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Zweiter Sächsischer
Landespsychiatrieplan

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Vorwort
Seit dem Erscheinen des Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplans im Jahr 1993 sind
inzwischen fast 20 Jahre vergangen. Dieser Plan stand im Zeichen des Umbaus der zur
Neugründung des Freistaates Sachsen vorgefundenen psychiatrischen Landschaft. Vieles
hat sich in dieser Zeit verändert.
Im Jahr 1990 konzentrierten sich an acht großen Fachkrankenhäusern, den damaligen
Bezirkskrankenhäusern für Psychiatrie und Neurologie, 90% der psychiatrischen Behand-
lungskapazitäten. Die zumeist überfüllten Einrichtungen befanden sich nahezu aus-
nahmslos in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Die Versorgung chronisch psy-
chisch kranker Menschen erfolgte fast ausschließlich in den sogenannten Langzeit-
bereichen dieser Krankenhäuser, deren Größe zuletzt bis auf 3.700 Plätze angewachsen
war. Durch die ländliche Lage der Krankenhäuser und die Vernachlässigung der Langzeit-
bereiche wurde die Rehabilitation und gesellschaftliche Wiedereingliederung der Betrof-
fenen extrem erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.
Inzwischen zeigt sich ein deutlich verändertes Bild: Für die Krankenhausversorgung
stehen neben den Landeskrankenhäusern über den gesamten Freistaat verteilt Abteilun-
gen für Allgemeinpsychiatrie sowie an verschiedenen Standorten Abteilungen für Kinder-
und Jugendpsychiatrie zur Verfügung. Teilstationäre Behandlungsplätze in Tageskliniken
– zumeist ergänzt durch eine Institutsambulanz – schlagen eine Brücke zwischen statio-
närer Psychiatrie und „Außenwelt“.
Parallel dazu erfolgte der Ausbau eines differenzierten Systems der komplementären
psychiatrischen Versorgung. Im Bereich Wohnen stehen in über 40 Wohnstätten mehr
als 1.350 Plätze zur Verfügung, die durch derzeit über 400 Plätze in Außenwohngruppen
ergänzt werden. Durch die Arbeit der Sozialpsychiatrischen Dienste und Kontakt- und
Beratungsstellen sowie das flächendeckend etablierte Angebot des betreuten Wohnens
wird der Grundsatz ambulant vor stationär verwirklicht, so dass stationäres Wohnen erst
als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen wird.
Ermöglicht wurde dieser tiefgreifende Wandel einerseits durch die Etablierung einer
breitgefächerten Vielfalt von Trägern, die mit viel Engagement Verantwortung auf dem
Gebiet der psychiatrischen Versorgung übernommen haben. Andererseits war die finanzi-
elle Förderung durch den Freistaat Sachsen unverzichtbar für die Um- und Neustruktu-
rierung des gesamten Fachgebietes Psychiatrie. So hat die Staatsregierung seit 1990 rund
500 Millionen Euro in die Sanierung der ehemaligen Großkrankenhäuser und die Neu-
gründung von psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern investiert. Für
den Aufbau der komplementären psychiatrischen Versorgung wurde eine Fördersumme
von über 100 Millionen Euro ausgereicht. Zusätzlich wird die Arbeit der gemeindepsychi-
atrischen Verbunde jährlich mit mehr als 3 Millionen Euro unterstützt.
Der Aufbau einer modernen Standards genügenden psychiatrischen Versorgungsland-
schaft ist damit weitestgehend abgeschlossen. Die baulichen Gegebenheiten stellen
jedoch gewissermaßen erst das äußere Gerüst dar. Der vorliegende Zweite Sächsische
Landespsychiatrieplan gibt das Rahmenkonzept für die Ausgestaltung und Weiterent-
wicklung der psychiatrischen Versorgung für die nächsten Jahren vor.

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Als Schwerpunkte sind in diesem Zusammenhang neben der Konsolidierung des erreich-
ten Niveaus der komplementären psychiatrischen Versorgung vor allem die Sicherung
der ambulanten fachärztlichen Betreuung und die Vernetzung der Hilfestrukturen zu
sehen. Besonderes Gewicht liegt auch auf einer Verbesserung der kinder- und jugend-
psychiatrischen Versorgung und – ein Thema, das ständig an Bedeutung zunimmt – auf
der bedarfsgerechten Behandlung und Versorgung älterer psychisch kranker Menschen.
Der im letzten Jahrzehnt begonnene Paradigmenwechsel vom institutionszentrierten
zum personenzentrierten Ansatz ist auf der Grundlage einer noch verbindlicheren Ver-
zahnung der Hilfsangebote über die Grenzen der Leistungserbringer und die Zuständig-
keiten der Leistungsträger hinweg konsequent weiterzuführen.
Die Förderung der psychischen Gesundheit sowie die Prävention psychischer Erkrankun-
gen müssen als Querschnittsaufgabe verstärkt Inhalt politischer Aktivitäten in verschie-
denen gesellschaftlichen Bereichen werden. Ihr Stellenwert ergibt sich aus der hohen
Häufigkeit psychischer Störungen sowie den daraus resultierenden gravierenden persön-
lichen und gesamtgesellschaftlichen Folgen. Der Zweite Sächsische Landespsychiatrie-
plan soll mit seinen Orientierungen und Zielsetzungen dazu beitragen, die notwendigen
Finanzmittel für die Ausgestaltung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versor-
gungslandschaft in ein angemessenes Verhältnis zu den berechtigten Ansprüchen
psychisch kranker Menschen auf Heilung und Linderung sowie Teilhabe am sozialen
Leben zu setzen, wobei als Maßstab die Versorgung und Integration schwer Erkrankter zu
wählen ist. Der Freistaat Sachsen wird auch in Zukunft im Rahmen seiner finanziellen
Möglichkeiten seinen Beitrag dazu leisten.
Der erste Entwurf des Zweiten Sächsischen Landespsychiatrieplans wurde von der AG
Psychiatrische Versorgungsforschung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie des Universitätsklinikums Dresden unter Leitung von Herrn Dr.
Schützwohl erstellt und in zahlreichen Sitzungen mit dem ehrenamtlich tätigen Landes-
beirat Psychiatrie unter Vorsitz von Herrn Prof. Kallert, Leipzig, und seinem Vorgänger,
Herrn Prof. Waldmann, Plauen, abgestimmt. Für das außergewöhnlich große Engage-
ment, ohne das der Psychiatrieplan in der vorliegenden Form nicht zustande gekommen
wäre, spreche ich allen Beteiligten meinen außerordentlich Dank, meine Anerkennung
und meinen Respekt aus. Den Verbänden der Fachöffentlichkeit, der Liga der Spitzenver-
bände der freien Wohlfahrtspflege, den betroffenen Sozialleistungsträgern und den
kommunalen Spitzenverbänden, die im Rahmen der externen Anhörung zum Arbeitsent-
wurf mit kritischen Anmerkungen, Anregungen und Ergänzungen Einfluss auf den Lan-
despsychiatrieplan genommen haben, danke ich ebenfalls herzlich.
Dresden, Juni 2011
Christine Clauß
Staatsministerin für Soziales
und Verbraucherschutz

Landespsychiatrieplan
Inhaltsverzeichnis
| 5
INHALTSVERZEICHNIS
A
GRUNDLAGEN................................................................................................................... 8
1
Einleitung .................................................................................................................................. 9
1.1
Geltungsbereich und Aufbau ..................................................................................................................... 9
1.2
Entstehung und Verlauf psychischer Störungen ................................................................................ 10
1.3
Häufigkeit psychischer Störungen im Freistaat Sachsen ................................................................. 10
1.4
Bedeutung und Auswirkungen psychischer Störungen .................................................................... 12
1.5
Vorgaben und Rahmenbedingungen ..................................................................................................... 13
1.6
Die Entwicklung seit dem Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan ......................................... 14
1.7
Fortschreibung und Weiterentwicklung ............................................................................................... 16
2
Grundprinzipien ...................................................................................................................... 18
B
FÖRDERUNG PSYCHISCHER GESUNDHEIT, PRÄVENTION PSYCHISCHER STÖRUNGEN UND
VERSORGUNG VON MENSCHEN MIT PSYCHISCHEN STÖRUNGEN IM FREISTAAT SACHSEN ......... 26
3
Förderung der psychischen Gesundheit und Prävention ..................................................... 27
3.1
Förderung der psychischen Gesundheit ................................................................................................ 27
3.2
Prävention .................................................................................................................................................... 28
3.3
Suizidprävention ......................................................................................................................................... 30
4
Grundversorgung psychisch erkrankter Erwachsener .......................................................... 32
4.1
Gemeindepsychiatrischer Verbund - Vernetzung ............................................................................... 32
4.2
Ambulante medizinische Versorgung .................................................................................................... 34
4.2.1
Hausärzte
...................................................................................................................................................... 34
4.2.2
Niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzte für
Psychiatrie und Neurologie, Fachärzte für Psychosomatische Medizin und
Psychotherapie („Fachärzte“) ................................................................................................................... 35
4.2.3
Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten ............................................................................. 36
4.2.4
Medizinische Versorgungszentren.......................................................................................................... 37
4.2.5
Psychiatrische Institutsambulanzen ...................................................................................................... 38
4.2.6
Sozialpsychiatrische Dienste ................................................................................................................... 39
4.2.7
Krisenintervention ...................................................................................................................................... 40
4.2.8
Versorgung im häuslichen Umfeld („Home-Treatment“) .................................................................. 41
4.2.9
Ambulante
Pflege für psychisch kranke Menschen ........................................................................... 42
4.2.10
Soziotherapie ............................................................................................................................................... 42
4.2.11
Psychiatrische Ergotherapie ..................................................................................................................... 43
4.3
Krankenhausversorgung ............................................................................................................................ 44
4.3.1
Teilstationäre Versorgung ......................................................................................................................... 44
4.3.1.1
Tageskliniken ................................................................................................................................................ 44
4.3.1.2
Nachtklinische Angebote .......................................................................................................................... 44
4.3.2
Stationäre Versorgung............................................................................................................................... 45

Landespsychiatrieplan
Inhaltsverzeichnis
6 |
4.4
Rehabilitation und Arbeitsangebote ...................................................................................................... 47
4.4.1
Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke und behinderte Menschen ........................ 47
4.4.2
Integrationsprojekte und Zuverdienstfirmen für psychisch kranke Menschen ........................... 47
4.4.3
Werkstätten für behinderte Menschen ................................................................................................. 48
4.4.4
Integrationsfachdienste ............................................................................................................................ 49
4.4.5
Berufsbildungswerke.................................................................................................................................. 50
4.4.6
Berufsförderungswerke ............................................................................................................................. 51
4.4.7
Berufstrainingszentren .............................................................................................................................. 52
4.5
Tagesstrukturierung ................................................................................................................................... 52
4.5.1
Sozialtherapeutische Tagesstätten ........................................................................................................ 52
4.5.2
Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen .................................................................................... 53
4.6
Wohnen ......................................................................................................................................................... 54
4.6.1
Sozialtherapeutische Wohnstätten ........................................................................................................ 55
4.6.2
Sozialtherapeutische Außenwohngruppen .......................................................................................... 57
4.6.3
Ambulant betreutes Wohnen .................................................................................................................. 58
4.6.4
Betreutes Wohnen in Familien ................................................................................................................ 58
4.7
Angehörigenarbeit ...................................................................................................................................... 59
4.8
Selbsthilfegruppen ..................................................................................................................................... 60
4.9
Bürgerschaftliches Engagement ............................................................................................................. 61
5
Versorgung
psychisch erkrankter Minderjähriger ................................................................ 63
5.1
Ambulante Versorgung.............................................................................................................................. 63
5.1.1
Niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin ........................................................... 63
5.1.2
Niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ............. 64
5.1.3
Institutsambulanzen für Kinder- und Jugendpsychiatrie ................................................................. 65
5.1.4
Kinder- und Jugendpsychiater im Öffentlichen Gesundheitsdienst .............................................. 66
5.1.5
Sozialpädiatrische Zentren ....................................................................................................................... 67
5.1.6
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
....................................................................................
67
5.1.7
Kinder- und Jugendhilfe ........................................................................................................................... 68
5.1.8
Weitere Rehabilitations- und Sozialhilfeträger .................................................................................. 70
5.2
Stationäre und teilstationäre Versorgung von psychisch kranken Minderjährigen .................. 70
5.3
Maßregelvollzugsbehandlung bei Minderjährigen bzw. Heranwachsenden ............................... 71
5.4
Versorgung von Minderjährigen mit Substanzstörungen ................................................................ 72
6
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen ..................................................... 74
6.1
Angehörige ................................................................................................................................................... 74
6.2
Hausärzte ...................................................................................................................................................... 75
6.3
Niedergelassene Fachärzte und Psychotherapeuten ......................................................................... 75
6.4
Ambulante Pflegedienste .......................................................................................................................... 76
6.5
Gerontopsychiatrische Tagespflegestätten .......................................................................................... 77
6.6
Kurzzeitpflege .............................................................................................................................................. 78
6.7
Psychiatrische Institutsambulanzen ...................................................................................................... 78
6.8
Krankenhaus ................................................................................................................................................ 79

Landespsychiatrieplan
Inhaltsverzeichnis
| 7
6.9
Tageskliniken ................................................................................................................................................ 80
6.10
Stationäre Einrichtungen der Altenhilfe ............................................................................................... 80
6.11
Einrichtungen für Beratung, Begleitung und Tagesstrukturierung (BBT) ..................................... 81
6.12
Vernetzung gerontopsychiatrischer Angebotsformen ....................................................................... 81
7
Versorgung suchtkranker Menschen ..................................................................................... 83
8
Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen ................................................................ 84
9
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen ............................................................ 86
9.1
Akutbehandlung .......................................................................................................................................... 87
9.2
Rehabilitation .............................................................................................................................................. 88
10
Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Intelligenzminderung ............................ 90
11
Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund .......................... 93
12
Forensisch-psychiatrische Versorgung .................................................................................. 95
12.1
Maßregelvollzugseinrichtungen ............................................................................................................. 95
12.2
Forensisch-psychiatrische Nachsorge ................................................................................................... 97
C
UMSETZUNG .................................................................................................................. 99
13
Maßnahmen zur Umsetzung ............................................................................................... 100
13.1
Qualitätsplanung ..................................................................................................................................... 100
13.2
Qualitätslenkung...................................................................................................................................... 100
13.3
Qualitätssicherung .................................................................................................................................. 101
13.4
Qualitätsverbesserung
............................................................................................................................ 102
Literaturverzeichnis ..................................................................................................................... 103
Glossar .......................................................................................................................................... 104
Anhang ......................................................................................................................................... 105
1. Sozialrechtliche Begrifflichkeiten und Grundlagen und deren Vernetzung
2. Übersichtskarten

Entwurf Landespsychiatrieplan
8 |
A Grundlagen

Landespsychiatrieplan
Einleitung
| 9
1
Einleitung
1.1
Geltungsbereich und Aufbau
Der Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen kommt ein hoher Stellenwert zu.
Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um die Versorgung von Menschen mit akuten Stö-
rungen mit leicht ausgeprägter Symptomatik und geringen Funktionsbeeinträchtigungen
handelt oder um die Versorgung chronifizierter Störungen mit schwer ausgeprägter Sympto-
matik und deutlichen Funktionsbeeinträchtigungen. Eine bedarfsgerechte und modernen
fachlichen Standards entsprechende Basisversorgung für die Gesamtbevölkerung umfasst
sowohl hausärztliche, psychiatrische, psychosomatische, psychotherapeutische und psycho-
logische Kompetenz als auch komplementäre Hilfsangebote. Die besondere Fürsorgepflicht
des Staates gilt psychisch kranken und psychisch behinderten Menschen mit erheblichen
Beeinträchtigungen der Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten sowie Handlungsmög-
lichkeiten, die zu tiefen Störungen des persönlichen Lebensvollzugs und aller Beziehungen
in der natürlichen Umwelt führen können. Als Qualitätsmaßstab des Landespsychiatrieplans
ist folglich vor allem die Situation der Menschen definiert, die psychiatrische Hilfen benötigen
und vom psychiatrischen Hilfesystem versorgt werden müssen.
Gliederung und Umfang der folgenden Ausführungen werden ganz wesentlich durch dieses
Primat bestimmt. In Ergänzung zu den entsprechenden Ausführungen zur Grundversorgung
von psychisch erkrankten Erwachsenen (Kapitel 4) wird vor allem die Versorgung von psy-
chisch erkrankten Minderjährigen (Kapitel 5) sowie von gerontopsychiatrisch erkrankten
Menschen (Kapitel 6) beleuchtet. Die Versorgung von suchtkranken Menschen wird nur kurz
angerissen (Kapitel 7); hierzu wird derzeit der Landessuchthilfeplan erarbeitet. Kapitel 8
widmet sich der Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen, Kapitel 9 der Versorgung
von psychosomatisch erkrankten Patienten, Kapitel 10 psychisch erkrankten Menschen mit
Intelligenzminderung, Kapitel 11 der Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund
und Kapitel 12 der forensisch-psychiatrischen Versorgung. Im abschließenden Kapitel 13
werden Möglichkeiten, Maßnahmen und Mittel zur Umsetzung und Qualitätssicherung disku-
tiert.
In einleitenden Kapiteln werden zunächst jedoch Hintergrundvariablen geschildert, die für die
Planung und Gestaltung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung bedeutsam
sind. Hierzu zählen Informationen zur Entstehung und zum Verlauf psychischer Störungen
(Kapitel 1.2), zur Häufigkeit psychischer Störungen (Kapitel 1.3), zur gesamt-
gesellschaftlichen Relevanz der Thematik (Kapitel 1.4) sowie zu rechtlichen Vorgaben und
Rahmenbedingungen (Kapitel 1.5). Die Entwicklungen seit dem Ersten Sächsischen Lan-
despsychiatrieplan werden in Kapitel 1.6 aufgezeigt und die Notwendigkeit der Fortschrei-
bung und Weiterentwicklung in Kapitel 1.7.

Landespsychiatrieplan
Einleitung
10 |
1.2
Entstehung und Verlauf psychischer Störungen
Für die meisten psychischen Störungen wird derzeit davon ausgegangen, dass deren Ent-
wicklung das Ergebnis komplexer Interaktionen zwischen biologischen, psychologischen und
sozialen Variablen ist, deren Bedeutung in der Auslösung und Aufrechterhaltung psychischer
Störungen ganz unterschiedlich, bidirektional sowie kontextabhängig sein kann. Man arbeitet
gegenwärtig theoretisch im Allgemeinen mit dem so genannten Vulnerabilitäts-Stress-Modell
psychischer Störungen, das als schulenübergreifendes integratives Modell verstanden wer-
den kann. Nach diesem Modell führt Vulnerabilität (=Verletzbarkeit), die sowohl biologischer
Art (z. B. in Form von genetischen Belastungsdispositionen) als auch sozialer Art (z. B. in
Form von nachteiligen Lebens- und Entwicklungsbedingungen) sein kann, für sich genom-
men nicht zur Störung. Es ist vielmehr erforderlich, dass Stress hinzukommt, das heißt, dass
Anpassungen an Anforderungssituationen erforderlich sind, die etwa in Form von kritischen
Lebensereignissen oder Belastungssituationen auftreten können. Dabei ist die Bedeutung
bestimmter Stressfaktoren oder das Ausmaß der Stressbelastungen von vielen Faktoren
abhängig, so zum Beispiel von entwicklungsbezogenen Faktoren wie Bindung und Leis-
tungskompetenz oder auch von psychologischen Faktoren wie dysfunktionalen Kognitionen
oder dem Ausmaß erlebter sozialer Unterstützung.
Das Wissen um die Faktoren, die den weiteren Störungsverlauf und damit auch dessen aku-
te Folgen (z. B. Arbeitsunfähigkeit, Hilflosigkeit) und langfristige Folgen (z. B. Minderung der
Erwerbsfähigkeit, seelische Behinderung) bestimmen, ist noch immer sehr gering. Es wird
auch hier davon ausgegangen, dass die Interaktion von biologischen, psychologischen und
sozialen Variablen von entscheidender Bedeutung ist.
Für die im Landespsychiatrieplan skizzierten Aufgaben ergibt sich daraus die Forderung
nach einem umfassenden multimodalen und multimethodalen interdisziplinären Ansatz. Die
Kooperation von psychiatrisch-psychotherapeutischem Versorgungssystem und sozialen
Hilfesystemen im Rahmen der Versorgung psychisch erkrankter Menschen ist ebenso von
großer Bedeutung wie die Implementierung von Maßnahmen zur Förderung psychischer
Gesundheit sowie zur Prävention psychischer Störungen.
1.3
Häufigkeit psychischer Störungen im Freistaat Sachsen
Untersuchungen zur Häufigkeit psychischer Störungen im Freistaat Sachsen liegen nicht vor.
Es scheint aber zulässig, die entsprechenden Schätzungen aus Studien zur Häufigkeit psy-
chischer Störungen in Deutschland abzuleiten; hierauf weisen zumindest Studien hin, die
einen Vergleich zwischen den östlichen und den westlichen Bundesländern vornehmen
1
I
.
I
Die arabischen Ziffern verweisen auf das Literaturverzeichnis

Landespsychiatrieplan
Einleitung
| 11
Für die Population der 18- bis 65-Jährigen wurden auf der Basis der im Bundesgesundheits-
survey (BGS98) erhobenen Daten 12-Monatsprävalenzraten für das Vorliegen mindestens
einer psychischen Störung von über 30 % berichtet
2
; demnach erfüllten in einem Zeitraum
von 12 Monaten vor der Untersuchung drei von zehn befragten Bundesbürgern die im DSM-
IV (Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen) definierten Kriterien
einer psychischen Störung. Dabei erwies sich die Komorbidität unter einzelnen psychischen
Störungen und mit körperlichen Erkrankungen als bemerkenswert hoch. Angststörungen
zählten mit 12-Monatsprävalenzraten von knapp 15 % zu den häufigsten psychischen Er-
krankungen, aber auch Depressionen mit ca. 9 % und Schmerzstörungen mit ca. 7 % waren
relativ häufig; an einer psychotischen Störung erkrankten dagegen in einem Jahr mit etwa
2 % deutlich weniger Menschen.
Die Übertragung dieser im BGS98 erhobenen Prävalenzraten lässt erwarten, dass im Frei-
staat Sachsen in einem Zeitfenster von 12 Monaten allein in der Alterspopulation der 18- bis
65-Jährigen über 800.000 Menschen die DSM-IV-Kriterien mindestens einer psychischen
Störung erfüllen; an einer psychotischen Störung wären demnach knapp über 50.000 Men-
schen erkrankt.
Im BGS98 ließ sich aus retrospektiven Befragungen ableiten, dass die meisten Störungen
erstmals in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter auftreten, wobei im Durchschnitt
Depressionen und Schizophrenien später beginnen als etwa Angststörungen oder Sub-
stanzerkrankungen. Im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) zeigten sich ca.
12 % der 3- bis 17-jährigen Mädchen und ca. 18 % der altersgleichen Jungen als auffällig
oder mindestens grenzwertig auffällig
3
. Für den Freistaat Sachsen heißt das, dass nach dem
im KiGGS angewandten Bewertungsmaßstab aktuell mit Punktprävalenzraten von ca.
40.000 auffälligen und 40.000 grenzwertig auffälligen Kindern und Jugendlichen gerechnet
werden muss.
Am häufigsten fanden sich im KiGGS Verhaltensauffälligkeiten und Schwierigkeiten im Um-
gang mit Gleichaltrigen; ein signifikanter Anteil der befragten Kinder und Jugendlichen erwies
sich aber auch als emotional auffällig und litt unter Ängsten oder depressiven Ver-
stimmungen. Die psychischen Auffälligkeiten gingen dabei mit einer deutlichen Beeinträchti-
gung der subjektiven Lebensqualität einher
4
. Aus den Ergebnissen lässt sich damit einerseits
ein hoher Versorgungsbedarf ableiten; sie betonen andererseits aber im Zusammenhang mit
Studien, die frühen Verhaltensauffälligkeiten einen hohen Stellenwert in der Entstehung psy-
chischer Störungen im Erwachsenenalter zuweisen, auch die Notwendigkeit, beginnenden
psychischen Problemen frühzeitig und präventiv zu begegnen.
Im Bereich der über 65-jährigen Bevölkerung rückten die demenziellen Erkrankungen in den
letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Betrachtung. Die vorliegenden epidemiologi-
schen Studien zeigen, dass die Prävalenz entsprechender Erkrankungen mit dem Alter an-
steigt, und zwar von ca. 0,8 % bei den 65- bis 69-Jährigen bis auf fast 30 % bei den über

Landespsychiatrieplan
Einleitung
12 |
90-Jährigen
5
. Damit ist auf der Basis der vom Landesamt für Statistik herausgegebenen Be-
völkerungsprognosen für den Freistaat Sachsen von ca. 75.000 Demenzerkrankungen im
Jahr 2010 und von ca. 100.000 Demenzerkrankungen im Jahr 2020 auszugehen.
Depressionen zählen neben den Demenzerkrankungen unter den über 65-Jährigen mit
Prävalenzraten von über 10 % zu den häufigsten psychischen Störungen, wobei Störungen
mit schwer ausgeprägter Symptomatik mit durchschnittlich ca. 1,8 % eher selten sind
6
. Die
Angaben zur Prävalenz von Angststörungen im Alter schwanken zwischen 4 % und 14 %
7
;
auch sie weisen auf einen hohen Versorgungsbedarf für die über 65-Jährigen hin. Insgesamt
wird davon ausgegangen, dass ca. 25 % dieser Alterspopulation an einer psychischen Stö-
rung leidet
8
. Im Freistaat Sachsen wären dies 2010 ca. 200.000 und 2020 ca. 275.000 Men-
schen.
Das Vorliegen einer psychischen Störung führt selbstverständlich nicht automatisch dazu,
dass die betroffenen Personen ein individuelles Behandlungsbedürfnis haben oder dass aus
professioneller Sicht ein Behandlungsbedarf besteht. Die berichteten Häufigkeiten lassen
aber dennoch einen hohen Handlungsbedarf erkennen, zumal Behandlungsbedürfnis und
Behandlungsbedarf auch dann vorliegen können, wenn die diagnostischen Kriterien einer
psychischen Störung nicht voll erfüllt sind.
Die berichteten und für den Freistaat Sachsen geschätzten Häufigkeiten liefern daher nur
einen groben Anhaltspunkt für Überlegungen zum notwendigen Umfang von spezifischen
Angeboten. Für die Planung regionaler Angebotsstrukturen ist zudem zu beachten, dass die
Häufigkeit psychischer Störungen in Übereinstimmung mit aktuellen ätiologischen Modellan-
nahmen von bestimmten Personenmerkmalen wie Geschlecht, Familienstand, Berufstätig-
keit, sozialer Schicht und Wohnort abhängig ist: In Übereinstimmung mit internationalen Be-
funden ist sie auch in Deutschland bei Frauen höher als bei Männern, bei ledigen oder ge-
trennt lebenden höher als bei verheirateten Personen, bei arbeitslosen oder berenteten Per-
sonen höher als bei in Vollzeit Berufstätigen, bei Angehörigen der unteren sozialen Schicht
höher als bei Angehörigen der mittleren oder oberen sozialen Schicht und in Großstädten
höher als in ländlichen Gebieten oder kleineren Gemeinden. Der Versorgungsbedarf kann
daher letztlich nur regional definiert werden, und es ist keineswegs möglich, diesen aus rei-
nen Einwohnerzahlen abzuleiten.
1.4
Bedeutung und Auswirkungen psychischer Störungen
Psychische Störungen sind in der Regel nicht nur mit einem massiven Leidensdruck verbun-
den, sondern auch mit erheblichen Einschränkungen der Funktionsfähigkeit und Arbeitspro-
duktivität, und zwar nicht nur im akuten Störungsstadium, sondern bei der Mehrzahl der Stö-
rungen über einen langen Zeitraum hinweg. Nach Berechnungen der WHO
9
leben über
16 Mio. Einwohner der entwickelten Länder aufgrund von Depressionen mit zumindest

Landespsychiatrieplan
Einleitung
| 13
mittelgradigen krankheitsbedingten Belastungen. Zudem finden sich - gemessen in «verlore-
nen Lebensjahren» („years lost due to disability“; YLD) oder auch in «behinderungsadjustier-
ten Lebensjahren» („disability adjusted life years“; DALY) - unter insgesamt 110 beurteilten
Ursachen Alkoholmissbrauch- oder -abhängigkeit, Demenzen sowie Drogenmissbrauch oder
-abhängigkeit unter den 10 Erkrankungen mit der größten Krankheitslast. Die Suizidraten
waren in den letzten Jahren im Freistaat Sachsen, wo seit vielen Jahrzehnten deutschland-
weit die höchsten Suizidzahlen zu beobachten sind, wie in den anderen Bundesländern rück-
läufig; dennoch ist die Zahl der Frauen und Männer, die sich das Leben nehmen, noch im-
mer beklagenswert groß.
Der Anteil der psychischen Störungen am Krankenstand hat sich in den letzten 20 Jahren
fast vervierfacht; sie nehmen inzwischen unter den Diagnosehauptgruppen den vierten Rang
ein. Mit Blick auf die Arbeitsunfähigkeit zählen sie zu den sechs wichtigsten Ursachen
10
.
Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht, dass die direkten und indirekten Kosten psychi-
scher Störungen enorm sind; nach einer aktuellen Schätzung betragen sie in Europa jährlich
ca. 290 Mrd. Euro, in der Bundesrepublik Deutschland liegen sie nach vorgelegten konserva-
tiven Schätzungen bei ca. 11 Mrd., im Freistaat Sachsen bei ca. 550 Mio.
11
.
Die Zahlen zeigen deutlich, dass von einer erheblichen individuellen Belastung und Beein-
trächtigung der psychisch erkrankten Menschen ebenso auszugehen ist wie von einer hohen
gesamtgesellschaftlichen Relevanz der Thematik. Der Förderung psychischer Gesundheit,
der Prävention psychischer Störungen und der qualitativ hochwertigen Behandlung und Ver-
sorgung psychisch erkrankter Menschen kommt damit ein nicht zu unterschätzender ge-
samtgesellschaftlicher Stellenwert zu.
1.5
Vorgaben und Rahmenbedingungen
Die Rahmenbedingungen der Versorgung von psychisch erkrankten Menschen sind, weitaus
stärker als in anderen medizinischen Bereichen, ganz wesentlich von rechtlichen und versi-
cherungsrechtlichen Voraussetzungen definiert. Das Versorgungssystem ist geprägt durch
Fragmentierung mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Leistungserbringern und Kostenträ-
gern. Ein Überblick sowie nähere Erläuterungen zu den sozialrechtlichen Begrifflichkeiten
und Grundlagen und deren Vernetzung finden sich in Anhang 1.
Die stationären medizinischen Versorgungseinrichtungen laufen unter der Trägerschaft von
Ländern, Kommunen und freigemeinnützigen oder privaten Anbietern. Für die Finanzierung
der zu erbringenden Leistungen sind die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen
zuständig, wobei Art und Umfang der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung
(GKV) im Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V) beschrieben und vom Gemeinsamen
Bundesausschuss (G-BA) konkretisiert werden. Für die Planung der stationären Versorgung
trägt der Freistaat Sachsen die Verantwortung, der den Krankenhausplan in enger Abstim-

Landespsychiatrieplan
Einleitung
14 |
mung und möglichst im Einvernehmen mit allen dem Krankenhausplanungsausschuss an-
gehörenden Mitgliedern (z. B. Vertreter der Krankenhausgesellschaft Sachsen e. V., der
Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen oder der Landesärzte-
kammer) erstellt.
Die verschiedenen ambulanten medizinischen Versorgungseinrichtungen werden unter ganz
unterschiedlicher Trägerschaft vorgehalten. Institutsambulanzen etwa arbeiten ebenso wie
die stationären Versorgungseinrichtungen unter der Trägerschaft von Ländern, Kommunen,
freigemeinnützigen oder privaten Anbietern, während die ambulanten Praxen von selbst-
ständigen Unternehmern angeboten werden. Für die Finanzierung der zu erbringenden Leis-
tungen sind hier wiederum die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen zuständig.
Die Sicherstellung der vertragsärztlichen und der psychotherapeutischen ambulanten Ver-
sorgung obliegt der KV Sachsen, über die das Sächsische Staatsministerium für Soziales
und Verbraucherschutz die Rechtsaufsicht wahrnimmt.
Die komplementären Versorgungsangebote werden in der Regel von den Wohlfahrtsverbän-
den, den Kommunen oder aber privaten Anbietern vorgehalten. Die Finanzierung erfolgt über
die Rentenversicherung, die Bundesanstalt für Arbeit oder über die Länder und Kommunen.
Für die überwiegend nach Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX) und Sozialgesetzbuch
Zwölftes Buch (SGB XII) zu erbringenden Leistungen sind im Freistaat Sachsen neben ande-
ren Rehabilitationsträgern als überörtlicher Sozialhilfeträger hauptsächlich der Kommunale
Sozialverband Sachsen (KSV Sachsen) für Personen von 18 bis 65 Jahren sowie die Land-
kreise und Kreisfreien Städte (örtliche Sozialhilfeträger) für Minderjährige und Personen über
65 Jahre zuständig. Die Leistungsträger schließen in diesem Zusammenhang auch Leis-
tungs-, Vergütungs- und Prüfungsvereinbarungen mit den Leistungserbringern ab. Der Be-
reich der komplementären Versorgung ist damit institutionell und rechtlich weitgehend vom
ambulanten und stationären medizinischen Bereich getrennt.
Die Fragmentierung führt nicht nur häufig zu einer Diskontinuität in der Versorgung psy-
chisch erkrankter Menschen, sondern macht auch die Planung und Steuerung der psychiat-
risch-psychotherapeutischen Versorgung zu einem schwierigen und komplexen Unterfangen.
Nähere Erläuterungen finden sich unter 4.1.
1.6
Die Entwicklung seit dem Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan
Die im 1993 herausgegebenen Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan definierten Ziel-
stellungen konnten in den letzten Jahren dank vielfältiger Anstrengungen in vielen Bereichen
umgesetzt werden.
Im Bereich der stationären medizinischen Versorgung ist das Ziel einer dezentralen und
regionalisierten psychiatrischen Krankenhausversorgung weitgehend erreicht. Dies ist vor
allem durch den Aus- und Aufbau psychiatrischer Abteilungen mit Vollversorgungsverpflich-

Landespsychiatrieplan
Einleitung
| 15
tung an Allgemeinkrankenhäusern erreicht worden. Die baulichen und Ausstattungsgege-
benheiten sind in aller Regel als sehr gut zu bewerten, und auch die ehemaligen Großkran-
kenhäuser haben nach umfangreichen baulichen Umgestaltungen und internen Umstruktu-
rierungen ihren Anstaltscharakter verloren; sie nehmen gleichberechtigt mit den psychiat-
risch-psychotherapeutischen Fachabteilungen an der Patientenversorgung teil.
Das Angebot an tagesklinischen Plätzen ist im Rahmen der Reformierung und Umstruk-
turierung der psychiatrischen Versorgung mit 377 Plätzen im Jahr 1993 und 755 Plätzen im
Jahr 2009 praktisch verdoppelt worden; teilstationäre Angebote werden von allen Fachkran-
kenhäusern und Fachabteilungen vorgehalten, wobei Tageskliniken zum Teil auch als „Satel-
liten“ an einem anderen Standort als dem der Klinik eingerichtet wurden.
Psychiatrische Fachkrankenhäuser und Fachabteilungen verfügen inzwischen auch über
Institutsambulanzen, was zu einer Verbesserung der ambulanten medizinischen Versorgung
ebenso beigetragen hat wie die Professionalisierung und der Ausbau der psychotherapeuti-
schen Versorgung.
Zu einem grundlegenden Bestandteil der ambulanten, gemeindenahen Versorgung haben
sich, der Zielsetzung im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan entsprechend, die Sozi-
alpsychiatrischen Dienste (SpDi) entwickelt. Deren Tätigkeitsfeld hat sich in den letzten Jah-
ren gewandelt, sodass neben der regelmäßigen Betreuung und Begleitung chronisch psy-
chisch erkrankter Menschen vor allem Aufgaben der Krisenintervention, der Beratung von
Familienangehörigen und sonstigen Bezugspersonen und die Vermittlung von Hilfen
die Tätigkeit bestimmen.
Das Angebot an komplementären Versorgungseinrichtungen ist in den Jahren nach 1993 in
allen Bereichen erheblich erweitert und gleichzeitig ausdifferenziert worden. Der Gesamt-
platzbedarf betreuter Wohnformen zum Beispiel gilt inzwischen ebenso als gedeckt wie der
Bedarf an Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation. Mit dem Programm BADO-K ist ein
Dokumentationssystem für den komplementären Bereich entwickelt und inzwischen prak-
tisch landesweit implementiert worden. Ergänzende Regelungen zu Inhalt, Form und Zweck
der verpflichtend vorgeschriebenen Psychiatrieberichterstattung sollen demnächst in das
Sächsische Gesetz über die Hilfen und die Unterbringung bei psychischen Krankheiten
(SächsPsychKG) aufgenommen werden. Selbsthilfegruppen und Angehörigengruppen ha-
ben sich in großer Anzahl etabliert, und entsprechend der Vorgaben im Ersten Sächsischen
Landespsychiatrieplan nehmen deren Vertreter an den Beratungen der Psychosozialen
Arbeitsgemeinschaften teil.
Das seit 1999 geltende Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten
und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (PsychThG) erleichtert den Zugang
von Patienten zur Psychotherapie und trägt damit zur verbesserten Versorgung von Men-
schen mit psychischen Erkrankungen bei.

Landespsychiatrieplan
Einleitung
16 |
Die Situation in der Krankenhausbehandlung von psychisch erkrankten Minderjährigen hat
sich erheblich verbessert. Das Ziel einer qualitativ hochwertigen gemeindenahen stationären
und teilstationären Behandlung ist weitgehend verwirklicht; auch entsprechen die baulichen
Voraussetzungen der jeweiligen Kliniken modernen Maßstäben.
Der Freistaat Sachsen hat durch nicht unerhebliche Investitionen Maßregelvollzugseinrich-
tungen geschaffen, die sowohl den therapeutischen als auch den sicherheitstechnischen
Maßstäben entsprechen, die an die Behandlung und Versorgung forensisch-psychiatrischer
Patienten gerichtet werden.
1.7
Fortschreibung und Weiterentwicklung
Auch wenn sich die Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Freistaat Sachsen positiv
und in vielen Bereichen in Übereinstimmung mit den im Ersten Sächsischen Landespsychiat-
rieplan definierten Zielen entwickelt hat, besteht der Bedarf, diesen fortzuschreiben. Verän-
derten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen
sowie sonstigem Weiterentwicklungsbedarf soll damit Rechnung getragen werden.
Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Freistaat Sachsen erfolgt auf einem sehr
hohen Niveau, jedoch nicht immer werden die Betroffenen ihrem Krankheitsbild entspre-
chend nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt. Verbesserungsbedarf im
ambulanten und stationären medizinischen Bereich besteht insbesondere für die Versorgung
komplexer psychischer und komorbider somatischer Erkrankungen sowie psychischer Er-
krankungen mit gleichzeitig bestehender Intelligenzminderung. Den wachsenden Herausfor-
derungen in der Versorgung von psychisch erkrankten älteren Menschen soll mit dem in den
letzten Jahren begonnenen Aufbau geriatrischer Abteilungen an Krankenhäusern und Reha-
bilitationskliniken sowie z. B. der Etablierung interdisziplinärer Behandlungsteams begegnet
werden. Im komplementären Bereich steht, nachdem die Versorgungslandschaft in den letz-
ten Jahren vor allem an den Bedürfnissen von an Schizophrenie erkrankten Menschen orien-
tiert war, die Weiterentwicklung der Versorgung neuer Patientengruppen im Fokus. Zu nen-
nen sind hier beispielsweise Personen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, die, oft verbun-
den mit erheblichen psychosozialen Defiziten, unter drogeninduzierten Psychosen und
schweren Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen leiden. Auch die Betreuung von chro-
nisch schizophren erkrankten Personen, die somatisch erkrankt sind, ist im komplementären
Bereich entwicklungsbedürftig. In diesem Zusammenhang besonders zu erwähnen sind Be-
troffene jenseits der 65, die wegen komorbider somatischer Erkrankungen gleichzeitig pfle-
gebedürftig geworden sind. Einhergehend mit dem vermehrten Auftreten komplexer Prob-
lemlagen bei Kindern und Jugendlichen besteht gegenwärtig ein besonderer Entwicklungs-
bedarf in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung und hier vor allem im Bereich
der ambulanten medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung.

Landespsychiatrieplan
Einleitung
| 17
Die Versorgungssituation älterer psychisch erkrankter Menschen hingegen stellt sich aktuell
im Wesentlichen positiv dar. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung steht das
Versorgungssystem hier allerdings vor einer besonderen Herausforderung, da die Zahl ge-
rontopsychiatrisch erkrankter Menschen in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird.
Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit sowie zur Prävention psychischer
Erkrankungen sind weiterzuentwickeln. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusam-
menhang nach wie vor das Postulat, einen individuellen Bedarf an psychiatrischer oder psy-
chotherapeutischer Versorgung rechtzeitig zu erkennen, sodass Menschen mit psychischen
Erkrankungen Verzögerungen der adäquaten Behandlung – und nicht selten lange Irrwege
durch das Gesundheitssystem – erspart bleiben. Darüber hinaus muss einer rückläufigen
Entwicklung an qualifiziert ausgebildeten Hausärzten und, vor allem im ländlichen Raum, an
niedergelassenen Fachärzten entgegengewirkt werden.
Es ist abschließend anzumerken, dass sich der Landespsychiatrieplan in seiner aktualisier-
ten zweiten Fassung auch an veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen ausrichtet.
Hier sei zum Beispiel hingewiesen auf das GKV-Gesundheitsreformgesetz (GKV-GRG) von
2000 und die dort aufgeführten Bestimmungen zur Soziotherapie nach § 37a SGB V, das
GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) von 2004 und die dort neu definierten Regelungen für
ein Medizinisches Versorgungszentrum, die Möglichkeiten zur Finanzierung einer integrier-
ten Versorgung (IV) nach § 140a SGB V, die seit 01.01.2008 geltenden Regelungen zur
Leistungsform „Persönliches Budget“ (§ 17 SGB IX), oder die Planungen zur „Einführung
eines pauschalierenden Entgeltsystems für psychiatrische und psychosomatische Einrich-
tungen“ nach § 17d des Krankenhausfinanzierungsgesetzes (KHRG) von 2009. Von großer
Bedeutung für die Gestaltung der Psychiatriepolitik des Freistaates Sachsen ist das Überein-
kommen der Vereinten Nationen vom 13.12.2006 über die Rechte von Menschen mit Behin-
derungen, das die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Inklusion behinderter
Menschen festlegt.
Der Zweite Sächsische Landespsychiatrieplan dient als Orientierungsrahmen für die Planung
und Umsetzung von Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Versorgung von psychisch
kranken Menschen, ohne grundsätzliche, über das bisherige Maß hinausgehenden Stan-
dards festzuschreiben. Die Umsetzung der genannten Maßnahmen und Ziele einschließlich
finanzieller und personeller Folgewirkungen steht, soweit sie den Staatshaushalt betreffen,
unter dem Vorbehalt der Finanzierung im jeweiligen Einzelplan sowie der Einhaltung der
Stellenpläne.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
18 |
2
Grundprinzipien
Die im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan definierten Grundprinzipien und Zielstel-
lungen der psychiatrischen Versorgung sind weiterhin gültig (vgl. Abb. 1); sie werden im Fol-
genden vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen und Beurteilungen ergänzt und differenziert.
Ihr Geltungsbereich umfasst den gesamten Bereich psychischer Erkrankungen. Die Grund-
prinzipien stehen in Übereinstimmung mit der UN-Behindertenrechtskonvention, sie sollen
Maßstab für die Behandlung psychisch erkrankter Menschen sein, zu einer nachhaltigen
Verbesserung der Versorgung beitragen und die Inklusion stärken.
Abb. 1
Übersicht über die im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan definierten „Grundsätze der
psychiatrischen Versorgung im Freistaats Sachsen“
1.
Der gesetzliche Anspruch auf Gleichstellung somatisch und psychisch kranker Menschen wird verwirklicht. (….)
2.
Medizinische, psychologisch-psychotherapeutische, soziale, heilpädagogische, pflegerische und beruflich-rehabilitative
Maßnahmen werden zu einem institutionellen und therapeutischen Gesamtkonzept (…) integriert.
3.
Die Neuordnung des psychiatrischen Versorgungssystems geht dabei von der Erfüllung der für eine optimale Versor-
gung psychisch kranker Menschen erforderlichen Aufgaben (Vorsorge, Behandlung, Rehabilitation, Nachsorge. Beglei-
tung, Krisenintervention) aus. Für die Wahrnehmung dieser Funktionen wird eine versorgungsgebietsbezogene und
bedarfsgerechte Ausstattung mit Einrichtungen und Diensten angestrebt. (….)
4.
Die Einrichtungen werden innerhalb eines Standardversorgungsgebietes als gemeindepsychiatrischer Verbund koordi-
niert und gewährleisten eine kontinuierliche ("Behandlungskette") und den individuellen Rehabilitationsverläufen ange-
passte Behandlung, Förderung, Betreuung und Pflege (Patientengerechtigkeit der Angebote). Die Konzeption neuer
Angebote und die Umprofilierung bestehender Angebote sollen dabei nach dem Grundsatz verfahren: soviel ambulan-
te Versorgung wie möglich, soviel stationäre Versorgung wie fachlich geboten.
5.
Das Kernstück der ambulanten Versorgung bilden die niedergelassenen Fachärzte und die im Sächsischen Gesetz
über die Hilfen und die Unterbringung bei psychischen Krankheiten (SächsPsychKG) vorgesehene flächendeckende
Einrichtung aufsuchend arbeitender Sozialpsychiatrischer Dienste zur Vorsorge, Krisenintervention und Nachsorge be-
sonders für diejenigen Patienten, die von sich aus nicht zum niedergelassenen Psychiater gehen. Der Aufbau und die
Förderung von Tagesstätten als niederschwelligem tagesstrukturierenden Angebot für chronisch psychisch kranke
Menschen stellen eine weitere wichtige Ergänzung zur Vermeidung von Ausgrenzung in Wohn- und Pflegeheimen und
zur Entlastung der Angehörigen dar und tragen damit zur Akzeptanz wohnortnaher Versorgung und sozialer Integrati-
on psychisch Kranker bei. In Ballungszentren empfiehlt sich zusätzlich die Einrichtung von psychosozialen Kontakt-
und Beratungsstellen als Beratungsangebote im Vorfeld psychischer Krisen und Erkrankungen und als Treffpunkt für
Angehörige, für Selbsthilfegruppen für von psychischer Erkrankung oder Rezidiven bedrohte Menschen und vor allem
chronisch psychisch Kranker. Tagesstätten und psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen sind in Orientierung an
den von den Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften ermittelten regionalen Bedarf und in Abhängigkeit bestehender
funktional-äquivalenter Angebote einzurichten.
6. Die notwendige psychiatrische Krankenhausbehandlung ist künftig versorgungsgebietsbezogen zu organisieren
(Sektorisierungsprinzip). Die Versorgungsgebiete sind aus historischen und pragmatischen Gesichtspunkten meist
nicht mit Landkreisen oder kreisfreien Städten identisch. Die bereits existierenden und die im Aufbau oder in Planung
befindlichen psychiatrischen Abteilungen sind so auszulegen, dass sie der Verpflichtung zur Vollversorgung ihres je-
weiligen Sektors nachkommen können. Dazu gehört, dass die psychiatrischen Fachkrankenhäuser und die psychiatri-
schen Abteilungen sowohl vollstationäre ("Betten") als auch teilstationäre Versorgungskapazitäten (tagesklinische
Plätze) vorhalten und letztere bedarfsentsprechend auch an anderen Standorten als dem der stationären Abteilung
anbieten. Darüber hinaus wird angestrebt, dass die Fachkrankenhäuser und die psychiatrischen Abteilungen im Sinne
einer gemeindenahen, nachgehenden und sektorisierten Versorgung auch Institutsambulanzen (nach §§ 118, 120
SGB V) betreiben.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
| 19
Abb. 1
Übersicht über die im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan definierten „Grundsätze der
psychiatrischen Versorgung im Freistaats Sachsen“
7.
Der Verbesserung bestehender Formen der Zusammenarbeit und Schaffung neuer Strukturen der Kooperation und
Koordination innerhalb des psychiatrischen Versorgungssystems dienen regionale Psychosoziale Arbeitsgemeinschaf-
ten.
8.
Eigeninitiative und Selbständigkeit der Patienten im Sinne einer möglichst weitgehenden "Normalisierung" des Lebens
mit psychischer Krankheit werden gefördert. Eine Integration in das soziale Umfeld oder in neu geschaffene "künstli-
che Netzwerke" begleitender und flankierender Hilfen wird angestrebt. Hierzu gehört vor allem die Förderung von
Selbsthilfe, Angehörigenarbeit und freiwilliger Hilfe ("Ehrenamt") im Bereich der psychiatrischen Versorgung.
9.
Freie Träger werden in die psychiatrische Versorgung entsprechend den Prinzipien der Subsidiarität und Trägervielfalt
eingebunden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Trägervielfalt nicht zu Lasten der Einheitlichkeit und Kontinuität der
Versorgung geht.
10. Die Fachkräfte in der psychiatrischen Versorgung sind durch berufsbegleitende Fortbildungsmaßnahmen aus- und
weiterzubilden. Die Staatsregierung macht entsprechende Angebote.
11. Der Prävention dienen Aufklärung und Information über Entstehung, Symptome und Verlauf psychischer Krankheiten
und Störungen, über den spezifischen Hilfebedarf psychisch Kranker und über die zur Verfügung stehenden Hilfemög-
lichkeiten.
12.
Alle staatlich oder kommunal geführten oder geförderten Einrichtungen der psychiatrischen Versorgung haben künftig
die Pflicht zur Dokumentation über Inanspruchnahme, Wirksamkeit und Kosteneffizienz, um die Bedarfsgerechtheit
und Wirtschaftlichkeit des Versorgungssystems beurteilen zu können und um wesentliche Grundlagen der Planung zu
erhalten (Psychiatrieberichterstattung). Die Teilnahme an der Psychiatrieberichterstattung stellt eine Voraussetzung
zur Förderung aus Landesmittel dar.
13.
Psychisch Kranke stehen wie alle Bürger der Bundesrepublik Deutschland unter dem Schutz des Grundgesetzes. Die
Einschränkung der Grundrechte eines psychisch Kranken wird notwendig, wenn sich aus seiner Krankheit eine erheb-
liche Gefahr für den Betroffenen selbst oder andere ergibt. Oft verhindert die mit der psychischen Krankheit verbunde-
ne Krankheitsuneinsichtigkeit einvernehmliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr. Bevor in die Grundrechte des psy-
chisch Kranken eingegriffen werden darf, müssen alle Hilfsmöglichkeiten ausgeschöpft oder wegen akuter Dringlichkeit
nicht erfolgreich anwendbar sein.
Es gilt der Grundsatz der Gleichstellung psychisch erkrankter Menschen mit soma-
tisch erkrankten Menschen
Die Gleichstellung psychisch erkrankter Menschen mit somatisch erkrankten Menschen,
1975 ein zentrales Anliegen der Psychiatrie-Enquête und ebenso Forderung der mit Veröf-
fentlichung der Rodewischer Thesen
II
im Jahr 1963 verbundenen Reformbewegung in der
DDR, galt im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan als definierter Fakt. Der Grundsatz
gilt nach wie vor, und in den gesetzlichen Vorgaben ist er weitestgehend, wenn auch nicht
vollständig, realisiert.
II
Rodewischer Thesen (Z. ges. Hyg. 11 (1965), H. 1 (S. 61-65)
Vom 23. bis 25. Mai 1963 fand in Rodewisch i. Vogtland ein Internationales Symposium über psychiatrische Rehabilitation
statt. Abschluss fand das Symposium in der Verabschiedung wissenschaftlich begründeter Therapieempfehlungen, die als
"Rodewischer Thesen" in die Psychiatriegeschichte eingehen sollten.
In diesen Thesen sind – zwölf Jahre vor der Psychiat-
rie-Enquete der Bundesregierung – bereits die wesentlichen Ziele der Psychiatriereform formuliert. Sie fordern die Abschaf-
fung der Verwahrpsychiatrie, die soziale Integration der Kranken in die Gesellschaft und den Aufbau ambulanter und teilsta-
tionärer Dienste.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
20 |
Im Lebensalltag sind Menschen mit psychischen Erkrankungen aber dennoch im Vergleich
zu somatisch erkrankten Menschen häufig benachteiligt. Dies resultiert zum einen aus noch
immer vorhandenen irrationalen Befürchtungen, die vor allem einer beruflichen Reintegrati-
on, aber auch einer sozialen Integration entgegenstehen; zum anderen berücksichtigen die
gesetzlichen Vorgaben oft nicht die Besonderheiten psychischer Erkrankungen, die, trotz
aller Gemeinsamkeiten zwischen psychisch und somatisch kranken und behinderten Men-
schen, bestehen. Es sei beispielhaft darauf hingewiesen, dass Behinderungen aufgrund psy-
chischer Störungen im Unterschied zu somatisch bedingten Behinderungen häufig nur zeit-
lich befristet bestehen, weswegen vor allem das Behindertenrecht den Besonderheiten psy-
chischer Erkrankungen nur bedingt Rechnung trägt.
Die Politik der Staatsregierung wird vor diesem Hintergrund weiter darauf ausgerichtet sein,
die Gleichbehandlung psychisch erkrankter Menschen mit somatisch erkrankten Menschen
zu verwirklichen.
Die Versorgung erfolgt gemeindenah
Menschen mit einer psychischen Erkrankung sollen die notwendigen Hilfen möglichst in ihrer
vertrauten räumlichen Umgebung und innerhalb der etablierten sozialen Strukturen erhalten.
Dieses Prinzip verhindert die Ausgrenzung psychisch erkrankter Menschen, bietet ihnen Si-
cherheit und Orientierung und gewährleistet, dass die zur Verfügung stehenden externen
Ressourcen und sozialen Unterstützungsstrukturen genutzt werden können. Es gilt daher
ganz besonders für diejenigen, die einer raschen beruflichen und sozialen Wiedereingliede-
rung bedürfen, trägt aber auch zu einer besseren Wiedereingliederung chronisch erkrankter
Langzeitpatienten bei. In bestimmten Fällen kann es notwendig sein, dass die Versorgung
wohnortfern erfolgt. Dies gilt zum Beispiel, wenn ein spezialisiertes Angebot gemeindenah
nicht vorgehalten werden kann. In diesem Fall kann das Prinzip der gemeindenahen Versor-
gung im Rahmen der nachsorgenden Hilfen aufgegriffen werden.
Die Staatsregierung unterstützt vor diesem Hintergrund den weiteren Ausbau gemeindepsy-
chiatrischer Versorgung und den Aufbau bedarfsgerechter und umfassender Versorgung in
den Regionen. Das Sektorisierungsprinzip der psychiatrischen Krankenhausbehandlung wird
nicht zuletzt vor diesem Hintergrund aufrechterhalten; im komplementären Bereich wird die-
ses Prinzip durch den Abschluss von Versorgungsverträgen realisiert. Es ist sicherzustellen,
dass die Trägervielfalt gewährleistet bleibt.
Die zur Behandlung psychischer Störungen notwendigen Hilfen sollen möglichst am-
bulant erbracht werden
Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ ist weiterhin ein wesentliches Element der Weiter-
entwicklung der psychiatrischen Versorgung. Dabei geht es nicht prinzipiell um die Vermei-
dung stationärer Behandlung, sondern darum, den von psychischer Erkrankung betroffenen

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
| 21
Personen die Behandlung zukommen zu lassen, die bei gleicher Wirksamkeit am wenigsten
einschneidend ist.
Um das Prinzip umzusetzen, ist ein umfassendes, aufeinander abgestimmtes Angebot von
ambulanten medizinischen sowie ambulanten komplementären Leistungen erforderlich.
Der Zugang in die Versorgung ist niederschwellig zu gestalten
Vor allem mit Blick auf die Bedeutung frühzeitiger Behandlung für einen möglichst positiven
Verlauf psychischer Störungen sollten die notwendigen Hilfen unter verschiedenen Aspekten
leicht zugänglich sein:
Das Angebot selbst muss Versorgungseinrichtungen umfassen, die unkompliziert und mög-
lichst auch unentgeltlich in Anspruch genommen werden können. Zudem sollten die Versor-
gungseinrichtungen möglichst gut erreichbar sein und, zum Beispiel mit Blick auf die Öff-
nungszeiten und die Möglichkeit, sich über das Angebot zu informieren, patientenorientiert
arbeiten.
Die Niederschwelligkeit psychiatrischer Hilfen ist aber nicht allein durch die Verbesserung
der Angebotsstruktur zu erreichen. Ein möglichst breites Wissen über die zur Verfügung ste-
henden Hilfen und deren Erreichbarkeit sowie über die zur Anwendung kommenden thera-
peutischen Mittel und Strategien ist ein weiterer wesentlicher Bedingungsfaktor. Die vorhan-
denen Einrichtungen sollten für die in der Versorgung tätigen professionellen Helfer, aber
auch für die potentiellen Nutzer überschaubar und das Beratungs- und Behandlungsangebot
allen Beteiligten bekannt sein. In diesem Sinn kann auch die Einbeziehung von Angehörigen
die Niederschwelligkeit verbessern und ein möglichst frühzeitiges Inanspruchnahme-
verhalten fördern.
Der Abbau stigmatisierender Einstellungen und Interventionen gegen Selbststigmatisierung
können ebenfalls dazu beitragen, dass Menschen mit psychischen Problemen frühzeitig Un-
terstützung, Beratung und Behandlung aufsuchen.
Die Staatsregierung wird daher das Angebot niederschwelliger Versorgungsleistungen stär-
ken und auch zukünftig Anti-Stigma-Programme sowie Maßnahmen zur Reduzierung von
individueller und struktureller Diskriminierung unterstützen.
Ziel ist die Umorientierung zu einem personenzentrierten Versorgungssystem
Das Angebot psychiatrischer Hilfeleistungen ist gegenwärtig noch in weiten Bereichen insti-
tutionszentriert, sodass sich die hilfesuchenden Menschen nach den Behandlungs- und Be-
treuungsangeboten der jeweiligen Institutionen richten müssen und oft von einer Institution
zu einer anderen Institution mit einem im Querschnitt besser passenden Ver-
sorgungsangebot weitergereicht werden. Es muss daher ein langfristiges Ziel sein, dass sich
die Hilfen dem individuell wechselnden Bedarf der Patienten anpassen.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
22 |
Dieses Ziel ist von besonderer Relevanz für diejenigen psychisch erkrankten Menschen, die
einen komplexen Hilfebedarf aufweisen und Hilfen nicht selbst aktiv in Anspruch nehmen
und koordinieren können. Hilfeplankonferenzen, an denen sowohl Leistungserbringer als
auch Leistungsträger teilnehmen und in denen die am individuellen Hilfebedarf ausgerichte-
ten Hilfen gesteuert werden, können für diesen Personenkreis als Kernstück der praktischen
Umsetzung hin zu einer personenzentrierten Versorgung gesehen werden.
Der Umbau der Versorgungslandschaft von einem einrichtungszentrierten zu einem bedarfs-
und personenzentrierten System wird daher weiter unterstützt. Die einzelnen Einrichtungs-
träger werden ermutigt, ihr gemeindenahes Angebot auszuweiten, um ein Komplexangebot
mit möglichst vielen Leistungsarten vorzuhalten; zugleich werden die verschiedenen Einrich-
tungsträger aufgefordert, ihr Leistungsangebot verbindlich aufeinander abzustimmen und
sich vertraglich oder mittels einer Grundsatzerklärung zu einem regionalen Verbund zusam-
menzuschließen. Zur Etablierung von Hilfeplankonferenzen und der Anwendung standardi-
sierter Verfahren zur Hilfebedarfserfassung wird aufgefordert. Die Grundlage hierfür bildet
die von der WHO entwickelte ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Be-
hinderung und Gesundheit) als professionsübergreifendes Instrument, welches u.a. die Mög-
lichkeit eröffnet, die Ressourcen und Bedarfe der Klienten im Zusammenhang mit der unmit-
telbaren Umwelt zu betrachten.
Die Kooperation zwischen verschiedenen Bereichen der Versorgung und Unterstüt-
zung psychisch erkrankter Menschen muss gefördert werden
Die Häufigkeit psychischer Störungen, die Multifaktorialität der Ursachen und die Komplexität
der Problematik, die sich vor allem bei schwerer und chronisch psychisch erkrankten Men-
schen zeigt, bedingen, dass die Versorgung nicht ausschließlich in spezialisierten Einrich-
tungen und Diensten erfolgen kann, sondern die Kooperation mit nichtpsychiatrischen Ein-
richtungen und Diensten sowie mit verschiedenen Professionen erfordert. Dies erfordert die
Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen der Versorgung und der sozialen
Unterstützung.
Die Staatsregierung wird Maßnahmen, die diesem Ziel dienen, im Rahmen vorhandener
Möglichkeiten unterstützen.
Die Kontinuität der Behandlung soll gefördert werden
Kontinuität psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung gilt als wichtiger Prädiktor für
deren Erfolg; sie scheint vor allem das Funktionsniveau und die Lebensqualität chronisch
psychisch erkrankter Menschen positiv zu beeinflussen. Dabei scheint neben der informatio-
nellen und besonders der personellen Kontinuität vor allem die Kontinuität der von unter-
schiedlichen Institutionen erbrachten Leistungen von Bedeutung.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
| 23
Maßnahmen zur Sicherung der Behandlungskontinuität werden daher von der Staatsregie-
rung besonders positiv bewertet.
Psychisch erkrankte Menschen werden in ihrer Selbstbestimmung gestärkt
(„Empowerment“)
In der Versorgung von psychisch erkrankten Menschen sind Bedingungen bereitzustellen,
die es vor allem auch chronisch Erkrankten ermöglichen, sich ihrer ungenutzten Ressourcen
und Kompetenzen bewusst zu werden, sie zu erhalten und zu erweitern, um ihr Leben so
weit wie möglich selbst zu bestimmen („Empowerment“-Unterstützung).
Die Staatsregierung ermutigt daher zu emanzipatorischen und partizipativen Ansätzen in der
psychiatrischen Versorgung und beteiligt sich aktiv am partnerschaftlichen Austausch von
psychisch Erkrankten, Angehörigen, Fachpersonen sowie Entscheidungsträgern aus Politik
und Verwaltung. Maßnahmen wie der Abschluss von Behandlungsvereinbarungen und die
Inanspruchnahme eines persönlichen Budgets werden unterstützt.
Das Hilfepotential der Angehörigen wird anerkannt und gefördert
Das Hilfepotential der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen kann für den Krankheits-
verlauf ihrer Familienmitglieder von großer Bedeutung sein und schließt gleichzeitig
das Potential zu Kostenentlastungen ein.
Die Staatsregierung anerkennt dies und fördert daher die Einbeziehung der Angehörigen auf
verschiedensten Ebenen der Planung und Ausgestaltung der psychiatrischen Versorgung.
Die Staatsregierung ist sich aber auch bewusst, dass die Verantwortung der Angehörigen im
Rahmen der Reformierung der psychiatrischen Versorgung immer mehr gewachsen ist. Die
betroffenen Familien sind häufig einem erheblichem Ausmaß an objektiven und subjektiven
Belastungen ausgesetzt, die letztlich auch zu Beeinträchtigungen der Gesundheit der Ange-
hörigen führen können. Die Belastung von Kindern, deren Eltern oder Geschwister psychisch
erkrankt sind, wird besonders anerkannt. Vor diesem Hintergrund unterstützt die Staatsregie-
rung die Implementierung von professionell geleiteten Angehörigengruppen ebenso wie den
Austausch in Angehörigenselbsthilfegruppen.
Ein hoher Standard der vorsorgenden, begleitenden und nachsorgenden Hilfen wird
gewährleistet
Es ist selbstverständlich, dass ein möglichst hoher Standard der psychiatrischen Hilfen zu
gewährleisten ist. Um diesen sicherzustellen, sind Kriterien guter Struktur-, Prozess- und
Ergebnisqualität zu definieren, deren Einhaltung ständig zu überprüfen ist. Kriterien guter
Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität sind allerdings nicht statisch, sondern bedürfen der

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
24 |
ständigen Anpassung. Die Staatsregierung unterstützt vor diesem Hintergrund die Imple-
mentierung neuer Erfolg versprechender Maßnahmen und Angebotsstrukturen.
Zwangsmaßnahmen werden soweit möglich vermieden und, falls erforderlich, scho-
nend und sicher gestaltet
Zwangseinweisungen und Zwangsmaßnahmen bleiben ein zentrales und aktuelles Thema
der psychiatrischen Versorgung. Aus ethischen, medizinischen und rechtlichen Gründen
dürfen sie nur als letztes Mittel zur Verhinderung von schwerwiegenden Schäden und Gefah-
ren angewandt werden. Ziel bleibt es, einer Anwendung von Zwang vorzubeugen und ihn
möglichst zu vermeiden. Falls Zwangsmaßnahmen dennoch zur Anwendung kommen müs-
sen, so muss dies schonend und sicher gestaltet werden.
Die Staatsregierung unterstützt daher Bemühungen zur Anwendung bestehender sowie zur
Entwicklung weiterer fachlicher Leitlinien zur Deeskalation und systematischen Vermeidung
von Zwangsmaßnahmen sowie zur möglichst schonenden Handhabung von Zwangsmaß-
nahmen.
Der Notwendigkeit einer geschlechterspezifischen Differenzierung präventiver Maß-
nahmen und psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung wird Rechnung getra-
gen.
Aus den Ausführungen zur Ätiologie und zur Epidemiologie psychischer Störungen lässt sich
die Notwendigkeit einer geschlechterspezifischen Differenzierung präventiver Maßnahmen
und psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung ableiten: Frauen und Männer unter-
scheiden sich zum Beispiel sowohl hinsichtlich der biologischen als auch der sozialen Vulne-
rabilität, sodass bezüglich der Prävalenz einzelner Störungen sowie der Wirkung medika-
mentöser Therapien Unterschiede zu beachten sind.
Die Staatsregierung definiert das Prinzip einer geschlechtersensiblen Betrachtung daher als
eigenständiges Qualitätskriterium und mahnt die Beachtung auf allen Ebenen an.
Planung und Steuerung liegen ganz wesentlich in regionaler Verantwortung
Das Ziel einer gemeindenahen, am individuellen Hilfebedarf orientierten und personenzen-
trierten Versorgung kann nur durch die Zusammenarbeit aller in einer Region Tätigen er-
reicht werden. Daraus folgt, dass auch Planung und Steuerung ganz wesentlich in regionaler
Verantwortung liegen müssen, wobei die der Staatsregierung und den Leistungsträgern der
Sozialversicherung gesetzlich zugeschriebenen Zuständigkeiten und Steuerungsmöglichkei-
ten unberührt bleiben.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
| 25
Die Schwierigkeiten, die sich in diesem Zusammenhang aus der Fragmentierung der psychi-
atrischen Versorgungslandschaft ergeben, wurden im Zusammenhang mit der Darstellung
der bestehenden gesetzlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen bereits erörtert.
Vor diesem Hintergrund fordert die Staatsregierung auf, sich in gemeinsamer Verantwortung
fortlaufend um die Optimierung der Versorgungssituation zu bemühen und sich bietende
Möglichkeiten flexibel zu nutzen.

Landespsychiatrieplan
Grundprinzipien
26 |
B Förderung psychischer Gesund-
heit, Prävention psychischer
Störungen und Versorgung von
Menschen mit psychischen Stö-
rungen im Freistaat Sachsen

Landespsychiatrieplan
Förderung und Prävention
| 27
3
Förderung der psychischen Gesundheit und Prävention
3.1
Förderung der psychischen Gesundheit
Maßnahmen und Aktivitäten zur Förderung von psychischer Gesundheit zielen darauf ab, die
Gesundheitsressourcen der Bevölkerung zu stärken; sie sind damit abzugrenzen von Maß-
nahmen und Aktivitäten zur Prävention, die ganz konkret auf die Vorbeugung und Früher-
kennung von spezifischen Krankheiten abstellen.
Die Förderung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung ist ein gesamtgesellschaftliches
Anliegen. Die EU-Mitgliedstaaten brachten dies im 2005 veröffentlichten „Grünbuch“ zum
Ausdruck und rückten das Thema aus dem Schatten von Stigma und Diskriminierung in den
Fokus gesundheitspolitischer Debatten. Ausgangspunkt der weiteren im „Grünbuch“ ange-
stellten Überlegungen ist die Feststellung, dass die hohen Prävalenzraten psychischer Stö-
rungen mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden sind, die das Sozial-, Bil-
dungs- und Wirtschaftsystem sowie das Strafverfolgungs- und Justizsystem erheblich belas-
ten, und durch Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch erkrankten Menschen
darüber hinaus Grundpfeiler der europäischen Grundnormen verletzt werden können. Vor
diesem Hintergrund wird ein hohes Maß an psychischer Gesundheit als wesentliches Gut
der Gesellschaft und als ein wesentlicher Faktor für die Erreichung strategischer Zielstellun-
gen der EU - Gerechtigkeit, Wohlstand und Solidarität - angesehen.
Das „Grünbuch“ bleibt allerdings, was den Handlungsaspekt betrifft, sehr im Allgemeinen.
Hier geht ein von der Europäischen Ministeriellen WHO-Konferenz „Psychische Gesundheit“
ebenfalls 2005 veröffentlichter „Europäischer Aktionsplan für psychische Gesundheit“ deut-
lich weiter. In diesem werden zum Beispiel Maßnahmen zur Unterstützung der psychischen
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen oder auch Maßnahmen zur Reduktion und zum
Management von Stress und psychosozialen Belastungsfaktoren vorgeschlagen.
Das Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13.12.2006 über die Rechte von Men-
schen mit Behinderungen (Behindertenrechtskonvention – BRK) verpflichtet die Vertrags-
staaten, Gesundheitsleistungen zur Früherkennung und Frühintervention bei drohenden Be-
hinderungen zu erbringen, ebenso wie Leistungen, durch die weitere Behinderungen mög-
lichst gering gehalten oder vermieden werden. Im Dezember 2008 haben Bundestag und
Bundesrat der BRK sowie dem zugehörigen Fakultativprotokoll, das Verfahrensregelungen
zur Umsetzung und Überwachung der BRK enthält, zugestimmt. Das Ratifizierungsgesetz ist
am 01.01.2009 in Kraft getreten.
In verschiedenen Bereichen wurden inzwischen Initiativen zur Förderung der psychischen
Gesundheit eingeleitet; zu erwähnen sind hier zum Beispiel das Aktionsprogramm der EU,
Initiativen zur Vermeidung von Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störungen

Landespsychiatrieplan
Förderung und Prävention
28 |
oder auch Maßnahmen zur Verhütung von Stress am Arbeitsplatz. Maßnahmen und Strate-
gien zur Förderung der psychischen Gesundheit wurden auch im Freistaat Sachsen in ganz
verschiedenen Bereichen initiiert. Hingewiesen sei z. B. auf das Gesundheitsforum „Gesun-
de.Sachsen.de“, das Gesundheitsziel „Gesund Aufwachsen“ und auf entsprechende Aktivitä-
ten der Sächsischen Landesvereinigung für Gesundheitsförderung e. V.
Die Förderung der psychischen Gesundheit ist als Querschnittsaufgabe Inhalt politischer
Aktivitäten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Sie ist ein stetiger Prozess, so
dass Maßnahmen kontinuierlich und langfristig angeboten werden müssen. Die Rahmenbe-
dingungen zur Förderung von psychischer Gesundheit der Bevölkerung sollen kontinuierlich
verbessert werden.
Dabei sollen Maßnahmen im Fokus stehen, die den spezifischen gesellschaftlichen Verhält-
nissen im Freistaat Rechnung tragen. Die in den vergangenen zwei Jahrzehnten erfolgten
gravierenden wirtschaftsstrukturellen Veränderungen und sozialen Umwälzungen brachten
und bringen Verunsicherungen mit sich, die zu einer besonderen Risikobelastung der Bevöl-
kerung führten und führen, und zwar sowohl im Sinn sozialer Vulnerabilität als auch in Form
von akutem Stress. Zu nennen sind hier zum Beispiel die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust
und damit die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Ressourcen. Daraus leitet sich ab, dass
Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit im Freistaat Sachsen ganz beson-
ders auf die Stärkung von entsprechenden Schutzfaktoren (z. B. dem Umgang mit Leis-
tungsdruck und Arbeitslosigkeit) abzielen - wenn auch nicht darauf begrenzt bleiben - sollten.
Die im „Europäischen Aktionsplan für Psychische Gesundheit“ aufgeführten Maßnahmen
und Strategien können dabei ebenso als Leitfaden dienen wie die im Sächsischen Gesund-
heitszieleprozess vereinbarten Handlungsfelder.
3.2
Prävention
In Abgrenzung zur Gesundheitsförderung fokussiert Prävention auf die Verhinderung, Er-
kennung oder Behandlung bestimmter Erkrankungen oder Erkrankungsgruppen, während
die Gesundheitsförderung auf die Gesunderhaltung im Allgemeinen abzielt.
Prävention hat, betrachtet nach dem Zeitpunkt, zu dem in den Erkrankungsverlauf eingegrif-
fen wird, drei Zielstellungen: Primärprävention soll die Entstehung von Krankheiten verhin-
dern, Sekundärprävention Erkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln, Tertiär-
prävention Langzeitfolgen und Komplikationen von Erkrankungen mindern. Am Beispiel der
Depression illustriert bedeutet dies, dass Primärprävention die Entstehung früher, unter-
schwelliger Symptomatik zu verhindern sucht (z. B. durch die Förderung positiver Aktivitäten
oder ein Training zum Umgang mit Stress); Sekundärprävention darauf abzielt, das Vorlie-
gen früher, noch unterschwelliger Symptomatik frühzeitig zu erkennen, um Behandlungs-
maßnahmen schnell einleiten zu können; Tertiärprävention zum Ziel hat, die Behandlung bei

Landespsychiatrieplan
Förderung und Prävention
| 29
Vorliegen einer diagnosewürdigen Depression früh im Erkrankungsverlauf zu beginnen, um
Folgeschäden zu vermeiden.
Der Stellenwert der Prävention ergibt sich, ebenso wie der Stellenwert der Gesundheitsför-
derung, aus der hohen Prävalenz psychischer Erkrankungen sowie den daraus resultieren-
den gravierenden persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Folgen. Da die Erkrankungen
oft bereits früh im Leben beginnen, ist es geboten, beginnenden psychischen Erkrankungen
möglichst frühzeitig zu begegnen, oder deren Auftreten, wenn möglich, zu verhindern oder
auch zu verzögern. Dies ist deshalb besonders wichtig, weil die mit psychischen Störungen
verbundenen akuten Beeinträchtigungen langfristig einen besonders negativen Einfluss ha-
ben können, wenn sie im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter auftreten und hier
in wichtigen Lebensphasen zu Beeinträchtigungen der persönlichen, beruflichen und sozia-
len Entwicklung der Betroffenen führen. Insbesondere der frühzeitigen Erkennung von psy-
chischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Vorsorgeuntersu-
chungen kommt daher eine besondere Bedeutung zu. Die Problematik früher affektiver (d. h.
rein depressiver oder manisch-depressiver) und psychotischer Störungen, von jugendlichem
Drogenmissbrauch und -abhängigkeit, von Essstörungen und von psychischen Beschwerden
in Schwangerschaft und Mutterschaft sind aktuell in den Fokus der Öffentlichkeit geraten.
Die Bevölkerung ist stärker als früher für diese Themen sensibilisiert, sodass die Nachfrage
nach Hilfestellungen gestiegen ist. Vor dem Hintergrund zunehmender beruflicher Belastun-
gen sollte betriebsärztlichen bzw. arbeitsmedizinischen Präventionsmaßnahmen eine größe-
re Rolle zugemessen werden. Für ältere Menschen ergibt sich insbesondere aufgrund der
steigenden Häufigkeit demenzieller Erkrankungen ebenfalls die Notwendigkeit der Früh-
erkennung und -intervention.
Die Thematik der Früherkennung von psychischen Erkrankungen muss allerdings in einen
kritischen gesellschaftlichen Diskurs eingebettet sein. Der Übergang von „Gesundheit“ und
„Krankheit“ ist zum Teil fließend, und zwischen den aus einer frühen Pathologisierung resul-
tierenden Folgen und den aus einer frühen medizinisch-therapeutischen Behandlung resul-
tierenden persönlichen Chancen ist abzuwägen.
Mit Blick auf die Primär- und Sekundärprävention muss festgestellt werden, dass im Ver-
gleich zur Situation bei bevölkerungsrelevanten körperlichen Erkrankungen (z. B. Diabetes
mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sowohl bundesweit als auch im Freistaat Sach-
sen ein sehr begrenztes Angebot vorliegt. Als Beispiel für einen Erfolg versprechenden An-
satz seien die gemeindebasierten und in der Regel unter der Mitwirkung von lokalen und
regionalen Bündnissen gegen Depression zu implementierenden „4-Ebenen-Interventionen“
genannt, die mit dem Ziel einer besseren Früherkennung und Versorgung depressiver Er-
krankungen einen wesentlichen Beitrag zur Suizidprävention leisten.
Die Tertiärprävention psychischer Störungen wird von den Anbietern ambulanter und statio-
närer medizinischer und komplementärer Versorgung getragen; dieses Angebot ist im Frei-

Landespsychiatrieplan
Förderung und Prävention
30 |
staat Sachsen weit ausdifferenziert, wobei in den letzten Jahren vor allem das Angebot spe-
zialisierter Versorgung erheblich erweitert worden ist. Weiterer Entwicklungsbedarf besteht
zum Beispiel noch bei der Langzeitplanung der Behandlung, der Integration der Betroffenen
in die Entscheidungsfindung und der weiteren Vernetzung der verschiedenen Anbieter.
Vor diesem Hintergrund bleibt die Prävention psychischer Störungen weiterhin im Fokus der
Gesundheits- und Sozialpolitik. Im Vordergrund stehen die Etablierung und Förderung einer
offenen Diskussionskultur und die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen, die aktiv
vorangetrieben wird. In Ergänzung zu diesen gesellschaftskulturellen Rahmenbedingungen
sind verstärkt Strukturen der Kooperation, der Vernetzung und Information anzustreben. Dies
betrifft besonders die Vernetzung im Bereich der kinder- und jugendärztlichen sowie haus-
ärztlichen Versorgung mit den Strukturen der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung,
gilt im Bereich der Tertiärprävention aber auch für den Behandlungs- und Rehabilitationspro-
zess. Die Weiterbildung und -qualifikation aller professionellen Bezugspersonen von Betrof-
fenen in der Früherkennung psychischer Störung und der adäquaten Zuweisung der Betrof-
fenen zu den Versorgungsangeboten ist anzustreben. Initiativen zur Etablierung von For-
schungs- und Modellprojekten zur Entwicklung, Erprobung und Evaluation präventiver Maß-
nahmen und deren Umsetzung in die Versorgung werden begrüßt und soweit möglich unter-
stützt.
3.3
Suizidprävention
Auch wenn sich die Suizidziffern in den letzten ca. 20 Jahren ungefähr halbiert haben, so
kommt der Suizidprävention doch weiterhin ein besonderer Stellenwert zu. In Deutschland ist
die Zahl der Menschen, die durch Suizid versterben, höher als die Zahl der Verkehrs- und
Drogentoten und der Verbrechensopfer zusammen; in Sachsen sind die Suizidziffern dabei
traditionell am höchsten.
Suizidprävention gestaltet sich deshalb schwierig, weil sich immer noch 70 bis 80 % der Sui-
zide ereignen, ohne dass vorher institutionelle Kontakte stattgefunden haben, obwohl heute
davon auszugehen ist, dass in mehr als 90 % relevante psychische Erkrankungen beteiligt
sind. Suizidversuche, ca. zehnmal häufiger als Suizide, sind Anlass zum Einstieg für
Tertiärprävention, um erneute Suizidversuche bzw. vollendete Suizide zu verhindern. Auf der
Grundlage multimodaler Modelle für Suizidalität sind psychotherapeutische, klinisch-
psychiatrische, soziale und allgemeingesellschaftliche Hilfen einzusetzen. Sekundärpräven-
tion wird niederschwellig als Krisenintervention wirksam, während Primärprävention in den
Bereich Förderung der psychischen Gesundheit fällt, wozu auch Hilfen für betroffene Ange-
hörige von Suizidenten zählen.
Obwohl im Freistaat Sachsen sekundär- und tertiärprophylaktische Angebote wesentlich
verbessert wurden - Selbsthilfeinitiativen, Telefonseelsorge, Telefon des Vertrauens, Notfall-

Landespsychiatrieplan
Förderung und Prävention
| 31
seelsorge, Krisendienste, ambulante Psychotherapie und psychiatrische Praxen, regionale
Bündnisse gegen Depression, Sozialpsychiatrische Dienste, Kliniken für Psychiatrie und
Psychotherapie - und Maßnahmen des "Nationalen Suizid-Präventionsprogramms Deutsch-
land", eine Initiative der "Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention - Hilfe in Lebenskrisen
e. V.", zur Anwendung kommen, gilt es, die Fokussierung zur Identifizierung von Suizidalität
und die Vernetzung der Angebote weiter zu entwickeln, zumal Dunkelfelder bis zu 100 %
anzunehmen und Tabuisierung bis Stigmatisierung der Thematik immer noch gegenwärtig
sind.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
32 |
4
Grundversorgung psychisch erkrankter Erwachsener
4.1
Gemeindepsychiatrischer Verbund - Vernetzung
Im Kap. 1.5. wurde die Problematik der Planung und Steuerung im fragmentierten System
der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung angesprochen. Sie ist geprägt durch
die Notwendigkeit, die vielfältigen Behandlungs- und Hilfsangebote miteinander zu koordinie-
ren und zu vernetzen. Wirksame personenbezogene und wohnortnahe Hilfen erfordern ein
am individuellen Bedarf orientiertes und aufeinander abgestimmtes Vorgehen der verschie-
denen Leistungsanbieter.
Als wesentliches regionales Steuerungsfundament wird seit der Psychiatrie-Enquete die Or-
ganisationsform des
Gemeindepsychiatrischen Verbundes
innerhalb eines Standardver-
sorgungsgebietes beschrieben.
Dem Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan folgend sind in Übernahme der regionalen
Versorgungsverantwortung in den Landkreisen und Kreisfreien Städten des Freistaates
Sachsen Gemeindepsychiatrische Verbunde etabliert. In ihnen sind die vier zentralen Funk-
tionsbereiche der psychiatrischen Versorgung:
1. Behandlung, Rehabilitation, Pflege,
2. Tagesstrukturierung, Kontaktstiftung, Alltagsgestaltung,
3. Arbeit und
4. Wohnen
mit den dazugehörigen spezifischen Einrichtungen und Diensten vertreten, wobei dem jewei-
ligen regionalen Bedarf noch nicht in jedem Fall vollkommen Rechnung getragen wird. Auf
diesbezügliche Versorgungsdefizite wird an entsprechender Stelle im Landespsychiatrieplan
differenziert eingegangen.
Als Gremien zur Planung der Koordinierung und Vernetzung innerhalb der Gemeindepsychi-
atrischen Verbunde und zur Klärung von Kooperationsfragen zwischen den Trägern sind in
den Landkreisen und Kreisfreien Städten Psychosoziale Arbeitsgemeinschaften eingerichtet
(vgl. § 7 SächsPsychKG). Sie beraten darüber hinaus die Landkreise und Kreisfreien Städte
in Fragen der Bedarfsermittlung und der regionalen Psychiatrieplanung. Die Psychosozialen
Arbeitsgemeinschaften bestehen aus Vertretern der Leistungserbringer der regionalen psy-
chiatrischen Versorgung, wie niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie,
psychiatrische Krankenhäuser und Träger der komplementären psychiatrischen Hilfen, der
kommunalen Stellen, die für die Hilfen für psychisch kranke Menschen zuständig sind, wie
Gesundheitsämter, Sozialämter, Jugendämter und der Angehörigen- und Betroffenenver-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 33
bände. Weitere Sozialleistungsträger, wie die Krankenkassen, die Bundesagentur für Arbeit
oder der Kommunale Sozialverband Sachsen, sollen bei Bedarf vertreten sein (vgl. Kap. 13).
Die Organisation, Geschäfts- und Protokollführung liegt bei der zuständigen Gebietskörper-
schaft.
Zur Sicherstellung und Koordination der Hilfen, die nach §§ 5 und 6 SächsPsychKG in Ver-
antwortung der Landkreise und Kreisfreien Städte stehen, und zur Abstimmung mit anderen
Angeboten der regionalen psychiatrischen Versorgung sind in den Landkreisen und Kreis-
freien Städten Psychiatriekoordinatoren bestellt. Dabei handelt es sich um einschlägig erfah-
rene Fachkräfte, die je nach Bedarf ausschließlich oder teilweise mit der Aufgabe der Ab-
stimmung, der Vorbereitung von Planungen, der Erhebung und Aufbereitung planungsrele-
vanter Daten und mit der Entscheidungsvorbereitung sowie Aufgaben der Qualitätssicherung
und -kontrolle betraut sind.
Um den Handlungsspielraum der Gemeindepsychiatrischen Verbunde vor dem Hintergrund
der Vielfalt der Leistungserbringer der psychiatrischen Versorgung, der Vielzahl der Sozial-
leistungsträger für den betroffenen Personenkreis und der Notwendigkeit der Anpassung der
jeweiligen Leistungen an den häufig wechselnden Versorgungs- und Betreuungsbedarf zu
sichern, wird der Abschluss rechtsfähiger Kooperationsvereinbarungen empfohlen. Damit
verbunden ist die gemeinsame vertragliche Verpflichtung zur Übernahme der Versorgung für
chronisch psychisch Kranke im jeweiligen Gebiet.
Ziel
Die Kooperationspartner der Gemeindepsychiatrischen Verbunde übernehmen in den
von ihnen angebotenen Leistungsbereichen in Form rechtsfähiger Zusammenschlüsse
die gemeinsame Versorgungsverpflichtung für die psychisch kranken Bürger ihrer Re-
gion.
Für die Träger der Leistungen zur Teilhabe (Rehabilitationsträger) ist die Notwendigkeit der
Zusammenarbeit sowie der Koordinierung und des Zusammenwirkens bei der Leistungser-
bringung im SGB IX (§§ 10 bis 13) gesetzlich normiert. Die "Gemeinsame Empfehlung ge-
mäß § 13 Abs. 2 Nr. 3 SGB IX" zur Erstellung eines Teilhabeplans bildet die Grundlage zur
Umsetzung der Aufgabe der Rehabilitationsträger, dass die im Einzelfall erforderlichen Leis-
tungen zur Rehabilitation und Teilhabe für behinderte und von Behinderung bedrohte Men-
schen nahtlos, nach dem Gegenstand, Umfang und Ausführung einheitlich (wie aus einer
Hand) erbracht werden. Darüber hinaus ist eine übergreifende Teilhabeplanung zu erstellen
sobald weitere Leistungen (andere Leistungsträger) notwendig werden. Durch die Koordina-
tion der Leistungen und die Kooperation der Rehabilitationsträger stellen diese eine einheitli-
che Praxis innerhalb des gegliederten Systems der Rehabilitation und Teilhabe sicher.
Die Träger der Sozialhilfe sind gemäß § 58 SGB XII verpflichtet, im Rahmen der Eingliede-
rungshilfe einen Gesamtplan aufzustellen, der gewährleistet, dass die verschiedenen in Be-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
34 |
tracht kommenden individuellen Leistungen aufeinander abgestimmt sowie nahtlos und zügig
durchgeführt werden. Bei der Aufstellung des Gesamtplans und der Durchführung der Leis-
tungen ist mit dem behinderten Menschen und den sonst im Einzelfall Beteiligten, insbeson-
dere mit dem behandelnden Arzt, dem Gesundheitsamt, dem Landesarzt nach § 62 SGB IX,
dem Jugendamt und den Dienststellen der Bundesagentur für Arbeit, zusammenzuwirken.
Ziel
Die Rehabilitationsträger wirken im Rahmen der einheitliche Praxis von Rehabilitation
und Teilhabe unter Berücksichtigung der Regelungen der Zuständigkeit und der Voraus-
setzungen für die Teilhabeleistungen in den für den jeweiligen Träger geltenden Leis-
tungsgesetzen mit dem Gemeindepsychiatrischen Verbund zusammen.
4.2
Ambulante medizinische Versorgung
4.2.1
Hausärzte
Der Hausarzt - das heißt ein Facharzt für Allgemeinmedizin, ein Facharzt für Innere und All-
gemeinmedizin, ein hausärztlich niedergelassener Facharzt für Innere Medizin oder ein so
genannter praktischer Arzt - ist häufig erster Ansprechpartner für Menschen mit psychischen
Störungen. Er ist in der Regel mit den familiären und sozialen Verhältnissen der Patienten
vertraut und genießt deren Vertrauen. Damit ist er ganz besonders auch die Bezugsperson
für diejenigen Betroffenen, die - zum Beispiel aufgrund einer Angst vor Stigmatisierung oder
anderer kritischer Einstellungen - nicht den Weg zum niedergelassenen psychiatrischen oder
psychotherapeutischen Facharzt suchen.
Dem Hausarzt obliegen damit die wichtigen Aufgaben der Früherkennung und der Erstdiag-
nostik. Zudem muss er, die Grenzen eigener Behandlungsmöglichkeiten erkennend, die wei-
teren psychiatrischen und psychotherapeutischen Hilfen einleiten und gegebenenfalls koor-
dinieren.
In einigen sächsischen Regionen besteht die Gefahr, dass aufgrund einer rückläufigen An-
zahl der Hausarztpraxen die Versorgung nicht mehr ausreichend ist.
Ziele
Ein umfassendes Angebot an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen ist flächendeckend
sicherzustellen. Es soll die Kompetenz in den Bereichen Frühdiagnostik und Behand-
lungsplanung und -steuerung ebenso stärken wie das Wissen über die Nebenwirkungen
und Wechselwirkungen von Psychopharmaka.
Die Kooperation mit niedergelassenen Fachärzten ist unerlässlich.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 35
Hausarztpraxen sollten flächendeckend in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.
Zur Vermeidung einer Unterversorgung stellt der Freistaat Sachsen – subsidiär zu den
Maßnahmen der Selbstverwaltung – im Rahmen seiner Möglichkeiten Finanzmittel zur
Verfügung. Dafür wirkt er eng mit den beteiligten Krankenkassen und der Kassenärztli-
chen Vereinigung Sachsen zusammen
.
4.2.2 Niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzte für
Psychiatrie und Neurologie, Fachärzte für Psychosomatische Medizin und
Psychotherapie („Fachärzte“)
Die niedergelassenen Fachärzte
III
sind maßgeblich an der ambulanten Versorgung von psy-
chisch erkrankten Menschen beteiligt. Aufgrund ihrer Kompetenz in der Behandlung unter-
schiedlichster psychischer Störungen sind sie für die Versorgung von zentraler Bedeutung.
Im Freistaat Sachsen steht derzeit für ca. 14.000 Einwohner ein Facharzt zur Verfügung,
was einer bevölkerungsbezogenen Zahl von 0,71 Fachärzten auf 10.000 Einwohner ent-
spricht. Dieser Schlüssel erfüllt die Bedarfsplanungs-Richtlinie, die sich am Versorgungs-
stand der alten Bundesländer zum 31.12.1990 orientiert und in der die „nervenärztliche Arzt-
gruppe“ nicht weiter differenziert ist, wie es den aktuellen Facharztgruppen gemäß Weiterbil-
dungsverordnung entsprechen würde. Die Bedarfszahlen entsprechen damit nicht fachlichen
Kriterien und berücksichtigen zum Beispiel weder die im BGS 98 erhobenen Prävalenzen
noch die Auswirkungen der demographischen Entwicklung. Vor diesem Hintergrund kommt
es im niedergelassenen Bereich oft zu erheblichen Wartezeiten bis zur Erstvorstellung; sie
betragen, regional unterschiedlich, bis zu einem halben Jahr und können dazu führen, dass
Patienten teilstationär oder stationär statt ambulant behandelt werden.
Auf Grund der bestehenden Finanzierungsbedingungen gestaltet sich vor allem die Versor-
gung chronisch psychisch erkrankter Menschen als unbefriedigend. Die Patienten werden
zum einen nicht immer ausreichend häufig gesehen, die Behandlung bleibt zum anderen oft
auf Pharmakotherapie beschränkt; dabei macht die Beschränkung der Arzneimittelverord-
nung die Behandlung mit modernen Psychopharmaka gleichzeitig häufig schwierig. Die vor-
handenen psychotherapeutischen Kompetenzen kommen aufgrund einer in der Regel sehr
kurzen Kontaktzeit meist nicht zum Tragen.
Ein fachärztlicher Hausbesuch ist angesichts der bestehenden Rahmenbedingungen prak-
tisch nicht möglich. Die Komm-Struktur der Facharztpraxen erschwert allerdings die Behand-
lung und Betreuung von Patienten mit fehlender Krankheitseinsicht oder mangelndem An-
trieb und Motivation.
III
Wenn hier und im Folgenden ganz allgemein von „Fachärzten“ gesprochen wird, so bezieht sich das immer auf die in der
Überschrift aufgeführten Facharztdisziplinen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
36 |
Ziele
Die ambulante fachärztliche Versorgung muss flächendeckend bedarfsgerecht erfolgen.
Der Freistaat Sachsen unterstützt im Rahmen seiner Möglichkeiten Maßnahmen, die ei-
ner drohenden Unterversorgung entgegenwirken können. Dies kann – unter Beachtung
des Subsidiaritätsprinzips – auch den Einsatz finanzieller Mittel beinhalten. Darüber hin-
aus werden Bemühungen zu einer Reformierung der Bedarfsplanungsrichtlinie unter-
stützt.
Es ist zwingend erforderlich, dass die Finanzierungsbedingungen unter Beachtung des
Wirtschaftlichkeitsgebots nach § 12 SGB V eine fachgerechte ambulante Behandlung
speziell chronisch psychisch erkrankter Menschen ermöglichen.
Die Zusammenarbeit zwischen den niedergelassenen Fachärzten und anderen Anbie-
tern und Einrichtungen der Grundversorgung ist weiter zu intensivieren und betrifft auch
die Einbindung in die gemeindepsychiatrischen Hilfe- und Versorgungsstrukturen. Die
Etablierung von sozialpsychiatrischen Schwerpunktpraxen ist vor diesem Hintergrund
regional und bedarfsorientiert zu prüfen.
4.2.3
Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten
Die Prävalenzraten psychischer Störungen sprechen für einen hohen Bedarf an psychothe-
rapeutischer Behandlung, die entsprechend dem 1999 in Kraft getretenen Psychotherapeu-
tengesetz (PsychThG) ganz wesentlich von approbierten ärztlichen und psychologischen
Psychotherapeuten geleistet wird.
Im Freistaat Sachsen gilt der Bedarf nach der Bedarfsplanungs-Richtlinie mit derzeit etwa
275 ärztlichen Psychotherapeuten und mehr als 600 niedergelassenen psychologischen
Psychotherapeuten als gedeckt. Zum 01.07.2010 wurde in der Bedarfsplanungsrichtlinie das
Verhältnis zwischen psychologischen Psychotherapeuten, ärztlichen Psychotherapeuten und
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zugunsten der zwei letztgenannten Berufs-
gruppen neu geregelt. Aktuell gilt damit für die ärztlichen Psychotherapeuten die Mindestbe-
setzung in einigen Gebieten nicht als erreicht. Die Zahl der Einwohner, für die ein ärztlicher
oder psychologischer Psychotherapeut zur Verfügung steht, liegt inzwischen mit 5.500 nur
noch wenig über dem Durchschnittswert aller Bundesländer. Wartezeiten bis zu einem Erst-
gespräch von ca. zwei bis drei Monaten deuten allerdings darauf hin, dass die angewende-
ten Bedarfsplanungszahlen nicht geeignet sind, den tatsächlichen Bedarf abzudecken. Zu-
dem ist die Versorgungssituation regional unterschiedlich.
Eine weitere Anlaufstelle bieten die Institutsambulanzen der Ausbildungsinstitute zum Psy-
chologischen Psychotherapeuten und weitere Lehrpraxen, in denen die Wartezeiten für Pati-
enten in der Regel deutlich geringer ausfallen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 37
Unter strukturellen Gesichtspunkten ist kritisch zu bewerten, dass vor allem auch die Versor-
gungssituation von Menschen mit schweren und chronisch verlaufenden psychischen Stö-
rungen unbefriedigend ist. Dies gilt deshalb, weil deren Behandlung durch die niedergelas-
senen Fachärzte angesichts der bestehenden Finanzierungsbedingungen oft auf Pharmako-
therapie reduziert bleiben muss und die betroffenen Patienten einerseits nur selten den Weg
zum niedergelassenen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten finden, anderer-
seits dort auch nicht immer fachgerecht behandelt werden.
Ziele
Der Freistaat Sachsen hält eine Prüfung der Bedarfsplanung für erforderlich, um eine
bedarfsgerechte flächendeckende Versorgung sicherzustellen.
Die Kooperation und Vernetzung mit allen an der Versorgung von psychisch erkrankten
Menschen beteiligten Berufsgruppen und Einrichtungen ist zu stärken.
Das Ausbildungscurriculum und Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sollten die Kom-
petenz der niedergelassenen ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten in der
Behandlung von komplexen und schweren, chronisch verlaufenden psychischen Erkran-
kungen stärken.
4.2.4
Medizinische Versorgungszentren
Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) ist eine fachübergreifende, ärztlich geleitete
Einrichtung, in der im Arztregister eingetragene Ärzte als freiberufliche Vertragsärzte oder als
Angestellte tätig sind; „fachübergreifend“ heißt, dass mindestens zwei verschiedene Fach-
arztgruppen vertreten sind. Ein MVZ kann von jedem Leistungserbringer gegründet werden,
der aufgrund von Ermächtigung, Zulassung oder Vertrag an der medizinischen Versorgung
von gesetzlich versicherten Patienten teilnimmt, also nicht nur von Ärzten, sondern zum Bei-
spiel auch von Krankenhäusern oder Apothekern.
Die Versorgung der Patienten erfolgt ähnlich der in Gemeinschaftspraxen. Es besteht jedoch
kein Anspruch auf Behandlung durch einen bestimmten Arzt, wodurch die Kontinuität der
Behandlung nicht immer zu gewährleisten ist. Die Patienten können jedoch von Synergie-
effekten der koordinierten interdisziplinären Versorgung profitieren.
Im Freistaat Sachsen nimmt die Anzahl der MVZ, in denen mindestens ein psychiatrischer
Facharzt tätig ist, seit Schaffung der gesetzlichen Grundlage im Jahr 2004 stetig zu; dabei
besteht allerdings ein erheblicher regionaler Unterschied.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
38 |
Ziel
Für Angebote psychiatrischer Versorgungsleistungen in Medizinischen Versorgungszen-
tren gelten die definierten Grundprinzipien; im Fokus zu definierender Zielstellungen
steht die Realisierung einer personellen Kontinuität der Behandlung.
4.2.5
Psychiatrische Institutsambulanzen
Auf der gesetzlichen Grundlage des § 118 SGB V wurden die psychiatrischen Krankenhäu-
ser und Allgemeinkrankenhäuser mit selbständigen fachärztlich geleiteten psychiatrischen
Abteilungen (im Folgenden „psychiatrische Abteilungen“ genannt) vom Gesetzgeber ermäch-
tigt, Institutsambulanzen als Teilbereich der ambulanten psychiatrischen und psychothera-
peutischen Versorgung zu gründen. Ziel war die Verbesserung der Versorgung von psy-
chisch erkrankten Menschen, die wegen Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung der am-
bulanten Behandlung durch das Krankenhaus bedürfen oder von anderen Versorgungsan-
geboten nur ungenügend erreicht werden. Die Vermeidung von Krankenhausaufnahmen und
die Verkürzung der Dauer stationärer Behandlungen sind wesentlicher Behandlungsauftrag.
Für die psychiatrischen Abteilungen wurden durch Neuregelung des Vertrages nach
§ 118 Abs. 2 SGB V auf Bundesebene die Ein- und Ausschlusskriterien für die Behandlung
in psychiatrischen Institutsambulanzen erstmals konkretisiert (Indikationen/Diagnosen, Krite-
rien für Schwere und Dauer).
Psychiatrische Institutsambulanzen erfüllen mit ihrem komplexen Leistungsangebot den mul-
tiprofessionellen Handlungsbedarf der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen
Versorgung schwerer und mehrfach kranker Patienten. Dazu gehören, neben der psychiat-
risch-psychotherapeutischer Diagnostik und Therapie im engeren Sinne, das Instrumentari-
um der sozialtherapeutischen einschließlich der nachgehenden Behandlung,
ergotherapeutische Angebote und die Psychoedukation unter Einbezug der Angehörigen.
Von entscheidender Bedeutung für die Therapie ist die Gewährleistung der Behandlungskon-
tinuität für die Patienten. Die Institutsambulanzen müssen sich in das Versorgungssystem
der Region einbinden und mit den niedergelassenen Fachärzten, psychologischen Psycho-
therapeuten und komplementären Einrichtungen kooperieren.
Im Freistaat Sachsen sind inzwischen an allen psychiatrischen Krankenhäusern und psychi-
atrischen Abteilungen Institutsambulanzen eingerichtet. Im gesetzlich intendierten Sinn ha-
ben sie sich als Bindeglied zwischen der haus- und fachärztlichen Behandlung einerseits und
der stationären Versorgung andererseits etabliert. Ihr Angebot schließt neben der Behand-
lung schwerer und komplexer Krankheitsbilder auch die Diagnostik und Therapieplanung
bestimmter Erkrankungen ein. Die Versorgungssituation ist allerdings nicht in allen sächsi-
schen Regionen zufriedenstellend und bedarfsorientiert, so dass Menschen aus ländlichen
Gebieten mit schweren psychischen Erkrankungen wegen langer Anfahrtszeiten nicht immer
ausreichend erreicht werden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 39
Ziele
Das Angebot ist bedarfsgerecht vorzuhalten; die bestehenden Institutsambulanzen sind
zu erhalten. Dabei werden die Institutsambulanzen als flankierendes Angebot zu den
niedergelassenen fachärztlichen Behandlungsstrukturen vorgehalten und ersetzen diese
nicht.
Die Vernetzung von Institutsambulanzen mit den übrigen medizinischen und komple-
mentären Leistungserbringern soll erweitert werden, um die Behandlungskontinuität
auch bei einem notwendigen Settingwechsel soweit wie möglich zu gewährleisten.
4.2.6
Sozialpsychiatrische Dienste
Ein Sozialpsychiatrischer Dienst (SpDi) ist ein niederschwelliger, d. h. ein allen offenstehen-
der und leicht zugänglicher ambulanter Dienst, der bei Menschen mit chronischen psychi-
schen Erkrankungen zur Verkürzung psychiatrisch-stationärer Behandlungen beitragen, die
Nachbehandlung sichern und die Lebensmöglichkeiten außerhalb stationärer Einrichtungen
verbessern soll. Die Ausgestaltung ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gere-
gelt.
Im Freistaat Sachsen sind die Sozialpsychiatrischen Dienste durch die Landkreise und Kreis-
freien Städte einzurichten und als ein grundlegender Bestandteil der ambulanten, gemeinde-
nahen psychiatrischen Versorgung an die Gesundheitsämter angeschlossen. Sie werden
gemäß SächsPsychKG von einem Arzt geleitet, der eine Facharztanerkennung für das
Fachgebiet Psychiatrie erworben hat. Die Leistungen - vor allem Aufgaben der Beratung,
Diagnostik, Krisenintervention, Behandlung und Begleitung - werden im Rahmen einer aktiv
aufsuchenden Tätigkeit von einem multiprofessionellen Team realisiert, wobei vorrangig
chronisch psychisch erkrankte Menschen mit komplexem Hilfebedarf sowie deren Angehöri-
ge betreut werden. Darüber hinaus übernimmt der SpDi eine wichtige Lotsenfunktion bei der
Koordinierung der Hilfen.
Hinsichtlich der personellen Ausgestaltung - und daraus resultierend auch hinsichtlich ande-
rer Strukturvariablen wie Leistungsangebot und Vernetzung - bestehen im Freistaat Sachsen
regionale Unterschiede. Mancherorts ist die Erreichbarkeit für die Patienten nicht in ausrei-
chendem Maße gegeben. Die zum Teil langen Wegezeiten stellen umgekehrt für die Mitar-
beiter bei der Gewährung aufsuchender Hilfen einen hohen, kaum vertretbaren Aufwand dar.
Ziele
Das Angebot der SpDi ist bedarfsorientiert differenziert auf die Region abzustimmen.
Die Bemessung der Personalausstattung von einer Fachkraft pro ca. 25.000 Einwohner
sollte unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten eingehalten werden. Die Min-
destpersonalausstattung mit einem Facharzt und den entsprechenden Fachkräften ist zu

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
40 |
gewährleisten. Zur Förderung der Behandlungskontinuität ist anzustreben, dass die Per-
sonalbesetzung möglichst konstant bleibt.
Der Facharzt ist möglichst mit einer kassenärztlichen Ermächtigung für bestimmte Pati-
enten und für die Gefahrenabwehr im Notfall auszustatten. Dies erscheint zum einen er-
forderlich, um die zur Gefahrenabwehr nach SächsPsychKG geforderten ambulanten
Behandlungsalternativen zeitnah sicherzustellen. Dies kann aber auch zu einer weiteren
Verbesserung der Vernetzung mit den Fachkrankenhäusern und -abteilungen sowie den
Institutsambulanzen beitragen, die Attraktivität der Arztstellen erhöhen und damit letztlich
helfen, die Besetzung der Facharztstellen perspektivisch zu sichern.
Für die Gewährung der Hilfen sollten Wegezeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln von
ca. 30 bis 45 Minuten möglichst nicht überschritten werden.
Zur Umsetzung einer integrierten gemeindenahen Versorgung ist anzustreben, die Ver-
netzung mit allen regionalen medizinischen und komplementären Leistungsanbietern
stetig zu verbessern. Die Zusammenarbeit mit den Leistungsträgern der Eingliederungs-
hilfe ist zu gewährleisten.
Der SpDi sollte in regelhaft stattfindenden Hilfeplankonferenzen federführend wirken.
4.2.7
Krisenintervention
Krisenintervention ist ein entscheidender Teilbereich ambulanter gemeindepsychiatrischer
Versorgung mit dem Ziel, Menschen in akuten psychischen und psychosozialen Krisen am-
bulant aufzufangen. Zu unterscheiden ist dieses Angebot von der Notfallbehandlung, die im
medizinischen Bereich vor allem von den psychiatrischen Kliniken geleistet wird, sowie von
den häufig aus Rettungsdiensten und Feuerwehrleuten heraus gegründeten Kriseninterven-
tionsteams für Katastrophenfälle.
Das Angebot ist niederschwellig zu organisieren, 24-stündig vorzuhalten und in die vorhan-
denen Versorgungsstrukturen zu integrieren. Das Interventionsspektrum umfasst im Wesent-
lichen Beratung und Unterstützung sowie die Einleitung psychiatrischer, psychotherapeuti-
scher, psychosomatischer oder somatischer Weiterbehandlung im ambulanten oder, falls
erforderlich, im teilstationären oder stationären Setting.
Im Freistaat Sachsen existiert in allen Regionen ein umfassendes Angebot an zum Teil auf-
einander abgestimmten Hilfestellungen, die meist aus rund um die Uhr
zu erreichenden ärzt-
lichen Bereitschaftsdiensten und zeitlich umfassend zur Verfügung stehenden professionell
besetzten telefonischen Beratungsangeboten bestehen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
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Ziele
Ein bedarfsorientiertes Angebot einer ganzjährigen, 24-stündigen Krisenintervention ist
unter Nutzung und Einbeziehung bereits vorhandener Versorgungsstrukturen vorzuhal-
ten. Es ist nicht gewünscht, dass ein neues Angebot in Form einer neuen professionellen
Institution eingerichtet wird.
Ein hoher Standard der Kriseninterventionen ist durch Weiterbildungsmaßnahmen und
Qualitätskontrollen zu gewährleisten.
Kriseninterventionen sollen möglichst auch aufsuchend tätig sein können.
Die Steuerung der Krisenintervention sollte regional über die SpDi erfolgen.
4.2.8
Versorgung im häuslichen Umfeld („Home-Treatment“)
Unter „Home Treatment“ ist, als Alternative zur stationären Krankenhausbehandlung, eine
häusliche psychiatrische Akutbehandlung zu verstehen. Es stellt einen vollwertigen Ersatz
einer stationären Krankenhausbehandlung oder auch ein vorübergehendes Behandlungsan-
gebot nach einer stationären Intensivbehandlung dar. Im Zentrum des Angebotes steht ein
multiprofessionelles Team, das sich aus Fachärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern und psy-
chosozialen Therapeuten zusammensetzen sollte und aufsuchend den akutpsychiatrisch
behandlungsbedürftigen Patienten in seiner gewohnten Umgebung im Rahmen eines mit ihm
vereinbarten Behandlungsplanes betreut.
Ziel ist es, das soziale Umfeld eng in die Behandlung einzubeziehen, um sowohl eine Linde-
rung der Symptomatik beim Patienten zu erreichen als auch das soziale Netzwerk der Klien-
ten zu entlasten. „Home Treatment“ findet direkt am Wohnort des Patienten statt. Die Dauer
der Behandlung orientiert sich prinzipiell an der einer stationären Behandlung und ist in der
Regel bei gleichwertigem Behandlungserfolg etwas kürzer.
Die Verbreitung von „Home Treatment“ bleibt in Deutschland vor allem aufgrund der Voraus-
setzungen zur Finanzierung hinter dem Entwicklungsstand anderer Länder zurück. Im Frei-
staat Sachsen bestehen bisher keine Angebote des „Home Treatment“.
Ziel
„Home Treatment“ sollte im Rahmen eines Modellprojekts als Alternative zur stationären
Behandlung unter Berücksichtigung der bestehenden Voraussetzungen und Versor-
gungsangebote erprobt werden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
42 |
4.2.9
Ambulante Pflege für psychisch kranke Menschen
Auf Grundlage des § 37 SGB V kann ambulante häusliche Krankenpflege als Leistung der
gesetzlichen Krankenkassen gewährt werden, wenn eine Krankenhausbehandlung geboten,
aber nicht ausführbar ist oder wenn dadurch eine Krankenhausbehandlung vermieden oder
verkürzt wird. Zudem kann häusliche Krankenpflege erbracht werden, wenn sie zur Siche-
rung des Ziels der ärztlichen Behandlung erforderlich ist. Die häusliche Krankenpflege steht
damit in unmittelbarem Zusammenhang mit der Krankenbehandlung nach § 27 SGB V und
unterstützt die medizinische Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Ein Anspruch auf
häusliche Krankenpflege besteht allerdings nur, soweit eine im Haushalt lebende Person den
Betroffenen nicht im erforderlichen Umfang pflegen und versorgen kann.
Die zum 01.07.2005 in Kraft getretene Neufassung der Richtlinie über die Verordnung von
häuslicher Krankenpflege (Häusliche Krankenpflege-Richtlinie) erfasste erstmalig Leistungen
der ambulanten psychiatrischen Pflege. Die Realisierung des Angebots im Freistaat verläuft
bisher schleppend, da es an psychiatrisch qualifiziertem Fachpersonal in den ambulanten
Pflegediensten fehlt.
Ziel
Das Versorgungsangebot der ambulanten Pflege für psychisch erkrankte Menschen soll
bedarfsgerecht und regionalen Erfordernissen entsprechend gestaltet werden.
4.2.10 Soziotherapie
Soziotherapie ist eine ambulante Versorgungsleistung für Patienten mit schweren psychi-
schen Störungen; sie zielt darauf ab, die ambulante Versorgung zu unterstützen und statio-
näre Krankenhausbehandlungen zu vermeiden bzw. zu verkürzen.
Auf der Grundlage des
§ 37a
SGB V richtet sich diese Leistung der gesetzlichen Krankenkassen an Menschen, die
wegen einer schweren psychischen Erkrankung nicht in der Lage sind, ärztliche oder ärztlich
verordnete Leistungen selbstständig in Anspruch zu nehmen. Soziotherapie umfasst koordi-
nierende Aufgaben sowie Trainings- und Motivationsmethoden mit der Intention, die Inan-
spruchnahme von Gesundheitsleistungen und die Entwicklung von krankheitsbezogenen
Bewältigungsstrategien durch die Betroffenen zu verbessern. Dazu gehören ebenfalls die
Stärkung der sozialen Kompetenz bzw. der Abbau sozialer Defizite und eine Verbesserung
der Alltagsbewältigung.
Die Leistungen werden von speziell ausgebildeten bzw. vertraglich zugelassenen Fachkräf-
ten erbracht. Für eine Kostenübernahme dieser Leistung durch die gesetzliche Krankenver-
sicherung ist eine fachärztliche Verordnung und eine Genehmigung durch die zuständige
Krankenkasse
erforderlich.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
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Soziotherapie kann einen wichtigen Beitrag leisten, die Betreuung von Menschen mit psychi-
schen Erkrankungen individuell wirkungsvoller und wirtschaftlicher zu gestalten. Der Grad
der Umsetzung entspricht derzeit nicht den ursprünglichen Erwartungen. Im Freistaat Sach-
sen ist das Angebot noch sehr begrenzt.
Ziele
Eine flächendeckende bedarfsgerechte Versorgung mit Soziotherapie sollte nachhaltig
unterstützt werden.
Die Anforderungen an die Qualifikation der Leistungserbringer von Soziotherapie sollten
dem Hilfebedarf entsprechen.
Zur Nutzung von Synergieeffekten sollte Soziotherapie grundsätzlich in bestehende
Strukturen integriert sein.
Für die Realisierung eines bedarfsgerechten Angebotes sind die finanziellen Rahmen-
bedingungen und die Zugangsvoraussetzungen entsprechend zu gestalten.
4.2.11 Psychiatrische Ergotherapie
Ergotherapie als psychosozialer Therapieansatz unterstützt psychisch erkrankte Menschen
aller Altersstufen, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung
konkret bedroht sind. Durch spezifische Aktivitäten und Beratung sollen Handlungsfähigkei-
ten im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung der Lebensqualität entwi-
ckelt werden.
Zielstellungen der psychiatrischen Ergotherapie sind vor allem die Entwicklung, die Verbes-
serung und der Erhalt von psychischen Grundleistungsfunktionen wie zum Beispiel Motivati-
on, Belastbarkeit, Ausdauer, Flexibilität, Selbstständigkeit in der Tagesstrukturierung und
Interaktionsfähigkeit. Zur Förderung und als Hilfe zur Teilhabe am Arbeitsleben eröffnet Er-
gotherapie psychisch erkrankten Menschen die Möglichkeit, ihr seelisches Befinden mittels
kreativer Techniken sowie lebenspraktischer Übungen einerseits und beruflich orientierter
Angebote andererseits zu verbessern.
Ziele
Ergotherapie muss als wesentlicher Teil der psychiatrischen Behandlung und Versor-
gung berücksichtigt werden. Die Behandlung muss sich als patientenorientiertes Ange-
bot an den individuellen Bedürfnissen und Ressourcen der Patienten orientieren und ein
differenziertes therapeutisches Angebot gewährleisten.
Die Professionalisierung der Ergotherapie wird gefordert und soweit möglich gefördert.
Mitarbeiter sollen an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
44 |
4.3
Krankenhausversorgung
4.3.1
Teilstationäre Versorgung
4.3.1.1 Tageskliniken
Tageskliniken vervollständigen das Angebot der stationären Versorgung und sind ein sinn-
volles und unerlässliches Bindeglied zu den Bausteinen der gemeindenahen ambulanten
und komplementären Versorgung. Dabei übernehmen Tageskliniken, zunächst als Ort der
Behandlung nicht mehr vollstationär behandlungsbedürftiger Patienten konzipiert, in den
letzten Jahren zunehmend Aufgaben der Akutversorgung, wobei sie in ihrer Wirksamkeit
vollstationären Angeboten nicht nachstehen.
Im Freistaat Sachsen wird in Übereinstimmung mit dem Krankenhausplan vom Dezember
2009 derzeit ein Angebot von 1,79 Plätzen pro 10.000 Einwohnern vorgehalten, wobei sich
die sächsischen psychiatrischen Tageskliniken, bei weitgehend einheitlichen administrativen
Gegebenheiten, in strukturellen Merkmalen, wie zum Beispiel der personellen Ausstattung
und dem vorgehaltenen therapeutischen Angebot, erheblich unterscheiden. Mit dem Ziel, der
Intention einer gemeindenahen Versorgung Rechnung zu tragen und das Angebot möglichst
flächendeckend vorzuhalten, befinden sich von den über 750 Plätzen knapp 250 nicht an
dem Standort, an dem das Fachkrankenhaus oder die Fachabteilung ihr stationäres Angebot
hat. Dennoch ist die Erreichbarkeit regional sehr unterschiedlich, und fachlich vertretbare
Wegezeiten konnten bisher nicht allerorts realisiert werden.
Ziel
Unter dem Gesichtspunkt der gemeindenahen Versorgung ist das Angebot konzeptionell
und kapazitiv entsprechend dem regionalen Bedarf und den regionalen Besonderheiten
zu gestalten. Das Ziel der Vermeidung vollstationärer Behandlungen muss dabei im
Blickpunkt entsprechender Planungen stehen. Fachkrankenhäuser und Fachabteilungen
sollten daher mindestens 20 % ihrer Platzkapazität als tagesklinisches Angebot vorhal-
ten.
4.3.1.2 Nachtklinische Angebote
Ein nachtklinisches Angebot richtet sich als teilstationäres Angebot vor allem an Menschen
mit psychischen Störungen, die über einen Arbeitsplatz verfügen oder im beruflichen Rehabi-
litationsprozess stehen und in den Abend- und Nachtstunden einen therapeutischen Rahmen
benötigen. Es kann zum Beispiel zur Verkürzung einer stationären Behandlung beitragen
oder aber alternativ zur stationären Behandlung angeboten werden.
Das Angebot, das schon in den Rodewischer Thesen gefordert wurde, hat angesichts der
schlechten Beschäftigungssituation vor allem chronisch und komplex psychisch erkrankter

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 45
Menschen in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung verloren, auch wenn der Behand-
lungserfolg mit dem anderer teilstationärer Maßnahmen vergleichbar scheint. Inzwischen
jedoch wird ein nachtklinisches Angebot, in der DDR zum Beispiel als „Tages-Nacht-
Therapeutikum“ oder auch als Modell einer „befürsorgten Wohnstätte“ vorgehalten, diskutiert
und bundesweit an manchen Standorten neu etabliert.
Ziel
Der Bedarf an nachtklinischen Angeboten ist regional zu prüfen.
4.3.2
Stationäre Versorgung
Der Bereich der stationären Grundversorgung von psychisch erkrankten Menschen hat sich,
im Freistaat Sachsen speziell in den letzten beiden Jahrzehnten, tiefgreifend verändert. Die
Entwicklung war geprägt von der Abkehr von einigen zentralen psychiatrischen Großkliniken
hin zu gemeindepsychiatrischen Versorgungsansätzen und ganz besonders vom Auf- und
Ausbau psychiatrischer Abteilungen mit Vollversorgungsverpflichtung an Allgemeinkranken-
häusern. Dieser Paradigmenwechsel in Richtung einer sozial- und gemeindepsychiatrischen
Versorgung war mit dem Abbau stationärer Langzeitbetten und dem Auf- und Ausbau ambu-
lanter medizinischer, komplementärer und rehabilitativer Angebotsstrukturen verbunden.
Parallel zum Abbau der allgemeinpsychiatrischen Langzeitbetten nahm die Anzahl betreuter
Wohnformen zu. Die Behandlungsdauer pro Krankenhausaufenthalt hat sich im Verlauf die-
ser Entwicklung erheblich reduziert. Eine ausreichend lange Verweildauer zur Sicherstellung
der Wirksamkeit von Arzneimitteltherapien muss in den Krankenhäusern jedoch weiterhin
gewährleistet werden. Krankenhäuser erfüllen damit inzwischen fast ausschließlich Aufga-
ben der Akutversorgung, das Angebot richtet sich vor allem an Patienten, die einer besonde-
ren Behandlungsintensität bedürfen.
Im Freistaat Sachsen ist die Krankenhausbehandlung sektorisiert, d. h. Patienten sind ge-
mäß SächsPsychKG von den Krankenhäusern aufzunehmen, in deren Einzugsgebiet sie
ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben; die Einzugsgebietsverordnung folgt dabei den definier-
ten Grundprinzipien und hat das Ziel einer gemeindenahen Behandlung.
Unter die Einzugsgebietsverordnung fallen aktuell im Freistaat Sachsen 25 psychiatrische
Kliniken mit Vollversorgungsauftrag mit 2.616 Betten. Die Bettenmessziffer liegt damit bei
0,62, d. h. es werden 0,62 Betten pro 1.000 Einwohner vorgehalten. Dabei stehen einigen
wenigen Gebieten, in denen ein geringfügiges Überangebot an Krankenhausbetten zu kon-
statieren ist, noch immer Regionen gegenüber, in denen das Pflichtversorgungsgebiet deut-
lich mehr als 150.000 Einwohner umfasst und zum Teil Anreisezeiten für die Betroffenen
entstehen, die einer gemeindenahen Versorgung nicht entsprechen.
Die Einhaltung der Psychiatrie-Personalverordnung vom 18.12.1990 (Psych-PV) erweist sich
derzeit vor allem im ärztlichen Bereich als schwierig, zunehmend aber auch im Pflegebe-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
46 |
reich. Die Bettenbelastung je Vollkraft liegt im Freistaat im ärztlichen Dienst deutlich über
dem Bundesdurchschnitt, so dass sich die Sicherstellung der stationären Krankenhausbe-
handlung von schwer psychisch erkrankten Patienten in einigen Einrichtungen problematisch
gestaltet.
Die Verpflichtung zur Qualitätssicherung nach § 137 SGB V wird von allen Krankenhäusern,
allerdings in unterschiedlicher Differenziertheit, umgesetzt; zum Teil befindet sich das Quali-
tätsmanagement noch im Aufbau.
Ziele
Als Richtwert zur Bedarfsplanung im Bereich der allgemeinpsychiatrischen Versorgung
gelten im Freistaat Sachsen 0,60 bis 0,65 Betten pro 1.000 Einwohner, wobei die kon-
kreten Messziffern nach den regionalen Bedingungen sowie spezifischen Versorgungs-
aufgaben einzelner Kliniken bestimmt werden müssen. Die Messziffern von Universitäts-
kliniken zum Beispiel müssen höher liegen, ebenso die Messziffern von Einrichtungen
mit überregionalen Versorgungsaufgaben.
Der regionalisierte Aufbau von psychiatrischen Abteilungen mit Vollversorgungsverpflich-
tung an Allgemeinkrankenhäusern ist abgeschlossen. Die Kapazität wird auch künftig
geprüft und bedarfsabhängig gestaltet. Die Zahl der Behandlungsplätze einer Abteilung
muss dabei sowohl wirtschaftlichen Erfordernissen als auch den therapeutischen Anfor-
derungen einer Vollversorgung entsprechen, sie soll jedoch nur in begründeten Aus-
nahmefällen 150 Betten überschreiten
Patienten, die einer stationären psychotherapeutischen Versorgung bedürfen, sollten
möglichst wohnortnah in den Fachkrankenhäusern oder -abteilungen behandelt werden;
die Behandlung in wohnortfernen Rehabilitationskliniken bedarf einer klaren Indikation.
Die Verbesserung der stationären Behandlung ist von allen Krankenhäusern unter Be-
achtung der gesetzlichen Vorgaben und durch Maßnahmen der Qualitätssicherung zu
gewährleisten.
Ziel der Krankenhausplanung ist die Integration von psychiatrisch-psychotherapeutischer
und psychosomatisch-psychotherapeutischer Versorgung.
Die Personalausstattung mindestens entsprechend der Psych-PV muss gewährleistet
sein.
Die Vernetzung der stationären Versorgung mit dem allgemeinmedizinischen sowie dem
ambulanten und komplementären psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich ist mit
dem Ziel einer möglichst umfassenden Behandlungskontinuität auszubauen und auf-
rechtzuerhalten. Entlassungen aus der stationären Behandlung erfolgen vor dem Hinter-
grund einer bedarfsorientierten Entlassungsplanung entsprechend der medizinischen
Notwendigkeit.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 47
4.4
Rehabilitation und Arbeitsangebote
4.4.1
Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke und behinderte Menschen
Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke und behinderte Menschen (RPK) stellen
als integrierte Komplexleistung von medizinischer und beruflicher Rehabilitation, verbunden
mit ergänzenden psychosozialen Hilfen, ein Leistungsangebot zur Teilhabe für Menschen mit
schweren psychischen Störungen, mit ausgeprägten Schädigungen (einschließlich psychi-
scher Funktionen) und daraus resultierenden Beeinträchtigungen der Aktivitäten und der
Teilhabe dar.
Vor dem Hintergrund des Perspektivenwechsels hin zu einer personen- und lebensweltbe-
zogenen psychiatrischen Versorgung bieten die am 01.07.2006 in Kraft getretenen Empfeh-
lungen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (RPK-Empfehlungsvereinbarung)
derzeit erweiterte Möglichkeiten, Leistungen in ambulanter, teilstationärer und stationärer
Form bedarfsgerecht zu erbringen.
Bisher existieren im Freistaat Sachsen vier RPK-Einrichtungen in Dresden, Glauchau, Görlitz
und Leipzig. Ein flächendeckendes Angebot von ca. 4-5 dezentralen Einrichtungen mit einer
dem Versorgungsgebiet angepassten Platzzahl ist dabei gegenwärtig als bedarfsgerecht
anzusehen. Für eine qualitätsgesicherte Erbringung dieser Leistungen sind wirtschaftlich
tragbare Strukturen vorzuhalten. Der Freistaat unterstützt entsprechende Bemühungen von
Trägern.
Ziele
Die Vernetzung der RPK’s mit anderen Behandlungs- und Rehabilitationsangeboten der
gemeindepsychiatrischen Versorgung ist sicherzustellen.
Im Sinne einer erfolgreichen Reintegration der Rehabilitanden sollten sich die Maßnah-
men an dem Grundsatz „erst platzieren, dann rehabilitieren“ orientieren.
4.4.2
Integrationsprojekte und Zuverdienstfirmen für psychisch kranke Menschen
Die Integrationsprojekte nach § 132 SGB IX sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständige
Unternehmen (Integrationsunternehmen) oder unternehmensinterne Integrationsbetriebe
oder Integrationsabteilungen von Unternehmen bzw. öffentlichen Arbeitgebern im Sinne des
§ 71 Abs. 3 SGB IX. Sie beschäftigen insbesondere schwerbehinderte Menschen mit geisti-
ger oder seelischer Behinderung oder mit einer schweren Körper-, Sinnes- oder Mehrfach-
behinderung mit einer festen wöchentlichen Arbeitszeit von mehr als 15 Stunden. Der Anteil
der schwerbehinderten Mitarbeiter im Unternehmen liegt zwischen 25 und 50 %. Eine Förde-
rung der Unternehmen erfolgt nach § 134 SGB IX aus Mitteln der Ausgleichsabgabe. In der
Praxis beschäftigen Integrationsprojekte nur in geringem Umfang Menschen mit einer seeli-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
48 |
schen Behinderung. Lediglich 5% der schwerbehinderten Beschäftigten in Integrationspro-
jekten im Freistaat Sachsen im Jahr 2009 wiesen eine vorrangige seelische Behinderung auf
(Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen – BIH).
Zuverdienstfirmen bieten die Möglichkeit behinderungsgerechter Arbeit und sinnvoller Be-
schäftigung besonders für Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen, psychi-
schen Behinderungen oder Abhängigkeitserkrankungen; sie bieten angepasste Arbeitszeiten
und Arbeitsanforderungen, Rücksichtnahme auf Leistungsschwankungen und Krankheits-
ausfälle. Zuverdienstfirmen schaffen niederschwellige Beschäftigungsangebote für psychisch
kranke Menschen. Basis der Beschäftigung kann sowohl ein geringfügiger Arbeits- als auch
ein Beschäftigungsvertrag sein. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt in der Regel weniger als
15 Stunden. Die Arbeitsverträge sind üblicherweise in der Dauer nicht befristet, d. h. nicht an
Maßnahme- oder Bewilligungszeiträume geknüpft. Die Tages- oder Wochenarbeitszeiten
werden flexibel nach den Bedürfnissen der Mitarbeiter und der Auftragslage der Firmen ge-
staltet, so dass auch längere Krankheitszeiten der Mitarbeiter kompensiert werden können.
Die Tätigkeitsfelder reichen von gastronomischen Angeboten über Hausmeisterdienstleis-
tungen, Garten- und Landschaftspflege, Baunebenleistungen, Elektromontage und Verpa-
ckungsarbeiten bis hin zur Möbelbörse. Die Anzahl verfügbarer Zuverdienstarbeitsplätze
muss aber noch immer als nicht bedarfsgerecht bewertet werden.
Ziele
Ein bedarfsgerechtes Angebot von Integrationsprojekten und Zuverdienstfirmen ist anzu-
streben. Entsprechend den Möglichkeiten ist die erforderliche finanzielle Unterstützung
bestehender sowie wirtschaftlich tragbarer neuer Projekte einzuplanen und sicherzustel-
len.
Die Staatsregierung regt die Rehabilitationsträger an, Zuverdienstprojekte zur Entwick-
lung von Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben zu unterstützen.
4.4.3
Werkstätten für behinderte Menschen
Die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sind Einrichtungen zur Teilhabe behinder-
ter Menschen am Arbeitsleben auf der gesetzlichen Grundlage des § 136 SGB IX. Das An-
gebot richtet sich an behinderte Menschen, die wegen Art oder Schwere der Behinderung
nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt wer-
den können.
Die WfbM bieten nicht nur eine berufliche Bildung oder einen Arbeitsplatz, sondern ermögli-
chen behinderten Menschen ihre Leistungs- oder Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu entwi-
ckeln, zu erhöhen oder wiederzugewinnen und dabei ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.
Sie fördern durch entsprechende Maßnahmen den Übergang geeigneter Personen auf den
allgemeinen Arbeitsmarkt. Im Hinblick auf die speziellen Bedürfnisse von chronisch psy-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 49
chisch kranken und seelisch behinderten Menschen und deren unterschiedlichen Berufs-
sowie Arbeitserfahrungen bzw. Zielvorstellungen, sollen die WfbM ein breit gefächertes und
individuell anpassbares Angebotsspektrum vorhalten, das speziell auch dem Bedarf psy-
chisch erkrankter Menschen gerecht wird. Zum Angebot an Berufsbildungs- und Arbeitsplät-
zen gehören auch ausgelagerte Plätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, die zum Zwecke
des Übergangs bzw. auch als dauerhaft ausgelagerte Plätze mit entsprechendem Be-
treuungsangebot vorgehalten werden. Eine Entwicklung in diese Richtung stellt der Aufbau
betriebsintegrierter (virtueller) Werkstattplätze dar. Von zentraler Bedeutung ist dabei die
Begleitung durch eine qualifizierte Bezugsperson, die für alle Betroffenen und Maßnahmen
eines Betriebes Ansprechpartner ist. Die WfbM vergüten die Leistungen der Beschäftigten
durch ein Arbeitsentgelt aus dem Arbeitsergebnis. Die Qualität des Angebotes der WfbM
wird durch entsprechend qualifiziertes Personal sowie einen begleitenden Dienst mit zusätz-
licher psychologischer Betreuung sichergestellt.
Im Freistaat Sachsen konnte in der Laufzeit des Ersten Landespsychiatrieplanes ein breitge-
fächertes Angebot an WfbM für psychisch kranke und seelisch behinderte Menschen aufge-
baut werden.
Ziele
Es ist dafür Sorge zu tragen, dass gerade auch bei jungen Menschen alle Alternativen
von beruflichen Rehabilitationsmöglichkeiten geprüft und, wenn möglich und vertretbar,
vorrangig genutzt werden.
Ein differenziertes, bedarfsorientiertes Angebot für chronisch psychisch kranke und see-
lisch behinderte Menschen ist überwiegend in eigenen Abteilungen und unter Nutzung
betriebsintegrierter Werkstattplätze sicherzustellen.
Für Menschen mit besonderem Förderbedarf sind eine bedarfsgerechte Angebotsdiffe-
renzierung und Flexibilisierung der Nutzung der WfbM zu prüfen und gesetzliche Grund-
lagen entsprechend auszuschöpfen. So sind zum Beispiel die bestehenden Möglichkei-
ten zu einer Arbeitszeit von weniger als sechs Stunden flexibel zu nutzen.
Zur Sicherstellung einer optimalen Betreuung und Förderung der Betroffenen ist eine
enge Vernetzung und Kooperation zwischen dem komplementären Versorgungsbereich
und den Werkstätten stets abzusichern.
4.4.4
Integrationsfachdienste
Integrationsfachdienste sind ein Angebot für schwerbehinderte Menschen zur Teilhabe am
Arbeitsleben. Das Angebot der Integrationsfachdienste umfasst die Unterstützung bei der
Aufnahme, Ausübung und Sicherung einer möglichst dauerhaften Beschäftigung. Zielgrup-
pen sind schwerbehinderte Menschen mit einem besonderen Bedarf an arbeitsbegleitender

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
50 |
Betreuung, Beschäftigte aus den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), die nach
zielgerichteter Vorbereitung den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erreichen kön-
nen und schwerbehinderte Schulabgänger, die zur Aufnahme einer Beschäftigung auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt auf die Unterstützung eines Integrationsfachdienstes angewiesen
sind. Zu den Aufgaben der Integrationsfachdienste gehören die Beratung und Unterstützung
der betroffenen behinderten Menschen selbst sowie die Information und Hilfestellung für Ar-
beitgeber bei den unterschiedlichsten Problemsituationen bei der Teilhabe schwerbehinder-
ter Menschen am Arbeitsleben. Die Integrationsfachdienste werden an den Aufgaben der
gesetzlichen Leistungsträger, von denen sie beauftragt werden, beteiligt. Die Verantwortung
für die gesamte Aufgabenerledigung bleibt damit beim jeweiligen Auftraggeber. Das Angebot
der Integrationsfachsdienste besitzt allerdings bei der Rehabilitation der Personengruppe der
chronisch psychisch Erkrankten eine untergeordnete Bedeutung.
Integrationsfachdienste sind im gesamten Bundesgebiet eingerichtet, so dass in jedem Be-
zirk einer Agentur für Arbeit mindestens ein solcher Dienst vorhanden ist. Im Freistaat Sach-
sen arbeiten derzeit acht Integrationsfachdienste.
Ziele
Durch eine intensive Zusammenarbeit und enge Kooperation zwischen den Integrations-
fachdiensten, den gesetzlichen Leistungsträgern und den Arbeitgebern ist eine bestmög-
liche Vorbereitung der betroffenen Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt abzusi-
chern.
Für eine erfolgreiche Reintegration der Rehabilitanden sind die Maßnahmen an dem
Grundsatz „erst platzieren, dann rehabilitieren“ zu orientieren.
Für chronisch psychisch kranke Menschen, die – krankheitsbedingt – keinen Schwerbe-
hindertenausweis und keine Gleichstellung als schwerbehinderter Mensch besitzen, weil
sie das Antragsverfahren und das damit zusammenhängende Prozedere meiden, sollten
Möglichkeiten zur Schaffung von Arbeitsplätzen, zur Finanzierung des Betreuungsauf-
wandes sowie entsprechender Beratungs- und Betreuungsleistungen geprüft werden.
4.4.5
Berufsbildungswerke
Auf der Grundlage des § 35 SGB IX gehören Berufsbildungswerke (BBW) zu den Einrichtun-
gen der beruflichen Rehabilitation für behinderte Menschen. Die BBW sind überregionale
Einrichtungen, die jungen Menschen mit Behinderungen eine dreijährige berufliche Erstaus-
bildung ermöglichen. Das Angebot beinhaltet neben der praktischen Ausbildung bzw. der
Berufsschule, auch Freizeitangebote und Wohngelegenheiten. Ziel der Ausbildung ist eine
Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt sowie die soziale Integration. Um dies zu
realisieren werden von den BBW Maßnahmen zur Berufsvorbereitung sowie Berufsausbil-
dungen in anerkannten Ausbildungsberufen und nach Ausbildungsregelungen für junge

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 51
Menschen mit Behinderungen angeboten. Die Ausbildung erfolgt nach individuellen Förder-
plänen, die die persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse berücksichtigen. Für die Förderung
steht ein interdisziplinäres Team von Ausbildern, Lehrern, Ärzten, Psychologen und Sozial-
pädagogen sowie Erziehern zur Verfügung.
Im Freistaat Sachsen wurden in der Laufzeit des Ersten Landespsychiatrieplanes keine spe-
ziell abgestimmten Förderangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen etabliert.
Von den Einrichtungen der BBW werden aber für Menschen mit einer psychischen Erkran-
kung im Einzelfall Berufsvorbereitungs- bzw. Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt.
Ziel
Die Möglichkeit zur beruflichen Erstausbildung und Förderung junger Menschen mit psy-
chischen Erkrankungen ist durch ein bedarfsgerechtes Angebot an Berufsvorbereitungs-
bzw. Ausbildungsplätze abzusichern.
4.4.6
Berufsförderungswerke
Berufsförderungswerke (BFW) sind gemeinnützige, außerbetriebliche und überregional auf-
nehmende Bildungseinrichtungen der beruflichen Rehabilitation, welche grundsätzlich der
Fortbildung und Umschulung von Erwachsenen dienen, die in der Regel bereits berufstätig
waren. Zentrales Ziel der Rehabilitationsmaßnahme ist die Eingliederung behinderter Men-
schen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das Leistungsangebot reicht von Information, Beratung
und Diagnostik, u. a. im Rahmen von Maßnahmen der Berufsfindung und Arbeitserprobung,
über berufsbezogene Bildungsmaßnahmen und Qualifizierung (Anpassungs- und
Aufschulungsmaßnahmen sowie Ausbildung) bis hin zu Hilfen zur beruflichen Eingliederung.
Voraussetzung für eine Berufsförderungsmaßnahme ist eine Belastbarkeit von acht Stunden.
Neben den Bildungsstätten stehen den Rehabilitanden begleitende Fachdienste zur Verfü-
gung, die hauptamtlich mit medizinischen, psychologischen und sozialpädagogischen Mitar-
beitern besetzt sind. Zudem werden Wohnangebote vorgehalten. Der Anteil der Rehabilitan-
den mit einer psychischen Erkrankung liegt bei ca. 20 bis 25 %.
Derzeit gibt es in Dresden und Leipzig je ein Berufsförderungswerk, die nach § 35 SGB IX
anerkannte Zentren für berufliche Förderung und Rehabilitation sind.
Ziele
Durch geeignete vorbereitende und unterstützende Maßnahmen ist eine die individuellen
Fähigkeiten und Fertigkeiten fördernde sowie die allgemeine Arbeitsmarktsituation be-
rücksichtigende Berufsfindung abzusichern.
Für eine erfolgreiche Eingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt ist im Sinne des Grund-
satzes „erst platzieren, dann rehabilitieren“ eine enge Kooperation zwischen den BFW
und potentiellen Arbeitgebern anzustreben und umzusetzen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
52 |
4.4.7
Berufstrainingszentren
Berufstrainingszentren (BTZ) sind Einrichtungen gemäß § 35 SGB IX zur beruflichen Rehabi-
litation, die individuelle, auf die Leistungsfähigkeit zugeschnittene Spezialangebote der
beruflichen Rehabilitation anbieten.
BTZ sind spezielle Rehabilitationsangebote für Menschen mit seelischen Behinderungen.
Zielgruppe sind Personen, die entweder noch im Erwerbsleben stehen oder die während
bzw. nach einer psychiatrischen Behandlung mit Hilfe einer beruflichen und psychosozialen
Förderung wieder auf eine Rückkehr ins Erwerbsleben vorbereitet werden.
Das Angebotsspektrum der BTZ umfasst qualifizierende Schulungen, aber auch Trainings-
plätze unter betrieblichen Bedingungen und Anforderungen. Die Rehabilitanden werden bei
der Abklärung der individuellen, beruflichen Perspektiven, der Wiedereingliederung in den
Arbeitsmarkt oder der Stabilisierung im Vorfeld einer Umschulung oder Ausbildung unter-
stützt. Voraussetzung für die Aufnahme einer Trainingsmaßnahme ist die Anerkennung als
Rehabilitand und eine vierstündige Belastbarkeit.
Bedingung für eine erfolgreiche Arbeit der beruflichen Rehabilitation mit psychisch behinder-
ten Menschen ist eine enge Kooperation mit den Kliniken und den komplementären Einrich-
tungen, insbesondere den SpDi.
Im Freistaat Sachsen steht das Leistungsangebot der BTZ gegenwärtig an zwei Standorten,
in Dresden und Plauen, zur Verfügung.
Ziele
Zur optimalen Nutzung der beruflichen Rehabilitation ist eine enge Vernetzung zwischen
den relevanten Akteuren sowohl aus dem Bereich der psychiatrischen Behandlung und
Versorgung als auch der Leistungsanbieter sicherzustellen.
4.5
Tagesstrukturierung
4.5.1
Sozialtherapeutische Tagesstätten
Im Freistaat Sachsen stellen die Sozialtherapeutischen Tagesstätten ein teilstationäres kom-
plementäres Angebot der Eingliederungshilfe dar, das als Leistungstyp in der Anlage des
Rahmenvertrages gem. § 79 Abs. 1 SGB XII definiert ist. In Abgrenzung zu den psychoso-
zialen Kontakt- und Beratungsstellen halten Tagesstätten ein verbindliches tagesstrukturie-
rendes Beschäftigungsprogramm für einen festen Personenkreis vor. Es richtet sich an Men-
schen, die chronisch psychisch erkrankt sind, nicht vordergründig an einer Suchtmittelab-
hängigkeit leiden und die das Regelangebot einer Werkstatt für behinderte Menschen
(WfbM) nicht, noch nicht, nicht mehr oder noch nicht wieder in Anspruch nehmen können.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 53
Das Angebot muss wochentags für jeweils mindestens sechs Stunden in Anspruch genom-
men werden. In Abgrenzung zu teilstationären medizinischen Angeboten stehen Maßnah-
men der sozialen und vorbereitenden beruflichen Rehabilitation zu (Wieder-) Erlangung und
Erhalt einer selbstständigen Lebensführung im Vordergrund.
Die Sozialtherapeutischen Tagesstätten besitzen im komplementären Bereich eine wichtige
Brückenfunktion bei der Vermittlung chronisch psychisch erkrankter Menschen in Integrati-
ons- und Zuverdienstfirmen oder in Regelangebote, wie beispielsweise die WfbM.
Im Freistaat Sachsen wurden in der Laufzeit des Ersten Landespsychiatrieplanes fünf Sozial-
therapeutische Tagesstätten - in Chemnitz, Crimmitschau, Dresden, Görlitz und Plauen -
geschaffen. Die Einrichtungen halten Angebote zur Tagesgestaltung, wie beispielsweise das
Training von Alltagsfertigkeiten oder Freizeitaktivitäten vor, und führen die Hilfesuchenden an
Arbeitstätigkeiten heran.
Ziele
Sozialtherapeutische Tagesstätten sind regional und bedarfsgerecht vorzuhalten.
Regelungen zu einer am Bedarf orientierten Flexibilisierung der Tagesstättenangebote
sind sowohl hinsichtlich der zeitlichen Vorgaben als auch bezüglich der Betreuung von
Außenwohngruppenbewohnern anzustreben.
4.5.2
Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen
Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen (PSKB) sind ein niederschwelliges Angebot,
das erwachsenen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, deren Angehörigen und
Kontaktpersonen sowie Menschen in seelisch belastenden Situationen die Möglichkeit zu
Kontakt oder Beratung bietet. Die PSKB halten meist ein umfassendes Angebot an verschie-
denen tagesstrukturierenden Maßnahmen und Gruppen vor, um in einer Kultur der Gemein-
schaft die Tagesgestaltung und Alltagsbewältigung zu unterstützen und zu fördern. Sie si-
chern damit der Mehrzahl der chronisch psychisch erkrankten Menschen ein weitgehend
eigenständiges selbstbestimmtes Leben und tragen wesentlich dazu bei, dass die Betroffe-
nen nicht drehtürartig stationär aufgenommen werden müssen. Die Angebote der PSKB sol-
len den Klienten auch grundlegende Fähigkeiten vermitteln, um Arbeitsangebote z. B. in
WfbM, Integrationsprojekten oder Zuverdienstfirmen wahrnehmen zu können.
Im Freistaat Sachsen existiert weitgehend ein flächendeckendes Netz von PSKB, die einen
wesentlichen Baustein im gemeindenahen Versorgungssektor darstellen. Durch eine enge
Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der gemeindenahen Versorgung konnten regionale
Netzwerke aufgebaut werden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
54 |
Ziele
Für eine gemeindenahe Versorgung ist ein flächendeckendes, regionales Angebot der
Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen sicherzustellen.
Eine Vernetzung und enge Kooperation mit den Hilfeanbietern der gemeindenahen Ver-
sorgung ist zu gewährleisten.
Die Angebotsstruktur ist einem sich verändernden Bedarf und einer sich verändernden
Klientel anzupassen, die Öffnungszeiten sind danach auszurichten und soweit möglich
zu erweitern.
4.6
Wohnen
Im Verlauf chronischer psychischer Erkrankungen kann es erforderlich werden, dass die Be-
troffenen zumindest vorübergehend ein Leben und Wohnen in einem geschützten Umfeld
benötigen. Im Freistaat Sachsen ist auf Basis der Planungen aus dem Ersten Sächsischen
Landespsychiatrieplan als Standardmodell ein abgestuftes dreigliedriges Hilfsangebot beste-
hend aus Wohnstätten, Außenwohngruppen und aufsuchend ambulant betreutem Wohnen
etabliert. Es kann durch Wohnformen wie „Betreutes Wohnen in Familien“ ergänzt werden.
Für diesen Bereich der komplementären Versorgung lassen sich im Vorgriff auf die Erörte-
rung der einzelnen Angebotsformen Zielstellungen definieren, die einrichtungsübergreifend
gelten.
Das Versorgungssystem folgt in seiner gegenwärtigen Form dem Grundprinzip einer den
indiviuellen Erfordernissen chronisch psychisch erkrankter Menschen angepassten
Druchlässigkeit der betreuten Wohnformen. Es muss vor dem Hintergrund sich
verändernder Bedingungen und Anforderungen weiterentwickelt und ausdifferenziert
werden.
Der Bedarf an betreuten Wohnformen ist kontinuierlich und regional zu überprüfen;
steigendem Bedarf ist durch den Ausbau weniger institutionalisierter Wohnformen zu
begegnen.
Die meisten der in Wohnstätten aufgenommenen Klienten verbleiben in der Regel relativ
lang in dieser stationären Einrichtung. Die Rahmenbedingungen müssen daher in allen
Bereichen so gestaltet werden, dass die Durchlässigkeit hin zu einer weniger betreuten
Wohnform erleichtert wird. Betreute Wohnangebote sollten unter Beachtung des indivi-
duellen Hilfebedarfs und unter Nutzung des Persönlichen Budgets noch flexibler ausge-
staltet werden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 55
Es sollten gleichzeitig Rahmenbedingungen geschaffen werden, um bei einem kurzzeitig
erhöhten Hilfebedarf Klienten auch kurzfristig und niederschwellig in eine stärker betreu-
te Wohnform aufnehmen zu können (z. B. Krisenwohnen oder Kurzzeitbetreuung).
Für einen Großteil der Klienten aller Wohnformen besteht Optimierungsbedarf bezüglich
der beruflichen und vor allem auch der sozialen Wiedereingliederung. Es sind daher, in
Zusammenarbeit mit allen relevanten Einrichtungen, Anstrengungen notwendig, um die
Bewohner soweit wie möglich beruflich und sozial adäquat und gemeindenah zu integrie-
ren; hierzu zählen ganz besonders auch Maßnahmen der Motivation zur Veränderung.
Es ist in jeder Region zu prüfen, ob für spezifische Bedarfsgruppen ein spezialisiertes
Angebot erforderlich ist; ein solches Angebot ist dann in bestehenden Einrichtungen zu
implementieren. Falls ein vorübergehender spezifischer Hilfebedarf regional nicht ge-
deckt werden kann, kann ein entsprechendes wohnortfernes Angebot in Form einer vo-
rübergehenden Behandlung und Betreuung in Anspruch genommen werden.
4.6.1
Sozialtherapeutische Wohnstätten
In Sozialtherapeutischen Wohnstätten werden chronisch psychisch kranke Menschen be-
treut, die ein stationäres Angebot im Bereich Wohnen benötigen und aufgrund ihrer komple-
xen Problemlagen einen umfangreichen Hilfebedarf haben. Ziel der Betreuung ist die Ver-
meidung, Beseitigung oder Milderung krankheitsbedingter Beeinträchtigungen und ihrer Fol-
gen, die Aktivierung der Bereitschaft zu eigener Mitwirkung in den mit Wohnen verbundenen
Lebensbereichen, der Wiedererwerb oder die Verbesserung sozialer und kommunikativer
Fähigkeiten sowie alltagspraktischer Fertigkeiten und die Wiedereingliederung in die
Gesellschaft. Der Bewohner soll letztlich zu einem Leben in einer weniger betreuten
Wohnform bis hin zum selbstständigen Wohnen befähigt werden. Die Einrichtungen bieten
ihren Bewohnern, in der Regel im Rahmen einer 24-Stunden-Betreuung, neben Unterkunft
und Verpflegung auch ein ihrem jeweiligen Bedarf und ihren Bedürfnissen entsprechendes
sozialtherapeutisches und -pädagogisches Angebot (z. B. Beratung, Begleitung, Hilfen, Trai-
ning und Motivation zur Alltagsbewältigung sowie zur Tagesstrukturierung). Wichtige Para-
meter der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität wurden mit den Leistungstypen gemäß
Anlage 1 zum Rahmenvertrag und den darauf aufbauenden Vereinbarungen nach § 75 Abs.
3 SGB XII festgelegt und in die Praxis umgesetzt. Die ärztliche Versorgung erfolgt durch nie-
dergelassene Fachärzte oder psychiatrische Institutsambulanzen.
Die Unterteilung in Übergangseinrichtungen und Dauereinrichtungen ist im Freistaat nicht
vorgesehen; es besteht grundsätzlich die Möglichkeit zum unbefristeten Wohnen. Kurzzeit-
betreuung hat sich aufgrund der bestehenden Rahmenbedingungen nicht durchgesetzt.
Das Angebot an Plätzen ist infolge der Enthospitalisierung stark gestiegen. Im Freistaat
Sachsen werden derzeit in über 40 Wohnstätten mehr als 1.350 Plätzen zur Verfügung ge-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
56 |
stellt; dies entspricht einer Messziffer von 0,33 Plätzen je 1.000 Einwohner und damit in etwa
den für den Freistaat Sachsen ermittelten Bedarfszahlen. Die Kapazität der einzelnen Wohn-
stätten liegt in der Regel zwischen 25 und 35 Plätzen, meist unterteilt in Wohngruppen mit
ca. 8 Bewohnern, für die überwiegend Einzelzimmer zur Verfügung stehen.
In ca. 50 % der Wohnstätten werden insgesamt etwas mehr als 100 Plätze für eine mit Frei-
heitsentziehung verbundene Unterbringung gemäß § 1906 BGB vorgehalten.
Die Versorgungsrealität ist aus vielfältigen Gründen von einer eher geringen Durchlässigkeit
in Richtung einer weniger betreuten Wohnform geprägt, so dass die Unterbringung unnötig
oft auf Dauer erfolgt und die Betroffenen zum Teil erheblich vom allgemeinen sozialen Leben
entfremdet sind. Die Versorgung komorbid auftretender chronischer somatischer Erkrankun-
gen erfolgt nicht immer ausreichend. Ein besonderes Problem stellen Klienten dar, die
fremdaggressives Verhalten und wenig Krankheitseinsicht zeigen; schwierig gestaltet sich
zudem die Betreuung von Bewohnern mit Substanzstörungen und Mehrfachdiagnosen.
Ziele
Der Bedarf an stationären Wohnstättenplätzen muss kontinuierlich und regional be-
stimmt, die Versorgungsstrukturen müssen entsprechend angepasst werden. Ein weite-
rer Ausbau darf nicht im Widerspruch zu dem geltenden Grundsatz „ambulant vor statio-
när“ erfolgen; ambulanten Wohnformen ist der Vorrang einzuräumen. Dies bedeutet
auch, dass die Betreuungsstrukturen sowie die Finanzierungsmodalitäten – bspw. durch
Nutzung des Persönlichen Budgets – und Fördermöglichkeiten möglichst flexibel zu
handhaben sind.
Ein Angebot an Plätzen zu einer mit Freiheitsentziehung verbundenen Unterbringung
gemäß § 1906 Bürgerliches Gesetzbuch ist regional in ausreichender Anzahl vorzuhal-
ten. Richtlinien und Entscheidungshilfen für den Umgang mit diesem Personenkreis sind
auszuarbeiten und deren Umsetzung zu kontrollieren.
Die Außenorientierung der Einrichtungen ist weiter voranzutreiben; Maßnahmen zur
besseren sozialen Integration der Bewohner sind zu entwickeln und zu implementieren.
Anstrengungen, die Bewohner zu einem Leben in einer offeneren Wohnform zu ermuti-
gen und zu befähigen, sind zu intensivieren.
Die Vernetzung mit ambulanten, stationären und anderen komplementären Angeboten
ist als wichtiges Element zur Verbesserung der Versorgung und der Behandlungskonti-
nuität zu gewährleisten. Vor allem die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Fachärz-
ten ist eng und kontinuierlich anzulegen.
Für den Umgang mit Menschen mit Substanzstörungen und Doppeldiagnosen soll das
Fachwissen der Suchtkrankenhilfe durch Schulungen und fachlichen Austausch intensi-
ver einbezogen werden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 57
Kriterien guter Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität sind zu definieren und finanziell
adäquat zu untersetzen; die Einhaltung entsprechender Leitlinien ist kontinuierlich zu
überprüfen.
In den Wohnstätten soll das Wohnen in Einzelzimmern regelhaft gewährleistet werden.
4.6.2
Sozialtherapeutische Außenwohngruppen
Außenwohngruppen sind in der Regel ausgelagerte Wohngruppen der Sozialtherapeuti-
schen Wohnstätten. Sie sollen als räumlich und inhaltlich vom Wohnstättenbereich getrenn-
te, diesem jedoch zugehörige Teile in der Nähe des Kernwohnheims gelegen sein, so dass
die Bewohner dessen Angebotsstruktur nutzen können; eine organisatorische Anbindung an
andere teilstationäre bzw. ambulante Angebote ist ebenfalls möglich. Außenwohngruppen
ermöglichen stärker als Wohnstätten Autonomie und Selbstbestimmung für die Bewohner,
sie stellen an deren Eigenständigkeit höhere Anforderungen und gelten als erster Schritt in
Richtung eines angestrebten selbstständigen Wohnens.
Nachdem Außenwohngruppen im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan explizit noch
nicht vorgesehen waren, ist deren Platzzahl in den Jahren nach 1994 stetig gewachsen. Das
Angebot ist als Bindeglied zwischen stationärer Wohnstättenversorgung und ambulanter
Betreuung ein wichtiges Versorgungselement, das der Selbstbestimmung und Eigenverant-
wortung chronisch psychisch erkrankter Menschen Rechnung trägt.
Aufgrund einer Flexibilisierung der Zugangsvoraussetzungen stehen Außenwohngruppen
chronisch psychisch erkrankten Menschen mit unterschiedlichen Hilfebedarfen offen und
damit zum Beispiel auch Klienten, die nicht in einer tagesstrukturierenden Einrichtung (z. B.
einer WfbM) betreut werden. In diesen Fällen sollen zur Tagesstrukturierung die in den
Wohnheimen oder anderweitig vor Ort existierenden Möglichkeiten genutzt werden.
Ziele
Der Platzbedarf an Außenwohngruppen ist regional zu prüfen. Die Erweiterung der
Platzkapazität und die Flexibilisierung der Zugangsvoraussetzungen können dazu bei-
tragen, dass eine Erweiterung der Wohnheimkapazitäten nicht erforderlich wird.
Der Betreuungsbedarf muss vor allem vor dem Hintergrund der erfolgten Flexibilisierung
der Zugangsvoraussetzungen am individuellen Hilfebedarf der Bewohner orientiert sein.
Außenwohngruppen sollten jedoch den Charakter einer Zwischenform zwischen Wohn-
stätten und ambulant betreutem Wohnen behalten, so dass die Bewohner auch weiterhin
über ein höheres Maß an Selbstständigkeit und sozialer Kompetenz verfügen.
Außenwohngruppen sollten mit anderen Angeboten zur Tagesstrukturierung, zum
Beispiel Tagesstätten, kooperieren können.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
58 |
4.6.3
Ambulant betreutes Wohnen
Das ambulant betreute Wohnen bietet Hilfen für chronisch psychisch erkrankte Menschen,
die infolge ihrer Erkrankung nicht (mehr) ohne Betreuung in eigenem Wohnraum leben kön-
nen und alternativ in eine stationäre Wohnform aufgenommen werden müssten, einer statio-
nären Betreuung nicht (mehr) bedürfen und bei einer regelmäßigen sozialpädagogischen
Betreuung ihren Lebensbereich weitgehend selbst gestalten können.
Ambulant betreutes Wohnen erlaubt damit psychisch erkrankten Menschen in einer
weitgehend von Hilfen unabhängigen Wohnform zu leben - in der Regel in den eigenen
Räumlichkeiten. Ziel ist es, die Fähigkeiten und die Bereitschaft zu größtmöglicher
Selbstständigkeit und Selbstbestimmung aufzubauen, zu erhalten und weiterzuentwickeln,
um die Klienten zu befähigen, am Leben in der Gemeinschaft teilzuhaben. Zu den Hilfen
zählen zum Beispiel Beratung, Begleitung, Anleitung und Unterstützung in verschiedenen
Lebensbereichen; falls erforderlich, werden Tätigkeiten übernommen, die zur Bewältigung
der Anforderungen im Lebensbereich Wohnen notwendig sind. Die Hilfen werden
aufsuchend und durchschnittlich in ein bis drei einstündigen Betreuungskontakten
wöchentlich erbracht; sie können im Einzel- oder Paarwohnen sowie auch für
Wohngemeinschaften realisiert werden.
Ambulant betreutes Wohnen wird im Freistaat Sachsen derzeit von über 70 Diensten
angeboten. Die Messziffer liegt gegenwärtig etwa bei 0,4 Plätzen je 1.000 Einwohner; sie ist
jedoch aufgrund der Möglichkeit, Kapazitäten im ambulant betreuten Wohnen auf Antrag
bedarfsentsprechend zu erweitern, nur als sehr allgemeiner Näherungswert zu verstehen.
Ziele
Die Vernetzung mit anderen sozialpsychiatrischen Angeboten ist zu gewährleisten.
Die Betreuung in kleinen Wohngemeinschaften ist bedarfsgerecht anzubieten.
4.6.4
Betreutes Wohnen in Familien
Betreutes Wohnen in Familien (BWF) ist definiert als das Aufnehmen von psychisch erkrank-
ten Menschen in fachlich supervidierten Gastfamilien. Das Konzept, im späten 19. Jahrhun-
dert unter dem Begriff der Familienpflege relativ weit verbreitet und in den letzten Jahren
wiederentdeckt, stellt ein sehr individuelles ambulantes Betreuungsangebot dar, das vor al-
lem langfristig hospitalisierten Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht zu einer selbst-
ständigen Lebensführung fähig sind, ein Leben in der Gemeinschaft ermöglichen kann. Es ist
ein Angebot, das vor allem in strukturschwachen ländlichen Regionen etabliert werden kann.
Der Erfolg dieser Betreuungsform ist wesentlich von der Bereitschaft und Befähigung der
Gastfamilien sowie von der Tragfähigkeit der Beziehung zwischen Gastfamilie und Patient
abhängig.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 59
Im Freistaat Sachsen wird dieses Konzept vom KSV Sachsen seit einigen Jahren unterstützt
und sachsenweit angeboten, ist aber bisher kaum realisiert.
Ziel
Betreutes Wohnen in Familien soll, regional organisiert, auch im Freistaat Sachsen etab-
liert werden, wobei die Indikation dieser Intervention geprüft und die Kriterien für die
Auswahl der Gastfamilien klar definiert sein müssen und ein strenger Maßstab an die
Fachbetreuung anzulegen ist.
4.7
Angehörigenarbeit
Die Angehörigen von psychisch erkrankten Menschen sind emotional und körperlich stark
gefordert, tragen den größten Teil der Versorgungs- und Betreuungsaufgaben und sind auf
Grund dieser Belastungen selbst gesundheitlich gefährdet; sie haben einen erheblichen Ein-
fluss auf den Erfolg einer Behandlung und damit auf den Krankheitsverlauf, so dass sie im
Sinn einer familienorientierten Therapie möglichst frühzeitig in den Behandlungsverlauf ein-
zubeziehen sind.
Vor diesem Hintergrund ist Angehörigenarbeit ein wesentliches Kontextelement für die Ver-
sorgung psychisch erkrankter Menschen. Sie trägt dazu bei, die Qualität der Gesundheits-
versorgung von psychisch erkrankten Menschen zu verbessern und stärkt die oft schwer
belasteten Familien, holt sie aus der Isolation und gibt ihnen auch in schweren Krisen Halt.
Hauptaufgaben der Angehörigenarbeit sind die Aufklärung, Beratung und Betreuung von
betroffenen Familien sowie die Stärkung in Krisensituationen in trialogischer Zusammenar-
beit mit Fachleuten. Zudem sind Information, Unterstützung und Stärkung des Selbstbe-
wusstseins von Angehörigen wichtige Instrumente, um der Stigmatisierung psychischer
Krankheiten und psychisch kranker Menschen entgegenzuwirken.
Im Freistaat Sachsen wird die Angehörigenarbeit ganz wesentlich vom Landesverband der
Angehörigen psychisch Kranker in Sachsen e. V. (LApK) sowie von Angehörigenvereinen
und regional organisierten Selbsthilfegruppen getragen; sie beraten die Angehörigen kosten-
los, übernehmen die Vermittlung von Kontakten, Adressen und Literaturhinweisen und för-
dern vor allem den Erfahrungsaustausch. Der Landesverband, der Mitglied im Bundesver-
band der Angehörigen psychisch Kranker e. V. ist, sucht den Dialog und die Zusammenar-
beit mit allen Institutionen, die Verantwortung im psychosozialen Hilfesystem haben. Der
Schwerpunkt der Tätigkeit liegt darin, ein landesweites Netzwerk von Angehörigengruppen
aufzubauen und fachlich zu unterstützen.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
60 |
Ziele
Ein flächendeckendes Netz von Angehörigenvereinen und -selbsthilfegruppen trägt zu
einer Verbesserung der Versorgungspraxis bei. Der Ausbau, besonders auch in ländli-
chen Regionen, sollte unterstützt werden.
Das Angebot zur Beratung, Begleitung und Betreuung von Kindern psychisch erkrankter
Eltern sowie Bestrebungen von Angehörigeninitiativen, familienorientierte Angebote in
den Bereichen Wohnen und Beschäftigung zu etablieren, sind zu unterstützen.
Die Angehörigen sollten, soweit möglich und erforderlich, in Hilfeplankonferenzen mit
einbezogen werden.
Angehörigenarbeit muss ein fester Bestandteil der Tätigkeit in den SpDi, den Psychoso-
zialen Kontakt- und Beratungsstellen, den Fachkliniken und den gemeindepsychiatri-
schen Verbunden sein.
In der Aus- und Weiterbildung von professionellen Helfern ist der Stellenwert der
Angehörigenarbeit zu vermitteln.
4.8
Selbsthilfegruppen
Selbsthilfegruppen sind freiwillige, selbstorganisierte Zusammenschlüsse von Menschen,
deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten sowie psychischen
oder sozialen Problemen richten, von denen sie selber direkt oder indirekt betroffen sind. Sie
dienen der Kontaktstiftung, dem Erfahrungsaustausch, der gegenseitigen Hilfe, der Stärkung
des Selbstbewusstseins und der Stabilisierung bis hin zu einer Selbstverwirklichung.
Im Geltungszeitraum des Ersten Landespsychiatrieplanes hat sich im Freistaat Sachsen eine
Kultur der Selbsthilfe entwickelt, die wertvolle Beiträge der Unterstützung psychisch erkrank-
ter Menschen leistet. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Form von sozialen Netz-
werken einen positiv-unterstützenden Beitrag bei der Bewältigung der Krankheit und deren
Therapie leistet. Des Öfteren bedürfen jedoch Netzwerke zur Selbsthilfe der Anregung, Un-
terstützung und - soweit von den Mitgliedern gewünscht - Begleitung durch Fachkräfte der
psychosozialen Versorgung. Diese Unterstützungsleistung kann dann durch die Dienste und
Einrichtungen der psychiatrischen Versorgung erfolgen. Kristallisationspunkte für Selbsthilfe-
gruppen können, neben Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen und Sozialpsychiatri-
schen Diensten, auch Tageskliniken, Tagesstätten, Angehörigenvereine und Suchtbera-
tungsstellen bzw. an diesen Einrichtungen ins Leben gerufene Patientenclubs sein.
Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe stellt eine wertvolle Ergänzung zur ambulanten
therapeutischen Behandlung dar. Da die Meinung der Fachleute bei der Entscheidung der
Betroffenen für oder gegen Selbsthilfegruppen eine große Rolle spielt, sollten Patienten er-

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
| 61
mutigt werden, mit ihren stationären und ambulanten Therapeuten oder Ärzten über das
Thema Selbsthilfe für psychische Störungen zu sprechen.
Ziele
Der Zusammenschluss von psychisch erkrankten Menschen sowie Angehörigen zu
Selbsthilfegruppen ist unter Beachtung der Autonomie und Unabhängigkeit sowie der
vorhandenen Angebote zu unterstützen und zu fördern.
In Selbsthilfegruppen und -netzwerken aktiv Tätigen sollen durch die verschiedenen an
der Behandlung und Betreuung beteiligten Institutionen und Einrichtungen unterstützen-
de Angebote zur Organisation und Abwicklung der erforderlichen Gruppenarbeit zur Ver-
fügung gestellt werden.
4.9
Bürgerschaftliches Engagement
Bürgerschaftliches Engagement, das heißt freiwilliges, nicht auf materiellen Gewinn ausge-
richtetes Engagement von Einzelnen oder Gruppen, kann in ganz unterschiedlichen Berei-
chen stattfinden (z. B. in Form gezielter Einzelbetreuung von Demenzkranken, in Form von
unterstützenden Gesprächen oder auch als Mitarbeit in Selbsthilfe- und
Angehörigengruppen) und professionelles psychiatrisches Arbeiten wirkungsvoll ergänzen.
Es dient der Förderung von sozialer Integration, trägt zur Normalisierung und Alltagsorientie-
rung bei und kann Betroffenen und ihren Angehörigen Sicherheit, Verlässlichkeit und Unter-
stützung außerhalb professioneller und klinischer Beziehungen vermitteln Die in diesem
Rahmen tätigen psychosozialen Hilfsvereine leisten in Sachsen einen wichtigen Beitrag zur
psychosozialen Versorgung. Das Konzept des „Dritten Sozialraums“, welches das Paradig-
ma der Gemeindeorientierung konsequent weiterdenkt, bietet dabei die Möglichkeit, im ge-
meindepsychiatrischen Hilfesystem den „Bürger-Profi-Mix“ zu einem Steuerungsprinzip der
unterstützenden und begleitenden Integrationsbemühungen zu machen.
Bürgerschaftliches Engagement hilft aber nicht nur psychisch erkrankten Menschen und de-
ren Angehörigen. In der Regel hat es vielmehr auch einen allgemeinen gesellschaftlichen
Nutzen, da es zum Beispiel als Ausdruck gelebter Demokratie verstanden werden kann. Für
diejenigen, die sich freiwillig engagieren, kann bürgerschaftliches Engagement zu Sinnstif-
tung, Anerkennung und Stärkung von Selbstwert und Selbstbewusstsein beitragen. Beson-
ders hervorzuheben sind hier die Einbeziehung und das freiwillige Engagement psychiatrie-
erfahrener Menschen. Sie sind Mitglied in den Besuchskommissionen, sind als Patientenfür-
sprecher tätig und unterstützen die kommunalen Arbeitskreise der psychosozialen Versor-
gung. Ohne diese Beteiligung wären viele Veränderungen zur Verbesserung der Versorgung
nicht entstanden.

Landespsychiatrieplan
Grundversorgung
62 |
Die Anzahl der Menschen, die zu freiwilligem Engagement bereit sind, ist in den letzten Jah-
ren deutlich gestiegen. Der Anteil derjenigen, die sich im Gesundheitsbereich engagieren,
liegt leider insgesamt nur bei ca. 1 %. Vor diesem Hintergrund ist besonders positiv zu be-
werten, dass die Zahl der ausgebildeten ehrenamtlichen Demenzhelfer stetig zunimmt.
Die in den letzten Jahren erfolgten Bemühungen, bürgerschaftliches Engagement zu fördern
- zum Beispiel durch das Förderprogramm „Wir für Sachsen“ - und stärker anzuerkennen -
zum Beispiel durch die „Sächsische Ehrenamtskarte“ - , haben durchaus Wirkung gezeigt;
dennoch bleibt weiterer Verbesserungsbedarf bestehen. Eine wichtige Plattform zur Koordi-
nation bürgerschaftlichen Engagements bieten auch die in verschiedenen Stadtteilen einge-
richteten Quartiersmanagements.
Ziele
Die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engage-
ment sind weiter zu verbessern, die Informations- und Anerkennungskultur ist auszu-
bauen.
Die Qualität der durch Laienhelfer erbrachten Hilfen ist, wo immer erforderlich, durch
Weiterbildungs- und Trainingsmaßnahmen zu unterstützen.
Das Engagement psychiatrieerfahrener Menschen im Bereich der psychosozialen Ver-
sorgung erfährt die besondere Unterstützung des Freistaates Sachsen. Die Gründung
eines Landesverbandes wird angeregt.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
| 63
5
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
Der Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie umfasst Diagnostik und Behandlung sowie
Rehabilitation und Prävention psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Neben
den Hilfen des ambulanten, teilstationären, stationären und komplementären psychiatrischen
Versorgungssystems werden psychisch erkrankten Minderjährigen häufig auch Leistungen
der Kinder- und Jugendhilfe sowie weiterer Rehabilitations- und Sozialhilfeträger gewährt.
Überschneidungen mit benachbarten Fachgebieten wie Pädiatrie und zu den Bereichen der
Sozial- und Heilpädagogik sind bei der Planung und Ausgestaltung der Versorgung Rech-
nung zu tragen. Im Vorgriff auf die Erörterungen der einzelnen Angebotsformen und Einrich-
tungen lässt sich festhalten, dass auch vor diesem Hintergrund die Vernetzung und Koopera-
tion der verschiedenen Hilfeanbieter Voraussetzung für ein optimales und erfolgreiches Ver-
sorgungssystem ist. Die Forderung nach einer vernetzten patientenzentrierten Zusammen-
arbeit ist daher als einrichtungsübergreifendes Ziel zu definieren. Die zunehmende Zahl von
Kindern und Jugendlichen in komplexen Problemlagen ist eine Herausforderung, der sich
alle beteiligten Einrichtungen gleichermaßen stellen müssen. Bei diesen Kindern und Ju-
gendlichen liegen häufig schulische Integrations- und Leistungsstörungen sowie psychosozi-
ale Probleme und gleichzeitig eine psychische Erkrankung vor.
Ziel:
Die Fachkräfte aller beteiligten Einrichtungen nehmen sich der dringenden Aufgabe der
Entwicklung neuer Lösungsansätze für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen
mit komplexem Hilfebedarf an.
5.1
Ambulante Versorgung
5.1.1
Niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin
Auch wenn dem Hausarzt (vgl. Kapitel 4.2.1) mit zunehmendem Alter der Kinder und Ju-
gendlichen eine größere Bedeutung zukommt, so sind in jüngeren Jahren meist die nieder-
gelassenen Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin erster Ansprechpartner für Eltern, die
Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder beobachten. Durch die regelmäßigen Kindervorsorge-
untersuchungen kennen die Fachärzte in der Regel die Entwicklung der Kinder und Jugend-
lichen und verfügen zudem über einen kontinuierlichen Kontakt zu den Familien. Insofern
kommt den Kinder- und Jugendmedizinern eine wichtige Schlüsselposition zu: Ihnen oblie-
gen die wichtigen Aufgaben der Früherkennung und der Erstdiagnostik psychischer Erkran-
kungen, und sie müssen zudem die weiteren fachärztlichen Hilfeleistungen initiieren und
gegebenenfalls koordinieren. Zugleich können die niedergelassen Kinder- und Jugendärzte
eine bedeutende Rolle bei der Wahrnehmung von familiären Belastungssituationen und Kin-

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
64 |
deswohlgefährdungen einnehmen und entsprechende Hilfemaßnahmen vermitteln sowie
Interventionen veranlassen.
Im Freistaat Sachsen war im Juni 2009 ein Kinder- und Jugendarzt für ca. 1.500 minderjähri-
ge Einwohner kassenärztlich zugelassen, so dass der Bedarf damit gegenwärtig als gedeckt
gelten kann. Allerdings ist aufgrund der Altersstruktur damit zu rechnen, dass es zu einer
deutlichen Verschlechterung der Versorgungssituation kommen wird, wenn es nicht gelingt,
die aus dem Berufsleben ausscheidenden Fachärzte zu ersetzen.
Ziele
Früherkennung und Erstdiagnostik von psychischen Auffälligkeiten und Erkrankungen ist
ganz entscheidend dafür, dass die Betroffenen adäquat psychiatrisch versorgt werden.
Ein umfassendes und möglichst verbindliches Angebot an spezifischen Fort- und
Weiterbildungsmaßnahmen ist daher den niedergelassenen Fachärzten für Kinder- und
Jugendmedizin zu unterbreiten.
In enger Zusammenarbeit zwischen Fachgesellschaften und Berufsverbänden, Kassen-
ärztlicher Vereinigung, Krankenkassen, Landesärztekammer und zuständigen Landes-
behörden sollen Maßnahmen entwickelt werden, um einen ausreichenden kinderärztli-
chen Versorgungsgrad in allen sächsischen Regionen aufrecht zu erhalten.
5.1.2 Niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie
Die Tätigkeit niedergelassener Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psycho-
therapie stellt eine wesentliche Grundlage für die ambulante Versorgung und Behandlung
von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen dar. Sie sind in der Regel erste An-
sprechpartner für die niedergelassenen Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin und sind
damit auch eine entscheidende Schnittstelle insbesondere zu den Leistungen der Kinder-
und Jugendhilfe und Sozialhilfe.
Für die fachärztliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen im Freistaat Sachsen stand
2009 für ca. 22.800 minderjährige Einwohner ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
zur Verfügung. Die Niederlassungen sind überwiegend auf Großstädte bzw. Ballungsräume
konzentriert.
Das Versorgungsspektrum im niedergelassenen Bereich wird durch sozialpsychiatrische
Angebote ergänzt. Auf der Basis der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung mit den Gesetzlichen
Krankenkassen bieten derzeit dreizehn Praxen im Freistaat Sachsen eine qualifizierte sozi-
alpsychiatrische Behandlung von Kindern und Jugendlichen als ambulante vertragsärztliche
Leistung an. Im Vordergrund steht ein multiprofessionelles Angebot, das durch ein Praxis-
team, dem neben dem Facharzt mindestens ein Sozialpädagoge und ein Heilpädagoge oder

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
| 65
ein Mitarbeiter mit vergleichbarer Qualifikation angehören, und eine komplementäre Zusam-
menarbeit mit Psychologen, Sprachtherapeuten, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten
realisiert wird. Ziel dieses Angebotes ist es, bei komplexen sozialpädiatrischen und psychiat-
rischen Behandlungsproblemen die ambulante ärztliche Betreuung als Alternative zur statio-
nären Versorgung und anderen institutionellen Betreuungsformen zu ermöglichen.
Eine qualitätsgesicherte, angemessene medizinische Diagnostik und Behandlung von psy-
chisch kranken Kindern und Jugendlichen kann nur von entsprechenden Fachärzten mit ei-
ner abgeschlossenen kinder- und jugendpsychiatrischen und -psychotherapeutischen Aus-
bildung sichergestellt werden. Dies ist insbesondere in ländlich geprägten Regionen im Frei-
staat Sachsen nicht adäquat gewährleistet, so dass eine Verbesserung der Versorgungssi-
tuation anzustreben ist.
Ziele
Eine bedarfsgerechte, gemeindenahe ambulante Versorgung von psychisch erkrankten
Minderjährigen durch niedergelassene Fachärzte ist unbedingt anzustreben.
Eine bedarfsgerechte Entwicklung von ambulanten sozialpsychiatrischen Angeboten für
eine adäquate Behandlung der betroffenen Minderjährigen ist unbedingt umzusetzen.
5.1.3
Institutsambulanzen für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Die psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) bilden auch im Bereich der Kinder- und Ju-
gendpsychiatrie eine weitere Stütze für die ambulante Behandlung. Das Behandlungsange-
bot der PIA richtet sich entsprechend § 118 SGB V an Patienten, die wegen Art, Schwere
und Dauer ihrer Erkrankung oder wegen zu großer Entfernung zu geeigneten Ärzten (§ 118
Abs. 1 SGB V) eines solchen besonderen, krankenhausnahen Angebotes bedürfen. Darüber
hinaus besteht eine nachsorgende Funktion, um stationäre Behandlungen in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie auf das medizinisch notwendige Maß zu beschränken und durch ein am-
bulantes Angebot die notwendige therapeutische Kontinuität nach einer stationären Behand-
lung aufrechtzuerhalten. Dies gilt insbesondere für Patienten bei denen eine langfristige,
kontinuierliche Behandlung medizinisch notwendig ist.
Im Versorgungsnetzwerk für psychisch kranke Minderjährige bietet die PIA ferner Krisenin-
tervention an. In dieser Funktion kommt den Institutsambulanzen auch eine koordinierende
Rolle für weiterreichende gemeindenahe Hilfen, in enger Zusammenarbeit mit Eltern, Fami-
lie, Schulen, Jugendämtern und Jugendhilfeeinrichtungen, z. B. im Rahmen der Hilfepla-
nung, zu.
Mittlerweile verfügen alle acht Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Freistaat Sach-
sen über eigene Institutsambulanzen. Insgesamt ist dieses Angebot an achtzehn Standorten
etabliert.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
66 |
Damit hat sich die Versorgungssituation im ambulanten Bereich im Geltungszeitraum des
Ersten Landespsychiatrieplanes erheblich verbessert, zumal das Angebot oft in regional un-
terversorgten Gebieten vorgehalten wird.
Ziele
Solange eine bedarfsgerechte gemeindenahe Versorgung durch niedergelassene Fach-
ärzte bzw. Psychotherapeuten nicht adäquat sichergestellt werden kann, sind diese Ver-
sorgungslücken unter Beachtung der Regelungen nach § 118 SGB V durch Institutsam-
bulanzen zu schließen.
Die PIA sind in die regionalen Strukturen der Hilfeanbieter (Jugendhilfe, Jugendämter)
einzubinden, um die Integration der Patienten zu sichern und gemeindenahe Hilfeange-
bote koordiniert und bedarfsorientiert zu etablieren.
5.1.4
Kinder- und Jugendpsychiater im Öffentlichen Gesundheitsdienst
Kinder- und Jugendpsychiater können in Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Fami-
lien in kommunaler Trägerschaft, die in der Regel der Abteilung des Kinder- und Jugendärzt-
lichen Dienstes (KJÄD) angehören, einen Beitrag zur psychosozialen Grundversorgung von
Kindern und Jugendlichen leisten. Sie übernehmen sowohl präventive Aufgaben als auch
Aufgaben der kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung und Rehabilitation.
Die Etablierung von Kinder- und Jugendpsychiatern im KJÄD der Kreisfreien Städte und
Landkreise kann als Chance angesehen werden, möglichst frühzeitig Entwicklungsverzöge-
rungen und Verhaltensbesonderheiten von Kindern und Jugendlichen zu erkennen,
Chronifizierungen zu verhindern und familiären Krisen und Fehlentwicklungen vorzubeugen,
sowie beratend bei der Installation von Hilfen der Jugendhilfe und Sozialhilfe tätig zu sein.
Ziele
Für eine flächendeckende und gemeindenahe Versorgung von psychisch auffälligen
Kindern und Jugendlichen ist eine kassenärztliche Ermächtigung des KJÄD anzustreben.
Dies darf jedoch nicht zu Lasten anderer Maßnahmen zur Sicherung einer bedarfsge-
rechten Versorgung gehen, indem Versicherte auf das erweiterte Angebot des öffentli-
chen Gesundheitsdienstes verwiesen werden.
Zur Verbesserung der Versorgungs- und Behandlungssituation der Minderjährigen ins-
besondere in Regionen mit einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Unterversorgung
ist der Aufbau am Bedarf orientierter Versorgungsangebote umzusetzen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
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Den Kinder- und Jugendpsychiatern im Öffentlichen Gesundheitsdienst kommt zur Ver-
sorgungsoptimierung an den Schnittstellen der verschiedenen Leistungsträger eine wich-
tige Schlüsselposition zu, so dass ein weiterer Ausbau kinderpsychiatrischer Fachkom-
petenz in den Abteilungen des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes der Kreise und
Kreisfreien Städte empfohlen wird.
5.1.5
Sozialpädiatrische Zentren
Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) sind als spezialisierte Einrichtungen der ambulanten Kran-
kenversorgung überwiegend an Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin angesiedelt. Die
Zentren sollen mit den Ärzten und Frühförderstellen eng zusammenarbeiten. Von ihnen wer-
den, anders als in Frühförderstellen, Kinder und Jugendliche jeden Alters behandelt. Aufga-
benschwerpunkte der fachübergreifenden Arbeitsweise ist die Untersuchung und Behand-
lung von Kindern und Jugendlichen mit neuropädiatrischen Krankheiten, komplexen Entwick-
lungsstörungen und Störungen im sozialen und familiären Umfeld.
Ein SPZ nach § 119 SGB V steht unter fachärztlicher Leitung eines Kinder- und Jugendme-
diziners; die Behandlung ist auf diejenigen Minderjährigen auszurichten, die wegen der Art,
Schwere oder Dauer ihrer Krankheit oder einer drohenden Krankheit nicht von anderen ge-
eigneten Ärzten oder in anderen geeigneten Frühförderstellen behandelt werden können.
Eine ausführliche kinderpsychiatrische Diagnostik und intensive kinderpsychiatrische Be-
handlung, wie sie von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgenommen werden,
kann dort allerdings nicht erfolgen.
Im Freistaat Sachsen sind gegenwärtig sieben SPZ an den Standorten Dresden (zwei SPZ),
Aue, Chemnitz, Görlitz, Leipzig, und Riesa wirksam.
Ziel
Der Bedarf an SPZ ist regional zu prüfen. Falls für erforderlich gehalten, sollen Neuein-
richtungen an bereits bestehenden Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin angesiedelt
werden; die Einrichtung von sehr kleinen Zentren ist zu vermeiden.
5.1.6
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
Neben der fachärztlichen psychiatrischen Behandlung bilden die niedergelassenen Kinder-
und Jugendlichenpsychotherapeuten eine weitere Säule der ambulanten Versorgung psy-
chisch erkrankter Minderjähriger.
Im Freistaat Sachsen ist gegenwärtig ein Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut für ca.
6.000 minderjährige Einwohner zugelassen. Dabei bestehen teilweise erhebliche regionale
Unterschiede in der Versorgungs- und Leistungsdichte. Nach der Änderung der Bedarfspla-
nungsrichtlinie vom 01.07.2010, bei der das Verhältnis zwischen psychologischen Psycho-

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Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
68 |
therapeuten, ärztlichen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
neu festgelegt wurde, gilt insbesondere in ländlichen Regionen die Mindestbesetzung nicht
als erreicht.
Eine zusätzliches Angebot stellen die Institutsambulanzen der Ausbildungsinstitute zum Kin-
der- und Jugendlichenpsychotherapeuten und weitere Lehrpraxen dar, in denen die Warte-
zeiten für Patienten in der Regel deutlich geringer ausfallen.
Ziel
Bemühungen um die bedarfsgerechte Gestaltung der regionalen Angebots- und Nieder-
lassungsstrukturen werden unterstützt.
5.1.7
Kinder- und Jugendhilfe
Auf der Grundlage des Sozialgesetzbuches Achtes Buch (SGB VIII) umfasst die Kinder- und
Jugendhilfe Leistungen und Aufgaben zugunsten junger Menschen und deren Familien, die
insbesondere auch Eingliederungshilfen für seelisch behinderte oder von seelischer Behin-
derung bedrohte Kinder und Jugendliche beinhalten. Die Jugendhilfe ist auch dann zustän-
dig, wenn Minderjährige in Krankheitssituationen spezifischer Hilfen bedürfen. Tangiert ist
der Leistungsbereich nach § 35 a SGB VIII (Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kin-
der und Jugendliche). Bei der Prüfung eines möglichen Leistungsanspruches ist die Kinder-
und Jugendpsychiatrie im Rahmen des erforderlichen ärztlichen Gutachtens einbezogen.
Außerdem kommen bei psychischen Auffälligkeiten des Kinder oder Jugendlichen Hilfen zur
Erziehung nach § 27ff. SGB VIII in Betracht. Personensorgeberechtigte haben darauf einen
Rechtsanspruch, wenn ohne diese Hilfe eine dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen ent-
sprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für dessen Entwicklung geeignet
und notwendig ist. Da Kinder und Jugendliche mit psychosozialen Auffälligkeiten oder Er-
krankungen besondere Anforderungen an die elterliche Erziehungskompetenz stellen und
hieraus besondere Belastungssituationen erwachsen können, besteht auch ein Zusammen-
hang zu den Pflichten und Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen des Kinder-
schutzes. Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII und Hilfen zur Erziehung können auch in
gegenseitiger Ergänzung zueinander geleistet werden.
Für die Gewährung von Leistungen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe liegt die Pla-
nungs- und Gesamtverantwortung gemäß § 85 Abs. 1 i.V.m. § 79 Abs. 1 SGB VIII bei den
örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe. Die Aufgaben nehmen die örtlichen Träger
eigenverantwortlich im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung wahr. Die örtlichen Trä-
ger der öffentlichen Jugendhilfe haben für die bedarfsgerechte und rechtzeitige Bereitstel-
lung von Angeboten und Leistungen zu sorgen. Für die Gewährung, die Art und den Umfang
und die konkrete Ausgestaltung der Maßnahme ist ausschließlich der im konkreten Einzelfall
festgestellte Hilfebedarf maßgeblich. Ziel ist es, den betroffenen Kindern oder Jugendlichen

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
| 69
(und ihren Eltern) die geeignete Hilfe rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung zu stellen.
Dabei überschneiden sich die Aufgabenstellungen und Fürsorgeverantwortung der Kinder-
und Jugendhilfe gegenüber seelisch erkrankten Minderjährigen mit denen der Kinder- und
Jugendpsychiatrie. Abhängig vom konkreten Einzelfall bedarf es der gegenseitigen Unter-
stützung zwischen den Einrichtungen. Die Jugendhilfe hat hierbei ein Kooperationsgebot.
Die Potentiale hinsichtlich einer engen Kooperation zwischen den Kliniken für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe werden zurzeit noch
nicht ausgeschöpft. Eine funktionierende und zielgerichtete, auf die individuelle Problematik
jedes einzelnen Betroffenen ausgerichtete Zusammenarbeit ist eine entscheidende Voraus-
setzung, um eine am Wohl und der Gesundheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen in
komplexen Belastungssituationen orientierte, geeignete und bedarfsgerechte Hilfe leisten zu
können. Eine Voraussetzung für die Verbesserung und Qualifizierung des Schnittstellenma-
nagements ist die Installation verbindlicher Kooperationen zwischen den beteiligten Instituti-
onen auf örtlicher Ebene. In einigen Regionen ist dies bereits modellhaft verwirklicht.
Die Zunahme komplizierter Fälle und neuer Zielgruppen mit komplexeren Störungsbildern
stellt auch im Bereich der sächsischen Kinder- und Jugendhilfe veränderte Anforderungen an
die professionelle Arbeit. Hieraus erwächst die Notwendigkeit, sich in der sächsischen Ju-
gendhilfe mit Blick auf die vorgehaltene Angebotsstruktur im Bereich der stationären Einrich-
tungen der Kinder- und Jugendhilfe stärker auf die Klientel der Kinder und Jugendlichen mit
komplexem Hilfebedarf einzustellen und entsprechend spezialisierte, individuelle und perso-
nell gut ausgestattete Angebote vorzuhalten.
Ziele
Die sächsische Kinder- und Jugendhilfe sollte im Rahmen der Weiterentwicklung ihrer
Angebotsstruktur den Bedarf der seelisch erkrankten Minderjährigen mit komplexem Hil-
febedarf berücksichtigen. Dies betrifft insbesondere die Prüfung der Notwendigkeit ent-
sprechend tiefenqualifizierter stationärer Angebote im Rahmen der Hilfen zur Erziehung,
in denen auch die Integration angemessener schulischer Angebote, Umsetzung findet.
Es ist zu prüfen, inwieweit die Besuchskommissionen nach § 3 SächsPsychKG zur Si-
cherung und weiteren Verbesserung der Qualität der Betreuung psychisch behinderter
Kinder und Jugendlicher, die in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
aufgenommen sind, beitragen können.
Durch eine enge Zusammenarbeit der Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der
Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und der Schulen sowie weiterer Beteiligter ist ei-
ne kontinuierliche Verbesserung der Versorgungssituation für seelisch erkrankte Minder-
jährige abzusichern. Den Schwerpunkt der Zusammenarbeit bilden die erforderlichen Hil-
fen für Kinder und Jugendliche in komplexen Problemlagen. Die Bereiche Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Kinder- und Jugendhilfe sollten dafür die Einrichtung verbindlicher

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
70 |
vertraglich geregelter Kooperationsstrukturen auf örtlicher Ebene anstreben und weitere
beteiligte Institutionen einbinden. Bei Bedarf wird dabei auch die fachliche Unterstützung
der stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe durch konsiliarische- Dienste
der Kinder- und Jugendpsychiatrie angestrebt.
5.1.8
Weitere Rehabilitations- und Sozialhilfeträger
Nach SGB IX und SGB XII werden Leistungen zur Teilhabe für Kinder und Jugendliche erb-
racht. Das SGB IX sieht beispielsweise Leistungen zur Früherkennung und Frühförderung
behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder (§§ 26 Abs. 2 Nr. 2, 30 SGB IX) und heil-
pädagogische Leistungen für Kinder, die noch nicht eingeschult sind (§§ 55, 56 SGB IX), vor.
Für die Eingliederungshilfe körperlich oder geistig behinderter Kinder und Jugendlicher ist
nach § 10 Abs. 4 S. 2 SGB VIII das Recht der Sozialhilfe nach dem SGB XII anzuwenden.
Für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche hingegen wird Eingliederungshilfe gem. §§
10 Abs. 4 Satz 1, 35 a SGB VIII nach dem Kinder- und Jugendhilferecht geleistet. Die erfor-
derliche eindeutige Abgrenzung der Diagnosen zwischen seelischer Behinderung einerseits
und körperlicher oder geistiger Behinderung andererseits bereitet in der Praxis immer wieder
Schwierigkeiten. Problematisch ist derzeit insbesondere die sozialrechtliche Zuordnung au-
tistischer Störungen.
Ziel
Die Abstimmung zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Sozialhilfeträgern in Abgren-
zungsfragen der Eingliederungshilfe von Kindern und Jugendlichen ist zu verbessern.
5.2
Stationäre und teilstationäre Versorgung von psychisch kranken Min-
derjährigen
Die stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung wird gemäß § 39 SGB V durch
Kliniken und Tageskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie geleistet.
Die stationäre Behandlung von Minderjährigen erfordert eine differenzierte, den psychosozia-
len und somatischen Entwicklungsstand wie das soziale Umfeld besonders berücksichtigen-
de und einbeziehende Behandlung. Das setzt eine enge Vernetzung und Zusammenarbeit
zwischen den stationär psychiatrisch Behandelnden und den Institutionen des entsprechen-
den Gesundheits- und Hilfesystems voraus. Die Gestaltung einer die persönliche, soziale
und schulische Entwicklung der Minderjährigen fördernden Umgebung hat somit Priorität für
den stationären Behandlungsverlauf. Dem Grundsatz der Kinder- und Jugendpsychiatrie
folgend, stationäre Behandlungen im Rahmen des medizinisch Möglichen zu vermeiden,
sind tagesklinische Plätze ein wichtiger Baustein im psychiatrischen Versorgungsnetz zwi-
schen vollstationärer und ambulanter Behandlung.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
| 71
Entgegen dem im Ersten Sächsischen Landespsychiatrieplan angenommenen, sich tenden-
ziell reduzierenden Kapazitätsbedarf von 370 stationären Behandlungsplätzen 1993 auf
langfristig etwa 270 stationäre Plätze, ist die Gesamtzahl der stationären Behandlungsplätze
nahezu konstant geblieben. Als teilstationäres Angebot stehen derzeit 181 tagesklinische
Plätze zur Verfügung.
Als Richtwert sind pro 10.000 Minderjährige ca. 7 stationäre Behandlungsplätze und ca. 4
tagesklinische Plätze anzusetzen. Wie im Erwachsenenbereich ist auch hier die Kranken-
hausbehandlung sektorisiert. Die konsequente Einhaltung der Psychiatrie-Personalver-
ordnung (Psych-PV) erweist sich allerdings als schwierig. Insbesondere beim ärztlichen Per-
sonal wurden, zwischenzeitlich und regional stark differierend, nur etwa 50 bis 90 Prozent
der Vorgaben der Psych-PV erreicht, was lokal sehr belastend für die Sicherstellung der sta-
tionären psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhausbehandlung wirkt.
Als ein Problembereich erweist sich die schulische Wiedereingliederung von seelisch kran-
ken Schülern, die stationär bzw. teilstationär behandelt wurden. Zum einen kann die Erfül-
lung der Schulpflicht während einer stationären bzw. teilstationären Behandlung nicht immer
gewährleistet werden. Zum anderen ist nicht in jedem Einzelfall sichergestellt, dass ein schu-
lisches Angebot für psychisch kranke Schüler, die nicht mehr stationär behandlungsbedürftig
sind, jedoch den sozialen Anforderungen einer öffentlichen Schule nicht bzw. noch nicht
standhalten, unterbreitet werden kann.
Ziele
Die Einhaltung der Psych-PV als qualitative Voraussetzung ist für eine adäquate Be-
handlung sicherzustellen.
Gewährleistet werden soll eine Verbesserung und Differenzierung des schulischen An-
gebotes und der Integration entsprechend den Leistungspotentialen der seelisch kranken
Minderjährigen.
Stationäre Behandlungsmöglichkeiten, die eine adäquate Behandlung auch bei akuter
Fremd- und Eigengefährdung ermöglichen, sind in allen Regionen sicherzustellen.
Um die asymmetrische Verteilung der stationären Behandlungsplätze mit Sicherungs-
möglichkeiten zwischen den Direktionsbezirken aufzuheben, ist eine bedarfsgerechte
Verteilung zu prüfen und sicherzustellen.
5.3
Maßregelvollzugsbehandlung bei Minderjährigen bzw. Heranwachsen-
den
Gemäß § 7 Abs.1 Jugendgerichtsgesetz (JGG) kann eine freiheitsentziehende Maßregel
nach § 63 oder § 64 Strafgesetzbuch (StGB) gegenüber Minderjährigen bzw. Heranwach-

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
72 |
senden angeordnet werden. Die Maßregel nach § 64 StGB ist gemäß § 93a Jugendgerichts-
gesetz (JGG) in einer Einrichtung zu vollziehen, in der die für die Behandlung suchtkranker
Jugendlicher erforderlichen besonderen therapeutischen Mittel und sozialen Hilfen zur Ver-
fügung stehen. Zu den Voraussetzungen und rechtlichen Grundlagen der Unterbringung im
Maßregelvollzug nach §§ 63, 64 StGB wird im Übrigen auf Kapitel 12.1 verwiesen.
Im Freistaat Sachsen wurden in der Laufzeit des ersten Landespsychiatrieplanes an den
Standorten der SKH Rodewisch und Arnsdorf ehemalige Gebäude des Erwachsenenmaßre-
gelvollzuges so ausgebaut, dass sie im Wesentlichen den therapeutischen und baulich-
sicherheitstechnischen Forderungen entsprechen. Der Maßregelvollzug ist Teil der dortigen
Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Für die Behandlung der
Maßregelvollzugspatienten bzw. für die nach § 126a Strafprozessordnung (StPO) Unterge-
brachten stehen gegenwärtig je 12 Plätze in Rodewisch und in Arnsdorf zur Verfügung. Für
die Zukunft ist in Arnsdorf eine Kapazität von 16 Plätzen geplant. Ergänzend ist für beide
Einrichtungen jeweils eine kleine Einheit in Planung, die als offen geführter Therapiebereich
die Rehabilitation und Reintegration der Patienten, deren Aussetzung der Maßregel zur Be-
währung absehbar ist, therapeutisch begleitet. Ein darüber hinausgehender Ausbau ist ge-
genwärtig nicht vorgesehen, wobei eine bedarfsorientierte Anpassung des Angebotes regel-
mäßig geprüft wird.
Grundlage für eine qualitativ anspruchsvolle und adäquate Behandlung ist die Einhaltung der
Psych-PV vom 18.12.1990, dritter Abschnitt. Die Gewinnung von adäquat qualifiziertem Per-
sonal erweist sich insbesondere im ärztlichen Bereich als sehr schwierig.
Ziele
Die Qualität der Maßregelvollzugsbehandlung sowie die Sicherheit des Vollzuges sind
durch die Umsetzung der Psych-PV sicherzustellen.
Durch regelmäßige, fachspezifische Fort- und Weiterbildungen der Mitarbeiter ist die
Qualität der Behandlung abzusichern.
Durch entsprechende, insbesondere bauliche Maßnahmen sind optimale Vollzugs- und
Behandlungsbedingungen sicherzustellen, die den therapeutischen und baulich-sicher-
heitstechnischen Standards bestmöglich gerecht werden.
Zur Sicherung und Verbesserung der Qualität der Maßregelvollzugsbehandlung sind ein
elektronisches Dokumentationssystem zu implementieren und eine wissenschaftliche
Begleitung sicherzustellen.
5.4
Versorgung von Minderjährigen mit Substanzstörungen
Die Versorgung und Behandlung von Minderjährigen mit Substanzstörungen wird im sächsi-
schen Landessuchthilfeplan erörtert werden. Dort werden die fachlichen Grundlagen der

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychisch erkrankter Minderjähriger
| 73
Prävention und der Versorgung sowie die Versorgungssituation im Freistaat Sachsen und
deren Perspektiven aufgezeigt. Für weiterführende und ausführliche Informationen sei daher
auf diesen verwiesen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
74 |
6
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung gewinnen Erkrankungen im höheren
Lebensalter und Fragen der Versorgung psychisch erkrankter älterer Menschen zunehmend
an Bedeutung. Ein starker Anstieg der Pflegebedürftigkeit tritt vor allem nach dem 80. Le-
bensjahr auf. Der Freistaat Sachsen sieht sich hier einer besonderen Herausforderung ge-
genüber, da der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe von 5,5 % im Jahr 2006 bis zum Jahr
2020 mit prognostizierten 9,6 % um mehr als 80 % steigen wird (vgl. Geriatriekonzept des
Freistaates Sachsen). Die Zahl gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen wird demnach
deutlich zunehmen, die Zahl professioneller Helfer und die Zahl von Helfern aus dem familiä-
ren Umfeld aber gleichzeitig abnehmen.
Die Versorgungsstrukturen sind diesem Wandel anzupassen, damit die betroffenen Men-
schen auch zukünftig Zugang in die Versorgung finden und bedarfsgerecht versorgt werden
können. Dabei gelten auch hier die allgemeinen Grundprinzipien der Versorgung psychisch
erkrankter Menschen.
Die Weiterentwicklung der gerontopsychiatrischen Versorgung muss gleichzeitig aber die
altersspezifischen Besonderheiten beachten, die sich vor allem daraus ergeben, dass die
psychischen Erkrankungen älterer Menschen in einem engen Zusammenhang mit somati-
schen Erkrankungen und deren Folgen sowie altersbedingten Fähigkeitseinbußen stehen.
Die Experten sind sich vor diesem Hintergrund dahingehend einig, dass die Versorgung der
steigenden Zahl von alt gewordenen psychisch erkrankten Menschen und von Menschen,
die im Alter psychisch krank werden, nur dann bedarfsgerecht erfolgen kann, wenn sie integ-
rativ und multidisziplinär angelegt ist, ein umfängliches ambulant aufsuchendes Angebot
umfasst und neben der Versorgung der psychisch erkrankten Menschen auch die Unterstüt-
zung der Angehörigen einschließt. In welchen Bereichen und inwieweit es hierzu spezifischer
gerontopsychiatrischer Versorgungsstrukturen und -einrichtungen bedarf, ist demgegenüber
ungeklärt und im Einzelfall zu diskutieren. Unabhängig davon ist es wichtig, die Behand-
lungskontinuität im Sinn einer Kontinuität der Zielstellungen der Behandlungen anzustreben.
6.1
Angehörige
Die meisten gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen werden von ihren Angehörigen be-
treut und gepflegt, die damit ihrerseits ganz besonderen psychischen, körperlichen, sozialen
und oft auch finanziellen Belastungen ausgesetzt sind. Die pflegenden Angehörigen bedür-
fen daher umfassender Unterstützung und Entlastung.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
| 75
Ziele
Gerontopsychiatrisch ausgerichtete Beratungsangebote sind unter Nutzung des „Pflege-
Netz“ Sachsen bedarfsgerecht vorzuhalten, die Angehörigengruppen zu unterstützen.
Die pflegenden Angehörigen sollten im Umgang mit Demenzkranken geschult werden,
um sich in spezifischen Problemlagen sicher und kompetent zu fühlen. Entsprechende
Schulungsangebote bieten die Pflegekassen nach § 45 Sozialgesetzbuch Elftes Buch
(SGB XI) an.
Niederschwellige und flexible Entlastungsangebote (z. B. Betreuungsgruppen) sind eine
sinnvolle Unterstützung.
6.2
Hausärzte
Der Großteil der älteren psychisch erkrankten Menschen wird hausärztlich betreut. In der
Regel erfolgt hier neben der Behandlung körperlicher Beschwerden auch die Diagnostik und
Pharmakotherapie der psychiatrischen Erkrankung; dies erfordert, zum Beispiel mit Blick auf
das Problem der pharmakologischen Neben- und Wechselwirkungen, ein hohes gerontopsy-
chiatrisches Wissen.
In einigen sächsischen Regionen besteht die Gefahr, dass die Versorgung aufgrund einer
rückläufigen Anzahl der Hausarztpraxen nicht mehr ausreichend ist (vgl. Kapitel 4.2.1).
Ziele
Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sollten in ausreichendem Maße angeboten und
genutzt werden.
Vor allem in strukturschwachen Regionen ist zu prüfen, inwiefern zum Beispiel aufsu-
chende Versorgungsdienste nach dem „AGnES Konzept“
IV
Hausarztpraxen entlasten
können.
Es sollte überlegt werden, Fahrdienste einzurichten, die die älteren Patienten von ihrem
Wohnort in die hausärztlichen Praxen bringen.
6.3
Niedergelassene Fachärzte und Psychotherapeuten
Die niedergelassenen Fachärzte sind maßgeblich an der ambulanten Versorgung auch von
psychisch erkrankten älteren Menschen beteiligt, und es gelten auch hier die in Kapitel 4.2.2
IV
AGnES steht für „Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention“. Die Arztentlastung wird
erreicht, in dem entsprechend qualifiziertes nichtärztliches Fachpersonal bestimmte ärztliche Leistungen übernimmt. In Ge-
bieten mit drohender oder bereits vorhandener hausärztlicher Unterversorgung kann das AGnES-Konzept dazu beitragen,
einem Hausarzt die Versorgung eines größeren Patientenstammes bzw. einer größeren Region zu ermöglichen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
76 |
angesprochenen Rahmenbedingungen. Ein spezifisches Problem in der fachärztlichen und
psychotherapeutischen Versorgung älterer psychisch erkrankter Menschen ist, dass die Be-
troffenen diesem Fachgebiet häufig ablehnend gegenüberstehen und daher den Weg in die
Versorgung oft nicht rechtzeitig finden.
Ein psychotherapeutisches Angebot, das speziell auf den besonderen Bedarf und das Be-
dürfnis älterer Patienten ausgerichtet ist, steht in der Versorgungspraxis nicht in ausreichen-
dem Umfang zur Verfügung.
Ziele
Das Angebot an ambulanter fachärztlicher Versorgung älterer psychisch erkrankter Men-
schen muss den steigenden Bedarf berücksichtigen. Maßnahmen zur Vermeidung von
regionaler Unter- oder Fehlversorgung sind zu prüfen.
Das Angebot ambulanter psychotherapeutischer Versorgung älterer psychisch erkrankter
Menschen ist auch unter Berücksichtigung der altersbedingten Beeinträchtigungen zu
gewährleisten. Vor diesem Hintergrund sind die Durchführung von Hausbesuchen sowie
die Akzeptanz der Psychotherapie zu fördern.
Die Vernetzung von Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten ist auszubauen.
Perspektivisch ist zu prüfen, ob zur Gewährleistung der Versorgung in strukturschwa-
chen sächsischen Regionen ein mobiler gerontopsychiatrischer Dienst in einer Modellre-
gion implementiert und evaluiert werden kann.
6.4
Ambulante Pflegedienste
Ambulante Pflegedienste übernehmen Versorgungsleistungen im häuslichen Umfeld und
hier zunehmend Aufgaben der Pflege und Betreuung von gerontopsychiatrisch erkrankten
Menschen; sie sind auch für Menschen in ambulant betreuten Wohngemeinschaften (6-8
Patienten mit Demenz oder gemischten Erkrankungen leben als Mieter in einer gemeinsam
genutzten Wohnung und werden durch einen ambulanten Pflegedienst bei Bedarf über
24 Stunden betreut) zuständig.
Häusliche gerontopsychiatrische Pflege kann zum einen Krankenpflegeleistungen gemäß
§ 37 SGB V (Krankenhausvermeidungspflege und gerontopsychiatrische Behandlungspflege
zur Sicherung des Ziels der ärztlichen Behandlung oder zur Vermeidung, Verkürzung bzw.
anstelle einer Krankenhausbehandlung) und zum anderen die häusliche Pflege gem. SGB XI
einschließlich ggf. zusätzlicher oder niedrigschwelliger Betreuungsleistungen (§ 45a SGB XI)
umfassen. Leistungen, die nicht zur ärztlichen Behandlung, Pflege, Ergotherapie und Physio-
therapie gehören (z. B. Freizeitgestaltung, Maßnahmen der sozialen Wiedereingliederung)
werden eigenfinanziert oder ggf. durch den Sozialhilfeträger übernommen. Qualitätssichern-
de Voraussetzung zur Erbringung der gerontopsychiatrischen Pflege durch eine Einrichtung

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
| 77
ist die Beschäftigung von klinischem Fach- und Pflegepersonal mit sozialpsychiatrischer Zu-
satzausbildung bzw. mit mehrjähriger gerontopsychiatrischer Berufserfahrung.
Durch qualifizierte ambulante Pflege kann auch bei psychisch erkrankten alten Menschen
eine stationäre Aufnahme in Krankenhäuser oder Pflegeheime vermieden bzw. verzögert
werden.
Im Freistaat Sachsen bilden rund 200 Sozialstationen und 1.045 ambulante Pflegedienste
(Stand 01.01.2011) ein enges Netz sozialpflegerischer Dienstleistungen und versorgen
7,8 Pflegebedürftige je 1.000 Einwohner. Eine aktuelle Übersicht über die vorhandenen Pfle-
gedienste findet sich im PflegeNetz
(www.pflegenetz.sachsen.de).
Obwohl die Pflegedienste primär auf die Versorgung und Pflege bei körperlichen Erkrankun-
gen ausgerichtet sind, wird der überwiegende Teil der psychisch erkrankten älteren Men-
schen durch ambulante Dienste versorgt. Dabei ist der Pflegebedarf für demenziell erkrankte
Menschen vergleichsweise überproportional erhöht.
Die ambulanten Dienste sind in der Regel mit gerontopsychiatrisch bzw. auf Demenzerkran-
kungen spezialisierten Fachkräften unterversorgt. Generell berichten die ambulanten Dienste
eine Zunahme von Klienten mit demenzieller Symptomatik.
Ziele
Die fachliche Qualifikation der Leistungserbringer ist durch Fort- und Weiterbildungs-
maßnahmen zu gewährleisten, die verstärkt Wissen und Kompetenzen über spezifische
therapeutische Elemente im Umgang mit gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen
vermitteln.
Qualifizierte ehrenamtliche Betreuungsangebote nach § 45 ff. SGB XI, wie sie z. B. die
Alzheimergesellschaften im Freistaat Sachsen anbieten, sind zu stärken.
6.5
Gerontopsychiatrische Tagespflegestätten
In Gerontopsychiatrischen Tagespflegestätten werden bevorzugt Menschen mit Demenzer-
krankungen und hohem Pflegebedarf betreut. Leistungen zur Tagesstrukturierung ergänzen
das Pflege- und Betreuungsangebot, das konzeptionell zwischen Altenpflegeheimen und
ambulanten Diensten angesiedelt ist und ganz erheblich zur Entlastung von pflegenden An-
gehörigen beiträgt.
Ziele
Für eine bedarfsgerechte Versorgung sollte eine intensivere Nutzung des Angebots der
gerontopsychiatrischen Tagespflegestätten erfolgen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
78 |
Um tatsächlich eine Entlastung der Tageskliniken und Altenpflegeheime durch dieses
Angebot zu bewirken, ist die Professionalisierung der Tagespflege durch adäquate Per-
sonalstrukturen und kontinuierliche Weiterbildungsmaßnahmen zu forcieren.
6.6
Kurzzeitpflege
Die Kurzzeitpflege ist ein vorübergehendes stationäres Pflege- und Betreuungsangebot, das
die Möglichkeit bietet, Menschen, die im häuslichen Umfeld gepflegt werden, für einen be-
stimmten Zeitraum in einer stationären Einrichtung zu versorgen. Ziel sind vor allem die
Vermeidung und Verkürzung von Krankenhaus- und Heimaufenthalten oder die Aktivierung
der Pflegebedürftigen; das Angebot kann aber auch dann in Anspruch genommen werden,
wenn die Versorgung im häuslichen Umfeld vorübergehend nicht gewährleistet werden kann.
Plätze für Kurzzeitpflege werden v.a. in bestehenden Alten- und Pflegeheimen vorgehalten,
alternativ auch in ausgewiesenen Kurzzeitpflegeeinrichtungen. Ein Anspruch besteht für die
Höchstdauer von acht Wochen im Jahr.
Ziel
Das Angebot an Kurzzeitpflege ist regional und bedarfsgerecht vorzuhalten, vorwiegend
durch die bestehenden Strukturen der Altenhilfe (z. B. Alten- und Pflegeheime).
6.7
Psychiatrische Institutsambulanzen
Die Institutsambulanzen haben auch in der Versorgung älterer psychisch erkrankter Men-
schen den in Kapitel 4.2.5 definierten Versorgungsauftrag. Sie halten hierzu inzwischen häu-
fig ein spezielles Angebot vor, das vor allem Aufgaben der Diagnostik und Klassifikation von
fortschreitenden Hirnleistungsstörungen, die Abklärung zusätzlicher psychiatrischer Erkran-
kungen und die Planung und Initiierung medikamentöser und nicht-medikamentöser Behand-
lungsstrategien übernimmt. Allerdings wird dieses Angebot im Freistaat Sachsen nicht flä-
chendeckend angeboten, so dass die betroffenen Personen häufig einen langen Anfahrts-
weg auf sich nehmen müssen.
Ziele
Das Angebot ist im Sinn einer bedarfsgerechten gerontopsychiatrischen Versorgung zu
sichern.
Die Zusammenarbeit der Institutsambulanzen vor allem mit den niedergelassenen Fach-
ärzten ist erforderlich.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
| 79
6.8
Krankenhaus
Der Bereich der stationären Versorgung psychisch erkrankter Menschen hat sich im Frei-
staat Sachsen in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert (vgl. Kapitel 4.3.2), so
dass auch die älteren psychisch erkrankten Menschen von einer verbesserten Versorgungs-
situation profitieren. Die Gerontopsychiatrie ist Bestandteil des Vollversorgungsauftrages der
psychiatrischen Krankenhäuser und psychiatrischen Abteilungen und somit von allen Klini-
ken mit psychiatrischem Versorgungsauftrag zu gewährleisten. Die Versorgung selbst erfolgt
dabei unter unterschiedlichen konzeptionellen Rahmenbedingungen, nämlich in speziell
etablierten gerontopsychiatrischen Stationen, in allgemeinpsychiatrischen Stationen oder in
internistischen und geriatrischen Stationen an Allgemeinkrankenhäusern.
Die Versorgung in spezialisierten gerontopsychiatrischen Stationen bietet weit stärker als in
den allgemeinpsychiatrischen Stationen den Vorteil störungsspezifischer Behandlungsmög-
lichkeiten, nachteilig ist die Absonderung der älteren Menschen.
Auf allgemeinpsychiatrischen Stationen führen der Pflegeaufwand und die Multimorbidität
der Patienten häufig dazu, dass die Versorgung nicht in notwendigem Ausmaß geleistet
werden kann; vor allem für Patienten mit demenziellen Erkrankungen sind die räumlichen
und personellen Bedingungen in der Regel nicht adäquat. Allerdings wird die Isolierung älte-
rer Menschen vermieden.
Die Versorgung auf internistischen und geriatrischen Stationen in Allgemeinkrankenhäusern
erfordert die Verfügbarkeit eines psychiatrischen Konsiliar- oder Liaisondienstes.
Ziele
Die gerontopsychiatrischen stationären Angebote sind an den jeweiligen Bedarf sowohl
personell als auch strukturell anzupassen.
Die verschiedenen Abteilungen der Krankenhäuser, in denen Patienten mit gerontopsy-
chiatrischen Erkrankungen behandelt werden, müssen räumlich entsprechend ausge-
stattet sein.
Das Angebot interdisziplinärer Versorgung ist zu erweitern, etwa durch die Schaffung
gerontopsychiatrisch-geriatrischer Stationen. Die Versorgung in somatischen und psy-
chiatrischen Abteilungen ist stärker zu vernetzen. Es ist dabei zu beachten, dass ein
multidisziplinäres ärztliches und nicht-ärztliches Team erforderlich ist.
Die fachspezifische Fort- und Weiterbildung aller an der psychiatrisch-
psychotherapeutischen Versorgung beteiligten Mitarbeiter ist zu gewährleisten.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
80 |
6.9
Tageskliniken
Tageskliniken vervollständigen mit ihrem typischen Leistungsspektrum auch in der gerontop-
sychiatrischen Behandlung das Angebot der stationären Versorgung (vgl. Kapitel 4.3.1.1).
Ein besonderes Problem ist allerdings die erheblich eingeschränkte Mobilität der älteren Pa-
tienten. Aus diesem Grund sind Regelungen zu Fahrdiensten zwingender Bestandteil der
tagesklinischen Konzeption. Spezialisierte gerontopsychiatrische tagesklinische Angebote
existiert gegenwärtig nur an wenigen Standorten im Freistaat Sachsen.
Ziele
Das Angebot der gerontopsychiatrischen tagesklinischen Versorgung ist konzeptionell
und im Umfang im Sinne einer gemeindenahen Versorgung bedarfsgerecht und regions-
spezifisch zu gestalten.
Eine Abgrenzung zu Leistungen und Angeboten im Rahmen der Pflegeversicherung ist
dabei ebenso erforderlich wie eine Abstimmung mit dem im Sächsischen Geriatrieplan
vorgesehenen Aufbau gerontopsychiatrischer Tageskliniken.
6.10
Stationäre Einrichtungen der Altenhilfe
Ein bedeutender Anteil der Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen wird in
stationären Einrichtungen der Altenhilfe geleistet, in denen alte Menschen betreut und ge-
pflegt werden. Der Anteil gerontopsychiatrisch erkrankter Heimbewohner erhöht sich seit
Jahren; er liegt gegenwärtig in vielen Alten- und Pflegeheimen bei mehr als 50 % und wird
voraussichtlich weiter steigen. Am häufigsten sind Demenzerkrankungen, gefolgt von de-
pressiven Erkrankungen.
Die Versorgung erfolgt im Idealfall diagnosebezogen durch qualifiziertes Pflegepersonal in
kleinen Einheiten, deren bauliche Voraussetzungen den Anforderungen - z. B. an die Be-
treuung demenzkranker Patienten - genügen. Die Facharztbetreuung sollte regelmäßig und
aufsuchend erfolgen.
Im Freistaat Sachsen gibt es derzeit 860 stationäre Pflegeeinrichtungen (inkl. Kurzzeitpflege,
Tages- und Nachtpflege, Stand 01.01.2011), deren Platzkapazität etwa 11 Plätzen je 1.000
Einwohner entspricht.
Ziele
Die Einrichtungen sind gemeindenah zu führen und mit anderen gerontopsychiatrischen
Angeboten zu vernetzen. Die Kooperation mit niedergelassenen Fachärzten und Haus-
ärzten ist unerlässlich.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
| 81
Die Einrichtungen müssen personell, strukturell und baulich den besonderen Bedürfnis-
sen an die Versorgung vor allem demenziell erkrankter Menschen entsprechen und den
Bewohnern ein selbstbestimmtes Leben und Mobilität ermöglichen. Ein ausreichendes
Angebot an Plätzen zu einer geschlossenen Unterbringung gemäß § 1906 BGB ist vor-
zuhalten. Der Umgang mit diesem Personenkreis vor Ort sollte sich an Leitlinien ausrich-
ten.
6.11
Einrichtungen für Beratung, Begleitung und Tagesstrukturierung (BBT)
Bei einer BBT-Stelle handelt es sich um ein umfassendes niedrigschwelliges Beratungs- und
Betreuungsangebot für ältere Menschen mit psychischen Problemen, die trotz Erkrankung
weitgehend selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben können.
Das Angebot umfasst die Begleitung durch regelmäßige Hausbesuche, Beratungsgespräche
zu psychischen Veränderungen im Alter, die Vermittlung von Hilfen und Unterstützung bei
der Alltagsbewältigung und Hilfen bei der Erstellung einer individuellen Tagesstruktur. Weite-
re Leistungen sind Entlastungsgespräche mit Betroffenen und Angehörigen, organisatorische
Hilfen zur Inanspruchnahme ambulanter Pflege, Vermittlung in Gerontopsychiatrische Ta-
gesstätten sowie Unterstützung in ärztlichen und behördlichen Angelegenheiten, außerdem
Gedächtnistraining und Begegnungsangebote.
Im Freistaat Sachsen ergänzen vereinzelte BBT das allgemeine Beratungsangebot für ältere
Menschen mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen.
Ziel
Diese niedrigschwelligen Angebote sollen das gesamte gerontopsychiatrische Störungs-
spektrum abdecken und ggf. in andere angemessene Versorgungsstrukturen vermitteln.
6.12
Vernetzung gerontopsychiatrischer Angebotsformen
Die Vernetzung verschiedener Angebotsformen ist im Bereich der Versorgung gerontopsy-
chiatrisch erkrankter Menschen – wie in der geriatrischen Versorgung generell – von großer
Bedeutung. Um eine fachspezifische, qualitätsgesicherte und auf die jeweiligen Bedürfnisse
des einzelnen Patienten abgestellte Versorgung zu sichern bzw. weiter auszubauen, muss
diese zukünftig weniger in „Monostrukturen“ angesiedelt sein, sondern unter Einbeziehung
der Gerontopsychiatrie zu einem geriatrischen Versorgungsnetzwerk entsprechend dem
Geriatriekonzept des Freistaates Sachsen weiterentwickelt werden. Zur Koordinierung hat
sich die Schaffung gerontopsychiatrisch-geriatrischer Verbunde bewährt. Wichtig ist dabei
die verpflichtende Einbindung aller Bereiche der geriatrischen Versorgung sowie des psychi-
atrischen Versorgungssystems, damit die erfolgreichen Versorgungsformen der Psychiatrie
auch in diesem Bereich Anwendung finden.

Landespsychiatrieplan
Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen
82 |
Mit Blick auf das Ziel, allen geriatrischen Patienten in Sachsen einen wohnortnahen Zugang
zu einer hochwertigen und effizienten Diagnostik und Therapie inklusive rehabilitativer Ange-
bote zu gewährleisten, wird angestrebt, regionale Versorgungsnetzwerke zu etablieren. Die-
se bestehen aus geriatrischen Zentren an Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen (Leitein-
richtungen) in Kooperation mit Krankenhäusern, Schwerpunktpraxen, Hausärzten und nie-
dergelassenen Fachärzten, ambulanten- und stationären Reha-Einrichtungen, Pflegeheimen
und -diensten, therapeutischen und psychosozialen sowie ergänzenden Diensten, Kommu-
nen, Wohnungswirtschaft und Sozialorganisationen. Ziel sollte sein, eine belastbare Schnitt-
stelle zum PflegeNetz zu entwickeln.
Dabei soll das geriatrische Zentrum als Mittelpunkt des geriatrischen Versorgungsnetz-
werkes besondere Aufgaben zentral und ggf. überregional wahrnehmen. Insbesondere ist
dabei die fachspezifische Koordinierung der Patientenversorgung zu nennen. Das geriatri-
sche Assessment bildet bei dieser Aufgabe das zentrale Steuerungsinstrument im Versor-
gungsnetzwerk. Durch die im Rahmen des Assessments gewonnenen Ergebnisse kann ein
sachlicher Bezug zwischen dem konkreten Versorgungsbedarf des geriatrischen Patienten
und dem Versorgungsangebot der jeweiligen Einrichtung im Versorgungsverbund hergestellt
und somit eine individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten abgestimmte Versor-
gung erreicht werden.
Der Vorteil der Netzwerkbildung soll neben der Wohnortnähe und damit Verfügbarkeit der
Angebote auch darin liegen, die Leistungen innerhalb eines individuell ausgewählten Be-
handlungsprogramms aufeinander abzustimmen und damit unnötige Verzögerungen der
Behandlung und Mehrkosten im Gesundheitssystem zu verhindern. Dazu ist es notwendig,
dass der behandelnde Geriater ein Therapiekonzept festlegt, das die Ziele gemeinsam mit
dem Patienten und seinen Angehörigen für diesen definiert und die notwendigen Therapie-
bausteine identifiziert. Das erfolgt insbesondere auch in Kenntnis der sozialen Situation des
Patienten. Die weiteren an der Behandlung des Patienten involvierten Netzwerkpartner ori-
entieren sich an diesem Therapieplan und modifizieren diesen ggf. entsprechend der aktuel-
len Erfordernisse.

Landespsychiatrieplan
Versorgung suchtkranker Menschen
| 83
7
Versorgung suchtkranker Menschen
Suchterkrankungen, das heißt Störungen durch den problematischen Konsum von Alkohol,
illegalen Drogen, Tabak oder bestimmten Medikamentengruppen sind weit verbreitet und in
der Regel mit erheblichen psychosozialen, sozialen und somatischen Folgen verbunden. Die
negativen Folgen betreffen dabei nicht nur die suchtkranken Menschen selbst, sondern auch
ihr unmittelbares und mittelbares soziales Umfeld; die aus den Suchterkrankungen resultie-
renden direkten und indirekten Kosten machen das Problem zu einer gesamtgesellschaftli-
chen Herausforderung. Dies und die Komplexität der Versorgungslandschaft - die notwendi-
gen Hilfen für Menschen mit Suchterkrankungen werden in der Suchthilfe und der Psychiat-
rie erbracht und damit in zwei voneinander getrennten und jeweils etablierten und erprobten
Hilfebereichen - sind Anlass, die Planungen zur Versorgung von suchtkranken Menschen in
einem eigenständigen Landessuchthilfeplan zu skizzieren. Dieser bezieht sich in seinen Aus-
führungen auch auf Störungen, für die im Alltagsgebrauch oft der Begriff der „Verhaltens-
sucht“ verwendet wird. Es handelt sich dabei um Verhaltensweisen, die die Kriterien einer
psychischen Abhängigkeit aufweisen und von den Betroffenen willentlich nicht mehr voll-
ständig kontrolliert werden können; hierzu zählt zum Beispiel „Pathologisches Spielen“.
Der Landessuchthilfeplan wird ähnlich wie der Landespsychiatrieplan die fachlichen Grund-
lagen der Versorgung skizzieren, die Versorgungssituation im Freistaat Sachsen beschrei-
ben und Perspektiven für die Weiterentwicklung der Versorgung aufzeigen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen
84 |
8
Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen
Menschen mit Doppeldiagnosen leiden gleichzeitig unter dem Missbrauch oder der Abhän-
gigkeit von einer oder mehreren psychotropen Substanzen und mindestens unter einer wei-
teren schweren psychischen Störung.
Es ist davon auszugehen, dass etwa 30 % der psychisch erkrankten Menschen auch an ei-
ner Substanzstörung leiden und etwa 50 % der an einer Substanzstörung erkrankten Men-
schen gleichzeitig an einer anderen psychischen Störung erkrankt sind. Die Prävalenzraten
für Doppeldiagnosen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Für die Versor-
gungspraxis von besonderer Relevanz ist der Anstieg der Zahl behandlungs- und rehabilita-
tionsbedürftiger junger Menschen, die psychotisch erkrankt sind und unter einer Drogen-
oder Substanzabhängigkeit oder -missbrauch leiden.
Doppeldiagnosen implizieren einen ungünstigeren, sehr komplexen und schwer
prognostizierbaren Krankheitsverlauf mit einem erhöhten Rückfallrisiko und einer größeren
Wahrscheinlichkeit einer Chronifizierung; sie gehen häufig mit finanziellen, familiären und
rechtlichen Problemen einher, die Betroffenen sind oft sozial entwurzelt und von Wohnungs-
losigkeit bedroht. Hintergrund dieser prognostisch ungünstigen Entwicklung ist, dass sich die
unterschiedlichen Störungen gegenseitig beeinflussen; zumindest zum Teil scheint sich hier
aber auch ein unzureichendes Versorgungsangebot widerzuspiegeln.
Die Komplexität der Problematik macht die Behandlung oft schwierig. Für den Therapieerfolg
prognostisch ungünstig ist, wenn in der Behandlung nur ein Teil der Mehrfachstörung Be-
rücksichtigung findet. Die Therapie erfordert daher im Allgemeinen einen ganzheitlichen An-
satz mit einer integrativen Behandlung.
Patienten mit Doppeldiagnosen stellen in Bezug auf Symptomatik und Ätiologie ein sehr he-
terogenes Patientenkollektiv dar, weswegen sie ein individuell zugeschnittenes, integratives
Beratungs-, Therapie- und Rehabilitationsangebot benötigen, das ihren oft geringen Res-
sourcen und ihrer häufig begrenzten Behandlungs- und Rehabilitationsmotivation Rechnung
trägt. Das Angebot muss flexibel und offen gestaltet werden und zum Beispiel auch die Mög-
lichkeit individuell ausgehandelter Regeln oder spezifischer Tagesstrukturierung sowie Maß-
nahmen der Rehabilitation umfassen, die den individuellen Fähigkeiten angepasst sind.
Die Versorgungssituation von Menschen mit Doppeldiagnosen ist dadurch gekennzeichnet,
dass sie oft als Systemsprenger bezeichnet werden, da die Behandlung psychischer Störun-
gen und die Behandlung von Suchterkrankungen in separierten, sowohl fachlich als auch
verwaltungstechnisch und rechtlich unterschiedlich konzeptualisierten, Systemen erfolgen.
Klienten mit Doppeldiagnosen fordern aufgrund der aus der Komorbidität resultierenden spe-
zifischen Problematik Kompetenz und Belastbarkeit sowohl der Mitarbeiter psychiatrischer

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen
| 85
Einrichtungen als auch der Mitarbeiter aus Suchteinrichtungen und werden nicht zuletzt auch
deshalb tendenziell aus beiden Systemen ausgegrenzt.
Ziele
Für die in der medizinischen und komplementären Regelversorgung arbeitenden profes-
sionellen Helfer ist ein umfassendes Angebot an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen
anzubieten; es soll die Kompetenz in der Behandlung und Versorgung von Patienten mit
Doppeldiagnosen stärken und Wissen zu differentiellen Indikationsstellungen sowie zur
Behandlungsplanung und -steuerung vermitteln.
Die Versorgung von Patienten mit Doppeldiagnosen erfordert die Kooperation der pro-
fessionellen Helfer; in diesem Zusammenhang muss die Trennung zwischen den Be-
handlungssystemen für Patienten mit psychischen Erkrankungen und Patienten mit
Suchterkrankungen überwunden werden.
Der Zugang in Einrichtungen der Grundversorgung soll möglichst niederschwellig und
gemeindenah gestaltet und die Versorgung selbst mit keinen allzu hohen Anforderungen
verknüpft werden, um den individuellen Ressourcen und der oft geringen Behandlungs-
motivation der Patienten mit Doppeldiagnosen gerecht zu werden. Zum Beispiel muss
Abstinenz nicht regelhaft Voraussetzung der Versorgung sein; sie ist allerdings deren
wesentliches Ziel.
Spezialisierte Angebote sind für diejenigen Menschen mit Doppeldiagnosen vorzuhalten,
die Bedarf an Teilhabeleistungen nach SGB XII haben. Sie sind nicht in Form neuer In-
stitutionen einzurichten, sondern regional in bedarfsgerechter Anzahl, z. B. als Wohn-
gruppen mit speziellem Konzept, an bestehenden Einrichtungen zu etablieren. Leis-
tungsvereinbarungen müssen hierzu flexibel gestaltet werden und den sich ergebenden
erhöhten Bedarf an speziell qualifiziertem Personal berücksichtigen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen
86 |
9
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen
Die Versorgung von psychosomatisch erkrankten Menschen betrifft, in Anlehnung an die
Definition der Bundesärztekammer, die Erkennung, Behandlung, Prävention und Rehabilita-
tion von Krankheiten und Leidenszuständen, die maßgeblich aufgrund psychosozialer und
psychosomatischer Faktoren einschließlich dadurch bedingter körperlich-seelischer Wech-
selwirkungen verursacht sind und für die ein enges Zusammen- und Wechselspiel von kör-
perlichen und psychischen, Krankheit beeinflussenden Faktoren charakteristisch ist. Mit den
Befindlichkeitsstörungen (d. h. körperlichen Beschwerden, die überwiegend psychosozial
oder psychisch bedingt sind), den funktionellen (somatoformen und dissoziativen) Störun-
gen, den psychosomatischen Störungen im engeren Sinn (d. h. Krankheiten mit einer nach-
weislichen Organschädigung, die wesentlich von psychischen Faktoren oder Verhaltensein-
flüssen verursacht werden) sowie den somatopsychischen Erkrankungen (d. h. körperlichen
Grunderkrankungen mit psychischen und psychosozialen Folgen) lassen sich seit
Alexander
12
vier Krankheitsobergruppen unterscheiden.
Angaben zur Prävalenz psychosomatischer Erkrankungen liegen nur vereinzelt vor und diffe-
rieren zum Teil erheblich, so dass der Versorgungsbedarf nur schwer abzuschätzen ist. Es
ist jedoch allgemein von ansteigenden Fallzahlen auszugehen. Dies und die mit psychoso-
matischen Erkrankungen häufig verbundenen psychosozialen Folgen und Beeinträchtigun-
gen machen die Versorgung zu einem Thema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz.
Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen bedürfen einer Behandlung, die sowohl die
körperlichen als auch die psychischen Faktoren sowie deren Wechselwirkung berücksichtigt.
Dabei muss sich die Heterogenität der Erkrankungen in der Versorgungspraxis widerspie-
geln.
Die Versorgungssituation im Bereich psychosomatischer Erkrankungen zeichnet sich durch
die Polarität zwischen Akutbehandlung und Rehabilitation aus, auch wenn die Abgrenzung
auf dem Gebiet psychosomatischer Erkrankungen ebenso schwierig ist wie auf dem Gebiet
psychischer Erkrankungen. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass Maßnahmen der Früh-
rehabilitation ein wichtiger Bestandteil der stationären und ambulanten kurativen Behandlung
psychischer und psychosomatischer Erkrankungen sind. In der Versorgungspraxis erweist
sich die Abgrenzung oft deshalb als ungünstig, weil sie mit der Zuständigkeit unterschiedli-
cher Kostenträger verbunden ist und Akutbehandlung und Rehabilitation durch den Kosten-
trägerwechsel - im Widerspruch zu der Forderung nach möglichst hoher Behandlungskonti-
nuität - von unterschiedlichen Institutionen übernommen werden müssen. Eine weitere Ver-
besserung der Zusammenarbeit zwischen den Verantwortungsträgern im SGB V- und SGB
VI-Bereich ist anzustreben.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen
| 87
9.1
Akutbehandlung
Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen finden sich in der ambulanten Akutversor-
gung meistens in der Praxis von Hausärzten, Internisten und anderen somatischen Fachärz-
ten, im Rahmen der stationären Akutbehandlung in der Regel in den unterschiedlichen so-
matischen Fachabteilungen. Diesen Einrichtungen obliegen damit die wichtigen Aufgaben
der Diagnostik sowie der Initiierung psychosomatischer und psychotherapeutischer Hilfen.
Allerdings ist die Grundversorgung in diesen Bereichen aufgrund struktureller und fachlicher
Bedingungen oft einseitig somatisch ausgerichtet, so dass das Wechselspiel von körperli-
chen und psychischen Faktoren nicht ausreichend beachtet wird und es häufig zu einem
Übermaß somatischer Diagnostik und Therapie (Über- und Fehlversorgung) und zu einer
Vernachlässigung psychosozialer Maßnahmen (Unter- und Fehlversorgung) kommt. Ein be-
darfsgerechtes Versorgungsangebot erfordert daher ein interdisziplinäres Zusammenarbei-
ten in Form von Konsiliar- und Liaisondiensten. Flankierende Maßnahmen, beispielsweise
wirtschaftliche Abrechnungsmodalitäten betreffend, sind hierfür Voraussetzung.
Im ambulanten Bereich wird die Facharztversorgung von allen für die Grundversorgung von
psychisch erkrankten Menschen zuständigen Fachärzten übernommen. Auf die Diagnostik
und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen besonders spezialisiert sind dabei die
niedergelassenen Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die die
Versorgung komplexer und chronischer psychosomatischer Erkrankungen übernehmen sol-
len. Allerdings steht im Freistaat Sachsen gegenwärtig für ca. 262.000 Einwohner nur ein
solcher Facharzt zur Verfügung, so dass hier von einem nicht ausreichenden ambulanten
Angebot auszugehen ist.
In der stationären Versorgung psychosomatischer Erkrankungen soll der Konsiliar- und
Liaisondienst für die somatischen Abteilungen der Krankenhäuser im Freistaat Sachsen
grundsätzlich von Fachärzten dieser Fachdisziplin erbracht werden. Hierzu ist die Schaffung
von Strukturen und Abrechnungsmechanismen erforderlich.
In den sechs im Freistaat Sachsen etablierten Abteilungen für „Psychosomatische Medizin
und Psychotherapie“ stehen gegenwärtig zur spezialisierten stationären Versorgung von
psychosomatisch erkrankten Patienten 199 Betten zur Verfügung; gleichzeitig wird ein ta-
gesklinisches Angebot von derzeit 113 Plätzen vorgehalten. Allerdings werden nicht nur Pa-
tienten mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt, sondern zunehmend Patienten mit
„originär“ psychiatrischen Erkrankungen, was mehr und mehr zum Aufbau paralleler stationä-
rer und tagesklinischer Versorgungsstrukturen für dieselben psychischen Erkrankungen
führt. Dies gilt als problematisch, da es sowohl zu einer Unterversorgung psychosomatisch
erkrankter Patienten als auch zu einer Stigmatisierung schwerer psychischer Erkrankungen
führen kann.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen
88 |
Ziele
Die Vermittlung psychosomatischer Fachkompetenz ist in den Weiterbildungsrichtlinien
somatischer Fächer stärker zu verankern.
Die Kooperation zwischen Hausärzten und somatischen Fachärzten einerseits und in der
Behandlung von psychosomatisch erkrankten Patienten spezialisierten Fachärzten ande-
rerseits ist zu verbessern und umfassend im Sinn einer profilierten Konsiltätigkeit zu
etablieren.
Im stationären Bereich ist an den somatischen Fachabteilungen Fachwissen in Form
psychosomatisch-psychotherapeutischer Kompetenz zu gewährleisten, zum Beispiel
durch ein umfassendes Angebot an Konsiliar- und Liaisondiensten.
Kooperation und Vernetzung der stationären Versorgung psychosomatisch erkrankter
Patienten mit der ambulanten Versorgung sind zu stärken.
Das Angebot tagesklinischer Behandlung ist für Patienten mit psychosomatischen Er-
krankungen bedarfsgerecht zu nutzen.
Die stationäre Versorgung von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Er-
krankungen soll möglichst in einer organisatorisch, räumlich und personell integrierten
Struktur erfolgen.
Es ist anzustreben, kooperative Versorgungstrukturen zwischen den Fachgebieten „Psy-
chiatrie und Psychotherapie“ und „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ zu
entwickeln.
9.2
Rehabilitation
Das System der Rehabilitation stellt im Bereich der Versorgung psychosomatischer Erkran-
kungen ein quantitativ bedeutsames Ausmaß der stationären Versorgung dar. Es handelt
sich um einen spezifischen Typ der medizinischen Rehabilitation, bei dem psychotherapeuti-
schen Interventionen ein besonderer Stellenwert zukommt. Ziel ist es, das Wechselspiel zwi-
schen somatischen und psychischen Faktoren aufzuzeigen und therapeutisch zu bearbeiten,
um dadurch die Chronifizierung der psychosomatischen Erkrankung möglichst zu verhindern.
Den Rehabilitationseinrichtungen kommen darüber hinaus umfangreiche Aufgaben im Rah-
men der sozialmedizinischen Begutachtungen zu.
Allerdings ist der Begriff der psychosomatischen Rehabilitation etwas missverständlich, da er
impliziert, dass in den psychosomatischen Rehabilitationskliniken Patienten mit psychosoma-
tischen Erkrankungen rehabilitativ behandelt werden. In der Versorgungsrealität ist das Di-
agnosespektrum hingegen weitaus umfassender, und der Übergang zwischen akutstationä-
rer Behandlung und rehabilitativer Behandlung ist im Bereich der Psychosomatik fließend.

Landespsychiatrieplan
Versorgung psychosomatisch erkrankter Menschen
| 89
Vor diesem Hintergrund stieg die Zahl der psychosomatischen Rehabilitationsbetten – ent-
gegen dem Grundprinzip „ambulant vor stationär“ – in den letzten Jahren an; sie übersteigt
die Zahl der so genannten psychosomatischen Akutbetten erheblich.
Ziel
Die notwendigen Hilfen zur Rehabilitation psychosomatischer Erkrankungen sollen, den
definierten Grundprinzipien entsprechend, möglichst ambulant erbracht werden. Ein wei-
terer Aufbau psychosomatischer Rehabilitationsbetten ist daher vor dem Hintergrund der
Bedarfsentwicklung und der weiteren Entwicklung im ambulanten, teilstationären und
stationären Bereich kritisch zu prüfen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung
90 |
10
Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Intelligenz-
minderung
Es hat sich international durchgesetzt, die Intelligenzminderung
V
(IM) nach ihrem Schwere-
grad in vier Stufen einzuteilen, wobei zwischen leichter IM (Intelligenzquotient 69 - 50),
mittelgradiger IM (IQ 49 - 35), schwerer IM (IQ 34 - 20) und schwerster IM (IQ 19 - 0) unter-
schieden wird. Die Prävalenz der Intelligenzminderung liegt zwischen 0,6 und 1,3 %, so dass
in der Bundesrepublik etwa 0,5 bis 1,0 Mio., im Freistaat Sachsen zwischen 24.000 und
52.000 Menschen mit einer Intelligenzminderung leben.
VI
Die Prävalenz psychischer Störungen bei Menschen mit Intelligenzminderung ist nach über-
einstimmender Auffassung aller Experten gegenüber der Normalbevölkerung deutlich erhöht.
Die Angaben zur Lebenszeitprävalenz schwanken allerdings zwischen 15 % und 70 %, was
zum Ausdruck bringt, dass die Diagnostik psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Intel-
ligenzminderung mit methodischen Schwierigkeiten verbunden ist und deshalb von zielgrup-
penspezifischen Erfahrungen erheblich beeinflusst wird. Dies trifft vor allem auf die Diagnos-
tik psychischer Störungen und deren Differentialdiagnostik gegenüber bestimmten Formen
von Problemverhalten bei Menschen mit schwerer oder schwerster Intelligenzminderung zu.
Das Vorliegen einer geistigen Behinderung darf nicht zu unzulänglicher Versorgung oder gar
zum Ausschluss aus einer adäquaten Versorgung führen. Psychisch erkrankte Menschen mit
Intelligenzminderung haben einen Anspruch auf eine bedarfsgerechte gesundheitliche Ver-
sorgung unabhängig von den leistungsrechtlichen Konstellationen des Einzelfalls. Sie setzt
besondere fachliche, kommunikative und organisatorische Kompetenz voraus. Differentialdi-
agnostisches und therapeutisches Vorgehen ist häufig durch Besonderheiten und Beein-
trächtigungen der Kommunikation erschwert und erfordert bei ganzheitlich geprägtem Arbei-
ten z. T. erheblich vermehrten organisatorischen und zeitlichen Aufwand. Die Versorgungssi-
tuation von psychisch erkrankten Menschen mit Intelligenzminderung wird in Deutschland
insgesamt als defizitär eingeschätzt. Dies betrifft vor allem die Qualität und Differenziertheit
der Versorgung. Menschen mit Intelligenzminderung gehören zu den Patientengruppen, die
besonders häufig und über einen besonders langen Zeitraum Psychopharmaka erhalten;
nicht selten ist die Indikation nicht gesichert.
Diese Klientel stellt in den Einrichtungen der psychiatrischen und psychotherapeutischen
Grundversorgung ein immer größeres Patientenkollektiv dar. Das Angebot an allgemeinpsy-
chiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung gilt aber als nur selten qualifiziert, um
V
Der Begriff der Intelligenzminderung wird in der deutschen Übersetzung der ICD-10 verwendet. Er ist weitestgehend gleich-
bedeutend mit dem Begriff der „geistigen Behinderung“, der in der Sozialgesetzgebung überwiegend verwendet wird.
VI
Es gibt in Deutschland auch aus Gründen der historischen Belastung durch die nationalsozialistischen Verbrechen an be-
hinderten und psychisch erkrankten Menschen kein Register, das die Zahl exakt erfasst.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung
| 91
differenzierten Bedarfslagen der Behandlung zu entsprechen. Psychiatrische Interventionen
sollten hier dringend mit pädagogisch-erzieherischen bzw. verhaltenstherapeutischen Me-
thoden kombiniert sein. Unter dem Dach des Gemeindepsychiatrischen Verbundes sollten in
Kooperation mit dem für Menschen mit Intelligenzminderung etablierten Versorgungssystem
bestehende Kriseninterventionsmöglichkeiten genutzt und mit dem System der Behinderten-
betreuung vernetzt werden.
In der Bundesrepublik Deutschland und im Freistaat Sachsen ist das Angebot an speziali-
sierten Versorgungseinrichtungen zur Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen
bei Menschen mit Intelligenzminderung sehr begrenzt. Das Einzugsgebiet der existierenden
Einrichtungen, die in der Regel als Spezialabteilungen an Fachkrankenhäusern firmieren,
umfasst zwischen 500.000 und 3,8 Mio. Einwohner, so dass von einer wohnortnahen Ver-
sorgung nicht gesprochen werden kann.
Die Einrichtungen halten im Wesentlichen ein stationäres Angebot vor; ihr ambulantes An-
gebot hat sich bislang nur sehr zögerlich entwickelt.
Ziele
Mit dem Ziel einer möglichst vollständig wohnortnahen Behandlung sind die Einrichtun-
gen der Grundversorgung zur Versorgung von psychisch erkrankten Menschen mit Intel-
ligenzminderung verpflichtet. Die Versorgung in oft wohnortfernen spezialisierten Einrich-
tungen ist zu begrenzen auf die Diagnostik und Therapie schwerer und komplexer Prob-
lemlagen. Spezialisierte Einrichtungen sind nur im Einzelfall und zeitweilig im Zusam-
menhang mit spezifischen differentialdiagnostischen Erwägungen in Anspruch zu neh-
men.
Die behandelnden Einrichtungen der Grundversorgung müssen Möglichkeiten der Aus-
und Weiterbildung von Allgemeinärzten, Fachärzten sowie ärztlichen und psychologi-
schen Psychotherapeuten vorhalten, um das Angebotsspektrum zielgruppenspezifisch
ausgerichtet fachlich und organisatorisch weiterzuentwickeln. Weitestgehend muss der
Zugang zur Grundversorgung niederschwellig gestaltet werden. Listen mit Angaben zu
speziell qualifizierten Ärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten sollten von der KV
Sachsen und der Psychotherapeutenkammer (OPK) leicht zugänglich - zum Beispiel im
Internet - zur Verfügung gestellt werden.
Aufsuchende Angebote sind vorzuziehen, wenn Betroffene aufgrund ihrer Behinderung
im Zusammenhang mit Fremdunterbringung überfordert sind. Behandlungs- und Be-
treuungskontinuität ist vor diesem Hintergrund von besonderer Relevanz.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung
92 |
Die komplexe Thematik sollte in der Ausbildung von Pflegepersonal und Heilerziehungs-
pflegern verstärkt Berücksichtigung finden; Sensibilisierung für die besonderen Bedarfe
sowie Ansätze psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung sollten dabei im
Vordergrund stehen.
Für Menschen mit Intelligenzminderung sind verstärkt gesundheitsfördernde Angebote
zu entwickeln und präventive Maßnahmen zu implementieren.
Der Aufbau spezialisierter, multiprofessionell ausgestatteter ambulanter Versorgungs-
strukturen muss landesweit vorangetrieben werden. Hierfür bieten sich PIA an, die eng
mit den stationären Spezialbereichen zusammenarbeiten und aufsuchend arbeiten kön-
nen, um den lebensweltlichen Kontext gezielt für Diagnostik, Differentialdiagnostik und
Therapie zu nutzen. Die Finanzierung einer solchen aufsuchenden Tätigkeit sollte gere-
gelt sein.
Fachlich spezialisierte Angebote müssen mit den regionalen Einrichtungen der psychiat-
rischen und psychotherapeutischen Grundversorgung eng kooperieren und dort bera-
tend zur Verfügung stehen.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund
| 93
11
Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Migrations-
hintergrund
Fragen der Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund, das heißt von in den letz-
ten Jahrzehnten zugewanderten Menschen und deren Nachkommen, gewinnen zunehmend
an Bedeutung. Dies gilt zukünftig auch für den Freistaat Sachsen, wo der Anteil von Perso-
nen mit Migrationshintergrund zurzeit 4,8 % beträgt.
In der Prävalenz psychischer Erkrankungen unterscheiden sich Menschen mit Migrationshin-
tergrund nach Expertenmeinung nicht wesentlich von der übrigen Bevölkerung. Es wird al-
lerdings davon ausgegangen, dass sie ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung somatoformer
Störungen und posttraumatischer Belastungsstörungen oder auch Anpassungsstörungen
tragen; je nach Alter und Herkunft gilt auch die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer
Suchterkrankung als erhöht (vgl. hierzu auch die Ausführungen im Landessuchthilfeplan).
Menschen mit Migrationshintergrund sind dennoch in den meisten offenen stationären und
teilstationären psychiatrischen Bereichen sowie ganz besonders in der ambulanten psycho-
therapeutischen Versorgung unterrepräsentiert, in den geschlossenen Bereichen und der
Forensik dagegen überrepräsentiert. Die Versorgungspraxis psychisch erkrankter Migranten
unterscheidet sich demnach von der der übrigen Bevölkerung.
Zum einen sind hierfür Zugangsbarrieren verantwortlich, die mit den soziokulturellen Einstel-
lungen der Migranten und zum Beispiel mit deren Angst vor Stigmatisierung zusammenhän-
gen. Vor allem bei weniger schweren psychischen Erkrankungen führt dies dazu, dass Ver-
sorgungsleistungen erst relativ spät nach Erkrankungsbeginn in Anspruch genommen wer-
den. Andererseits ist das Versorgungsangebot für Migranten häufig nicht niederschwellig
angelegt, zum Beispiel aufgrund sprachlicher Barrieren. Zudem besteht häufig ein erhebli-
ches Informationsdefizit, sowohl über das Angebot als auch über den Zugang in die Versor-
gung. Ein besonderes Problem resultiert aus kulturell begründeten Kommunikationsschwie-
rigkeiten, die häufig zu Unmut bei den Betroffenen und zu Defiziten in der Versorgung füh-
ren.
Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund, für die gleicher-
maßen die eingangs definierten Grundprinzipien gelten, erfordert im Freistaat Sachsen trotz
dieser spezifischen Besonderheiten kein gesondertes Versorgungssystem mit spezialisierten
Einrichtungen. Die notwendigen Hilfen sind vielmehr im Rahmen der bestehenden Versor-
gungsstrukturen zu leisten, die in bestimmten Aspekten den spezifischen Anforderungen
anzupassen sind.

Landespsychiatrieplan
Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund
94 |
Ziele
Die Zugangsbarrieren in die Versorgung sollen abgebaut werden, wobei hier vor allem
die Verbesserung der Information über das Versorgungsangebot und die Zugangsmög-
lichkeiten von Bedeutung sind.
Psychologisch geschulte Fachdolmetscher sollten in der psychiatrisch-psycho-
therapeutischen Versorgung bei Bedarf zur Verfügung stehen.
Wissen und Umgang mit kulturell begründeten Kommunikationsschwierigkeiten sollte in
Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen Eingang finden.

Landespsychiatrieplan
Forensisch-psychiatrische Versorgung
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12
Forensisch-psychiatrische Versorgung
12.1
Maßregelvollzugseinrichtungen
Bei strafrechtlich relevantem Verhalten sieht das StGB für psychisch kranke bzw. für sucht-
kranke Rechtsbrecher die Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Kranken-
haus (§ 63 StGB) bzw. in einer Entziehungsanstalt (§ 64 StGB) vor. Nach § 126a StPO kann
vor der Anordnung der Maßregel durch einen gerichtlichen Unterbringungsbefehl eine einst-
weilige Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt
erfolgen. Die strafrechtliche Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus bzw. in
einer Entziehungsanstalt folgt grundsätzlich dem Zweck, den Rechtsbrecher durch eine ent-
sprechende Behandlung zu bessern und die Allgemeinheit vor ihm zu schützen.
Eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus erfolgt nach § 63 StGB, wenn
eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit
begangen wurde und vom Täter, infolge seines Zustandes, erhebliche rechtswidrige Taten
zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist. Die Dauer der Unterbrin-
gung zur Behandlung ist nicht von vornherein zeitlich begrenzt; sie wird im Wesentlichen
durch die aus der psychischen Störung resultierende Gefährlichkeit bestimmt, die entspre-
chend der gesetzlichen Vorgaben gutachtlich geprüft wird.
Eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach § 64 StGB ist unabhängig von der
Schuldfähigkeit legitimiert, wenn eine rechtswidrige Tat im Rausch begangen wurde und der
Täter eine Suchtmittelabhängigkeit bzw. einen Suchtmittelmissbrauch aufweist und sowohl
die Gefahr besteht, dass infolge der Abhängigkeit weitere erhebliche rechtswidrige Taten
begangen werden könnten als auch eine konkrete Aussicht auf Erfolg der Behandlung be-
steht. Die Dauer der Behandlung ist zeitlich befristet, in der Regel auf zwei Jahre. Eine Über-
schreitung der Höchstfrist ist allerdings im Falle des Vorwegvollzugs der Maßregel vor einer
daneben angeordneten Freiheitsstrafe um die Dauer der Freiheitsstrafe möglich, soweit die
Zeit des Vollzuges der Maßregel auf die Strafe angerechnet wird.
Im Freistaat Sachsen ist, im Sinne eines möglichst wohnortnahen Vollzuges, ein dezentrales
Behandlungsangebot mit einer Gesamtkapazität von 462 Plätzen für den Vollzug der Maßre-
geln, der Besserung und Sicherung aufgebaut worden. In der Laufzeit des Ersten Landes-
psychiatrieplanes entstanden an insgesamt fünf Standorten moderne, den therapeutischen
wie den baulich-sicherheitstechnischen Anforderungen gerecht werdende forensisch-
psychiatrische Kliniken, die an den Sächsischen Krankenhäusern sowie am Städtischen
Klinikum „St. Georg“ Leipzig angegliedert sind.
Für den Vollzug der Maßregeln nach § 63 StGB stehen im Freistaat Sachsen insgesamt
262 Plätze zur Verfügung. Entsprechend der Landgerichtsbezirke ist das Versorgungsgebiet

Landespsychiatrieplan
Forensisch-psychiatrische Versorgung
96 |
regional den Sächsischen Krankenhäusern Altscherbitz in Schkeuditz (95 Plätze), Arnsdorf
(90 Plätze) und Rodewisch (77 Plätze) zugeordnet. Darin eingeschlossen verfügt jede Ein-
richtung über eine kleine Einheit mit fünf Plätzen, die als offen geführte Therapiebereiche,
die Rehabilitation und Reintegration der Patienten therapeutisch begleitet, deren Aussetzung
der Maßregel zur Bewährung absehbar ist. Eine Behandlung und Unterbringung weiblicher
Patienten erfolgt in der Klinik in Schkeuditz.
Der Vollzug der Maßregel nach § 64 StGB erfolgt an zwei Standorten mit einer Gesamtkapa-
zität von 200 Plätzen. Für die Landgerichtsbezirke Dresden, Bautzen und Görlitz stehen am
Sächsischen Krankenhaus Großschweidnitz 80 Plätze zur Verfügung. Für die Behandlung
suchtkranker Täter aus den Landgerichtsbezirken Chemnitz, Leipzig und Zwickau werden
am Städtischen Klinikum „St. Georg“ Leipzig 120 Plätze vorgehalten. An beiden Einrichtun-
gen stehen offen geführte Therapieplätze für die Reintegration und Resozialisation der Pati-
enten zur Verfügung. Eine Behandlung und Unterbringung weiblicher Patienten erfolgt in der
Klinik in Leipzig.
Auf Grund der aktuellen Bedarfsdeckung ist ein weiterer Ausbau von stationären Kapazitäten
zurzeit nicht geplant.
In der Laufzeit des Ersten Landespsychiatrieplanes zeichneten sich Entwicklungen im Voll-
zug der Maßregeln ab, die eingebettet waren in ein zunehmend sicherheitsorientiertes ge-
sellschaftspolitisches Klima, das zu modifizierten gesetzlichen Rahmenbedingungen führte,
die zum Beispiel auch die Kriterien für eine Entlassung beeinflussen. Beobachtet werden
konnten eine kontinuierliche Zunahme der jährlichen Unterbringungsanordnungen vor allem
gemäß § 64 StGB, zunehmend längere Unterbringungsdauern (§ 63 StGB) und eine hohe
Zahl von Beendigungen der Vollstreckung (§ 64 StGB) wegen mangelnder Aussicht auf ei-
nen Behandlungserfolg. Darüber hinaus konnten Veränderungen der der Unterbringung zu
Grunde liegenden Anlasserkrankung der eingewiesenen Klientel, wie zum Beispiel eine Zu-
nahme von Unterbringungsanordnungen für Patienten mit psychotischen Erkrankungen bzw.
einer Intelligenzminderung sowie für Patienten mit einer Abhängigkeit von illegalen Drogen
festgestellt werden.
Daraus erwachsen für die weitere Gestaltung des Vollzuges der Maßregeln neue Herausfor-
derungen. Nach der Auf- und Ausbauphase des sächsischen Maßregelvollzuges steht für die
Zukunft die Sicherung der Qualität der Maßregelvollzugsbehandlung mit einem dem psychi-
schen Krankheitsspektrum der Patienten angepassten, evidenten und leitlinienorientierten
Behandlungs- und Versorgungsangebot im Vordergrund. Wesentliche Voraussetzung dafür
ist die Umsetzung der Richtlinie „Personalbemessung für den Maßregelvollzug im Freistaat
Sachsen“ (PB-MRV), die sich im Kern an die Psychiatrie-Personalverordnung vom
18.12.1990 (Psych-PV) anlehnt. Die Gewinnung von adäquat qualifiziertem Personal erweist
sich vor allem im ärztlichen Bereich zunehmend und dauerhaft als sehr schwierig. Darüber
hinaus ist die Weiterentwicklung der PB-MRV und für die Sicherung der Qualität des Vollzu-

Landespsychiatrieplan
Forensisch-psychiatrische Versorgung
| 97
ges eine kontinuierliche, methodisch abgesicherte Begleitung und Evaluation der Maßregel-
vollzugsbehandlung anzustreben.
Ziele
Die Richtlinie PB-MRV ist die Basis für einen qualitativ-therapeutisch adäquaten und
sicheren Vollzug. Ihre Umsetzung sowie Weiterentwicklung ist unbedingt anzustreben.
Die Qualität der Maßregelvollzugsbehandlung sowie die Sicherheit des Vollzuges sind
durch geeignete Maßnahmen zu gewährleisten. Die Behandlung orientiert sich dabei
sowohl an den diagnosebezogenen Praxisleitlinien der Fachgesellschaft (DGPPN) als
auch an Leitlinien, die die Besonderheiten der Maßregelvollzugsbehandlung berücksich-
tigen.
Ein zu implementierendes elektronisches Dokumentationssystem (EPA) bietet die Basis
für ein adäquates Qualitäts- und Risikomanagement und Grundlagen für eine wissen-
schaftliche Begleitung.
Die Qualität der Maßregelvollzugsbehandlung ist durch regelmäßige, fachspezifische
Weiterbildungsangebote für die Mitarbeiter abzusichern
.
12.2
Forensisch-psychiatrische Nachsorge
Nach häufig langen Klinikaufenthalten ist die Zeit nach der bedingten Entlassung aufgrund
einer verminderten Behandlungsintensität sowie der wiedererlangten Situation der Selbst-
verantwortung von den ehemaligen Maßregelvollzugspatienten vielfach schwierig zu bewäl-
tigen. Dies führt nicht selten zu krisenhaften Verläufen mit erhöhter Rückfallgefahr. In dieser
schwierigen Situation bedarf es einer weiteren Unterstützung durch fach- und bedarfsgerech-
te, institutionalisierte Angebote, die über die bisherige Praxis (z. B. der Betreuung in den
Sozialtherapeutischen Wohnstätten) hinausgehen und sowohl koordinierende als auch ins-
besondere medizinisch-therapeutische Aufgaben wahrnehmen.
Diese Lücke zu schließen und ein koordinierendes Netzwerk zwischen den komplementär-
psychiatrischen Versorgungsstrukturen, den Justizbehörden (Gerichten, Führungsaufsicht,
Bewährungshilfe) und der Maßregelvollzugseinrichtung patientenorientiert auszugestalten,
ist die wesentliche konstitutive Aufgabe von forensisch-psychiatrischen Institutsambulanzen
(FIA) an den Maßregelvollzugseinrichtungen. Als institutionalisiertes Bindeglied nach der
stationären Behandlung übernehmen sie medizinisch-therapeutische, psychosoziale und
pflegerische Aufgaben, um den ehemaligen Maßregelvollzugspatienten auch nach der Ent-
lassung für die Dauer der Führungsaufsicht zu behandeln, zu betreuen und zu unterstützen,
um so Krisen und Rückfällen, die eine erfolgreiche Rehabilitation gefährden könnten, durch
ein effektives Risikomanagement rechtzeitig begegnen zu können. Dabei sind die nachsor-
genden Hilfen so früh wie möglich, d. h. bereits im stationären Vollzug, zu planen. Gestützt

Landespsychiatrieplan
Forensisch-psychiatrische Versorgung
98 |
auf ein multiprofessionelles Team, das über medizinische, psychotherapeutische, sozialar-
beiterische/-pädagogische und pflegerische Kompetenzen verfügt, werden von der FIA am-
bulante bzw. aufsuchende Hilfen angeboten. Zielgruppe der FIA sind Personen, die aus der
Maßregelvollzugsbehandlung entlassen wurden und nach ärztlicher Einschätzung oder ge-
richtlicher Weisung einer nachsorgenden Betreuung bedürfen.
Unter bestimmten Voraussetzungen können aus dem Strafvollzug Entlassene in Einzelfällen
in einer FIA behandelt und betreut werden. Mindestvoraussetzung ist eine psychiatrische
ICD-Störungsdiagnose mit Auswirkungen auf die Legalprognose. Die Indikation für eine Be-
handlung ist durch das Team der Ambulanz zu prüfen. Eine richterliche Weisung alleine ver-
pflichtet nicht zur Übernahme. Die endgültige Entscheidung über die Aufnahme obliegt dem
verantwortlichen leitenden Arzt. Liegt für einen Probanden eine gerichtliche Therapiewei-
sung, aber kein psychiatrisches Gutachten vor, prüft die FIA das Vorliegen einer
ICD-Störungsdiagnose mit Auswirkung auf die Legalprognose und teilt dem Gericht mit, ob
tatsächlich Behandlungsbedarf besteht oder ob die Therapieweisung aufgehoben werden
sollte. Die im Einzelfall anfallenden Behandlungskosten werden durch die Justiz getragen,
falls der Proband selbst mittellos und kein anderer Leistungsträger kostentragungspflichtig
ist.
Im Freistaat Sachsen erfolgte eine institutionelle forensisch-psychiatrische Nachsorge bisher
nur am Standort Leipzig für Personen, die aus der Entziehungsanstalt entlassen wurden. Auf
Grund der dabei gesammelten positiven Erfahrungen und Effekte, sowohl für die psychische
Stabilität des Klienten als auch für die Legalbewährung, ist ein weiterer Ausbau von FIA im
Freistaat Sachsen vorgesehen. Diese zusätzlichen Nachsorgeeinrichtungen sind personell
und finanziell entsprechend auszustatten.
Ziele
Der Übergang aus dem stationären Maßregelvollzug in die Rehabilitation bzw. die
Resozialisation ist durch die Einrichtung von forensisch-psychiatrischen Institutsambu-
lanzen an den Maßregelvollzugseinrichtungen, die auch aufsuchend tätig werden, si-
cherzustellen.
Die Ambulanz muss über interdisziplinäre Kompetenz verfügen, die durch fachärztliche,
psychotherapeutische, sozialpädagogische und pflegende Mitarbeiter entsprechend zu
untersetzen ist. Für die Umsetzung des Aufgabenspektrums ist ein adäquater Personal-
schlüssel festzulegen.
Der Aufbau des institutionell getragenen, nachsorgenden Angebotes an den
MRV-Einrichtungen erfolgt in enger Kooperation mit den vorhandenen Strukturen und In-
stitutionen im komplementären Bereich.

Landespsychiatrieplan
| 99
C Umsetzung

Landespsychiatrieplan
Maßnahmen zur Umsetzung
100 |
13
Maßnahmen zur Umsetzung
Die positiven Entwicklungen, die im Freistaat Sachsen in den letzten Jahren für die Versor-
gung psychisch erkrankter Menschen erreicht werden konnten, wurden ausführlich erörtert
(vgl. Kapitel 1.6). Der Bedarf, das Versorgungssystem dennoch weiter zu entwickeln, ist im
Folgenden aufgezeigt und begründet worden. Die sich daraus ergebenden Aufgaben und
Herausforderungen bedürfen umfassender Maßnahmen der Qualitätsplanung, -lenkung, -
sicherung und -verbesserung.
13.1
Qualitätsplanung
Die Qualitätsplanung ermittelt einen IST-Zustand und legt die allgemeinen und spezifischen
Zielstellungen fest. In diesem Sinn werden im vorliegenden Landespsychiatrieplan die nor-
mativen Grundlagen zur psychiatrischen Versorgung im Freistaat Sachsen beschrieben und
in Zielstellungen übersetzt.
Die Verantwortung für die Umsetzung dieser Zielstellungen in die Praxis kommt, unbescha-
det der Verpflichtungen Dritter wie den Leistungsträgern der Sozialversicherung, ganz we-
sentlich den einzelnen Landkreisen und Kreisfreien Städten zu.
Ziel
In allen Versorgungsregionen ist ein regionaler bedarfsorientierter Psychiatrieplan zu
erarbeiten und stetig fortzuschreiben. Als sinnvoll ist zu erachten, die Verantwortlichkeit
hierfür, soweit noch nicht geschehen, explizit in das Tätigkeitsprofil der Psychiatrie-
koordinatoren zu übertragen, die sich mit den Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften zu
beraten haben.
13.2
Qualitätslenkung
Qualitätslenkung, das heißt die Umsetzung der im Planungsprozess festgelegten Zielstellun-
gen, obliegt allen an der Versorgung beteiligten Akteuren, die sich in gemeinsamer Verant-
wortung fortlaufend um die Optimierung der Versorgungssituation bemühen und die sich in
der jeweils gegebenen Situation bietenden Möglichkeiten flexibel nutzen müssen.
Ziel
Die Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften der Landkreise und Kreisfreien Städte tau-
schen sich regelmäßig über den Grad der Umsetzung der definierten Zielstellungen aus.
Dabei sollen die Leistungserbringer, die jeweiligen Leistungsträger (z. B. Krankenkas-
sen, Rentenversicherung und KSV) und die entsprechenden Körperschaften
(z. B. KV Sachsen) sowie Vertreter der psychisch erkrankten Menschen und ihrer Ange-

Landespsychiatrieplan
Maßnahmen zur Umsetzung
| 101
hörigen mitwirken. Interessen, Problemdefinitionen und Bewertungen sollten kommuni-
ziert und mit dem Ziel einer übergreifenden Gesamtplanung und Koordination aufeinan-
der abgestimmt werden. Die Koordinierung liegt wesentlich im Aufgabenbereich der Psy-
chiatriekoordinatoren. Im Rahmen dieser Prozesse ist der Freistaat Sachsen bei Bedarf
moderierend tätig.
13.3
Qualitätssicherung
Qualitätssicherung beinhaltet die Erhebung und Auswertung qualitativer und quantitativer
Informationen zur Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der Versorgung. Dies bedeutet,
dass Qualitätskriterien zu definieren, Methoden zur Erhebung entsprechender Daten zu im-
plementieren und die erhobenen Daten auszuwerten sind.
Ziele
Qualitätskriterien sollten möglichst bundeseinheitlich festgelegt werden, was die Mög-
lichkeit einer landesspezifischen Datenerhebung nicht ausschließt. Mit dem Ziel einer
hohen Praxisrelevanz sollten in einem Prozess der Definition entsprechender Kriterien
zur Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität nicht nur Fachexperten, Leistungserbringer
und Leistungsträger einbezogen werden, sondern auch Menschen mit psychischen Er-
krankungen und damit die Nutzer der Versorgungsleistungen; gegebenenfalls sind auch
die Angehörigen zu hören.
Im ambulanten und stationären medizinischen Bereich ist die Dokumentation überwie-
gend auf die Leistungsabrechnung und auf die gesetzlichen Anforderungen der jeweili-
gen stationären und ambulanten Leistungserbringer ausgerichtet. Es ist zu prüfen, in-
wieweit die Routinedaten aus diesem Bereich in einen Qualitätsmanagementprozess
einbezogen werden können.
Die Erhebung von Routinedaten im komplementären Bereich erfolgt im Freistaat Sach-
sen mit der "Basisdokumentation für die komplementäre psychiatrische Versorgung"
(BADO-K), die in nahezu allen Einrichtungstypen Anwendung findet. Die Finanzierung
erfolgt über das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz und
die Kommunen. Datenerhebung und -dokumentation erfolgen gegenwärtig noch auf frei-
williger Basis; es ist aber Ziel der Staatsregierung, mit den gesetzlichen Regelungen zur
Psychiatrieberichterstattung die Einrichtungen zukünftig zur Datenerhebung und -
dokumentation zu verpflichten und den Datensatz festzulegen, der zu einer bedarfsge-
rechten Planung und Strukturierung der Versorgungslandschaft, zur Implementierung
von Qualitätssicherungszyklen sowie zur wissenschaftlichen Begleitforschung herange-
zogen werden soll.

Landespsychiatrieplan
Maßnahmen zur Umsetzung
102 |
Im Rahmen der regionalen Berichterstattung erfolgt die Information der administrativen
Entscheidungsträger in den Landkreisen und Kreisfreien Städten. Es sollten Informatio-
nen zur strategischen Planung ebenso zur Verfügung gestellt werden wie Informationen
zu operativen Entscheidungen. Die Verantwortung für die Koordinierung dieser regiona-
len Berichterstattung obliegt den Psychiatriekoordinatoren. Für eine optimale Nutzung
der erfassten Daten sollen Art und Inhalt der Berichte zwischen den Psychiatriekoordina-
toren, den Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften und dem Sächsischen Staatsministe-
rium für Soziales und Verbraucherschutz abgestimmt werden und den Planungsbehör-
den auf Landesebene zur Verfügung stehen.
Es sollte die Möglichkeit bestehen, dass die Daten der Psychiatrieberichterstattung einer
zentralen Einrichtung zur psychiatrischen Versorgungsforschung zur Verfügung gestellt
werden, um spezifische Fragestellungen verfolgen zu können.
Im Bereich der Forensik ist mit der Elektronischen Patientenakte für den sächsischen
Maßregelvollzug (EPA-MRV) ein Dokumentationssystem entwickelt und implementiert
worden, das zukünftig routinemäßig Anwendung finden soll.
Die nach SächsPsychKG berufenen Besuchskommissionen überprüfen und berichten
über die Versorgungspraxis in Krankenhäusern und anderen stationären psychiatrischen
Einrichtungen; sie liefern damit wichtige qualitative Informationen zur Qualität der Ver-
sorgung, die systematisch zu nutzen sind.
Die nach SächsPsychKG bestellten Patientenfürsprecher prüfen Beschwerden der Pati-
enten in stationären Einrichtungen und fragen nach deren Wünschen und Anregungen;
auch die hier erhobenen qualitativen Informationen sollten verstärkt zu einer weiteren
Verbesserung der Versorgung genutzt werden.
Bestrebungen zur Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen werden unterstützt; sie
tragen ebenfalls zu einer Verbesserung der Versorgung bei.
13.4
Qualitätsverbesserung
Maßnahmen der Qualitätsverbesserung greifen auf die im Rahmen der Qualitätssicherung
erhobenen Daten und Auswertungen zurück, um zu einer Strukturverbesserung und Pro-
zessoptimierung und damit zu einer Verbesserung der Ergebnisqualität zu gelangen.
Ziel
Es ist sicherzustellen, dass die ausgewerteten Daten zur Qualitätsverbesserung an die
Institutionen der regionalen Ebene zurückfließen.

Landespsychiatrieplan
Literaturverzeichnis
| 103
Literaturverzeichnis
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Deutschland. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz,
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Kindern und Jugendlichen. erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheits-
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12. Alexander (1971). Psychosomatische Medizin. Grundlagen und Anwendungsgebiete.
Berlin: de Gruyter.

Landespsychiatrieplan
Glossar
104 |
Glossar
Ätiologie.
Medizinische Lehre von den Krankheits- bzw. Störungsursachen.
Disability adjusted life years (DALY).
Der Kennwert DALY wird berechnet als DALY = YLD
(„Years lost due to disability”) + YLL (“Years of Life lost”).
Mobiler gerontopsychiatrischer Dienst.
Ein mobiler gerontopsychiatrischer Dienst ist eine
Versorgungsform, die ermöglicht, auch in strukturschwachen Regionen eine große Zahl von
gerontopsychiatrischen Patienten zu erreichen. Die Leistungen umfassen Informationsver-
mittlung, umfassende Diagnostik, Beratung und Vermittlung von weiterführenden Interventio-
nen und Hilfen. Enge Kooperationen mit vor Ort niedergelassenen Ärzten und Ambulanzen
bilden die Voraussetzung für die Einrichtung eines mobilen Dienstes.
Pathogenese.
Prozess der Entstehung und Entwicklung einer physischen oder psychischen
Erkrankung, beschrieben werden typische Erkrankungsdauer und -form, Komplikationen
sowie vorübergehende oder bleibende Konsequenzen.
Prävalenz
.
Häufigkeit des Vorhandenseins einer psychischen Störung in einer definierten
Population zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über eine bestimmte Zeitspanne. Die
Prävalenzrate bezeichnet die Anzahl der jetzigen Fälle (z. B. Erkrankte an einer psychischen
Störung) in einer Population dividiert durch die Anzahl aller Mitglieder dieser Population, die
12-Monatsprävalenzrate die relative Anzahl der Personen innerhalb der untersuchten Popu-
lation, die innerhalb der letzten 12 Monate die untersuchte psychische Störung aufgewiesen
haben. Mit Lebenszeitprävalenz wird die Anzahl der Personen innerhalb der untersuchten
Population bezeichnet, die in ihrem Leben schon mindestens einmal die untersuchte Störung
aufgewiesen haben.
Störungen, psychische.
Der Landespsychiatrieplan spricht gelegentlich von „Menschen mit
psychischen Störungen“, spricht aber meist von „psychisch erkrankten Menschen“ oder
„psychischen Erkrankungen“. Dies bedeutet nicht, dass ein medizinisches Krankheitsmodell
vertreten wird und erfolgt allein aus sprachlichen Gründen. Es wird anerkannt, dass der
Nachweis eindeutiger kausaler ätiologischer und pathogenetischer Beziehungen in vielen
Bereichen aussteht und im Bereich psychischer Störungen daher meist generell auf den Be-
griff Krankheit zu verzichten ist.
Vulnerabilität.
Genetische oder erworbene Disposition oder Anfälligkeit, eine psychische
Störung zu entwickeln.
Years lost due to disability (YLD).
Der Kennwert YLD wird berechnet als YLD = Inzidenz in
einem definiertem Zeitraum X durchschnittliche Dauer der Störung bis zur Heilung oder bis
zum Tod X Gewichtungsfaktor zur Bewertung der Schwere der Erkrankung
Years of Life lost (YLL).
Der Kennwert YLL bezeichnet die Anzahl der durch vorzeitigen
Tod verlorenen Lebensjahre.

Landespsychiatrieplan
Anhang
| 105
Anhang

Landespsychiatrieplan
Anhang 1
106 |
Anhang 1
Sozialrechtliche Begrifflichkeiten und Grundlagen und deren Vernetzung
1
Netzwerkstrukturen
Netzwerkstrukturen stellen eine „Schlüsselposition“ innerhalb einer sozialräumlichen Ausrich-
tung, Vernetzung und Kooperation dar. Durch ihre Vielschichtigkeit dienen die Netzwerk-
strukturen als Bindeglied zwischen einer
nichtprofessionellen
und einer
professionellen
Unterstützungs- und/oder Behandlungs- bzw. Rehabilitationsleistung. Diese Leistungsange-
bote gelten als „niederschwellige Leistungen“, die innerhalb der gesamten Rehabilitation und
Teilhabebereiche wechselseitig bzw. ergänzend oder ablösend zur Anwendung kommen
können. Sie sind auf ein individuelles Handeln ausgerichtet und haben vorwiegend einen
Lebensweltbezug zu den einzelnen Individuen.
Soziale Netzwerkstrukturen werfen die Frage nach Ressourcen auf, über die die Menschen
verfügen und die ihnen für ihre Lebensführung bereit stehen stehen.
Verschiedene Angebote, wie z. B. Kontakt- und Beratungsstellen (PSKB), Treffs aller Alters-
gruppen, (Jugend)- Club, eine soziale Betreuung aber auch „Essen auf Rädern“ sowie die
unabdingbare Nachbarschaftshilfe sowie das Ehrenamt ergänzen somit die von der Kommu-
ne vorgehaltenen (Pflicht) Leistungsangeboten die innerhalb der Sozialgesetzgebung be-
nannt sind.
2
Rehabilitation
Die Rehabilitation stellt einen stetigen, multiprofessionellen, interdisziplinären, dialogischen
Prozess dar, in dessen Mittelpunkt der Klient/Leistungsberechtigte steht.
3
Nur dieser definiert
seine individuelle Lebensqualität und das zu erreichende Ziel. Der Rehabilitationsprozess
richtete sich dabei immer nach den Funktionsdiagnosen, untermauert von Organdiagnosen,
in Abhängigkeit von seiner bisher „durchlaufenen persönlichen Biografie“ aber auch von der
vorhandenen Belastbarkeit des Betroffenen/Leistungsberechtigten unter Einbeziehung der
persönlichen Wertvorstellungen und seines sozialen Umfeldes. Es zeigt sich, dass die Re-
habilitation für betroffene Menschen ein Zeichen der sozialen Entwicklung eines Staates und
des wertschätzenden Umganges mit seinen Bürgern ist.
4
1
Erstellt vom Kommunalen Sozialverband Sachsen
2
vgl.
http://www.eundc.de/pdf/07000.pdf,
Stand: 28.11.2010
3
vgl.
http://gamed.or.at/artikel/6/index.htm,
Stand vom 05.06.2010.
4
vgl.
http://www.bfz.de/c.php/wwwpubroot/Geschaeftsfelder/rehabilitation/rehabilitation/reha_medizin.rsys,
Stand vom
02.12.2009.

Landespsychiatrieplan
Anhang 1
| 107
Behinderung als Komplementärbegriff zur Rehabilitation
Eine Behinderung ist in der Regel die Folge einer Schädigung durch Unfall, Erkrankung oder
anderer Ereignisse, eines Mangels oder eines Defektes, z. B. einer frühkindlichen Hirnschä-
digung, einer angeborenen Organ- oder Gliedmaßenfehlbildung oder eines Ausfalls im Be-
reich der Sinnesorgane.
Eine Behinderung ist nicht als statischer Sachverhalt zu werten. Dies kann plötzlich und un-
verhofft, aber auch nach langem Missbrauch von Drogen, Medikamenten und Alkohol auftre-
ten. Sie kann aber ebenso durch medizinische Behandlung, durch umfangreiche Rehabilita-
tionsmaßnahmen aber auch durch Versorgung mit Hilfsmitteln behoben oder ausgeglichen
werden.
5
Nicht jede längere oder schwere Erkrankung führt automatisch zu einer Einstufung als Be-
hinderung. Sofern eine schwere Erkrankung noch vor Ablauf von sechs Monaten ohne blei-
bende Schäden ausgeheilt ist, liegt keine Behinderung vor. Von einer Behinderung als Fol-
geleiden eines durchlaufenen Krankheitsprozesses spricht man jedoch, wenn nach Ablauf
von sechs Monaten ein dauernder Defektzustand zurückgeblieben ist. Die Abgrenzung kann
allerdings nicht so starr gezogen werden, wie etwa bei allen angeborenen Behinderungen.
6
Zu den wesentlichen Aufgaben von Medizin, Rehabilitation, Heil- und Sonderpädagogik und
Sozialhilfeleistungen gehört es, eingetretene Beeinträchtigungen rechtzeitig zu erkennen und
durch gezielte prophylaktische Maßnahmen zu verhindern, dass als Folge der eingetretenen
Beeinträchtigung eine Behinderung entsteht.
Jedoch sind die Grenzen zwischen nichtbehindert und behindert fließend. Jeder Mensch ist
einzigartig, jeder verschieden.
7
Das Sozialgesetzbuch Neuntes Buch -Rehabilitation und
Teilhabe behinderter Menschen (SGB IX)- definiert den Begriff der Behinderung als Aus-
gangspunkt für die Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen (§ 2 Abs. 1 SGB IX).
Menschen sind nach diesem Gesetz behindert, wenn ihre geistige Fähigkeit, körperliche
Funktion oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate
von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben
in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Dabei ist es unerheblich, ob die Behinderung angebo-
ren, durch einen Unfall, eine Erkrankung oder ein anderes Ereignis, wie zum Beispiel einer
chronischen Alkoholabhängigkeit, eingetreten ist.
Im Sinne der o. g. Ausführung ist der Verlust oder die Beeinträchtigung von normalerweise in
dieser Altersgruppe vorhandenen körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder seeli-
scher Gesundheit als untypischer Zustand für das jeweilige Lebensalter zu verstehen.
8
5
vgl.
http://.behinderung.org.definit.htm,
Stand vom 05.12.2009.
6
vgl.
http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_lexikon.php,
Stand vom 05.06.2010.
7
vgl.
http://www.behinderung.org/definit.htm,
Stand vom 05.12.2009.
8
vgl.
http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_lexikon.php,
Stand vom 25.11.2009.

Landespsychiatrieplan
Anhang 1
108 |
Der Begriff der Behinderung im Sozial- und Rehabilitationsrecht orientierte sich bisher an
den wirklichen oder vermeintlichen Defiziten körperlicher, intellektueller und psychischer Art
und findet seine Anwendung in den verschiedenen Sozialgesetzgebungen.
Unter den unterschiedlichen fachspezifischen Betrachtungsweisen der einzelnen Regelzu-
sammenhänge und der unterschiedlichen Sozialleistungsansprüche wird jedoch der Begriff
nicht einheitlich verstanden.
In einigen ausgewählten Sozialgesetzgebungen gestaltet sich dies wie folgt:
So wird im allgemeinen Teil des Sozialgesetzbuches (§ 10 SGB I) dies als allgemeine Ziel-
setzung der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen aufgegriffen und als ein
soziales Recht i. S. einer notwendigen Hilfe für eine Besserung ihrer Situation formuliert,
ohne dass aus dieser Rechtsnorm eine unmittelbare Anspruchsvoraussetzung abzuleiten ist.
Innerhalb des Sozialhilferechts (§ 53 SGB XII) in Verbindung mit der Eingliederungshilfever-
ordnung (EHVO) ist der Begriff der Behinderung i. S. d. § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX eingebun-
den. Für die Eingliederungshilfe muss darüber hinaus das Kriterium der Wesentlichkeit (we-
sentlich behindert) vorliegen.
Im Recht der Arbeitsförderung (SGB III) gemäß § 19 wird ebenfalls der § 2 SGB IX aufgegrif-
fen, nimmt aber erweiternd Bezug auf die Teilhabefähigkeit am Arbeitsleben. Im Gegensatz
zum SGB XII ist hier der Personenkreis der Lernbehinderten ausdrücklich mit einbezogen.
Das Recht der Rentenversicherung (SGB VI) enthält keine spezielle Vorschrift bezüglich
einer Definition des Behinderungsbegriffes. Der § 10 SGB VI verweist aber auf die persönli-
chen Voraussetzungen für einen Leistungsanspruch, so dass die Zugangsvoraussetzungen
auf Anspruch einer Teilhabeleistung durch das Merkmal der Erwerbsfähigkeit ergänzt wird.
Zur Vollständigkeit soll noch darauf verwiesen werden, dass auch im Recht der Pflegeversi-
cherung (§ 14 SGB XI), im Recht der Kinder- und Jugendhilfe (§ 35 a Abs. 1a Satz 2 SGB
VIIII) sowie im Recht zur Krankenversicherung (§ 10 Abs. 2 Nr. 4 SGB V) und im Recht der
Unfallversicherung (§ 2 Abs. 1 Nr. 4 SGB VII) unterschiedliche fachspezifische Sichtweisen
zur Begrifflichkeit der Behinderung verankert sind.
9
Darüber hinaus knüpfen noch landesrechtliche Regelungen zum Schulrecht in verschiedener
Art und Weise z. B. das Ruhen der Schulpflicht an den Terminus der Behinderung an.
Die neu definierte Begriffsbestimmung im SGB IX § 2 Abs. 1 Satz 1 setzt somit weitere Prio-
ritäten. Es tritt nunmehr das Ziel der Teilhabe an den verschiedenen Lebensbereichen in den
Vordergrund. Maßgeblich sind nicht die Schädigung bzw. Beeinträchtigung selbst, sondern
die unmittelbaren Auswirkungen in einen oder mehreren Lebensbereichen, die eine Teilha-
befähigkeit einschränken.
10
9
vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft: Der Behinderungsbegriff nach SGB IX und SGB XII, dessen Umsetzung in der Sozialhilfe,
10
vgl.
http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_lexikon.php,
Stand vom 25.06.2010.

Landespsychiatrieplan
Anhang 1
| 109
Allgemeine Grundsätze für Leistungen zur Rehabilitation und Teilhabe
Der Rehabilitationsprozess wird als gelungene (Wieder-) Eingliederung sowohl als soziale,
medizinische oder berufliche Rehabilitation wesentlich von der Gesamtbiografie, der derzei-
tigen Motivation der einzelnen Klienten/Leistungsberechtigten und vor allem vom Engage-
ment des zuständigen Fallbearbeiters geprägt.
11
In diesem Prozess nimmt die Rehabilitationsdiagnose als eine medizinisch begründete
Wahrscheinlichkeitsvorhersage für den Erfolg auf Leistungen zur Teilhabe keine unwesentli-
che Rolle ein. Der Fokus ist dabei auf die Basis der Erkrankung bzw. Beeinträchtigung, den
bisherigen Verlauf, das vorhandene Kompensationspotential unter Beachtung und Förderung
individueller Ressourcen, über die Erreichbarkeit eines festgelegten Teilhabeziels durch eine
geeignete Leistung zur Teilhabe sowie einen notwendigen Zeitrahmen, individuell anpass-
bar, gerichtet.
Dabei lässt sich der Rehabilitationserfolg insbesondere danach beurteilen, wie jemand arbei-
tet, häusliche und familiäre Verantwortung übernimmt sowie seine Freizeit sinnvoll nutzt, um
somit Zufriedenheit mit seinem Leben zu erreichen.
12
Die Zielsetzung der Leistung zur Rehabilitation und Teilhabe ist wiederum darauf ausgerich-
tet, eine gesundheitlich bedingte Gefährdung oder Beeinträchtigung von Selbstbestimmung
und Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu beheben oder zu reduzieren
13
. Die Hilfen sol-
len dazu beitragen, die vorhandenen (Rest-) Ressourcen optimal zu nutzen, beeinträchtigte
Fähigkeiten wieder oder kompensatorische Fertigkeiten neu zu entwickeln bzw. sich fehlen-
de Fähigkeiten anzueignen (Handlungsstrategien) sowie soziale Beeinträchtigungen auszu-
gleichen.
Die Rehabilitation bedient sich dabei innerhalb ihrer Handlungsmaxime der Instrumente der
medizinischen Behandlungsmaßnahmen, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer
Methoden, sozialer Beratung sowie der Einleitung sozialer Hilfemaßnahmen.
14
Anwendung des ICF innerhalb der sozialen Rehabilitation
Die allgemeine Zielsetzung einer Internationalen Klassifizierung der Funktionsfähigkeit, Be-
hinderung und Gesundheit (ICF) liegt darin begründet, dass in einer einheitlichen standardi-
sierten Form zur Beschreibung von Gesundheitsproblemen und mit der Gesundheit zusam-
menhängenden Komponenten von Wohlbefinden und Teilhabefähigkeit agiert wird. Innerhalb
der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, 10 Revision (ICD-10) werden lediglich die
11
vgl.
http://service.dkf.de/reha/rehabuch/text/rehaphas.hat,
Stand vom 02.12.2009.
12
vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.
13
vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.
14
vgl. vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.

Landespsychiatrieplan
Anhang 1
110 |
Gesundheitsprobleme (Krankheiten, Verletzungen, Gesundheitsstörungen usw.), die einen
ätiologischen Rahmen bilden, klassifiziert.
15
Für eine konkrete Bedarfsbestimmung innerhalb der Rehabilitation sind Aussagen und An-
gaben erforderlich, die eine detaillierte Beschreibung der funktionalen Gesundheit voraus-
setzen. Die Krankheitsdiagnosen und Krankheitssymptome beschreiben nicht alleinig das
Ausmaß der Teilhabebeeinträchtigung, die als Folge eines Gesundheitsproblems entstehen
können. Beide Klassifizierungen sollten sich ergänzen, d. h. sowohl in Kausalität betrachtet
als auch im Kontext angewendet werden.
16
„Zwei Personen mit derselben Krankheit können ein unterschiedliches Niveau der Funktions-
fähigkeit aufweisen und zwei Personen mit gleichem Niveau der Funktionsfähigkeit haben
nicht notwendigerweise das gleiche Gesundheitsproblem. Die gemeinsame Verwendung
erhöht daher die Datenqualität für medizinische Zwecke.“
17
Von Bedeutung für die Auswahl der im Einzelfall notwendigen Behandlungs- und Interventi-
onsprogramme sind neben der (Grund-) Erkrankung/ Behinderung, Art und Ausmaß der
Funktionsstörungen auch die Beeinträchtigungen innerhalb der Aktivitäten und der Teilhabe
als Folge eines Krankheitsprozesses im Kontext vor dem Lebenshintergrund (Kontextfakto-
ren) des betroffenen Menschen (finale Orientierung).
18
Der Schwerpunkt der ICF ist auf eine ganzheitlich und lebensweltlich orientierte Wahrneh-
mung von Gesundheitsproblemen des Menschen ausgerichtet, die sowohl die ausgewiese-
nen Störungen und Teilhabeeinschränkungen, aber auch die vorhandenen Ressourcen in
den verschiedenen Domänen funktionaler Gesundheit konkret einbinden. Dabei stellt eine
Behinderung im Sinne der ICF eine negative Wechselwirkung zwischen dem Gesundheits-
problem und den Kontextfaktoren dar. Er ist weiter gefasst als der Behinderungsbegriff ge-
mäß SGB IX, welcher sich vor allem auf eine gesundheitlich bedingte, drohende oder mani-
feste Beeinträchtigung der Teilhabe bezieht.
19
Die Rehabilitation ist darauf ausgerichtet, dem betroffenen Personenkreis, der durch Krank-
heit und Behinderung bedingt bestimmten Einschränkungen unterliegt, aktiv zu begegnen
und diesen Menschen möglichst ein eigenständiges Leben trotz Behinderung zu ermögli-
chen. Als notwendig erscheint dabei, dass auch die individuell relevanten Kontextfaktoren
Berücksichtigung finden. Diese stellen den gesamten Lebenshintergrund einer Person dar,
d. h. alle personen- und umweltbezogenen Faktoren, die direkt oder indirekt Einfluss auf die
Gesundheit einer Person nehmen können. Zu den personenbezogenen Faktoren gehören
Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf, Erfahrungen, Persönlichkeit, Lebensstil, Gewohnheiten
15
vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,
Behinderung und Gesundheit,
16
vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft: a.a.O.,
17
vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: a.a.O.
18
vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.
19
vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,
Behinderung und Gesundheit,

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Anhang 1
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aber auch Gesundheitsprobleme. Unter umweltbezogenen Faktoren lässt sich alles, was
sich auf die materielle, soziale und einstellungsbezogene Lebenswelt des betroffenen Men-
schen bezieht, einordnen. Die Kontextfaktoren können im Gesamtkomplex sowohl fördernd,
also positiv, oder hemmend bzw. als Barrieren, also negativ, Einfluss nehmen.
20
Beide Begriffe stellen Oberbegriffe dar und beziehen sich direkt auf Körperfunktionen und
-strukturen, auf Aktivitäten (Durchführung von Aufgaben oder Handlungen) und auf die Teil-
habesituation (Einbezogensein in eine bestimmte Lebenssituation).
Behandlungs- und Rehabilitationsphasen im erweiterten Sinne
Innerhalb der Medizin wird zwischen den drei Säulen, einer vorbeugenden (präventiven),
einer wiederherstellenden/wiedereingliedernden (rehabilitativen) und einer lindernden (pallia-
tiven) Maßnahme, unterschieden.
21
Chronisch psychisch kranke Menschen (cpkM) weisen ein breites Spektrum an organischen,
physischen und sozialen Störungen sowie Folgeproblemen auf, so dass die gesamten Maß-
nahmen gleichzeitig auf die somatische, psychische und soziale Problemlage innerhalb ei-
nes Behandlungs- und Rehabilitationsablaufes ausgerichtet sein müssen. Dabei werden die
Schwerpunkte, die Therapieziele und den Verlauf des Rehabilitationsprozesses, sowie je-
weils individuell auf die Bedürfnisse und Besonderheiten des Rehabilitanden abgestimmt.
22
Nach einer Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit können die Maßnahmen der beruflichen
Rehabilitation eingebunden werden. Die soziale Rehabilitation greift immer dann, wenn keine
Erfolgsaussichten innerhalb der medizinischen und beruflichen Rehabilitation bestehen bzw.
können diese als ergänzende Maßnahme, sofern eine Teilhabe am Leben in der Gemein-
schaft parallel dazu angezeigt wird, tangieren. Ein Wechsel zwischen den einzelnen Leis-
tungsträgern während des Rehabilitationsverlaufes in Form einer Kombination innerhalb der
Therapien und Behandlungen oder als ablösende Maßnahmen ist für eine gelingende Reha-
bilitation unabdingbar.
Wie konkret sich die einzelnen Behandlungs- und Rehabilitationsphasen der medizinischen,
beruflichen und sozialen Rehabilitation untereinander verknüpfen lassen, wird im Anhang,
schematisch dargestellt. An Hand dieser Darstellung lässt sich entnehmen, dass die einzel-
nen Phasen keine starre Richtung einnehmen, sondern immer geprägt sind von den indivi-
duellen Fortschritten aber auch Rückschritten innerhalb der Gesamtrehabilitation des Einzel-
nen.
Als wesentliche Grundlage für die Verknüpfung unterschiedlicher Leistungen dient eine früh-
zeitige Erstellung eines Teilhabeplanes (vergl. hierzu §§ 10 -13 SGB IX sowie die jeweiligen
Empfehlungen der BAR). Dabei werden die Teilhabeleistungen und soziale Rehabilitation
20
vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.
21
vgl.
www.a-zieger.de/Dateien/Vortraege/FolienBerlinIMEW2005,
Stand vom 08.02.2010.
22
vgl. Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: a.a.O.

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Anhang 1
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durch die Erstellung eines Gesamtplanes nach § 58 SGB XII ergänzt, so dass eine einheitli-
che und trägerübergreifende Hilfe bzw. Unterstützung für die betroffene Person gesichert
werden kann.

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Anhang 1 - Quellenangabe
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Quellenangabe:
Mühlum, Albert/Gödecker-Geenen, Norbert:
Soziale Arbeit in der Rehabilitation.
UTB Verlag, Stuttgart 2003.
Naidoo, Jennie/Willes, Jane:
Ansätze und Modelle der Gesundheitsförderung, In:
Lehrbuch der Gesundheitsförderung. Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung, Gamburg Verlag für
Gesundheitsförderung, Köln 2003.
Rudolf, A. E. Gerhard:
Psychiatrische Therapie, 4., neubearbeitete und er-
weiterte Auflage, Urban & Fischer Verlag, Mün-
chen/Jena 2000.
Schaenlzer, Nicole/ Riker, Ulf:
Medizinische Fachbegriffe, Gräfe und Unzer Verlag
GmbH, München 2006.
Schwarzer, Wolfgang:
Schwarzer, Wolfgang (Hrsg.) Lehrbuch der Sozial-
medizin für Sozialarbeit, Sozial- und Heilpädagogik.
2., verbesserte Auflage, Löer Druck GmbH, Dortmund
1998.
Trojan, Alf/Legewie, Heiner:
Nachhaltige Gesundheit und Gesundheitsförderung
Frankfurt/M. 2001.
Varchim, Reinhard:
Problemfelder der Sozialarbeit. Gesellschaft für Bera-
tung und Beschäftigung mbH, Berlin 1995.
Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemein-
schaft für Rehabilitation:
Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe von
Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, Ausgabe
2006, Heft 12.
Mühler, Kurt:
Arbeitspapiere 3, November 1999.
Franzkowiak, P./Kuhn, A.:
Soziale Arbeit und Gesundheit, In: basa-online-modul
O15 PDF – Text – Download, 2008.
Bundesarbeitsgemeinschaft:
Der Behinderungsbegriff nach SGB IX und SGB XII,
dessen Umsetzung in der Sozialhilfe.
Orientierungshilfe für die Feststellung der Träger der
Sozialhilfe, zur Ermittlung der Leistungsvorausset-
zungen nach dem SBG XII i.V.m. der Eingliederungs-
hilfe-Verordnung (EHVO), Stand: 2009.
Deutsches Institut für Medizinische Doku-
mentation
Information:
Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,
Behinderung und Gesundheit, World Health
Organization, Genf, Stand Oktober 2005.
Diakonie:
Funktionale Gesundheit. Gesundheit und Behinde-
rung Im neuen Klassifikationssystem der Welt-
gesundheitsorganisation (ICF), Workshop des Diako-
nischen Werkes der Evangelischen Kirche in
Deutschland, Berlin, 29. und 30. September 2005.
Deutscher Renten- Versicherungsbund:
Rahmenkonzept zur medizinischen Rehabilitation in
der gesetzlichen Rentenversicherung, 1. Auflage,
Berlin 2007.
Heinze, Doris
Bachelorarbeit: „Alternativangebot für chronisch
mehrfachgeschädigte Alkoholabhängige in Sachsen
im Kontext ethischer Aspekte“ 02/2008

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Anhang 1 - Grafik
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Anhang 2 - Übersichtskarten
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Anhang 2
Übersichtskarten

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Anhang 2 - Übersichtskarten
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Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz
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Ausschnitt eines Bildes von Petra Plafki, † 13.04.2001, Künstlerin der durch blick galerie