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Sächsisches Staatsministerium für
Umwelt und Landwirtschaft - SMUL
ZAFT - Zentrum
für angewandte
Forschung und Technologie e.V.
HTW Dresden
Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden
KORA e.V. - Kompetenzzentrum für
Forschung und Entwicklung zum
radonsicheren Bauen und Sanieren
6. SÄCHSISCHER
RADONTAG
8. TAGUNG
RADONSICHERES
BAUEN
11. SEPTEMBER 2012
HOCHSCHULE FÜR TECHNIK
UND WIRTSCHAFT DRESDEN
veranstaltet durch:
unterstützt durch:

 
Inhalt
Dresden, 11.Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 3
INHALT
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Grußwort des Vorstandsvorsitzenden von KORA e.V
................................................. 5
Prof. Dr.-Ing. habil. Roland Stenzel
Grußwort des Rektors der HTW Dresden
..................................................................... 7
Dr. Fritz Jaeckel
Grußwort des Staatssekretärs des Sächsischen Staatsministeriums für
Umwelt und Landwirtschaft
........................................................................................... 9
RADONBELASTUNG IN GEBÄUDEN IN ABHÄNGIGKEIT VON
UNTERIRDISCHEN HOHLRÄUMEN
Christian Schramm
Beiträge tagesnaher Grubenbaue und weiterer unterirdischer Hohlräume zur
Radonbelastung in Häusern - Grundlagen und Lösungsansätze
............................. 11
Prof. Bernd Leißring
Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern
der Bergstadt Schneeberg
........................................................................................... 27
RADONKARTIERUNG – RADONMESSUNG – RADONSCHUTZ UND
ENERGIEEFFIZIENZ
Dr. Peter Bossew
Aktueller Stand der Radonkartierungen in Deutschland und Europa
...................... 47
Dipl.-Ing. Franz Anton Rößler
Entwicklung eines effizienten Messverfahrens zur Bestimmung der Radon-
konzentration als Indikator für die Qualität der Raumluft
......................................... 59
Dr. Hartmut Schulz
Praktische Vorgehensweise bei der Sanierung von Alt- und Neubauten
................. 67
PRAKTISCHE BEISPIELE
Julia Gilberg
Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen u. Sachstand
.......................................... 75
Freia Frankenstein-Krug
Förderpraxis Energieeffizientes Bauen in Sachsen unterstützt Radonschutz
........ 85

Seite 4
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Richard Zinken
Kurzer Erfahrungsbericht über den Einsatz von Radonsaugern in Schweden
....... 93
Heribert Kaineder
Herangehensweise und Ergebnisse der Messungen und anschließenden Sanie-
rungen bei der Vollerhebung in drei oberösterreichischen Gemeinden
................ 101
Referentenverzeichnis
............................................................................................... 109

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Walter-Reinhold Uhlig
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 5
Begrüßung
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie ganz herzlich zum
6. sächsischen Radontag!
Als im September 2005 durch das „Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum
radonsicheren Bauen und Sanieren - KORA e.V“. zur ersten
Tagung Radonsicheres Bauen
eingeladen wurde, war nicht abzusehen, dass damit eine Tradition begründet wird, die – seit 2007 als
Sächsischer Radontag veranstaltet - nunmehr bereits zum 8. Mal Experten aus ganz Deutschland
und Europa zum Erfahrungsaustausch über das radonsichere Bauen und Sanieren zusammen führt.
Die seit 2007 gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft
veranstaltete Tagung hat stets aktuelle Fragestellungen des radonsicheren Bauens und Sanierens
aufgegriffen. Von Anfang an stand neben der Erörterung wissenschaftlicher Grundlagen die
Vorstellung baupraktischer Lösungen im Vordergrund der Beiträge.
Auch in diesem Jahr werden wieder thematische Schwerpunkte gesetzt, die aktuelle Themen des
radonsicheren Bauens und Sanierens aufgreifen. So wird im ersten Themenblock darauf
eingegangen, welchen Einfluss unterirdische Hohlräume auf die Radonkonzentrationen darüber
befindlicher Gebäude haben können. Die umfangreichen Untersuchungen, die zu diesem Thema in
der Erzgebirgsregion durchgeführt worden sind, haben gezeigt, dass besonders hohe Werte der
Radonkonzentrationen in der Raumluft häufig dann auftreten, wenn direkte Verbindungen von
Schachtanlagen, Karsthohlräumen oder anderen natürlichen oder künstlichen Hohlräumen in die
Gebäude vorhanden sind und somit ein ungehinderter konvektiver Zustrom radonhaltiger Bodenluft
möglich ist. Es werden Untersuchungen zu den Migrationswegen des Radons sowie Methoden, diese
hohen Radonbelastungen zu reduzieren, vorgestellt.
Im zweiten Teil der Tagung wird ein weiter Bogen gespannt, sind Vorträge zur Radonkartierung,
Radonmessung sowie zum Zusammenhang von Radonschutz und Energieeffizienz geplant.
Wie bereits gute Tradition unserer Tagung, wird das Programm durch die Vorstellung praxisnaher
Untersuchungen sowie konkreter bauliche Objekte abgerundet.
Viele haben dazu beigetragen, dass diese Tagung am heutigen Tag stattfinden kann. Vor allen
Dingen
möchte
ich
mich
beim
Dekan
und
den
Mitarbeitern
der
Fakultät
Bauingenieurwesen/Architektur an der HTW Dresden für die umfassende Unterstützung bei der
Vorbereitung bedanken. Dank sei auch der Hochschulleitung ausgesprochen, die – wie in den
Vorjahren – wiederum die Durchführung der Tagung und darüber hinaus die Arbeit von KORA e.V. in
vielfältiger Weise unterstützt. Bedanken möchte ich mich des Weiteren bei den Vertretern des
Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft, die bei der konzeptionellen
Vorbereitung wichtige Impulse einbrachten.
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Vorsitzender Kompetenzzentrum für
radonsicheres Bauen e.V.
und
Lehrgebiet Baukonstruktion an der
Hochschule für Technik und Wirtschaft
Dresden

Grußwort
Seite 6
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Nun hoffe ich, dass die heutige Tagung Ihnen viele interessante und neue Erkenntnisse bringt, die im
Ergebnis dazu beitragen, dem radonsicheren Bauen und Sanieren eine breite fachliche Lobby zu
geben.
Ich wünsche der Tagung einen guten Verlauf und Ihnen viele neue Erkenntnisse!
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Vorsitzender KORA e.V.

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Roland Stenzel
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 7
Grußwort zum 6. SÄCHSISCHEN RADONTAG
Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden kann in diesem Jahr auf ein 20-jähriges
erfolgreiches Wirken in Lehre und Forschung zurückblicken. Hierbei ordnet sich die Tätigkeit des
Kompetenzzentrums für Forschung und Entwicklung zum radonsicheren Bauen und Sanieren -
KORA e.V. - in hervorragender Weise ein. In diesem Jahr veranstaltet KORA e.V. bereits seine 8.
Tagung „Radonsicheres Bauen“, die seit 2007 gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft als „Sächsischer Radontag“ durchgeführt wird. Der Sächsische
Radontag hat sich inzwischen über Sachsen hinaus in ganz Deutschland sowie in den benachbarten
Ländern etabliert und ist zu einer festen Größe im Terminkalender vieler Experten des radonsicheren
Bauens geworden.
Wie in den letzten Jahren wird auch 2012 diese Tagung von der HTW Dresden und dem Zentrum für
angewandte Forschung und Technologie e.V., dem Forschungszentrum an der HTW Dresden,
unterstützt.
Ich freue mich, alle Teilnehmer der Tagung hier an unserer Hochschule begrüßen zu können. Den
wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch zu pflegen und zu befördern ist eine wesentliche Aufgabe in
unserem Hochschulleben, die ich gern unterstütze. Die enge Verbindung zwischen KORA e.V. und
der HTW Dresden hat sich – neben der Gastgeberschaft für die alljährliche Tagung - in den letzten
Jahren sehr fruchtbar entwickelt, insbesondere auch durch die Einbindung der Problematik
„Radonsicheres Bauen“ in die studentische Ausbildung. Inzwischen sind auch eine Reihe von
Themen in Diplom- und Masterarbeiten behandelt worden, die sich mit dem radonsicheren Bauen
befassen.
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Tagung bildet die im sächsischen Erzgebirge bzw. in anderen
Gebieten relevante Fragestellung, wie sich unterirdische Hohlräume auf die Radonkonzentration
darüber befindlicher Gebäude auswirken. Darüber hinaus wird in mehreren Beiträgen über
Radonkartierung und Radonmessung referiert. Verschiedene Praxisbeispiele des radonsicheren
Bauens und Sanierens runden die Veranstaltung ab.
Mein Dank gilt den Organisatoren und den Referenten, die diese Tagung erfolgreich vorbereitet und
mit gestaltet haben. Ich wünsche der Tagung einen interessanten Verlauf und allen Teilnehmern
einen regen persönlichen Erfahrungsaustausch.
Prof. Dr.-Ing. habil. Roland Stenzel
Rektor der Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden
Prof. Dr.-Ing. habil. Roland Stenzel
Rektor der Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden

Seite 8
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012

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Dr. Fritz Jaeckel
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 9
Begrüßung
Sehr geehrte Damen und Herren,
der 6. Sächsische Radontag bietet wieder eine interessante Themenvielfalt.
Ein Leitthema dieses Jahres ist die Rolle unterirdischer Hohlräume für den Eintritt erhöhter
Radonkonzentrationen in Gebäude. Dieses Thema wird aufgrund der hier vorhandenen langjährigen
Erfahrungen am Beispiel der Situation in Bad Schlema und in Schneeberg vorgestellt. Es behandelt
damit den Umgang mit den extremsten Randbedingungen, die in Bezug auf ein Radonrisiko für
Gebäude gegeben sein können.
Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass diese Problemstellung nicht nur in einem
früheren Uranbergbaugebiet eine Rolle spielt, sondern durchaus auch in anderen Bundesländern von
Bedeutung ist. Die Anreicherung von Radon in unterirdischen Hohlräumen spielt für Karstregionen in
Bayern und Baden-Württemberg ebenso eine Rolle wie für alle Regionen in Deutschland, in denen es
unterirdischen Bergbau gegeben hat oder noch gibt.
Die übrigen Themenstellungen sollten vor allem vor dem Hintergrund der geplanten EU-Regelung zu
Radon in Gebäuden gesehen werden. Bezüglich der dort vorgesehenen Referenzwerte von 200
Bq/m³ für neue Gebäude und 300 Bq/m³ für bestehende Gebäude sehen wir noch viele offene Fragen
in Bezug auf eine mögliche Umsetzung. Dies betrifft z.B. die messtechnischen Vorgaben sowie
fehlende Aus- und Weiterbildungsvorgaben für den Baubereich. Wir werden in Sachsen nicht nur im
Rahmen des Radontages, sondern auch im Rahmen zahlreicher anderer Aktivitäten weiterhin auf
eine verstärkte Sensibilisierung der Öffentlichkeit setzen.
Des Weiteren wollen wir die derzeitigen Messprogramme auch in den kommenden Jahren
aufrechterhalten. In Zukunft sollen sie auch verstärkt genutzt werden, um Kommunen und private
Hauseigentümer anzuregen, selbst Messungen in ihren Gebäuden vorzunehmen.
Auch wollen wir Aktivitäten, die zu einer Qualifizierung der Baubranche in diesem Bereich führen,
weiterhin unterstützen. Es muss für die betroffenen Hauseigentümer zukünftig erkennbar werden,
welche Fachkräfte und Betriebe eine solche Qualifizierung besitzen. Wir begrüßen jegliche
Unterstützung von den betreffenden Verbänden und Kammern, die eine Etablierung solcher Aus- und
Weiterbildungsmaßnahmen ermöglichen. Vordringlichste Zielstellung muss es allerdings sein, darauf
hinzuwirken, dass bei den derzeit gehäuften energetischen Gebäudesanierungen Fehler vermieden
werden, die zu erhöhten Radonkonzentrationen in Innenräumen führen.
Mit diesen Anregungen möchte ich meine Begrüßung schließen und Ihnen allen einen er-
kenntnisreichen Radontag und viele fruchtbare Diskussionen wünschen.
Dr. Fritz Jaeckel
Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft
Dr. Fritz Jaeckel
Staatssekretär des Sächsischen
Staatsministeriums für Umwelt und
Landwirtschaft

Seite 10
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012

 
Christian Schramm
Walfried Löbner
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 11
BEITRÄGE
TAGESNAHER
GRUBENBAUE
UND
WEITERER
UNTERIRDISCHER HOHLRÄUME ZUR RADONBELASTUNG IN
HÄUSERN – GRUNDLAGEN UND LÖSUNGSANSÄTZE
CONTRIBUTIONS OF MINE WORKINGS NEAR THE SURFACE AND
OTHER UNDERGROUND CAVITIES TO THE RADON-EXPOSURE IN
DWELLINGS – PRINCIPLES AND MITIGATION MEASURES
Christian Schramm
Walfried Löbner
WISMUT GmbH, Chemnitz
Zusammenfassung
In den stark vom Bergbau geprägten Regionen Sachsens geht von den bergbaulichen
Hinterlassenschaften häufig eine Beeinflussung der Radonsituation in Häusern aus. Hierbei spielen
tagesnahe Grubenbaue eine entscheidende Rolle. Im vorliegenden Beitrag werden die
grundlegenden Transportmechanismen des Radons im Untergrund und an der Gebäudehülle erörtert
und das Verhalten des Systems Grube- Untergrund- Haus dargestellt. Es wird gezeigt, dass im
bergbaulich beeinträchtigten Untergrund über tagesnahen Grubenbauen bzw. anderweitigen
Hohlräumen und an der Systemgrenze Baugrund- Haus konvektive Gastransportprozesse die
Radonmigration in ein Gebäude dominieren. Anhand der erforderlichen Voraussetzungen für
konvektive Radontransportprozesse werden grundsätzlich in Frage kommende Lösungsansätze
abgeleitet und diskutiert. Hierbei werden objektspezifische Einzelfalllösungen und standortbezogene
Lösungen des Radonproblems unterschieden. Die Betrachtungen kommen zu dem Schluss, dass bei
einem flächenhaften Gruben-einfluss auf die Häuser die Erzeugung eines Unterdruckes im
Grubengebäude als einziger Lösungsansatz geeignet ist, das grubenbedingte Radonproblem in den
Häusern mit vertretbarem Aufwand und kalkulierbaren Risiken zu lösen. Bei kleineren Gruben bzw.
Hohlraumsystemen und bei wenigen betroffenen Häusern bzw. als flankierende Maßnahmen bei
standortbezogenen wettertechnischen Lösungen sind auch objektspezifische Einzelfalllösungen je
nach Beeinflussungssituation anwendbar.
Summary
In areas in Saxony which were in the past the scene of intensive mining activities, mining legacies
often affect the radon situation in houses. Thereby, near surface mining galleries are of particular
importance. In the present paper the general patterns of transport of radon in the underground as well
as at the interface from the ground to buildings are described. It is demonstrated, that at mining
affected sites above near surface galleries, gaps and other cavities, the radon migration from the
ground into houses is mainly driven by convective streaming of air. Based on the factors which trigger
the convective transport of radon containing air into houses, the general approaches to manage
indoor radon are evaluated and discussed. Thereby, distinction is made between object-specific as
well as site-specific solutions. The presentation arrives at the conclusion that in cases where the
impact of the mine galleries is extended over a bigger surface area, with a large number of houses

Beiträge tagesnaher Grubenbaue und weiterer unterirdischer Hohlräume zur Radonbelastung in Häusern –
Grundlagen und Lösungsansätze
Seite 12
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
affected, production of an air depression in the mine galleries is the only reasonable, with low risk
associated way to manage mine caused indoor radon. In cases of smaller underground galleries and
cavities, were only a few houses are affected application of object- specific solutions is an option.
Object-specific solutions are also applicable to support site-specific large-area solutions.
1
Einleitung
Im Freistaat Sachsen gibt es eine Vielzahl von sehr stark vom Bergbau geprägten Regionen.
Insbesondere im Erzgebirge und im Vogtland fand seit dem 12. Jahrhundert ein intensiver Bergbau
auf die verschiedensten Erze statt, der bis in die 1990er Jahre von großer Bedeutung war. Aus dieser
z. T. Jahrhunderte währenden Bergbautätigkeit resultieren umfangreiche Hinterlassenschaften, wie z.
B. Halden, Schlammteiche, geflutete oder ungeflutete untertägige Hohlräume sowie früher berg-
baulichen Zwecken dienende Anlagen. Die Hinterlassenschaften befinden sich häufig unmittelbar in
den Siedlungsgebieten der aus Bergbausiedlungen hervorgegangenen Bergstädte, so dass die
Häuser vielfach in unmittelbarer Nachbarschaft von Tagesöffnungen, Abbaugebieten und Bergbau-
halden der Gruben stehen und deren Einflüssen ausgesetzt sind.
Die Gesteine in den Erzbergbauregionen sind infolge der vorhandenen Lagerstätten häufig durch
erhöhte spezifische Aktivitäten von Radium (Ra-226) gekennzeichnet, wodurch in erhöhtem Maße
das radioaktive Edelgas Radon (Rn-222) generiert wird. Das z. T. in sehr hohen Konzentrationen vor-
liegende Radon im Untergrund kann insbesondere bei einer starken bergbaulichen Beeinträchtigung
des Gesteinsverbandes auf verschiedene Weise in Häuser gelangen. Angesichts der z. T. sehr
hohen Radonkonzentrationen in Häusern über tagesnahen Grubenbauen und Hohlräumen ergibt sich
die Notwendigkeit, sich intensiv mit den Ursachen und der Wirkungsweise der stattfindenden
Migrations-prozesse zu beschäftigen und verschiedene Ansätze zur Senkung der Radonbelastung in
gruben-beeinflussten Häusern zu prüfen.
Die im vorliegenden Beitrag angestellten grundsätzlichen Betrachtungen zu dieser Problematik
dienen auch der Einordnung und dem Verständnis des Beitrags „Wetterprojekt zur Senkung der berg-
baulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg“ und führen unmittelbar zu
diesem Thema hin. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Berichterstattung zu diesem Wetter-
projekt [1] verwiesen.
2
Bergbau und Radonbelastung in Häusern
Prinzipiell gibt es eine Reihe von potentiellen Eintrittspfaden, über die das Radon in Häuser gelangen
kann, bevor es sich in den Räumen des Gebäudes ausbreitet. Die
Abb.1
zeigt ein schematisches
Bild eines Hauses, das diese Eintrittspfade verdeutlichen soll.
Die Radonkonzentrationen in den Innenräumen werden u. a. von der Radonquellstärke, dem Dicht-
heitsgrad des Untergrundes und der Gebäudehülle, den wirkenden Transportmechanismen, den
Nutzungsgewohnheiten und von der Luftwechselrate in den Räumen bestimmt.
Bergbauliche Hinterlassenschaften können im Prinzip über alle potentiellen Radoneintrittspfade
wirksam werden:
Abwetternde Tagesöffnungen
über die Außenluft,
Halden und Ablagerungen
über die Außenluft, über permeablen Baugrund, Halde als Bau-
grund,
Bergbauliche Rückstände
Verwendung als Baustoff,

image
Christian Schramm
Walfried Löbner
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 13
Tagesnahe Grubenbaue
über permeablen Baugrund, über Ver- und Entsorgungssysteme
(Rohre, Kabelkanäle, Kanalisation), über die Außenluft,
Weiterhin können Komplexsituationen auftreten, bspw. wenn Halden und Grubenbaue ein System
bilden und gemeinsam auf die Radonsituation in den Häusern wirken.
Nichtbergbauliche Hohlräume (Anzuchtsysteme, Höhler, Kellersysteme) können unter bestimmten
Voraussetzungen eine Quell- und Transportfunktion bezüglich des Radons ähnlich den bergbaulichen
Hohlräumen übernehmen.
Abb.1:
Schema eines Hauses mit potentiellen Radoneintrittspfaden
Die für die Strahlenexposition der Bevölkerung größte Bedeutung haben an Altbergbaustandorten die
in besiedelten Gebieten liegenden ungefluteten Grubenbaue und Halden, wobei die Strahlenexpo-
sition von erhöhten Radonkonzentrationen in den Innenräumen dominiert wird. Die größten Radon-
expositionen sind i. d. R. dort anzutreffen, wo das gruben- bzw. haldenbürtige Radon unmittelbar über
den Baugrund oder darin verlegte Ver- und Entsorgungssysteme in die Häuser gelangt. Aus diesem
Grunde wird im Folgenden näher auf die im Untergrund stattfindenden Prozesse eingegangen.
3
Radoneintritt in Häuser - Transportmechanismen und System-
verhalten
Die Arbeiten in den letzten Jahren zur Beherrschung der Radonsituation in Häusern haben gezeigt,
dass die Entwicklung fundierter Lösungsansätze das Verständnis der Radontransportmechanismen
und des Verhaltens des Systems Untergrund- Haus voraussetzt. Hierzu wurden physikalische
Modelle entwickelt, die die wesentlichen Einflussgrößen und Prozesse abbilden. Die grundlegenden
Prozesse wurden bereits in der 1. Tagung Radonsicheres Bauen im September 2005 dargelegt [2].

Beiträge tagesnaher Grubenbaue und weiterer unterirdischer Hohlräume zur Radonbelastung in Häusern –
Grundlagen und Lösungsansätze
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Die Verfügbarkeit von Radon im Gestein des Untergrundes bzw. im Baumaterial von Häusern wird
zum einen durch den radioaktiven Zerfall von Radium (Ra-226), welches insbesondere im Bereich
von Uranerzlagerstätten in erhöhten Gehalten anzutreffen ist, zum anderen durch die Emanation des
Radons (Rn-222) in den offenen Porenraum des Muttergesteins bzw. des Baumaterials bestimmt.
Der Prozess der Emanation des Radons in den offenen Porenraum wird wesentlich von den
Gesteinseigenschaften und dem Feuchtegehalt bestimmt.
Die Radon-Generationsrate G, die den Transport des beim radioaktiven Zerfall entstehenden Rn-222
in den Porenraum des Muttergesteins erfasst, ist durch
n(
)
E
A
G
L
W
t
Ra 226
(1)
gegeben, wobei
die Zerfallskonstante von Rn-222,
E
der materialspezifische Emanationskoeffizient des Muttergesteins,
t
die Trockendichte des Muttergesteins,
A
Ra-226
die spezifische Aktivität von Ra-226 im Muttergestein,
n
die Porosität des Muttergesteins,
L
der lufterfüllte Porenanteil,
W
:
der wassererfüllte Porenanteil und
der Radon-Verteilungskoeffizient zwischen Wasser und Porenluft
sind. Anhand der verschiedenen Parameter wird deutlich, dass die Radon-Generationsrate sowohl
räumlich als auch zeitlich erheblich variieren kann.
Der Radontransport im Untergrund bzw. im Baumaterial erfolgt durch Diffusions- und
Konvektionsprozesse.
Für
den
diffusiven
Transport
sind
der
materialspezifische,
stark
feuchteabhängige Diffusionskoeffizient und die Porosität des Materials entscheidend, während der
konvektive Transport von der Mobilität der radonhaltigen Luft in den Poren des Gesteins im
Untergrund bzw. in darin vorhandenen Rissen und Klüften bestimmt wird. Die Mobilität der
radonhaltigen Luft wird von der Gaspermeabilität geprägt, die je nach Boden- bzw. Gesteinsart,
Porosität und Porenbeschaffenheit, Klüftigkeit und Beschaffenheit der Klüfte/ Risse sowie
Wassersättigungsgrad des Poren- bzw. Kluftraumes um Größenordnungen variieren kann.
Unter der vereinfachenden Modellannahme, dass der Untergrund als ein homogener poröser Körper
angesehen werden kann, lässt sich der Radontransport im lufterfüllten Porenraum des Gesteins im
Untergrund für den 1-dimensionalen Fall durch folgende partielle Differentialgleichung beschreiben
(siehe z. B. [3], [4]):
C
G
.
z
C
n(
)
v
z
C
D
t
C
B
B
L
W
2
B
2
eff
B
(2)
Hierbei sind
C
B
die Radonkonzentration in der Porenluft der im Untergrund vorliegenden Gesteine,
D
eff
der effektive, d. h. die Porosität berücksichtigende Diffusionskoeffizient und
v
die Konvektionsgeschwindigkeit im Porenraum.
Da die meisten Parameter zeitlich variabel sind, ergibt die Lösung der Differentialgleichung auch
unter den vereinfachenden Modellannahmen eine zeitlich veränderliche Radonkonzentration in der
Porenluft. Eine Berechnung gelingt folglich nur unter stark vereinfachenden Annahmen. Die Modell-
vorstellungen zur Dynamik des Radontransports und der Radonkonzentration in der Porenluft stehen
in Übereinstimmung mit den Ergebnissen umfangreicher Messungen in Gebieten mit bergbaulichen
Hinterlassenschaften.

Christian Schramm
Walfried Löbner
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Der erste Term der rechten Seite der Gleichung (2) beschreibt hierbei den diffusiven Transport des
Radons, während der zweite Term den konvektiven Radontransport im lufterfüllten Porenraum be-
schreibt. Der dritte Term drückt den Zerfall des Radons aus, die Radon-Generationsrate bildet
schließlich den vierten Term der Transportgleichung.
Triebkraft der Diffusion sind entsprechend dem 1. Fick`schen Gesetz lediglich bestehende Konzen-
trationsunterschiede. Die Diffusionseigenschaften eines Materials lassen sich auch durch die
Diffusionslänge l
d
beschreiben, die die Wegstrecke bezeichnet, die das Radon während seiner
mittleren Lebensdauer (1/ ) diffusiv zurücklegt. D. h., nach Zurücklegung dieser Wegstrecke sind von
der ursprünglichen Radonaktivität nur noch knapp 37 % vorhanden. Daraus kann geschlussfolgert
werden, dass das Radon zu 95 % einer Tiefe der dreifachen Diffusionslänge entstammt. Da die
Diffusionslänge in Luft etwa das 10-fache der Diffusionslänge in kompaktem Fels und etwa das 100-
fache der Diffusionslänge in Wasser beträgt, findet der diffusive Radontransport hauptsächlich im luft-
erfüllten Porenraum statt. Die Diffusionslänge in einem trockenen Boden liegt bei etwa 2 m, in einem
feuchten Boden bei etwa 0,5 m und in einem kompakten Porphyrgestein sogar bei nur etwa 0,15 m
[5], [6], [7]. Daran wird deutlich, dass bei rein diffusivem Transport nur Radon aus dem unmittelbar
anstehenden Baugrund in ein Gebäude gelangen kann. Gerade in massivem Fels und in wasser-
gesättigtem Material kann der diffusive Transport von Radon aus dem Untergrund nur eine unter-
geordnete Rolle spielen.
Der konvektive Radontransport findet ausschließlich im lufterfüllten Porenraum oder in lufterfüllten
Klüften und Rissen des Gesteins bzw. Baumaterials statt. Er wird ausschließlich von einem bestehen-
den Druckgradienten verursacht:
.
z
(k
k )
p
v
-
P
R
(3)
Hierbei sind
p
der bestehende Differenzduck,
k
P
die Gaspermeabilität des porösen Körpers,
k
R
die Gaspermeabilität von Rissen und Klüften und
die dynamische Viskosität der Luft.
Die Gaspermeabilität eines Bodens hängt wesentlich von der Bodenart und -struktur, der Korngröße,
der Porosität, der Größe, Form, Ausrichtung und Anzahl der Poren und von der Wassersättigung des
Porenraumes ab, während bei Festgesteinen die Geometrie und die Abmessungen der lufterfüllten
Risse und Klüfte maßgeblich sind [8]:
,
2b
r
121 F
b
k
2
3
m
2
R
(4)
mit
b
Öffnungsweite der Kluft,
F
empirischer Faktor, ermittelt mit Wasser, 8,8 bei 0,032 < relative Kluftrauigkeit ≤ 0,1,
17 bei 0,1 < relative Kluftrauigkeit ≤ 1
r
m
Mikrorauigkeit der Kluft.
Wenn man eine Gaspermeabilität des porösen Körpers von 10
-12
m² (entspricht etwa einem Fein-
sand)
annimmt,
so
übersteigt
die
Kluftpermeabilität
diesen Wert
bereits
bei
0,1 mm
Kluftöffnungsweite um Größenordnungen. Damit wird deutlich, dass bei Vorhandensein von Klüften
und Rissen die Kluftpermeabilität den konvektiven Gastransport im Gestein des Untergrundes
dominiert. Die Permeabilität der Gesteinsmatrix ist dann für den konvektiven Transportprozess nicht
mehr bestimmend. Selbst bei relativ geringen Druckdifferenzen von einigen Pa werden

Beiträge tagesnaher Grubenbaue und weiterer unterirdischer Hohlräume zur Radonbelastung in Häusern –
Grundlagen und Lösungsansätze
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Konvektionsgeschwindigkeiten erreicht, die sowohl beachtliche Bodenluftströme als auch große
Transportentfernungen des in der Bodenluft enthaltenen Radons über mehrere hundert Meter
bedingen.
Ab einer Gaspermeabilität k > 10
-12
m² ist der konvektive Radontransport der dominierende Radon-
transportprozess, der diffusive Transport spielt dann nur noch eine untergeordnete Rolle [2].
Aufgrund des bergbaubedingt stark beanspruchten Gebirges und des anthropogen überprägten Bau-
grundes sind konvektive Radontransportprozesse an Bergbaustandorten die eigentliche Ursache,
weshalb Radon aus tagesnahen Grubenhohlräumen in den Baugrund und weiter in die Häuser
gelangen kann.
Der Radoneintritt in ein Gebäude findet an der Grenzfläche des Baugrundes und den boden-
berührenden Gebäudeteilen (Fundament, Kellerwände, Bodenplatte) statt. Dabei kann die Radon-
migration durch diese Grenzflächen wiederum durch diffusive oder konvektive Transportprozesse
bedingt sein. Der Diffusionskoeffizient von Baustoffen, wie Beton, ist in der Regel deutlich geringer
als der vom Baugrund selbst, so dass die Gebäudehülle in der Regel wie eine Diffusionsbarriere
wirkt.
Auch hier gilt wiederum, dass der konvektive Transport durch Risse und Leitungsdurchführungen
oder anderen Öffnungen in der Regel den dominierenden Prozess darstellt. Die Rissgeometrien oder
anderweitigen Leckagestellen können jedoch schwer quantifiziert werden. In Anlehnung an die
experimentellen Verfahren zur Beurteilung der Gebäudedichtheit in der Bauphysik ist deshalb eine
effektive Leckagefläche F
RLA
in der Gebäudehülle durch einen Drucktest experimentell bestimmbar.
Der konvektive Radonfluss q
Rn
durch die Gebäudehülle kann dabei mit der empirischen Gleichung
n
0
Rn
B
RLA
0
p
p
q
CF
v
(5)
beschrieben werden, wobei C
B
die Radonkonzentration im Baugrund und v
0
eine Referenz-
geschwindigkeit bei einem Referenzdruck p
0
darstellt. Damit wird deutlich, dass der Radoneintritt in
ein Gebäude durch eine Druckdifferenz verursacht und wesentlich durch die Größe (Eintrittsfläche)
der Leckagen geprägt wird.
Dringt Radon über die Gebäudehülle durch Migrationsprozesse in ein Haus ein, so bildet sich in den
Keller- und Wohnräumen eine bestimmte Radonkonzentration heraus. Diese Konzentration in den
Innenräumen eines Hauses wird durch den Luftaustausch innerhalb des Gebäudes und den Luft-
austausch mit der Außenluft geprägt.
Wird vereinfachend das Gebäude oder ein bestimmter Raum in einem Gebäude als eine Box mit dem
Volumen V angenommen, die Radon-Eintrittsrate in den Raum sei q
R
, die Luftaustauschrate mit der
Außenluft sei
und C
A
die in der Außenluft bestehende Radonkonzentration, so ergibt sich die
zeitliche Änderung der Radonkonzentration aus folgender Differentialgleichung:
q
C
C
C
.
t
C
R
A
R
R
R
(6)
Da die meisten Parameter der Gleichung zeitlich variabel sind, ist die Radonkonzentration im
Innenraum C
R
als Lösung dieser Gleichung eine zeitlich veränderliche Größe.
Die sich im Raum einstellende Gleichgewichtskonzentration des Radons im stationären Zustand [9]
wird außer von der Radon-Eintrittsrate wesentlich von der Luftwechselrate
(Dichtheit von Fenstern,
Türen, usw.) bestimmt:

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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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.
V
V
C
q
C
A
R
R
(7)
Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass die Radonkonzentration in Innenräumen eines
Gebäudes in Gebieten mit tagesnahen Grubenbauen maßgeblich von den konvektiven Radon-
transportprozessen aus dem gestörten Gebirge, von den baulichen Eigenschaften des Hauses
sowie von den Nutzungsbedingungen des Hauses abhängt.
Gemäß den Gleichungen (3) und (5) sind Druckunterschiede die maßgebliche Ursache für konvektive
Gastransportprozesse im Untergrund, an der Gebäudehülle und im Gebäude selbst. Dies trifft
gleichermaßen auch für untertägige Hohlräume zu: In den ungefluteten Grubenbauen von Berg-
werken legen die so genannten Grubenwetter und mit ihnen das darin enthaltene Radon innerhalb
weniger Stunden Wegstrecken von etlichen hundert Metern zurück, ohne dass hierzu eine technische
Belüftung (Bewetterung) erforderlich ist. Die Druckdifferenzen werden durch den natürlichen Auftrieb
erzeugt. Entlang ihres Strömungsweges nehmen die Grubenwetter das aus der Grubenbauwandung,
das aus verfüllten bzw. verbrochenen Bereichen und das mit dem Wasser zutretende Radon auf und
transportieren es unter ständig ansteigender Konzentration über große Entfernungen.
Der natürliche Auftrieb in kommunizierenden Luftsäulen stellt sich als Druckdifferenz p
nat
dar. Er
errechnet sich grundsätzlich aus dem sich ergebenden Dichteunterschied der Luft Δρ sowie der zur
Verfügung stehenden Auftriebshöhe h:
p
(
2
)gh
,
nat
1
(8)
wobei
ρ
1
die mittlere Dichte in der Luftsäule 1,
ρ
2
die mittlere Dichte in der Luftsäule 2,
h
die auftriebswirksame Höhe und
g
die Erdbeschleunigung sind.
Dichteunterschiede entstehen in erster Linie durch unterschiedliche Lufttemperaturen in den kommu-
nizierenden Luftsäulen. Unter auftriebswirksamer Höhe wird die Höhe der kommunizierenden Luft-
säulen mit unterschiedlicher Dichte verstanden.
In einer ausreichend großen Grube ist die Temperatur der Grubenwetter infolge der Wärmespeicher-
kapazität des Gebirges über die Zeit in etwa konstant, wohingegen die Außentemperatur dem jahres-
zeitlichen und täglichen Gang folgt. Damit unterliegt der natürliche Auftrieb sowohl jahreszeitlichen als
auch tageszeitlichen Veränderungen. Geht man von untertägigen Temperaturen von etwa 10°C aus,
so bedingen höhere Außentemperaturen (Sommer) oder niedrigere Außentemperaturen (Winter)
unterschiedliche Vorzeichen und Beträge des Auftriebsdruckes. Infolge dessen bilden sich in einer
Grube mit hoch und mit tief gelegenen Tagesöffnungen typische Strömungssituationen heraus:
Im Sommer sinken die im Vergleich zur Außenluft kühleren, dichteren Grubenwetter im Gruben-
gebäude nach unten und bewirken einen einziehenden Wetterstrom in Hochlage und einen aus-
ziehenden Wetterstrom in Tallage. Bei winterlichen Außentemperaturen kehrt sich dieser Vorgang
um: Die im Vergleich zur Außenluft wärmeren Grubenwetter steigen im Grubengebäude auf und be-
wirken einen einziehenden Wetterstrom in Tallage und einen ausziehenden Wetterstrom in Hochlage.
Entspricht die Außentemperatur gerade der Grubentemperatur, so beträgt die natürliche Druck-
differenz 0 Pa und es kommt zu einem Wetterstillstand. Da im Erzgebirgsraum die Außentemperatur
im Jahresmittel unter 10°C liegt, dominieren winterliche Auftriebs- und Strömungsverhältnisse.
Durchläuft die Außentemperatur auch im Laufe eines Tages die Temperaturgleiche zwischen
Gruben- und Außentemperatur, so kommt es auch zu einem tageszeitlichen Wechsel der Auftriebs-
und Strömungsbedingungen.
Die
Abb. 2
stellt schematisch die Wetterbewegungen im jahreszeitlichen Wechsel dar.

image
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Seite 18
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delta H
Winter
- 4 °C
Sommer
+ 20 ° C
Abb. 2:
Schematische Darstellung von Sommer - und Winterstrom, nach [10]
Der Differenzdruck zwischen einem Grubenbau und der Tagesoberfläche, der für konvektive Gas-
transportprozesse im permeablen Untergrund zwischen Grube und Tagesoberfläche verantwortlich
ist, ist zeitlich variabel und räumlich verschieden. Während die zeitliche Variabilität durch die vom
Gang der Außentemperatur bestimmte Veränderlichkeit des natürlichen Auftriebs bedingt wird, ist für
die räumlichen Unterschiede der Druckdifferenz zwischen Grube und Tagesoberfläche die Höhenlage
des jeweils betrachteten Bezugspunktes in Relation zur Höhenlage der wirksamen Tagesöffnungen
maßgeblich. Hierbei ist auch der Zustand der Grubenbaue, insbesondere der Tagesverbindungen
(offen oder geschlossen) wesentlich. Untersuchungen an den Gruben Johanngeorgenstadt und
Schlema-Alberoda haben in diesem Zusammenhang gezeigt, dass die Höhenlage der so genannten
druckneutralen Zone, die den Bereich mit Überdruck von dem Bereich mit Unterdruck im Gruben-
gebäude trennt, ebenfalls Schwankungen unterliegt und sich auch innerhalb eines Bergwerks lokal
unterscheiden kann (siehe
Abb. 3
).
Abb. 3:
Schematische
Darstellung
der
sommerlichen
Auftriebssituation
in
der
Grube
Johanngeorgenstadt

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Der natürliche Auftrieb kann in den bislang untersuchten Gruben Schneeberg, Johanngeorgenstadt
und Schlema-Alberoda bei maximalen Temperaturunterschieden zwischen den Grubenwettern und
der Außenluft je nach auftriebswirksamer Höhe durchaus 220 Pa erreichen. Aufgrund der vielfältigen
Kurzschlüsse zur Tagesoberfläche und der damit verbundenen Strömungsprozesse im Gruben-
gebäude, die aufgrund des Strömungswiderstandes Druckverluste zur Folge haben, erreichen die
sich tatsächlich zwischen Grube und Tagesoberfläche ausbildenden Druckdifferenzen jedoch keine
derart hohen Werte. Druckdifferenzen bis 60 Pa wurden allerdings bereits gemessen.
Energetisch betrachtet sind der natürliche Auftrieb und die damit verbundenen Strömungsprozesse in
Gruben der Sonnenenergie und bei tiefen Gruben auch der Erdwärme im Zusammenwirken mit der
Wärmespeicherwirkung des Gebirges zu verdanken.
Die nachfolgende
Abb. 4
zeigt einen typischen Verlauf auftriebsbedingter Druckdifferenzen und das
hierdurch bedingte Erscheinungsbild einer konvektiv beeinflussten Radonsituation in einem Haus-
keller. Der Nachweis, dass das im Keller gemessene Radon überwiegend aus tagesnahen Gruben-
bauen stammt, wurde hierbei durch ein Tracergas erbracht, welches in die Grube injiziert wurde.
0
50
100
150
200
250
300
0
20000
40000
60000
80000
100000
120000
05.07.08 00:00
06.07.08 00:00
07.07.08 00:00
08.07.08 00:00
09.07.08 00:00
10.07.08 00:00
11.07.08 00:00
12.07.08 00:00
13.07.08 00:00
14.07.08 00:00
15.07.08 00:00
16.07.08 00:00
17.07.08 00:00
18.07.08 00:00
Tracergaskonzentration in ppb
Radonkonzentration in Bq/m³
Radonkonz. und Tracergaskonz. im Obj. 18 Schlema sowie
Außentemperatur und Druckdifferenz Markus-Semmler-Stolln
0
5
10
15
20
25
30
35
-30
-20
-10
0
10
20
30
40
Außentemperatur in °C
Differenzdruck in Pa
Differenzdruck
Außentemperatur
Radonkonzentration
Tracergaskonzentration
Abb. 4:
Ursache und Wirkung konvektiver Radontransportprozesse im bergbaubedingt permeablen
Gebirge, Keller eines Wohngebäudes im Bereich Markus-Semmler-Stolln in Bad Schlema
Vom Grundsatz her treffen für die Auftriebssituation in Gebäuden die gleichen physikalischen Gesetz-
mäßigkeiten zu. Hier wirken jedoch auch andere Wärmequellen. Abhängig von deren Lage und der
Lage der Belüftungsöffnungen stellt sich im Gebäude ein Temperaturprofil über die Höhe ein. Den
Auftriebsdruck erhält man durch Integration der Dichteunterschiede über die Höhe:

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p
g
(h)dh
,
h1
h0
(9)
wobei h
0
die mittlere Höhe der Eintrittsöffnung und h
1
die mittlere Höhe der Austrittsöffnung sind.
Durch Winddruck entstehen an Gebäudefassaden Zonen mit Über- und Unterdruck. Winddruckfelder
können komplexe Strukturen haben. In der Tendenz entsteht nur an der Anstromseite ein Überdruck,
während am Dach und allen anderen Fassaden ein Unterdruck entsteht. Der sich infolge des Windes
ausbildende dynamische Druck ist in der Regel proportional dem Quadrat der mittleren Wind-
geschwindigkeit. Bei Windgeschwindigkeiten von 5 m/s beträgt der dynamische Druck bspw. 15 Pa.
Daraus ergibt sich, dass auch der Wind konvektive Radontransportprozesse induzieren kann.
Eine weitere Triebkraft konvektiver Radontransportprozesse im Untergrund stellt das so genannte
barometrische Pumpen dar. Ursache des barometrischen Pumpens sind die natürlichen Änderungen
des barometrischen Druckes in der Atmosphäre. Diese Luftdruckänderungen bedingen Druck-
differenzen zwischen der Atmosphäre und untertägigen Hohlräumen. Sind diese Hohlräume, bspw.
Grubenbaue, über Strömungswege mit der Atmosphäre verbunden, kommt es aufgrund der Druck-
differenzen zu Ausgleichsströmungen, die eine Übertragung der Luftdruckänderungen auf die in den
Hohlräumen bestehenden Druckverhältnisse zur Folge haben. Bei fallendem Luftdruck strömt Luft
aus dem Hohlraum aus, während bei steigendem Luftdruck Luft in den Hohlraum einströmt. Aufgrund
der verlustbehafteten Strömungsprozesse hängt der Luftdruck in dem Hohlraum dem Luftdruck in der
Atmosphäre je nach Ausbildung der Strömungsverbindungen (Strömungswiderstand) und je nach
Größe des Hohlraumvolumens unterschiedlich stark hinterher, so dass sich unterschiedlich große
Druckdifferenzen zwischen Hohlraum und Atmosphäre ausbilden.
Dieser physikalische Effekt äußert sich in betroffenen Gebäuden durch erhöhte Radoneintrittsraten
bzw. Radonkonzentrationen während des Luftdruckabfalls und ggf. darüber hinaus bis zum Druck-
ausgleich. Damit wird deutlich, dass auch bei Grubengebäuden mit verschlossenen Tagesver-
bindungen, in denen kein nennenswerter natürlicher Wetterzug besteht, konvektive Radontransport-
prozesse aus dem Untergrund in die Gebäude stattfinden können.
Insgesamt stellt der natürliche Auftrieb zwar nicht die einzige, aber in vielen Fällen die domi-
nierende Triebkraft konvektiver Radontransportprozesse von der Grube in Häuser dar. Auch
im bergbaufreien Untergrund, in Haldenkörpern und in den Häusern selbst hat er einen
entscheidenden Einfluss auf die Gas- bzw. Luftströmungen. Die Beachtung des natürlichen
Auftriebs ist Grundvoraussetzung zum Verständnis des Systemverhaltens Grube- Untergrund-
Haus und zur Entwicklung von Lösungsansätzen zur Beherrschung der Radonsituation in
Häusern.
4
Prinzipielle
Lösungsansätze
zur
Beherrschung
der
grubenbedingten Radonsituation in Häusern
Um prinzipielle Lösungsansätze zur Beherrschung der grubenbedingten Radonsituation entwickeln zu
können, muss von den Voraussetzungen und den Triebkräften der konvektiven Gastransportprozesse
im bergbaulich beeinflussten Untergrund ausgegangen werden. Wie aus Abschnitt 3 hervorgeht,
müssen für einen konvektiven Radontransportprozess von der Grube in ein Haus folgende Voraus-
setzungen erfüllt sein:
1.
Vorhandensein einer Radonquelle oder von herangeführtem Radon in der Grube bzw. im
Untergrund,
2.
Vorliegen einer ausreichenden Permeabilität des Untergrundes zwischen Grube und Haus,
3.
Vorliegen einer undichten Gebäudehülle (Kontaktstelle zwischen Untergrund und Gebäude),
4.
Vorhandensein eines zutage gerichteten Druckgefälles zwischen Grube und Haus.

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Diese Voraussetzungen können sowohl an alten als auch an aktiven Bergbaustandorten in ganz
unterschiedlichem Maße erfüllt sein. An den Standorten des Uran-Gangerzbergbaus im Erzgebirge
liegen die Voraussetzungen zumeist vor.
Soll der konvektive Radontransport von der Grube bzw. dem Untergrund in ein Haus unterbunden
bzw. wirksam reduziert werden, kann prinzipiell bei jeder der genannten Voraussetzungen für den
konvektiven Radontransport angesetzt werden. Nachfolgend sind prinzipielle Lösungsansätze
aufgeführt, geordnet nach den Voraussetzungen für den konvektiven Radontransport, die jeweils den
Ansatzpunkt darstellen:
zu 1: Vorhandensein einer Radonquelle oder von herangeführtem Radon in der Grube bzw. im
Untergrund
-
Entfernen der Radonquelle
Das Entfernen der Radonquellen (Grubenbaue, durchströmbare verbrochene bzw. mit Bergen ver-
setzte Abbaue, Restvererzungen, Spülversatzbereiche mit radioaktiv kontaminierten Aufbereitungs-
abgängen usw.) ist weder technisch noch wirtschaftlich möglich und ist daher von vornherein nicht als
praktikabler Lösungsansatz anzusehen.
-
Entfernen des Radons
Das Entfernen des Radons aus der Grube kann nur durch eine intensive Bewetterung erfolgen, die
auf eine starke Verdünnung des zutretenden Radons und dessen Abtransport nach über Tage ausge-
richtet ist. Voraussetzung ist eine gute Durchströmbarkeit des Hohlraumsystems. Bei kleinen, offen
stehenden Systemen und bei geringer Radonquellstärke kann dieser Ansatz erfolgversprechend sein.
Bei großen Gruben wären zur Erreichung ausreichend niedriger Radonkonzentrationen die Komplett-
rekonstruktion der Grube oder von Teilen der Grube und eine hohe installierte Lüfterleistung erforder-
lich. Bei hohen spezifischen Radonfreisetzungsraten können kaum ausreichend niedrige untertägige
Radonkonzentrationen erreicht werden. Hinzu kommt eine hohe Radonableitung in die Atmosphäre
an den Standorten der Abwetterschächte.
Weiterhin besteht prinzipiell die Möglichkeit einer Entfernung des Radons aus dem Untergrund. Dies
könnte durch den Aufbau eines Dränagesystems im Untergrund geschehen. Bei ausreichender Ur-
sachenaufklärung (umfangreiche Voruntersuchungen erforderlich) wurden derartige Radondränagen
lokal bereits mit Erfolg erprobt. Für ein flächenhaftes Radonproblem in Häusern, wie es an Bergbau-
standorten häufig besteht, stellt aus technischen und wirtschaftlichen Gründen ein Dränagesystem im
Untergrund jedoch keine Option dar. Die Radondränage des Untergrundes bleibt als Lösungsansatz
objektspezifischen Einzelfalllösungen in solchen Häusern vorbehalten, in denen sich mit anderen
Lösungsansätzen kein Erfolg erzielen lässt.
Die Entfernung des Radons aus dem Haus ist von der Natur der Sache in jedem Falle eine objekt-
spezifische Einzelfalllösung. Hierbei wird der Radonzutritt aus der Grube toleriert, akzeptable Radon-
konzentrationen sollen durch eine ausreichende Verdünnung und Abführung des Radons erreicht
werden; d. h. durch eine Erhöhung des natürlicherweise vorliegenden Luftwechsels. Bei hohem
Radonzutritt aus der Grube ist eine künstliche Belüftung des Gebäudes oder von Gebäudeteilen
meist unumgänglich. Der Aufbau einer solchen Lösung setzt umfangreiche Voruntersuchungen
voraus, erfordert Maßnahmen zur Wärmerückgewinnung und ist mit einem relativ hohen Risiko ver-
bunden, dass die angestrebte Radonkonzentrationssenkung nicht oder nicht dauerhaft erreicht wird.
Bei unsachgemäßer Anordnung und Auslegung der Raumventilatoren kann durch eine ungünstige
Beeinflussung der Differenzdruckverhältnisse sogar eine Erhöhung des Radonzutritts in das Gebäude
verursacht werden. Insgesamt sind diese lüftungstechnischen objektspezifischen Maßnahmen wenig
nachhaltig; sie werden erfahrungsgemäß als störend empfunden und nicht oder nur unzureichend
gewartet.
-
Kapseln der Radonquelle bzw. des Radons
Das Kapseln der Radonquellen in der Grube ist ein im untertägigen Strahlenschutz im größeren Maß-
stab praktizierte Lösungsansatz. Hierbei werden die Abbaubereiche und Grubenbaue dicht versetzt
oder durch wetterdichte Dämme (Mauerdämme, Betondämme) hermetisiert und damit vom be-
wetterten Teil des Grubengebäudes abgetrennt. Das dort entstehende Radon zerfällt somit am Ort

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seiner Entstehung. Im Hinblick auf die Vermeidung eines zutage gerichteten konvektiven Radon-
transports aus der Grube müssten sämtliche offenen, verbrochenen oder versetzten Grubenbaue, in
denen Radon in größerem Maße entsteht und aus denen Radon in Häuser gelangen kann, gekapselt
werden, und zwar allseitig. Neben dem Vermauern, Betonieren oder Versetzen von Hohlräumen
müssen Bergeversatz- und Verbruchmassen durch Verschlämmen bzw. durch Injektage einge-
schlossen werden. Im Einzelfall kann so eine Maßnahme machbar und auch zielführend sein, zumal
wenn ohnehin lokalen Verwahrungsarbeiten ausgeführt werden müssen. Im Falle eines flächenhaften
Radonproblems in Häusern an Bergbaustandorten scheidet eine solche Lösung jedoch aus: Zu groß
ist der Aufwand zur Erkundung und bergmännischen Erschließung der ursächlichen Hohlräume, zu
groß sind die erforderlichen Mengen an Versatz- und Hermetisierungsmaterial und zu ungewiss sind
über Bohrungen blind erfolgte Versatz- und Injektagemaßnahmen.
Eine durchaus erfolgreiche und günstige Kapselung der Radonquellen kann unter Umständen durch
die Flutung der Grube erreicht werden. Zwar löst sich Radon auch im Wasser und kann über kon-
vektive Wasserströmungen transportiert werden und bei Kontakt mit der Luft in gewissem Maße ent-
weichen, jedoch ist dieser Anteil verglichen mit einer Radonfreisetzung in wetterdurchströmte
Grubenbaue verschwindend gering. Die Flutung muss jedoch möglichst das ganze Grubengebäude
umfassen: So lange ungeflutete (tagesnahe) Sohlen verbleiben, werden sich hier hohe
Radonkonzentrationen einstellen, obgleich die Radonquellstärke der Grube insgesamt stark zurück
gegangen ist. Ein höherer Wassereinstau in einer Grube mit ungeflutet bleibenden tagesnahen
Sohlen hat nur dann Sinn, wenn sich aufgrund einer kleineren Flächenausdehnung der ungeflutet
bleibenden Sohlen die flächenhafte Erstreckung des Beeinflussungsgebietes über Tage deutlich
verkleinert. Eine Flutung der tagesnahen Sohlen ist in den hiesigen Bergrevieren aufgrund der
Geländemorphologie, der seit jeher praktizierten Wasserabführung über tiefe Entwässerungsstollen
und des intensiv perforierten Gebirges kaum möglich. Die Vernässungsgefahr und die Gefahr einer
geotechnischen Destabilisierung intensiver Abbaubereiche und Versatz- bzw. Verbruchbereiche ist zu
groß, hinzu kommen nicht einschätzbare Aufwendungen zur Abdichtung von unbekannten
Tagesverbindungen, durchgebauten Bereichen und natürlichen oder bergbaubedingten Klüften und
Rissen im Gebirge.
zu 2: Vorliegen einer ausreichenden Permeabilität des Untergrundes zwischen Grube und
Haus
-
Abdichten des Untergrundes
Das Abdichten des Untergrundes kann durch den Versatz größerer Hohlräume und das Verpressen
von Poren, Rissen und Spalten erfolgen. An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass dieser Lösungs-
ansatz lediglich für objektspezifische Einzelfalllösungen an grubenbeeinflussten Häusern in Frage
kommt. Ein flächenhaftes Abdichten des Untergrundes unter allen grubenbeeinflussten Häusern ist
aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht machbar: Angefangen von der Identifizierung der
grubenbeeinflussten Häuser durch flächendeckende Messungen über das Aufspüren und Versetzen
größerer tagesnaher Hohlräume unter den Häusern bis hin zum Verpressen der wetterwegsamen
Poren, Rissen und Spalten im Untergrund unmittelbar unter dem Haus sind diese Maßnahmen sehr
teuer und mit hohen technischen Risiken verbunden (Arbeiten im Gründungsbereich des Hauses,
Arbeiten im Bodenhorizont mit Medienleitungen usw.). Im Einzelfall ist eine Verbesserung der Radon-
situation in einem grubenbeeinflussten Haus durch solche Maßnahmen jedoch möglich und wahr-
scheinlich deutlich nachhaltiger als lüftungstechnische Maßnahmen.
zu 3: Vorliegen einer undichten Gebäudehülle im Kontakt zwischen Untergrund und Gebäude
-
Abdichten der Gebäudehülle
Das Abdichten der Gebäudehülle im Kontaktbereich Untergrund – Haus ist von der Natur der Sache
in jedem Falle eine objektspezifische Einzelfalllösung. Für das Abdichten kommen eine Reihe von
Technologien in Frage. Von ausschlaggebender Bedeutung ist die genaue Kenntnis der Eintrittspfade
für die grubenbürtige, radonbelastete Bodenluft. Hierfür sind z. T. aufwändige messtechnische Unter-
suchungen erforderlich. Je nach dem identifizierten Eintrittspfad sind Maßnahmen wie bspw. eine
Betonage des Kellerbodens, das Einbringen von radondichten Folien im Fußboden, ein Abdichten
des Mauerwerkes durch Injektage oder durch das Aufbringen von Sperrschichten erfolgversprechend.
Ggf. kann ein sorgfältiges Abdichten der Medienzuführung oder eine Erneuerung des Abwasser-

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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 23
systems im Haus ausreichen. Alternativ kann ein Radonzutritt in den Keller toleriert, die Abdichtungs-
maßnahmen dann zwischen Keller und Wohnbereich vorgenommen werden, wenn dies weniger Auf-
wand bereitet. In jedem Fall ist hier fachmännischer Rat unverzichtbar. Die Erfolgsquote und die
Nachhaltigkeit einer solchen Lösung sind stark von der Sorgfalt der Untersuchungen und von der
Qualität der Bauausführung abhängig.
zu 4: Vorhandensein eines zutage gerichteten Druckgefälles zwischen Grube und Haus
-
Herstellung eines grubenwärts gerichteten Druckgefälles
Ein grubenwärts gerichtetes Druckgefälle kann zum einen durch einen stabilen Unterdruck in der
Grube, zum anderen durch einen stabilen Überdruck im Haus erreicht werden.
Die Erzeugung eines Überdruckes im Haus ist von der Natur der Sache in jedem Falle eine objekt-
spezifische Einzelfalllösung. Prinzipiell kann die Überdruckerzeugung auf den Gebäudeteil be-
schränkt bleiben, in den der Radonzutritt aus der Grube erfolgt (bspw. den Keller). Der Überdruck
muss hierbei groß genug sein, dass der grubenbedingte Druckgradient jederzeit sicher überprägt
wird. Der Aufbau von Überdrücken von mehreren 10 Pa in einem Raum erfordert aus energetischen
Gründen zusätzlich ein Abdichten des betreffenden Raumes. Es ist eine hohe Disziplin der Bewohner
erforderlich, da die Türen und Fenster stets geschlossen gehalten werden müssen. Maßnahmen zur
Wärmerückgewinnung sind nur eingeschränkt möglich.
Die Erzeugung eines stabilen Unterdruckes in der Grube gehört zu den wettertechnischen Lösungs-
ansätzen. Schwerpunkt ist hierbei jedoch nicht die Verdünnung und Abführung des in der Grube ent-
stehenden Radons, sondern das Verhindern eines zutage gerichteten konvektiven Radontransportes
durch Erzeugung eines stabil grubenwärts gerichteten Druckgefälles. D. h. Strömungsprozesse im
Untergrund werden nicht verhindert, sondern nur in ihrer Richtung beeinflusst. Unter bestimmten
Voraussetzungen ist ein derartiger Lösungsansatz auch in der Lage, Radon aus einem Gebäude ab-
zusaugen, das im Gebäude selbst oder im Gebäudeuntergrund entsteht. Voraussetzung für ein
Funktionieren dieses Lösungsansatzes ist, dass ein ausreichender Unterdruck erzeugt und bis in die
relevanten Bereiche der Grube transportiert werden kann. Der Unterdruck muss an jeder relevanten
Stelle des Grubengebäudes den natürlichen Auftrieb sicher überprägen. Dies erfordert eine
künstliche Erzeugung des Unterdruckes (saugende Ventilatoranlage). Die nachfolgende
Abb. 5
verdeutlicht die Wirkungsweise einer wettertechnischen Lösung zur Herstellung eines grubenwärts
gerichteten Druckgefälles:
Abb. 5:
Wirkprinzip
einer wettertechnischen Lösung zur Herstellung eines grubenwärts gerichteten
Druckgefälles
Für die Ausbreitung des Unterdruckes bis in die peripher gelegenen Problembereiche sind offene
Wetterwege notwendig. Diese müssen im erforderlichen Umfang aufgewältigt werden. Durch ein
Rn
Rn
Rn
Rn
Stolln
Ableitkamin
Schacht
Wettersohle
Wetterrösche
Lüfter

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Grundlagen und Lösungsansätze
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möglichst dichtes Verschließen der offenen Tagesverbindungen soll eine verlustarme Ausbreitung
des Unterdruckes erreicht werden, da bei geringen Wettervolumenströmen die Druckverluste längs
eines Wetterweges klein sind. Des Weiteren kommt man dann mit einer geringeren Anzahl von
Wetterwegen bzw. mit geringerem Streckenquerschnitt aus. Ein geringer Gesamtwettervolumenstrom
begrenzt schließlich die Wetterleistung des Ventilators beträchtlich. Insofern spielt die Verdünnung
des Radons in der Grube bei diesem Ansatz keine nennenswerte Rolle.
Prinzipiell kann der Unterdruck im gesamten Grubengebäude erzeugt und damit eine flächenhaft wir-
kende Lösung des grubenbedingten Radonproblems angestrebt werden. Wenn nur über bestimmten
Teilen der Grube ein Grubeneinfluss auf die Radonsituation in den Häusern vorliegt, kann man den
Unterdruck aber auch nur in den entsprechenden Teilen der Grube erzeugen und damit lokal wir-
kende Lösungen erreichen. Hierzu müssen die relevanten Grubenteile vom restlichen Gruben-
gebäude wettertechnisch abgetrennt werden. Vorteil einer lokalen wettertechnischen Lösung sind der
geringere Aufwand zur Herstellung des Bewetterungssystems und geringere Unterhaltungskosten.
Je nach der vorliegenden Beeinflussungssituation in den Häusern, den wettertechnischen Voraus-
setzungen unter Tage und dem gewählten Ansatz (flächenhaft oder lokal) kann der Unterdruck durch
Betrieb einer zentralen Abwetteranlage oder mehrerer kleinerer dezentraler Abwetteranlagen erzeugt
werden. Wie bei allen wettertechnischen Lösungsansätzen ist mit dem Betrieb einer oder mehrerer
Abwetteröffnungen eine Radonableitung verbunden, die bei der Standortauswahl und der Gestaltung
der Abwetteranlage berücksichtigt werden muss.
Bei dem Lösungsansatz Erzeugung eines Unterdrucks in der Grube wird das Problem mit Hilfe der
Grube als der eigentlichen Ursache des Problems gelöst, indem die natürlichen Druckgradienten als
Triebkräfte für den konvektiven Radontransport von der Grube in die Häuser künstlich überprägt
werden. Dieser Lösungsansatz hat den Vorteil, dass an der Tagesoberfläche und insbesondere an
den Häusern keine Arbeiten erforderlich sind und mithin das Geschehen in der Stadt bzw. Gemeinde
und die Privatsphäre der Bürger weitgehend unberührt bleiben. Weiterhin werden durch eine solche
Lösung automatisch auch die grubenbeeinflussten Häuser erreicht, deren Eigentümer sich ent-
sprechenden Untersuchungen und objektspezifischen Einzelfalllösungen verweigern. Unter be-
stimmten Voraussetzungen (dominanter Grubeneinfluss) wird als positiver Nebeneffekt auch das
Radon zur Grube abgeführt, welches im Baumaterial oder im Untergrund selbst entsteht und dem
Haus ansonsten ebenfalls zutreten würde.
Das zur Erzeugung eines Unterdrucks erforderliche Bewetterungssystem kann anpassungsfähig ge-
staltet und somit entsprechend den jeweils bestehenden Anforderungen und Randbedingungen opti-
miert werden. Hierdurch kann der urbanen Entwicklung, bspw. der Entstehung neuer Wohngebiete im
Bereich tagesnaher Grubenbaue, Rechnung getragen werden. Im Hinblick auf eine optimierte Fahr-
weise der Lüfteranlagen bestehen gute Voraussetzungen für einen weitgehend automatisierten, ge-
regelten Betrieb der Anlagen. Hierdurch kann bspw. auch eine Energieeinsparung durch die Nutzung
des natürlichen Auftriebs erreicht werden. Die Anwendung alternativer Energiekonzepte ist bei einer
wettertechnischen Lösung ebenfalls denkbar.
Nachteilig ist bei großen Gruben der hohe Aufwand zur Etablierung des Bewetterungssystems. Be-
stimmender Faktor ist hierbei die Rekonstruktion der Wetterwege des Systems, wobei auf eine lange
Lebensdauer abzuzielen ist. Von der Lebensdauer der Wetterwege hängen entscheidend auch die
laufenden Betriebskosten ab; die eigentlichen Lüfterbetriebskosten sind hingegen vergleichsweise
gering. In der Herstellungsphase des Bewetterungssystems können Kostenvorteile durch Synergie-
effekte erreicht werden, indem bspw. ohnehin erforderliche Bergsicherungsarbeiten sinnvoll in den
Aufbau des Bewetterungssystems eingeordnet werden.
Von Nachteil ist weiterhin, dass ein wettertechnischer Lösungsansatz mit Radonableitungen in die
Atmosphäre verbunden ist. Durch die Auswahl geeigneter Abwetterschächte abseits bebauter Ge-
biete und die Errichtung von ausreichend dimensionierten Ableitkaminen kann jedoch erreicht
werden, dass hierdurch keine relevanten Strahlenexpositionen der Bevölkerung entstehen.
Da die Notwendigkeit besteht, die Bewetterungslösung ständig und auf nicht absehbare Zeit zu
betreiben, muss sie als eine so genannte Ewigkeitslast eingeordnet werden. Allerdings ist in diesem
Zusammenhang auch die Entwicklung der Altersstruktur von Wohngebäuden zu berücksichtigen:
Während bei alten Gebäuden objektspezifische Radonschutzmaßnahmen häufig sehr teuer und
risikobehaftet sind, können bei Neubauten von vornherein Vorkehrungen zum Radonschutz getroffen
werden.

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Seite 25
In Häusern, deren Radonsituation von anderen Quellen als von tagesnahen Grubenbauen dominiert
wird und die daher nicht oder nur geringfügig von einer wettertechnischen Lösung profitieren, muss
das Radonproblem mit objektspezifischen Einzelfalllösungen behoben werden.
In der
Abb. 6
sind die vom Grundsatz her machbaren Lösungsansätze zur Beherrschung der gruben-
bedingten Radonsituation in Häusern noch einmal in einer Übersicht dargestellt:
- Teile des Grubengebäudes
- mehrere Ventilatorstandorte
Lok ale wettertechnische Lösung
mehrere dezentrale Ventilatoren
- zentraler Ventilatorstandort oder
- gesamtes Grubengebäude
Flächenhafte wettertechn. Lösung
- Wirkprinzip Druckgefälle
- künstliche Druckerzeugung
Wettertechnische Lösung
Objektspezifische Einzelfalllösung
Standortbezogene Lösung
- Sperrschichten (Folie)
- Betonage
- Injektage
Abdichtung Haus
Lösungsansatz
- Injektage
- Einblasen Frischluft
- Absaugen Bodenluft
Dränage/Belüftung Untergrund
Abdichtung Untergrund
- Versatz
Belüftung Haus
- Wirkprinzip Verdünnung
- Wirkprinzip Druckgefälle
Abb. 6:
Prinzipiell
machbare
Lösungsansätze
zur
Beherrschung
der
grubenbedingten
Radonsituation in Häusern
Insgesamt wird eingeschätzt, dass bei einem flächenhaften Grubeneinfluss auf die Häuser die
Erzeugung eines Unterdruckes im Grubengebäude als einziger Lösungsansatz geeignet ist,
das grubenbedingte Radonproblem in den Häusern mit vertretbarem Aufwand und kalkulier-
baren Risiken zu lösen.
Bei kleineren Gruben bzw. Hohlraumsystemen und bei wenigen betroffenen Häusern bzw. als
flankierende Maßnahmen bei standortbezogenen wettertechnischen Lösungen sind auch
objektspezifische Einzelfalllösungen je nach Beeinflussungssituation anwendbar.
An dieser Stelle sei auf den Beitrag „Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in
den Häusern der Bergstadt Schneeberg“ verwiesen, in dem die Ergebnisse umfangreicher Unter-
suchungen und Tests zusammengefasst und ein konkretes Projekt für das flächenhaft grubenbeein-
flusste Gebiet der Stadt Schneeberg vorgestellt werden.
5
Literaturverzeichnis
[1]
Löbner, W., Schramm, C., Geringswald, K., Leißring, B., Leißring, N., Martin, H.:
Abschlussbericht Konzept zur Entwicklung und Optimierung von technischen Lösungen für die
langfristige Beherrschung des Einflusses offener Grubenbaue auf die Radonsituation in
Häusern unter besonderer Berücksichtigung der Grubenwasserlösung über den Markus-
Semmler-Stolln, WISMUT GmbH und GEOPRAX Chemnitz, 2009
[2]
Löbner, W., Schulz, H.: Wie und warum gelangt Radon in ein Haus?, in: KORA e. V. (Hrsg.):
Tagungsband der 1. Tagung Radonsicheres Bauen, Dresden, 28. September 2005
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Beiträge tagesnaher Grubenbaue und weiterer unterirdischer Hohlräume zur Radonbelastung in Häusern –
Grundlagen und Lösungsansätze
Seite 26
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5
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Schriftenreihe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz des Bundesministeriums für Umwelt,
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Bernd Leißring
Kai Geringswald
Dresden, 11. Sept. 2012
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WETTERPROJEKT
ZUR
SENKUNG
DER
BERGBAULICHEN
RADONBELASTUNG
IN
DEN
HÄUSERN
DER
BERGSTADT
SCHNEEBERG
A MINE VENTILATION PROJECT TO REDUCE THE MINE-BORNE
RADON GAS EXPOSURE IN BUILDINGS IN THE MINING TOWN
SCHNEEBERG
Bernd Leißring
1)
, Nick Leißring
1)
Kai Geringswald
2)
, Walfried Löbner
2)
, Christian Schramm
2)
1)
Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX, Chemnitz
2)
Wismut GmbH, Chemnitz
Zusammenfassung
Das Schneeberg-Neustädtler Revier war eines der bedeutendsten Bergbaureviere des Erzgebirges.
Der Bergbau blickt auf eine nahezu 600-jährige Geschichte zurück. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts
wurde auf dem Schneeberg reichlich Silber gefunden, später waren Kobalt-, Nickel- und Wismuterze
Hauptgegenstand des Bergbaus. Nach 1945 wurde von der SAG/SDAG WISMUT ein intensiver
Berg-bau auf Uranerze betrieben. Nach der Einstellung des Bergbaus 1956 verblieben umfangreiche
Bergbauhinterlassenschaften, häufig mitten im Stadtgebiet. Anfang der 1990er Jahre wurde das von
den Bergbauhinterlassenschaften ausgehende Radonproblem öffentlich thematisiert. In den
Folgejahren wurden vielfältige Untersuchungen angestrengt und Lösungen erprobt. Es wurde
festgestellt, dass die z. T. dicht unter der Tagesoberfläche liegenden Grubenhohlräume in sehr vielen
Fällen die Ursache für sehr hohe Radonkonzentrationen in den darüber befindlichen Häusern
darstellen. Das Radon gelangt hierbei durch konvektive Gastransportprozesse aus der Grube in die
Häuser. Die Triebkraft dieser Prozesse ist in erster Linie der durch Dichteunterschiede bedingte
natürliche Auftrieb der Grubenluft. Da die hohen Radonkonzentrationen in Häusern ein flächenhaftes
radiologisches Problem im gesamten Stadtgebiet darstellen, das nicht länger toleriert werden kann,
wurde 2008 ein zunächst standortübergreifendes, später speziell auf Schneeberg fokussiertes Projekt
zur Beherrschung der grubenbedingten Radonsituation in den Häusern begonnen. Im Rahmen dieses
Projektes wurde herausgearbeitet, dass eine an der Grube als dem eigentlichen Ursprung des
Problems ansetzende wettertechnische Lösung nach dem Wirkprinzip „Herstellung eines Unterdrucks
in den Grubenbauen“ als einzige geeignet ist, das grubenbedingte Radonproblem in den Häusern mit
vertretbarem Aufwand und überschaubaren Risiken zu lösen. Maßgeblich für diese Feststellung sind
die Ergebnisse intensiver Untersuchungen an einer auf dem Kirchplatz der St. Wolfgangskirche
mitten im Stadtzentrum umgesetzten lokalen Bewetterungslösung. Hier werden seit 2007
umfangreiche bergmännische Erkundungs- und Verwahrungsarbeiten durchgeführt mit dem Ziel, die
Sicherheit der Tagesoberfläche herzustellen und die Radonsituation in den Häusern dieses
Sanierungsareals zu verbessern. Das wesentlichste Ergebnis der durchgeführten Untersuchungen
war, dass in einem beträchtlichen Teil der untersuchten Häuser aufgrund der lokalen
Unterdruckbewetterung eine deutliche Verbesserung der Radonsituation eingetreten ist. Bezogen auf
alle untersuchten Häuser wurde die Radonkonzentration durch die lokale Bewetterungslösung im
Mittel um 62 % gesenkt. Daraus wurde geschlussfolgert, dass eine flächenhafte Bewetterungslösung

Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
Seite 28
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
nach dem Wirkprinzip „Herstellung eines Unterdrucks in den Grubenbauen“ für den gesamten
Bergbaustandort
Schneeberg-Neustädtel
gute
Erfolgsaussichten
hat,
das
grubenbedingte
Radonproblem in den Häusern der Stadt zu lösen. Die konzeptionellen Arbeiten am „Wetterprojekt
Schneeberg“
haben
2011
den
Status
einer
Vorplanung
erreicht.
Aufwändige
Variantenuntersuchungen haben unter Berücksichtigung von bergbaulichen, wettertechnischen,
umweltrelevanten und weiteren Bewertungskriterien eine anpassungsfähige Vorzugsvariante mit
Lüfterstandorten an 3 Abwetteröffnungen der Grube ergeben. Im Interesse einer baldigen
Verbesserung der nach wie vor nicht tolerierbaren Radonsituation in vielen Häusern der Stadt
Schneeberg wird auf eine rasche Fortführung dieses Projektes gedrungen.
Summary
The Schneeberg-Neustädtel mining site was in the past one of the most important mining sites of the
Ore Mountains, with an almost 600 years lasting history of mining activities. Starting in the mid of the
15th century on the Schneeberg mountain for a long period plenty of Silber was recovered. After that
mining of Cobalt, Nickel and Bismuth ore took place. From 1945 on the Soviet (later Soviet-German)
stockholding company WISMUT mined intensively Uranium ore. With termination of mining activities
in 1956, large-scale mining legacies were left on the site, in many cases immediately in residential
areas of town Schneeberg. Only in the beginning of the nineties radon released from the legacies
became a matter of public concern. Since then several investigations were carried out and different
solutions were tested to manage the elevated indoor concentrations. It was realized that in many
cases near-surface mining galleries cause high concentrations in houses directly above the galleries.
Investigations revealed that the radon is transported by convective air movement from the mine
galleries into the houses. This process is mainly driven by air density differences and the resultant
natural buoyancy. Since high indoor radon concentrations were found in many houses, dispersed
over larger areas of the town, in 2008 a project was launched to manage the mine-caused indoor
radon. In its first state this project was an overall project, later it was tailored to meet the site-specific
conditions of town Schneeberg. In the frame of this project it was identified that a ventilation solution
based on the “principle of creation of an air depression in the mine” is the only feasible option to keep
mine-caused radon in houses with reasonable efforts and at the same time with acceptable failure
risks under control. This finding came up in the course of intensive investigations to develop a local
ventilation system for the Kirchplatz area around the St. Wolfgang church in Schneeberg. At this
place from 2007 on comprehensive investigations and remediation activities were implemented, with
the goal to geo-technically stabilize the ground surface and with the simultaneous goal to improve the
local radon situation in houses on the Kirchplatz. Measurements revealed, that after establishment of
a local depression ventilation system in a considerable part of the houses an improvement of the
indoor situation could be reached. Related to all investigated houses the radon concentration could in
the mean be reduced by 62 %. From that it was concluded that an area-expended application of a
ventilation system based on the mine air depression principle is a promising solution to manage mine-
caused indoor radon problems for the whole mining site Schneeberg-Neustädetl. In the frame of the
“Schneeberg Ventilation Project” till 2011 the conceptual design of the ventilation system was
developed. Comprehensive assessments of different ventilation options, whereby the site-specific
mine conditions, the local ventilation constraints, environmental issues and other criteria were taken
into account, arrived at an optimized ventilation system. It is based on three ventilators which create
the depression in the mining galleries. Due to the in-acceptable high indoor concentrations observed
in the houses a rapid continuation of the project is awaited.
1
Einleitung
Das Schneeberg-Neustädtler Revier war eines der bedeutendsten Bergbaureviere des Erzgebirges.
Der Bergbau blickt auf eine nahezu 600-jährige Geschichte zurück. Nach bescheidenen Anfängen
wurde ab Mitte des 15. Jahrhunderts auf dem Schneeberg reichlich Silber gefunden und es erscholl
ein großes "Bergkgeschrey". Bereits 1477 sollen auf dem Schneeberg über 200 Zechen betrieben

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Kai Geringswald
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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worden sein. Später bildeten Kobalt-, Nickel- und Wismuterze die wirtschaftliche Grundlage des Berg-
baus. Die letzte Hauptperiode des Bergbaues umfasste den Uranerzbau der SAG/SDAG WISMUT.
Zu den Hinterlassenschaften des jahrhundertealten Bergbaues zählen neben Halden und berg-
baulichen Anlagen auch die umfangreichen Grubenhohlräume, welche sich auch unmittelbar im
Stadtgebiet befinden. Während die tiefen Sohlen der Grube unter Wasser stehen, sind die oberhalb
des wasserabtragenden Markus-Semmler-Stollns gelegenen, z. T. dicht unter der Tagesoberfläche
befindlichen Grubenhohlräume dauerhaft ungeflutet. Neben der Gefährdung der Sicherheit der
Tagesoberfläche geht von den tagesnahen Grubenhohlräumen auch ein radiologisches Problem aus:
In dem stark bergbaulich beeinträchtigtem Untergrund kommt es aufgrund des natürlichen Auftriebs
im Grubengebäude zu konvektiven Gastransportprozessen, die zu einer Freisetzung des unter Tage
entstehenden radioaktiven Edelgases Radon-222 in einer Vielzahl von Häusern führen.
Die Radonproblematik wurde Anfang der 1990er Jahre erstmals öffentlich thematisiert und es wurden
Untersuchungen angestrengt, um das Ausmaß des radiologischen Problems zu charakterisieren. Es
wurde schnell klar, dass die radiologische Situation einzigartig und dringend verbesserungsbedürftig
ist. In den Folgejahren wurden in unterschiedlichen Beauftragungsverhältnissen Lösungen erprobt,
wobei Maßnahmen an den betroffenen Gebäuden selbst, aber auch Maßnahmen an der Grube als
dem eigentlichen Ursprung des Problems ergriffen wurden.
Im Rahmen des Verwaltungsabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem
Freistaat Sachsen zur Sanierung bergbaulicher Hinterlassenschaften an den WISMUT-Altstandorten
wurde 2005 für Schneeberg ein Standortsanierungskonzept [1] erarbeitet, welches die hohe Radon-
belastung in den Häusern als das größte Umweltproblem identifizierte. Für die erforderlichen
umfangreichen Sanierungsarbeiten unter Tage wurde daher die Maßgabe abgeleitet, neben der
Sicherstellung des Strahlenschutzes der Beschäftigten auch auf eine Verbesserung der
radiologischen Situation der Bevölkerung hinzuarbeiten. Im Zusammenhang mit den untertägigen
Arbeiten wurden daher umfangreiche Untersuchungen zum Ausmaß und zu den Ursachen hoher
Radonbelastungen in Häusern durchgeführt, mit denen der Grubeneinfluss auf die Radonsituation in
den Häusern eindeutig als flächenhaftes Problem nachgewiesen wurde. Weiterhin erfolgten
Pilotversuche zu einer lokalen wettertechnischen Lösung im Bereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche.
Aufgrund erster positiver Ergebnisse und ebenfalls positiver Erfahrungen der WISMUT am Standort
Schlema-Alberoda wurde 2008 vom Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit das
Projekt „Konzept zur Beherrschung der grubenbedingten Radon-Situation in Bad Schlema und
Schneeberg“ initiiert, welches ab 2010 als Wetterprojekt Schneeberg weitergeführt wurde.
Das Problem einer hohen grubenbedingten Radonbelastung in Häusern ist für die Stadt Schneeberg
nach wie vor aktuell. Gerade vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Empfehlungswerte
europäischer und internationaler Gremien bezüglich des Radons in Wohnungen nimmt die
Dringlichkeit einer Lösung des bergbaubedingten Radonproblems zu.
2
Bergbauliche und radiologische Situation in Schneeberg
Bei der Lagerstätte Schneeberg-Neustädtel handelt es sich um eine große Gangerzlagerstätte [2].
Ihre Ausdehnung beträgt etwa 7 km in N-S-Richtung und ca. 4 km in W-E-Richtung. Insgesamt
wurden mehr als 200 erzführende Gänge bekannt, die im Laufe der Jahrhunderte je nach wirt-
schaftlicher Lage und technischem Entwicklungsstand abgebaut wurden. Die meist relativ steil
stehenden, überwiegend in NNW-SSE- sowie in WNW-ESE-Richtung verlaufenden Erzkörper, die so
genannten Gänge, besitzen eine Längs- und Tiefenerstreckung von durchschnittlich etwa 200 m bis
250 m. Die mittlere Gangmächtigkeit liegt bei etwa 0,5 m. Erzanreicherungen wurden insbesondere
im Kreuzungsbereich der beiden Gangsysteme angetroffen.
Die Vererzung stellt sich recht unterschiedlich dar: Typisch ist eine Anreicherung hochwertiger Silber-
erze im Einflussbereich des Luftsauerstoffs bzw. sauerstoffreichen Wassers bis in ca. 50 m bis 100 m
Tiefe. Hier wurde insbesondere in den ersten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten ein intensiver Abbau
betrieben, z. T. auch im Tagebau. In größerer Tiefe dominieren die Kobalt- und Nickelerze, deren
Gewinnung ab Mitte des 16. Jahrhunderts in den Vordergrund trat. Die ebenfalls vorhandenen Uran-

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Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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erze wurden, da sie nicht genutzt werden konnten, zunächst in alte Abbaue versetzt bzw. auf die
Halden geworfen. Sie wurden erst ab 1935 Gegenstand des Interesses.
Mit Beginn der Untersuchungsarbeiten auf Uranerze durch die UdSSR nach dem Ende des 2. Welt-
krieges wurde eine kurze, aber sehr intensive Bergbauperiode eingeleitet, die bis 1956 währte. In
dieser Zeit wurden von der SAG/SDAG WISMUT insgesamt etwa 210 t Uran gefördert, ein in Bezug
auf den bergbaulichen Aufwand bescheidenes Ergebnis: Immerhin waren 24 Tagesschächte sowie
23 Schürfe und Stollen angelegt bzw. vom historischen Bergbau übernommen, die Flanken der
Lagerstätte neu erschlossen, das vorhandene Grubengebäude mit einem schachbrettartigen System
aus Querschlägen und Gangstrecken überfahren und die Bergarbeiten bis in eine Tiefe von 400 m
geführt worden. Hieraus resultiert eine enge Verquickung des Altbergbaus früherer Betriebsperioden
mit den Grubenbauen des WISMUT-Bergbaus. Dass die Abbautätigkeit auch unmittelbar im Stadt-
gebiet erfolgte, zeigt ein Rissausschnitt für das Stadtzentrum, auf dem nur die ungefluteten
tagesnahen Sohlen dargestellt sind (Abb. 1):
Abb. 1:
Untertägige Situation im Stadtzentrum der Bergstadt Schneeberg, Luftbildansicht
Nach der Einstellung des Bergbaus wurde die Grube bis zum Niveau des wasserabführenden
Markus-Semmler-Stollns geflutet, die Schächte wurden verwahrt und die Betriebsgebäude liquidiert.
Teilweise wurden auch die Halden profiliert und begrünt. Oberhalb des Flutungspegels verblieb ein
lufterfüllter Grubenhohlraum von etwa 2,1 Mio m³, wie Tracergasuntersuchungen im Jahr 2009
ergaben [3]. Neben einer unbekannten Anzahl von Schächten, Schürfen und Stolln umfassen die
bergbaulichen Hinterlassenschaften mehr als 150 heute noch erkennbare Halden [4].
Dass in den Schneeberger Grubenwettern sehr hohe Radonkonzentrationen vorliegen, ist spätestens
seit 1924 bekannt [5]. Im Jahr 1940 finden Rajewsky und Hueck [6] in der durch hohe Radon-
konzentrationen in den Wettern bedingten hohen Strahlenexposition die Ursache der bereits 1534
von Paracelsus beschriebenen Bergsucht der Bergleute (Schneeberger Krankheit). Die aus der Lite-
ratur bekannten hohen Radonkonzentrationen in den Grubenwettern Schneebergs von 40.000 Bq/m³

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Bernd Leißring
Kai Geringswald
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 31
bis über 600.000 Bq/m³ [7], [8] konnten durch eigene Messungen in der Größenordnung bestätigt
werden. Maßgeblich für diese hohen Radonkonzentrationen ist vor allem die Radonfreisetzung aus
den Bruchräumen und aus den mit taubem Gestein verfüllten Abbauen. Den geologischen und
bergbaulichen Bedingungen entsprechend sind auch die Bodenradonkonzentrationen z. T. sehr hoch,
hier wurden in 1 m Tiefe Spitzenwerte bis 1.000.000 Bq/m³ gemessen.
Bereits hier wird deutlich, dass in grubenbeeinflussten Häusern unter ungünstigen Umständen sehr
hohe Radonkonzentrationen erreicht werden können. Entsprechende Ergebnisse erbrachten dann
auch die im Jahr 1990 vom Bundesamt für Strahlenschutz in Zusammenarbeit mit dem Institut für
Wasser-, Boden- und Lufthygiene des Bundesgesundheitsamtes durchgeführten Screening-
Messungen der Radonkonzentration in den Häusern von Schneeberg, wie die nachfolgende Abb. 2
verdeutlicht:
Abb. 2:
Radonkonzentrationen in Häusern der Stadt Schneeberg, Ergebnisse der Messungen im
Erdgeschoss [9]

Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
Seite 32
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Die höchste im Erdgeschoss gemessene Radonkonzentration betrug hierbei etwa 115.000 Bq/m³. In
den Kellerräumen wurden tendenziell höhere Radonkonzentrationen festgestellt.
In der Abb. 3 sind beispielhaft die Ergebnisse aktuellerer zeitaufgelöster Radonmessungen während
einer Untersuchungskampagne im Jahr 2011 für ein Haus auf dem Stadtberg dargestellt. Für dieses
Haus wurde mit Hilfe von Tracergas nachgewiesen, dass nahezu das gesamte Radon seinen
Ursprung in der Grube hat. Deutlich ist hier eine typische Abstufung der Radonkonzentration über die
Etagen zu erkennen, bedingt durch einen eingeschränkten Transport innerhalb des Hauses und den
stattfindenden Luftwechsel mit der Außenluft. Die tageszeitliche Dynamik der Radonkonzentration
wird vom tageszeitlich schwankenden natürlichen Auftrieb dominiert.
0
20000
40000
60000
80000
100000
120000
140000
160000
180000
200000
220000
19.02.11 00:00
19.02.11 12:00
20.02.11 00:00
20.02.11 12:00
21.02.11 00:00
21.02.11 12:00
22.02.11 00:00
22.02.11 12:00
23.02.11 00:00
23.02.11 12:00
24.02.11 00:00
24.02.11 12:00
25.02.11 00:00
25.02.11 12:00
26.02.11 00:00
Radonkonzentration in Bq/m³
Datum/Zeit
Radonkonzentration im Objekt 1, Schneeberg
Keller
Erdgeschoss
1. Etage
Abb. 3:
Radonkonzentrationen in den einzelnen Etagen eines Hauses auf dem Stadtberg von
Schneeberg
Vergleichbare Radonsituationen sind insbesondere in alten Häusern keineswegs selten anzutreffen.
Auch hatten die nach 1990 ergriffenen baulichen Erneuerungen an den Häusern (Einbau neuer
Fenster und Türen, Wärmedämmung der Gebäude, Liquidierung der Öfen und Einbau von
Heizungen) infolge der Verringerung des Luftwechsels und der Veränderung der Auftriebssituation im
Gebäude häufig negative Auswirkungen auf die Radonsituation.
3 Kenntnisstand
In den vergangenen Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, um die in den Häusern
bestehende Radonsituation zu erfassen, die Herkunft des Radons und die Transportmechanismen
sowie das Systemverhalten zu ergründen und Lösungsansätze zur Beherrschung der Radonsituation
in den Häusern zu entwickeln.
In der Tab. 1 sind die seit 1990 durchgeführten Projekte zu dieser Problematik zusammengestellt:

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Kai Geringswald
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Tab. 1:
Chronologie der Projekte in Schneeberg
Jahr
1990
Flächenhafte Screening-Messung der Radonkonzentration in den Häusern
von Schneeberg durch das BfS
1991 - 1995
Modellhafte Sanierung radonbelasteter Wohnungen in Schneeberg, ein-
schließlich Großversuch der Beeinflussung der Radonkonzentration durch
Grubenwetter , BMU und BfS [10]
1994
Vorlage der Forschungsstudie „Untersuchung über Möglichkeiten der ge-
zielten Bewetterung im Schneeberger Grubenfeld zur Senkung der Radon-
belastung der Bevölkerung“ durch das Bergtechnische Ingenieurbüro
GEOPRAX [11]
1995
Antragstellung der Stadtverwaltung Schneeberg zum Fördervorhaben
„Gezielte natürliche Bewetterung des Schneeberger Grubengebäudes zur
Senkung der Radonbelastung in den Häusern der Stadt Schneeberg“
Fördermittelbewilligung durch das LfUG
Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zur Koordinierung und Abstimmung der
Maßnahmen im Rahmen des Pilotprojektes „Natürliche Bewetterung“
ab 1995
Beginn der praktischen Realisierung des Pilotprojektes „Natürliche Be-
wetterung“
- bergmännische Arbeiten
- ingenieurtechnische Begleitung
- kontinuierliches Messprogramm der Radonverhältnisse
1996 - 2006
Jahresberichte über den Stand des Projektes „Natürliche Bewetterung“ [12]
Ständige Messungen in ca. 68 Gebäuden, gezielte Messreihen an Punkten
im Grubenraum und an Wetteröffnungen, Erfassung der Bodenradon-
konzentration an 12 Messpunkten sowie Durchführung von Winter- und
Sommerbewetterungsversuchen, bergmännische Arbeiten zur Realisierung
der Wetterwege
2003 - 2005
Ergänzende Untersuchungen durch die WISMUT GmbH auf der Basis des
Verwaltungsabkommens
WISMUT-Altstandorte
in
Vorbereitung
des
Standortsanierungskonzeptes Schneeberg
2005
Vorlage des Standortsanierungskonzeptes Schneeberg [1], Beginn der
Planungen für die Realisierung der prioritär zu bearbeitenden Vorhaben
2006
Abschlussbericht zum Pilotprojekt „Natürliche Bewetterung“, Darstellung der
erreichten Möglichkeiten und Grenzen der natürlichen Bewetterung auf der
Basis des bisher realisierten Bewetterungssystems [13]
ab 2007
Beginn der bergmännischen Arbeiten im Komplexen Sanierungsareal 2
Kirchplatz St. Wolfgangskirche, radiologische Begleitung des Vorhabens
durch die WISMUT GmbH in Zusammenarbeit mit GEOPRAX
Sicherung des im Pilotprojekt „Natürliche Bewetterung“ erreichten Standes
durch Fortsetzung der Radonmessungen in den Häusern von Schneeberg
und Neustädtel, Ausbau des Häusermessnetzes im Bereich Kirchplatz St.
Wolfgangskirche zur Erfassung der Auswirkungen der bergmännischen
Arbeiten

Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Tab. 1 (Fortsetzung):
Chronologie der Projekte in Schneeberg
2008
Etablierung eines standortübergreifenden Projektes „Konzept zur Beherr-
schung der grubenbedingten Radonsituation in Bad Schlema und Schnee-
berg“ auf Initiative des Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und
Arbeit [14]
Übergang der Auftraggeberschaft der bergmännischen Arbeiten im Bereich
Kirchplatz St. Wolfgangskirche von der WISMUT GmbH auf das Sächsische
Oberbergamt, dadurch Koordinierung sämtlicher bergmännischer Arbeiten in
Schneeberg durch das SOBA
Die lokale Bewetterungslösung im Bereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche
erlangt vor dem Hintergrund des standortübergreifenden Projektes den
Status eines Pilotprojektes für eine lokale wettertechnische Lösung des
Radonproblems in Häusern
ab 2008
radiologischen Begleitung der bergmännischen Arbeiten im Bereich Kirch-
platz St. Wolfgangskirche, Durchführung von Feldexperimenten zur Auf-
klärung der Herkunft des Radons, der Transportmechanismen und des Sys-
temverhaltens sowie zum Nachweis der Wirksamkeit des Lösungsansatzes
„Erzeugung eines grubenwärts gerichteten Druckgefälles“ durch die
WISMUT GmbH und GEOPRAX in 2008, 2009 und 2011 [15], [16], [17]
Bearbeitung des standortübergreifenden Projektes „Konzept zur Beherr-
schung der grubenbedingten Radonsituation in Bad Schlema und Schnee-
berg“ durch GEOPRAX und die WISMUT GmbH, Durchführung von Feld-
experimenten zu Möglichkeiten einer wettertechnischen Kopplung der
Gruben Schlema-Alberoda und Schneeberg in 2008 [18] und zur Beein-
flussungssituation in Neustädtel in 2009 [3]
2009
Vorlage des Abschlussberichtes zum Projekt „Konzept zur Beherrschung der
grubenbedingten Radonsituation in Bad Schlema und Schneeberg“ [19]
2010
Fortsetzung des Projektes am Standort Schneeberg unter dem Titel „Wetter-
projekt Schneeberg“ im Status einer Vorplanung, Bearbeitung durch die
WISMUT GmbH und GEOPRAX
Etablierung eines Basismessprogramms zur Messung der Radonkonzen-
tration in insgesamt 102 Häusern im gesamten Stadtgebiet, inclusive
Messung der Radonkonzentration in der Grubenluft, in der Bodenluft und in
der Außenluft an ausgewählten Messstellen sowie Erfassung der Wetter-
bewegung an Tagesöffnungen
2011
Vorlage des Abschlussberichtes zum Wetterprojekt Schneeberg [20]
Die im Rahmen der umfangreichen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen und
die hieraus abzuleitenden Schlussfolgerungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
-
Die Radonmessungen in den Häusern Schneebergs und Neustädtels haben gezeigt, dass im ge-
samten Territorium der Stadt Schneeberg Häuser mit hohen bis sehr hohen Radonkonzen-
trationen existieren. Etwa 70 % der untersuchten Häuser wiesen in den Kellerräumen Radon-
konzentrationen > 1.000 Bq/m³ auf. In etwa 35 % lagen die Radonzentrationen im Keller z. T.
erheblich über 5.000 Bq/m³. Es handelt sich somit um eine nicht tolerable radiologische Situation.
-
Anhand von Tracergasuntersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass etwa die Hälfte der
untersuchten Häuser in Neustädtel und etwa zwei Drittel der untersuchten Häuser in Schneeberg
spürbar von der Grube beeinflusst werden. Damit spielen konvektive Radontransportprozesse im
bergbaulich beeinträchtigten Untergrund nachweislich eine dominierende Rolle für die Radon-
situation in den Häusern. Die Anzahl und räumliche Verteilung der grubenbeeinflussten Häuser
lassen die Aussage zu, dass in Schneeberg und Neustädtel ein flächenhafter Grubeneinfluss auf
die Radonsituation in den Häusern besteht.

Bernd Leißring
Kai Geringswald
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Die Druckverhältnisse zwischen Grube und Haus sind die Triebkraft für den konvektiven Radon-
transport in Häuser. Besteht im Untergrund ein zutage gerichtetes Druckgefälle, so können in
Häusern, die sich im Einflussbereich von tagesnahen Grubenbauen befinden, extreme Radon-
konzentrationen auftreten.
-
Die anthropogenen Aufschüttungen im Stadtgebiet von Schneeberg, insbesondere die schon seit
langem planierten und bebauten Althalden, stellen mit den von ihnen überschütteten Gruben-
bauen aus wettertechnischer Sicht ein System dar. Die teils grobstückigen, permeablen Auf-
schüttungen sind hierbei nicht nur ein flächenwirksamer Transportpfad für grubenbürtiges Radon,
sondern auch selbst eine relevante Radonquelle.
-
Die Verhältnisse an den einzelnen Messobjekten stellen sich räumlich und zeitlich sehr ver-
schiedenartig dar. Maßgeblich sind:
die bauliche Situation und die Nutzungsverhältnisse des Hauses,
die Höhenlage des Hauses,
die Permeabilität des Untergrundes zwischen Grube und Haus
der wettertechnische Zustand der betreffenden tagesnahen Grubenbaue,
die meteorologischen Parameter.
-
Aufgrund der flächenhaften Beeinflussung der Radonsituation in den Häusern durch die Grube
wird ein flächenhafter Lösungsansatz favorisiert, der bei der Grube als der eigentlichen Ursache
des Radonproblems in den Häusern ansetzt. Hierbei wird die Sicherstellung eines stabil gruben-
wärts gerichteten Druckgefälles durch künstliche Erzeugung eines Unterdrucks im Gruben-
gebäude als einziger Lösungsansatz als geeignet angesehen, die grubenbedingte Radonsituation
in den Häusern mit vertretbarem Aufwand und kalkulierbaren Risiken zu beherrschen. Allein
durch Nutzung des natürlichen Auftriebes (natürliche Bewetterung des offenen Grubenhohl-
raumes) kann die Radonfreisetzung aus den nicht gefluteten Grubenhohlräumen in die Häuser
nicht beherrscht werden.
Eine wettertechnische Kopplung der Gruben Schlema-Alberoda und Schneeberg ist weder technisch
noch wirtschaftlich sinnvoll und wurde daher als Variante einer wettertechnischen Lösung für den
Standort Schneeberg verworfen. Die Leistungsverluste würden aufgrund der langen Wetterwege, der
wettertechnisch ungünstigen untertägigen Anschlusssituation und der erheblichen zu bewegenden
Wettermengen einen unverhältnismäßig hohen Energieaufwand erfordern.
4
Pilotprojekt lokale Bewetterungslösung Kirchplatz St. Wolfgangs-
kirche
Bewetterungskonzept
Seit 2007 werden im Bereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche auf dem Stadtberg von Schneeberg
umfangreiche Erkundungs- und Verwahrungsarbeiten durchgeführt. Die Arbeiten erfolgen im Auftrag
des Projektträgers Altstandorte und des Sächsischen Oberbergamtes und werden von einer Arbeits-
gemeinschaft aus der Bergsicherung Schneeberg GmbH und der Bergsicherung Sachsen GmbH vor-
genommen. Ziel dieser Arbeiten ist zum einen die Herstellung der Sicherheit der Tagesoberfläche,
zum anderen eine langfristige Verbesserung der radiologischen Situation in den von der Grube beein-
flussten Häusern. Mit der wettertechnischen und radiologischen Begleitung dieser Arbeiten wurde die
Abt. Monitoring/Strahlenschutz/Hydrologie der WISMUT GmbH beauftragt. Schwerpunkte dieser
Arbeit sind die Sicherstellung zulässiger Strahlenschutzbedingungen unter Tage, die Beherrschung
der Radonsituation in den von der Grube beeinflussten Häusern sowie die Schaffung von Voraus-
setzungen für eine dauerhafte Bewetterungslösung.

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Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
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Das Sanierungsvorhaben unmittelbar im Scheitelbereich des Stadtberges von Schneeberg stellt berg-
männisch und strahlenschutztechnisch eine Herausforderung dar: Hier begann im 15. Jahrhundert
der Silberbergbau und hinterließ eine unüberschaubare Vielzahl von größtenteils unbekannten
Grubenbauen, Tagesöffnungen und Halden. Wettertechnisch stellt der Stadtberg eine lokale Hoch-
lage dar, was sich auch in den im Winter stark erhöhten Radonkonzentrationen in den Häusern wider-
spiegelt (siehe Abb. 4). In den Grubenbauen, die in unterschiedlichstem Zustand angetroffen werden,
liegen komplizierte wettertechnische Verhältnisse und sehr hohe Radonkonzentrationen vor.
Abb. 4
: Verlauf der Radonkonzentration im Keller des Objektes 30 auf dem Kirchplatz
Um eine ausreichende Grubenbewetterung während der untertägigen Arbeiten sicherzustellen, wurde
ein Bewetterungskonzept erarbeitet. Maßgebliches Kriterium war zum einen die Einhaltung zulässiger
Strahlenschutzbedingungen für die Untertagebeschäftigten, zum anderen die Unterbindung zutage
gerichteter Gastransportprozesse. Daher wurde eine durchgängige, saugende Hauptgrubenbe-
wetterung konzipiert. In nicht durchgängig bewetterbaren Grubenbauen erfolgt eine blasende Sonder-
bewetterung. Als Abwetteröffnung wurde die im Rahmen des Pilotprojektes „Natürliche Bewetterung“
installierte Lutte im Turm der St. Wolfgangskirche vorgesehen, die über den Schacht vor St. Wolfgang
mit der 445-m-Sohle verbunden ist. Die Lüfteranlage sollte zur Vermeidung von Lärmbelästigungen
unter Tage unmittelbar am Fuß dieses Schachtes eingebaut werden. Die Wetterführung unter Tage
war auf die Erzeugung eines stabilen Unterdruckes und die Sicherstellung ausreichender Wetter-
mengen bei gleichzeitiger Minimierung der Radonzuflüsse auszulegen. Hierzu sollten der Arbeits-
bereich vom übrigen Grubengebäude abgekoppelt, kurze Wetterwege eingehalten und die Unter-
drücke im Arbeitsbereich optimiert werden. Zwecks Vorbereitung einer Bewetterungslösung zur lang-
fristigen Beherrschung der Radonsituation in den Häusern wurde vorgesehen, relevante Grubenbaue
im Rahmen der Erkundungs- und Verwahrungsarbeiten offen zu halten und als Wetterwege aus-
zubauen.
Im Rahmen eines Bewetterungsversuches wurden der Wetterbedarf nach Strahlenschutzkriterien und
wesentliche wettertechnische Parameter des Systems bestimmt. Auf dieser Grundlage erfolgte eine
Wetternetzmodellierung für verschiedene Sanierungsphasen. Dabei wurden die Auslegungspara-
meter des Grubenlüfters ermittelt. In der Abb. 5 ist das Wetternetz dargestellt.

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Abb. 5:
Wetternetzmodell des lokalen Bewetterungssystems
Ausführung
Im Oktober 2007 wurde am Fuß des Schachtes vor St. Wolfgang ein Grubenlüfter mit 30 kW
Leistungsaufnahme installiert und es wurde mit den untertägigen Sanierungsarbeiten begonnen. Der
Schwerpunkt der Arbeiten lag zunächst auf dem Persival Mgg., der im Bereich von Gangkreuzen
intensiv abgebaut worden war. In dem nicht risslich dokumentierten Gebiet östlich des Persival Mgg.
wurde ebenfalls umfangreicher Altbergbau angetroffen, so dass bislang ca. 20 Teufen angelegt und
umfangreiche Strecken und Abbaubereiche aufgewältigt und verwahrt wurden. Dabei wurde in den
Sohlenniveaus des Altbergbaus in etwa 10 m und 20 m Teufe ein System von sogenannten Wetter-
röschen angelegt und mit den Wetterwegen der 445-m-Sohle vernetzt. Die Abb. 6 und 7 vermitteln
einen Eindruck von der Situation auf der Baustelle und von der Herstellung einer Wetterrösche.

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Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
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Abb. 6:
Situation auf der Baustelle
Abb. 7:
Ausbau einer Altstrecke als Wetterrösche

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Durch die saugende Grubenbewetterung wird im Arbeitsbereich ein Unterdruck von 50 ... 150 Pa, je
nach Anzahl der offenen Tagesverbindungen, erreicht. Der geförderte Wettervolumenstrom beträgt
gut 6 m³/s. Die mit der Abführung der Abwetter verbundene Radonableitung liegt bei etwa 185 kBq/s.
Dank der windexponierten Lage, der Höhe der Ableitöffnung (36 m) und der hohen Ausströmge-
schwindigkeit sind mit der Ableitung keine erhöhten Radonkonzentrationen in der bodennahen Atmo-
sphäre verbunden.
Dass die Grubenbewetterung ihren Zweck erfüllt, zeigen die Ergebnisse der regelmäßig durchge-
führten untertägigen Messungen: Die untertägigen Radonzerfallsproduktkonzentrationen waren in der
Regel ausgesprochen niedrig, temporär auftretende radiologische Schwierigkeiten konnten durch An-
passung der Wetterführung stets innerhalb kurzer Zeit gelöst werden.
Bewetterungsversuch
Inwieweit sich die lokale Grubenbewetterung auf die Radonsituation in den Häusern auswirkt, konnte
während der laufenden Arbeiten nur bedingt bzw. in wenigen Objekten geprüft werden. Daher wurden
nach Abschluss der bergmännischen Arbeiten im 1. Bauabschnitt Anfang 2011 Untersuchungen zum
Einfluss der Unterdruckbewetterung auf die Radonsituation in den Häusern vorgesehen. Neben der
Prüfung von Funktion und Wirksamkeit der Unterdruckbewetterung stand die Ableitung von Schluss-
folgerungen für den weiteren Fortgang der Arbeiten im Focus des Bewetterungsversuches.
Das Versuchskonzept sah vor, die Untersuchungen im Winter und damit in dem Zeitraum mit dem
größten Grubeneinfluss auf die Radonsituation in den Häusern durchzuführen. Es war zunächst eine
Versuchsphase unter natürlichen Auftriebsbedingungen (Lüfter aus) geplant. In der 2. Versuchsphase
sollte die Bewetterungssituation und die Radonsituation in den Häusern bei betriebener Bewetterung
untersucht werden. Der Wechsel der Versuchsbedingungen sollte den Nutzeffekt der Bewetterung
sichtbar machen.
In dem ca. 3 Wochen umfassenden Untersuchungszeitraum wurden umfangreiche kontinuierliche
und stichprobenartige Messungen durchgeführt. Ein Schwerpunkt waren die zeitaufgelösten Radon-
konzentrationsmessungen in den Kellern von insgesamt 36 Häusern im Beeinflussungsgebiet der
untertägigen Sanierungstätigkeit. Einen weiteren Schwerpunkt stellten die breit angelegten Tracer-
gasuntersuchungen in den Häusern dar. Schließlich wurden zahlreiche Wettermengen- und
Differenzdruckmessungen an Tagesverbindungen vorgenommen.
In der 1. Versuchsphase unter natürlichen Auftriebsbedingungen stellte sich in der Grube ein leichter
Überdruck von 2 ... 15 Pa ein. Die hierdurch hervorgerufenen konvektiven Gastransportprozesse im
Untergrund bewirkten in vielen Hauskellern hohe Radonkonzentrationen. Der Mittelwert über alle
untersuchten Gebäude lag bei 12.500 Bq/m³, in einzelnen Häusern wurden mittlere Radonkonzen-
trationen von 50.000 ... 100.000 Bq/m³ registriert. Dieser Zustand ist als wintertypischer Normal-
zustand anzusehen. Durch die Inbetriebnahme der Lüfter zu Beginn der 2. Versuchsphase wurde im
lokalen Bewetterungssystem ein Unterdruck von etwa 70 Pa erreicht. Die Reaktion der Radon-
situation in den Häusern war sehr unterschiedlich: In 42 % der untersuchten Häuser wurde eine
deutliche Verbesserung der Radonsituation festgestellt; in der Hälfte dieser Häuser wurden sogar zu-
friedenstellende Radonkonzentrationen im Keller (< 1.000 Bq/m³) erreicht. Ein Beispiel für ein solches
Objekt ist in der Abb. 8 dargestellt. 11% der untersuchten Häuser wiesen offenbar keinen Grubenein-
fluss auf; hier war die Radonsituation ebenfalls zufriedenstellend. In den übrigen Häusern war kein
eindeutiger Einfluss der Unterdruckbewetterung feststellbar. Bezogen auf alle untersuchten Häuser
wurde die Radonkonzentration durch die lokale Bewetterungslösung im Mittel um 62 % gesenkt.
Betrachtet man nur die Häuser, deren Radonsituation von der Bewetterung positiv beeinflusst wird,
so beträgt die Reduzierung der Radonkonzentration sogar 77 %.

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Radonkonzentration im Keller des Objektes 1
Abschaltung
Lüfter Schacht vor
St. Wolfgang
Zuschaltung
Lüfter Qu. 6
Zuschaltung
Lüfter Schacht vor
St. Wolfgang
1
10
100
1000
10000
100000
1000000
16.02.2011
18.02.2011
20.02.2011
22.02.2011
24.02.2011
26.02.2011
28.02.2011
02.03.2011
04.03.2011
06.03.2011
08.03.2011
10.03.2011
Datum/Zeit
Radonkonzentration in Bq/m³
Abb. 8:
Radonkonzentration im Keller des Objektes 1 auf dem Kirchplatz
Durch gezielte Tracergasuntersuchungen konnte die beobachtete Verbesserung der Radonsituation
eindeutig auf die Unterdruckbewetterung zurückgeführt und quantifiziert werden. Nach der Aufgabe
einer genau bemessenen Menge von Tracergas in den Kellern aller untersuchter Häuser konnten
durch periodische Messungen der Tracergaskonzentration und der Wettermenge an den Abwetter-
öffnungen die in die Grube gelangte Tracergasmenge bilanziert werden. Demnach wurden 9 % des in
den Häusern aufgegebenen Tracergases in den Grubenwettern wiedergefunden. Unter Ansatz einer
realistischen Luftwechselrate in den Kellern ergibt sich ein Volumenstrom abgesaugter Kellerluft von
85 ... 140 m³/h. Es wurde festgestellt, dass der nordöstliche Kirchplatz besser an das lokale Be-
wetterungssystem angekoppelt ist als der südwestliche Bereich.
Die betroffenen Hauseigentümer standen den Untersuchungen sehr aufgeschlossen gegenüber. In
Bürgergesprächen wurden sie über das Versuchsprogramm und über die jeweiligen Messergebnisse
informiert. Dabei wurde ein reges Interesse an den Ergebnissen und an der Fortentwicklung des
Projektes deutlich.
Fazit
Im Ergebnis der durchgeführten experimentellen Untersuchungen konnten folgende Feststellungen
getroffen bzw. Schlussfolgerungen abgeleitet werden:
Im Bereich des komplexen Sanierungsareals Kirchplatz St. Wolfgangskirche konnte die Radon-
situation in den Häusern bereits im Bauabschnitt 1 spürbar verbessert werden.
Maßnahmen zur Sicherung der Tagesoberfläche stehen nicht im Widerspruch zu einer Verbesserung
der Radonsituation in grubenbeeinflussten Häusern. Durch eine gezielte wetter- und strahlenschutz-
technische Planung und Begleitung der Sanierungsvorhaben können die geotechnisch- bergbau-
lichen Belange mit den Interessen des Strahlenschutzes in Übereinstimmung gebracht werden.
Die Unterdruckbewetterung ist unter den spezifischen Bedingungen in Schneeberg als Lösungsan-
satz zur langfristigen Beherrschung der Radonsituation in den grubenbeeinflussten Häusern geeignet
und erfolgversprechend. Insofern hat dieses lokale Projekt Pilotcharakter bezüglich einer Lösung des
flächenhaft vorhandenen Radonproblems in Schneeberg.
Bei der Fortsetzung der Sanierungsarbeiten ist ein Hauptaugenmerk auf die Wechselwirkungen
zwischen der Grube und den anthropogenen Aufschüttungen, insbesondere den planierten Althalden,

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zu legen. Eine Entkopplung von Grube und Baugrund ist zu vermeiden. Entsprechend müssen die
Verwahrungstechnologien an die Erfordernisse des Radonschutzes angepasst werden.
5
Das Wetterprojekt Schneeberg – erreichter Stand und Perspektiven
Ausgehend von den positiven Untersuchungsergebnissen im Sanierungsareal Kirchplatz St. Wolf-
gangskirche, wurden ab 2010 weitere Untersuchungen und konzeptionelle Arbeiten am Wetterprojekt
Schneeberg durchgeführt. Die von GEOPRAX und der WISMUT GmbH durchgeführten Arbeiten
wurden wie schon zuvor in der ersten Bearbeitungsphase von einer Projektgruppe, bestehend aus
Vertretern des Sächsischen Oberbergamtes, des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirt-
schaft und Geologie und des Projektträgers Altstandorte der WISMUT GmbH, koordiniert. Die Leitung
der Projektgruppe hatte das Sächsische Oberbergamt inne. Im September 2011 wurde ein Ab-
schlussbericht zum Wetterprojekt Schneeberg vorgelegt, der den Status einer Vorplanung hat.
Die Projektaufgabe bestand darin, verschieden Varianten einer flächenhaften Bewetterungslösung zu
prüfen und zu bewerten und eine ausreichend anpassungsfähige Vorzugsvariante abzuleiten. Diese
Vorzugsvariante sollte auf der Basis der aktuellsten Untersuchungsergebnisse vertiefend betrachtet
werden. Bei der Bearbeitung wurde von folgenden Prämissen ausgegangen:
-
In Schneeberg ist der Einfluss der Grube auf die Radonsituation in Gebäuden flächenhaft
ausgeprägt (siehe Abb. 9)
-
Bei der Erarbeitung der wettertechnischen Lösung ist daher ein flächenhafter Lösungsansatz nach
dem Wirkprinzip „Erzeugung eines Unterdrucks in den Grubenbauen“ zu verfolgen. Lokale
wettertechnische Lösungen sind nicht zielführend.
-
Als Hauptwettersohle kommt aufgrund ihrer Tagesnähe, ihrer flächenhaften Ausbildung und ihrer
Vernetzung die Fürstenstollnsohle in Betracht. Die anderen Sohlen, insbesondere die Markus-
Semmler-Stollnsohle, erfüllen ebenfalls wettertechnische Funktionen.
-
Der Stadtberg von Schneeberg ist ein Schwerpunkt der Problemlösung. Die lokale Bewetterungs-
lösung im Verwahrungsbereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche ist entsprechend zu integrieren.
-
Favorisiert werden aus Redundanzgründen Varianten mit mehr als 2 Abwetteröffnungen.

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Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Abb. 9:
Darstellung der Radonkonzentrationen in den Kellerräumen Neustädtels
Varianten
Es wurden insgesamt 9 verschiedene Varianten bzw. Untervarianten einer standortbezogenen
wettertechnischen Lösung zur Beherrschung der Radonsituation in den Häusern von Schneeberg und
Neustädtel untersucht. Hierbei wurden 2 Varianten mit zentralem Lüfterstandort, 4 Varianten mit 2
Lüfterstandorten und 3 Varianten mit 3 dezentralen Lüfterstandorten erarbeitet und einer Bewertung
unterzogen. Insgesamt wurden 5 Tagesverbindungen als Abwetteröffnung und Lüfterstandort in die
Betrachtung einbezogen.
Um die wettertechnische Funktionsfähigkeit herzustellen, müssen die als Abwetteröffnung und Lüfter-
standort vorgesehenen Tagesverbindungen geöffnet und rekonstruiert werden. Alle anderen offenen
Tagesverbindungen müssen zur Gewährleistung eines ausreichenden Unterdruckes in der Grube
hingegen möglichst dicht verschlossen werden. Weiterhin ist es erforderlich, insbesondere auf der
Fürstenstollnsohle als der Hauptwettersohle umfangreiche Streckenauffahrungen als Wetterwege zu
rekonstruieren und herzurichten. Hierbei werden die so genannte Grundherrichtung, die allen Varian-
ten gemeinsam ist, und die von Variante zu Variante verschiedenen Anschlussgrubenbaue unter-
schieden. Die zur gleichmäßigen Ausbreitung des Unterdrucks im gesamten Beeinflussungsgebiet
notwendige Grundherrichtung umfasst allein etwa 12 km Grubenbaue und erfordert damit den bei
weitem größten bergmännischen Aufwand.
Die Kostenschätzungen zur Herstellung des untertägigen Bewetterungssystems erfolgten auf der
Basis des aktuellen Planungskatalogs bei Sanierungsaufgaben im Altbergbau unter Berücksichtigung
der bei ähnlichen untertägigen Arbeiten in unbekanntem Grubenfeld gewonnenen Erfahrungen. Er-
wartungsgemäß dominiert die Grundherrichtung des Grubenfeldes die Herstellungskosten. Die
Kostenunterschiede bei den einzelnen Lösungsvarianten werden durch die zusätzlich notwendigen
Kosten zur Herstellung und zum Anschluss der Abwetterschächte verursacht. Andere Kosten, bspw.
die Kosten für die Errichtung der Lüfteranlagen, spielen nur eine untergeordnete Rolle.

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Durch Wetternetzrechnungen auf der Basis eines vereinfachten Wetternetzmodells für die Grube
Schneeberg wurde die technischen Machbarkeit der einzelnen wettertechnischen Lösungsvarianten
geprüft und der jeweilige Energieaufwand für den Lüfterbetrieb abgeschätzt.
Bei der Abschätzung der langfristigen Betriebskosten wurden neben den infolge des Lüfterbetriebs
anfallenden Energiekosten auch die Kosten für den Unterhalt der Lüfteranlagen (Wartung, Repara-
turen, Ersatz) und die Kosten für den Unterhalt des untertägigen Bewetterungssystems (Wetterwege,
Wetterleiteinrichtungen) einbezogen. Die langfristigen Betriebs- und Wartungskosten werden durch
die Kosten zur Unterhaltung der Grube dominiert.
Bewertung
Die Bewertung der einzelnen Varianten einer flächenhaften wettertechnischen Lösung für Schnee-
berg und Neustädtel erfolgte nach einheitlichen Kriterien, die die Herstellungs- und Betriebskosten,
die Realisierungsdauer, bergtechnische und wettertechnische Aspekte, Umweltschutzaspekte sowie
sonstige Aspekte wie bspw. die Akzeptanz bei der Bevölkerung und der Stadt berücksichtigen. Ins-
gesamt wurden 16 Kriterien erarbeitet, die teilweise quantitativer Art (bspw. Kosten), aber über-
wiegend qualitativer Art sind. Den Kriterien wurde je nach Bedeutsamkeit ein bestimmtes Gewicht
beigemessen.
Die Beurteilung der Lösungsvarianten erfolgte als multikriterielle Punktbewertung in einem Ab-
wägungsprozess, bei dem die individuellen Bewertungen aller beteiligten Bearbeiter gemeinsam dis-
kutiert und eine Einigung herbeigeführt wurde. Die Ergebnisse dieser Punktbewertung (erreichte
Gesamtpunktzahlen) für die untersuchten Bewetterungsvarianten sind in der nachfolgenden Tab. 2
zusammengestellt:
Tab. 2:
Ergebnisse der Punktbewertung der untersuchten Bewetterungsvarianten
Lösungs-
variante
Anzahl der Abwetteröffnungen
erreichte
Gesamtpunktzahl
(Skala 1 bis 5)
I.1.
Schacht A
3,4
I.2.
Schacht B
3,2
II.1.
Schacht C und Schacht A
3,4
II.2.
Schacht E und Schacht D (MSS, doppelte Anbindung)
2,7
II.2.a
Schacht E und Schacht D (MSS, einfache Anbindung)
2,7
II.2.b
Schacht E und Schacht D (FüStln, einfache Anbindung)
2,7
III.1.
Schacht E, Schacht C und Schacht D (MSS, einf. Anbindung)
3,0
III.1.a
Schacht E, Schacht C und Schacht D (FüStln, einf. Anbindung)
2,8
III.2.
Schacht E, Schacht C und Schacht A
3,1
Die erreichten Gesamtpunktzahlen der bewerteten Varianten liegen eng beieinander. Die höchsten
Punktzahlen haben die Variante I.1. (Schacht A), die Variante I.2. (Schacht B) und die Variante II.1.
(Schacht C und Schacht A) sowie die Variante III.2. (Schacht E, Schacht C und Schacht A) erreicht.
Damit besitzen zwei Varianten mit einem Lüfterstandort und jeweils eine Variante mit 2 Lüfterstand-
orten und mit 3 Lüfterstandorten die höchste Präferenz. Für das Bewertungsergebnis erwiesen sich
die Lage der Abwetterschächte im Gelände und ihre untertägige wettertechnische Anbindung an das
Grubenfeld als ausschlaggebend.

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Die Bewertungsergebnisse wurden von der Projektgruppe und den Projektbearbeitern eingehend
diskutiert. Hierbei standen insbesondere die Vorteile der Redundanz und Anpassungsfähigkeit bei
den Varianten mit mehreren Lüfterstandorten sowie die Vorteile eines schrittweisen Vorgehens bei
der Projektumsetzung im Vordergrund. Im Rahmen dieser Diskussion wurde gemeinsam die Ent-
scheidung zugunsten einer grenzläufigen Wetterführung mit mehreren Abwetterpunkten getroffen. Es
wurde vereinbart, dass aufgrund ihrer integrierenden Wirkung die Variante III.2 als Vorzugsvariante
weiter untersucht wird. In der nachfolgenden Abb. 10 ist das Netz der Wetterwege für die
Variante III.2 dargestellt.
Abb. 10:
Darstellung des Wetternetzes für die Vorzugsvariante III.2

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Vorplanung
Im Rahmen der Vorplanung wurde für die erforderlichen Maßnahmen und Arbeiten ein Ablaufplan
erarbeitet. Die Arbeiten wurden in 4 Hauptetappen unterteilt, wobei nach Abschluss einer jeden
Hauptetappe Untersuchungen zur Funktionsprüfung bzw. zum Nachweis der Wirksamkeit der umge-
setzten Maßnahmen vorgesehen sind. Für die Arbeiten wurde ein Realisierungszeitraum von ins-
gesamt etwa 9 Jahren abgeschätzt.
Bestandteil der Vorplanung war neben der Konzipierung der Reihenfolge der bergmännischen
Arbeiten auch die Konzipierung der Wetterführung während des Realisierungszeitraumes, die Ab-
grenzung zu ggf. parallel laufenden Erkundungsvorhaben bzw. Sanierungsvorhaben und die Abgren-
zung zur Grube Schlema-Alberoda der Wismut GmbH. So ist es erforderlich, die notwendigen Berg-
sicherungsarbeiten im Stadtgebiet auf die künftige Bewetterungslösung auszurichten. In diesem Zu-
sammenhang wird auf die Notwendigkeit von Untersuchungen hingewiesen, die die Anpassung der
üblichen Verwahrungstechnologien bei Bergsicherungsarbeiten an die Erfordernisse des Radon-
schutzes in Häusern zum Gegenstand haben. Weiterhin sind auch die Maßnahmen zur dauerhaft
sicheren Grubenwasserabführung über den Markus-Semmler-Stolln mit der Bewetterungslösung
abzustimmen. Ein effektives Arbeiten und die Erschließung von Synergieeffekten setzt hier ein
koordiniertes Vorgehen voraus. Weiterhin wurden auf der Grundlage von Ausbreitungsrechnungen
Prognosen zur Immissionssituation im Umfeld der Abwetteröffnungen getroffen und erste Anhalts-
punkte für die Ausführung der Ableitkamine gewonnen.
Ausblick
Abschließend ist festzustellen, dass mit der erarbeiteten Vorzugsvariante eine ausreichend be-
gründete, robuste sowie anpassungs- und optimierungsfähige Bewetterungsvariante zur Lösung des
grubenbedingten Radonproblems in den Häusern von Schneeberg und Neustädtel vorliegt. Aufgrund
des Projektumfanges und der mit Arbeiten im Altbergbau stets verbundenen Unwägbarkeiten wird
empfohlen, die weitere Planung etappenweise fortzuführen. Eine wesentliche Rolle für das Gelingen
des Projektes spielt eine durchgängige, kompetente ingenieurtechnische Begleitung des Vorhabens
und die regelmäßige Prüfung des erreichten Arbeitsstandes. Die Fortsetzung der gegenwärtig laufen-
den Messungen im Rahmen des Basismessprogramms ist für die Fortführung des Wetterprojektes
Schneeberg ebenfalls unerlässlich.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Fortgang des Wetterprojektes Schneeberg aufgrund der noch
nicht erfolgten Verlängerung des Verwaltungsabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland
und dem Freistaat Sachsen zur Sanierung bergbaulicher Hinterlassenschaften an den WISMUT-
Altstandorten offen. Im Interesse einer baldigen Verbesserung der nach wie vor nicht tolerierbaren
Radonsituation in vielen Häusern der Stadt Schneeberg wird auf eine rasche Fortführung dieses
Projektes gedrungen.
6
Literaturverzeichnis
[1]
WISMUT GmbH, Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX, Bergsicherung Schneeberg
GmbH: Sanierung von sächsischen Wismut-Altstandorten, Standortsanierungskonzept
Schneeberg, Wismut GmbH, Chemnitz, November 2005
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WISMUT GmbH (Hrsg.): Chronik der WISMUT - Mit erweitertem Sanierungsteil (1998– 2010),
Chemnitz, 2011
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Chemnitz, Juni 2010
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bergbaulicher Altlasten (Altlastenkataster), 1991 – 1999

Wetterprojekt zur Senkung der bergbaulichen Radonbelastung in den Häusern der Bergstadt Schneeberg
Seite 46
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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den Gehalt an Radiumemanation, Zeitschrift für Physik Nr. 22 (1924), S. 178-185, 1924
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Rajewsky, B., Hueck, W.: Bericht über die Schneeberger Untersuchungen, Zeitschrift für
Krebsforschung Nr. 40 (1940), S. 312, 1940
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Bychowskij, A. W., Tschesnokow, N. J., Chatschirow, Dj. G.: Über die Gefahr durch Radon bei
bergmännischer Tätigkeit in Uran- und anderen Erzbergwerken (russ.), Hygiene und
Sanitätswesen Nr. 5 (1970), S. 40 – 44, 1970
[8]
Holstein, E.: Grundriß der Arbeitsmedizin (5. Auflage), Barth Verlag Leipzig, 1969
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Bundesgesundheitsamtes (BGA), 1990
[10]
Hamel, P., Lehmann, R., Kube, G., Couball, B., Leißring, B.: Modellhafte Sanierung
radonbelasteter
Wohnungen
in
Schneeberg,
Schriftenreihe
Reaktorsicherheit
und
Strahlenschutz 464 - BfS - ST - 10/1996, BMU 1996
[11]
Leißring, B. et al.: Studie: Untersuchung über Möglichkeiten der gezielten Bewetterung im
Schneeberger Grubenfeld zur Senkung der Radonbelastung der Bevölkerung, Schneeberg,
1994
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Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX: Jahresberichte zur Maßnahme: Gezielte natürliche
Bewetterung des Schneeberger Grubengebäudes zur Senkung der Radonbelastung in den
Häusern der Stadt, Teile 1996 bis 2005, Schneeberg, 1997 bis 2006
[13]
Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX: Abschlussbericht zur Maßnahme: Gezielte
natürliche Bewetterung des Schneeberger Grubengebäudes zur Senkung der Radonbelastung
in den Häusern der Stadt“, Chemnitz, Dezember 2006
[14] Projekt „Konzept zur Entwicklung und Optimierung von technischen Lösungen für die
langfristige Beherrschung des Einflusses offener Grubenbaue auf die Radonsituation in
Häusern unter besonderer Berücksichtigung der Grubenwasserlösung über den Markus-
Semmler-Stolln, Kurztitel: Konzept zur Beherrschung der grubenbedingten Radon-Situation in
Bad Schlema und Schneeberg, Chemnitz, 27.03.2008
[15]
WISMUT
GmbH,
GEOPRAX:
Bericht
über
komplexe
Untersuchungen
zu
den
wettertechnischen Wechselwirkungen zwischen dem Grubengebäude und den Häusern im
Rahmen der Strahlenschutzbegleitung der 1. Sanierungsetappe zur Grubenbauerkundung und
-verwahrung im Bereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche Schneeberg (KSA 2), Chemnitz,
August 2008
[16]
WISMUT GmbH: Bericht über Untersuchungen zum Einfluss der lokalen Grubenbewetterung
auf die Radonsituation in Häusern im Komplexen Sanierungsareal Kirchplatz St. Wolfgang
(KSA 2) in Schneeberg, Bewetterungsversuch im April 2009, Chemnitz, Mai 2009
[17]
WISMUT GmbH: Abschlussbericht über Untersuchungen zur Radonsituation in Häusern im
Bereich Kirchplatz St. Wolfgangskirche (KSA 2) in Schneeberg nach Abschluss des
Bauabschnitts I, Chemnitz, Juli 2011
[18]
WISMUT GmbH: Abschlussbericht über einen Ventilationsversuch in Schneeberg im
September 2008 - Untersuchungen im Rahmen des Projektes „Beherrschung der
grubenbedingten Radon-Situation in Bad Schlema und Schneeberg“, Chemnitz, Januar 2009
[19]
WISMUT GmbH, GEOPRAX: Abschlussbericht: Konzept zur Entwicklung und Optimierung von
technischen Lösungen für die langfristige Beherrschung des Einflusses offener Grubenbaue
auf
die
Radonsituation
in
Häusern
unter
besonderer
Berücksichtigung
der
Grubenwasserlösung über den Markus-Semmler-Stolln, Chemnitz, Juni 2009
[20]
WISMUT
GmbH,
GEOPRAX:
Abschlussbericht:
Ingenieurtechnische
Leistungen
zur
Umsetzung der „Technischen Ausführung Wetterprojekt Schneeberg“ im Status einer
Vorplanung (Wetterprojekt Schneeberg), Chemnitz, September 2011

 
Peter Bossew
Bernd Hoffmann, Valeria Gruber
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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AKTUELLER STAND DER RADONKARTIERUNG IN DEUTSCH-
LAND UND EUROPA
STATUS OF RADON CARTOGRAPHY IN GERMANY AND IN
EUROPE
Peter Bossew
1)
, Bernd Hoffmann
1)
Valeria Gruber
2)
1)
Bundesamt für Strahlenschutz, Berlin
2)
European Commission, Joint Research Centre, Institute for Transuranium Elements, Ispra (VA),
Italy
Zusammenfassung
Seit ungefähr 20 Jahren werden weltweit verschiedene Arten nationaler und regionaler Radonkarten
hergestellt. Ihr genereller Zweck ist die Visualisierung der geographischen Verteilung von
radonbezogenen Größen wie Konzentrationen in Innenräumen oder das geogene Radonpotential.
Spezifischer, also abgesehen von der bloßen Darstellung des (möglichen) Problems, sollen solche
Karten der Entscheidungshilfe dienen, beispielsweise hinsichtlich der Notwendigkeit weiterer
regionaler Surveys oder von Maßnahmen der Radonvorsorge. Kriterien dafür werden aus
Referenzwerten für Radonkonzentration in Innenräumen abgeleitet. In diesem Beitrag wird eine kurze
Übersicht über Radonkartierung in Deutschland und auf europäischer Ebene gegeben.
Summary
For about 20 years various kinds of radon maps have been produced in many countries and regions
world wide. Their purpose is visualising the geographical distributions of levels of radon related
quantities, such as indoor concentration or the geogenic radon potential. The rationale is, apart from
displaying the problem – if any – graphically, identifying regions where more dense radon surveying,
remediation or implementation of building codes adapted to abating the radon problem are deemed
necessary, based on criteria derived from reference values of indoor concentrations. In this
contribution we give an overview on existing and projected radon maps in Germany and on European
level.

Aktueller Stand der Radonkartierung in Deutschland und Europa
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
1
Einleitung: Rationale der Radonkartierung
In Deutschland, wie auch in anderen europäischen Ländern, ist Radonkartierung durch den Wunsch
motiviert,
Regionen
erhöhten
Radonrisikos
auszuweisen,
mit
dem
Zweck
besonderer
Vorsorgemaßnahmen und eventuell dichterer Surveys. Dies führt zum Konzept der „radon prone
areas“ (RPA), das im weiten Zügen mit dem der „Radonvorsorgegebiete“ (RVG) übereinstimmt; beide
sind allerdings bisher nicht exakt definiert. Während mit RPA eher ein Gebiet gemeint ist, in dem
höhere
Radonwerte
(Innenraum-Konzentrationen,
Bodenluft-Konzentration,
Radonpotential)
vorkommen, bezeichnet RVG eines, in dem Maßnahmen ergriffen werden sollten, z.B., strengere
Baunormen, verstärkte Sanierung oder auch nur dichtere Surveys. Aus praktischen Gründen werden
RVGe eher entlang administrativer Grenzen definiert, während RPAs allgemeiner physikalisch
definiert sein können. Man tendiert zur Definition über Wahrscheinlichkeiten, dass Referenzwerte der
Radonkonzentration in Wohnräumen überschritten werden. Es ist aber nicht klar, ob sich dies auf den
Hausbestand bezieht (damit eine zeitlich variable Größe wäre), oder auf Standardräume- und häuser
(wie immer definiert). Ein anderer Ansatz geht von einem geogenen Radonpotential aus (für das es
auch keine autoritative Definition gibt), also einer von anthropogenen Faktoren unabhängigen Größe.
Die Idee der RPAs ist in den letzten Entwurf der European Basic Safety Standards (BSS) der
Europäischen Kommission (EC) eingeflossen (EC 2011), wobei sich das Konzept an relativen
Überschreitungswahrscheinlichkeiten der Innenraumkonzentration orientiert (Artikel 71: „Radon-prone
area means a geographic area or administrative region defined on the basis of surveys indicating that
the percentage of dwellings expected to exceed the national reference level is significantly higher
than in other parts of the country“) . EU-Mitgliedsländer wären demnach verpflichtet, identifizierte
RPAs auszuweisen und zur Radon-Vorsorge einen Katalog von Maßnahmen als Konsequenz zu
erarbeiten (laut Liste in Anhang XVI, EC 2011), und diesen nationalen „action plan“ (Artikel 103, EC
2011) an die EC zu berichten und regelmäßig zu aktualisieren.
In Deutschland hat in letzter Zeit die Debatte darüber an Schwung gewonnen, wie sinnvoll die
Delineation solcher Gebiete überhaupt sei. Es wird eingewendet, dass die einfachste Maßnahme der
Radonvorsorge die sorgfältige Beachtung von Bauvorschriften sei, die überregional implementiert die
Mühe der Ausweisung von RVGen oder RPAs ersparen würde. Die Mehrheit der Mitgliedsländer und
der europäischen Experten, auch wir, sind derzeit anderer Meinung und die Positionen der deutschen
Bundsländer, wie sie bei Beratungen im Bundesrat geäußert wurden (Bundesrat 2011), sollten sich
nach Ansicht der AutorInnen nicht durchsetzen.
Auf europäischer Ebene ist die Argumentation etwas unterschiedlich. Die Europäische Kommission
(praktisch zuständig DG JRC) hat die aus dem Euratom-Vertrag abgeleitete Aufgabe, Daten über
Umweltradioaktivität aus den Mitgliedsländern zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Angewandt
auf natürliche Radioaktivität – oder auch ‚anthropogenically enhanced’ natürliche Strahlung, wie es
etwa auf Innenraum-Radon zutrifft -, ergibt das die Motivation, die Situation der natürlichen Strahlung
in europäischem Maßstab kartographisch darzustellen.
In einer Studie über den Stand der Radonkartierung in Europa (Dubois 2005) hatte sich
herausgestellt, dass zwar zahlreiche Länder bereits Radonkarten produziert hatten, diese aber
methodisch derart verschieden waren, dass sich daraus keine europäische Radonkarte erstellen ließ.
Dieser Umstand führte zum Projekt harmonisierter europäischer Radonkarten als Teil des
langfristigen Projekts eines „Europäischen Atlas der Natürlichen Radioaktivität“.
Die Arbeit am Atlas begann 2006 mit der Karte der Radonkonzentration in Innenräumen, motiviert
durch dessen überragende radiologische Bedeutung. 2008 begann die Arbeit an der Karte des
geogenen Radon, 2010 die an der kosmischen Strahlung und Vorarbeiten zu Karten der externen
terrestrischen Dosisleistung, zu geochemischen Karten, u.a. Die Karten sollen von Artikeln begleitet
werden, die die physikalischen Grundlagen und die Methoden, von der Messung bis zur Kartierung,
erläutern.
Der Atlas, und die Radonkarten im Besonderen, sollen verschiedene Aufgaben erfüllen: Darstellung
der Situation auf europäischer Ebene; Sammlung und zur Verfügung stellen von (harmonisierten)
Datensätzen; Erarbeitung und Diskussion von Methoden; gegebenenfalls auch zur Unterstützung
künftiger Projekte von Radon-Surveys. Die europäische Radonkartierung stellt jedoch ausdrücklich
nicht den Anspruch, nationale „Hausaufgaben“ auf dem Gebiet ersetzen zu können oder zu wollen.

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Bernd Hoffmann, Valeria Gruber
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Unabhängig von diesem gemeinsamen europäischen Projekt verfolgen die meisten Länder weiter
eigene Kartierungsvorhaben, die an den jeweiligen Bedürfnissen und Problemlagen orientiert, und
dadurch im Design verschieden sind. Nationale Radonkarten zeigen meistens höhere Auflösung,
wobei die Zielgrößen sich am Datenbestand orientieren, der von Land zu Land sehr unterschiedlich
ist.
Dabei
spiegeln
die
räumlichen
Kartierungseinheiten
die
gesetzlichen
Vorgaben
(Verwaltungseinheiten, Pixel, geologische Einheiten) wider. Methodisch werden die Karten seit der
Übersicht von 2005 zunehmend raffinierter, avancierte GIS-Technik, Geostatistik und Bayessche
Verfahren kommen zur Anwendung. Die Bemühungen haben durch die bevorstehenden
Europäischen BSS deutlichen Auftrieb erhalten, wie immer diese auch im Detail aussehen werden.
Dieser Beitrag stellt einige deutsche Radonkarten vor, diskutiert laufende Projekte der
Radonkartierung und fasst den Stand des Europäischen Atlas zusammen.
2
Methodische Grundlagen
2.1 Kartierung als Schätzung
Kartierung bedeutet räumliche Schätzung: einer räumlichen Kartierungseinheit (Pixel, Polygon)
werden geschätzte Werte der Zielvariablen zugeordnet, die z.B. farblich codiert dargestellt werden.
Die der Schätzung zugrundeliegenden Daten können sehr unterschiedlicher Natur sein: ihre
geometrische
Natur kann die von punktuellen Beobachtungen sein oder Werte, die Linien oder
Flächen charakterisieren. Ihre
Werte
können stetig numerisch sein (z.B. Radonkonzentration),
kategorial-ordinal („niedrig“, „mittel“ „hoch“) oder kategorial-nichtordinal („Granit“, „Kalk“, „Silurischer
Ölschiefer“).
Ein räumliches Schätzverfahren transformiert die Werte der Ausgangs- in die der Zielvariablen. Die
Methoden reichen von einfacher Aggregierung von Punktdaten in die Kartierungseinheiten, z.B. durch
Berechnung des Mittelwertes der Beobachtungen, die in einer Einheit liegen, bis zu verschieden
anspruchsvollen geostatistischen Schätz- und Interpolationsverfahren, die im Einzelnen zu
diskutieren hier nicht der Platz ist.
Unabhängig vom Verfahren gibt es eine Bedingung an die Daten: die räumliche Struktur der
Zielgröße muss in ihnen enthalten sein. Das ist weniger trivial als es klingt, denn die Daten enthalten
als
Ergebnisse
von
Beobachtungen
Unsicherheiten.
Der
Beobachtungsprozess
bedingt
unvermeidliche Unsicherheit; diese darf nicht so groß sein, dass der
beobachtete Prozess
unter dem
beobachtungsbedingten „Rauschen“ nicht mehr erkennbar ist. In diesem Fall wäre der
Beobachtungsprozess (Design der Proben, Probenahme, Messung, Auswertung) zur Beobachtung
des Prozesses nicht geeignet, dem die Mühe gilt. Für weitere Details wird auf Bossew und Hoffmann
(2012) verwiesen.
Es gibt Wege festzustellen, ob Daten sich dafür eignen, aus ihnen eine bestimmte Zielgröße zu
schätzen. Zum einen dient dafür die Analyse der räumlichen Autokorrelation der untersuchten Felder,
zum anderen die des statistischen Zusammenhangs verschiedener Variablen, z.B. von Radon in der
Bodenluft, geologischem Typ und Innenraum-Radon. So zeigen die Analysen, dass beispielsweise
die Überschreitungswahrscheinlichkeit einer gewissen Innenraumkonzentration räumlich mit der
Überschreitungswahrscheinlichkeit der Bodenluftkonzentration sehr gut korreliert.
2.2 Beobachtungsprotokolle
Häufig können Zielgrößen nicht direkt gemessen werden, sondern man misst Größen, die jene
praktisch substituieren. Z.B. kann man den „langfristigen Erwartungswert der Radonkonzentration in

Aktueller Stand der Radonkartierung in Deutschland und Europa
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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einem Innenraum“ nicht messen, sondern nur das zeitliche Mittel über einen bestimmten Zeitraum,
etwa ein Jahr. Ein delikaterer und auch kontrovers diskutierter Fall ist die Radonkonzentration in der
Bodenluft. Zum einen ist die Größe in realen, heterogenen Böden unterdefiniert, und muss durch eine
operationale Größe ersetzt werden, z.B. die Konzentration in 1 m Tiefe. Diese wird mit einem
festgelegten Protokoll bestimmt, welche die Größe im Detail definiert. Etwa legt das von Kemski et al.
(2002) entwickelte Protokoll fest, dass drei Bohrungen an den Ecken eines gleichseitigen Dreiecks
mit 5 m Seitenlänge durchgeführt werden, daraus mit einem definierten Verfahren Bodenluft
entnommen wird und das Maximum der 3 Konzentration die operationale Größe ist (vereinfacht
dargestellt). In der Tschechischen Republik schreibt das "Neznal-Protokoll" mehr als 15 Bohrungen
vor, die Luftentnahme geschieht nach einer etwas anderen Methode und das 3. Quartil gilt als Wert
der operationalen Größe (Neznal et al. 2004). Auch Langzeitmessungen mit passiven Detektoren
nach einen bestimmten Protokoll wurden vorgeschlagen (Turek et al. 1997; Conrady et al. 2011).
Ein Protokoll ist
valide,
wenn die von ihm definierte operationale Größe den Messort (eine bestimmte
Fläche) reproduzierbar charakterisiert, d.h. Unsicherheit (Folge des Beobachtungsprozesses) und
Variabilität (Folge der realen räumlichen und zeitlichen Veränderlichkeit der Größe), die statistisch als
zusätzliche Unsicherheit der operationalen Zielgröße aufscheint, den zu erfassenden Prozess nicht
als Rauschen überdeckt. Valide Beobachtungsprotokolle, auf die gleiche reale Situation angewandt,
liefern i.A. nicht den gleichen Wert (auch abgesehen von Unsicherheiten), d.h. enthalten
systematische Unterschiede. Empirische und theoretische Untersuchungen zu Unterschieden
zwischen den besonders wichtigen „Kemski“- und “Neznal“-Protokollen sind im Gange (z.B. EGRM
2011, Bossew 2012a).
3
Beispiele
3.1 Deutschland
Der Klassiker unter den deutschen Radonkarten ist die von Kemski et al.. seit 2001 entwickelte Karte
der Bodenluftkonzentration (Kemski et al. 2001, 2009 u.a.). Die aktuelle Version ist in Abbildung 1
gezeigt (Quelle: BfS, internet). Die Autoren definierten geologische Typen, vereinfacht nach dem
Gesichtspunkt der Relevanz für das Radonpotential; die etwa 4000 Messwerte wurden auf ein 3 km x
3 km Raster mittels invers-quadratischer Abstandswichtung (IDW2) interpoliert. Dabei wurden nur
Beobachtungen aus demselben geologischen Typ berücksichtigt. Die Methode ist robust und leicht
reproduzierbar; die Radonkarte Sachsens (Kemski et al. 2010) wurde nach dem gleichen Rezept
hergestellt. Abbildung 2 zeigt die sächsische Karte des Boden-Radon in zwei verschiedenen
Auflösungen (Sachen, internet). Die höhere Auflösung (1 x 1 km²-Zellen, rechte Karte) wurde
möglich, als ein zusätzlicher Survey eine große Zahle neuer Messwerte (ca. 1000; deutsche Karte:
insgesamt ca. 4000) erbrachte.

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Bernd Hoffmann, Valeria Gruber
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Abb. 1:
Deutsche Karte der Radonkonzentration in der Bodenluft, entwickelt von Kemski et al.
(www.bfs.de/de/ion/radon/radon_boden/radonkarte.html)
Der Vergleich der beiden Karten zeigt die Bedeutung der räumlichen Auflösung: eine räumliche
Schätzung ist nicht nur auf dem Hintergrund von Schätzmethode (Modelle, Statistik), sondern auch
hinsichtlich der Kartierungsmethode – hier: Wahl der Auflösung – zu interpretieren.

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Abb. 2:
Sächsische Karte der Radonkonzentration in Bodenluft; Auflösungen 1 x 1 km² (links) und 3
x 3 km² (rechts) Quelle:
www.umwelt.sachsen.de/umwelt/strahlenschutz/3331.htm
In Sachsen wurden zusätzlich Karten der geschätzten Wahrscheinlichkeiten hergestellt, dass die
Radonkonzentration in Innenräumen eine Schwelle überschreitet (200 und 300 Bq/m³ gewählt). Zwei
Beispiele sind in Abbildung 3 gezeigt: links als Kartierungseinheit 1 x 1 km²-Zellen, rechts Polygone,
die Gemeinden repräsentieren.
Abb. 3:
Karten der geschätzten Wahrscheinlichkeit, dass die Radonkonzentration in Innenräumen
(Aufenthaltsräume, Erdgeschoss) 300 Bq/m³ übersteigt. Kartierungseinheiten: links 1 x 1
km²-Zellen, rechts Gemeinden. Quelle:
www.umwelt.sachsen.de/umwelt/strahlenschutz/3331.htm
Ein etwas anderer Ansatz bedient sich geostatistischer Verfahren, die zwar technisch komplizierter
sind, aber die Schätzung lokaler Unsicherheit, Konfidenzintervalle und Wahrscheinlichkeiten
erlauben, dass eine Schwelle (etwa ein Referenz- oder Grenzwert) überschritten wird.
Abbildung 4 zeigt eine Karte des Radonpotentials (RP) nach tschechischer Definition (sogenanntes
Neznal-RP; Neznal et al. 2004), wobei das Radonpotential definiert ist als RP:= C/(-log
10
(k)-10), C =
Rn-Konzentration im Boden (hier gemäß Kemski-Protokoll, kBq/m
3
), k = Permeabilität (m
2
). Für
mittlere Permeabilität ist das so definierte RP proportional zu C k, also der advektiven Komponente
des Radon-Flusses, normiert auf den Druckgradienten.

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200
220
RP
Abb. 4:
Karte des 'Neznal'-Radonpotentials (Definition siehe Text. Die verwendete Farbskala wurde
ausschließlich zur optimalen Darstellung gewählt.)
Das dem RP zugrundeliegende Motiv ist die Darstellung einer Größe, die quantifiziert „what earth
delivers in terms of Radon“, also unabhängig von anthropogenen Faktoren. Das geogene
Radonpotential bezeichnet daher (wie der Name sagt) die geogene, natürliche Realität, bestimmt von
Geologie (inkl. Bodeneigenschaften und ev. Hydrologie), aus dem unter der Bedingung
anthropogener Faktoren eine Rn-Konzentration in einem Innenraum wird. Die Definition „glättet“ für
extrem hohe oder niedrige nominelle Permeabilität, für die hohe Ungenauigkeit angenommen werden
kann. Das geogene RP quantifiziert damit, nach der von manchen bevorzugten Terminologie, den
Hazard,
der
erst
unter
bestimmten
anthropogenen
Bedingungen,
von
Bauweise
bis
Lebensgewohnheiten, ein Risiko wird.
Die Karte wurde mittels Gauß'scher sequentieller Simulation auf einem 10 km x 10 km Raster
(Lambert Azimutale Projektion; GISCO) erzeugt, die Geologie spielt die Rolle des deterministischen
Prädiktors. Die geologischen Typen sind ähnlich (leicht modifiziert) wie bei Kemski et al. 2001, 2009
definiert.

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0.35
0.4
0.45
0.5
prob(C>100 Bq/m³)
Abb. 5:
Wahrscheinlichkeit, dass die Rn-Konzentration in Innenräumen (Jahresmittel, Erdgeschoss,
unterkellerte Häuser). Zu beachten: Die Karte ist als vorläufiges Ergebnis zu verstehen,
einige Modifikationen sind für die Endversion zu erwarten. (Die verwendete Farbskala
wurde ausschließlich zur optimalen Darstellung gewählt.)
In Abbildung 5 ist die Wahrscheinlichkeit dargestellt, dass die mittlere jährliche Radon-Konzentration
in Wohnräumen im Erdgeschoss unterkellerter Häuser 100 Bq/m
3
überschreitet (der Wert ist
willkürlich gewählt; die EU-BSS schlagen den Referenzwert 300 Bq/m³ vor). Die Karte zeigt die
lokalen bedingten Wahrscheinlichkeiten, konditional zum geschätzten lokalen RP (Abbildung 4),
abgeleitet aus der modellierten (mittels Gumbel-Copula) gemeinsamen Verteilung von RP und
Innenraum-Radon. (Die gezeigte Version der Karte ist noch provisorisch, da die Nichtlinearität der
Funktion RP
Wahrscheinlichkeit noch nicht berücksichtigt ist, weshalb der Erwartungswert nicht
biasfrei transformiert wird. Die Wahrscheinlichkeit wird hier etwas unterschätzt.)

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3.2 Europa
Hier soll nur die Karte der Radon-Konzentration in Innenräumen („European Indoor Radon Map“,
EIRM) gezeigt werden, Abbildung 6. Die Ausgangsgröße ist das gemessene oder geschätzte
Langzeit- (in der Praxis jährliche) Mittel in Wohnräumen im Erdgeschoss. Die Werte werden von den
Teilnehmern in einem gemeinsam vorgegebenen 10 km x 10 km-Raster aggregiert (GISCO-Lambert-
Projektion wie oben) und die folgenden statistischen Größen zellenweise ans JRC übermittelt, wo die
eigentliche Kartierung erfolgt: Anzahl der Werte, arithmetisches Mittel und Standardabweichung der
Werte und der logarithmierten Werte, Median, Minimum und Maximum. Der Zweck dieses Vorgehens
ist vor allem Datenschutz: die georeferenzierten Originaldaten, bei Radon ein sensibles Thema,
bleiben bei den Eigentümern. Die Ausgangsgröße wurde aus pragmatischen Gründen gewählt, weil
von ihr die meisten Daten zur Verfügung stehen.
Derzeit sind etwa 800.000 Einzelwerte aus 25 Ländern verarbeitet (nicht nur EU-Mitglieder – es kann
sich beteiligen, wer will). Die Dichte der Messdaten ist sehr unterschiedlich, sie liegt zwischen 1 und
über 10.000 Werten pro Zelle (100 km
2
), je nach nationaler und regionaler Radon-Politik. Auch die
räumliche Verteilung der Messpunkte ist unterschiedlich, gemäß verschiedener Designs von Radon-
Surveys. Diese können entweder konzipiert sein, entsprechend der Erfassung der Exposition oder
der räumlichen Verteilung der Niveaus, oder schlicht das Resultat lokaler mehr oder weniger
zufälliger Surveys. Das Design eines Surveys hat Einfluss auf das Ergebnis, was allerdings in der
EIRM bis jetzt nicht berücksichtigt wurde. Es ist auch zu beachten, dass die Karte nicht die Verteilung
der Exposition darstellt, weil die meisten Menschen, vor allem in Städten, nicht in
Erdgeschossräumen wohnen.
Ausführlichere Diskussionen der EIRM sind in Tollefsen et al (2011) und Bossew et al. (2012) zu
finden. Eigenheiten der Designs sowie der Mess- und Auswertetechniken wurden durch einen
Fragebogen erfasst, um Heterogenität, wenn sie schon nicht zu vermeiden ist, so doch wenigstens
verstehen zu können.
Die Karte des geogenen Radons ist methodisch deutlich komplizierter. Um der Heterogenität der
Datenbestände Rechnung zu tragen und nicht darauf warten zu müssen, dass die methodische
Entwicklung zur Harmonisierung hinreichend fortgeschritten ist, wurde beschlossen, die Karte in
Stufen zu erstellen. Zuerst – derzeit in Arbeit – wird eine allein auf der Geologie basierte Karte
produziert, wobei die geologische Legende des OneGeology-Projektes (Baker and Jackson 2010) –
so weit wie möglich – verwendet wird. Ein komplexes Problem ist nämlich die Heterogenität der
geologischen Klassifizierungssystemen zwischen europäischen Ländern. Den Typen (Beispiele:
Neoproterozoic phyllitic slate, wacke and quartzite; Upper Devonian to Pennsylvanian Gabbro and
Diorite; Aquitanian diamicton and impure limestone; Variscan intrusive two-mica granite, usw.) wird
nach einem Algorithmus eine von vier „Radonklassen“ zugeordnet. (Die Entscheidung für vier
Klassen erfolgte aus praktischen Gründen, ist aber letztlich willkürlich. Zur Methodik: Bossew 2012b)
Zur „Kalibrierung“ werden im derzeitigen Stadium die deutschen Messwerte verwendet, genauer
gesagt die aus den Bodenluft- und Permeabilitätsmessungen (gemäß Kemski-Protokoll) abgeleiteten
Werte des Neznal-RP. Der Nachteil des Konzepts ist, dass die – oft erhebliche – Variabilität des RP
innerhalb geologischer Typen nicht zur Geltung kommt, weil jeder geologische Typ genau einer
Klasse zugeordnet ist, auch wenn einzelne Messpunkte, gelegen in einer geologischen Einheit dieses
Typs, nicht zu der Klasse passen. Die Ursache der Variabilität ist u.a., dass manche Faktoren, die
das RP beeinflussen, in geologischer Klassifizierung nicht aufscheinen. Besonders relevant ist das
bei quartären Geologien, in denen bei der üblicherweise verfügbaren Klassifizierungstiefe das
Ausgangsgestein nicht erfasst ist, aus dem die als beispielsweise „mittelpläistozäne fluvatile Sand-
und Silt-Ablagerungen“ klassifizierten Einheiten stammen. Insgesamt sind genuin geologische
Legenden nicht optimal zur Radon-Klassifizierung geeignet, und Bemühungen um eine Re-
Klassifizierung durch Zusammenfassung bestimmter Typen und Subklassifizierung anderer sind im
Gange, aber dem ist immer durch die Verfügbarkeit geologischer Daten eine Grenze gesetzt, sowie
von Messdaten, mit denen die geologischen Typen hinsichtlich des RP „kalibriert“ werden können.
Im nächsten Schritt soll eine punktweise Klassifizierung erfolgen. Dabei wird – je nach Datenbestand
– jedem Punkt ein Indexwert zugeordnet werden, der aus den indizierten Eingangsgrößen abgeleitet
ist. Beispiele für Eingangsgrößen sind wiederum geologische Typen, Nähe zu aktiven tektonischen
Linien, Permeabilitätsklassen, Urangehalt, terrestrische Dosisleistung sowie Konzentrationen von

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Aktueller Stand der Radonkartierung in Deutschland und Europa
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Innenraum- und Boden-Radon. Gemäß einer Klassifizierungstabelle wird aus den Eingangsgrößen
ein Indexwert berechnet. Das Konzept wird seit langem z.B. in den USA angewandt (EPA 1993). Für
Deutschland wurde eine auf diesem Prinzip basierende Radon-Karte von Kemski et al. (1996, 2001)
vorgeschlagen. Auch in der Tschechischen Republik und in modifizierter Form in Frankreich ist diese
Methode, die als sehr robust gilt, angewandt worden. Auf europäischer Ebene besteht das Problem
wieder in der Heterogenität der Daten zwischen den Ländern.
Abb. 6:
Europäische Karte der Radon-Konzentration in Innenräumen (langfristiges Mittel,
Erdgeschoss, Stand Dezember 2011.
Als dritter Schritt schließlich sollen punktuell Werte des RP bestimmt, also eine Karte mit
kontinuierlicher Skala erstellt werden. Dazu müssen „Transferfunktionen“ zwischen verschiedenen
Eingangsgrößen und dem RP bestimmt werden. Die Geologie würde in diesem Ansatz als
Bayesscher Prädiktor fungieren. Die Arbeiten zum zweiten und dritten Schritt sind parallel zum ersten
im Gange und unterschiedlich fortgeschritten. Weitere Details zum Konzept der EGRM sind in Gruber
et al. 2012 zu finden.

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4
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Die Erstellung von Radonkarten ist methodisch nicht ganz simpel. Gründe liegen in der regional
unterschiedlichen Verfügbarkeit und Heterogenität der Eingangsdaten und an der Komplexität von
Schätzverfahren, wenn der Anspruch besteht, auch Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten zu
schätzen.
Deutliche Fortschritte gab es in den letzten Jahren beim Verständnis der Relevanz der
Beobachtungsprotokolle und in der Methodik der Einbeziehung der Geologie als Prädiktor. Probleme
bestehen in der – unseres Erachtens – immer noch nicht optimalen geologischen Klassifizierung
gemäß RP, der Einbeziehung tektonischer Phänomene als Prädiktoren, der Schätzung von
Transfermodellen zwischen Eingangs- und Zielvariablen, und in der multivariaten Schätzung.
insbesondere die simultane Einbeziehung von mehr als zwei Kovariaten ist zurzeit technisch nicht
befriedigend gelöst. Zu Transfermodellen gibt es inzwischen eine Reihe von Studien und auch an den
anderen Problembereichen wird gearbeitet.
Die methodischen Grundlagen, um Karten von Radon Prone Areas herzustellen, sind gelegt; in
Deutschland ist auch, abgesehen von einzelnen Regionen, der Datenbestand zufriedenstellend. Die
Festlegung der Parameter, die solche Gebiete definieren, also z.B. die Wahrscheinlichkeitsschwelle,
dass eine bestimmte Schwelle des RP oder einer Radon-Konzentration in standardisierten
Innenräumen überschritten wird, ist Aufgabe der Politik; die Wissenschaft kann hier nur Anregungen
liefern.
5
Literaturverzeichnis
[1]
Baker G R, Jackson, I 2010: OneGeology-Europe, Final Report, ECP-2001-GEO-317001,
http://www.onegeology-europe.eu/
[2]
BfS (Deutsches Bundesamt für Strahlenschutz):
www.bfs.de/de/ion/radon/radon_boden/
radonkarte.html
[3]
Bossew P., Dubois G. and Tollefsen T. (2008): Investigations on indoor Radon in Austria, part
2: Geological classes as categorical external drift for spatial modelling of the Radon potential.
J. Environmental Radioactivity 99 (1), 81 – 97.
[4]
Bossew P. (2012a): The influence of observation protocols on reported values of Rn in soil air.
11th INTERNATIONAL WORKSHOP on the GEOLOGICAL ASPECTS OF RADON RISK
MAPPING, September 18th – 20th(22nd), 2012, Prague, Czech Republic.
[5]
Bossew P. (2012b): Classification of geological units according to the radon potential. 11th
INTERNATIONAL WORKSHOP on the GEOLOGICAL ASPECTS OF RADON RISK
MAPPING, September 18th – 20th(22nd), 2012, Prague, Czech Republic.
[6]
Bossew P., V. Gruber, T. Tollefsen, M. De Cort (2012): The European map of indoor radon
concentrations: status and questions of quality assurance. Kerntechnik 77 (3), 176 - 183.
[7]
Bossew P. and Hoffmann B. (2012): Sinn und Unsinn von Radonkarten. Strahlenschutzpraxis
2/2012, 21 – 25.
[8]
Bundesrat (2011): Sitzungsprotokoll der 890. Sitzung des Bundesrates, 25. November 2011,
TOP44
[9]
Conrady J., Guhr A. and Turek K. (2011): Messungen der Radonkonzentration in der Bodenluft
– Wie zuverlässig sind die Messwerte? Strahlenschutzpraxis 3/2011, p. 56 ff.
[10]
Dubois G. (2005): An overview of radon surveys in Europe. Report EUR 21892 EN,
Luxembourg: Office for Official Publication of the European Communities ISBN 92-79-01066-2.

Aktueller Stand der Radonkartierung in Deutschland und Europa
Seite 58
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
http://europa.academia.edu/GregoireDubois/Papers/429267/An_overview_of_radon_surveys_i
n_Europe
[11]
EC (European Commission), 2011. Proposal for a Council directive laying down basic safety
standards for protection against the dangers arising from exposure to ionising radiation; Draft
presented under Article 31 Euratom Treaty for the opinion of the European Economic and
Social
Committee.
COM
(2011)
593
final;
http://ec.europa.eu/energy/nuclear/
radiation_protection/doc/com_2011_0593.pdf
[12]
EGRM (2011): The European Geogenic Radon Map; ongoing working document; currently
version 1, 20 November 2011; available from the JRC, valeria.gruber@jrc.ec.europa.eu or from
the author.
[13] EPA (U.S. Environmental Protection Agency) 1993 EPA’s map of radon zones Report 402-R-
93-071;
www.epa.gov/radon/zonemap.html
(acc. 28 February 2012)
[14]
GISCO: European Commission.
http://eusoils.jrc.ec.europa.eu/gisco_dbm/dbm/p1ch3_5.htm
[15]
Gruber V., Bossew P., De Cort M., Tollefsen T. (2012): The European map of the geogenic
radon potential. Subm. J. Radiol. Prot.; presentation O9 at NARE 2012 (29 Feb – 3 Mar 2012,
Hirosaki University, Japan),
http://133.63.22.22/resnet/nare2012/pres.php
[16]
Hoffmann B. (2011): Radonhandbuch und BuRG; aktueller Stand. Fachgespräch Radon. BfS,
Berlin, 11.-12.5.2011 (In German)
[17]
Kemski J., Klingel R. and Siehl A. (1996): Classification and mapping of radon-affected areas in
Germany. Environment International 22 (Suppl. 1), S789 – S798.
[18]
Kemski J., Siehl A., Stegemann R. and Valdivia-Manchego M. (2001): Maping the geogenic
radon potential in Germany. The Science of the Total Environment 272 (1 – 3), 217 - 230.
[19]
Kemski J., Klingel R., Siehl A., Stegemann R., and Valdiva-Manchego M. (2002):
Transferfunktion
für
die
Radonkonzentration
in
der
Bodenluft
und
Wohnraumluft.
Abschlussbericht zu den Forschungsvorhaben St. Sch. 4186 und St. Sch. 4187: Ermittlung
einer Transferfunktion für die Radonkonzentration in der Bodenluft und der Wohnraumluft incl.
Radonmessungen in Häusern zur Validierung des geologisch induzierten Radonpotenzials. Teil
A: Bodenuntersuchungen zum geogenen Radonpotenzial. Teil B: Validierung der geologischen
Prognose
durch
Messungen
der
Radonkonzentration
in
Gebäuden.
Schriftenreihe
Reaktorsicherheit und Strahlenschutz, BMU-2002-598. – Excerpt. measurement protocol soil
air:
www.kemski-bonn.de/downloads/MessanleitungBodenluft_Web.pdf
(acc. 29 June 2012).
[20]
Kemski, J., Klingel, R., Siehl, A., Valdivia-Manchego, M. (2009): From radon hazard to risk
prediction - based on geological maps, soil gas and indoor measurements in Germany.
Environmental Geology 56, 1269 – 1279.
[21]
Kemski J., Klingel R., Preuße W. and Busch H. (2010): The new geogenic radon map of
Saxony. In: Barnet I., Neznal M. and Pacherova P., eds.: Proc., 10th international workshop on
the geological aspects of radon risk mapping. Czech geological survey, Radon v.o.s., Prague
2010. ISBN 978-80-7075-754-3; pp. 157 - 161.
http://www.radon.eu/workshop2010/
[22]
Neznal, M., Neznal, M., Matolin, M., Barnet, I., Miksova, J. (2004): The new method for
assessing the radon risk of building sites. Czech Geol. Survey Special Papers, 16, Czech Geol.
Survey, Prague, 47 p.
http://www.radon-vos.cz/pdf/metodika.pdf
[23]
Sachsen: Portal des Freistaates Sachsen;
www.umwelt.sachsen.de/umwelt/strahlenschutz/
3331.htm (acc. 22 Aug. 2012)
[24]
Tollefsen T., V. Gruber, P. Bossew, M. De Cort (2011): Status of the European Indoor Radon
Map., Rad. Prot. Dosimetry. 145, (2–3), 110–116.
[25] Turek K., Bednař J. and Neznal M. (1997): Parallel treck-etch detector arrangement for radon
measurement in soil. Radiation Measurement 28 (1-6), 751 – 754.

 
Franz Anton Rößler
Tahar Azzam Jai
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 59
ENTWICKLUNG EINES EFFIZIENTEN MESSVERFAHRENS ZUR
BESTIMMUNG DER RADONKONZENTRATION ALS INDIKATOR FÜR
DIE QUALITÄT DER INNENRAUMLUFT
DEVELOPMENT OF AN EFFICIENTLY MEASUREMENT METHOD TO
ESTIMATE THE RADON CONCENTRATION AS AN INDICATOR OF
THE INDOOR AIR QUALITY
Franz Anton Rößler
1)
, Tahar Azzam Jai
1)
, V. Ehret
1)
, H. Hingmann
1)
T. Orovwighose
1)
, N. Jach
1)
, T. Schanze
2)
, J. Breckow
1)
1)
Institut für Medizinische Physik und Strahlenschutz (IMPS), Technische Hochschule Mittelhessen,
Gießen
2)
Fachbereich Krankenhaus- und Medizintechnik, Umwelt- und Biotechnologie (KMUB), Technische
Hochschule Mittelhessen, Gießen
Zusammenfassung
Die Energiesparverordnung (EnEV) sieht für Neubauten, aber auch für Altbausanierungen
Obergrenzen für den Jahres-Primärenergiebedarf vor. Die hierzu erforderlichen Maßnahmen können
mit einem Herabsetzen der Luftwechselrate einhergehen und somit zu einer Verschlechterung der
Raumluftqualität führen [1]. Die Kenntnis der Luftwechselrate ist daher zur Beurteilung der
Raumluftqualität
von
großer
Bedeutung.
Die
Luftwechselrate
wird
neben
klima-
und
gebäudespezifischen Aspekten wesentlich durch die Raumnutzung beeinflusst. Bisherige Methoden
zur Ermittlung der Luftwechselrate erfolgen unter Prüfbedingungen, wodurch keine Berücksichtigung
der Raumnutzung und somit keine Untersuchung unter Alltagsbedingungen gewährleistet werden
kann.
Im Rahmen dieses Beitrags wird eine Methode vorgestellt, die eine Ermittlung der Luftwechselrate
unter Alltagsbedingungen erlaubt. Als Indikatorgas wird das natürlich in der Raumluft vorkommende
Radon
(
222
Rn)
verwendet.
Über
eine
geeignete
Modellbildung
werden
mathematische
Zusammenhänge hergestellt, die es erlauben, aus diesem in der Raumluft gemessenen Verlauf der
Radonkonzentration den Verlauf der Luftwechselrate zu berechnen. Durch Versuchsreihen in einer
für diesen Zweck errichteten Messkammer konnte die vorgenommene Modellierung der Methode
praktisch bestätigt werden. Diese Methode liefert somit ein Werkzeug, welches ohne Einschränkung
der Raumnutzung aus einem gemessenen Verlauf der Radonkonzentration den Verlauf der
Luftwechselrate
und
in
einem
späteren
Schritt
den
damit
korrelierten
Verlauf
von
Schadstoffkonzentrationen ermitteln kann.
Summary
The energy conservation regulation provides upper limits for the annual primary energy requirements
for new buildings built and old building renovation. The actions required could accompany a reduction
of the air change rate and cause a degradation of the indoor air quality [1]. Hence, knowledge of the
air change rate is important for the estimation of the indoor air quality. In addition to climate- and

Entwicklung eines effizienten Messverfahrens zur Bestimmung der Radonkonzentration als Indikator für die Qualität der
Innenraumluft
Seite 60
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
building-specific aspects the air change rate is essentially affected by the user of the living quarter.
Present methods for the estimation of the indoor air quality can only be effected under test conditions,
whereby the influence of the user of the living quarter cannot be considered and so an estimation
under daily routine cannot be ensured.
In the context of this contribution a method is presented, that allows an estimation of the air change
rate under daily routine. Radon which is a naturally occurring gas is used as an indicator. Via suitable
modelling mathematical connections are established to estimate the progression of the air change
rate using the measured progression of a radon concentration. Via experimental series with the help
of a for this purpose constructed measurement chamber, the realised modelling of the method could
be affirmed practically. So this method provides a tool that allows the estimation of the progression of
the air change rate out of the measured progression of a radon concentration and in a later step the
estimation of a correlating progression of air pollutant concentrations without limitations of using the
living quarter.
1
Einleitung
In Mitteleuropa halten sich Erwachsene durchschnittlich 90 % des Tages in geschlossenen Innen-
räumen auf [2]. Dies führt dazu, dass sie einer Vielzahl an Luftschadstoffen ausgesetzt sind, welche
sich in der Innenraumluft anreichern können. Allein die Anwesenheit des Menschen führt zu
Emissionen von z.B. CO2 oder Ausdünstungen. Durch Bauprodukte, Möbel und weiteren
Gegenständen des täglichen Gebrauchs werden Stoffe wie flüchtige Kohlenwasserstoffverbindungen
(VOC) abgegeben. Eine hohe Luftfeuchtigkeit in Innenräumen kann zu Schimmelbildung führen,
welche wiederum Sporen und Allergene emittieren. Nicht zu vergessen sei an dieser Stelle das
Radon, welches sich ebenfalls in der Innenraumluft anreichern und eine Gesundheitsgefährdung
bedeuten kann.
Die Konzentrationen dieser Luftschadstoffe hängen zum einen von den jeweiligen Emittenten, zum
anderen von der Belüftung des Raumes ab. Eine gute Belüftung und somit eine hohe Luftwechselrate
sorgt dafür, dass sich die Luftschadstoffe im Innenraum nicht anreichern können und deren
Konzentration auf einem niedrigen Niveau bleibt. Die Energiesparverordnung [3] sieht jedoch für
Neubauten, aber auch für Altbausanierungen Obergrenzen für den Jahres-Primärenergiebedarf vor.
Zur Senkung des Energieverbrauchs ist es notwendig, die Gebäudeaußenhülle stärker zu dämmen
und dicht schließende Türen und Fenster einzusetzen. Dies kann zu einem Herabsetzen der
Luftwechselrate führen, was wiederum eine Erhöhung des Schadstoffniveaus zur Folge haben kann.
Um dies zu vermeiden, bestehen gewisse Anforderungen an die Belüftung des Gebäudes, welche
durch aktive Lüftungsanlagen oder ein angepasstes Lüftungsverhalten (passives Lüften) erfüllt
werden können. Aktive Lüftungsanlagen sind in der Regel geeignet, eine Erhöhung des
Schadstoffniveaus zu vermeiden. Bei Anwendung des passiven Lüftens besteht jedoch eine große
Abhängigkeit vom Nutzerverhalten. Wird das passive Lüften nur unzureichend betrieben, kann dies
zu einer Erhöhung des Schadstoffniveaus führen.
Die Kenntnis der Luftwechselrate ist daher zur Abschätzung der Raumluftqualität von zentraler
Bedeutung. Bisherige Verfahren zur Ermittlung der Luftwechselrate können allerdings nur unter
Prüfbedingungen oder bei konstanter Luftwechselrate erfolgen. Eine Berücksichtigung der
Raumnutzung als wichtiger Einfluss auf die Luftwechselrate kann dabei nicht erfolgen. Alternativ zu
den bisherigen Verfahren wird im Folgenden eine Methode vorgestellt, welche Radon als Indikatorgas
heranzieht, was eine Ermittlung von Zeitreihen der Luftwechselrate unter Alltagsbedingungen
ermöglicht.
Die
Ermittlung
von
Zeitreihen
der
Luftwechselrate
aus
gemessenen
Zeitreihen
der
Radonkonzentration erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst erfolgt eine Quellstärkenbestimmung bei
möglichst niedriger und konstanter Luftwechselrate. Das über eine Langzeitmessung gewonnene
Nutzsignal der Radonkonzentration wird mittels geeigneter Filterfunktionen gefiltert. Über ein hierfür
entwickeltes Re-konstruktionsverfahren wird schließlich aus dem gefilterten Messsignal der
Radonkonzentration der Verlauf der Luftwechselrate ermittelt. Ziel dieser vorgestellten Methode ist,
eine möglichst genaue Ermittlung der Radon-Quellstärke und eine möglichst rauschfreie

Franz Anton Rößler
Tahar Azzam Jai
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 61
Rekonstruktion
der
Luftwechselrate
aus
dem
verrauschten
Langzeit-Messsignal
der
Radonkonzentration zu gewährleisten.
Zur praktischen Überprüfung der Methode werden Messungen in einer Messkammer vorgenommen,
die der Größenordnung eines realen Raums nahe kommt. Die Messkammer ist mit einer
programmierbaren Lüftersteuerung ausgestattet, welche die Realisierung frei wählbarer Verläufe der
Luftwechselrate ermöglicht.
2
Modellbildung
Zur Bildung eines Modells, welches den mathematischen Zusammenhang zwischen der
Luftwechselrate
k
(
t
)
und der Radonkonzentration
c
(
t
)
beschreibt, wird eine Differentialgleichung
ermittelt. Hierbei wird das aus dem Erdreich und dem Baumaterial ausgasende Radon in Form der
auf das Raumvolumen
V
normierten Radonquellstärke
Q
V
berücksichtigt. Der radioaktive Zerfall sorgt
für einen Verlust an Radonkonzentration und wird über die differentielle Form des Zerfallsgesetzes
mit der Zerfallskonstante
λ
beschrieben. Zur Herstellung des Zusammenhanges zwischen der
Luftwechselrate und der Radonkonzentration ist der Luftwechsel mit Zu- und Abluft aufgeführt, wobei
über die Zuluft Radon aus der Außenluft mit der Konzentration
c
a
in den Innenraum herein und über
die Abluft Radon aus der Innenluft mit der Konzentration
c
(
t
)
heraus getragen wird.
Q
ct
ktc
ktct
dc
dc t
V
a
(1)
Aus der Lösung der Differentialgleichung (s. Gl. 1) kann eine zeitdiskrete Gleichung erstellt werden,
welche die iterative Berechnung der Radonkonzentration
c
(
t
)
aus der Luftwechselrate
k
(
t
)
erlaubt.
Δt
stellt hierbei das zeitliche Intervall der zeitdiskreten Daten dar.
kn
Q
ckn
kn
Q
ckn
cn
e
knt
cn
V
a
V
a
1
(2)
Da Gl. 2 jedoch nicht nach der Luftwechselrate
k
(
t
)
umgeformt werden kann, ist es notwendig, die
Differentialgleichung (s. Gl. 1) in eine Differenzengleichung zu überführen. Diese kann wiederum
nach der zeitdiskreten Luftwechselrate
k(n)
umgeformt werden.
c
cn
Q
cn
t
cn
cn
kn
a
V
1
(3)
Für
c
(
n
)
können Messwerte der Radonkonzentration eingesetzt werden, welche mit einem
Messintervall von
∆t
aufgenommen wurden. Die Radonquellstärke
Q
V
wird vor Beginn der
Langzeitmessung über ein hierfür entwickeltes Verfahren (siehe Abschnitt 3) bestimmt. Je nach
Konstanz der Radonquelle kann dies in regelmäßigen Zeitabständen wiederholt werden. Die
Außenkonzentration
c
a
kann entweder als konstant angenommen werden oder über eine eigene
Messreihe
c
a
(
n
)
in die Gleichung eingehen.
Gl. 2 und Gl. 3 liefern somit die Werkzeuge zur Berechnung von Zeitreihen der Luftwechselrate aus
der Radonkonzentration und der Radonkonzentration aus der Luftwechselrate.

Entwicklung eines effizienten Messverfahrens zur Bestimmung der Radonkonzentration als Indikator für die Qualität der
Innenraumluft
Seite 62
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
3
Ermittlung der Radonquellstärke
Bis auf die auf das Raumvolumen normierte Radonquellstärke
Q
V
sind alle Parameter in Gl. 3
bekannt bzw. messtechnisch zugänglich. Die auf das Raumvolumen normierte Radonquellstärke
Q
V
stellt die vollständige Charakterisierung des Raumes dar. Sie kann über die Aufnahme einer
Sättigungskurve der Radonkonzentration ermittelt werden, indem zunächst durch Erhöhung der
Luftwechselrate (passives oder aktives Lüften) die Radonkonzentration im Gebäudeinnerem auf
Werte nahe der Radonaußenkonzentration gesenkt wird. Anschließend wird die Luftwechselrate
wieder abgesenkt (Beenden der „Lüftungssituation“), was zu einem erneuten Aufbau der
Radonkonzentration führt und somit eine Sättigungskurve liefert, welche unter Gewährleistung einer
möglichst konstanten Luftwechselrate einem Exponentialverlauf folgt. Diese Sättigungskurve wird mit
einem Radonmonitor aufgezeichnet. Durch Anwendung des Levenberg-Marquardt-Algorithmus
werden die Zeitkonstante
τ
, die Anfangskonzentration
c
0
und die Sättigungskonzentration
c(∞)
an
folgende Funktion angepasst:
()
.(
0
())
()
ct
e
cc
c
t
(4)
Für die Berechnung der Radonquellstärke werden die so ermittelte Zeitkonstante
τ
und die
Sättigungskonzentration
c(∞)
herangezogen.
Aus der Lösung der Differentialgleichung (siehe Gl. 1) kann folgender Zusammenhang hergeleitet
werden:
)
1
(
()
v
c
a
c
Q
(5)
Unter Verwendung der über Gl. 4 ermittelten Parameter
τ
und
c(∞)
und der konstanten Parameter
λ
und
c
a
kann über diesen Zusammenhang die auf das Raumvolumen normierte Radonquellstärke
Q
V
berechnet werden, welche die vollständige Charakterisierung des zu untersuchenden Raumes
darstellt.
4
Filterung von Messreihen der Radonkonzentration
Die Rekonstruktion einer Zeitreihe der Luftwechselrate erfolgt nach Gl. 3. Hierbei bestehen hohe
Anforderungen an das Messsignal der Radonkonzentration da durch den Term
c(n+1) - c(n)
eine
gewisse Rauschempfindlichkeit besteht. Da das Messsignal durch den statistischen Charakter der
Radonmessung jedoch immer einem Rauschen unterworfen ist, ist es notwendig, eine Glättung des
Messsignals durchzuführen. Diese erfolgt anhand eines systemtheoretischen Ansatzes zur Filterung
über die Verwendung von Fensterfunktionen (Rechteck-, Hamming-, Hanningfenster, etc.…) in vier
Schritten. Erstens werden dem Messsignal durch das sogenannte „zero-padding“ Nullen angefügt, so
dass dessen Länge mit der Länge der Fensterfunktion übereinstimmt. Zweitens wird das aus dem
ersten Schritt resultierende Signal über die Fourier-Transformation in den Frequenzbereich überführt.
Drittens wird das aus der Fourier-Transformation resultierende Spektrum mit einer geeigneten
Fensterfunktion multipliziert. Schließlich wird das Ergebnis durch inverse Fourier-Transformation
wieder in den Zeitbereich transformiert. Um eine möglichst effiziente Filterung ohne Verlust der
Signalmerkmale zu realisieren, spielt bei diesem Filterungsvorgang die Wahl der geeigneten
Fensterfunktion und deren Breite eine große Rolle. Diese Wahl hängt von dem Spektrum des
Messsignales ab. Der Verlauf der Luftwechselrate kann schließlich durch die Rekonstruktion der
gefilterten Daten der Radonkonzentration durch Gl. 3 berechnet werden.

image
Franz Anton Rößler
Tahar Azzam Jai
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 63
5
Versuchsaufbau
Zur praktischen Überprüfung des erstellten Modells ist es notwendig, Messungen in einer
Messkammer vorzunehmen, welche das Ausschalten von Störgrößen, das Schaffen kontrollierter
Bedingungen und somit den Erhalt reproduzierbarer Ergebnisse ermöglicht. Als Messkammer dient
eine in Abb. 1 dargestellte Kühlzelle.
Abb. 1:
Außenansicht der Messkammer
Die verwendete Messkammer besitzt ein Volumen von 10 m³ und ist somit groß genug, um einen
realen Raum nachzubilden, welcher begangen werden kann und dadurch ausreichend Platz für
experimentelle Aufbauten liefert. Sie ist aus einzelnen Segmenten zusammengesetzt, welche eine
Wärmedämmung aus 60 mm PUR-Schaum und eine Edelstahloberfläche besitzen. Die
Wärmedämmung bietet den Vorteil, dass sich die Innentemperatur unempfindlich gegenüber der
Außentemperatur verhält. Um eine möglichst hohe Dichtheit der Kammerwand zu erreichen, werden
die Fugen mit aluminiumkaschiertem Klebeband und Dichtmasse abgedichtet.
Zur Steuerung der Lüftung und somit zum Einstellen der Luftwechselrate kommt ein Lüfter zum
Einsatz, dessen Umdrehungszahl über einen Mikrocontroller gesteuert wird. Der Mikrocontroller ist
mit einem PC verbunden, welcher ermöglicht, beliebige Verläufe der Luftwechselrate einzulesen. Die
tatsächlich an der Messkammer wirkende Luftwechselrate wird über ein Thermoanemometer
ermittelt, welches in einer Messstrecke montiert ist. Die Messstrecke befindet sich wiederum am
Zuluftkanal vor dem Lüfter.
Neben der Radonkonzentration werden alle notwendigen Klimaparameter in Zeitreihen aufgenom-
men.

image
Entwicklung eines effizienten Messverfahrens zur Bestimmung der Radonkonzentration als Indikator für die Qualität der
Innenraumluft
Seite 64
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
6
Ergebnisse
An der Messkammer wurden Messungen durchgeführt, wobei Uranerz als Radonquelle in die
Messkammer eingebracht wurde. Für die verwendete Uranerzprobe wurde über Gl. 3 eine
Quellstärke von
Q
V
= 670 Bq.h
-1
.m
-3
ermittelt. Im Folgenden Beispiel wurde über die Lüftersteuerung
ein Cosinus-Verlauf der Luftwechselrate mit zunehmender Frequenz eingestellt. Den daraus
resultierenden Verlauf der Radonkonzentration in der Messkammer zeigt Abb.. Zur Filterung des
gemessenen Radonkonzentrationsverlaufs wird eine Rechteckfunktion mit der Breite 512 Samples
verwendet, welches die hochfrequenten Frequenzanteile des Spektrums eliminiert und somit die
Rauschanteile unterdrückt.
Abb.
2
:
Gemessene Radonkonzentration (grau) in der Messkammer mit gefiltertem Verlauf nach
Anwendung einer Fensterfunktion der Breite 512 Samples (schwarz)
Zur
Rekonstruktion
der
Luftwechselrate
aus
dem
gefilterten
Verlauf
der
gemessenen
Radonkonzentration wird durch Anwendung des Rekonstruktionsalgorithmus (siehe Gl. 3) iterativ der
Verlauf der Luftwechselrate berechnet und in Abb. 3 dargestellt.

image
Franz Anton Rößler
Tahar Azzam Jai
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 65
Abb
. 3
:
Vergleich des Rekonstruierten Luftwechselratenverlaufs aus dem Verlauf der
Radonkonzentration mit dem vorgegebenen Luftwechselratenverlauf
Abb. 3 zeigt, dass sich der rekonstruierte Verlauf der Luftwechselrate dem vorgegebenen Verlauf gut
annähert. Allerdings ist zu erkennen, dass der rekonstruierte Verlauf teilweise mit Frequenzanteilen
überlagert ist, welche sich durch nicht unterdrückte Rauschanteile des Messsignals der
Radonkonzentration ergeben. Eine stärkere Glättung des Messsignals der Radonkonzentration würde
jedoch dazu führen, dass auch das Nutzsignal unterdrückt wird. Es muss somit für jede
aufgenommene Messreihe ein individueller Kompromiss zwischen Unterdrückung des Nutzsignals
und Nicht-Unterdrückung des Rauschanteils geschlossen werden.
7
Diskussion
Mit Hilfe der vorgestellten Methode können zeitliche Verläufe der Radonkonzentration und der
Luftwechselrate ineinander umgerechnet werden. Den Kern der Methode stellt die Ermittlung des
Verlaufs der Luftwechselrate aus einem gemessenen Verlauf der Radonkonzentration dar. Im
Gegensatz zu bisher zur Verfügung stehenden Methoden, welche keine zeitliche Auflösung der
Luftwechselrate erlauben oder unter Prüfbedingungen erfolgen müssen, liefert die vorliegende
Methode die zeitliche Auflösung der Luftwechselrate und eine Anwendung unter Alltagsbedingungen.
Die Raumnutzung, welche einen wichtigen Einfluss auf die Luftwechselrate besitzt, kann komplett
berücksichtigt werden. Einzig die Ermittlung der Radonquellstärke des zu untersuchenden Raumes
erfolgt unter Prüfbedingungen.
An die in einem zu untersuchenden Raum vorzufindende Radonkonzentration bestehen gewisse
Anforderungen, welche eventuelle Begrenzungen der Methoden beschreiben. Bei der Ermittlung der
Radonquellstärke muss eine ausreichend hohe Sättigungskonzentration erreichbar sein, so dass eine
auflösbare Sättigungskurve messbar wird. Kann keine Sättigungskurve aufgelöst werden, so ist auch
eine Ermittlung der Radonquellstärke unmöglich. Bei Langzeitmessungen bestehen ähnliche
Begrenzungen. Liegt eine zu geringe Radonkonzentration vor, so entstehen aufgrund des starken
statistischen Rauschens Schwierigkeiten zum einen bei der Filterung des Messsignals und zum
anderen bei der Rekonstruktion der Luftwechselrate. Eine Anwendung der Methode bei einem
geringen Niveau der Radonkonzentration muss zunächst erprobt werden.
Die Filterung des Messsignals der Radonkonzentration führt zum einen zu einer Reduktion des
Rauschanteils, zum anderen jedoch auch zu einer Reduktion einzelner Frequenzanteile des

Entwicklung eines effizienten Messverfahrens zur Bestimmung der Radonkonzentration als Indikator für die Qualität der
Innenraumluft
Seite 66
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Nutzsignals. Dies hat zur Folge, dass der Originalverlauf der Luftwechselrate nur in den seltensten
Fällen exakt rekonstruiert werden kann. Es handelt sich somit immer um eine Annäherung an die
tatsächlich bestehende Luftwechselrate. Wie genau diese Annäherung erfolgen kann, hängt von den
vorzufindenden Radonkonzentrationsniveaus und der Wahl der Filterparameter ab.
8
Ausblick
Je höher die Leistungsfähigkeit der Filterung erfolgen kann, desto exakter erfolgt die Rekonstruktion
der Luftwechselrate. Aus der Leistungsfähigkeit der Filterung ergeben sich des Weiteren
Anforderungen
an
das
Niveau
der
vorzufindenden
Radonkonzentration.
Eine
geringe
Radonkonzentration kann dazu führen, dass zum einen die Radonquellstärke nicht ermittelt und zum
anderen aufgrund des statistischen Rauschens der Radon-Messwerte die Luftwechselrate nicht
rekonstruiert werden kann. Diese Anforderungen an das Niveau der Radonkonzentration sollen über
weitere Messungen an der Messkammer untersucht werden. Dies wird unter Abstimmung mit der
Integrationszeit der Radonmessung und der daraus resultierenden Zeitauflösung der rekonstruierten
Luftwechselrate erfolgen.
Weitere genaue Betrachtung benötigt die Konstanz der Radonquellstärke. Da die Radonquelle in der
Messkammer nur wenigen klimatischen Schwankungen unterworfen ist, kann eine Untersuchung auf
Konstanz nur in tatsächlichen Wohnräumen untersucht werden. Dieser Sachverhalt soll ebenfalls
geklärt werden.
Zur
Herstellung
eines
Bezuges
zur
Qualität
der
Innenraumluft
sollen
mathematische
Zusammenhänge der Luftwechselrate zu diversen Luftschadstoffen hergestellt werden. Hierbei kann
es sich um beliebige Luftschadstoffe handeln, wie z.B. flüchtige Kohlenwasserstoffverbindungen
(VOC), Formaldehyd oder CO
2
. Zur jeweiligen Modellbildung soll das in dieser Arbeit vorgestellte
Modell herangezogen und je nach Schadstoff angepasst werden. Stehen zur Berechnung diverser
Schadstoffkonzentrationen geeignete Modelle zur Verfügung, wird folgende Vorgehensweise
angewandt. Zunächst wird nach der in dieser Arbeit vorgestellten Methode die Luftwechselrate aus
der Radonkonzentration berechnet. In einem weiteren Schritt können über die jeweiligen Modelle
Schadstoffkonzentrationen berechnet werden. Eine repräsentative Wahl der zu betrachtenden
Schadstoffe kann schließlich eine Beurteilung der Qualität der Innenraumluft ermöglichen.
Die Modellbildung zur Berechnung einer Schadstoffkonzentration aus der Luftwechselrate bedarf
eines hohen Aufwandes, da bei einer Vielzahl an Schadstoffen Wechselwirkungen zu anderen
Stoffen und zu Klimaparametern bestehen. Sie soll daher nur für eine Auswahl der wichtigsten
Luftschadstoffe erfolgen und somit in erster Linie dazu dienen, Werkzeuge zu liefern, welche nach
Bedarf auf frei wählbare Schadstoffkombinationen angewendet werden kann.
9 Literaturverzeichnis
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mit tiefem Energieverbrauch, Zürich, 2008
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07.05.2012, abrufbar im Internet:
http://www.umweltbundesamt.de/gesundheit/innenraumhygiene/richtwerte-irluft.htm
[3]
Bundesministerium
für
Verkehr,
Bau
und
Stadtentwicklung,
Verordnung
über
energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik bei Gebäuden
(Energieeinsparverordnung EnEv), Berlin, 2009
[4]
Gertis, K.: Radon in Gebäuden, Frauenhofer IRB Verlag, Stuttgart, 2008

 
Hartmut Schulz
René Baumert
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 67
PRAKTISCHE VORGEHENSWEISE BEI DER SANIERUNG VON ALT-
UND NEUBAUTEN
PRACTICAL APPROACH WITH THE REHABILITATION OF OLD AND
NEW BUILDINGS
Hartmut Schulz
René Baumert
IAF - Radioökologie GmbH, Radeberg
Zusammenfassung
Summary

Praktische Vorgehensweise bei der Sanierung von Alt- und Neubauten
Seite 68
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
1
Vorbemerkung zum Sach- und Kenntnisstand
Die "Bauqualität" eines Hauses übt den größten Einfluss darauf aus, ob letztlich ein erhöhtes
Radonrisiko für die Hausbewohner zu besorgen ist oder nicht. Ist das Haus praktisch radondicht,
spielt die Radonverfügbarkeit des Baugrunds keine Rolle. Baumängel begünstigen jedoch im starken
Maße das Eindringen von radonhaltiger Bodenluft in das Wohngebäude und können zu nicht
tolerierbaren Radonbelastungen führen, ohne dass dabei die Radonkonzentrationen in der Bodenluft
besonders hohe Werte erreichen müssen [1], [2].
Vor allem in Abhängigkeit von der Temperaturdifferenz
T
i
bzw. der Druckdifferenz p
i
zwischen
einzelnen Hausräumen i oder zwischen der Innenraumluft und der Außenatmosphäre werden
konvektive Luftströmungen induziert, die jahres- und tageszeitliche Charakteristika aufweisen. Diese
sind auch für die Infiltration von radonhaltiger Bodenluft aus dem Baugrund in ein Haus von
signifikanter Bedeutung. Das Haus selbst übt aufgrund seiner vergleichsweise hohen mittleren
Innentemperatur von
20
0
C den größten Einfluss auf das Radontransportverhalten zwischen dem
Haus und dem umgebenden Baugrund aus.
In Wohngebäuden, die in den letzten 20 - 30 Jahren gebaut wurden, werden oft die Keller auch als
Wohn- oder Arbeitsräume genutzt bzw. beim Bau als solche konzipiert, so dass aufgrund der
bestehenden Temperaturdifferenzen praktisch in jeder Jahreszeit das Haus auf die umgebende
Bodenluft des Baugrunds einen permanenten Unterdruck ausübt. Beim Vorhandensein von Leckagen
leistet der damit verknüpfte Saugeffekt dem Eindringen von radonhaltiger Bodenluft in das Haus
Vorschub. Die Situation ist völlig analog bei Häusern ohne Keller, da immer ein starkes
Temperaturgefälle zwischen dem Hausinnenraum und der Bodenluft unterhalb der Bodenplatte
besteht.
Die Höhe der Radonkonzentration in Innenräumen wird auch durch die Höhe des Luftwechsels
entscheidend mitbestimmt. Eine Mindestlüftung verfolgt das Ziel der Abwehr von Risiken für Mensch
und Bausubstanz, so dass sowohl gesundheitsschädigende Raumluftzustände als auch Tauwasser-
beziehungsweise Schimmelpilzbildung verhindert werden können. Aus den Recherchen folgte, dass
von einer verhältnismäßig geringen Luftwechselrate von etwa 0,2 h
-1
für ca. 50% des
Altbaubestandes sowie von noch geringeren Luftwechselzahlen für Niedrigenergiehäuser und
Passivhäuser auszugehen ist [3]. Dieser Tatbestand impliziert, dass sowohl der Radonfreisetzung
aus den Baumaterialien als auch der Radondichtheit des Gebäudes zur Vermeidung einer
Ankopplung an das "Radonreservoir" Bodenluft im Baugrund besondere Aufmerksamkeit geschenkt
werden muss.
Der Kenntnis über den in einem Gebäude herrschenden Luftwechsel kommt somit eine
herausragende Bedeutung zu, um z.B. die mögliche Radonkonzentrationserhöhung bei Verringerung
des Luftwechsels im Zuge von Energiesparmaßnahmen eingrenzen zu können (s. z.B. [3], [4], [5]).
2
Zur Bestimmung des Radonquellterms eines Hauses
Die Bestimmung des Radonquellterms eines Hauses beruht auf der Prämisse [2], die zeitgleiche
Entwicklung der Radonkonzentration in allen Räumen des Hauses aufzuzeichnen und über das
Produkt von Raumgröße, multipliziert mit der Radonkonzentration, eine zeitliche Entwicklung der
Radonquellstärke in allen Räumen und damit auch der Gesamtquellstärke abzuleiten.
Einen modellhaften Überblick
über mögliche lufttechnische Kopplungen unterschiedlicher
Radonquellen und -reservoire sowie des Radontransports in zwei Kellerräumen, in zwei Zimmern des
Erdgeschosses und einem Zimmer in der 1. Etage gibt die Abb. 1. Zur Vereinfachung der
Gesamtsituation
hinsichtlich
des
Radontransfers
ist
angenommen,
dass
die
mittlere
Radonkonzentration in einem Raum durch einen bestimmten Farbton charakterisiert ist. Somit ist der
Radontransfer
in
andere
Räume
bzw.
in
die
Außenatmosphäre
durch
die
jeweilige
Radonkonzentration durch den jeweiligen Farbton in Form von Pfeilen dargestellt.

image
Hartmut Schulz
René Baumert
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 69
Abb. 1:
Schematische Darstellung der Kopplungen unterschiedlicher Radonquellen und -reservoire
sowie des Radontransports in zwei Kellerräumen, in zwei Zimmern des Erdgeschosses und
einem Zimmer in der 1. Etage. Die farbliche Unterlegung schematisiert die unterschiedlichen
Radonkonzentrationen in den Räumen.
Ein wichtiges Element der zeitabhängigen Beschreibung des Radontransports in einem Haus ist die
Berücksichtigung der Erhaltungssätze für den Luftaustausch in allen Räumen des Hauses. Es gilt
allgemein:
j
out
j
i
in
q
i
q
(1)
wobei
in
q
i
alle in einen Raum hineinkommenden Luftströme und
out
q
j
alle aus einem Raum
austretenden Luftströme bezeichnet. In
in
q
i
sind gemäß Abb. 1 für den Raum R1-1 die Radonquelle
im Keller, die Frischluftzufuhr aus der Atmosphäre und die angenommenen Radonzufuhr aus dem
Raum R1-2 enthalten, während
out
q
j
alle aus dem Raum austretenden Luftströme (Abluft in die
Atmosphäre, Transfer in den Raum R1-2, Transfer in die 1. Etage etc.) erfasst. Die obige Gleichung
kann auch in das folgende System umgeschrieben werden
Q
Q
0
j'
out
j'
i'
in
i '
(2)
T
T
0
l
out
l
k
in
k
(3)

Praktische Vorgehensweise bei der Sanierung von Alt- und Neubauten
Seite 70
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
wobei
in
Q
i'
und
out
Q
j'
die in das gesamte Haus von außerhalb (Atmosphäre bzw. Untergrund)
eintretenden bzw. austretenden Luftströme (Atmosphäre) enthalten, während
in
T
k
und
out
T
l
die
innerhalb des Hauses ausgetauschten Luft- bzw. Radonströme einbeziehen. Beide Gleichungen (2)
und (3) müssen deshalb immer gleichzeitig erfüllt sein.
Die Summe
i'
in
Q
i'
erfasst somit die durch den Luftwechsel bedingten Frischluft- sowie die
Radonzufuhr aus den externen Quellen im Untergrund. Die Summe
j'
out
Q
j'
beinhaltet die gesamte
aus dem Haus in die umgebende Atmosphäre abgegebene radonhaltige Luft. Der Radontransfer
innerhalb des Gebäudes, d.h. von einem Raum in einen anderen oder auch wieder zurück in den
Ausgangsraum besitzt gemäß Abb. 1 eine sehr einfache Struktur, d.h.
l
out
l
k
in
T
k
T
. Die
wichtigen Radonquellterme bzw. Radonfrachtterme, genauer zu bezeichnen als Radonquellstärken
bzw. Radonfrachten, ergeben sich aus dem Produkt von
i'
i'
in
Q
i'
C
, wobei
C
i'
die
Radonkonzentrationen in den einzelnen Räumen bezeichnen. In Abhängigkeit von den jeweilig
angenommenen Kopplungen und den Radonquelltermen, wobei zwischen den konvektiven
Strömungen aus den unterschiedlichen Radonreservoiren in das Gebäude und der Radongeneration
durch die Baumaterialien unterschieden
ist, ergibt sich
ein gekoppeltes System
von
Differentialgleichungen, das die Radonkonzentrationsentwicklung in jedem einzelnen Raum
beschreibt. Dieses System kann numerisch gelöst werden [6], wobei die Kopplungen nicht
zeitunabhängig und z.B. komplizierte Funktionen der Druck- oder Temperaturdifferenzen zwischen
den Räumen oder weiterer meteorologischer Größen, vor allem des anliegenden Windes, sind. Die
entsprechenden funktionalen Abhängigkeiten müssen bekannt bzw. in Form von Messwerten
vorliegen. Der Grad der Komplexität des Gleichungssystems wird dabei hauptsächlich durch die
Anzahl der Räume bestimmt.
3
Vorgehensweise der Firma IAF - Radioökologie GmbH bei der
Sanierung von Alt- und Neubauten
Um eine Radonsanierung von Alt- oder Neubauten ins Auge fassen zu können, wird bei der Firma
IAF - Radioökologie GmbH eine standardisierte Vorgehensweise angewendet. Sie beruht darauf,
zunächst belastbare Informationen über das Systemverhalten eines Hauses hinsichtlich des
Radontransports und über die Stärke der Radonquellen zu gewinnen. Dabei werden je nach
Hausgröße bis zu 15 Radonmonitore eingesetzt und die Radonkonzentrationen in allen oder nahezu
allen Räumen über einen Zeitraum von mehreren Tagen aufgezeichnet. Nur das gleichzeitige
Visualisieren der Radonkonzentrationsverläufe in allen Räumen über einen bestimmten Zeitraum
manifestiert auf anschauliche Weise, wie der Radontransport innerhalb des Hauses erfolgt und wo
letztlich der Radoneintritt in das Haus erfolgt. Ein zusätzlich wichtiges Element für die Einschätzung
des Radontransfers im Haus stellt die Berechnung der Gesamtradonaktivität in den einzelnen
Räumen und Etagen dar. Diese Größe liefert somit einen direkten Hinweis darauf, welche
Radonfrachten z.B. vom Keller in das Haus transportiert werden.
Wichtige zusätzliche Informationen zum Radontransfer innerhalb eines Hauses können z.B. auch
gewonnen werden, wenn die Radonkonzentrationen in allen Räumen innerhalb des Hauses durch
eine entsprechende Querlüftung auf das Niveau der Außenluft abgesenkt wird und anschließend die
zeitliche Entwicklung der Radonkonzentration für mehrere Stunden in allen Räumen "aufgezeichnet"
wird. In vielen Fällen liefert bereits auch das Erfassen des Absenkens der Radonkonzentration im
Zuge der Querlüftung wichtige Informationen über die Kopplungen und die Stärke der
Radoneintrittspfade (Radonquellterme). Durch das gleichzeitige Aufzeichnen der Raumtemperaturen
können bereits aus den Temperaturdifferenzen Schlussfolgerungen darüber gezogen werden, wie die

Hartmut Schulz
René Baumert
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 71
Radonmigration tatsächlich erfolgt. Das Haus als Ganzes wird bei dieser von IAF praktizierten
Vorgehensweise wie eine große Exhalationsbox betrachtet, die auf dem Baugrund aufgesetzt ist.
Als sehr praktisch hat sich erwiesen, aus dem Anstieg der Radonkonzentration im Keller nach
erfolgter Lüftung den verallgemeinerten Radonquellterm direkt zu bestimmen. Dabei werden die zum
Zeitpunkt der Messung herrschenden klimatischen Bedingungen implizit mit berücksichtigt. Durch
Wiederholung der Messungen kann z.B. die Abhängigkeit dieses verallgemeinerten Radonquellterms
von der Sommer-/Wintersaison und anderen Einflussparametern bestimmt werden. Durch die
Messung der Radonkonzentrationsentwicklung in allen anderen Räumen steht ein kompletter
Datensatz zur Verfügung, der sofort mit einem von der IAF - Radioökologie GmbH entwickelten
Programm ausgewertet werden kann.
4
Radonschutzmaßnahmen
Radonschutzmaßnahmen sind z.B. im Radonhandbuch [7] beschrieben und werden nicht näher
erläutert. Im Vordergrund steht hier die Verifizierung des Erfolgs von Radonschutzmaßnahmen bzw.
das Erkennen der Radoneintrittspfade und ihrer Relevanz in bereits existierenden Häusern. Die
Bauqualität eines Hauses übt den größten Einfluss darauf aus, ob letztlich ein erhöhtes Radonrisiko
für die Hausbewohner zu besorgen ist oder nicht. Ist das Haus praktisch als "radondicht" zu
bezeichnen, spielt die Radonverfügbarkeit des Baugrunds keine Rolle. Weist das Haus andererseits
Leckagen auf, die einen Radoneintritt begünstigen, sind die Größe des summarischen Radon-
Eindringfensters und die im Haus herrschenden Druckverhältnisse die entscheidenden Größen, die
die Radoneintrittsrate bestimmen und nicht die Höhe der Radonkonzentration in der Bodenluft des
Baugrunds.
Die etwa in 20-jähriger Tätigkeit gesammelten Erfahrungen der Firma IAF - Radioökologie GmbH auf
diesem Gebiet zeigen, dass nicht eine unzutreffende Einschätzung der Radonsituation vor
Baubeginn, sondern vor allem Baumängel und zu geringe Luftwechselraten die Ursachen von hohen
Radonbelastungen in neu errichteten Häusern oder in einem Altbau sind. Das gilt insbesondere auch
für Häuser in Gebieten mit einem vernachlässigbaren Radonrisiko. Bei gravierenden Baumängeln
können nicht tolerierbare Radonkonzentrationen in jedem Haus auftreten, ohne dass dabei die
Radonkonzentrationen in der Bodenluft besonders hohe Werte annehmen müssen.
Die nachfolgend aufgelisteten Feststellungen beziehen sich ausschließlich auf neugebaute oder
grunderneuerte Häuser und beruhen auf den Erfahrungen, die bei der IAF - Radioökologie GmbH in
den letzten 20 Jahren im Bereich des Radonschutzes gesammelt wurden.
Als eine Hauptursache für erhöhte Radoninnenraumradonkonzentrationen erwiesen sich:
"radonundichte" Durchörterungen für Abwasser (Toiletten, Bad, Küche, etc.) der
Grundplatte bei Häusern ohne Keller und
bei Häusern mit Keller zusätzlich diese Art von funktionalen Durchörterungen in
senkrechten Kellerwänden.
Ein weiteres Problem stellen Leerrohre für Zuführungen von Telekommunikations-, Elektro-,
Gasleitungen dar, wenn diese nicht radondicht durchgeführt und die in den Leerrohren
verbleibenden teils großen Zwischenräume nicht abgedichtet bzw. verfüllt werden.
Auch trockene Siphons (Geruchsverschlüsse) können als zusätzliche Radoneintrittspfade
fungieren, da sich z.B. in Abwasserkanälen je nach geologischer Situation und der
Ankopplung an das Radonreservoir zum teil beträchtliche Radonkonzentrationen bilden
können. Dies gilt auch für andere Medienkanäle.
Die Grundplatten sind nach Erfahrung der IAF - Radioökologie GmbH als ausreichend
radondicht zu bezeichnen, zumal die oft zusätzlich als Feuchtigkeitsschutz aufgebrachten
Bitumenbahnen mit Radondichtheitszertifikat das Restrisiko durch das Auftreten von kleinsten
Rissen bzw. Luftwegsamkeiten weiter reduzieren und überdies zu keinen nennenswerten
Mehrkosten im Vergleich zu Dichtungsbahnen ohne Radonzertifikat führen.
Probleme hinsichtlich des wirksamen Radonschutzes können jedoch im Gegensatz zu den
gegossenen Grundplatten nicht fachgerecht errichtete senkrechte Kellerwände bereiten. Hier

Praktische Vorgehensweise bei der Sanierung von Alt- und Neubauten
Seite 72
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
sind z.B. die Übergänge zur Grundplatte und die Fugen zwischen vorgefertigten
Wandsegmenten zu nennen.
Werden Häuser mit weißer Wanne gebaut, so ist dies nach Erfahrungen der IAF -
Radioökologie GmbH ein ausreichender Radonschutz, wenn, wie oben beschrieben, die
Medieneinbindungen etc. radondicht ausgeführt worden sind.
Ein Keller, der dauerhaft von Boden mit hohen Wassergehalten umgeben ist, kann zumindest
für den Bereich der gesättigten Bodenzone als total radondicht bezeichnet werden, da die
Radondiffusionskonstante
im
Wasser
etwa
4 - 5 Größenordnungen niedriger als die für den Bodenlufttransport ist. Auch hier ist für die
Medieneinbindungen oberhalb der Grundwasserlinie die Radondichtheit nachzuweisen und
die Funktionstüchtigkeit der Siphons zu garantieren. Anderenfalls kann, wie Beispiele gezeigt
haben, auch ein Haus mit Keller als weiße Wanne, umgeben von Bodenwasser, erhöhte
Innenraumradonkonzentrationen aufweisen.
Die radiologischen Messungen zum Nachweis der Radondichtheit der Gebäudehülle sollten
schrittweise während der Bauphase und nicht erst nach Fertigstellung des Hauses bzw. des sanierten
Altbaus erfolgen. Die Lokalisierung und Beseitigung von Leckagen, die den Radoneintritt in ein Haus
begünstigen, ist nach Beendigung des Hausbaus oder nach Bezug des neuen Hauses immer mit teils
unverhältnismäßig hohen Kosten verbunden.
Es hat sich als günstig erwiesen, zunächst in einem 1. Schritt die Radondichtheit von allen
Durchörterungen und diversen anderen Durchführungen zu prüfen, bevor der weitere Aufbau des
Fußbodens, d.h. das Verkleben der Bitumenschweißbahnen zum Feuchtigkeitsschutz, des Einbaus
der Fußbodendämmung und Aufbringung der Estrichböden in Alt- und Neubauten realisiert wird.
Bereits aufgetragener Estrich und Feuchtigkeitsschutz erweisen sich als sehr hinderlich und
kostentreibend, wenn erhöhte Radoninnenraumkonzentrationen bestimmt wurden und Leckagen zu
lokalisieren sind. Als Erfahrungswert liegt bei IAF - Radioökologie GmbH vor, dass ca. 3 von 10
Durchörterungen nachgearbeitet werden müssen. Die Radondichtheitsprüfung von fertiggestellten
Durchörterungen kann während des weiteren Bauablaufs erfolgen. Werden so viele Radonmonitore
eingesetzt, wie z.B. Durchörterungen in einem Einfamilienhaus vorhanden sind, entstehen praktisch
nur geringe Mehrkosten.
Ist die Radondichtheit nachgewiesen, sollte in einem 2. Schritt durch entsprechende Messungen
geprüft werden, ob Radon durch noch nicht identifizierte Leckagen in das Haus bzw. in den Keller
eindringt. Zweckmäßig und kostengünstig ist auch hier so viele Radonmonitore einzusetzen, wie das
Haus Räume hat [2].
Sind keine Leckagen zu besorgen, quantifizieren die charakteristischen zeitlichen Anstiege der
Radonkonzentrationen in den einzelnen Räumen die Radonfreisetzung der Baumaterialien und liefern
somit den wichtigsten Hinweis darauf, wie hoch ein Luftwechsel in dem neuen Haus sein muss, damit
die Radoninnenraumkonzentration den vorgegebenen Zielwert nicht übersteigt [2], [8].
In diesem Zusammenhang sind jedoch auch zusätzlich direkte Luftwechselmessungen und
Messungen von Differenzdrücken, z.B. zwischen Keller und dem Erdgeschoss zu empfehlen.
Da Radon nicht nur vorrangig von unterhalb der Bodenplatte, sondern ebenso von der "Seite" in den
Keller eindringen kann, ist dies ist unbedingt bei den Dichtigkeitsprüfungen zu beachten. Das gilt
insbesondere, wenn wie oben ausgeführt, senkrechte Kellerwände aus Fertigelementen aufgebaut
und auf die Grundplatte aufgesetzt werden und überdies kein besonderer Feuchtigkeitsschutz
aufgebracht wird. Ebenso ist bei einer Altbausanierung darauf zu achten, dass oftmals auch die
aufgemauerten Ziegelwände der Keller, die mit dem umgebenden Erdreich in einem direkten Kontakt
stehen, eine nicht zu unterschätzende "Leckagefläche" sein können. Bei Trockenlegungen von
Bauwerken sollte der Radonschutz mit ins Auge gefasst werden, da trockene Wände eine
Radonpenetration im Vergleich zu nassen Wänden stark begünstigen können.
Es ist auch zu empfehlen, nach der Installation der Heizung bei hohen Innenraumtemperaturen die
Radonmessungen über mindestens 2 Tage auszudehnen. Damit kann überprüft werden, ob durch
den durch Temperaturerhöhung induzierten Unterdruck die Radondichtheit gegeben ist. Auch bei
dieser einfachen Überprüfung ist vorteilhaft und kostengünstig, möglichst so viele Radonmonitore
einzusetzen, wie das Haus Räume hat [2].

Hartmut Schulz
René Baumert
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 73
Ob Messungen der Radoninnenraumkonzentrationen nach der Fertigstellung eines Hauses im Zuge
der Übergabe des Hauses oder des sanierten Altbaus durchgeführt werden sollen, hängt von den
Vereinbarungen zwischen Baufirma und Bauherrn ab. Sollte dies gefordert werden, so sind die
Messungen mindestens in allen Räumen über ca. 1 Woche auszudehnen. Dabei ist jedoch unbedingt
darauf hinzuweisen, dass wegen der möglicherweise stark eingeschränkten Nutzung des Hauses und
des damit verknüpften niedrigen Luftwechsels höhere Radonkonzentrationen gemessen werden als
bei normaler Hausnutzung.
Zur Überprüfung der Radonkonzentrationen in einem bewohnten Haus ist es üblich, die
Radonkonzentrationen durch integrierende Langzeitmessungen zu bestimmen. Dabei wird jedoch die
Radonkonzentration in den Räumen unabhängig von der Nutzung ermittelt, so dass diese Mittelwerte
nur bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Exposition liefern können. Man kann deshalb Lang-
und zeitaufgelöste Kurzeitmessungen miteinander kombinieren. Im Ergebnis der Untersuchungen in
[2] wurde nachgewiesen, dass die zeitaufgelösten Messungen den entscheidenden Vorteil besitzen,
Informationen über das Systemverhalten des gesamten Hauses und die Ursachen von erhöhten
Radonkonzentrationen zu gewinnen.
Abschließend ist zu bemerken, dass über die Luftwechselzahlen in neu gebauten Häusern in
Zusammenhang mit Innenraumradonkonzentrationen praktisch keine Informationen vorliegen. Es
sollte deshalb in Zusammenhang von Überprüfungsmessungen diesem Problem besondere
Aufmerksamkeit geschenkt werden, d.h. entweder durch direkte Luftwechselmessungen oder indirekt
durch Modellierung von Ergebnissen zeitaufgelöster Kurzzeitmessungen. In jedem Fall ist es wichtig
zu ergründen, ob eventuell erhöhte Radonkonzentrationen nur eine Folge einer zu geringen Lüftung
sind.
5
Literaturverzeichnis
[1]
"Radon in öffentlichen Gebäuden", IAF, WISMUT, GEOPRAX, BPS im Auftrag des
Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie, 2005/2006.
[2]
Erarbeitung fachlicher Grundlagen für die Entwicklung zeit- und kosteneffektiver Verfahren zur
Bestimmung von Strahlenexpositionen durch Radon in Wohnungen (StSch 4534), IAF -
Radioökologie GmbH und B.P.S. Engineering GmbH im Auftrag des BfS, Januar 2010
[3]
H. Schulz, "Aktueller Kenntnisstand zu Radon in Gebäuden", Sächsischer Radontag 2007
[4]
W. Löbner, Luftaustausch in Gebäuden – Bestimmung der Luftwechselraten in Räumen,
Vortrag SMUL Dresden, KORA Dresden, September 2006 und Referenzen in diesem Vortrag
[5]
W. Löbner, H. Schulz, Ermittlung des Quellterms durch Kombination von Messungen der Rn-
Konzentration und Tracergasmessungen, Radon Workshop des BfS, November 2006, Berlin
und Referenzen darin
[6]
H. Schulz, Modellierung der Radonkonzentrationsentwicklung in einem Haus als Multi-
Kompartiment-Problem, IAF - Radioökologie GmbH, Interne Berichte
[7]
R. Lehmann & H. Landfermann & A. Junkers & U. Schöppler (September 2001) Radonhandbuch
Deutschland, Braunschweigdruck GmbH Druck Verlag Medien 38112 Braunschweig
[8]
R. Gellermann, H. Schulz, “Erhöhte natürliche Radioaktivität in Baugrund und Baustoffen -
neue Anforderungen an die Ingenieurplanung Planen und Bauen“, Beratende Ingenieure,
September 2004, Springer-VDI-Verlag, 26 – 31

Seite 74
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012

 
Julia Gilberg
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 75
RADONSCHUTZ
AN
GEBÄUDEN
ERFAHRUNGEN
UND
SACHSTAND
RADON PROTECTION IN BUILDINGS - EXPERIENCES AND STAGE
OF PROCEEDINGS
Julia Gilberg
Freie Universität Berlin, Berlin
Zusammenfassung
Seit im Februar 2010 ein Entwurf für eine Neufassung der EURATOM Basic Safety Standards durch
die EU veröffentlicht wurde, rückt die internationale Radon-Problematik auch in der deutschen Politik
stärker in den Mittelpunkt. Erstmals wurden Regelungen für einen Grenzwert der Radonkonzentration
in Gebäuden formuliert, die laut Zielsetzung spätestens 2013 durch die EU-Gremien beschlossen
werden sollen. Von diesem Zeitpunkt aus ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die festgesetzten
Regelungen in nationales Recht überführt werden. Gleichzeitig werden die Anforderungen an
radonsicheres Bauen und Sanieren steigen und die Bau- und Werkstoffindustrie vor neue
Herausforderungen stellen.
Summary
In February 2010 the EU published a revised version of the EURATOM Basic Safety standards. For
this reason, international radon politics have become a stronger focus of German politics as well. For
the first time regulations containing a limit for radon concentrations in buildings were formulated. This
limit should be adopted by the EU committees in 2013 at the latest. From this time on it will only be a
matter of time until the regulations will be transposed into national law. At the same time the
requirements regarding construction and modernisation will increase and set new challenges for the
building and material industries.

Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen und Sachstand
Seite 76
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
„Wir können das Radon nicht aus dem Boden entfernen, wir können aber ohne große
zusätzliche Kosten so bauen und sanieren, dass das Radon in Zukunft kein Problem mehr
darstellen sollte.“ (Dr. Luigi Minach 2003)
1
Allgemeine Informationen
1.1 Gesundheitsrisiko Radon
Radon ist ein natürliches, im Erdreich auftretendes, radioaktives Edelgas. Es ist auch in hohen
Konzentrationen unsichtbar, farb- sowie geschmacklos, weder brennbar noch explosiv, und völlig
geruchlos. Der Mensch kann es nicht wahrnehmen und erkennt das damit verbundene Risiko nicht.
Das durch die Atemluft aufgenommene Radon, inklusive dessen radioaktive Zerfallsprodukte, können
bei einer langjährigen Inhalation Lungenkrebs verursachen. Nach Aussagen des Bundesministeriums
für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sind „ca. 7 % der Lungenkrebserkrankungen in
Deutschland dem Radon und seinen Folgeprodukten anzulasten, d.h. 2.000 Erkrankungen pro Jahr“
(BMU 2004). Radon tritt vor allem im Boden auf und entsteht aus den natürlichen Zerfallsreihen des
Urans und Thoriums. Die gebildeten Zwischenprodukte zerfallen über die Isotope des Radiums in das
radioaktive Edelgas Radon. Als Endprodukte entstehen stabile Bleiisotope. In Folge der
Zerfallsprozesse der radioaktiven Elemente wird ionisierende Strahlung freigesetzt.
Die seit der Entstehung unserer Erde in Gesteinen vorkommenden radioaktiven Stoffe hängen
maßgeblich von den geologischen Lagerungsbedingungen, den physikochemischen Eigenschaften
der Radionuklide sowie den gesteinsbildenden Prozessen ab und weisen folglich erhebliche
Unterschiede auf. Radon kommt vermehrt in Konzentrationen von >30. 000 Bq/m
3
in Porenräumen
des Erdreiches vor und breitet sich in Abhängigkeit von der Materialstruktur infolge der
Konzentrationsunterschiede durch Diffusion und infolge von Druckunterschieden durch konvektiven
Transport in Richtung Oberfläche aus. Somit kann Radon sowohl in das Grund- und
Oberflächenwasser gelangen als auch von Pflanzen, Tieren und dem Menschen direkt aufgenommen
werden und bildet seit jeher einen erheblichen Anteil der natürlichen Strahleneinwirkungen auf den
menschlichen Körper.
1.2 Radon in Wohnräumen
Es wurde bereits erläutert, dass sich Radon auf mehrere Arten ausdehnen und verbreiten kann
(Temperatur und Druck). Ist ein Gebäude gegenüber dem Untergrund geringfügig undicht (Risse,
undichte Rohrleitungen), kann das Edelgas unbemerkt in die Wohnräume eindringen. Während sich
Radon in der freien Luft um das 1.000- fache verdünnt, dringt das sich im Boden befindende Radon
ohne merkliche Verdünnung in das Gebäude. Zusätzlich wird das Eindringen des Edelgases durch
Temperaturunterschiede gefördert. Wenn im Gebäude eine höhere Temperatur als im umliegenden
Boden herrscht, kann die mit Radon gespeiste Bodenluft durch den entstandenen Unterdruck aus
einem Umkreis von bis zu 20 Metern angezogen und anschließend in das Gebäude transportiert
werden. Mit einer Halbwertzeit von 3,8 Tagen kann Radon über längere Zeit in Gebäuden verbleiben
und seine radioaktiven Zerfallsprodukte freisetzen. Zusätzlich zum Eindringen von Bodenradon in
Gebäude durch Undichtigkeiten, kann Radon auch aus Baumaterialien freigesetzt werden. Besonders
bei
der
Verwendung
von
Natursteinen
oder
bergbaulichen
Rückständen
mit
erhöhten
Radiumgehalten als direkte Baustoffe, kann die Radonkonzentration im Gebäude stark ansteigen.

Julia Gilberg
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 77
1.3 Rechtlicher Hintergrund
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es bis zum heutigen Zeitpunkt keine gesetzlichen
Regelungen zu Grenz- bzw. Referenzwerten der Radonkonzentration in Wohnräumen. Obwohl schon
lange über ein Radonschutzgesetz diskutiert wird, gibt es bislang keine gesetzlichen Regelungen, die
Radon-Messungen in Wohngebäuden vorschreiben. Die Strahlenschutzkommission (SSK) erklärte
bereits 2005, dass bei Radonwerten von 100 bis 200 Bq/m³ eine Erhöhung der Lungenkrebsrate
gegeben sei. Anschließend legte das Bundesumweltministerium einen Entwurf für ein
Radonschutzgesetz mit einem Zielwert von 100 Bq/m³ für Neu- und Altbauten vor, der jedoch von den
Bundesländern als unrealistisch in der Umsetzung eingeschätzt und deshalb abgelehnt wurde (vgl.
Helmholtz Zentrum München 2010). Die deklarierten Richtwerte waren das Ergebnis kontinuierlicher
langjähriger Diskussionen der ICRP, EU und WHO, die in etwa gleichzeitigen Veröffentlichungen
dieser internationalen Interaktionen mündeten. Empfehlungen der International Commission on
Radiological Protection (ICRP) sowie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für einen Zielwert von
100 Bq/m³ bzw. einen Maßnahmenwert von 300 Bq/m³ in Wohnräumen, führten zu einem neuen
Entwurf der Basic Safety Standards durch die International Atomic Energy Agency (IAEA). Von der
Europäischen Kommission wurde 2010 eine Neufassung der EURATOM- Richtlinien zum Schutz vor
den Gefahren ionisierender Strahlung vorgelegt, wonach die Mitgliedstaaten verbindliche
Referenzwerte für die Radonkonzentration in Gebäuden einhalten sollen. Diese sollen 200 Bq/m³ in
neuen Wohnräumen und öffentlich zugänglichen Gebäuden, 300 Bq/m³ in bestehenden Wohnräumen
sowie
bestehenden
öffentlich
zugänglichen
Gebäuden
und
in
Ausnahmefällen
(kurze
Aufenthaltsdauer) 1.000 Bq/m³ betragen. Die Mitgliedstaaten sollen sich zudem verpflichten,
Maßnahmen zur Verringerung der Radonwerte in Wohnräumen zu treffen und regelmäßig
Messungen in radonbelasteten Gebieten durchzuführen (vgl. EURATOM 2011).
2
Radonsicheres Bauen und Sanieren
2.1 Vorgehensweise
Die Vorgehensweisen bei einer Radonbelastung in einem bestehenden Gebäude oder in Bezug auf
die Prävention bei Neubauten unterscheiden sich maßgeblich. Während bei Neubauten die
Maßnahmen zuverlässig kalkuliert und finanziell sicher definiert werden können, ist bei der
Radonsanierung ein Abwägen der alternativen Möglichkeiten, aufgrund der bereits bestehenden
Bausubstanz, unumgänglich. Grundlage jeder Schutzmaßnahme sollte eine Erkundung der Ursache
der erhöhten Radonkonzentration sein. Jedes Gebäude verfügt über Charakteristika, wie das
spezifische Umfeld (z.B. Beeinflussung durch den Bergbau) oder bauliche Besonderheiten (z.B.
Gebäudeisolierung), die ausschlaggebend für die Radonkonzentration sein können. Zudem sollten
nach jeder Art der Radonsanierung bzw. des Radonsicheren Baus sämtliche Maßnahmen auf ihre
Funktionalität geprüft werden.
Es lassen sich fünf Grundelemente eines zweckmäßigen Vorgehens festhalten. Zu Beginn jedes
Bauvorhabens sollte eine fachliche Beurteilung der Radonbelastung des betreffenden Gebietes bzw.
des Gebäudes stattfinden. Bei Neubauten sind Informationen über die Radonbelastung des Gebietes
zu beschaffen, im Gegensatz zu bestehenden Gebäuden, bei denen Radonmessungen unabdingbar
und die Grundlage jeder Maßnahmenplanung sind. Die jeweilige Belastung gibt schließlich
Aufschluss über die nötigen Maßnahmen zur Reduzierung der jeweiligen Radonkonzentration. Bevor
jedoch mit aufwendigen baulichen Maßnahmen begonnen wird, sollte vorab über Alternativen
nachgedacht werden. Gegebenenfalls kann bei bestehenden Gebäuden auf die Nutzung von Wohn-
und Aufenthaltsräumen im Kellerbereich verzichtet werden. In jedem Fall sollten sämtliche
Maßnahmen zu abgestimmten Paketen zusammengestellt werden, d.h. dass stets Kombinationen
von beispielsweise Dichtungs- und Lüftungsmaßnahmen verwendet werden sollten. Dies ist
besonders bei Radonsanierungen von Bedeutung, da hier die Kosten nicht absehbar sind und somit
zweckmäßig mit einfachen Maßnahmen begonnen werden sollte. Bei der Ausführung der jeweiligen

Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen und Sachstand
Seite 78
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Maßnahme ist eine stetige Überwachung der Spezialelemente (z.B. Radondichte Folie) sowie deren
Montage von Nöten, da so eventuelle Beschädigungen umgehend beseitigt werden können. Nach der
erfolgreichen Ausführung der Schutzmaßnahmen sollten regelmäßige Erfolgskontrollen- und
Messungen durchgeführt werden, um die Funktionalität der einzelnen Elemente überprüfen zu
können und gegebenenfalls Mängel zu beheben. Zusammenfassend sind die strategische Planung,
die Beweissicherung und eventuelle Vorstudien, das Vorprojekt bzw. das Projekt, die Realisierung
sowie die anschließende Nutzung maßgeblich entscheidend für einen erfolgreichen Radonschutz an
Gebäuden.
3
Bauliche Maßnahmen
3.1 Radonschutz durch Abdichtungsmaßnahmen
Um ein Gebäude vor dem Eindringen von Radon aus dem Erdreich zu schützen, gibt es die
Möglichkeit die erdberührenden Teile des Gebäudes abzudichten. Dabei erfolgt die Abdichtung durch
so genannte Dichtungsschichten, die das Gebäude wie in einem „Gefäß“ vom Erdreich abschirmen
und verhindern, dass Radon in das Gebäude eindringen kann. Wie bereits erwähnt, kann das
Edelgas als Bestandteil der Bodenluft konvektiv durch Öffnungen in den erdberührenden Bauteilen
oder infolge von Diffusion aus Boden und Wänden in das Gebäude eindringen. Für den Radonschutz
von Neu- bzw. Altbauten ist der konvektive Radontransport durch Leckagen von Bedeutung, da die
Diffusion nur einen geringen Anteil an der Radonkonzentration in Gebäuden hat (max. einige zehn
Bq/m
3
). Viele Firmen bieten Folien und Abdichtungsbahnen auf unterschiedlicher Materialbasis an,
die als „radondicht“ deklariert werden. Wichtig für die Beurteilung der tatsächlichen Dichte ist die
Halbwertzeit des Radons von 3,8 Tagen. Ist das Material dicht genug, sodass die durchschnittliche
Diffusionszeit der Radonatome mehrere Halbwertzeiten beträgt, findet der radioaktive Zerfall bereits
im Material statt. Die entstandenen Zerfallsprodukte sind nicht mehr gasförmig, bleiben im Material
und sind somit unschädlich für den menschlichen Organismus. Wichtig ist, dass die verwendeten
Abdichtungsmaterialien keine Risse oder Beschädigungen aufweisen, wodurch die Dichte gefährdet
wäre. Beispiele für radondichte Materialien sind PEHD, Polymerbitumen oder Epoxidharz.
Die häufigste Ursache für hohe Radonkonzentrationen in Gebäuden sind Leckstellen in
erdberührenden Bauteilen. Nach Aussagen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit sowie nach Meinung des Bundesamtes für Strahlenschutz können Undichtigkeiten
in Form von Rissen und Fugen in Böden und Wänden, in Durchführungen von Kabeln und Leitungen,
in Form von Bodenschächten und Kontrollöffnungen, Kaminen sowie in Kellern mit Naturböden
auftreten. In Neubauten als auch in bestehenden Gebäuden sind folgende Maßnahmen möglich: das
Absperren des Erdreichs mit Dichtungsbahnen, Anstrichdichtungen an und in Bauteilen, das
Abdichten von Fugen, Rissen, Löchern und Durchbrüchen sowie das Abdichten von jeglichen
Öffnungen wie Türen, Fenstern usw.
3.2
Radonschutz durch Lüftungstechnische Maßnahmen
Neben den vorgestellten Möglichkeiten der Abdichtung, gibt es weitere Maßnahmen die
Radonkonzentration in Gebäuden zu senken. Diese Maßnahmen resultieren aus einem natürlichen
Druckgefälle, das unterschiedliche Ursachen haben kann. Naturgemäß besteht in jedem Gebäude ein
temperaturbedingtes Druckgefälle, das über mehrere Etagen wirksam sein kann. Wenn die Luft sich
im Gebäudeinneren erwärmt, beginnen die Luftmoleküle zu schwingen und die Dichte nimmt ab.
Folglich ist die Luft leichter und steigt nach oben, so dass ein Luftloch mit niedrigem Luftdruck
entsteht. Da Luftmassen mit hohem Luftdruck stets zu Luftmassen mit niedrigem Luftdruck strömen,
entsteht im Inneren des Gebäudes ein Unterdruck, der wiederum Radon aus der Bodenluft in das

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Gebäude zieht. Lift- und Lüftungsschächte können diesen Effekt noch zusätzlich verstärken.
Unterdruckerhöhend wirken zudem technische Anlagen wie Abluftventilatoren für Badezimmer oder
Küchen, Öfen und Kamine, soweit diese keine separate Luftzufuhr von außen aufweisen. Auch der
Wind kann die Radonproblematik erheblich beeinflussen, wobei die Lage des Gebäudes und die
Gebäudehüllendichtigkeit maßgebend sind. Unerheblich welcher Ursache, kann ein solcher
Unterdruck bei einer Temperaturdifferenz zwischen Innen- und Außenluft von 20 Grad Celsius
mehrere Kubikmeter Luft pro Stunde durch einen Riss von einem Meter Länge und einem Millimeter
Breite ziehen. Folgenden Lüftungstechnischen Maßnahmen können die Druckverhältnisse in einem
Gebäude so beeinflussen, dass Radon nicht mehr in das Gebäude gesaugt bzw. auf ein akzeptables
Maß verringert werden kann: Underdruck erzeugende Faktoren eliminieren, einen Unterdruck unter
dem Gebäude erzeugen, im Gebäude einen künstlichen Überdruck erzeugen sowie das Abführen
radonhaltiger Luft aus dem Gebäude.
4
Zum internationalen Stand des Radonschutzes an Gebäuden
Nachdem in den letzten Jahrzehnten der Radonschutz aufgrund der gesundheitsgefährdenden
Wirkung, fast nur bei Bergarbeitern eine Rolle spielte, gab es vor über 30 Jahren seitens nationaler
und internationaler Strahlenschutzbehörden die ersten Untersuchungsprogramme zum Thema Radon
in
Gebäuden.
Neben
wissenschaftlicher
Grundlagenforschung
wurden
Messungen
der
Radonkonzentration in der Raumluft, Bodenluft und im Wasser durchgeführt. Als Ergebnis entstanden
erste Übersichtsmessungen mit dem Ziel einer Interpretation der Daten, um Rückschlüsse über ein
eventuelles Gefährdungspotential zu erhalten. Die Auswahl der Messorte erfolgte in den ersten
Jahren eher zufällig und räumlich nicht gleich verteilt. Schnell wurde jedoch die Notwendigkeit
systematischer Untersuchungen erkannt. International gab es Differenzierungen in der Auswahl der
Schwerpunkte bei der Durchführung der Messkampagnen, aber mit dem gleichen Ziel, die
Bevölkerung vor der Strahlenexposition bzw. der Inhalation von Radon und seinen Folgeprodukten zu
schützen. Als möglicher Zugang dienten Messungen der Radonkonzentration in privaten und
öffentlichen Gebäuden. Diese Strategie wurde beispielsweise in England oder in der Schweiz
verfolgt. Eine andere Möglichkeit bildete die Untersuchung der Quelle des Radons, d.h. des
geologischen Untergrundes. Die Messung der Radonaktivitätskonzentration in der Bodenluft
etablierte sich z.B. in Ländern wie Deutschland oder der Tschechischen Republik. Die Ergebnisse der
Messungen wurden in der Regel statistisch aufbereitet und kartographisch dargestellt. Die Kriterien
einer solchen Radonkartierung variierten von Land zu Land deutlich, aber mit dem gleichen Ziel, einer
Identifizierung von so genannten "Radongebieten" bzw. der Einstufung von Gebieten in Klassen
unterschiedlichen Radonrisikos. Neben diesen, mehr oder weniger, flächendeckenden Messungen
sind in einigen Ländern gezielte Fallstudien und exemplarische Untersuchungen zum Radonschutz
bei Neubauten sowie zur Sanierung bereits bestehender Gebäude durchgeführt worden. Die
Öffentlichkeitsarbeit der einzelnen Länder unterscheidet sich bis heute, jedoch konnte in vielen Fällen
auf die Radonproblematik aufmerksam gemacht werden und die breite Bevölkerung sowie bestimmte
Berufsgruppen wie Architekten oder Bauingenieure für dieses Thema sensibilisiert werden. In der
Schweiz wurde in den letzten Jahren ein Radon-Sachverständigenwesen aufgebaut, das auch in
Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt. Parallel dazu wird Radon im Rahmen der
Risikokommunikation, beispielsweise bei Bauvorhaben der öffentlichen Hand, zunehmend
thematisiert.
So
werden
Betroffene,
d.h.
Bewohner
in
Gebieten
mit
erhöhten
Bodenluftkonzentrationen, über das höhere Risiko in Bezug auf die gesundheitsschädliche Wirkung
des Edelgases aufgeklärt. Resultat der Untersuchungsprogramme waren zumeist gesetzliche
Regelungen, so dass mittlerweile in zahlreichen Ländern Europas und außerhalb Europas
Empfehlungswerte, Richt- oder Grenzwerte für die Radonkonzentration in Wohngebäuden oder an
Arbeitsplätzen existieren, wenn auch in verschiedener Höhe. Gleichzeitig wurden z. T.
Baubestimmungen erlassen, die - generell oder lokal begrenzt - präventive Schutzmaßnahmen für
Neubauten vorschreiben. Die einzelnen Staaten orientieren sich bei der nationalen Gesetzgebung für
Wohngebäude zum überwiegenden Teil an den Werten der EU-Empfehlung (1990). Grundsätzlich
sind Richt- bzw. Grenzwerte für Neubauten niedriger oder höchstens genauso hoch wie diejenigen für
bestehende Gebäude. Für Neubauten wird in der Regel ein Wert von 200 Bq/m
3
angesetzt, für bereits
bestehende Gebäude ein Wert zwischen 200 und 400 Bq/m
3
. Außerhalb dieser Spanne liegen

Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen und Sachstand
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beispielsweise der Richtwert von 150 Bq/m
3
für Neubauten und bestehende Gebäude in Luxemburg
und den USA sowie der Grenzwert von 1.000 Bq/m
3
für Wohn- und Aufenthaltsräume in der Schweiz
(vgl. radon- info.de 2012).
Für den internationalen Vergleich von baulichen Maßnahmen zum Schutz vor Radon wurden im
Rahmen dieser Fallstudie neben der Bundesrepublik Deutschland in Europa 14 Länder, darunter 11
EU- Mitgliedsländer und 3 Nicht EU- Mitgliedsländer untersucht. Für den globalen Vergleich wurde
die USA betrachtet. Hierbei lassen sich mehrere Techniken zum Radonschutz an Gebäuden
festhalten. In den untersuchten Ländern wurde mindestens eine der folgenden Techniken zur
Reduzierung der Radonkonzentration in einem Gebäude verwendet. Diese lassen sich wiederum in
Maßnahmen, die in einem Gebäude vorgenommen werden und Techniken, die unter einem Gebäude
installiert werden differenzieren. Um die Radonkonzentration in einem Gebäude zu reduzieren
wurden vermehrt Abdichtungstechniken, wie die Luftabdichtung zwischen Gebäude und Boden oder
die Nutzungsänderung der Räumlichkeiten angewandt. Des Weiteren wurden Maßnahmen zum
Absaugen der radonhaltigen Luft beispielsweise aus einem Zwischenboden oder Techniken zur
Druckregulierung in einem Gebäude verwendet. Die häufigste Maßnahme, die Radonkonzentration
unter einen kritischen Schwellenwert zu senken, stellen jedoch die verschiedenen Lüftungstechniken
vom
Querlüften
des
Kellergeschosses
bis
zu
mechanischen
Lüftungssystemen
mit
Wärmerückgewinnung dar. Unter dem Gebäude wurde vermehrt auf den Einsatz von
Lüftungstechniken bzw. das Absaugen der Bodenluft infolge einer Druckreduzierung gesetzt, welche
mittels punktuellen oder flächigen Absaugsystemen messbare Erfolge erzielten.
4.1 Auswertung
Um eine Einschätzung der Situation in Deutschland zu erhalten, wurde ein Vergleich mit anderen
Ländern vorgenommen. Dieser Vergleich sollte einerseits die rechtliche Situation beleuchten,
andererseits einen Einblick in die verwendete Methodik geben. Die aufgeführten Betrachtungen
zeigen, dass die Radonproblematik global bekannt ist und besonders in Europa durch die
Neufassung der EU Grundnorm in den politischen Blickpunkt wandert. Derzeit existieren
umfangreiche Datenbestände zu Radonmessungen und immer mehr detaillierte Radonkarten werden
veröffentlicht. Die Art der Radonkartierung ist dagegen sehr unterschiedlich. In wenigen Ländern
wurde
primär
die
Geologie
als
Grundlage
verwendet,
in
vielen
Ländern
hingegen
Innenraummessungen für die Einteilung von Radongefährdungsgebieten herangezogen. Auch
Bodengasmessungen werden in manchen Ländern als Informationsquelle angesehen. Des Weiteren
unterscheidet sich die Feinheit der Kartierungen. In manchen Ländern werden relativ große Bereiche
kartiert und in anderen Ländern wird eine extrem genaue Kartierung angestrebt. Dies kann
verschiedene Ursachen haben. So kann die Verantwortung bei regionalen Behörden liegen, die dem
Radon wenig Beachtung schenken oder aufgrund von erhöhten Radonrisiken in gewissen Gebieten
auf eine genaue Untersuchung Wert legen. Des Weiteren unterscheidet sich die rechtliche Situation
in den verschiedenen Ländern. Nur wenige Länder haben gesetzlich festgelegt Grenzwerte (z.B.
Schweden; GB; Schweiz) für Radoninnenraumkonzentrationen. Viele begnügen sich mit Richtwerten,
bei deren Überschreitung Reduktionsmaßnahmen empfohlen werden. Zumeist wird zwischen
Neubauten und bestehenden Gebäuden unterschieden. In den folgenden Abbildungen sind die Richt-
und Grenzwerte für bestehende Wohnräume und Neubauten zusammengefasst (Stand 2011). Zur
Vergleichbarkeit wurden alle nationalen Werte in Bq/m
3
umgerechnet. Gestaffelte Richtwerte und
nationale Besonderheiten wurden nicht aufgeführt. Wenn für bestimmte Länder keine Werte
verzeichnet sind, liegen derzeit keine Richt- oder Grenzwerte vor.

image
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Julia Gilberg
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Abb. 1:
Richt- und gesetzlich festgelegt Grenzwerte für die Obergrenze der Radonkonzentration in
bestehenden Gebäuden. Quelle: eigene Darstellung 2011
Abb. 2:
Richt- und gesetzlich festgelegte Grenzwerte für die Obergrenze der Radonkonzentration in
Neubauten. Quelle: Eigene Darstellung 2011

Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen und Sachstand
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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In Europa lassen sich signifikante Unterschiede im Umgang mit Radon und dessen
gesundheitsschädigender Wirkung erkennen. Während Länder wie Großbritannien oder die Schweiz
eine umfangreiche Informationspolitik betreiben, sind in osteuropäischen Ländern nur wenige
Informationen zu angewandten Radonschutzmaßnahmen zu finden. Eine Ausnahme bildet die
Tschechische Republik, in der die Radonproblematik einen festen Stellenwert in der Bevölkerung und
Politik inne hat. Die mitteleuropäischen Länder sind durch eine enorme Datenvielfalt charakterisiert.
Auch Großbritannien und Irland verfügen über umfangreiche Fallstudien zum Thema Radonschutz an
Gebäuden. Zwischen EU und Nicht EU Mitgliedsländern konnte in Bezug auf die Informationspolitik
kein Unterschied festgestellt werden. Ob die Informationsvielfalt der mittel- und westeuropäischen
Länder auf eine bessere Informationspolitik oder auf die jeweilige finanzielle Situation zurückgeführt
werden kann, ist nicht bekannt. Im globalen Kontext wurde die USA betrachtet, die unter
Federführung der EPA eine landesweit intensive Informationspolitik verzeichnen kann. Im Gegensatz
zur Bundesrepublik gibt es in den USA zahlreiche staatlich zertifizierte Bauunternehmen, so genannte
„radon contractors“, die bauliche Maßnahmen zum Radonschutz an Gebäuden anbieten. Neben der
unterschiedlichen Sensibilisierung der Bevölkerung wurden im internationalen Vergleich mehrere
Gegensätze in Bezug auf die angewandten Maßnahmen zum Radonschutz an Gebäuden deutlich.
Jedes Land bevorzugt bestimmte Methoden, beispielsweise Großbritannien den Radonbrunnen
(„sump system“) und deklariert bestimmte Verfahrensabläufe. Der Radonbrunnen zeigt hier
Differenzierungen. In Finnland wird der Radonbrunnen bevorzugt neben dem Gebäude errichtet, in
Irland oder Italien dagegen unter der Bodenplatte. Auch die Ableitung der radonhaltigen Luft wird in
den untersuchten Ländern verschieden gehandhabt. So werden in Irland die ableitenden
Rohrleitungen an der Außenwand des Gebäudes montiert, in Italien wegen Frostgefahr bevorzugt im
Inneren des Hauses. Auch der entlüftete Bereich des Radonbrunnens variiert in den untersuchten
Angaben. In Italien soll ein Radonbrunnen unter einem Gebäude eine Fläche von bis zu 200m
2
entlüften, in der Tschechischen Republik wird dagegen von einem Radius von maximal 6m
gesprochen. Die verschiedenen Angaben resultieren aus der jeweiligen geologischen Situationen der
Länder. Insgesamt wurde deutlich, dass zum jetzigen Zeitpunkt verschiedenste Verfahren und
Maßnahmen zum Schutz vor Radon in Gebäuden entwickelt und angewandt wurden. Jedes Land
deklariert eine oder die Kombination mehrerer Techniken zum effektiven Schutz vor Radon und
seinen Folgeprodukten. Die untersuchten Techniken variieren jedoch in ihrer Handhabung und
Konstruktion. Hier ist ein verstärkter Austausch der vorhandenen Erfahrungen nötig, um bestehende
Methoden zu verbessern.
5
Auswertung der Befragungen
Im Rahmen der Auswertung der verschiedenen Maßnahmen zum Radonschutz an Gebäuden in
Deutschland, wurden verschiedene Erfahrungsträger zu ihrer persönlichen Meinung in Bezug auf die
Radonproblematik befragt. Interviewpartner waren u.a. Vertreter wissenschaftlicher Institutionen und
Behörden, als auch Firmen, die Radonschutzmaßnahmen- und Messtechnik vertreiben. Neben
Firmen im Freistaat Sachsen wurden Unternehmen in Brandenburg, Berlin, Nordrhein- Westfalen und
Hamburg befragt. Die Fragen richteten sich u.a. nach den verschiedenen Techniken des
Radonschutzes, entstehenden Kosten, gebotenen Qualitätssicherungsmaßnahmen und relevanten
Baunormen im radonsicheren Bauen und Sanieren.
5.1 Ergebnisse
Die Auswertung der Interviews macht deutlich, dass die Radonproblematik noch nicht vollständig in
das Bewusstsein der betreffenden Institutionen gelangt ist. Viele Baufirmen und Unternehmen des
Bausektors haben keine Erfahrungen mit dem Edelgas Radon. Hingegen versucht ein geringes
Fachpublikum seit Jahren die Radonproblematik in ganz Deutschland publik zu machen. Es fiel auf,
das besonders Unternehmen, die außerhalb eines durch Radon verstärkt betroffenen Gebietes

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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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ansässig sind, keine bzw. unzureichende Erfahrungen und ein mangelndes Wissen aufweisen. Ein
Brandenburger Bauunternehmen liefert ein Beispiel. Hier ist die Radonproblematik bekannt, jedoch ist
aufgrund fehlender Fallbeispiele und direktem Kontakt eine unzureichende Praxiskenntnis erkennbar.
Deutlich zeigte sich dies auch bei Firmen aus Hamburg oder Berlin, die radondichte Produkte
vertreiben. Hier herrschte ein breites Wissen über das angebotene Produkt, ein umfassendes
Fachwissen zu der gesundheitlichen Gefährdung bzw. zu konkreten anderen Schutzmaßnahmen
fehlte jedoch. Mehrere der befragten Firmen, darunter eine in Hamburg ansässige Firma für
Abdichtungen, deklarieren ihre geführten Produkte, ohne jedoch ein ausreichendes Wissen bezüglich
der Radon- Gefährdung oder alternative Schutzmaßnahmen zu haben. Das Unternehmen gewährt
sogar
eine
30
Jährige
Garantie
mit
jährlichen
Qualitätsuntersuchungen
ohne
direkte
Radonmessungen anzubieten. Des Weiteren konnten viele Unternehmen keine Angaben zu der
Notwenigkeit von Radonschutzrechtlichen Regelungen machen. Trotz Vertrieb radondichter Produkte
fehlte hier das nötige Wissen. Aufgabe der Länder sollte sein, den Blickpunkt auf die
Öffentlichkeitsarbeit zu legen, um bestehende Informationslücken in der Bevölkerung zu schließen. In
Fachkreisen bot sich hingegen ein anderes Bild. Das in Sachsen befragte Fachpublikum beschäftigt
sich seit Jahren sowohl im privatwirtschaftlichen als auch im wissenschaftlichen Bereich mit
möglichen Schutzmaßnahmen gegen Radon. Grund liefert die unmittelbare Nähe zu Gebieten mit
hohen Radonkonzentrationen. Jedoch lassen sich auch hier Gegensätze ausmachen. Während die
meisten der befragten Fachleute sich für eine hohe Bauqualität, Bitumenschweißbahnen oder dichte
Bodenplatten als Radonschutz aussprechen, gehen die Meinungen bezüglich des Einflusses
bestehender
Baunormen
auseinander.
Ein
Beispiel
bildet
die
DIN
Norm
18195
zu
Bauwerksabdichtungen. Nach Meinung eines befragten Ingenieurs gestaltet sich die Realisierung von
Radonschutzmaßnahmen unter Beachtung der DIN 18195 problematisch, da in den Normen keinerlei
Hinweise zu Radon vermerkt seien. Ein Vertreter einer sächsischen Behörde ist hingegen der
Meinung, dass die DIN 18195 in normativer Weise bereits wesentliche Aspekte einer
radongeschützten Bauweise beinhaltet. Hier ist wichtig zu erwähnen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt
keine Zusammenstellung bestehender Baunormen gibt, die auch relevant für den Radonschutz an
Gebäuden sind. In den geführten Interviews wurden folgende Baunormen genannt, die bei einer
Radonsanierung bzw. bei dem Bau eines radonsicheren Hauses beachtet werden sollten:
- DIN 18195 zu Bauwerksabdichtungen bzw. den Schutz von Bauwerken gegen Feuchtigkeit
- das WTA Merkblatt „nachträgliche Bauwerksabdichtungen erdberührender Bauteile“
- EN DIN 4108-10 zur Luftdichtigkeit eines Gebäudes
- DIN 1946-6 zu Lüftungsanlagen.
Weiteres Diskussionsmaterial lieferten die vorgestellten Schutz- sowie Messverfahren. Einig ist sich
der Fachkreis dagegen bei den Einwirkungen der EnEV auf eine steigende Radonkonzentration in
Wohnräumen. Hier sollten die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und im Bildungsbereich
vermehrte Aufklärungsarbeit leisten und energetische Sanierungsarbeiten nur in Kombinationen mit
beispielsweise Lüftungssystemen mit Wärmerückgewinnung fördern. Zusammenfassend lassen sich
folgende Punkte festhalten:
- mangelnde Praxiskenntnis im Bausektor
- mangelndes Wissen über gesundheitliche Schädigungen
- die Bauqualität sollte kontrolliert werden (vor, während und nach dem Bau)
- Gebäude sollten über dichte Bodenplatten verfügen
- Bitumenschweißbahnen zum Feuchteschutz bieten in der Regel einen ausreichenden
Radonschutz
- in bestehenden DIN Normen sollte Radon inbegriffen sein
- es fehlt eine einheitliche Sammlung bestehender Radon- relevanter Baunormen
- energetische Sanierungen unter Berücksichtigung des Radonschutzes
- verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, Förderprogramme

Radonschutz an Gebäuden - Erfahrungen und Sachstand
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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6
Fazit und Ausblick
Radon ist ein natürlich vorkommendes, radioaktives Gas, das beim Zerfall von Uran- 238 in Gestein
und Boden entsteht. Mit unseren Sinnen ist es nicht wahrnehmbar. Durch undichte Stellen in der
Gebäudehülle kann Radon unbemerkt in Wohnräume vordringen und sich in der Raumluft
ansammeln. Personen, die langfristig einer hohen Radonkonzentration ausgesetzt sind, haben ein
erhöhtes Risiko an Lungenkrebs zu erkranken. Das Risiko nimmt linear zur Radonkonzentration zu.
Neue Studien ergeben zudem, dass das Risiko für Lungenkrebs in Zusammenhang mit der
Radonexposition
in
Wohnräumen
höher
ist,
als
es
die
Extrapolationen
bestehender
epidemiologischer Studien vorgeben. In Anbetracht des neuen Kenntnisstands veröffentlichte die
WHO aktualisierte Empfehlungen und legte einen maximalen Wert von 300 Bq/m
3
fest. Entsprechend
sollten bestehende Richtwerte geprüft und eventuelle Grenzwerte erlassen werden. Wie die WHO
empfiehlt auch die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) und ebenso die Europäische
Union in ihrem Schlussprojekt der Basic Safety Standards (BSS) einen Referenzwert von 300 Bq/m
3
.
In diesem Zusammenhang sollte Radon als öffentliches Gesundheitsproblem angesehen werden. Da
diese Situation weitreichende Konsequenzen bedingt, sollten meiner Meinung nach verstärkte
Maßnahmen zum Radonschutz getroffen werden. Zum einen sollten gesetzliche Bestimmungen und
Regelungen nach Empfehlungen der WHO, ICRP und EU erlassen und zum anderen die Kenntnisse
zur Radonexposition in Wohnräumen erweitert werden. Durch den Einbezug der Radonproblematik in
die Ausbildung von Baufachleuten, müsste die Politik gezielt den Radonschutz im Bausektor fördern
und bei der Erarbeitung von Energiesanierungsstrategien berücksichtigen. Die Ergebnisse von
internationalen Pilotsanierungen sollten systematisch analysiert und die effizientesten Methoden
identifiziert werden. Dazu sind entsprechende Mittel im Bereich Architektur und Bau erforderlich.
Diese Mittel könnten durch einen Ausbau der bestehenden Zusammenarbeit mit den Fachinstituten
der Hochschulen bereitgestellt werden. Die Ergebnisse der Sanierungen könnten in einer Radon-
Datenbank dokumentiert und registriert werden, wie sie in ähnlicher Weise von der Schweiz
angeboten wird. Auf diese Weise können neue Techniken zusammengetragen und bestimmt werden,
welche Maßnahmen das beste Kosten- Nutzen- Verhältnis aufweisen. Ziel wäre es eine effiziente und
bewährte Strategie zur Verfügung zu haben, wenn das zu erwartende Radonschutzgesetz in Kraft
tritt.
7
Literaturverzeichnis
[1]
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2004): Umweltpolitik.
Radon. Merkblätter zur Senkung der Radonkonzentration in Wohnhäusern
[2]
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit & Bundesamt für
Strahlenschutz (2001): Radon- Handbuch Deutschland. Aktualisierung 2010. Braunschweig
[3]
Europäische Atomgemeinschaft (2011): Vorschlag für Richtlinie des Rates zur Festlegung
grundlegender Sicherheitsnormen für den Schutz vor Gefahren einer Exposition gegenüber
ionisierender Strahlung. Deutsche Übersetzung. Brüssel
[4]
Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
(2010): Radon in Wohnhäusern. München
[5]
Radon-info.de (2012): Die Informationsseite zum Thema Radon und Radioaktivität. URL:
http://www.radon-info.de/shtml/rn_bau.shtml
(Stand 20.07.2012)
[6]
World Health Organization (2009): WHO handbook on indoor radon. A public health
perspective. WHO Press. Geneva

 
Freia Frankenstein-Krug
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 85
FÖRDERPRAXIS ENERGIEEFFIZIENTES BAUEN IN SACHSEN
UNTERSTÜTZT RADONSCHUTZ
PRACTICE OF SUBSIDIES FOR ENERGY EFFICIENT BUILDING IN
SAXONY SUPPORTS RADON PROTECTION
Freia Frankenstein-Krug
Sächsische Energieagentur – SAENA GmbH, Dresden
Zusammenfassung
Energetisches Bauen und Sanieren und Radonschutz stellen keinen Gegensatz dar. Das
Energiesparen führte zu immer dichteren, gut gedämmten Gebäuden. Die Erkenntnis, dass nur noch
durch die Vermeidung der Lüftungswärmeverluste bessere Effizienzwerte zu erreichen waren, bewog
die Vorreiter der Niedrigenergie- und Passivhausbauweise schon vor 20 Jahren die mechanische
Lüftungsanlage mit effektiver Wärmerückgewinnung in das Gebäudekonzept zu integrieren. Die
Förderpraxis in Sachsen berücksichtigt bereits seit 10 Jahren diese Erkenntnisse zunächst in Modell-
und Demonstrationsvorhaben, seit 3 Jahren auch in der Regelförderung.
Summary
Energetic construction and radon protection are no contrast. Energy saving has led to increase better
insulated buildings and more tight envelopes. The engineers of low energy buildings and passive
houses already recognized 20 years ago the efficiency potential of mechanical ventilation systems
with heat recovery. Only such systems help to make the buildings more efficient than thicker
insulation and avoid Ventilation heat losses. Practice of subsidies for energy efficient building in
Saxony considers these facts since 10 years in pilot and demonstration projects and since 3 years in
usual funding.

Förderpraxis Energieeffizientes Bauen in Sachsen unterstützt Radonschutz
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
1
Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und energieeffizientes
Bauen
Der Heizwärmebedarf eines Gebäudes setzt sich aus Transmission durch Bauteile der thermischen
Hülle und dem Lüftungswärmeverlust zusammen. Betrachtet man die Entwicklung des
Heizwärmebedarfs von Wohngebäuden, dann stellt man fest, dass die Senkung des Wärmebedarfs
wesentlich durch eine Verringerung des Transmissionswärmeverlustes erreicht wurde, dadurch ist
der prozentuale Anteil der Lüftungswärmeverluste am Wärmebedarf kontinuierlich gestiegen und
erreicht heute bis zu 50% des gesamten Heizwärmebedarfs.
Aus hygienischen Gründen und zur Vermeidung von Bauschäden ist in einem Wohnhaus ein
Mindestluftwechsel von 0,3 bis 0,4 pro Stunde bzw. eine Mindestluftmenge von 30 m³ pro Stunde und
Person zu gewährleisten, der durch Verdünnungseffekt die Schadstoff- und Feuchtigkeitsbelastung
reduziert. Die wichtigsten Belastungen in Wohnräumen sind Kohlendioxid aus der verbrauchten
Atemluft, Feuchte, Geruchsbelästigungen und Schadstoffe aus Einrichtungen, aber auch natürliche
Belastungen wie Radongas bzw. dessen Zerfallsprodukte aus dem Boden.
Überschreitet die Feuchte im Raum eine temperaturabhängige Maximalgrenze, so kann es durch
Kondensation an kalten Bauteilen zu Schimmelbildung kommen. Wurde dieser Luftwechsel bei
älteren bestehenden Gebäuden noch durch bestehende Undichtigkeiten speziell der Fensterfugen
größtenteils abgedeckt, muss bei Neubauten manuell oder mechanisch zwangsgelüftet werden. Bei
manueller Lüftung erfolgt der Luftwechsel der Räume über geöffnete Fenster, mit der Konsequenz,
dass die kostenintensiv aufgeheizte Raumluft an die Umwelt abgegeben wird. Die Lüftungszeiten
werden oft subjektiv gewählt, der reale Luftwechsel ist nicht kontrollierbar. Durch Über- oder
Unterschreitung der Mindestluftwechsel entstehen hohe Energieverluste bzw. die Gefahr von
Gesundheitsbelastung
und
Bauwerksschäden.
Mechanische
Lüftungsanlagen
mit
Wärmerückgewinnung stellen eine komfortable
energieeffiziente Möglichkeit der Lüftung in
Wohngebäuden dar. Für Erreichung der niedrigen Verbrauchswerte im Niedrigenergie- bzw.
Passivhaus ist diese Anlagentechnik unverzichtbar.
1.1 Lüftungssysteme für den Wohnhausbereich
Prinzipiell werden bei der mechanischen Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung Zentral- und
Einzellüftungsanlagen unterschieden. Während bei Zentrallüftungsanlagen eine Anlage über ein
Kanalverteilsystem alle Räume lüftungstechnisch anbindet, wird bei Einzellüftungsanlagen für jeden
Raum ein gesondertes Lüftungssystem für vorgesehen.
Lüftungssystem mit zentralem Lüftungsgerät und Wärmerückgewinnung
Luftkanalsystem mit raumspezifischer Anbindung Zuluft (weniger belastete Räume wie Wohn-
und Schlafbereich) und Abluft (Küche, Sanitärräume)
Überströmung zwischen Zu- und Abluftbereich
zentrale mehrstufige angepasste programmierbare Regelung
keine Geräuschbelastung der Räume
zentrale Wärmerückgewinnung mit Ausgleich der Raumbilanzen
Kombination mit Erdwärmetauscher und Wärmepumpen möglich

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Freia Frankenstein-Krug
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 87
Abb. 1
Zentrales Luftgerät mit Wärmerückgewinnung
Einzelraumlüftung mit Außenwandgeräten
Einzelraumlüftungsgeräte für jeden Raum
geringer Installationsaufwand (durch Entfall Kanalinstallation auch im Sanierungsbereich
einsetzbar)
schlechtere wirtschaftliche Bilanz durch höheren gerätetechnischen Aufwand
geringerer Wärmerückgewinnungsgrad der Einzelanlagen
Für beide Varianten gilt, dass sie die Technik wartungsarm ist. Die Pflege beschränkt sich auf den
regelmäßigen Filterwechsel bzw. die Filterreinigung und je nach Anlagentyp einer Reinigung des
Wärmetauschers der Wärmerückgewinnung. von je 25 mm Links und Rechts.
1.2 Förderpraxis in Sachsen
Um die Passivhausbauweise noch bekannter zu machen und mehr Bauherren als bisher von diesem
energetisch optimierten Standard zu überzeugen, hat das Sächsische Umweltministerium Ende 2002
das Pilotprojekt „Innovations- und Praxisverbund Passivhäuser“ gestartet.
Zu Beginn erfolgte die Förderung des Neubaus von Passivhäusern. Seit dem Jahr 2005 wurde die
Förderung um die Sanierung mit Passivhauselementen erweitert. In dieser ersten Phase wurden
mehr als 30 Projekte in Sachsen gefördert.
Die einzelnen Projekte des Verbundvorhabens zeigen die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten der
Passivhausbauweise: Neubau und Altbau, Massiv- und Holzhaus, Ein- und Mehrfamilienhaus sowie
Kindertagesstätten und Schulen. Für den Bau eines Passivhauses in Sachsen gibt es inzwischen
viele Spezialisten und auch typisch sächsische Erfindungen. Die Sächsische Energieagentur baute
nach der 14. Internationalen Passivhaustagung 2010 in Dresden im Internet eine Datenbank
„Sächsisches Unternehmensnetzwerk Passivhaus“ auf, wo Bauherren Partner finden und Firmen Ihre
Spezialkenntnis bekannt geben können.
Noch während der Bauphase von Passivhäusern führte zunächst das Umweltministerium und seit
2007 die SAENA Vor-Ort-Besichtigungen für Baufachleute und interessierte Bauherren durch. Diese

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Förderpraxis Energieeffizientes Bauen in Sachsen unterstützt Radonschutz
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Veranstaltungen gibt es noch zum Tag des Passivhauses jährlich Anfang November. Zusammen mit
den sächsischen Kammern wurden und werden Fortbildungen und weiterführende Informationen
angeboten.
Seit 2009 kann über das EFRE-Förderprogramm nach der Richtlinie „Energie- und Klimaschutz“ die
Regelförderung für Passivhäuser, Sanierungen mit Passivhauskomponenten und den Einbau von
Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung angeboten werden. Die von den Ministerien für Umwelt
und Landwirtschaft bzw. Wirtschaft und Arbeit kofinanzierten Zuschüsse werden über die Sächsische
Aufbaubank – Förderbank ausgegeben.
Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, als Energieeffizienzmaßnahme mit Nebeneffekten in der
Schadstoffabfuhr sind auch in den Wohnungsbauprogrammen des Sächsischen Innenministeriums
„Innerstädtisch Wohnen“ bzw. „Energetische Sanierung“ förderfähig. Diese Darlehensprogramme
werden ebenfalls durch die Sächsische Aufbaubank – Förderbank ausgegeben.
Weitere Fördermöglichkeiten vom Bund bietet die KfW in ihren Programmen zur energetischen
Sanierung (Programmnummer 151, 152 oder 430) bzw. den Energieeffizienten Neubau
(Programmnummer 153) sowie die Programme für Kommunen (Programmnummer 218) oder soziale
Träger (Programmnummer 157) an.
1.3 Beispiele
Nachfolgend finden Sie ausgewählte Beispiele für Passivhäuser bzw. Sanierungen mit
Passivhauskomponenten aus dem „Innovations- und Praxisverbund Passivhäuser in Sachsen“.

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Freia Frankenstein-Krug
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 89

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Förderpraxis Energieeffizientes Bauen in Sachsen unterstützt Radonschutz
Seite 90
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012

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Freia Frankenstein-Krug
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 91

Seite 92
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012

 
Richard Zinken
Gerhard Binker
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 93
KURZER ERFAHRUNGSBERICHT ÜBER DEN EINSATZ VON
RADONSAUGERN IN SCHWEDEN
SHORT FIELD REPORT ON APPLICATIONS OF RADON SUCKERS
IN SWEDEN
Richard Zinken
1)
Gerhard Binker
2)
1)
Corroventa Entfeuchtung GmbH, Meerbusch
2)
Binker Materialschutz GmbH, Lauf a. d. Pegnitz
Zusammenfassung
Das schwedische Unternehmen Corroventa Avfuktning AB entwickelt und produziert seit 30 Jahren
technische Lösungen für die Wasserschadenbeseitigung. Aus den in dieser Branche etablierten Ver-
dichtern entstand, nicht zuletzt aufgrund der sehr frühen gesetzlichen Regelungen zum Radonschutz
in Schweden bereits 2001 die Radon-Saugtechnik gegen Radon aus der Bodenluft und aus dem
Trinkwasser. Über 5000 erfolgreich installierte Anlagen in Schweden, die ausnahmslos die
Radonkonzentration in den Gebäuden auf deutlich unter 200 Bq/m³ abgesenkt haben, belegen den
sicheren Sanierungserfolg bei Einsatz dieser Technik. Beispielhaft wird hier über das „Linköping-
Projekt“ berichtet, bei dem in einer Kleinstadt systematisch über 1700 Radon-Installationen realisiert
wurden.
Gemeinsam mit dazu qualifizierten Unternehmen, z.B. der Binker Materialschutz GmbH, werden die
in Schweden gesammelten Erfahrungen nun in ersten Projekten in Deutschland, Österreich, Italien,
Liechtenstein und der Schweiz angewendet. Alle Meßwerte und Gebäudeparameter vor und nach der
Installation werden dokumentiert und die installierten Anlagen dauerhaft gewartet.
Im Vergleich zu den meist aufwändigen Bauwerksabdichtungen wird eine deutlich preisgünstigere
und zugleich dauerhaft sichere Lösung erreicht, die insbesondere nachträglich (also im Altbau)
installiert werden kann.
Summary
The Swedish Company Corroventa Avfuktning AB develops and produces technical solutions for the
Water-Damage-Restoration for more than 30 Years. Based on the knowledge about the turbine-
technology used in this field and driven by the early started government regulation about Radon limits
in Sweden, Corroventa started to install the first Radon suckers in 2001. More than 5,000 installations
in Sweden were installed, realised and documented. Each system was reducing the Radon levels far
beyond the 200 Bq/m³ limitation, showing the success of the Corroventa technology. In this report we
show the “Linköping-Project” with more than 1,700 Radon-installations in a small town in Sweden.
Together with qualified field-partners, as Binker Materialschutz GmbH, the Swedish experience and
know-how about this technology is transferred actually to first projects in Germany, Austria, Italy,
Liechtenstein and Switzerland. All Radon measurements and building parameters are accurately
documented as in Sweden and the installations will be maintained annually.
Radon suction is mostly much cheaper than common time- and money-consuming floor and wall
sealing. It is a stable and enduring solution with low running expenses.

Kurzer Erfahrungsbericht über den Einsatz von Radonsaugern in Schweden
Seite 94
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
1
Allgemeines zum Radonschutz in Schweden
1.1 Bewertung der geologischen Gegebenheiten
Eine große natürliche Strahlenexposition besteht auch in Schweden in der Inhalation des
gasförmigen natürlichen Radons, welches sich aus Uran und Thorium-reichen Gesteinen durch
radioaktiven Zerfall bildet. Es entsteht z.B. aus saurem Tiefengestein (z.B. Granit) oder aus der Kohle
und aus Sedimentgestein. 90% des schwedischen Baugrundes befinden sich in “Radongebieten”.
Dazu exhalieren viele Baumaterialien in Gebäuden Radon, insbesondere der “Blue Autoclaved
Lightweight Concrete” aus den Jahren 1920-1975 mit hohem Radium-Anteil oder aber auch “Red
Brick” (Roter Ziegelstein). Eine weitere Radonquelle ist auch Radon-belastetes Leitungswasser,
insbesondere aus Tiefbrunnen zur Wohnraumversorgung Das Radon aus den Bodenschichten
gelangt durch Leckagewege in die Keller und von dort in die Wohn- und Aufenthaltsräume. In
Schweden werden bereits seit den 1980er Jahren Messungen in Wohngebäuden, Schulen und
Kindergärten
durchgeführt.
Bei
den
bisher
in
über
400.000
Häusern
durchgeführten
Radonmessungen lag der Mittelwert in freistehenden Einfamilienhäusern bei 140 Bq/m
3
, in
Mehrfamilienhäusern bei 75 Bq/m
3
. Die höchsten Radonkonzentrationen wurden in Häusern
gemessen, die in den schwedischen Gletscherlandschaften sowie auf granitreichen Felsen stehen.
Man schätzt, dass über 150.000 Häuser Radonkonzentrationen von über 400Bq/m
3
und ca. 500.000
Häuser Werte mit über 200 Bq/m
3
(Richtwert) aufweisen. Inzwischen hat man in über 30.000
Gebäuden mit Konzentrationen über 400 Bq/m
3
Sanierungen durchgeführt. Weiterhin will die
Regierung erreichen, dass die mittlere Radonkonzentration in Wohnräumen langfristig auf unter 50
Bq/m
3
abgesenkt wird [1]. Anhand eines für die Stadt Linköping in Schweden durchgeführten
Sanierungsprogramms, bei dem bisher über 10.000 Radon-Innenraummessungen durchgeführt und
über 1.700 Radon-Absauganlagen in 1.000 Gebäuden eingebaut wurden, wird die praktische
Umsetzung von Radonsanierungen in
Bestandsgebäuden
nachfolgend
beschrieben. Alle
Untersuchungen wurden durch eine örtliche Hochschule begleitet und die Ergebnisse ausführlich
dokumentiert.
1.2 Radon-Messung: Definition der Messbedingungen
Die Radon-Konzentrationen schwanken in Gebäuden sehr stark, je nach z.B. Jahres- und Tageszeit.
Die Messungen wurden direkt in den Gebäuden durchgeführt. Die bevorzugte Jahreszeit der
Messungen war die Heizperiode (überwiegend Übergangszeit/Winterszeit), also Zeitraum Anfang
Oktober bis Ende April. Die Tages-Durchschnittstemperatur sollte dabei möglichst außen <+10˚C
sein. Für das Aufstellen der Radon-Messgeräte sollten möglichst folgende Bedingungen eingehalten
werden:
Postierung der Messgeräte mindestens in einem repräsentativem Bereich, wie “Wohn- und
Aufenthaltsbereich”
wenigstens in Räumen, die täglich benutzt werden
bei einstöckigen Häusern: wenigstens in zwei frequentierten Räumen, z.B. Wohn- und
Schlafzimmer
bei mehrstöckigen Wohnhäuser: wenigstens 1 Messstelle pro Stockwerk (sofern wohnlich
genutzt)
falls der Keller wohnlich genutzt wird: mindestens in zwei frequentierten Räumen, z.B. Wohn-
und Schlafzimmer
möglichst keine Berührung/Bewegung der Messgeräte während der Messphasen,
insbesondere nicht von Raum zu Raum

Richard Zinken
Gerhard Binker
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 95
Mindestabstand von Wänden (ca. 50 cm), Postierung nur an Stellen mit wenig Luftbewegung
(nicht in der Nähe von Ventilatoren, Dunstabzugshauben etc.)
möglichst keine Temperaturquellen in unmittelbarer Nähe der Messgeräte
Die eingesetzten Messgeräte waren Passivsammler, wie Kernspurdosimeter und Elektret-
Ionenkammern, wie E-PERM, sowie Aktivsammler als direktanzeigende Messgeräte, wie Atmos 12,
RAD7, Scout Plus und PDS 100 G.
1.3 Einfluss-Faktoren für die Radon-Konzentrationen in den Gebäuden
Folgende Einfluss-Faktoren für die Radon-Konzentrationen in den Gebäuden werden in Schweden
als besonders relevant angesehen:
Fluktuationen der Belüftung: Sie entstehen durch die Gewohnheiten der Bewohner durch z.B. Öffnen
von Türen, Fenstern, Tätigkeiten
Gebäudearchitektur, wie offene oder geschlossene Architektur/ Bauweise
Einfluss durch Wind: Der Wind beeinflusst die Druckdifferenz zwischen Gebäude und Umgebung
durch Windstärke, Windrichtung, Gebäudedichtigkeit. Vor allem bei nicht renovierten Gebäuden, und
Nicht-Passivhäusern ist der Windeinfluß durch höhere Undichtigkeiten an besonders Fenstern hoch.
Temperatur-Differenz:
Die
Temperaturdifferenzen
wischen
den
ziemlich
konstanten
Innenraumtemperaturen und relativ stark schwankenden Aussentemperaturen sind große
Einflußfaktoren
Dunstabzüge in Küchen und Bädern: Sie ändern deutlich die Luftwechselrate
Offene Kamine: Die Kaminsogeffekte sind ein die Gebäude-Luftwechselrate stark beeinflussender
Faktor
Lage des Gebäudes: Die Lage des Gebäudes, ob windexponiert oder windgeschützt beeinflusst die
Radon-Konzentration im Gebäude nennenswert. Auch konvektive Faktoren im Boden und die
Porosität des Untergrundes sind zu beachtende Einflussfaktoren
Diese Faktoren bestimmen, auch unter Berücksichtigung des finanziellen Budgets, welche
Maßnahmen gegen Radon ergriffen werden können.
1.4 Prinzipielle Maßnahmen gegen Radon in Gebäuden in Schweden
In Schweden versucht man die Radonbelastung in Gebäuden stets zu minimieren.
Liegt eine Radonbelastung aus Wasser vor, findet eine Belüftung des Wassers vor Eintritt ins
jeweilige Gebäude statt. Bei Radonexhalation aus Baumaterialien wird eine verstärkte Belüftung (auf
Kosten von Wärmeverlusten) herbeigeführt und es findet bevorzugt eine Belüftung der exhalierenden
Oberflächen (z.B. mittels Bodenkonvektoren) statt. Als optimal wird der Ausbau Radium-haltiger
Baumaterialien angesehen; dies scheitert jedoch meist aus finanziellen Gründen, da es meist sehr
aufwändig ist und einem Umbau gleichkommt.
Kommt das Radon aus dem Untergrund, also aus den Böden, dann versucht man die Eintrittspfade
des Radons zu kappen. So werden Ritzen, Spalten, Risse in den Bodenplatten, Kellerböden und
erdberührten Wänden möglichst durch Abdichtung oder Versiegelung bevorzugt dauerhaft
geschlossen. Leitungsdurchführungen für die Infrastruktur werden ebenfalls gasdicht versiegelt.
Generell wird versucht, eine Verdünnung einströmender radonbelasteter ”Bodenluft” herbeizuführen.
Als äußerst wirkungsvoll hat sich in Schweden gleichfalls wie in anderen Ländern eine Änderung der
Druckverhältnisse zwischen „Innen und Außen“ erwiesen, um dem Radoneintritt in Gebäude

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Kurzer Erfahrungsbericht über den Einsatz von Radonsaugern in Schweden
Seite 96
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
entgegenzuwirken [2].Besonders günstig hat sich eine Änderung der Druckverhältnisses zwischen
Wohnraum und Bodenluft unter der Bodenplatte herauskristallisiert. Die Radon-haltige Luft wird
dadurch gehindert, über den Keller durch Druckdifferenzen und Kamineffekte
oder durch
Belüftungsvorgänge durch übliche Nutzung in die Wohnräume einzudringen. Eine typische
technische Lösung zum Radonschutz ist deshalb der Einbau eines Radon-Extraktionssystems
(=Radonsauger). Sie ist häufig die effektivste und kostengünstigste Lösung des Radon-Problems. Es
wird sehr aufmerksam darauf geachtet, dass der häufigste gemachte Fehler bei der
„Radonsanierung“ vermieden wird: Die Intensivierung der Kellerbelüftung durch z.B. Einbau von
mechanischen Belüftungssystemen, wie Ventilatoren. Denn der dadurch erzeugte niedrigere Druck
im Gebäude führt zu noch höherem Nachströmen Radon-haltiger Luft aus dem Keller.
2
Die Corroventa
®
Radon-Saugtechnik
Die technische Grundlage für die Corroventa-Radon-Saugtechnik bilden die vielen Erfahrungen auf
dem Gebiet der Gebäudetrocknung und Kriechkeller-Belüftung.
2.1 Bauformen der Corroventa
®
Radon-Saugtechnik
Die erfahrungsgemäß beste technische und kostengünstigste Lösung zum Radonschutz ist wie
bereits erwähnt der Einbau eines Radon-Extraktionssystems (=Radonsauger) zur Erzeugung eines
niedrigeren Drucks unter der Bodenplatte im Vergleich zum Druck im Keller/Gebäude. Hierzu stehen
zwei Systeme zur Auswahl, um die Bodenluft unter der Bodenplatte abzusaugen: RS 400 und RS 100
(siehe Abb.1). RS steht hier für „Radonsauger“. Es handelt sich um zwei verschiedene ca. 20 kg-
schwere Absaugsysteme mit unterschiedlichen Eigenschaften.
Abb. 1
Installationsbeispiel für einen RS 100-Radonsauger von Corroventa
®

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Richard Zinken
Gerhard Binker
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 97
Der RS 100 ist beim Vorliegen von kompakten Untergründen und Böden ideal. Er kommt zum
Einsatz, wenn lange Absaugleitungen erforderlich sind und weist deshalb eine hohe Pressung von
20000 Pa auf. Der maximale Volumenstrom liegt bei ca. 80m
3
/h, seine Leistung bei ca. 200-250Watt
und die maximale Lautstärke bei nur 45 dB(A) bei voller Last.
Dem gegenüber ist der RS 400 noch energieeffizienter und kommt bei porösen Untergründen und
Böden zum Einsatz. Seine Pressung liegt deshalb nur bei ca. 500 Pa mit einem Volumenstrom in
einem weiten Bereich von ca. 50-370 m
3
/h. Seine Leistung kann mit ca.10-25 Watt und einer sehr
geringen Lautstärke von 30 dB(A) bei Volllast angegeben werden.
2.2 Anwendungsbeispiel
An einem Beispiel soll der Einsatz und die Installation des RS400 aufgezeigt werden. Bei dem
Gebäude handelt es sich um ein gewöhnliches schwedisches privates Wohnhaus mit Bodenplatte
aus Beton, zwei Stockwerken mit Keller, jeweils ca. 100m
2
. Es hat keine mechanischen
Belüftungssysteme und der Radoneintritt fand hauptsächlich über den Keller statt. Durch Konvektion
trat Radon in die Wohnräume über. Die Radon-Konzentrationen ergaben sich vor dem Einbau des
Radonsaugers zu ca. 800 Bq/m
3
und lagen nach dem Einbau bei nur noch ca. 80 Bq/m
3
. Eine
Reduktion der Radonkonzentration um 90% wird durch die Radonsauger in vielen Anwendungsfällen
erreicht. Da der Untergrund porös war, wurde die Durchflussrate bzw. Förderleistung des
Radonsaugers wichtiger als seine Pressung angesehen. Außerdem waren kurze Abluftleitungen
möglich; somit war die Pressung eines RS100 nicht erforderlich und es kam ein RS 400-
Radonsauger zum Einsatz. Der Corroventa RS400 wurde mit zwei Ansaugleitungen versehen (siehe
Abb. 2). Sie führten über eine angelegte Kernbohrung unter die Bodenplatte. Von Bautechnikern
wurde diese als bautechnisch unproblematisch angesehen. Der RS400 saugt die geförderte
Bodenluft über ein Abluft-Rohrleitungssystem ins Freie. Dies kann direkt oberhalb der Grasnarbe aus
der Gebäudefassade heraus erfolgen oder durch Leitungsführung über Dach außen an der Fassade
entlang oder im Gebäude selbst. Dies ist stets eine Frage des finanziellen Budgets und der optischen
Ansprüche. Durch den RS 400 konnte der Druck “unter Bodenplatte” niedriger als im Gebäude
gehalten werden und der Radoneintritt ins Gebäude wird gehemmt. Zusätzlich wurden noch Ritzen,
Spalten, Öffnungen und sonstige Radoneintrittspfade im Keller des Gebäudes “abgedichtet”. Es ist
auch
zusätzlich
möglich
einen
Schalldämpfer
an
den
RS
400
anzufügen,
um
die
Geräuschentwicklung noch weiter zu reduzieren. Diese Zusatztechnik kommt oft bei Souterrain-
Wohnungen zum Einsatz, wo die Radonsauger in Nebenräumen der Wohnungen, in Abstellnischen
oder der gleichen aus Platzgründen installiert werden müssen.
Abb. 2
Installationsskizze des Corroventa®-Radonsaugers RS 400

Kurzer Erfahrungsbericht über den Einsatz von Radonsaugern in Schweden
Seite 98
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
3
Das „Linköping-Projekt“
Eines der umfangreichsten Projekte, welches mithilfe der Corroventa
®
-Radon Saugtechnik erfolgreich
saniert werden konnte,ist das im Auftrag der Stadt Linköping und der Wohnungsgesellschaft
Stångåstaden durchgeführte „Linköping-Projekt“. Die Radonkonzentrationen der Stadt wurden dabei
systematisch, sowohl in Bodenluftmessungen als auch in bisher über 10.000 Einzelmessungen in
Wohnräumen erfasst. Alle Messergebnisse wurden auf Basis von Lageplänen einzelner
Wohnsiedlungen ausführlich dokumentiert. Im Rahmen des Projektumfanges werden jährliche
Radonkonzentration-Kontrollmessungen und Wartungen der installierten Radonsauger und
Radonschutzsysteme durchgeführt.
3.1 Typische Bauformen und Bauausführungen
Aufgrund der geologischen Randbedingungen in Linköping ist bekannt, dass die Erhöhung der
Radonwerte in den Gebäuden hauptsächlich auf Radon aus dem Untergrund zurückzuführen ist. Nur
zu einem kleinen Teil ist Radon aus den verwendeten Baustoffen nachzuweisen.
Die untersuchten Gebäude wurden im Wesentlichen zwischen den Jahren 1900 und 1990 errichtet.
Der überwiegende Teil der Gebäude sind Mehrfamilienhäuser in zwei- bis dreigeschossiger
Bauweise. Während die ältesten Gebäude überwiegend mit begehbaren Kellern errichtet wurden,
setzte sich später aus Kostengründen die Kriechkeller-Bauweise (mit Querbelüftung) durch. Im
Rahmen von energetischen Sanierungen wurden ursprünglich vorhandene natürliche Belüftungen
häufig verschlossen. Abdichtungen der Gebäudehülle in diesem Zusammenhang führten ebenfalls
eher zu einem Anstieg der Radon-Konzentration. Erst in den letzten 30 Jahren wurde mit vermeintlich
dichten Beton-Bodenplatten ohne Unterkellerung gebaut.
Es kann festgestellt werden, dass die Radon-Konzentration in den bewohnten Räumen all dieser
Bauformen deutlich über dem in Schweden festgelegten Richtwert von 200 Bq/m³ liegen kann. Die
unter Ziffer 1.3 beschriebenen Einflussfaktoren spielen hier eine wichtige Rolle. Insbesondere in den
nichtunterkellerten, neueren Gebäuden liegen die Radon-Konzentrationen teilweise bei weit über
1000 Bq/m³. Die Ursache liegt in den nicht entsprechend dicht ausgeführten Leitungsdurchführungen,
aber auch an (in nahezu jedem Gebäude nachweisbaren) Rissen in der Bodenplatte aufgrund von
insbesondere Setzungen. Flexible Abdichtungen unter dem Beton etablierten sich erst später.
Ein signifikanter Zusammenhang zwischen Gebäudealter und der korrespondierenden, gemessenen
Radonkonzentration im jeweiligen Gebäude konnte nicht nachgewiesen werden.
3.2 Darstellung des Projektumfangs
Die Radon-Messungen und Sanierungen erstreckten sich über die gesamte Stadt Linköping. Bereits
vor der Beauftragung an Corroventa wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um Gebäude
gegen eindringendes Radon abzudichten. Hierzu sei angemerkt, dass solche Maßnahmen die
Situation zwar verbesserten, aber nur selten zu einer dauerhaften Absenkung der Radon-
Konzentration führten. Während des gesamten Projektumfanges war und ist die Universität Linköping
als unabhängige Kontroll-Instanz mit einbezogen.
Beispielhaft sei hier eine Wohnsiedlung dargestellt, die aus verschiedenen Bauabschnitten besteht.
Die Radon-Konzentrationsmessungen wurden systematisch in jeder Wohnung durchgeführt.

image
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Richard Zinken
Gerhard Binker
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 99
Abb. 3
Übersichtsplan einer typischen Wohnsiedlung
Bis heute wurden über 1.700 Corroventa
®
-Radonsauger in Linköping installiert.
Nach dem Einbau der entsprechend nach Ziffer 2.1 ausgewählten Radon-Saugtechnik wurden in
allen Wohnungen erneut Radon-Konzentrationsmessungen zum Nachweis der Wirksamkeit
vorgenommen. Hier sei angemerkt, dass 100% der Kontrollmessungen und ebenso die seit der
Installation jährlich durchgeführten Überprüfungen der Radon-Konzentration eine Absenkung weit
unter den Richtwert nachgewiesen haben. Ein späterer Anstieg konnte in keinem Fall bisher
beobachtet werden.
In der folgenden Darstellung wird die systematische Dokumentation dargestellt.
Abb.4
Dokumentation der Messwerte, vor und nach der Installation von Radonsaugern

Kurzer Erfahrungsbericht über den Einsatz von Radonsaugern in Schweden
Seite 100
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, dass die Methode der gezielten Radon Absaugung und der
permanenten Aufrechterhaltung einer Druckdifferenz zwischen Baugrund und Gebäude zu einer
dauerhaften Absenkung der Radon-Konzentration unter den Grenzwert führt.
Hier sei angemerkt, dass erfolgreich durchgeführte Radon-Sanierungen in Schweden mit einem
Zuschuß von bis zu 50% der Aufwendungen gefördert werden. Die Höchstgrenze der Förderung
beträgt 15.000SEK (ca. 1.800€). Im Vergleich zu Abdichtungsmaßnahmen ist die Installation der
Corroventa
®
-Radonsauger deutlich kostengünstiger, so daß diese Förderung einen großen Anteil der
Gesamtkosten abdeckt.
Die Sinnhaftigkeit der Förderung solcher Maßnahmen, die ein erwiesenermaßen hohes Risiko an
Krebs zu erkranken deutlich reduzieren, muss sicher nicht in Frage gestellt werden. In Deutschland
wird an dieser Stelle offensichtlich noch gespart. Die Relation der Kosten einer Förderung und einer
potentiellen Kostenreduzierung durch eine Verminderung des Krebsrisikos sollte verstärkt erörtert
werden.
4
Erste Projekte in Deutschland
Die schwedischen Erfahrungen und Corroventa
®
-Technik sollen nun in Deutschland, Österreich,
Schweiz, Liechtenstein und Italien angewendet werden. Hierzu sind der Einsatz weiterer Messgeräte
zur Messung von Radon-Konzentrationen und der Einsatz von Personendosimetern zum
Arbeitsschutz vorgesehen. Die Ausbildung des Installationspersonals soll auch in Anlehnung an die
„Fachkunde gemäß Strahlenschutzverordnung“ erfolgen. Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen
und Betriebsanweisungen für Messtechniker und Monteure (Radonschutztechniker) soll dabei
selbstverständlich werden. Außerdem strebt Corroventa eine RAL-Zertifizierung sowohl der
Radonsauger als auch der Prozesse Planung und Ausführung der Radon-Anlagen an. Als besonders
wichtig werden die langjährige Wartung und der Service der Radonschutz-Anlagen mit den
Radonsaugern incl. Dokumentation nach der Installation angesehen. Dadurch soll auch sichergestellt
werden, dass die Radonkonzentrationen dauerhaft und zuverlässig in den „radonsanierten“
Gebäuden niedrig gehalten werden.
5
Literaturverzeichnis
[1]
Wieters,C.U.: Schutz von Mensch und Umwelt vor natürlichen Strahlenquellen bei Arbeiten,
Internet:
http://www.schwedisch-translator.de/schweden/radonbelastung.html(besucht
am
07.09.2012)
[2]
Scivyer, C.R.: Surveying dwellings with high indoor Radon levels: a BRE guide to radon
remedial measures in existing dwellings, Garston, Watford, UK, 1993

 
Heribert Kaineder
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 101
HERANGEHENSWEISE UND ERGEBNISSE DER MESSUNGEN UND
ANSCHLIEßENDEN SANIERUNGEN BEI DER VOLLERHEBUNG IN
DREI OBERÖSTERREICHISCHEN GEMEINDEN
APPROACH AND RESULTS OF THE MEASUREMENT AND THE
FOLLOWING MITIGATIONS AFTER THE COMPLETE REVIEW OF
3 UPPER AUSTRIAN VILLAGES
Heribert Kaineder
Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Abteilung Umweltschutz, Linz, Österreich
Zusammenfassung
Schon seit Anfang der 90er-Jahre wird in Oberösterreich Radon als ernstzunehmendes Gesundheits-
risiko thematisiert. Nach der Erstellung der Radonpotenzialkarte und einer Reihe von Projekten zur
Erhebung der Radonbelastung in Kindergärten, Schulen und Amtsgebäuden wurde in Österreich
erstmalig eine Pilotstudie zur flächendeckenden Bestimmung der Radonkonzentration in jedem
Wohngebäude in drei Gemeinden mit erhöhtem Radonpotenzial in Angriff genommen.
Mit Unterstützung der Bürgermeister und freiwilligen Helfer - vor allem der Feuerwehren - und einer
umfassenden Information der Bevölkerung, konnte die Pilotstudie mit einer Teilnahmerate von über
90 % abgeschlossen werden.
Im überwiegenden Teil der gemessenen Gebäude (ca. 74 %) lag das Gebäudemittel unter 400
Bq/m³. Hier waren keine weiteren Maßnahmen notwendig. In den restlichen Gebäuden waren
Maßnahmen in Abhängigkeit von der Beurteilungskategorie erforderlich. Die Ergebnisse dieses
Projektes
sind
im
Abschlussbericht
[1]
zusammengefasst.
Bei
Gebäuden
mit
einer
Radonkonzentration über 1000 Bq/m³ (ca. 6 %, 42 Häuser) wurde die Sanierung begleitet und
darüber hinaus vom Land Oberösterreich finanziell gefördert.
Summary
Starting in the 90 ies, Radon was made a subject of discussion in Upper Austria regarding the health
danger it can cause. At first, a map was made, in which the potential occurance of Radon was shown.
After that a number of projects followed, which targeted the Radon measurment of kindergartens,
schools and other public buildings. After these first steps, a pilot study, in which every house within
3 villages, definded as high potential on Radon occurance, was initiated and followed through.
Due to the support of the mayor, many voluntary helpers – especially the firemen – and a round up
information to every citizen, the study succeeded with a participation of over 90%.
For a big part of the measured buildings (about 74 %) the Radon mean of the bulding stayed under
400 Bq/m³. In those causes no further actions needed to be taken. For the rest of the buildings,
certain steps according to their asses category, were required. The results of this project are
summarized in the final report. For those buildings with a Radon concentration of over 1000 Bq/m³
(about 6 %, 42 buildings) the mitigation were accompanied and financially supported by the
government of Upper Austria.

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Herangehensweise und Ergebnisse der Messungen und anschließenden Sanierungen bei der Vollerhebung in drei oberöster-
reichischen Gemeinden
Seite 102
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
1
Projektsbeschreibung und Durchführung
Hauptzweck der in den drei Gemeinden Reichenau, Ottenschlag und Haibach (Mühlviertel, Ober-
österreich) durchgeführten Pilotstudie „Radonvollerhebung in Gemeinden mit erhöhtem Radonrisiko“
war es, durch Messungen in jedem Wohngebäude jene Häuser zu identifizieren, in denen die
BewohnerInnen einer erhöhte Radonexposition ausgesetzt sind. Weiters sollte die Variabilität der
Radonkonzentration innerhalb von Gemeinden und der Einfluss von Gebäudekonstruktion und
Geologie auf die Radonkonzentration ermittelt werden.
Die Pilotstudie wurde im Rahmen der Aktion „Gesunde Gemeinde“ durchgeführt. Am Beginn stand
die Information der Bevölkerung über das Gemeindeblatt und mittels einer Informationsveranstaltung
am 14. Jänner 2010. Von Ende Dezember 2009 bis Ende Jänner 2010 wurden die Radonmessgeräte
durch freiwillige Helfer, vor allem der Freiwilligen Feuerwehren, ausgetragen und mit den
BewohnerInnen ein Fragebogen ausgefüllt. Pro Haus wurde in den beiden meistbenützten Räumen
die Radonkonzentration bestimmt. Ende Juni / Anfang Juli 2010 erfolgte das Einsammeln der Radon-
messgeräte durch die freiwilligen Helfer. Bodenluftmessungen zur Beurteilung des Einflusses der
Geologie wurden in zwei Messserien im April und September 2010 durchgeführt.
Nach Auswertung der Messungen und Fragebögen erfolgte in zwei Schritten die Information der
Bevölkerung über die Ergebnisse. Mit einem Brief wurde der Messwert – und bei Überschreitung des
Richtwertes auch die empfohlenen Maßnahmen – an die BewohnerInnen übermittelt. In einer
abschließenden Informationsveranstaltung am 19. Oktober 2010 konnte sich die Bevölkerung über
die wesentlichen Ergebnisse der Pilotstudie und die weitere Vorgangsweise bei Richtwert-
überschreitungen informieren.
Abb. 1:
Unterlagen der freiwilligen Helfer

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Heribert Kaineder
Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 103
2
Ergebnisse
2.1 Teilnahme und Rücklauf
Durch das persönliche Austragen und Einsammeln der Messgeräte wurde eine sehr hohe Teilnahme
von insgesamt 691 Haushalten – das sind 91,2 % aller Haushalte in den drei Gemeinden – erreicht.
Für 680 Haushalte (ca. 90 %) konnte die Radonkonzentration ermittelt werden; bei den verbleibenden
11 Haushalten wurden die Messgeräte nicht retourniert.
Abb. 2:
Grafische Auswertung von Teilnahme und Rücklauf
2.2 Gebäudedaten
Mittels Fragebogen wurden jene Gebäudedaten erhoben, die zur Berechnung des Radonpotenzials
notwendig sind. Das Potenzial ist wiederum erforderlich, um das Radonrisiko für die drei Gemeinden
zu bewerten.
Ein interessantes Ergebnis der Auswertung der Gebäudedaten ist, dass ca. zwei Drittel aller
Gebäude in den drei Gemeinden nach dem Jahr 1971 errichtet wurden.
Abb. 3:
Übersicht Gebäudedaten nach Baujahr

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Herangehensweise und Ergebnisse der Messungen und anschließenden Sanierungen bei der Vollerhebung in drei oberöster-
reichischen Gemeinden
Seite 104
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
2.3 Radon in Wohnräumen
Insgesamt wurden Radonmessungen in 1.351 Räumen ausgewertet. Der überwiegende Teil der
Messergebnisse liegt unter 400 Bq/m³. Der höchste gemessene Wert betrug 2.416 Bq/m³. Aufgrund
der langen Messzeit von 6 Monaten und des gewählten Messzeitraumes (3 Monate im
Winterhalbjahr, 3 Monate im Sommerhalbjahr) entsprechen diese Werte gut den Jahresmittelwerten!
Die nachstehende Grafik zeigt die Anzahl der Räume in Radonkonzentrationsklassen zu 100 Bq/m³.
Abb. 4:
Anzahl der Räume in Radonkonzentrationsklassen zu 100 Bq/m³
3
Bewertung und Maßnahmen
Grundlage für die Bewertung der Radonmessergebnisse stellt die Empfehlung der Österreichischen
Strahlenschutzkommission für die Begrenzung der Radonexposition in Innenräumen dar. Darin ist als
Richtwert für bestehende Gebäude 400 Bq/m³ festgelegt (Jahresmittelwert). Wird der Richtwert
überschritten, wird die Durchführung von Maßnahmen zur Senkung der Radonkonzentration
empfohlen.
3.1 Beurteilungskategorien und Maßnahmen
Basierend auf dem österreichischen Richtwert und der internationalen Broschüre „Radon –
Sanierungsmaßnahmen bei bestehenden Gebäuden“ wurden drei Beurteilungskategorien mit
entsprechenden Empfehlungen für Maßnahmen festgelegt:

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Dresden, 11. Sept. 2012
6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
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Tab. 1
: Beurteilungskategorien mit entsprechenden Empfehlungen für Maßnahmen
Beurteilungskategorie
Empfohlene Maßnahmen
bis 400 Bq/m³
keine Maßnahmen erforderlich
401 bis 1.000 Bq/m³
Berücksichtigung des Radonsanierungsaspektes bei zukünftigen
allgemeinen baulichen Sanierungsmaßnahmen;
bis zur Sanierung verstärktes Lüften der betroffenen Räume (*)
mehr als 1.000 Bq/m³
Durchführung von baulichen Radon-Sanierungsmaßnahmen inner-
halb von 3 Jahren;
bis zur Sanierung verstärktes Lüften (*) beziehungsweise Nutzungs-
änderung der betroffenen Räume
(*) Bis zur Umsetzung der Radonsanierung kann die Radonkonzentration durch mehrmaliges Quer
oder Stoßlüften gesenkt werden. Außerhalb der Heizperiode sollen die Fenster so oft als möglich
geöffnet oder gekippt bleiben.
3.2 Auswertung der Gebäudemittelwerte nach Beurteilungskategorien
Im überwiegenden Teil der gemessenen Gebäude (ca. 74 %) liegt das Gebäudemittel unter
400 Bq/m³. Hier sind keine weiteren Maßnahmen notwendig.
In insgesamt 181 Gebäuden sind jedoch Maßnahmen in Abhängigkeit von der Beurteilungskategorie
erforderlich.
Kategorie
Anzahl
Anteil
bis 400 Bq/m³
499
73,4 %
401 bis 1.000 Bq/m³
139
20,4 %
mehr als 1.000 Bq/m³
42
6,2 %
680
100 %
Abb. 5:
Auswertung der Gebäudemittelwerte
bis 400Bq/m³
73,4 %
401-1000 Bq/m³
20,4 %
>1000 Bq/m³
6,2 %

Herangehensweise und Ergebnisse der Messungen und anschließenden Sanierungen bei der Vollerhebung in drei oberöster-
reichischen Gemeinden
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6. Sächsischer Radontag - 8. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 11. Sept. 2012
4
Empfehlungen
4.1 Bestehende Gebäude
Wurde eine Richtwertüberschreitung festgestellt, wurde der Bürger aufgefordert die empfohlenen
Maßnahmen umzusetzen. Die internationale Broschüre „Radon – Sanierungsmaßnahmen bei
bestehenden Gebäuden“ gab dem Bürger einen ersten Überblick über mögliche Maßnahmen.
Darüber hinaus wurde eine fachliche Beratung und die Fördermöglichkeiten des Landes Ober-
österreich angeboten.
4.2 Neubauten
Da diese drei Gemeinden im Risikogebiet liegen werden zukünftig für Neubauten einfache und
kostengünstige Vorsorgemaßnahmen im Bauverfahren vorgeschrieben.
Als Grundlage für die Maßnahmen werden die Broschüre „Radon – Vorsorgemaßnahmen bei Neu-
bauten“ und die ÖNORM S 5280-2 (Ausgabe 15.07.2012) empfohlen. Das Land Oberösterreich bietet
auch für Neubauten Förderungen in Radonrisikogebieten an. Bauvorhaben im Radonrisikogebiet mit
ständig bewohnten erdberührenden Wohn- und Schlafräumen werden nach einer verpflichtenden
Beratung vom Land Oberösterreich mit 364 Euro gefördert.
5
Sanierungen – Nachbetreuung
Nach der Übermittlung der Messergebnisse und der Informationsveranstaltung am 19. Oktober 2010
an die Bürger der drei Gemeinden wurden Objekte mit Richtwertüberschreitungen vom Land Ober-
österreich nachbetreut. Die Bürger müssten sich jedoch beim Land Oberösterreich von sich aus aktiv
melden.
Bis Mitte 2012 meldeten sich von diesen drei Gemeinden 18 Bewohner und beanspruchten eine
kostenlose Beratung und finanzielle Fördermöglichkeiten beim Land Oberösterreich.
Tab. 2
: Tabelle über die Sanierungsaktivitäten in den drei Gemeinden (sortiert Radonkonzentration
Gebäudemittel vor der Sanierung)
Nr.
Radonkonzentration
Gebäudemittel in Bq/m³
Sanierungsmethode
Bau-
jahr
Kosten in €
1)
vor
Sanierung
nach
Sanierung
1
1665
<400
Überdruckmethode in einzelnen
Räumen – derzeit noch in
Umsetzung – die Methode wurde
bereits erfolgreich getestet
1983
ca. 500.- bis
1.000
2
1377
212
UBA Methode – Ventilator saugt
dauerhaft
1974
ca. 500
3
1327
60
UBA Methode unter Fundamentplatte
– Ventilator saugt dauerhaft
2006
ca. 800.-
4
1256
-
Nutzungsänderung – betroffene
Räume werden nicht mehr genützt
1998
keine

Heribert Kaineder
Dresden, 11. Sept. 2012
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Nr.
Radonkonzentration
Gebäudemittel in Bq/m³
Sanierungsmethode
Bau-
jahr
Kosten in €
1)
vor
Sanierung
nach
Sanierung
5
1170
220
Unterdruckerzeugung in einem
Kellerraum - derzeit noch nicht im
Dauerbetrieb – Methode bereits
getestet
1972
ca. 500.-
6
1142
derzeit
Nach-
messung
Installation einer mechanischen
Wohnraumlüftung auf ausdrücklichen
Wunsch des Bewohner
1970
Keine
Angaben
7
1141
165
UBA unter Fundamentplatte –
Ventilator saugt dauerhaft
1998
1785.-
Einbau Firma
8
1136
145
UBA Methode – Ventilator saugt
dauerhaft
2001
ca. 700.-
9
1020
118
Unterdruckerzeugung in einem
Kellerraum – Ventilator im
Dauerbetrieb
1945 -
1970
ca. 300.-
10
993
72
UBA Methode unter Fundamentplatte
– Ventilator saugt dauerhaft
2008
ca. 355.-
11
968
384
UBA – passiv mit Abluft über
bestehenden Kamin
1979
Bohrungen hat
Betreiber
selbst vorge-
nommen
12
923
-
UBA Methode vorgeschlagen – noch
nicht umgesetzt
1979
13
814
<400
Druckausgleich in den
erdberührenden Räumen – getestet
jedoch noch nicht ausgeführt
2005
ca. 1.000.-
14
797
-
Generalsanierung in den nächsten
Jahren – vorübergehend verstärktes
Lüften
1955
15
755
-
Nachmessung erfolgte – derzeit vom
Bewohner keine weiteren
Maßnahmen vorgesehen
1980
16
589
-
Nachmessung erfolgte – es wurde
eine Unterhausabsaugung vorge-
schlagen – Umsetzung erfolgt noch
1978
17
541
-
Nachmessung erfolgte – Erneuerung
der erdberührenden Räume wegen
thermischer Sanierung – derzeit in
Umsetzung
1965
18
478
350
Betrieb der mechanische Belüftung
wurde geändert bzw. adaptiert
2002
keine
1)
Die Kosten sind ohne Beratung und Nachmessungen

Herangehensweise und Ergebnisse der Messungen und anschließenden Sanierungen bei der Vollerhebung in drei oberöster-
reichischen Gemeinden
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6
Literaturverzeichnis
[1]
"Radonvollerhebung in den Gemeinden Reichenau, Haidach und Ottenschlag" AGES Linz,
BOKU Wien, Universität Wien, im Auftrag des Lebensministerium, Oktober 2010

 
Referentenverzeichnis
Dresden, 11.Sept. 2012
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Referentenverzeichnis
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
und Vorstandsvorsitzender KORA e.V.
D-01069 Dresden, Friedrich-List-Platz 1
Telefon: 0351 / 462 - 2440, Telefax: 0351 / 462 - 2172
www.bau.htw-dresden.de
email: dresden@koraev.de
Prof. Dr.-Ing. habil. Roland Stenzel
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
D-01069 Dresden, Friedrich-List-Platz 1
Telefon: 0351 / 462 - 3101, Telefax: 0351 / 462 - 2185
www.htw-dresden.de
email: stenzel@htw-dresden.de
Fritz Jaeckel
Staatssekretär
Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft
D-01097 Dresden, Archivstraße 1
www.smul.sachsen.de
email: poststelle@smul.sachsen.de
Christian Schramm
Wismut GmbH
Abteilung Umwelt Überwachung Strahlenschutz
D-09117 Chemnitz, Jagdschänkenstraße 29
Telefon: 0371 / 8120 - 0 Tefefax: 0371 / 8120 - 584
www.wismut.de
email: info@wismut.de
Dr. rer. nat. Walfried Löbner
WISMUT GmbH
Abteilung Umwelt Überwachung Strahlenschutz
D-09117 Chemnitz, Jagdschänkenstraße 29
Telefon: 0371 / 8120 – 127, Telefax: 0371 / 8120 - 107
www.wismut.de
email: w.loebner@wismut.de
Prof. h.c. Dr. rer.nat. habil Bernd Leißring
Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX
D-09114 Chemnitz, Max-Planck-Str. 18
Telefon: 0371 / 336 - 2788 Telefax: 0371 / 336 - 2789
www.geoprax-leissring.de
email: bernd@leissring.de
Kai Geringswald
Wismut GmbH
Abteilung Umwelt Überwachung Strahlenschutz
D-09117 Chemnitz, Jagdschänkenstraße 29
Telefon: 0371 / 8120 - 0 Tefefax: 0371 / 8120 - 584
www.wismut.de
email: info@wismut.de
Peter Bossew
Bundesamt für Strahlenschutz
D-10318 Berlin, Köpenicker Allee 120-130
Telefon: 030 / 18333 – 0 Telefax: 030 / 18333 – 18 85
www.bfs.de
email: pbossew@bfs.de

Referentenverzeichnis
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Dresden, 11. Sept. 2012
Franz Anton Rößler
Technische Hochschule Mittelhessen
Institut für Medizinische Physik und Strahlenschutz
D-35390 Gießen, Wiesenstraße 14
Telefon: 0641 / 309 – 2430
www.thm.de
email: franz.a.roessler@mni.thm.de
Tahar Azzam Jai
Technische Hochschule Mittelhessen
Institut für Medizinische Physik und Strahlenschutz
D-35390 Gießen, Wiesenstraße 14
Telefon: 0641 / 309 – 0
www.thm.de
Dr. rer. nat. habil. Hartmut Schulz
IAF - Radioökologie GmbH
D- 01454 Radeberg, Wilhelm-Rönsch-Str. 9
Telefon: 03528 / 48730 – 0 Telefax: 03528 / 48730 – 22
www.iaf-dresden.de
email: info@iaf-dresden.de
René Baumert
IAF - Radioökologie GmbH
D- 01454 Radeberg, Wilhelm-Rönsch-Str. 9
Telefon: 03528 / 48730 – 0 Telefax: 03528 / 48730 – 22
www.iaf-dresden.de
email: info@iaf-dresden.de
Julia Gilberg
Freie Universität Berlin
D-14195 Berlin, Kaiserswerther Str. 16-18
www.fu-berlin.de
email: julia-gilberg@web.de
Dipl.-Ing. Freia Frankenstein-Krug
Sächsische Energieagentur - SAENA GmbH, Bereich Energieeffizienz
D-01069 Dresden, Pirnaische Straße 9
Telefon: 0351 4910 – 3160 Telefax: 0351 4910 – 3155
www.
www.saena.de email: freia.frankenstein-Krug@saena.de
Dipl.-Ing. Richard Zinken
Country Manager Germany
Corroventa Entfeuchtung GmbH
D-40668 Meerbusch, In der Loh 36c
Telefon: 02150 9654 – 15 Telefax: 02150 2061 – 46
www.corroventa.de
email:
richard.zinken@corroventa.de
Dr. rer. nat. Gerhard Binker
Geschäftsführer
Binker Materialschutz GmbH
D-91207 Lauf a. d. Pegnitz, Westendstraße 3
Telefon: 09123 9982 – 0 Telefax: 09123 9982 – 22
www.radonschutz.eu
email: mail@radonschutz.eu
Heribert Kaineder
Amt der Oberösterreichischen Landesregierung
Abteilung Umweltschutz
A-4021
Linz,
Kärntnerstraße
10-12
Telefon: +43732 77 20 – 145 50 Telefax: +43 732 77 20 – 21 45 49
www.land-oberoesterreich.gv.at
email: heribert.kaineder@ooe.gv.at

image
 
Herausgeber KORA e.V.
Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum Radonsicheren Bauen und Sanieren
c/o HTW Dresden, Friedrich-List-Platz 1, 01069 Dresden
Telefon: 0351/4622400, Telefax: 0351/4622172
www.koraev.de,
email:
dresden@koraev.de
Dresden 2012
Redaktionelle Bearbeitung: M.Sc. Ronny Sachse
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