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Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz e. V.
Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen
Jahrgang 11 / Nummer 2
Herbst / Winter 2021
VERTRIEBENE
UND SPÄTAUSSIEDLER
IN SACHSEN
Unterwegs
in der Zips
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Inhalt
Editorial
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Titel
3
Unterwegs in der Zips
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Nachrichten
5
Interview mit Marco Wanderwitz
6
Interview mit Albrecht Pallas
7
Interview mit Jens Lehmann
9
Bericht vom Landesverbandstag
10
Bericht Jurysitzung ZukunftErbe-Preis
11
Grußadresse von Frank Heinrich
11
25 Jahre Frauengruppe
12
„Heimat in meinem Koffer“
12
LM Schlesien/LV Sachsen
13
Neues aus Knappenrode
14
Fundstück
14
Gesangbuch
14
Reportage
15
Eberhard Grashoff: Königsberg
15
Aus der Heimat
für die Heimat
16
Wassili Neuwirt
17
Käthe
Kol
lw
itz
(1867–1945)
18
Vermischtes
20
Die Kropftauben aus Schlesien
20
Auf der Suche nach Rezepten
22
Erinnerung
22
Eine Gedenktafel am Bahnhofsgebäude
22
Gedenkstein in Kossorowitz eingeweiht
24
Waldfriedhof am Lilienstein (Waltersdorf)
25
Restaurierung des Friedhofs Pfaffendorf
25
Zum Schmunzeln
25
Die Frau des Präsidenten
28
Wir gratulieren
29
Wolfgang Fiolka wird 90!
29
Petra Epsch zum 75. Geburtstag
30
Wir gedenken
31
Aufruf
31
Veranstaltungen
31
Reingelesen
32
Impressum
32
Liebe Heimatfreunde,
die neue Ausgabe unserer Verbandszeitung erscheint an
einem ganz besonderen Tag: dem Sächsischen Gedenktag
für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsied-
lung, den wir in diesem Jahr mit der Teileröffnung unse-
res außerschulischen Bildungs- und Begegnungszentrums
‚Transferraum Heimat‘ in Knappenrode begehen. Noch ist
nicht alles fertig, die Pandemie verzögerte, verteuerte und
schränkte vielfach ein. Aber wir haben gekämpft, erinner-
ten uns gern an 2020 an gleicher Stelle und die vielen Er-
wartungen. Nicht zuletzt hat der Sächsische Landtag unser
Vorhaben finanziell maßgeblich unterstützt. An dieser Stel-
le gilt es daher Dank zu sagen den Landtagsabgeordneten,
unserem Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der
Wort hielt, dem Architekten Stephan Hille und dem Ku-
rator Dr. Lars-Arne Dannenberg, der mit Unterstützung
von Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll und Falk Drechsel sowie
Dr. Józef Zaprucki den ersten inhaltlichen Teil konzipierte.
Danken möchten wir auch den vielen fleißigen Firmen und
den Mitarbeitern des zweiten Arbeitsmarktes, welche trotz
Materialengpässen täglich ihr Bestes geben. Sie leisten eine
ausgezeichnete Arbeit, wie wir immer wieder gemeinsam
mit Claudia Florian und Dr. Manfred Hellmund bei den
14-tätigen Baubesprechungen sehen konnten.
Nun ist Gelegenheit, es auf sich wirken zu lassen, dies und
jenes gegebenenfalls zu verändern und dann 2022 mög-
lichst die Ausstellung baulich und textlich komplett zu
Ende zu bringen, so dass dann der reguläre Betrieb aufge-
nommen, die Schülerwettbewerbe fortgesetzt und die Bil-
dungsangebote intensiviert werden können. Sachsen hat
damit eine wunderbare Einrichtung, die das dieses Jahr in
Berlin eröffnete Dokumentationszentrum Flucht Vertrei-
bung Versöhnung gut ergänzt.
Auch die vielen Vorhaben der Vereine sind nun wieder auf
einem guten Weg; ihr Engagement und die Förderung ge-
hen hier Hand in Hand. Wir als Landesvorsitzender und
als Beauftragter werden versuchen, bei jedem Verband zu-
mindest einmal vor Ort mit dabei sein zu können, denn der
persönliche Kontakt ist uns wichtig. Auch eine Fahrt zum
Dokumentationszentrum in Berlin sollten wir als Verband
durchführen. Lassen Sie uns als Verband weiter eng zusam-
menwirken! Wir freuen uns auf den 3. Oktober, wo wir in
Reichenbach/Oberlausitz unser grenzübergreifendes Chö-
retreffen begehen werden.
Zuvor sind noch die Bundestagswahlen. Wählen ist wichtig,
machen Sie von Ihrem Stimmrecht Gebrauch! Und prüfen
Sie vorher die Wahlprogramme wie auch die bisher gemach-
ten Zusagen, so dass Sie auch die richtige Entscheidung für
unsere Verbandsanliegen treffen können. In dieser Ausgabe
legen wir Ihnen auch ganz besonders die Interviews mit drei
Abgeordneten aus Bund und Land ans Herz, die sich für die
Belange der Vertriebenen einsetzen. Aber lesen Sie selbst!
Herzlichst, Ihr Frank Hirche,
Landesverbandsvorsitzender,
und Ihr Dr. Jens Baumann,
Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler
im Freistaat Sachsen
Editorial

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Die Zips (slowakisch: Spiš, ungarisch Szepes) ist eine
Landschaft im Norden der Slowakei, die auch die Ge-
birgsregion der Hohen Tatra mit einschließt. Das Gebiet
gehörte über Jahrhunderte zum Königreich Ungarn. Der
deutsche Landschaftsname ist eine Übertragung aus dem
Ungarischen.
Schon seit dem 12. Jahrhundert hatten die ungarischen
Könige deutsche Siedler ins Land geholt, um die erober-
ten Gebiete im Norden bis an den Karpatengürtel zu si-
chern. Die Neusiedler aus dem deutschen Sprachraum,
in den frühen Quellen meist hospites (also Gäste, Einge-
ladene), wurden von den Ungarn ohne Unterschied als
Sachsen bezeichnet, selbst wenn die Zuwanderer aus den
verschiedensten Teilen des Reichs stammten. Die Siedler
gründeten Dörfer, aber auch Städte mit zum Teil riesigen
Marktplätzen. Noch heute beeindrucken die geschlosse-
nen erhaltenen Stadtbilder von Leutschau (slow. Levoča),
Kesmark (auch Käsmark, slow. Kežmarok) oder Zipser
Neudorf (slow. Spišská Nová Ves).
Die Zipser Sachsen hatten eine gewisse Selbständigkeit
mit freier Richter- und Pfarrerwahl und vor allem der
Wahl eines Landgrafen oder auch Sachsengrafen. In Leut-
schau, das 1321 zur königlichen Freistadt erhoben worden
war, residierte der Sachsengraf, der Vertreter des Königs
innerhalb des Bundes der 24 Zipser Städte. Dagegen wur-
de das Zipser Komitat vom königlichen Gespan gelenkt,
der auf der Zipser Burg (slow. Spišský hrad, siehe Titelbild,
Hintergrund) seinen Sitz hatte. Unmittelbar zu Füßen der
Burg, im Dorf Kirchdrauf (slow. Spišské Podhradie), hatte
das Zipser Kapitel seinen Sitz, das für die geistliche Ver-
sorgung der Zips zuständig war (siehe Titekbild, Vorder-
grund). Der Propst an der Spitze des Kapitels unterstand
direkt dem Erzbischof von Gran (ung. Esztergom). Eine
von der Oberzips etwas losgelöste Geschichte hat die Un-
terzips oder auch Gründner Boden bzw. Göllnitztal. Hier
dominierten die Bergbaustädte, wie Göllnitz (Gelnica)
und Schmöllnitz (Smolník), die durch den Abbau von
Blei, Kupfer, Kobalt, Quecksilber und weiteren Boden-
schätzen zu einigem Wohlstand gelangten. Dem Dialekt
nach kamen die ersten Siedler aus Bayern und Tirol.
Von beiden Regionen zu unterscheiden sind die öst-
lich der Zips gelegenen oberungarischen Städte Kaschau
(slow. Košice), Eperies (slow. Prešov), Bartfeld (slow. Bar-
dejov) und Zeben (slow. Sabinov). Die bedeutendste Stadt
unter ihnen war Kaschau, das nach dem Einfall der Mon-
golen nach 1241 neu besiedelt wurde. Die Städte erhielten
verschiedene Privilegien nach Zipser Recht und wurden
schließlich zu königlichen Freistädten erhoben. In Ka-
schau wurden sogar Reichstage abgehalten. Die Elisabeth-
kirche zeugt noch heute vom einstigen Reichtum und der
Pracht der Stadt.
1412 verpfändete König Sigismund von Ungarn Teile der
nördlichen Zips an die polnischen Könige, die seither ein
Eigenleben führten. Die Region gewann an Bedeutung,
als die Jagiellonen innerhalb von drei Generationen die
Königskronen von Polen, Ungarn und Böhmen erlangten
und ein Reich von der Ostsee bis zum Mittelmeer auf-
bauten. Die Zips mit den Gebirgspässen war die kürzeste
Verbindung zwischen den alten Krönungs- und Residenz-
städten Krakau und Ofen (heute Budapest). Davon profi-
tierte beispielsweise Bartfeld, wie der große, beinahe über-
dimensionierte, an drei Seiten von zweistöckigen Häusern
Marktplatz von Bartfeld (Bardejov)
Unterwegs in der Zips
TITEL
© ZKG

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umgebene Markt bezeugt, auf dem sich das Rathaus er-
hebt. Bartfeld ist seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe.
Die hussitischen Unruhen, die von antideutschen Ressen-
timents begleitet waren, erreichten auch die Zips. Klöster,
Dörfer und auch Städte wurden niedergebrannt, wie 1433
Kesmark.
Dennoch blieben die Bewohner beim katholischen Glau-
ben. In der Leutschauer Jakobuskirche befindet sich der
höchste holzgeschnitzte Altar der Welt aus der Werkstatt
des Paul von Leutschau. Der Altar wurde 1517 gewisser-
maßen am Vorabend der Reformation fertiggestellt. Noch
einmal rückte Bartfeld in den Blick der Weltgeschichte,
als sich von hier aus die Reformation in Oberungarn aus-
breitete. Leonhard Stöckel (1510–1560), der in Witten-
berg bei Martin Luther und Philipp Melanchthon studiert
hatte, wurde 1539 zum Direktor des Bartfelder Gymnasi-
ums berufen. Er war Mitverfasser der Confessio Pentapo-
litana 1549, einer lutherischen Bekenntnisschrift für die
Zips, die sich am Augsburger Bekenntnis orientiert. Für
den „Praeceptor Hungariae“, den Schulmeister Ungarns,
wurde ein Denkmal im Park gegenüber dem Gymnasium
errichtet.
Das 16. Jahrhundert brachte aber weitere gravierende Ver-
änderungen mit sich. In der Schlacht von Mohacs gegen
die Türken 1526 fiel der junge König Ladislaus, mit dem
die Dynastie der Jagiellonen ausstarb. Die Herrschaft in
Böhmen und Ungarn übernahmen die Habsburger, die
allerdings Zentralungarn mit der Hauptstadt Ofen (Bu-
dapest) an die von Süden vorrückenden Osmanen ab-
treten mussten. Im Osten bildete sich das Fürstentum
Siebenbürgen, während nur Oberungarn mit der Zips im
Norden und ein schmaler Streifen im Westen unter der
Herrschaft der Habsburger blieb. Die im 17. Jahrhundert
einsetzenden Rekatholisierungsbemühungen seitens der
Habsburger nahmen an Schärfe zu und führten erst zur
Verbannung der lutherischen Geistlichen und Lehrer und
1687 zum Eperieser Blutgericht, bei dem 23 Bürger und
Adlige evangelischen Glaubens hingerichtet wurden. Hun-
derte weitere wurden gefoltert und enteignet. Ihre Kirche
wurden geschlossen oder den Katholiken übergeben. Nur
wenige Kirchen waren den Evangelischen aufgrund der
Ödenburger Resolution von 1681 verblieben. Diese sog.
Artikularkirchen mussten ganz ähnlich den drei schlesi-
schen Friedenskirchen vor den Toren der Städte und aus
vergänglichen Materialien, wie Holz und Lehm, errichtet
werden. Innen waren sie über und über mit biblischen
Szenen ausgemalt. Heute zählen die eindrucksvollen Holz-
kirchen mit ihren mehrstöckigen Emporen, die mehreren
tausend Gläubigen zu den Gottesdiensten Platz bieten,
zum Weltkulturerbe, wie etwa die Kirche von Kesmark.
Die wechselnden Herrschaftsverhältnisse beeinträchtigten
nicht den Erhalt der deutschen Sprache und Kultur. Die
Zünfte der Zipser Städte forderten noch Ende des 17. Jahr-
hunderts für den Erwerb der Bürgerrechte eine deutsche
Herkunft. Das konnte freilich die Abwanderung aufgrund
der religiösen Unterdrückung nicht verhindern, so dass die
elf Oberzipser Städte schon um 1720 nur noch über eine
knappe deutsche Bevölkerungsmehrheit verfügten. Im 20.
Jahrhundert besaßen dann nur noch drei Städte überhaupt
einen nennenswerten deutschen Bevölkerungsanteil, ob-
Evangelische Artikularkirche in Kesmark (Kežmarok)
© ZKG

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wohl es seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nach der Be-
setzung der an Polen verpfändeten Oberzipser Städte durch
die Habsburger erneut zu einer deutschen Einwanderung
und zu einem Erstarken des Protestantismus gekommen
war, was 1788 sogar zur Gründung eines evangelischen Ly-
zeums in Kesmark geführt hatte.
Von ihrem Selbstverständnis fühlten sich die Zipser Deut-
schen als ungarische Staatsbürger und kämpften im nati-
onalen Zeitalter, im 19. Jahrhundert, für ein ungarisches
Königreich. Die Magyarisierung nach dem österreichisch-
ungarischen Ausgleich 1867 führte zu einem starken
Rückgang der städtischen und ständischen Sonderrech-
te. Viele Zipser Deutsche wanderten nach Zentralungarn
oder nach Amerika ab. Die Zahl der Auswanderer wird
bis 1914 auf 25.000 geschätzt, so dass die Zipser Deut-
schen nach dem Ersten Weltkrieg auf ca. 37.000 zusam-
mengeschmolzen waren, was einem Bevölkerungsanteil
von 21 Prozent entsprach. Stärkste Bevölkerungsgruppe
waren die Slowaken.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fanden sich die
Zipser Deutschen in mehreren Staaten wieder, zum Teil
im neugegründeten Polen, zum größeren Teil in der 1918
gegründeten Tschechoslowakischen Republik. In der
Zwischenkriegszeit setzte sich für die auf slowakischem
Gebiet lebenden Deutschen, zu denen auch die Hauerlän-
der und die Deutschen aus Pressburg und Umgebung ge-
hörten, der Begriff der „Karpatendeutschen“ durch.
Auch die Karpatendeutschen gerieten in den Sog der
völkischen Bewegung. In den 1930er Jahren organisier-
ten sich viele in der deutschnationalen Deutschen Partei.
Viele beteiligten sich an der Organisation des totalitären
slowakischen Staates nach der Zerschlagung der Tsche-
choslowakei 1938. Noch Ende 1944 setzte eine Flucht der
deutschen Bevölkerung vor der heranrückenden Roten
Armee ein. Viele von ihnen kehrten nach Kriegsende zu-
rück, wurden aber interniert und verfolgt und schließlich
zum größten Teil bis 1947 in die verschiedenen Besat-
zungszonen Deutschlands ausgewiesen. In der gesamten
Slowakei verblieben ca. 20.000 Deutsche – für die Zips
sind keine Zahlen belegt. Deutsche Schulen oder Kultur-
einrichtungen waren in der nach dem Zweiten Weltkrieg
wiedergegründeten Tschechoslowakei verboten, was zu
einem Sprach-, Kultur- und Identitätsverlust führte.
In der SBZ bzw. der DDR hatten die Karpatendeutschen
gleich den anderen Vertriebenen aus den früheren deut-
schen Siedlungsgebieten keine Lobby und wurden ver-
harmlosend als „Umsiedler“ bezeichnet. In den westlichen
Besatzungszonen bzw. der BRD kam es zur Gründung der
Karpatendeutschen Landsmannschaft und des Karpaten-
deutschen Kulturwerks in Karlsruhe, die einerseits die In-
teressen der Deutschen aus der Slowakei vertreten und die
Beziehungen zu den nach 1990 entstandenen deutschen
Vereinen und Sprach- und Kultureinrichtungen in der
Slowakei pflegen.
Die Zahl der Deutschen in der Slowakei wird heute auf ca.
5.000 bis 6.000 Personen geschätzt, die aber weit verstreut
leben. Nur in den abseits gelegenen Dörfern Metzensei-
fen (slow. Medzev) und Hopgarten (slow. Chmeľnica) ist
das Deutsche noch Umgangssprache. Der bekannteste
Vertreter der Karpatendeutschen ist zweifellos der frühe-
re Kaschauer Bürgermeister Rudolf Schuster (geb. 1934),
der von 1999 bis 2004 der zweite Staatspräsident der Slo-
wakei war. Von der Geschichte der Deutschen in der Slo-
wakei erzählt das Museum der karpatendeutschen Kultur,
das 1997 als Teil des Slowakischen Nationalmuseums in
Pressburg (Bratislava) eröffnet wurde.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
Zweisprachiges Ortsschild in Metzenseifen
© Wikimedia (Agentxp22)
Gedenktafel zur Erinnerung an die Vertreibung der Karpatendeutschen
mit Kennzeichnung der deutschen Siedlungsgebiete in der heutigen
Slowakei, angebracht am Museum der Kultur der Karpatendeutschen in
Pressburg (Bratislava)

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NACHRICHTEN
Interview mit Marco Wanderwitz, Beauftragter der Bundes-
regierung für die neuen Bundesländer, Mitglied der CDU/
CSU-Bundestagsfraktion, am 13. Juli 2021 im Begegnungs-
zentrum der Vertriebenen und Spätaussiedler in Chemnitz
Sehr geehrter Herr Wanderwitz, Sie sind Ostbeauftrag-
ter der Bundesregierung und zugleich Spitzenkandidat
der CDU-Liste Sachsen für die Bundestagswahl im Sep-
tember. Es ist sicherlich schwierig, die Befindlichkeiten
von 16 Millionen Ostdeutschen zu erklären. Was konn-
ten Sie bisher erreichen?
Ich bin etwas mehr als einem Jahr in diesem Amt, kam
mitten in der Legislaturperiode hinein. Zunächst war
ich im Bundesinnenministerium zwei Jahre für Bau und
Heimat zuständig. Da ging es auch bereits vor allem um
gleichwertige Lebensverhältnisse. Besonders stolz bin
ich auf das Baukindergeld und die Novellen der Städte-
bauförderung, des Wohngelds und der Sozialwohnungs-
bauförderung sowie des Baugesetzbuches im Ergebnis
der von mir geleiteten Baulandkommission. Nun bin ich
seit Frühjahr 2020 im Bundeswirtschaftsministerium für
Europa- und Außenwirtschaftspolitik zuständig, dazu
die Beauftragung für die neuen Bundesländer. Im zwei-
ten Halbjahr 2020 hatten wir die EU-Ratspräsidentschaft
inne, Corona hat uns auch wirtschaftlich massiv gefordert,
tut es noch. 2020 haben wir den zweiten Teil des Doppel-
jubiläums 30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche
Einheit gefeiert. Die gleichnamige Regierungskommissi-
on, die ich leitete, hat gute Ergebnisse erbracht zur wei-
teren Vertiefung der Einheit. Allen voran den Vorschlag
eines Zukunftszentrums für Europäische Transformation
und Deutsche Einheit. Die beiden von mir verantworte-
ten Jahresberichte zum Stand der Einheit zeigen ein dif-
ferenziertes grundpositives Bild. Es ist viel gemeinsam
geschafft. Das neue gesamtdeutsche Fördersystem unter-
stützt die neuen Länder weiterhin sehr stark. Es geht nun
um Zukunftstechnologien, immer noch um Infrastruktur,
um Unternehmenswachstum, aber auch um eine bessere
Tarifbindung. Der Strukturwandel in den Braunkohlere-
vieren ist eine große Aufgabe, die insbesondere den Os-
ten betrifft. Mit dem Strukturstärkungsgesetz haben wir
uns dabei auf einen guten Weg gemacht. Mit der neuen
Grundrente haben wir eine Gerechtigkeitslücke geschlos-
sen, die Rentenüberleitung ist faktisch abgeschlossen nun,
wo wir bei 97,9 Prozent des Rentenwerts sind.
Regelmäßig wird auch den Vertriebenen und Spätaus-
siedlern pauschal der Vorwurf gemacht, tendenziell
rechts zu sein und (rechts-)nationales Gedankengut zu
vertreten. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Wer das tut, führt nichts Gutes im Schilde. Die Bewah-
rung unserer reichen Kultur ist wichtig. Ich bin allen
dankbar, die daran mittun. Europa ist unsere Zukunft,
aber dafür ist es ob der Größe wichtig, dass wir als Regio-
nen und Nationen geankert sind. Und die Vergangenheit
differenziert und breit weiterzugeben, tut uns auch gut.
Wer Deutschland und die Farben unserer Demokratie
in positivem Sinne im Munde führt, ist ein guter Patriot.
Wir brauchen viele gute Patrioten. Ganz im Sinne von Jo-
hannes Rau, der es treffend formulierte: „Ich will nie ein
Nationalist sein, aber ein Patriot wohl. Ein Patriot ist je-
mand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand,
der die Vaterländer der anderen verachtet. Wir aber wol-
len ein Volk der guten Nachbarn sein, in Europa und in
der Welt.“
Rund eine Million Vertriebene haben auch in Sachsen
nach dem Krieg Aufnahme und eine neue Heimat ge-
funden und das Land wiederaufgebaut. In der DDR
durften sie über ihr Schicksal nicht reden. In Knappen-
rode entsteht mit dem Bildungs- und Begegnungszen-
trum Transferraum Heimat eine einzigartige Einrich-
tung, die den Schmerz über den Verlust der Heimat
von Millionen Vertriebenen zeigt, aber auch den un-
terschiedlichen Umgang mit ihnen im geteilten Nach-

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Interview mit Albrecht Pallas, Mitglied und Integrationspo-
litischer Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag,
am 14. Juli 2021 im Sächsischen Landtag
Sehr geehrter Herr Pallas, wir hatten uns kürzlich län-
ger über die Aufgaben des Beauftragten für Vertriebene
und Spätaussiedler ausgetauscht. Ihre Themen sind je-
doch insbesondere Innere Sicherheit, Wohnungspolitik
und Integration. Warum interessieren Sie sich als Mit-
glied der SPD-Landtagsfraktion für die Vertriebenen
und Spätaussiedler?
Vertriebene und Spätaussiedler haben eine Heimat ver-
loren und in Sachsen eine neue gefunden. Sie benötigen
Unterstützung beim Ankommen und der Integration in
unsere Gesellschaft. Gerade Spätaussiedler sind seit Jahr-
hunderten in ihren Herkunftsländern verwurzelt und
haben ihre eigene Kultur, wie zum Beispiel die deutsche
Sprache entwickelt und gepflegt. Oftmals war das nur un-
ter großen Anstrengungen und Restriktionen möglich,
weil sie als unerwünschte Minderheiten galten. Für Inte-
grationsangebote wie Sprach- und Integrationskurse sor-
gen der Bund und der Freistaat Sachsen. Wir wollen aber
auch die soziale Teilhabe von Spätaussiedlern und Vertrie-
benen ermöglichen. Dafür braucht es Orte für kulturellen
Austausch und Verständigung. Die notwendigen Gelder
dafür stellt der Sächsische Landtag zum Beispiel mit dem
Programm „Integrative Maßnahmen“ bereit. Dafür setze
ich mich ein.
In Knappenrode entsteht mit dem Bildungs- und Be-
gegnungszentrum Transferraum Heimat eine einzig-
artige Einrichtung, die den Schmerz über den Verlust
der Heimat von Millionen Vertriebenen zeigt, aber
auch den unterschiedlichen Umgang mit ihnen im ge-
teilten Nachkriegsdeutschland bis hin zu Flucht und
Vertreibung heute. Daneben hat Sachsen einen eigenen
Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und
Zwangsumsiedlung sowie einen Beauftragten für Ver-
triebene und Spätaussiedler. Als Koalitionspartner hat
auch die SPD hieran mitgewirkt. Ist das noch zeitge-
mäß, was erwarten Sie für Impulse hieraus?
Infolge des Zweiten Weltkriegs und der Gebietsverlus-
te im Osten flohen viele Deutsche oder wurden teils ge-
waltsam aus ihrer Heimat vertrieben. Dies bedeutete viel
kriegsdeutschland bis hin zu Flucht und Vertreibung
heute. Daneben hat Sachsen einen eigenen Gedenktag
für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsum-
siedlung sowie einen Beauftragten für Vertriebene und
Spätaussiedler. Finden Sie das zeitgemäß, ist das Ge-
denken überhaupt sinnvoll oder haben diese drei Kom-
ponenten auch eine Zukunftsaufgabe?
Ich finde es ausgezeichnet, dass Sachsen diesen Weg geht.
Es gab viel Nachholbedarf auf diesem Feld bspw. im Ver-
hältnis zu Bayern. Es war eine große Leistung nach 1945
überall, die auch schmerzhaft war und Kraft kostete. Das
dürfen wir nicht vergessen. Daraus können wir vor allem
auch immer wieder neue Kraft schöpfen. Die Parallelen
zur Transformation der 1990er und 2000er Jahre sind
zudem evident. Auf Knappenrode freue ich mich sehr.
Was ich gehört habe dazu, klingt ausgezeichnet.
Heute besuchen Sie das Büro und Begegnungszentrum
der Vertriebenen und Spätaussiedler in Chemnitz.
Kennen Sie aus ihrem persönlichem Umfeld Vertrie-
bene und/oder Spätaussiedler und deren Schicksal?
Persönlich komme ich aus einer Familie, die keine eige-
nen diesbezüglichen Erfahrungen hat. Aber das Erzgebir-
ge war immer ein Landstrich mit viel Wanderung. Auch
viele Vertriebene fanden hier eine neue Heimat. Und ha-
ben die Gesellschaft mitgeprägt in der Folge. Ich kenne
viele von Ihnen und deren Familien aus meiner politi-
schen Arbeit.
Was möchten Sie der jetzigen Generation mit auf den
Weg geben?
Auch für die jetzt Jüngeren gilt wieder, dass sie die nächste
junge Generation ist, die in Frieden, Demokratie, Freiheit
und Wohlstand leben kann. Das alles ist nicht selbstver-
ständlich und auch nicht geschenkt. Dafür müssen wir
alle als aktive Bürgergesellschaft arbeiten. Es ist eine Insel
in der Welt. Bewahren wir sie uns möglichst viele künftige
Generationen.
Das Gespräch führte Dr. Jens Baumann

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Leid, Ungewissheit für die Zukunft und den Verlust eines
Teils ihrer Identität. Dem unsäglichen Leid der Vertreibung
vieler Tausender Menschen als Folge des Zweiten Welt-
kriegs und seinen Ursachen müssen sich auch heutige und
zukünftige Generationen bewusst sein. Aus unserer Ge-
schichte erwächst die Verantwortung, dass wir alles dafür
tun müssen, damit es nie wieder geschieht. Heute gibt es
immer weniger Zeitzeugen, die uns diese Verantwortung
authentisch vermitteln können. An ihre Stelle müssen neue
Ansätze in der politischen Bildung treten, in und außerhalb
der Schule. Der sächsische Gedenktag für die Opfer von
Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung aber auch der
Beauftragte rufen diese Themen regelmäßig ins öffentliche
Bewusstsein. Das Bildungszentrum in Knappenrode kann
das Wissen über Flucht und Vertreibung damals und heute
wirksam an jüngere Generationen vermitteln und unsere
historische Verantwortung weitertragen.
Wie sehen Sie auf die Zuwanderung heute und in Zu-
kunft? Welche Möglichkeiten sehen Sie, um unser Land
zu stärken und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zu-
sammenhalt, der auch auf unserer Geschichte, Kultur
und Religion beruht und daraus noch heute schöpft, zu
bewahren?
Deutschland ist seit Jahrhunderten eine Einwanderungs-
gesellschaft. Zuwanderung ist in unserer modernen Ge-
sellschaft Normalität. Wer als Zuwanderer bereit ist, sich
in unsere Gesellschaft zu integrieren, verdient die Chan-
ce auf eine neue Existenz. Wie durch die Vertriebenen
und Spätaussiedler wird unsere Gesellschaft auch durch
Zuwanderer aus anderen Kulturen bereichert. So wie die
Gesellschaft offen für Zuwanderung sein soll, braucht es
die Bereitschaft der Zuwanderer sich hier einzubringen.
In Sachsen wollen wir mit einem Gesetz die Bedingun-
gen für eine auf Dauer gelingende Integration und volle
soziale Teilhabe schaffen. Dies sichert auch den sozialen
Frieden.
Was möchten Sie der jetzigen Generation mit auf den
Weg geben
?
Zuwanderung bereichert unsere Gesellschaft. Gerade in
unserer zunehmend globalisierten Welt kann und darf
sich Deutschland neuen Bürgerinnen und Bürgern nicht
verschließen. Sie geben wichtige Impulse für unsere Kul-
tur und werden auch als wichtige und wertvolle Arbeits-
und Fachkräfte von unserer Wirtschaft benötigt. Lasst uns
offen sein für Neues und behalten wir unsere gesellschaft-
liche Verantwortung für Frieden und Mitmenschlichkeit
immer im Bewusstsein.
Das Gespräch führte
Dr. Jens Baumann

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Interview mit Jens Lehmann, Mitglied der CDU/CSU-
Bundestagsfraktion, am 20. Juli 2021 in Leipzig
im Haus der Demokratie im dortigen Begegnungszentrum
der Vertriebenen und Spätaussiedler
Sehr geehrter Herr Lehmann, zweimal Olympiasieger,
sechsmal Weltmeister, um nur einiges zu nennen, dazu
gehört Kampfgeist, Siegeswille, sich schinden. Kann
man diese sportlichen Tugenden auch auf das Leben
übertragen?
Ja, das kann man sehr gut. Tugenden wie Disziplin,
Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit haben mich in
meinem ganzen Leben in jeder Station begleitet und ha-
ben mir sehr geholfen.
Ihr Weg führte vom Radsport zur Bundespolitik, Sie
sind Bundestagsabgeordneter der CDU Sachsen und
treten erneut in Leipzig an. Was hat Sie dazu bewegt,
was sind Ihre zentralen Punkte?
Mein Weg führte mich vom Radsport und meinem Be-
ruf des Erziehers zunächst einmal in die Lokalpolitik. Ich
bin seit 2004 gewählter Stadtrat in Leipzig. Denn das ist
es, was mich bewegt: etwas für Leipzig und seine Bürger
erreichen. Ich möchte dazu beitragen, dass Leipzig noch
lebenswerter wird. Dazu gehört eine gute Infrastruktur,
dazu gehören gute Jobs, dazu gehören gut erhaltene Se-
henswürdigkeiten, Kultureinrichtungen und der Sport.
Das Bundestagsmandat ermöglicht es mir, nun auch auf
Bundesebene für Leipzig und Sachsen Verbesserungen
zu erreichen. Als Mitglied des Deutschen Bundesta-
ges kann ich mich für Fördermittel zur Sanierung von
Kirchen und Kultureinrichtungen einsetzen und konn-
te schon die Ansiedlung von Bundesbehörden wie der
Cyberagentur oder der Umwandlung eines ehemaligen
Jens Lehmann, MdB, im Gespräch

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Bericht vom Landesverbandstag
Zwar noch nicht die Menschen, aber doch die Termine
reichen sich nunmehr nach der vorsichtigen Öffnung die
Hand. Am 12. Juli diesen Jahres fand endlich der Lan-
desverbandstag der Vertriebenen und Spätaussiedler in
Chemnitz statt. Sowohl der Innenminister, Prof. Roland
Wöller, als auch der Chef der Staatskanzlei, Oliver Schenk,
übermittelten Videobotschaften, die die Delegierten sehr
ansprachen, spannten sie doch den Bogen von dem ge-
rade eröffneten Berliner Dokumentationszentrum zum
12. September, dem Sächsischen Gedenktag für die Opfer
von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung, an dem
in Knappenrode das neue außerschulische Bildungs- und
Begegnungszentrum „Transferraum Heimat“ eröffnet wird.
Zudem wird der ZukunftErbe-Preis verliehen. Diese The-
men wie auch das nächste grenzüberschreitende Chöretref-
fen in Reichenbach/Oberlausitz am 3. Oktober im Rahmen
des Erntedankfestes sowie natürlich die Vereinsarbeit wur-
den ausführlich diskutiert bzw. vorbereitet. Ferner wurde
der Vorsitzende Frank Hirche in den Medienrat entsandt.
Die musikalische Umrahmung kam von Maxim, einem
der Preisträger von „Jugend musiziert“ (er wirkt im Ju-
gendchor Sonnenschein der Deutschen aus Russland mit).
Frank Hirche und Dr. Jens Baumann
MdL Ronald Pohle, der vertriebenenpolitische Sprecher der CDU Landtags-
fraktion, Vorsitzender Frank Hirche, Erste Stellvertreterin Liane Labuhn, Dr.
Jens Baumann, Beauftragter, im Hintergrund Oliver Schenk, Chef der Staats-
kanzlei
Kennen Sie aus Ihrem persönlichem Umfeld Vertriebe-
ne und/oder Spätaussiedler und deren Schicksal?
Meine Schwiegermutter ist Vertriebene und erzählt noch
heute gelegentlich von ihren damaligen Erfahrungen.
Durch meine jahrelange politische Tätigkeit in Leipzig
konnte ich glücklicherweise auch viele Vertriebene und
Spätaussiedler kennenlernen, die ich gerne zu meinem
persönlichen Umfeld zählen möchte. Denn ihre Ge-
schichten berühren mich sehr, und mich freut es immer
wieder, wenn ich Vertriebene und Spätaussiedler in mei-
nem Wahlkreis treffe – sei es bei offiziellen Veranstaltun-
gen oder morgens beim Bäcker. Da lässt es sich entspannt
plaudern und man kann sich über das Leben unterhalten.
Was möchten Sie der jetzigen Generation mit auf den
Weg geben?
Ich empfehle lediglich, gelegentlich auf den Rat oder das
Wissen von anderen Generationen zurückgreifen, denn
jede Generation wird ihren eigenen Weg gehen. Von an-
deren Generationen lernen, sich das Beste abschauen und
daraus etwas noch Besseres machen, dann wird das eine
fantastische Generation. Ganz frei nach den von Louis
Armstrong besungenen Babys in seinem Lied „What a
wonderful World: They‘ll learn much more, than I`ll ever
know!“
Das Gespräch führte
Dr. Jens Baumann
Bundeswehrkrankenhauses zum Ausbildungszentrum
des Zolls vorantreiben. In meiner ersten Legislaturperio-
de habe ich über 26 Millionen Euro Fördermittel für ver-
schiedenste Leipziger Einrichtungen einwerben können.
Dazu wurde ich als Aufsichtsratsmitglied der Cyberagen-
tur gewählt, die nun in Leipzig Fuß fassen soll. Das alles
sind Projekte, die ich begonnen habe und die ich nun in
der nächsten Legislaturperiode fortführen möchte. Dazu
werde ich mich weiter für eine starke und leistungsfähige
Bundeswehr einsetzen. Wir haben in den letzten zwei Jah-
ren gesehen, dass wir sie an verschiedensten Stellen brau-
chen. Und ich möchte den Sport in Deutschland und in
Sachsen stärken und meine Erfahrung als Sportler in den
Bundestag einbringen.
Heute sind Sie bei den Vertriebenen und Spätaussied-
lern in Leipzig zu Gast. Auch die Vertriebenen haben ihr
Schicksal sprichwörtlich in die eigenen Hände genom-
men und das Land wiederaufgebaut. Wie stehen Sie zu
dieser Leistung, zeigen sich da Parallelen zum Sport?
Da zeigen sich sehr gute Parallelen zum Sport. Wer sein ei-
genes Schicksal in die Hand nimmt, der entscheidet selbst
über Erfolg oder Niederlage. Mit eigener Muskelkraft das
Land wiederaufbauen oder wie in meinem Falle in die Pe-
dale treten – das gibt es viele Parallelen. Wobei die Leistung
der Vertriebenen gar nicht hoch genug eingeordnet werden
kann. Quasi aus Nichts haben sie unser Land wiederaufge-
baut. Sie legten den Grundstein dafür, dass ein radbegeister-
ter Junge aus dem Harz in Leipzig Radfahrer werden konnte.

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Grußadresse von Frank Heinrich, MdB
Liebe Freunde des Landesverbands der Vertriebenen und
Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V.,
ein langer Weg musste zurückgelegt werden, bis im Juni
dieses Jahres endlich das Ziel erreicht wurde: Das „Doku-
mentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist
der Öffentlichkeit übergeben worden. Wo immer ich konnte,
habe ich mich in Ihrem Sinne auf diesem Weg engagiert,
denn ich weiß aus vielen Geschichten meines aus Schlesien
vertriebenen Vaters, wie wichtig gegenseitige Hilfestellung
und gemeinsames Erinnern für die Betroffenen von Flucht
und Vertreibung war und ist.
Herzlich möchte ich Ihnen als Landesverband gratulieren.
Sie befinden sich auf einem guten Weg in dem Prozess, den
jede Organisation dieser Art gehen muss: In nicht allzu fer-
ner Zukunft wird der letzte Zeitzeuge nicht mehr unter uns
sein. Nun heißt es andere Formen des Erinnerns und Mah-
nens zu entwickeln. Dazu
dient sowohl das nationale
Dokumentationszentrum als
auch die wichtige Arbeit Ihres
Verbands.
Ich wünsche Ihnen für Ihre
so überaus wichtige Integrati-
onsarbeit die nötige Kraft und
jederzeit gutes Gelingen.
Ihr
Frank Heinrich
Bericht Jurysitzung ZukunftErbe-Preis
Am 3. August traf sich in Chemnitz in der Begegnungs-
stätte des Landesverbandes die Jury des ZukunftErbe-
Preises zur Beratung über die Preisträger und die Preisver-
leihung. Den Gremienvorsitz führte Prof. Dr. Frank-Lothar
Kroll, außerdem gehören ihm Liane Labuhn, Frank Hirche,
Friedrich Zempel, Dr. Manfred Hellmund und der Beauf-
tragte für Vertriebene und Spätaussiedler Dr. Jens Baumann
an. Aus den eingereichten Vorschlägen wurden zwei pro-
minente Preisträger ausgewählt. Zum einen geht der Preis,
auch mit Blick auf den 80. Jahrestag der Auflösung der Wol-
garepublik, an die bekannte Künstlerin Helena Goldt, die
mit 6 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland mit ihren
Eltern übersiedelte; sie selbst hat wolhynien- und schwarz-
meerdeutsche Wurzeln. Sie ist auch heute der Landsmann-
schaft der Deutschen aus Russland eng verbunden ist und
widmet sich in ihrem Schaffen der Geschichte ihrer Schick-
salsgemeinschaft sowie der Problematik von Identität und In-
tegration. Der andere Preisträger ist der u. a. durch sein Buch
„Kalte Heimat“ bekannte Historiker Dr. Andreas Kossert, der
auch in Dresden lehrte und dem Problemkreis von Flucht,
Vertreibung und Heimatverlust eine nachhaltige Stimme gibt.
Die Preisverleihung findet am 12. September im Rahmen des
Sächsischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertrei-
bung und Zwangsumsiedlung im Knappenrode statt.
Dr. Andreas Kossert
Dr. Jens Baumann
Helena Goldt
© Sebastian Pfütze
©
www.berlinograd.com

12
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25 Jahre Frauengruppe des BdV Limbach-Oberfrohna e.V.
Nach der Gründung des BdV in Limbach-Oberfrohna
1992 dauerte es nicht lange bis zur Gründung unserer
Frauengruppe 1994. Wir, die Kindergeneration 1945, die
aus verschiedenen Vertreibungsgebieten stammen, woll-
ten die Leistungen unserer Mütter und Großmütter in
schicksalhafter Zeit aufarbeiten, damit unsere Kinder und
Enkel ein noch unbewältigtes Kapitel europäischer Zeit-
geschichte des 20. Jahrhunderts besser verstehen können.
Außerdem wollten wir den Reichtum ostdeutschen Kul-
turgutes bewahren, um den besonderen Beitrag, den ost-
deutsche Frauen zur Kulturgeschichte ganz Deutschlands
geleistet haben, zu vermitteln. Damit wir unser Wissen
zum ostdeutschen Brauchtum erweitern konnten, besuch-
ten wir in all den Jahren Lehrgänge, organisierten Pro-
jektwochen und verarbeiteten die Informationen mit gro-
ßem Engagement auch zu Hause, um unsere Ziele besser
der Öffentlichkeit zu vermitteln. Herausgekommen sind
Ausstellungen z. B. zu den Themen „Lebensbereich der
Frau und Mutter“, „Sammeln – Bewahren – Vermitteln“,
„Trachtenschneiderei“ und „Erhaltung und Entfaltung des
ostdeutschen Kulturgutes und heimatlichen Brauchtums“.
Dabei entstanden in all den Jahren eine Vielzahl an Uni-
katen, wie Trachten, Wappen, Wandteppiche, Fensterbil-
der u. a. m., durch frühere Arbeitstechniken wie: Kreuz-
stich, Doppelstricken, Handschuhe häkeln, Weißstickerei,
Brügger Häkelarbeiten, Hardangern, Knüpfen und Nähen.
Unsere Erlebnisse zwischen 1944 und 1949 und danach so-
wie unsere Integration in unserer neuen Heimat Sachsen
konnten wir mehrfach in Projektwochen mit Schülern der
Pestalozzischule, Gerhard-Hauptmann-Schule und dem
Albert-Schweitzer-Gymnasium in Limbach-Oberfrohna
vermitteln. Es entstanden sogar „Brücken der Freundschaft“
durch unsere Organisation eines Comenius-Projektes zwi-
schen der Gerhard-Hauptmann-Schule Limbach-Ober-
frohna und dem lll. Gymnasium in Kreuzburg (Kluczbork)
in Oberschlesien. Die Gerhard-Hauptmann-Schule in Lim-
bach-Oberfrohna wurde 2013 sogar als eine von fünf Schu-
len Sachsens als „Europaschule“ ausgezeichnet.
Aus Altersgründen sind wir nicht mehr in der Lage, unse-
re Projekte weiterzuführen, und übergeben alle Unterlagen
und Dokumente dem Stadtarchiv zu Händen von Christian
Kirchner, damit diese in späteren Zeiten verfügbar bleiben.
Die Frauengruppe besteht jedoch heute noch unter der
Leitung von Frau Nadler, wenngleich mit einigen anderen
Mitgliedern, da einige Mitglieder aus Altersgründen ausge-
schieden sind.
Erna Stephan und Reinhard Gerullis,
BdV KV Chemnitzer Land e.V. und Landsmannschaft Ost-
und Westpreußen, Kreisgruppe Limbach-Oberfrohna
„Heimat in meinem Koffer – das Salz der Erinnerung“
Unter dieser Überschrift führten wir am 27. Juni 2021 in
unserer Begegnungsstätte in Chemnitz eine Veranstaltung
durch, bei der unsere persönlichen Geschichten im Mit-
telpunkt standen.
Wer kennt nicht das Spiel „Ich packe meinen Koffer und
nehme mit…“. Koffer packen – das kannten Deutsche aus
Russland sehr gut. Ob auf Einladung der Zarin Katharina
im 18. Jahrhundert, durch Zwangsumsiedlung während So-
wjetzeit oder bei der Rückkehr nach Deutschland – immer
wieder haben die Deutschen aus Russland Koffer gepackt.
Aber was nehme ich mit, wenn ich innerhalb einer kurzen
Zeit (wie z. B. bei der Deportation 1941) mich entscheiden
muss, was ich einpacke? Was ist für mich und meine Familie
wichtig, was lebensnotwendig? Komme ich jemals zurück?
Aus 40 Sachen auf unserer Liste durften unsere Teilnehmer
nur 10 ankreuzen, da im „Koffer“ ja nicht so viel Platz ist.
Das Interessante an unserem Experiment war, dass die gro-
ße Mehrheit die Familienfotos angekreuzt hat, gefolgt von
Wasserflasche, Lebensmittelkonserven und Anziehsachen.
Auch der Pandemie wurde gehuldigt, einige haben den
Impfausweis eingepackt. Ein paar Einzelne brauchten un-
bedingt Sonnenbrille und Sonnencreme.
Aber die Familienfotos waren fast allen wichtig. So über-
rascht auch nicht, dass unsere persönlichen Geschichten
sehr oft mit den alten Fotos beginnen, die unsere Groß-
eltern und Eltern bei dem unsteten Leben, das sie führen
mussten, überallhin mitgenommen haben und die wir
heute wie unseren Augapfel hüten.
Galina Zerr hatte neben den alten Fotos ihrer Familie
auch die Briefe ihrer Mutter an sie als Studentin aus den
Jahren 1960 bis 1963 ihr Leben lang aufbewahrt. Auch die
Geburtsurkunde eines ihrer Geschwister, der 1945 bei ei-
nem tragischen Unfall ums Leben kam, befindet sich noch
in ihrem Besitz.
Ida Böttcher bewahrt neben den vielen Familienfotos
auch die Konfirmationsurkunde ihrer Tante auf.
Johannes Bartle ist ein Handwerker. Er hat eine Säge
(Fuchsschwanz), einen Glasschneider, eine Schmiege aus
Metall und ein Maßband aus Russland mitgebracht, die
Gegenstände hat er noch von seinem Vater. Außerdem
bewahrt er ein Geschenk seines Onkels aus den 1970er
Jahren auf – ein Tintenfass. Die ältere Generation kennt
es noch aus der Schule, heutzutage sieht man es nur noch
im Museum.
Andreas Pfaffenrot bedauert sehr, dass seine Familien-
fotos allesamt bei der Übersiedlung nach Deutschland
verloren gegangen sind. Dafür besitzt er noch eine Münz-
und Scheinsammlung der russischen Rubel, die auch ein
schönes Andenken an das Leben in Russland ist.
Für Lilli Tews ist die alte Bibel und das Gebetsbuch ihrer

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Ein großes Projekt unseres Landesverbandes der Schlesi-
er konnte trotz der monatelangen Einschränkungen im
Vereinsleben abgeschlossen werden. Unsere Vereins-
standarte ist fertiggestellt! Wir konnten sie im Oktober
letzten Jahres noch aus der Stickerei abholen. Inzwischen
sind auch die beiden zugehörigen Fahnenbänder mit den
Namen der Spender eingetroffen. Im Vorfeld des Projek-
tes hatten wir mit einer Briefaktion um Spenden für den
langgehegten Wunsch des Vorstandes geworben. Die
Resonanz hat uns überwältigt. Über 2.300 Euro sind für
diesen Zweck auf unser Konto geflossen. Wir sind von
ganzem Herzen dankbar und überglücklich über die au-
ßerordentliche Spendenbereitschaft unserer Mitglieder
und Freunde. Das Ergebnis zeigt doch die Verbundenheit
unserer Mitglieder zum Verein und der Traditionspflege,
gerade auch in diesen schwierigen Zeiten. Viele Spender
haben wir in einem Dankschreiben im Dezember 2020
schon vorab über den Erfolg der Sammlung informiert.
Mit dieser Summe konnten wir sämtliche Ausgaben im
Zusammenhang mit unserer Vereinsstandarte aus den
Spendenmitteln bestreiten. 2021 wird noch eine Halte-
rung für die Standarte gefertigt. Nun suchen wir noch
nach einem passenden Termin, um unsere Standarte zu
präsentieren. Gedacht war, sie zum Deutschlandtreffen
der Schlesier in Hannover zu zeigen, welches aber aus
Landsmannschaft Schlesien/ LV Sachsen -
Schlesische Lausitz mit eigener Vereinsstandarte
Ida Böttcher mit ihren persönlichen Erinnerungen.
Erinnerungen von Lilli Tews.
Oma von unschätzbarem Wert. Die zwei Bücher (Ausgabe
ca. 1900) sind schon so zerfleddert, dass man beide nur „mit
Samthandschuhen“ anfassen kann, aber wenn man die vie-
len unterstrichenen Stellen sieht, dann hat man das Gefühl,
so viel über denjenigen, der darin gelesen hat, zu erfahren.
Diese Veranstaltung hat uns angeregt, auch weiterhin
unsere Erinnerungen miteinander zu teilen. Wie unsere
Moderatorin Galina Zerr zum Beginn der Veranstaltung
erklärt hat, die Erinnerung ist das Salz unseres Lebens.
Weißes Gold nannte man Salz früher, Salz war so kostbar,
dass die Römer ihren Soldaten als Lohn eine Ration Salz
auszahlten.
Ortsgruppe LMDR Chemnitz
Angedenken an das Gute
Hält uns immer frisch bei Mute.
Angedenken an das Schöne
Ist das Heil der Erdensöhne.
Angedenken an das Liebe,
Glücklich! wenn‘s lebendig bliebe.
Angedenken an das Eine
Bleibt das Beste, was ich meine.
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)
dem bekannten Grund abgesagt wurde. So werden wir
einen anderen geeigneten Tag finden. Vielleicht zum
Landesverbandstag in Freiberg oder zum Jahresab-
schluss in Wehlen beim Martinsgans-Essen?
Friedemann Scholz

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NEUES AUS KNAPPENRODE
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Am 5. Juli 2021 konnten Dr. Jens Baumann, Beauftragter
des Freistaates Sachsen für Vertriebene und Spätaussied-
ler, und Frank Hirche, Vorsitzender der Stiftung „Erinne-
rung Begegnung Integration – Stiftung der Vertriebenen
im Freistaat Sachsen“, das Vorhaben außerschulisches
„Bildungs- und Begegnungszentrum ‚Transferraum Hei-
mat‘ in Knappenrode“ vor dem Technischen Ausschuss
des Kreistages Bautzen präsentieren.
Wir erhielten von den Kreisräten volle Zustimmung
zum Abschluss eines Erbbaupachtvertrages mit der Stif-
tung. Damit ist das Vorhaben langfristig gesichert!
Wir danken der Kreisverwaltung für die gute Unterstüt-
zung und Begleitung. Dank auch an die Kreisräte für das
Vertrauen!
FUNDSTÜCK
Gesangbuch für Evangelisch-Lutherische Gemeinden
im Russischen Reiche, St. Petersburg 1905
Die Deutschen in Russland unterschieden sich durch
ihren evangelischen oder katholischen Glauben von
der russisch-orthodoxen Mehrheitsbevölkerung. Nach
der Gründung der Sowjetunion wurden die Kirchen ge-
schlossen und zum größten Teil in Turnhallen, Trakto-
rengaragen oder Kinos umgewandelt. Die Pfarrer wur-
den deportiert, kamen in Arbeitslager oder wurden nicht
selten umgebracht. Der Glaube konnte nur noch heim-
lich gelebt werden. Bibeln und Gesangbücher wurden
als wertvolle Familienschätze versteckt und erst bei der
Zwangsdeportation 1941 und später auch bei der Aus-
siedlung nach Deutschland mitgenommen. Das bestä-
tigt auch Lilli Tews (vgl. den Beitrag im Nachrichtenteil
dieser Ausgabe), für die die Bibel und das Gesangbuch
ihrer Großmutter aus der Zeit um 1900 mit all den Un-
terstreichungen von geradezu unschätzbarem Wert sind,
weil sie das Gefühl hat, „viel über denjenigen, der darin
gelesen hat, zu erfahren“.
Seit 1575 gab es im Russischen Reich evangelische
Kirchgemeinden. 1914 umfasste die Evangelisch-Luthe-
rische Kirche im Russischen Reich 263 Gemeinden im
eigentlichen Russland, 312 in den baltischen Ostseepro-
vinzen und 78 in Russisch-Polen. Es waren Gemeinden
deutscher, finnischer, lettischer und estnischer Sprache.
1867 wurde das erste einheitliche Gesangbuch in deut-
scher Sprache veröffentlicht, 1898 folgte eine erweiterte
Fassung.
Das vorliegende Gesangbuch entspricht dieser Ausgabe
und wurde 1905 in St. Petersburg gedruckt. Es enthält
552 Lieder, die Ordnung des Hauptgottesdienstes, die
Augsburger Konfession sowie auch „Verhaltungsregeln
und gesetzliche Vorschriften für die Gemeindeglieder
der Evang.-Lutherischen Kirche in Rußland“.
Das Gesangbuch, das als Exponat zur Geschichte der
Russlanddeutschen in Knappenrode ausgestellt werden
wird, stammt aus dem Besitz der Familie Rosa Kimmer-
les, die in Tiflis, heute Georgiens Hauptstadt Tbilisi, zu
Hause war. Ihre Familie gehörte zu den sogenannten
Kaukasusdeutschen (vgl. die Reportage in Heft 29). Rosa
Kimmerle nahm das Buch bei ihrer Deportation mit.
Durch Schenkung ihrer Enkelin Olga Weber kam es in
den Sammlungsbestand.
Dr. Lars-Arne Dannenberg

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Der Mensch hat immer eine Heimat und wär es nur der
Ort, wo er gestern war und heute nicht mehr ist.
Alexander von Villers
Am 9. April 1945 unterzeichnete der Infanteriegeneral der
deutschen Wehrmacht, Otto Lasch, im Kommandobun-
ker der Stadt Königsberg die Kapitulationsurkunde für
die Stadt Königsberg. Dadurch blieb die Zivilbevölkerung
vor weiteren Kampfhandlungen mit der Roten Armee
verschont. Ein Besuch des „Bunkermuseum“ ist eigentlich
ein Muss im Besichtigungsprogramm Königsbergs heute!
Königsberg lag aber schon vor dem Eintreffen der Roten
Armee zu weiten Teilen in Schutt und Asche. Gewalti-
ge Bombenangriffe der britischen Luftwaffe hatten Ende
August 1944 die gesamte Innenstadt zerstört. Die wich-
tigste Brücke über die beiden Pregelarme hatte allerdings
die Wehrmacht in die Luft gesprengt. Das Königsber-
ger Schloss, die Albertus-Universität, der dicht bebaute
Kneiphof mit dem Dom und die Lomse sowie strategische
Brücken wurden bombardiert und vernichtet. 5.000 Tote
und 200.000 Obdachlose waren das schreckliche Ergeb-
nis. Die Obdachlosen wurden in Städten und Gemeinden
in Nordostpreußen untergebracht. So auch Lotte Linde-
nau – die Besitzerin einer Drogerie kam nach Groß-Nuhr
in den Kreis Wehlau in das Haus meiner Mutter und mei-
ner Oma. Irgendwann lebten die Kontakte zu ihr wieder
auf. Seitdem kamen herrliche Weihnachtspakete mit Es-
sen nach Ziegenrück/Saale, wo wir unser neues Zuhause,
fern der Heimat, gefunden hatten.
Mit der Umbenennung der Stadt Königsberg in das russi-
sche Kaliningrad herrschte dort bis 1990 der Sozialismus
der Sowjetunion. Denken wir noch einmal zurück an die
DDR, dann wissen wir, wozu der Sozialismus in der Lage
war. So war es natürlich auch im Kaliningrader Gebiet.
Es gab keinerlei privates Eigentum. Die russischen Men-
schen gelangten vom zaristischen Feudalismus über das
sozialistische Volkseigentum in den real existierenden Ka-
pitalismus. Selbständigkeit kannten sie nicht.
Das gesamte Gebiet von Nordostpreußen wurde von ei-
nem Drittel der ehemals ansässigen deutschen Bevölke-
rung bewohnt und genutzt. Auf Grund der schwachen Be-
siedelung waren natürlich Siedlungen und ganze Dörfer
nicht mehr notwendig und somit dem Verfall preisgege-
ben. Nach 1990 wurden durch die Gebietsregierung und
den russischen Staat Schritt für Schritt die Stadt und das
Gebiet zu dem gemacht, was es heute ist. Diese Entwick-
lung verfolgen wir seit dem Jahr 2010.
Pregelufer mit den neuerbauten Häusern von Fischdorf
© ZKG
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REPORTAGE
Am 9. April 1945 war die 700-jährige Geschichte beendet:
Königsberg/Preußen wurde Калининград

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Liebe Heimatfreunde, kommen Sie mit zu einem Spazier-
gang durch die Innenstadt. Aus Richtung Südbahnhof
kommend, gehen wir über die Pregelpromenade, vorbei
an den sehr schön – mit bundesdeutschen Mitteln – res-
taurierten Speicherhäusern, über die hübsche Honigbrücke
zum Königsberger Dom. Die Bombenschäden wurden vor
allem mit Hilfe deutscher Spender und politischer Hilfe des
damaligen Kanzlers Gerhard Schröder sowie des Außenmi-
nisters Joschka Fischer beseitigt. Auch der Dom wurde im
alten Glanz wiederaufgebaut. Der Kneiphof, auf dem der
Dom steht, war – wie schon erwähnt – von den Briten dem
Erdboden völlig gleich gemacht worden. Heute ist hier eine
gepflegte Parkanlage mit vielen Skulpturen entstanden. Der
Dom ist daher weniger ein Gotteshaus als vielmehr ein Kon-
zerthaus, in dem beinahe täglich Orgelkonzerte und andere
musikalische Darbietungen stattfinden. Am Nordflügel des
Domes befindet sich die Grabstädte des Philosophen und
vielleicht größten Sohnes von Königsberg, Immanuel Kant.
Diese Erinnerungsstätte wird heute von den neuen Stadtbe-
wohnern gepflegt und in Ehren gehalten.
Am linken Pregelufer erkennen wir die Neue Königs-
berger Börse. Weiter über die Kneipsche Langgasse zum
Mitteltragheim erreichen wir das Kaliningrader Museum
für Geschichte und Kunst. Das Schöne an unserem Spa-
ziergang ist, wir können alle alten „deutschen Sehenswür-
digkeiten“ zu Fuß erreichen. Für das leibliche Wohl ist
in komfortablen Bars und unzähligen Freisitzen gesorgt.
Neben den insgesamt neun Museen – alle führen auch
die deutsche Vergangenheit an – empfehle ich einen Be-
such der Befestigungsanlage aus dem Jahr 1634 mit den
zu ihr gehörenden sieben Stadttoren, die einzigartig und
ein Markenzeichen Königbergs sind. Im innerstädtischen
Gebiet finden wir das Bunkermuseum, das Bernstein-
museum im Dohnaturm, den Schloss- und Oberteich
mit den herrlichen Kaskaden. Für alle Interessenten ist
wichtig zu wissen, dass nach dem Ersten Weltkrieg 1920
die „Deutsche Ostmesse Königsberg“ vom Reichspräsi-
denten Friedrich Ebert eröffnet wurde. Diese Messe fand
vornehmlich in der Zentralmarkthalle statt und sollte das
Handelsschaufenster zur Sowjetunion werden. Die Natio-
nalsozialisten verhinderten allerdings das weitere Wach-
sen und Werden der Ostmesse. Heute sind das „Haus der
Technik“ und ein Hallenkomplex (die Zentralmarkthalle)
für jedermann zugängig.Und vielleicht haben Sie auch In-
teresse an einer Besichtigung des schönen Südbahnhofs
und des Nordbahnhof.
Liebe Landsleute und Freunde unserer Heimat Ostpreu-
ßen, mit meinem Beitrag möchte ich Sie ermuntern, die
schöne Stadt Königsberg zu besuchen. Ja, dort wird jetzt
russisch gesprochen und geschrieben. Für uns Deutsche
ist die Stadt wegen ihrer deutschen Architektur mit den
vielen restaurierten Gebäuden und Anlagen immer wie-
der ein Weg zurück nach Hause. Vieles habe ich nicht er-
wähnt, dabei gibt es noch so viel mehr zu sehen!
Bei Interesse können Sie sich gerne an mich wenden: Tel.:
0341/9010730, Mail: ebs.grashoff@web.de.
Und falls ich ihr Interesse wecken konnte, bin ich gern
bereit, mit Ihnen in das „Land der dunklen Wälder“ zu
fahren. Wir werden Land und Leute mit ihren Besonder-
heiten kennenlernen … Bleiben Sie schön gesund und
neugierig!
Heimatliche Grüße senden Ihnen
Barbara und Eberhard Grashoff
Bei der Pause
Am Bahnhof
© ZKG
© ZKG
Im Bahnhof

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AUS DER HEIMAT – FÜR DIE HEIMAT
Wassili Neuwirt wurde geboren am 20. Mai 1951 in Omsk
und ist Mitglied einer deutschen Familie aus Hessen, de-
ren Vorfahren sich einst aus bescheidenen Verhältnissen
ihr Glück in Russland suchend, der Einladung Katharina
II. folgend, in der späteren Wolgarepublik niederließen.
Ein langer, beschwerlicher und entbehrungsreicher Weg
zum Ziel. Dort angekommen im Nichts, galt es, die Är-
mel hochzukrempeln, eine neue Existenz aufzubauen,
was ihnen auch gelang. Dabei waren aber auch Neid und
Missgunst der dort angestammten Bewohner ihre Beglei-
ter, die sich mit Beginn der Sowjetzeiten steigerten und
nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit dem Erlass zur
Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen vom 28. August
1941 der Familie einen neuen Tiefpunkt bescherten.
Sie mussten Hab und Gut zurücklassen, standen wieder-
um vorm Nichts. Für die Großeltern und Geschwister Da-
vids – Wassilis Vater - endete die Deportation im Omsker
Gebiet. Das war Glück im Unglück, denn sie „landeten“ in
einem seit dem 19. Jahrhundert von deutscher Besiedlung
geprägten Gebiet, das sogar 50 Jahre später – nach dem
Zerfall der Sowjetunion – zum deutschen Nationalrayon
erklärt wurde. Dennoch hieß es für die Familie wieder
Wassili Neuwirt
„Ärmel hochkrempeln“ und eine neue Existenz aufbau-
en, was mit Erfolg belohnt wurde. Wassili konnte unbe-
schwert aufwachsen, die Schule besuchen und sogar ein
Studium in Omsk absolvieren, das ihm die Tätigkeit eines
leitenden Buchhalters in einem großen Landwirtschafts-
betrieb ermöglichte, um seine inzwischen gegründete Fa-
milie zu versorgen.
Trotz der Unterstützung des deutschen Rayons durch die
Bundesrepublik Deutschland nach dem Zerfall der Sow-
jetunion war für die nunmehr schon herangewachsenen
Kinder Wassilis mit guter Ausbildung keine Perspektive
mehr erkennbar. Viele der Deutschen, mehr als je zuvor,
zog es nun nach Generationen zurück nach Deutschland.
Dieser innerlich schon immer schwelende heimliche
Wunsch von einzelnen Neuwirts war nun auch zum ge-
meinsamen Willen der Familie herangewachsen. Wassi-
lis Eltern entschieden, dass die Familie zusammen in die
Heimat der Vorfahren zurückkehrt und dort gemeinsam
Wassilis Schwester Natalia Neuwirt, Wassili Neuwirt und Tochter Julia (von
links nach rechts) in der Reiseagentur Neuwirt Leipzig:
Samowar der Familie für die Ausstellung in Knappenrode

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Käthe Kollwitz (1867–1945) –
eine Künstlerin mit Wurzeln in Königsberg/Preußen
Selbstbildnis im Profil nach rechts, 1938 (?), Kreide- und Pinsellithographie
© Wikimedia
möglichst nah beieinander leben soll. Das war wichtig für
sie, denn inzwischen lebten in Russland Teile der Familie
3.000 km voneinander entfernt.
Nach dem Überwinden langwieriger, bürokratischer Hür-
den war es am 19. Juni 1997 endlich soweit, 21 Personen
der Großfamilie durften als Aussiedler von Omsk nach
Hannover fliegen. Über die Aufnahmelager Bramsche und
Bärenstein kamen sie nach einem Monat und 10.000 zu-
rückgelegten Kilometer endlich an ihrem Zielort Leipzig
an und begannen sich sofort mit Sachsen zu identifizieren.
Weitere Teile der Familie folgten in den Jahren 2001 bis
2004, so dass nun alle Neuwirts mit insgesamt 36 Perso-
nen wieder in der Heimat ihrer Vorfahren Deutschland zu
Hause sind.
Ihre Integration in Sachsen bereitete der Familie auf
Grund der positiven Einstellung zur neuen, alten Heimat
wenig Probleme. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Sie
liegen einerseits in der Aufgeschlossenheit und Kontakt-
freudigkeit sowie der ausgeprägten gegenseiteigen Hilfs-
bereitschaft der Mitglieder, die sie auch anderen Spät-
aussiedlern zuteilwerden lassen, was sich auch in ihrem
ehrenamtlichen Engagement in unseren Vereinen, wie
z.B. der LmDR und dem Deutsch-Russischen Zentrum
Sachsen ausdrückt. Zum anderen fußen sie auf ihrem
hohen mitgebrachten Qualifikationsniveau, gepaart mit
Erfahrungen. So haben z. B. 15 Personen Hochschulab-
schlüsse, die allesamt Anerkannt wurden. Mühsam war
es jedoch, trotz Unterstützung durch die Arbeitsagentur,
qualifikationsgerechte Jobs zu finden. Einige mussten zu-
nächst unterqualifizierte Arbeiten annehmen und/oder
haben dadurch kostbare Arbeitsjahre verloren. Ältere
gingen auch so in den Ruhestand.
Jetzt, im dritten Jahrzehnt wieder in Deutschland zu Hau-
se, gehören der Familie Ärzte, Anwälte, Lehrer, Apothe-
ker, Programmierer, Betriebswirte, Bankangestellte, Ver-
sicherungsfachleute, Designer und Führungskräfte an, die
größtenteils unsere Wirtschaft und die Infrastruktur in
Sachsen bereichern. Darüber hinaus ist die Familie trotz
schmerzlicher Verluste aus der älteren Generation auf 61
Personen angewachsen. Sie erhielt Zuwachs durch neun
junge Familien und 20 hier geborene Kinder.
Wassil, nun schon einige Jahre im Ruhestand, hat es sich
zur Aufgabe gestellt, mit weiteren Mitgliedern der Familie,
die einst von seiner verstorbenen Tante begonnene, aber lei-
der verschollene Familienchronik aufzuarbeiten.
Wir freuen uns, vielleicht zeitnah eine geschlossene Abhand-
lung eine Spätaussiedlerfamilie von der Auswanderung aus
Hessen nach Russland bis zur Wiederkehr nach Sachsen ver-
öffentlichen zu können. Nicht unerwähnt soll auch bleiben,
dass uns die Familie für die Ausstellung im Weiterbildungs-
und Begegnungszentrum der Vertriebenen und Spätaussied-
ler in Knappenrode einen Samowar stiftete.
Dr. Manfred Hellmund
Die später berühmte Künstlerin Käthe Kollwitz ist ein
Kind Ostpreußens. Am 8. Juli 1867 als Tochter des Mau-
rermeisters Karl Schmidt in Königsberg geboren, verleb-
te sie ihre Kindheit und Jugend dort. Ihr Vater, der ihre
künstlerischen Neigungen erkannte, ermöglichte ihr ab
1881 Kunstunterricht bei Rudolf Mauer. 1885 ging Käthe
Kollwitz nach Berlin und bildete sich in der Damenaka-
demie des Vereins der Berliner Künstlerinnen weiter, wo
sie sich insbesondere von den graphischen Arbeiten Max
Klingers inspiriert fühlte, wie sich später in ihren eige-
nen graphischen Arbeiten und Radierungen zeigen sollte.
Schon 1886 kehrte sie nach Königsberg zurück und nahm
an der Kunstakademie ihrer Heimatstadt bei Emil Neide
Unterricht, ehe sie nach München wechselte, um sich zu
vervollkommnen. 1890 kehrte die Malerin nach Königs-
berg zurück und heiratete den Arzt Karl Kollwitz. Nur ein
Jahr später, 1891, zog das junge Paar nach Berlin, wo auch
die beiden Söhne Hans (1892) und Peter (1896) geboren
wurden. In Berlin unterrichtete Käthe Kollwitz nun selbst
an ihrer vormaligen Ausbildungsstätte, der Damenakade-
mie. Aufsehen erregte die Ausnahmekünstlerin mit ihrem
Radierungen-Zyklus „Ein Weberaufstand“, mit dem sie
sich 1898 an der Berliner Kunstausstellung beteiligt hatte.
Ihr Sohn Peter fiel gleich zu Beginn des Ersten Weltkrie-
ges 1914. Die Trauer und den Schmerz über den Verlust

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verarbeitete sie u.a. in der Skulptur „Trauerndes Eltern-
paar“. Auch wenn sie keiner Partei angehört hatte, wollte
sie in ihren Arbeiten die Lage der Arbeiter darstellen. Vor
Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sie einen
Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront un-
terzeichnet, was ihr 1933 zum Verhängnis wurde, als sie
als Leiterin der Meisterklasse für Grafik an der Preußi-
schen Akademie der Künste entlassen wurde. Zwar durfte
sie fortan nicht mehr ausstellen, schuf aber relativ unbe-
helligt zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie auch Plas-
tiken. 1940 starb ihr Mann, und auch Käthe Kollwitz war
altersbedingt gesundheitlich angegriffen. 1943 verließ sie
Berlin wegen der Bombenangriffe auf die Stadt und fand
zunächst in Nordhausen Unterschlupf.
Im Juli 1944 schlug Prinz Ernst-Heinrich von Sachsen, der
Käthe Kollwitz schätzte und mehrere Grafiken erworben
hatte, vor, vom bombengefährdeten Nordhausen nach
Moritzburg umzuziehen. Freilich traute er sich nicht, die
von den Nazis verfemte „entartete Künstlerin“ im Schloss
Moritzburg unterzubringen und fragte die befreundete
Familie der Grafen zu Münster, die seit 1896 den Rüden-
hof besaßen, ob sie Käthe Kollwitz bei sich aufnehmen
würden, was Gräfin Ida zu Münster auch ohne zu zögern
tat. Hier bewohnte sie in der ersten Etage mehrere Zim-
mer mit Blick auf Schloss Moritzburg, und hier starb sie
auch am 22. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende.
Dagegen wurde ihre Gastgeberin, Gräfin Ida zu Münster,
nach Kriegsende im Sommer 1945 enteignet und floh mit
ihrer Tochter Jutta 1948 nach Westdeutschland. Sie starb
1967, ohne ihre Heimat je wiedergesehen zu haben. Rück-
übertragungsansprüche nach 1990 scheiterten mit dem
Verweis, dass sich dort die Käthe-Kollwitz-Gedenkstätte
befinde, die dort 1995 eingerichtet worden war. Sie gilt
heute als einziger authentischer Wohnort von Käthe Koll-
witz, obwohl ihr Rückzugsort in Nordhausen ebenfalls er-
halten geblieben ist.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
Die Käthe-Kollwitz-Gedenkstätte im Rüdenhof Moritz-
burg steht nun wegen fehlender Finanzierung auf wack-
ligen Füßen. Deswegen wurde eine Unterschriftenpetition
organisiert, über die mich unsere Dresdner ostpreußische
Familie Hummel im Februar 2021 informierte.
Mein Einsatz war, Unterschriftsformulare und die Erklä-
rung dazu für die Aktion vielfach zu kopieren und zu ver-
schicken, nach Chemnitz, Leipzig, Dresden, Hoyerswerda
usw. Unsere Handarbeitsgruppe in Dresden war oft in
diesem Haus. Die Dresdner Bildhauerin, Zeichnerin und
Malerin Konstanze Feindt Eißner ist mit der Kunst von
Käthe Kollwitz sehr verbunden. Darum leitete sie diese
Aktion der Petition. Mehrmals habe ich sie besucht und
mich mit ihr über den Stand der Unterschriften-Aktion
ausgetauscht. Letztlich, zwei Tage vor Aktionsende am 7.
Mai 2021 zählte sie rund 8.000 Unterschriften. Am 7. Mai
2021, 10.00 Uhr wurden öffentlich am Landtag an den
Landtagspräsidenten Dr. Matthias Rößler die 8.000 Un-
terschriften übergeben. Die Aussichten stehen gut...
Edith Wellnitz aus Königsberg, Pr.
Vorsitzende der Gruppe Dresden der Landsmannschaft
Ost- und Westpreußen
Moritzburg, Meißner Straße 7, Rüdenhof
© Wikimedia

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20
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___________________________
VERMISCHTES
Die Kropftauben aus Schlesien
Als Bekenntnisschlesier mit schlesischen Wurzeln und ak-
tiver Rassetaubenzüchter möchte ich Ihnen diesen Zweig
schlesischer Kultur etwas näherbringen. Schlesien war ein
vielfältiges Land mit einsamen Waldlandschaften, Gebirge,
kleinen und großen Dörfern im Umland der Kreisstädte.
Man fand Industrie, Gewerbe und Handel in einem gesun-
den Verhältnis zueinander. Den Motor des Landes bildete
aber auch auf breiter Ebene eine in Jahrhunderten gewach-
sene bäuerliche Kulturlandschaft.
Ich glaube, die vertriebenen schlesischen Bauern der Nach-
kriegsjahre wanderten voller Wehmut und Sehnsucht ini-
ihrer versunkenen Welt und träumten manche Nacht von
erntereifen Weizenfeldern im Sommer und hochgeladenen
Rübenkarren im Herbst.
Auf diesen kleinen und großen Bauernhöfen sowie auch auf
den großen Gutsbetrieben war eine Taubenhaltung seit al-
ter Zeit traditionell verankert, und genau von diesen schle-
sischen Kröpfern, die einst in Schlesien von Bauern, Guts-
besitzern und Handwerkern erzüchtet und geliebt wurden,
möchte ich nun berichten.
Bereits Robert Oettel, Gründer unserer organisierten Rasse-
geflügelzucht, und sein Schwiegersohn August Kienitz wa-
ren durch die Freundschaft zu Alfred Fechner, dem späteren
Vereinsgründer und Schriftführer der Züchtervereinigung,
aber auch durch viele Züchterbesuche in der Region Görlitz,
Guhrau, Schweidnitz, Breslau, Reichenbach bis nach Glei-
witz und Beuthen über den Stand der schlesischen Kröpfer-
zucht informiert und immer interessiert. Allerdings macht
man in gehobenen Kreisen kein großes Aufsehen um die-
sen Bauerkröpfer, der zwar überall bekannt und beliebt war,
aber mit jenen überaus eleganten Kropftauben aus England
und Frankreich nicht mithalten konnte. Über Jahrzehnte
wurde Görlitz auch nach dem Ableben von Oettel ein wich-
tiger Ausstellungs- und Informationsort der schlesischen
Kröpferzucht. Dies geht auch aus der Gründungsgeschichte
der Züchtervereinigung hervor.
Nach 1920 zeigte überregional reichende Werbung durch
Rasseberichte und Vereinsmitteilungen in den Fachzeit-
schriften durch A. Fechner, Dr. L. Friese und nach 1945 von
den Zuchtfreunden Weinhardt, Hanitzsch, Hilger, Gerhard
und vieler hier ungenannter Züchterpersönlichkeiten große
Wirkung. Die Schlesischen Kröpfer wurden in allen Rassen
und Farbanschlägen in die Öffentlichkeit getragen, beachtet
und anerkannt. Umso erstaunlicher, dass bisher noch keine
zusammenfassende Abhandlung veröffentlicht wurde.
Nachstehende Rassevorstellung soll daher Aufklärung und
Mitteilung über den Schlesischen Kröpfer in erster Linie
den weniger erfahrenen Züchtern und neuen Liebhabern
dienen. Die Formvermischungen zu anderen Kröpferrassen
müssen erkannt werden und auch bei älteren Züchtern zu
neuen Aktivitäten und Erkenntnissen führen.
Schon seit langem sind Kropftauben in ihrer ständig zu-
nehmenden Rassezahl bekannt und wurden auch vielfach
beschrieben. Allerdings wurde dabei nur recht spärlich und
vor allem auf Vermutungen basierend auf den Schlesischen
Kröpfer und seine Existenz eingegangen. Auch Prütz er-
wähnt 1876 zwar unseren altbekannten „Elsterkröpfer“, geht
aber nicht weiter auf schlesische Kropftauben ein, obwohl
der Elster den gleichen Ursprung wie der Schlesier hat. Be-
reist 1869 berichtete Neumeister von Plätscher Kropftauben,
wobei es sich sicherlich um Steller oder Steiger handelte. Das
„Prachtwerk sämtlicher Taubenrassen“ von Schachtzabel aus
dem Jahr 1909 wurde besonders im Bildmaterial und durch
seine bisher einmalige Abbildung als Grundlage der ersten
provisorischen Musterbeschreibung schlesischer Kropftau-
ben ein Jahr nach der Vereinsgründung der Züchterverei-
nigung von 1913 herangezogen. Die Herkunft der schlesi-
schen Kropftauben ist mit Sicherheit auf das Gebiet Böhmen
und Mähren zu beschränken und der Ursprung der Rasse
glattfüßigen mittelgroßen Deutschen Kröpfer zuzuschrei-
ben. Auch sollte man sich hüten, die Erzüchtung der ein-
zelnen Schlesierrassen nur unserer Nation anzudichten. In
mehr als 500 Jahren der uns bekannten Kropftaubenexis-
tenz sind die wechselnden Gebietsansprüche verschiedener
Nationen – dies betraf vornehmlich das Terrain Böhmen/
Mähren/Schlesien – geschichtlich benannt. So waren mit
großer Wahrscheinlichkeit nicht nur die Deutschen, son-
dern auch Züchter aus Österreich, Tschechien und Polen an
ihrem Erhalt und der Weiterverbreitung beteiligt.
Unbestritten ist, dass die schlesischen Züchter Rohlinge auf-
genommen haben und durch Züchterfleiß, Geduld und gro-
ße Opfer feinste Rassetauben und sehr viele schöne Farben-
schläge erzüchtet und geformt haben. Dies bestätigte auch E.
Zurth in der Buchreihe „Unsere Tauben – Kropftauben“. In
der Geschichte der Weißplatten konnte er mitteilen, wonach
Lehrer Jäger aus Eulau in Böhmen 1908 gesagt habe, dass
dieser Kröpfer, gemeint waren Weißplatten, seit ungefähr
150 Jahren in Mähren heimisch sei und zwischen 1830 und
© Wikimedia, Foto: Jim Gifford

21
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1840 nach Schlesien gebracht wurde. Viel – aber doch we-
nig aussagend – wurde über die Herkunft der Schlesischen
Kröpfer geschrieben und verbreitet. Die richtigen und auch
glaubhaften Worte von Hanitzsch (1961) brachte Marks
1985 in einer sicher zutreffenden Schilderung über die Her-
kunft der Rasse zu Papier. „Die Schlesischen Kröpfer gehö-
ren zu einer sehr alten, in mehreren Unterarten und Arten
vorkommenden Kröpferform. Die alte, mittelgroße deutsche
Kropftaube ist deren direkter Vorfahre. Ihr Verbreitungsge-
biet war Mitteleuropa, wo vor allem die Landbevölkerung
diese Taube hielt. Sie waren etwas grob, massig in ihrem Äu-
ßeren mit verschiedenen Kropfformen, glattköpfig, behaubt,
stets glattfüßig, vital, fruchtbar und fluggewandt. Eigen war
ihnen jedoch ein reichhaltiges Farb- und Zeichnungsspiel.
Durch Verschiedenheit in einzelnen Zuchtgebieten ergaben
sich nach und nach wesentliche Unterschiede von anderen
Rassen, die durch Geschmack und Phantasie der damaligen
Züchter beeinflusst, zu Neuem entwickelt worden sind.“
Hier kann man Hanitzsch nur zustimmend beipflichten.
Wie heute allgemein bekannt, bildeten sich für die einzel-
nen Schlesischen Kröpferrassen Zuchtzentren. So hatte
der Schalaster in der Gegend von Rubnik, Pleß, Leoschütz
und Katschern seine größte Verbreitung. Nicht weit weg
waren im oberschlesischen Industriegebiet die Starwitzer
zu Hause. Die Weißplatten hatten um Breslau ihre größte
Verbreitung, waren aber auch bis an das Katzengebirge in
Trebnitz, Guhrau und nach dem Ersten Weltkrieg in West-
deutschland anzutreffen. Die Einfarbigen und Schimmel
fanden um Langenbielau und in den Dörfern am Rande des
Eulengebirges besonders viele Liebhaber, und man sprach
nach Fechner oft von Schlesiertälern. Nicht unerwähnt sol-
len aber auch die Steiger- und Elsterkröpfer bleiben.
August Wiesner, Schweidnitz, später wohnhaft in Witten an
der Ruhr, ein hervorragender Kenner und Preisrichter der
Schlesischen Kropftauben seit 1920, verkündete anlässlich
der 50. Nationalen in Dortmund 1968 auf Nachfrage stolz,
Steiger und Elstern gab´s bei uns in Schlesien in jedem grö-
ßeren Dorf, Junge! Und so wird es wohl gewesen sein!
Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte es aber laut Lesch den
Anschein, dass die heimischen Kröpferzucht rückläufig
war oder vernachlässigt wurde. Die eingeführten hoch-
stehenden und eleganten englischen und französischen
Kröpfer waren begehrt und wurden sehr beachtet. Sie
brachten aber auch die heimische Kröpfergilde in Unru-
he. Besorgnis um den Erhalt der alten Rasse machte sich
über weite Teile ihrer Verbreitungsgebiete bemerkbar und
führte zu neuem Leben und zur Gründung vieler Züchter-
vereinigungen der deutschen Kröpfer – wie bekannt aus
den Reihen der Schlesischen Kröpfer: die Steigerkröpfer
im Jahr 1906, denen nur ein Jahr später die Elsterkröpfer
folgten sowie für die gesamten heimischen Kröpferrassen
(nachfolgend beschrieben) 1913.
Besonders nach dem Ersten Weltkrieg fanden die schle-
sischen Kröpferrassen eine zuvor nie geahnte starke Ver-
breitung und wurden mehr und mehr in fast allen Teilen
Deutschlands bekannt. Sie waren als sehr fruchtbare und
vitale Rassetauben begehrt. Die ständig zunehmende Zahl
von Rasseveröffentlichungen in den Fachzeitschriften und
wesentliche Verbesserungen markanter Rasenmerkmale
führten zu großer Beliebtheit als Ausstellungstaube.
Die erste Musterbeschreibung wies allerdings nach we-
nigen Jahren deutliche Unklarheiten auf. Dies betrafen
im Wesentlichen das Blaswerk und die Schenkelfreiheit.
Selbst Lesch veröffentlichte 1926 noch die alte Musterbe-
schreibung, in der das Blaswerk flaschen- oder walzenför-
mig zitiert wird. Die idealisierten Darstellungen zeigen
aber bereits eine deutliche Taillenbildung. Auch die bishe-
rige Auslegung der Schenkel: „gut abgedeckt“, entsprach
nicht mehr der Zielsetzung einer aufrecht stehenden Tau-
be. 1930 wurde durch den Züchterverbands-Vorsitzenden
Dr. Friese eine der Zuchtentwicklung entsprechende neue
Musterbeschreibung beim Bund eingereicht. Diese wurde
zwei Jahre später anerkannt und ist bis auf geringe Ab-
änderungen noch heute Leitfaden aller Züchtertätigkeiten
für den Schlesischen Kröpfer. Trotz aller Schwierigkeiten
nach 1933, hierüber berichtete Paul Doll in „100 Jahre
Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter“ sehr ausführlich,
verbreitete sich der Schlesische Kröpfer über fast alle Lan-
desteile in Deutschland und wurde von Jahr zu Jahr be-
liebter. Viele schlesische Züchter beschickten unter heute
nicht mehr vorzustellenden finanziellen Opfern Bundes-
Siegerschauen, ja selbst bis nach Essen, und warben für
die Rasse.
Außerhalb Schlesiens bildeten sich Zuchtzentren mit großer
Werbewirksamkeit durch überaus aktive Züchterpersönlich-
keiten. Sie waren es, die nach 1945, nach dem Verlust von
Schlesien und damit fast aller Zuchten, den Aufbau einlei-
teten. In allen Zonen des aufgeteilten Deutschlands fanden
Flüchtlinge und Heimatvertriebene ein neues Zuhause. So
wie Erich Tulke aus Osterode immer sagte, die Heimat haben
wir für immer verloren, aber unseren Schlesischen Kröpfer
kann uns niemand nehmen! Das große Leid vieler Men-
schen wurde zum großen Glück für die Rasse der Schlesier.
Nicht nur die alten Züchter, sondern mehr und mehr heimi-
sche Taubenliebhaber fanden Gefallen an den schlesischen
Schönheiten.
In nur wenigen Jahren hatte der Schlesier überall in
Deutschland gefestigte Zuchten, wurde rassisch verbessert
und zu einer gern gezüchteten und sehr beliebten Rasse-
taube geformt. Mittlerweile haben die Schlesischen Kröp-
fer nicht nur in Deutschland eine neue Heimat gefunden.
Ihre Beliebtheit und große Verbreitung bekunden viele
Rassegeflügelschauen mit zahlreicher Beschickung insbe-
sondere aber die wichtigsten Sonderschauen mit oft mehr
als tausend Tieren. Was würde wohl Dr. Lothar Friese zur
Entwicklung seiner so sehr geliebten Kröpfer sagen? Noch
1938 schrieb er in der Geflügel-Börse aus Besorgnis um
die Rassen: „Aber der letzte Kraftquell liegt noch anders-
wo. Im schlesischen Heimatboden. Ein Loslösen unserer
Kröpfer vom Schlesierland würde ihren allmählichen Un-
tergang zur Folge haben!“
Hier irrte Dr. Friese. Zum Glück hatte er die Kraft und
den unbändigen Erhaltungswillen der Rasse unterschätzt.
Die Anpassungsfähigkeit der Rasse aber auch die der alten
Züchter, haben zu einer nicht erwarteten Verbreitung ge-
führt. Und so fliegen sie heute wieder überall im deutschen
Vaterland. Schlesische Kropftauben werden aber überwie-
gend in Volieren gepflegt, gezüchtet und für nachfolgende
Generationen erhalten.
Andreas Klose

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22
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___________________________
Auf der Suche nach Rezepten
Junger Fleischermeister, Mitglied der Landsmannschaft
Schlesien in Sachsen/Schlesische Oberlausitz, sucht Re-
zepte für traditionelle schlesische Wurst- und Fleischwa-
ren. Ich möchte die fast vergessenen Spezialitäten in mein
Angebot aufnehmen und so meinen Beitrag zum Erhalt
dieser ostdeutschen Erzeugnisse leisten. Bitte helfen Sie
mir, Schömberger und Jauersche Würstchen, Wellwurst,
Knoblauchwurst u. a. schmackhafte schlesische Waren den
Menschen wieder nahezubringen.
Zuschriften bitte an: LM Schlesien/LV Sachsen e.V., Frie-
demann Scholz, Wöhlerstraße 22, 01139 Dresden oder
per Email: kontakt.lmslvsn@gmail.com
Eingang zum Bahnhof mit der mehrsprachigen Gedenktafel.
ERINNERUNG
Eine Gedenktafel am Bahnhofsgebäude in
Hohenelbe/Vrchlabí erinnert an die ehemaligen deutschen
Bewohner der Hohenelber Region
Eine einmalige Geste der Versöhnung
mit den Vertriebenen
Ende Februar 2021 wurde am Bahnhofsgebäude in Ho-
henelbe/Vrchlabí eine Gedenktafel zur Erinnerung an die
ehemaligen deutschen Bewohner der Region Hohenelbe
und deren Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg in den
Jahren 1945 und 1946 am Bahnhof Hohenelbe angebracht.
Die Gedenktafel entstand dankenswerter Weise durch die
Zusammenarbeit der Stadt Vrchlabí/Hohenelbe (Bürger-
meister Jan Sobotka und sein Stellvertreter Michael Váv-
rov), dem Krkonošské muzeum/Riesengebirgsmuseum,
dessen Historker Jiří Louda den Text erstellte, und der Ver-
waltung des Krkonošsky národní park/Nationalpark Rie-
sengebirge (stellvertretender Direktor Jakub Kašpar). Das
Anbringen der Tafel war auch einer der letzten Wünsche
von Hana Jüptnerová vor ihrem Tod am 7. Oktober 2019,
die sich für die Versöhnung der einstigen mit den heutigen
Bewohnern im Riesengebirge mit ganzem Herz einsetzte.
Die Tafel ist eine große Geste an die vertriebenen Deut-
schen und die sehr gute Zusammenarbeit durch den Hei-
matkreis Hohenelbe/Riesengebirge e. V., den Heimatorts-
betreuern und den vielen Gemeindetreffen seit 1990 in der
alten Heimat mit den heutigen Behörden und Einwohnern.
Eine erste Tafel in Hohenelbe/Vrchlabí erinnert an Viktor
Kugler, ein in Hohenelbe Geborener, der nach dem Über-
fall der Nazis auf die Niederlande zwei jüdische Familien
in Amsterdam versteckte, darunter Anne Frank (siehe den
Beitrag von Erich Busse in „Vertriebene und Spätaussied-
ler in Sachsen“ Ausgabe 3/2017, S. 9).
Die Erstellung und Anbringung der Tafeln wurden vorberei-
tet durch den Konvent der Gemeinde der Evangelischen Kir-
che der Böhmischen Brüder in Hohenelbe, die u. a. das große
Vorhaben, die Versöhnung der Tschechen und Deutschen
zum Ziel hat.
Alle Vertreibungszüge aus der Region Hohenelbe zwi-
schen Mai 1945 und November 1946 begannen am Bahn-

image
23
___________________________
Reguläre Vertreibungstransporte im Jahre 1946
BezirkOrt
Hohenelbe
Sammellager
Sammellager
Hohenelbe- Grenzdurchgangslager
- Grenzdurchgangslager- Zielort
- Zielorte
Lfd.
ČSR
Amerikanische Besatzungszone
Sowjetische Besatzungszone
Bemerkungen
Nr.
Sammellager Bezirk
zuständig für
Namensliste Ankunfts-
Grenzdurch- An-
Zielort
Ankunfts-
Grenzdurchgangs-
An-
Zielort
Bezirke
im Archiv
tag
gangslager
zahl
tag
lager
zahl
F.i.W. Wie Pers.
Bra
Pir
Pro
Pers.
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
1
Hohenelbe/
Hohenelbe/ Hohenelbe/
Trautenau/
21.02.46
x
1200 Höchst
2
Vrchlabí
Vrchlabí
Vrchlabí
Trutnov
08.03.46
x
1200 Frankenberg/Eder
3
Starkenbach/
11.04.46
x
1200 Dachau
4
Jilmenice
26.04.46
x
1200 Augsburg
5
Neu Paka/
08.05.46
x
1197 Kassel
6
Nová Paka
21.05.46
x
1200 Schwäb.-Gmünd
7
21.06.46
x
1190 Altenburg
8
28.06.46
x
1220 Gera-Langenb.
9
06.07.46
x
1196 Eisenberg
10
12.07.46
x
1195 Rehmsdorf
11
20.07.46
x
1205 Rehmsdorf
12
31.07.46
x
1161 Rehmsdorf
13
08.08.46
x
1203 Ludwigslust
14
20.08.46
x
1170 Luckenwalde
15
07.09.46
x
1227 Neustrelitz
16
17.09.46
x
1183 Ludwigslust
17
22.10.46
x
1182 Regensburg
18
18.11.46
x
1186 Augsburg
Grenzdurchgangslager: F.i.W. - Furth im Wald, Wie - Wiesau in der Oberpfalz, Bra - Bad Brambach, Pir - Pirna, Pro - Prossen bei Bad Schandau
Im Transport Nr. 17 waren 360 Personen vom Sammellager Hohenelbe, im Transport Nr .18 waren 148 Personen vom Sammellager Hohenelbe.
Tabelle über die Aussiedlung der Sudetendeutschen mit Eisenbahntransporten mit Ankunft in Deutschland
Tabelle über die Ankunft der sudetendeutschen „Antifaschisten“ in Deutschland
hof Hohenelbe. Mit der Vertreibung erfolgte eine sehr
starke Zersiedlung der Deutschen aus der Hohenelber Re-
gion. Nach der Vertreibung in die sowjetische und ame-
rikanische Besatzungszone wanderten viele weiter, auch
in die englische und französische Besatzungszone, nach
Österreich, Niederlande, USA, Kanada…
Erläuterungen zum Tafeltext
Bei der „wilden“ Vertreibung wurden vom Bahnhof Ho-
henelbe zwischen dem 18. Mai und dem 4. August 1945 in
23 Eisenbahntransporten 19.040 Personen über Reichenberg
nach Zittau und zum Teil weiter in Richtung Dresden bis an
beschädigte Eisenbahnbrücken gefahren. Bei diesen Ver-
treibungstransporten wurden 50 bis 80 Personen in offenen
Güterwagen, ohne Sitzmöglichkeiten und Toiletten, abtrans-
portiert. Ab der Entladestelle waren alle sich selbst überlas-
sen, mit der Maßgabe möglichst weiterzuziehen in Richtung
Sachsen-Anhalt. Für den Abtransport habe ich bislang nur
eine Angabe im Militärhistorischen Archiv in Prag gefunden,
für die Ankunft in Zittau ist mir keine Quelle bekannt.
Bei der „planmäßigen“ Vertreibung wurden nach den Fest-
legungen im Potsdamer Abkommen zur „ordnungsgemä-
ßen Überführung in humaner Weise“ vom Bahnhof Ho-
henelbe zwischen dem 16. Februar und dem 16. xxxx 1946
in 18 Transporten 20.555 Personen in gedeckten Güterwa-
gen mit Gepäck und Sitzmöglichkeiten über Grenzdurch-

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image
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24
___________________________
Tabelle wilde Vertreibung - Abfahrt in Hohenelbe
gangslager in Bayern und Sachsen zu Zielorten für die
Ausladung transportiert (7.705 Personen in die amerika-
nische Besatzungszone, 12.850 Personen in die sowjetische
Besatzungszone – nach Archivquellen in Deutschland).
Bei der Vertreibung der „Antifaschisten“ wurden vom
Bahnhof Hohenelbe in neun Transporten 3.015 Perso-
nen transportiert. Für die „Antifaschisten“ galten Son-
derregelungen, die zwischen der Regierung der ČSR,
den sowjetischen und amerikanischen Besatzungsbe-
hörden und den Arbeiterparteien KPČ und tschechi-
schen SPD in der ČSR und der KPD in der sowjetischen
Besatzungszone und der SPD in der amerikanischen
Besatzungszone vereinbart worden waren. Der Abtrans-
port der Personen erfolgte in Personenwagen, das Hab
und Gut für vier Familien war jeweils in einem gedeck-
ten Güterwagen untergebracht. Die Vertreibung der
kommunistisch orientierten Antifaschisten führte in
die sowjetische Besatzungszone, die sozialdemokratisch
orientierten Antifaschisten in die amerikanische Besat-
zungszone.
Dr.-Ing. Erich Kraus, geb. 1937 in Niederhof,
Heimatortsbetreuer von Niederhof
im Heimatkreis Hohenelbe/Riesengebirge e. V.“
Gedenkstein in Kossorowitz eingeweiht
Im Wald bei Kossorowitz (Kosorowice), Gemeinde Tarnau
(Tarnów Opolski) wurde am 12. Juli 2021 der Gedenkstein
für die dort vom sowjetischen Geheimdienst NKWD 1945
von der Arbeit weg verschleppten ca. 30 Männer einge-
weiht, von denen nur acht aus Sibirien zurückkehrten. Josef
Waletzko schilderte die Geschehnisse und das daraus er-
wachsene Vermächtnis „Nie wieder Krieg!“ in eindringli-
chen Worten. Er war damals 12 Jahre alt und hatte seinen
Vater noch früh zur Arbeit begleitet, ging dann aber nach
Hause. Das war sein Glück. Denn in den Vormittagsstun-
den kamen Schergen des NKWD und verhafteten seinen
Vater und weitere Dorfbewohner, die dort zur Arbeit ein-
geteilt waren. Ohne eine Verurteilung wurden sie nach Si-
birien verschleppt. Josef Waletzko sollte seinen Vater nie
wiedersehen. Aber er hat jetzt einen Ort zum Trauern. Das
ist wichtig! Dank an ihn, den engagierten Bürgermeister
Krzysztof Mutz, die vielen Bürger der Gemeinde, die für
den Aufbau dieser Gedenkstätte gespendet haben, und
nicht zuletzt an die deutsche Minderheit, die entsprechend
publizierte und unterstützte. Es war mir eine Herzensange-
legenheit, dieses Projekt zu unterstützen. Insofern war der
„Tagesausflug“ von gut 800 km – die Mautstellen sind Stau-
fallen – auch sehr wichtig, denn wir haben uns am Rande
darauf geeinigt, dass außerdem die Beschilderung und eine
Tafel zur Geschichte erstellt werden soll. Die Aufnahme
zeigt, wie engagiert die Gemeinde dieses Projekt verfolgt;
mitten im Wald wurde ein Zelt aufgebaut, Kaffee und Ku-
chen angeboten, und die Bürger nahmen den Fußmarsch
von fünf Kilometern auf sich – es war ein kleines Gemein-
de-Gedenkfest. So bleiben die Opfer unvergessen, wohlwis-
send: ob im Krieg oder im Alltag – jedes Opfer ist eines zu
viel, in uns steckt doch die Möglichkeit zum Guten!
Dr. Jens Baumann

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25
___________________________
Waldfriedhof am Lilienstein (Waltersdorf)
Der Waldfriedhof am Lilienstein gehört zur Gemeinde
Waltersdorf und untersteht der Nationalparkverwaltung
Sächsische Schweiz, die diese letzte Ruhestätte von 146
Sudetendeutschen, die in den Jahren 1945/1946 dort im
Lager verstarben, sehr pflegt. Der Waldfriedhof wurde in
die Liste der Deutschen Kriegsgräberfürsorgeaufgenomm
en. Unsere Ortsgruppe Dresden vom Sudetendeutschen
Landesverband Sachsen e. V. besucht seit fünf Jahren den
Waldfriedhof, und wir erinnern uns an die Vertreibung
aus unserer Heimat und die damit verbundenen Schicksa-
le, die wir ja alle noch miterlebt haben.
Ich habe meine Gedanken dazu auch öffentlich gemacht:
2017 – „Die Geschichte der Gedenkstätte“; Herr Tröber,
der zuständige Revierleiter vom Nationalpark, informier-
te uns über die wechselvolle Geschichte des Lagers, zu
dem der Friedhof gehörte.
2018 „Und doch nicht vergessen...“; BdV-Zeitung 2/2018.
2019 „Und wir erinnern uns noch...“; BdV-Zeitung 27. 2020
„Nun schon im vorigen Jahrhundert...“; BdV-Zeitung 28. 2021
- „‘s is Feierobnd“
Aber 2021 war alles anders – wir gedachten nicht nur der
Verstorbenen von damals, sondern wir erinnerten an un-
seren Landesvorsitzenden des Sudetendeutschen Lan-
desverbandes Sachsen e. V., Dietmar Hübler. Er hatte am
25. April 2021 seinen 80. Geburtstag gefeiert, konnte die
Glückwünsche am Telefon krankheitsbedingt noch dank-
bar annehmen und schloss mittags für immer die Augen.
Sein Wunsch war zum Abschied „‘s is Feierobnd“, der ihm
zur Urnenbeisetzung am 14. Mai 2021 durch einen Trom-
peter auch erfüllt wurde. Seine letzte öffentliche Ansprache
war 2019 in Deutschneudorf, wo der Anton-Günther-Chor
auch dieses Lied sang.
Wir als Sudetendeutscher Landesverband Sachsen e. V.
trauern um unseren Landesvorsitzenden. Deshalb war
unser diesjähriger Besuch am Waldfriedhof auch Dietmar
Hübler gewidmet. Er kannte die Geschichte der Sudeten-
deutschen und die damit verbundenen Schicksale aus eige-
nem Erleben und hat sich für die Anerkennung, dass Ver-
treibung aus der Heimat ein Unrecht ist, immer eingesetzt.
Renate Hasert
Restaurierung des Friedhofs Pfaffendorf, Kreis Liegnitz
Pfaffendorf, Kreis Liegnitz entsprach territorial in etwa
der heutigen Vorstadt von Legnica. Von dem ehemaligen
Dorf, welches teilweise schon im 19. Jahrhundert in die
Stadt eingegliedert wurde, sind noch die Häuser und der
Friedhof erhalten. Manche der Gebäude sind in einem
relativ guten Zustand. Das Schicksal des Friedhofes – ein
sehr bedrückendes – ähnelte dem Schicksal anderer seiner
Art in ganz Niederschlesien.
1923 informierte der Landrat des Kreises Liegnitz das nie-
derschlesische Konsistorium, dass man sich in Anlehnung
an die Anordnung des Regierungsbezirkspräsidenten vom
15. Februar 1908 für die Gründung eines städtischen Fried-
hofes entschieden hatte, welcher zukünftig im Besitz der
Dorfgemeinde Pfaffendorf sein würde.
Auf diesem Friedhof sollten die Einwohner evangelischen
Bekenntnisses begraben werden, die der Liebfrauenkirch-

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26
___________________________
gemeinde Liegnitz angehörten sowie die der katholischen
Johanneskirche daselbst. Das Grundstück unterstand dem
Verwalter Schiller, der sein Amt bis 1951 ausübte (das Jahr
ist allerdings durch kein Dokument belegt). Die offizielle
Schließung des Friedhofes fand am 30. November 1965
laut Beschluss des Volksrats in Rzeszotary statt. Er exis-
tierte also 42 Jahre, wobei hier tatsächlich nur 28 Jahre
lang Menschen begraben wurden. Doch wurde der Fried-
hof ein Geschichtszeugnis, wie keine der älteren Nekropo-
len es vorweisen kann, und dies infolge der Tatsache, dass
das Ende des Zweiten Weltkrieges als eine der Konsequen-
zen die Änderung des Verlaufes europäischer Grenzen
mit sich brachte: So ging das deutsche Niederschlesien in
polnisches Gebiet über. Millionen Deutsche mussten ihre
Wohnorte verlassen, in denen sie ihre Häuser, Haushalte
oder Werkstätten hatten und ebenso Kirchen und Fried-
höfe. Die neuen Eigentümer waren meist Polen aus dem
Osten, die man ebenfalls gezwungen hatte, ihre Wohnorte
zu verlassen. Sie wurden nun in den ihnen von der Ver-
waltung zugewiesenen Ortschaften ansässig. Dies geschah
auch in Pfaffendorf, das nach dem Krieg den polnischen
Namen Piątnica erhielt.
Den neuen Bewohnern gelang es, sich in den verlassenen
Häusern einzuleben, doch den Friedhof akzeptierten sie
nicht. Die letzte dort begrabene Person war eine Autoch-
thone, eine Deutsche, die aus unbekanntem Grund trotz
Ausweisung in ihrem Hause verblieben war. Laut Berich-
ten der polnischen Einwohner starb sie im Jahr 1950 oder
1951. Ihr Name war Anna Winkler. Die alleinstehende ältere
Frau wurde von den polnischen Nachbarn mit Lebensmit-
teln versorgt, man mochte sie und sie war willkommen. Die
neue Dorfgemeinschaft behielt sie deshalb in Erinnerung.
Sie wurde auch auf dem Weg zur letzten Ruhestätte würdig
begleitet.
Die „Politik des Vergessens“ in Bezug auf die deutsche
Geschichte Niederschlesiens wurde zentral gesteuert. Bis
1972, bevor die Grenzen für den neuen deutschen Staat
DDR geöffnet wurden, waren die Anweisungen eindeutig:
Die deutschen Friedhöfe waren ein Problem. In der pol-
nischen Kultur werden die letzten Ruhestätten mit großer
Achtung behandelt. Es hatte sich aber in den Nachkriegs-
jahren schnell herausgestellt, dass dies nur für polnische
Friedhöfe demonstriert wird. Die deutschen Friedhöfe ge-
rieten in Vergessenheit und verfielen. Die Gräber wurden
geschändet, es wurde nach Wertvollem gegraben.
Ähnlich erging es auch dem Friedhof in Piątnica. Viele
Grabsteine verschwanden, die Marblitplatten wurden zer-
stört, die Kreuze aus Gusseisen gestohlen. Dennoch ist der
architektonische Entwurf des Platzes erhalten geblieben,
obwohl das unkontrolliert wuchernde Grün die Fragmente
der Gräber verdeckte.
Der Friedhof in Piątnica wurde um das Jahr 2016 von Ma-
rek Rabski – einem Historiker, Hochschullehrer und Tou-
rismusaktivisten – wiederentdeckt. Er hatte sich als Ziel
gesetzt, diesen Ort wieder ans Tageslicht der Erinnerung zu
bringen. Die informelle Gruppe „In Memoriam Liegnitz“
setzte seine Bemühungen fort, danach kümmerte sich seit
Januar 2020 der Verein TILIAE um den Friedhof. Diese Be-
mühung dauert bis heute an.
Der Verein TILIAE wurde offiziell am 10. Juli 2020 gegrün-
det, doch die Arbeiten auf dem Friedhof wurden bereits
fortgesetzt, als dies noch eine lose Gruppierung war. Das
Fundament des Vereins bilden vier Frauen, die sich mit den

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vier Linden identifizieren, die in den vier Ecken des Fried-
hofs wachsen. Ziel der restaurativen Arbeiten ist einerseits
das Schützen des Friedhofs vor weiterer Vernichtung, an-
dererseits das Wiederherstellen der Erinnerung an die Vor-
kriegsgeschichte des Ortes. Die Arbeiten auf dem Friedhof
beruhten anfangs auf der Regulierung des Grünen, das in-
tegraler Bestandteil der deutschen Friedhöfe ist: Es muss
aber regelmäßig gepflegt werden.
Anhand eines Lageplans lässt sich erkennen, wie der Raum
geplant wurde: Der Hauptweg spaltet das Areal in zwei glei-
che Teile. Die Bäume spenden gleichmäßigen Schatten, und
deshalb ist es hier sogar an heißen Tagen angenehm. Die
heutigen Bewohner erinnern auch an Thujen (Lebensbäu-
me), die entlang der großen Allee gepflanzt wurden, doch
leider sind sie spurlos verschwunden. Es wäre von Vorteil,
wenn man darüber Dokumente – beispielsweise Fotos –
finden könnte.
Nachdem die verwilderten Flieder- und Ligusterbüsche
beschnitten wurden, musste das mit großem Wurzelsystem
wuchernde Gras entfernt werden. Im Endeffekt sollte der
Platz für das Aussäen des neuen Grases vorbereitet werden.
Bei dieser Arbeit gab es unverhoffte Entdeckungen. Man
fand Marblitfragmente und Teile von Porzellantafeln und
Kreuzen sowie vollständige Kreuze aus Gusseisen. Selbst-
verständlich wurde nur wenig Intaktes vorgefunden, doch
auch unvollständige Fundstücke bereiten Entdeckerfreu-
de, weil sie viel über die Begräbniskultur der 1930er und
1940er Jahre aussagen.
Der nächste Schritt bestand darin, die noch erhaltenen
Grabsteine zu reparieren. Die Mehrheit der vertikalen Ele-
mente wurde bei der Verwüstung von den Sockeln hinun-
tergestoßen. Jetzt mussten die Sockel in die Waagerechte
gebracht und danach die Platten darauf befestigt werden.
Bei einzelnen Grabsteinen ist das nicht so kompliziert,
doch es wurden auch einige Erbbegräbnisse gefunden, zu

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Die Frau des Präsidenten und
die Wertschätzung der Ostpreußinnen
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ZUM SCHMUNZELN
Bis in die Mitte der 1960er Jahre gehörte es zum guten
Ton, dass Politiker der großen demokratischen Parteien
sich zu den kulturellen Leistungen und dem Schicksal der
Vertriebenen bekannten. Danach wurde dieses Bekennt-
nis von immer weniger Politikern abgegeben. Daher war
es klar, dass die Mitglieder der studentischen Vertriebe-
nenorganisationen sehr genau beobachteten, wie sich die
Politiker gegenüber den Vertriebenen verhielten. Beson-
dere Sympathien erwarb sich der 1914 in Bremen gebore-
ne zeitweilige Staatssekretär und Bundestagsabgeordnete
Prof. Dr. Karl Carstens. Er war durch das NS-System nicht
belastet und ein herausragender Wissenschaftler. Bereits
1948, als in den USA hinter jedem Deutschen ein Nazi
vermutet wurde, hatte er ein Stipendium für die Yale-
Universität erhalten und mit einem Master-Grad beendet.
Wir waren begeistert, dass dieser untadelige Politiker sich
auf unsere Seite stellte. Mit unserer Wertschätzung waren
wir nicht allein. 1976 wurde er auf Vorschlag der CDU-
Fraktion zum Bundestagspräsidenten und 1979 zum Bun-
despräsidenten gewählt.
Irgendwie habe ich nach seiner Wahl zum Bundespräsi-
denten erfahren, dass Professor Carstens in Königsberg
studiert hatte. Als ehrenamtlicher Heimleiter des von
Ostpreußen gebauten Studentenwohnheimes Collegium
Albertinum in Göttingen war ich elektrisiert. Das Collegi-
um Albertinum wollte nicht nur Studenten einen Wohn-
platz bieten, sondern auch die geistige Tradition der 1544
gegründeten Albertus Universität in Königsberg, der Al-
bertina, pflegen. 400 Jahre hatte die Albertina junge Aka-
demiker aus ganz Osteuropa ausgebildet. In der zweiten
deren Reparatur wegen des Gewichtes ein Bagger zu Hilfe
genommen werden musste.
Die Renovierung der aufgefundenen Steine und Gusseisen-
elemente ist besonders wichtig. Es ist wohl möglich, Mar-
blit- oder Porzellanelemente zusammenzufügen, falls es
gelang, wesentliche Fragmente der Platten zu finden. Es
wird jedoch nicht möglich sein, sie an ihre ehemaligen
Plätze zu stellen, da die Fragmente über das ganze Gelän-
de verstreut wurden. Vielleicht kann man sie in Zukunft
in einer Art Lapidarium oder wie eine Ausstellung zei-
gen. Wenn Fotos existieren, anhand deren man erkennen
könnte, wie der Friedhof ursprünglich aussah und wo die
einzelnen Grabsteine standen, könnte man die Fundstü-
cke zumindest teilweise zuordnen.
Das erste Jahr des Friedhofsschutzes wurde mit dem
Kennzeichnen des Zufahrtsweges abgeschlossen. Dank
dessen kann er schneller und einfacher gefunden werden.
(Er liegt tief im Hinterhof zweier Privatgelände und ist
nicht so leicht einsehbar.) Nun wird der Friedhof nicht
nur ein Ausflugsziel der Stadtbewohner, sondern auch für
die Geschichtsliebhaber ganz Legnicas.
Parallel zu den Aufräumarbeiten auf dem Friedhof wur-
de die Recherche in den Archiven fortgesetzt, um an die
ehemaligen Bewohner Pfaffendorfs erinnern zu können.
Dank dieser Recherchen werden Artikel verfasst, die u.
a. über Familienbeziehungen, verbreitete Berufe oder in-
teressante Plätze erzählen. Jede Erinnerung an die Jahre,
die über den historischen Austausch der lokalen Gemein-
schaft hinausgeht, ist sehr wertvoll. Jene Leser, die über
Dokumente, Fotos oder Erinnerungen verfügen und diese
mit uns teilen möchten, werden gebeten via Email (sto-
warzyszenie.tiliae@gmail.com) mit dem Verein TILIAE
in Kontakt zu treten.
Hanna Szurczak

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Am 12. November 2021 wird Wolfgang Fiolka, der Ehren-
vorsitzende des Landesverbandes der Vertriebenen und
Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz
(LVS), 90 Jahre alt. Wolfgang Fiolka führt nicht nur den
Titel, er hat auch die Erscheinung eines Ehrenvorsitzen-
den. Er strahlt Ruhe und Sicherheit aus, und wenn er eine
Versammlung leitet, macht er das mit großer Souveränität
und Geschick. Jeder kommt bei ihm zu Wort. Wer sich
selbst wichtiger nimmt als die Sache, wird von ihm ge-
bremst. Aber auch das macht er mit Ruhe und Souverä-
nität.
Diese Eigenschaften zeichnen ihn nicht erst seit 2019 aus,
als er zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Aus alten
Zeitungsartikeln, beispielsweise aus Bad Krozingen, wo er
vor seinem Wechsel nach Dresden gelebt hat und im BdV
aktiv war, ist zu entnehmen, dass er bereits früher über
diese präsidialen Eigenschaften verfügte. Wenn man seine
Vita kennt, ist das eher verwunderlich.
Anfang 1945 musste die Familie, Wolfgang war damals
13 Jahre alt, vor den herannahenden sowjetischen Trup-
pen aus ihrer Heimatstadt Breslau in das Sudentenland
fliehen. Nach der Eroberung Schlesiens durch die Sow-
jettruppen kehrten sie in die schwer beschädigte Stadt
zurück. Nicht nur die Bombardements und der Artillerie-
beschuss hatten einen Großteil der Stadt zerstört, sondern
auf Weisung des Gauleiters Karl Hanke war ein Teil der
Innenstadt dem Erdboden gleichzumachen, um für die
Flucht der NS-Größen ein Flugfeld anzulegen.
Am 8. Mai 1945 wurde die Familie aus Breslau vertrie-
ben. Innerhalb von vier Stunden mussten sie die Heimat
verlassen. Die Vertreibung war nicht das einzige Trauma,
dass die Familie erlebte. Während der Flucht und der an-
schließenden Vertreibung wurde seine Mutter mehrmals
vergewaltigt. Diese Erlebnisse veranlassten Wolfgang Fi-
olka zu der Feststellung, dass am 8. Mai nur die Kämpfe
zwischen den Armeen der Kriegsgegner endeten, aber
nicht die Leiden unschuldiger Menschen. Zunächst ka-
men Wolfgang Fiolka und seine Mutter nach Dresden.
Hier merken sie sehr schnell, dass sie nicht willkommen
waren. 1953 flüchten sie nach West-Berlin. Nach dieser
zweiten Flucht absolvierte Wolfgang Fiolka eine Berufs-
ausbildung zum Verwaltungskaufmann.
Trotz seiner beruflichen Eingliederung betrachtete (und
betrachtet) Wolfgang Fiolka weiterhin Breslau und Schle-
sien als seine Heimat. Seit 1957 arbeitet er ehrenamtlich in
der Landsmannschaft Schlesien und im BdV mit.
2008 zog er aus familiären Gründen mit seiner Frau Sigrid
nach Dresden. Es war für ihn selbstverständlich, dass er sich
sofort wieder dem BdV zur Verfügung stellte. Der BdV-
Landesverband wählte ihn zu seinem Pressesprecher.
2011 war er maßgeblich an der Gründung des LVS als Nach-
folgeorganisation für den insolventen BdV-Landesverband
beteiligt. Wegen seiner jahrzehntelangen Erfahrungen in
der Vertriebenenarbeit wurde er zum Landesgeschäftsfüh-
rer des neuen Verbandes gewählt. Dieses Amt hat er bis
Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sie durch Kant und Her-
der weltweite Bedeutung erlangt. In der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts war sie die bedeutendste Universität im
Bereich der Mathematik. Daher habe ich den Bundesprä-
sidenten Prof. Karl Carstens in das Collegium Albertinum
eingeladen. Der Bundespräsident antwortete sehr freund-
lich und sehr persönlich, wenn er nicht mehr in seinem
Amt sei, dann wolle er gerne unser Studentenwohnheim
besuchen.
1985 machte er sein Versprechen wahr. Im Anschluss an
seinen Vortrag saßen wir noch in kleiner Runde zusam-
men, und er berichtete auch Persönliches. Aus der Presse
war uns bekannt, dass seine Frau Veronika eine engagier-
te Ärztin war. Die Studentinnen wollten wissen, wie das
Ehepaar die beiderseitige Berufstätigkeit hätte vereinba-
ren können. An die Einzelheiten seiner Antwort kann ich
mich nicht mehr erinnern. Aber die folgende nette Ge-
schichte habe ich mir gemerkt. Sie macht deutlich, wie
Veronica Carstens die Ostpreußinnen einschätzte.
Karl Carstens war nicht begeistert, wenn seine Frau nachts
von Patienten gerufen wurde. Nach einer anstrengenden
Woche hatte er seine Frau gebeten, Anrufer in das Kran-
kenhaus zu schicken. Als das Telefon klingelte, versuchte
er sie zu überreden, den Anrufer auf das Krankenhaus
zu verweisen und zu Hause zu bleiben. Sie antwortete je-
doch: „Das war ein alte Ostpreußin. Eine Ostpreußin ruft
nur in ganz dringenden Fällen an.“, packte ihre Arzttasche
und fuhr zu ihrer Patientin.
Friedrich Zempel
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WIR GRATULIEREN
Unser Ehrenvorsitzender Wolfgang Fiolka wird 90!

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Petra Epsch zum 75. Geburtstag
Petra Epsch wurde am 27. November 1946 in Leipzig
geboren. Sie entstammt einer seit vielen Generationen
in Leipzig ansässigen Bürgerfamilie. Vom Beruf der ge-
lernten Buchhändlerin und dem besonderen Interesse an
Reiseliteratur qualifizierte sie sich zur Reiseleiterin und
war besonders fasziniert von Russland sowie den GUS-
Staaten. Bei ihren Reisen entstanden so bewegende Kon-
takte zu Deutschen in Russland, die ihr Engagement für
die Deutschen aus Russland in der Heimat weckten. Mit
dem 1994 in Leipzig gegründeten Deutsch-Russischen
Zentrum (DRZ), dem ersten Leipziger Verein, der den
Spätaussiedlern hier Heimstatt, Hilfe und Unterstützung
bot, konnte sie sich schnell identifizieren und engagierte
sich ehrenamtlich. Petra Epsch ist seit dem Aufbau ei-
nes Vereinslebens der Deutschen aus Russland in Leipzig
nicht wegzudenken. Sie ist Mitglied des Vorstandes des
DRZ und arbeitet seit zwei Jahrzehnten ehrenamtlich im
Verwaltungs- und Organisationsbereich des DRZ. Ihre
Verdienste liegen vor allem im Eventmanagement, ins-
besondere für das Kinder- und Jugendensemble „Son-
nenschein“ und das Jüdische Forum beim DRZ, darunter
auch die Inszenierung und Aufführungen der Kammero-
pern „Freiberg“ und „Letzte Tage von Łódz“ mit einer da-
für angefertigten Wanderausstellung in Zusammenarbeit
mit dem Museum für Geschichte des Holocaust in Isra-
el und der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn-
Bartholdy“ unter Mitarbeit von Spätaussiedlern. Darüber
hinaus hat sie wesentlichen Anteil am Erhalt des Regio-
nalverbandes der Landsmannschaft der Deutschen aus
Russland (LmDR). Sie gewährleistete mit anderen die Vo-
raussetzungen und Bedingungen für die Weiterarbeit der
LmDR in Leipzig nach Auslaufen deren Förderung und
der Nichtbeachtung bzw. Ablehnung von weiteren Förder-
anträgen auf den verschiedensten Ebenen über zehn Jahre
Ende 2019 ausgeübt. Aber auch für die Basisarbeit war
Wolfgang Fiolka sich nicht zu schade. 2012 wurde er zum
Vorsitzenden des BdV-Kreisverbandes Dresden gewählt.
Sein politisches Credo lässt sich am besten mit den fol-
genden Zitaten aus Zeitungsinterviews beschreiben. Zu
der Frage des Rechtes der Vertriebenen auf Heimat er-
klärte er: „Wir wollen weder dorthin zurück, noch den
Anschluss der früheren Ostgebiete an Deutschland.“ Al-
lerdings forderte er auch, dass Polen und Tschechien sich
zu ihrer Mitschuld an der Vertreibung bekennen müssen.
Über seine Verbandsarbeit berichtete er der Presse: „Wir
veranstalten deutsch-polnische Sommerlager für Jugend-
liche. Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft.“
Diese Verständigungsarbeit hat er auch von Dresden aus
mit großem Engagement betrieben. Während seiner Tä-
tigkeit als Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Dresden
wurden in jedem Jahr ein bis dreimal Gruppen aus dem
zu Polen gehörenden Teil Niederschlesiens nach Dresden
eingeladen, und jedes Jahr mindestens einmal besuch-
te sein BdV-Kreisverband Schlesien nicht als Touristen,
sondern um Kontakte mit den heutigen Bewohnern zu
pflegen. Bei dieser Kontaktpflege leisteten die Chöre und
Musikgruppen beider Seiten die wichtigsten Beiträge. Auf
diese Weise wurden auch Menschen eingebunden, die
nicht mehr zur Erlebnisgeneration gehören.
Seine Arbeit fand auch Anerkennung auf der Bundes-
ebene der Vertriebenen. Die Landsmannschaft der Sude-
tendeutschen wählte ihn zu ihrem Ehrensenator, und der
Bundesverband des BdV verlieh ihm zweimal die goldene
Ehrennadel.
Über Schicksalsschläge und gesundheitlichen Probleme
spricht Wolfgang Fiolka nicht. Wir wissen aber, dass er von
beidem nicht verschont blieb. Wir verbinden den Dank für
seine über 60-jährige Arbeit für die Vertriebenen mit dem
Wunsch, es möge ihm vergönnt sein, noch einige Jahre die
erfolgreiche Fortführung seiner Arbeit zu erleben.
Friedrich Zempel
unter Teilung der Ressourcen des DRZ. Petra Epsch un-
terstützt in ihrem ehrenamtlichen Engagement die Arbeit
des AVS und die Mitgliedschaft des DRZ in der LmDR.
Dafür danken wir sehr herzlich und wünschen weiterhin
die Energie und Tatkraft – alles Gute!
Dr. Manfred Hellmund

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In unserer letzten Ausgabe
Nr. 29 konnten wir noch
von den drei tatkräftigen
„Marjellchens aus Masu-
ren“ berichten, nun müs-
sen wir leider vom ältesten
Mitglied unseres Trios, Elli
Springwald, geborene Blas-
kowski, Abschied nehmen.
Am 4. November 1934
wurde Elli Springwald in
Stradaunen, Kreis Lyck/
Ostpreußen geboren. Elli
Springwald verlebte eine
wunderbare Kindheit in
ihrer Heimat in Ostpreußen. Ihr Vater war Stellmacher
und die Mutter gelernte Köchin. Sie hatte eine Schwester
und zwei Brüder. Elli Springwald besuchte bis zu ihrer Flucht
die Schule in Stradaunen. Ende 1944 ist die Familie aus ihrer
Heimat geflüchtet, und es folgte eine sehr schlimme Zeit. Die
Familie kam nach vielen Hindernissen am 5. Dezember 1944
in Limbach-Oberfrohna an. Ein Bauer holte sie nach Nieder-
frohna ab, wo sie bis zuletzt gewohnt hat. Elli besuchte nun
weiter mit Erfolg die Schule in Sachsen. Als junges Mädchen
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WIR GEDENKEN
lernte sie einen Ostpreußen kennen, welcher auch aus ihrer
gemeinsamen Heimat kam. Sie heirateten und gründeten
eine Familie und bekamen zwei Söhne. Als wir uns nach der
Wende endlich zu unserer Heimat Ostpreußen bekennen
durften und sich die ersten Heimatgruppen bilden konnten,
waren Elli und Kurt Springwald mit dabei und halfen. die
Kreisgruppe Limbach-Oberfrohna zu gründen. Sie wollten
alles tun, um Kultur und Brauchtum ihrer Heimat zu erhal-
ten. Zu unseren Veranstaltungen brachte Elli Springwald
viele schöne Gedichte und Geschichten zu Gehör. Ihr Mann
spielte auf dem Schifferklavier die schönsten Heimatlieder.
Zum Erntedankfest war sie immer bereit, Ostpreußischen
Streuselkuchen zu backen. Als wir Abschied nehmen muss-
ten von Kurt Sprungwald, kämpfte Elli allein weiter, um die
Heimat nicht zu vergessen, welche sie mit ihrem Kurt noch
sehr oft besucht hat. Nach einer kurzen schweren Krankheit
verstarb plötzlich und unerwartet unsere Elli Springwald am
13. Mai 2021 in Niederfrohna.
Wir werden sie in sehr guter Erinnerung behalten und das
Vermächtnis zu Ostpreußen in ihrem Sinne weiterführen!
Ein letzter Dank begleitet sie auf ihrem letzten Weg.
In heimatlicher Verbundenheit
Hannelore und Harald Kedzierski
Abschied von Elli Springwald, geb. Blaskowski
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VERANSTALTUNGEN
Bitte halten Sie sich folgende Termine frei, aber beachten
Sie, dass coronabedingte Änderungen auftreten können:
12. September:
Sächsischer Gedenktag für die Opfer von
Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung in Knap-
penrode mit Teileröffnung des Bildungs- und Begeg-
nungszentrums „Transferraum Heimat“ im Beisein des
Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer
3. Oktober:
Chöretreffen in Reichenbach im Rahmen
des Feiertags der Deutschen Einheit und des Ernte-
dankfestes mit Besuch des „Hauses der Heimat“
Aktuelle Informationen erhalten Sie auch über:
www.smi.sachsen.de
dort suchen bei Schnelleinstieg, dann bitte bei Beauftrag-
ter weiterlesen.
AUFRUF
Ein neues Buch soll die Sprachen und Dialekte in den ehe-
mals deutschen Siedlungsgebieten im Osten Europas vorstel-
len. Dieses Buch wird sich nicht nur an die Erlebnisgenera-
tion der Flüchtlinge und Vertriebenen richten, sondern soll
den jüngeren Generationen möglichst anschaulich erzählen,
welcher Reichtum an Sprachen und Aussprachen das östliche
Europa prägte. Viele dieser Dialekte und Sprachen stehen vor
dem Aussterben. Wir möchten davon so viel wie möglich in
einer spannenden und packenden Kulturgeschichte festhal-
ten. Dazu bitten wir die Leserinnen und Leser dieser Zeit-
schrift um Hilfe: Wir suchen Sprachbeispiele der verschiede-
nen Dialekte, z. B. besondere Dialektbegriffe, einzigartige und
typische Formulierungen der verschiedenen Mundarten oder
auch ganze Kurzgeschichten oder Gedichte in heimischer
Mundart. Bitte senden Sie diese Sprachbeispiele, über die wir
uns sehr freuen, an info@zkg-dd.de. Geplant sind Beiträge zu
folgenden Sprachen und Dialekten: Ostpreußisch, Preußisch-
Litauisch, Masurisch, Pommersch, Kaschubisch, Schlesisch,
Oberschlesisch, Hultschiner Tschechisch, Dialekte der Sude-
tendeutschen, Donauschwäbisch, Siebenbürgisch-Sächsisch,
Landlerisch, Gottscheedeutsch, Dialekte der Russlanddeut-
schen. Wenn Sie noch weitere Vorschläge haben oder auf sel-
ten gewordene Mundarten aufmerksam machen wollen, die
in Vergessenheit geraten sind, melden Sie sich bitte bei uns.
Dr. Lars-Arne Dannenberg und Dr. Matthias Donath

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Ostpreußisches Kulturzentrum Ellingen (Hrsg.):
Johann Gottfried Herder aus Mohrungen in Ost-
preußen. Leben – Werk – Bedeutung, Ellingen
2020, 6,00 Euro
Ostpreußen ist die Heimat
zahlreicher Persönlichkeiten,
deren Wirken bis in die Ge-
genwart reicht. An eine von
ihnen wird in dieser Publika-
tion erinnert, die als Beiheft
zu einer gleichnamigen Aus-
stellung im Ostpreußischen
Kulturzentrum Ellingen ent-
standen ist.
Der Wahlspruch „Licht, Lie-
be, Leben“ leitete Johann
Gottfried Herder auf seinem
Lebensweg, der am 25. August 1744 in Mohrungen in Ost-
preußen begann. Der Grundstein für sein herausragendes
Lebenswerk als Theologe, Philosoph und Literat wurde in
seiner Zeit als Student an der Albertus-Universität Königs-
berg gelegt, wo er auch Vorlesungen Immanuel Kants zur
Metaphysik, Logik und Moral hörte. Heute gilt Herder als
Begründer der deutschen Sprach-, Kultur- und Geschichts-
philosophie. Große Verdienste erwarb sich der „Erzieher des
deutschen Volkes“ als Pädagoge und Schulreformer, als Ent-
decker des Volkstums und als Erwecker des Volkslieds. Mit
Goethe, Schiller und Wieland zählt Herder zum Weimarer
Viergestirn und über die Zeit der Aufklärung hinaus zu den
einflussreichsten deutschen Denkern und Schriftstellern.
Die Publikation erinnnert an diese außerordentliche Bedeu-
tung Johann Gottfried Herders für die deutsche und euro-
päische Geistesgeschichte. Sie kann für 6,00 Euro plus Porto
im Kulturzentrum Ostpreußen, Schloßstraße 9, 91792 Ellin-
gen bestellt werden, auch unter dem Link
www.kulturzen-
trum-ostpreussen.de/laden.php oder info@kulturzentrum-
ostpreußen.de.
Impressum
Herausgeber:
Landesverband der Vertriebenen und Spätaus-
siedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V., Ge-
schäftsstelle: Heinrich-Heine-Straße 6a, 02977 Hoyerswerda,
Telefon: 03571/605187, E-Mail: c.florian-lvs@outlook.de
Redaktion:
Dr. Lars-Arne Dannenberg, Tel.: 035795/16010
E-Mail: info@zkg-dd.de
Titelbild:
Bick auf Zipser Burg und Zipser Kapitel, Foto: Dr.
Matthias Donath, 2016
Gesamtherstellung
:
Zentrum für Kultur//Geschichte,
Dorfstraße 3, 01665 Käbschütztal OT Niederjahna
Diese Zeitschrift lebt von Ihrem Engagement. Artikel und
Beiträge senden Sie bitte an die Redaktion. Übernahme und
Kürzung behalten wir uns vor, wir bitten um Ihr Verständnis.
Es besteht kein Anspruch auf Abdruck eingesandter Beiträ-
ge. Die Autoren tragen die Verantwortung für die Bildrechte
der Abbildungen ihrer Artikel. Namentlich gekennzeichnete
Artikel müssen nicht die Meinung des Herausgebers bzw. der
Redaktion wiedergeben.
Diese Maßnahme wird finanziert mit Steuermitteln auf
Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Land-
tags beschlossenen Haushalts. https://lsnq.de/JensBaumann
REINGELESEN
Lieder der Deutschen aus dem östlichen Euro-
pa, Via Regia Verlag Königsbrück 2020, ISBN
978-3-944104-38-6, 208 Seiten mit Festeinband,
15,00 Euro
Wer nach Liedern aus den ehemaligen deutschen Sied-
lungsgebieten im östlichen Europa sucht, hat kein gro-
ßes Angebot vor sich. Das ist ein Unterschied zur alten
Bundesrepublik in den 1960 bis 1980er Jahren, als die
verschiedensten Verbände und Organisationen großen
Wert auf gemeinsames Singen legten. Singen scheint out
zu sein, und auch die Beschäftigung etwa mit lauschen-
den Elchen, wogenden Ostseewellen oder dem Egerland
scheint aus der Zeit gefallen. Umso mehr ist die Initiative
des Beauftragten für Ver-
triebene und Spätaussied-
ler im Freistaat Sachsen
zu begrüßen, ein Lieder-
buch mit bekannten und
eher unbekannten Liedern
aus der Heimat herauszu-
geben. Seit der Veröffent-
lichung im vergangenen
Jahr ist die Nachfrage aus
dem gesamten Bundesge-
biet enorm. Es gibt einfach
kein anderes Liederbuch,
in dem man heute viele der
traditionellen Lieder finden kann. Das Liederbuch ent-
hält 143 Lieder aus den verschiedensten deutschen Hei-
matregionen im Osten und Südosten Europas, jeweils mit
neu gesetzten Noten in einem klaren und verständlichen
Schrift- und Notenbild.
Eingeleitet wird das Liederbuch durch ein Vorwort von
Dr. Jens Baumann, in dem sehr differenziert auf die Lied-
traditionen und ihren Missbrauch eingegangen wird.
Eine kurze historische Einführung stellt jede Landschaft
vor und verweist auf Besonderheiten der jeweiligen Lie-
der. Wer dieses Liederbuch noch nicht hat, dem sei eine
Bestellung empfohlen.
Das Liederbuch kann für eine Spende von 10,00 Euro
zzgl. 5,00 Euro Versandkosten bei der Geschäftsstelle des
Landesverbandes für Vertriebene und Spätaussiedler in
Sachsen (
c.florian-lvs@t-online.de
) bezogen werden.