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V
erletzbarkeit durch
Hochwasser
Informationsmaterial zur Bewertung der Verletzbarkeit
infolge
Hochwasser für
die
öffentliche
Verwaltung,
Privatfirmen
und Bürger
Pavel Raška
Monika Stehlíková
Thomas Hartmann
et al.
Ústí nad Labem | Mai 2018
Ergebnisse zum Meilenstein 1
des Projektes:
Sächsisch-tschechisches
Hochwasserrisikomanagement II
(STRIMA II), Reg. Nr.:
100282105

Inhaltsverzeichnis
1. Hochwasserereignisse und ihre Auswirkungen ............................................................................. 1
1.1 Was versteht man unter Hochwasser? ........................................................................................ 1
1.2 Inwieweit sind die gegenwärtigen Hochwasserschäden bedeutend?
............................ 2
1.3 Wie kann man die Folgen der Hochwasserereignisse klassifizieren? ............................. 3
3. Welche Elemente und Subjekte der Verletzbarkeit sind zu unterscheiden? ....................... 8
3.1 Zielgruppe ............................................................................................................................................... 8
3.2 Territorialer Ansatz ............................................................................................................................ 9
3.3 Komponenten der Verletzbarkeit .................................................................................................. 9
4. Wovon ist das Maß der Verletzbarkeit abhängig?
...................................................................... 11
4.1 Wovon wird die Verletzbarkeit beeinflusst? .......................................................................... 11
4.2 Wie lässt sich das Maß der Verletzbarkeit beeinflussen?
................................................. 15
4.3 Ändert sich die Verletzbarkeit mit der Zeit?
.......................................................................... 16
5. Ansätze zur Bewertung der Verletzbarkeit
................................................................................... 19
5.1 Allgemeine methodische Ansätze
............................................................................................... 19
5.2
Aktuelle Beispiele für die Bewertung der Verletzbarkeit und des Risikos infolge
Hochwasser ................................................................................................................................................ 20
6. Literatur ...................................................................................................................................................... 25

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1
1. Hochwasserereignisse und ihre Auswirkungen
1.1 Was versteht man unter Hochwasser?
Hochwasserereignisse
gehören
zu
den
folgenreichsten
Naturphänomenen, die den Charakter der Landschaft und die
darin lebende Gesellschaft beeinflussen. Hervorzuheben ist
dabei, dass negative Konsequenzen durch Hochwasser erst dann
entstehen, wenn beispielsweise die Konsequenzen
für
die
Gesellschaft, Wirtschaft und
Umweltschutzgüter betrachtet
werden.
Allgemein
ist
es
jedoch
notwendig,
die
Hochwasserereignisse als
einen natürlichen
Prozess der
Landschaftsgestaltung zu verstehen (Langhammer 2007 ed.),
der gleichzeitig eine wesentliche Voraussetzung
für die
gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung vieler Regionen in
unterschiedlichen historischen Zeiträumen
darstellt (z. B.
frühe
Hochkulturen des Nahen Ostens).
Das Hochwasser wird in Tschechien durch das Gesetz Nr.
254/2001 Sb. (tschechisches Gesetzblatt)
über Gewässer
(Wassergesetz)
als
„vorübergehender
bedeutender
Wasserspiegelanstieg
von
Fließ-
oder
anderen
Oberflächengewässern“ definiert, „bei welchem das Wasser
bereits das Gelände außerhalb
des Flussbettes
überflutet und
Schäden verursachen kann“. Das Gesetz ergänzt
ferner, „dass als
Hochwasserereignis auch ein solcher Zustand bezeichnet wird,
wenn Überflutungen durch einen zeitweilig begrenzten oder
unterbrochenen natürlichen Abfluss entstehen oder der
konzentrierte Abfluss von Niederschlagswasser zur Überflutung
führt".
Aus der angeführten
Definition ergibt es sich, dass (a) das Wasser aufgrund eines
erhöhten Durchflusses sowie durch verminderte Durchgängigkeit
des Flussbettes
ausufern kann, (b) das Hochwasser eine Gefahr darstellt, (c) die Hochwasserereignisse
primär durch natürliche
hydrologische Prozesse entstehen, weshalb man in der Regel von
einem natürlichen Phänomen spricht. Sie können jedoch durch das
menschliche Handeln
in Ihren Auswirkungen verändert werden.
Zusammenfassung
des
Kapitels:
Hochwasserereignisse
haben
eine
wichtige
ökologische Funktion und
beeinflussen
die
Entwicklung
von
Landschaften.
Aus
einer
gesellschaftlichen
bzw.
wirtschaftlichen
Perspektive
stellen
sie
jedoch gleichzeitig eine
der
bedeutendsten
Gefahren in Mitteleuropa
dar.
Hochwasser
wird
beispielsweise durch das
tschechische Gesetz Nr.
254/2001
Sb.
über
Gewässer definiert.
Zu
einem
Hoch-
wasserereignis kommt es
durch Erhöhung des
Abflusses
(Schnee-
schmelze
oder
Nieder-
schläge) oder durch
Einengung
des
Durch-
flussprofils im Flussbett.

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2
1.2
Inwieweit sind die gegenwärtigen Hochwasserschäden
bedeutend?
Das Hochwasser ist weltweit eine der schwerwiegendsten Naturgefahren und die
Münchener
Rückversicherungs-Gesellschaft hat in ihrem Bericht zum Thema
Naturgefahren (MunichRe 2017) das Jahr 2016 sogar als Hochwasserjahr bezeichnet.
Für
den Zeitraum
1980−2016
zeigt der Bericht, dass Hochwasserereignisse gemeinsam mit
anderen meteorologischen Ereignissen die weltweit
häufigsten Naturgefahren
darstellen,
wobei ihre Anzahl langfristig steigt.
Dies führt
auch zum Anstieg der menschlichen Opfer
und der durch Hochwasser verursachten wirtschaftlichen
Schäden
(versicherte und nicht
versicherte Schäden).
Die Europäische Umweltagentur
veröffentlichte
einen
ähnlichen
statistischen Bericht im
Jahre 2010 (EEA 2010). Man nutzte dabei die Angaben der internationalen Katastrophen-
Datenbank EM-DAT, die vom
Zentrum für die Erforschung der
Epidemiologie von
Katastrophen in der belgischen Stadt Löwen verwaltet wird. Für
den Zeitraum
1998−2009
erfasst dieser Bericht 213 Hochwasserereignisse, denen insgesamt 1126
Menschen zum Opfer fielen und die einen Gesamtverlust von mehr als 52 Milliarden Euro
verursachten.
In Mitteleuropa ist Hochwasser
sogar die häufigste und gesellschaftlich bedeutsamste
Naturgefahr. Nach dem relativ ruhigen 20. Jahrhundert stieg die Anzahl von
Extremhochwasserereignissen, was in Verbindung mit der zunehmenden Exposition der
menschlichen Gesellschaft, zu einem massiven Anstieg der Auswirkungen führt. Laut der
internationalen
Datenbank
EM-DAT
liegen
im
Zeitraum
1990-2014
die
drei
bedeutsamsten Hochwasserereignissen der Jahre 1997, 2002 und 2013, denen in
Tschechien insgesamt 100 Menschen zum Opfer fielen.
Noch höhere Verluste gab es in
diesem Zeitraum in weiteren mittel-
und osteuropäischen
Ländern. Eine kurzgefasste
Übersicht der durch Hochwasser verursachten Verluste zeigt
dazu die Tabelle 1. Auch
wenn
die
Zahlen
aus
verschiedenen
Datenbanken
in
Verbindung
mit
den
unterschiedlichen Bewertungskriterien und Methoden des Monitorings mit gewissen
Unsicherheiten verbunden sind, zeigen sie jedoch die durch Hochwasser verursachten
extremen Gesamtverluste.

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3
Tabelle 1
Folgen der bedeutendsten Hochwasserereignisse in ausgewählten Ländern
Mitteleuropas
für den Zeitraum
1990
2014
Staat
Hochwasserjahr
Todesopfer
Wirtschaftliche
Verluste in Mio. $
Tschechien
1997, 2002, 2013
100
5744
Slowakei
1998
65
306
Slowenien
2012
1
270
Ungarn
1999, 2010
10
881
Polen
1997, 2001, 2010
104
7380
Bemerkung: Angaben aus der Datenbank EM-DAT (Guha-Sapir et al. 2015), welche zur Erfassung der
Ereignisse das Kriterium der Anzahl betroffener Personen,
Höhe wirtschaftlicher Verluste und internationales
Ausmaß des Krisenmanagements nutzt.
Ausführlichere Daten zu den einzelnen Hochwasserereignissen sind in Form von
Berichten und Schadensbilanzen
zugänglich, die
z. B. im Auftrag des Umweltministeriums
der Tschechischen Republik
(Ministerstvo životního prostření, 2014)
erarbeitet wurden.
Der Bericht zum Hochwasser 1997
führt an (ČHÚ,
1998), dass dieses Ereignis insgesamt
50 Tode zur Folge hatte und das Alltagsleben tausender Menschen beeinflusste. Die
wirtschaftlichen Verluste sind in diesem Bericht auf 62,6 Mrd. CZK beziffert, davon 39,2
Mrd.
CZK am unbeweglichen
Vermögen. Dem Hochwasser 2002 fielen 19 Menschen zum
Opfer und die direkten Vermögensschäden
beliefen sich insgesamt auf 73,1 Mrd. CZK. Im
Vergleich dazu betrug die
Schadensschätzung beim Hochwasser
2013 15,4 Mrd. CZK. Es
sollte jedoch an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass die Hochwasserereignisse
bedeutende indirekte
Schäden
verursachten,
womit sich die Eigentümer sowie
Vermögensverwalter noch einige Jahre nach dem Hochwasser auseinander setzten
mussten.
Für längere Zeit
waren beispielsweise Sozialdienstleistungen und der
Schulbetrieb unterbrochen, womit der Alltag vieler Familien nachteilig beeinflusst wurde.
Darüber hinaus
sind immense psychische Belastungen bei den vom Hochwasser
betroffenen Personen festzustellen, die sich nur schwer finanziell darstellen lassen.
1.3 Wie kann man die Folgen der Hochwasserereignisse klassifizieren?
Die Analyse und Auswertung abgelaufener Hochwasserereignisse ist eine wichtige
Voraussetzung, um die Verletzbarkeit einer Gesellschaft zu charakterisieren. Dabei lassen
sich mit den Ergebnissen auch die
zugehörigen
Analysemethoden
präzisieren.
Die
Qualität dieser Methoden ist daher insbesondere von der Genauigkeit bestehender Daten
und von einer geeigneten Klassifizierung abhängig. Auf Grundlage einer sektoralen bzw.
Rezeptor-basierten Klassifizierung
der Hochwasserschäden ist es dann
möglich,

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4
geeignete Methoden zu identifizieren, mit denen sich die Verletzbarkeit in dem jeweiligen
Sektor
charakterisieren
lässt. Vor diesem Hintergrund
werden z. B. für Gebäude
üblicherweise
Schadensfunktionen verwendet, die den finanziellen Schaden bei
unterschiedlichen Überflutungstiefen darstellen.
Für die
Charakterisierung der
Betroffenheit der Bevölkerung
werden
demgegenüber
epidemiologische
Ansätze
genutzt.
Bei der Auswertung der Verletzbarkeit
von landwirtschaftlichen Flächen ist
es wiederum
notwendig mit langfristigen
Einschränkungen
zu rechnen, die den Ernteverlust
darstellen, sowie z. B. auch langfristige
Änderungen der Nutzungsmöglichkeiten
kennzeichnen
(Möglichkeit der Feldbestellung,
Fruchtbarkeit). Eine Grundklassifizierung
der Hochwasserschäden stellt die Tabelle
2 dar.
Tabelle 2
Klassifizierung
der Hochwasserschäden
nach Sektoren/Objekttypen (Quelle:
Merz et al. 2010, modifiziert)
Sektor/Objekttypen
Bemerkung zur Verfügbarkeit
sowie Möglichkeit der
Standardisierung
der Daten über Hochwasserschäden
Haushalte
hohe Verfügbarkeit,
höheres Maß der
Standardisierung im Vergleich zu
anderen Sektoren
Industrie
niedrigere Verfügbarkeit, hohe Variabilität
der Preise sowie Schäden
Dienstleistungen
niedrigere Verfügbarkeit,
hohe Variabilität der Preise sowie Schäden
Öffentlicher
Sektor
Verfügbarkeit sowie
Variabilität sind sehr
vom administrativen
hierarchischem Niveau
abhängig
Infrastruktur
variable Verfügbarkeit, Standardisierung nur
für einige
Objekttypen
möglich
(z.
B.
Straßen)
Landwirtschaft
höhere
Verfügbarkeit der Daten,
höheres Maß
der Standardisierung
Sonstiges
niedrige Verfügbarkeit der Daten,
für Teilkosten ist es mögliche
standardisierte Einheiten (z. B. Evakuierungskosten) festzusetzen
Bemerkung: Die
Möglichkeit der
Standardisierung von
Daten drückt die
Variabilität
der Schäden im Rahmen
des Sektors aus. Gleichzeitig verdeutlicht dies
die Möglichkeit durchschnittliche
(oder
andere
ähnliche) Werte
festzusetzen, die ausreichend präzise
die Schäden für
den gesamten Sektor zum Ausdruck bringen.

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5
2. Was versteht man unter Verletzbarkeit?
Langfristige
Bemühung, die durch Hochwasser verursachten
Folgen zu mindern, führten die Fachleute zu immer
detaillierterer
Auseinandersetzung
mit
verschiedenen
Teilaspekten des Hochwassers und dessen Management. Neben
der Komplexität der Detailprobleme ist es jedoch auch
erforderlich, den Blick
für das
Gesamtsystem zu behalten.
Hierfür
erscheinen Modellansätze geeignet zu sein, welche ein
vereinfachtes Abbild der Realität
zeigen, die Verflechtung der
Hochwasserteilaspekte verdeutlichen und gleichzeitig die
Wirkung von Maßnahmen zur Minderung seiner Folgen
abzubilden vermögen.
Die Modelle konzentrieren sich dabei vor allem auf die Charakterisierung der Risiken, die
sich in Folge der Hochwasserereignisse ergeben (genauso wie aus anderen Gefahren). Ein
anerkanntes Modell ist das sog.
Prozessrisikomodell
(Framework) welches im Rahmen
des UNO-Programmes zur Unterstützung
bei Großschadensereignissen −
Office of the
United Nations Disaster Relief Coordinator (UNDRO 1979) entwickelt wurde. Dieses
Modellkonzept stellt das Risiko als Funktion von drei Variablen, bzw. Komponenten dar
(Abb. 1):
Gefahr
, oder auch
Gefährdung
(engl. hazard)
in unserem Fall wird das
Hochwasser als Ereignis betrachtet, welches negative Auswirkungen hervorrufen
kann,
Exposition
(engl. exposure)
– bezeichnet das Maß
womit die vulnerablen
Elemente bzw. Rezeptoren in dem betrachteten Gebiet (Gesellschaft, Infrastruktur,
Landschaftselemente usw.) der Gefahr ausgesetzt sind,
Verletzbarkeit
(engl. vulnerability)
– bezeichnet das Maß der
Empfindlichkeit
für
die
angeführten Elemente
bzw. Rezeptoren,
d. h. also ihre Widerstandsfähigkeit
gegen
Hochwassereinflüsse.
Zusammenfassung des
Kapitels:
• Die
Verletzbarkeit wird
allgemein als potentieller
Schaden definiert, der
durch eine Gefahr
verursacht wird (z. B.
Hochwasser).
• Die
Verletzbarkeit bildet
gemeinsam mit der
Gefahr und der Exposition
die zentralen Elemente
des Hochwasserrisikos.

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6
Abbildung 1
Prozessmodell des Hochwasserrisikos (
Von den Autoren gemäß
UNDRO 1979
angepasst.)
Das Hochwasserrisiko ist also durch das Zusammenwirken der drei
angeführten
Komponenten
gekennzeichnet (Gefahr, Vulnerabilität und
Exposition), wobei das Risiko
selbst
die
Wahrscheinlichkeit
für
konkrete
Gesellschafts-,
Wirtschafts-
sowie
Umweltverluste ausdrückt.
Das angeführte Modell ist in der Hinsicht sehr
praktisch, da es
uns
ermöglicht, sich auf die einzelnen Aspekte der Minderung der Hochwasserrisiken
besser zu konzentrieren und gleichzeitig auch ihren geschlossenen (komplexen)
Charakter
einzuhalten.
Das
Zusammenwirken
der
einzelnen
Hochwasserrisikokomponenten verdeutlicht dazu der Exkurs A.
Exkurs A
Zusammenwirken der Hochwasserrisikokomponenten
Stellen wir uns einen
Fluss vor, zum Beispiel in der Größenordnung der Saale in Deutschland, mit
einem symmetrischen Flussbett und einem Talboden. An den gegenüberliegenden Ufern befinden
sich zwei Gemeinden. Die Ortschaft am linken Ufer hat 100 Häuser, wovon
beispielsweise 20 in der
Überschwemmungszone
von einem 100-jährigem
Hochwasser (HQ
100
) stehen, die Ortschaft an dem
rechten Ufer hat ebenfalls
100 Häuser, jedoch
stehen
nur 5 in dieser Überschwemmungszone
(HQ
100
). Das betrachtete Hochwasser
stellt für beide Ortschaften die gleiche Gefährdung
dar, da die
Hochwasserwelle in diesem Gebiet identische hydrologische Charakteristiken aufweisen wird
(Scheiteldurchfluss, Wasserstand). Im Gegensatz dazu
wird das Hochwasserrisiko für beide
Ortschaften unterschiedlich sein, da die Exposition der vulnerablen Komponenten (Anzahl der
Gebäude)
in den beiden Ortschaften unterschiedlich ist.
Nun ändern wir diese hypothetische Situation so, dass
sich in beiden Ortschaften die gleiche Anzahl
an
Häusern
befindet,
die
in
der
Überschwemmungszone
von
einem
100-jährigen

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7
Hochwasserereignis stehen. In der Ortschaft am linken Ufer stehen jedoch nur Holzbauten, die
Häuser in der Ortschaft an dem rechten Ufer
sind
in massiver Bauart
ausgeführt. Obwohl die Gefahr
und die Exposition des Hochwassers
für beide Ortschaften
identisch sind, wird das resultierende
Risiko unterschiedlich sein. Der Grund dafür ist die unterschiedliche
Verletzbarkeit
der Gebäude.
Darüber hinaus ist
die Verletzbarkeit einer Ortschaft nicht nur vom Charakter der
Gebäude abhängig.
Auch wenn ihre Konstruktion
identisch sein würde,
kann die gesellschaftliche Verletzbarkeit in
beiden Gemeinden auch dann unterschiedlich sein, wenn in einer Gemeinde eine Freiwillige
Feuerwehr tätig ist und in der anderen
Gemeinde nicht.
In
der Realität wird
nur selten solch eine Situation zu finden sein, wo eine Vielzahl der Faktoren
identisch ist. Das
erwähnte Risikomodell ermöglicht
es jedoch zu erklären,
warum an einigen
Standorten ein relativ kleines Hochwasser oder eine andere gefährliche
Situation
mehr Schäden
verursachen kann, als ein Extremhochwasser in einem anderen Gebiet.
Vor diesem Hintergrund lässt sich bei
der Minderung von
Hochwasserschäden
auf die
einzelnen Komponenten des Hochwasserrisikos fokussieren. Die Hydrologen werden sich
vorzugsweise mit dem Monitoring des Abflussgeschehens
beschäftigen und die Analysen
der Häufigkeit der Hochwasserereignisse
perfektionieren. Dadurch lassen sich die
Eintrittswahrscheinlichkeiten und Intensitäten zukünftiger Hochwasserereignisse
deutlich besser prognostizieren und Unsicherheiten weiter reduzieren. Die Gebietsplaner
sowie Geografen
bemühen sich die
Nutzung der Gebiete so zu optimieren, dass die
Exposition
der Komponenten gegenüber
dem Hochwasser gemindert wird. Die
Ökonomen, Architekten, Ingenieure
und manch andere versuchen solche Maßnahmen zu
entwerfen, womit die Verletzbarkeit der Komponenten und der Gesellschaft gemindert
wird.
Später wird noch gezeigt, dass
sich der Begriff Verletzbarkeit und dessen Bewertung im
Laufe der Jahre verändert hat.
An dieser Stelle können wir jedoch die
Verletzbarkeit als
potentiellen Verlust definieren, der durch eine Gefahr
(z. B. Hochwasser) verursacht
wird. Es ist gleichzeitig zu betonen, dass durch die weltweit zunehmenden
gesellschaftlichen
sowie
wirtschaftlichen
Auswirkungen
des
Hochwassers,
die
Aufmerksamkeit der Fachleute und Politiker
wieder verstärkt auf
die Verletzbarkeit
gerichtet ist.
Während die Häufigkeit und Intensität
der Naturgefahren kaum beeinflusst
werden kann
und die zunehmende Weltbevölkerung immer höheren Druck auf
gefährdete Gebiete
ausübt, lassen sich durch angepasste Bauweisen, neue Technologien
und ein verbessertes Krisenmanagement die Risiken bedeutend mindern.

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8
3. Welche Elemente und Subjekte der Verletzbarkeit sind zu
unterscheiden?
Auch wenn die Verletzbarkeit zu einem
Schlüsselbegriff
in der
Naturgefahrenforschung wurde, werden von Fachleuten und
Politikern unterschiedliche Faktoren oder Komponenten der
Verletzbarkeit betont. Ihre „Präferenzen“
können
beispielsweise
durch persönliche Erfahrungen
oder den eigenen fachlichen
Hintergrund beeinflusst sein. Hierbei erscheint jedoch, dass die
Wahrnehmung des Problems in seiner
Komplexität
die
praktische
Umsetzung von Maßnahmen zur Risikoreduktion
bremsen kann. Die Praxis fordert in der Regel schnelle und
sichtbare Lösungen, wodurch die Probleme in einzelne Schritte
unterteilt werden, die sich sinnvoll
bewältigen
lassen.
Anderseits funktioniert diese Vorgehensweise nur dann, wenn
auch
hier
der
Gesamtzusammenhang
der
Probleme
wahrgenommen wird. Nur so lassen sich langfristig effiziente
und wenig widersprechende Effekte produzieren.
3.1 Zielgruppe
Ein
von
den
Grundunterschieden
der
Bewertung
der
Verletzbarkeit ist die Zielgruppe, worauf wir hinzielen. Weltweit
werden die bedeutendsten Naturkatastrophen betrachtet und
aufgrund der zusammenfassenden Daten aus den einzelnen Staaten oder großen
Regionen wird ausgewertet, worauf sich
der Schwerpunkt der Bemühungen weiterhin
konzentrieren soll (Förderungen, humanitäre
Hilfe u.
Ä.). Auf der Ebene der
Staatsregierungen bildet die Zielgruppe der Bewertungen die gesamte Population sowie
Population konkreter betroffener Gebiete. Von den Regierungen wird dann entschieden,
ob an die betroffenen Gebiete spezifische
Förderungen geleistet
werden. Es interessiert
sie dabei nicht, wie die Verletzbarkeit der Einzelpersonen oder Haushalte ist. Das ist
dann die Aufgabe der regionalen Politiker, dass die finanziellen oder anderen
Instrumente möglichst
effizient genutzt werden. Auf der Kommunalebene kann man
sich dann meistens auch mit der Verletzbarkeit
von Einzelpersonen
beschäftigen. Uns
ist zum Beispiel bekannt, dass in der Gemeinde einige Personen leben, die kein Auto
haben, oder dass sie eventuell abseits vom Zentrum und relativ einsam leben. Wir
Zusammenfassung
des
Kapitels:
Das
Maß
der
Verletzbarkeit kann man
gemäß der Zielgruppe,
Gebietsabgrenzung
oder
Komponenten des Milieus
bewerten.
• Auf dem Niveau
kleinerer
Gebiets-
einheiten
ist
es
angebracht,
sich
auf
individuelle
Verletz-
barkeit zu konzentrieren
und
dabei
die
Aus-
wirkungen
auf
verschiedene
Komponenten des Milieus
in Erwägung zu
ziehen.
Jedes Hinzielen fordert
andere
Eingangsdaten,
deren Qualität sowie
Verfügbarkeit bedeutende
Unterschiede
ausweisen
kann.

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9
konzentrieren uns also auf die Verletzbarkeit der Einzelpersonen.
Gemäß der
Zielgruppe werden auch die Kennziffern der Verletzbarkeit eingestellt. Auf dem
gesamtstaatlichen Niveau
beschäftigt man sich in der Regel nicht mit dem Zustand der
Haushalte oder Betriebe, im Fokus stehen die gesamten Sektoren der Gesellschaft sowie
Wirtschaft.
3.2 Territorialer Ansatz
Die Abweichungen bei der territorialen Bewertung der Verletzbarkeit
sind einigermaßen
mit dem Vorherigen verflochten.
Die territoriale Verletzbarkeit wird in der Regel als
Aggregation der Verletzbarkeit von solchen Elementen dargestellt,
die fürs Funktionieren
des jeweiligen Gebietes
für wesentlich zu halten sind. In einigen Fällen wird jedoch die
territoriale Verletzbarkeit auch als Gesamtkennziffer der Verletzbarkeit der gesamten
Population oder aller Güter des jeweiligen Gebietes dargestellt. Durch die Gebietsgröße
werden bedeutend Charakter, Detail
sowie Verfügbarkeit der Daten
beeinflusst, womit es
möglich ist das Maß der
Verletzbarkeit darzustellen. Die Abweichungen entstehen jedoch
nicht nur auf der Skala vom globalen zum lokalen Ansatz,
sie können auch im Rahmen
der
Gebietseinheiten
ähnlicher Größe
existieren. Von den Flussmeistereien werden bei der
Bewertung der Verletzbarkeit andere Kennziffern
betrachtet als von den Bürgermeistern
in den Gemeinden oder Regionspräsidenten der betroffenen Regionen.
Die
unterschiedliche Wahrnehmung durch Flussmeistereien und Gemeinden sowie die
Tatsache, dass sich die Gebiete und Grenzen dieser beiden Verwaltungseinheiten
überschneiden, können zur Zusammenarbeit bei der Minderung der Wasserschäden aber
auch zur diametral
entgegensetzten Maßnahmen sowie
zum gegenseitigen Misstrauen
führen –
insbesondere dann, wenn die gesetzlichen Bedingungen einen unabhängigen
Ansatz
zu Lösungen ermöglichen und wenn beide Seiten sich nicht bemühen gemeinsame
Hochwasserstrategien zu entwickeln.
3.3 Komponenten der Verletzbarkeit
Die Wahrnehmung des Begriffes Verletzbarkeit kann sich letztendlich auch in Bezug auf
die vorgezogenen Aufgaben unterscheiden. Die Präferenzen
können aus
der Ideenbasis
resultieren
die wirtschaftlichen Auswirkungen lassen sich als solche anzusehen, die von
größerer Bedeutung
sind und man bemüht sich die sämtlichen Auswirkungen in
monetäre zu überführen
(aus
dem Gesichtspunkt präventiver sowie korrigierender
Maßnahmen
ist es möglich mit ihnen besser zu
arbeiten), oder
ist es möglich
die
indirekten
Sozialauswirkungen für bedeutender
zu halten (die im Endeffekt die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Gebietes
beeinflussen).
Genauso können die

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10
Präferenzen
aus unterschiedlichen Aufgaben ausgehen, die den Akteuren sowie den
Institutionen kraft Gesetzes oder aus dem Prinzip der Sache obliegen. Das oben
angeführte Beispiel der Verwaltung der Flussmeistereien sowie Gemeinden bringt es
ausreichend zum Ausdruck. Die primäre Aufgabe der Verwaltung der Flussmeistereien
ist, sich um (öko-)hydrologische Eigenschaften des Flussgebietes
zu kümmern
(der
gewählte Ansatz
kann sich bedeutend unterscheiden),
für einen Bürgermeister ist
dagegen die
(öko-)hydrologische Problematik des Flusses oder spezifisch die
Hochwasseraktivität
nur einer von
vielen Faktoren strategischer Entwicklung der
Gemeinde.

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11
4.
Wovon ist das Maß der
Verletzbarkeit abhängig?
4.1 Wovon wird die Verletzbarkeit beeinflusst?
In wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Naturrisiken
befassen, werden in der Regel vier „globale“
Grundansätze
definiert, die auch die unterschiedliche Auffassung der Faktoren
zum Ausdruck bringen, wodurch das Maß der
Verletzbarkeit der
Gesellschaft beeinflusst wird. Diese Ansätze entstanden
schrittweise, ersetzten sich jedoch nicht, sie ergänzten sich eher.
Laut Smith und Petley (2009) handelt es sich um folgende
Ansätze:
Technischer Ansatz
Dieser ist der Älteste und von
Anfang an fokussiert
er auf technische Lösungen
beispielsweise
durch
Bauwerke
und
Flussbettanpassungen, um die Verletzbarkeit durch
Hochwasser zu vermindern.
Das Problem
dieses
Ansatzes
besteht
darin,
dass
er
nur
selten
den
gesellschaftlichen
Kontext
berücksichtigt
und
voraussetzt,
dass ein gründlicheres Verständnis der
Gesetzmäßigkeiten der Natur in Sachen Hochwasser
sowie bessere technische
Lösungen die
Verletzbarkeit
mindern können.
Die Effizienz
dieser Lösungen ist jedoch
immer auch von der Bereitwilligkeit der Gesellschaft
diese anzunehmen und daran beteiligt zu sein (z. B. auch
finanziell) abhängig.
Dieser Ansatz verließ sich lange Zeit
auf
strukturelle
Maßnahmen,
oder
sog.
graue
Infrastruktur, d.
h. also auf künstliche
Maßnahmen. Die
jetzigen
Bemühungen des Hochwassermanagements
betonen dabei die Bedeutung sowie Effizienz der sog.
naturnahen Maßnahmen
(engl. nature-based solutions).
Behavioristicher Ansatz (auch human-ökologischer)
Seine
Anfänge reichen bis
in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Ziel dieses Ansatzes ist es,
die Gründe
zu
verstehen,
welche
die
Gesellschaft
zum
Bewohnen
der
Hochwasserrisikogebiete bewegt und welche
Möglichkeiten
der Anpassung und
Risikominderung für die Tätigkeit der Gesellschaft gibt.
Der Mensch ist dadurch
Zusammenfassung
des
Kapitels:
Es
existieren
unterschiedliche Ansätze zur
Bewertung?
der
Verletz-
barkeit. Daraus ergibt sich
eine
unterschiedliche
Gewichtung von Faktoren,
die
das
Ergebnis?
maßgeblich
beeinflussen.
• Jeder der Ansätze hat seine
Vorteile sowie bedeutende
Einschränkungen.
Derzeit
dominiert
der
strukturelle
Ansatz,
der
voraussetzt,
dass
die
Verletzbarkeit
durch
demographische, wirtschaft-
liche
sowie
politische
Strukturen
(und
andere)
bedingt ist.
• Das Maß der Verletzbarkeit
lässt sich durch Veränderung
der
Input-Variablen
(Faktoren) beeinflussen.
• Verletzbarkeit ändert sich
mit
der
Zeit
durch
die
zunehmende
Inanspruchnahme
der
Überschwemmungsgebiete,
durch Veränderungen der
strukturellen
Bedingungen
sowie
durch
modifizierte
Wahrnehmung des Begriffes
Naturgefahr
(Hochwasser)
und
Naturrisiko
(Hochwasserrisiko).

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12
nicht nur der
„Empfänger“
der Hochwasserfolgen, sondern auch aktiver Faktor bei
Minderung potentieller Hochwasserschäden.
Die Maßnahmen sollten also auf
Änderungen menschlicher
Aktivitäten
gezielt sein, die zur Minderung der
Hochwasserschäden und zur Verteilung potentieller Verluste in dem jeweiligen
Gebiet
führen. Das
Problem
von diesem Ansatz ist insbesondere die schwer
greifbare sowie erklärbare Kapazität der
Gesellschaft, sich den Risikobedingungen
anzupassen. Es ist zum Beispiel kompliziert so eine Kennziffer zu finden, womit es
möglich wäre die Kapazität zum Lernen und Anpassen zum Ausdruck zu
bringen.
Im Gegenteil zum strukturellen Ansatz (siehe weiter) bekennt der behavioristiche
Ansatz zwar die nicht reduzierbare Kompliziertheit des Verhältnisses
zwischen
dem Mensch und Hochwasser, er schafft es jedoch nur bei einigen davon geeignete
beschreibende Charakteristiken zu finden.
Struktureller Ansatz
entstand in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und
beruht auf der Voraussetzung, dass die Verletzbarkeit durch strukturelle
Eigenschaften
der
Gesellschaft
bedingt
ist.
Deswegen
beruht
er
auf
Detailkenntnissen demografischer, ökonomischer
sowie weiterer Daten über die
Gesellschaft. Die
Verarbeitung dieser Daten ermöglicht das Gesamtmaß der
Verletzbarkeit
für
das jeweilige Gebiet festzustellen. Dieser Ansatz wurde bei der
Bewertung der Verletzbarkeit dominierend, und zwar insbesondere deswegen,
dass er auf relativ
gut verfügbaren Daten aus statistischen Untersuchungen beruht,
die zeitlich sowie räumlich vergleichbar sind
(z.
B. regelmäßige
Volkszählung). Da,
wo die Daten
nur schwer verfügbar
sind, kann man den sog. dasymetrischen
Ansatz ihrer Einteilung in kleinere Gebietseinheiten anwenden. Zu den
häufig
genutzten Modellen, die von dem strukturellen Ansatz
abgeleitet wurden,
gehört
das sog.
PAR Modell
(von engl. pressure and release). Diese versucht die Ursachen
der Folgen der Naturgefahren in den Randbedingungen zu finden, die die
Gesellschaft verursacht (z. B. Urbanisierung). Ferner gibt es das sog.
Access model
– das die unterschiedlichen Auswirkungen der Naturgefahren so erklärt, dass den
Menschen während der Hochwasserereignisse oder anderer Großschadenslagen
die Ressourcen, Finanzen sowie Krisenhilfe auf verschiedene Art und Weise
verfügbar (oder nicht
verfügbar) sind. In dieser Hinsicht ist das Modell auch dem
sustainable livelihood
Modell (frei nachhaltiges Leben) ähnlich, das die
Verletzbarkeit
als Situation erklärt, wenn ein gefährliches Ereignis das normale
(nachhaltige) Leben der Menschen sowie Haushalte durcheinander wirft. Das
Problem
des Ansatzes ist es,
das die von ihm genutzten Daten nur beschränkt die

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13
Motivation der Gesellschaft zur
Risikotätigkeit erfassen und es nicht
gelingt, das
Potential der Gesellschaft zur Anpassung an die risikoreichen Bedingungen zum
Ausdruck zu bringen.
Entwicklungsansatz
In den letzten Jahrzenten des 20. Jahrhunderts begann man
mehr Aufmerksamkeit den Ursachen zu widmen, die extreme Auswirkungen der
Naturgefahren in Entwicklungsländern verursachen.
Die Aufmerksamkeit wird
den Ursachen
gewidmet, die in diesen Ländern langfristig zur Bildung solcher
institutioneller Bedingungen führen, die es nicht ermöglichen ein höheres
Sicherheitsmaß für die Population zu sichern, die Naturgefahren ausgesetzt ist.
Es
handelt sich um ungenügende sowie
ineffektive Gesetzgebung, nicht existierende
Mechanismen der Krisenhilfe oder zu schwaches Wirtschaftsmilieu, um die
Hochwasserschäden
beseitigen
zu können. Das
Problem von diesem Ansatz
ist
seine Anwendbarkeit nur für
bestimmte Gebiete. Von globalem Gesichtspunkt
bietet er Erklärung mancher schwerwiegender Ursachen von großen
Hochwasserschäden in den Entwicklungsländern. In Richtung kleinerer Gebiete ist
es jedoch besser die Gebietsunterschiede mittels eines strukturellen Ansatzes zu
erklären. Einerseits verbleibt der Vorteil der Entwicklungsauffassung der
Ursachen von Hochwasserschäden, die der
strukturelle Ansatz nicht in
genügendem Maße anbietet.
Außer den angeführten vier
konzeptionellen
Ansätzen ist es möglich auch
verschiedene
Arten der Wahrnehmung des Begriffes Verletzbarkeit zu definieren. Diese Arten spiegeln
sich dann in unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen wider, die man bei der
Bewertung
der
Verletzbarkeit
verwendet
(Cutter
1996).
Die
Grundarten
der
Wahrnehmung des Begriffes Verletzbarkeit sind in dem Exkurs B angeführt.
Exkurs B
Grundarten der Wahrnehmung des Begriffes Verletzbarkeit
(Cutter
1996)
Verletzbarkeit als
eine bereits vorher existierende Bedingung
(engl. pre-existing condition)
versteht
die Verletzbarkeit vor allem als konkrete Art und Weise der Einteilung der
Bevölkerung
und ihrer
Tätigkeiten in den
Risikogebieten
und die sich daraus ergebenden möglichen Verluste für die
Gesellschaft.
Verletzbarkeit als
Reaktion
(engl. tempered response)
versteht die Verletzbarkeit
als Fähigkeit
(Kapazität)
der Gesellschaft auf ungünstige
Situation, z. B. Hochwasser, zu reagieren. Diese Art der
Wahrnehmung steht dem Begriff
Resilienz
nah, der in den letzten Jahren immer öfters
die
Fähigkeit
der Gesellschaft zum Ausdruck bringt, flexibel auf Hochwasser zu reagieren, d. h. seine Auswirkungen

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14
zu mindern und aufgrund der erworbenen Erfahrungen neue
präventive Maßnahmen zur Minderung
möglicher zukünftiger Schäden
vorzunehmen. Von einigen Fachleuten wird jedoch die Verletzbarkeit
und Resilienz getrennt betrachtet und sie behaupten, dass die Verletzbarkeit sich dominant auf die
vorher gegebenen Bedingungen (siehe oben) bezieht, und Resilienz
die künftige Verhaltensänderung
in der Beziehung zu Naturgefahren zum Ausdruck bringt.
Verletzbarkeit als
Gefährdung des Standortes
(engl. hazard of place)
– bemüht sich die zwei
vorherigen Arten der Wahrnehmung in einem vorher definierten physischen oder sozialen Raum zu
kombinieren. Ein physischer Raum kann zum Beispiel ein Fluss- oder Gemeindegebiet sein, ein
sozialer Raum
sind dann die Verhältnisse in
konkreter sozialer Formation (z. B. durch Hochwasser
müssen nicht nur physische Komponenten des jeweiligen Gebietes beeinflusst sein, sondern auch
Privat-, Arbeits- und sonstige formelle menschliche Beziehungen).
Die angeführten Ansätze stellen die Art und Weise dar, wie verschiedene Fachleute und
Politiker die Verletzbarkeit wahrnehmen.
Aus der angeführten Übersicht ergibt sich
jedoch bisher nicht, welche konkreten Faktoren
das Maß der
Verletzbarkeit entscheidend
beeinflussen. Diese Faktoren werden sich selbstverständlich teilweise gemäß dem
bevorzugten Ansatz unterscheiden,
für Grundfaktoren können wir jedoch
die halten, die
in der Tabelle 3
angeführt sind.
Tabelle 3
Typische Kennziffer der Verletzbarkeit auf der lokalen (kommunalen) Ebene
(
Angepasst laut Cutter et al. 2008)
Kennziffergruppe
Beispiele
ökologische
(natürliche)
Potential der Bodenerosion, Bodentyp sowie Vegetation (beeinflusst den
Charakter der landwirtschaftlichen Produktion), Biodiversität
(Empfindlichkeit der Arten gegen Hochwasser
beeinflusst eventuelle
Dominanz/Absenz der jeweiligen Art)
soziale
Besiedlungsdichte (beeinflusst die Exponiertheit gegen Hochwasser),
Altersstruktur (beeinflusst die Mobilität, Informationsflüsse
beim
Krisenmanagement), Genderstruktur
(beeinflusst die Mobilität,
Familienverhältnisse), Beschäftigungsgradstruktur (beeinflusst die
Verfügbarkeit der Ressourcen während und nach
Hochwasser), Anwesenheit
der Akzelerationserscheinungen (sozialpathologische Erscheinungen, mentale
Störungen der Population)
wirtschaftliche
Einnahmegruppen, Beschäftigungsgrad, Eigentumspreise (bewegliche sowie
unbewegliche
Güter), finanzielle Reserven, Anwesenheit der
Akzelerationserscheinungen (graue Wirtschaftszonen)
institutionelle
Existenz
des
Hochwasserbewältigungsplanes,
Funktionsfähigkeit
des
Krisenstabs,
Verfügbarkeit
der Rettungskräfte, legislative sowie institutionelle
Bedingungen zur Gewährung
finanzieller, physischer und psychologischer
Hilfe, Anwesenheit der gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen

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15
infrastrukturelle
Verkehrsnetz, Typ
und Bauzustand der
Gebäude, Anwesenheit kritischer
Infrastruktur (z. B. Wärmetauscher, elektrische Verteiler), Anwesenheit der
Gebäude zur
kollektiven Nutzung (z. B. Schulen als Evakuationszentren)
4.2
Wie lässt sich das Maß der
Verletzbarkeit beeinflussen?
Es ist offensichtlich,
dass die angeführten Ansätze weltweit gut umzusetzen
sind, die
Anwendung von einigen
davon wird jedoch im lokalen Maßstab weniger Sinn haben und
es wird auch schwieriger sein diese umzusetzen.
Jeder der Ansätze ist auch für bestimmte
Tätigkeit bei Minderung der Hochwasserrisiken geeignet, obwohl es bereits angeführt
wurde, dass am meisten der strukturelle Ansatz genutzt wird.
Inwieweit diese Ansätze
auf Gemeinde- und Regionalebene in Tschechien nutzbar sind, fasst die Tabelle 4
zusammen.
Tabelle 4
Möglichkeiten
verschiedener Ansätze zur
Verletzbarkeit im Hinblick auf die
Minderung der
Hochwasserschäden
Ansatz
Haupttätigkeit
Erläuterung
technischer
Raumplanung
Integration
spezialisierter
Grundraumdaten
ermöglicht die Gebiete mit hohem Maß am
Hochwasserrisiko zu definieren
und für diese
Gebiete geeignete (hydro)technische sowie
bevorzugte
Konstruktionslösungen
zu
entwerfen.
struktureller
Verteilung von Risiken
Krisenmanagement
Schadensmonitoring
Kenntnisse demografischer, sozialer sowie
wirtschaftlicher
Daten
von
den
Gebieten
ermöglichen
langfristig
zwecks
der
Umverteilung von Risiken die Prozesse des
Krisenmanagements einzustellen und die durch
Hochwasser verursachten Schäden effizienter
zu betrachten
behavioristicher
Raumplanung
Kommunikation von Risiken
Krisenmanagement
partizipatives Management
Falls wir die Motivationen der Einzelpersonen
sowie Gruppen zu Tätigkeiten in dem
jeweiligen Gebiet verstehen, wird es und
leichter sein ihnen die aus diesen Tätigkeiten
hervorgehenden Risiken besser zu erklären
und wir können somit effizientere
Arten des
Krisenmanagements
einzustellen
(z.
B.
Warnmeldungen)
und
die
Effizienz
der
Hochwasserstrategien
dank Stärkung des
Vertrauens zwischen den Lenkungsorganen
und der Öffentlichkeit zu
erhöhen.

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16
Ansatz
Haupttätigkeit
Erläuterung
Entwicklungsansatz
beschränkte Nutzung
Obwohl es vom Gebiet zum Gebiet Unterschiede
bezüglich der Verletzbarkeit der Gesellschaft
existieren, sind diese im Rahmen eines Staates
durch den strukturellen Ansatz zu erfassen, da
die legislativen sowie weiteren normativen
institutionellen Bedingungen identisch sind;
den Ansatz kann man teilweise zur besseren
Verständigung der Entwicklung
nutzen, wie das
Hochwasserrisiko
von
der
Gesellschaft
wahrgenommen wird
das beeinflusst auch die
Bereitwilligkeit
entsprechende
Hochwassermaßnahmen
umzusetzen.
Aufgrund der Wahl des gesamten (konzeptionellen) Ansatzes zur Minderung der
Verletzbarkeit kann man dann mit konkreten Kennziffern der Verletzbarkeit arbeiten
(siehe Tabelle 3) und sich um solche Einstellung von denen bemühen, die potentielle
Auswirkungen der Naturgefahren mindert. Von einem gewissen Vorteil ist, dass wir uns
bemühen die meisten dieser Kennziffer auch im Rahmen anderer Aufgaben der
kommunalen Entwicklung zu verbessern (man
bemüht sich z.
B. um ausgeglichene
Altersstruktur, hohen und diversifizierten
Beschäftigungsgrad in den
Sektoren,
Verbesserung der
Verkehrsmittelverfügbarkeit). Es kann jedoch vorkommen, dass
Intervention einer Kennziffer erst in einem langfristigen Horizont sichtbar wird und
manchmal können
die Interventionen auch diametral entgegengesetzt wirken. Falls die
Gemeinde also schwerwiegenden Naturgefahren ausgesetzt ist, so ist es angebracht, sich
auf die
Schlüsselkennziffer zu konzentrieren, die in der Vergangenheit von
beträchtlichen
Folgen begleitet wurden. Wenn es zum Beispiel offensichtlich war, dass ein Ortsteil
aufgrund
erschwerter Zugänglichkeit schwierig zu
evakuieren war, dann werden
Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrswege/durch örtliche Anpassung der
Verkehrszeichen, Aufstockung der Anzahl der Evakuierungsmittel/Einbindung von
Privatsubjekten in die Evakuierungspläne usw. in Vordergrund stehen.
4.3
Ändert sich die
Verletzbarkeit mit der Zeit?
Zurzeit wird die Verletzbarkeit
insbesondere für verschiedene Raumeinheiten bewertet,
um diese
vergleichen zu können. Das soll
zur gezielten Auswahl und Umsetzung
geeigneter Maßnahmen zur
Schadensminderung
führen. Vollkommen legitim bleibt
jedoch die Frage, ob sich die Verletzbarkeit
mit der Zeit ändert, d.
h. also, ob die
umgesetzten Maßnahmen erfolgreich waren.

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17
Es ist überraschend, wie wenig Arbeiten sich bisher
mit der langfristigen Bewertung der
Veränderungen bezüglich der
Verletzbarkeit durch Naturgefahren (z. B. konkret durch
Hochwasser) beschäftigten.
Mangel an Kenntnissen beruht dabei nicht auf den Daten zur
Hochwasserschäden selbst, jedoch eher
auf ihrer Interpretation und Darstellung ihres
Verhältnisses
zu dem Maß der
Verletzbarkeit.
Eine ausführliche Bewertung der
Entwicklung vom Maß der
Verletzbarkeit
für
relativ kleine Gebietseinheiten wurde z. B.
für
Vereinigten Staaten von Amerika (Cutter a Finch 2008) realisiert, allerdings aufgrund
beschränkter Verfügbarkeit
statistischer
Daten nur für einen nicht allzu langen Zeitraum
(1960–2000).
Weitere Arbeiten (z. B. Aceto et al. 2016) summieren
alljährliche Hochwasserverluste
(Lebens- ggf. auch Wirtschaftsverluste) aufgrund
vielfältiger Daten für lange
Zeiträume,
sie ziehen jedoch nicht die Änderungen bezüglich
institutioneller Bedingungen (z. B.
Gesetze)
in
Erwägung,
wovon die Verlusthöhen
ggf. beeinflusst werden könnte.
Darüber
hinaus sind sich auch die Autoren dieser Studien dessen bewusst,
dass die Verfügbarkeit
sowie der Umfang von Daten in Richtung Gegenwart steigt. Somit deuten diese Studien in
der Regel den zunehmenden Trend von gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen
Verlusten an und leiten
davon das zunehmende Maß der
Verletzbarkeit der Gesellschaft
ab. Quantifizierte Hochwasserverluste sind jedoch
kein direktes Äquivalent vom Maß der
Verletzbarkeit. Manche historische Gemeinschaften konnten sich zum Beispiel mit einem
höheren Wirtschaftsverlust psychologisch besser auseinanderzusetzen als moderne
Gemeinschaften mit einem relativ geringeren Verlust. Der Grund dafür ist
die
unterschiedliche
sog.
mentale
Wirkung,
womit
die
Gemeinschaften
das
Großschadensereignis und die entstandenen Verluste begründeten.
An den langfristigen Veränderungen
der Hochwasserverluste und dem scheinbaren
Veränderung
der Verletzbarkeit mit der Zeit sind
primär
folgende Faktoren von
Bedeutung:
• bessere Verfügbarkeit
von Daten zu Hochwasserschäden, die durch die
Entwicklung von Kommunikationstechnologien, Monitoring und Reporting
beeinflusst wird
es
zeigt sich überwiegend
eine
Zunahme
von Verlusten und
eine Zunahme der Verletzbarkeit;
natürlich
wachsende weltweite Population, von der solche Gebiete immer
mehr genutzt werden, die durch Naturgefahren gefährdet sind–
es zeigt sich
überwiegend
eine
Zunahme
von Verlusten und eine Zunahme der
Verletzbarkeit;

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18
Änderungen in
der strukturellen Charakteristik der Weltpopulation
(zunehmende Alphabetisierung, Wuchs vom wirtschaftlichen Status, Mobilität,
Intensität
der
sozialen Netzwerke usw.)
kann zur
Senkung
von Verlusten und
einer reduzierten Verletzbarkeit sichtbar werden;
unterschiedliche Wahrnehmung
und Erklärung der
Ursachen, des Vorgangs
und der Folgen von Naturkatastrophen (z.
B. das, was früher für keine
Naturgefahr gehalten wurde, wird jetzt
für
solche gehalten;
und ähnlich, das,
was früher für keinen Schaden gehalten wurde, wird jetzt für
solchen gehalten)
– es zeigt sich überwiegend
eine
Zunahme
von Verlusten und eine Zunahme
der Verletzbarkeit;
Umsetzung von neuen Hochwassermaßnahmen
dank
Lernen, Adaptierung und
Implementierung neuer Technologien und Vorgehensweisen
kann durch
Senkung
von Verlusten und einer reduzierten Verletzbarkeit sichtbar werden.

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19
5.
Ansätze zur Bewertung der
Verletzbarkeit
5.1 Allgemeine methodische
Ansätze
Auf
dem Grundniveau lässt sich die Bewertung der
Verletzbarkeit wie folgt einteilen:
Populationsansatz, wirtschaftlicher
und
räumlicher Ansatz (für
vorher
definierte
Gebietseinheiten). Diese Bewertungen lassen sich kombinieren, man stößt jedoch immer
auf eingeschränkte Verfügbarkeit der Daten. Deswegen ist es immer
angebracht, gleich
am Anfang an einen geeigneten
Ansatz mit entsprechender Datenverfügbarkeit
zu
wählen.
Populationsansatz
(auch epidemiologischer)
Ansatz
zur Bewertung der Verletzbarkeit
ermöglicht eine Gesamtvorstellung über die Betroffenheit der menschlichen Bevölkerung
und deren Verletzbarkeit zu gewinnen. Adger (2006)
schlägt für diese Bewertung
folgende Kennziffer vor (Tabelle 5).
Tabelle 5
Bewertung der Verletzbarkeit auf dem Niveau der Population
Kennziffer
Erläuterung
Beispiel*
proportionale
Verletzbarkeit
(engl. proportional
vulnerability)
Anteil der Population, die als
verletzbar bewertet wird; beruht auf
der Gesamtanzahl der Personen,
bringt jedoch nicht die Unterschiede
bezüglich der
Verletzbarkeit der
Einzelpersonen zum Ausdruck
35 % der Population sind
verletzbar
Verletzbarkeitslücke
(engl. vulnerability gap)
aggregierter Unterschied der
Entfernung zwischen Sicherheit
(well-being) der Einzelpersonen und
der Verletzbarkeitsschwelle; die
Minderung der Verletzbarkeit kann
man durch Senkung der Anzahl der
verletzbaren Personen sowie durch
Erhöhung der Entfernung von der
Verletzbarkeitsschwelle erreichen
Population wenig verletzbar,
da nur ein Teil davon der
Gefahr ausgesetzt ist und zur
Erreichung vollständiger
Sicherheit nur eine kleine
Veränderung der Bedingungen
reicht
Verletzbarkeitsextremität
(engl. vulnerability severity)
gewogene Verteilung der
Verletzbarkeitslücke
und der
verletzbaren Population; je mehr
Personen in den Kategorien der
hohen Verletzbarkeit konzentriert
sind,
desto höher ist die
Verletzbarkeit
hohe Verletzbarkeit, wenn ein
bedeutender Teil der
Population in der Kategorie
konzentriert ist, die die
Verletzbarkeitsschwelle
deutlich übersteigt
Bemerkung: *die Beispiele sind illustrativ und stellen keine identische Situation dar.

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20
Wirtschaftlicher Ansatz
geht aus dem sog. ökonomischen Risikomodell aus, dass das
Risiko
als
Wahrscheinlichkeit
definiert,
dass
nachteilige
Ereignisse
mit
ihrer
Eintrittswahrscheinlichkeit (Naturgefahr)
ein bestimmtes Maß
an wirtschaftlichen
Verlusten verursacht. Dieser Ansatz wird vor allem deswegen verwendet, weil die durch
Hochwasser verursachten Wirtschaftsschäden zu den
Schwerwiegendsten
gehören,
womit sich die Länder, Regionen
sowie Kommunen auseinander setzen müssen. Die
wirtschaftliche Bewertung der Verletzbarkeit
ermöglicht die durch Hochwasser
verursachten Verluste abzuschätzen.
Der angeführte Ansatz hat jedoch zwei
Einschränkungen: (a) die
Transformation sämtlicher Schäden in
monetäre
Variablen ist
kompliziert und nicht immer möglich. Deswegen konzentriert sich
der wirtschaftliche
Ansatz insbesondere auf bewegliche und unbewegliche Werte (z. B. Kap. 5.2.3). Dabei ist
es nur begrenzt möglich, die wesentlichen Unterschiede und die Dynamik der Werte in
Raum und Zeit zum Ausdruck zu bringen(es werden z. B. oft nur durchschnittliche Preise
genutzt). Dieser Ansatz bietet ferner (b)
nur im beschränkten Maße die Möglichkeit der
Interventionen zur Minderung
der Hochwasserschäden und ist also eher für
die
Abschätzung der Schäden
geeignet; ihr Monitoring kann man aber auch zur Bewertung
der Auswirkungen der Hochwasserschutzmaßnahmen zur Minderung der
wirtschaftlichen Verluste nutzen, die durch Hochwasserereignisse verursacht werden.
Räumlicher Ansatz
zur Bewertung der Verletzbarkeit beruht auf aggregierten Kennziffern.
Für
eine
vorher
definierte
Gebietseinheit
wird
eine
Recherche
bestehender
demografischer, sozialer, wirtschaftlicher sowie weiterer Daten vorgenommen, man
bewertet ihre Relevanz in der Beziehung zu der Verletzbarkeit
und schlägt die Art und
Weise ihrer Aggregation vor.
Dieser Ansatz ist vor allem für verschiedene Typen
von
Verletzbarkeitsindizes charakteristisch (siehe Kap. 4.2.1?).
Für die Gebietseinheit steht
dann eine einzige Zahl (Index) zur Verfügung, die das Maß der
Verletzbarkeit darstellt.
Auf diese
Art und Weise ist es
möglich, die Gebiete miteinander zu vergleichen oder die
Berechnung zu wiederholen und somit eine Vorstellung über die Veränderungen der
Verletzbarkeit in der Zeit zu gewinnen.
5.2 Aktuelle Beispiele
für die
Bewertung der Verletzbarkeit und des Risikos infolge
Hochwasser
5.2.1 Hochwasserrisikokarten des Verbandes der tschechischen Versicherungen
Eine
der möglichen Kennziffern der
Verletzbarkeit in Tschechien sind auch die
Hochwasserrisikokarten des Verbandes der tschechischen Versicherungen
(ČAP).
Die
Karten beziehen sich auf das jeweilige Gebiet, bzw. auf die jeweilige Liegenschaft und

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21
dienen der Charakterisierung des Hochwasserrisikos sowie der Festlegung von
Versicherungsprämien. Aufgrund der Eingabe einer konkreten Anschrift wird die
Liegenschaft
zu
einer
von
vier
Kategorien
zugeordnet,
die
aufgrund
der
Gefährdungssituation festgesetzt wurden. Auf dieser Grundlage wird dann der Preis aus
der Liegenschaftsversicherung ermittelt und ggf.
für
einen konkreten Haushalt berechnet.
Die auf der Karte dargestellten Zonen zeigen das
Risikomaß
der Betroffenheit durch
Hochwasser aus der
Sicht des Versicherungsmarktes
.
In die Zone 1 gehören Gebiete, wo kein Hochwasser droht
und wo es problemlos sein
wird,
einen Versicherungsvertrag abzuschließen. Sobald sich das Gebäude
in der Zone 4
befindet, was einer Betroffenheit ab HQ 20 entspricht, wird der Abschluss von einer
Hochwasserversicherung meistens abgelehnt. In den Zonen 2 und 3 handelt es sich um
ein Gebiet,
das durch mögliches Hochwasser gefährdet wird und die Versicherungssätze
in
der
Regel
um
einen
Risikozuschuss
erhöht
werden.
Dieser
kann
bei
Immobilienversicherung und Haushaltsversicherung unterschiedlich sein, wobei auch die
Angebote einzelner Versicherungshäuser variieren. Es ist jedoch wichtig darauf
aufmerksam zu machen, dass die Nutzung dieser Karten vorwiegend
für den
Versicherungsmarkt bestimmt ist und die Nutzung der Informationen
für andere Zwecke
irreführend sein
kann. Es sind
nämlich
wesentliche Unterschiede zwischen den
Überschwemmungsgebieten nach
ČAP
und
den entsprechenden Flächen der
wasserwirtschaftlichen
Behörden
festzustellen.
Die
Hochwasserrisikokarten
der
Versicherungen beinhalten neben dem Risiko
durch eine
Gewässerausuferung auch
zusammenhängende
Überflutungen
durch
Kanalüberstau
und
durch
Starkniederschlagsereignisse.
5.2.2 Hochwassergefahren- und Verletzbarkeitskarten
Die Entwicklung in den letzten Jahren
ermöglicht
es uns, mit Hilfe von analytischen
Methoden ziemlich komplex den Wert der Verletzbarkeit zu bestimmen. Der Nachteil
besteht jedoch in den umfangreichen Datenvolumen, welches dann durch eine erfahrene
Person auszuwerten ist. Hierbei ist es jedoch erforderlich die Analysen so auszuwerten,
dass die Verletzbarkeit schnell und auf eine relativ einfache Art und Weise von den
Nutzern bzw. Betroffenen erkannt werden kann. Hierfür werden oft geeignete
Kartendarstellungen erarbeitet.
Die Karten
der überschwemmungsgefährdeten Gebiete basieren häufig auf
einer
Quantifizierung der hochwasserinduzierten Verletzbarkeit , deren Darstellung aufgrund
der
Komplexität oft als Vulnerabilitätskennziffern (Indikatoren)
erfolgt. Die Karten

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stellen dann die räumliche Verteilung der Komponenten dar, die durch Hochwasser
verletzbar sind.
Für die Berechnung dieser Kennziffer ist es
möglich, geographische
Informationssysteme (GIS) mit verschiedenen
frei verfügbaren Quellen räumlicher Daten
zu nutzen, wodurch die Erfassung der Verletzbarkeitskarten auch mit geringen Kosten
verbunden ist. Die Karten können als Unterlagen der Raumplanung mit dem Ziel dienen,
die Anzahl der Einwohner
oder die Bevölkerungsdichte in den Überschwemmungszonen
und somit auch ihre Verletzbarkeit sowie Hochwasserrisiko langfristig zu verringern. Das
Problem beruht jedoch darauf, dass die Karten nicht oder nur selten genutzt werden. In
Frankreich
wurden
z. B.
mehr
als
80
%
der
Baugenehmigungen
in
Überschwemmungsgebieten erteilt
(in den letzten 40 Jahren), wodurch oft neue,
verletzbare Bauwerke entstanden (Barroca et al. 2006).
Zurzeit werden aufgrund der
Überführung
der Europäischen
Hochwasserrichtlinie
(EC,
2007) in die tschechische Gesetzgebung
Gefährdungskarten
erstellt, welche eine
Alternative zu den Verletzbarkeitskarten darstellen. Sie entstanden unter Anwendung der
Risikomatrix (Beffa, 2000), die auf eine Quantifizierung der Hochwasserschäden
verzichtet.
Gerade diese Methode ermöglicht eine
nichtquantitative
Abschätzung der
Schäden, da sie das Hochwasserrisiko mittels
einer vierstufigen farblichen Skala zum
Ausdruck bringt. Somit beinhalten die Kategorien Empfehlungen,
in wie weit die Flächen
für ihre bestehende bzw. zukünftige Nutzung geeignet oder ungeeignet
sind, samt
Empfehlungen zur Einschränkung eventueller Aktivitäten. Diese
Informationen können
sich dann in der Dokumentation zwecks Raumplanung oder bei den Entwürfen der
Hochwasserschutzmaßnahmen widerspiegeln. Diese Karten
dienen gemeinsam mit den
Hochwassergefahrkarten als Grundlage
für
die Erarbeitung der Hochwasserrisikokarten
und der Pläne
zur Bewältigung des Hochwasserrisikos
(siehe nachfolgendes Kapitel
4.2.4).
5.2.3 Hochwassergefahrkarten
Die Hochwassergefahrkarten
sind durch die Ausuferung, Wassertiefe und die
Fließgeschwindigkeit in den überfluteten Gebieten charakterisiert. Sie
wurden für vier
Szenarien erarbeitet, HQ5, HQ20, HQ100 und HQ500.
Die Karte ermöglicht somit die
Hochwassergefahr zu quantifizieren
und die Intensität
des Hochwassers zu
charakterisieren. Diese Karten bilden eine weitere Grundlage zur Gestaltung der
Hochwasserrisikokarten.
Die
Hochwasserrisikokarten
entstehen
durch
die
Kombination der Hochwassergefahr sowie Verletzbarkeit der Gebäude in dem
Überschwemmungsgebiet. Sie stellen die potentiellen durch Hochwasser verursachten

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23
Schäden dar und bilden die Gebiete
sowie Objekte ab, bei denen das Kriterium des
maximal annehmbaren Risikos überschritten ist. Die Karten lassen sich zum Beispiel
für
die Darstellung der potentiell betroffenen Einwohner oder Einrichtungen nutzen, die im
Falle einer
Überflutung
zu evakuieren sind
Tabelle 6
Beispiel von Hochwasserkarten
Die Karten können sowohl der Öffentlichkeit als auch den zuständigen Organen dienen,
und zwar nicht nur zur Erfassung der Pläne zur Bewältigung der Hochwasserrisiken
(siehe
Kap.
4.2.4),
sondern
auch
zur
Anpassung
der
bereits
festgesetzten
Überschwemmungsgebiete,
zur Gestaltung und
Aktualisierung der Hochwasserpläne und
vor allem auch zur raumplanerischen
Anpassung der zukünftigen Nutzung des Gebietes.
Daher sollen die Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten einen festen
Bestandteil der Raumplanung darstellen.
5.2.4 Pläne
zur Bewältigung der Hochwasserrisiken
Die Pläne zur Bewältigung der
Hochwasserrisiken werden aufgrund der aus der
Europäischen Hochwasserrichtlinie hervorgehenden Pflicht
gestaltet, beziehungsweise
ihrer Transposition in die tschechische Gesetzgebung. Der Prozess der Implementation
wird vom Umweltschutzministerium der Tschechischen Republik gesteuert, das
gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium der Tschechischen
Republik für
ihre
Erfüllung
verantwortlich
ist.
Ein
Bestandteil
ist
die
Identifizierung
von
Hochwasserrisikogebieten,
für welche die Karten
zu erarbeiten sind.
Die Pläne werden
Hochwassergefahrkarten
•Umfang der Ausuferung
•Wassertiefe
•Fließgeschwindigkeit
Hochwasserrisikokarten
•Hochwassergefahren
•Verletzbarkeit der Objekte
Hochwassergefährdungskarten
•Methode der Risikomatrix (Beffa,
Switzerland)
•keine Quantifizierung der
Hochwasserschäden erforderlich

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24
allgemeingültig
gehalten (also nicht nur auf Krisensituationen orientiert). In Tschechien
werden
die Pläne
auf der Ebene der Flussmeistereien (Elbe, Oder, Donau) erarbeitet, die
als Verwaltungseinheiten im Einklang mit der Rahmenrichtlinie stehen. Die erarbeiteten
Pläne beinhalten zwei
Grundtypen
von Maßnahmen
(allgemeine und konkrete). Die
allgemeinen
Maßnahmen sollen alle Gemeinden betreffen, die in Gebieten mit
bedeutendem Hochwasserrisiko liegen und sich auf Prävention und
Verbesserung der
Vorsorge konzentrieren. Im Rahmen der Vorsorge wird ein Schwerpunkt zum Beispiel auf
die Erfassung und dauerhafte Aktualisierung der Hochwasserdokumentation sowie auf
die Errichtung und Modernisierung lokaler Warnmeldesysteme gelegt. Im Rahmen der
Pläne wird auch für jedes Gebiet
spezifiziert,
ob die Hochwasserpläne bereits
existieren
(und aktualisiert werden), oder ob es erforderlich ist, solche
Pläne zu
erarbeiten.
Konkrete
Maßnahmen
stellen
beispielsweise
die
Errichtung
von
Hochwasserschutzanlagen dar.

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25
6. Literatur
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