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URTEIL DES GERICHTSHOFS (Zweite Kammer)
15. Oktober 2015
*
„Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Richtlinie 2011/92/EU –
Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und privaten
Projekten – Art. 11 – Richtlinie 2010/75/EU – Industrieemissionen (integrierte
Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung) – Art. 25 – Zugang
zu Gerichten – Abweichende nationale Verfahrensvorschriften“
In der Rechtssache C-137/14
betreffend eine Vertragsverletzungsklage nach Art. 258 AEUV, eingereicht am
21. März 2014,
Europäische Kommission,
vertreten durch C. Hermes und G. Wilms als
Bevollmächtigte, Zustellungsanschrift in Luxemburg,
Klägerin,
gegen
Bundesrepublik Deutschland,
vertreten durch T. Henze und J. Möller als
Bevollmächtigte,
Beklagte,
unterstützt durch
Republik Österreich,
vertreten durch C. Pesendorfer als Bevollmächtigte,
Streithelferin,
erlässt
DER GERICHTSHOF (Zweite Kammer)
*
Verfahrenssprache: Deutsch.
DE

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 2
unter Mitwirkung der Präsidentin der Ersten Kammer R. Silva de Lapuerta
(Berichterstatterin) in Wahrnehmung der Aufgaben des Präsidenten der Zweiten
Kammer sowie der Richter J. L. da Cruz Vilaça, A. Arabadjiev, C. Lycourgos und
J.-C. Bonichot,
Generalanwalt: M. Wathelet,
Kanzler: V. Tourrès, Verwaltungsrat,
aufgrund des schriftlichen Verfahrens und auf die mündliche Verhandlung vom
12. März 2015,
nach Anhörung der Schlussanträge des Generalanwalts in der Sitzung vom 21.
Mai 2015
folgendes
Urteil
1
Mit ihrer Klage beantragt die Europäische Kommission, festzustellen,
dass die Bundesrepublik Deutschland gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 11 der
Richtlinie 2011/92/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.
Dezember 2011 über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten
öffentlichen und privaten Projekten (ABl. 2012, L 26, S. 1) und aus Art. 25 der
Richtlinie 2010/75/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24.
November 2010 über Industrieemissionen (integrierte Vermeidung und
Verminderung der Umweltverschmutzung) (ABl. L 334, S. 17) verstoßen hat,
indem sie
– die Aufhebung von Verwaltungsentscheidungen im Sinne der Richtlinien
2011/92 und 2010/75 auf die Fälle beschränkt, in denen nachweislich ein
subjektives Recht verletzt wurde (§ 113 Abs. 1 Verwaltungsgerichtsordnung
[VwGO]);
die Aufhebung von Entscheidungen aufgrund von Verfahrensfehlern auf das
Fehlen einer Umweltverträglichkeitsprüfung oder der Vorprüfung (§ 4
Abs. 1 des Gesetzes über ergänzende Vorschriften zu Rechtsbehelfen in
Umweltangelegenheiten nach der Richtlinie 2003/35/EG [Umwelt-
Rechtsbehelfsgesetz] vom 7. Dezember 2006 [BGBl. I S. 2816] in der am
21. Januar 2013 geänderten Fassung, im Folgenden: UmwRG) und auf Fälle
beschränkt, in denen der Rechtsbehelfsführer nachweist, dass der
Verfahrensfehler für das Ergebnis der Entscheidung kausal war und eine
Rechtsposition des Rechtsbehelfsführers betroffen ist (§ 46

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 3
Verwaltungsverfahrensgesetz [VwVfG] in Verbindung mit § 113 Abs. 1
VwGO);
– die Klagebefugnis und den Umfang der gerichtlichen Prüfung auf
Einwendungen beschränkt, die bereits innerhalb der Einwendungsfrist im
Verwaltungsverfahren, das zur Annahme der Entscheidung geführt hat,
eingebracht wurden (§ 2 Abs. 3 UmwRG in geänderter Fassung und § 73
Abs. 4 VwVfG);
in Verfahren, die nach dem 25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem 12. Mai
2011 abgeschlossen wurden, die Klagebefugnis von Umweltverbänden auf
Rechtsvorschriften beschränkt, die Rechte Einzelner begründen (§ 2 Abs. 1
UmwRG in geänderter Fassung in Verbindung mit § 5 Abs. 1 UmwRG);
in Verfahren, die nach dem 25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem 12. Mai
2011 abgeschlossen wurden, den Umfang der gerichtlichen Prüfung von
Rechtsbehelfen von Umweltverbänden auf Rechtsvorschriften beschränkt
hat, die Rechte Einzelner begründen (§ 2 Abs. 1 UmwRG in geänderter
Fassung in Verbindung mit § 5 Abs. 1 UmwRG);
– allgemein Verwaltungsverfahren, die vor dem 25. Juni 2005 eingeleitet
wurden, vom Geltungsbereich des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes ausnimmt
(§ 5 Abs. 1 und 4 UmwRG in geänderter Fassung).
Rechtlicher Rahmen
Unionsrecht
2
Art. 11 der Richtlinie 2011/92 sieht vor:
„(1) Die Mitgliedstaaten stellen im Rahmen ihrer innerstaatlichen
Rechtsvorschriften sicher, dass Mitglieder der betroffenen Öffentlichkeit, die
a)
ein ausreichendes Interesse haben oder alternativ
b) eine Rechtsverletzung geltend machen, sofern das
Verwaltungsverfahrensrecht bzw. Verwaltungsprozessrecht eines
Mitgliedstaats dies als Voraussetzung erfordert,
Zugang zu einem Überprüfungsverfahren vor einem Gericht oder einer anderen
auf gesetzlicher Grundlage geschaffenen unabhängigen und unparteiischen Stelle
haben, um die materiell-rechtliche und verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit von
Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen anzufechten, für die die
Bestimmungen dieser Richtlinie über die Öffentlichkeitsbeteiligung gelten.
(2) Die Mitgliedstaaten legen fest, in welchem Verfahrensstadium die
Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen angefochten werden können.

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 4
(3) Was als ausreichendes Interesse und als Rechtsverletzung gilt, bestimmen
die Mitgliedstaaten im Einklang mit dem Ziel, der betroffenen Öffentlichkeit
einen weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren. …
(4) Dieser Artikel schließt die Möglichkeit eines vorangehenden
Überprüfungsverfahrens bei einer Verwaltungsbehörde nicht aus und lässt das
Erfordernis einer Ausschöpfung der verwaltungsbehördlichen
Überprüfungsverfahren vor der Einleitung gerichtlicher Überprüfungsverfahren
unberührt, sofern ein derartiges Erfordernis nach innerstaatlichem Recht besteht.
Die betreffenden Verfahren werden fair, gerecht, zügig und nicht übermäßig teuer
durchgeführt.
(5) Um die Effektivität dieses Artikels zu fördern, stellen die Mitgliedstaaten
sicher, dass der Öffentlichkeit praktische Informationen über den Zugang zu
verwaltungsbehördlichen und gerichtlichen Überprüfungsverfahren zugänglich
gemacht werden.“
3
Art. 25 der Richtlinie 2010/75 bestimmt:
„(1) Die Mitgliedstaaten stellen im Rahmen ihrer innerstaatlichen
Rechtsvorschriften sicher, dass Mitglieder der betroffenen Öffentlichkeit Zugang
zu einem Überprüfungsverfahren vor einem Gericht oder einer anderen auf
gesetzlicher Grundlage geschaffenen unabhängigen und unparteiischen Stelle
haben, um die materiell-rechtliche und verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit von
Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen gemäß Artikel 24 anzufechten,
sofern die folgenden Bedingungen erfüllt sind:
a)
Sie haben ein ausreichendes Interesse;
b) sie machen eine Rechtsverletzung geltend, sofern das
Verwaltungsverfahrensrecht bzw. Verwaltungsprozessrecht eines
Mitgliedstaats dies als Voraussetzung erfordert.
(2) Die Mitgliedstaaten legen fest, in welchem Verfahrensstadium die
Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen angefochten werden können.
(3) Was als ausreichendes Interesse und als Rechtsverletzung gilt, bestimmen
die Mitgliedstaaten im Einklang mit dem Ziel, der betroffenen Öffentlichkeit
einen weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren.
...
(4) Die Absätze 1, 2 und 3 schließen die Möglichkeit eines vorangehenden
Überprüfungsverfahrens bei einer Verwaltungsbehörde nicht aus und lassen das
Erfordernis einer Ausschöpfung der verwaltungsbehördlichen

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 5
Überprüfungsverfahren vor der Einleitung gerichtlicher Überprüfungsverfahren
unberührt, sofern ein derartiges Erfordernis nach innerstaatlichem Recht besteht.
Die betreffenden Verfahren werden fair, gerecht, zügig und nicht übermäßig teuer
durchgeführt.
(5) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass der Öffentlichkeit praktische
Informationen über den Zugang zu verwaltungsbehördlichen und gerichtlichen
Überprüfungsverfahren zugänglich gemacht werden.“
Deutsches Recht
Verwaltungsgerichtsordnung
4
§ 42 VwGO bestimmt:
„(1) Durch Klage kann die Aufhebung eines Verwaltungsakts
(Anfechtungsklage) sowie die Verurteilung zum Erlass eines abgelehnten oder
unterlassenen Verwaltungsakts (Verpflichtungsklage) begehrt werden.
(2) Soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist, ist die Klage nur zulässig,
wenn der Kläger geltend macht, durch den Verwaltungsakt oder seine Ablehnung
oder Unterlassung in seinen Rechten verletzt zu sein.“
5
In § 113 Abs. 1 VwGO heißt es:
„Soweit der Verwaltungsakt rechtswidrig und der Kläger dadurch in seinen
Rechten verletzt ist, hebt das Gericht den Verwaltungsakt und den etwaigen
Widerspruchsbescheid auf …“
Verwaltungsverfahrensgesetz
6
§ 24 VwVfG bestimmt:
„(1) Die Behörde ermittelt den Sachverhalt von Amts wegen. Sie bestimmt Art
und Umfang der Ermittlungen; an das Vorbringen und an die Beweisanträge der
Beteiligten ist sie nicht gebunden.
(2) Die Behörde hat alle für den Einzelfall bedeutsamen, auch die für die
Beteiligten günstigen Umstände zu berücksichtigen.
(3)
Die Behörde darf die Entgegennahme von Erklärungen oder Anträgen, die in
ihren Zuständigkeitsbereich fallen, nicht deshalb verweigern, weil sie die
Erklärung oder den Antrag in der Sache für unzulässig oder unbegründet hält.“
7
§ 44 VwVfG sieht vor:

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 6
„(1) Ein Verwaltungsakt ist nichtig, soweit er an einem besonders
schwerwiegenden Fehler leidet und dies bei verständiger Würdigung aller in
Betracht kommenden Umstände offensichtlich ist.
(2) Ohne Rücksicht auf das Vorliegen der Voraussetzungen des Absatzes 1 ist
ein Verwaltungsakt nichtig,
1.
der schriftlich oder elektronisch erlassen worden ist, die erlassende Behörde
aber nicht erkennen lässt;
2.
der nach einer Rechtsvorschrift nur durch die Aushändigung einer Urkunde
erlassen werden kann, aber dieser Form nicht genügt;
3. den eine Behörde außerhalb ihrer durch § 3 Abs. 1 Nr. 1 begründeten
Zuständigkeit erlassen hat, ohne dazu ermächtigt zu sein;
4.
den aus tatsächlichen Gründen niemand ausführen kann;
5. der die Begehung einer rechtswidrigen Tat verlangt, die einen Straf- oder
Bußgeldtatbestand verwirklicht;
6.
der gegen die guten Sitten verstößt.
…“
8
§ 46 VwVfG bestimmt:
„Die Aufhebung eines Verwaltungsaktes, der nicht nach § 44 nichtig ist, kann
nicht allein deshalb beansprucht werden, weil er unter Verletzung von
Vorschriften über das Verfahren, die Form oder die örtliche Zuständigkeit
zustande gekommen ist, wenn offensichtlich ist, dass die Verletzung die
Entscheidung in der Sache nicht beeinflusst hat.“
9
In § 73 VwVfG heißt es:
„(1) Der Träger des Vorhabens hat den Plan der Anhörungsbehörde zur
Durchführung des Anhörungsverfahrens einzureichen. Der Plan besteht aus den
Zeichnungen und Erläuterungen, die das Vorhaben, seinen Anlass und die von
dem Vorhaben betroffenen Grundstücke und Anlagen erkennen lassen.
(2) Innerhalb eines Monats nach Zugang des vollständigen Plans fordert die
Anhörungsbehörde die Behörden, deren Aufgabenbereich durch das Vorhaben
berührt wird, zur Stellungnahme auf und veranlasst, dass der Plan in den
Gemeinden, in denen sich das Vorhaben voraussichtlich auswirken wird,
ausgelegt wird.
(3) Die Gemeinden nach Absatz 2 haben den Plan innerhalb von drei Wochen
nach Zugang für die Dauer eines Monats zur Einsicht auszulegen. …

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 7
(3a) Die Behörden nach Absatz 2 haben ihre Stellungnahme innerhalb einer von
der Anhörungsbehörde zu setzenden Frist abzugeben, die drei Monate nicht
überschreiten darf. Stellungnahmen, die nach Ablauf der Frist nach Satz 1
eingehen, sind zu berücksichtigen, wenn der Planfeststellungsbehörde die
vorgebrachten Belange bekannt sind oder hätten bekannt sein müssen oder für die
Rechtmäßigkeit der Entscheidung von Bedeutung sind; im Übrigen können sie
berücksichtigt werden.
(4) Jeder, dessen Belange durch das Vorhaben berührt werden, kann bis zwei
Wochen nach Ablauf der Auslegungsfrist schriftlich oder zur Niederschrift bei der
Anhörungsbehörde oder bei der Gemeinde Einwendungen gegen den Plan
erheben. … Mit Ablauf der Einwendungsfrist sind alle Einwendungen
ausgeschlossen, die nicht auf besonderen privatrechtlichen Titeln beruhen. Hierauf
ist in der Bekanntmachung der Auslegung oder bei der Bekanntgabe der
Einwendungsfrist hinzuweisen. Vereinigungen, die auf Grund einer Anerkennung
nach anderen Rechtsvorschriften befugt sind, Rechtsbehelfe nach der
Verwaltungsgerichtsordnung gegen die Entscheidung nach § 74 einzulegen,
können innerhalb der Frist nach Satz 1 Stellungnahmen zu dem Plan abgeben. …
(5) Die Gemeinden, in denen der Plan auszulegen ist, haben die Auslegung
vorher ortsüblich bekannt zu machen. In der Bekanntmachung ist darauf
hinzuweisen,
1.
wo und in welchem Zeitraum der Plan zur Einsicht ausgelegt ist;
2.
dass etwaige Einwendungen oder Stellungnahmen von Vereinigungen nach
Absatz 4 Satz 5 bei den in der Bekanntmachung zu bezeichnenden Stellen
innerhalb der Einwendungsfrist vorzubringen sind;
3.
dass bei Ausbleiben eines Beteiligten in dem Erörterungstermin auch ohne
ihn verhandelt werden kann;
4.
dass
a) die Personen, die Einwendungen erhoben haben, oder die
Vereinigungen, die Stellungnahmen abgegeben haben, von dem
Erörterungstermin durch öffentliche Bekanntmachung benachrichtigt
werden können,
b) die Zustellung der Entscheidung über die Einwendungen durch
öffentliche Bekanntmachung ersetzt werden kann,
...
(6)
Nach Ablauf der Einwendungsfrist hat die Anhörungsbehörde die rechtzeitig
gegen den Plan erhobenen Einwendungen, die rechtzeitig abgegebenen
Stellungnahmen von Vereinigungen nach Absatz 4 Satz 5 sowie die

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 8
Stellungnahmen der Behörden zu dem Plan mit dem Träger des Vorhabens, den
Behörden, den Betroffenen sowie denjenigen, die Einwendungen erhoben oder
Stellungnahmen abgegeben haben, zu erörtern. Der Erörterungstermin ist
mindestens eine Woche vorher ortsüblich bekannt zu machen. Die Behörden, der
Träger des Vorhabens und diejenigen, die Einwendungen erhoben oder
Stellungnahmen abgegeben haben, sind von dem Erörterungstermin zu
benachrichtigen. Sind außer der Benachrichtigung der Behörden und des Trägers
des Vorhabens mehr als 50 Benachrichtigungen vorzunehmen, so können diese
Benachrichtigungen durch öffentliche Bekanntmachung ersetzt werden. Die
öffentliche Bekanntmachung wird dadurch bewirkt, dass abweichend von Satz 2
der Erörterungstermin im amtlichen Veröffentlichungsblatt der Anhörungsbehörde
und außerdem in örtlichen Tageszeitungen bekannt gemacht wird, die in dem
Bereich verbreitet sind, in dem sich das Vorhaben voraussichtlich auswirken wird;
maßgebend für die Frist nach Satz 2 ist die Bekanntgabe im amtlichen
Veröffentlichungsblatt....
...
(9) Die Anhörungsbehörde gibt zum Ergebnis des Anhörungsverfahrens eine
Stellungnahme ab und leitet diese der Planfeststellungsbehörde innerhalb eines
Monats nach Abschluss der Erörterung mit dem Plan, den Stellungnahmen der
Behörden und der Vereinigungen nach Absatz 4 Satz 5 sowie den nicht erledigten
Einwendungen zu.“
Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung
10 § 2 Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG)
sieht vor:
„Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist ein unselbständiger Teil
verwaltungsbehördlicher Verfahren, die der Entscheidung über die Zulässigkeit
von Vorhaben dienen.“
11 Nach § 2 Abs. 3 UVPG zählt zu den „Entscheidungen im Sinne [von § 2
Absatz] 1 Satz 1 … [der] Planfeststellungsbeschluss“.
Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz in geänderter Fassung
12 Gemäß § 1 Abs. 1 Satz 1 UmwRG in geänderter Fassung findet dieses Gesetz
Anwendung auf Rechtsbehelfe gegen Entscheidungen im Sinne von § 2 Abs. 3
UVPG über die Zulässigkeit von Vorhaben, für die nach dem UVPG eine Pflicht
zur Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung bestehen kann.
13
§ 2 UmwRG in geänderter Fassung lautet:
„(1) Eine … anerkannte inländische oder ausländische Vereinigung kann, ohne
eine Verletzung in eigenen Rechten geltend machen zu müssen, Rechtsbehelfe

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 9
nach Maßgabe der Verwaltungsgerichtsordnung gegen eine Entscheidung nach
§ 1 Absatz 1 Satz 1 oder deren Unterlassen einlegen, wenn die Vereinigung
1.
geltend macht, dass eine Entscheidung nach § 1 Absatz 1 Satz 1 oder deren
Unterlassen Rechtsvorschriften, die dem Umweltschutz dienen und für die
Entscheidung von Bedeutung sein können, widerspricht,
2.
geltend macht, in ihrem satzungsgemäßen Aufgabenbereich der Förderung
der Ziele des Umweltschutzes durch die Entscheidung nach § 1 Absatz 1
Satz 1 oder deren Unterlassen berührt zu sein, und
3.
zur Beteiligung in einem Verfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1 berechtigt war
und sie sich hierbei in der Sache gemäß den geltenden Rechtsvorschriften
geäußert hat oder ihr entgegen den geltenden Rechtsvorschriften keine
Gelegenheit zur Äußerung gegeben worden ist.
(2) Eine Vereinigung, die nicht … anerkannt ist, kann einen Rechtsbehelf nach
Absatz 1 nur dann einlegen, wenn
1. sie bei Einlegung des Rechtsbehelfs die Voraussetzungen für eine
Anerkennung erfüllt,
2.
sie einen Antrag auf Anerkennung gestellt hat und
3. über eine Anerkennung aus Gründen, die von der Vereinigung nicht zu
vertreten sind, noch nicht entschieden ist.
...
(3) Hat die Vereinigung im Verfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1 Gelegenheit zur
Äußerung gehabt, ist sie im Verfahren über den Rechtsbehelf mit allen
Einwendungen ausgeschlossen, die sie im Verfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1
nicht oder nach den geltenden Rechtsvorschriften nicht rechtzeitig geltend
gemacht hat, aber hätte geltend machen können.
(4) Ist eine Entscheidung nach § 1 Absatz 1 Satz 1 nach den geltenden
Rechtsvorschriften weder öffentlich bekannt gemacht noch der Vereinigung
bekannt gegeben worden, müssen Widerspruch oder Klage binnen eines Jahres
erhoben werden, nachdem die Vereinigung von der Entscheidung Kenntnis erlangt
hat oder hätte erlangen können. …
(5)
Rechtsbehelfe nach Absatz 1 sind begründet,
1. soweit die Entscheidung nach § 1 Absatz 1 Satz 1 oder deren Unterlassen
gegen Rechtsvorschriften verstößt, die dem Umweltschutz dienen und für
die Entscheidung von Bedeutung sind,

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 10
2.
bei Rechtsbehelfen in Bezug auf Bebauungspläne, soweit die Festsetzungen
des Bebauungsplans, die die Zulässigkeit eines UVP-pflichtigen Vorhabens
begründen, gegen Rechtsvorschriften verstoßen, die dem Umweltschutz
dienen,
und der Verstoß Belange des Umweltschutzes berührt, die zu den Zielen gehören,
die die Vereinigung nach ihrer Satzung fördert. Bei Entscheidungen nach § 1
Absatz 1 Nummer 1 muss zudem eine Pflicht zur Durchführung einer
Umweltverträglichkeitsprüfung bestehen.“
14
§ 4 UmwRG in geänderter Fassung bestimmt:
„(1) Die Aufhebung einer Entscheidung über die Zulässigkeit eines Vorhabens
nach § 1 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 kann verlangt werden, wenn eine nach den
Bestimmungen des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung …
1.
erforderliche Umweltverträglichkeitsprüfung oder
2. erforderliche Vorprüfung des Einzelfalls über die UVP-Pflichtigkeit nicht
durchgeführt worden und nicht nachgeholt worden ist. …
...
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten auch für Rechtsbehelfe von Beteiligten nach
§ 61 Nummer 1 und 2 der Verwaltungsgerichtsordnung.“
15
§ 5 UmwRG in geänderter Fassung lautet:
„(1) Dieses Gesetz gilt für Verfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1, die nach dem 25.
Juni 2005 eingeleitet worden sind oder hätten eingeleitet werden müssen; Halbsatz
1 findet keine Anwendung auf Entscheidungen nach § 1 Absatz 1 Satz 1, die vor
dem 15. Dezember 2006 Bestandskraft erlangt haben.
...
(3) Bereits begonnene Anerkennungsverfahren, die auf dieses Gesetz gestützt
werden, sind nach den bis zum 28. Februar 2010 geltenden Rechtsvorschriften
vom Umweltbundesamt zu Ende zu führen.
(4) Entscheidungsverfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1,
Genehmigungsverfahren nach § 1 Absatz 1 Satz 1 Nummer 2 oder
Rechtsbehelfsverfahren nach § 2, die am 12. Mai 2011 anhängig waren oder nach
diesem Tag eingeleitet worden sind und die am 29. Januar 2013 noch nicht
rechtskräftig abgeschlossen worden sind, sind nach den Vorschriften dieses
Gesetzes in der ab dem 29. Januar 2013 geltenden Fassung zu Ende zu führen.
Abweichend von Satz 1 findet § 4a Absatz 1 nur auf gerichtliche

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 11
Rechtsbehelfsverfahren Anwendung, die ab dem 29. Januar 2013 eingeleitet
worden sind.“
Vorverfahren und Verfahren vor dem Gerichtshof
16 Am 18. Dezember 2006 ging bei der Kommission eine Beschwerde ein, in der
geltend gemacht wurde, die Bundesrepublik Deutschland habe mit dem Umwelt-
Rechtsbehelfsgesetz Art. 10a der Richtlinie 85/337/EWG des Rates vom 27. Juni
1985 über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und
privaten Projekten (ABl. L 175, S. 40) und Art. 15a der Richtlinie 96/61/EG des
Rates vom 24. September 1996 über die integrierte Vermeidung und
Verminderung der Umweltverschmutzung (ABl. L 257, S. 26) nicht
ordnungsgemäß umgesetzt. Daraufhin richtete die Kommission am 1. Oktober
2012 ein Mahnschreiben an die Bundesrepublik Deutschland wegen Verstoßes
gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 der
Richtlinie 2010/75. Die beiden
Richtlinien hatten inzwischen die Richtlinien
85/337 bzw. 96/61 ersetzt.
17 Die Bundesrepublik Deutschland antwortete auf dieses Mahnschreiben mit
Schreiben vom 30. November 2012. Am 6. Februar 2013 bat sie die Kommission,
das Verfahren einzustellen, weil die deutschen Rechtsvorschriften seit dem Erlass
des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes in geänderter Fassung mit dem Urteil Bund
für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen
(C-115/09, EU:C:2011:289) im Einklang stünden.
18
Am 26. April 2013 übermittelte die Kommission der Bundesrepublik Deutschland
eine mit Gründen versehene Stellungnahme, auf die diese am 10. Juli 2013
antwortete. Da die Antwort dieses Mitgliedstaats die Kommission nicht
zufriedenstellte, hat sie die vorliegende Klage erhoben.
19 Mit Antragsschrift, die am 9. Juli 2014 bei der Kanzlei des Gerichtshofs
eingegangen ist, hat die Republik Österreich beantragt, in der vorliegenden
Rechtssache als Streithelferin zur Unterstützung der Anträge der Bundesrepublik
Deutschland zugelassen zu werden. Mit Beschluss vom 11. August 2014 hat der
Präsident des Gerichtshofs diesem Antrag stattgegeben.
Zum Antrag auf Wiedereröffnung des mündlichen Verfahrens
20 Im Anschluss an die Verlesung der Schlussanträge des Generalanwalts hat die
Bundesrepublik Deutschland mit Schriftsatz vom 30. Juni 2015 gemäß Art. 83 der
Verfahrensordnung des Gerichtshofs die Wiedereröffnung des mündlichen
Verfahrens mit der Begründung beantragt, dass die Schlussanträge des
Generalanwalts „vorschlagen, einen neuen Klagegrund zum Gegenstand des
Verfahrens [zu] machen, zu dem sich die Bundesrepublik Deutschland bislang
weder schriftsätzlich noch mündlich äußern konnte“.

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 12
21 Der Gerichtshof kann gemäß Art. 83 der Verfahrensordnung jederzeit nach
Anhörung des Generalanwalts die Wiedereröffnung des mündlichen Verfahrens
beschließen, insbesondere, wenn er sich für unzureichend unterrichtet hält, wenn
eine Partei nach Abschluss des mündlichen Verfahrens eine neue Tatsache
unterbreitet hat, die von entscheidender Bedeutung für die Entscheidung des
Gerichtshofs ist, oder wenn ein zwischen den Parteien oder den in Art. 23 der
Satzung des Gerichtshofs der Europäischen Union bezeichneten Beteiligten nicht
erörtertes Vorbringen entscheidungserheblich ist.
22 Dies ist vorliegend nicht der Fall. Die Bundesrepublik Deutschland zielt auf den
in dieser Vorschrift der Verfahrensordnung zuletzt genannten Fall ab, doch sind
die von ihr angesprochenen Ausführungen des Generalanwalts keineswegs ein
entscheidungserhebliches Vorbringen.
23 Daher besteht nach Auffassung des Gerichtshofs keine Veranlassung, die
Wiedereröffnung des mündlichen Verfahrens anzuordnen.
Zur Klage
Erste Rüge: Beschränkung der Rechtmäßigkeitskontrolle von
Verwaltungsentscheidungen, die unter die Richtlinien 2011/92 und 2010/75 fallen,
auf nationale Rechtsvorschriften, die Rechte Einzelner begründen
Vorbringen der Parteien
24 Die Kommission vertritt die Auffassung, dass § 113 Abs. 1 VwGO die
Rechtmäßigkeitskontrolle von Verwaltungsentscheidungen in rechtswidriger
Weise auf nationale Rechtsvorschriften beschränke, die Rechte Einzelner
begründeten. Daher sei ein Verfahrensrechtsschutz in Deutschland nur dann
garantiert, wenn die verletzte Verfahrensnorm Rechte Einzelner begründe. Gemäß
Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 müssten aber
sowohl die materiell-rechtliche als auch die verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit
von Entscheidungen gerichtlich überprüft werden können.
25 Die Bundesrepublik Deutschland macht geltend, den Mitgliedstaaten sei im
Bereich der Gerichtsbarkeit ein Gestaltungsspielraum eröffnet. Der Umfang der
Prüfung durch die nationalen Gerichte sei nicht Inhalt dieser unionsrechtlichen
Vorschriften, da diese Regelungen nicht vorgäben, welchen Prüfungsmaßstab
diese Gerichte anzulegen hätten. Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 der
Richtlinie 2010/75 sähen nämlich keine Anforderungen an den Prüfungsumfang
des Rechtsschutzes, sondern lediglich die Verpflichtung der Mitgliedstaaten vor,
Zugang zu einem Überprüfungsverfahren zu schaffen, welches die Anfechtung der
materiell- und verfahrensrechtlichen Rechtmäßigkeit von Entscheidungen und
Unterlassungen der Verwaltung ermögliche.

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 13
26 Die Zulässigkeit einer Anfechtungs- oder Verpflichtungsklage setze gemäß § 42
Abs. 2 VwGO voraus, dass der Individualkläger geltend mache, durch den
Verwaltungsakt oder seine Ablehnung in seinen Rechten verletzt zu sein. Nach
§ 113 Abs. 1 VwGO hänge die Begründetheit des Rechtsbehelfs und die etwaige
Aufhebung eines Verwaltungsakts davon ab, ob ein subjektives Recht des Klägers
verletzt sei. Dadurch würden Wertungswidersprüche bei der Zulässigkeits- und
Begründetheitsprüfung ein und derselben Klage vermieden, und lediglich Klagen,
die nach § 42 Abs. 2 VwGO zulässig seien, könnten gemäß § 113 Abs. 1 VwGO
zu einer Aufhebung des Verwaltungsakts führen.
27
Die Republik Österreich macht geltend, dass die nähere Ausgestaltung sowohl des
für den Zugang zu einem gerichtlichen Überprüfungsverfahren notwendigen
Interesses als auch der Rechtsverletzung dem innerstaatlichen Recht vorbehalten
sei. Die Mitgliedstaaten verfügten nämlich über einen weiten
Beurteilungsspielraum, der jedenfalls auch eine Einschränkung der Klagebefugnis
für Einzelne auf subjektiv-öffentliche Rechte erlaube.
Würdigung durch den Gerichtshof
28 Hinsichtlich der Beurteilung der Begründetheit der ersten Rüge der Kommission
ist festzustellen, dass sich diese nicht auf die in § 42 Abs. 2 VwGO geregelten
Zulässigkeitsvoraussetzungen gemäß Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25
der Richtlinie 2010/75, sondern auf den Umfang der gerichtlichen Kontrolle bei
diesen Überprüfungsverfahren in dem Sinne bezieht, dass nach diesen
Vorschriften die „Mitglieder der betroffenen Öffentlichkeit“ Zugang zu einem
Überprüfungsverfahren vor einem Gericht haben müssen, „um die materiell-
rechtliche und verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit von Entscheidungen,
Handlungen oder Unterlassungen“ im Sinne dieser Richtlinien anzufechten.
29 § 113 Abs. 1 VwGO sieht nämlich im Wesentlichen vor, dass das zuständige
Gericht einen rechtswidrigen Verwaltungsakt nur insoweit aufhebt, als der Kläger
„dadurch in seinen Rechten verletzt ist“. Die Aufhebung eines Verwaltungsakts
erfordert daher, dass die vom Gericht festgestellte Rechtswidrigkeit auch die
Verletzung eines subjektiven Rechts des Klägers darstellt.
30 In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Mitgliedstaaten gemäß
Art. 11 Abs. 1 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 Abs. 1 der Richtlinie 2010/75
sicherstellen müssen, dass Mitglieder der betroffenen Öffentlichkeit, die eine
Rechtsverletzung geltend machen, sofern das nationale
Verwaltungsverfahrensrecht bzw. Verwaltungsprozessrecht dies als
Voraussetzung erfordert, Zugang zu einem Überprüfungsverfahren vor einem
Gericht oder einer anderen auf gesetzlicher Grundlage geschaffenen unabhängigen
und unparteiischen Stelle haben, um die materiell-rechtliche und
verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit von Entscheidungen, Handlungen oder
Unterlassungen anzufechten, für die die Bestimmungen dieser Richtlinien gelten.

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 14
31 Außerdem sehen diese Artikel jeweils in ihrem Abs. 3 vor, dass die
Mitgliedstaaten u. a. bestimmen, was als Rechtsverletzung gilt.
32 Unter diesen Umständen ist im Hinblick auf die erste Rüge hervorzuheben, dass
der betreffende Mitgliedstaat, wenn er nach den genannten Bestimmungen der
Richtlinien 2011/92 und 2010/75 die Zulässigkeit von Rechtsbehelfen Einzelner
gegen Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen, die in den
Anwendungsbereich dieser Richtlinien fallen, von Voraussetzungen wie dem
Erfordernis einer Verletzung eines subjektiven Rechts abhängig machen kann, er
auch vorschreiben darf, dass die Aufhebung einer Verwaltungsentscheidung durch
das zuständige Gericht die Verletzung eines subjektiven Rechts auf Seiten des
Klägers voraussetzt.
33 Der Gerichtshof hat nämlich in Rn. 45 des Urteils Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen (C-115/09,
EU:C:2011:289) bereits entschieden, dass es dem nationalen Gesetzgeber
freisteht, die Rechte, deren Verletzung ein Einzelner im Rahmen eines
gerichtlichen Rechtsbehelfs gegen eine Entscheidung, Handlung oder
Unterlassung im Sinne von Art. 10a der Richtlinie 85/337 (jetzt Art. 11 der
Richtlinie 2011/92) geltend machen kann, auf subjektive Rechte zu beschränken,
eine solche Beschränkung jedoch nicht als solche auf Umweltverbände angewandt
werden kann, weil dadurch die Ziele des Art. 10a Abs. 3 Satz 3 der Richtlinie
85/337 missachtet würden.
34 Daraus folgt, dass § 113 Abs. 1 VwGO nicht als mit Art. 11 der Richtlinie
2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 unvereinbar anzusehen ist.
35
Dementsprechend ist die erste Rüge der Kommission zurückzuweisen.
Zweite Rüge: Beschränkung der Fälle, in denen die Aufhebung einer
Verwaltungsentscheidung, die von den Richtlinien 2011/92 und 2010/75 erfasst
wird, aufgrund eines Verfahrensfehlers beantragt werden kann
Vorbringen der Parteien
36 Die Kommission macht mit dem ersten Teil dieser Rüge geltend, dass eine
behördliche Genehmigung gemäß § 4 Abs. 1 UmwRG nur dann aufgehoben
werden könne, wenn sie nicht auf der Grundlage einer formgerechten
Umweltverträglichkeitsprüfung oder Vorprüfung erteilt worden sei. Werde jedoch
eine derartige Prüfung nach einem Verfahren durchgeführt, das nicht den
Anforderungen des Art. 11 der Richtlinie 2011/92 genüge, könne dies vor einem
deutschen Gericht nicht angefochten werden.
37 Eine derartige Beschränkung der gerichtlichen Überprüfung der fraglichen
Verwaltungsentscheidungen sei deshalb mit dieser Vorschrift des Unionsrechts
unvereinbar.

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 15
38 Die Bundesrepublik Deutschland räumt ein, dass § 4 Abs. 1 UmwRG sich
lediglich auf die Fälle beziehe, in denen keine Umweltverträglichkeitsprüfung
durchgeführt worden sei. Falls jedoch eine derartige Prüfung erfolgt und mit
einem Verfahrensfehler behaftet sei, sei unter den in § 113 Abs. 1 VwGO und
§ 46 VwVfG vorgesehenen Voraussetzungen ein gerichtlicher Rechtsbehelf
gleichwohl möglich.
39
Nach der letztgenannten Vorschrift könne die Rechtswidrigkeit einer Prüfung vom
Rechtsbehelfsführer jederzeit geltend gemacht werden, sofern der behauptete
Verfahrensfehler für die Entscheidung in der Sache nicht offensichtlich
unerheblich gewesen sei.
40 Mit dem zweiten Teil ihrer Rüge macht die Kommission geltend, dass die
Anfechtung einer Entscheidung der Verwaltung betreffend eine
Umweltverträglichkeitsprüfung durch einen Einzelnen gemäß § 46 VwVfG die
Aufhebung dieser Entscheidung nur dann zur Folge haben könne, wenn sie ohne
den behaupteten Verfahrensfehler anders ausgefallen wäre und darüber hinaus
eine dem Rechtsbehelfsführer zustehende „materielle Rechtsposition“ betroffen
sei. Somit obliege es dem Rechtsbehelfsführer, diesen Kausalzusammenhang und
die Auswirkungen dieses Fehlers auf seine Rechte darzutun.
41 Nach Ansicht der Kommission lässt Art. 11 der Richtlinie 2011/92 es nicht zu,
dem Rechtsbehelfsführer die Beweislast für einen derartigen
Kausalzusammenhang aufzuerlegen.
42
Sie weist darauf hin, dass die zweite Voraussetzung des § 46 VwVfG, wonach ein
derartiger Fehler eine „materielle Rechtsposition“ des Rechtsbehelfsführers
beeinträchtigen müsse, ebenfalls gegen Art. 11 der Richtlinie 2011/92 verstoße.
Wenn nämlich ein Rechtsbehelf zulässig sei, dürften die Mitgliedstaaten nicht die
Gründe beschränken, auf die er gestützt werden könne. Wenn daher eine
Verwaltungsentscheidung ein subjektives Recht eines Einzelnen verletze und
dieser daraufhin klagebefugt sei, müsse das zuständige nationale Gericht die
Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung in vollem Umfang überprüfen.
Verfahrensfehler – selbst wenn sie zu keiner Verletzung der Verteidigungsrechte
des Rechtsbehelfsführers geführt hätten – dürfe das Gericht dabei nicht
unberücksichtigt lassen.
43 Die Bundesrepublik Deutschland macht geltend, dass das Erfordernis eines
Kausalzusammenhangs gemäß § 46 VwVfG den mit Art. 11 der Richtlinie
2011/92 angestrebten Zielen grundsätzlich nicht zuwiderlaufe.
44 Auch sei die Behauptung unzutreffend, dass es im deutschen Recht dem
Rechtsbehelfsführer obliege, den Nachweis einer Verletzung eines subjektiven
Rechts zu erbringen.
45 § 46 VwVfG sei eine Sondervorschrift, die es einer Behörde ermögliche, einem
Antrag auf Aufhebung einer Verwaltungsentscheidung entgegenzutreten. Die

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 16
Behörde könne nämlich geltend machen, dass ihre Entscheidung nicht aufgehoben
werden könne, obwohl sie tatsächlich mit dem vom Antragsteller behaupteten
Verfahrensfehler behaftet sei, wenn sie nachweise, dass dieser Fehler
offensichtlich keinen Einfluss auf die Entscheidung in der Sache gehabt habe.
Dies sei gemäß § 46 VwVfG vom Gericht zu prüfen. Dieses bedeute konkret, dass
das Gericht die betreffende Entscheidung nur dann aufheben könne, solange nicht
ausgeschlossen werden könne, dass der fragliche Verfahrensfehler Einfluss auf
das Ergebnis dieser Entscheidung gehabt habe.
46 Die Bundesrepublik Deutschland weist allerdings darauf hin, dass im Rahmen
einer Novellierung des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes eine klarstellende
Regelung im Hinblick auf die Umsetzung von Art. 11 der Richtlinie 2011/92
geplant sei.
Würdigung durch den Gerichtshof
Zum ersten Teil der zweiten Rüge
47
Der erste Teil der zweiten Rüge hinsichtlich einer Beschränkung der gerichtlichen
Überprüfung von Verwaltungsentscheidungen bezieht sich ausschließlich auf die
Fälle, in denen es an einer Umweltverträglichkeitsprüfung oder einer Vorprüfung
völlig fehlt. Der Gerichtshof hat in Rn. 36 des Urteils Gemeinde Altrip u. a.
(C-72/12, EU:C:2013:712) daran erinnert, dass er in Rn. 37 des Urteils Bund für
Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen
(C-115/09, EU:C:2011:289) bereits entschieden hat, dass Art. 11 der Richtlinie
2011/92 in keiner Weise die Gründe beschränkt, die zur Stützung eines
entsprechenden Rechtsbehelfs im Sinne der genannten Vorschrift vorgebracht
werden können.
48 Ferner hat er in Rn. 37 jenes Urteils entschieden,
dass die Anwendbarkeit der
nationalen Vorschriften zur Umsetzung von Art. 11 der Richtlinie 2011/92 nicht
allein auf den Fall beschränkt werden kann, dass die Anfechtung der
Rechtmäßigkeit auf eine unterbliebene Umweltverträglichkeitsprüfung gestützt
wird. Der Ausschluss ihrer Anwendbarkeit in dem Fall, dass eine
Umweltverträglichkeitsprüfung zwar durchgeführt wurde, aber mit – unter
Umständen schwerwiegenden – Fehlern behaftet war, würde den Bestimmungen
der Richtlinie 2011/92 weitgehend ihre praktische Wirksamkeit nehmen. Ein
solcher Ausschluss liefe daher auch dem in Art. 11 dieser Richtlinie genannten
Ziel zuwider, einen weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren.
49 In Rn. 38 des genannten Urteils wird darauf hingewiesen, dass die letztgenannte
Vorschrift die Mitgliedstaaten daran hindert, die Anwendbarkeit der zur
Umsetzung dieses Artikels ergangenen Vorschriften auf den Fall zu beschränken,
dass die Rechtmäßigkeit einer Entscheidung aufgrund einer unterbliebenen
Umweltverträglichkeitsprüfung angefochten wird, und nicht auf den Fall zu

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 17
erstrecken, dass eine solche Prüfung zwar durchgeführt wurde, aber fehlerhaft
war.
50
Demzufolge verstößt § 4 Abs. 1 UmwRG gegen Art. 11 der Richtlinie 2011/92.
51 Zum Vorbringen der Bundesrepublik Deutschland betreffend § 46 VwVfG,
wonach dann, wenn zwar eine Umweltverträglichkeitsprüfung oder eine
Vorprüfung durchgeführt worden, diese aber mit einem Verfahrensfehler behaftet
sei, unter den in diesem Artikel vorgesehenen Voraussetzungen ein gerichtlicher
Rechtsbehelf möglich sei, ist zum einen darauf hinzuweisen, dass die Vorschriften
einer Richtlinie in der Weise umgesetzt werden müssen, dass sie unzweifelhaft
verbindlich und so konkret, bestimmt und klar sind, dass sie dem Erfordernis der
Rechtssicherheit genügen (Urteile Dillenkofer u. a., C-178/94, C-179/94 und
C-188/94 bis C-190/94, EU:C:1996:375, Rn. 48, sowie Kommission/Portugal,
C-277/13, EU:C:2014:2208, Rn. 43), was hier nicht der Fall ist.
52
Zum anderen steht fest, dass diese nationale Rechtsvorschrift selbst die Einlegung
eines Rechtsbehelfs im Sinne von Art. 11 der Richtlinie 2011/92 Beschränkungen
unterwirft, deren Prüfung im Rahmen des zweiten Teils der zweiten Rüge erfolgt.
53
Demzufolge ist der erste Teil der zweiten Rüge begründet.
Zum zweiten Teil der zweiten Rüge
54 Mit dem ersten Argument, auf das die Kommission den zweiten Teil der zweiten
Rüge stützt, wirft sie der Bundesrepublik Deutschland vor, dass sie die Aufhebung
einer Verwaltungsentscheidung, die in den Anwendungsbereich von Art. 11 der
Richtlinie 2011/92 falle, durch das zuständige Gericht davon abhängig mache,
dass zwischen dem behaupteten Verfahrensfehler und dem Ergebnis der
fraglichen Verwaltungsentscheidung ein Kausalzusammenhang bestehe.
55 Der Gerichtshof hat hierzu bereits entschieden, dass der Unionsgesetzgeber die
Möglichkeit, einen Verfahrensfehler geltend zu machen, nicht an die
Voraussetzung knüpfen wollte, dass dieser Fehler Auswirkungen auf den Inhalt
der angegriffenen endgültigen Entscheidung hatte. Da die Richtlinie 2011/92 im
Übrigen u. a. zur Festlegung von Verfahrensgarantien dient, die insbesondere eine
bessere Information und eine Beteiligung der Öffentlichkeit im Rahmen der
Umweltverträglichkeitsprüfung öffentlicher und privater Projekte mit unter
Umständen erheblichen Umweltauswirkungen ermöglichen sollen, kommt der
Überprüfung der Einhaltung der Verfahrensregeln in diesem Bereich besondere
Bedeutung zu. Die betroffene Öffentlichkeit muss daher, im Einklang mit dem
Ziel, ihr einen weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren, zur Stützung
eines Rechtsbehelfs, mit dem die Rechtmäßigkeit von Entscheidungen im Sinne
dieser Richtlinie angefochten wird, grundsätzlich jeden Verfahrensfehler geltend
machen können (vgl. in diesem Sinne Urteil Gemeinde Altrip u. a., C-72/12,
EU:C:2013:712, Rn. 47 und 48).

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 18
56 Da § 46 VwVfG vorschreibt, dass auf jeden Fall – selbst wenn es um
Verfahrensfehler im Hinblick auf die Information und Beteiligung der
Öffentlichkeit im fraglichen Bereich geht – ein Kausalzusammenhang zwischen
dem geltend gemachten Verfahrensfehler und dem Ergebnis der angefochtenen
Verwaltungsentscheidung bestehen muss, damit das zuständige Gericht sie
aufheben kann, ist im Rahmen der vorliegenden Klage festzustellen, dass die
Ausübung des Rechts auf Einlegung von Rechtsbehelfen im Sinne von Art. 11 der
Richtlinie 2011/92 durch diese Bedingung übermäßig erschwert wird und sie dem
Ziel dieser Richtlinie, den „Mitgliedern der betroffenen Öffentlichkeit“ einen
weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren, zuwiderläuft.
57 Würde die Aufhebung einer mit einem Verfahrensfehler behafteten
Verwaltungsentscheidung nämlich allein deshalb verweigert, weil der
Rechtsbehelfsführer nicht nachgewiesen hat, dass dieser Fehler auf diese
Entscheidung Auswirkungen in der Sache hatte, würde dieser unionsrechtlichen
Vorschrift ihre praktische Wirksamkeit genommen.
58 Der Gerichtshof hat aber, wie sich aus Rn. 47 des vorliegenden Urteils ergibt,
bereits festgestellt, dass der Unionsgesetzgeber weder die Gründe beschränken
wollte, auf die ein Rechtsbehelf gestützt werden kann, der auf einer
innerstaatlichen Vorschrift zur Umsetzung von Art. 11 der Richtlinie 2011/92
beruht, noch die Möglichkeit, einen Verfahrensfehler geltend zu machen, an die
Bedingung knüpfen wollte, dass er Auswirkungen auf den Inhalt der
angegriffenen endgültigen Entscheidung hatte.
59 Des Weiteren hat der Gerichtshof hinsichtlich der Auslegung des Begriffs
„Rechtsverletzung“ im Sinne von Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und insbesondere
des vom nationalen Recht vorgesehenen Erfordernisses, wonach eine derartige
Rechtsverletzung lediglich dann vorliegen kann, wenn die angegriffene
Entscheidung ohne den behaupteten Verfahrensfehler anders ausgefallen wäre,
entschieden, dass es – insbesondere unter Berücksichtigung der Komplexität der
fraglichen Verfahren und des technischen Charakters von
Umweltverträglichkeitsprüfungen –, wenn dem Rechtsbehelfsführer im
innerstaatlichen Recht die Beweislast für diesen Kausalzusammenhang
aufgebürdet wird, die Ausübung der ihm durch diese Richtlinie verliehenen
Rechte übermäßig erschweren kann (vgl. in diesem Sinne Urteil Gemeinde Altrip
u. a., C-72/12, EU:C:2013:712, Rn. 52).
60
Demnach kann eine Rechtsverletzung im Sinne von Art. 11 der Richtlinie 2011/92
nur dann verneint werden, wenn das Gericht oder die Stelle im Sinne dieses
Artikels – ohne dem Rechtsbehelfsführer in irgendeiner Form die in der
vorstehenden Randnummer dieses Urteils angesprochene Beweislast für den
Kausalzusammenhang aufzubürden –gegebenenfalls anhand der vom Bauherrn
oder von den zuständigen Behörden vorgelegten Beweise und, allgemeiner, der
gesamten dem Gericht oder der Stelle vorliegenden Akte zu der Feststellung in der
Lage ist, dass die angegriffene Entscheidung ohne den vom Rechtsbehelfsführer

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 19
geltend gemachten Verfahrensfehler nicht anders ausgefallen wäre (vgl. in diesem
Sinne Urteil Gemeinde Altrip u. a., C-72/12, EU:C:2013:712, Rn. 53).
61
Obwohl sich diese Erwägungen auf eine der Zulässigkeitsvoraussetzungen für ein
gerichtliches Überprüfungsverfahren beziehen, gelten sie auch für vom nationalen
Gesetzgeber festgelegte Bedingungen, die eine Beschränkung der gerichtlichen
Kontrolle in der Sache bewirken.
62 Nach alledem stellt das Erfordernis des § 46 VwVfG, wonach dem
Rechtsbehelfsführer als „Mitglied der betroffenen Öffentlichkeit“ die Beweislast
für das Bestehen eines Kausalzusammenhangs zwischen dem von ihm geltend
gemachten Verfahrensfehler und dem Ergebnis der Verwaltungsentscheidung
aufgebürdet wird, einen Verstoß gegen Art. 11 der Richtlinie 2011/92 dar, so dass
das erste Argument, auf das die Kommission den zweiten Teil ihrer zweiten Rüge
stützt, begründet ist.
63 Was das zweite Argument angeht, auf das die Kommission diesen Teil der
zweiten Rüge stützt, steht fest, dass gemäß § 113 Abs. 1 VwGO in Verbindung
mit § 46 VwVfG, sofern eine Umweltverträglichkeitsprüfung mit einem
Verfahrensfehler behaftet ist, die am Ende eines solchen Verfahrens erlassene
Entscheidung vom nationalen Gericht nur dann aufgehoben werden kann, wenn
dieser Verfahrensfehler ein subjektives Recht des Klägers verletzt.
64 Aus den Rn. 30 bis 34 des vorliegenden Urteils ergibt sich jedoch, dass die in
§ 113 Abs. 1 VwGO vorgesehene Bedingung, nach der das nationale Gericht
zunächst eine solche Rechtsverletzung feststellen muss, bevor es gegebenenfalls
die fragliche Verwaltungsentscheidung aufheben kann, weder gegen Art. 11 der
Richtlinie 2011/92 noch gegen Art. 25 der Richtlinie 2010/75 verstößt.
65
Dieselbe Schlussfolgerung gilt für die Verpflichtung des nationalen Gerichts nach
§ 46 VwVfG in Verbindung mit § 113 Abs. 1 VwGO.
66 Deshalb ist das zweite Argument, auf dass die Kommission den zweiten Teil der
zweiten Rüge stützt, zurückzuweisen.
67 Nach alledem ist die zweite Rüge der Kommission begründet, mit Ausnahme des
Arguments betreffend das Erfordernis, dass gemäß § 46 VwVfG in Verbindung
mit § 113 Abs. 1 VwGO ein subjektives Recht des Klägers verletzt sein muss.
Dritte Rüge: Beschränkung der Klagebefugnis und des Umfangs der gerichtlichen
Kontrolle auf Einwendungen, die im Verwaltungsverfahren erhoben wurden
Vorbringen der Parteien
68 Die Kommission vertritt die Auffassung, dass die Beschränkung in § 2 Abs. 3
UmwRG und in § 73 Abs. 4 VwVfG, wonach im Rahmen eines gerichtlichen
Rechtsbehelfs lediglich solche Einwendungen geltend gemacht werden können,

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 20
die vorher im Verwaltungsverfahren erhoben wurden, gegen Art. 11 der Richtlinie
2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 verstößt.
69 Diese Beschränkung stelle eine übermäßige Einschränkung des Rechts der
betroffenen Öffentlichkeit dar, in den von diesen Richtlinien erfassten Bereichen
die Rechtmäßigkeit von Verwaltungsentscheidungen anzufechten. Die diese
Einschränkung vorsehende nationale Regelung verstoße daher gegen den
Grundsatz des Zugangs zu Gerichten und schränke den effektiven gerichtlichen
Rechtsschutz der betroffenen Öffentlichkeit ein. Die Rechtsordnung der Union
lasse es nämlich nicht zu, dass die Zulässigkeit von Rügen vor Gericht davon
abhängig gemacht werde, dass sie vorher im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
geltend gemacht worden seien.
70 Das gerichtliche Verfahren sei ein eigenständiges Verfahren, in dem eine
vollständige Überprüfung der Rechtmäßigkeit einer Verwaltungsentscheidung
möglich sein müsse und in dem nicht lediglich solche Gründe für zulässig erklärt
werden dürften, die bereits in der kurzen Frist für Einwendungen im
Verwaltungsverfahren vorgebracht worden seien.
71 Die Bundesrepublik Deutschland weist darauf hin, dass Art. 11 der Richtlinie
2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 es den Mitgliedstaaten erlaubten,
Instrumente ihres nationalen Rechtssystems in dem betreffenden Bereich
beizubehalten. Die von der Kommission in Frage gestellten Vorschriften seien
darauf gerichtet, die Rechtssicherheit und die Effizienz der
verwaltungsbehördlichen und gerichtlichen Verfahren zu gewährleisten. Die
Vorschriften, nach denen das Vorbringen nicht bereits im Verwaltungsverfahren
vorgetragener Einwendungen vor Gericht unzulässig sei, seien fester Bestandteil
dieses Systems.
72 Diese Einschränkung sei dadurch gerechtfertigt, dass andernfalls zum Zeitpunkt
des Verwaltungsverfahrens bereits bekannte Einwendungen aus
verfahrenstaktischen Gründen zurückgehalten und auf den Zeitpunkt des
Verfahrens vor den zuständigen Gerichten verschoben werden könnten. Das
Verwaltungsverfahren könnte dadurch nicht mehr seine besondere Funktion eines
Interessenausgleichs erfüllen. Im Übrigen stehe diese Beschränkung im Einklang
mit den Grundsätzen der Äquivalenz und der Effektivität.
73 Außerdem werde durch diese Beschränkung die gerichtliche Kontrolle nicht
erschwert oder gar verhindert, sondern im Gegenteil sichergestellt, dass dieser
Kontrolle lediglich maßgebliche, möglichst umfassend und detailliert
vorgetragene Umstände unterzogen würden. Diese Beschränkung beziehe sich
daher ausschließlich auf Umstände, die der Rechtsbehelfsführer im
Verwaltungsverfahren bewusst nicht vorgetragen habe, um dessen
ordnungsgemäßen Ablauf zu behindern.

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 21
74 Die Republik Österreich macht geltend, dass die unionsrechtlichen Vorschriften,
auf die sich die vorliegende Klage stütze, nicht nur keinerlei Hinweis auf
Präklusionsvorschriften enthielten, sondern vielmehr auf das nationale
Verwaltungsverfahrensrecht verwiesen. Die Mitgliedstaaten hätten daher einen
weiten Spielraum bei der Festlegung der Modalitäten des Gerichtszugangs und der
Ausgestaltung des Verwaltungsverfahrens. Außerdem sei die nach § 2 Abs. 3
UmwRG und § 73 Abs. 4 VwVfG vorgesehene Beschränkung ein Instrument, um
einen zügigen und effizienten Entscheidungsprozess zu gewährleisten.
Würdigung durch den Gerichtshof
75
§ 2 Abs. 3 UmwRG und § 73 Abs. 4 VwVfG beschränken die Gründe, auf die ein
Rechtsbehelfsführer seinen Rechtsbehelf gegen eine unter Art. 11 der Richtlinie
2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 fallende Verwaltungsentscheidung
stützen kann, auf die im Verwaltungsverfahren vorgetragenen Einwendungen.
76 Zwar ist weder nach Art. 11 Abs. 4 der Richtlinie 2011/92 noch nach Art. 25
Abs. 4 der Richtlinie 2010/75 ausgeschlossen, dass einem gerichtlichen
Rechtsbehelf ein verwaltungsbehördliches Überprüfungsverfahren vorausgeht,
und beide Vorschriften stehen dem nicht entgegen, dass das nationale Recht für
den Rechtsbehelfsführer die Verpflichtung vorsieht, sämtliche
verwaltungsbehördlichen Rechtsbehelfe auszuschöpfen, bevor er einen
gerichtlichen Rechtsbehelf einlegen kann, doch lassen es diese unionsrechtlichen
Vorschriften nicht zu, die Gründe, auf die er einen gerichtlichen Rechtsbehelf
stützen kann, zu beschränken.
77 Der Gerichtshof hat bereits entschieden, dass Art. 11 Abs. 1 der Richtlinie
2011/92, wonach Entscheidungen, Handlungen oder Unterlassungen im Sinne
dieses Artikels zum Gegenstand eines gerichtlichen Überprüfungsverfahrens
gemacht werden können müssen, „um ihre materiell-rechtliche oder
verfahrensrechtliche Rechtmäßigkeit anzufechten“, keineswegs die Gründe
beschränkt, die mit einem solchen Rechtsbehelf geltend gemacht werden können
(vgl. in diesem Sinne Urteil Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland,
Landesverband Nordrhein-Westfalen, C-115/09, EU:C:2011:289, Rn. 37). Dies
entspricht nämlich dem mit dieser Vorschrift angestrebten Ziel, im Rahmen des
Umweltschutzes einen weitreichenden Zugang zu Gerichten zu gewähren.
78 § 2 Abs. 3 UmwRG und § 73 Abs. 4 VwVfG stellen jedoch besondere
Bedingungen auf, die die gerichtliche Kontrolle einschränken und die weder nach
Art. 11 der Richtlinie 2011/92 noch nach Art. 25 der Richtlinie 2010/75
vorgesehen sind.
79 Diese dem Rechtsbehelfsführer auferlegte Beschränkung hinsichtlich der Art der
Gründe, die er vor dem Gericht geltend machen darf, das für die Prüfung der
Rechtmäßigkeit der ihn betreffenden Verwaltungsentscheidung zuständig ist, kann
nicht durch Erwägungen gerechtfertigt werden, die auf die Wahrung des

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 22
Grundsatzes der Rechtssicherheit abstellen. Es ist nämlich keineswegs erwiesen,
dass eine umfassende gerichtliche Kontrolle der sachlichen Richtigkeit dieser
Entscheidung diesem Grundsatz abträglich sein könnte.
80 Was das Argument der Effizienz von Verwaltungsverfahren angeht, mag zwar in
bestimmten Fällen der Umstand, dass ein Grund erstmals vor Gericht vorgetragen
wird, den ordnungsgemäßen Ablauf dieses Verfahrens behindern, doch genügt der
Hinweis darauf, dass das mit Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 der
Richtlinie 2010/75 angestrebte Ziel nicht nur darin besteht, den rechtsuchenden
Bürgern einen möglichst weitreichenden Zugang zu gerichtlicher Überprüfung zu
geben, sondern auch darin, eine umfassende materiell-rechtliche und
verfahrensrechtliche Kontrolle der Rechtmäßigkeit der angefochtenen
Entscheidung zu ermöglichen.
81 Allerdings kann der nationale Gesetzgeber spezifische Verfahrensvorschriften
vorsehen, nach denen z. B. ein missbräuchliches oder unredliches Vorbringen
unzulässig ist, die geeignete Maßnahmen darstellen, um die Wirksamkeit des
gerichtlichen Verfahrens zu gewährleisten.
82
Somit ist die dritte von der Kommission zur Stützung ihrer Klage angeführte Rüge
begründet.
Vierte und fünfte Rüge: zeitliche Begrenzung der Klagebefugnis von
Umweltverbänden und Beschränkung des Umfangs der Rechtmäßigkeitskontrolle
auf Rechtsbehelfe wegen Verletzung nationaler Rechtsvorschriften, die Rechte
Einzelner begründen
Vorbringen der Parteien
83 Die Kommission trägt vor, sie habe der Bundesrepublik Deutschland in ihrem
Mahnschreiben vom 1. Oktober 2012 vorgeworfen, dass die ursprüngliche
Fassung von § 2 Abs. 1 UmwRG gegen Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25
der Richtlinie 2010/75 verstoße, weil sie die Klagebefugnis von
Umweltverbänden auf Klagen beschränke, welche auf Rechtsvorschriften gestützt
seien, die Rechte Einzelner begründeten. Angesichts der „Parallelität“ zwischen
Zulässigkeit und Begründetheit von Klagen dieser Verbände beschränke die
fragliche zeitliche Begrenzung auch den Umfang der gerichtlichen Kontrolle in
der Sache.
84
In der geänderten Fassung von § 2 Abs. 1 UmwRG, der nach der Verkündung des
Urteils Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband
Nordrhein-Westfalen (C-115/09, EU:C:2011:289) am 29. Januar 2013 in Kraft
getreten sei, sei die in der ursprünglichen Fassung dieser Vorschrift enthaltene
Wendung „die Rechte Einzelner begründen“ gestrichen worden. Demzufolge
seien Klagen von Umweltverbänden künftig im Gegensatz zur bisherigen
Situation nicht mehr auf Fälle beschränkt, in denen subjektive Rechte in Frage
stünden.

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 23
85 Die Anwendbarkeit des geänderten Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes sei jedoch
zeitlich begrenzt. Nach diesem geänderten Gesetz seien lediglich solche Verfahren
zu Ende zu führen, die am 12. Mai 2011, dem Tag der Verkündung des Urteils
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-
Westfalen (C-115/09, EU:C:2011:289) noch anhängig gewesen seien oder die
nach diesem Tag eingeleitet worden seien, die jedoch am 29. Januar 2013, als die
geänderte Fassung des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes in Kraft getreten sei, noch
keine Bestandskraft erlangt hätten.
86
Für Verfahren, die nach dem 25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem 12. Mai 2011
abgeschlossen worden seien, sei die Klagebefugnis von Umweltverbänden somit
nach wie vor auf Klagen beschränkt, die sich auf Rechtsvorschriften stützten, die
Rechte Einzelner begründeten.
87 Nach Ansicht der Bundesrepublik Deutschland steht das geänderte Umwelt-
Rechtsbehelfsgesetz im Einklang mit dem Grundsatz der Rechtskraft. Dieses
Gesetz gelte nämlich nicht für Entscheidungen in Verfahren betreffend die
Genehmigung von Projekten, für die die Durchführung einer
Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich sein könnte, wenn diese
Entscheidungen vor dem 15. Dezember 2006, dem Zeitpunkt des Inkrafttretens
dieses Gesetzes in seiner ursprünglichen Fassung, Bestandskraft erlangt hätten.
88 Die nationalen Rechtsvorschriften, auf die sich die vierte und die fünfte Rüge
bezögen, seien mit den Anforderungen des Unionsrechts vereinbar, denn ihr Inhalt
sei lediglich deklaratorischer Art, und ihr Zweck bestehe darin, die Anwendung
des Rechts auf Verwaltungsebene zu erleichtern.
89 Zur Gewährleistung des Rechtsfriedens und der Beständigkeit rechtlicher
Beziehungen sowie einer geordneten Rechtspflege sollten die nach Ausschöpfung
des Rechtswegs oder nach Ablauf der entsprechenden Rechtsmittelfristen
unanfechtbar gewordenen Gerichtsentscheidungen nicht mehr in Frage gestellt
werden können. Ein Mitgliedstaat sei daher nicht verpflichtet, einen Mechanismus
für die Überprüfung derartiger rechtskräftig gewordener Entscheidungen
vorzusehen. Dies gelte in gleicher Weise für abgeschlossene
Verwaltungsverfahren, gegen deren Entscheidung überhaupt kein Rechtsbehelf
eingelegt worden sei und die deshalb bestandskräftig geworden seien.
Würdigung durch den Gerichtshof
90 Nach Art. 11 Abs. 3 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 Abs. 3 der Richtlinie
2010/75 ist davon auszugehen, dass die Umweltverbände über ein ausreichendes
Interesse verfügen oder Rechte haben, die verletzt werden können, je nachdem,
welche dieser Voraussetzungen für die Zulässigkeit von Rechtsbehelfen in den
nationalen Rechtsvorschriften vorgesehen ist (vgl. in diesem Sinne Urteil Bund
für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen,
C-115/09, EU:C:2011:289, Rn. 40).

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
I - 24
91 Es steht dem nationalen Gesetzgeber zwar frei, die Rechte, deren Verletzung ein
Einzelner im Rahmen eines gerichtlichen Rechtsbehelfs gegen eine Entscheidung,
Handlung oder Unterlassung im Sinne von Art. 11 der Richtlinie 2011/92 geltend
machen kann, auf subjektive Rechte zu beschränken, doch kann eine solche
Beschränkung nicht als solche auf Umweltverbände angewandt werden, weil
dadurch die Ziele dieser Vorschrift missachtet würden (vgl. in diesem Sinne Urteil
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-
Westfalen, C-115/09, EU:C:2011:289, Rn. 45).
92 Deshalb müssen die Umweltverbände zwingend die nationalen
Rechtsvorschriften, die die Rechtsvorschriften der Union im Bereich der Umwelt
umsetzen, sowie die unmittelbar anwendbaren Vorschriften des Umweltrechts der
Union geltend machen können (vgl. in diesem Sinne Urteil Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen, C-115/09,
EU:C:2011:289, Rn. 48).
93 Was die vierte und die fünfte Rüge angeht, ist festzustellen, dass die
Bundesrepublik Deutschland ihre Rechtsvorschriften angepasst und die geänderte
Fassung des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes erlassen hat, um der Rechtslage
abzuhelfen, die zum Urteil Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland,
Landesverband Nordrhein-Westfalen (C-115/09, EU:C:2011:289) geführt hat. Die
Anwendbarkeit dieser am 29. Januar 2013 in Kraft getretenen Neufassung ist
allerdings zeitlich begrenzt. Sie gilt nämlich nur für Entscheidungsverfahren,
Genehmigungsverfahren oder Rechtsbehelfsverfahren, die am 12. Mai 2011
anhängig waren oder nach diesem Tag eingeleitet wurden und am 29. Januar 2013
noch nicht rechtskräftig abgeschlossen waren.
94 Daraus folgt, dass jedes andere Verfahren noch immer unter die alte Fassung des
Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes fällt. § 5 Abs. 1 UmwRG schließt nämlich
Verfahren, die vor dem Zeitpunkt seines Inkrafttretens, dem 15. Dezember 2006,
eingeleitet wurden, vom Geltungsbereich dieses Gesetzes aus.
95 Nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs ist Art. 11 der Richtlinie 2011/92
jedoch dahin auszulegen, dass die zur Umsetzung dieses Artikels in nationales
Recht ergangenen Vorschriften auch für verwaltungsbehördliche
Genehmigungsverfahren gelten müssen, die vor dem 25. Juni 2005 eingeleitet
wurden, eine Genehmigung aber erst nach diesem Zeitpunkt erteilt wurde (vgl.
Urteil Gemeinde Altrip u. a., C-72/12, EU:C:2013:712, Rn. 31).
96 Was den Grundsatz der Rechtskraft angeht, den die Bundesrepublik Deutschland
geltend macht, hat der Gerichtshof die Bedeutung anerkannt, die diesem
Grundsatz sowohl in der Unionsrechtsordnung als auch in den nationalen
Rechtsordnungen zukommt. Zur Gewährleistung des Rechtsfriedens und der
Beständigkeit rechtlicher Beziehungen sowie einer geordneten Rechtspflege
sollen nämlich die nach Ausschöpfung des Rechtswegs oder nach Ablauf der
entsprechenden Rechtsmittelfristen unanfechtbar gewordenen

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Gerichtsentscheidungen nicht mehr in Frage gestellt werden können (vgl. Urteil
Fallimento Olimpiclub, C-2/08, EU:C:2009:506, Rn. 22 und die dort angeführte
Rechtsprechung).
97 Allerdings ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die
Bundesrepublik Deutschland die Wahrung des Grundsatzes der Rechtskraft nicht
geltend machen kann, soweit sich die Fristen für die Anwendung des geänderten
Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes auf Rechtsbehelfe im Bereich des Umweltschutzes
auf bestandskräftig gewordene Verwaltungsentscheidungen beziehen.
98 Im Übrigen würde der Umstand, dass die Bundesrepublik Deutschland, nachdem
sie die Richtlinie 2003/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Mai 2003 (ABl. L 156, S. 17), mit der die ihrerseits durch die Richtlinie
2011/92 kodifizierte Richtlinie 85/337 in Bezug auf die Öffentlichkeitsbeteiligung
und den Zugang zu Gerichten geändert wurde, verspätet in innerstaatliches Recht
umgesetzt hatte, die zeitliche Anwendbarkeit der nationalen Vorschriften zur
Umsetzung der letztgenannten Richtlinie begrenzt hat, darauf hinauslaufen, ihr zu
gestatten, sich eine neue Umsetzungsfrist zu genehmigen (vgl. entsprechend Urteil
Kommission/Portugal, C-277/13, EU:C:2014:2208, Rn. 45).
99 Das Argument der Bundesrepublik Deutschland, wonach die zeitlichen
Beschränkungen der Anwendung des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes bei
bestandskräftig gewordenen Verwaltungsverfahren zur Wahrung des Grundsatzes
der Bestandskraft erforderlich gewesen seien, ist daher zurückzuweisen.
100 Daher sind die vierte und die fünfte von der Kommission zur Stützung ihrer Klage
vorgetragene Rüge begründet.
Sechste Rüge: allgemeiner Ausschluss von vor dem 25. Juni 2005 eingeleiteten
Verfahren vom Geltungsbereich des geänderten Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes
Vorbringen der Parteien
101 Die Kommission macht geltend, dass die Übergangsvorschriften des § 5 Abs. 1
und 4 UmwRG in geänderter Fassung gegen Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und
Art. 25 der Richtlinie 2010/75 verstießen. Verfahren, die vor dem 25. Juni 2005
eingeleitet und am 12. Mai 2011 nicht mehr anhängig gewesen seien, fielen
nämlich gemäß diesen Vorschriften des geänderten Umwelt-
Rechtsbehelfsgesetzes nicht in deren Anwendungsbereich, auch wenn die
Genehmigungen im Rahmen dieser Verfahren nach dem 25. Juni 2005 erteilt
worden seien. Aus den Rn. 30 und 31 des Urteils Gemeinde Altrip u. a. (C-72/12,
EU:C:2013:712) ergebe sich, dass die Mitgliedstaaten die Anwendung dieser
unionsrechtlichen Vorschriften nicht auf Verfahren beschränken dürften, die nach
dem 25. Juni 2005 eingeleitet worden seien.
102 Die Bundesrepublik Deutschland räumt ein, dass die von der sechsten Rüge der
Kommission erfassten Verfahren nicht vom Geltungsbereich des geänderten

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
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Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes ausgeschlossen werden dürfen. Deshalb sei eine
erneute Änderung dieses Gesetzes in Arbeit. Diese Gesetzesänderung dürfte
jedoch nur von geringer Bedeutung sein, da die zuständigen nationalen Gerichte
das Urteil Gemeinde Altrip u. a. (C-72/12, EU:C:2013:712) bei den noch
anhängigen Verfahren berücksichtigten.
Würdigung durch den Gerichtshof
103 Da die Bundesrepublik Deutschland die Stichhaltigkeit der sechsten Rüge der
Kommission anerkannt hat, ist festzustellen, dass diese Rüge begründet ist.
104 Demnach hat die Bundesrepublik Deutschland gegen ihre Verpflichtungen aus
Art. 11 der Richtlinie 2011/92 und Art. 25 der Richtlinie 2010/75 verstoßen,
indem sie
– gemäß § 46 VwVfG die Aufhebung von Entscheidungen aufgrund von
Verfahrensfehlern auf das Fehlen einer Umweltverträglichkeitsprüfung oder
der Vorprüfung sowie auf Fälle beschränkt, in denen der
Rechtsbehelfsführer nachweist, dass der Verfahrensfehler für das Ergebnis
der Entscheidung kausal war;
gemäß § 2 Abs. 3 UmwRG in geänderter Fassung und § 73 Abs. 4 VwVfG
die Klagebefugnis und den Umfang der gerichtlichen Prüfung auf
Einwendungen beschränkt, die bereits innerhalb der Einwendungsfrist im
Verwaltungsverfahren, das zur Annahme der Entscheidung geführt hat,
eingebracht wurden;
gemäß § 2 Abs. 1 UmwRG in geänderter Fassung in Verbindung mit dessen
§ 5 Abs. 1 in Verfahren, die nach dem 25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem
12. Mai 2011 abgeschlossen wurden, die Klagebefugnis von
Umweltverbänden auf Rechtsvorschriften beschränkt, die Rechte Einzelner
begründen;
gemäß § 2 Abs. 1 UmwRG in geänderter Fassung in Verbindung mit dessen
§ 5 Abs. 1 in Verfahren, die nach dem 25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem
12. Mai 2011 abgeschlossen wurden, den Umfang der gerichtlichen Prüfung
von Rechtsbehelfen von Umweltverbänden auf Rechtsvorschriften
beschränkt, die Rechte Einzelner begründen;
– gemäß § 5 Abs. 1 und 4 UmwRG in geänderter Fassung
Verwaltungsverfahren, die vor dem 25. Juni 2005 eingeleitet wurden, vom
Geltungsbereich dieses Gesetzes ausnimmt.

KOMMISSION / DEUTSCHLAND
I - 27
Kosten
105 Gemäß Art. 138 Abs. 1 der Verfahrensordnung ist die unterliegende Partei auf
Antrag zur Tragung der Kosten zu verurteilen. Da die Kommission keinen
Kostenantrag gestellt hat, hat jede Partei, einschließlich der Republik Österreich,
gemäß Art. 140 Abs. 1 der Verfahrensordnung ihre eigenen Kosten zu tragen.
Aus diesen Gründen hat der Gerichtshof (Zweite Kammer) für Recht erkannt und
entschieden:
1. Die Bundesrepublik Deutschland hat gegen ihre Verpflichtungen aus
Art. 11 der Richtlinie 2011/92/EU des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Dezember 2011 über die Umweltverträglichkeitsprüfung
bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten und aus Art. 25 der
Richtlinie 2010/75/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom
24. November 2010 über Industrieemissionen (integrierte Vermeidung
und Verminderung der Umweltverschmutzung) verstoßen, indem sie
gemäß § 46 VwVfG die Aufhebung von Entscheidungen aufgrund
von Verfahrensfehlern auf das Fehlen einer
Umweltverträglichkeitsprüfung oder der Vorprüfung sowie auf
Fälle beschränkt, in denen der Rechtsbehelfsführer nachweist,
dass der Verfahrensfehler für das Ergebnis der Entscheidung
kausal war;
gemäß § 2 Abs. 3 des Gesetzes über ergänzende Vorschriften zu
Rechtsbehelfen in Umweltangelegenheiten nach der Richtlinie
2003/35/EG (Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz) vom 7. Dezember 2006
in der durch das Gesetz vom 21. Januar 2013 geänderten Fassung
und § 73 Abs. 4 VwVfG die Klagebefugnis und den Umfang der
gerichtlichen Prüfung auf Einwendungen beschränkt, die bereits
innerhalb der Einwendungsfrist im Verwaltungsverfahren, das
zur Annahme der Entscheidung geführt hat, eingebracht wurden;
gemäß § 2 Abs. 1 des Gesetzes über ergänzende Vorschriften zu
Rechtsbehelfen in Umweltangelegenheiten nach der Richtlinie
2003/35/EG (Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz) vom 7. Dezember 2006
in der durch das Gesetz vom 21. Januar 2013 geänderten Fassung
in Verbindung mit dessen § 5 Abs. 1 in Verfahren, die nach dem
25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem 12. Mai 2011 abgeschlossen
wurden, die Klagebefugnis von Umweltverbänden auf
Rechtsvorschriften beschränkt hat, die Rechte Einzelner
begründen;
gemäß § 2 Abs. 1 des Gesetzes über ergänzende Vorschriften zu
Rechtsbehelfen in Umweltangelegenheiten nach der Richtlinie

URTEIL VOM 15. 10. 2015 – RECHTSSACHE C-137/14
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2003/35/EG (Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz) vom 7. Dezember 2006
in der durch das Gesetz vom 21. Januar 2013 geänderten Fassung
in Verbindung mit dessen § 5 Abs. 1 in Verfahren, die nach dem
25. Juni 2005 eingeleitet und vor dem 12. Mai 2011 abgeschlossen
wurden, den Umfang der gerichtlichen Prüfung von
Rechtsbehelfen von Umweltverbänden auf Rechtsvorschriften
beschränkt, die Rechte Einzelner begründen;
gemäß § 5 Abs. 1 und 4 des Gesetzes über ergänzende Vorschriften
zu Rechtsbehelfen in Umweltangelegenheiten nach der Richtlinie
2003/35/EG (Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz) vom 7. Dezember 2006
in der durch das Gesetz vom 21. Januar 2013 geänderten Fassung
Verwaltungsverfahren, die vor dem 25. Juni 2005 eingeleitet
wurden, vom Geltungsbereich dieses Gesetzes ausnimmt.
2.
Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.
3.
Die Europäische Kommission, die Bundesrepublik Deutschland und die
Republik Österreich tragen ihre eigenen Kosten.
Unterschriften