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LANDESAMT
FÜR ARCHÄOLOGIE
Schlachtfeldarchäologie im Norden Leipzigs
Werksneubau der Beiersdorf AG

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Inhaltsverzeichnis:
Einleitung …………………………………………………….................……………………………… Seite 2
Dreißigjähriger Krieg ….……………………………...................…....…………………….……… Seite 3
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Die Schlacht bei Breitenfeld 1631. ………………....................…….………………..…….… Seite 3
389 Jahre danach
….…………………………………...................……………………….….… Seite 4
Vorgeschichtliche Siedlungsspuren .....................……….……………………………..…… Seite 6
Zusammenfassung, Danksagung, Impressum ………..…………......................………… Seite 7

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Einleitung
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Von Anfang Februar bis Ende August 2020 untersuchte
ein Team des Landesamtes für Archäologie Sachsen ein
mehrere Hektar großes, für einen Werksneubau der Firma
Beiersdorf AG Hamburg vorgesehenes Areal in der Ge-
markung Podelwitz im Norden von Leipzig.
Aufgrund seiner Lage inmitten eines Schlachtfeldes des
30jährigen Krieges galt das Gebiet als archäologische
Relevanzfläche.
In einem ersten Grabungsabschnitt wurde ein Raster aus
4 m breiten Schnitten angelegt, in denen der Oberboden
abgetragen wurde.
Da dabei verschiedene Bestattungen zutage traten, wurde
in einem zweiten Abschnitt der Oberboden der gesamten
zu bebauenden Fläche archäologiegerecht abgetragen.
Insgesamt fanden sich auf den untersuchten 11,65 ha
Fläche:
2 Massengräber,
1 Mehrfachbestattung,
2 Einzelgräber,
6 Tiergräber sowie
2 Vorgeschichtliche Befunde und Funde.
Abb. 2: Beginn des Oberbodenabtrages für den 1. Grabungsabschnitt
Abb. 3: Grabungsabschnitt 1 im Nordabschnitt
Abb. 4: Blick von Süden auf die geöffnete Gesamtfläche

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Der 30jährige Krieg
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Mit dem 30jährigen Krieg begann im Jahr 1618 in Europa ein Religions- und Territori-
alkrieg, an dessen Ende die Verwüstung ganzer Landstriche und ein enormer Bevölke-
rungsrückgang standen.
Ausgelöst durch den aus dem böhmischen Ständeaufstand resultierenden „Prager
Fenstersturz“ entluden sich religiöse, territoriale und dynastische Konflikte zwischen
Katholischer Liga und Protestantischer Union.
Nebenher fochten Mächte wie Spanien, Österreich, Frankreich, Schweden, Dänemark
und die Niederlande zusammen mit ihren jeweiligen Verbündeten ihre Konflikte auf
dem Boden des Heiligen Römischen Reiches aus.
Da zu dieser Zeit keiner der beteiligten Staaten in der Lage war, dauerhaft stehende
Heere in der benötigten Größe zu unterhalten, griff man auf Söldnerarmeen zurück,
die Nahrungsmittel und Geld oft in den von ihnen besetzten Landstrichen eintrieben
und plündernd und marodierend die jeweilige Bevölkerung terrorisierten.
Nach drei Jahrzehnten Krieg waren große Teile des Reichsgebietes stark verwüstet.
Bis zu 40% der Bevölkerung waren den Kriegshandlungen sowie damit verbundenen
Hungersnöten und Seuchen zum Opfer gefallen.
Im Westfälischen Frieden wurde neben der katholischen und der lutherischen nun
auch die reformierte Konfession im Reich - das ein Verbund aus Fürstentümern blieb
- als gleichberechtigt anerkannt.
In Frankreich, England, Schweden und den Niederlanden begann die Entwicklung zu
Nationalstaaten, in denen Handel und Bürgertum erblühten.
Im Spätsommer des Jahres 1631 kam es zum Aufeinandertreffen zweier großer Armeen im Norden von Leipzig. Nachdem das Heer der Katholischen Liga mit
32 000 Mann unter Tilly und Pappenheim am 14. September Leipzig eingenommen und geplündert hatte, traf es drei Tage später nördlich der Stadt zwischen
den Dörfern Breitenfeld und Seehausen auf die ca. 42000 Mann starken verbündeten Truppen der Schweden unter König Gustav Adolf II. und der Sachsen
unter Kurfürst Johann Georg I.
In dieser Schlacht erfuhr das Heer der kaiserlichen katholischen Liga nach 13 Kriegsjahren seine erste große Niederlage. Die Überlegenheit des protestanti-
schen Heeres basierte neben der moderneren Gefechtstaktik des Schwedenkönigs, der auf eine bewegliche Gefechtsordnung setzte auch auf einer besseren
Waffentechnik, vor allem bei der Artillerie.
Hier setzten die schwedischen Truppen – neben den auch bei den kaiserlichen geführten schweren Kanonen – auf leichtere und damit auch in der Schlacht
mobile Begleitgeschütze, die auf kurze Distanz mittels Kartätschenmunition verheerende Wirkung auf die Infanteriereihen des Gegners hatten.
Nach anfänglichen Erfolgen des Ligaheeres gelang es der schwedischen Armee, den Feind zu umfassen und vernichtend zu schlagen. Neben 5500 gefallenen
Schweden und Sachsen bedeckten 12000 tote kaiserliche Söldner das Schlachtfeld, 7000 wurden gefangen genommen.
Dem Sieg des Schwedenheeres folgte ein Eroberungszug, auch weil sich ihm nach der Schlacht neben den 7000 gefangenen Söldnern unzählige Freiwillige
anschlossen sowie mehrere Reichsfürsten und –städte dem schwedisch-sächsischen Bündnis beitraten.
Die Schlacht bei Breitenfeld 1631
Abb. 5: Schlachtaufstellung am 17. September 1631
Abb. 6: Matthäus Merian, zeitgenössische Darstellung der Schlacht
1618 - 1648

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389 Jahre danach ....
Am Abend nach der Schlacht bot sich auf den Feldern zwischen Breitenfeld und Seehausen ein grausiges Bild. Die siegreiche schwedische Armee lagerte noch über Nacht und
begrub ihre Gefallenen. Unzählige flüchtende und desertierte Söldner des unterlegenen Heeres der katholischen Liga wurden von der örtlichen Bevölkerung aus Rache für
vor-
angegangene Plünderungen ermordet.
Die Bewohner der umliegenden Dörfer waren es auch, die noch Tage nach der Schlacht die toten Soldaten und auch unzählige Pferde bestatten mussten. Sicher keine angeneh-
me Aufgabe, erst recht nicht mit Blick auf die warmen Temperaturen und den harten Boden.
Es verwundert also wenig, dass die Gräber nur flach eingetieft und überwiegend Massengräber waren, in die man möglichst viele Körper zu zwängen versuchte, eine Methode,
die stark von der Bestattungskultur in Friedenszeiten abwich.
Von diesen Gräbern konnten insgesamt fünf dokumentiert werden, davon zwei Massengräber (Befunde 49 und 57) mit 11 bzw. 16 Individuen, eine Mehrfachbestattung (Befund
15) mit mindestens 4 Toten sowie zwei Einzelgräber (Befunde 1 und 57).
Abb. 7: Befund 57 während der Freilegung
Abb. 8: Freigelegtes Massengrab (Befund 57)
Abb. 9: Befund 57 mit farblicher Markierung einzelner Individuen
Abb. 10: Geborgene Bleigeschosse
Abb. 11: Öse, Knöpfe und Lederreste aus Befund 49
Abb. 12: Vollständig geborgener Ösenknopf

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Zu den interessantesten Befunden zählte ein Einzelgrab im südwestlichen
Bereich der Fläche.
Der männliche Tote lag in Ost-West-Ausrichtung auf dem Rücken mit
leicht angezogenem rechten Bein und Blick nach Süden.
Auffällig war die angewinkelte Haltung des rechten Armes.
Eine Erklärung dafür fand sich beim Ausgraben des Schulterbereiches.
Bei dem hier freigelegten Bleigeschoss dürfte es sich letztlich um die
Todesursache des Soldaten gehandelt haben, wobei er die Verwundung
wohl einige Zeit überlebt hat und der Arm offensichtlich zur Stillung der
Blutung fixiert wurde.
Die größte Überraschung hielt der Tote allerdings im Bereich seiner linken
Kniescheibe für die Ausgräber bereit – eine im ersten Viertel des 17.Jahr-
hunderts in Genua geprägte Goldmünze. Nicht auszuschließen, dass es
sich dabei um Beutegut aus einer der unzähligen Plünderungen der Zeit
handelte.
So wurde z.B. Leipzig noch am Vortag der Schlacht von den Truppen der
Kaiserlichen Liga heimgesucht.
Da den Toten vor der Bestattung Ausrüstung und Kleidung abgenommen
wurde, könnte die Münze wohl – wie damals durchaus üblich – als „Not-
groschen“ und aus Angst vor Diebstahl in der Unterwäsche eingenäht ge-
wesen sein.
Bei der der Goldmünze handelt es sich um ½ Doppia, geprägt in Genua im
Jahr 1615, eine Münze, deren damalige Kaufkraft in etwa einem heutigen
Wert von 500 Euro entspräche.
389 Jahre danach ....
Abb. 13: Drohnenaufnahme der Einzelbestattung Befund 58
Abb. 14: Bef. 58, Detailaufnahme der rechten Schulter mit Bleigeschoss
Abb. 16: Befund 58, Auffindesituation der Goldmünze am linken Knie des Toten
Abb. 17: Goldmünze der Republik Genua, Dogi biennali, ½ (Mezza) Doppia 1615,
Münzzeichen IZ (=Ioseph Zinus), Münzstätte Genua
Abb. 15: Bef. 58, Einzelbestattung, Planum 3

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Vorgeschichtliche Siedlungsspuren
Im Nordwesten des Areals fanden sich recht unerwartet vorgeschichtliche Siedlungs-
spuren. Während solche Befunde im Verlauf der Voruntersuchungen nicht auftraten,
wurden bereits beim Oberbodenabtrag während des 2. Grabungsabschnittes zwei
Steinbeile geborgen (Abb. 23).
Solche Funde im Pflughorizont deuten auf ein z. T. vor Jahrtausenden erfolgtes
Siedlungsgeschehen hin, auch wenn Befunde – z.B. wegen Bodenerosion – nicht
mehr vorhanden sind oder auch auf im Umfeld der Untersuchungsfläche vorhandene
Bodendenkmale, von denen Fundmaterial durch landwirtschaftliche Aktivitäten ver-
lagert wurden. Mit Befund 110 konnte der Beweis bronzezeitlicher Siedlungstätigkeit
auf dem Baufeld erbracht werden. Aus der annähernd kreisrunden Grube von knapp
1 m Durchmesser konnten neben zahlreichen Keramikfragmenten 6 vollständige
Webgewichte geborgen werden.
Zu den ersten Opfern im Schlachtgetümmel zählten auch die Pferde. Sie waren bei
Kavallerieangriffen das bevorzugte Ziel der Musketiere, um die feindliche Reiterei ab-
zuwehren. So verwundert es wenig, dass sich zwischen den Gräbern der gefallenen Sol-
daten auch 6 Bestattungen verendeter Pferde fanden, sowohl als Einzel- (z.B. Befund
113) wie auch Mehrfachgräber mit bis zu fünf Tieren (Befund 112).
Abb. 18: Pferdebestattung (Befund 113) im Planum
Abb. 19: Befund 112 enthielt 5 Pferde
Abb. 20: Befund 112, Drohnenaufnahme einer Pferdebestattung
Abb. 21: Befund 110, bronzezeitliche Grube im Planum
Abb. 23: Keramikfragmente aus Befund 110
Abb. 22: Verschiedene Webgewichte aus Befund 110
Abb. 22: Webgewichte mit Lochung aus Befund 110
Abb. 24: Beim Oberbodenabtrag geborgene Steinbeile

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Danksagung
Unser Dank gilt dem Investor, der Beiersdorf AG Hamburg, der unsere Grabungen nachhaltig förderte und die Arbeiten vor Ort tatkräftig unterstützte. Nicht zuletzt gilt mein
besonderer Dank dem Grabungsteam, das auch unter teilweise schwierigen Bedingungen mit Freude jede Aufgabe meisterte.
Yvonne Heine
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