Stellungnahme
Die zweite Erhebung des
Beirats
Sachsen-Monitors
zum Sachsen-Monitor
zu Einstellungen im
2017
Blick auf Demokratie,
Gesellschaft und menschenfeindliche Haltungen in Sachsen ermöglicht einen Vergleich
zu den Ergebnissen von 2016.
Dies sind die zentralen Erkenntnisse:
Die Demokratiezufriedenheit und das Vertrauen in die Institutionen sind deutlich
gestiegen. Die Bedrohung durch anti-demokratische Bewegungen scheint die posi-
tive Identifikation mit der politischen Ordnung in der Mitte der Gesellschaft eher zu
stärken.
Dennoch ist die Kritik an einzelnen Aspekten der Demokratie, an der Politik und
den Parteien weiter enorm hoch. Insgesamt scheint die Politisierung durch die
Flüchtlingssituation leicht zurückgegangen zu sein.
Die Zustimmung zu extrem rechtem, gruppenbezogen menschenfeindlichem und
rassistischem Gedankengut ist trotz eines leichten Rückgangs gegenüber 2016 wei-
terhin sehr hoch. Die Daten bestätigen: Sachsen hat ein Problem mit rechtsextre-
mem Denken.
Die Zustimmung zu besonders harten Aussagen gruppenbezogener Menschenfeind-
lichkeit und extrem rechten Denkens ist stabil geblieben.
Die Daten zur Nachwendegeneration der 18 bis 29-Jährigen geben Rätsel auf: Die
Befragungsergebnisse dieser Altersgruppe haben sich dem Niveau der sächsischen
Durchschnittsbevölkerung angeglichen. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich auch,
dass als Antwort auf Aussagen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit die
Angabe „weiß nicht“ massiv zugenommen hat.
Die Daten zeigen sehr deutlich, dass die Ablehnung von Minderheiten in wesentli-
chen Teilen eine Projektion darstellt, und dass sie in hohem Maße mit dem Gefühl
der Benachteiligung und der (sozio-ökonomischen) Ungerechtigkeit verbunden ist.
In einigen sozialen Gruppen wie in der unteren Mittelschicht oder bei den Arbei-
tern ist die Vision eines Aufstiegs und des Gefühls von Chancengleichheit deutlich
geschwunden bzw. schwach ausgeprägt. Die Angst vor Altersarmut ist signifikant
gestiegen.
Bei Menschen mit niedrigeren oder keinen Schulabschlüssen besteht in hohem Ma-
ße das Gefühl, keine angemessene Anerkennung für die eigenen Leistungen zu er-
halten.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich unter den Befragten die Kluft zwischen „Zufrie-
denheit“ und „Sorgen“ vertieft hat, insbesondere in der unteren Mittelschicht.
Die These, dass Ungerechtigkeiten und Kränkungen der Nachwendezeit und einer
als unvollständig wahrgenommenen Einheit ein Grund für die besondere Lage in
Sachsen sind, wird anhand der Ergebnisse des Sachsen-Monitors deutlich unter-
stützt.

2
Konsequenzen, Empfehlungen und Hinweise des Beirats
a) Der Beirat fordert weiterhin die qualitative und quantitative Verbesserung der politi-
schen Bildung in Sachsen unter anderem in Regelstrukturen wie der Schule, und zwar in
allen Schultypen. Insbesondere soll eine demokratische Streitkultur etabliert werden.
b) Der Beirat fordert die Landespolitik auf, soziale Desintegrationsprozesse aufzudecken
und zu diskutieren, um dann geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Die Ergebnisse
zeigen deutlich, dass in der Bevölkerung das Bedürfnis besteht, soziale Ungleichheiten
abzubauen und Zukunftschancen für alle zu ermöglichen. Ebenso ist zu fragen, wie die
Durchsetzung der Rechte Einzelner unterstützt werden kann. Die Glaubwürdigkeit der
demokratischen Ordnung zeigt sich an diesen Themen. Hierzu werden weiterführende
Untersuchungen notwendig sein.
c) Der Beirat ist weiterhin der Auffassung, dass das Phänomen Rechtsextremismus in
Sachsen ein großes Problem darstellt. Insofern müssen bisherige Maßnahmen kritisch
analysiert werden.
d) Der Beirat empfiehlt, in Schulen und in Organisationen des vorpolitischen Raums die
Bereitschaft zu fördern, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen und sich der
Diskussion zu stellen, um „Blasen“ und „Echoräume“ aufzubrechen. Einübung von de-
mokratischem Verhalten, das Aushalten anderer Meinungen sowie eine gewaltfreie öf-
fentliche Sphäre (inklusive Cyberspace) sollten unterstützt werden.
e) Der Beirat empfiehlt, die Einstellungen der Bürgerinnen und Bürgern gegenüber
Verwaltung und Gerichten stärker in den Blick zu nehmen.
f) Der Beirat regt an, über intergenerationelle Projekte nachzudenken, um die Auseinan-
dersetzung in Gesellschaft und Familien mit der DDR neu zu beleben. Die These, dass
Ungerechtigkeiten und Kränkungen der Nachwendezeit und der als unvollständig emp-
fundenen Einheit ein Grund für die besondere Lage in Sachsen sind, wird anhand der
Ergebnisse deutlich unterstützt.
g) Der Beirat sieht es als wichtig an, vertiefte wissenschaftliche Analysen der Rohdaten
des Sachsen-Monitors anzustoßen.
h) Der Beirat empfiehlt, das Sample der Umfrage zu vergrößern, um Veränderungen in
den Einstellungen sinnvoll erfassen zu können und die Repräsentativität nicht nur be-
züglich Geschlecht und Alter zu gewährleisten, sondern auch bezüglich der Lebenslagen.

3
Zu den Ergebnissen des Sachsen-Monitors 2017.
Vom Beirat wurden folgende Erkenntnisse besonders hervorgehoben:
(Weil innerhalb der repräsentativen Daten eine Fehlertoleranz von -/+3 Prozentpunkten
besteht, werden nur Veränderungen hervorgehoben, welche außerhalb dieser Fehlertole-
ranz liegen.)
a) Die Zustimmung zu extrem rechtem, gruppenbezogen menschenfeindlichem
und rassistischem Gedankengut ist trotz leichten Rückgangs weiter alarmierend.
Einen Forschungsschwerpunkt des Sachsen-Monitors bildet die Messung menschen-
feindlicher Einstellungen und Ressentiments in Anlehnung an das Forschungskonzept
der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“.
Sachsen zeigt sich weiterhin als gespaltenes Land.
Der Vergleich der Zahlen von
2016 und 2017 zeigt, dass die Zustimmung zu extrem rechtem Denken und gruppenbe-
zogener Menschenfeindlichkeit bei vielen Einzelfragen leicht zurückgegangen ist, zu-
meist jedoch innerhalb der Fehlertoleranz von +/- 3 Prozentpunkten. Wie 2016 zeigt
zwar die Mehrheit der Bevölkerung insgesamt keine harten gruppenbezogen menschen-
feindlichen Einstellungen.
In einzelnen Fragesegmenten sind die Antworten jedoch
weiter beunruhigend hoch:
40 Prozent haben hohe und mittlere gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellun-
gen.
11 Prozent weisen einen hohen Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf.
15 Prozent (-3) der Sachsen sagen, die Deutschen seien „anderen Völkern von Natur aus
überlegen“. Genau so viele stimmen der Aussage voll zu, die Bundesrepublik sei durch
die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet (ebenfalls -3). Die Zahlen
sind dabei im ländlichen Raum, aber auch in mittelgroßen Städten besonders stark.
Auffällig sind Ressentiments gegenüber Muslimen:
62 Prozent (-7) sagen, hier lebende Muslime akzeptieren unsere Werte nicht.
38 Prozent (-1) sagen, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt
werden.
Deutlich wird an dieser Stelle:
Die Zustimmung zum „weicheren“ Ressentiment
gegenüber Muslimen sinkt mit minus 7 Prozentpunkten deutlich, die „harte“ Aus-
sage bleibt faktisch gleich.
Ähnliches zeigt sich bei den Fragen zum Antisemitismus:
Während die Zustimmung zur „harten“ Aussage gegenüber Juden („Die Juden haben ein-
fach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“)
zwar leicht (-3) aber innerhalb der Fehlertoleranz zurückging, ging die Zustimmung zur
„weichen“ Aussage („Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während
der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind“) stark um 8 Prozentpunkte zurück.

4
Betrachtet man nur die besonders harten bzw. weitgehenden Ressentiments, so
zeigt sich, dass der harte rechte Kern eher stabil hoch bleibt.
So ist die Zustimmung
zur Aussage, die Verbrechen des Nationalsozialismus würden in der Geschichtsschrei-
bung übertrieben, zwar signifikant zurückgegangen (14 Prozent; 2016: 18 Prozent),
dennoch ist die Zahl weiterhin sehr hoch. Zudem hat in der Altersgruppe der 18 bis 29-
Jährigen die Antwort „weiß nicht“ in Bezug auf diese Aussage deutlich zugenommen.
Die Zustimmung zu der Aussage
,„Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und
energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland“
ist um 9 Pro-
zentpunkte stark gestiegen –
wobei hier auch die Interpretation
möglich ist, dass
damit die Gegenwehr gegen Trump oder Erdogan
gemeint sein kann – also eher die
Gegenwehr gegen nationalistische Bestrebungen im Ausland.
Auch
homophobe Aussagen
(„eine sexuelle Beziehung zwischen Personen desselben
Geschlechts ist unnatürlich“) sind signifikant (+4) gestiegen.
Weiterhin stimmen 56 Prozent (-2) der Sachsen der Aussage eher oder voll zu,
Deutschland sei in einem gefährlichen Maß überfremdet
, und dass, obwohl, wie
2016, nur eine klare Minderheit von 15 Prozent (-2) sagt, ihre „persönliche Wohnumge-
bung“ sei überfremdet.
Dabei sticht eine Zahl heraus: Unter jenen, die sich der „Unterschicht“ zuordnen, stim-
men dieser Aussage 37 Prozent zu – mehr als die Befragten mit einem hohen Grad an
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Mit 41 Prozent geben aus der Gruppe der
„Unterschicht“ auch überproportional viele an, häufig oder manchmal Kontakte mit
„Ausländern“ in der Nachbarschaft zu haben (insgesamt: 30 Prozent).
Hier scheint sich
niederzuschlagen, dass in vielen Städten Geflüchtete in Stadtteilen mit ohnehin
schon großen sozio-ökonomischen Problemen untergebracht wurden.
Mit einer
neuen Frage
wurde im Sachsen-Monitor abgefragt,
welchen Kontakt die Be-
fragten mit ausländischen Mitbürgern haben
: Nur 17 Prozent der Sachsen mit einem
hohen Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben häufig oder manchmal
Kontakt zu Ausländern am Arbeitsplatz, nur 9 bzw. 8 Prozent im Freundeskreis oder in
der Familie.
Die Zahlen belegen deutlich, dass Befragte, die mehr Kontakte zu Aus-
ländern haben, weniger menschenfeindlich eingestellt sind.
Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass bei manchen die mediale Berichterstattung, vor-
handene Vorurteile und Unwissenheit zusammenspielen. Hier zeigt sich, dass Minder-
heiten als Projektionsfläche genutzt werden können.
Es bleibt dabei, dass der Bildungsgrad eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Ein-
stellungen spielt.
Sachsen mit Hauptschul- und ohne Abschluss stimmen mit 75 Pro-
zent (-1), davon „eher“ 45 und „voll“ 30 Prozent, der Aussage zu, „die Bundesrepublik ist
durch Ausländer im besonderem Maße überfremdet“. Bei den Sachsen mit Realschulab-
schluss sind es 64 Prozent (-2), mit Abitur 36 Prozent (-1) und mit Hochschulabschluss
30 Prozent (-3).
Phänomene der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit finden
sich gleichwohl in allen sozialen Schichten der Bevölkerung.

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b) Ungerechtigkeits- und Benachteiligungsgefühle stärken deutlich die Artikulati-
on von Ressentiments
Die dargestellten Phänomene der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hängen
stark mit dem Gefühl zusammen,
dass es ungerecht zugeht
. Die Sachsen mit wenig
gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen haben nur zu 18 Prozent Abstiegs-
sorgen, bei Befragten mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen
nennen solche Sorgen 38 Prozent (in Bezug auf die eigenen Kinder 46 Prozent).
79 Pro-
zent (+3) dieser Gruppe sagen auch, dass sich Langzeitarbeitslose auf Kosten an-
derer ein schönes Leben machen; es scheint sich also nicht nur um ein Problem
mit „Fremden“ zu handeln.
Über zwei Drittel der Gruppe mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstel-
lungen empfinden Deutschland als eher oder sehr ungerecht; im sächsischen Durch-
schnitt sagt dies die Hälfte (48 Prozent).
In den Sachsen-Monitor 2017 neu aufgenommene Fragen zeigen zudem, dass die
Einstellungen mit einem Gefühl der Benachteiligung („Deprivation“) zusammen-
hängen
. Bei diesem Fragenkomplex ergab sich folgender Befund:
„Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben“, glauben
49 Prozent der
Sachsen, einen „gerechten Anteil“
oder
mehr als ihren gerechten Anteil zu erhal-
ten.
Unter den Sachsen
mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstel-
lungen glauben dies nur 27 Prozent
und damit 22 Prozentpunkte weniger als im
Durchschnitt und sogar 30 weniger als die Sachsen mit wenigen Ressentiments.
Auch bei den Sachsen
mit einem niedrigen Grad der Demokratiezufriedenheit
ist
das Gefühl, einen gerechten Anteil zu bekommen,
um 20 Prozentpunkte schwä-
cher.
Interessanterweise ist die Einschätzung, dass es den Sachsen im Vergleich zu den hier
lebenden Ausländern eher oder viel schlechter gehen würde, bei Sachsen mit Haupt-
schul- bzw. ohne Abschluss deutlich um 9 Prozentpunkte zurückgegangen.
Das Gefühl,
die Ausländer würden bevorteilt, scheint kleiner geworden zu sein.
Selbst bei Sach-
sen mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen glauben nur noch
30 Prozent (-20!), dass es den in Sachsen lebenden Ausländern besser geht als den Deut-
schen.
Es scheint stärker ein allgemeines Gefühl bestimmter Gruppen zu sein, selbst für
ihre Leistung zu wenig Anerkennung zu bekommen – Geflüchtete scheinen derart
eine Projektionsfläche zu sein.
Dies zeigt sich auch an den
Ergebnissen zur neu ge-
stellten Frage, „Sollte lieber mehr Geld für die deutsche Einheit als für die Integra-
tion von Ausländern ausgegeben werden?“:
71 Prozent der Sachsen mit Hauptschul-
bzw. ohne Abschluss, 68 Prozent mit Realschulabschluss stimmen dieser Aussage voll
oder eher zu, aber nur 39 Prozent der Sachsen mit Hochschulabschluss.
Insgesamt liegt

6
die Zustimmung zur Aussage, es „sollte lieber mehr Geld für die deutsche Einheit
als für die Integration von Ausländern ausgegeben werden“, bei 58 Prozent
.
70 Prozent aller Sachsen mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Ein-
stellungen sagen, „die Ostdeutschen seien in Deutschland Bürger zweiter Klasse“.
Insgesamt stimmen dieser Aussage immerhin 44 Prozent zu
, bei Sachsen mit nied-
rigen gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen sind es nur 30 Prozent.
Der Grad an gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen hängt zudem stark
von Zukunftsängsten ab
. Auch wenn Sachsen mit Hauptschulabschluss, ohne Ab-
schluss oder mit Realschulabschluss die Zukunft Sachsens bzw. der wirtschaftlichen La-
ge des Freistaats und sogar ihre eigene wirtschaftliche Situation ähnlich positiv bewer-
ten wie Menschen mit formal höheren Bildungsabschlüssen, machen sie sich eher große
oder sehr große Sorgen, dass es kommenden Generationen schlechter gehen wird als
heute.
c) Das Vertrauen gegenüber „der“ Politik und der demokratischen Ordnung ist
deutlich gestiegen – das Misstrauen ist aber weiter hoch.
Die Erhebung zeigt fast überall eine allgemein stärkere positive Zuwendung zur
Demokratie und den Institutionen.
92 Prozent der Sachsen (+9) halten die Demokra-
tie für eine gute Regierungsform. Ebenfalls 9 Prozentpunkte mehr sind sehr zufrieden
oder eher zufrieden damit, wie die Demokratie in Deutschland in der Praxis funktioniert
(60 Prozent). Und auch in Bezug auf die Praxis der Demokratie in Sachsen ist die Zufrie-
denheit gestiegen (+7).
In ähnlicher Weise ist die Zustimmung zu politischen Institutionen gestiegen, vor allem
gegenüber dem Bundestag und der Bundesregierung (jeweils +7), vor allem aber zu den
europäischen Institutionen (+9). Gerade letzteres stärkt die Vermutung, dass die
Be-
drohung durch anti-demokratische Bewegungen die Unterstützung für demokra-
tische Institutionen in der Mitte eher zu stärken scheint. Auch könnte es eine Re-
aktion darauf sein, dass die Politik teilweise auf Kritik reagiert hat.
Deutlich mehr
Befragte (+ 6) sagten, die meisten Politiker bemühen sich um einen engeren Kontakt zur
Bevölkerung. Doch letztlich stimmen der Aussage „voll“ oder „eher“ weiter nur 28 Pro-
zent zu.
Im Sachsen-Monitor 2017 wurde mit neuen Fragen der
Grad an Demokratiezufrie-
denheit in Sachsen
gemessen. Auf die Frage, welche Aspekte der Demokratie in
Deutschland in welchem Grad umgesetzt sind, kritisieren die Sachsen vor allem fünf Be-
reiche:
Immerhin 46 Prozent meinen, das Ziel, dass „Gerichte jeden gleich behan-
deln“, sei eher nicht oder gar nicht umgesetzt.
Zudem sehen die Bürger hohe Defizite bei der Responsivität der Repräsen-
tanten
. So glauben nur 27 Prozent, dass die Regierungen den Bürgern erklären,
was sie tun – ein massiver Wert.

7
Die Sachsen sehen
große Defizite bei der Bürgerbeteiligung
.
Eher positiv sehen die Befragten die Durchsetzung der liberalen Bürger-
rechte:
87 Prozent sehen den Aspekt „freie und faire Wahlen“ eher oder voll um-
gesetzt, 75 Prozent sagen, die Opposition sei frei, die Regierung zu kritisieren –
allerdings stimmt dem ein Viertel der Bevölkerung eben auch nicht zu. Insgesamt
sehen 62 Prozent Rechte von Minderheiten eher (49 Prozent) bzw. voll (13 Pro-
zent) umgesetzt.
Besonders kritisch wird jedoch der Aspekt der Demokratie betrachtet, so-
ziale Ungleichheit abzubauen
. Über 90 Prozent der Befragten wünschen dies,
aber nur 20 Prozent sagen, dass dieses Ziel eher oder voll umgesetzt sei.
Es wird deutlich, dass die Sachsen in einem hohen Maß Demokratie und Soziale Markt-
wirtschaft zusammendenken.
Offenbar erscheinen vielen Befragten
die „klassi-
schen“ Elemente der liberalen Demokratiekonzeption (freie Wahlen, Meinungs-
freiheit, Gewaltenteilung etc.) nicht ausreichend, um den Ansprüchen an ein de-
mokratisches politisches System zu genügen.
Es überwiegen, trotz deutlich verbesserter Werte, weiterhin pauschale Vorurteile
gegenüber der Politik.
Das Image der Politiker ist weiter schlecht. Wenige geben an,
sich um Ämter und Mandate bewerben oder in politischen Parteien mitarbeiten zu wol-
len. Gleichzeitig finden es 80 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig, in demo-
kratischen Parteien mitzuarbeiten.
Die ohnehin schon starken autoritären Denkmuster haben sogar noch zugenom-
men
: So wird Aussagen wie „In
diesen Zeiten brauchen wir unbedingt eine starke Hand“,
„Verbrechen sollten härter bestraft werden“ (jeweils +6) und „Um Recht und Ordnung
zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen“ (+10)
signifikant stärker zugestimmt.
Dabei ist es wichtig zu betonen, dass sich autoritäre
Denkmuster aus dem
Zusammenspiel dieser Aussagen
ergeben, d.h. nicht schon aus
der Zustimmung zu einer einzelnen Aussage. Zudem fand die Umfrage im
Zeitraum
nach dem G-20-Gipfel
in Hamburg und den damals massiven Ausschreitungen statt, die
besonders den Anstieg der Zustimmung zur Aussage erklären „Um Recht und Ordnung
zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen.“ Auch
die 24 Prozent Befürworter von Demonstrationsverboten können sowohl mit der Ab-
lehnung von Pegida- wie Hamburg-Demonstrationen zu tun haben, insbesondere, wenn
man dazu betrachtet, dass 95 Prozent sich für freie Meinungsäußerung aussprechen.
Dennoch ist die Zustimmung zu autoritären Aussagen besorgniserregend:
Der sehr
harten Aussage „Was Deutschland jetzt braucht ist eine
einzige
starke Partei, die die
Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, stimmen 41 eher (25 Prozent) oder voll (16
Prozent) zu! Im Vergleich zu den Daten von 2016 scheint die Zustimmung auf den ersten
Blick zwar radikal zurückgegangen zu sein,
aber hier ist es wichtig zu betonen, dass
im letzten Monitor die Frage anders, allgemeiner gestellt wurde: 2016 wurde nach
einer
“ und nicht einer „
einzigen“
starken Partei gefragt.

8
Auffallend ist, dass viele Befragte in den neuen Bundesländern - und besonders auch in
Sachsen - bezüglich ihrer Aussagen über Staat, Politik und fremdenfeindliche Einstellun-
gen
zu autoritären Mustern neigen, die auch in unseren östlichen Nachbarstaaten
in hohem Maß zu finden sind.
1
Viele in den ostdeutschen Ländern scheinen auch 27
Jahre nach Herstellung der Einheit das zentrale demokratische Element des Pluralismus
nicht als wichtigen Wert anzuerkennen – was wiederum
auch
einen Teil des Erfolgs po-
pulistischer Argumentationen erklären kann: Anti-Pluralismus ist ein zentraler Teil po-
pulistischer Strategie.
2
Der Beirat sieht es als bedenklich an, dass eine erhebliche soziale Spaltung bezüg-
lich der politischen Partizipation und Bürgerbeteiligung in Sachsen besteht
. Der
Sachsen-Monitor bestätigt hier andere Studien.
3
Bei der Angabe von Gründen, warum man nicht an Bürgerbeteiligung partizipiere,
ist die Zustimmung zur Aussage „kein Interesse an Politik“ massiv gestiegen.
Eines der eindeutigsten Ergebnisse des ganzen Monitors findet sich bei der Frage
„Leute wie ich haben so oder so keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut“: 86
Prozent der Sachsen mit Hauptschulabschluss bzw. ohne Abschluss sowie 73 Pro-
zent derer mit Realschulabschluss stimmen dieser Aussage voll oder eher zu.
Sachsen mit höherer Bildung sind hier weit selbstbewusster, wenngleich immer noch
überwiegend (über 50 Prozent) kritisch. Sachsen mit einem hohen Grad an gruppenbe-
zogener Menschenfeindlichkeit stimmen der Aussage sogar zu 89 Prozent zu.
Der Wunsch der Sachsen nach mehr Beteiligung, vor allem in Städten und Kommunen
(73 Prozent), aber auch auf Landesebene (65 Prozent) und deutschlandweit (63 Pro-
zent), ist daher – wenig überraschend – gleichbleibend vorhanden.
d) Bewertung der Veränderungen durch Wiedervereinigung und Transformation
Aufgrund der Ergebnisse von 2016 wurden im Sachsen-Monitor 2017 mehr Fragen zu
diesem Komplex gestellt.
Dabei ist die Zustimmung zur Aussage „Nach der Wieder-
vereinigung wurde vielfach neues Unrecht geschaffen“ seit der letzten Umfrage
von 47 Prozent auf 58 Prozent und damit um fast 11 Prozent gestiegen.
Bei der Al-
tersgruppe der 60 bis 69-Jährigen sind es sogar 69 Prozent, die dieser Aussage zustim-
men.
1
Vgl. Oliver Rathkolb / Günther Ogris (Hrsg.): Authoritarianism, History and Democratic Dispositions in Aus-
tria, Poland, Hungary and the Czech Republic, Innsbruck/Wien/Bozen 2010.
73% der 15-24 jährigen Polen
(Slowaken: 75%) lehnen die Aufnahme von Migranten und Flüchtlinge ab und sehen sie als Bedrohung der Si-
cherheit (60%, Slowakei: 68%). Eine negative Einschätzung der Juden haben 28% der Polen (Slowaken: 29%).
Junge Slowaken halten zu 24% Demokratie für das beste mögliche Regierungssystem (Polen 43%, Ungarn 51
%). Vgl. Exit, voice or loyality. Young people on Europe and Democracy, Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh
2017. Für die allgemeine Bevölkerung vgl. auch die Umfragen des Pew Research Center.
http://www.pewresearch.org.
2
Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? Frankfurt 2016.
3
Armin Schäfer u.a., Prekäre Wahlen Milieus und soziale Selektivität der Wahlbeteiligung bei der Bundestags-
wahl 2013, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2013.

9
Während im letzten Jahr vor allem Sachsen mit hohem Grad (69 Prozent) und mit mitt-
lerem Grad (54 Prozent) an gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen dieser
Aussage zustimmten, sagten dies Bürgerinnen und Bürger mit niedriger GMF nur halb so
oft (36 Prozent).
2017 stimmten nun 52 Prozent aus dieser letzteren Gruppe der
Aussage zu. Das heißt, die Aussage hat nun eine breitere gesellschaftliche Zu-
stimmung erhalten.
75 Prozent der Menschen mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Ein-
stellungen sagen, „die Leistungen der Ostdeutschen für den Aufbau der neuen
Bundesländer werden zu wenig gewürdigt“.
Aber es sagen auch 52 Prozent der
Gruppe mit einem niedrigen Grad solcher Einstellungen.
Insgesamt teilen die Aussage
61 Prozent der Sachsen.
Sachsen mit sehr vielen Ressentiments sehen sich auch besonders
häufig in Deutsch-
land als „Bürger zweiter Klasse“
. Insgesamt glauben dies 44 Prozent, immerhin auch
31 Prozent der Nachwendegeneration der 18 bis 29-Jährigen.
Interessanterweise sehen in der Erhebung dieses Jahres nur noch 20 Prozent dieser
Gruppe und damit sehr viel weniger als 2016 (51 Prozent) mehr persönliche Nach- als
Vorteile in der Wiedervereinigung.
Die Debatte scheint sich zu differenzieren: Nicht
mehr die DDR ist die Projektionsfläche, sondern die Nachwendezeit
.
Weiter meinen 51 Prozent, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, und 24 Prozent der
18 bis 29-Jährigen sehen sich nicht in der Lage, auf diese Frage zu antworten.
e) Hohe Lebenszufriedenheit, Zukunftssorgen und soziale Spaltung
Schon 2016 war die Diskrepanz zwischen der hohen Lebenszufriedenheit einerseits und
der Beschreibung von Zukunftsängsten und Ungerechtigkeiten andererseits besonders
auffallend.
2017 hat sich diese Kluft weiter vertieft.
Es wird deutlich, dass es nicht allein um die soziale Lage an sich geht, sondern um
gefühlte und echte Ungerechtigkeiten im Verhältnis zu anderen oder zur eigenen
Leistung
– und, dass solche gesellschaftlichen Desintegrationsprozesse gruppenbezogen
menschenfeindliche Einstellungen und die Projektion von Ängsten auf Minderheiten
deutlich befördern:
„Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben“
, glauben 49 Prozent der
Sachsen, einen „gerechten Anteil“ (42 Prozent) oder mehr als ihren gerechten Anteil (7
Prozent) zu erhalten. „Etwas weniger“ sagen aber 37 Prozent, 11 sagen „sehr viel weni-
ger“.
Sachsen ist also bei der Frage, ob man einen gerechten Anteil im Vergleich zu
anderen bekommt, in der Mitte gespalten.
Hier gibt es allerdings massive Unter-
schiede
.
Während Rentner im Alter über 70 Jahren
– in Ostdeutschland bislang mit eher
guten Renten – sowie
Abiturienten und Hochschulabsolventen
fast zu
63 Pro-
zent sagen, sie bekommen den gerechten Anteil oder sogar mehr,

10
stimmt dieser Aussage die aktuell arbeitende Bevölkerung in allen Altersstu-
fen weit weniger zu
, und hier besonders Arbeitslose (20 Prozent) und Arbeiter:
Von Letzteren sagen nur 22 Prozent, sie bekommen einen „gerechten Anteil“
(20 Prozent) oder mehr (2 Prozent).
Und auch Befragte mit Realschul-, Hauptschul- bzw. ohne Abschluss
sagen überpropor-
tional, sie bekommen keinen gerechten Anteil.
Dies setzt sich bei anderen Fragen
fort:
Deutlich mehr Sachsen
mit Realschulabschluss (-8) und mit Hauptschulab-
schluss/ohne Abschluss
(-4) sehen geringere soziale Aufstiegschancen als noch
2016 (insgesamt: -5).
In der
unteren Mittelschicht sagen 37 Prozent, und damit 10 Prozent weniger
als 2016
, dass die Chancen in Deutschland sozial aufzusteigen, sehr gut oder gut
sind.
62 Prozent der Arbeiter sagen, die Chancen in Deutschland sozial aufzusteigen sei-
en eher oder sehr schlecht.
Es scheint in
manchen sozio-ökonomischen Schichten der Bevölkerung keine Auf-
stiegsvision und kein Gefühl von Chancengleichheit
zu geben.
Bei der Frage, ob es in Deutschland alles in allem eher ungerecht (47 Prozent) oder ge-
recht (48 Prozent) zugeht, sehen vor allem Sachsen mit Realschulabschluss Ungerech-
tigkeiten. Interessanterweise stimmen Sachsen mit Hauptschulabschluss und ohne Ab-
schluss (+7) der Aussage zu, Deutschland sei alles in allem gerechter. Hier könnte die
Einführung des Mindestlohns seine Wirkung gezeigt haben. Hingegen ist die
Zahl der
Sachsen, die sich Sorgen vor Altersarmut macht, gestiegen (+4).
Insgesamt hat sich die Problemwahrnehmung in Sachsen leicht verändert: Bil-
dung
hat wohl aufgrund des Lehrermangels in der Problemwahrnehmung der Sachsen
an Bedeutung gewonnen (+3), die Thematik Flüchtlinge (-2) hingegen leicht abgenom-
men.
In Bezug auf die Zukunft Sachsens sind die Befragten deutlich optimistischer (+6). Es
bleibt zwar dabei, dass die Befragten, die sich der
Unterschicht und der unteren Mit-
telschicht zuordnen, deutlich weniger optimistisch
sind als andere Befragte. Genau-
so sind
Menschen mit sehr vielen Ressentiments generell sehr viel pessimistischer
– aber selbst diese sind 2017 im Schnitt optimistischer als noch ein Jahr zuvor
.
Die eigene wirtschaftliche Situation wird gleichbleibend (77 Prozent), die wirtschaftli-
che Lage Sachsens deutlich positiver gesehen (78 Prozent, +5). Auch bei konkreten Le-
bensumständen ist die überwiegende Mehrheit sehr oder eher zufrieden mit ihrer
Wohnsituation, dem Ausmaß an Freizeit und ihrer Gesundheit und selbst auch der Si-
cherheit in der direkten Wohnumgebung.
Es sind hingegen weiter 33 Prozent der
Sachsen mit ihrer finanziellen Situation unzufrieden.

11
Die meisten Sachsen machen sich
kaum Sorgen um ihren Arbeitsplatz
, wenngleich
hier die Ängste deutlich um 10 Prozentpunkte gestiegen sind. Es ist möglich, dass
hier die Debatte um Digitalisierung eine Rolle spielt.
Weiter glauben
zwei Drittel, dass es kommenden Generationen schlechter gehen
wird
,
drei Viertel der Sachsen
befürchten, dass
der gesellschaftliche Zusammenhalt
verloren
geht und
vier Fünftel sorgen sich, dass Gegensätze zwischen Arm und
Reich zunehmen
.
f) Generation der jungen Erwachsenen weiter auffällig - aber anders als 2016
Im Sachsen-Monitor 2016 war die
Gruppe der 18 bis 29-Jährigen besonders auffäl-
lig
: Ein Teil dieser Altersgruppe war besonders gruppenbezogen menschenfeindlich und
hat rechtsradikale Einstellungen aufgewiesen, während sich ein anderer Teil besonders
weltoffen darstellte.
Diese massiven Unterschiede zu anderen Altersgruppen sind in der neuen Erhe-
bung 2017 nicht mehr zu finden. Es ist allerdings auffällig, dass die „Ich weiß
nicht“-Antworten in dieser Altersgruppe massiv gestiegen sind.
Der Aussage, „die
Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so
recht zu uns“, stimmten 2016 26 Prozent dieser Altersklasse voll oder eher zu, 6 Prozent
sagten „Ich weiß nicht“. Ein Jahr später ein gegenteiliges Bild: 2017 stimmten nur noch 6
Prozent der Aussage zu – aber 16 Prozent antworteten „Ich weiß nicht“. Auf die Aussage
„Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die
Opfer gewesen sind“, antworteten sogar 13 Prozentpunkte mehr „weiß nicht“, während
die Zustimmung zur Aussage um den gleichen Prozentsatz sank.
Offen bleibt dennoch, wie diese Unterschiede zu erklären sind, ob sich wirklich
etwas an der Aussage der Nachwendegeneration geändert hat, oder ob es sich um
statistische Ungenauigkeiten handelt.
17 Prozent der 18 bis 29-Jährigen, und damit drei Prozent mehr als der Durch-
schnitt, stimmen der Aussage zu, die Verbrechen des NS würden in der Ge-
schichtsschreibung übertrieben. Dies ist immer noch eine hohe Zustimmung, al-
lerdings 12 Prozentpunkte geringer als 2016 (29 Prozent).
g) Verhältnis Bürger und Staat
Auch wenn 64 Prozent der Befragten mit Behörden insgesamt eher gute Erfahrungen
gemacht haben, ist die Mehrheit der Bevölkerung der Meinung, dass es für die „kleinen
Leute“ schwierig ist, „ihre Rechte gegenüber den Behörden durchzusetzen“ (70 Prozent).
Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) ist der Meinung, dass Behörden „kleine
Leute nicht korrekt über ihre Rechte informieren“.
Es ist höchst problematisch, dass sich 44 Prozent der Befragten von den Behörden nicht
korrekt über ihre Rechte informiert fühlen und es 35 Prozent schwierig erscheint, die
eigenen Rechte gegenüber Behörden durchzusetzen
.

12
Ein hoher Anteil der Befragten sieht die demokratisch verbrieften Rechte der Gleichbe-
handlung nicht realisiert.
Der Zusammenhang zur Zufriedenheit mit der Demokratie ist deutlich: Diejenigen mit
einem sehr niedrigen Grad an Demokratiezufriedenheit stimmen diesen Aussagen deut-
lich mehr zu als die Personen mit hoher Demokratiezufriedenheit.
Demokratiezufriedenheit ist davon abhängig, ob ein Mensch seine Rechte gewahrt sieht
oder nicht. Hier ist eine klare soziale Spaltung sichtbar: Besonders stark stimmen der
Aussage „Für mich persönlich ist es schwierig, meine Rechte gegenüber Behörden
durchzusetzen“ (durchschnittliche Zustimmung: 35 Prozent) folgende Teilgruppen zu:
Befragte aus der „Unterschicht“ (48 Prozent), aus der unteren Mittelschicht (42 Pro-
zent), Sachsen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss (45 Prozent), sowie - nicht
überraschend - Arbeitslose (60 Prozent) und Alleinerziehende (64 Prozent). Befragte
mit Hochschulabschluss (19 Prozent), Berufstätige (32 Prozent) und Angehörige der
mittleren Mittelschicht (30 Prozent) sagen dies sehr viel seltener.
Weiter zeigt sich, dass die Gruppen, die in besonderem Maße ihre Rechte als nicht
durchsetzbar ansehen, deutlich häufiger als andere Bevölkerungsgruppen sagen: „Ich
würde nichts tun, da ich gegen die Behörden ohnehin keine Chance hätte.“
Auf die Frage, man hätte „den Eindruck, von den Behörden ungerecht behandelt“ zu
werden, würde man sich „an die zuständige Verwaltungsbehörde wenden“, sagen „auf
jeden Fall“ 42 Prozent der Befragten mit Hochschulabschluss, aber nur 27 Prozent der
Befragten mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss. 14 Prozent der ersten Gruppe
sagen „Ich würde nichts tun, da ich gegen die
Behörden ohnehin keine Chance hätte,
aber 25 Prozent in der zweiten Gruppe. Unter denen mit einem hohen Grad an gruppen-
bezogener Menschenfeindlichkeit sagen dies sogar 31 Prozent.
Hier zeigt sich, dass Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit Erfahrungen sind, die die Zu-
friedenheit mit der demokratischen Ordnung stark beeinflussen und deren Legitimität
in Frage stellen.