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,,

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Unsere neue Heimat - Sachsen
Arbeitsheft zur Wanderausstellung
Inhalt
3
Geleitwort
5
Vorwort
6
Görlitz Flüchtlingsstadt
8
„Wir
haben Sachsen
verä
nder
t " -
Geschichte vom
mühsamen
Weg in die Zukunft
10
Vorgeschic
h
te - Zwangsumsiedlung und Vertreibung
im
Kontext nationalsozialistischer Politik
12
Flucht vor der Roten Armee
-
in Richtung Westen
zu Fuß, per Treck, be
i
eis
i
ger Kä
l
te
14
Ver
t
reibung
aus
der
Heimat:
vo
n
der
wi
lden
zur systematischen
Vertreibung
16
Vert
r
eibung
aus
de
r
He
i
ma
t
: Systemat
i
sche Vertreibungen
in deutsch besiedelten Gebieten Os
t
europas
18
Ankunft in Sachsen
-
Suche nach einer .Bleibe,
nach
Lebensmitteln und
Informati
o
nen
20
Zwischenstation
Lager
- Aufnahme und erste
Unterkunft
Lagerleben
und Transit
22
Sac
h
sen wird zum Aufnahmeland - Auffang
la
ger,
Bleiberecht und
Ans
ied
lung
24
E
ing
liederungsp
o
litik
-
Ers
te
Nachkriegsjahre: Polit
i
sche,
soziale und
wi
r
tschaftliche Eingliederung
26
„Neue
Heimat
- Neue
s
L
ebe
n
"?
-
,,
Integ
ratio
n
"
durch materielle Hilfe und politische Einflussnahme
28
Die Vergangen
h
e
i
t a
l
s Tabu - F
l
ucht und
Ver
tr
eibung
im
kollekt
iven
Gedächtnis der DDR
30
Literatur
-
Vorsicht
i
ge und
langwi
erige
Annäherung
an
indi
v
idue
l
l
e
Flucht- und Vertreibungserfahrungen
32
Bodenr
eform -
Landwirtschaft
- Neues Land in neuer Heimat2
Bodenreform und
Ko
l
lektivierung
34
Grenzanerkennung und
Repressalien
- Protest und Zurückhaltung
36
„Schlesischer
Bergbau
in
Sachsen" - Zwangsverpflichtung und
Freiwilligkeit
- die
Wismut
38
Flüchtl
i
ngsprofessoren - Aufs
ti
egschancen
für
H
ochschullehrer
in der neuen
Heima
t
40
Die Rol
l
e
der
Kirchen - Materielle Nothi
l
fe und See
l
sorge
-
für die aus der Heimat Vertriebenen
42
Helfen beim Wiederaufbau -
Heimat
vertriebene
und
der wirtschaftliche
Wiederaufbau
44
Sichtbare Zeichen -
Lebendige
Erinnerung an die Heimat
46
Biografien
- Familienge
sc
hichten
66
Kartenmateria
l
69
Notizen
70
Arbe
i
tsblätter für den
Unterr
icht
75
I
mp
r
essum

image
Vorwort
Von den etwa 15 Millionen Deutschen, die gegen Ende und nach
dem Zweiten Weltkrieg
aus Ostdeutschland sowie aus Ost- und Süd-
osteuropa
flüchten
mussten
oder ver
trieben
wu
rd
en, haben
etwa eine
Million
in
Sachsen Aufnahme gefunden. Damit beträgt dieser Bevöl-
kerungsanteil
im Freistaat Sachsen 20 bis 25 %. Hinzu kommen noch
zahllose Aussiedler und Spätaussiedler, die
erst in den folgenden
Jahrzehnten
diejenigen
Länder
,
in denen ihre Vorfahren einst hoch
w
illkomm
en
gewesen sind,
wieder ver
la
ssen
haben.
Mit der Ausstellung „Unsere neue
Heimat
- Sachsen" möchten wir
einen Beitrag dazu
leist
e
n
,
d
ie
Geschichte dieser
Menschen
erfahrbar
zu
mach
en.
Die Ausstellung
wurde vom
BdV-Kreisverband
Fr
e
iberg
initiiert und
organ
isatorisch
begleitet.
Bei großzügiger Förderung durch das Säch-
sische S
taatsmi
n
i
sterium
des Innern
wurde
eine Projektgruppe gebil-
det, die
unter Leitung
von
Herrn
MA
Torsten Nitzsche
diese
Ausstel-
lung erarbeitet
hat.
Die
fei
erlic
he
Eröffnung fand am
l l
Mai 2009 im
Sächsischen
Landtag
statt.
F
es
tredner
waren die Vizepräsidentin des Sächsischen
Landtages,
Frau Andrea Dombrois
,
und der Sächsische
S
t
aats
mini
ster
des
Innern,
Herr Dr. Albrecht Buttolo, sowie ein Vertreter des BdV-
Kreisverbandes
Freiberg
Die Ausstellung
umfasste sowohl Rolldisplays mit
Texten
und Abbil-
dungen als auch Gegenstände
aus der damaligen Zeit
wie
Kinderwa-
gen,
Handwagen,
Koffer,
Spielzeug
oder Bekleidungsgegenstände
Nach dem festlichen Auftakt
war
die Ausstellung
vie
r
Wochen lang
im
Bürgerfoyer des Sächsischen Landtages zu sehen. Danach ist
s
ie
,
abgerüstet
als
Wanderausstellung,
an
verschiedenen Orten, bevor-
zugt
in
Sc
hule
n, gezeig
t
worden Zeitgleich haben oft Diskussionen
mit Zeitzeugen
stattgefunden,
wodurch das Interesse in besonderer
Weise geweckt werden
konnte.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt in der Schilderung der Lebens-
bedingungen bei der Ankunft in Sachsen Diese
Lebensbedingungen
waren
gekennzeichnet durch Hunger und
Not
sowie
durch
Vorur-
teile der Einheimischen gegenüber Menschen aus dem Osten.
S
ie
wurden verschärft durch katastrophale Wohnbedingungen, häufig in
Lagern
und anderen
N
otu
nterkünften
Gezeigt
w
ird
auch der schwe-
re Anfang beim
Einleben
in der neuen Heimat
Sachsen
sowie bei
der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten,
wobei
eine bewundernswerte
Leistungsbereitschaft eingebracht
wurde.
Ergänzt
werden
diese allge-
meinen Darstellungen durch
konkrete Lebensberichte
von Betroffenen,
in
denen auch die Vorgeschichten der Familien in der alten Heimat
sow
ie
bei
Flucht und Vertreibung
erl
ittene
Traumatisierungen themati-
sier
t
werden.
In der Ausstellung aus Kapazitätsgründen nur am Rande berührt wird
der ungeheure
Verlust, den nicht nur die
B
e
troffenen
,
sondern die ge-
sam
te
deutsche Gesellschaft erlitten
hat
.
Dieser
Verlust
betrifft eine
historische Epoche, die viele
Genera
ti
onen,
oft viele Jahrhunderte
erfolgreiche
r
Siedlungsgeschichte
umfasst und
ein
reiches kulturelles
Erbe
h
interlassen
hat.
Die Erinnerung an dieses
kul
turell
e
Erbe
sol
lt
e
im
kollektiven Gedächtnis bewahrt, aber auch bei Begegnungen
mit
unseren Nachbarn eingebracht
werde
n
Die Ausstellung möchte auch dazu beitragen, dass Vertreibungen,
ganz gleich
wo
und
wann
sie
als
politisches
Mi
ttel
eingesetzt
we
r-
den, als
Ver
brechen
gegen die Menschlichkeit
verurtei
lt
werden.
i. A.
l
rmt
r
aut
Schirotzek
Mitglied der Projektgruppe

image
Görlitz Flü
c
htlingsstadt
Die Katastrophen
der
Dreißiger- und Vierzigerjahre des 20.
Jahr-
hunderts
-
Krieg und
Völkermord, Flucht und Vertreibung - haben
das Gesicht Mittel-
und Osteuropas entstellt
und
seine
Bevölkerung
gewaltsam auseinandergetrieben.
Millionen Menschen kamen
ums
Leben,
Millionen wurden
zu
Zwangsarbeit verschleppt
,
mussten vor
Krieg
und
Verfolgung fliehen oder wuraen
aus ihrer Heimat
vertrie-
ben. Auch auf dem
Gebiet
des heutigen F
r
eistaates
Sachsen
ist kei
-
ne Stadt
und
kein Dorf
unberührt
geblieben. Görlitz, das am Ende
des Zweiten Weltkriegs
noch
zur
Provinz
Schlesien gehörte,
hatte
auf besondere
Weise Anteil
an diesem
Schicksal
Von
Kriegszerstö-
rungen weitgehend verschont, wurde Görlitz am
Ende
des
Krieges
und
in den
ersten
Nachkriegsjahren
zu
einer
Stadt
der Flüchtlinge.
Die
meisten aus
Schlesien
Vertriebenen mussten
Görlitz
passieren.
Für
manche
,
die
von Osten
kamen,
war die
Stadt
an der
Neiße
nach
erlittener Todesangst
,
Entbehrung
und Demütigung der
erste Ort
,
an
dem
sie
sich
wieder
in
Sicherheit glaubten. Andere, die aus dem
Westen
kommend
zurück wollten, saßen
hier
fest,
weil
man
ihnen den
Übertritt über die neue polnische Westgrenze verwehrte.
Am
Ende
der l 940er
Jahre waren
fast 40%
der
Bevölkerung
Vertriebene und
Flüchtl
i
nge
-
keine andere deutsche Stadt
hatte
einen so
hohen
Anteil
an Zwangsmigranten aufzuweisen.
Flucht
und Vertreibung waren die
beherrschenden
Faktoren in der
Nachkriegsgeschichte der
Stadt an
der Neiße
- dieser
Eindruck
verstärkt
sich
noch,
wenn
man den
Blick
auch auf
Zgorzelec, die ehemaligen
Görlitzer Oststadt,
richtet.
Wer
über
Vertreibung
und
Zwangsmigration in Görlitz sprechen will
,
muss
auf 1933 zurückgehen.
I
n den zwölf
Jahren
der
NS-Diktatur,
vor
allem
im Zweiten
Weltkrieg, wurden die Voraussetzungen
für
die spä
-
teren Massenvertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen gelegt.
Görlitz
war zutiefst
in dieses
Geschehen
eingebunden. Die Stadt
war
Standort
eines Kriegsgefangenenlagers,
in
dem
Tausende ums Leben
kamen
Es
gab
im Biesnitzer
Grund ein Außenlager
des KZ
Groß
-
Rosen.
Zwangsarbeiter
aus Polen, Russland und
anderen
Ländern
arbeiteten
in der
kriegswichtigen Industrie.
In
den
letzten Jahren
des
Krieges
bestand die Görlitzer Bevölke
r
ung zu
einem
beträchtlichen
Teil
aus
Kriegsgefangenen,
Zwangsarbeitern und KZ.Häftlingen.
Aber auch Vertreibung
hat
es damals
bereits gegeben,
selbst
zu
Friedenszeiten
.
Zahlreiche
Bürger
mussten
nach 1933
die Stadt und
Deutschland
verlassen,
weil
sie
hier kein menschenwürdiges Leben
führen konnten,
in
den meisten Fällen, um ihr bloßes Leben zu retten. Es
handelte
sich
um Gegner
der Nationalsozialisten,
die aus
politischen
Gründen verfolgt wurden
,
vor allem
aber
um die
Görlitzer Juden
.
Wie
viele Menschen
aus
Gör
l
itz
flohen,
weil sie Verfolgung,
Internierung
,
letztlich Ermordung
zu erwarten
hatten,
lässt sich schwer ermitteln - es
dürften einige Hundert gewesen
sein.
Für die Bevölkerungss
t
atistik
mag
die Zahl
ohne große
Bedeutung
sein.
Für
das öffentliche
Leben
der Stadt
jedoch
stellte der Verlust einen
tiefen Einschnitt dar
,
denn
die Emigranten
und
F
l
ücht
l
inge
,
die
jüd
i
schen ebenso w
i
e die
nicht
-
jüdischen
,
gehörten
zu den prägendsten und aktivsten Mitgliedern
der
Görlitzer Gesellschaft
Die Biografien namhafter
An
t
ifaschisten,
vor allem
Angehöriger der
KPD und
SPD, sind
dank der politischen
Traditionspflege
zu
DDR-Zeiten recht
gut
erforscht.
Auch
über
einige
herausragende
jüdische
Persönlichkeiten
l
iegen Selbstzeugnisse oder
biografische Untersuchungen
vor. Aber von den Schicksa
l
en
der
üb-
rigen Vertriebenen und
Verfolgten weiß
man wenig. Die
Zahlen allein,
wie s
i
e etwa für die jüdische Bevölkerung vorliegen, haben nicht viel
zu bedeuten. 376
Juden lebten 1933 in Görlitz, 1945 nur
noch ein
einziger.
Wie viele von
ihnen
ermordet wurden, wie viele sich durch
Flucht retten konn
t
en,
ist nicht bekannt.
Bereits Ende 1944
rückte
der
Krieg nahe
an
Görlitz
heran: die
ersten
F
l
üchtlingstrecks
erreichten
die
S
t
adt.
In den
ersten
Wochen 1945
zo
-
gen schon
Zehntausende
durch
,
schließlich waren auch
die
Görlitzer
selbst gezwungen
,
die
Flucht zu ergreifen. Am
18. Februar
erging der
Befehl,
Frauen
und Kinder aus
der
Stadt
zu
evakuieren. A
l
s Joseph
Goebbels
am
8. März
in
der Görlitzer
Stadthalle
bei seinem letz-
ten
öffentlichen
Auftritt noch
einmal
den Endsieg
beschwor,
hatte
ein
großer Teil der Bevölkerung
schon
die
Stadt verlassen Görlitz sollte
als
"Festung" verteidigt werden,
doch
die
Rote Armee umging die
Stadt
im
Norden, so dass ihr das schlimme Schicksal von
Breslau
oder
Glogau erspart b
l
ieb Am 7 Mai
zog die
Wehrmacht ab, Sonder-
kommandos hatten
zuvor
al
l
e
Brücken
gesprengt.
Noch am
Abend
desselben Tages
marschierten
sowjetische Verbände ein, drei Tage
später erreichte ein
erster polnische
r
Vortrupp den Ost
t
eil der Stadt.
Am
21.
Mai übernahm dort ein
Bevollmächtigter der polnischen Re-
gierung die Verwaltung.
Nun
ging
alles
sehr schnell Am Abend des
31. Mai wurde die gerade erst errichtete
Pontonbrücke über
die
Nei-
ße für Zivilisten gesperrt, um einen Rückstrom der Zivilisten
nach
Osten
zu verhindern.
Am Morgen des 21. Juni holte polnisches
Militär
die
Bewohner der
Oststadt
aus ihren Wohnungen und trieb
sie
über die
Neiße
nach Westen.
Die Bewohner
der umliegenden Dörfer
inner-
halb eine
s
etwa 25 km
breiten
Stre
i
fens östli
c
h der
Neiße
erlitten
das-
selbe Schicksal.
Eine
Tragödie
bahnte
s
i
ch an
,
als
die
aus dem Osten
vertriebenen Menschen
sich
nun
mit den Tausenden
Flüchtlingen
ver-
einigten, die
in ihre Heimat
zurückzukehren versuchten
und
von
der
Schließung der Grenze überrascht worden waren,
nun am
Ufer
der
Neiße lagerten oder notdürftig
in der Stadt
Unterkunft fanden. Hatte
die
Zahl
der Einwohner
von Görlitz Anfang
Mai
in Folge
der Evaku-
ierungen nur
noch 31 000 betragen, so schoss sie jetzt auf
120
000
hoch,
von denen
über die Hälfte Flüchtlinge
waren.
Bereits
am
18
Juni
hatte die
Stadtverwaltung eine
Zuzugssperre
verhängt, die aber
wirkungslos blieb. Jetzt wurden
die Flüchtlinge noch einmal
ultimativ
aufgefordert
,
die
Stadt
innerhalb
von
48
Stunden zu verlassen
.
Die
Situation spitzte
sich dramatisch zu, ein Sommer des Schreckens
be-
gann. Die
Lebensmittelversorgung brach
zusammen, die Stadt
war
verstopft von campierenden
Menschen.
Viele
irrten traumatisiert und
orientierungslos durch
die
Straßen
Hungertyphus brach
aus
und ko-
stete über tausend Menschen
das Leben.
Die Säuglingssterblichkeit
erreichte eine
Rate
von 90
P
r
ozent.
Erst Ende
August
kam Hilfe. Die neue Landesverwaltung
Sachsen
erklärte Görlitz
zum Notstandsgebiet. Die
obdachlosen
Flüchtlinge
wurden
nun nach
und nach in Eisenbahnwaggons
abtransportiert und
zen
t
ral
über
die
gesamte SBZ verteilt. Rund 20.000
Heima
t
lose blie-
ben zurück; dazu
kamen
die
aus der Görlitzer Oststadt Vertriebenen.
Dennoch
wies Görlitz
in den
Augen der Verantwortlichen noch
im-
mer
erhebliche
Aufnahmekapazitäten auf
Rund 30.000 ehemalige
Bürger der
Stadt waren
nach der Evakuierung
am
Ende
des
Krieges
nicht nach Görlitz
zurückgekehrt.
In
den gründerzeitlichen Quartieren
gab es großzügig gesc
h
nittene bürgerliche
Wohnungen
,
die
nun
als
„unterbelegt
"
galten. Daher wurden
der
Stadt
in
den Jahren
1
946
und 1947
noch einmal
15000 bis 20
000
Flüchtlinge
zugewiesen
Die Folge
war eine dauerhafte, t
i
ef greifende Umschichtung
der
Be-
völkerung,
die
zugleich auf engem Raum zusammenrücken
musste.
Görlitz war jetzt mit
6700 Einwohnern pro
Quadratkilometer die am
dichtesten besiedelte Stadt der Sowjetischen
Besatzungszone.
Zwangsverwaltung von Wohnraum, Massenarmut
und
katastrophale
Lebensmittelversorgung bestimmten das
Leben
in den
späten
Vierzi-
gerjahren.
Neben den dauerhaft
angesiedelten Menschen wurden
bis
1949
ständig
we
i
tere
Tausende Vertriebene zumeist
aus
Schlesien
durch Görlitz geschleust.
Wer nicht sofort weiter
fuhr, kam
zunächst
für
einige
Tage
oder Wochen
in den beiden
Görlitzer „Umsiedler-
und Quarantänelagern" unter. Rund 100 000 Menschen haben die-
se
Lager
passiert.
Die Vertriebenen beherrschten
das
Straßenbild. Die
meisten
von ihnen waren
Frauen,
Kinder und A
l
te, kaum
die
Hälfte
galt
überhaupt
als arbeitsfähig
Ein
Journa
l
ist des Westberliner ,,Tele-
graf
"
berichtete 1949
von „verarmten
und
vollständig abgerissenen
Umsiedlern
mit
Schuhen aus
Lumpen,
verhärmten
Menschen, betteln-
den Kindern
mit ze
r
sch
li
ssener
Kleidung
am
Bahnhof, an
Straßen-
ecken
und in Lokalen"
Auf Jahre
hinaus
war die Stadtverwaltung damit befasst,
die
Folgen
der Vertreibung
zu lindern, die Vertriebenen wirtschaftlich und sozial
zu
integrieren. Erst in den frühen Fünfzigerjahren begann
sich
die
6

image
Situation langsam zu entspannen. Der
Integr
a
ti
on
der
Ver
triebenen
kam zugute,
dass die meisten
von
ihnen aus der Görlitzer Oststadt,
aus der näheren Umgebung
oder jedenfa
lls
aus
Sc
hle
sien stammten.
Sie
wurden von den Einheimischen nicht als fremd angesehen, viele
von
ihnen hatten Verwandte
oder
Fr
eunde
in
Görl
it
z.
Die zentrale
Verwaltung
des
Wohnraums,
d~
Vertei
lung
der
Vertriebenen
über
das gesamte
Stadtgeb
iet
verhinderten
e
ine
Ghettobildung
Es gab
in Görlitz kein
iso
liertes ,,Flüchtlingsviertel"
w
ie
in
manchen
S
t
ädten
Westdeutschlands.
In
Gör
li
tz
konnten sich die Schlesier
weite
r
heimisch fühlen
.
Die Ban-
de in die alte Heimat
waren
noch stark. Dafür
sorgte
nicht
zuletzt
die
Kontinuität kirchlicher Verwaltungsstrukturen.
Im
März
1947
ließ
sich
Kardinalsvikar
Ferdinand
Piontek
als
Nachfolger des Breslauer Fürstbi-
schofs
Bertram in Görlitz nieder. Im Mai desselben Jahres nahm die
L
eitung de
r E
vangelischen
Kirche von
Schlesien
ihre
Tätigkeit
in Görlitz
auf, na
ch
dem Bischof Ernst
H
orn
i
g Breslau bereits im Dezember
1
946
hatte
verlassen
müssen. Görlitz übernahm von Breslau Funktionen
a
ls
Sitz
der
schlesischen Kirchenleitung
Es stand
damals außer
Frage
,
dass
Gör
litz
als
l
e
tzt
e
deutsch
verbliebene Stadt
in
Schlesien
dem
historischen
und kulturellen Erbe dieses Landes besonders verpflichtet
war.
Dies
war anfangs sogar
noch die
Haltung
des der
KPD ange-
hörenden Oberbürgermeisters
und
der
von
ihm geleiteten Stadtver-
waltung. Straßen wurden
nach
verdienten
Pr
o
tagoni
sten
der
schle
-
s
i
schen Arbe
it
erbewegung,
das
Theat
er
nach
Ger
hart
Hauptmann
umbenannt.
Im
Juli 1946 fasste der SED-dominierte Rat der Stadt den
einstimmigen
Beschluss,
ein
Schlesisches Museum zu gründen,
um
dort
„sc
hlesisches Schrifttum,
We
rk
e schles
i
scher Ma
l
er,
Graphiker
und Bildhauer und Erzeugnisse
des
schlesischen
Gewerbefleißes" zu
sammeln.
Es kam nicht mehr dazu. Die
offiz
ielle
Politik der
SED
verhinderte auf
Jahre
einen
positiven Bezug
zu
Schlesien
und
seinen
Tr
aditionen
im
Kulturleben der Stadt. Die
Vertriebenen selbst
bewahrten die Erinne-
rung und
hielten die
Verbindung untereinander aufrecht. Vor allem
die
ehemal
i
gen
Bürger
Breslaus und der kleinen
Städte
und Dörfer
unmittelbar
öst
l
ich der Neiße
trafen sich
regelmäßig, in bestimmten
Heim
en,
Gaststätten und Friseursalons und
bei
organisierten Spazier-
gängen an der Neiße.
Noch in
den
frühen
Fünf
z
i
gerja
hren
bereiteten
„il
legal
e
Umsiedlerzusammenkünfte"
in Görlitz der SED
Sorgen Auch
von regelrechten Widerstandsgruppen, gebildet von
ehemaligen
Breslauern und
Liegnitz
ern,
die in Görlitz und Umgebung Flugblät-
ter
verte
ilten,
ist in Polizeiakten die Rede. Es verwundert nicht, dass
beim Aufstand am 17
Juni 1953 in Görlitz sofort Parolen gegen
die
Oder
-
Neiße-Grenze laut
wurden
Die prekäre
sozia
l
e
Lage
und
die
besondere Zusammensetzung der Bevölkerung machten die Stadt
zu
einem Brennpunkt des Aufstands.
Auch auf der polnischen Seite der Neiße blieben
Flucht und Ver-
treib
u
ng
für
viele
Jahr
e
die bestimmenden
El
emente
des
städtische
n
Lebens. Nach der ersten
Welle
der
Vertreibung
im Mai
194
5
kam
die polnische Neubesiedlung nur stockend in
Gang.
Bis ins Frühjahr
1946
do
min
ierte
die
ve
rbli
ebe
ne
deutsche Bevölkerung
,
danach
sank ihr Anteil
schnell.
Ende 1947 lebten nur noch 37 Deutsche
in
Zgorzelec. Die
e
rsten
polnischen Bewohner
waren ehema
li
ge Ge-
fangene des Kriegsgefangenenlagers
und d
emobi
lisierte
A
ng
e
h
ör
i
ge
der
Zweite
n
Polnischen Armee, die
im Frühjahr 1945
zusammen mit
der Roten Armee in der Lausitz
gekämpft
hatte. Das Grenzgebiet
war
zunächst für M
i
li
r
kolon
isten r
eserv
i
ert; e
rst
Ende
194
5 wurden
in
Zgorzelec zivile Siedler zugelassen. Unter
diesen
dominierten bald
Vertriebene
aus den polnischen Ostgebieten, aus den Regionen um
Wi
lna
und Lemberg, aus der Gegend um Tarnopol und aus den
polnisch-ukrainischen Mischgebieten
um S
t
an
i
slaw6w. Sie
machten
im Frühjahr
194
7
rund
56
%
der Bevölkerung
von Zgorzelec aus.
Dazu
kamen Siedler
aus dem Inneren Polens,
ehemalige
Kriegsge-
fangene
und
Zwangsarbe
it
er
und zahlreiche durch Krieg und Ver-
folgung
Versp
r
engte,
T
sc
hechen
,
Rumänen, Ungarn
Auch
eine recht
große jüdische Gemeinde bildete
sich
Sie
umfasste
1946
rund
550
Personen,
sch
rumpfte
dann aber
schnel
l
wiede
r in
Folge
der
Auswan-
derung nach Palästina
G
roße
Unsicherheit,
ein
ständiges
Kommen und Gehen bestimmten
das
Leben in der
Stadt.
Ende 1949 setzte
e
in
e
neue
Migrationswel-
le
ein.
Wie
andere Ostblockstaaten mus
s
te damals auch Polen
auf
Geheiß der Sowjetunion
ei
nig
e
Tausend Flüchtlinge aus dem
Grie-
c
hischen Bürgerkrieg übernehmen
,
die überwiegend
in den
west
l
ichen
Grenzgebieten
angesiedelt
wurden.
Zgorzelec
wurde
zum
zentralen
Aufnahmeort.
Rund 9 000 Menschen fanden hier für
einige
Jahre
Un
t
e
r
kunft;
19
50 be
trug
der
Anteil
der
Griechen und Makedonen
64
%
der Bevölkerung
Vorübergehend verwandelte
sich
die Stad
t
in
ein großes
Aufnahmelager
vor
allem für Kinder und Halbwüchsige
ohne
Eltern.
,,
Paidopolis
",
Kinderstadt, wurde Zgorze
le
c
damals
vo
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den Griechen
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.
Die meisten jugendlichen wurden später
in
andere
Heime
in
Niederschlesien
verlegt.
Dennoch blieb
eine nen-
nenswerte griechisch-makedonische
Minderhei
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in
der Stadt.
In den
Sechz
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wanderten viele Makedonen
na
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Jugoslawien aus.
Die Griechen konnten erst
na
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dem
Sturz
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1974
nach
Griechenland
zurückkehren.
Eine
Wende
in der
Gesc
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ichte von
Zgorzelec
brach
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der
Ausbau
des
Braunkohlekombinats Tur6w
in
den Jahren nach
19
58.
Der Zu-
strom von
Arbeitskräften in die Braunkohle
stell
te
die bislang letzte
große
Ei
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stabilisierte
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Fluktuation geprägte Bevölkerung und
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an.
Erst
jetzt
wurde die Einwohnerzahl
der
Görlitzer Oststadt
aus
der
Vorkriegszeit wieder
erreicht und
ba
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deutlich überschritten.
Eine dynamische
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tädtebaulich
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Entwicklung setzte ein, neue Quar-
tiere und
eine
moderne städtische
Infra
struktu
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entstanden
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wurde Zgorzelec
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Stadt.
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in
beiden Städten, in Görlitz wie
in
Zgorze
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Flucht und
Vertre
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„WIR HABEN SACHSEN
VERÄNDERT
...
"
-
Geschichte vom
mühsamen
Weg in die Zukunft
Durch Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den östlichen Pro-
vinzen des Deutschen Reiches sowie aus den Siedlungsgebieten
in Ost-, Mittel- und Südosteuropa am Ende des Zweiten Welt-
krieges wurde ein beispielsloser Flüchtlingsstrom ausgelöst, der zu
einer
massiven Änderung der Bevölkerungsstruktur führte.
Von den über
12
Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen lebten
1950
etwa 8
,
1
Millionen in der damaligen
Bundesrepublik
,
4
,
1
Millionen in der DDR und davon rund eine Million in Sachsen.
Nachtgeschirr
aus
Stahlhelmen.
Im Schaufenster
eines
Görlitzer Eisenwarengeschöfts
w
i
rbt
ein
Plakat 1945 für
die
Umarbeitung alter Stahlhelme zu Kochtöpfen und
Nachtgeschirren.
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2, 00
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Menschen mit
ihren Habseligkeiten,
wartend vor
Güterwaggons, ca. l945
Flüchttingsf
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kommen
mit dem Rest
ihrer
Habe auf
dem zerstörten
Leipziger Hauptbahnhof an, 1945
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946 war der
Anteil der
ous
Schlesien stammenden
Heimatvertriebenen
in
Sachsen
am Höchsten
Flucht und Vertreibung
Die Menschen kamen oft nur mit wenig
Hab
und Gut an.
Ein
kleiner Handwagen, ein Rucksack, ein
Koffer
oder die wenigen
Habseligkeiten,
die
sie am Körper trugen, waren
häufig
ihr ein-
ziger verbliebener
Besitz. Hunderttausende
verloren auf der wo-
chen- oder
gar monatelange Flucht ihr Leben.
Viele
Flüchtlinge
kehrten
in
den ersten Wochen nach Kriegsende
hoffnungsvoll
in ihre
Heimat zurück und mussten schließlich als
Vertriebene
den
mühseligen
Weg
nach
Westen ein zweites Mal
gehen. Diese Deportation erfolgte dann
häufig
mit dem Zug.
8

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Neuländer Straße,
,Lager
für
Umsiedler',
Dresden
·Tr □ chau,
1945
1
Zwischenstation Lager
Die Flüchtlinge
u
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Vertriebenen wur
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en
in
Lager
und
Notquartiere
eingewiesen oder
bei Privatfamilien untergebracht. Häufig
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zwischen Einheimischen und
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Quartiere der
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Leipzig, 1947
Integration in
Sachsen
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Flüchtlinge
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der Aussiedler und
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Leistungen
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Aufbau des
kriegszerstörte
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Sachsen.
Nach
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Ziegelei
,
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tete
diese zur Glasbearbeitung ein
und
fertigte
Glasknöpfe
.
Aufgrund
van
staarlich
en
Repressalien musste
die Firma 1949
Konkurs anmelden.
1.
Der
Wiederaufbau Sachsens nach
1945 p
rofitier
te
erheblich van
den Heimatvertriebenen
,
denn
unter ihn
e
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waren
gut
ausgebildete, dringend
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Auf dem
Foto
:
Kumpel
vom
Steinkohlebergwerk „Martin Haop"
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Zwickau,
1955
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SA C H S
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VORGESCHICHTE
-
Zwangsumsiedlung und
Vertreibung
im Kontext
nationalsozialistischer Politik
Millionen von Menschen waren im 20.
Jahrhundert
von Flucht und
Vertreibung betroffen. Kriege,
Rassismus
und
Nationalismus
in un­
terschiedlichen Ländern und zu unterschiedlichen Zeiten gehörten
zu den
Hauptursachen.
Die
Flucht
und Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende
des Zweiten Weltkrieges war die zahlenmäßig größte erzwun­
gene Bevölkerungsverschiebung des 20.
Jahrhunderts. Doch darf
der Blick nicht auf 1945 verengt und die
verhängnisvolle
Rolle
Deutschlands im Zweiten Weltkrieg nicht vergessen werden.
Der
„Hitler-Stalin
-
Pakt"
garantierte
Deutschland die
sowjetische Neutralität
bei
einer
Auseinandersetzung
mit Palen und den Westmächten. Der deutsche Reichsaußenminister Joachim
van
Ribbentrop
(sitzend)
bei der Unterzeichnung des deutsch
-
sowjetischen
Grenz
·
und Freundschaftsverhags, stehend
vorn
r
echts:
J.
W.
Stalin, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare
W.
M.
Malataw, der sowjetische Botschafter
in Berlin, Schkwarzew, sowie der
sowjetische
Generalstabschef B.
M.
Schapaschnikaw,
Moskau,
2B. September 1939
Hittergegner aus Graslitz
(Kraslice}
auf dem
Wege
nach Dachau, Oktober 1938
Deutsche Frauen im
Sudetenland
bejubeln den Einmarsch
der
Wehrmacht
mit dem Hitlergruß, Oktober 1938
,,Volk ohne Raum"
Die
Nationalsozialisten
übernahmen dieses in der Weimarer Re­
publik geprägte Schlagwort, um
den
deutschen
Eroberungsfeld­
zug
im
Osten zu
begründen.
Schon das Parteiprogramm der
NSDAP enthielt
unter Punkt
3 die
Forderung
„Wir
fordern Land
und Boden (Kolonien) zur
Ernährung
unseres Volkes und Ansied­
lung
unseres Bevölkerungsüberschusses."
Territoriale Erweiterung des
Herrschaftsgebietes,
Zwangsum­
siedlungen und Vertreibungen erfolgten bereits vor dem deutsch­
sowjetischen
Nichtangriffspakt
vom 23. August
1939
(,,Hitler­
Stalin-Pakt") und vor
Beginn des
Zweiten Weltkrieges
am
l.
September 1939.
Begünstigend
für
die
nationalistische Agitation war
die
vom
größten
Teil
der
Deutschen empfundene
„Schmach von Versailles".
Aufgrund
des
,Ve
rsailler
Vertrags' von
1919
verlor
Deutschland
alle
Kolonien
und
musste folgende Gebiete abtreten, z.
l
nach
Volksabstimmungen·das Memelgebiet an
Litauen, Teile
Posens,
Westpreußens
und
Oberschlesiens an Polen, das
Hultschiner
Ländchen
an die
Tschechoslowakei, Elsass
-
Lothringen
an Frank­
reich, Eupen-Malmedy
an
Belgien,
Nordschleswig an Dänemark
Danzig
kam
als freie Stadt unter die
Hoheit
des Völkerbundes und
das Saargebiet wurde
für 15
Jahre der Verwaltung des Völker­
bundes unterstellt. Weniger als 20 Jahre später setzte
Hitler
den
Revanchegedanken
in
aggressive
Politik
um.
10

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Vertreibung der deutschen Juden
Die
ersten
Deutschen, die
zu
Tausenden aus Niederschlesien ver­
trieben
wurden, waren
Breslauer
Juden
.
Nach
der
Reichspogrom­
n.acht 1938
wurden 3000
j
üdische Männer aus
Breslau
von den
Nationalsozialisten
in das
KZ
Buchenwald
ve
r
schleppt.
Auch
in den
„angesch
lo
ssenen" Geb
ieten
des Deutschen Reiches,
in Österreich und in der Tschechoslowakei
brannten
die
Synago­
gen
,
wurden
jüdische
Geschäfte
geplündert
und Tausende
J
uden
i
n
Konzentrationslager
e
in
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efert, wo fü
r
v
iel
e
diese
„Vertrei­
bung" in der
Vernichtung endete.
1872 wurde in Breslau die
„Neue
Synagoge" geweiht, deren Gemeinde
l
iberal
orientiert war.
Während der Reichspogromnacht
w
urde
das Gebäude
van
einer
SA-Gruppe in
Brand gesteckt.
Brennende Synagage in Reichenberg (liberec) am 10. November
1938
„Heim ins Reich" - die Repatriierungen
Et
wa
900.000 Menschen,
sogenannte
„Volksdeutsche",
wurden
seit den dreißiger Jahren im Rahmen der
sogenannten
Repatriie­
rung aus
Ostpolen,
den
baltischen
Staaten, der
Sowjetunion, aus
Rumänien und
Jug
oslawien
umgesiedelt
und
in
d
i
e
Grenzen
des
vergröße
r
ten
Deutschen Reiches
gebrac
h
t.
Hunderttausende Menschen,
vor
allem im besetzten Polen, wurden
dafür
aus ihren Häusern
vertrieben.
Walhynien,
Der
große
T
reck,
Umsiedlung der
„Volksdeutschen" 1940
in
die
Provinz
Pasen
(
Bild
unten) und Ankunft von
„Volksde
utschen"
aus Litauen im Auffanglager Bojohren,
Februar
1941 (Bild oben).
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FLUCHT VOR DER ROTEN ARMEE
in Richtung Westen zu Fuß,
per Treck, bei eisiger Kälte
Bilder von endlosen
Trecks,
die bis heute unsere Vorstellung von
der Flucht der
Deutschen
prägen, stammen in der Regel aus Ost­
preußen.
Im Spätherbst
1944
begann hier die Flucht der
Deutschen
vor
der
heranrückenden Roten Armee.
Die
Rote Armee
erreichte
Ostpreußen
im
Oktober
1944.
Sie rich­
tete unter der Zivilbevölkerung der
Ortschaft
Nemmersdorf
ein
Massaker an.
Die Bilder des
Massakers wurden
von der NS-Pro­
paganda weit verbreitet und sollten deutlich
machen,
was
auf
die
Deutschen bei einer Niederlage zukommen würde.
In R
ic
htung
Westen bewegen
sich
die
zahllosen
flüchttinge,
1945
Ein
von
der Front überrollter und zerschossener Flüchtlingstreck nördlich
von
Königsberg
im
März
1945.
Im Vordergrund erschossene Prerde und Wogen; im Hintergrund
ein
deutscher Panzer VI Tiger.
Aufnahme von
Flüchttingen aus Königsberg durch das Kriegschiff F.5.5.
,,Wedel",
1945
Frühzeitige Evakuierungen wurden durch das nationalsozialistische
Regime mit
Durchhalte-Parolen
abgelehnt Befehle
der
Gauleiter
zur
Evakuierung
der
Bevölkerung
kamen oft eindeutig zu spät,
wie
im
Fall der
Städte
Breslau oder Königsberg
Deutsche
Aufnahme
der Propagandakompanie
vo
n
in Nemmersdorf
gefundenen
Toten, Oktober
1944
Flucht über
das Frische Haff
Ende
Januar
1945 ha
t
te die Rote Armee Ostpreußen eingekreist
und
so vom restlichen
Reichsgebiet
abgeschnitten Deu
t
sche Flücht­
l
i
ngstrecks versuch
t
en den Weg entlang der Os
t
seeküste über das
zugefrorene,
ungeschützte Frische Haff
Sie hofften, nach etwa
acht Kilometern
die Frische
Nehrung, eine schmale
Landzunge
an
der Ostsee,
zu
erreichen und von
dort
aus zum
Danziger
Hafen
zu ge
l
angen
Die Trecks gerieten häufig
in das Feuer
sowjetischer Tiefflieger.
Zahlreiche
Flüchtlinge
wurden verletzt, erfroren oder ertranken, als
die
Fuhrwerke in das Eis
e
i
nbrachen
1
12

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Deutsche
Zivilisten
im Februar 1945
in
Danzig
(Gdansk)
und Umgebung;
auf
der flucht vor der herannahenden Roten
Armee haben sie ihre
Heimat
verlassen, 20./21. Februar
1945
Mit Wagen und zu Fuß
Mit Beginn
der
sowietischen Offensive am
1
2.
Januar
1945
en
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schieden s
i
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Hunderttausende
Ziv
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ten
zur
Flucht aus den
Os
gebieten Die
Berichte der Fliehenden und der gleichzeitige
Vor­
marsch der
Roten
Armee verursachten
gewaltige
Flüchtling
strecks
(nach
Os
tpreußen
folgten Hinterpommern, Danzig-Westpreußen,
Ostbrandenbu
rg
und Schlesien). Außerdem
flohen
deutsche Be­
völkerungsteile aus Zentralpolen und anderen ostmitteleuropä­
ischen
Regionen.
Z
i
ele waren zunächst vor
allem
Sachsen
und Thüringen
sowie
das
Sudetenland.
Bei
klirrender Käl
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Tausende
Tre
cks
über
die verschne
it
en Landstraßen.
Die
Mensc
h
en
fl
ohen
zu Fuß, mit
H
andwagen, Schlitten oder Pferdefuhrwerken. Mü
tte
r schoben
kilometerweit
Kinderwagen
mit
Kleinkindern. Die hygienische und
medizinische Versorgung war katastrophal.
Auch Lebensmittel
und
Trinkwasser waren
knapp, Kleidung und d
i
e
,,Fluchtausrüstung"
v
i
e
l
fach
denkbar ungeeignet
Viele F
chtlinge schleppten
unhandliche,
schwere
Koffer. Zehntau­
sende erfroren oder verhungerten, starben an
Krankheiten
(Ruhr,
Typhus),
durch
Tieffliegerangriffe
oder wurden durch
die Panzer
der
Roten Armee überrol
l
t. Die Bevölkerung größerer Städte wur­
de
,
solange
dies
möglich war, mit der
Eisenbahn transportiert.
Tr
eck von ostpreußischen
Flüchtlingen bei Braunsberg
(Braniewo),
Januar
1945
'
Anordnunß!
Frauen jeden Alters
sowie männliche Jugendllche
unter 16 Jahren ul\d Männer
Ober 60 Jahre
haben das Stadtgebiet
von
Breslau zu verlassen!
Um den Abtransport von Kranken und
Gebrechlichen weiter zu ermöglichen,
setzen sich ale Gehfähl9en
zu Fuß In Marsch.
Breslau, ct.n 26. Januar 19'5
Hanke
~r
MIid
R ■lchnart■
lcN11r.ins11kom"'il.Mr
„Anordnungl
Frauen jeden
Alters sowie männliche
Jugendliche unter 16 Jahren und
Männer über
60 Jahre haben
das
Stadtgebiet van
Bre
s
lau
zu verlassen
1
"
Der
Reichsverteidigungskommissar
für den Reichsverteidigungsbezirk Niederschlesien, Karl Hanke, ordnete erst im Januar 1945 die
Evakuierung
der Zivilbevölkerung
van
Breslau an.
,--.-..
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VERTREIBUNG AUS DER HEIMAT:
von der wilden zur systemati­
schen Vertreibung
Noch dem Einmarsch der Roten Armee 1944/45 begann die Ver­
treibung der
verbliebenen
Deutschen aus den deutschen Ostpro­
vinzen
und den anderen Staaten
Ost
-
und
Südosteuropas.
Entge­
gen den Hoffnungen
vieler
Deutscher konnten
sie
nicht
wieder
in
ihre Heimat zurückkehren bzw.
wurden
noch einer erfolgreichen
Rückkehr wieder ausgewiesen.
Die
expansio
n
istische, me
n
schenverach
t
ende Poli
t
ik des national­
sozialistischen
R
eg
im
es
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atte entsetzliche Opfer ge
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or
d
er
t
. Noch
dem nationalsozialistischen Terror
schien
ein Zusammenleben mit
den Deutschen kaum mehr möglich
zu sein.
Hass und Zerstörung,
willkürliche Übergriffe, Morde, Hinrichtungen, Vergewaltigungen
,
Enteignungen
,
Demütigungen und Repressalien waren die
Ant­
wort
auf die Verbrechen der Nationalsozialis
t
en.
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der Stodt
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Upozorneni.
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,
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2
rucn!ky,
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Bude
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ti prohlfdkou zjiJtfoo,
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nebylo dbano tohoto upozornenl
,
nebude
dotycn6
osoba
pfijala do odsunu, n)'brf posl6na do vnitrozemf na prllci.
'Übersetzung.
Personen, welche für den 1\blransporl bestimmt sind, haben
ihre
Wohnung in
vollster Ordnung
zu verlassen.
Gepäck wird
!Ur eine Person zugelassen: 1 Gepäckslück von 60 kg
und Handgepäck von
höchstens t
O
kg.
Die
übrigen Sachen sind in der
Wohnung
an Ort und Stelle
zu
Jassen z.B. Vorhänge, Teppiche, Tischlampen,
Wandspiegel
,
Wasch•
scllüsseln, Teile
der
Einrichtung, Tischdecken,
2
Hapdlücher, in Bellen
Malratren, Betuaken und mindestens
je ein Koptkissen und Zudeckbell
alle,
Irisch
bezogen.
Das Gepäck
darf
nicht in Teppiche oder Ueberzüge gepackt werden.
Wird
bei
der
Kontrolle festgestellt, dass dies nicht beachtet wurde,
wird
die
betreffende
Person
nicht in den Transport aulgeno1Dmen, sontlern
Ve
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Wilde Vertreibungen
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Aussiedlungen, denen iede gesetzliche
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ie Deutschen
mussten in kürzester Zeit ihre Sachen pac
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en.
Die
Vertreibungen
waren häufig begleitet von brutalen Übergrif
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fen und Ausschreitungen,
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