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Sächsisches Staatsministerium für
Umwelt und Landwirtschaft - SMUL
ZAFT - Zentrum
für angewandte
Forschung und Technologie e.V.
HTW Dresden
Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden
KORA e.V. - Kompetenzzentrum für
Forschung und Entwicklung zum
radonsicheren Bauen und Sanieren
3. SÄCHSISCHER
RADONTAG
5. TAGUNG
RADONSICHERES
BAUEN
29. SEPTEMBER 2009
HOCHSCHULE FÜR TECHNIK
UND WIRTSCHAFT DRESDEN
veranstaltet durch:
unterstützt durch:

 
Inhalt
Dresden, 29.Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 3
INHALT
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Grußwort des Vorstandsvorsitzenden von KORA e.V
.................................................... 5
Dr. Jürgen Staupe
Grußwort des Staatssekretärs des
Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft
............................... 7
Prof. Dr.-Ing. Hannes Neumann
Grußwort des Rektors der HTW Dresden
........................................................................ 9
RADONKOMMUNIKATION
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Einführung zum Thema: Radon in der öffentlichen Wahrnehmung
............................ 11
Prof. Rüdiger von der Weth
Kommunikationsstrategien bei emotional aufgeladenen Problemfeldern
................ 15
Martha Gruson
Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
............... 23
Frieder Stimpel
Öffentliche Wahrnehmung von Radon in einer Stadt mit hohen Expositionen
und deren Umgang in Presse, Verwaltung und Bevölkerung
................................... 39
Dr. Andreas Guhr
Vorstellung des Schulprojektes zur Senkung der Radonexposition und zur
Risikokommunikation
..................................................................................................... 43
Philipp Stephan
Radon in der Lebensumwelt und seine Wahrnehmung - Ergebnisse einer
Pilotuntersuchung in der Region Schneeberg
............................................................. 47
RECHTLICHE FRAGEN und BEWERTUNGSKRITERIEN
Dr. Ludger Giesberts
Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für
Radonbelastung
............................................................................................................ 55
Dr. Anje Eichler
Radioaktivität und Radonexhalation von Bauprodukten - Stand und Ausblick
zu regulativen Anforderungen und deren Umsetzung
.............................................. 71
Dr. rer. nat. Joachim Kemski, Dr. rer. nat. Ralf Klingel
Bewertungskriterien zur Identifizierung von Baustoffgruppen mit erhöhter
Radioaktivität
................................................................................................................. 77

Seite 4
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
BEISPIELE
Dietmar Herklotz
Vom Altbau zum Passivhaus unter dem Gesichtspunkt des Radonschutzes
........ 81
Prof. Dr. rer. nat. habil. Bernd Leißring
Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
............. 87
Referentenverzeichnis
.................................................................................................... 99

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Walter-Reinhold Uhlig
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 5
Begrüßung
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie sehr herzlich zum
dritten sächsischen Radontag – der 5. Tagung Radonsicheres
Bauen
. Veranstaltet wird diese wie in den Vorjahren durch das Sächsische Staatsministerium für
Umwelt und Landwirtschaft gemeinsam mir dem „Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung
zum radonsicheren Bauen und Sanieren – KORA e.V.“ Unsere Tagung wird wiederum in
dankenswerter Weise durch die HTW Dresden sowie das ihr angeschlossene Forschungszentrum
ZAFT e.V. unterstützt.
Das Wissen über die Radonexposition in der Raumluft und deren Gefährdung ist in der Bevölkerung
immer noch sehr gering ausgeprägt. Unter anderem deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, der
Öffentlichkeit mit sachlichen Berichten Argumente in die Hand zu geben, wie mit dem Problem der
Radonbelastung in der Raumluft umgegangen werden sollte. Nur auf einer solchen Basis kann das
erforderliche Zusammenwirken von Betroffenen, Planern und Bauausführenden effektive Ergebnisse
bringen! Wie hiermit Kommunen und Verwaltungen, aber auch Planer und Bauausführende umgehen,
wie die Nutzer konstruktiv und verantwortlich einbezogen werden können, wird im ersten mit
Radon-
Kommunikation
überschriebenen Schwerpunkt der Tagung im Mittelpunkt der Beiträge stehen, für
die wir als Referenten Kommunikationswissenschaftler, Planer, Vertreter von Kommunen, aber auch
einen Schüler eines Gymnasiums gewinnen konnten.
In weiteren Beiträgen der Tagung wird auf aktuelle rechtliche Fragen, auf die Radonexhalation aus
Baustoffen eingegangen werden sowie werden – bereits eine gute Tradition - Praxisbeispiele
vorgestellt.
Wir hoffen, mit diesem Programm Ihnen wiederum ein interessantes Spektrum aus dem Themenkreis
des radonsichern Bauens offerieren zu können und wünschen der Tagung einen guten Verlauf und
Ihnen viele neue Erkenntnisse!
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Vorsitzender KORA e.V.
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Vorsitzender Kompetenzzentrum für
radonsicheres Bauen e.V.
und
Lehrgebiet Baukonstruktion an der
Hochschule für Technik und Wirtschaft
Dresden

Seite 6
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009

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Jürgen Staupe
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 7
Begrüßung
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der Schutz vor Radon und dessen schädlicher Wirkung ist für den Freistaat Sachsen nach wie vor
eines der wichtigen Umweltthemen. Die aktuellen internationalen Entwicklungen zeigen, dass dieses
Thema uns auch weiterhin im Strahlenschutz beschäftigen wird. Die Internationale
Strahlenschutzkommission (ICRP) hat sich in ihrer Empfehlung 103 aus dem Jahr 2007 mit Radon in
Gebäuden befasst, und in Kürze erwarten wir das Radon-Handbuch der World Health Organization
(WHO). Auch die Europäische Kommission beabsichtigt, in die Novelle der
Strahlenschutzgrundnormen die Radonthematik aufzunehmen. Die Ergebnisse aus diesen
Bewertungen dann in der Praxis umzusetzen, wird Aufgabe der Fachexperten und
Strahlenschutzbehörden in den nächsten Jahren sein.
Unser gemeinsames Ziel, die Radonexposition durch Aufenthalt in Gebäuden weitgehend zu senken,
ist nur erreichbar, wenn in der Öffentlichkeit eine breite Akzeptanz hinsichtlich dieser Thematik
besteht. Wenn Gebäudeeigentümer einen begründeten Handlungsbedarf erkennen, werden sie auch
bereit sein, Maßnahmen zu treffen. Unbedachter Aktionismus, verbunden mit uneffektiven oder
fachlich nicht fundierten Maßnahmen, hilft uns nicht weiter. Ich begrüße es deshalb, dass sich der
3. Sächsische Radontag
diese Frage als Schwerpunkt gesetzt hat. Der fachübergreifende
Erfahrungsaustausch zwischen Experten auf dem Gebiet der Kommunikation, aus dem
Ingenieurwesen und der Bauplanung sowie Betroffenen lässt interessante und nützliche Anregungen
sowie sachliche Informationen erwarten. Unser Anliegen ist es, das gesundheitliche Risiko durch
Radon aufzuzeigen, dieses im Vergleich mit anderen Risiken abzuwägen und mögliche
Schutzmaßnahmen zu empfehlen. Unsere Öffentlichkeitsarbeit soll hilfreich, verständlich und
informativ für die Betroffenen sein. Die Erfahrungen unserer Radonberatungsstelle aus den Kontakten
mit Bürgern, Kommunen und Bauplanern zeigen jedoch, dass hinsichtlich der Wahrnehmung und der
Kenntnisse zur Radonthematik noch Handlungsbedarf besteht.
Radonschutzmaßnahmen sind nur so gut, wie sie geplant und ausgeführt werden. Unser Ziel ist es
deswegen, insbesondere Architekten, Bauplaner und Baufirmen hinsichtlich der Radonthematik zu
sensibilisieren. Mit dem Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum radonsicheren
Bauen und Sanieren (KORA) e. V. haben wir einen fachkundigen Partner zu technischen und
methodischen Fragen im Baubereich gefunden. Ergebnisse dieser engen Zusammenarbeit sind
neben der Ausrichtung der Sächsischen Radontage zwei Diplomarbeiten zu Radonfragen, die
gemeinsam betreut wurden, sowie eine Vorlesungsreihe für Bauingenieure an der Hochschule für
Wirtschaft und Technik Dresden. Die Vorlesungsreihe läuft nun bereits seit vier Jahren erfolgreich
und soll fortgesetzt werden. Solche Ansätze wollen wir weiter ausbauen und hoffen, dass der
Radontag dazu beträgt, den Weg hierfür zu ebnen.
Dr. Jürgen Staupe
Staatssekretär im Sächsischen
Staatsministerium für Umwelt
und Landwirtschaft

Seite 8
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
Ich wünsche dieser Tagung abwechslungsreiche Diskussionen und produktive Ergebnisse. Ich bin
zuversichtlich, dass die diesjährige Veranstaltung an die beiden vorausgegangenen Radontage
erfolgreich anknüpfen wird und ein Podium für einen intensiven fachlichen Erfahrungsaustausch
bietet. Ich wünsche Ihnen viele gute Gespräche und Anregungen.
Dr. Jürgen Staupe
Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft

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Hannes Neumann
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 9
Grußwort zum 3. SÄCHSISCHEN RADONTAG
Im Jahre 2005 wurde in unserem Hause das Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum
radonsicheren Bauen und Sanieren gegründet. Im gleichen Jahr fand die erste Tagung zum
radonsicheren Bauen statt. KORA e.V. veranstaltet in diesem Jahr bereits seinen 3. Sächsisches
Radontag und die 5. Tagung „Radonsicheres Bauen“, die seit 2007 gemeinsam mit dem Sächsischen
Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft durchgeführt wird. Diese Tagung wird unterstützt
von unserer Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden - der HTW - und dem Zentrum für
angewandte Forschung und Technologie e.V. dem Forschungszentrum an der HTW Dresden.
Als Hausherr freue ich mich natürlich, alle Teilnehmer der Tagung hier in unserer Hochschule
begrüßen zu können. Ich halte es für eine unseres Hochschultyps entsprechende wesentliche
Aufgabe, den wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch zu pflegen und zu befördern.
Die enge Verbindung zwischen KORA e.V. und der HTW Dresden hat sich – neben der
Gastgeberschaft für die alljährliche Tagung - in den letzten Jahren sehr fruchtbar entwickelt. So bietet
die Fakultät Bauingenieurwesen/Architektur seit drei Jahren eine Vorlesung „Radonsicheres Bauen“
an, in der neben Mitarbeitern der Hochschule Experten aus verschiedenen Wissensgebieten
Lehrveranstaltungen übernommen haben, die Mitstreiter in KORA e.V. sind. Inzwischen sind auch
eine Reihe von Themen in Graduierungsarbeiten behandelt worden, die sich mit dem Radonsicheren
Bauen befassen – Ergebnisse dieser Arbeiten können in der Posterausstellung besichtigt werden. In
den Graduierungsarbeiten sind zum Teil wichtige Grundlagen für weitere Forschungsthemen gelegt
worden, die in Kooperation von KORA e.V., dem ZAFT und der HTW Dresden bearbeitet werden
sollen.
Damit werden wir unserer Verpflichtung gerecht – angewandte Forschung als zweites Standbein zu
betreiben und damit gleichzeitig die Ausbildung von jungen Ingenieuren den Erfordernissen des
Standes der Technik entsprechend anzupassen.
Das heutige Programm der Tagung bietet wieder interessante Beiträge neuerer Untersuchungen zu
Fragen der Radonkommunikation, zu rechtlichen Fragen und Bewertungskriterien und zu
Anwendungsbeispielen.
Mein Dank gilt den Organisatoren und den Referenten, die diese Tagung erfolgreich vorbereitet und
mit gestaltet haben. Ich wünsche ihnen einen interessanten Verlauf und einen persönlichen
Erfahrungsaustausch, der bestimmt für weitere gemeinsame Projekte im Rahmen des sich
gestaltenden Netzwerkes „Radonsicheres Bauen“ von großem Vorteil ist.
Prof. Dr.-Ing. Hannes Neumann
Rektor der Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden
Prof. Dr.-Ing. Hannes Neumann
Rektor der Hochschule für
Technik und Wirtschaft Dresden

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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009

 
Walter-Reinhold Uhlig
Dresden, 29. September 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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RADON IN DER ÖFFENTLICHEN WAHRNEHMUNG
RADON IN THE PUBLIC PERCEPTION
Walter-Reinhold Uhlig
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, Fakultät Bauingenieurwesen/Architektur; Vorsitzen-
der des Kompetenzzentrums für Forschung und Entwicklung zum radonsicheren Bauen und Sanieren
e.V. (KORA e.V.), Dresden
Zusammenfassung
Die öffentliche Wahrnehmung der Gefährdung durch Radon ist eine wichtige Frage und kann über den
Erfolg baulicher Anstrengungen maßgeblich mit entscheiden. Im Beitrag werden Veröffentlichungen in
den Printmedien sowie dem Internet zu Radon und den Radonsicheren Bauen analysiert und bewertet
sowie werden Schlussfolgerungen aus dieser Analyse gezogen.
Summary
The public perception of the danger by radon is an important question and can take part in decide on
the success of architectural strains decisively. In the article publications are analysed in the print me-
dia as well as the Internet to radon and the radon-protected construction and conclusions from this
analysis are valued as well as are pulled.
1 Situation
Im Sommer des Jahres 2001 verbrachte ich einen Teil meines Urlaubs in einem Dorf in der Nähe von
Kassel. Schon am Ortseingang empfing mich ein Schild mit dem Hinweis, dass hier ein tödliches Risi-
ko zu erwarten sei. Im Ort dann waren vielfältige Aufsteller, Aushänge, ja sogar ein überdimensionales
Gerippe zu „bewundern“! Was war der Grund dieser Kampagne: Ein Mobilfunkbetreiber plante, in dem
Ort einen Sendemast zu installieren, ein Einwohner hatte hierfür sein Grundstück zur Verfügung ge-
stellt. Sicher eine technisch erforderliche Maßnahme, schließlich möchte heute keiner auf sein Mobil-
telefon verzichten! Die an Zäune und Hauswände gehängten Kopien von Veröffentlichungen legten
aber den Schluss nahe, dass damit ein unerträgliches Gesundheitsrisiko einhergeht. Viele Artikel von
Autoren mit akademischem Titel waren unter den Aushängen, kein einziger Beitrag war dabei, der das
Risiko relativiert hätte, der eine Gegenposition beschreibt. Vermutlich wurden alle relativierenden –
durchaus vorhandenen - Veröffentlichungen als von den Mobiltelefonbetreibern bezahlte Schreiberlin-
ge abqualifiziert!
Szenenwechsel: Als ich vor einigen Jahren meine erste Vorlesung mit dem Titel „Radonsicheren Bau-
en“ hielt, kam danach ein Student zu mir und berichtete, dass er in Bad Schlema wohnt – und noch
nie von den möglichen Gefährdungen durch Radon, geschweige denn etwas über das Radonsichere
Bauen gehört hatte.

Radon in der öffentlichen Wahrnehmung
Seite 12
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. September 2009
Ein drittes Beispiel: Kürzlich wurde ich – und weitere Kollegen, die sich mit dem radonsichern Bauen
beschäftigen - von einer Bauherrin aus Thüringen mit telefonischen Anfragen, wie ihr geplantes Ei-
genheim radonsicher zu gestalten sei, gerade zu bombardiert – man verzeihe mir den militärischen
Ausdruck. Eine Messung ihres Bauplatzes hatte eine relativ hohe Radonbelastung der Bodenluft er-
geben. Alle von mir und meinen Mitstreitern vorgebrachten Argumente, dass eine im Neubau stand-
artgemäße Abdichtung bereits einen hohen Schutz vor dem Eindringen radonhaltiger Bodenluft bringt,
schienen die Bauherrin nicht zu überzeugen. Nach mehreren Telefonaten stellte sich mir die Frage,
wie man einer besorgten Bauherrin die Ängste nehmen kann, ohne mögliche Gefahren zu negieren.
In dem Spannungsfeld der hier kurz skizzierten Fälle bewegen wir uns, wenn es um den Umgang mit
einem Gefahrenpotential geht – auf einer Seite hysterische Übersteigerung, auf der anderen Seite
Unwissen oder Verdrängung.
Die Gefährdung durch Radon und seine Zerfallsprodukte ist ein solches Gefahrenpotential. Somit
stellt sich auch für uns die Frage, wie damit umgegangen werden sollte, welche Strategien vonnöten
sind, damit unserem Handeln ein verantwortungsbewusster, nicht von Emotionen beherrschter Um-
gang zugrunde gelegt werden kann.
Die bisherigen von KORA e.V., seit zwei Jahren gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft, veranstalteten Tagungen haben sich mit unterschiedlichsten Fragen
des Radonsicheren Bauens und Sanieren befasst und den Tagungsteilnehmern sicher viele wichtige
Erkenntnisse gebracht. Die Frage, wie diese Erkenntnisse in der Öffentlichkeit kommuniziert werden,
wie zum Einen vorhandene Ängste abgebaut werden können, zum Anderen eine umfassende Infor-
mation der Bevölkerung gewährleistet werden kann, ist sicher mindestens genauso wichtig, wie der
fachliche Disput unter „Insidern“. Das erscheint umso wichtiger, da – aus guten Gründen – in Deutsch-
land bisher keine gesetzlichen Regelungen zur Begrenzung der Radonkonzentration in Gebäuden
eingeführt worden sind, welche – würden solche existieren – zwar eine einfachere Argumentation
ermöglichten, zum anderen aber möglicher Weise zu deutlich überzogenen Anforderungen an das
Bauen und Sanieren führen könnten. Auf jeden Fall macht es die aktuelle Situation nicht leichter, ei-
nen emotionslosen und gleichzeitig verantwortungsbewussten Umgang mit dem radonsicheren Bauen
zu ermöglichen. In diesem Sinne soll in diesem Jahr ein Schwerpunkt der Tagung der Frage der „Ra-
donkommunikation“ nachgehen. Alle Vorträge des Vormittags werden sich dieser Frage aus unter-
schiedlichen Blickwinkeln nähern.
2
Radon und radonsicheres Bauen in den Medien
Unter Medien sollen hier vor allen Dingen die Printmedien sowie das Internet, ein klein wenig auch
das Fernsehen beleuchtet werden.
In dem interessanten Beitrag von Frau M. Gruson – etwas weiter hinten in diesem Band – wird über
eine in der Schweiz durchgeführte Befragung berichtet. Eine der Fragen, woher die Befragten ihr Wis-
sen über Radon erhalten haben, zeigt, dass diese in hohem Maße durch Zeitungsartikel (56,3%) er-
folgte, über das Internet informierten sich lediglich 13,8% (Die Informationsquelle Fernsehen war in
der Frage nicht enthalten, da sich die Frage auf eine spezielle Informationsquelle bezog). Dieses Er-
gebnis hat mich ein wenig erstaunt, erscheint doch der Gebrauch des Internets heute vor allen Dingen
in der jüngeren Generation häufig fast das einzige Informationsmedium zu sein! Offensichtlich ist es
aber doch so, das das geschriebene Wort immer noch eine hohe Wirkung hat. Vergleicht man die im
Artikel von Frau Gruson wiedergegebenen Antworten auf die Frage, ob Radon bekannt sei mit den
Ergebnissen der im Rahmen des Schülerprojektes in Schneeberg – letzteres wird Ihnen in den beiden
letzten Vorträgen des Vormittags vorgestellt – gefundenen Antworten, so ergibt sich aus beiden ein
vergleichbares Ergebnis dahingehend, dass eine erfreulich hohe Anzahl der Befragten eine richtige
Antwort gaben. Dass der Bekanntheitsgrad in Schneeberg besonders hoch ist, lässt sich aus zwei
Tatsachen ableiten. Zum Einen ist Schneeberg ein Ort, in dem die Radonproblematik allgegenwärtig
ist – wir werden darüber noch heute in dem Vortrag des Bürgermeisters der Stadt, Herrn Stimpel,
einiges erfahren – zum anderen wurde die Frage an eine speziell zusammen gestellte, relativ homo-
gene Gruppe gestellt. Gehen die Befragungen aber ins Detail – sei es zu gesundheitlichen Folgen, sei
es zu Fragen des Radonsicheren Bauens – muss konstatiert werden, dass der Wissensstand zum Teil
noch unbefriedigend ist.

Walter-Reinhold Uhlig
Dresden, 29. September 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 13
Wir können also vorerst zusammenfassen, dass dem hohen Interesse an der Radonproblematik, wel-
ches die Bevölkerung vor allen Dingen in Gebieten mit hoher Radonbelastung hat, ein zumeist unvoll-
kommenes Wissen gegenübersteht. Weiterhin kann geschlussfolgert werden, dass die Printmedien
immer noch ein wichtiges Medium zur Information darstellen, wenn ich auch vermute, und vielleicht
könnte man das über eine weitere Befragung klären, dass vor allen Dingen junge Menschen ihr Wis-
sen verstärkt aus dem Medium Internet ziehen.
Betrachtet man zuerst das Internet und gibt bei google das Wort „Radon“ ein, so werden 4.270.000
Treffer angezeigt – eine stolze Zahl! Üblicherweise sind aber die wichtigsten Beiträge auf den ersten
Seiten zu finden. So habe ich die ersten 10 Seiten etwas genauer mit den folgenden Ergebnissen
analysiert:
Auf der ersten Seite (sie enthält statt der üblichen zehn zwölf Treffer) sind immerhin 9 zu un-
serer Problematik zu finden. Allerdings, der erste Treffer wirbt für eine Fahrradmarke namens
„Radon“!
Fasst man die ersten 10 Seiten zusammen ergibt sich, dass von den 102 Treffern immerhin
60 dem Thema Radon, der Gefährdung durch Radon und dem Radonsicheres Bauen gewid-
met sind.
Unter diesen Treffern sind alle wichtigen Adressen enthalten: Von den Stellen des Bundes
(BMU, BfS), der Schweiz und Österreich sowie aus dem englischsprachigen Raum über Auf-
tritte der Bundesländer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich bis zu Vereinen (hier
kann man dann auch die Seite von KORA eV. entdecken) und zum Teil sehr ausführlichen
Veröffentlichungen von privaten Büros und Einzelpersonen bietet sich ein umfassendes Bild.
Die Seiten sind zum Teil sehr gut gestaltet, gestatten dem Nutzer, sich umfassende und rea-
listische Informationen zu holen.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Internet besser zu sein scheint, als sein Ruf, das,
wer will und sich die Zeit nimmt, viel Wissenswertes über Radon erfahren kann. Nicht geeignet ist
allerdings das Internet in unserem Falle für denjenigen, der eine schnelle Information erhalten möchte.
Hier erscheint die Tages- oder Wochenpresse das deutlich besser geeignete Medium zu sein.
Um sich über Quantität und Qualität der Veröffentlichung in Tageszeitungen und Wochenzeitschriften
einen Überblick zu verschaffen, haben wir im Vorfeld der heutigen Tagung eine Recherche durchge-
führt, die zum Einen so genannte Meinungsführer, wie den Spiegel, focus und überregionale Tages-
zeitungen, wie die Süddeutsche Zeitung, zum anderen einige regionale Tageszeitungen (z.B. die
Saarbrücker Zeitung) erfasste. Mit der Recherche sollten alle in den letzten Jahren veröffentlichten
Artikel zur Radonproblematik erfasst werden. Bis zu welchem Jahr dies möglich war, hing sehr stark
von der Qualität der Archive der jeweiligen Medien ab – zum Teil reichten diese aber bis in die Zeit der
80-er Jahre zurück.
Insgesamt wurden 44 Veröffentlichungen gefunden und ausgewertet. Wichtige Erkenntnisse waren
vor allen Dingen:
Die Veröffentlichungen auf das Jahr ihres Erscheinens aufgeschlüsselt, zeigt, dass es hier
sehr starke Konzentrationen gibt – bis zu 10 Veröffentlichungen in einem Jahr, dagegen wur-
den für viele Jahre überhaupt keine Beiträge recherchiert.
Diese ungleichmäßige Verteilung ergibt sich folgerichtig daraus, dass im Grunde alle Artikel
einen Anlass benötigten – sei es eine Gesetzesinitiative, ein Pressmitteilung des BfA oder ei-
nes anderen Gremiums, oder – vor allen Dingen in den regionalen Zeitungen – ein örtliches
Ereignis.
Inhaltlich sind die ausgewerteten Artikel nur in den wenigsten Fällen hinsichtlich der Fragen
des Schutzes vor den Gefahren erhöhter Radonexposition hilfreich. Zu sehr steht offensich-
tlich die sensationelle Meldung im Vordergrund, weniger eine sachliche und fundierte Informa-
tion – das gilt, es soll hier ausdrücklich vermerkt sein nicht nur für die so genannte Boulevard-
presse – diese haben wir in unserer Untersuchung überhaupt nicht einbezogen! Nur sehr sel-
ten sind Initiativen, im Wissenschaftsteil der Zeitung einen fachlich fundierten Beitrag zu veröf-
fentlichen, die Sächsische Zeitung in Dresden sei hier ausdrücklich genannt.

Radon in der öffentlichen Wahrnehmung
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. September 2009
Sucht der Leser Informationen über das Spezialgebiet „Radonsicheres Bauen“ in den erfass-
ten Beiträgen, so wird er fast vollständig enttäuscht, nur sehr allgemeine Empfehlungen finden
Eingang in die Artikel!
Weitere wichtige Medien sind selbstverständlich die vielfältigen Informationsbroschüren öffentlicher
Einrichtungen – die in den meisten Fällen gute und gut aufbereitete Informationen vermitteln – aber
deren Wirkungsradius sicher begrenzt ist – und das Fernsehen. Letzteres kann vor allen Dingen in
seinen Wissenschaftssendungen (zumeist in den 3. Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernse-
hens) Informationen bringen, leider auch hier sehr selten und mit einem relativ geringen Wirkungsra-
dius –die täglichen Quotenveröffentlichungen zeigen dies eindrücklich.
3 Schlussfolgerungen
Die Medien sind sicher nur eine Möglichkeit zur Information – sie erfüllen diesen Auftrag, wie wir se-
hen konnten, mehr oder weniger gut. Über weitere Möglichkeiten der Kommunikation soll heute u.a. in
den Berichten über das Schulprojekt in Schneeberg und Freital berichtet werden. Mir scheint, dass die
unmittelbare Wissensvermittlung in Schulen oder auch Hochschulen – wie wir es seit mehreren Jah-
ren an der HTW Dresden mit der Vorlesungsreihe „Radonsicheres Bauen“ praktizieren – ein guter
Ansatz ist. Vor allen Dingen deshalb, da junge Menschen im Allgemeinen sehr aufgeschlossen reagie-
ren und als Multiplikator in Familie und Umfeld hervorragend „funktionieren“. Sicher ist das nur ein
kleiner Schritt, viele weitere sind erforderlich – der Sächsische Radontag ist auch als ein solches Fo-
rum gedacht, Wissen über Radon und das Radonsichere Bauen breit zu streuen.
Eine andere, in diesem Zusammenhang zu stellende Frage ist das
Wie
der Kommunikation. Hierzu
wird im gleich folgenden Beitrag Herr Prof. von der Weth interessante Aspekte bringen. Gerade die
Frage, wie mit sensiblen Fragen, wie sie die Radioaktivität nun einmal ist, umzugehen ist, ist ein hoch
kompliziertes Gebiet – mein am Beginn des Beitrages vorgestelltes Beispiel oder aber die Beispiele,
die Herr von der Weth bringen wird, verdeutlicht eindrucksvoll, wie wichtig eine gute Kommunikation
zwischen „Insidern“ und der nach Informationen suchenden Bevölkerung ist!
Ich hoffe, die Tagung wird allen Beteiligten viele Erkenntnisse bringen, die das wichtige Problem der
Radonkommunikation verbessern helfen!

 
Rüdiger von der Weth
Katrin Schubach
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN BEI EMOTIONAL
AUFGELADENEN PROBLEMFELDERN
COMMUNICATION STRATEGIES WITH EMOTIONALLY CHARGED
PROBLEM FIELDS
Rüdiger von der Weth
Katrin Schubach
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, Fakultät Wirtschaftswissenschaften
Zusammenfassung
Wenn eine Risikomeldung in die Öffentlichkeit gelangt, können Emotionen, wie Unbehagen, Angst
oder gar Panik in der Bevölkerung entstehen. Welchen Charakter diese Emotionen bekommen, hängt
von vielen Faktoren ab: zum einen natürlich u.a. vom Geschehen selbst, zum anderen aber auch von
der Kommunikation der Ereignisse gegenüber der Öffentlichkeit. Wesentlich wird die Gefühlslage
Betroffener und der Öffentlichkeit von der erlebten Verständlichkeit und Vertrauenswürdigkeit
beeinflusst. Wie diese zustande kommt und von welchen Faktoren sie abhängt, wird im Artikel kurz
skizziert. Möchte man solche Emotionen beeinflussen und somit Folgen, wie Überreaktionen unter
der Bevölkerung vermeiden, bieten sich auf dem Feld der Kommunikation diverse einfache,
wirkungsvolle und kostengünstige Strategien an. Zum Abschluss wird dargestellt, was insbesondere
im Fall der Kommunikation der Risiken von Radon wichtig ist.
Summary
If a risk report reaches in public, emotions can originate, like uneasiness, fear or even panic in the
population. Which character these emotions reaches, depends on many factors: on the one hand, of
course among other things from the events, on the other hand, from the communication of the events
compared with the public. Substantially, the feeling situation of affected persons and the public is
influenced by the experienced intelligibility and trustworthiness. How this comes about and on which
factors it depends, is briefly outlined in the article. If one liked to influence such emotions and
therefore results, as over-reactions avoid under the population, various easy, effective and cost-
efficient strategies on the field of the communication are offered. For the conclusion it is shown what
is important in particular in the case of the communication of the risks of radon.
1
Die Logik des Irrationalen
Fragt man einen Schüler nach Radon - erinnert sich dieser - wenn er im Chemieunterricht aufgepasst
hat, dass Radon in der 18. Gruppe des Periodensystems eingeordnet wird und somit ein Edelgas sein
muss. Dass es radioaktiv und gefährlich für den menschlichen Organismus ist, ist dann schon nicht

Kommunikationsstrategien bei emotional aufgeladenen Problemfeldern
Seite 16
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
mehr so klar. Fragt man jedoch einen x-beliebigen Menschen auf der Straße nach diesem Begriff,
kann es passieren, dass dieser antwortet: „Radon? Schreibt man das mit oder ohne „h“?
Ein Sachkundiger schüttelt in diesem Moment wahrscheinlich den Kopf und schimpft auf das
Bildungssystem. Die Tatsache aber bleibt, dass “diesen Mann von der Straße“ - würde ihm im
nächsten Moment von einem „Radon-Risiko“ berichtet - wohl erst einmal ein ungutes Gefühl befällt.
Er ist jetzt der Situation ausgesetzt, dass er weder weiß, ob er von der Wirkung des Gases direkt
betroffen ist, weil es möglicherweise „überall in der Luft rumschwirrt“, oder ob nur Personen in
unmittelbarer Nähe des Gases den schädigenden Wirkungen unterlegen sind. Worauf sich dann die
nächste Frage stellt: Wo kommt Radon eigentlich vor? Gibt es in meinem Umkreis Radon? Wenn ja,
wo genau? Und wie wirkt das eigentlich? Bin ich schon vergiftet? Wie äußert sich das? Kann ich mich
dagegen schützen? ….
Um all diese Fragen zu beantworten, bräuchte er Informationen, die er nicht hat und sich aus Zeit-
/Kostengründen oder wegen der Unzugänglichkeit der Daten nicht besorgen kann. Manche
Informationen, die er hat und für wahr hält sind möglicherweise sogar falsch (Dörner: Lohhausen). Die
Situation ist für ihn undurchsichtig. Die fehlenden Informationen sorgen für eine Intransparenz, die er
selbst nicht beheben kann. Er bewegt sich in einem Zustand der Unbestimmtheit. Diese bestimmt
wesentlich seine emotionale Verfassung und sein weiteres Handeln (Dörner et al., 1994).
Wie reagiert der Mensch in solch einer Lage? Um nicht sein Gesicht vor sich selbst und anderen zu
verlieren, indem er zugibt, dass er mit dieser Problematik überfordert ist, behauptet er, er wüsste in
etwa, wie mit der Situation umzugehen ist. Man weiß: positive Gefühle werden durch das Erkennen
möglicher Maßnahmen gegen eine Gefahr erzeugt. Je nachdem, wie sehr er sich dem Risiko
aussetzen möchte, baut er einen Bunker, alarmiert seine Nachbarschaft oder argumentiert, dass das
alles übertrieben ist und gar keine Gefahr besteht. Alle diese Maßnahmen kann man als
„Schutzmaßnahmen“ interpretieren. Diese dienen aber nicht in erster Linie dem Schutz vor der
formulierten Gefahr, sondern dem Schutz des eigenen Selbstwertgefühls, welches in dem Moment
erschüttert wurde, als die betreffende Person feststellte, dass sie sich in einer Situation befand, in der
sie, u.a. aufgrund von Informationsdefiziten nicht wusste, was sie machen sollte. Sobald aber eine
Lösung vorliegt, (wohlgemerkt:
irgendeine
) fühlt sich der Mensch wieder als „Herr der Lage“ und
seine Gefühlswelt ist wieder im Gleichgewicht. Psychologisch gesehen ist das „eigentliche Ziel“
erreicht, die Beseitigung der Unbestimmtheit. Die Folge ist: man möchte an diesen Maßnahmen und
den zugrunde liegenden Annahmen festhalten. Denn der Zustand ohne Handlungsmöglichkeiten ist
immer schlechter als jede noch so fragwürdige Option.
Der Umgang mit Risiken basiert demzufolge oft nicht nur auf rationalen Erwägungen. Er wird auch
durch Gefühle, wie das Empfinden der eigenen Kompetenz, eine Situation bewältigen zu können,
gesteuert. Daher ist es wichtig, an der Reduzierung der Unbestimmtheit für den Einzelnen zu
arbeiten. Nun stellt sich die Frage, wie man dieses Vorhaben umsetzen kann. Ein direktes Regeln
von Gefühlen wie Unbestimmtheit ist nicht möglich, daher gehen wir zurück zu den Größen, welche
Unbestimmtheit hervorrufen oder verstärken.
Die Größe mit dem stärksten Einfluss ist nach Dörner das
Wissen
um die Situation und deren
Zusammenhänge. Je mehr Wissen der Mensch über eine Situation hat, umso geringer ist seine
Unbestimmtheit bezüglich dieser. Der Mensch fühlt sich informiert, kompetent und fähig
einzuschätzen, wie er auf die Situation reagiert.
Eine zweite Größe ist das
Vertrauen
. Selbst wenn der Mensch selbst nicht in der Lage ist die
Situation zu überblicken, kann er durch Vertrauen in die betreffende Organisation bzw. Person seine
Handlung vor sich selbst und vor anderen rechtfertigen und kann so mit der Situation umgehen.
Diese theoretischen Beschreibungen sollen im folgenden Abschnitt durch ein Beispiel illustriert
werden. Es beschreibt eine Kommunikationskatastrophe.

Rüdiger von der Weth
Katrin Schubach
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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2 Industriepark Höchst
Der Industriepark Höchst ist ein hochmoderner Chemie- und Pharmastandort in zentraler Lage im
Herzen Europas nahe Frankfurt a. M. Auf ca. 50 Hektar sind ca. 90 Unternehmen angesiedelt, welche
insgesamt 22.000 Mitarbeiter beschäftigen. Die folgenden Ausführungen handeln von den Störfällen
im Jahr 1993. Veröffentlicht wurde der Fall 1998 von Frank Roselieb vom Institut für Krisenforschung
in Kiel. Seine Zusammenfassung der Geschehnisse ist kursiv gehalten. In den beschriebenen
Szenarien wurden grobe Fehler begangen, die, wenn nicht in letzter Sekunde die Notbremse
gezogen worden wäre, den Ruin des Unternehmens hätten bedeuten können.
Störfall-Serie in den Werken der Hoechst AG im Frühjahr 1993
„Am Rosenmontag, 22. Februar 1993, hat sich gegen 4.14 Uhr im Chemiewerk Frankfurt-
Griesheim der Hoechst AG ein folgenschwerer Störfall ereignet. Nach einem
Bedienungsfehler trat aus einer Anlage zur Produktion des Farbstoff-Vorproduktes "ortho-
Nitroanisol" ein Reaktionsgemisch in das Freie. Zehn Tonnen der Substanz gingen als
klebriger, gelber Niederschlag in den Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Goldstein
nieder.
In den folgenden sechs Wochen ereigneten sich 17 weitere Betriebsstörungen in
verschiedenen Werken der Hoechst AG. Dabei wurde ein Mitarbeiter getötet und ein
weiterer schwer verletzt.
Das Unternehmen hat unmittelbar nach dem ersten Störfall eine breit angelegte
Informationskampagne im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit gestartet:
Allein in den ersten zwei Wochen nach dem Griesheimer Störfall wurden von der
Hoechst AG 15 Bürgerinformationen, 13 Pressemitteilungen und sieben
Informationsblätter für die Hoechst-Mitarbeiter herausgegeben.
Auf zwei Bürgerversammlungen haben sich Vorstandsmitglieder des Unternehmens
den Fragen von Anwohnern gestellt.
Über ein sofort eingerichtetes "Bürgertelefon" beantworteten Hoechst-Mitarbeiter bis
zu 450 Anfragen täglich.
Bis zum Jahresende 1993 haben Führungskräfte des Unternehmens in über 100
Vorträgen Hintergrundinformationen zu den Störfällen geliefert.
Mehr als 130.000 Exemplare der Broschüre "Wie sie sich und andere bei
Chemieunfällen schützen können" wurden an Haushalte im Rhein-Main-Gebiet
verteilt.
Seit Juni 1993 ermöglicht ein "Gesprächskreis Hoechster Nachbarn" den
regelmäßigen Gedankenaustausch zwischen Anwohnern und der Hoechst AG. „
Roselieb führt anschließend einige Reaktionen der Öffentlichkeit an. So haben „Politiker, Behörden,
Journalisten, Bürger und Aktionäre dem Unternehmen eine „mangelhafte Informationspolitik"
vorgeworfen. Die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns wurde als „irreführend und instinktlos", als
„verharmlosend und vertuschend" bezeichnet. Diese Reaktionen erscheinen nach der langen Liste
der Informationsmaßnahmen reichlich merkwürdig. Woran mangelte es tatsächlich? Transparenz?
Konsistenz? Welchen Kommunikationsirrtümern erlag das Unternehmen?

Kommunikationsstrategien bei emotional aufgeladenen Problemfeldern
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Bei der weiteren Betrachtung fällt auf, dass es nicht nur eine Ursache für die „mangelhafte
Kommunikationspolitik“ gab. Vielmehr wurde eine Vielzahl von Fehlhandlungen registriert, die die
Atmosphäre nach und nach systematisch vergifteten.
3 Verwirrung durch Fachbegriffe
„Nach dem Störfall im Werk Griesheim hat die Hoechst AG in ersten Stellungnahmen das
Produktgemisch als "mindergiftig" klassifiziert. Diese Klassifikation entsprach zwar den
DIN-Sicherheitsdatenblättern. Dennoch hat das Unternehmen damit verschwiegen, dass
der hauptsächlich ausgetretene Stoff "ortho-Nitroanisol" im Verdacht steht, krebserregend
zu sein. Erst nachdem die Deutsche Presse-Agentur eine entsprechende Meldung am
selben Tag gegen 15.55 Uhr veröffentlicht hat, bestätigte auch Hoechst den
Krebsverdacht.“
Hier wird deutlich, dass die Verwendung der Fachtermini eine wichtige Rolle spielen kann. Die Norm
beschreibt das Produktgemisch als „mindergiftig“, obwohl es im Verdacht steht, krebserregend zu
sein. Für Fachleuten ist diese Einstufung im unteren Bereich der „Giftigkeitsskala“. Es bedeutet aber
nicht, dass das Gemisch völlig ungiftig ist. Das Unternehmen benutzt nun (ob bewusst oder
unbewusst) diesen vorgegebenen Begriff, um den Stoff in der Öffentlichkeit zu beschreiben: „Das
Produktgemisch ist mindergiftig“. In der Bevölkerung wird diese Beschreibung nun aber ganz anders
wahrgenommen. Sie unterscheidet lediglich in „giftig“ oder „nicht giftig“ und so passiert es, dass der
Begriff „mindergiftig“ fälschlicherweise die Kategorie „nicht giftig“ eingeordnet wird. Dadurch entsteht
eine inkonsistente Aussage des Unternehmens, als bekannt wurde, dass das Stoffgemisch unter
Verdacht steht, Krebs zu erregen. Das Unternehmen konnte aufgrund der beiden sich
widersprechenden Aussagen der Lüge bezichtigt werden. Das ist eine klassische
Kommunikationsfalle. Ein Fachterminus wird in der Öffentlichkeit ganz anders interpretiert als ich der
Fachwelt. Wird dieser Grundsatz nicht beachtet, bewirkt das vermittelte Wissen Unverständnis und
Verwirrung.
Daher ist es ratsam, sich zu überlegen, welche Begriffe in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit
genutzt werden können und welche nicht. Fremdwörter und Fachbegriffe sollten generell vermieden
werden, sofern eine leicht verständlichere Beschreibung des Sachverhalts möglich ist. Dies sorgt für
ein größeres Verständnis bei der Zielgruppe. Ist ein Fachbegriff nicht vermeidbar, muss sichergestellt
sein, dass er leicht nachvollziehbar definiert ist.
4 Vertrauensverlust durch Inkonsistenz
„Am 24. Februar 1993 haben Vorstandsmitglieder der Hoechst AG auf einer
Bürgerversammlung den Anwohnern erklärt, dass eine ernste Gesundheitsgefährdung
durch die ausgetretenen Stoffe nicht gegeben sei. Zwei Tage später begannen
Mitarbeiter in schweren Schutzanzügen unter Atemschutzmasken mit den
Säuberungsmaßnahmen.“
An diesem Beispiel ist gut erklärbar, warum die Presse Worte wie „vertuschend“ und „irreführend“
zum Beschreiben der Informationspolitik nutzt. Hier wird nicht nur die Problematik der Verwendung
von Fachbegriffen deutlich, sondern auch wie dramatisch sich die u.a. dadurch entstehende,
inkonsistente Argumentation auf das öffentliche Vertrauen auswirkt.

Rüdiger von der Weth
Katrin Schubach
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Die Hoechst AG kommuniziert: „Eine ernste Gesundheitsgefährdung sei nicht gegeben.“ Die
Öffentlichkeit versteht das, als sei keine Gefahr vorhanden. Das Wörtchen „ernst“ spielt eine
untergeordnete Rolle und so wird von den meisten wahrgenommen: „Gesundheitsgefährdung … nicht
gegeben.“ Dieser kleine Unterschied zwischen gesendeter und empfangener Botschaft ist
unproblematisch, wenn es um das hauptsächliche Ziel geht, die Bürger zu beruhigen und Ihnen zu
kommunizieren, dass Sie sich keine Sorgen zu machen brauchen.
Allerdings kam es in dem Moment, in dem das Unternehmen die Reinigungstruppen anwies die
Säuberungen in „schweren Schutzanzügen unter Atemschutzmasken“ durchzuführen zu einer
Inkonsistenz für die Bevölkerung. Denn das signalisierte ihnen das Gegenteil von dem, was Sie zwei
Tage zuvor gesagt wurde. Von den ausgetretenen Stoffen geht doch eine Gesundheitsgefährdung
aus. Somit widerspricht sich das Unternehmen aus der Sicht der Öffentlichkeit selbst und die
Kommunikationspolitik könnte zurecht als „irreführend“ beschrieben werden.
Betrachtet man den Vorfall nun aus Sicht des Unternehmens, stellt man allerdings fest, dass es
keinerlei widersprüchliche Informationen gesendet hat. Denn es hat gesagt, dass keine „ernste“
Gefährdung besteht, was bedeutet, dass wie klein sie auch sein mag, eine geringe Gefährdung da ist.
Diese geringe Gefährdung hat zwar keine Auswirkung auf die Bevölkerung, aber als Arbeitgeber ist
die Hoechst AG dazu verpflichtet ihre Mitarbeiter vor jeder noch so kleinen Gefährdung zu schützen.
Daher müssen diese Schutzanzüge tragen. Trotz logisch korrekter Kommunikation seitens des
Unternehmens entsteht durch den nach außen wirkenden Widerspruch ein immenser
Vertrauensverlust unter der Bevölkerung. Und ist dieses Vertrauen erst einmal verloren, fängt der
Mensch an alles, was von dieser Person/Organisation gesagt oder getan wird, in Frage zu stellen. Es
wird schwer ihn von der Richtigkeit der eigenen Worte und Taten zu überzeugen. Man verliert
Einfluss und Glaubwürdigkeit.
5 Vertrauensverlust durch Intransparenz
Doch nicht nur Widersprüche verursachen Vertrauensverlust, auch das Zurückhalten von
Informationen hat großen Einfluss auf die Vertrauensbildung. Dazu folgendes Beispiel:
Am 15. März 1993 wurde bei einer Explosion im Werk Höchst ein Mitarbeiter getötet und
ein weiterer schwer verletzt. Ein Firmensprecher spielte den Vorfall zunächst herunter,
obwohl ihm der Personenschaden bekannt war. Einen Tag später versuchten Mitglieder
der Umweltschutz-Organisation "Greenpeace", Wasserproben am Unglücksort zu
nehmen. Die Hoechst AG hat die Aktivisten mit Polizeigewalt vom Werksgelände
gedrängt und weitere Auskünfte gegenüber "Greenpeace" verweigert.
Liest ein Bürger diese Nachricht in der Tagespresse, macht sich Verunsicherung bei ihm breit. Nimmt
sich die Presse das Thema vor, kann daraus sogar ein Skandal werden. Man stellt sich die Frage:
Warum? Warum bekommen wir keine Information? Was hat das Unternehmen zu verbergen? Die
Antwort darauf ist schnell gefunden: Nichts Gutes! Sonst würden sie es ja erzählen. Der Einsatz von
Polizeigewalt verstärkt das Gefühl, dass dort etwas im Argen liegt. Wozu bräuchte man sie sonst?
Nur wenige bemerken, dass die Auskünfte lediglich „Greenpeace“ gegenüber verweigert wurden. Die
Aktivisten haben sehr wahrscheinlich unrechtmäßig das Gelände betreten haben und sind deshalb
entfernt wurden und nicht weil das Unternehmen etwas zu vertuschen versucht. Aber so kommt es in
der Öffentlichkeit nicht an - vor allem nicht, wenn schon andere merkwürdige Sachen im Vorfeld
passiert sind und das Vertrauen schon angeknackst ist. Dann ist man eher bestrebt diese Vermutung
zu erhärten und sucht regelrecht nach Ereignissen, die die These, dass etwas im Busch ist, erhärten.
In diesem Moment ist jede Organisation gut beraten, wenn sie mit offenen Karten spielt. Transparenz
bewirkt einen Wissenszuwachs für alle Beteiligten. Die Öffentlichkeit kann sich alle Informationen
holen, die sie braucht um Zusammenhänge zu verstehen und die Angriffsfläche für Presse und
sonstige Anfeindungen verringert sich erheblich. Kann man hinter die Fassade eines Menschen oder
einer Organisation schauen und die Strukturen und Zusammenhänge erkennen, reduziert sich

Kommunikationsstrategien bei emotional aufgeladenen Problemfeldern
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Unbestimmtheit, erhöht sich das Kompetenzgefühl und die Furcht wird vermindert. Man kann durch
das Wissen abschätzen, was passiert oder passieren kann. Ein vollständig informierter Mensch kann
nicht mehr negativ überrascht werden. Er kann Handlungsmöglichkeiten entwickeln und je nach
eintreffendem Ereignis, die passende Handlung wählen. Das gibt Sicherheit, Zufriedenheit und
Vertrauen.
6
Wie man mit Gefühlen umgeht
Nachdem jetzt schon viel über die Bedeutsamkeit von Transparenz, Inkonsistenz und Vertrauen
gesagt wurde, soll nun auf die Bedeutung der Gefühle der Menschen hingewiesen und ein paar
Regeln beschrieben werden, wie man mit ihnen umgeht.
So sollte man es schon mal nicht tun:
„Auf der Hauptversammlung der Hoechst AG am 27. April 1993 hat der
Vorstandsvorsitzende, Wolfgang Hilger, jede persönliche Schuld von sich gewiesen. Er
habe sich zum Zeitpunkt des ersten Störfalls im Urlaub befunden. Einen Grund diesen
vorzeitig abzubrechen, sah er nicht, da doch bei Hoechst nichts passiert sei, was sich
nicht jeden Tag auch bei einem anderen deutschen Chemieunternehmen ereignen
könnte. Schuld an allem seien vielmehr die Medien. Sie hätten die Vorfälle in Griesheim
und Höchst aufgebauscht und den Menschen in Frankfurt die Atembeschwerden und
Hautausschläge nur eingeredet.“
Was fällt auf? Hilger versucht sich zu verteidigen. Seine Vorgehensweise erscheint allerdings wenig
originell. Er versucht die Schuld anderen zuzuschieben und lehnt es ab Verantwortung zu
übernehmen. Was hat sein Benehmen nun mit den Gefühlen der Mensch zu tun? Auf den zweiten
Blick ist erkennbar, dass er nicht nur einen Sündenbock sucht, sondern sich über die Ängste und
Sorgen seines Gegenübers (die Öffentlichkeit) hinweg setzt. Er erkennt ihre Gefühle gar nicht an,
sondern beschreibt sie als „eingeredet“. Egal, ob dies der Wahrheit entspricht oder nicht, an diesem
Punkt signalisiert er, dass er die Menschen nicht ernst nimmt. Er verneint damit die Grundlage der
Diskussion schmeißt, bildlich gesehen, seinem Gesprächspartnern die Tür vor der Nase zu. Wie
reagieren die Menschen? Sie ärgern sich und machen ihren Unmut laut.
Diese Situation hätte vermieden werden können. Was hat Herr Hilger nicht beachtet? Er hat der
Bevölkerung kein Vertrauen entgegen gebracht, sie nicht ernst genommen, ihre Gefühle nicht
anerkannt. Er hat nach einem Sündenbock gesucht, anstatt sachlich über die Angelegenheit zu
diskutieren. Anstatt das Gespräch zu suchen und so jedem die Chance zugeben, den anderen zu
verstehen, hat er es abgelehnt.
So produziert man auf schnelle Art und Weise Vertrauensverlust, und zwar nicht nur in der
Bevölkerung, wie folgenden und letzten Szenario zu lesen ist:
„Als Reaktion auf die "Desinformationspolitik" der Hoechst AG nach der Störfall-Serie
haben mehrere Aktionärsvereinigungen auf der Hauptversammlung die Nicht-Entlastung
des Vorstands beantragt. Die Unternehmen der chemischen Industrie verlangten fast
geschlossen den Rücktritt des Hoechst-Vorstandsvorsitzenden, Wolfgang Hilger, als
Präsident des Branchenverbandes, da er den Ruf der ganzen Branche für Jahre
ramponiert habe.“
Herr Hilger hat also auch das Vertrauen seines eigenen Unternehmens verloren und in deren Augen
nicht nur dem eigenen Ruf geschadet, sondern sogar der ganzen Branche. Der schlechte Ruf und der
Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden sind schließlich die Folge der schlechten Kommunikationspolitik.
Das Unternehmen beginnt in diesem Moment das Vertrauen wieder aufzubauen, als es Hilger
entlässt und ihn zum Schuldigen erklärt, welcher nun kein Schaden mehr anrichten kann.

Rüdiger von der Weth
Katrin Schubach
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7
Kommunikation und Radon
In Folge der Höchst-Störfälle wurden emotionale Diskussionen geführt Man beschwerte sich und in
der Presse jagte eine Nachricht die andere. Im Fall „Radon“ ist dem nicht so. Hier geht es vielmehr
darum, dass die Bevölkerung zu großen Teilen gar nicht weiß, dass sie diesem Gas permanent
ausgesetzt ist. In der Broschüre zum 3. sächsischen Radontag heißt es: “Das Bemühen um sachliche
Berichte und Argumente in der Öffentlichkeit ist eine der wichtigen Aufgaben.“ Wie diese „sachlichen
Berichte und Argumente“ nun zielführend kommuniziert werden können, soll im Folgenden skizziert
werden.
Bisher wurde der Leser für Begriffe wie Transparenz, Vertrauen, Inkonsistenz und Emotionen
sensibilisiert. Das gewählte Beispiel veranschaulichte die dahinter stehenden Grundgedanken. Darauf
aufbauend sollen sich nun einige direkt anwendbare Strategien zur Kommunikation der Radon-
Thematik anschließen. Wir wollen auf einige Kommunikationsregeln eingehen und etwas zu
Zielgruppen und Kommunikationskanälen sagen.
Kommunikationsregeln
Wichtig ist es mit der Zielgruppe direkt zu kommunizieren. In Gesprächen sind ist es möglich sehr
genau zu erfahren, was dem Einzelnen wichtig ist. Werden mehrere Gespräche geführt, so entsteht
ein Bild über die Informationsbedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe (Behörden, Bürger, Ing.-Büros).
Diese können bei der Kommunikation hilfreich sein. Hier einige Regeln, die man nicht außer Acht
lassen sollte:
Kommunizieren Sie direkt mit ihrer Zielgruppe!
Eröffnen Sie das Gespräch und erfahren Sie, was ihren Gesprächspartner bezüglich der
Radon-Thematik interessiert.
Kommunizieren sie mit ihrem Gesprächspartner offen und ehrlich.
Nehmen Sie Ihren Gesprächspartner ernst und erkennen Sie seine Gefühle an. Sätze wie:
„Da brauchen Sie keine Angst haben.“ sind tabu.
Drückt sich ihr Gegenüber für sie unverständlich aus, signalisieren Sie ihm, dass Sie das
Gesagte nicht verstanden, haben und führen Sie ihn durch das Gespräch, bis Sie es
verstanden haben.
Entdecken Sie einen Widerspruch in der Argumentation ihres Gegenübers, können Sie dies
sachlich kommunizieren und mit ihm gemeinsam die Hintergründe erarbeiten, um den
Widerspruch zu beheben.
Bleiben Sie sachlich, auch wenn Ihr gegenüber es nicht mehr ist.
Lassen sie sich Feedback geben und prüfen Sie, ob Ihr Gegenüber den Sachverhalt richtig
erfasst hat. Wenn nicht, haken Sie nach.
Versuchen Sie Fachbegriffe zu vermeiden. Ist das nicht möglich, stellen Sie sicher, dass ihr
Gegenüber verstanden hat, was der Begriff genau bedeutet.
Achten Sie auf die Konsistenz Ihrer eigenen Aussage.
Ob im Gespräch oder beim Verfassen von Broschüren, beenden Sie die Kommunikation
nicht, ohne dem Adressaten Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. So können Sie
Hilflosigkeit reduzieren und den Menschen zum Handeln motivieren.
Kommunikationskanäle und Ansprechpartner
Damit solche Gespräche entstehen können, müssen Plattformen geschaffen werden, die Raum dafür
bieten. Heutzutage gibt es viele mögliche Kommunikationswege. Die Wahl des Weges hängt stark
von der Zielgruppe ab, die erreicht werden soll. Um diese Wahl treffen zu können, muss geklärt
werden, welche Zielgruppen vorhanden sind und wie wichtig es ist sie zu erreichen. So ist es sicher
von großer Bedeutung die Baubranche zu informieren, während Kinder unter 12 Jahren vielleicht

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außen vorgelassen werden können. Allerdings sollten gegebenenfalls deren Eltern eine Möglichkeit
eingeräumt werden sich über Radon unterrichten zu lassen. Während die Baubranche sicher über
Weiterbildungen und Fachtagungen aufgeklärt werden kann, muss die darüber hinaus gehende
Öffentlichkeit jedoch auf anderen Wegen erreicht werden. Hier bietet sich das Internet an. Wikipedia
enthält ausführliche Informationen über Radon. Allerdings sind dort keine direkten Ansprechpartner
aufgeführt, an die man sich der Leser bei Fragen wenden kann. Soll die Kommunikation über Radon
verstärkt werden, müssen Beratungsangebote generiert und kommuniziert werden. Der
Ansprechpartner sollte gut und einfach für jedermann erreichbar sein, ob per Mail, Telefon oder
persönlich mit bekannten Öffnungszeiten. Die Bevölkerungsteile, die vom Internet keinen Gebrauch
machen, können mit herkömmlichen Kommunikationswegen, wie Veranstaltungen und Presse
erreicht werden.
Dringend zu empfehlen ist es proaktiv zu sein und als Erster zu reden, diese Möglichkeit besteht in
der Radon-Diskussion noch. Das Wichtigste ist eigentlich einfach: Informieren, ehe Ängste
aufkommen; präsent sein und Gefühle ernst nehmen; klar und einfach bleiben; Widersprüche
vermeiden; nichts verschweigen; Handlungswege aufzeigen.
8 Literaturverzeichnis
[1]
http://atlas.umwelt.hessen.de/servlet/Frame/atlas/radioakt/radon_txt.htm
vom 04.05.2009
[2]
http://www.skandalgipfel.de/Stoerfall-Serie-in-den-Werken-der-Hoechst-AG-im-Fruehjahr-
1993.114.0.htm vom 02.05.2009
[3]
http://de.wikipedia.org/wiki/Radon
vom 04.05.2009
[4]
http://de.wikipedia.org/wiki/Radon_in_H%C3%A4usern
vom 04.05.2009
[5] Dörner, D., Kreuzig, H.W., Reither, F. & Stäudel,T. (1983, 1994
2
).
Lohhausen: Vom Umgang mit
Unbestimmtheit und Komplexität.
Bern: Huber.

 
Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 23
BEKANNTHEITSGRAD DER RADONPROBLEMATIK IN DER
SCHWEIZER BEVÖLKERUNG
NAME RECOGNITION OF THE RADON PROBLEMS IN THE SWISS
POPULATION
Martha Gruson
1)
Christophe Murith
1)
Stéphanie Rumo
2)
1)
Bundesamt für Gesundheit (BAG), Sektion Radiologische Risiken, 3003 Bern, Schweiz
2)
CBC Marketing Research, Marktgasse 32, 3011 Bern, Schweiz
Zusammenfassung
Im Jahr 1995 wurde eine Befragung durchgeführt, um in Erfahrung zu bringen, wie gut die Schweizer
Bevölkerung über das Thema Radon im Bild war. 2008 wurde eine zweite Befragung mit denselben
Methoden durchgeführt.
Die neue Studie zeigte, dass rund 40% der Schweizer Bevölkerung schon einmal etwas über Radon
gehört hatte, was gegenüber der Befragung von 1995 einer Zunahme um ca. 8% entspricht. Die
Mehrheit der Befragten wusste, dass Radon Lungenkrebs verursacht, glaubt allerdings, dass Radon
auch noch andere gesundheitliche Auswirkungen hat, insbesondere Migräne und Hautkrankheiten.
Tendenziell kennen ältere, gut ausgebildete Personen, die eine Liegenschaft besitzen, die
Radonproblematik besser als die allgemeine Bevölkerung.
Die Personen aus Regionen mit hohem Radonrisiko waren deutlich besser informiert, was darauf
hinweist, dass die Informationskampagnen in diesen Regionen Früchte tragen. Demgegenüber gibt
es Sensibilisierungsbedürfnisse bei den Gemeinden mit mittlerem und geringem Risiko, wo der
grösste Teil der Bevölkerung auch lebt.
Summary
In 1995, a survey was conducted in order to investigate levels of knowledge about radon among the
Swiss population. In 2008, a second survey, using a similar methodology, was carried out by the
FOPH.
The new study showed that about 40% of the Swiss population has heard of radon, which represents
an increase of 8% over the 1995 survey. Most of the respondents knew that radon causes lung
cancer, but believed that the gas also produces other health effects – in particular, migraine and skin
conditions.
In addition, older people, those with a high level of education and property owners tended to be more
familiar with the radon issue than the public at large.
The inhabitants of high-risk regions achieved markedly better results, which demonstrates that
information campaigns in these regions have been successful. At the same time, additional

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
communication efforts are required in low- and medium-risk communes, where the majority of the
population lives.
1 Einleitung
Nach der Einführung der Strahlenschutzverordnung (StSV, SR 814.501) im Juni 1994 wurde das
Bundesamt für Gesundheit (BAG) damit beauftragt, das Radonprogramm Schweiz zu koordinieren
und namentlich die Bevölkerung über die Radonproblematik zu informieren. Die kantonalen Behörden
sind für die Umsetzung des Programms verantwortlich.
1995 wurde eine Befragung durchgeführt
1
, um in Erfahrung zu bringen, wie gut die Schweizer
Bevölkerung über das Thema Radon im Bild war, bevor die Behörden darüber informierten. Die
Studie ergab, dass 31,5% der Bevölkerung schon einmal etwas über Radon gehört hatten.
2008 führte das BAG in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut CBC Marketing Research
in Bern eine zweite Befragung mit denselben Methoden durch. Der vierteilige Fragebogen wurde
überarbeitet und aktualisiert, da zwischen den beiden Erhebungen mehr als zehn Jahre lagen.
Lediglich 4 Fragen aus der Umfrage von 1995 wurden beibehalten (ausser soziodemografische
Fragen). Diese Fragen dienten als Indikatoren für die Entwicklung des Wissensstands in der Schweiz.
-
Haben Sie schon einmal etwas über Radon gehört?
-
Ist Radon Ihrer Ansicht nach ein Problem im Inneren von Gebäuden oder im Freien?
-
Schadet Radon Ihrer Meinung nach der Gesundheit?
-
Denken Sie, dass sich eine hohe Radonkonzentration im Gebäudeinneren reduzieren lässt?
Mit der Studie wurden drei Hauptziele verfolgt:
- Anhand der vier Indikatoren in Erfahrung bringen, wie sich der Wissensstand über Radon
zwischen 1995 und 2008 entwickelte.
-
Den aktuellen Wissensstand der Schweizer Gesamtbevölkerung über Radon bestimmen.
- In Erfahrung bringen, ob zwischen dem Wissensstand und dem Radonrisiko am Wohnort ein
Zusammenhang besteht.
2 Methodik
Es wurde eine ähnliche Methode gewählt wie für die erste Befragung, nämlich eine CATI-Studie
(Computer Aided Telephone Interviewing), das heisst ein Telefoninterview bei Haushalten in der
Schweiz. Das Telefoninterview eignet sich am besten, um Haushalte aus der ganzen Schweiz zu
niedrigen Kosten in einer vorgegebenen Zeitspanne zu befragen.
Die Interviews wurden von der Telefonzentrale von CBC in Bern aus durchgeführt. Alle Befragerinnen
und Befrager erhielten eine Einführung, zudem erfolgte während der Studie mindestens eine
Qualitätskontrolle pro Interviewer (Mithören einer Kontrollperson). Die Daten wurden vom 7. Oktober
bis zum 20. November 2008 gesammelt. Die Interviews liefen wie folgt ab:
-
Durchschnittlich wurden 32 Adressen für ein Interview von ca. 11 Minuten verwendet. Diese
relativ hohe Zahl ist auf die komplexen Quoten zurückzuführen. Rund 11% der Adressen
konnten nicht verwendet werden, weil die von den Interviewern erreichten Personen den für
die Studie verfügbaren Quoten nicht oder nicht mehr entsprachen (bereits erfüllte Quote oder
für die Quote zu alte Person).
- Verweigerungsquote: 23%. Dieser Wert ist üblich und liegt sogar im unteren
Durchschnittsbereich, der für diese Art von Befragungen 20 bis 40% beträgt. Dass der Name
des Auftraggebers (BAG) zu Beginn erwähnt werden konnte, trug dazu bei, dass sich die
kontaktierten Personen eher an der Befragung beteiligten.
-
Bei einem Vertrauensintervall von 95% belief sich der statistischen Fehler auf ± 3,46%.
1)
IPSO, Bekanntheit von Radon in der Bevölkerung, Dübendorf, 1995

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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2.1 Stichprobe
Die Gespräche wurden bei 800 Privathaushalten geführt. 100 davon befanden sich in der
italienischsprachigen Schweiz, 200 in der Westschweiz und 500 in der Deutschschweiz. So resultierte
namentlich für die italienischsprachige Region eine genügend grosse Stichprobe.
Wie in der Befragung von 1995 wurden, um eine repräsentative Stichprobe für die Wohnbevölkerung
und die soziodemografische Struktur der Schweizer Bevölkerung
2
zu erreichen, Quoten auf der
Grundlage der Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS)
3
festgelegt:
-
Kanton (vgl. Tab. 1): Bevölkerungsreiche Kantone wie Zürich (107 Interviews) oder Bern (73
Interviews) wurden stärker gewichtet als Kantone wie der Jura (17 Interviews) oder das
Graubünden (20 Interviews).
- Stadt-Land: Die Zahl der Interviews pro Kanton muss der Verteilung der Bevölkerung
zwischen Stadt und Land entsprechen. Im Kanton Zürich wurden zum Beispiel fast alle
Interviews (105 von 107) in der Stadt durchgeführt.
-
Geschlecht: 49% Männer und 51% Frauen.
-
Alter: 263 Interviews bei 18- bis 34-Jährigen, 329 Interviews bei 35- bis 54-Jährigen und 208
Interviews bei 55- bis 74-Jährigen.
Tab. 1:
Anzahl Interviews pro Kanton
Kanton Anzahl Kanton Anzahl
Aargau 42 Nidwalden 5
Appenzell Innerrhoden
0
Obwalden
4
Appenzell Ausserrhoden
6
St. Gallen
48
Bern 73 Schaffhausen 8
Basel-Landschaft 27 Solothurn 24
Basel-Stadt 21 Schwyz 14
Fribourg 36 Tessin 100
Genf 49 Thurgau 23
Glarus 4 Uri 3
Graubünden 20 Wallis 35
Jura 17 Waadt 65
Luzern 31 Zug 10
Neuenburg 28 Zürich 107
Die Telefonnummern wurden im Zufallsverfahren aus dem Telefonbuch ausgewählt, proportional zur
Einwohnerzahl pro Kanton und dem Kriterium “Stadt-Land”. Dann kontrollierte das CATI-Programm,
ob genügend Adressen vorhanden sind, um die festgelegten Quoten zu erreichen. In einer zweiten
Etappe wählten die Befragerinnen und Befrager Personen aus, die den vorgegebenen
soziodemografischen Quoten entsprachen (Alter und Geschlecht).
Die Endergebnisse wurden so gewichtet, dass die Zusammensetzung der Schweizer Bevölkerung im
Jahr 2008 entsprach. Diese Gewichtung wurde aufgrund der Einträge im Telefonbuch nach
Streichung von Unternehmen und Doppeleinträgen berechnet:
-
Italienischsprachige Schweiz: 4,5%
-
Westschweiz: 23,6%
- Deutschschweiz: 71,9%
2)
Statistisches Lexikon der Schweiz, Ständige Wohnbevölkerung nach Alter und Geschlecht, Dokument Nr.
20563, BFS 2007
3)
Die Raumgliederungen der Schweiz, Eidgenössische Volkszählung 2000, BFS 2006

image
Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 26
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
2.2 Schichtung
Zur Schichtung der Stichprobe wurden mehrere Kriterien herangezogen.
2.2.1 Soziodemografische Parameter
Es wurden folgende soziodemografischen Parameter verwendet:
-
Geschlecht und Alter: 18-34 Jahre, 35-54 Jahre und 55-74 Jahre.
-
Sprachregion: Deutschschweiz, Westschweiz, italienischsprachige Schweiz.
-
Ausbildung: Im Gegensatz zum Einkommen, das für alle Personen des Haushalts gilt, ist die
Ausbildung ein guter Indikator für das soziokulturelle Niveau der befragten Person, weshalb
dieser Parameter herangezogen wurde. Bei der Ausbildung werden 3 Kategorien
unterschieden:
- elementares Bildungsniveau (“obligatorische Schule” oder “Lehre”) ;
-
mittleres Bildungsniveau (“Maturität/Diplom”) ;
-
hohes Bildungsniveau (“Hochschule” oder “Universität”).
2.2.2 Signifikante Parameter
Folgende Parameter sind für die Radonproblematik signifikant:
-
Wohnsituation: Die Stichprobe umfasst 381 Wohnungseigentümerinnen und -eigentümer und
419 Mieterinnen und Mieter.
- Radonrisiko der Gemeinde: Es wurden alle Schweizer Gemeinden in drei Kategorien
eingeteilt (Abb. 1), je nachdem, ob das Radonrisiko dort hoch, mittel oder gering ist
4
. Das
BAG hat Empfehlungen für die verschiedenen Radonrisikostufen abgegeben
5
, und die
Massnahmen zur Sensibilisierung der Bevölkerung konzentrierten sich in erster Linie auf die
Regionen mit mittlerem und hohem Risiko. Bei der 800 Personen umfassenden Stichprobe
leben 53 Personen in einer Gemeinde mit hohem Risiko, 147 in einer Gemeinde mit mittlerem
Risiko und 600 in einer Gemeinde mit geringem Risiko.
Abb. 1:
Radonkarte der Schweiz (2009)
4
Suchmaschine nach Gemeinde unter
www.ch-radon.ch
5
Empfehlungen nach Radonrisiko unter
www.ch-radon.ch

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
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Seite 27
2.2.3 Gruppe Kollektiv+
Es ist zu unterscheiden zwischen Personen, denen Radon bekannt ist und solchen, die nichts über
Radon wissen oder schon davon gehört haben, aber nicht wissen, dass es sich um ein radioaktives
Gas handelt. Zur Gruppe Kollektiv+ gehören alle Personen, die schon etwas über Radon gehört
haben und die wissen, dass es sich um ein radioaktives Gas handelt.
3 Ergebnisse
Die Analyse der Ergebnisse ist gemäss den vier Teilen der Befragung gegliedert (Eigenschaften von
Radon, gesundheitliche Auswirkungen, Schutzmassnahmen und Situation in der Schweiz). Dabei
werden die drei Ziele der Studie im Auge behalten: Anhaltspunkte zum aktuellen Wissensstand der
Schweizer Bevölkerung gewinnen, den Zusammenhang zwischen dem Wissensstand und dem
Radonrisiko am Wohnort bestimmen und die Entwicklung des Wissensstands zwischen 1995 und
2008 aufzeigen.
Je nach Thema werden die Daten für die gesamte Schweizer Bevölkerung oder für die Gruppe
Kollektiv+ präsentiert, aufgeschlüsselt nach soziodemografischen Parametern und signifikanten
Parametern. Im Bestreben um eine bessere Lesbarkeit des Berichts wurden die Zahlen im Text
gerundet. Die Zahlen sind immer gewichtet, dasselbe gilt für die Datenbasis.
3.1 Eigenschaften von Radon
3.1.1 Fragebogen
Dieser Teil beinhaltet fünf Fragen. Die richtigen Antworten sind
kursiv
gedruckt:
1. Haben Sie schon einmal etwas über Radon gehört? Ja, nein (Stichprobe: 800 Personen,
Indikator).
2. Was ist Ihrer Ansicht nach Radon?
Ein Gas
, ein Waschmittel, ein Nahrungsmittel, ein
Medikament (Stichprobe: 800 Personen).
3. Ist nach Ihrer Ansicht Radon…?
Radioaktiv
,
geschmacklos
,
farblos
,
geruchlos,
fluoreszierend
(Stichprobe: 434 Personen; die Frage wird nur denjenigen gestellt, welche die Frage 2 richtig
beantwortet haben).
4. Wo befindet sich Radon Ihrer Ansicht nach ausser im Gestein und Boden sonst noch in hoher
Konzentration? Zur Auswahl stehende Antworten: im Freien,
im Inneren von Gebäuden
(Stichprobe: 800 Personen, Indikator).
5. Wo befindet sich Radon Ihrer Ansicht nach ausser im Gestein und Boden sonst noch in hoher
Konzentration? Zur Auswahl stehende Antworten: in oberen Geschossen,
im Keller.
(Stichprobe:
800 Personen).

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 28
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
3.1.2 Analyse
Die Frage “Haben Sie schon einmal etwas über Radon gehört?” ist zentral, um den aktuellen
Wissensstand der Schweizer Bevölkerung einschätzen zu können. Die Analyse der Antworten zeigt,
dass fast 40% der Schweizer Bevölkerung schon einmal etwas über Radon gehört haben (Abb. 2),
was gegenüber der Befragung von 1995, als dieser Wert bei rund 32% lag, eine Zunahme von 8%
bedeutet.
Gewisse soziodemografische Parameter haben einen Einfluss auf die Antworten:
-
Die Männer (43% Ja) sind besser mit der Problematik vertraut als die Frauen (36% Ja).
-
Die 18- bis 34-Jährigen schnitten deutlich schlechter ab (27% Ja) als die 35- bis 54-Jährigen
(38% Ja) und die 55- bis 74-Jährigen (58% Ja).
-
Personen mit elementarem Bildungsniveau sind mit der Problematik weniger vertraut (32%
Ja) als solche mit mittlerem (40% Ja) oder höherem Bildungsniveau (55% Ja).
-
Mit 69% Ja-Antworten ist Radon in der italienischsprachigen Schweiz besser bekannt als in
der Deutschschweiz (40% Ja) und in der Westschweiz (31% Ja).
Die als signifikant eingestuften Parameter sind es tatsächlich (Abb. 2):
-
Es ist festzustellen, dass 67% der Personen, die in Gemeinden mit hohem Radonrisiko leben,
schon einmal etwas über Radon gehört haben, gegenüber 45% in den Gemeinden mit
mittlerem Risiko und 36% in Gemeinden mit geringem Risiko.
-
Mit 49% Ja-Antworten sind Wohneigentümerinnen und -eigentümer besser mit der
Radonproblematik vertraut als Mieterinnen und Mieter (31% Ja).
39.6
66.7
44.5
49.2
33.3
55.5
50.8
36
100
60.4
64
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Total
(800 Pers.)
Kollektiv+
(201 Pers.)
hohes Risiko
(53 Pers.)
mittleres Risiko
(147 Pers.)
geringes Risiko
(600 Pers.)
Eigentümer
(381 Pers.)
Nein
Ja
Gruppen
Ergebnisse (%)
Abb. 2:
“Haben Sie schon einmal etwas über Radon gehört?”
Bei der Frage “Was ist Ihrer Ansicht nach Radon… ein Gas, ein Waschmittel, ein Nahrungsmittel oder
ein Medikament?” wählten mehr als 54% der 800 Befragten die richtige Antwort, d.h. “ein Gas”
(Abb. 3). Dabei gaben 90% der Personen, welche die erste Frage korrekt beantwortet hatten, auch
auf die zweite Frage die richtige Antwort. Von den Personen, die sich irrten, vermuteten rund 42%,
dass Radon ein Medikament sei. Fast 76% der Personen, die in Regionen mit hohem Radonrisiko
leben, beantworteten die Frage richtig, gegenüber 56% in Regionen mit mittlerem und 52% in
Regionen mit geringem Radonrisiko.

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 29
54.2%
10.1%
8.7%
2%
6%
19%
Gas
Waschmittel
Nahrungsmittel
Medikament
Anderes
Weiss nicht
Abb. 3:
“Was ist Ihrer Ansicht nach Radon?”
Die Frage “Ist nach Ihrer Ansicht Radon… radioaktiv, geschmacklos, farblos, geruchlos oder
fluoreszierend?” wurde nur den 434 Personen gestellt, die geantwortet hatten, dass Radon ein Gas
sei. Die Analyse zeigt, dass fast 66% dieser Personen auch wussten, dass Radon radioaktiv ist (Abb.
4). Der Anteil der richtigen Antworten ist gleich gross, unabhängig vom Radonrisiko am Wohnort
(rund 65%).
Auch Wohneigentümerinnen und -eigentümer und Mieterinnen und Mieter erreichten identische
Ergebnisse (rund 65% richtige Antworten), was die Radioaktivität von Radon betrifft.
65.7
74.8
87.6
78.2
28.8
15.2
14.6
62.3
5.5
10
7.2
13.7
24
7
5.4
0%
20%
40%
60%
80%
100%
radioaktiv
geschmacklos
farblos
geruchlos
fluoreszierend
Weiss nicht
Nein
Ja
Antworten
Ergebnisse (%)
Abb. 4
“Ist nach Ihrer Ansicht Radon…?”
Wie in Punkt 2.2.3 erwähnt, wird der Anteil der Bevölkerung, der schon einmal etwas über Radon
gehört hat und weiss, dass es sich um ein radioaktives Gas handelt, als “Kollektiv+” bezeichnet; dazu
gehören 200 Personen. Diese Gruppe setzt sich wie folgt zusammen:
-
Die grösste Altersgruppe bilden die 35- bis 54-Jährigen (40%), gefolgt von den 55- bis 74-
Jährigen (35%) und den 18- bis 34-Jährigen (25%).
-
73% der Personen leben in der Deutschschweiz, 19% in der Westschweiz und 8% in der
italienischsprachigen Schweiz.
-
38% der Personen der Gruppe Kollektiv+ haben ein hohes Bildungsniveau, gegenüber 27%
in der Gesamtbevölkerung der Schweiz.

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 30
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
-
21 Personen leben in einer Gemeinde mit hohem Radonrisiko, 36 in einer Gemeinde mit
mittlerem Risiko und 144 in einer Gemeinde mit geringem Risiko (d.h. 72%).
-
57% waren Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer und 43% Mieterinnen und Mieter.
Die Frage “Wo befindet sich Radon Ihrer Ansicht nach ausser im Gestein und Boden sonst noch in
hoher Konzentration?” wurde allen 800 befragten Personen gestellt. In der Einleitung dazu wurde für
diejenigen Personen, die nicht wussten, dass Radon ein Gas ist, eine Definition geliefert. Einerseits
musste zwischen dem Gebäudeinneren und dem Freien gewählt werden, andererseits zwischen
Keller und oberen Geschossen:
-
Den ersten Teil der Frage beantworteten rund 66% der Befragten richtig, d.h. mit “im Inneren
von Gebäuden”, was gegenüber 1995 einer Verbesserung um über 10% entspricht. Mit 77%
richtigen Antworten übertraf das Kollektiv+ die Gesamtbevölkerung um rund 10%. In dieser
Gruppe beantworteten praktisch alle Personen in Regionen mit hohem Risiko diese Frage
richtig, nämlich 95%.
-
Im zweiten Teil der Frage gab über 81% der 800 Befragten die richtige Antwort, d.h. “im
Keller”. Vom Kollektiv+ beantworteten 85% die Frage richtig, d.h. etwas mehr als in der
Gesamtbevölkerung.
3.2 Gesundheitliche Auswirkungen von Radon
3.2.1 Fragebogen
Dieser Teil beinhaltet drei Fragen. Die richtigen Antworten sind
kursiv
gedruckt:
6. Denken Sie, dass es Ihrer Gesundheit schaden kann, wenn sich Radon in Ihren Wohnräumen
befindet?
Ja
, nein (Stichprobe: 800 Personen, Indikator).
7. Welche Gesundheitsprobleme kann Ihrer Ansicht nach Radon verursachen? Migräne, Durchfall,
Lungenkrebs
, Hautkrankheiten, Herzkrankheiten (Stichprobe: diejenigen 677 Personen, welche
die Frage 6 mit Ja beantworteten).
8. Welche Personen sind Ihrer Ansicht nach am stärksten betroffen? Kinder, schwangere Frauen,
ältere Leute,
die gesamte Bevölkerung
(Stichprobe: 800 Personen).
3.2.2 Analyse
Fast 85% der 800 befragten Personen sind sich bewusst, dass Radon gesundheitsschädlich ist. Dies
entspricht gegenüber der Befragung von 1995 einer Zunahme um mehr als 13%. Beim Kollektiv+
wissen 91% der Befragten, dass Radon gesundheitsschädlich ist. Bei den Personen dieser Gruppe,
die in Regionen mit hohem Risiko leben, beträgt dieser Anteil 98%.
Die Frage zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Radon wurde nur den 677 Personen gestellt,
die geantwortet hatten, dass Radon gesundheitsschädlich ist. Es handelt sich um eine multichotome
Frage mit mehreren möglichen richtigen Antworten. In Wirklichkeit ist die einzig bekannte
gesundheitliche Auswirkung von Radon Lungenkrebs. Fast 79% der Befragten antworteten richtig
(Abb. 5). Die Mehrheit glaubt allerdings, dass Radon auch noch andere gesundheitliche
Auswirkungen hat, insbesondere Migräne (72%) und Hautkrankheiten (59%). Rund 28% der in der
Deutschschweiz befragten Personen und 38% in der Westschweiz vermuteten, dass Radon Durchfall

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 31
verursachen kann, während dieser Anteil mit 20% in der italienischsprachigen Schweiz wesentlich
niedriger ist.
Im Kollektiv+ waren fast 80% der Befragten der Meinung, Radon verursache Lungenkrebs, was
ungefähr dem Ergebnis der Gesamtschweiz entspricht. Hingegen täuschte sich diese Gruppe etwas
weniger häufig als die Gesamtbevölkerung bei den übrigen gesundheitlichen Auswirkungen von
Radon, auch wenn dieselben Trends zu beobachten waren. Zum Beispiel antworteten in dieser
Gruppe 62% der Befragten, dass Radon auch Migräne verursacht und 54%, dass es Hautkrankheiten
hervorruft.
Auf die Frage “Welche Personen sind Ihrer Ansicht nach am stärksten von Lungenkrebs betroffen?”
antworteten fast 60% der 800 Befragten richtig mit “die gesamte Bevölkerung”.
37.5
58.7
78.8
30.2
71.9
52.8
33.6
14.7
9.7
7.6
6.5
11.8
7.1
21
58
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Herzkrankheiten
Hautkrankheiten
Lungenkrebs
Durchfall
Migräne
Weiss nicht
Nein
Ja
Ergebnisse(%)
Antworten
Abb. 5:
“Welche Gesundheitsprobleme kann Ihrer Ansicht nach Radon verursachen?”
3.3 Schutzmassnahmen
3.3.1 Fragebogen
Dieser Teil beinhaltet sechs Fragen. Die richtigen Antworten sind
kursiv
gedruckt:
9.
Denken Sie, dass es möglich ist, die Radonkonzentration im Gebäudeinneren zu messen?
Ja
,
nein (Stichprobe: 800 Personen).
10. Haben Sie die Radonkonzentration in Ihrem Haus schon einmal messen lassen? Ja, nein
(Stichprobe: diejenigen 736 Personen, die wussten, dass Radon gemessen werden kann).
11. Werden Sie die Radonkonzentration in Ihrem Haus messen lassen? Ja sicher, Ja
wahrscheinlich, Nein wahrscheinlich nicht, Nein sicher nicht (Stichprobe: die 698 Personen, die
wussten, dass Radon gemessen werden kann, aber noch keine Messung veranlasst haben,
Stichprobe: die 64 Personen, die nicht wussten, dass Radon gemessen werden kann).
12.
Denken Sie, dass sich eine hohe Radonkonzentration im Gebäudeinneren reduzieren lässt?
Ja
,
nein (Stichprobe: 800 Personen, Indikator).
13. Ist Ihrer Ansicht nach die Umsetzung von Methoden, die verhindern, dass Radon in die
Wohnräume eindringt… sehr kompliziert, ziemlich kompliziert, ziemlich einfach, sehr einfach?”
(Stichprobe: 800 Personen).
14.
Wie schätzen Sie die Kosten ein? Sehr hoch, mittel, niedrig (Stichprobe: 800 Personen).

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 32
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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3.3.2 Analyse
Auf die Frage, ob es möglich ist, die Radonkonzentration im Gebäudeinneren zu messen, antworteten
92% der Schweizer Bevölkerung mit Ja (davon 92 der 93 Personen, die in einer Region mit hohem
Risiko wohnen). Im Kollektiv+ erreichte dieser Anteil 97%, in den Regionen mit hohem Risiko sogar
100% (Abb. 6).
96.8
100
94.1
97
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Kollektiv+
(201 Pers.)
K+ hohes Risiko
(21 Pers.)
K+ mittleres
Risiko
(36 Pers.)
K+ geringes
Risiko
(144 Pers.)
Weiss nicht
Nein
Ja
Ergebnisse (%)
Gruppen
Abb. 6:
Kollektiv+: “Denken Sie, dass es möglich ist, die Radonkonzentration
im Gebäudeinneren zu messen?”
Die Frage “Haben Sie die Radonkonzentration in Ihrem Haus schon einmal messen lassen?” wurde
nur den 736 Personen gestellt, die der Meinung waren, dass Radon gemessen werden kann (Abb. 7).
Es zeigte sich, dass lediglich 5% der Befragten schon einmal eine Messung durchführen liessen.
Mehr als 8% der Hauseigentümerinnen und -eigentümer haben die Radonkonzentration ihrer
Liegenschaft messen lassen, gegenüber 2% der Mieterinnen und Mieter. Allerdings ist hier
anzumerken, dass die Basis der Ja-Antworten bei den Mietern lediglich 8 Personen umfasste. Nur 4%
der Befragten, die in einer Region mit geringem Risiko leben, antworteten mit Ja, gegenüber 22% aus
Regionen mit hohem Risiko.
Im Kollektiv+ veranlassten 10% der Befragten schon einmal eine Radonmessung. In dieser Gruppe
wohnen fast 30% der Befragten, die eine Messung durchführen liessen, in einer Gemeinde mit hohem
Risiko, aber lediglich 13% in einer Gemeinde mit mittlerem Risiko und 6% in einer Gemeinde mit
geringem Risiko.
22.4
94.8
89.8
77.6
95
96.4
91.6
5.2
10.2
5 3.6
8.4
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Total
(736 Pers.)
Kollektiv+
(195 Pers.)
hohes Risiko
(52 Pers.)
mittleres Risiko
(133 Pers.)
geringes Risiko
(551 Pers.)
Eigentümer
(365 Pers.)
Nein
Ja
Ergebnisse (%)
Gruppen
Abb. 7:
“Haben Sie die Radonkonzentration in Ihrem Haus schon einmal messen lassen?”

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 33
Danach wurden die 95% der Befragten, welche die Radonkonzentration bei sich zu Hause noch nie
messen liessen, gefragt, ob sie dies nun tun werden. Dabei wurden zwei Gruppen unterschieden:
-
Nach einer kurzen Erklärung zur Radonmessung wurde die Frage den 64 Personen gestellt,
die nicht wussten, dass diese Möglichkeit besteht. Lediglich 34% antworteten mit Ja, die
Mehrheit der Befragten wohnt jedoch in Regionen mit geringem Risiko und ist somit kaum
von der Radonproblematik betroffen.
-
Rund 26% der 698 Personen, die wussten, dass Radon gemessen werden kann, aber noch
keine Messung durchführen liessen, planen eine Messung. Dieser Anteil erreicht fast 50% in
Regionen mit hohem Radonrisiko und ist dort damit doppelt so hoch wie in den übrigen
Regionen.
Bei der Befragung von 1995 waren 64% der Bevölkerung der Meinung, dass Lösungen zur
Verminderung der Radonkonzentration in einem Gebäude existieren. 2008 lag dieser Anteil mit 76%
um 12% höher als 1995. Die Personen des Kollektivs+ schnitten etwas besser ab, vor allem in
Regionen mit hohem Risiko (93% richtige Antworten).
Bei der Frage “Ist Ihrer Ansicht nach die Umsetzung von Methoden, die verhindern, dass Radon in die
Wohnräume eindringt? Sehr kompliziert, ziemlich kompliziert, ziemlich einfach, sehr einfach” gingen
die Meinungen auseinander, die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer tendierte jedoch zur
Antwort “einfach” (64%). Personen mit elementarem Bildungsniveau hielten tendenziell die baulichen
Massnahmen für komplizierter als Personen mit mittlerem und hohem Bildungsniveau. In der
Deutschschweiz waren 17% der Befragten der Ansicht, diese Methoden seien “sehr einfach”,
gegenüber 10% in der Westschweiz und 8% in der italienischsprachigen Schweiz. Im Kollektiv+
liegen die Ergebnisse in derselben Grössenordnung.
Was die Frage der Kosten für bauliche Massnahmen zur Prävention und zur Sanierung betrifft (sehr
hoch, mittel oder niedrig), vermuteten 29% der Schweizerinnen und Schweizer, dass diese sehr hoch
sind, 51% schätzen sie als mittel ein und 16% als niedrig (4% äusserten sich nicht dazu). Der Anteil
der Personen, die diese Methoden für günstig halten, ist in der italienischsprachigen Schweiz höher
(28%) als in der Westschweiz mit 17% und in der Deutschschweiz mit 14%. Dieser Trend besteht
auch bei den Regionen mit hohem Risiko, wo 25% der Bevölkerung der Ansicht sind, die Kosten
seien niedrig, gegenüber rund 15% in den Regionen mit mittlerem und geringem Risiko.
3.4 Situation in der Schweiz
3.4.1 Fragebogen
Dieser letzte Teil beinhaltet sieben Fragen. Die richtigen Antworten sind
kursiv
gedruckt:
15. Das Bundesamt für Gesundheit hat den Auftrag, die Öffentlichkeit durch die Medien und durch
Dokumentationen über Radon zu informieren. Sind Sie so auf die Radonproblematik
aufmerksam geworden? Ja, nein (Stichprobe: 800 Personen).
16. Wenn ja, wie sind Sie zu diesen Informationen über Radon gekommen? Broschüre, Internet,
Zeitungsartikel, Informationsveranstaltung, Informationsstand. (Stichprobe: diejenigen 178
Personen, welche die BAG-Medienaktionen kennen).
17. Wissen Sie, dass Ihr Kanton Kampagnen zur Messung von Radon in Gebäuden organisiert
hat? (Stichprobe: 800 Personen).
18. Wissen Sie, welches Radonrisiko auf Ihre Gemeinde zutrifft? Hoch, mittel oder gering
(Stichprobe: 800 Personen).
19. In welchen der folgenden Regionen ist Ihrer Ansicht nach Radon ein besonderes Problem?
Tessin, Graubünden
, Genferseeregion,
Juragebiet
, Mittelland (Stichprobe: 800 Personen).

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 34
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
20. Kann Ihrer Ansicht nach ein Mieter, der ein Gebäude bewohnt, in dem der Grenzwert
überschritten wird, eine Sanierung durch den Eigentümer verlangen?
Ja
, nein (Stichprobe: 800
Personen).
21. Wer muss Ihrer Ansicht nach – gemäss der Verordnung – die Kosten der Sanierung eines
Gebäudes übernehmen? die Behörden,
die Gebäudeeigentümer
, die Mieter, die
Versicherungen (Stichprobe: 800 Personen).
3.4.2 Analyse
Dieser Teil des Fragebogens beginnt mit folgender Frage: „Das Bundesamt für Gesundheit hat den
Auftrag, die Öffentlichkeit durch die Medien und durch Dokumentationen über Radon zu informieren.
Sind Sie so auf die Radonproblematik aufmerksam geworden?“. Es ist festzustellen (Abb. 8), dass
22% der Schweizer Bevölkerung auf solche Informationen gestossen sind, wobei dieser Anteil 37% in
Gebieten mit hohem Radonrisiko erreichte (gegenüber 19% in Regionen mit geringem Risiko). Auch
die Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer sind besser über diese Informationen auf dem
Laufenden (28%) als die Mietenrinnen und Mieter (17%). Am besten informiert bleibt die Gruppe
Kollektiv+, da 40% der Befragten erklärten, so auf die Problematik aufmerksam geworden zu sein.
22.2
39.6
36.8
28.3
19.4
27.5
76.3
71.7
78.7
71.2
58.9
61.9
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Total
(800 Pers.)
Kollektiv+
(201 Pers.)
hohes Risiko
(53 Pers.)
mittleres Risiko
(147 Pers.)
geringes Risiko
(600 Pers.)
Eigentümer
(381 Pers.)
Weiss nicht
Nein
Ja
Ergebnisse (%)
Gruppen
Abb. 8:
“Sind Sie durch Informationen des BAG in Medien und Dokumentationen auf die
Radonproblematik aufmerksam geworden?”
Danach wurde gefragt, wie die 178 Personen zu diesen Informationen des BAG über Radon
gekommen sind: Broschüren, Internet, Zeitungsartikel, Informationsveranstaltung oder
Informationsstand. Die meisten Personen kamen durch die Presse (56%) zu den Informationen, 27%
durch Broschüren, eine wesentlich geringere Rolle spielten das Internet sowie
Informationsveranstaltungen und -stände (Abb. 9). Die Gruppe Kollektiv+ hat nur leicht besser
abgeschnitten als die Gesamtbevölkerung.

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 35
11.7
14.8
56.3
13.8
26.6
87.1
84.9
72.8
83.9
41.7
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Informationsstand
Informations-
veranstaltung
Zeitungsartikel Internet Broschüren
Weiss nicht
Nein
Ja
Ergebnisse (%)
Medien
Abb. 9:
“Wie sind Sie zu den Informationen des BAG über Radon gekommen?”
Die Frage “Wissen Sie, dass Ihr Kanton Kampagnen zur Messung von Radon in Gebäuden
organisiert hat?” wurde allen 800 Personen der Stichprobe gestellt. Rund 11% der befragten
Schweizer Bevölkerung bejahten dies (Abb. 10). Aus der Grafik geht hervor, dass Personen in
Regionen mit hohem Radonrisiko deutlich besser informiert sind (54%) als die Bevölkerung in
anderen Regionen (mittleres Risiko 12% und geringes Risiko 6%). Vor allem die älteste Altersgruppe
war über die Radon-Messkampagnen mit einem Ja-Anteil von 15% im Bild, während sich dieser
Prozentsatz bei den 18- bis 34-Jährigen auf lediglich 6% belief. Am besten informiert waren die
Befragten in der italienischsprachigen Schweiz, wo der Ja-Anteil 62% erreichte, gegenüber 11% in
der Westschweiz und 7% in der Deutschschweiz.
Im Kollektiv+ wussten rund 20% von den Messkampagnen. In dieser Gruppe waren fast 83% der
Personen aus einer Region mit hohem Radonrisiko über die Messkampagnen im Bild, was deutlich
mehr ist als in den Regionen mit niedrigem (13%) und mittlerem Risiko (15%).
10.6
20.4
53.6
12.5
6.3
13.3
86.3
78.1
83.7
90.4
84.6
46.4
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Total
(800 Pers.)
Kollektiv+
(201 Pers.)
hohes Risiko
(53 Pers.)
mittleres Risiko
(147 Pers.)
geringes Risiko
(600 Pers.)
Eigentümer
(381 Pers.)
Weiss nicht
Nein
Ja
Résultats (%)
Gruppen
Abb. 10:
“Wissen Sie, dass Ihr Kanton Radonmesskampagnen organisiert hat?”
Danach wurden die 800 Personen der Stichprobe gefragt, ob sie wissen, welches Radonrisiko auf
ihre Gemeinde zutrifft: geringes, mittleres oder hohes Risiko. Abb. 11 veranschaulicht, dass die
häufigste Antwort “weiss nicht” war (44%). Lediglich 25% der Befragten (und 33% im Kollektiv+)
kannten die Risikostufe ihrer Wohngemeinde. Paradoxerweise waren lediglich 12% der Personen in
Regionen mit hohem Radonrisiko richtig informiert (19% im Kollektiv+), gegenüber 20% in den

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
Seite 36
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Regionen mit mittlerem und 27% in Regionen mit niedrigem Risiko. In den am stärksten von Radon
betroffenen Regionen wird das Radonrisiko somit stark unterschätzt.
24.7
33.1
11.6
20.6
26.7
23.7
31.8
34
29.5
32.4
43.6
34.5
36.6
45.3
43.8
43.9
32.4
51.8
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Total
(800 Pers.)
Kollektiv+
(201 Pers.)
hohes Risiko
(53 Pers.)
mittleres
Risiko
(147 Pers.)
geringes
Risiko
(600 Pers.)
Eigentümer
(381 Pers.)
Weiss nicht
Falsche
Antworten
Richtige
Antworten
Ergebnisse (%)
Gruppen
Abb. 11:
“Wissen Sie, welches Radonrisiko auf Ihre Gemeinde zutrifft… hoch, mittel oder gering?”
Die Frage “In welchen der folgenden Regionen ist Ihrer Ansicht nach Radon ein besonderes
Problem?” beantworteten schweizweit mehr als 65% der Befragten richtig (unter Ausschluss der
“Weiss nicht”-Antworten), d.h. Ja für das Tessin, Graubünden und das Juragebiet und Nein für die
Genferseeregion und das Mittelland (Abb. 12). Wer in der erwähnten Region wohnt, gab im
Allgemeinen die richtige Antwort. Zum Beispiel erachteten 66% der Befragten im Tessin ihren Kanton
als problematisch, gegenüber 46% der Befragten in der Westschweiz. Die Personen in französisch-
und italienischsprachigen Regionen antworteten mit rund 35% mit “weiss nicht”, gegenüber rund 10%
in der Deutschschweiz.
Im Kollektiv+ gab es fast 80% richtige Antworten, d.h. 15% mehr als in der Gesamtbevölkerung der
Schweiz (ohne “Weiss nicht”-Antworten).
54.1
57.8
28.2
55
28.5
28.7
28.5
54.8
17.2
16.6
17.9
16.6
16.7
25.6
53.9
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Tessin
Graubünden
Genferseeregion
Juragebiet
Mittelland
Weiss nicht
Nein
Ja
Ergebnisse (%)
Regionen
Abb. 12:
“In welchen der folgenden Regionen ist Ihrer Ansicht nach Radon ein besonderes
Problem”?
Die beiden letzten Fragen betreffen die rechtlichen Aspekte. Einleitend wurden die Befragten darüber
informiert, dass in der Strahlenschutzverordnung ein gesetzlicher Grenzwert von 1000 Becquerel pro
Kubikmeter (Bq/m
3
) festgelegt ist, ab dem eine Sanierung obligatorisch ist.
Die interviewten Personen wurden gefragt, ob ihrer Ansicht nach ein Mieter, der ein Gebäude
bewohnt, in dem der Grenzwert überschritten wird, eine Sanierung durch den Eigentümer verlangen

Martha Gruson
Christophe Murit; Stéphanie Rumo
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 37
kann. Rund 80% der befragten Personen antworteten richtig. Personen in Regionen mit hohem
Radonrisiko sind besser über das Recht der Mieterinnen und Mieter informiert als solche in Regionen
mit geringem Risiko (92% bzw. 77%). Das Kollektiv+ erzielte ein etwas besseres Ergebnis (84%) als
die Gesamtschweiz, vor allem in den Regionen mit mittlerem und hohem Risiko (90% richtige
Antworten).
Die letzte Frage lautete: “Wer muss Ihrer Ansicht nach – gemäss der Verordnung – die Kosten der
Sanierung eines Gebäudes übernehmen… die Behörden, die Gebäudeeigentümer, die Mieter oder
die Versicherungen?”. Hier antworteten 68% der Befragten korrekt, d.h. mit “Gebäudeeigentümer”.
4 Schlussfolgerungen
Mit dieser Umfrage konnte in Erfahrung gebracht werden, wie sich der Wissensstand über Radon in
der Schweiz seit 1995 entwickelt hat, wie das Thema Radon in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird
und welche regionalen Unterschiede bestehen.
Mit den vier nachfolgenden Indikatoren lässt sich zeigen, dass sich der Wissensstand der Schweizer
Bevölkerung zwischen 1995 und 2008 um rund 10% verbessert hat:
-
Ja, ich habe schon einmal etwas über Radon gehört: 1995: 32%, 2008: 40%
-
Radon ist ein Problem im Inneren von Gebäuden und nicht im Freien: 1995: 55%, 2008: 66%
-
Radon ist gesundheitsschädlich: 1995: 72%, 2008: 85%
-
Die Radonkonzentration im Gebäudeinneren lässt sich reduzieren: 1995: 64%, 2008: 76%
Die Ergebnisse der Umfrage von 2008 können wie folgt zusammengefasst werden:
- Bei der Bestimmung des aktuellen Wissensstands der Schweizer Bevölkerung über Radon ist
zwingend die Wohnregion der Befragten zu berücksichtigen. Es ist nämlich festzustellen, dass
das Wissen der Bevölkerung in Gemeinden mit hohem Risiko wesentlich grösser ist als in der
übrigen Schweiz. Zum Beispiel gaben rund 40% der Schweizer Bevölkerung an, dass sie schon
einmal etwas über Radon gehört haben, gegenüber 67% in Regionen mit hohem Radonrisiko.
Weniger ausgeprägt sind die Unterschiede hingegen zwischen den Antworten aus Gemeinden
mit mittlerem und solchen mit geringem Radonrisiko.
- Innerhalb der Befragten wurde eine Gruppe mit den am besten über Radon informierten
Personen gebildet (alle, die wussten, dass es sich um ein radioaktives Gas handelt; 200
Personen). Diese Gruppe entspricht der Struktur der Schweizer Bevölkerung, sowohl was das
Geschlecht als auch die Sprachregionen betrifft, sie umfasst jedoch mehr ältere Personen sowie
mehr Personen, die gut ausgebildet sind oder die eine Liegenschaft besitzen. Anteilmässig
gaben die Personen dieser Gruppe systematisch mehr richtige Antworten als der Durchschnitt.
- Rund 80% der Schweizer Bevölkerung sind sich bewusst, dass Radon gesundheitsschädlich ist
und Lungenkrebs hervorrufen kann. Die Mehrheit der Befragten glaubt allerdings, dass Radon
auch noch andere gesundheitliche Auswirkungen hat, insbesondere dass es Migräne und
Hautkrankheiten verursacht.
- Fast 92% der Schweizer Bevölkerung sind der Ansicht, dass sich Radon messen lässt, wobei
dieser Prozentsatz in Regionen mit hohem Risiko fast 100% erreicht. Als direkte Auswirkung der
systematischen Messkampagnen in der Schweiz ist fast die Hälfte der Bevölkerung in
Gemeinden mit hohem Radonrisiko über diese Möglichkeit informiert, und mehr als 20% haben
eine Messung durchführen lassen (gegenüber lediglich 5% in der Schweiz insgesamt).
- Die Bevölkerung hat im Allgemeinen ein treffendes Bild von den Problemregionen (Tessin,
Graubünden und Juragebiet). Fragt man hingegen nach dem Radonrisiko der eigenen
Wohngemeinde, wird dieses paradoxerweise in den am meisten betroffenen Regionen stark
unterschätzt. Tendenziell überwiegt somit das Gefühl, Radon sei ein Problem, das andere und
nicht einen selbst betreffe.
- Die meisten in der Schweiz befragten Personen sind auf dem Laufenden über die Rechte und
Pflichten der Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer und der Mieterinnen und Mieter gemäss

Bekanntheitsgrad der Radonproblematik in der Schweizer Bevölkerung
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
StSV. Insgesamt wissen die Eigentümer etwas besser Bescheid als die Mieter, dieser
Unterschied ist jedoch gering.
In der aktuellen Situation ist das Thema Radon in den Gemeinden mit hohem Risiko gut bekannt, was
dafür spricht, dass die gezielte Kommunikation im Rahmen der Messkampagnen Früchte getragen
hat und fortgeführt werden sollte. Bei den Gemeinden mit mittlerem und geringem Risiko ist die Bilanz
weniger positiv, da hier relativ viele Personen noch nie etwas von Radon gehört haben, obwohl
gewisse Gebäudearten potenziell in der ganzen Schweiz gefährdet sind (älteres Gebäude,
Untergeschoss bewohnt, natürlicher Keller oder Gebäude ohne Untergeschoss).
Es wäre wünschenswert, dass in der Schweiz ein breites Publikum Grundkenntnisse über Radon hat.
Die neuen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit tiefen Referenzwerten werden
sicher zur Konsolidierung des Radonprogramms in der Schweiz beitragen und das Bewusstsein der
Bevölkerung für dieses Thema stärken.
5 Literaturverzeichnis
[1] Bekanntheit von Radon in der Bevölkerung, Dübendorf, IPSO, 1995
[2] Statistisches Lexikon der Schweiz, Ständige Wohnbevölkerung nach Alter und Geschlecht,
Dokument Nr. 20563, BFS, 2007
[3] Die Raumgliederungen der Schweiz, Eidgenössische Volkszählung 2000, BFS, 2006
[4] Suchmaschine nach Gemeinde unter
www.ch-radon.ch
[5] Empfehlungen nach Radonrisiko unter
www.ch-radon.ch
[6] Fleiss J.-L., Statistical methods for rates and proportions, 2
nd
Ed. New York ; John Wiley, 1981

 
Frieder Stimpel
Dresden, 29. September 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 39
ÖFFENTLICHE WAHRNEHMUNG VON RADON IN EINER STADT MIT
HOHER EXPOSITION UND DEREN UMGANG IN PRESSE,
VERWALTUNG UND BEVÖLKERUNG
PUBLIC PERCEPTION OF RADON IN A TOWN WITH HIGH
EXPOSITION AND THEIR CONTACT IN PRESS, MANAGEMENT AND
POPULATION
Frieder Stimpel
Bürgermeister der Stadt Schneeberg
Zusammenfassung
In Schneeberg wird seit vielen Hundert Jahren Bergbau betrieben. Insbesondere der nach 1947
betriebene Uranbergbau hat zu vielfältigen Umwelt- und Gesundheitsschäden geführt. Die nach 1990
massiv betriebene Sensationsberichterstattung hat zu großer Verunsicherung und Ablehnung in der
Bevölkerung beigetragen. Im Beitrag wird über den Umgang mit dieser Situation berichtet und werden
Schlussfolgerungen aufgezeigt, wie mit einer solchen Situation offensiv und für die wirtschaftliche
Entwicklung fördernd umgegangen werden kann
Summary
In Schneeberg mining is conducted for many hundred years. In particular the uranium mining
operating after 1947 has led to varied environmental damage and health defects. The sensation
reporting massively pursued after 1990 has contributed to big uncertainty and rejection in the
population. In the article it is reported about the contact with this situation and conclusions are
indicated as with such a situation offensively and for the business development can become
supporting handled
1 Ausgangssituation
In Schneeberg (Abb.1) wird seit Mitte des 15. Jahrhundert Bergbau zur Gewinnung von Silber, Kobalt
und seit 1947 Uran betrieben. Der nach dem 2. Weltkrieg beginnende Uranbergbau wurde durch die
Wismut, eine deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft, betrieben. Diese, wie ein Staat im Staate
handelnde, Gesellschaft arbeitete unter höchster Geheimhaltung aller Prozesse und aller damit
verbundenen Gefährdungen. So unterlagen auch alle Messwerte der Radonkonzentration bis 1990
größtmöglicher Geheimhaltung.
Kurz vor der politischen Wende 1989 versuchten engagierte Menschen unter dem Dach der Kirche,
eine Offenlegung brisanter Werte zu erreichen. Bis zum Ende der DDR wurden diese Forderungen
durch die Staats- und Parteiführung verzögert und blockiert.

image
Öffentliche Wahrnehmung von Radon in einer Stadt mit hohen Expositionen und deren Umgang in Presse,
Verwaltung und Bevölkerung
Seite 40
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. September 2009
Abb. 1
Blick auf Schneeberg (Photo: Stephan)
2
Situation nach 1989
Die politische Wende brachte in Schneeberg eine vollkommen unbekannte Art der
Medienberichterstattung. Verzerrte Darstellungen, unsachliche Berichte bei häufig vollkommen
fehlender Kenntnis der Berichterstatter (viele von Ihnen konnten nicht einmal Schulwissen zu Radon
nachweisen) führte bei den Bürgern und Verantwortlichen in der Stadt Schneeberg stückweit zu
Hilflosigkeit und Wut. Man musste mit ansehen, dass die Sensationslust und Begierde, mit
Schlagzeilen über die sicher vorhandenen Probleme zu berichten, zumeist der alles überragende
Grund für die Berichte war. Der Unmut der Bürger führte auch dazu, weiteren Berichterstattern nicht
mehr zur Verfügung zu stehen. „Tal des Todes“ – diese Schlagzeile sollte sich in das Gedächtnis
einprägen! Die traditionelle Art der Beerdigung, durch Bergleute im historischen Habbit durchgeführt,
wurde in diesem Zusammenhang durch Journalisten vollkommen falsch interpretiert.
3
Umgang in Verwaltung und Behörden nach 1990 und Reaktion der
Bevölkerung
Mit Unterstützung des BMU und seines damaligen Ministers Klaus Töpfer waren die örtlichen
Behörden und die Verwaltung um Versachlichung und gleichzeitig schonungslose Aufarbeitung des
Istzustandes bemüht.
Nach dem feststand, dass die Berichterstattung in Zeitungen und Zeitschriften nichts bringt, wurde
hart an Ist-Analysen ohne Beachtung der Medien gearbeitet und nach ersten Lösungsmöglichkeiten
gesucht. Ziel dieser Aktivitäten war es in erster Linie, solche Lösungsmöglichkeiten zu finden, die die
Probleme für Menschen im Wohn- und Arbeitsbereich zu minimieren helfen. Mit empirischer
Vorgehensweise wurden verschiedenste Lösungsansätze bei unterschiedlichsten Vorortsituationen
erprobt und daraus Erkenntnisse gewonnen.
Die Reaktionen in der Bevölkerung waren sehr unterschiedlich, von Ablehnung und „Lasst mich in
Ruhe“ bis zu konstruktiver Zusammenarbeit. Nicht selten mussten dabei Fragen des Datenschutzes
berücksichtig werden, war die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung auf die Freiwilligkeit der
Betroffenen angewiesen.
Die in die Lösung einbezogenen Fachleute mussten gemeinsam mit der Verwaltung zerstörtes
Vertrauen wieder aufbauen. Leider traten auch „sogenannte Fachleute“ auf, die in angeblicher
wissenschaftlicher Art die Ängste und Nöte der Bevölkerung verstärkten, um eigene Interessen zu
verfolgen. Diese galt es, als Schwarze Schafe zu enttarnen.

Frieder Stimpel
Dresden, 29. September 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 41
Jetzt, nach fast 20 Jahren Umgang mit der neuen Situation, kann man sagen, dass die Bevölkerung
nach kurzer Zeit der Verunsicherung zum sachlichen Umgang mit Radon zurückgefunden hat. In
Schneeberg haben fast alle Familien einen Bezug zum Bergbau, indem sie selbst oder Angehörige
zum Teil seit mehreren Generationen dort gearbeitet haben. Dieser Umstand hat ganz sicher zu dem
sachlichen Umgang mit den Gefahren ein Stück weit beigetragen.
4 Schlussfolgerungen
Nach der erster Aufregung nach der politischen Wende hat sich das Problem deutlich versachlicht,
konnten vertraute Personen zur Mitarbeit bewegt werden. Dadurch konnte ein zunehmendes
konstruktives Einbringen und zugleich kritisches Hinterfragen fachlicher Meinungen erreicht werden.
Als Lernprozess aus den geschilderten medialen Angriffen eines Teiles der Presse würde ich damit
heute anders umgehen. Der Spieß muss umgedreht werden: Das Medieninteresse für „schlechte
Nachrichten“ muss als Chance zur Einforderung von Unterstützung und Mitfinanzierung durch die
Politik genutzt werden. Eine solche Unterstützung wurde zwar erreicht – aber eben ohne oder nur
teilweise Nutzung der Medien. Mit dem heutigen Kenntnis- und Erfahrungsschatz könnte mit ständiger
Medienbegleitung sogar eine Chance für die Ausbildung einer Musterregion und damit eine
verbesserte Wirtschaftsförderung erreicht werden. Mit einer solchen Vorgehensweise kann sich
Schneeberg durchaus als Vorreiter für andere Regionen mit ähnlichen Problemen etablieren.
Das schlimmste, was passieren kann, ist immer etwas verschweigen oder gar verdrängen zu wollen!
Dies geschieht bei diesem Thema in unserer unmittelbaren Nachbarschaft immer noch. Die Angst vor
schädigendem Image ist immer ein schlechter Berater. Der offensive Umgang mit der
Radonproblematik hat uns vorangebracht und zahlt sich langfristig aus.
Auch wenn die Medien dies vielleicht gar nicht erreichen wollten, bin ich ihnen im Nachhinein dankbar!

Öffentliche Wahrnehmung von Radon in einer Stadt mit hohen Expositionen und deren Umgang in Presse,
Verwaltung und Bevölkerung
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. September 2009

 
Andreas Guhr
Walter-Reinhold Uhlig; Jürgen Conrady
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 43
SCHÜLERPROJEKT ZUR RISIKOMMUNIKATION UND SENKUNG
DER RADONEXPOSITION IN GEBÄUDEN
STUDENT'S PROJECT TO THE RISK-COMMUNICATION AND
LOWERING OF THE RADON EXPOSITION IN BUILDINGS
Andreas Guhr
1)
Walter-Reinhold Uhlig
1)
Jürgen Conrady
2)
1
) Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum radonsicheren Bauen und Sanieren e.V.
(KORA e.V.), Dresden
2
) PreCura- Institut für Präventive Medizin e.V. Schneeberg
Zusammenfassung
In dem Beitrag werden Ziele und Methodik sowie erste Ergebnisse des durch das Sächsische
Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft sowie das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft
und Geologie geförderten Projektes „Schülerprojekt zur Risikokommunikation und Senkung der
Radonexposition in Gebäuden“ vorgestellt. Das Projekt hat eine Laufzeit von November 2008 bis Juni
2010.
Summary
These presentation describes the intention and methods applied of the project” Pupils project for risk
communication and lowering of radon exposure in buildings” sponsored by the Ministry of
Environment and Agriculture and the Office for Environment ,Agriculture and Geology of Saxony.
Project duration November 2008 to June 2010.
1
Projekthintergrund und Problemstellung
Die Radonexposition der Bevölkerung in Gebäuden ist nach heutiger Auffassung nach dem
Zigarettenrauchen der wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs in der Bevölkerung. Schätzungen
gehen davon aus, dass allein in Sachsen ca. 800.000 Menschen in Regionen leben, wo aufgrund
natürlicher Ursachen gegenüber dem Durchschnitt der Bundesrepublik Deutschland höhere
Radonexpositionen in Wohnungen auftreten. Außerdem wurden hier, wie auch generell in den letzten
Jahren, zahlreiche Gebäude energetisch saniert, was zu einem weiteren signifikanten Anstieg dieser
Exposition in einem Teil dieser Gebäude geführt hat. Die Wahrnehmung dieser umweltbedingten,
potenziell gesundheitsgefährdenden Exposition in der Bevölkerung ist, gemessen an der ihr
zugesprochenen Gesundheitsgefährdung, relativ schwach entwickelt. Möglicherweise verhindert auch
hier der in vielen einschlägigen Studien gefundene „optimistic bias“ in der Beurteilung des eigenen

Schülerprojekt zur Risikokommunikation und Senkung der Radonexposition in Gebäuden
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Risikos die Ausprägung eines adäquaten Umweltbewusstseins, und einer entsprechende
Handlungsbereitschaft zur Kontrolle und Veränderung der Expositionssituation. Unter einem
„optimistic bias“ versteht man ein Verhalten, das darin besteht, eine mögliche Gefährdung nur bei
anderen Personen zu sehen und für sich selbst auszuschließen. B.P. HAZARD hat in ihrer
Untersuchung „Information und Beteiligung bei Gesundheitsrisiken am Beispiel eines Radon-
Messprogramms“ [1] im Ergebnis eines Risikokommunikationsprozesses mit Schülern eine allerdings
nur temporäre, positive Entwicklung des Umweltbewusstseins und der Handlungsbereitschaft der
Schüler und ihrer Eltern nachweisen können. Darauf aufbauend, wurde dieses Modellprojekt mit einer
erweiterten Zielstellung entwickelt.
2 Zielstellung
Das Projektes zielt darauf, dass die beteiligten Jugendlichen und Ihre im Umfeld lebenden Personen
ermutigt und befähigt werden, mögliche Gefährdungen durch Radon zu erkennen und mit einfachen
Mitteln eigenständig zur Reduzierung beizutragen. Hierzu sind die im Folgenden zusammengestellten
Ziele in das Projekt integriert worden:
1. Vermittlung von grundlegenden Kenntnissen im Zusammenhang mit der Erkennung der
Radonexposition als normalen Bestandteil ihrer Lebensumwelt;
2. Entwicklung des Risikobewusstseins und der Eigeninitiative der Schüler zur Reduzierung der
Radonkonzentration in ihren Wohnungen unter Einbeziehung der Eltern;
3. Befähigung zur aktiven Einflussnahme auf ihre persönliche Expositionssituation, ihrer Kontrolle
und Veränderung;
4. Entwicklung der Bereitschaft, im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe selbst etwas zu unternehmen, um
erhöhte Radonexpositionen mit einfachen Maßnahmen in der eigenen Wohnung zu reduzieren;
5. Abbau eventuell bestehender Ängste im Zusammenhang mit der Radonexposition und
Versachlichung der Risikoszenarien;
6. Kontrolle und Quantifizierung von Interventionseffekten;
7. Entwicklung einer optimierten und gruppenspezifischen Strategie für eine permanente
Risikokommunikation mit Schülern und deren Eltern.
Die Ergebnisse des Pilotprojektes sollen als Grundlage für weitere Projekte und Kampagnen in
Schulen dienen, die den Ausgangspunkt für eine breite Streuung des Wissens und der Fähigkeiten im
Sinne der hier unter Punkt 1. bis 7. aufgeführten Zielstellungen bilden.
3 Methode
Um die Zielstellung zu erreichen, wird im Rahmen des Profilunterrichts an einem Gymnasium sowie
von außerschulischen Aktivitäten (Komplexe Leistungen) an einer Mittelschule im Freistaat Sachsen
grundlegendes Wissen zur natürlichen Radioaktivität mit Schwerpunkt Radon sowie ihrer Messung
und Bewertung über jeweils ein halbes Schuljahr vermittelt. Die Schüler werden in diesen
Kommunikationsprozess aktiv einbezogen, indem sie unter fachlicher Anleitung eigenständige
Messungen durchführen (Abb. 1) und durch praktische Übungen lernen, wie mit einfachsten Mitteln
erhöhte Aktivitäts-konzentrationen gesenkt werden können.

image
image
Andreas Guhr
Walter-Reinhold Uhlig; Jürgen Conrady
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 45
Abb. 1:
Schüler bei der Durchführung von Messungen
im Unterricht
Zur Messung des angestrebten Interventionseffektes werden die Schüler unmittelbar vor Beginn der
Risikokommunikation sowie in der letzten Unterrichtsstunde nach ihrem Abschluss mittels eines
standardisierten und identischen Fragebogens befragt. Zu Beginn des Kommunikationsprozesses
werden auch die Eltern befragt. Die erhobenen Daten werden explorativ und konfirmatorisch mit uni-
und multivariaten Verfahren ausgewertet, um die wesentlichsten Einflussfaktoren für den Erfolg oder
Misserfolg des Kommunikationsprozesses zu identifizieren.
Zusätzlich wurde eine Pilotstudie zu Beginn des Kommunikationsprozesses im Rahmen einer
„Besonderen Lernleistung“ (BELL) mit Schwerpunkt der Altersgruppe unter 20 Jahren durchgeführt,
um Informationen in einer unabhängigen Stichprobe (n = 52) zum Grad der Ausbildung des
Umweltbewusstseins, der Risikowahrnehmung, Handlungsbereitschaft und des „optimistic bias“ zu
sammeln. Zu diesem Zweck wurden 52 Personen aus der weiteren Umgebung von Schneeberg
mittels eines speziellen Fragebogens interviewt.
4
Vorläufige Teilergebnisse der Pilotstudie
Die Ergebnisse der ersten Befragung werden detailliert im Beitrag von P. Stephan dargestellt, auf den
hiermit verwiesen werden soll.
Insgesamt hat die Befragung interessante Teilergebnisse erbracht, geplant ist es, diese durch weitere
Befragungen auf eine erweiterte Basis zu stellen. Besonders hervorgehoben werden kann, dass das
Interesse der Befragten, ihre eigene Expositionssituation und mögliche Veränderung nach einer
Gebäudesanierung zu kennen, groß ist. Ebenso wurde – insbesondere in der Gruppe der unter 20-
jährigen - eine hohe Bereitschaft bekundet, Eigeninitiativen zu entwickeln, um diese Exposition mit
einfachen Mitteln zu senken. Somit erscheint der Ansatz des Projektes, der Gruppe jüngerer
Menschen umfassende Informationen zukommen zu lassen und diese für die Radonproblematik zu
sensibilisieren, geeignet zu sein, einen permanenten Prozess der Risikokommunikation in dieser
Region zur Senkung der Radonexposition der Bevölkerung zu etablieren. Dass ein solcher Prozess
wichtig ist, zeigen aber auch die zum Teil widersprüchlichen Antworten zwischen Wahrnehmung des
Problems und der Bewertung des eigenen Risikos, die darauf hindeuten, dass hier ein typischer Fall
von „optimistic bias“ vorliegt, das heißt, dass die Gefahren der eigenen Situation nicht immer
realistisch eingeschätzt werden. Als besonders problematisches Ergebnis kann auch das geringe
Wissen zu den möglichen Folgen einer energetischen Sanierung bewertet werden.

Schülerprojekt zur Risikokommunikation und Senkung der Radonexposition in Gebäuden
Seite 46
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Weitere Ergebnisse, wie die Auswertung der geplanten zweiten Befragung sowie eine detaillierte
Darstellung der Messergebnisse der Schüler, liegen noch nicht vor. Die Darstellung dieser
Ergebnisse soll deshalb einem späteren Beitrag vorbehalten bleiben.
5 Literaturverzeichnis
[1] Hazard, B.P., Information und Beteiligung bei Gesundheitsrisiken am Beispiel eines Radon-
Messprogramms,
R.Leschber, E. Lehmann Hrsg.; Schriftenreihe des Vereins für Wasser-, Boden- und Lufthygiene
87; Gustav Fischer Verlag . Stuttgart/New York.1993

 
Philipp Stephan
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 47
RADON IN DER LEBENSUMWELT UND SEINE WAHRNEHMUNG –
ERGEBNISSE EINER PILOTUNTERSUCHUNG IN DER REGION
SCHNEEBERG
RADON IN THE LIFE ENVIRONMENT AND ITS PERCEPTION –
RESULTS OF A PILOT INVESTIGATION IN THE REGION
SCHNEEBERG
Philipp Stephan
Herder Gymnasium Schneeberg
Zusammenfassung
Im Rahmen der Besonderen Lernleistungen (BELL) wurde eine Befragung zur Radonproblematik
durchgeführt. In dem Beitrag wird der Aufbau der Befragung sowie deren Durchführung vorgestellt.
Den Schwerpunkt der Ausführungen bildet die Darstellung der Ergebnisse der Befragung.
Summary
Within the scope of the special learning performances (BELL) a questioning was carried out to the
radon problems. In the article the system of the questioning as well as their realisation is introduced.
The representation of the results of the questioning forms the main focus of the executions.
1
Hintergrund und Zielstellung
Der Vortrag basiert auf den Ergebnissen einer
BE
sondere
L
ern
L
eistung (BELL), die von
mir in der 10. Klasse erarbeitet wurde. Der Titel dieser BELL lautete:
Die Radonproblematik in Verbindung mit einer Analyse der Handlungsbereitschaft
und dem Kenntnisstand der Menschen zum Thema Radon
Die Besondere Lernleistung (BELL) = ist eine schriftliche Arbeit die im Rahmen des Abiturs
angefertigt werden kann und mit einem Kolloquium zu verteidigen ist, welches als mündliche Prüfung
zählt. Inhalt der BELL war eine Pilotuntersuchung zur Analyse des Umweltbewusstseins und der
Risikowahrnehmung bestimmter Bevölkerungsgruppen im Landkreis Aue/Schwarzenberg mit Bezug
zur Radonexposition. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Bevölkerungsgruppe < 20 Jahre. Die
Erstellung erfolgte in Zusammenarbeit mit Dr. Conrady (Precura) und Dr. Guhr (Altrac).

Radon in der Lebensumwelt und seine Wahrnehmung - Ergebnisse einer Pilotstudie in der Region Schneeberg
Seite 48
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
2 Methode
Es wurde eine Gruppe von 52 Personen mittels eines standardisierten Fragebogens befragt. Der
Fragebogen enthielt 25 Fragen zu den im Folgenden aufgeführten Themenkomplexen:
Biografie
Interesse an Gesundheitsfragen und Umweltproblemen
Radonproblematik und eigenes Interesse
Einschätzung der eigenen Expositionssituation
Beurteilung der radonbedingten Gesundheitsgefahren
Energieeinsparung und Radonexposition
Interesse an Methoden und Verfahren zur Senkung der Radonexposition durch
Eigeninitiativen
Bereitschaft, derartige Initiativen zu ergreifen
Zur Auswertung der Umfrageergebnisse wurden diese in eine Datenbank eingefügt und mit einfachen
Verteilungsanalysen sowie mittels Chi
2
-Statistik ausgewertet.
Für die Auswertung wurde die „JUMP“- Software Version 501, 2002 des SAAS- Institutes verwendet.
3 Ergebnisse
Im Folgenden werden die Ergebnisse der Befragung vorgestellt:
Altersverteilung
Abb 1:
Darstellung der Altersverteilung und
Bewertung (Schwerpunkt < 20 Jahre)
1: bis 20 Jahre
2: ≥20 bis 40 Jahre
3:≥40 bis 60 Jahre
4:alter als 60 Jahre
1
2
3
4
1
2
3
4

Philipp Stephan
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 49
Die Altersgruppe bis 20 Lebensjahre ist deutlich überrepräsentiert. Diese Verteilung ist durch die
gezielte Auswahl von Personen dieser Altersgruppe, jedoch auch durch die hohe Bereitschaft der
unter zwanzig jährigen, an der Studie teilzunehmen, begründet. Hingegen bestand bei potentiellen
Probanden der 3 verbleibenden Altersklassen häufig weniger Interesse, sich zu beteiligen.
Informationsgrad bei Umweltfragen
Tab.1:
Informationsgrad zu Radon
Frage 8
ausreichender Informationsstand bei Umweltfragen
genau eine Antwort möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
Ausreichend informiert
19
Gerne mehr darüber wissen
7
zu ganz bestimmten Fragen mehr
wissen
22
zu viele Informationen in Medien
4
Summe/ Fehler
52
keine Fehler in Antwortverhalten der
Probanten sowie in Statistik vorhanden
Abb. 2:
Interesse an der
Radonproblematik, bezogen auf die
befragten Altersgruppen
11,5% der Befragten wollen mehr zu Umweltfragen wissen. Bei Probanden der Altersgruppe 1besteht
eine durchaus hohe Bereitschaft, sich mit derartigen Problematiken auseinander zu setzen
keine
Ignoranz dieser Altersgruppe. Allerdings konnte keine flächendeckendes Interesse, aber durchaus
akzeptable Grundpositionen festgestellt werden.
%
0
25
50
75
100
1
2
3
4
ALTERSGRUPPE
0
1

Radon in der Lebensumwelt und seine Wahrnehmung - Ergebnisse einer Pilotstudie in der Region Schneeberg
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Kenntnis der Radonproblematik
Abb. 3
: Auswertung der Befragung zur Kenntnis der
Radonproblematik
grün: Kenntnis bejaht
rot: keine Kenntnis
79% der Befragten wissen über die Existenz des Radonproblems bescheid, in der Altersgruppe bis 20
Jahre ist die Kenntnis der Thematik etwas geringer, beträgt aber immerhin noch 69%.
Interesse an der Radonproblematik
Tab.2
: Auswertung der Ergebnisse zur Frage des Interesses an der Radonproblematik
Frage 11
Intensität des Interesses an der Radonproblematik
genau eine Antwort möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
sehr stark
0
stark 13
wenig 33
überhaupt nicht
3
Summe/ Fehler
49
Fehler in Antwortverhalten der Probanten oder in
Statistik vorhanden
Abb. 4
: Auswertung der Befragung zum Interesse an
der Radonproblematik
Rot: starkes / sehr starkes Interesse
Grün: weniger starkes/überhaupt kein Interesse
%
0
25
50
75
100
1
2
3
4
ALTERSGRUPPE
0
1
%
0
25
50
75
100
1
2
3
4
ALTERSGRUPPE
0
1

Philipp Stephan
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 51
Einschätzung der Radonkonzentration in der eigenen Wohnung
29% der Probanden schätzen die Radonkonzentration in ihrer Wohnung als nicht erhöht ein, obwohl
sie im Erzgebirge, d.h. einem Gebiet mit starker Radonexposition wohnen. Ebenfalls 29% gehen
sogar davon aus, generell nicht von Radon betroffen zu sein. Nur 1 Person gibt an, in einer Wohnung
mit erhöhter Radonexposition zu leben. In dieser wurden 3700 Bq/m3 gemessen.
Bei 9 Probanden war eine Radonkonzentration in der eigenen Wohnung bekannt, dabei trat der Wert
700 Bq/m3 am häufigsten auf. Trotzdem diese Werte zum Teil erhöht bis stark erhöht sind, werden
diese von den Betroffenen nicht als solche eingeschätzt. Das hier geschilderte Ergebnis, wonach
79% der Befragten die Problematik kenne, jedoch davon ausgehen, selbst nicht betroffen zu sein,
zeigt die Existenz eines „optimistic bias“.
Tab.3:
Ergebnisse der Frage „Einschätzung der Radonkonzentration in der eigenen Wohnung
Tab.4
: Ergebnisse der Frage nach Gesundheitsgefahren durch Radon
Frage 18
ausgehende Gesundheitsgefahren von Radon
mehrere Antworten möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
Müdigkeit 10
Kopfschmerzen 24
Bluthochdruck 4
Lungenkrebs 23
Leukämie 10
alle Formen von Krebserkrankungen
22
Missbildungen 7
Lungenentzündung 2
Quotient
Ø ≈ 1,96 Krankheitsannahmen je Proband
Tab. 6
: Ergebnisse der Befragung zur Kenntnis von möglichen Radonkonzentrationsänderungen
durch Energiesparmaßnahmen
Frage 19
Kenntnis von möglichen Radonkonzentrationserhöhungen durch
Energiesparmaßnahmen
genau eine Antwort möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
ja 10
nein 42
Summe/ Fehler
52
keine Fehler in Antwortverhalten der Probanten
sowie in Statistik vorhanden
Frage 15
Einschätzung der Radonkonzentration in der eigenen Wohnung
genau eine Antwort möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
Keine erhöhte Exposition
15
Leicht erhöhte Exposition
21
Stark erhöhte Exposition
1
Denke bin nicht betroffen
15
Summe/ Fehler
52
keine Fehler in Antwortverhalten der Probanten
sowie in Statistik vorhanden

Radon in der Lebensumwelt und seine Wahrnehmung - Ergebnisse einer Pilotstudie in der Region Schneeberg
Seite 52
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Abb. 5:
Darstellung der Ergebnisse aus Frage 19 (s.
Tab. 6) auf die Altersgruppen bezogen
Tab. 7:
Darstellung der Ergebnisse zum Interesse an Erkenntnissen bezüglich Radonexpositions-
veränderungen nach Energiesparmaßnahmen
Interesse an Erkenntnissen bezüglich Radonexpositionsveränderungen nach
Energiesparmaßnahmen
genau eine Antwort möglich
Kategorie
Anzahl Stimmen
ja 39
nein 13
Summe/ Fehler
52
keine Fehler in Antwortverhalten der Probanten
sowie in Statistik vorhanden
Abb. 6:
Darstellung der Ergebnisse nach Tabelle
7 auf die Altersgruppen bezogen.
Eine wesentliche Vorraussetzung, um Umweltbewusstsein und Handlungsbereitschaft Betroffener zu
wecken, ist das Interesse, entsprechende Informationen zu erhalten. 75 % der Teilnehmer gaben an
wissen zu wollen, welche Veränderung der Radonkonzentration nach Energiesparmaßnahmen an
Gebäuden auftreten. In der Gruppe unter 20 Jahre waren es sogar 91%.
%
0
25
50
75
100
1
2
3
4
ALTERSGRUPPE
0
1
%
0
25
50
75
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ALTERSGRUPPE
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1

Philipp Stephan
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 53
4 Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Pilotuntersuchung
Die Ergebnisse der Befragung können wie folgt zusammengefasst werden:
1. Von 52 Befragten kannten 79% die Radonproblematik in Wohnungen. Die Anzahl der Befragten
mit wenig Interesse an diesem Problem beträgt dagegen 63%, starkes Interesse findet man bei
25%.
2. 58% der Befragten nehmen an, dass sie keine erhöhte Radonexposition haben bzw. überhaupt
nicht betroffen sind.
3. Lediglich 9% der unter 20-Jährigen wissen, dass im Ergebnis von baulichen
Energiesparmaßnahmen die Radonkonzentration in ihren Wohnungen ansteigen kann, wobei in
50% der Fälle derartige Sanierungen durchgeführt wurden.
4. 60% der Befragten haben nach der Sanierung ihrer Häuser ihr Lüftungsverhalten nicht verändert.
5. Befragt nach ihrer Bereitschaft ihre Radonexposition zu senken, wenn sie dies durch
Eigeninitiative erreichen könnten, stimmten 79% der Befragten zu.
Bewertung der Ergebnisse:
1. Das objektive Interesse der Befragten ihre eigene Expositionssituation und ihre Veränderung
nach einer Gebäudesanierung zu kennen ist groß, wie auch ihre Bereitschaft Eigeninitiativen zu
entwickeln diese Exposition zu senken.
2. Diese noch vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass objektiv gute Voraussetzungen bestehen, einen
permanenten Prozess der Risikokommunikation in dieser Region zur Senkung der
Radonexposition der Bevölkerung zu etablieren.
3. Die
Bevölkerungsgruppe der < 20- jährigen scheint für diesen Prozess besonders zugänglich zu sein.
5
Vorläufige Schlussfolgerungen aus der Pilotstudie
Die Verteilung der Antworten und die offensichtlichen Widersprüche deuten darauf hin, dass die
Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Radonexposition durch den „optimistic bias“ bei den
Betroffenen beeinflusst wird. Wenn 79% der Befragten bereit wären, erforderlichenfalls in
Eigeninitiative die Radonkonzentration in ihrer Wohnung zu senken, 63% aber wenig Interesse an
dieser Problematik haben, ist es naheliegend, diesen Widerspruch damit zu erklären. Dieses
Ergebnis und insbesondere auch die ausgeprägte Unkenntnis über den Zusammenhang zwischen
energetischer Gebäudesanierung und steigender Radonexposition bei überwiegend unverändertem
Lüftungsverhalten unterstreichen die Notwendigkeit, einen permanenten Prozess der
Risikokommunikation mit der Bevölkerung, idealerweise unter Einbeziehung der Schuljugend, zu
etablieren.

Radon in der Lebensumwelt und seine Wahrnehmung - Ergebnisse einer Pilotstudie in der Region Schneeberg
Seite 54
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008

 
Ludger Giesberts
Guido Kleve
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 55
ÖFFENTLICH-RECHTLICHE VERANTWORTUNG UND
ZIVILRECHTLICHE HAFTUNG FÜR RADONBELASTUNG
PUBLIC LAW AND PRIVATE LAW LIABILITIES FOR RADON
EXPOSURE
Ludger Giesberts
Guido Kleve
DLA Piper UK LLP, Köln
1
Zusammenfassung
Die durch eine Radonbelastung in Wohn- und Arbeitsgebäuden hervorgerufenen Gefahren sind
mittlerweile unumstritten. Insoweit scheint es verwunderlich, dass eine rechtliche Aufarbeitung der
Problematik bislang weder in der Gesetzgebung noch in der Rechtsprechung erfolgt ist. Der Beitrag
untersucht sowohl die öffentlich-rechtliche Verantwortung als auch die zivilrechtliche Haftung. Hierbei
werden erste Probleme umrissen, ohne eine abschließende rechtliche Aufarbeitung zu leisten. Der
Beitrag zeigt, dass sich die Handhabung der Gefahren durch eine natürliche Radonbelastung
mitnichten in einem rechtsfreien Raum bewegt, sondern vielmehr hoheitliche Verantwortlichkeiten und
privatrechtliche Haftungen bestehen können.
Summary
Nowadays, the risks caused by radon exposure in homes and workplaces are beyond dispute. Hence
it is quite astonishing that so far neither legislature nor judicature have elaborated on this difficulty.
This contribution examines both the responsibility under public law and the civil liability. In doing so,
basic problems are being outlined without providing an exhaustive legal assessment of the above-
mentioned issue. The article concludes that the handling of the risks of natural radon emission is not
at all located in a legal vacuum, but liabilities can arise under the legal aspects of both public and
private law.
1
Einführung – Strahlenexposition durch Radon
Die Gefahren, die von einer Strahlenbelastung für Mensch und Umwelt ausgehen können, stehen
nicht zuletzt auf Grund der aktuellen Probleme rund um die Nutzung der Kernenergie im besonderen
Fokus der allgemeinen öffentlichen Diskussion. Gegenstand der Kontroverse ist hier aber in der
Regel lediglich die durch den Menschen künstlich erzeugte oder verursachte Strahlenbelastung und
deren potentielle Gefahren. Demgegenüber scheint die Strahlenexposition, der der Mensch durch
1
Dr. Ludger Giesberts ist Rechtsanwalt und Partner und Guido Kleve ist Rechtsanwalt im Bereich
Öffentliches Wirtschaftsrecht in der Kanzlei DLA Piper UK LLP in Köln. Dr. Giesberts ist zudem
Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln.

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
natürliche Strahlenquellen ausgesetzt ist, lediglich einem interessierten und fachkundigen Kreis
vorbehalten. Die Risikowahrnehmung durch die Allgemeinheit ist dagegen wenig ausgeprägt.
Hauptursache der natürlichen Strahlenexposition ist Radon. Dies ist ein natürlich vorkommendes
radioaktives Edelgas, das organoleptisch nicht wahrnehmbar ist. Es handelt sich um ein natürliches
Zerfallsprodukt des seit jeher im Boden vorkommenden radioaktiven Schwermetalls Uran
2
. Das im
geologischen Untergrund gebildete Radon wird teilweise in die luftgefüllten Porenräume der Gesteine
und Böden freigesetzt. Aus dem Boden gelangt Radon ins Freie und auch in Gebäude. Die
Radonkonzentrationen im Freien sind regional unterschiedlich. Während im norddeutschen Tiefland
nur geringe Konzentrationen auftreten, sind sie im Bergland meist höher. Die ausschlaggebende
Radonkonzentration in Gebäuden beruht auf Bodengas, das auf Grund von Druck- oder
Konzentrationsausgleich durch die Fußböden in Gebäude eindringt. Zu welchen
Radonkonzentrationen dies schließlich führen kann, wird durch die Radonbildung im Baugrund, die
den Radontransport bestimmenden Eigenschaften der dort vorkommenden Materialien und die
Bauweise selbst bestimmt. In Gebäuden treten meist höhere Radonkonzentrationen als im Freien auf.
Der Jahresmittelwert der Radonkonzentration beträgt in Wohnräumen durchschnittlich 50 Bq/m³.
Diese Angaben zur durchschnittlichen Radonexposition machen aber nicht deutlich, dass große Teile
der Bevölkerung nur einer sehr geringen Belastung ausgesetzt sind, andere hingegen täglich durch
hohe Strahlendosen gefährdet sind.
Dass die erhöhte Konzentration von Radon in Gebäuden ein erhebliches Gesundheitsproblem
darstellen kann, ist heute weitestgehend anerkannt. Einer Studie aus dem Jahr 2006 zu Folge werden
in Deutschland ca. 1.900 Lungenkrebstodesfälle pro Jahr durch Radon in Wohnungen verursacht
3
.
Damit sind rund 5 % aller jährlichen Lungenkrebstodesfälle in Deutschland mit der Radonexposition in
Wohnungen assoziiert. Nach Angabe der Krebsliga Schweiz ist Radon nach dem Rauchen die
zweithäufigste Ursache von Lungenkrebs in der Schweiz. In einzelnen Kantonen werden bis zu 16 %
der Lungenkrebstoten durch Radon verursacht
4
.
Trotz dieser nennenswerten Gefahren durch die natürliche Strahlenexposition durch Radon hat eine
rechtliche Aufarbeitung der Thematik bislang kaum stattgefunden. Weder die Gesetzgebung, noch die
Rechtsprechung haben sich mit der Radonthematik bisher vertieft beschäftigt. Auch im juristischen
Schrifttum fehlt es an einer entsprechenden Aufarbeitung der Thematik. Dies mag angesichts der
erheblichen gesundheitspolitischen, aber auch der daraus folgenden wirtschaftlichen Bedeutung
verwundern. Der folgende Beitrag untersucht die rechtlichen Vorgaben und Problemstellungen einer
Radonbelastung. Dabei soll zwischen einer öffentlich-rechtlichen Verantwortung und zivilrechtlichen
Haftung für Radonbelastung unterschieden werden. Auf Grund der vielfältigen – zum großen Teil
noch ungeklärten – rechtlichen Detailfragen kann hier aber nur ein kurzer Überblick der
Rechtsprobleme erfolgen.
2 Öffentlich-rechtliche Verantwortung für Radonbelastung
Im Rahmen der Prüfung einer öffentlich-rechtlichen Verantwortung für Radonbelastung stellt sich die
Frage, inwieweit der Staat einer möglichen Verantwortung für gesundheitsgefährdende
Radonbelastungen gerecht wird oder werden kann. Dabei sollen zunächst die rechtlichen Grundlagen
dargestellt werden, die den Strahlenschutz bislang schon zum Gegenstand haben. Es soll des
Weiteren dargestellt werden, inwieweit der Staat aufgrund bestehender Regelungen verpflichtet oder
2
Radon-222 selbst zerfällt in einer Halbwertszeit von 3,8 Tagen. Zu Entstehung und Vorkommen von
Radon siehe
http://www.smul.sachsen.de/umwelt/strahlenschutz/1751.htm
(zuletzt besucht am
7.9.2009).
3
Menzler, S., Schaffrath-Rosario, A., Wichman H.E., Kreienbrock L.:
Abschätzung des attributablen
Lungenkrebsrisikos in Deutschland durch Radon in Wohnungen, Ecomed-Verlag, Landsberg, 2006.
4
Vgl.
http://www.presseportal.ch/de/pm/100000843/100500365/bundesamt_fuer_gesundheit
(zuletzt
besucht am 7.9.2009).

Ludger Giesberts
Guido Kleve
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 57
berechtigt sein kann, entsprechende Schutzvorkehrungen insbesondere im Bereich des öffentlichen
Baurechts zu treffen. Für das Verhältnis Staat/Bürger sind vor allem auch die Möglichkeiten einer
öffentlich-rechtlichen Inanspruchnahme im Wege von Sanierungsanordnungen von entscheidender
Relevanz. Letztlich stellt sich die Frage einer potentiellen öffentlich-rechtlichen Haftung, für die aus
einer Radonbelastung herrührende Gesundheitsgefährdung.
2.1 Rechtliche Grundlagen
Anders als in anderen Rechtsordnungen
5
existieren in Deutschland trotz der bekannten Gefährdung
durch Radon bislang keine allgemeinen und verbindlichen Vorgaben für Radongrenzwerte in
Gebäuden. Entsprechende Gesetzesinitiativen des Bundes sind bisher am Widerstand der
Bundesländer gescheitert. Die Radonexposition wird aber in der Strahlenschutzverordnung im
Hinblick auf bestimmte Arbeitsschutzvorkehrungen geregelt. Darüber hinaus lassen sich
(unverbindliche) Richt- und Grenzwerte auch aus verschiedenen Empfehlungen ableiten. Auf
europarechtlicher Ebene plant die Europäische Kommission im Rahmen der Revision und
Verschmelzung von fünf Euratom-Richtlinien auch die Festlegung von Radonreferenzwerten, die
dann verbindlich in nationales Recht umzusetzen wären.
2.1.1 Strahlenschutzverordnung
Die Strahlenschutzverordnung (StrlSchV)
6
stellt derzeit die einzige deutsche Rechtsquelle dar, in der
die Gefahren durch Radon eine explizite Regelung erfahren haben. Inhaltlich geht die StrlSchV auf
die Umsetzung entsprechender europarechtlicher Vorgaben zurück
7
.
Teil 3 der StrlSchV regelt den Schutz von Mensch und Umwelt vor natürlichen Strahlungsquellen bei
Arbeiten. Nach Anlage XI Teil A betreffen Arbeitsfelder mit erhöhten Radon-222-Expositionen
Arbeiten in „1. untertägigen Bergwerken, Schächten und Höhlen, einschließlich Besucherbergwerken,
2. Radon-Heilbäder und –Heilstollen, 3. Anlagen der Wassergewinnung, -aufbereitung und –
verteilung“. Für derartige Arbeiten legt die StrlSchV verbindliche Grenzwerte/Dosen fest, der
betroffene Personen durch natürliche Strahlung maximal ausgesetzt werden dürfen. § 95 legt
bestimmte Verpflichtungen fest, wenn das Produkt aus Aktivitätskonzentration von Radon-222 am
Arbeitsplatz und Aufenthaltszeit im Kalenderjahr den Wert von 2 MBq x h/ m³ überschreitet. Der
maximale Grenzwert wird in § 96 auf 6 MBq x h/m³ festgelegt. Die Verantwortlichen haben
entsprechende Abschätzungen durchzuführen und ggf. auch darauf basierende Meldepflichten
gegenüber den zuständigen Behörden zu erfüllen. Zudem statuiert die StrlSchV eine allg.
Verpflichtung zur Dosisbegrenzung (§ 93) und Dosisreduzierung (§ 94).
Gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 4 trifft die StrlSchV aber ausdrücklich keine Regelung für die
Strahlenexposition durch Radon in Wohnungen einschließlich der dazugehörigen Gebäudeteile. Im
Ergebnis stellt die StrlSchV damit zwar erstmals eine gesetzliche Regelung für die Belastung durch
natürliche Strahlung dar, bleibt aber auf Grund des begrenzten Anwendungsbereichs weit hinter
einem allgemeinverbindlichen umfassenden Schutz zurück.
5
Vgl. etwa Art. 110 der Schweizer Strahlenschutzverordnung, der einen festgelegten Grenzwert für
Radon in Wohn- und Aufenthaltsräumen von 1000 Bq/m³ und von 3000 Bq/m³ im Arbeitsbereicht
festlegt.
6
Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlung vom 20.7.2001, BGBl. I
1714, (2002, 1459).
7
In erster Linie werden europäische Vorgaben der Richtlinien 96/29/EURATOM ("EURATOM-
Grundnormen") und 97/43/EURATOM ("Patientenschutz-Richtlinie") umgesetzt, vgl. BGBl. I 1714.

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Seite 58
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
2.1.2 Unverbindliche Empfehlungen und Richtwerte
Über die StrlSchV hinaus bestehen verschiedene unverbindliche Empfehlungen und Richtwerte
fachkundiger Institutionen. Allerdings sind diese dadurch gekennzeichnet, dass hier erheblich
divergierende Werte zu Grunde gelegt werden. Dies macht es insbesondere im Hinblick auf eine
verbindliche Risikobewertung schwierig, rechtlich fundierte Maßstäbe zu entwickeln.
Die Europäische Kommission hat sich der Problematik der Radonbelastung bereits in ihrer
Empfehlung vom 21. Februar 1990 zum Schutz der Bevölkerung vor Radonexposition innerhalb von
Gebäuden angenommen
8
. Diese Empfehlung sieht für bestehende Gebäude einen Wert von 400
Bq/m³ und für neu errichtete Gebäude einen maximalen Wert von 200 Bq/m³ vor.
Die Deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) hat in ihren Strahlenschutzgrundsätzen zur
Begrenzung der Strahlenexposition durch Radon und seine Zerfallsprodukte in Gebäuden vom
21.4.1994
9
eine Strahlenbelastung von 250
Bq/m³ als oberes Ende des Normalbereichs der
Radonkonzentration in Wohngebäuden der Bundesrepublik Deutschland festgelegt, bei denen keine
Maßnahmen als notwendig erachtet wurden. Der Bereich zwischen 250 und 1.000 Bq/m³ gilt
demgegenüber als Ermessensbereich für einfache Maßnahmen zur Reduzierung der Exposition
durch Radon. Ab 1.000 Bq/m³ wird ein Sanierungsbereich angenommen, in dem auch aufwendigere
Maßnahmen erforderlich sein können. Bei Konzentrationen oberhalb von 1.500 Bq/m³ wird eine
schnellstmögliche Sanierung empfohlen. In ihrer jüngsten Stellungnahme kommt die
Strahlenschutzkommission sogar zur der Einschätzung, dass bei Entscheidungen über konkrete
Maßnahmen zur Reduzierung von Radonkonzentrationen in Wohnungen auch der Bereich unterhalb
von 250 Bq/m³ zu berücksichtigen sei, da nach neuen Studien bei Nichtrauchern auch schon im
Bereich von 100 bis 199 Bq/m³ ein Erhöhung des Lungenkrebsrisikos nachweisbar sei
10
.
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat auf Basis der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse
bereits 2004 in Zusammenarbeit mit dem Bundesumweltministerium (BMU) ein Konzept für
Strahlenschutzmaßnahmen zur Verminderung der Strahlenexposition durch Radon in
Aufenthaltsräumen entwickelt, welches nicht nur die Eliminierung von Spitzenwerten, sondern
zusätzlich eine generelle Absenkung der Radonkonzentrationen in Aufenthaltsräumen vorsieht. Ab
einer Radonbelastung von 100 Bq/m³ sollen je nach Höhe der Radonkonzentration
Sanierungsmaßnahmen bei bereits bestehenden Gebäuden innerhalb bestimmter Zeiträume (bis zu
10 Jahren) durchgeführt werden. Dabei soll der Aufwand für Sanierungsmaßnahmen in Relation zur
Höhe der gemessenen Radonkonzentration stehen. Neu zu errichtende Gebäude sollen so geplant
werden, dass in den Aufenthaltsräumen Radonkonzentrationen von mehr als 100 Bq/m³ im
Jahresmittel vermieden werden
11
. Die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) legt in ihrer
Bewertung aus dem Jahre 2004 einen Maximalwert von 600 Bq/m³ für Wohnungen und 1.500 Bq/m³
für Arbeitsplätze fest
12
.
Trotz Unverbindlichkeit spielen diese Richtwerte bei der Ausfüllung unbestimmter Rechtsbegriffe
jedenfalls für die Exekutive eine Rolle. Die Verwaltung dürfte in der Regel mangels verbindlicher
Vorgaben auf sie zurückgreifen, wenn bei der Gesetzesanwendung Radonbelastungen zu
berücksichtigen sind
13
. In diesem Fall können die bloßen Empfehlungen als Orientierungen für die
Behörde fungieren, die sich bei der Auslegung unbestimmter Rechtsbegriffe dazu veranlasst sieht,
festgestellte Radonkonzentrationen zu bewerten. Im Gerichtsverfahren unterliegen unbestimmte
8
90/143/EURATOM, Amtsblatt Nr. L 80 v. 27.3.1990, 26.
9
Bundesanzeiger Nr. 155 v. 18.8.1994.
10
Stellungnahme „Lungenkrebsrisiko durch Radonexpositionen in Wohnungen“, verabschiedet in der
199. Sitzung der SSK am 21./22.4.2005.
11
Abrufbar im Internet:
http://www.umweltbundesamt-umwelt-deutschland.de/umweltdaten/public/
theme.do?nodeIdent=2461, (zuletzt besucht am 7.9.2009).
12
Journal Radiological protection 2004, 423 (ICRP Draft recommendations 2005 and radon exposal)
13
Für den Bereich des Bauplanungs- und Bauordnungsrechts vgl. unten Abschnitte
Fehler!
Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.
bzw. 2.2.2.

Ludger Giesberts
Guido Kleve
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 59
Rechtsbegriffe grundsätzlich einer vollständigen gerichtlichen Kontrolle
14
, d.h. das Gericht entscheidet
selbst abschließend über die richtige Auslegung der Begriffe. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen,
dass die Gerichte bei der Bewertung von Radonkonzentrationen ergänzend auch unverbindliche
Empfehlungen heranziehen
15
.
2.1.3 Künftige Regelungen durch Neufassung von Euratom-Richtlinien
Im Rahmen der Revision und Konsolidierung der existierenden europäischen
Strahlenschutzrichtlinien
16
und der Richtlinie 96/29/EURATOM zur Festlegung der grundlegenden
Sicherheitsnormen für den Schutz der Gesundheit der Arbeitskräfte und der Bevölkerung gegen die
Gefahren durch ionisierende Strahlungen, beabsichtigt die Europäische Kommission auch die
Regelung von Gefahren durch Radonbelastungen.
Die Europäische Kommission hat ihre ersten Überlegungen hierzu am 16.1.2009 veröffentlicht und
interessierten Kreisen Gelegenheit zur Stellungnahme bis zum 20.4.09 ermöglicht
17
. Im vierten
Abschnitt des veröffentlichten Entwurfs führt die Kommission ihre Absichten zu künftigen
Anforderungen bzgl. des Radonschutzes aus. Hiernach ist u.a. vorgesehen, dass die Mitgliedstaaten
künftig nationale Referenzwerte zur maximalen Radonbelastung schaffen. Wenngleich die letztliche
Verantwortung hierzu bei den Mitgliedstaaten verbleiben soll, schlägt die Kommission folgende
Maximalwerte für den Jahresdurchschnitt vor: 200 Bq/m³ für neue Gebäude, 400 Bq/m³ für
vorhandene Wohnungen, 400 Bq/m³ für Gebäude mit hohem öffentlichen Publikumsverkehr und
1000 Bq/m³ für vorhandene Arbeitsplätze und andere öffentliche Gebäude.
Mit dem Erlass der konsolidierten Richtlinie wird der Druck auf die nationalen Behörden steigen,
entsprechende Regelungen vorzunehmen und die europäischen Anforderungen in nationales Recht
umzusetzen. Spätestens dann wird mit verbindlichen nationalen Grenzwerten zu rechnen sein, die die
von der Kommission vorgeschlagenen Maximalwerte wohl kaum überschreiten dürften.
2.2 Baurechtliche Anforderungen an den Radonschutz
Die Radonbelastung innerhalb von Gebäuden ist durch entsprechende Bau- oder
Sanierungsmaßnahmen physikalisch und technisch kontrollierbar. Oftmals kann schon eine
ausreichende Belüftung die Radonkonzentration senken. Effektiven Schutz bieten zudem
bautechnische Vorkehrungen. Bei geringen Belastungen sind bereits Maßnahmen ausreichend, die
beim Bauen gemäß dem Stand der heutigen Technik ohnehin angewendet werden. Für Gebiete mit
erhöhten Radonbodenbelastungen wurden effiziente Maßnahmen zur Senkung der
Strahlenexposition entwickelt.
Spezifische gesetzliche Regelungen oder Anforderungen zu Radon in Gebäuden sieht das öffentliche
Baurecht bislang nicht vor. Entsprechend existieren auch keine verbindlichen Grenzwerte, oberhalb
derer Maßnahmen zwingend durchzuführen sind. Fraglich ist, ob sich aus dem öffentlichen Baurecht
14
Vgl. BVerfGE 64, 261 (279).
15
So in der Vergangenheit bei der Bewertung von bestimmten Bodenverunreinigungen OVG Nds.,
Beschl. v. 3.5.2000, NVwZ 2000, 1194. Vgl. hierzu ferner Abschnitt 2.2.2.
16
Betroffen sind hiervon folgende EURATOM-Richtlinien: 96/29/EURATOM; 97/43/EURATOM;
2003/122/EURATOM; 90/641/EURATOM; 89/618/EURATOM.
17
Abrufbar im Internet:
http://ec.europa.eu/energy/nuclear/consultations/2009_04_20_natural_
radiation_sources_en.htm (zuletzt besucht am 7.9.2009)

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Seite 60
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
aber trotz fehlender Festlegung von Grenzwerten bestimmte Handlungsoptionen oder gar
Verpflichtungen für die zuständigen Behörden ergeben können.
2.2.1 Berücksichtigung von Radongefahren im Bauplanungsrecht
Zur Regelung von durch Radonstrahlung hervorgerufenen Gefahren kommt insbesondere das
Bauplanungsrecht in Betracht. Das klassisches Instrument der Bauleitplanung stellt der nach § 8 Abs.
1 BauGB rechtsverbindliche Festsetzungen für die städtebauliche Ordnung enthaltende
Bebauungsplan dar
18
.
Die Gemeinden sind bei der Aufstellung von Bauleitplänen gemäß § 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB
verpflichtet, die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse zu
berücksichtigen. Bereits im Planverfahren gilt es daher zu ermitteln, ob die geplante Nutzung ohne
Gefährdung des Menschen realisiert werden kann
19
. Daraus folgt die Aufgabe der Gemeinde,
Beeinträchtigungen der Bewohner eines Plangebietes durch von dem Grund und Boden des
Plangebietes selbst ausgehende Gefahren zu verhindern
20
. Unter den unbestimmten Rechtsbegriff
„gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse“ lassen sich auch Gefahren subsumieren, die von einer
natürlichen Radonstrahlung hervorgerufen werden. Insoweit sieht § 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB keine
Beschränkungen auf bestimmte Gefahrentatbestände vor
21
.
Sind damit mögliche Gefährdungen durch Radonstrahlung grds. nach § 1 Abs. 6 bei der
Bauleitplanung grundsätzlich zu berücksichtigen, stellt sich die Frage der konkreten Umsetzung in der
Bauleitplanung und inwiefern eine Möglichkeit oder gar eine Verpflichtung besteht, die Ergebnisse
dieser Abwägungen in den Bebauungsplan aufzunehmen. Der Gemeinde stehen beim Erlass des
Bebauungsplans nur die Mittel zur Verfügung, die das BauGB abschließend in § 9 BauGB vorsieht. In
Betracht kommen grundsätzlich Festsetzungen oder Kennzeichnungen. Ein bauplanerisches
„Festsetzungsfindungsrecht“ steht den Kommunen dabei nicht zu
22
.
Dem derzeit geltenden Recht lässt sich ein Recht oder gar eine Verpflichtung für eine verbindliche
Festsetzung bezüglich des Radonschutzes nicht entnehmen. Zwar können nach § 9 Abs. 1 Nr. 24
BauGB Festsetzungen zu baulichen oder sonstigen technischen Vorkehrungen zum Schutz von
schädlichen Umwelteinwirkungen oder sonstigen Gefahren im Sinne des BImSchG getroffen werden.
Der Regelungsinhalt des BImschG beschränkt sich jedoch auf solche Emissionen und Immissionen,
die - im weitesten Sinne - auf technischen Vorgängen beruhen, sei es durch den Betrieb von Anlagen
und Fahrzeugen, sei es durch die Verwendung von Stoffen
23
. Natürlich bedingte Strahlungen wie
etwa durch Radon sind hiervon aber gerade nicht erfasst. Eine verbindliche Regelung zur
radonsicheren Bebauung lässt sich daher nicht auf § 9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB stützen. Weitere
18
Demgegenüber ist der in §
5 BauGB geregelte Flächennutzungsplan als
vorbereitender
Bauleitplan
, der keine direkte Rechtskraft für den Bürger entfaltet, weniger als Instrumentarium für
konkrete Radonschutzvorkehrungen geeignet. Zudem lassen sich die inhaltlichen Überlegungen zum
Bebauungsplan auch auf den Flächennutzungsplan übertragen, so dass insoweit auf die folgenden
Ausführungen verwiesen werden kann.
19
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 1 Rn. 93a.
20
Bezogen auf Altlasten: BGH, Urt. v. 26.1.1989, BGHZ 106, 323; bezogen auf Bergschäden: BGH,
Urt. v. 29.7. 1999, NJW 2000, 427. Vgl. auch
Giesberts
, DB 1996, 361.
21
Anders als etwa § 9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB, hierzu sogleich. Zu den unterschiedlichen Fallgruppen
des § 1 Abs. 6 Nr.1 BauGB vgl.
Söfker
, in: Ernst/Zinkahn/Bielenberg/Krautzberger, Kommentar zum
BauGB, § 1 Rn. 114 ff.
22
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 9 Rn. 11; BVerwG, Urt. v. 11. 2. 1993 - 4 C 18.91; OVG Nds., Urt.
v. 8.2.2000, DVBl. 2000, 1365.
23
Dietlein
, in: Landmann/Rohmer, Umweltrecht, Bd. I, BImSchG, § 2 Rn. 30;
Schulte
, in BeckOK
BImSchG, § 2 Rn. 22.

Ludger Giesberts
Guido Kleve
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 61
Grundlagen für eine Festsetzung hält das BauGB derzeit nicht vor. Von der in § 9 Abs. 4 BauGB
geregelten Befugnis landesrechtliche Regelungen zu erlassen, wurde im Hinblick auf den
Radonschutz soweit ersichtlich kein Gebrauch gemacht.
Die Gemeinde kann im Hinblick auf die Radonbelastung aber zu einer Kennzeichnung nach § 9 Abs.
5 BauGB berechtigt sein
24
. Kennzeichnungen entfalten im Gegensatz zu Festsetzungen jedoch keine
rechtliche Bindungswirkung
25
. Sie haben nur eine Hinweis- und Warnfunktion und richten sich damit
an die am Vollzug des Bebauungsplans Beteiligten, insbesondere Behörden, Grundstückseigentümer
und Bauwillige
26
. Konkrete Maßnahmen können nicht im Bebauungsplan vorgegeben werden. Sie
beruhen vielmehr auf bauordnungsrechtlichen Vorschriften und können allenfalls im
Baugenehmigungsverfahren, insbesondere durch Auflagen, angeordnet werden
27
.
Konkrete Grundlage einer Kennzeichnung von Flächen mit erhöhtem Radonrisiko kann § 9 Abs. 5 Nr.
1 BauGB sein
28
. Hiernach sollen Flächen, bei deren Bebauung besondere bauliche Vorkehrungen
gegen äußere Einwirkungen oder bei denen besondere bauliche Sicherungsmaßnahmen gegen
Naturgewalten erforderlich sind, gekennzeichnet werden
.
Dabei handelt es sich um Flächen, die
wegen ihrer besonders ungünstigen Lage nur unter Einhaltung besonderer technischer Maßnahmen
bebaut werden können
29
. § 9 Abs. 5 Nr. 1 BauGB erfasst gerade nicht solche Immissionen, die unter
§ 3 BImSchG fallen (und dementsprechend auch Festsetzungen nach § 9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB
rechtfertigen können). Als typisches Beispiel für eine Fläche, deren Bebauung besondere bauliche
Vorkehrungen erfordert, gelten Gebiete, in denen die Standsicherheit von Gebäuden gefährdet sein
könnte
30
oder auch solche Gebiete, die durch Naturgewalten wie etwa wechselnde bzw. hohe
Grundwasserpegel, Lawinen, Eisgang oder Schlamm gefährdet sind
31
.
Offen ist aber, ob § 9 Abs. 5 Nr. 1 BauGB nur solche baulichen Vorkehrungen oder
Sicherungsmaßnahmen meint, die den Bestand oder die Standsicherheit des Gebäudes selbst
betreffen. Der Wortlaut der Norm gibt eine solche Beschränkung nicht her. Insbesondere vor dem
Hintergrund von § 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB dient die Kennzeichnung von Gefahren nicht nur der
Sicherheit der baulichen Substanz, sondern auch dem Schutz der menschlichen Gesundheit. Es ist
nicht ersichtlich, dass der Gesetzgeber diese Gefahren der Kennzeichnung nach § 9 Abs. 5 BauGB
entziehen wollte. So wurde vor der Einführung von § 9 Abs. 5 Nr. 3 auch die Belastung eines
Grundstücks mit Altlasten von der Rechtsprechung als ein Fall eingeordnet, in dem eine Bebauung
besondere bauliche Vorkehrungen erfordert
32
. Nach dem Sinn und Zweck der
Kennzeichnungsvorschrift müssen deshalb auch solche Gefahren berücksichtigt werden, die auf
natürlichen Quellen wie etwa der Radonstrahlung beruhen. Die Adressaten des Bebauungsplans
24
Eine vergleichbare Regelung hält §
5 Abs. 3 BauGB auch für den Flächennutzungsplan vor.
Insoweit ließe sich die Argumentation auch auf diesen übertragen.
25
Fehlen erforderliche Kennzeichnungen, so berührt dies die Wirksamkeit des Plans zunächst nicht,
vgl. OVG Lüneburg, Urt. v. 8.7.1999, ZfBR 2000, 140. Eine fehlende Kennzeichnung kann aber auf
einen Abwägungsmangel hindeuten, hierzu
Löhr
, in: Battis/Krautzberger/Löhr, Kommentar zum
BauGB, § 9 Rn. 112.
26
Söfker
, in: Ernst/Zinkahn/Bielenberg/Krautzberger, Kommentar zum BauGB, § 9 Rn. 266.
27
OVG Koblenz, Urt. v. 13.6.1984, NVwZ 1986, 56.;
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 9 Rn. 178.
28
Demgegenüber wird man eine Kennzeichnung nicht auf § 9 Abs. 5 Nr. 3 BauGB stützen können.
Hiernach sollen Flächen, deren Böden erheblich mit umweltgefährdenden Stoffen belastet sind, im
Bebauungsplan gekennzeichnet werden. Nach dem Regierungsentwurf zum BauGB handelt es sich
bei diesen Stoffen jedoch ausdrücklich um „sogenannte Altlasten“ (BT-Drs. 10/4630, 68), also um
anthropogene Bodenveränderungen. Auch wenn die Vorschrift neben dem Umwelt- auch den
Gesundheitsschutz bezweckt, kann Radon wegen seines natürlichen Ursprungs wohl nicht unter den
Begriff der umweltgefährdenden Stoffe subsumiert werden.
29
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 5 Rn. 44.
30
Söfker
, in: Ernst/Zinkahn/Bielenberg/Krautzberger, Kommentar zum BauGB, § 5 Rn. 64.
31
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 9 Rn. 178, § 5 Rn. 44.
32
Vgl. BGH, NJW 1991, 2701.

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Seite 62
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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sollen diesem entnehmen können, wo und aus welchem Grund ggf. mit bautechnischen
Besonderheiten zu rechnen ist. Hierfür stellt eine Kennzeichnung die geeignete Maßnahme dar. Dies
auch deshalb, weil die Kennzeichnung als solche noch keine konkreten Maßnahmen vorschreibt,
sondern Einzelheiten vielmehr der konkreten Bebauung bzw. deren Genehmigung vorbehält. Hier
wird man daher wohl davon ausgehen müssen, dass auch eine mögliche Radonbelastung
typischerweise die Einhaltung besonderer bautechnischer Maßnahmen erfordern kann und eine
Kennzeichnung im Bebauungsplan erfordert. Wie sich die Rechtsprechung hier letztlich positionieren
wird, bleibt aber abzuwarten.
Aus der so beschriebenen Kennzeichnungsmöglichkeit wird sich eine konkrete Kennzeichnungspflicht
aber wohl nur in besonderen Einzelfällen herleiten lassen. Nach § 9 Abs. 5 Nr. 1 BauGB sollen die
entsprechenden Flächen gekennzeichnet werden, eine Pflicht resultiert hieraus zunächst nicht. Die
Rechtsprechung hat im Hinblick auf die Kennzeichnung von Altlastenflächen nach § 9 Abs. 5 Nr. 3
BauGB für sog. „Verdachtsfälle“ keine Kennzeichnungspflicht angenommen
33
. Hier muss die Behörde
im Rahmen ihrer Abwägungspflicht prüfen, ob diese Flächen vorsorglich zu kennzeichnen sind. Dabei
ergeben sich aber freilich die größten Probleme, weil es keine verbindlichen Aussagen darüber gibt,
welche Konzentrationen von Radon in der Bodenluft letztlich zu einer für den Menschen gefährlichen
Raumluftkonzentration führen und damit über einen bloßen Verdachtsfall hinausgehen. Zwar
existieren bundesweit Messdaten über die durchschnittliche Radonkonzentration im Boden, diese
erlauben der Planungsbehörde jedoch keine vorweggenommene Einschätzung der späteren
Raumluftkonzentration in Gebäuden, weil diese durch zu viele unterschiedliche Faktoren bedingt sein
kann. So können beispielsweise die konkrete Bodenbeschaffenheit, das Vorhandensein eines Kellers,
die Bauart und -ausführung der erdberührenden Böden und Wände, die Verbauung von Natursteinen
oder die Belüftung die Radonkonzentration im Gebäude wesentlich beeinflussen
34
. Anders als in den
Altlastenfällen, in denen die Gefahr mit Vorhandensein der Altlast und entsprechender Grenzwerte
grds. bemessen werden kann, hängt die tatsächliche Gefahr von Radon von der Konzentration in
einem noch zu errichtenden Raumkörper und dessen Eigenschaften ab. Den Gemeinden fehlt es
mithin an einem tauglichen Kriterium, das die Gefährlichkeit des überplanten Bodens für die konkrete
nach dem Bebauungsplan zulässige Bebauung indiziert. Auch die bereits existierenden Richtwerte
35
beziehen sich lediglich auf eine Radonkonzentration in der Raumluft. Demnach bleibt es bei der
Frage, ob ein bestimmtes Radonpotential eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, bei
der Schwierigkeit der Feststellung einer solchen, so dass sich eine konkrete Kennzeichnungspflicht
derzeit wohl nicht ohne Weiteres begründen lässt. Dies kann wohl nur im Falle einer gesicherten
positiven Kenntnis eines gefährlichen Radonpotentials angenommen werden.
Angesichts der im Falle einer erhöhten Radonbelastung gefährdeten Rechtsgüter, insbesondere
Leben und Gesundheit der betroffenen Bevölkerung, dürfte es der planenden Gemeinde aber
zuzumuten sein, bei konkreten Verdachtsfällen nähere Gutachten einzuholen und bei bestehender
Gefahr durch Radonstrahlung mittels einer Kennzeichnung – ggf. vorsorglich – im Bebauungsplan
darauf hinzuweisen. Dies insbesondere deshalb, weil im Geltungsbereich eines qualifizierten
Bebauungsplans ein konkretes Baugenehmigungsverfahren – und damit die Möglichkeit der
Berücksichtigung von Radongefahren – für bestimmte Bauvorhaben idR nicht mehr stattfindet
36
.
33
Vgl. insoweit OLG Oldenburg, Urt. v. 26.9.2003, DÖV 2004, 171. Vgl. hierzu auch
Schrödter
,
BauGB-Kommentar, § 5 Rn. 46.
34
Vgl. speziell zur Lüftung von Wohngebäuden:
Casties
, WuM 2001, 589 (Abschnitt 3.4).
35
Vgl. hierzu oben Abschnitt 2.1.
36
So sind bspw. nach § 62 Abs. 2 SächsBO alle Bauvorhaben im Geltungsbereich eines qualifizierten
Bebauungsplans, sofern sie keine Sonderbauten nach § 2 Abs. 4 SächsBO betreffen,
genehmigungsfrei.

Ludger Giesberts
Guido Kleve
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 63
2.2.2 Berücksichtigung von Radongefahren bei der Erteilung von Baugenehmigungen
oder der Anordnung von Sanierungsmaßnahmen
Ein Vorhaben kann nach den landesrechtlichen Baugenehmigungsvorschriften nur genehmigt
werden, wenn öffentlich-rechtliche Vorschriften dem nicht entgegenstehen
37
. Das Bauordnungsrecht
der Länder macht die Zulässigkeit von Vorhaben davon abhängig, dass gesundheitliche Risiken nicht
entstehen. So enthalten die Vorschriften über allgemeine Anforderungen an Vorhaben regelmäßig die
Voraussetzung, dass bauliche Anlagen so errichtet werden müssen, dass Leben und Gesundheit
nicht gefährdet werden
38
. Neben der allgemeinen Anknüpfung an das Tatbestandsmerkmal der
Gefahr für die menschliche Gesundheit finden sich in einigen Landesbauordnungen auch spezielle
Vorschriften, die den Schutz gegen schädliche Einflüsse regeln. Danach müssen bauliche Anlagen so
beschaffen sein, dass durch chemische, physikalische oder biologische Einflüsse Gefahren oder
unzumutbare Belästigungen nicht entstehen
39
.
Durch das gesetzliche Erfordernis einer gesundheitsverträglichen und gegen schädliche Einflüsse
geschützten Bauweise wird den Behörden also grundsätzlich eine rechtliche Möglichkeit eingeräumt,
radonsicheres Bauen im Einzelfall anzuordnen. Auch hier wird sich bei der Genehmigung von
Neubauten jedoch im Einzelfall die Frage stellen, welche Radonkonzentrationen auf dem jeweiligen
Baugrund vorliegen müssen, um eine tatsächliche Gefahr anzunehmen. Nur in besonders gelagerten
Fällen dürfte die zwangsweise Anordnung gezielter Maßnahmen rechtlich geboten sein. Will die
Behörde jegliche Gefährdung ausschließen, bliebe ihr die Möglichkeit, in der Baugenehmigung eine
Bauweise anzuordnen, die das Überschreiten einer unbedenklichen Raumluftkonzentration
ausschließt. Auflagen, mit denen pauschal „radonsicheres Bauen“ angeordnet wird, erscheinen
angesichts des Bestimmtheitsgebots aber zumindest bedenklich. Es stellt sich die Frage, ob insoweit
nicht vielmehr konkrete bauliche Maßnahmen angeordnet werden müssten. Das BVerwG erachtet es
in vergleichbaren Fällen aber als ausreichend, dass sich der Aussagegehalt der Anordnung durch
Auslegung ermitteln lässt. Allein der Umstand, dass konkrete Maßnahmen nicht zwingend
vorgeschrieben werden, müsse die Regelung nicht unbestimmt machen
40
. Jedenfalls könnte bspw.
eine Anordnung, erdberührende Gebäudeteile gasdicht herzustellen, ein geeignetes Mittel sein, um
den Schutz gegen schädliche Einflüsse zu gewährleisten
41
.
Es erscheint jedoch offen, ob die Behörde zu einer derartig umfassenden, präventiven Anordnung
ermächtigt ist, wenn sie eine Gefährdung nicht mit abschließender Sicherheit darlegen kann. Dies
betrifft zunächst die Unsicherheit, ob auf Grund der bestehenden Bodenluftkonzentration überhaupt
eine Gesundheitsgefährdung nach Bebauung auftritt (siehe hierzu bereits oben Abschnitt
Fehler!
Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.
). Zudem bleibt die Frage, welcher maximal
zulässige Radonwert in der Raumluft der konkreten Bebauung im Rahmen von
Baugenehmigungsauflagen zu Grunde zu legen ist. Mangels verbindlicher Grenzwerte wird die
Behörde in der Regel mit erheblichen Abwägungsproblemen konfrontiert sein. Während die
Fachbehörden in anderen Bereichen auf untergesetzliche Risikostandards zurückgreifen können
42
,
bleibt in der Einschätzung des Gefährdungspotentials von Radon derzeit allenfalls der Rückgriff auf
die Überzeugungen einschlägiger Fachkreise
43
. Selbst hier können die Einschätzungen über eine
Unbedenklichkeitsgrenze stark auseinander gehen, was sich schon in den unterschiedlichen
Regelungen im internationalen Vergleich und der unterschiedlichen Richtwerte zeigt
44
. Diese
37
Vgl. § 71 Abs. 1 SächsBO, § 75 Abs. 1 S. 1 BauO NRW, § 58 Abs. 1 S. 1 LBO BW, Art. 68 Abs. 1
S. 1 BayBO.
38
So z.B. § 3 Abs. 1 BauO NRW, § 3 Abs. 1 LBO BW.
39
So in § 16 BauO NRW, vgl. auch § 19 NBauO, § 12 HBO, Art. 11 BayBO.
40
BVerwG, Urt. v. 29.10.1998, DVBl 1999, 244.
41
So für § 19 NBauO
Lindorf
, in: Große-Suchsdorf u.a., Kommentar zur NBauO, § 19 Rn. 21.1.
42
Vgl. dazu
Brenner/Nehrig
, DÖV 2003, 1024 (1028 f.).
43
Söfker
, in: Ernst/Zinkahn/Bielenberg/Krautzberger, Kommentar zum BauGB, § 1 Rn. 117.
44
Vgl. hierzu Abschnitt 2.1.

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Unsicherheit kann im Einzelfall zu Problemen bei der Festlegung von Grenzwerten führen. Die
Rechtsprechung hat es aber bereits in den vergleichbaren Altlastenfällen genügen lassen, dass die
Verwaltungsbehörden bei Fehlen gesetzlicher Vorgaben auf die indizielle Bedeutung einschlägiger
Richtwerte zurückgreifen
45
. Im Zweifel kann die Behörde gehalten sein, eine radonsichere Bauweise
zumindest zu empfehlen.
Werden in einem bestehenden Gebäude erhöhte Radonkonzentrationen nachgewiesen, stellt sich die
Frage, ob und ggf. wie die zuständigen Behörden hierauf reagieren können. In Betracht kommen
insbesondere Anordnungen, das Gebäude so zu sanieren, dass Gesundheitsgefährdungen
ausgeschlossen werden. Die Bauordnungen der Länder enthalten Eingriffsermächtigungen für den
Fall, dass bauliche Anlagen nicht den öffentlich-rechtlichen Vorschriften entsprechen
46
. In Verbindung
mit den bauordnungsrechtlichen Generalklauseln
47
, die – mit abweichendem Wortlaut – eine
gesundheitsgefährdende Bauweise verbieten, können die Behörden also im Einzelfall notwendige
Maßnahmen anordnen, um hohen Radonkonzentrationen in der Raumluft entgegen zu treten.
Hinsichtlich der Einschätzung, welche Konzentrationen eine Gesundheitsgefährdung darstellen,
stehen die Behörden hierbei wieder vor den bereits angesprochenen Schwierigkeiten bezüglich der
Festlegung einer gesundheitsgefährdenden Belastung. Allerdings ist die Abwägung zumindest
dahingehend erleichtert, dass eine konkrete Radonkonzentration in der Raumluft nunmehr bereits
feststellbar ist und keine schwierigen Prognosen bezüglich einer solchen angestellt werden müssen
48
.
Soweit eine gesundheitsgefährdende Konzentration im Einzelfall (ggf. mittels Gutachten) dargelegt
wurde, stellt sich für die Behörde die Frage nach der Auswahl eines verhältnismäßigen Mittels und
der Auswahl des Verantwortlichen. Welche Maßnahmen dabei in Betracht kommen, ist in erster Linie
eine technische Frage des Einzelfalls. Das Bundesumweltministerium geht davon aus, dass selbst im
Fall einer grundlegenden Sanierung mit Kosten von etwa 20 € pro überbautem Quadratmeter zu
rechnen ist
49
, was im Rahmen der Angemessenheit einer Sanierungsanordnung in schwerwiegenden
Fällen für die Verhältnismäßigkeit der Anordnung sprechen könnte. Insoweit ist die Befugnis von
Sanierungsanordnungen aber stark vom jeweiligen Einzelfall abhängig.
2.3 Amtshaftung bei Überplanung von radonbelasteten Gebieten
Die Frage nach einer Haftung des Staates im Wege der Amtshaftung nach § 839 BGB iVm Art. 34
GG im Falle von Radonbelastungen stellt sich insbesondere im Falle der Überplanung von
radonbelasteten Gebieten. Die Anforderungen an einen Amtshaftungsanspruch sind zu vielgestaltig,
als dass sie hier im Detail erläutert werden könnten. Eine Amtshaftung setzt jedenfalls voraus, dass
die Bauplanungsbehörde eine ihr obliegende Amtspflicht verletzt hat, entweder indem sie ein
belastetes Areal überhaupt zur Wohnnutzung auswies, oder indem sie es unterließ, die
Radonbelastung im Bebauungsplan hinreichend zu kennzeichnen
50
.
Bei der Aufstellung eines Bebauungsplans haben die Gemeinden insbesondere den Belang des § 1
Abs. 6 Nr. 1 BauGB zu beachten, der die Berücksichtigung der Anforderungen an gesunde Wohn-
und Arbeitsverhältnisse verlangt (vgl. hierzu bereits oben). Daraus ergibt sich die Verpflichtung des
45
Siehe hierzu insbesondere die Rspr. zur sog. „Hollandliste“, vgl. OVG Nds., NVwZ 2000, 1194.
46
Z.B. § 61 Abs. 1 BauO NRW, § 65 Abs. 1 NBauO, § 58 Abs. 1 SächsBO.
47
Z.B. § 3 Abs. 1 BauO NRW, § 1 Abs. 1 NBauO, § 3 Abs. 1 SächsBO.
48
Dies gilt auch in den Fällen bestehender Gebäude, die z.B. im Rahmen einer Nutzungsänderung
einer neuen Baugenehmigung bedürfen.
49
Themenpapier des BMU, S.
5, abrufbar unter
http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/
application/pdf/radon_themenpapier.pdf (besucht am 7.9.2009).
50
Zudem ließe sich grds. auch auf eine Amtspflichtverletzung durch die Erteilung einer
Baugenehmigung abstellen, vgl. hierzu
Giesberts
, DB 1996, 361 (364).

Ludger Giesberts
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Seite 65
Planungsträgers, die künftige Wohnbevölkerung vor Umweltbelastungen und Gefahren zu schützen,
die von Grund und Boden des Plangebietes ausgehen
51
. Grundvoraussetzung für eine
Amtspflichtverletzung ist jeweils, dass der Gemeinde das Gefahrenpotential bei der Aufstellung eines
Bebauungsplans bekannt war bzw. hätte bekannt sein müssen
52
. Wann eine solche Kenntnis bzw. ein
derartiges Kennenmüssen vorliegt, lässt sich pauschal nicht beantworten. Zur Abschätzung des
Gefahrenpotentials muss die Gemeinde bei Vorliegen von Anhaltspunkten Ermittlungen über die
Beschaffenheit der Grundstücke im Plangebiet anstellen
53
. Besteht demnach für den Planungsträger
Anlass zu der Annahme, dass Grundstücke im Plangebiet derartige Radonkonzentrationen
aufweisen, die bei Bauten nach Stand heutiger Technik einen Radonschutz nicht gewährleisten, hat
sich die Gemeinde hierüber Klarheit zu verschaffen. Angesichts der Tatsache, dass für Deutschland
bislang lediglich Empfehlungen, aber keine verbindlichen Grenzwerte für Radonbelastungen in
Gebäuden existieren, und dem Umstand, dass die in anderen Staaten geltenden Grenzwerte
erheblich voneinander abweichen, lassen sich Aussagen über den Umfang und Inhalt der
erforderlichen Ermittlungen aber nur schwer treffen. Zudem lässt sich pauschal nicht mit Gewissheit
vorhersagen, welche Bodenluftkonzentrationen letztlich auch zu gesundheitsbedenklichen Werten in
den Gebäuden selbst führen. Im Zweifel sollten naturwissenschaftliche Sachverständige zur
Beurteilung des Gefahrenpotentials herangezogen werden.
Die bisherige Rechtsprechung zu einer Amtshaftung durch die Aufstellung von Bebauungsplänen
resultiert aus der Belastung des überplanten Gebietes durch Altlasten. Diese Situation ist insoweit mit
der Belastung durch natürliche Radonstrahlung durchaus vergleichbar, da § 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB
auch auf natürliche Gefahrenquellen anwendbar ist
54
. In den zur Altlastenproblematik entschiedenen
Fällen wurde eine Amtspflichtverletzung durch die Ausweisung als Wohngebiet insbesondere bejaht,
wenn die Flächen für eine Wohnbebauung aufgrund der Gesundheitsgefahren objektiv ungeeignet
waren
55
. Ein solcher Fall ist auf Grund der grundsätzlichen Beherrschbarkeit der Radonbelastung
durch entsprechende bautechnische Maßnahmen eher nicht vorstellbar. Eine Amtspflichtverletzung
durch die Ausweisung wurde selbst dann verneint, wenn trotz der Belastung eines Grundstücks
konkret keine Gesundheitsgefahren ausgingen
56
. Ist demnach sichergestellt, dass bei der
vorgesehenen Wohnbebauung keine Gesundheitsgefahren drohen, scheidet eine
Amtspflichtverletzung aus.
Die Ausweisung eines Wohngebietes kann bei dem Bürger aber das Vertrauen erwecken, dass keine
Flächen im Wohngebiet derart mit Schadstoffen belastet seien, dass Gesundheitsgefahren für die
Wohnbevölkerung drohen
57
. Hinsichtlich der unklaren Gefährdungslage bei besonders hohen
Radonbelastungen der Bodenluft lässt sich dies aber jedenfalls in Einzelfällen nicht immer
gewährleisten. Insoweit kann eine Amtspflichtverletzung jedenfalls dann gegeben sein, wenn auf
Grund der bekannten Gefahrenlage zumindest eine Kennzeichnung des entsprechenden
Baugebietes hätte erfolgen müssen (hierzu bereits oben unter 2.2.1). Mögliche Haftungsrisiken
lassen sich daher in der Regel durch eine Kennzeichnung der Flächen gemäß § 9 Abs. 5 Nr. 1
BauGB reduzieren, bei deren Bebauung besondere bauliche Vorkehrungen auf Grund der
Radonbelastung erforderlich sind. In diesem Falle geht das Vertrauen des Bürgers von vornherein nur
auf die Geeignetheit zu Wohnzwecken bei radonsicherer Bauweise. Der Bauherr, Eigentümer oder
51
BGH, Urt. v. 21.2.1991, NJW 1991, 2701; BGH, Urt. v. 14.10.1993, NJW 1994, 253, (254). Hierzu
bereits oben Fn. 20.
52
Giesberts
, DB 1996, 361 (362); OLG Frankfurt, Urt. v. 17.12.2001 – 1 U 133/98; OLG München,
Urt. v. 15.7.2004 – 1 U 4795/03 (zur fehlenden Festsetzung von Hochwasserschutzmaßnahmen im
Baugenehmigungsverfahren).
53
BGH, Urt. v. 14.10.1993, NJW 1994, 253 (255) mwN;
Giesberts
, DB 1996, 361 (362).
54
Siehe hierzu schon oben Abschnitt
Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.
.
55
Insbesondere BGH, Urt. v. 26.1.1989, BGHZ 106, 323, Urt. v. 21.12.1989 – III ZR 118/88, Urt. v.
25.2.1993 – III ZR 47/02.
56
BGH, Urt. v. 21.2.1991, NJW 1991, 2701.
57
BGH, Urt. v. 26.1.1989, BGHZ 106, 323.

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Seite 66
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Erwerber eines als radonbelastet gekennzeichneten Grundstücks kann aus diesem Grund keine
Schäden ersetzt verlangen, die sich aus der etwaigen Radonbelastung ergeben
58
.
Fehlt es – trotz Kenntnis bzw. vorwerfbarer Unkenntnis des aus der erhöhten Radonkonzentration
folgenden Gefahrenpotentials – an einer entsprechenden Kennzeichnung
und
drohen aus der
Wohnnutzung ohne besondere Schutzmaßnahmen Gesundheitsgefahren für die Bewohner, lässt sich
eine Amtspflichtverletzung nicht generell ausschließen. Dies hängt dann von der konkreten Belastung
des Plangebietes ab, die im jeweiligen Einzelfall ggf. gutachterlich zu prüfen wäre. Eine
Schadensersatzverpflichtung – die übrigen Anspruchsvoraussetzungen vorausgesetzt
59
– würde sich
dann auf die von Schutzzweck der Amtspflicht erfassten Schäden erstrecken. Hierbei ist zu
berücksichtigen, dass die Bauleitplanung nicht den Zweck hat, dem Bauherrn beherrschbare
Baugrundrisiken und die Verantwortung für eine einwandfreie Durchführung und Durchführbarkeit
seines Bauvorhabens abzunehmen
60
. Es könnten nur solche Schäden ersetzt verlangt werden, die
daraus entstanden sind, dass die Wohngebäude aufgrund der Gesundheitsgefahren zur
Wohnnutzung nicht geeignet sind, also eine unmittelbare Beziehung zur Gesundheitsgefährdung
aufweisen. Darunter können beispielsweise Heilungskosten oder Kosten für (nachträgliche)
radonschützende Baumaßnahmen fallen. Führen dahingegen Gesundheitsgefahren nicht zum
völligen Ausschluss einzelner Nutzungsmöglichkeiten von errichteten oder zu errichtenden
Gebäuden, so wird das bloße Vermögensinteresse, welches darin besteht, dass ein von Belastungen
freies Grundstück einen höheren Marktwert als ein belastetes aufweisen könnte, nicht von der Pflicht
nach § 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB geschützt
61
.
Letztlich lässt sich nicht mit Sicherheit ausschließen, dass die Rechtsprechung in besonders
gelagerten Einzelfällen daher eine Amtspflichtverletzung bejahen könnte. Bei positiver Kenntnis oder
begründetem Verdacht einer kritischen Radonbelastung sollte daher von der Möglichkeit der
Kennzeichnung Gebrauch gemacht werden, um damit die radonsichere Bauweise in die
Eigenverantwortung des Bauherrn zu stellen.
3 Zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Neben der öffentlich-rechtlichen Verantwortung ist in der Rechtsanwendungspraxis vor allem auch die
zivilrechtliche Haftung für eine Radonbelastung in Gebäuden von erheblicher praktischer Bedeutung.
Hierbei stellt sich insbesondere die Frage, inwieweit eine Radonbelastung zu
Gewährleistungsansprüchen im Kauf- und Mietrecht führen kann. Aber auch für Bauträger,
Architekten und Bauunternehmen können sich aus einer Radonbelastung besondere Haftungsrisiken
ergeben. Nicht zuletzt auf Grund des enormen wirtschaftlichen Wertes der bei
Immobilientransaktionen regelmäßig gegeben ist, kommt es insoweit maßgeblich auf eine mögliche
Reduzierung des Haftungsrisikos an.
58
Vgl.
Schrödter
, BauGB-Kommentar, § 9 Rn. 178 (zu Altlasten).
59
Zu prüfen wären im Einzelfall insbesondere Kausalität, Verschulden, Mitverschulden oder
anderweitige Ersatzmöglichkeit. Zu den Voraussetzungen des Amtshaftungsanspruchs im Einzelnen
vgl.
Papier
, in: Münchener Kommentar zum BGB, § 839 Rn. 129 ff.
60
BGH, NJW 1989, 976.
61
BGH, NJW 1993, 933.

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Seite 67
3.1 Radonbelastung als Sachmangel im Sinne des Gewährleistungsrechts
des BGB
Zentrales Element sowohl der kauf- als auch der mietrechtlichen Gewährleistung ist die
Mangelhaftigkeit der (Kauf- bzw. Miet-)Sache. Im Falle des Verkaufs eines mit Wohnbebauung
versehenen Grundstücks sowie der Vermietung eines Wohnobjektes ist von einem Sachmangel
infolge Kontamination auszugehen, wenn die ernsthafte Gefahr besteht, dass Stoffe mit einem
erheblichen gesundheitsgefährdenden Potential im Rahmen der üblichen Nutzung der Sache
auftreten
62
. Maßgeblich ist daher das konkrete Risiko, gesundheitsgefährdenden Stoffen ausgesetzt
zu sein
63
. Lässt sich demgegenüber eine bestimmte Stoffkonzentration ermitteln, hängt die
Qualifizierung als Mangel davon ab, ob die ermittelte Stoffkonzentration den Eintritt von
Gesundheitsschäden ernsthaft befürchten lässt.
Die Strahlenbelastung eines Gebäudes durch Radon kann demnach einen Sachmangel im Sinne des
§ 434 Abs. 1 BGB bzw. § 536 Abs. 1 BGB darstellen, wenn sich aufgrund der Strahlung eine konkrete
Gefahr von gesundheitlichen Beeinträchtigungen ergibt. Bei Vorhandensein einer solchen Gefahr
fehlt es an der Eignung für die gewöhnliche Verwendung (in Form eines dauerhaften Aufenthalts in
den Gebäuden) und der Üblichkeit der Beschaffenheit nach § 434 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 BGB. Besteht
diese Gefahr bei Nutzung des gemieteten Wohnraums, ist der nach dem Vertrag vorausgesetzte
Gebrauch (Wohnen) beeinträchtigt oder sogar vereitelt und demnach die Mietsache mangelhaft iSd
§ 536 Abs. 1 BGB.
Für die Beurteilung der Mangelhaftigkeit der Sache kommt es nicht darauf an, dass eine
Gesundheitsgefährdung mit Sicherheit feststeht. Wie auch bei sonstigen Umweltgiften genügt es,
wenn die Belastung als solche erwiesen ist und aufgrund deren Intensität der Eintritt eines Schadens
nicht außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegt
64
. Auch im Zivilrecht stellt sich daher die Frage, ab
welcher Radonkonzentration in Gebäuden letztlich ein Sachmangel anzunehmen ist. Solange keine
verbindlichen Grenzwerte für die Radonkonzentration in Gebäuden existieren, obliegt es letztlich den
Gerichten unter Zuhilfenahme naturwissenschaftlichen Sachverstandes festzustellen, wann von einer
ernsthaften Gefahr der Gesundheitsschädigung durch bestimmte Radonkonzentrationen in Gebäuden
auszugehen ist. Der Überschreitung der oben genannten (unverbindlichen) Empfehlungen dürfte
dabei aber wohl eine starke Indizwirkung für das Vorliegen eines Sachmangels zukommen.
Im Falle der Veräußerung eines unbebauten Grundstücks hängt die Beurteilung der Mangelhaftigkeit
gemäß § 434 Abs. 1 BGB davon ab, welche Beschaffenheit das Kaufobjekt nach der
Parteivereinbarung oder für die nach dem Vertrag vorausgesetzte Verwendung aufweisen muss bzw.
welche Erwartungen an die Beschaffenheit berechtigterweise gestellt werden durften. Bietet der
Verkäufer das radonbelastete Grundstück als Bauland an, kann ein Sachmangel unter Umständen
bereits dann anzunehmen sein, wenn die radonsichere Bauweise Schutzvorkehrungen und damit
Mehrkosten erforderlich macht, der es bei „üblicher“ Bauweise nach dem Stand der Technik nicht
bedurft hätte. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die als Bauland beschriebene Fläche eine
überdurchschnittlich hohe Radonkonzentration im Boden aufweist, der nur mit besonderen baulichen
Schutzvorrichtungen begegnet werden kann. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch, dass
sich der Verkäufer auf den in Grundstückskaufverträgen regelmäßig vorgenommenen vertraglichen
62
Für den kaufrechtlichen Mangelbegriff BGH, Urt. v. 27.3.2009, NJW 2009, 2120 (2121), für den
Bereich des Mietrechts vgl. Schmidt-Futterer/
Eisenschmid
, Mietrecht, 9. Aufl. 2007, § 536 Rn. 149
mwN.
63
Vgl. hierzu die Rechtsprechung zu den Altlastenfällen, die bereits den konkreten Verdacht einer
Bodenverunreinigung durch Altlasten als Sachmangel ansehen, OLG Celle, Urt. v. 21.8.2008 – 8 U
49/08, BeckRS 2008, 19237 mwN. Ebenso OLG München, Urt. v. 3.4.1998, NJW-RR 1998, 455
(456).
64
OLG Hamm, NJW-RR 1987, 968; Blank/Börstinghaus-
Blank
, BGB-Kommentar, §
536 Rn. 68;
Schmidt-Futterer/
Eisenschmid
, Mietrecht, 9. Aufl. 2007, § 536 Rn. 149.

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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Haftungsausschluss nicht berufen kann, soweit er den Mangel arglistig verschwiegen oder eine
Garantie für die Beschaffenheit der Sache übernommen hat, § 444 BGB
65
.
3.2 Reduzierung des Haftungsrisikos
Wenngleich die zivilrechtlichen Haftungsfragen durch eine Radonbelastung von Wohn- oder
Arbeitsgebäuden in der Rechtsprechung soweit ersichtlich noch nicht thematisiert wurde, zeigen die
insoweit vergleichbaren Fälle sonstiger Umweltgifte oder –belastungen, dass sich hier für die
Vertragsparteien erhebliche Haftungsrisiken ergeben können. Selbst oder gerade wenn eine
zivilrechtliche Haftung im Einzelfall nicht gegeben ist, können aus dem Erwerb einer Radonbelasteten
Immobilie für den Käufer nicht eingepreiste wirtschaftliche Risiken resultieren, die sich schnell auf
beachtliche Summen addieren können.
Insoweit ist im Rahmen des Erwerbs oder auch der Anmietung von Immobilien in radonbelasteten
Gebieten dringend zu raten, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. In Betracht kommen
hierfür insbesondere eine gutachterliche Klärung der Risikolage und/oder die Reduzierung des
Haftungsrisikos durch eine entsprechende Vertragsgestaltung.
3.1.1 Gutachterliche Klärung der Risikolage
Die Durchführung einer Environmental Due Diligence zählt mittlerweile zum Standardprogramm einer
großen Unternehmens- oder Immobilientransaktion. Der Kauf von Unternehmen und Immobilien birgt
eine Reihe von Risiken, unter denen Umweltrisiken einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Im
Rahmen einer solchen Due Diligence lassen sich sowohl rechtliche als auch technische bzw.
geologische Risiken erkennen und minimieren.
Zur Klärung der Risikolage empfiehlt es sich daher, zumindest bei Transaktionen in Gebieten, die für
ihre Radonbelastung bekannt sind, entsprechende rechtliche und technische Gutachten zur
Abschätzung der Risiken – wie etwa Sanierungsnotwendigkeit oder Nutzungseinschränkungen –
infolge der Radonbelastung einzuholen. Dies kann im Verhältnis zum Wert der Transaktion zu
minimalen Kosten durch fachkundige Berater erfolgen und dient in einem erheblichen Maße dem
Kapitalschutz des Auftraggebers.
3.1.2 Reduzierung des Haftungsrisikos durch Vertragsgestaltung
Neben der gutachterlichen Klärung der Risikolage empfiehlt sich zudem, bei der individuellen
Vertragsgestaltung mögliche Risiken durch eine Radonbelastung zu reduzieren. Hier sind die
unterschiedlichsten Gewährleistungs- und Haftungsklauseln denkbar, die jeweils von dem konkreten
Einzelfall abhängig sind.
Je nach Perspektive (Käufer – Verkäufer – finanzierende Banken etc.) lassen sich hierbei die
Interessenlagen entsprechend berücksichtigen. Auf diese Weise werden zwar die tatsächlichen
Risiken der Radonbelastung nicht ausgeschlossen, aber die finanzielle Verantwortlichkeit wird
eindeutig zugeordnet. Nicht zuletzt auf Grund der bislang nicht ausgeprägten Rechtsprechung zur
zivilrechtlichen Haftung durch Radonbelastung und der fehlenden verbindlichen Grenzwerte ist eine
privatrechtliche Regelung von Haftungsfragen zur Schaffung von Rechtssicherheit unumgänglich.
65
OLG Celle, Urt. v. 21.8.2008 – 8 U 49/08, BeckRS 2008, 19237.

Ludger Giesberts
Guido Kleve
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 69
4 Ergebnis und Ausblick
In zahlreichen europäischen Mitgliedstaaten ist das Bewusstsein für die Bedeutung der
Radonexposition der Bevölkerung in Wohnräumen in den letzten Jahren erheblich gewachsen. In
einigen Ländern wurden bereits konkrete Maßnahmen zur Dosisüberwachung ergriffen und rechtliche
Grundlagen geschaffen. Die deutschen Gesetzgeber haben demgegenüber bislang keine konkreten
Grenzwerte einer zulässigen Strahlenbelastung in Wohngebäuden geregelt, lediglich die StrlSchV
sieht für bestimmte Arbeitsbereiche verbindliche Vorgaben vor. Bislang verfolgen die Behörden im
Wesentlichen das Ziel einer umfassenden Information der betroffenen Kreise. Dadurch werden die
radonbedingten Risiken weitestgehend in den Verantwortungsbereich der Grundstücksinhaber
verlagert, wodurch diesen auch die Freiheit verbleibt, über die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen
zu befinden. Durch die zu erwartenden europarechtlichen Vorgaben im Rahmen der Revision der
EURATOM-Richtlinien werden die darin vorgegebenen Grundsätze künftig aber auch in deutsches
Recht umzusetzen sein.
Wenngleich eine konkrete rechtliche Ausgestaltung bislang nicht erfolgt ist, bedeutet dies aber nicht,
dass sich die Gefährdung durch natürliche Radonstrahlung derzeit in einem rechtsfreien Raum
befindet. In öffentlich-rechtlicher Hinsicht lassen sich Regelungen insbesondere über das
Bauplanungs- und Bauordnungsrecht erzielen. Die zivilrechtliche Haftung ist bislang weitestgehend
ungeklärt, jedoch bestehen hier erhebliche Haftungsrisiken, die nur über die gutachterliche Klärung
der Risikolage und eine entsprechend klare Vertragsgestaltung rechtssicher handhabbar sind.
Die gesundheitlichen Gefahren der Radonbelastung sind zu groß, als dass diese sich dauerhaft der
rechtlichen Diskussion entziehen könnte. Diesbezüglich ist zu erwarten, dass sich in naher Zukunft
sowohl die Legislative aber auch die Judikative hiermit detailliert auseinanderzusetzen haben.

Öffentlich-rechtliche Verantwortung und zivilrechtliche Haftung für Radonbelastung
Seite 70
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009

 
Antje Eichler
Verena Tykiel; Wolfgang Misch
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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RADIOAKTIVITÄT UND RADONEXHALATION VON
BAUPRODUKTEN – STAND UND AUSBLICK ZU REGULATIVEN
ANFORDERUNGEN UND DEREN UMSETZUNG
RADIOACTIVITY AND RADON EXHALATION FROM
CONSTRUCTION PRODUCTS – STATE AND PERSPECTIVE
CONCERNING REGULATORY REQUIREMENTS AND THEIR IMPLE-
MENTATION
Antje Eichler
Verena Tykiel
Wolfgang Misch
Deutsches Institut für Bautechnik, Referat "Gesundheits- und Umweltschutz", Berlin
Zusammenfassung
Für die Beurteilung der Brauch- und Verwendbarkeit von Bauprodukten und Baustoffen in Bauwerken
ist der Aspekt "Gesundheits- und Umweltschutz" ein Aspekt der - obwohl schon immer ein
wesentlicher Bestandteil des Baurechts - immer mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückt. In diese
Beurteilung ist u.a. auch die Freisetzung giftiger Gase, das Vorhandensein gefährlicher Teilchen in
der Luft und die Emission gefährlicher Strahlen zu bewerten. Die Untersuchung und
Charakterisierung radioaktiver Stoffe in Baumaterialien auf nationaler und internationaler Ebene ist
nicht neu. Das zeigen zahlreiche nationale (siehe Veröffentlichungen des Bundesamtes für
Strahlenschutz unter
www.bfs.de)
und internationale Publikationen, die dem interessierten
Fachpublikum zugänglich sind. Bislang existiert auf nationaler Ebene jedoch noch keine einheitliche
Grundlage, die speziell für die Beurteilung der Verwendbarkeit von Bauprodukten in Bezug auf die
von den Radionukliden in Baumaterialien ausgehende von außen auf den Körper wirkende
Gammastrahlung und die Beurteilung der Exposition durch die Inhalation des aus den Baumaterialien
in die Räume freigesetzten Radons und seiner Zerfallsprodukte herangezogen werden kann. Eine
durch das DIBt im Jahr 2007 einberufene Projektgruppe, der Mitglieder aus behördlichen In-
stitutionen, Forschungs- und unabhängigen Sachverständigeneinrichtungen angehören, beschäftigt
sich seitdem intensiv mit dieser Frage; es liegen erste Konzepte vor, die dann - nach Konsensfindung
- mit Herstellern und Industrieverbänden diskutiert werden sollen.
Der Vortrag gibt einen Überblick und "Einblick" in die Hintergründe, die Notwendigkeiten und den
Stand der Diskussionen zu den gesetzlichen Grundlagen und Anforderungen auf nationaler Ebene
im Kontext der europäischen Entwicklungen. Auch wenn an dieser Stelle noch kein abschließendes
Konzept vorgestellt werden kann (gegenwärtig noch in der Diskussionsphase), wird jedoch deutlich,
dass "etliches in Bewegung ist".

Radioaktivität und Radonexhalation von Bauprodukten –
Stand und Ausblick zu regulativen Anforderungen und deren Umsetzung
Seite 72
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Summary
For the assessment of the fitness for use and applicability of construction products and construction
materials in construction works the aspect of "health protection and protection of the environment" is
an aspect which - though it has always been a vital part of the building law - makes it the focus of
public attention. This assessment also evaluates - inter alia - the release of toxic gases, the presence
of dangerous particles in the air, and the emission of dangerous radiation.
The investigation and characterization of radioactive substances in construction materials at national
and international level is not new. This is proven by numerous national (see 'Publications' by the
'Federal Office for Radiation Protection' on
www.bfs.de)
and international publications, accessible to
the interested expert audience. So far, however, there is no uniform basis at national level which can
be used especially for the evaluation of applicability of construction products in relation to the gamma
radiation emitted by the radioactive nuclides in construction products acting on the body from the
outside and the assessment of the exposition through inhalation of the radon released by the
construction materials into the rooms and its decomposition products. A project group set up by DIBt
in 2007 with members from governmental bodies, research facilities and independent expert facilities,
is intensively dealing with this question since then and the first concepts are on hand, which - after
having reached consensus - shall then be discussed with manufacturers and industrial federations.
The lecture gives a review and an "insight" into the backgrounds, the necessities and the state of
discussions concerning the legal bases and requirements at national level in the context of the
European developments. Even if a final concept cannot be introduced here (presently at the stage of
discussion) it nevertheless becomes clear that "something is moving".
1 Das DIBt und seine Aufgaben im Rahmen der Beurteilung und
Bewertung von Bauprodukten im nationalen und europäischen
Kontext
Das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) wurde 1968 als eine Institution des Bundes und der
Länder zur einheitlichen Erfüllung bautechnischer Aufgaben auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts
gegründet. Als einzigste deutsche Zulassungsstelle erteilt sie allgemeine bauaufsichtliche
Zulassungen (abZ) für Bauprodukte und Bauarten und europäische technische Zulassungen (ETA)
für Bauprodukte und Bausätze.
Allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen werden für solche Bauprodukte und Bauarten im
Anwendungsbereich der Landesbauordnungen erteilt, für die es allgemein anerkannte Regeln der
Technik, insbesondere DIN Normen, nicht gibt oder die von diesen wesentlich abweichen. Sie sind
zuverlässige Verwendbarkeitsnachweise von Bauprodukten bzw. Anwendbarkeitsnachweise von
Bauarten im Hinblick auf bautechnische Anforderungen an Bauwerke. Europäische technische
Zulassungen werden für Bauprodukte im Anwendungsbereich des Bauproduktengesetzes (BauPG)
erteilt; sie dokumentieren verlässlich die Brauchbarkeit eines Bauproduktes im Rahmen seiner
deklarierten Werte hinsichtlich der sechs wesentlichen Anforderungen nach europäischer
Bauproduktenrichtlinie bzw. nationalem Bauproduktengesetz. Als Beurteilungsgrundlagen werden
häufig sogenannte "Zulassungsgrundsätze" herangezogen, die im Rahmen von
Sachverständigenausschüssen erarbeitet werden und eine einheitliche Bewertungsgrundlage für die
zu beurteilenden Bauprodukte schaffen sollen. [1]

Antje Eichler
Verena Tykiel; Wolfgang Misch
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 73
2 Beurteilung des Gesundheits- und Umweltschutzes im Rahmen
allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassungen und europäisch
technischer Zulassungen
2.1 Was sind eigentlich Bauprodukte und auf welcher Grundlage sind diese
in Bezug auf die Radioaktivät/Radonexhalation zu beurteilen?
National leiten sich die Anforderungen an Bauprodukte aus der Musterbauordnung resp. den in den
Ländern umgesetzten Landesbauordnungen ab.
Bauprodukte sind nach § 9 MBO (Musterbauordnung) [2]:
1. Baustoffe, Bauteile und Anlagen, die hergestellt werden, um dauerhaft in bauliche Anlagen einge-
baut zu werden,
2. aus Baustoffen und Bauteilen vorgefertigte Anlagen, die hergestellt werden, um mit dem Erdboden
verbunden zu werden wie Fertighäuser, Fertiggaragen und Silos.
Der § 17 MBO regelt darüber hinaus die Anforderungen an die Verwendbarkeit von Bauprodukten,
wie folgt:
Bauprodukte dürfen für die Errichtung, Änderung und Instandhaltung baulicher Anlagen nur verwen-
det werden, wenn sie für den Verwendungszweck
1. von den technischen Regeln nicht oder nicht wesentlich abweichen (geregelte Bauprodukte) [...]
und wenn sie [...] das → Übereinstimmungszeichen (Ü-Zeichen) tragen
oder
2. nach den Vorschriften
a) des Bauproduktengesetzes (BauPG),
b) zur Umsetzung der Richtlinie 89/106 EWG […] (Bauproduktenrichtlinie) vom […]
oder
c) zur Umsetzung sonstiger Richtlinien der Europäischen Gemeinschaften […] in den Verkehr ge-
bracht und gehandelt werden dürfen, insbesondere das Zeichen der Europäischen Ge-
meinschaften (CE-Kennzeichnung) tragen und dieses Zeichen die […] Klassen- und Leis-
tungsstufen ausweist oder die Leistung des Bauprodukts angibt.
Auf europäischer Ebene ist diese Thematik in der Bauproduktenrichtlinie 89/106/EWG, Artikel 3, An-
hang I, verankert [3]. Die für die Beurteilung der Brauchbarkeit der Bauprodukte relevanten
Eigenschaften umfassen folgende sechs wesentliche Anforderungen:
1. Mechanische Festigkeit und Standsicherheit
2. Brandschutz
3. Hygiene, Gesundheit und Umweltschutz
4. Nutzungssicherheit
5. Schallschutz
6. Energieeinsparung und Wärmeschutz

Radioaktivität und Radonexhalation von Bauprodukten –
Stand und Ausblick zu regulativen Anforderungen und deren Umsetzung
Seite 74
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Wobei die Wesentliche Anforderung Nr. 3 u.a. folgende Beurteilungskriterien umfasst:
-
Freisetzung giftiger Gase
-
Vorhandensein gefährlicher Teilchen oder Gase in der Luft
-
Emission gefährlicher Strahlen
-
Wasser- oder Bodenverunreinigung
2.2 Wie sind diese Anforderungen nun konkret in das Zulassungsverfahren
für Bauprodukte zu implementieren?
Im Kontext der oben genannten nationalen und europäischen Anforderungen, Bauprodukte auch auf
die potenziellen Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt zu beurteilen, ergibt sich die Notwen-
digkeit der Befassung des DIBt mit dieser Problematik sowohl national aus den Bauordnungen der
Länder als auch europäisch im Rahmen der Umsetzung der wesentlichen Anforderung ER3 "Hygiene,
Gesundheits- und Umweltschutz" der Bauproduktenrichtlinie heraus. Das DIBt hat in diesem
Zusammenhang die Aufgabe, sich einen Überblick über die von Bauprodukten ausgehende
Strahlenexposition und die Freisetzung von Radon zu verschaffen, sie zu bewerten und geeignete
Messverfahren für deren Ermittlung festzulegen. Um eine einheitliche Vorgehensweise bei der
Auswahl und der Beurteilung/Bewertung der relevanten Bauprodukte sicherzustellen, sind
entsprechende Bewertungs- und Beurteilungskriterien für die Erstprüfung (Zulassungsprüfung) und
Regelungen im Rahmen des Übereinstimmungsnachweisverfahrens zu erarbeiten und abzustimmen.
Für die Mitarbeit in der Projektgruppe konnten Experten aus institutionellen und behördlichen
Einrichtungen gewonnen werden mit dem Ziel, ein grundsätzliches Konzept für die
Herangehensweise zur Beurteilung von Bauprodukten zu erarbeiten, was zwar in erster Linie im
Rahmen der Erfüllung der originären Aufgaben des DIBt – in erster Linie über:
-
die Erteilung europäischer technischer Zulassungen für Bauprodukte und Systeme (Bausätze) auf
Grund der Bauproduktenrichtlinie vom 21. Dezember 1988, in Deutschland umgesetzt durch das
Bauproduktengesetz vom 10. August 1992 und
-
die Erteilung allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassungen für Bauprodukte und Bauarten auf Grund
der Bauordnungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland
erfolgen wird, jedoch auch durchaus in die europäische Diskussion dieser Thematik einfließen soll.
Eine Umsetzung der in der Projektgruppe erarbeiteten Vorschläge zur Herangehensweise an die
Beurteilung von relevanten Bauprodukten über einen deskriptiven Ansatz ist über eine Ergänzung der
DIBt-Grundsätze zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten möglich. Im Rahmen eines
ARGEBAU- Forschungsvorhabens wurde hier durch den Forschungsnehmer (Kemski & Partner,
Beratende Geologen, ö.b.u.v. Sachverständige für Radon) eine gute Grundlage geschaffen, eine
entsprechende Bewertung durchzuführen. Diese Grundsätze sollen für das Zulassungsverfahren des
DIBt als Maßstab dienen, sie können jedoch auch herangezogen werden, um das nationale
Sicherheitsniveau für Produkte nach europäisch harmonisierter Produktnorm zu gewährleisten.
Welche spezifischen Bauprodukte von diesen Regelungen betroffen sein werden, lässt sich derzeit
noch nicht sagen. Auch in dieser Frage werden die Arbeiten der PG noch einen wichtigen Beitrag
leisten.

Antje Eichler
Verena Tykiel; Wolfgang Misch
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 75
3 Schwerpunkte, Ansätze und erste Ergebnisse der Arbeiten der DIBt-
Projektgruppe "Radioaktivät/Radonexhalation"
Im Wesentlichen lässt sich die Erarbeitung von Kriterien zur Beurteilung von Bauprodukten auf die
folgenden Fragestellungen "fokussieren":
→ WAS?
soll
→ WANN?
und
→ WIE?
bewertet werden?
Im Grunde "einfache" Fragen, aber was steckt tatsächlich dahinter? Dies kann an dieser Stelle nur
anhand von "Eckpunkten" angerissen werden, jedoch wird sicher schnell deutlich, warum jede Frage
für sich und dann doch wieder im Zusammenhang gesehen und behandelt werden muss.
Die Beantwortung dieser Frage ist durch die Projektgruppe in Ergebnis eines Forschungsvorhabens
noch abschließend zu diskutieren. Das Vorhaben (nähere Erläuterungen werden Ihnen hierzu im
Rahmen des Vortrags von Herrn Dr. Klingel gegeben) hat hier basierend auf stichprobenartigen
Produktprüfungen zur Erhöhung der statistischen Aussagefähigkeit der vorhandenen nationalen
Datenlage Kriterien herausgearbeitet (z.B. Art des Bauproduktes, Zusammensetzung, Einsatzmenge,
Herkunft, Physik, technologische Prozesse bei der Gewinnung/Verarbeitung, usw.) und diese mit
stofflichen Parametern korreliert. Das Konzept basiert auf einem sogenannten "deskriptiven Ansatz",
der durch eine sukzessive Abfrage von wesentlichen stofflichen Kennwerten nur die Produkte her-
ausfiltriert, die ggf. eines prüftechnischen Nachweises bedürfen. Auch hier ist die Frage zu
behandeln, welches Prüfverfahren letztendlich herangezogen werden kann. Gleichfalls ist die
jeweilige Handhabbarkeit dieser Verfahren auf Anwendbarkeit und Reproduzierbarkeit einer "Robust-
heitsbetrachtung" zu unterziehen, um hier jeweils mit geringstem Aufwand das entsprechend
belastbare Ergebnis zu erhalten. Hier kann schon berichtet werden, dass für die Messung der
spezifischen Aktivität auf bereits etablierte, durch das BfS erarbeitete, Messanweisungen, incl.
Angaben zur Probenvorbereitung, zurückgegriffen werden kann. Gegenwärtig existiert jedoch kein
einheitliches Verfahren zur Bestimmung der Radonexhalation bzw. der Radonemanation für
Bauprodukte. Es ist deshalb eine weitere Aufgabe der Projektgruppe des DIBt zu erarbeiten, ob
bereits national/international angewendete Messverfahren genutzt werden können und ob die beste-
henden Verfahren geeignet sind, die Freisetzung von Radon produktspezifisch im Einbauzustand
widerzuspiegeln. Erste Tendenzen der Diskussion zeigen, dass hier eine Bestimmung über eine
flächenbezogene Messung der Radonexhalation unter definierten Randbedingungen favorisiert wird.
Da hier jedoch noch auf kein etabliertes Verfahren zurückgegriffen werden kann, ist weiterer
Untersuchungsbedarf gegeben.
Und nicht zuletzt steht hier auch die Frage der Festlegung von "Zulassungskriterien", also
möglicherweise konkreten "Werten" (z.B. Indexwerte oder Dosisgrenzwerte), die im Rahmen des
Zulassungsverfahrens über die Erteilung einer Zulassung oder die Ablehnung eines Produktes
entscheiden können. Diese Festlegung ist Aufgabe des BMU bzw. seiner fachkundigen
nachgeordneten Behörde.

Radioaktivität und Radonexhalation von Bauprodukten –
Stand und Ausblick zu regulativen Anforderungen und deren Umsetzung
Seite 76
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
4
Und was passiert auf europäischer Ebene?
Das Mandat M/366 [4] der Europäischen Kommission an CEN „The development of horizontal
standardised assessment methods for harmonised approaches relating to dangerous substances
under the construction products directive“ wurde 2005 erteilt. Es beinhaltet in seinen 5 Anhängen eine
weitestgehend ganzheitliche Bewertung der Exposition gefährlicher Stoffe in die Innenraumluft, den
Boden, das Oberflächen- und das Grundwasser. Insbesondere der Anhang 5 umfasst die Erarbeitung
von Prüfnormen, in denen Emissionsszenarien in Abhängigkeit vom vorgesehenen
Verwendungszweck im Mittelpunkt stehen.
Eine Expertengruppe, die Task Group 6, soll sich im Rahmen des Mandates mit der Befassung der
Messung und Beurteilung der Radioaktivität / Radonexhalation aus Bauprodukten beschäftigen. Aus
an dieser Stelle nicht weiter zu erörternden Gründen hat die Arbeitsgruppe sich jedoch lediglich zu
einer ersten "konstituierenden" Sitzung im Jahr 2007 zusammengefunden. Im Rahmen dieser Sitzung
wurde jedoch für die weitere Arbeit die "Road map" wie folgt festgelegt:
-
Erarbeitung von Hintergrundinformationen zu den Einflussgrößen der Exhalationsrate (Wanddi-
cke, Modellräume etc.)
-
Diskussion zur Berücksichtigung der Exhalationsrate und der Gammastrahlung? Erarbeitung ei-
ner Empfehlung, ob beide Faktoren in einer empirischen Gleichung oder getrennt zu behandeln
sind
-
Inbezugnahme vorhandener Studien (z.B ERICCA- Studie, der RP 112)
-
Recherche zu nationalen Anforderungen hinsichtlich einer Empfehlung für ein europäisches
„pass/fail“ Kriterium oder Deklaration von Grenzwerten
Ende 2009 ist ein europäischer Workshop vorgesehen, der die oben genannten Schwerpunkte
behandeln soll.
Weitere wichtige Entwicklungen gibt es auch im unmittelbaren regulativen Bereich. Hier findet derzeit
eine Überarbeitung der Basic Safety Standards Directive (96/29/Euratom) statt [5]. Auch gibt es
interessante Entwicklungen, die natürlich mit den oben erläuterten nationalen Überlegungen
abzugleichen sind.
Ziel muss es sein, die auf nationaler Ebene erarbeitete Herangehensweise an die Bewertung von
Bauprodukten in Bezug auf Radioaktivität/Radonexhaltion in den Kontext der europäischen
Entwicklungen einzubetten. Dies auf einer fachlich fundierten Basis zu tun, ist Ziel der DIBt-
Arbeitsgruppe. Insofern leisten die Arbeiten der Projektgruppe einen wesentlichen Beitrag, die
Erfolgschancen einer Berücksichtigung des "DIBt-Ansatzes" für einen deskriptiven Ansatz im Rahmen
der Beurteilung von Bauprodukten auf europäischer Ebene – also auch im Bereich der Normung - zu
erhöhen.
5 Literaturverzeichnis
[1]
www.dibt.de
[2]
Musterbauordnung (MBO), November 2002, Hrsg.: Konferenz der für das Städtebau-, Bau-
und Wohnungswesen zuständigen Minister und Senatoren der Länder (ARGEBAU)
[3]
Gesetz über das Inverkehrbringen von und den freien Warenverkehr mit Bauprodukten zur
Umsetzung der Richtlinie 89/106/EWG des Rates vom 21. Dezember 1988
(Bauproduktengesetz – BauPG), BGBl. Teil I Nr. 25, 1998, S. 813
[4]
Development of horizontal standardized assessment methods for harmonized approaches
relating to dangerous substances under the Construction Products Directive (CPD), Brussels
16th March 2005, M/366 EN
[5]
http://ec.europa.eu/energy/nuclear/consultations/2009_04_20_natural_radiation_sources_en.htm

 
Joachim Kemski
Ralf Klingel
Dresden, 29. Sept. 2009
3
. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 77
BEWERTUNGSKRITERIEN ZUR IDENTIFIZIERUNG VON
BAUSTOFFGRUPPEN MIT ERHÖHTER RADIOAKTIVITÄT
CRITERIA FOR EVALUATION AND IDENTIFICATION OF BUILDING
MATERIALS WITH ENHANCED RADIOACTIVITY
Joachim Kemski
Ralf Klingel
Kemski & Partner, Bonn
Zusammenfassung
Anhand von Untersuchungen zum Radionuklidinventar wurden handelsübliche Baustoffe in der
Bundesrepublik hinsichtlich ihres Beitrages zur Strahlenbelastung der Bevölkerung bewertet.
Aufgrund der vorhandenen Kenntnisse wurden Abfragen entwickelt, die es erlauben, Baustoffe mit
Hilfe von deskriptiven Abfragen zu kategorisieren und gegebenenfalls eine Entscheidung über die
Unter- oder Überschreitung noch zu definierender Kriterien zu fällen.
Summary
The radiation exposure of the public due to building materials was investigated by measurement of
natural radionuclides in commercially available samples of materials with regionally different origin.
For the future accreditation of building materials a method of evaluation was developed, which is
based on a categorization of the materials regarding the activity concentrations and the radon
exhalation. A major view was on a pragmatic approach and the convenience of handling, to minimize
the possible effort of inspection.
1 Einführung
Die Strahlenexposition durch Bauprodukte kann eine gesundheitliche Gefährdung für die Bewohner
und Nutzer der betreffenden Gebäude darstellen, ist in Deutschland im Strahlenschutzrecht aber nicht
geregelt. Es ist zwischen einer äußeren Strahlenexposition (Gammastrahlung der in den
Baumaterialien enthaltenen natürlich vorkommenden Radionuklide K-40, Th-232 und Ra-226) und
einer inneren Strahlenexposition (Radonexhalation aus dem Baumaterial mit anschließender
Inhalation von Radon und seinen Folgeprodukten) zu unterscheiden.
Nach Strahlenschutzverordnung können Rückstände aus Industrie und Bergbau unter bestimmten
Vorgaben als Baustoff verwendet werden. Eine qualitative Berücksichtigung der Radioaktivität erfolgt
im Bauproduktengesetz bzw. der europäischen Bauproduktenrichtlinie, denn demnach dürfen
Bewohner eines Bauwerkes nicht durch die „Emission gefährlicher Strahlen“ gefährdet werden. In der
Praxis lehnt man sich für die radiologische Bewertung von Baumaterialien in der Regel an den RP

Bewertungskriterien zur Identifizierung von Baustoffgruppen mit erhöhter Radioaktivität
Seite 78
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
112-Index an, der unter Zugrundelegung einfacher Modellannahmen eine orientierende Bewertung
anhand der spezifischen Radionuklidaktivitäten von Ra-226, Th-232 und K-40 für die äußere
Strahlenexposition derjenigen Personen erlaubt, die sich in den Räumen aufhalten.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes, das durch das Deutsche Institut für Bautechnik gefördert
wurde, sollten wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet werden, die es dem Projektträger sowie dem
Gesetzgeber ermöglichen, Entscheidungen hinsichtlich der Begrenzung der Strahlenbelastung durch
natürlich radioaktive Stoffe in Baumaterialien treffen zu können.
2 Untersuchungen
Der bisher veröffentlichte Datenbestand zu Radionuklidkonzentrationen und der Radonexhalation von
Baumaterialien in Deutschland wurde durch Labormessungen an Proben ausgewählter
Baustoffgruppen regional unterschiedlicher Herkunft ergänzt. Die Auswahl der Baumaterialien für die
Labormessungen konzentrierte sich auf Massenprodukte aus 10 Bauproduktgruppen, die für eine
Verwendung in Innenräumen in Frage kommen. Es wurde zwischen Wandbildnern und
Oberflächenmaterialien unterschieden. Zudem wurde Wert auf eine unterschiedliche regionale
Herkunft innerhalb Deutschlands gelegt. Die Beschaffung von insgesamt 86 Bauprodukten erfolgte
unmittelbar beim Hersteller oder im Vertriebsweg, wie dem Baustoffhandel und den Baumärkten, die
dem Endverbraucher zugänglich sind. Stets wurden vor Ort ergänzende Informationen zur Herkunft
des Materials erfragt, um eine regionale Zuordnung des Produktes und seiner Inhaltsstoffe zu
ermöglichen. Bei allen Proben wurden gammaspektrometrisch die spezifischen Radionuklidaktivitäten
bestimmt, bei 36 Proben wurde über die Messung der Radonemanation (Durchführung Bundesamt
für Strahlenschutz) die Radonexhalationsrate berechnet.
3 Bewertung
Unabhängig von tatsächlich vorhandenen oder in der Diskussion befindlichen gesetzlichen Grenz-,
Richt- oder Orientierungswerten, war für eine vergleichende Bewertung ein möglichst eingängiges
Kriterium heranzuziehen. Mit Rücksicht auf die Tatsache, dass in Deutschland noch keine
Entscheidung hinsichtlich eines solchen Kriteriums gefallen ist, und auch im Hinblick auf das
international favorisierte Vorgehen wurde der Index nach RP-112 herangezogen. Dieser weist für
Bauprodukte, die als Wandbildner zum Einsatz kommen, einen Wert von 1 auf, was. einer
zusätzlichen effektive Dosis von 1 mSv/a entspricht. Daraus lassen sich spezifische
Radionuklidaktivitäten von jeweils 80 Bq/kg Ra-226 und Th-232 sowie 1.000 Bq/kg K-40 ableiten, die
in der Summe bei einem fiktiven Bauprodukt zu einem Indexwert von 1 führen. Für
Oberflächenmaterialien gilt ein Indexwert von 6. Eine mit dem oben beschriebenen RP 112-Index
vergleichbare Bewertungsgröße für die Radonexhalation existiert nicht, ebenso wenig wie ein
anerkanntes diesbezügliches Standardmessverfahren.
Die Betrachtung der Wandbildner zeigt, dass die Radionuklidaktivitäten von Gipsen, Kalksandsteinen,
Porenbetonen, Estrichen und Zementen unter Nutzung des RP 112-Index eine zusätzliche Dosis von
weniger als 1 mSv/a ergeben. Bei Ziegeln kann es vereinzelt zu Überschreitungen kommen, in der
Regel bedingt durch erhöhte Kaliumaktivitäten. Leichtbetone sind durch die höchsten Radium- und
Thoriumgehalte gekennzeichnet und liegen in ihrer zusätzlichen Strahlenbelastung deutlich über den
übrigen Produkten. Fliesen, Mörtel und Tone als Materialien für den Oberflächeneinsatz zeigen
variierende Radium- und Thoriumaktivitäten, die aber ausnahmslos weit unterhalb der diesen
Bauproduktgruppen zugestandenen höheren Aktivitäten liegen.
Für Materialien bestimmter Bauproduktgruppen kann zusätzlich die Betrachtung der Radonexhalation
sinnvoll bzw. notwendig sein. Hierbei spielt die Art der Verbauung der Materialien eine entscheidende
Rolle. Alle untersuchten Materialien mit Ausnahme einer Tonprobe weisen Exhalationsraten von

Joachim Kemski
Ralf Klingel
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3
. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 79
deutlich unter 1 Bq/m
2
* h auf und sind daher für die Raumluftbelastung in Gebäuden als nicht
relevant einzustufen. Die genannten Charakteristika der beschriebenen Bauproduktgruppen wurden
durch die Auswertung der neueren Literatur zu vergleichbaren Baumaterialuntersuchungen aus dem
In- und Ausland bestätigt.
4 Prüfschema
In einem zweiten Schritt wurden Abfragen erarbeitet, die zu einem Prüfschema führen sollen, mit
dessen Hilfe durch sukzessive Abfragen die Bewertung eines Bauproduktes hinsichtlich seines
Beitrages zur äußeren und inneren Strahlenexposition in Gebäuden ermöglicht wird.
Es wurde Wert auf einen pragmatischen Ansatz und die einfache Handhabbarkeit gelegt, die zu einer
Minimierung des möglichen Prüfaufwandes führen sollen. Die Abfragen konzentrieren sich
ausschließlich auf die entscheidenden Parameter Radionuklidaktivitäten und ggf. Radonexhalation.
Stellvertreterinformationen werden nicht erhoben. Das aus den Abfragen möglicherweise
resultierende Schema kann weitgehend einem deskriptiven Ansatz folgen, d.h. Bauprodukte werden
mittels generischer Klassifikationen eingeordnet, beschrieben und anschließend anhand festgelegter
Kriterien bewertet.
Bei den Überlegungen zu Inhalten, Listen oder konkreten Zahlenwerten wie beispielsweise
spezifischen Radionuklidaktivitäten, wurde aus Praktikabilitätsgründen von einem resultierenden
Prüfkriterium der effektiven Dosis von 1 mSv/a ausgegangen, ohne eine solche Größe für spätere
gesetzliche Regelungen zu präjudizieren. Die Freiheitsgrade der Prüfung sind so groß, dass jeder
mögliche vereinbarte Prüfwert eingestellt werden kann.. Es muss darauf hingewiesen werden, dass
bei der Einordnung der gesetzlichen Regelungen aus der Strahlenschutzverordnung in Bezug auf
Baustoffe in das Bewertungsschema ein Interpretationsspielraum und möglicherweise eine
Rechtslücke besteht. Zur Vermeidung solcher Widersprüche wären Aktivitäten seitens des
Gesetzgebers notwendig.
Das Abfragen sind in ihren Grundzügen so konzipiert, dass eine schrittweise Prüfung ausgewählter
Inhaltsstoffe von Bauprodukten anhand von Listen oder Prüfwerten erfolgt. Sie sind auf alle Produkte
aus dem In- und Ausland unabhängig von deren Zusammensetzung (natürliche Inhaltsstoffe und/oder
Rückstände) anwendbar. Als Ergebnis dieser Prüfungen wird das Bauprodukt von einer weiteren
Betrachtung ausgeschlossen oder dem nächstfolgenden Prüfschritt unterzogen.
Die sukzessive Prüfung der Inhaltsstoffe orientiert sich an deren charakteristischen Radio-
nuklidaktivitäten (Ra-226, Th-232, K-40) und der Rezeptur der Bauprodukte. Hierzu erfolgt eine
Kategorisierung der Inhaltsstoffe im Hinblick auf Radionuklidaktivitäten und die Radonexhalation, die
auf dem aktuellen Kenntnisstand zum Radionuklidinventar der betreffenden Materialien (natürliche
Minerale und Gesteine, Rückstände nach § 97 ff. StrlSchV) beruht. Aufgrund der Vielfalt der Gesteine
und möglicher Zuschlagsstoffe, deren geochemischer Variabilität und sowie lokaler Besonderheiten
geologischer Materialien kann hierbei jedoch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden.
Die Abfragen erfolgen in sechs aufeinanderfolgenden Schritten, an die sich - wenn nötig - die
Bewertung und ggf. die Betrachtung einer möglichen Radonexhalation anschließen. So werden die
Innenraumverwendung der Bauprodukte, die spezifischen Uran- und Thoriumaktivitäten der
Inhaltsstoffe, mögliche Anreicherungen dieser Nuklide in den Lagerstätten, aus denen die
Inhaltsstoffe stammen, die Radionuklidanreicherung während technischer Prozesse und die Rezeptur
des Produktes geprüft. Ggf. muss die Messung der Radionuklidaktivitäten des Gesamtproduktes mit
anschließender Berechnung eines Prüfwertes oder der Ableitung einer Dosis erfolgen. Für Materialien
aus bestimmten Bauproduktgruppen kann zusätzlich die Bestimmung der Radonexhalation notwendig
sein; hierbei spielt die Art der Verbauung der Materialien eine entscheidende Rolle.

Bewertungskriterien zur Identifizierung von Baustoffgruppen mit erhöhter Radioaktivität
Seite 80
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
5 Ausblick
Die Verwendung unterschiedlicher Kriterien - insbesondere im Hinblick auf die spezifischen
Radionuklidaktivitäten - für Wandbildner und Materialien für den Oberflächeneinsatz ist sinnvoll. Bei
den meisten Bauprodukten ist eine Zuordnung zu diesen beiden Gruppen aufgrund ihrer Verwendung
in der Praxis eindeutig möglich. Vereinzelt kann dies jedoch kontrovers diskutiert werden und würde
dann je nach getroffener Zuordnung zu unterschiedlichen Bewertungen führen. Dies gilt insbesondere
für Tone, die u.a. einen Inhaltsstoff von Ziegeln darstellen oder auch im mittlerweile wieder häufiger
eingesetzten Lehmbau Verwendung finden. Für solche Produktgruppen ist die Zuordnung zu klären.
Bei der Bewertung der Radonexhalation ist zu berücksichtigen, dass zunächst ein praxistaugliches
Mess- bzw. Prüfverfahren entwickelt werden muss, um vergleichbare Ergebnisse zu gewährleisten.

 
Dietmar Herklotz
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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VOM ALTBAU ZUM PASSIVHAUS UNTER DEM GESICHTSPUNKT
DES RADONSCHUTZES
FROM THE OLD BUILDING TO THE PASSIVE HOUSE UNDER THE
POINT OF VIEW OF THE RADON PROTECTION
Dietmar Herklotz
Energieberater- Gutachter- dena- Berater Ost -Dozent
Zusammenfassung
Je energieeffizienter und dichter Gebäude gebaut und saniert werden, umso schneller steigen
Radonkonzentrationen in den Aufenthaltsräumen durch Radon aus dem Erdreich und aus den
Baustoffen an.
Durch ausreichendes Lüften der Aufenthaltsräume entstehen große Energieverluste. Die geforderte
Luftwechselrate von mindestens 0,5/h dürfte unstrittig als anerkannte Regel der Technik gelten. Da
das für die Nutzer eine Fensterlüftung aller 2 Stunden bedeuten würde zu lüften, was nicht von den
Mietern verlangt werden kann, ist ab Mai 2009 die neue Wohnungslüftungsnorm DIN 1946-6 gültig
und anzuwenden. Damit es nicht zu großen Energieverlusten kommt bei energieeffizienter
Bauweise und Sanierungen sollten Zu- und Abluftanlagen mit hohem Wärmerückgewinnungsgrad
über 85 % eingesetzt werden. Damit werden automatisch Radonraumluftkonzentrationen erreicht,
die in etwa der der Außenluft entsprechen.
Es werden mehrere Beispiele im Neubaubereich bis zum Passivhaus und in der Altbausanierung
bis zum Faktor 10, auch bei Denkmalen gezeigt, wo die Materialien, Methoden und Wirkungsweise
eines optimalen Radonschutzes verbunden mit hoher Energieeffizienz erläutert werden.
Summary
The of more energy-efficient and airtight buildings are built and are redeveloped, the faster radon
concentrations rise in the habitable rooms by radon from the ground and from the building materials.
Big energy losses originate from sufficient winds of the habitable rooms. The demanded aerial
change council of at least 0.5 / h might be valid indisputably as an approved rule of the technology.
Because for the users a window airing of all 2 hours would indicate to ventilate what cannot be
required by the tenants, the new flat airing norm DIN 1946-6 is valid from May, 2009 and to apply. In
order that to big energy losses does not come with energy-efficient construction method and
reorganisations exhaust air layouts with high warm recovery degree more than 85%should be used.
With that the radon compartment air concentrations which correspond in possibly that of the outside
air are automatically reached.
Several examples in the new building area up to the passive house and in the refurbishment of old
buildings up to the factor 10, also with monuments where the materials, are shown, methods and
mode of operation of an optimum radon protection are explained likely with high energy efficiency.

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Vom Altbau zum Passivhaus unter dem Gesichtspunkt des Radonschutzes
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
1 Hocheffiziente Gebäudesanierungen bis zum Passivhaus- ’FAKTOR 10
Sanierung’
Energieeinsparungen mit FAKTOR 10 bis zum Passivhaus bei Altbauten sind sogar auch bei
Denkmalen möglich und sind der zeitgemäße und wünschenswerte Standard für die heutige bauliche
Sanierung. Die technischen Anforderungen sind vom Prinzip her einfach: Gute Dämmung von
Wand,
Dach und Keller bzw. Grund
, dazu hochwärmedämmende
Fenster
sowie der Einsatz von
Komfort-
lüftung mit Wärmerückgewinnung
. Qualitätssicherung ist heute selbstverständlich, unter anderem
durch
Wärmebrückenminimierung
sowie die Gewährleistung der
Luft- und Winddichtheit
.
Diese grundsätzlichen Regeln beim energieeffizient Bauen und Sanieren sorgen dafür, dass ein
Gebäude weitestgehend durch solare und interne Wärmegewinne
’passiv geheizt’
wird und nur noch
geringe Restwärme zugeführt werden muss, was sehr kostengünstig und komfortabel erfolgen kann.
Empfehlenswert ist natürlich modernste Gebäudetechnik, möglichst unter Einsatz
regenerativer
Energieträger
, wie Sonne (Solarkollektor oder PV), Holz (Stückholz, Pellets, Hackschnitzel) oder
Umweltwärme (Wärmepumpe- Luft, Sole, Wasser), was durch das neue Erneuerbare Wärmegesetz-
EEWärmeG ab 1.1.2009 verbindlich für alle Neubauten gefordert wird und für Altbauten natürlich
empfohlen wird.
Eine integrierte Planung von Nutzern, Architekten und Haustechnikern gewährleistet durch optimierte
Energieeinsparungen langfristig niedrigste Nebenkosten. Gefördert von der Deutschen
Energieagentur dena und vom Freistaat Sachsen wurden in der 1. bis 3.Pilotprojektphase bereits
mehrere Sanierungsvorhaben mit FAKTOR 10 bis zum Passivhausstandard in Sachsen umgesetzt: z.
B. Wohngebäude mit 13 WE in Freital (Mauerwerksbau) und mit 27 WE in Rietschen (Montagebau),
sowie das Einzeldenkmal „Weiße Villa“ (1882 errichtet) in Pobershau. Ein weiteres Einzeldenkmal in
Freiberg aus dem 16. Jahrhundert wurde 2007/ 2008 geplant und eingereicht und soll 2009 fast bis
zum Passivhausstandard saniert werden. Ein fertig gestelltes Einzeldenkmal im Passivhausstandard
gibt es bereits in Görlitz.
Im Rahmen regionaler Fachworkshops von dena und REBUS werden solche Pilotprojekte
interessierten Bauherren, Architekten, Wohnungsbaugesellschaften, Bauämtern und Fachfirmen
detailliert vorgestellt.
Abb. 1 und 2:
’FAKTOR 10- Sanierung’ in Rietschen bei Niesky
von 1964 mit 27 WE 2007 Planung: Architekt
Dietmar Herklotz
- zentrale Lüftungsanlage
mit WRG- Solaranlage
Abb. 3:
wärmebrückenfreies
Schwerlastelement
zur Befestigung von
Balkonen/Vordächern

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Dietmar Herklotz
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Abb. 4: ’FAKTOR 10-
Sanierung’ Freital
2006 GWG Freital 13
WE mit Lüftung u.
WRG
Abb. 5:
Bestand aus dem Jahr
1924 Planung:
Architekt Dietmar
Herklotz
Abb. 6:
24 cm Fassaden-
dämmung und Fenster
als passivhaus-
taugliche Elemente
Abb. 7:
FAKTOR 10 Sanierung’
Pobershau
Planung:
Dipl.-Ing. Dawid Weisse
Villa in Pobershau-
Sanierung 2008
Abb. 8:
Denkmalsanierung
im „Haus im Haus-
prinzip fast bis zum
Passivhaus-Standard
Abb. 9:
Bimsbetonwände
entkoppelt auf
Schaumglas auf alten
Kappengewölben
Abb. 10:
Sanierungsobjekt
Dr. Neuhaus
Denkmalobjekt aus
dem 16. Jhd.
Donatsgasse 21-
Freiberg-vor
Sanierung Planung:
Architekt Gerschler
Abb. 11:
Denkmalsanierung
Dr. Neuhau
geplante
Sanierung mit „Haus im
Haus“- Prinzip bis zum
Passivhaus mit Solar
und PV-Anlage+
Lüftung
Abb. 12:
Denkmalsanierung
Conrad in Görlitz
Pilotprojekt der DBU
in Zusammenarbeit
mit der TU Dresden-
Bauklimatik
Sanierung fast bis
zum Passivhaus 2006

Vom Altbau zum Passivhaus unter dem Gesichtspunkt des Radonschutzes
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2008
Um die hohen Standards einer ’FAKTOR 10 Sanierung’ zu erreichen, ist bei der
Gesamtplanung die integrierte Bewertung und Abstimmung der baulichen Gewerke von
großer Bedeutung:
Die Schaffung einer luft- und winddichten Hülle (Blower-Door-Test <0,6 h
-1
) ist im Altbau nur mit
größter Aufmerksamkeit zu erreichen. Maximale Wärmedämmung der Außenwände und
Kellerdecken unter Verwendung hocheffizienter Dämmstoffe, wie z.B. die neue Vakuumdämmplatte
sind anzustreben. Oberste Geschossdecke bzw. Dach weisen besonders große Wärmeverluste auf.
Hier sind Dämmstärken von 30-40 cm z.B. durch Ausblasung mit Isofloc angebracht. Dann ist auch
die Leitungsverlegung in der thermischen Hülle professionell möglich und der Ausschluss von
Wärmebrücken gewährleistet.
Der Einbau passivhauszertifizierter Fenster und Türen. Diese besitzen wärmegedämmte
Rahmenprofile, dreifach Wärmeschutzverglasungen mit ’warmer Kante’ und
Rahmenüberdeckungen von 3-6 cm Dämmstoff in den Laibungen. Fenster mit U-Werten unter 0,8
W/(m
2
K) sind als ’unterzugsfrei’ anzusehen und genügen damit dem Passivhaus-Standard.
Bei der energieeffizienten Sanierung steigen Lüftungswärmeverluste prozentual gegenüber den
Transmissionswärmeverlusten über die Gebäudehülle stark an. Daher ist der Einbau von
Lüftungsanlagen mit thermischen Rückgewinnungsgraden zwischen 85% und 92 % hier sehr
wirksam und unerlässlich zur Erreichung des Zielwerts. Aus der eingesetzten Energie ergibt sich ein
bis zu 20-facher Energiegewinn aus der verbrauchten Abluft. Außerdem werden die täglich etwa 8-
12 l Wasser mit der abgekühlten Abluft abgeführt. Je nach Gebäude eignen sich zentrale oder
dezentrale Systeme. Die Kosten liegen hierfür zw. 40-70 €/m
2
Wohnfläche.
Die Warmwasserversorgung mit thermischen Solaranlagen (Deckungsraten zw. 65% und 80 % pro
Jahr) ist Standard, wenn baulich möglich bzw. sinnvoll (Niedertemeraturheizung), ist eine
Auslegung mit Heizungsuterstützung dringend zu empfehlen.
2
Vom Altbau zum Passivhaus unter dem Gesichtspunkt des Radonschutzes
Nach dem BfS, dem BMU und der WHO wird für Aufenthaltsräume ab 2000/ 2004 beim
Radonschutz ein Wert von 100 Bq/m³ gefordert. Das ist lt. BMU die Aussage zum Stand der
Technik. Davor waren 250 Bq/m³ als Durchschnittswert erforderlich.
Je energieeffizienter und dichter Gebäude gebaut und saniert werden, umso schneller steigen
Radonkonzentrationen in den Aufenthaltsräumen durch Radon aus dem Erdreich und aus den
Baustoffen an.
Dichtbahnen und Abdichtungsmaterialien sind ausreichend radondicht, wenn sie den Radonzufluss
aus dem Baugrund so gut mindern, dass die Radonkonzentration im Aufenthaltsraum einen
vorgegebenen Wert nicht übersteigt.
Bei Radondichtemessungen bestimmter Materialien ergeben sich bei unterschiedlicher Messdauer
starke Messabweichungen; 24 Stunden werden als nicht ausreichend angegeben, die Messungen
sollten mindestens 3-10 Tage dauern; bisher ausgestellte Zertifikate sollten überprüft werden unter
Ansetzung gleicher Randbedingungen.
Für technische Ausführungen der Radondichtungen unter bzw. oberhalb der Bodenplatte gibt es
jeweils Vor- und Nachteile; Radonschutzfolien zusammen mit dem Feuchtigkeitsschutz auf der
Bodenplatte zu verlegen, zu verkleben oder zu verschweißen wurden bei mehreren Bauprojekten
erfolgreich bis zum Passivhaus angewendet und werden im Vortrag gezeigt und erläutert.

Dietmar Herklotz
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Durch ausreichendes Lüften der Aufenthaltsräume entstehen große Energieverluste. Die geforderte
Luftwechselrate von mindestens 0,5/h dürfte unstrittig als anerkannte Regel der Technik gelten. Da
das für die Nutzer eine Fensterlüftung aller 2 Stunden bedeuten würde zu lüften, was nicht von den
Mietern verlangt werden kann, ist ab Mai 2009 die neue Wohnungslüftungsnorm DIN 1946-6 gültig
und anzuwenden. Damit es nicht zu großen Energieverlusten kommt bei energieeffizienter
Bauweise und Sanierungen sollten Zu- und Abluftanlagen mit hohem Wärmerückgewinnungsgrad
über 85 % eingesetzt werden. Damit werden automatisch Radonraumluftkonzentrationen erreicht,
die in etwa der der Außenluft entsprechen.
Radon aus Boden und aus Baustoffen wird durch Raumlüftung reduziert. Damit sind deutlich
weniger als 100 Bq/m³ erreichbar. Durch Gleichstromventilatoren in den Lüftungsgeräten werden
ganz geringe Stromverbräuche benötigt, um ein Vielfaches an Energie einzusparen. Durch Einsatz
von Fördermitteln in Form von Zuschüssen und zinsgünstigen Darlehen vom Bund und vom
Freistaat z.B. für Lüftungsanlagen mit WRG erhält man über Jahre durch die eingesparten
Heizkosten mehr als die eingesetzten Investitionskosten zurück, zusätzlich ergibt es einen
vorteilhaften Radonschutz.

Vom Altbau zum Passivhaus unter dem Gesichtspunkt des Radonschutzes
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Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
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LANGZEITKONTROLLE DER RADONKONZENTRATION IM
EINKAUFSZENTRUM SCHLEMA
LONG-TERM CONTROL OF RADON CONCENTRATION IN THE
SHOPPING CENTRE SCHLEMA
Gertraud Grundmann
1)
Bernd Leißring
2)
1
) Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden
2
) Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX, Chemnitz
Zusammenfassung
Die für die Bebauung vorgesehene Fläche entstand durch Aufschottern und Einebnen benachbarter
Halden der SDAG WISMUT. Die zur Nutzung als Parkplatz vorgesehene Fläche befindet sich über
dem Randbereich der ehemaligen Absetzanlage.
Mit der Bebauung sollte den infrastrukturellen Notwendigkeiten des Orts Bad Schlema unter der Prä-
misse des Strahlenschutzes entsprochen werden.
Zudem sollte mit dem Pilotprojekt gezeigt werden, dass durch radongeschütztes Bauen auch an ei-
nem solchen Standort den relevanten Empfehlungen der Radonbelastung in Innenräumen entspro-
chen werden kann.
Mit der Fertigstellung der Marktpassage wurden kontinuierliche Messungen zur Prüfung des Lang-
zeitverhaltens der Radonkonzentration in den verschiedenen Gebäudeteilen angeordnet.
Die seit nunmehr über 15 Jahren vorliegenden Messdaten werden diskutiert und Schlussfolgerungen
für die notwendige technische Überwachung solcher Objekte abgeleitet.
Summary
In 1993 the shopping centre Schlema was built on a ground with high radon contamination.
It should be corresponded to the infrastructural necessities of Bad Schlema under the premise of ra-
diation protection when uranium are processing of SDAG Wismut would be developed.
In addition it should be shown by this pilot project that a development under consideration of relevant
recommendations of the indoor radon contamination can be done if there is a planning of radon pro-
tection for such a place, too.
After the completion of the Marktpassage continuous measurements for controlling the long-term
conduct of radon concentration started in different parts of the buildings.
The measurement data of over 15 years are discussed and conclusions for necessary technical su-
pervision will be deduced.

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Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
1
Ausgangssituation und Planung der Marktpassage in Schlema
Die Aufgabe auf einer Fläche mit nachgewie-
sener hoher radiologischer Belastung Gebäude
zu errichten, die eine Nutzung mit akzeptablen
Innenraum-Radonkonzentrationsverhältnissen
gestattet, wurde durch eine Arbeitsgruppe der
Radonberatungsstelle in Schlema umgesetzt.
Der Untergrund des Bebauungsgebietes ist
durch bei der Uranerzaufbereitung der SDAG /
SAG WISMUT anfallenden Aufbereitungsrück-
stände und Haldenmassen gekennzeichnet.
Abb. 1:
Luftaufnahme des Objektes
[Quelle: Büschel]
Die damaligen radiologischen Messungen zeigten ein hohe Radonexhalation (Werte > 100 kBq/m³)
und eine durchschnittliche Ortsdosisleistung der nicht abgedeckten Materialien von 300 nSv/h. Die
Maximalwerte der Ortsdosisleistung betrugen 44.000 nSv/h.
Diesen Ausgangsbedingungen entsprechend wurde eine spezielle radongeschützte Bauweise entwi-
ckelt und umgesetzt.
Der zu erreichende Zielwerte (gemäß erteilter Strahlenschutzgenehmigung [1]) für die Radonkonzent-
ration wurde mit < 250 Bq/m³ festgelegt. Für die Freiflächen wurde eine maximal zulässige Ortsdosis-
leistung von 300 nSv/h bestimmt.
Abb. 2:
Pressemitteilung des SMUL vom 06.07.1993

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Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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2 Bautechnische Ausführung
Die radongeschützte Bauweise wurde durch zwei bautechnische Gegebenheiten realisiert:
1.
Einbau eines horizontalen Drainagesystems unter dem Gebäude
2.
Verlegen einer radondichten Folie im Fußbodenaufbau
3. Anbindung vertikaler Radonschlote zur weiteren Aktivierung des natürlichen Wetterstromes
im Drainagesystem
Abb. 3:
Wirkung des Drainagesystems mittels natürlicher Bewetterung
Das Drainagesystem beruht auf der in Abbildung 3 dargestellten Anordnung unter Nutzung des Effek-
tes der natürlichen Bewetterung. Der prinzipielle Aufbau der Drainageschicht im Bereich des Bauteils
7 ist in Abbildung 4 ersichtlich.
Abb. 4:
Prinzipieller Aufbau Drainagesystem im Bauteil 7
Ein Einblick des realisierten bautechnischen Radonschutzes im Bereich des Bauteils 7 ist in den Ab-
bildungen 5 und 6 gegeben.
Abb. 5:
Aufbau Drainageschicht Bauteil 7
Abb. 6:
Anbindung Radonschlot

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Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Die Anordnung der Drainageleitung wurde für jedes Bauteil entsprechend den standörtlichen Gege-
benheiten projektiert und die notwendigen Zu- und Entlüftungsöffnungen geplant. Beispielhaft ist in
Abbildung 7 des Drainagesystems mit den Zu - und Abluftöffnungen dargestellt.
Abb. 7:
Grundriß Drainagesystem im Bauteil 7
3
Messdaten nach Fertigstellung der Anlage
Nach der bauseitigen Fertigstellung der Anlagen wurden Radonkonzentrationsmessungen zur Prü-
fung der Funktionsweise und der Erhaltung der Zielwertfestlegung vorgenommen. Die Zusammenfas-
sung der aktiven und passiven Messungen für die Bauteile 1 bis 6 ist in Abbildung 8 dokumentiert.
Abb. 8:
Übersichtsmessung nach Fertigstellung der Bauteile 1 bis 6

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Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 91
Mit den Messungen konnte die Einhaltung der Zielwertvorstellung und der Nachweis der Funktions-
tüchtigkeit des bautechnischen Radonschutzes nachgewiesen werden.
Entsprechend den Auflagen des SMUL erfolgte die Kontrolle der Radonkonzentrationsverhältnisse
durch zwei Kurzzeitmessungen im Jahresverlauf.
Ab dem Jahr 1996 wurden statt der Kurzzeitmessungen repräsentative Langzeitmessungen mit ei-
nem Expositionszeitraum von ca. 6 Monaten eingeordnet [3]. Beispiele für die Ergebnisse dieser
Messungen sind nachfolgend aufgeführt.
Die Übersicht über die Lage der jeweiligen Bauteile ist in Abbildung 9 gegeben.
Abb. 9:
Übersichtsplan - Lage der Bauteile
Für den Messpunkt "Innenhof" zur Erfassung der Radonfreiluftkonzentration ergibt sich über den ge-
samten Zeitraum ein nahezu konstanter Verlauf mit einer mittleren Radonkonzentration von 40 Bq/m³.
Abb. 10:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt Innenhof

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Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Zur Einschätzung der Verhältnisse in den jeweiligen Bauteilen (1 bis 3) werden exemplarisch die bei-
den Messpunkte pro Bauteil im Verlauf der Radonkonzentrationsverhältnisse dargestellt und disku-
tiert.
Für den ersten Messpunkt im Bauteil 1 zeigt sich eine geringfügige Erhöhung der Radonkonzentratio-
nen von 80 auf 140 Bq/m³. Die Werte schwanken dabei im Bereich von 70 bis 180 Bq/m³.
Abb. 11:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 1 Bauteil 1
Der zweite Messpunkt im Bauteil 1 zeigt ein deutlich höheres Niveau der Radonkonzentration. Die
Werte schwanken hier im Bereich von 210 bis 800 Bq/m³.
Abb. 12:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 2 Bauteil 1
Für den Messpunkt 1 im Bauteil der Marktpassage Schlema ist ein tendenzieller Anstieg der Radon-
konzentration auf Werte > 250 Bq/m³ zu verzeichnen. Der Mittelwert über alle Messungen liegt bei
165 Bq/m³.

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Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Die Entwicklung der Radonkonzentration ist für diesen Messpunkt in Abbildung 13 gegeben.
Abb. 13:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 1 Bauteil 2
Die Schwankungsbreite liegt bei Werten von 20 bis 540 Bq/m³. Der Maximalwert der Radonkonzent-
ration im Winterhalbjahr 2008/2009 ist vermutlich auf Leckagen im bautechnischen Radonschutz zu-
rückzuführen, die einen konvektiven Radonzufluss in das Objekt begünstigen. Entsprechende Kont-
rollmessungen sind für das Winterhalbjahr 2009/2010 eingeplant.
An der Messstelle 2 im Bauteil 2 zeigt sich im Gegensatz eine gleichbleibende Radonkonzentration
von durchschnittlich 170 Bq/m³. Der Messpunkt zeigt eine geringe Schwankungsbreite zwischen 91
und 250 Bq/m³.
Abb. 14:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 2 Bauteil 2

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Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
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Betrachtet man die Messpunkte im Bauteil 3 so zeigen sich gegensätzliche Befunde. Der Messpunkt
1 weist einen Anstieg der Radonkonzentration auf.
Der Extremwert von 1.200 Bq/m³ ist auf bauliche Veränderung im Bereich des Abluftkanals zurückzu-
führen. Der Mittelwert im gesamten Untersuchungszeitraum liegt bei 376 B/m³ und übersteigt seit
dem Winterhalbjahr 2003/2004 den Zielwert von 250 Bq/m³.
Abb. 15:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 1 Bauteil 3
Für den Messpunkt 2 im Bauteil 3 ist eine Senkung der Radonkonzentration im Untersuchungszeit-
raum festzustellen. Der Mittelwert liegt mit 187 Bq/m³ weit unter dem zu erreichenden Zielwert.
Abb. 16:
Radonkonzentrationsverhältnisse - Messpunkt 2 Bauteil 3

Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 95
Zusammenfassung
Aus den einzelnen Messkurven wird insgesamt deutlich:
1. Generell sind die Radonkonzentrationen für die Messungen im Winterzeitraum (September
bis Januar) höher als die Werte im Sommerhalbjahr (Februar bis August).
2. Es gibt in den Messreihen Ausreißer mit Werten weit über dem Durchschnittswert.
3. Überwiegend zeigt sich eine langfristige Erhöhung der Radonkonzentration mit zunehmen-
dem Alter der Bauteile.
4. Zurzeit liegen vier genutzte Objekte über den Zielwert von 250 Bq/m³.
Die nachfolgende Tabelle (Tab. 1) gibt eine Überblick über die Mittelwerte der Radonkonzentration in
die derzeitigen Nutzungsbindungen in den Objekten.
Tab. 1:
Tabelle Übersicht der mittleren Radonkonzentration im Untersuchungszeitraum
Expositionsort
Mittelwert der
Radonkonzentration
1996 bis 2009
derzeitig
in Nutzung
Radonkonzentration über
Zielwert von 250 Bq/m³
Bauteil 1
117
ja
nein
Bauteil 1
418
ja
ja
Bauteil 2
165
ja
nein
Bauteil 2
172
ja
nein
Bauteil 3
367
ja
ja
Bauteil 3
187
ja
nein
Bauteil 4
345
ja
ja
Bauteil 4
201
nein
nein
Bauteil 5
572
ja
ja
Bauteil 5
483
ja
ja
Bauteil 6
160
nein
nein
Bauteil 6
57
ja
nein
Innenhof
41
ja
nein
Bauteil 7
405
nein
ja
Bauteil 7
626
nein
ja
4 Schlussfolgerungen
Die in Abbildung 17 erarbeitete Übersicht dokumentiert die Einordnung der Langzeit-Messdaten.
Insgesamt zeigen, im Bereich der genutzten Objekte, vier Messpunkte Radonkonzentrationen > 250
Bq/m³. Der Mittelwert der Radonkonzentration im Bereich der genutzten Räume der Marktpassage
liegt aktuell (Sommer 2009) bei rund 220 Bq/m³.
Die nunmehr über 13 Jahre erfolgten Einzelmessungen (in zwei Halbjahresmessungen) in den Objek-
ten prüfen, ob der Zielwert (250 Bq/m³) noch erreicht wird.

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Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
Zudem liefern diese kontinuierlichen Messreihen eine Aussage zur Belastungssituation und es kön-
nen Schlussfolgerungen bzw. Maßnahme abgeleitet werden um die Radonkonzentration auf den ein-
zuhaltenden Zielwert zu begrenzen.
Die Entwicklung der Belastungssituation über die Jahre ab 1996 bis 2009 lässt in einigen Bauteilen
vermuten, dass der ehemalige bautechnische Radonschutz zum Teil, aufgrund von Alterungserschei-
nungen bzw. aufgrund der Objektnutzung, Leckagen aufweist und/oder die Radondrainage gestört ist
und somit einen tendenziellen Anstieg der Radonkonzentration bedingen.
Insbesondere müssen die Zuluftöffnungen dauerhaft funktionstüchtig gehalten werden. Die Radon-
schlote müssen immer bis über Dach geführt werden.
Bisherige Reparaturen, insbesondere die Beseitigung von Verstopfungen im Bereich der Freiluftzu-
führung und der Abführungen zeigen danach eine eintretende Senkung der Radonbelastung.
Aufgrund des allgemeinen Anstiegs der Radonkonzentrationen wird die Kontrolle der Funktionstüch-
tigkeit der Radondrainage empfohlen. Es ist eine grundlegende Prüfung der Funktionalität des Drai-
nagesystems sowie des bautechnischen Radonschutzes (Dichtheit der erdberührten Bauteile) und
eine weitere regelmäßige Kontrolle einzuplanen.
Nach Vornahme der bauseitigen Kontrolle und bei Bedarf einzuordnender Reparaturen zur Wieder-
herstellung des Radonschutzes müssen die folgenden Messungen die Effekte prüfen.
Um eine weitere Senkung der Radonbelastung (Zielwertfestlegung) zu erreichen, ist eine Aktivierung
der Frischwetterzufuhr durch technische Maßnahmen, wie zum Beispiel der Einbau von Rohrlüftern,
insbesondere zum Vermeiden der hohen Belastungen im Winterhalbjahr zu prüfen.
In Abbildung 17 werden aus den Schlussfolgerungen generelle Aussagen für Gebäude mit Radon-
schutz abgeleitet.
Abb. 17:
Zwangspunkte für die Kontrolle und Erhaltung des Radonschutzes in Gebäuden

Gertraud Grundmann
Bernd Leißring
Dresden, 29. Sept. 2009
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Seite 97
5 Literaturverzeichnis
[1] Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landesentwicklung: Strahlenschutzgenehmigung
für die Errichtung eines Einkaufszentrums in Schlema.- März 1992
[2] Radonberatungsstelle Schlema: Radonschutz beim Neubau Marktpassage Schlema - Ab-
schlussbericht Projektierung des Radonschutzes und messtechnische Betreuung während der
Bauphase (1993).- Juli 1993
[3] GEOPRAX Bergtechnisches Ingenieurbüro: Gutachten zur radiologischen Messungen im Bereich
der Marktpassage Schlema.- 1996 bis 2009

Langzeitkontrolle der Radonkonzentration im Einkaufszentrum Schlema
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Referentenverzeichnis
Dresden, 29.Sept. 2009
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Referentenverzeichnis
Dr. Jürgen Staupe
Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft
Staatssekretär
D-01097 Dresden, Archivstraße 1
www.smul.sachsen.de
email: Poststelle@smul.sachsen.de
Prof. Dr.-Ing. Hannes Neumann
Rektor der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
D-01069 Dresden, Friedrich-List-Platz 1
Telefon: 0351 / 462 - 31 01 Telefax: 0351 / 462 - 21 85
www.htw-dresden.de/hs/rektorat.html
email: rektor@htw-dresden.de
Prof. Dr.-Ing. Walter-Reinhold Uhlig
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
und Vorstandsvorsitzender KORA e.V.
D-01069 Dresden, Friedrich-List-Platz 1
Telefon: 0351 / 462 - 2440, Telefax: 0351 / 462 - 2172
www.bau.htw-dresden.de
email: dresden@koraev.de
Prof. Dr. phil. et. rer. nat. habil. Rüdiger von der Weth
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
D-01069 Dresden, Friedrich-List-Platz 1
Telefon: 0351 / 462 - 2454, Telefax: 0351 / 462 - 2445
www.htw-dresden.de/wiwi
email: weth@wiwi.htw-dresden.de
Martha Gruson
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Bundesamt für Gesundheit (BAG), Sektion Radiologische Risiken
CH-3003 Bern, Schweiz
Büro: Schwarzenburgstr. 165 3097 Liebefeld
Telefon: 031 / 324 - 61 83, Telefax. 031 / 322 - 83 83
www.ch-radon.ch
e-mail: martha.gruson@bag.admin.ch
Frieder Stimpel
Bürgermeister der Stadt Schneeberg
Stadtverwaltung Schneeberg
D-08289 Schneeberg, Markt 1
Telefon: 03772 / 356 - 201, Telefax. 03772 / 356 - 261
www.schneeberg.de
e-mail: info@schneeberg.de
Dr. rer. nat. Andreas Guhr
ALTRAC Radon-Messtechnik
D-12524 Berlin, Dorothea-Viehmann-Straße 28
Telefon: 030 / 679 897 37, Telefax: 030 / 678 018 86
www.altrac.de
email: Guhr.ALTRAC@t-online.de
Philipp Stephan
Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium Schneeberg
D-08289 Schneeberg, Dr.-Köhler-Platz 2
email: pstephan@gmx.net
Dr. rer. nat. Jürgen Conrady
PreCura Institut für Präventive Medizin e.V. (Vorsitzender)
D-12623 Berlin, Kastanienallee 6a
Telefon: 030 / 927 996 34, Telefax: 03772 / 329 539
www.precura.de
email: precura-conrady@online.de

Referentenverzeichnis
Seite 100
3. Sächsischer Radontag - 5. Tagung Radonsicheres Bauen
Dresden, 29. Sept. 2009
Dr. Ludger Giesberts
DLA Piper UK LLP
Rechtsanwalt und Partner
D-50672 Köln, Hohenzollernring 72
Telefon: 0221 / 277277 - 351, Telefax: 0221 / 277277 – 80
www.dlapiper.com
e-mail: ludger.giesberts@dlapiper.com
Dr.-Ing. Antje Eichler
Deutsches Institut für Bautechnik
Abteilung II Referat 4
D-10829 Berlin, Kolonnenstraße 30 L
Telefon: 030 / 78730 - 274
www.dibt.de
e-mail: aei@dibt.de
Dr. Joachim Kemski
Ö.b.u.v. Sachverständiger für Radon
D-53121 Bonn, Kemski & Partner, Euskirchener Str. 54
Telefon: 0228 / 96292 - 41 Telefax. 0228 / 96292 - 50
www.kemski-bonn.de,
www.radon-info.de e-mail: kemski@kemski-bonn.de
Dr. Ralf Klingel
Ö.b.u.v. Sachverständiger für Radon
D-53121 Bonn, Kemski & Partner, Euskirchener Str. 54
Telefon: 0228 / 96292 - 42 Telefax. 0228 / 96292 – 50
www.kemski-bonn.de,
www.radon-info.de e-mail: klingel@kemski-bonn.de
Dipl.- Ing. Dietmar Herklotz
Energieberater - Gutachter – dena - Berater Ost - Dozent
D-01705 Freital, Burgwartstraße 138 b
Telefon: 0351 / 6500122
www.rebus-regio.de
e-mail: DietmarHerklotz@gmx.de
Prof. h.c. Dr. rer.nat. habil Bernd Leißring
Bergtechnisches Ingenieurbüro GEOPRAX
D-09114 Chemnitz, Max-Planck-Str. 18
Telefon: 0371 / 336 – 2788 Telefax: 0371 / 336 - 2789
www.geoprax-leissring.de
email: bernd@leissring.de

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Herausgeber KORA e.V.
Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung zum Radonsicheren Bauen und Sanieren
c/o HTW Dresden, Friedrich-List-Platz 1, 01069 Dresden
Telefon: 0351/4622400, Telefax: 0351/4622172
www.koraev.de,
email: dresden@koraev.de
Dresden 2009
Redaktionelle Bearbeitung: M.Sc. Ronny Sachse
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