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Trauben-Eiche – Baum des Jahres
Als die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung 1989 zum
ersten Mal einen Baum des Jahres kürte, fiel
die Wahl auf die Stiel-Eiche. Diese wird im
Volksmund nicht nur „Deutsche Eiche“ ge-
nannt, sondern stiftet auch auf den Cent-
Münzen nationale Identität.
Zum 25-jährigen Jubiläum fiel die Wahl erneut
auf eine Eichenart: die Trauben-Eiche.
Dabei verrät schon ein ge-
nauer Blick auf die Cent-
Münzen, dass es gar
nicht so einfach ist,
die beiden Eichenarten
voneinander zu unter-
scheiden. Unter Botani-
kern diskutiert man deshalb
schon seit langem, ob es sich um verschiedene
Arten oder lediglich Unterarten handelt.
Eng verwandt
Will man Trauben- und Stiel-Eiche anhand ih-
rer morphologischen Merkmale unterscheiden,
so reicht allein der Blick auf die namensge-
benden Fruchtstände nicht aus. Bei jüngeren
Bäumen, die noch nicht fruktifizieren, ist oh-
nehin nur das Blatt vorhanden. Anhand der in
der Tabelle oben enthaltenen Merkmale wird
das Urteil selten eindeutig ausfallen. Häufig
finden sich am Blatt drei bis vier Merkmale
der einen und ein bis zwei Merkmale der an-
deren Art.
Der Grund hierfür liegt in den geringen Re-
produktionsbarrieren innerhalb der Gattung
Quercus. So treten häufig Kreuzungen – auch
mit den viel selteneren Flaum-Eichen – auf.
Die Nachkommen, sogenannte Hybride, sind
wiederum befruchtungsfähig.
Vor allem wenn beide Eichenarten gemein-
schaftlich vorkommen, findet sich nicht sel-
ten das Erbgut beider Arten in den Eicheln
vereint. Bei Altbäumen ist dies deutlich sel-
tener der Fall, sodass von unterschiedlichen
Überlebenschancen (Viabilitätsselektion) kei-
mender Hybriden ausgegangen wird. Das legt
den Umkehrschluss nahe, dass diese Nach-
kommenschaften über eine höhere genetische
Variabilität und bessere Anpassungsfähigkeit
verfügen. Der gemeinsame Gutachteraus-
schuss (gGA) „Forstliches Vermehrungsgut“,
der Empfehlungen für die Zulassungsstellen
ausgibt, grenzt deshalb die Zulassung von
Erntebeständen erst bei Anteilen der jeweils
anderen Baumart über 20 % ein.
Gerade bei den Eichenarten ist in der Praxis
daher die Wahl konkreter Ausgangsbestände
entscheidend. Bereits mit der Auswahl des
Saatgutbestandes (Registernummer im Ernte-
zulassungsregister) kann eine gewisse stand-
örtliche Anpassung realisiert werden.
Zusammen mit der Buche
Die geschilderten Gemeinsamkeiten von Trau-
ben- und Stiel-Eiche setzen sich in einem na-
Mit gestieltem Blatt (Trauben-Eiche) und gestielter
Frucht (Stiel-Eiche) vereint der Zweig auf der Rück-
seite der Cent-Münzen Merkmale beider Eichenarten
Trauben-Eiche – Baum des Jahres
hezu identischen Verbreitungsgebiet fort.
Dieses erstreckt sich von Sizilien im Süden bis
Südskandinavien im Norden. Im Westen bilden
die britischen Inseln und der Norden der iberi-
schen Halbinsel die Grenzen. Einzig im Osten
reicht das Verbreitungsgebiet der Stiel-Eiche
deutlich weiter in den kontinentalen Klima-
raum. Während die Trauben-Eiche nur in Polen
und der Ukraine vorkommt, ist die Stiel-Eiche
auch noch in Tartarstan / Baschkirien in Russ-
land beheimatet.
„Petra“ ist im lateinischen der Fels oder Stein.
Somit weist schon der lateinische Name der
Trauben-Eiche auf ihre Nische am trocke-
nen Ende des Standortsspektrums – trocke-
ne Sand- und Gesteinsböden – hin. Die Be-
grenzung auf die atlantische / subatlantische
Klimaregion entspricht nahezu dem Verbrei-
tungsgebiet der Rot-Buche. Hierzu passt das
gegenüber der Stiel-Eiche höhere Schattener-
trägnis als Anpassung an die häufige direkte
Nachbarschaft zur Buche.
Die Trauben-Eiche kann sich aber nur dann
dauerhaft im Buchenwald behaupten, wenn
die Wuchskraft der Buche nachlässt, weil der
Standort zu trocken oder zu nährstoffarm ist.
In diesen Hainsimsen-Eichen-Buchenwäldern
und Buchen-Eichenwäldern der planaren bis
submontanen Stufe erreicht die Trauben-Ei-
che ihre höchsten Wuchsleistungen. Dies sind
deshalb gleichzeitig die Standorte, mit der
höchsten Eignung für die Eichen-Wertholz-
produktion.
Demgegenüber sind die Wuchsleistungen und
die Wertholzerwartung auf den Standorten,
auf denen beide Eichenarten in den Eichen-
Hainbuchen-Wäldern zur Vorherrschaft ge-
langen, mit Ausnahme der Hartholzaue, be-
reits deutlich geringer. Nahezu ausgeschlossen
ist die Produktion von Wertholz auf den er-
tragsschwachen oder risikobetonten Stand-
orten, auf denen die Eichen heute in Sach-
sen überwiegend vorkommen. Dies sind steile
und flachgründige Felshänge in den Flusstä-
lern, wechselfeuchte Lössböden im Hügelland
und trockene nährstoffarme Sand- oder Sand-
steinböden. Auf den beiden letztgenannten
Standorten bildet die Trauben-Eiche mit der
Kiefer, sowie Heidel-, Preiselbeere und Besen-
heide in der Bodenvegetation, natürlicherwei-
se Kiefern-Eichenwaldgesellschaften.
Erkennungsmerkmale von Stiel- und Trauben-Eiche
Erkennungsmerkmal
Trauben-Eiche
Stiel-Eiche
Blattsymmetrie gegeben
ja
nein
Seitennerven der Blätter enden in Blattbuchten (Interkalarnerven)
nein
ja
Hauptnerven haben Büschelhaare
ja
nein
Blattstiel länger als 1 cm
ja
nein
Öhrung am Blattstiel gegeben
nein
ja
Stiel am Fruchtbehang länger als 2 cm
nein
ja
Eicheln (frisch und feucht) mit dunklen Längsstreifen
nein
ja

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Die Nachfrage nach Eichenwertholz ist seit Jahren hoch. Zur Submission 2014 übertraf der Durchschnittspreis
mit 467 Euro pro Kubikmeter sogar den des Bergahorns, der bisher regelmäßig die höchsten Gebote erhielt.
Ausgedehnte Ziele
Unter den gegenwärtigen Klimaverhältnis-
sen würden die genannten Eichenmisch-
wälder entsprechend dem Konzept der po-
tenziell natürlichen Vegetation (pnV) ca.
40 % der Landesfläche Sachsens einneh-
men. Der Schwerpunkt liegt dabei im land-
wirtschaftlich geprägten Tief- und Hügel-
land. Demgegenüber nehmen die Eichenarten
aktuell lediglich 7 % der Waldfläche ein.
Unter den prognostizierten Klimaverhältnis-
sen wird sich das Areal, innerhalb dessen die
Eichenarten gegenüber der Buche konkurrenz-
fähig sind, stark in die Berglagen ausdehnen.
Wenngleich es dann auf einigen Standorten
im Tiefland für die Eiche zu trocken wird,
nimmt ihre forstliche Bedeutung stark zu.
Entsprechend häufig und ausgedehnt wur-
de Trauben- und Stiel-Eiche als Haupt- bzw.
Mischbaumart in den Waldentwicklungszielen
vorgesehen (siehe Tab. unten).
Ausgehend von den gegenwärtigen Vorkom-
men erhöht sich die Fläche, auf denen die Pro-
duktion wertvollen Sägeholzes möglich ist.
Als Ziel sind Bäume von mindestens 60 cm
Durchmesser in Brusthöhe formuliert, deren
astfreier unterer Stamm bis auf 8 bis 10 m
Höhe reicht. Legt man die Wuchsleistungen
junger Eichenbestände zugrunde, so können
derartige Dimensionen in 140 bis 160 Jahren
erreicht werden.
Voraussetzung hierfür ist jedoch eine auf
die Bedürfnisse der Eiche maßgeschneiderte
waldbauliche Behandlung. Diese weist sehr
unterschiedliche Perioden auf: Dichtstand in
der Jugend und freistehende Kronen im Alter.
Möglichst frühzeitig einsetzende und anhal-
tende Konkurrenz sorgt in der Jugend für
die Ausbildung geradschaftiger Stämme und
frühzeitige Astreinigung. Diese Phase wird
deshalb Bestandeserziehung genannt. Die
Entnahme schlecht geformter Bäume (krum-
me Schäfte, zwieselige und grobastige Kronen)
darf dabei nicht zu anhaltender Freistellung
der Kronen führen.
Ab dem Zeitpunkt, zu dem die Astreinigung ein
Drittel der auf dem Standort im hohen Alter zu
erwartenden Baumhöhe erreicht hat, werden
die qualitativ besten Bäume konsequent geför-
dert. Nach drei bis vier Durchforstungen sollte
der Übergang vom Dichtschluss zum lockeren
Kronenschirm erreicht werden. Dies sind die
für die spätere Stabilität und Wertleistung des
Bestandes entscheidenden Maßnahmen!
Aufgrund der hohen Gefährdung durch blatt-
fressende Insekten wie Frostspanner und Ei-
chenwickler sollte eine relativ hohe Anzahl
vitaler, regenerationsfähiger Eichen anvisiert
werden. Dem entspricht das Konzept der Aus-
lesedurchforstung. In jedem Durchforstungs-
eingriff werden über den gesamten Bestand
verteilt die bestveranlagten Bäume „ausge-
lesen“ und durch Entnahme von Bedrängern
gefördert.
Bei der Wahl der Auslesebäume lohnt es vor-
auszuschauen. Die Auswahl einer geringen
Anzahl an Auslesebäumen belässt einen er-
heblichen Teil der Bäume dem natürlichen
Ausscheidungsprozess. Zudem wiegt der Ver-
lust einzelner Auslesebäume durch Schad-
ereignisse (Schneedruck, Insektenfraß, Pilz-
befall) schwerer, da keine Alternativen in der
Nähe sind. Andererseits werden bei einer ho-
hen Anzahl an Auslesebäumen die geförder-
ten Bäume rasch gegenseitig zu Konkurrenten.
Noch bevor das forcierte Durchmesserwachs-
tum für bessere Holzerlöse sorgt, muss der
Baum zur nächsten Durchforstung bereits ge-
fällt werden. Nach der Bestandeserziehung hat
sich die Auslese der qualitativ besten Eichen
im Abstand von 6 bis 7 Metern als vorteilhaft
erwiesen. Bei derartigen Abständen werden
die geförderten Bäume bei ungefähr 20 Me-
Baumartenempfehlungen mit Trauben- und Stiel-Eiche gemäß der Richtlinie zu den Waldentwicklungstypen – Teil 1 (Zielzustände)
Kategorie
Zielzustand
Standörtliche Schwerpunkte
Langfristig ange-
strebter Anteil
Trauben-Eiche als
Hauptbaumart
Eichen-Kiefern-Mischwald
ziemlich arme Standorte im Tief- und Hügelland
50 %
Eichen-Buchen-Mischwald
ziemlich arme bis mittlere Standorte vom Tiefland bis in die unteren Berglagen
50 %
Eichen-Edellaubbaum-Mischwald
kräftige Standorte im Tief- und Hügelland
50 %
Trauben-Eiche als
Mischbaumart
Kiefern-Eichen-Mischwald
arme und ziemlich arme Sandböden im Tiefland
20 %
Höhenkiefer
arme und trockene Standorte im unteren Bergland (v. a. Elbsandsteingebirge)
5 %
Buchen-Eichenmischwald
Standorte mittlerer Trophie vom Tiefland bis in die unteren Berglagen
10 %
Buchen-Edellaubbaum-Mischwald
kräftige Standorte im Hügelland und Mittelgebirge
5 %
Stiel-Eiche als
Hauptbaumart
Eichen-Laubmischwald
wechselfeuchte Standorte und mineralische Nassstandorte im Tief- und Hügelland
50 %
Auenwald
Auenböden
50 %
Stiel-Eiche als
Mischbaumart
Erlen-Eschen-Mischwald
Bachtälchen im Tief- und Hügelland
10 %

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ter Höhe zu Konkurrenten. Von da an sollen
die Kronen konkurrenzfrei bleiben, damit keine
Äste im unteren Kronenbereich mehr absterben.
Die letzten stärkeren Durchforstungen ermög-
lichen es, einen „dienenden“ Nebenbestand zu
etablieren. In der Regel sind dies schatten-
ertragende Hainbuchen und Linden, die ein
zweites Stockwerk bilden. Die damit einher-
gehende Beschattung des Bodens verhindert
intensive Vergrasung und wirkt zudem mit der
Durchwurzelung des Oberbodens ausgleichend
auf den Bodenwasserhaushalt. Aber auch bei
intensivem Insektenbefall „dient“ das zweite
Stockwerk, indem nicht jede Raupe an einer
Eiche aufsteigt.
Dabei muss es nicht immer das lukrative Wert-
holz sein, welches die oftmals hohen Investi-
tionen in stammzahlreiche Eichenkulturen er-
fordert. Vor allem auf den ertragsschwächeren
Standorten ist die Beteiligung von Trauben-
und Stiel-Eichen über natürliche Verjüngung
und ihre konsequente Förderung im Rahmen
von Bestandeserziehung und Durchforstung
möglich. Erfreulicherweise sorgt die in den
letzten Jahren häufige Fruktifikation der Eichen
und die effektive Verbreitung der Früchte durch
Vögel („Hähersaaten“) fast überall in Sachsen
für günstige Ausgangspunkte. Als eine vom
Wild bevorzugt verbissene Baumart dürfen die
angekommenen Bäumchen aber nicht gänz-
lich im gefährdeten Höhenbereich verbleiben.
Hierzu sind angepasste Schalenwildbestände
die Voraussetzung.
Mit Ausnahme der mittleren und höheren Berglagen sowie extrem trockener Sandstandorte wird die Beteili-
gung von Stiel- und Trauben-Eiche als Haupt-, Misch- oder Nebenbaumart am langfristigen Bestockungsziel
empfohlen
Eichennaturverjüngung ist nahezu allgegenwärtig – hier auf einer Sukzessionsfläche nach dem Pfingsttornado 2010
Literatur:
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (2011):
Empfehlungen des gemeinsamen Gutachterausschusses (gGA) der
Länder für die Umsetzung, gefunden
http://www.ble.de/SharedDocs/
Downloads/02_Kontrolle/07_SaatUndPflanzgut/Empfehlungen.html
Gugerli, F.; Brodbeck, S.; Holderegger, R. (2005):
Die unerträgliche Leichtigkeit, eine reine Eiche zu sein.,
Informationsblatt Forschungsbereich Landschaft 63: 1-5. - gefun-
den:
http://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/waldbau/genetik/
wsl_hybridisierung_eichen/index_DE
Kätzel, R. et al. (2012):
Untersuchungen zu Vitalität, Wuchsleistung und Holzqualität von
Zerr-Eichen (Quercus cerris L.) im Kommunalwald von Prenzlau.
Archiv f. Forstwesen und Landsch. ökol. 46 (2012) 3: 125-132. –
gefunden,
http://www.waldwissen.net/wald/baeume_waldpflanzen/
lfe_wald_zerreiche/lfe_wald_zerreiche_originalartikel.pdf
Neophytou, Ch. (2010):
A study of genetic differentiation and hybridization among oak
species with divergent ecological and evolutionary profiles, Diss.
Faculty of Forest and Environmental Sciences, Albert-Ludwigs-
Universität Freiburg im Breisgau, Germany
Roloff, A. (2014):
Trauben-Eiche – Baum des Jahres 2014,
Faltblatt der Dr. Silvius Wodarz Stiftung
Svenning, J.-C., Skov, F. (2004):
Limited filling of the potential range in European tree species,
Ecology Letters, 7, S. 565–573
Sven Martens ist Referent im Referat
Waldbau, Waldschutz, Verwaltungsjagd
im Kompetenzzentrum Wald und Forst-
wirtschaft von Sachsenforst
Martin Baumann ist Referent im Referat
Waldbau, Waldschutz, Verwaltungsjagd
im Kompetenzzentrum Wald und Forst-
wirtschaft von Sachsenforst