der verschiedenen Standorte nicht
nur auf einem Server zu verwalten, sondern
auch in einer einzigen Datenbank zusam-
menzufassen. Dies würde dann Ihnen, den
Benutzern, für die das Staatsarchiv dies alles
tut, über ein komfortableres und schneller
zu aktualisierendes Internetangebot zugute
kommen. Bis dahin muss aber noch einiges
an Arbeit investiert werden – und dies wird
eine neue Meldung sein.
Michael Merchel
(Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 28
Nachhaltige Hilfe für das Stadtarchiv Köln
durch das Sächsische Staatsarchiv
Spätestens seit der Elbeflut 2002 weiß man im
Sächsischen Staatsarchiv die Unterstützung
Dritter bei der Bergung durchnässten Archiv-
gutes und anschließender konservatorisch-
restauratorischer Bearbeitung zu schätzen.
Daher war es der Sächsischen Archivverwal-
tung ein nur allzu selbstverständliches Anlie-
gen, dem Stadtarchiv Köln nach dem Einsturz
des Archivgebäudes zeitnah Hilfe und Unter-
stützung anzubieten. Direkte Hilfe erfolgte
quasi sofort auf der persönlichen Ebene in
Form der Unterstützung durch Archivare, die
vor Ort bei der Bergung von Archivgut mit-
wirkten.
Unterstützung bei der restauratorischen Be-
arbeitung von aus der Einsturzstelle gebor-
genem Archivgut wird – nach im Jahr 2009
erfolgten, im Herbst schließlich konkret ge-
wordenen Vorverhandlungen – direkt und
praktisch seit Mitte Februar 2010 im Archiv-
zentrum Hubertusburg gewährleistet. In der
dort untergebrachten Zentralwerkstatt für
Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut
(ZErAB) wird seither im Rahmen eines Pilot-
projektes unter Anleitung einer – und über
Phasen: einer zweiten – Restauratorin des
Historischen Archivs sowie mit Unterstützung
von zeitweise elf Projektkräften und zusätzlich
unter zeitweiliger Mitwirkung dreier Kölner
Archivare bei der Bestandsreorganisation ge-
frorenes Archivgut mit der Gefriertrocknungs-
anlage vakuumgetrocknet und anschließend
einer ersten restauratorischen Bearbeitung
zugeführt.
Diese besteht zunächst aus der trockenen
Reinigung der Papieroberflächen, um die Be-
aufschlagung durch aufliegenden alkalischen
Baustaub zu entfernen. Die gereinigten Archi-
valien werden, soweit möglich, foliiert und in-
dividuell barcodiert, damit auf dieser Grund-
lage und unter Einsatz einer internetbasierten
Software die Zusammenführung der gewöhn-
lich höchst disparaten Archivalien in die ur-
sprünglichen Überlieferungszusammenhänge
erfolgen kann. Ferner werden einfache kon-
servatorische Maßnahmen wie Papierglättung
und Rissschließungen durchgeführt, die für
die anschließende Digitalisierung notwendig
sind um weiteren Schädigungen vorzubeugen.
Anders als bei den meisten institutionellen
Unterstützungsangeboten, die dem Stadtar-
chiv Köln unterbreitet wurden und die sich
meist auf das Angebot der Übernahme der
Res taurierung von einzelnen Archivgutstü-
cken, wie etwa in Sachsen im Falle der Säch-
sischen Landes- und Universitätsbibliothek
Dresden, die für Köln vier Rechnungsbücher
aus dem 14. und 17. Jahrhundert restaurierte
und zugleich eine digitale Reproduktion davon
angefertigt hat, ist das Angebot des Sächsi-
schen Staatsarchivs von Anfang an nicht auf
die Einzelrestaurierung von Zimelien aus-
gerichtet gewesen, sondern auf die serielle
Bearbeitung großer Mengen einsturzbedingt
geschädigten Archivgutes.
Angesichts der Dimensionen der Schäden,
die der Einsturz in Köln verursacht hat, ist
mit konventionellen, auf das archivische
Einzelstück gerichteten Methoden der Res-
taurierung in absehbarer Zeit nicht mit einer
Behebung eines nennenswerten Anteils der
Schäden am Archivgut zu rechnen. Hierzu be-
darf es neuer, auf die zeitgleiche Behandlung
großer Mengen geschädigter Archivalien aus-
gerichteter restauratorischer Verfahren, die
mit der ZErAB im AZH in Sachsen erstmals
im nichtkommerziellen Bereich zur Verfügung
stehen. Etwa 85 % des Gesamtbestandes von
30 Regalkilometern weisen starke bis mit-
telstarke Schädigungen auf. Neben vielfach
mechanischen Schäden, tritt durch Feuchtig-
keitseintrag aus dem Grundwasser auch
vielfach ein Befall mit Mirkoorganismen auf.
Allen geborgenen Objekten ist zudem gemein,
dass sie durch die Unmengen an entstande-
nem Baustaub und -schutt , der einen sehr
hohen pH-Wert aufweist, verunreinigt sind.
Vor allem die Trockenreinigung bildet daher
den Hauptteil der im Archivzentrum durchge-
führten Arbeiten durch das Historische Archiv.
Bisher wurden auf der Grundlage des Projekt-
vertrages, der dem Zweck diente, geeignete
Workflows für die restauratorische Tätigkeit
zweier unterschiedlicher Behörden unter
einem Dach zu ermitteln, 70 lfm Archivgut
in oben beschriebener Weise bearbeitet und
ca. siebeneinhalb Tonnen Archivgut in den
Gefriertrockenanlagen getrocknet. Zugleich
wurden während der Projektlaufzeit die Kos-
ten ermittelt, die der Freistaat der Stadt Köln
monatlich für die Nutzung der Restaurie-
rungswerkstätten nebst Spezialtechnik und
Büroräumen in Rechnung stellt.
Nach Abschluss des derzeit noch im Ver-
handlungsprozess befindlichen Kooperati-
onsvertrages sollen die bisherigen Tätigkei-
ten im allerdings personell bis zum Dreifachen
verstärkten Rahmen fortgesetzt werden. Es
sollen darüber hinaus auch weiterführende
Restaurierungsprozesse etabliert werden. So
werden in den Spezialwerkstätten des Archiv-
zentrums zukünftig auch gerollte Pläne und
Karten bearbeitet werden.
Thomas-Sergej Huck /
Sabrina Rakelmann
(Archivzentrum Hubertusburg /
Stadtarchiv Köln)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 29
Theater im Bergarchiv Freiberg
Unglücke im Bergbau wirken durch die damit
einhergehenden menschlichen Katastrophen
im kollektiven Gedächtnis lange nach. Es
kommt jedoch auch vor, dass sie durch die
Erinnerung an nachfolgende Ereignisse über-
lagert werden. Während im Zwickauer Stein-
kohlerevier die Erinnerung an das große Gru-
benunglück von 1960 auch heute noch sehr
virulent ist (s. Beitrag von Clemens Heitmann
im Sächsischen Archivblatt 1/2010), ist in der
öffentlichen Wahrnehmung ein weiteres gro-
ßes Unglück aus dem Jahr 1952 weit weniger
präsent. 48 Bergleute kamen damals bei ei-
nem Grubenbrand ums Leben. Die Unterlagen
dazu werden im Bergarchiv Freiberg verwahrt
(Bestand 40124 VEB Steinkohlenwerk Martin
Hoop). Infolge des Unglücks kam es zu einem
Prozess vor dem Obersten Gericht der DDR,
der von der berüchtigten Hilde Benjamin ge-
führt wurde. Weiterhin wurde ein Schriftstel-
ler beauftragt, die Geschehnisse literarisch zu
verarbeiten (Rudolf Fischer, Martin Hoop IV,
Berlin 1958). Dieser Roman bietet eine sehr
eigene, den politischen Vorgaben geschul-
dete Interpretation der Ereignisse; allerdings
zeigt sich in einzelnen Details, dass der Autor
wahrscheinlich über Akteneinsicht verfügte.
Diese drei Quellenkorpora – Betriebsunter-
lagen, Prozessunterlagen, Roman – bilden ein
spannungsreiches Konglomerat von verschie-
denen Texttypen und Sichtweisen desselben
Ereignisses. Das Mittelsächsische Theater
Freiberg fand sich bereit, auf der Basis dieser
Vorlagen eine Lesung zu konzipieren und in
den Räumen des Bergarchivs dramaturgisch
in Szene zu setzen. Schauspieldramaturg
Klaus-Peter Fischer und die Schauspieler Ines
Kramer, Andreas Jendrusch und Christian
Weber verwandelten daraufhin das „grüne
Foyer“ des Verwaltungstraktes des Bergar-
chivs Freiberg Mitte September 2010 in eine
kleine Theaterbühne. Geschickt nutzten sie die
Treppe und die Galerie des Obergeschosses,
um einzelne Dokumente und Versatzstücke
zu präsentieren. Von Jonas Pöpelmann am
Schlagzeug begleitet entstand so ein viel-
schichtiges Bild der dramatischen Ereignis-
se, sowohl von den intensiven Bemühungen
der Rettungsmannschaften, als auch von der
bürokratisch-nüchternen „Abwicklung“ der
Hinterbliebenenversorgung und der ideolo-
gisch verzerrten gerichtlichen Aufarbeitung.
Peter Hoheisel
(Bergarchiv Freiberg)
Ausstellung „Adolf Bleichert & Co. –
Leipziger Verlade- und Transportanlagen
in aller Welt“ im Staatsarchiv Leipzig
Die Ausstellung, die vom 2. Dezember 2010
bis 15. April 2011 zu sehen war, dokumen-
tierte eindrucksvoll die Geschichte und
Produktpalette der Firma Adolf Bleichert &
Co. in Leipzig und deren Nachfolgebetriebe
von der Gründung im Jahre 1874 bis 1953.
Nicht nur Archivalien des Staatsarchivs, wie
Geschäftsunterlagen, zahlreiche Fotos und
Werbefilme aus den 1930er Jahren, wurden
präsentiert, sondern auch Leihgaben des För-
dervereins „Heinrich-Budde-Haus“ e. V., des
Bürgervereins Gohlis e. V. sowie der Dresdner
Verkehrsbetriebe AG / Gruppe Bergbahnen be-
reicherten u. a. mit Tafeln, Modellen, originalen
Drahtseilen und Gemälden die Ausstellung.
Mit den Aufträgen für die Firma Krupp in Essen
von 1875 bis 1878 begann die Entwicklung
der Firma zum Weltmarktführer des Draht-
seilbahnbaues. Viele Patente zur Entwicklung
des „Bleichertschen Systems“ wie beispiels-
weise der Einsatz von Winkelstationen, des
geflochtenen Drahtseils und die Erfindung der
selbsttätigen Kupplungsklemme „Automat“
für die Seilbahnwagen zur Überwindung von
großen Steigungen im Gebirge waren Grund-
lage für den Aufstieg des Unternehmens. Die
Seilbahnen wurden vor allem als Transport-
mittel für Rohstoffe und Massengüter in der
Montanindustrie eingesetzt.
Nach dem Tod des Firmengründers Adolf Blei-
chert im Jahre 1901 übernahmen die Söhne
Max und Paul Bleichert die Leitung des Unter-
nehmens. Die Produktpalette wurde ständig
erweitert und neben Drahtseilbahnen auch
Elektrohängebahnen, Becherwerke, Seil- und
Kettenförderer, Bagger u. a. Verlade- und
Transportanlagen gebaut. In den 1920er Jah-
ren konstruierte und montierte die Firma die
ersten Personen-Seilschwebebahnen, z. B.
1926 die Österreichische Zugspitzbahn in
Ehrwald (Tirol).
Infolge der Weltwirtschaftskrise und den da-
mit verbundenen sinkenden Auftragseingän-
gen musste die Firma am 4. April 1932 Konkurs
anmelden. Unter Ausschaltung der Familie
Bleichert wurde das Unternehmen am 23. Juni
1932 als Bleichert Transportanlagen GmbH
Leipzig neu gegründet. Die Firma gehörte ab
1946 zur Sowjetischen Aktiengesellschaft Po-
djomnik, wurde 1953 nach der Rückgabe an
die DDR verstaatlicht und in VEB Verlade- und
Transportanlagen Leipzig umbenannt.
In der Ausstellung wurden ausgewählte Ver-
lade- und Transportanlagen, die in Leipzig,
Deutschland und Europa sowie in den übri-
gen Kontinenten gebaut wurden, vorgestellt.
Zu den größten in der Stadt Leipzig einge-
setzten Drahtseilbahnen gehörte um 1901 die
Materialbahn, die Sand und Kies für den Bau
des Leipziger Völkerschlachtdenkmals trans-
portierte. Die berühmte Predigtstuhlbahn in
Bad Reichenhall, mit deren Bau im Jahr 1927
begonnen wurde, gilt heute als die älteste im
Original erhaltene, ganzjährig verkehrende
Großkabinenseilbahn der Welt. Die Bahn wur-
de am 1. Juli 1928 in Betrieb genommen und
ist seit dieser Zeit ohne jede Beanstandung
im Dienst. Gezeigt wurde auch ein Foto der
1909 gebauten nördlichsten Drahtseilbahn
in Spitzbergen (Norwegen). Sie förderte die
Kohle aus den Gruben ohne Umladung bis in

image
image
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 30
die im Hafen liegenden Lastdampfer. In den
argentinischen Kordilleren errichtete die Firma
Bleichert 1903 bis 1904 die zur damaligen Zeit
mit 34 km längste Seilbahn der Welt. Sie dien-
te zum Transport von Erzen aus den Minen,
die sich in einer Höhe von 4600 m befanden
bis zur Talstation Chilecito in 1076 m Höhe.
Mit Inbetriebnahme der Bahn sanken die
Transportkosten von umgerechnet 50 Mark
je Tonne auf 5,30 Mark. Das Maschinenhaus
und die Talstation sind noch heute erhalten
und können besichtigt werden. In weiteren
Auf der Grundlage von Exponaten bereitete die
Archivpädagogin Merit Kegel zum Thema „In-
dustrialisierung in Sachsen“ archivpädagogi-
sche Angebote speziell für die Klassenstufen 8
und 11 vor. In zwei Fortbildungen informierten
sich Geschichtslehrer von Gymnasien über die
Ausstellung und die damit verbunden Schü-
lerprojekte im Staatsarchiv Leipzig. Die Ange-
bote, die auch Fächer verbindende Elemente
(Physik und Geografie) enthielten, fanden eine
große Resonanz. Lehrer und Schüler nutzten
die präsentierten Archivalien sowie weitere
Unterlagen anderer Wirtschaftsbestände für
zahlreiche Workshops und Führungen.
Die Ausstellung war u. a. durch Werbung in
der Presse und innerhalb des Bürgervereins
Leipzig-Gohlis e. V., sehr gut besucht. Einige
Besucher, darunter ehemalige Beschäftigte
des VEB Verlade- und Transportanlagenbau
Leipzig sowie an der Geschichte des Drahtseil-
bahnbaus und der Stadt Leipzig Interessierte,
suchten das Gespräch mit den Archivmitarbei-
tern und übergaben Bücher und Unterlagen
zur Bestandsergänzung. Besonderer Dank gilt
Herrn Dr. Hötzel, der uns in der Vorbereitungs-
phase beratend zur Seite stand, Vorträge hielt
und mit dem Bürgerverein Leipzig-Gohlis e. V.
eine Broschüre zur Ausstellung herausgab.
Marion Fechner
Elektrokarren „Eidechse“, Hauptbahnhof München, um 1930 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20781
(Staatsarchiv Leipzig)
Bleichert Transportanlagen GmbH, Leipzig, Nr. 502/75)
Rezensionen
Niklot Klüßendorf, Münzkunde. Basiswissen
(Band 5 Hahnsche Historische Hilfs-
wissenschaften, hrsg. von Elke Frfr.
von Boeselager und Thomas Vogtherr),
Verlag Hahnsche Buchhandlung :
Hannover 2009, 128 S., 29 s/w Abb.,
ISBN 978-3-7752-6135-7, 14,80
Mit der vorliegenden Publikation „Münz-
kunde“ wird die Reihe der „Hahnschen His-
torischen Hilfswissenschaften“ um einen
weiteren profunden Band ergänzt. Dabei ge-
hört der vereinfachende Titel zur Konzeption
dieser Reihe, denn Klüßendorf betrachtet die
Numismatik im größeren Zusammenhang der
Geldgeschichte und bindet sie in den Kanon
der Historischen Hilfswissenschaften ein.
Ausstellungsabschnitten wurden Erfindun-
gen der Firma Bleichert um 1930 vorgestellt.
Dazu gehörten der Elektrokarren „Eidechse“
mit Trittbrettlenkung und der Kugelschauf-
ler. Letztgenannter arbeitete ähnlich wie ein
Bagger, nahm das Schüttgut aber schonender
auf und beförderte es auf Transportwagen.
Neben der Produktpalette des Unternehmens
wurden auch Gemälde und originale Quel-
len zur Familie Bleichert, den Werkstätten in
Leipzig-Gohlis und den sozialen Bedingungen
der Belegschaft präsentiert.
Als Historiker und
Volkskundler mit
langjähriger Praxis
in den Staatsarchi-
ven Detmold und
Marburg sowie als
Lehrbeauftragter
an der Archivschule
Marburg und zu-
letzt als Professor
für
Numismatik
und Geldgeschichte an der Philipps-Univer-
sität Marburg ist Niklot Klüßendorf (* 1944)
heute wohl einer der besten Kenner der The-
matik. Der Autor versteht sein Werk vor allem
als „Studienbuch mit dem gebotenen kom-
primierten Überblick“ und als „Einstiegshilfe“
(S. 8) für Studierende der Geschichtswissen-
schaften und interessierte Laien. In sechs
Hauptkapiteln bietet der Autor aus Sicht des
Rezensenten weit mehr als nur Basiswissen im
Sinne einer Einführung in die Geldgeschichte,
sondern stellt auch komplexe Sachverhalte
verständlich dar und vermittelt einen umfas-
senden Blick auf die zahlreichen Berührungs-
punkte mit anderen Hilfswissenschaften und
Quellengattungen. Nach einem kurz gehalte-
nen Kapitel „Historische Hilfswissenschaften
und Numismatik“, in dem die geschichtliche
Entwicklung der Numismatik und ihr Platz
unter den Hilfswissenschaften skizziert wird,
stehen im II. Kapitel Gegenstand und Metho-
den der Numismatik nach Quellengruppen im
Fokus. Dabei konzentriert sich der Autor auf

image
Geldzeichen, Münzfunde und Schriftquellen
und geht in mehreren Unterkapiteln ausführ-
licher auf diese Hauptquellengruppen ein.
Neben Funktion und Definition von Münzen
und Geldzeichen werden wichtige Grundbe-
griffe der Numismatik erläutert und durch ei-
nige Abbildungen veranschaulicht. Es folgen
Erörterungen und zahlreiche praxisbezogene
Hinweise zu Münzfunden im Kontext zur
Denkmalpflege, Volkskunde und Archäologie,
zu ihrem historischen Aussagewert, zu Publi-
kationsformen sowie zu rechtlichen Aspekten.
In dem Abschnitt über schriftliche Quellen
werden die Schnittstellen zum Archivwesen
besonders deutlich, wenn Klüßendorf auf Ur-
kunden, Amts- und Rechnungsbücher, Akten
und gedruckte Quellen in Verbindung mit Geld
als Kulturfaktor eingeht. Das III. Kapitel wid-
met sich der Geldtheorie und dem Geldver-
ständnis, der Funktion von Rechnungs- und
Buchgeld seit dem Hochmittelalter sowie dem
quellenkritischen Umgang mit dokumentier-
ten Preisen und Löhnen, was an ausgewähl-
ten Beispielen der Geldgeschichte verdeutlicht
wird. Gerade in diesem letzten Unterkapitel
wird vor Fehlinterpretationen bei der Auswer-
tung historischer Quellen z. B. durch ungenaue
Umrechnungen von Maßen und Gewichten
oder von Löhnen und Wertvorstellungen für
bestimmte Waren oder Dienstleistungen in
ihrer Zeit gewarnt. Im folgenden IV. Kapitel
geht Klüßendorf auf Berührungspunkte der
Numismatik mit anderen Hilfswissenschaften
und deren vielschichtigen Verflechtungen ein.
Hier wird die wechselseitige Bedeutung der
Diplomatik, der Aktenkunde, der Paläographie,
der Chronologie, der Heraldik, der Phaleristik,
der Sphragistik, der Genealogie, der Ono-
mastik, der Metrologie und der Historischen
Bildkunde für die Numismatik auf 16 Seiten
dargestellt. Kapitel V widmet sich öffentli-
chen Einrichtungen wie Museen, Bibliotheken,
Denkmalpflegestellen, Archiven, Hochschulen,
Akademien, Kommissionen und Instituten, die
in irgend einer Form Geldzeichen sammeln,
ausstellen, pflegen und verwahren. Besonders
in größeren Stadt- und Landesarchiven ver-
bergen sich häufig vielfältige Informationen
zur Geldgeschichte im weiteren wie auch zur
Münzkunde im engeren Sinn, die oft noch ih-
rer Auswertung harren. Zudem unterhalten
einige Archive auch Münzsammlungen oder
haben Geldzeichen in ihrem Sammlungsbe-
stand. Mitunter befinden sich Belegstücke
von Münzen und Medaillen in den Akten
oder gelangen über Nachlässe in die Archive.
Weitere Abschnitte dieses Kapitels befassen
sich überblicksartig mit dem numismatischen
Vereinswesen seit dem 19. Jahrhundert und
mit der „Münze als Gegenstand der Liebha-
berei“, also dem privaten Hobby des Münz-
sammelns und dem mitunter ambivalenten
Verhältnis zwischen Sammlern und professi-
onellen Wissenschaftlern der Münzkabinette.
In Kapitel VI gibt Klüßendorf einen historisch-
systematischen Überblick zur Geldgeschichte
von den karolingischen Münzreformen im
8. Jahrhundert bis zur Einführung des Euro
im Jahre 2002. Dieses mit 37 Druckseiten um-
fangreichste Kapitel bringt dem Leser leicht
verständlich und reich illustriert mehr als
1200 Jahre Geldgeschichte in Mitteleuropa
näher. Hier wird dem Leser in komprimierter
Form und dennoch mit zahlreichen Details
und Beispielen ein äußerst informativer Ab-
riss zur Entwicklung des Geldes im Kontext
europäischer Geschichte geboten. Eine Aus-
wahlbibliografie und ein umfangreicher In-
dex schließen den Band ab. Besonders der als
Sachregister angelegte Index erleichtert den
Zugang zu gesuchten Informationen ganz we-
sentlich und ersetzt vielfach auch ein Glossar
numismatischer Fachbegriffe.
Das Buch empfiehlt sich aus Sicht des Rezen-
senten nicht nur für Studenten der Geschichte
und verwandter Studienfächer, sondern auch
für in diesen Fächern Lehrende und für Mit-
arbeiter in größeren Museen, Bibliotheken und
Archiven zur Vertiefung der mehr oder we-
niger vorhandenen numismatischen Grund-
kenntnisse. Es kann gleichermaßen als Ratge-
ber für Praxis und Lehre wie als Kompendium
zur Erweiterung des wissenschaftlichen Profils
und der Allgemeinbildung dienen. Einen kom-
pletten Ersatz für den auch von Klüßendorf
mehrfach beklagten Abbau hilfswissenschaft-
licher Lehrstühle und den damit verbundenen
Schwund entsprechender Kenntnisse als not-
wendiges Werkzeug des Historikers (und Ar-
chivars!) kann das Buch jedoch ebensowenig
leisten wie andere einschlägige Fachliteratur.
Ein Lichtblick könnte aber schon darin beste-
hen, den Band „Münzkunde“ nicht nur für die
Fach- und Hausbibliotheken zu beschaffen,
sondern auch darin zu lesen und bei Bedarf
damit zu arbeiten, die daraus gewonnenen
Erkenntnisse anzuwenden und weiterzugeben.
Gerald Kolditz
(Staatsarchiv Leipzig)
Sigrid Dauks, „Aus den Akten auf
die Bühne“ : Inszenierungen in der
archivischen Bildungsarbeit (Historische
Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit,
hrsg. v. Susanne Freund, Bd. 2),
BibSpider : Berlin 2010, 144 Seiten,
ISBN 978-3-936960-52-5, 25,90
(D)
Sigrid Dauks nähert sich in ihrem Band einem
Bereich, der bislang nicht zum klassischen Re-
pertoire der Öffentlichkeitsarbeit in Archiven
zählte. Sie unternimmt den Versuch, die un-
terschiedlichen Formen der Zusammenarbeit
von Archiven mit Theatern und Schulen bei
der Inszenierung von historischen Stoffen zu
systematisieren und zu verorten. Die Autorin
ist Mitarbeiterin des Archivs der Universität
Bremen und gleichzeitig am Projekt des his-
torischen Seminars der Universität Bremen
„Aus den Akten auf die Bühne“ beteiligt. In
einer knappen Ein-
leitung definiert
sie zunächst die
Begriffe Inszenie-
rung und szeni-
sche Darstellung,
gibt einen guten
Überblick
über
den Diskussions-
stand zum Thema
und nähert sich
dann in einem zweiten Kapitel der Frage, wie
historische Bildungsarbeit in Archiven ge-
staltet wird und welche Rolle szenische Dar-
stellungen in der Bildungsarbeit und in der
Archivpädagogik spielen. Die drei nun fol-
genden Abschnitte der Untersuchung stellen
den Hauptteil der Arbeit dar. Zur Datenbasis
ihrer Ausführungen gelangte die Autorin ei-
nerseits über eine Recherche nach Berichten
über entsprechende Vorhaben in den regiona-
len Archivzeitschriften, andererseits über eine
Umfrage bei allen Archivaren, welche den In-
formationsdienst „ABP – Archiv-Bildung-Pä-
dagogik“ des Arbeitskreises Archivpädagogik
beziehen. Zunächst stellt Dauks die Projekte
der Stadtarchive Wolfsburg, Harsewinkel und
Nürnberg vor, daran anschließend die Vorha-
ben und Projekte der BStU mit einer Vielzahl
von Inszenierungen und szenischen Lesungen.
In einzelnen Resümees zieht die Autorin eine
kurze Bilanz zu Aufwand und Erfolg der jewei-
ligen Vorhaben. Es folgt eine Vorstellung von
einzelnen Projekten, bei denen die Inszenie-
rung hauptsächlich durch die beteiligten The-
ater erfolgten und die Archive im Hintergrund
blieben bzw. die Funktion eines Materiallie-
feranten einnahmen. Schließlich stellt Dauks
den vorgestellten Projekten das Geschichts-
und Theaterprojekt der Universität Bremen
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 31

„Aus den Akten auf die Bühne“ gegenüber. Ein
allgemeines Fazit, ein Abkürzungs- sowie ein
Quellen- und Literaturverzeichnis schließen
die Studie ab. In einem knapp zwanzigseitigen
Anhang listet die Autorin dankenswerterweise
archivische Inszenierungsprojekte auf, die von
ihr recherchiert wurden.
Der Einschätzung der Reihenherausgeberin,
der Potsdamer Professorin Susanne Freund,
szenische Darstellungen in der Bildungsar-
beit der Archive würden durch die vorliegen-
de Arbeit in ein neues Licht gerückt (S. 8), ist
durchaus zuzustimmen. Alleine die von Dauks
recherchierten und im Anhang aufgeführten
46 Einzelvorhaben machen deutlich, dass eine
Zusammenarbeit zwischen Theater und Archiv
inzwischen nicht mehr exotisch ist. Die von
ihr vorgestellten Einzelaktivitäten ausgewähl-
ter Archive können tatsächlich als besonders
gelungene Beispiele gelten. Die aus Sicht des
Rezensenten hohe Zahl an Vorhaben ist es
aber auch, welche bei genauerer Betrachtung
Fragestellungen und Methode der Autorin
einer deutlichen Kritik unterziehen lassen.
Der Anhang verrät, dass diese Projekte von
insgesamt 23 Archiven durchgeführt wurden,
davon elf Staatsarchive, neun Stadtarchive,
ein Archiv des Bundes und drei andere Archie
(v. a. Archivverbünde). Dem steht gegenüber,
dass auf die Umfrage der Autorin von 220
angeschriebenen Archivaren 36 Archive(sic!)
antworteten, von denen wiederum lediglich
9 Erfahrungen mit szenischen Darstellungen
hatten (S. 15, Anm. 18). Die Autorin erkennt
zwar, dass das Umfrageergebnis in keiner
Hinsicht repräsentativ ist, problematisiert
die Diskrepanz der reinen Zahlenergebnisse
jedoch leider nicht weiter. Um im eigenen
Unterkapitel, das sich mit der Auswertung
der Umfrage befasst, zu verallgemeinernden
Ergebnissen (S. 31–34) zu kommen, muss sie
die Umfrageergebnisse mit ihren Recherche-
ergebnissen ergänzen. Ebenso macht Dauks
nicht hinreichend deutlich, wie sie die Auswahl
ihrer beispielhaft aufgeführten Aktivitäten
der Stadtarchive Wolfsburg, Harsewinkel und
Nürnberg sowie der BStU getroffen hat. Diese
repräsentierten „unterschiedliche Herange-
hensweisen der Inszenierung und Kooperati-
onsmöglichkeiten“ (S. 35), schreibt sie. Das ist
nicht zu bestreiten, wie auch die vorgestellten
werden können. Die Rolle, welche das Staats-
archiv Bremen mit der Unterstützung bei der
Recherche, Anfertigung von Digitalisaten und
Vorstellung des Projekts (Vitrinenausstellung)
am Tag der Archive 2008 spielte, scheint aller-
dings nicht wesentlich über die üblichen Auf-
gaben eines Archivs hinausgegangen zu sein
(S. 86). Damit ist dieses Projekt mit den ande-
ren Vorhaben wohl nur bedingt zu vergleichen.
Leider grenzt die Autorin dieses bemerkens-
werte Projekt nicht von anderen Darstellungs-
formen der gehobenen historischen Bildungs-
unterhaltung („Infotainment“) ab.
Zu Recht bedauert Dauks, dass die von ihr
untersuchten Projekte so gut wie nicht auf
ihren Erfolg hin evaluiert worden sind (S. 109).
Doch wie soll Erfolg in der Bildungs- und Öf-
fentlichkeitsarbeit messbar sein? Für Hinweise,
wie sich die Autorin eine Evaluation vorstel-
len könnte, wären bestimmt viele in der Öf-
fentlichkeitsarbeit tätige Archivare dankbar
gewesen. Zugegeben, dieses Problem ist zu
komplex, um mit wenigen Sätzen abgehandelt
zu werden. Doch alleine schon die Problema-
tisierung hätte die Diskussion darum weiter
befördert, zumal Dauks die Zielgruppen histo-
rischer Bildungsarbeit in Archiven zutreffend
benennt (S. 25).
Insgesamt bleibt nach der Lektüre des Buches
von Sigrid Dauks ein etwas ambivalenter Ein-
druck zurück. Einerseits gebührt ihr der Ver-
dienst, die Zusammenarbeit zwischen Archiv,
Theater und Schule als eine sehr beeindru-
ckende und wohl auch erfolgversprechende
Art der archivischen Bildungs- und Öffentlich-
keitsarbeit vorzustellen, die inzwischen auch
gar nicht mehr so selten anzutreffen ist – die
von ihr gewählten Beispiele zeigen deutlich,
welches hohe Niveau erreicht werden kann
– andererseits aber hätte sich der Rezensent
ein höheres Maß an kritischer Reflexion und
Problembewusstsein gewünscht.
Peter Hoheisel
(Bergarchiv Freiberg)
Projekte zweifelsohne sehr beeindruckende,
positive Beispiele für Kooperationen zwi-
schen Archiven und Theatern bzw. Schulen
sind. Doch wie begründet sich der Fokus der
Darstellung auf kommunale Einrichtungen,
wo doch die Mehrzahl der von Dauks im An-
hang aufgeführten Aktivitäten bei staatlichen
Archiven zu finden ist? Die Autorin mag ihre
Gründe dafür haben – sie nennt sie aber nicht
und macht sich dadurch angreifbar. Was aber
deutlich schwerer wiegt, ist das bedauerliche
Fehlen einer kritischen Differenzierung zwi-
schen den Archiven. Die Größenunterschiede
werden zwar genannt (das Stadtarchiv Har-
sewinkel hat nur wenige Mitarbeiter, die BStU
mehrere hundert), aber kaum problematisiert.
Ebenso reflektiert die Autorin leider nicht die
unterschiedliche programmatische Ausrich-
tung ihrer Beispielarchive, die sich sowohl in
den amtlichen Bezeichnungen greifen lässt als
auch in den gesetzlichen Grundlagen. Dass
beim „Institut für Zeitgeschichte und Stadt-
repräsentation“ in Wolfsburg und dem „Haus
der Nürnberger Geschichte“ die historische
Bildungsarbeit ein wesentlicher Schwerpunkt
der Tätigkeit ist, liegt auf der Hand. Die Tätig-
keit der BStU orientiert sich nach dem StULG
eben nicht an den klassischen Archivaufgaben
der Überlieferungsbildung, Verwahrung, Er-
haltung und Benutzung, sondern am parla-
mentarischen Auftrag zur Aufarbeitung eines
Unrechtssystems. Die Bildungs- und Öffent-
lichkeitsarbeit gehört nach § 37 StULG zu den
Aufgaben der BStU (S. 53, Anm. 121), während
nur vier von 16 Landesarchivgesetzen diese
direkt als Aufgabe benennen (S. 18, Anm. 24),
d. h. bei den anderen zwölfen nur indirekt von
einer Zugehörigkeit zum Aufgabenspektrum
angenommen werden kann. Vielleicht liegt ge-
rade in dieser unterschiedlichen Ausrichtung
der Archive ein Grund für unterschiedliche
Intensität, mit der anscheinend bestimmte
Archivtypen Kooperationen bei der Inszenie-
rung von Geschichte suchen? Der Rezensent
hätte sich eine Einschätzung durch die Autorin
gewünscht.
Die Zusammenarbeit der Universität Bremen
mit der
bremer shakespeare company
im
Projekt „Aus den Akten auf die Bühne“ macht
beeindruckend deutlich, dass so völlig neue
Wege der Geschichtsvermittlung beschritten
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2011 | 32

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2011
Titelbild:
Alfred der Straßenkehrer, Karikatur von Gerhard Brinkmann (Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig, 22206 Nachlass Brinkmann, Nr. 602)
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Redaktionsschluss:
6. April 2011
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