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Nummer 66, seit 1999
Erste „Corona-Ausgabe“ - erstellt unter erschwerten Bedingungen!

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Bilder: free, pixabay.com oder angegeben
www.Live-Karikaturen.ch
Ich
freue
mich auf die
Zeit
, wo man
liebe
Menschen
einfach
umarmen
darf.
Michi
Zu einem Redaktionsmitglied:
Scheiß Corona!
… Könnt Ihr nicht über was anderes schreiben?
Klärt mal die Gerüchte endlich auf!

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
……..…..……..……...…..
4
Nach(t)gedanken
….……………...…………………....
5
Gedanken zu einem Virus
……….....………
5
bis
7
GefangenenMitVerantwortung
……….………….
8
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
...…..…
5
bis
14
Gespräche per Telefon
…..….……..……
15
und
16
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
……..
17
bis
21
„Knastmacken“
.…………………...….……….…......
22
Fitnessprogramm für faule Tage
…...…..…....
23
Das HL - Preisrätsel
……….……….…......
24
und
25
HL - Songtext
.……………………….………….…......
26
Post an die „HaftLeben“- Redaktion
…........
27
Kirche 2020
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
…….…….………………...
30 und 32 bis 34
Der „HaftLeben“-Spruch des Quartals
stammt diesmal von Leonardo da Vinci
(1452 - 1519)
.
Wo
viel
Gefühl ist,
ist auch viel
Leid
Titelbild: Free, pixabay.com
Impressum
Wir wünschen Maria alles Gute
für die Zukunft!
Danke für deine Mitarbeit in der
„HaftLeben“ Redaktion.
ICH DACHTE, DIE
SCHULE
SEI
SCHWIERIG.
ICH DACHTE, DAS
STUDIUM
SEI
SCHWIERIG.
ICH DACHTE,
KINDER
BEKOMMEN SEI
SCHWIERIG.
ICH DACHTE,
BÜCHER
SCHREIBEN SEI
SCHWIERIG.
NEIN. MIT
„SICH
NICHT INS GESICHT
BIN ICH
MEINEM GRÖSSTEN
FEIND
BEGEGNET.
©
powert by

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4
Haft Leben Nr. 66
Hallo liebe Mädels,
schöne bemaulschützte Grüße aus der wirren irren
Corona-Welt.
Auch hier sind ja viele fleißige Näherinnen am Werk,
die Mund- und Nasenschutze herstellen, brachte
sogar nen schönen Pressetermin mit der Justiz-
ministerin ein. Und zum Glück fiel da auch ein
kleines Mäskchen in Miezenmaulgröße für mich ab.
Hier drinnen sind zwar kaum noch Zweibeiner
unterwegs und betatschen lasse ich mich auch nicht
mehr, trotzdem schwimm ich am Eingang natürlich
brav durch den Desi-Pool - ist zwar fürchterlich
schlecht für meine zart glänzenden Fell-Spitzen,
aber eure Gesundheit geht selbstverständlich vor.
Naja, denen draußen geht es ja auch nicht besser,
habe ich mir sagen lassen und in der Klotze sieht
man ja auch nur noch Gejammer. Diese Zweibeiner
haben also auch wenig zu lachen mit den ganzen
Auflagen und ….
An mich und die armen Vierbeiner denken auch
weniger, leider.
Über meinen „Covid 19 - Pandemie-Betrachtungen“
habe ich doch beinahe den neusten Tratsch über
das fiese Wiesel, das hier oft genug herumstreicht,
vergessen. Diese Episode aus meinem pandemie-
geplagten Leben muss ich euch unbedingt gleich
noch erzählen.
Als ich das Wiesel den einen Tag in die Poststelle
schlüpfen sah, bin ich sofort stutzig geworden. Sorry,
nochmal an mein Streichel-Date, das ich dann
sausen lassen musste, aber es galt herauszufinden,
was das Wiesel im Schilde führte. Gutes konnte es
nicht sein. Im Begängnis fand sich keine Lücke, die
mich unauffällig in die Poststelle gebracht hätte, aber
ich musste schnell handeln. Flux schwang ich mich
von draußen aufs Fensterbrett, das zwielichtige
Wiesel fest im Blick, und tatsächlich starrte es einen
der eingegangenen Briefe ganz besonders an, wie
ein Raubtier-Dieb seine Beute. Groß und bunt stand
die Adresse drauf, aber auch noch was anderes mit
Ausrufezeichen - war es das, worauf es das fiese
Wiesel abgesehen hatte? Und wirklich wartete es
gewieft auf den richtigen Moment, um den Brief vom
Stapel und in sein Versteck zu zerren. Siegessicher
schlich das fiese Tier davon, keiner der Zweibeiner
hatte was gesehen. Nur ich würde den Brief noch
retten können. Des Nachts waren die Flure endlich
leer genug, die Poststelle verlassen - ich sortiere dort
ja manchmal Sachen von den falschen in die
richtigen Fächer, darf mich nur von keinem
Zweibeiner dabei erwischen lassen, dass ich lesen
kann.
Diesmal schoss ich aber gleich vor zum Wiesel-
Versteck, Nackenfell aufgestellt, Krallen gezückt. Es
war leer - kein Wiesel, kein Brief mehr! Leisepfötig
stellte ich die ganze Poststelle auf den Kopf und
wieder auf die Füße. Auch im Reißwolf-Abfall fand
ich nichts außer Millionen weißen und auch bunten
Schnipseln.
Da konnte ich nichts mehr retten, konnte nur noch
hoffen, dass der Inhalt des bunten Briefes nicht allzu
wichtig gewesen war. Aber warum
hatte dann jemand dick und fett
Eilig
!“ auf den Briefumschlag
geschrieben? Diese Frage bleibt
unbeantwortet, leider. Ich bleibe
auf jeden Fall an dem Wiesel dran,
dass verspreche ich euch. Post darf keine mehr
wegkommen!!!
Und wenn ihr jetzt eh schon wisst, dass ich natürlich
lesen kann (sagt es halt nicht weiter, ok!), muss ich
gleich noch was anderes ansprechen. Wenn ich
abends mit gespitzten Katzenöhrchen durch die
Gänge streife, höre ich euch oft die eine oder andere
Träne verdrücken, leise das Weinen ersticken oder
auch herzzerreißend schluchzen. Bei meinen
Streichel-Dates in den Zellen, die ich gar nicht mehr
missen möchte, scanne ich auch immer offene
Tagebücher
oder
angefangene
Briefe
-
unverbesserliche Katzenneugier, sorry. Was mir da
manchmal auffällt, ist die Konzentration aufs
Negative. Natürlich sollt ihr dem Tagebuch
anvertrauen, was euch belastet, und auch Freunden
und der Familie zu erzählen, wenn es euch nicht gut
geht, das ist wichtig! Aber lasst das Positive - so
komisch das im Knast auch klingt - nicht weg, das ist
noch wichtiger!!!
Vielleicht gibt es hier nicht jeden Tag was zu lachen,
aber irgendwas Schönes oder Gutes gibt's doch
immer. Denkt mal nach! Traumhaftes Hofwetter, ein
schöner überraschender Brief, was leckeres zu
essen, den Lieblingsfilm oder was herrliches Neues
im Fernsehen, ein witziges Telefonat, neue Fotos in
der Post, ne neue Freundin aufm Hof, ein gutes
Buch, fetzige Musik im Radio, der Duft von frisch
gemähtem Gras ...
Ich gebe zu, das erste Mal hab ich mich auf meinen
leisen Pfötchen nur aus Neugier in den Knast verirrt,
aber mit jedem Tag - mit jedem unverhofft schönen
Erlebnis - sind mir meine Streifzüge hier, seid ihr mir,
immer mehr ans Herz gewachsen. Ihr sollt den Knast
nicht gleich herzlich finden oder ihn gar lieben
lernen. Und ja, so fiese Wieseltage gibt es hier leider
auch - aber verschließt euch nicht vor den guten
Momenten, den schönen Tagen, den aufmunternden
Begebenheiten, vielleicht ermutigenden Erfahrungen.
Nehmt das, was ihr nicht ändern könnt, wie es ist -
auch mit dem Guten!
Ich komme natürlich auch jetzt gern für meine
Streicheleinheiten und Pfötchenmassagen bei euch
vorbei und schnurre euch durch mit meinem neuen
Maulschutz den Ohren voll.
Also ich bin und bleibe vorsichtig und drücke euch
alle Krallen, dass Corona keine von euch kriegt!
Miauige Grüße - eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
Nach(t)-Gedanken
Entschuldigung!
Ganz ausnahmsweise muss ich mich heute mal
etwas nach vorne Drängeln. Nein, hier geht es
nicht um Gleichberechtigung, die HaftLeben (HL)
ist und bleibt die von Frauen für Frauen
geschriebene Chemnitzer Gefangenenzeitung.
Doch nun zu meinem Anliegen.
Dieses Heft ist ein ganz besonderes, denn es bleibt
hoffentlich einmalig.
Alles was wir in der „HaftLeben“-Redaktion bis
März geplant hatten, war mit einem Mal Makulatur -
also nicht mehr zu gebrauchen.
Es gab von nun an keine gemeinsamen
Redaktionssitzungen mehr - die Frauen mussten
alleine ihre Aufgaben erledigen. Von heute auf
morgen war Schluss, auch ich durfte nicht mehr
meiner ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen.
Die Frauen der Redaktion müssen mit einem
„Offline-Wikipedia-Lexikon“ auf den PCs aus-
kommen, das Internet steht in unserem Fall leider
nur mir zur Verfügung.
Fragen und Ideen austauschen geht (fast) nicht
mehr bzw. dauert sehr lange.
Dank der Anstaltsleitung darf ich ab und an,
natürlich ohne jeglichen Kontakt zu den Frauen der
Redaktion, an die HL-PCs, um von dort die
geschriebenen Texte herunterzuladen. Meine
Gedankengänge zu den Texten schreibe ich in die
Texte der Frauen und dann geht alles auf
demselben Weg zurück in die JVA Chemnitz. 14
Tage zwischen den Nachrichten sind der Normalfall
und so ging es hin und her - ein auch für mich sehr
aufwendiges „Bäumchen-wechsle-dich-Spiel“.
Aus diesem Grund haben wir uns auch Gedanken
zum Corvid-19-Virus gemacht und versucht,
aktuelle Gedanken und Probleme rund um Corona
hier in diesem Heft mit aufzunehmen.
Den versprochenen Beitrag von der Europäischen
Fachtagung in Düsseldorf zum Thema
„Papa,
Mama hinter Gittern, wie komme ich damit
zurecht?“
müssen wir auf Grund der aktuellen
Artikel leider verschieben.
Noch glaubt die Redaktion (Anfang Mai) daran,
dass Sie, werte Leser*innen, Mitte Juni das neue
„Corona und Gefühle - HaftLeben-Heft“ in ihren
Händen halten können.
Corona - Der Schrecken dieser Tage
Gebannt schau(t)en wir die nunmehr Ausgangs-
sperre-Überdrüssigen auf die herbeigesehnte, nun
endlich „angewiesene“ - neue Freiheit. Die
tiefgreifenden Einschränkungen im alltäglichen
Leben zeig(t)en offenbar die erhoffte Wirkung. In
Deutschland geben die täglichen Fallzahlen Grund
zum Optimismus. Heute, am 07.05.2020, können
wir es in den Medien lesen und hören. Vieles wird
erleichtert.
Hoffentlich bald auch in der JVA-Chemnitz.
Es ist auch für mich nicht einfach,
meine Mutti wartet sehnsüchtig auf
einen Besuch. Die Kinder und Enkel
in einem anderen Bundesland auch.
Neue Pläne werden nicht nur von
mir gemacht.
Der Wanderausflug zum Männertag
ist nun auch gesichert und der Rucksack wird
spürbar leichter - Bier brauche ich nicht mehr zu
tragen - die Gaststätten haben dann endlich wieder
auf.
Zugegeben, das interessiert Sie, liebe Leser*innen
nicht die Bohne, Sie haben andere Prioritäten und
das ist gut so.
Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft
blicken und zurzeit noch träumen, dass das
Virus uns und unsere Familien nicht „trifft“.
Gefühle
Gemeinsam mit der Redaktion der Dresdener
Gefangenenzeitung „Der Riegel“ hatten wir von der
„HaftLeben" für Anfang Mai 2020 eine gemeinsame
Sitzung geplant. Da sollten die von beiden
Redaktionen zum Thema „Gefühle“ geschriebenen
Texte vorgetragen und bewertet werden. Nun bleibt
uns nichts weiter übrig, als die gemeinsamen
Texte, von der Dresdener „Der Riegel“ und der
Chemnitzer „HaftLeben“ - Redaktion abzudrucken.
Wir
haben
eine
Auswahl
für
unsere
Gefangenenzeitung getroffen, diese Texte beider
Redaktionen berichten über Gefühle, Träume,
Wünsche und Gedanken aus einem „Sperrgebiet
hinter hohen geschlossenen Mauern“, aus je einer
JVA.
Auf diese Texte von beiden Redaktionen möchte
ich Sie, werte Leser*innen, besonders aufmerksam
machen.
Bewundernswert ist die Mühe der Frauen und
Männer, die sich Gedanken gemacht haben und
uns einen Einblick in ihre „Welt“ der Gefühle
gewähren. Diese Texte sind nicht einfach für die
Frauen und vielleicht auch für die Männer zu
schreiben und gewähren uns tiefe Einblicke in die
jeweiligen Autorinnen und Autoren.
Danke für euren Mut!
Lassen Sie sich überraschen, was die Frauen, nicht
nur bedingt durch die gravierenden Änderungen
der Covid19-Pandemie, über ihren nun geänderten
Alltag in der JVA berichten.
Bitte nehmen Sie sich auch diesmal etwas mehr
Zeit für die Einblicke und Gedanken der inhaftierten
Autorinnen und Autoren aus der weiten Welt der
gelebten Gefühle hinter den hohen Mauern einer
sächsischen JVA!
Ihr manchmal schlafloser „Ehrenamtler“
Lutz Richter

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6
Haft Leben Nr. 66
Gedanken zu einem Virus
WIKIPEDIIA - Die freie Enzyklopädie erklärt dazu:
SARS-CoV-2
(Abk. für englisch severe acute respiratory syndrome coronavirus 2,
Deutsch
Schweres-akutes-
Atemwegssyndrom-Coronavirus 2, umgangssprachlich nur (neues)
Coronavirus
genannt; vormals auch
„2019-nCoV“, „2019-novel Corona virus“, „neuartiges Coronavirus 2019“ sowie „Wuhan-Coronavirus“
[
)
ist ein
im Januar 2020 in der chinesischen Stadt Wuhan, Provinz Hubei, neu identifiziertes Virus der Virusfamilie
Coronaviridae.
Das Virus verursacht die neue Atemwegserkrankung COVID-19 und war Auslöser der COVID-19-Pandemie,
die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Januar 2020 als „gesundheitliche Notlage von
internationaler Tragweite“ und am 11. März 2020 als Pandemie eingestuft wurde. Das Virus wird
hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion übertragen.
Übernahme von der taz Verlags u. Vertriebs GmbH, Berlin, Foto: AP.
Beides wurde am 30.04. /01.05. dort abgedruckt. Danke!

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
Gedanken zu einem Virus
Patrick K.
Die Welt
Welt gerät wohl aus den Fugen,
dies tun die im Fernsehen kund,
jeder glaubt es, selbst die Klugen,
denn sie wissen es geht rund.
Umweltgifte, Wirbelstürme,
Erde bebt und Pandemie,
Mensch in Kisten, zu den Würmern,
dass erlebte man noch nie.
Nun erhebt sich wohl die Erde,
gegen all das Menschenwerk
Wer‘s erlebt macht wohl die Kehre,
da er sieht den Leichenberg.
Aktienkurse, Fonds vergehen,
Firmenpleiten, auch im Eimer,
Zeitverkürzung, wer bleibt stehen,
selbst die Reichen schützt nichts mehr.
Irgendwas muss man doch machen,
irgendwas muss doch geschehen,
warum nun die ganzen Sachen,
soll der Mensch denn echt vergehen.
Religion, die soll nun helfen,
jeder stützt sich auf seinen Gott,
ob der Sohn oder auch Elfen,
Laibes Brot, ob Wein im Pott.
Nun da rächt sich unser Handeln,
ja, was nützt wem seine Macht,
wird das Denken sich nicht wandeln,
wird es unsere letzte Schlacht.
Wer führt Kriege gegen andere,
der verlor, von vornherein,
so verläuft alles im Sande und
so kehrt auch Frieden ein.
Totenstille, keine Feste,
jeder stirbt für sich allein,
vielleicht bleiben kleine Reste,
doch verhüllt ist all der Schein.
Niedergeschrieben von (HL/PAF)
Elli‘s neue Skype -Welt
Hallo ihr lieben Menschenkinder.
Die Corona-Zeiten bringen das Leben
ganz schön durcheinander, ob hinter oder vor den
Mauern. Überall sehe ich euch mit Masken vor dem
Gesicht. Aber lieber so, denn es gab ja Wochen, wo
ich fast niemanden „draußen“ gesehen habe. Als ich
die ersten mit Mundschutz sah, hatte ich mich ganz
schön erschreckt. Aber schnell daran gewöhnt, dass
ich euer Lächeln nicht sehen konnte. An den Augen
habe ich es dann gemerkt, wenn was lustiges war.
Die Mundschutze sind ja ganz schön bunt, sieht
manchmal schon lustig aus. Habe auch einen
bekommen von der Modenäherei und trage ihn, wenn
es sein muss, nun auch. Miau. Ihr Mädels tut mir
schon leid, dass ihr eure Familie und Freunde nicht
sehen könnt, da der Besuch seit Wochen
geschlossen ist. Ich kann es aber verstehen, wäre
doch viel schlimmer, wenn jemand krank wird.
Aber es gibt ja eine Ausweichmöglichkeit. Als ich so
durch das Haus geschlendert bin, bekam ich ein
Gespräch mit. Einige von euch gehen zum Skypen
ins Besucherzentrum. Skype, was ist denn das?
Meine flauschigen Katzenohren waren auf Neugier
gestellt, die wachsamen Antennen ausgefahren. Ich
beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Also
schlich ich auf meinen Samtpfötchen den
Zweibeinern hinterher. Hatte Glück gehabt, dass ein
Fenster offen war und ich mit durchschlüpfen konnte.
Ich hatte einen guten Platz, von wo aus ich alles
sehen konnte. Und wartete, wartete, wartete, aber
nichts passierte. Wo waren die denn hin? Ich schlich
sachte noch mal von meinem Platz weg und fand die
Mädels. Was war denn da los, ihr wurdet doch
tatsächlich kontrolliert, ob ihr irgendwas dabei habt.
Mein Katzenhirn hat das nicht verstanden, wem wollt
ihr denn was geben, ist doch keiner da. Egal. Jetzt
geht‘s los. Dieses Skype ist ne tolle Angelegenheit.
Zwar könnt ihr Mädels eure Lieben nicht in die Arme
nehmen, aber ihr seht sie und könnt miteinander
reden. Soweit ich das von meinem Platz aus sehe,
hattet ihr sehr viel Spaß dabei.
Da kam mir natürlich eine großartige Idee. Mein
Katerchen, ein früherer Bekannter, der nach
Thüringen gezogen ist, den ich auch schon lange
nicht gesehen habe, da der Schub nicht fährt, den
könnte ich so mal wieder sehen. Ihr müsst wissen,
ich bin manchmal mit dem Schub heimlich mit-
gefahren und habe einen Kurzurlaub bei meinem
Katerchen gemacht. Das war immer sehr schön. So
außerhalb der Mauern war ganz schön was los. Ich
hoffe, meinem Katerchen geht es gut. Miejau. Aber
bis es soweit ist, werde ich das ein oder andere Mal
nachts, wenn keiner da ist, mit meinem Katerchen
skypen. Und irgendwann fahre ich dann wieder hin.
Also Mädels, ich kann nur sagen: Geht skypen, so oft
ihr könnt! Es kommen auch wieder andere Zeiten.
Bleibt alle gesund und Corona-frei.
Eure Elli
2x Danke!
www.Live-Karikaturen.ch

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8
Haft Leben Nr. 66
Hört, hört die GMV hat etwas
zu berichten…
Gedanken der GMV
aufgeschrieben von HL-PAF
TV-Sender
- lange mussten wir darauf warten, doch
endlich sind Sie da. Man weiß gar nicht was man
zuerst schauen soll oder?
Matratzen
- bei einigen wurden die älteren Modelle
schon durch blaue neue Matratzen ausgetauscht, es
gibt aber auch schmale schwarze, die steinhart sind.
Auf jeden Fall gut für den Rücken
Schränke
- vielleicht ist es einigen ja schon auf-
gefallen, an unseren Schränken fehlen die Griffe
zum auf- und zumachen. Keine Sorge, es wird sich
darum gekümmert
Tiefkühler
- ein bekanntes Thema, denn wer isst
nicht gern eine Tiefkühl-Pizza, eine Torte oder
Chicken-Wings. Wir haben es nochmal ange-
sprochen und die Anstaltsleitung wird es an das
Gesundheitsamt weitergeben. Wir haben auch den
Vorschlag gebracht, tiefgekühlte Sachen innerhalb
von zwei Tagen aufzubrauchen - sollte dies nicht
passieren, werden die Sachen vom Stationsdienst
entsorgt
Kühlakkus
- einige von ihnen waren wohl
beschädigt gewesen und anstatt sie zu entsorgen,
wurde nur eine Plastiktüte drumgemacht. Sollte es
wieder vorkommen, das ihr wieder einen
beschädigten Kühlakku bekommt oder er euch selbst
kaputtgeht, dann einfach dem Stationsdienst geben
und austauschen lassen
Weichspühler
- nicht nur dies wird nochmals
geprüft, sondern auch etliche andere Artikel. Die
GMV-Mitglieder haben verschiedene Kataloge
bekommen, wo wir Produkte rausschreiben konnten,
die noch nicht auf unserer Liste stehen - diese Liste
haben wir an die Wirtschaftsverwaltung weiter-
gegeben, wo sie auch geprüft wird. Es wird auch ein
neuer Sachen-Katalog geprüft (evtl. als Zusatz noch
von Schwab und Neckermann).
Nun aber zum aktuellsten Punkt, der uns, denke
ich, alle beschäftigt „Corona“…
Die verschiedensten Gerüchte zur Covid 19-
Pandemie machen nicht nur uns verrückt.
Es wird unter anderem gesagt, dass wir nicht sicher
wären, dass keiner von der Gesellschaft an uns
denkt, dass Massak mehrere Knäste beliefert und
das Virus mit reinbringen könnte, aber auch die
Beamten und Angestellten der JVA, dass ein
Ausbilder Corona gehabt hätte, die Näherei und
Mode-Näherei Mundschutz nähen MUSS, dass die
Abstandsregeln nicht eingehalten werden, etc.
Stand, 21. April 2020:
Natürlich haben wir alle die gleichen Ängste, doch
ich denke, wenn wir den Hygienevorschriften
gründlich nachgehen, sinkt das Risiko sich
anzustecken. Wir von der GMV können eure Ängste
voll und ganz nachvollziehen, doch wir müssen auch
an die Angestellten, Ausbilder und Beamten denken,
die sich auch jeden Tag dem Risiko aussetzten, um
hierher zu kommen und ihrer Arbeit nachgehen
müssen/können. Draußen sieht es anders aus, dort
sind die Kindergärten, Schulen, Ausbildungs-
einrichtungen genauso geschlossen wie viele
Geschäfte - doch wir dürfen noch arbeiten. Die JVA
hat sich gut gekümmert, damit wir hier alle ordentlich
versorgt sind. Fast jeder hat einen neuen Fernseher
bekommen, die neuen Sender sind auch endlich da.
Man kann sich sogar beim Stationsdienst oder beim
Arzt Mundschutz geben lassen, auch wenn die
Ausbildungen nicht ablaufen sollten, wird sich
gekümmert dass man wo anders arbeiten kann.
Ihr könnt auch während des Einschlusses in den TV-
Raum oder in den Zwischenbau gehen.
Sogar wenn es wirklich hart auf hart kommen sollte
und es kommt zu einer Quarantäne, dann kann man
einen Umschluss in den TV-Raum machen. Auch
einen Sondereinkauf vom Ü-Geld im Einzelfall
beantragen. Es wurde das Videosystem „Skype“ für
euch und eure Familien eingerichtet. Die neue halbe
Stunde länger Hofgang wurde auch schon
vorgezogen. Beim Arzt unten dürfen wegen der
Covid 19-Pandemie nur noch max. vier Leute in den
Warteraum gelassen werden.
Tja, die Abstandsregeln, wie soll das hier bitte
funktionieren, man liegt auf Doppelbude, sitzt auf
Arbeit unmittelbar nebeneinander, geht in die gleiche
Dusche, fasst die gleichen Türklinken an, trifft sich
unten in der 53 oder auf dem Hof … es ist kaum
möglich.
Auf der einen Seite regen sich alle auf wegen der
Corona-Ansteckgefahr - aber im nächsten
Moment leckt ihr euch, auf deutsch gesagt, über
das Gesicht.
Natürlich können wir und die Beamten alle mit
Mundschutz und Handschuhen rumrennen, doch
wollt ihr das? Eine Beamtin macht das hier und da
wurde gleich gesagt „Krass, schau dir die mal an“ -
„Wie, als würden wir irgendwas haben…“
Merkt ihr was? Was ist denn für euch richtig?
Gebt einfach untereinander etwas acht und denkt
vielleicht mal an die Menschen, die draußen sind
– ja, zum Beispiel an eure Liebsten.
G
efangenen
M
it
v
erantwortung

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
Gefühle sind geschlechtsneutral -
in der Theorie.
(HL/UNDINE)
Doch in den meisten Kulturen
folgen der Ausdruck und die Bewertung von Gefühlen
bestimmten Normen, wie dem Geschlecht oder der
ethnischen Herkunft. Dass Mädchen und Jungen,
Frauen und Männer auf ihre Gefühle unterschiedliche
Reaktionen bekommen und daher diese auch anders
zeigen, ist gut erforscht und relativ bekannt.
Gefühle abgesprochen zu bekommen oder sie
unterstellt zu bekommen, erschwert den Zugang zu
dem, was eine Person wirklich empfindet. Das
verändert Menschen, macht sie vielleicht sogar unfrei.
Traurigkeit wirkt kultivierter und selbstloser-
weiblicher. Ich dürfte nicht die einzige Frau sein, die
die Wut, die ich schon lange spürte, in die Schublade
der Traurigkeit einsortiert hat, weil ich als Mädchen
nicht gelernt habe, dieses Gefühl zu zeigen oder
Zurückweisung erfuhr, wenn ich es tat. Trauer statt
Wut zu zeigen hat Vorteile: Trauer bedeutet
Akzeptanz, so dass man, was auch immer geschehen
ist und ein heftiges Gefühl auslöste, als
unveränderlich betrachten kann, als Schicksal.
Traurigkeit geht vorbei, wenn die Zeit verstreicht, sie
lässt sich verarbeiten. Doch wenn es eigentlich Wut
ist, die man spürt, dann bleibt sie.
Ich habe meine Wut erst als Erwachsene als solche
benennen können. Vielleicht hat die Zeit mich
aufgebrochen,
vielleicht
das
Reden
über
vergangenes, aber mittlerweile weiß ich, wann ich
wütend bin. Doch ich bewege mich weiter in einer
Welt, in der weibliche Wut andere Menschen - auch
die Menschen, die uns lieben - zurückstößt.
Frauen, die wütend sind, „reagieren über“. Sie werden
weniger ernst genommen. Sie werden als zu
gefühlsstark gesehen, während der Grund ihrer Wut
hinter die wahrgenommene Emotion tritt und vielleicht
unsichtbar wird - als wäre eine Frau in diesem
Augenblick allein ihre Wut und sonst nichts.
Die Wut einer Frau ist wie Wahnsinn.
Sie fühlt sich in mir wie
Wahnsinn an, sie sah für
andere wie Wahnsinn aus.
Vielleicht würden wir nicht
verrückt, wenn sie uns
wütend sein ließen. Wenn
sich eine Frau jedoch traurig
zeigt, wirkt sie verletzbar, nicht gefährlich. Traurig zu
sein ist für Frauen die größere Chance, gesehen,
gehört und getröstet zu werden. So abgedroschen
das Klischee des Beschützerinstinktes ist, so wahr ist
dennoch, dass die Männer, die ich traf, immer eher
auf meine Traurigkeit als auf meine Wut reagierten
und dass der Satz „Was passiert ist, macht mich
traurig.“ sie nachdenklich machte, sie Interesse
zeigen ließ, ein „Ich bin so wütend.“ aber dazu führte,
dass sie den Raum verließen und darauf warteten,
dass ich mich beruhigte. Wenn Wut verwandelt wird in
Niedergeschlagenheit, dann geht verloren, was sie
zum Ausdruck bringen wollte. Sie ist ein kraftvolles
Gefühl, ein Ruf nach Veränderung.
Es lässt sich die Frage aufwerfen, ob die weit höheren
Krankheitsraten von Mädchen gegenüber Jungen
auch etwas damit zu tun haben könnten, dass die
weibliche Wut sich häufiger nach innen richte, als
herausgelassen und gesehen zu werden und dass
Mädchen sowohl bewusst als auch unbewusst
wahrnehmen, dass es zu ihrem Nachteil sei, wenn sie
sich in der gesamten Breite ihrer Persönlichkeit
zeigten.
Wenn ich mit der Lebenserfahrung und dem Wissen,
das ich mittlerweile habe, über die Zeit nachdenke, in
der ich meine Gefühle in Autoaggression verwandelte,
erkenne ich klar, dass ich kein trauriger Teenager
war, sondern - wie so viele andere - ein Mädchen
voller Wut. Wut, Fragen, Wünsche, die im Außen
keine Resonanz fanden
Diese Gefühle müssen gefühlt werden, sonst bleiben
sie in deinem Körper, und du wirst krank.
Ich verachte Menschen für ihre Kurzsichtigkeit, wenn
sie Ungerechtigkeit damit relativieren, dass
erwachsene Menschen sich nicht in eine Opferrolle
begeben sollten und sich wehren könnten. Ich bin
weniger wütend über Erfahrungen, die ich gemacht
habe, ich bin wütend darüber, dass andere
Erfahrungen machen werden, die an ihrem
Urvertrauen rütteln, die sie stumm lassen werden
oder sogar krank - obwohl wir sehr gut wissen, auf
welchem Nährboden sie wachsen und dass wir
zumindest etwas dafür tun können, dass sie seltener
werden. Nicht wütend zu sein ist ein Privileg. Denn
Wut ist eine angemessene Reaktion auf eine
existierende Ungerechtigkeit.
Gefühle zu erkennen und als inhaltlichen Teil eines
Gespräches auch anzuerkennen, ist jedoch für den
gegenseitigen Respekt wichtig. Denn ruhig zu
argumentieren, können sich diejenigen viel häufiger
leisten, die in der stärkeren Position sind und vielleicht
auch die Macht haben, den Schmerz der anderen
Person zu lindern. Daher sollten insbesondere die
Gefühle von Menschen mit weniger Einfluss einen
Raum bekommen.
Wut ist geladen mit Informationen. Für die Rezeption
von Wut bedeutet es also einen großen Unterschied,
ob eine Person etwas zu sagen hat oder ob sie Wut
als Machtgeste nutzt, um ihr Gegenüber verstummen
zu lassen. Umso nachdenklicher sollte uns machen,
wessen Wut überhört wird, ins Lächerliche gezogen
oder aktiv unterdrückt und wessen Wut Raum und
Aufmerksamkeit bekommt.
Es ist eine Frage des Respekts gegenüber sich
selbst, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und
sie für etwas zu nutzen. Wut kann das.
Sie muss nicht destruktiv sein, sondern kann Einfälle
hervorbringen, motivieren und Menschen zusammen-
bringen, die ein Anliegen teilen. Wir können Wut als
Teil von uns akzeptieren, denn sie ist nicht das Böse,
sondern erzählt uns davon, was wir brauchen und
was uns ganz macht.

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10
Haft Leben Nr. 66
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
(HL/PFL)
Gefühle, was sind Gefühle? Wann
hat man Gefühle, wer hat Gefühle? Sind Gefühle
verschieden. Kann man Gefühle unterdrücken oder
wenigstens verstecken? Warum haben wir Gefühle?
Wie drücke ich Gefühle aus. Was drücken Gefühle
aus: Freude, Leid, Kummer, Sorgen, Ausweg-
losigkeit, Wut.
Wie werden Gefühle ausgedrückt? Lachen, weinen,
sich zurückziehen, Euphorie, schreien. Auch durch
Gewalt können Gefühle ausgedrückt werden.
Jeder geht unterschiedlich mit seinen Gefühlen um.
Stimmungsschwankungen sind auch Formen von
Gefühlen. Von gerade noch lustig zu traurig und
weinen. Manchmal weiß man gar nicht mal, warum
das gerade so ist.
Wie fühlt es sich an, wenn man denkt, innerlich
zerrissen zu werden. Es tut so weh, wie messer-
scharfe Schnitte, die die Haut zerschneiden, ohn-
mächtig nichts dagegen tun zu können oder nicht zu
wissen wie.
Wie fühlt es sich an, im Leben versagt zu haben, die
falschen Knöpfe gedrückt und die falschen Türen
geöffnet zu haben. Die sich, als sie sich hinter mir
schlossen, nicht wieder öffnen ließen.
Es tut unendlich weh, nicht dort zu sein, wo ich jetzt
in diesem Augenblick sein möchte, im „normalen“
Leben, bei meiner Familie und meinen Freunden.
Obwohl, wenn ich es so recht überdenke, hatte ich
draußen nicht wirklich Menschen, von denen ich
sagen könnte, das sind gute Freunde. Hier drinnen
im Gefängnis habe ich die eine oder andere
Bekanntschaft gemacht, wurde auch enttäuscht,
aber hier tat es nicht so weh. Ich habe dadurch
gelernt, nicht so schnell jemandem zu vertrauen. Es
gibt ja so Sprüche wie
„Freunde im Knast gibt es
nicht“
oder
„Jeder ist sich selbst der Nächste.“
Das
glaube ich persönlich nicht. Ich kann sagen, dass ein
paar wenige mir sehr ans Herz gewachsen sind, von
denen ich am Anfang nicht gedacht hätte, dass ich
eine so gute Bindung zu ihnen aufbauen kann.
Schlussfolgerung:
„Jedes Schlechte bringt auch
was Gutes.“
Ich kann sagen:
„Wenn ich dann
irgendwann entlassen werde, hier habe ich
Menschen getroffen, die ich nicht missen möchte
und mit denen ich hoffentlich in Kontakt bleiben
kann. Menschen, die ich, wenn ich nicht in Haft
gekommen wäre, nie kennen und schätzen gelernt
hätte.“
Wie drücke ich meine Gefühle aus: schreien, lachen,
weinen, toben. Will ich das alles zulassen, muss ich
das zulassen. Ist es nicht besser, eine Mauer um
mich zu bauen mit samt den Ängsten, Sorgen und
Nöten. Oder eine kleine Höhle, tief in der Erde, in die
ich mich verkriechen kann. Oder die Fassade
aufrecht erhalten, bloß um nicht zu schwächeln.
Lieb, nett, freundlich, witzig nach außen für die
Mitmenschen. Aber innerlich brodelt es und frisst
mich langsam auf. Manchmal glaube ich verrückt zu
werden. Was dann?
Wenn am Abend sich die Zellentür schließt bis zum
nächsten Tag, versuche ich, mich mit allem
möglichen abzulenken, bloß um nicht nachdenken zu
müssen oder mich mit der jetzigen Situation nicht
auseinandersetzen zu müssen. Ich erteile mir selbst
so viele Aufgaben, obwohl ich merke, das schaffe ich
nicht, mache es aber trotzdem bis spät in die Nacht.
Schlafen kann ich eh nicht richtig, seit ich hier bin.
Ständig, das heißt im Stunden- bis zwei-Stunden-
Takt, werde ich wach. Ohne Vorwarnung laufen die
Tränen über das Gesicht. Ich wische sie weg. Sie
laufen weiter. Ich wische, sie laufen. Auf einmal
überkommt mich ein Gefühl, nicht aufhören zu
können. Ich fange an zu schluchzen, der Körper bebt
und ich kann nicht aufhören. Was mache ich hier in
meiner Einzelzelle? Gehe ich auf Glocke? Bloß was
sage ich den Bediensteten. Ich muss dann ja damit
rechnen, eine GM (Gemeinschaftszelle) zu
bekommen. Das geht gar nicht mehr. Ich bin sehr
froh darüber, wenigstens einen kleinen Rückzugsort,
nur für mich, zu haben. Das möchte ich um keinen
Preis aufgeben.
Bild: kalhh_pixabay.com

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
(HL/NML)
Gefühlsregungen treffen mich hier
im Gefängnis immer sehr plötzlich und stets mit
großer Wucht, völlig unvorbereitet. Ich kann sie nur
schwer kontrollieren.
(Ich kann hier auch sehr wenig
tun, was ich vielleicht üblicherweise tun würde, um
meine Emotionen rauszulassen oder zu mildern. Ich
kann mich nicht abreagieren. Ich kann nicht einfach
entscheiden, Dinge zu tun, die mir vielleicht helfen
würden. Entweder ist gerade kein Aufschluss oder
kein tröstendes Essen da oder kein Sport möglich
oder die Leute zum Reden auf der falschen Station.
Das Trotten zwischen Zellentür und Gitterfenster
ersetzt keinen Waldspaziergang. Brötchen mit
Margarine und Zucker ersetzt nicht Omas
eingemachtes Gewürzkompott. Die Zentrale am
anderen Ende der Glockenleitung ersetzt nicht die
Busenfreundin, die einem verständnisvoll zuhört.)
Dabei ist es egal, welche Gefühle es sind. Auch
positive Gefühle treffen mich tief. Dankbarkeit über
menschliche Momente rühren mich fast zu Tränen.
Wenn ich lache, platzt es laut aus mir heraus.
Freude wärmt mich mehr als die heiße Mittags-
sommersonne.
Die nicht so guten Gefühle sind leider genauso
überwältigend. Wenn Einsamkeit oder Verzweiflung
heranrollen, versuche ich, sie von mir abzuschütteln.
Ich streife sie meine Arme hinab, schließe ganz fest
meine Fäuste darum, knete und presse sie immer
fester zusammen. Bis es sich in meinen Händen wie
scharfkantige Granitbrocken anfühlt, die ich nicht
mehr greifen kann, ohne mich zu schneiden. Ich will
sie mit aller Kraft aus dem Fenster werfen, will sie
auf dem Boden zerschmettern, sie in winzige,
harmlose Stücke zerspringen sehen.
Doch ich treffe mit den Steinen nur die Gitterstäbe,
der Granit knallt gegen das Metall mit einem
markerschütternden Scheppern. Allerdings zerbricht
der Stein nicht. Und schon im nächsten Moment
zerfließt, was eben noch Granit gewesen war, in eine
zähklebrige Masse, die die Gitterstäbe hinabläuft und
über den Fensterrahmen langsam wieder in meine
Zelle kriecht. Verängstigt sitze ich auf dem Bett mit
angezogenen Beinen. Der zähe Gefühlsbrei über-
zieht allmählich den Zellenboden, breitet sich immer
weiter aus.
Wenn der Fernseher nur laut genug ist, wenn ich
mich nur konzentriert genug in mein Buch vertiefe,
wenn ich nicht hinsehe. Wenn ich meine Füße nicht
aufsetze, das Zeug nicht berühre, dann kann es mir
vielleicht nichts anhaben. Ich schlinge die Arme noch
fester um meine Beine, versuche mir selbst Trost zu
spenden, mich zu schützen. Aber die dunklen
Gefühle ziehen sich durch die ganze Zelle, ziehen
sich als ein alles bedeckender Film über die Möbel,
schlingen sich unaufhaltsam die Bettbeine hinauf
und beginnen, mein Laken und die Decke zu
tränken.
Wie Tentakel mit giftgefüllten Widerhaken greifen sie
nach mir. Spätestens jetzt weiß ich, dass ich den
finsteren Gefühlen nicht entkommen kann. Sie
zerren an meinen Haaren, verätzen meine Haut,
brennen in meiner Lunge und kriechen mir tief in die
Knochen, bis die Tränenflut unbeherrschbar in mir
aufsteigt. Wahrscheinlich erlaube ich mir diese
Erlösung viel zu selten. Manchmal ist das warme
Nass meiner Augen ein Balsam, der die größte
Finsternis hinwegspült und wieder aufhellt.
Manchmal fühlt es sich an wie noch mehr Salz in
offenen Wunden, die einfach weiterbrennen.
Und dann geht die Zellentür doch wieder auf und
draußen finden sich auch lachende Gesichter, deren
freudiger Ausdruck mich wieder aus meiner dunklen
Lethargie entführt. Die kleinen Kobolde zupfen an
meinen Mundwinkeln, stupsen mich in die
kitzelanfälligen Seiten und krabbeln mir den Rücken
entlang. Ich schleiche langsam den Gang zur
Dusche, will das Gefühl der klebrigen Masse
abspülen, mich wieder sauber, frisch und unberührt
fühlen. Die Echos der Gelächter kitzeln mir sogar die
Fußsohlen von unten, so dass irgendwie jeder Schritt
leichter wird. Nach und nach wirken die fröhlichen
Gesichter wie Wärmelampen auf mein Herz und
lassen auch mich wieder erweichen. Der böse Traum
scheint vorerst gebannt. So wie das Wasser das
beklemmende Gefühl auf meiner Haut hinwegspült,
lasse ich mich dann von dem tossenden Gelächter
mitreißen. Ich lasse mich auf den Wellen in einen
helleren Tag davontragen, breche selbst in
bebendes Gelächter aus, bis mir die Tränen kommen
- gute, unverhoffte Tränen.
Ob gut oder schlecht - die Gefühle, die ich hier in
der Enge der Mauern erlebe, sind die
intensivsten, die ich je hatte.
Foto: Archiv HL

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12
Haft Leben Nr. 66
(HL/PAF)
Warum denkt man sofort, wenn das Wort
„Gefühle“ fällt, an das Negative? Warum gibt man
dem Schlechten so viel Aufmerksamkeit und Raum,
um sich zu entfalten? Was hat Wut, Traurigkeit,
Angst, Eifersucht, Leid und Hass an sich, dass wir es
immer wieder in den Mittelpunkt unseres Lebens
stellen?
Wir reden größtenteils immer davon, was uns
Schlimmes widerfahren ist, wir regen uns darüber
regelrecht auf und immer wieder fallen Sätze wie
„Warum immer ich?“
oder
„Ich hab das nicht
verdient“.
Negative oder auch unangenehme Gefühle sind echt
Scheiße, denn sie wecken in uns Erinnerungen,
Erinnerungen, in denen es niemals ein gutes Ende
gab. Erinnert ihr euch? Eine nicht so tolle
Entscheidung oder gar eine schlechte Nachricht
„flattert“ mit der Post herein, zum Beispiel eine
Trennung, der Tod eines Verwandten oder man wird
einfach nur versetzt, hat Scham, ein Duft oder ???,
egal, was uns negativ fühlen lässt, man wird
automatisch daran erinnert, was in der Ver-
gangenheit passiert ist und was uns bisher schlecht
geprägt hat.
Ich war mal der Meinung gewesen, dass ich durch
schlechte Ereignisse und den darauf folgenden
schmerzhaften Gefühlen merke, dass ich noch am
Leben bin.
Es gab in meinem Leben immer wieder Momente,
wo ich den innerlichen Schmerz einfach nicht mehr
ausgehalten konnte und angefangen habe, mich
selbst zu verletzten.
Selbstgeißelung - für mich war es eine Art Linderung,
denn ich konnte einfach nicht mehr. In meinem Kopf
hat sich ein Labyrinth ohne Ausgang breitgemacht,
was mein Leben übernommen hat, ein schönes
Erlebnis/Gefühl geschieht, was aber sofort von
einem schlechten Ereignis und somit auch Gefühl
wieder zerstört wird.
Ich dachte auch mal, dass ich mich schon daran
gewöhnt hätte, verletzt, hintergangen, benutzt,
betrogen oder verarscht zu werden, dass ich weiß,
wie sich Trauer, Wut, Angst, Hass etc. anfühlt, aber
da hab ich mich geirrt, es tut immer wieder aufs neue
weh und lässt mich innerlich verbrennen.
Doch damit soll endlich Schluss sein, denn ich
möchte kein Opfer meiner negativen Gefühle
werden.
Ich weiß nicht mehr genau, was wann und wo
passiert ist, ich weiß aber, dass ich meinen
negativen sowie unangenehmen Gefühlen keinen
großen Raum mehr geben möchte. Es ist vorbei mit
dem Verarschen und Betrügen. Es darf nicht mehr
soweit kommen, dass ich gesundheitlich nicht mehr
so kann wie ich es gern möchte, dass ich mich
selber anzweifele und über meine Grenzen gehe. Es
ist vorbei, dass ich verloren habe, für Spiele gilt das
nicht, aber es ist vorbei, dass ich für etwas gekämpft,
was falsch war - nie wieder will ich am Ende
weggeworfen werden wie eine aufgerauchte
Zigarette - nie wieder!!!
In meinem noch kurzen Leben haben mir schon viele
Menschen geraten, dass ich mich auf mich
konzentrieren soll, dass ich auf mich achten soll,
man hat mir auch nur das Beste gewünscht und das
ich meinen eigenen Weg gehen soll.
Doch wie soll und kann ich das, wenn genau diese
Menschen mir das Leben schwer machen, wenn
man mir immer wieder die Chance nimmt, ich selbst
zu sein.
Wenn man mir immer wieder Gründe gibt, dass ich
sogar gezwungen, bin meine Maske wieder
aufzusetzen, um weiter mit einer heuchlerischen
Verkleidung zu leben.
Was mache ich falsch - was machen wir falsch?
Bei sich selbst anzukommen, soll ein befreiendes
Gefühl sein - wer kann und will, als Inhaftierter, unter
solchen schwierigen Umständen, hier in der JVA
Chemnitz, gefühlsmäßig ankommen - also ich
möchte es (noch) nicht.
Ich habe für mich den Buddhismus entdeckt, wo es
heißt: man soll die Dinge nicht einfach ertragen,
sondern sich fragen, ob es sinnvoll ist, Energie
darauf zu verwenden, sich mit dem Thema
auseinanderzusetzten. Der Dalei Lama meint, wenn
etwas Wut in dir hervorruft, solltest du dich fragen,
ob du den Umstand ändern kannst, der für dieses
Gefühl sorgt. Wenn du ihn ändern kannst, dann
solltest du deine Kraft lieber darauf verwenden, ihn
zu ändern, als dir deine Kraft durch die Wut rauben
zu lassen.
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
Weiter von Seite 10
Wenn du den Ursprung deiner Wut nicht ändern
kannst, dann ist es unlogisch, sich darüber zu
ärgern, weil die Wut den Zustand auch nicht ändert.
Eine mir sehr wichtige Person hat mir geschrieben:
Persönlich gekränkt zu sein wegen der Äußerung
einer anderen Person ist unlogisch und überflüssig,
weil diese Person dir nicht wirklich Schaden zufügen
kann. Nur du kannst es zulassen, Schaden zu
erleiden, indem du dich gekränkt fühlst und dann
negative Emotionen zulässt. Diese negativen
Emotionen wiederum beschäftigen dich dann und so
hat es der andere wirklich erreicht, dir zu schaden.“
Und genau so ist es doch auch. Ich hab die ganzen
Jahre einfach zu viel Energie in das Negative
gesteckt, in unangenehme Gefühle, aber auch in
Menschen, die mir vorne rum das Beste wünschten
und hinten rum mich brechen ließen, die mich
schamlos ausgenutzt haben, die mein Herz und
meine Seele rausrissen und mich mit Füßen getreten
haben. Ich hatte einfach vergessen, dass es auch
schöne und positive Gefühle gibt, die meiner Seele
gut tun. Es ist an der Zeit, endlich wieder positiv zu
denken und es auch an der Zeit, zu fühlen und
Wärme zuzulassen.
Das Leben ist einfach zu kurz und zu kostbar, um
meine ganze Wärme, mein ganzes Sein in
Menschen zu stecken, die mich anzweifeln und nur
sehen, was sie wollen, lange genug war ich ein
Vorteil für diese Menschen. Die Zeit meines
Glaubens an Menschen, die mir leere Versprechen
ums Maul schmierten, ist nun endgültig vorbei.
Noch habe ich sie, die verschiedenen Masken, die
mich in meinem wahren Ichsein einschränken, doch
es werden weniger.
Ich habe wieder Gefühle!
Und ja, hinter der harten Schale haust ein
verdammt weicher Kern!
Bewunderung, Lust, Stolz, Geborgenheit, Liebe und
Glück sind alles tolle und nennenswerte Gefühle, ich
will sie erleben - möglichst alle und möglichst
schnell!
Die positiven Emotionen und Gefühlsausbrüche
haben es verdient, in meinem Mittelpunkt zu stehen
und dazu gehören schöne Erlebnisse, aber auch
meine Herzensmenschen.
Herzlich willkommen in meinem neuen Leben!
Zu Hause sind wir alle eine große Familie, in der wir
Kinder immer zusammen waren, mein Schulanfang,
die Hochzeit meiner Eltern, viele schöne Urlaube,
meine Jugendweihe, das erste mal (Motorrad fahren)
und vieles mehr. Es war toll, beim Motorrad fahren
das Gefühl von absoluter Freiheit spüren.
Ja, ich habe viele unvergessliche Momente und
Erlebnisse mit Freunden, ein Konzert, die Geburt
und der erste Blick meines Kindes erlebt.
Es ist schön, ein Lied zu hören und zu wissen, dass
ich gleich vor Glück weinen muss und gleichzeitig zu
wissen, dass man einen Menschen hat, auf den man
sich verlassen kann, der dir Geborgenheit und
Sicherheit gibt.
Es ist schön, die Liebe zu oder von einem
Menschen/Tier zu spüren, sich an einen unver-
gesslichen Kuss zu erinnern. Dinge wie ein
besonderer Ort, ein schöner Film, das Lieblings-
essen, ein netter Brief, ein Geschenk, eine
Partnerschaft, an die man sich gerne erinnert.
Zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaf-
ten, Sex oder eine Vorliebe - ein Fetisch, eine
Umarmung, ein Blick, der soviel Gutes ausstrahlt…
das möchte ich erleben, das ist mein neues Leben -
so stelle ich es mir vor - wann? Jetzt!
Ich liebe Gefühlsausbrüche, wenn man vor Freude
einfach weinen muss, das Gefühl vom Leben und
von Momenten, wo man ohne zu zögern handelt.
Ich erinnere mich wieder gerne an Situationen oder
Menschen und denke an sie. Dabei fallen mir wieder
Geschichten zum Schmunzeln ein, genauso wie
peinliche oder persönliche Erlebnisse.
Seelenverwandtschaft, ich träume davon, dass aus
zweien ein unschlagbares Team wird und, egal was
kommt, man zusammenhält.
Wir sollten viel mehr im Jetzt und somit der
Gegenwart leben und unseren Blick nach vorne
richten - die Zukunft im Auge.
Ab jetzt lächle ich lieber und strahle Freude aus,
vielleicht klappt es bei euch auch.
Auch wenn mal etwas nicht so schön ist, lasst es
nicht in euer Leben.
Jeden Tag passiert etwas Schönes, was wir
festhalten und genießen sollten,
ja auch hier im Knast.
Beide Bilder: John Hain_pixabay.com

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Haft Leben Nr. 66
„HaftLeben“ - Gefühle und Haft
Gefühle… ein weites Feld
(HL/LEA)
Was mir da sofort durch den Kopf
schießt … Bin ich gerade zufrieden mit mir selbst,
will ich so bleiben, wie ich bin? Ich für mich selbst
wäre halt gern ein bisschen ausgeglichener,
zielstrebiger oder erfolgreicher … unwiderstehlicher
für das andere Geschlecht. Gern mehr Powerfrau (…
Waaaas noch mehr?) und ja glücklicher sowieso.
Geht das überhaupt? Kann die Melancholikerin mit
Hang zum Grübeln plötzlich zur Strahlefrau werden?
Unsere
Persönlichkeit
ist
nicht
unendlich
wandlungsfähig. Und das ist auch gut so: Sie ist
schließlich das, was uns ausmacht. Dennoch
verändert sie sich oft über das Lebensalter, durch
den Beruf, durch Erfahrungen … ja und vor allem
auch durch Erfahrungen bei einem Haftaufenthalt.
Unser Umfeld bestimmt mit, wer wir sind. Und
daraus resultiert nun die gute und auch die schlechte
Nachricht: Natürlich kann ich mich - in einem
gewissen Rahmen - verändern, wenn ich das will.
Nachteil: Ich muss dafür meist etwas tun, das
natürlich außerhalb meiner geliebten Komfortzone
liegt. Bei mir selbst kommt da zum Beispiel der
Wunsch auf, Ängste zu überwinden, im Hier und
Jetzt zu leben, üben achtsamer zu sein oder
positiver zu denken. Auf dem Weg zur neuen Person
könnte
sich
dann
etwas
überraschendes
herausstellen, nämlich dass die jahrelange Ausrede
„so bin ich eben“ nur eine Ausrede war. Denn unsere
Persönlichkeit ist ein komplexes Gebilde mit vielen
Facetten, die wir nur nicht ausleben.
Aber wir sollten es tun. Warum? Hierzu ein Zitat von
Pedro Almodovar: „Weil wir umso authentischer sind,
je näher wir dem Traum werden, den wir von uns
selbst haben.“
Ich für mich möchte mehr Bewusstheit und
Sensibilität in mein Leben bringen und ein wichtiger
Schritt dahin ist, anwesend zu sein.
Ohne Aufmerksamkeit treiben wir nur auf der
Oberfläche der Existenz dahin. Allein Achtsamkeit ist
es, die uns befähigt, ein Vogelgezwitscher wirklich zu
hören, die Herrlichkeit der Farben eines
Herbstblattes zu sehen, das Herz eines anderen zu
berühren und berührt zu werden. Wir müssen voll da
sein, um etwas oder jemanden von ganzem Herzen
zu lieben. Aufmerksamkeit ist Sensibilität, ist
Verbindlichkeit. Die Achtsamkeit, die wir diesem
Moment schenken, enthüllt uns die Freuden und
Kümmernisse unserer Welt. Oftmals entdecken wir,
wie die größte Heilung in der kleinsten Geste liegt,
zum Beispiel eine liebende Berührung oder ein Wort
der Anteilnahme. Achtsamkeit ist auch das Mittel, um
bei uns nach innen zu hören, auf unsere eigenen
Gedanken, Gefühle oder Sehnsüchte zu achten.
Eine Art des sich Sich-selbst-Verstehens zu
entwickeln und dies am besten im Hier und Jetzt.
Also fangen wir einfach damit an … Was gilt es
heute anzunehmen? Ist unser Herz in diesem
Moment unseres Lebens offen? Was haben wir
außer Acht gelassen?
Gerade in den dunkelsten Momenten meines
Lebens, so auch hier in Haft, ist es für mich nicht
immer leicht, mich selbst zu lieben, achtsam zu sein
- das musste auch ich erst lernen, um entspannter
und glücklicher zu sein.
Das Geheimnis, wie wir mit einem Leben reich an
Bewusstheit und Sensibilität beginnen können, liegt
in unserer Bereitschaft, anwesend zu sein. Unser
Wachstum zu bewussten, wachen Menschen hängt
nicht so sehr von grandiosen Gesten und sichtbarer
Enthaltung, als vielmehr von der liebevollen
Aufmerksamkeit ab, die wir den kleinsten Details im
Leben schenken. Es gibt Momente in unser aller
Leben, in der sich leider unsere persönliche Welt mit
Dunkelheit füllt.
Den Kontakt mit Schmerz kann man nicht
vermeiden. Wir müssen gewillt sein, uns nicht
abzuwenden, den Schattenseiten in unserem Leben
nicht aus dem Weg zu gehen, sondern uns ihnen
zuzuwenden, lernen, mit den Herausforderungen des
Lebens umzugehen, das Licht in der Dunkelheit zu
entdecken und uns selber und unsere Umgebung zu
heilen. Das hat natürlich auch mit loslassen zu tun.
Ich glaube, wenn wir uns nach und nach von
unseren negativen Vorstellungen verabschieden,
können wir etwas mehr Freiheit erlangen.
Ein Geist, der sich Stück für Stück von seinen
negativen Vorstellungen verabschiedet, kehrt
automatisch zu der ihm bereits innewohnenden
Ganzheit zurück, die mit Glück und Einfachheit
verbunden ist.
Vielleicht sollten wir einfach nur alte
Verhaltensmuster aufgeben, auf gewohnheits-
mäßige Reaktionen verzichten.
Es ist zum Beispiel sehr entspannend, wenn man
erst einmal erkannt hat, dass die Menschen in
unserer Umgebung eben so sind wie sie sind, und
dass wir nun einmal hier mit ihnen zusammenleben.
Vielleicht sollten wir den Drang aufgeben, alles zu
beurteilen, nach unseren Wünschen zu verändern
und immer Recht haben zu wollen.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
Gespräche per Telefon
(HL/PFL)
Wie ihr alle wisst und live miterlebt,
ist die momentane Zeit nicht einfacher geworden, um
mit dem Leben in Haft klarzukommen. Dem einen
gelingt es besser, andere haben schwer damit zu
kämpfen. Obwohl kämpfen nicht das richtige Wort
ist. Ich möchte es besser ausdrücken. Manche von
euch können die jetzige Situation nur schwer
ertragen. Besuch findet nicht statt. Mein letzter
Besuch war im Januar. Bedingt durch die Entfernung
bekomme ich nur einmal im Monat Besuch. Auf
diesen freue ich mich dann immer sehr und koste
jede Minute aus, die ich mit meinen Lieben
zusammen sein kann.
Gut, dass es das Telefon gibt und somit die
Möglichkeit besteht, trotzdem in Verbindung zu
bleiben. Bilder von meiner Familie sind in den grauen
Zellen abgespeichert. Und meine Pinnwand hängt
voll mit Fotos. Glaubt mir, draußen ist es jetzt auch
nicht einfacher für die Angehörigen. Viele haben ein
gewaltiges Problem damit, nicht dem gewohnten
Leben nachzugehen. Sie dürfen die Grundstücke
nicht verlassen, wie sie wollen. Einige können nicht
arbeiten gehen, weil Kindergärten und Schulen
geschlossen sind. Treffen mit Freunden sind
untersagt, Menschenansammlungen sowieso. Bei
Nicht-Einhaltung drohen Bußgelder. Das Leben
scheint still stehen zu wollen. Auf der anderen Seite,
wenn ich jetzt zu Hause bleiben müsste, würde mir
so einiges einfallen, auch ohne großartig das
Grundstück verlassen zu müssen. Wer Kinder hat,
kann viel Zeit mit ihnen verbringen bzw. sich Zeit für
sie nehmen. Das ist ja im „normalen“ Alltag mit
Stress und Hektik oft nicht machbar. (Vielleicht hat
sich die Lage mittlerweile etwas entschärft. Als ich
den Artikel geschrieben habe, war es April.)
Ich telefoniere ja täglich mit meinen Lieben zu
Hause.
So bleibe ich immer auf dem neusten Stand und
verliere den Anschluss nicht ganz. Einmal hatte ich
ein sehr interessantes Gespräch mit meinem Enkel.
Von diesem möchte ich euch nun berichten.
Vielleicht hat der eine oder andere ähnliches erlebt.
Das Gespräch ging ganz normal mit Begrüßung und
allgemeinen Fragen los. Dann kam der Wunsch nach
einer Geschichte. Oh weh, es fiel mir wie Schuppen
von den Augen, ich hatte doch glatt vergessen, ein
neues Buch auszuleihen. Okay. Nun wollte mein
Enkel stille Post spielen, am Telefon. Habt ihr das
schon mal gemacht? Das nächste war „Ich sehe
was, was du nicht siehst.“ Ergibt total Sinn am
Telefon, ist aber machbar. Die folgenden Fragen
haben mich ein bisschen aus dem Konzept gebracht.
Nicht, dass ich keine Antwort darauf hatte, sondern
eher weil mein Enkel erst fünf ist. „Oma bist du
alleine mit deiner Freundin im Gefängnis?“ Ich
antwortete: nein, es sind noch ungefähr 250 andere
Frauen hier. „Kennst du die alle?“ Ich, nein aber so
30 bis 40 schon. „Kennst du die mit Namen?“ Nun
musste ich aufzählen. Dann wollte mein Enkel
wissen, was wir so den ganzen Tag machen. Ich
sagte, dass viele von uns früh ganz normal zur Arbeit
gehen und am Nachmittag wieder zurückkommen.
Da ich alleine in meiner Zelle bin, kann ich mit dem
restlichen Tag ja machen, was ich will. Mein Enkel
unterbricht mich und meint, „ich habe doch auch ein
Zimmer für mich alleine, darf aber nicht machen was
ich will. Da schimpft meine Mama nämlich mit mir.“
Ups, dachte ich, wie komme ich da wieder raus. Also
antwortete ich: naja, so meine ich das ja nicht. Ich
wollte sagen, dass ich Fernsehen schauen kann,
wann ich will, malen, lesen, Briefe schreiben,
schlafen, usw. Ich brauche auf niemanden Rücksicht
zu nehmen. Obwohl ich auch schon über mehrere
Monate zusammen mit einer Frau auf Zelle war. Es
war schön. Wir haben uns gut vertragen und keiner
wurde durch die andere gestört. Wir haben
aufeinander Rücksicht genommen. Aber jetzt finde
ich es einfach toll oder sogar Luxus, wenigstens ein
klein bisschen Privatsphäre zu haben. Ich denke, die
Antwort stellte meinen Enkel zufrieden. Die nächste
Frage kam sofort. Sind die Polizisten (Bediensteten)
denn lieb? Ich sagte: ja, manche schon. Dafür muss
ich aber auch was tun und mich an die Regeln hier
halten.
Zum Kühlschrank nur mit Schlüssel und während der
„Öffnungszeiten“.
Mein Enkel und ich erzählen uns ja täglich, was wir
so essen. Einmal erzählte mir mein Enkel, dass es
zum Frühstück Brötchen mit Camembert und
Marmelade gab. Ich hatte vergessen, am Vorabend
meinen Käse aus dem Kühlschrank zu holen, und
somit hatte ich dann keinen.

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16
Haft Leben Nr. 66
Gespräche per Telefon und ...
Diese eine Person
(HL/PAF)
Kein Tag vergeht, an dem man
nicht an diese eine Person denkt.
Diese eine Person, mit der man nicht nur durch
Höhen und Tiefen gegangen ist, sondern auch durch
die eigene erschaffene Hölle und dem nun dazu-
gehörenden Paradies geht.
Die, der man vertraut oder vertraut hat und sich nicht
nur körperlich vor ihr nackt gemacht hat.
Diese, die deine dunkelsten, aber auch hellsten
Geheimnisse kennt.
Die jede einzelne Maske, jeden Gesichtsausdruck,
jede Stimmlage, jede Körperhaltung von dir kennt.
Diese die, obwohl ihr euch nicht seht, merkt, wenn
es dir nicht gut geht, du ihre Hilfe brauchst.
Die, obwohl du noch gar nichts gesagt hast, sofort
weiß, was mit dir los ist.
Diese, die dich in jeder Lebenslage zum Lächeln
bringt und durch ihre bloße Anwesenheit dir alle
Sorgen abnimmt.
Die, mit der du dir alles vorstellen kannst und die
auch alles mitmacht, selbst wenn es noch so
verrückt ist.
Dieser, der du wirklich alles erzählen kannst, der du
alles erzählen musst.
Die, deren Anwesenheit du schon durch Wände
spürst.
Diese, die für dich nicht nur durchs Feuer geht,
sondern auch jede Strafe aufnimmt, sich sogar „jede
Kugel“ für dich einfängt und dich beschützt.
Die, die nicht nur hinter, sondern auch vor dir steht,
die sich ohne zu zögern für dich „aufgeben“ würde.
Diese, die mit dir jeden Schritt gehen würde, selbst
wenn sie ihn nicht gut findet.
Die, die nicht nur deine Lieblingsfarbe oder
Lieblingszahl , sondern auch deine Augenfarbe,
deine Schuhgröße, die Lieblingsband, deinen
Geburtstag kennt.
Diese, die sogar weiß, wo du ein Muttermal hast.
Die, die dich nicht nur beim Vornamen nennt.
Diese, die dein Lachen, deine Stimme, dein Pfeifen,
deinen Geruch unter tausenden heraus erkennt.
Die, die mit dir mal richtig streitet und kein Blatt vor
den Mund nimmt, die dich von deinem hohen Ross
runterholt und dir die Realität vor Augen führt.
Diese, die genau so stur ist wie du und das letzte
Wort haben möchte.
Die, die dir nicht lange böse sein kann, da ihr euch
beide nicht viel nehmt.
Diese, die keine Gründe braucht, um dich auf eine
bestimmte Weise zu lieben.
Die, die für dich alles und noch mehr ist.
Weiter von Seite 12 - Gespräche per Telefon
Mein Enkel sagte, „Oma, warum hast du den denn
nicht geholt?“ Da erklärte ich, dass ich doch im
Gefängnis bin und die Türen nicht immer offen,
sondern abgeschlossen sind.
Der Kühlschrank befindet sich in einem anderen
Raum und wenn ich nicht rechtzeitig vor Einschluss
mein Essen geholt habe, habe ich Pech gehabt.
Außerdem sollte ich dann auch den Schlüssel haben,
sonst geht auch der Kühlschrank nicht auf. „Och
Oma, das ist aber nicht schön.“ Ich sagte, dass es
halt so ist, bin ja schließlich nicht zu Hause.
Es gibt viele Fragen, die meinen Enkel beschäftigen.
Alle kann ich jetzt gar nicht aufschreiben. Ich denke,
ähnliches habt ihr auch schon zu hören bekommen.
Eins habe ich aber noch. Mein Enkel malt mir schöne
Bilder und verziert sie oft mit Glitzer und Aufklebern.
Wenn ich dann gefragt werde, wie mir die Bilder
gefallen haben, musste ich auch schon sagen, dass
ich sie mir nur kurz ansehen durfte und dann kamen
sie in die Kammer. Natürlich war die nächste Frage
„Was ist die Kammer?“
Ich erklärte, dass dort alle Sachen, die ich nicht
brauche oder haben darf, aufgehoben werden und ich
sie dann, wenn ich wieder nach Hause darf, mit-
nehmen kann.
So oder ähnlich laufen viele Telefongespräche ab. Da
ist schnell mal ne halbe Stunde weg und da hatte ich
noch nicht mit dem Rest der Familie gesprochen. Ich
staune immer wieder, was in dem kleinen Kinderkopf
eines Fünfjährigen so vor sich geht. Es bringt auch
nichts, ein Geheimnis daraus zu machen, wo ich bin.
Ich bin sehr froh, dass ich darüber offen reden kann.
Diese Zeit hier gehört zu meinem Leben dazu. Ich
versuche, meinen Tag so zu strukturieren, dass ich
am Ende sagen kann, dieser Tag ist gewonnen und
nicht sinnlos mit nur Absitzen verbracht. Meine
Familie draußen unterstützt mich, so gut es geht.
Gerade halt nur per Telefon. Es kommen auch wieder
normale Besuchszeiten, wenn die Corona-Krise
überstanden bzw. gebannt ist.
Euch allen wünsche ich alles Gute, kommt gut durch
die für alle schwierige Zeit.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
Anmerkung der Redaktion „HaftLeben“:
Die Dresdener Gefangenenzeitung
„Der Riegel"
(
DR
) ist eine
unabhängige Gefangenenzeitschrift der JVA Dresden mit Redakteuren von „drinnen“ (Inhaftierte) und
„draußen“ (Haftentlassene und freie Bürger).
Trennungsschmerz
(DR/MM)
Der Mensch, dessen Lebens-
gewohnheiten sich durch eine Inhaftierung von
einem Tag auf den anderen schlagartig ändern, hat
im Leben einen gewissen sozialen Status erreicht.
Er war beruflich engagiert oder hatte bisher keinen
Beruf erlernt. Vielleicht ist er verheiratet oder lebt in
fester Partnerschaft, hat Kinder, Verwandte, gute
Freunde, die für sein soziales Umfeld bisher sehr
wichtig waren.
Das Stigma Knast wird mit Sicherheit von jedem, ob
er Betroffener oder Außenstehender ist, anders
interpretiert beziehungsweise anders empfunden.
Die Palette derer, die eine Haftstrafe absitzen, zieht
sich durch alle Bevölkerungsschichten und Alters-
gruppen und ist unabhängig von Bildung oder
Geschlecht.
Soziale Kontakte sind Nahrung für das emotionale
Wohlbefinden, Nahrung für die Seele wie Essen und
Trinken für den Körper.
Wird diesen sozialen Strukturen durch Trennung
plötzlich der Nährboden entzogen, so ist dies für
beide Seiten, für Inhaftierte sowie für die draußen ein
Schock. Viele persönliche Kontakte gehen mög-
licherweise kaputt. Menschen wenden sich ab,
Beziehungen zerbrechen. Die Dauer der Haftzeit, die
Schwere des Deliktes und die Festigkeit der
jeweiligen Bindung sind dabei Faktoren, ob der
Kontakt bestehen bleibt oder nicht.
Man erlebt ein Wechselbad der Gefühle, da man
aktiv nichts mehr bewegen kann, außer telefonischen
oder Briefkontakt.
Mit jeder Hiobsbotschaft von draußen fahren die
Gefühle Achterbahn. Die Karten werden neu
gemischt … .
So auch bei mir aktuell. Ich bin seit sieben Monaten
in Haft und seit etwa einem Monat ist ein neuer Mann
an der Seite meiner Lebensgefährtin.
Als ich davon erfuhr, war ich fassungslos.
Soviel Verzweiflung wie in den letzten Tagen habe
ich in meinem Leben selten erlebt.
Ich kann es nicht glauben und doch ist es wahr.
Habe ständig Bilder im Kopf und kann nicht mehr
schlafen. Ich bin enttäuscht und totunglücklich doch
ich kann es nicht ändern. Bin hier hinter Gittern
festgenagelt und erlebe Kopfkino „non Stopp“.
Mein Kind ich möchte Dir begegnen
(DR/RG)
„Mein Kind ich möchte Dir begegnen
von Herz zu Herz, verschließ Dich nicht!
Ich will den Lebensweg Dir segnen.
Tritt aus der Finsternis ins Licht!
Ich mach Dir Mut mir zu vertrauen.
Seit Du geboren, lieb ich Dich!
Ich will ein Lebensschiff Dir bauen,
das auch im stärksten Sturm nicht bricht!
Räum alles Trennende beiseite,
das zwischen Dir und mir noch steht!
Ich führe Dich in eine Weite,
in der mein Geist der Freiheit weht!
Ich spreng die Ketten, die Dich binden
an Lasten der Vergangenheit!
Wenn Du mich suchst, wirst Du mich finden.
Ein neues Leben liegt bereit.
Ich will Dein Herz ganz tief erwecken
in meinem österlichen Licht.
Du sollst Dein Leben neu entdecken!
Empfange, was mein Wort verspricht!“
free_pixelio.de

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Haft Leben Nr. 66
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
Weiter von Seite 14
Es hat mich voll erwischt, habe keinen Appetit mehr,
habe Kopfschmerzen ohne Ende und der Tinnitus,
die Sirene in meinem Ohr, ist seitdem im
Dauerbetrieb. Ein Hörsturz nach dem anderen und
permanenter Gewichtsverlust sind Begleiterschei-
nungen.
Gute Ratschläge empfinde ich nur noch als
„Schläge“. Alles ist so unwichtig geworden, doch
irgendwie muss und wird es weitergehen. Meine
tägliche Arbeit in der Knasttischlerei ist Ablenkung,
die ich brauche.
Das Wochenende hingegen, vor allem, wenn
schönes Wetter ist, ist für mich fast unerträglich.
Ich muss diese Schmerzen durchleben, ob ich will
oder nicht. Ganz unten angekommen, kann ich nicht
tiefer fallen. Ich versuche mir Mut zu machen und die
Gedanken wegzuwischen, doch sie sind ständig
latent im Unterbewusstsein. Auch weiß ich, dass es
irgendwann wieder aufwärtsgehen wird, wie nach
jeder mittleren oder größeren Katastrophe, doch es
dauert alles seine Zeit.
Sehr langsam bin ich nun am sortieren meiner
Gedanken und Gefühle, beginne zögernd zu
akzeptieren, auch wenn es schwerfällt, in die Zukunft
zu schauen.
So schwer war mein Delikt nicht, mich wie eine heiße
Kartoffel fallen zu lassen und ich bin alles andere als
ein kriminelles, gefühlloses Monster.
Auch ist die Dauer meiner Inhaftierung über-
schaubar, doch „Reisende“ soll man nicht aufhalten
und man erzählte mir, es soll noch andere Frauen
geben, die eine andere Einstellung zu einer
Beziehung haben und die in einer Notsituation
gemeinsam mit ihrem Partner diese Zeit der
Bewährung durchstehen.
So eine Partnerin war mir leider nicht vergönnt, doch
die Spreu hat sich vom Weizen getrennt… .
Langsam ordnet sich mein „Kopfsalat“ und nachdem
ich meine „Hausaufgaben“ im Knast erledigt habe
und wieder am normalen Leben teilnehmen darf,
wird es einen Neustart geben, vielleicht mit einer
Frau die es Wert ist, geliebt und geachtet zu werden.
Das Leben geht weiter und ich versuche mir und
jedem Betroffenen, der ähnlich verzweifelt ist, Mut zu
machen, sein altes Leben zu rekapitulieren und es
ohne Frust abzuschließen, um sein neues Leben in
Würde zu gestalten.
Wer sich verliert, wird sich wiederfinden!
Außenansichten (Meißen 2020)
(DR/MM)
Nach einem langen Jahr behüteter
Abstinenz von einem Leben in Selbstbestimmung
und nach inniger Sehnsucht auf etwas mehr
Normalität, konnte ich da erste Mal wieder die hohen
Mauern der JVA von außen betrachten. Der Grund
war meine ersehnte Haftlockerung mit ersten
Ausgängen. So beantragte ich auf Einladung von
HAMMERWEG e.V. gleich mal zwei Tage Sonder-
ausgang als Bildungsveranstaltung für die Meißen-
Tagung, die am 10. Und 11. Januar 2020 stattfand.
Die Idee, verurteilten Straftätern geringeren Kalibers
in Sachsen demnächst Resozialisierungsmaß-
nahmen durch Haftvermeidung zu ermöglichen, fand
ich interessant und wollte mehr darüber erfahren.
Für erste begleitete Ausgänge beantragte ich beim
sozialen Dienst eine ehrenamtliche Begleitperson.
Zu meiner Überraschung und Verwunderung stand
mir da plötzlich eine junge, attraktive, brünette Frau
gegenüber, die auch hätte meine Enkeltochter sein
können. Natürlich war ich erfreut über eine so nette
Begleiterin und ich schätzte ihr soziales Engagement
sehr, was ich ihr auch mitteilte.
Sie stellte fest, dass ihre Oma nur ein Jahr älter sei
als ich und mir wurde schlagartig bewusst, dass
meine Jugend bereits einige Jahrzehnte zurückliegt.
Ihre unkaschierte Feststellung kam spontan und ich
empfand sie als sehr ehrlich, was meiner Seele ein
inneres Schmunzeln entlockte und sie dadurch noch
viel sympathischer für mich machte. In ihrer
ehrenamtlichen Funktion war ich ihr allererster
„Klient“. Ich fragte mich schon, was bewegt eine
junge Frau Anfang Zwanzig zu solch einem Schritt?
Rolf Handke_pixelio.de

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
19
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
Weiter von Seite 15 - Außenansichten
Von zwei beantragten Tagen wurde dann nur einer
genehmigt und dieser auch nur in gekürzter Form, so
dass ich von den effektiv 17 ½ Stunden Tagungszeit
für beide Tage lediglich gerade einmal etwa 3 ½
Stunden anwesend sein konnte. Dies war am
Samstag. Gern hätte ich das volle Programm, wie in
Zukunft Resozialisierung durch Haftvermeidung in
Sachsen praktiziert werden soll, erfahren.
Auch wenn ich letztendlich froh sein konnte,
überhaupt raus zu dürfen, so ist man auf die Kulanz
der Obrigkeit angewiesen und der Weg der
Selbstbestimmung noch äußerst steinig. So ging es
zunächst zu Fuß, dann mit Bus und Bahn zum Zielort
Meißen. Gegen 11 Uhr waren wir bei der Ver-
anstaltung. Resozialisierung durch Gestaltung
sozialer Projekte soll es in Zukunft den verurteilten
Straftätern
außerhalb
der
Gefängnismauern
ermöglichen, in einer Art Kommune in Gruppen-
dynamik unter Aufsicht und mit gewisser
Eigenverantwortung das eigene Fehlverhalten zu
reflektieren.
Das Selbstwertgefühl des Betroffenen zu stärken,
um präventiv für die Zukunft das Rückfallrisiko neuer
Straftaten optimal zu minimieren, ist dabei das Ziel.
Und nicht zuletzt werden durch unterschiedlichste
Projekte gewisse Werte geschaffen, die wiederum
der Gesellschaft zugute kommen. Als Beispiel ist das
Projekt „Bauernhof“ nahe Meißen zu nennen. Es ist
geplant, ein Gebäude eines Vierseitenhofes als
Wohngebäude mit entsprechend vielen kleinen
Wohneinheiten, einer Gemeinschaftsküche und
einem Aufenthaltsraum auszubauen. Auch Klein-
tierhaltung, diverse Grünanlagengestaltung sowie
Obst- und Gemüseanbau ist dafür vorgesehen.
Natürlich wird es nie eine hundertprozentige
Sicherheit auf Erfolg geben, dass dies auch
reibungslos bei jedem Teilnehmer funktioniert und
natürlich kommt nicht jeder Verurteilte dafür in Frage.
Den Knast und damit den Schutz vor der
Öffentlichkeit wird es für bestimmte Gruppen von
Straftätern auch weiterhin geben müssen, doch der
Großteil aller zur Haft verurteilten Straftäter könnte
davon profitieren.
Zunächst müssen alle Rahmenbedingungen dafür
geschaffen werden, um diverse einzelne Projekte ab
2021 starten zu können. Sicher wäre es für die
Zukunft sinnvoller, die bereits bestehenden
Gefängnisse entsprechend auszudünnen und für die
„länger dienenden“ zu nutzen und dafür alle in Frage
kommenden „pflegeleichten Fälle“ in einer Vielzahl
unterschiedlicher Projekte zu beschäftigen, als dass
man neue Justizvollzugsanstalten als unkosten-
verschlingende Megaprojekte aus dem Boden
stampft (Beispiel Zwickau)! Diese steuerfinanzierten,
fast zweihundert Millionen Euro in eine Vielzahl
unterschiedlichster Gemeinschaftsprojekte zu inves-
tieren, wäre dabei eine sinnvolle Alternative der
aktiven Resozialisierung von Menschen, die vom
rechten Weg abgekommen sind.
Ein leckeres Mittagessen gab es an diesem Samstag
im antiken Gewölbekeller-Ambiente, gemeinsam mit
der versammelten Prominenz der sächsischen
Justiz. Nach jeweiligen Gesprächsrunden zu
verschiedenen Themen ging es gegen 15 Uhr wieder
zurück zum Zug, um pünktlich und regelkonform den
ersten Ausgang zu beschließen. Meine Befürchtung,
die Bahn könnte durch Zugausfall oder Verspätung
meinen Vollzugsplan negativ beeinflussen, trat zum
Glück nicht ein.
Meiner ehrenamtlichen Begleiterin wünsche ich für
die Zukunft alles Gute, interessante Begegnungen,
gute Gespräche und einen fairen Umgang mit ihr.
Herzlichen Dank, Ayline!!!

20
Haft Leben Nr. 66
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
„Gefühle und Haft“
-
Gegensatz oder Einklang?
(Beitrag zum Titelthema „Gefühle während einer
Inhaftierung“ anlässlich des jährlichen Redaktions-
treffens mit den Kolleginnen der Zeitschrift
„HaftLeben“ am 07.Mai 2020 - Dieses geplante
Treffen wurde leider auch abgesagt)
(DR/TM)
Ich habe wirklich sehr lange
überlegt, wie ich mein selbstgewähltes Thema
„Gefühle während einer Inhaftierung“ denn nun
letztendlich am sinnvollsten angehe. Schon des
Öfteren saß ich mitunter minutenlang nahezu
regungslos vor meinem Bildschirm und starrte dabei
gedankenversunken in selbigen hinein. Ich begann
zu schreiben, ich löschte wieder. Ich schrieb, ich
löschte. Das wiederholte sich unzählige Male und so
langsam war ich schon der Verzweiflung nahe. Es
wollte mir einfach nichts Passendes dazu einfallen.
Der entscheidende Ansatz ereilte mich schließlich
sprichwörtlich wie aus dem Nichts. Und zwar mitten
in der vergangenen Nacht so gegen halb drei. Wie
so oft schwirrten mal wieder Unmengen an
Gedanken durch meinen Kopf. Dann werde ich
meistens plötzlich wach, habe tausende kreativer
Ideen gleichzeitig parat und - am nächsten Morgen
sind sie wieder weg. So erging es mir jetzt schon
unzählige Male. Deshalb habe ich nun vorgesorgt
und schon seit geraumer Zeit immer Stift und Zettel
griffbereit neben meinem Bett liegen. Beides war
diesmal allerdings gar nicht vonnöten. Warum, das
erzähle ich euch gleich.
Wut, Verzweiflung, Ärger, Enttäuschung - wer von
uns kennt sie nicht? Während der Haft sind sie
ohnehin ein ständiger Begleiter und zudem stets zum
falschen Zeitpunkt am noch falscheren Ort.
Darüber schreibe ich heute allerdings nicht.
Denn Gefühle können selbstverständlich auch
angenehm sein. Auch hier im Gefängnis. Gefühle
kennen eben nun mal keine Mauern, Gefühle kennen
auch keinen Stacheldraht. Sie kommen und gehen,
ganz wie es ihnen beliebt. Sie verbinden uns trotz
der scheinbar undurchdringlichen Gitter jederzeit mit
der Außenwelt. Oder aber auch mit unserer eigenen
Vergangenheit.
Denn heute Nacht um halb drei, da war ich
urplötzlich auf Korsika. Kein Scherz. Die Sonne
brannte vom Himmel, ich lag am fast menschen-
leeren Sandstrand und vor mir befand sich nichts
außer dem glasklaren, tiefblauen Mittelmeer. Naja,
fast nichts. Aber dazu komme ich später. Kein
einziger Antrag war dazu nötig gewesen und
niemand hat mich auch nur im Entferntesten daran
gehindert. Wie ich dort hingekommen bin? Ich habe
mein Radio eingeschaltet und zufällig lief genau in
diesem Moment jenes so besondere Lied, was ich
seither untrennbar mit diesem Urlaub verbinde. Noch
ehe ich mich versah, verselbständigten sich auf
einmal meine Gedanken und plötzlich war ich wieder
mitten im Sommer des Jahres 1995 angekommen.
An diesen Urlaub erinnere ich mich übrigens noch
ganz genau. Die ersten Wendejahre waren gerade
vorüber und anstatt an den Balaton verreisten wir
nun plötzlich nach Tunesien oder an den Gardasee.
Dann meinten meine Eltern irgendwann, mit unseren
Bekannten ausgerechnet nach Korsika fahren zu
wollen. Korsika? Darunter konnte ich mir erstmal gar
nichts vorstellen. Außerdem war ich sechzehn und
mein generelles Anspruchsdenken war schließlich
meinem tatsächlichen Alter hormonell bedingt bereits
um einiges voraus. Nach einem klassischen
Urlaubsziel klang dieses Korsika für mich jedenfalls
erstmal ganz und gar nicht. Vor allem - wir wollten da
echt mit dem Auto hinfahren. Mit dem Auto!!! Leute,
habt ihr vor dem Buchen vielleicht mal kurz auf den
Globus geschaut? Ok, unser treuer Trabant hatte
uns zwar schon vor knapp sechs Jahren verlassen,
aber muss denn ein pubertierender Teenager unter
gütiger Zuhilfenahme eines modernen 90-er Jahre
Standard-Kfz‘s wirklich erst mitten durch halb Europa
gefahren werden, nur um mal einen winzigen Hauch
von mediterraner Sonne auf die blasse Haut zu
bekommen? Er musste. Also kramte ich leicht
verbittert den Schulatlas heraus und siehe da, sofort
bekam ich meine erwartete Bestätigung. Denn rein
von der Strecke her war das ja mal ein richtig
sportliches Unterfangen. Hut ab! Insgeheim war ich
aber auch irgendwie sehr froh darüber, dass es nicht
versehentlich Kanada, Kapstadt oder Korea
geworden war. Oder der Kilimanjaro. So wie ich die
Lage allerdings überaus realistisch einschätzte, wäre
mein Vater mit uns aber ganz sicher auch auf
diesen, definitiv und zu einhundert Prozent mit dem
Auto hochgefahren.
„Na, das kann ja was werden“, dachte ich mir
außerdem. Und das wurde es auch.
Denn meine schlimmsten Befürchtungen schienen
sich doch tatsächlich zu bestätigen. Wobei,
eigentlich wurde es sogar noch um ein Vielfaches
schlimmer. Denn am ersten Tag unserer Reise
zeichnete sich ziemlich schnell ab, dass wir die
benötigte Fähre, welche uns vom italienischen
Festland hinüber ins französische Korsika bringen
sollte, wohl ziemlich deutlich verpassen werden. Also
verbrachten wir die Nacht bei einstelligen Plusgraden
und unnachgiebigem Dauerregen gezwungener-
maßen in einem ziemlich heruntergekommenen
Autobahn-Motel. Wir waren gestrandet, irgendwo im
Nirgendwo. „Wenn das jetzt wirklich schon der
sagenumwobene südeuropäische Sommer sein
sollte, wie sieht dann hier erst der Herbst aus?“,
durchfuhr es mich. Mamma mia. Meine
Urlaubsstimmung, sofern überhaupt jemals im
Gepäck verstaut, näherte sich unerbittlich und
gnadenlos dem Nullpunkt.
Am nächsten Morgen das gleiche Bild. Regen, Kälte
und ganz nebenbei das ständige, nervenzehrende
Geräusch vorbeifahrender LKWs. Am liebsten wäre
ich wohl direkt wieder zurückgefahren und meine
Eltern wahrscheinlich auch. Vermutlich hatten wir zu
diesem Zeitpunkt aber schon V1 überschritten.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
„Der Riegel“ - Gefühle und Haft
Jenen Punkt, an dem es keinerlei Zurück mehr gibt
und definitiv gestartet werden muss. Notgedrungen
starteten wir also.
Dann, als vermutlich kaum noch einer von uns damit
rechnete, stellte sich urplötzlich die ersehnte
Urlaubsstimmung ein. Und wie. Buchstäblich wie
aus dem Nichts waren die Wolken urplötzlich
verschwunden und als wir aus dem verregneten
Bergland hinab in Richtung Küste fuhren, da lag die
sonnendurchflutete Mittelmeerküste wie gemalt vor
uns. Diesen einzigartigen Anblick werde ich ganz
sicher niemals vergessen. Und während die letzten
Tropfen noch mit voller Wucht auf unsere
Windschutzscheibe prasselten, sahen wir am
Horizont schon die strahlende Sonne und das
tiefblaue Meer. Ein beeindruckendes Bild. Ab
diesem Moment fühlte ich mich im Urlaub und den
ersten Sonnenbrand holte ich mir anschließend auch
gleich direkt auf der knapp 4-stündigen
Fährüberfahrt ab.
Nach wenigen Tagen familiären Sightseeings
schnappte ich mir dann mein Badehandtuch und
legte mich am Strand nun etwas abseits von unserer
vertrauten Reisegruppe. Nur mit Mutti, Vati, Bruder
und der Bekanntschaft gemeinsam baden zu gehen,
das erschien mir als Teenager dann ja auch
irgendwie ein bisschen uncool. Also verschaffte ich
mir erstmal die nötige räumliche Distanz, auch wenn
die geforderte Blickweite zu gelegentlichen
Kontrollzwecken immer gewahrt bleiben musste.
Kopfhörer ins Ohr, Discman auf volle Lautstärke und
die restliche Arbeit überließ ich von nun an dem
himmlischen Freund und Helfer. Das Leben kann so
schön sein.
Wenn auch gelegentliches Wenden schlussendlich
nicht mehr ausreichte, um meinen persönlichen
Garpunkt
nicht
irgendwann
vollends
zu
überschreiten, blieb mir demzufolge gar nichts
anderes mehr übrig, als mich schnellen Schrittes
über den heißen Sand in Richtung Wasser zu
begeben. Dort angekommen, bestand die
Schwierigkeit
anschließend
darin,
möglichst
unauffällig und schnell ins kühlende Nass zu
gelangen. Vor allem jedoch ohne dass Außen-
stehende bemerkten, wie sehr ich eigentlich in
diesem Moment fror und regelrecht unter der zwar
plötzlichen, dafür allerdings umso notwendigeren,
Erfrischung litt. Zumindest in den ersten
Augenblicken. Ihr wisst ja, das wirkt doch schließlich
nicht cool und nur das ist es, worauf es in diesem
Alter letztlich tatsächlich ankommt.
Ihr ahnt, was passieren musste. Einer meiner
mühseligen Versuche, beim Gang ins übrigens nur
bedingt kalte Wasser nicht komplett doof
auszuschauen, blieb offenbar doch nicht gänzlich
unbeobachtet. Denn plötzlich stand Simona, eine
bildhübsche und zudem gleichaltrige Italienerin aus
Florenz vor mir. „Freddo“, sagte sie lächelnd. Etwas
unsicher blickte ich links und rechts über meine
Schultern, aber da war niemand. Offenbar meinte
dieses unbekannte Mädchen doch tatsächlich mich.
„Die kann doch jetzt aber unmöglich in dem
gleichen, arschkalten Wasser stehen wie ich“, war
mein nächster Gedanke. Tatsächlich wirkte sie im
Gegensatz zu mir jedoch vollkommen tiefen-
entspannt, während ich hingegen um jeden
Zentimeter maritimen Raumgewinns regelrecht hart
kämpfen musste. Noch einmal sagte sie lächelnd
„Freddo“, während sie dabei gleichbedeutend so tat,
als würde sie frieren und dabei aber mit ihrem
Zeigefinger unmissverständlich auf mich deutete. Ich
verstand. „Kalt, äh, cool“, antwortete ich etwas
unsicher und tat ebenfalls so, als ob ich frieren
würde. Wobei ich gar nicht so zu tun brauchte, ich
fror im Übrigen ja tatsächlich. Im Nachhinein wurde
mir allerdings auch irgendwann ganz klar bewusst,
weshalb unsere temperierten Auffassungen letztlich
so vollkommen unterschiedlich sein mussten. Denn
anders als ich halbe Portion, war Simona ohne jeden
Zweifel total attraktiv. Vermutlich fand daher selbst
das Wasser sie deswegen offensichtlich so
dermaßen heiß, dass es deshalb um sie herum
immer mindestens zehn Grad wärmer gewesen sein
musste, währenddessen der mediterrane Golfstrom
um mich herum jedoch hingegen einen spürbar
betont großen Bogen zu machen schien.
Als wir aus dem Wasser gingen und ich gerade zu
meinem Handtuch laufen wollte, zog sie mich
plötzlich in die entgegengesetzte Richtung und
zeigte auf eine nicht weit entfernte Badegruppe.
(Anmerkung der HL/Red.)
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22
Haft Leben Nr. 66
(NML/HL)
Nach mehr oder weniger langem
Aufenthalt bzw. Dienstalter trägt man wohl doch die
eine oder andere Knastmacke davon, die sich noch
lange nach der Entlassung oder Feierabend
bemerkbar macht.
Wer sich in den folgenden Zeilen wiedererkennt, hat
vielleicht das Unbedenklichkeitsdatum schon über-
schritten.
Du hast bzw. Sie haben eine Knastmacke, wenn ...
Du zum Einkaufen statt der Geldbörse einen
aktuellen Ausdruck Deines Kontostandes mit-
nimmst.
Sie jede Tür nach dem Hindurchgehen sofort
abschließen.
Du dir anstelle eines Wäscheständers Gitter-
stäbe vor die Fenster baust.
Ihre Kinder mit einem durchsichtigen Ranzen
zur Schule gehen müssen.
Du bei jedem Gang zum Kühlschrank deinen
Schlüssel mitnimmst.
Sie im Wohnzimmer Ihrer Schwiegermutter die
Fotos durchzählen und Nr. 31-34 in den
Schrank räumen.
Du Milch nur noch montags kaufst.
Sie für den ersten Jungsbesuch Ihrer Tochter
am liebsten eine Scheibe einbauen möchten.
Du ganz selbstverständlich weißt, es ist
Mittwoch, nur weil dir jemand Nudeln serviert.
Sie sich wundern, warum die Kinder-
zimmertüren keine Kostklappen haben.
Du im Supermarkt die Frau in der Kassen-
schlange hinter dir darauf hinweist, dass sie
max. zwei Kohlrabis pro Einkauf mitnehmen
darf.
Sie darauf bestehen, dass jegliche Freizeit-
aktivitäten mindestens zu zweit durchgeführt
werden müssen.
Du deinem Fitnessstudio schriftlich ankündigst,
dass du auch am Wochenende vorhast zu
trainieren.
Sie bei der abendlichen Begrüßung die Akten-
tasche oder Rucksack Ihres Mannes drauf
kontrollieren, dass die Trinkflasche leer und der
Proviant aufgezehrt ist.
Du dir erst den Doppelpack neue Socken
kaufst, nachdem von den 14 Paar in deinem
Schrank zwei Paar kaputt gegangen sind.
Sie nur freitags in der Lage sind, Briefe am
Morgen zu verschicken.
Du jede andere Woche nicht vor 19 Uhr deine
Post aus dem Briefkasten holst.
Sie den nachmittäglichen Parkspaziergang so
gestalten, dass Sie exakt nach einer Stunde
wieder vor Ihrer Haustür stehen.
Du vor jedem Griff in die Hausapotheke den
Tür-Buzzer deiner Wohnung betätigst und nach
einer Bedarf fragen willst.
Sie die Post vorm Öffnen feinsäuberlich in eine
Aktenmappe einsortieren.
... Fortsetzung folgt
Wem an sich noch weitere kleinere oder größere
Knastmacken aufgefallen sind, kann sich gern bei
uns in der Redaktion melden. Wir vermitteln auch
gern den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe ;-)
„Knastmacken“

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
Fitnessprogramm für faule Tage
Das einfache Fitnessprogramm für
faule Tage im Bett
(HL/HB)
Hallo Ihr Lieben,
hier seht ihr paar Übungen, die wir für euch
herausgesucht haben. Vielleicht findet ihr heimlich
für euch ein paar Minuten Zeit dafür. Übrigens, mit
Spaß und guter Musik geht das noch viel besser.
Sanfte Seitendrehung für Rumpf und Rücken
Diese Übung mobilisiert den gesamten Oberkörper
und lockert Verspannungen
So geht's:
Setzen Sie sich mit nach vorne
ausgestreckten Beinen aufrecht auf die Matratze.
Beide Arme werden auf Schulterhöhe waagerecht
zur Seite gestreckt. Dehnen Sie Ihren Oberkörper
nach links, die Hüfte zeigt weiterhin nach vorne.
Bewegen Sie sich langsam zurück und wiederholen
die Drehung mit ausgestreckten Armen nun zur
rechten Seite.
Das war ein vollständiger Durchgang - dieser wird
nun insgesamt zehnmal wiederholt.
Bein- und Po-Übung für Gesäß- und Ober-
schenkelmuskulatur
Diese Übung mobilisiert verspannte und inaktive
Muskeln in Hüfte, Po und Oberschenkel.
So geht's:
Legen Sie sich mit ausgestreckten
Beinen auf den Bauch. Das rechte Bein ist
angewinkelt. Ihre Zehen zeigen zur Zimmerdecke.
Spannen Sie Ihre Po-Muskulatur an und heben Sie
das rechte Bein etwa 10 Zentimeter an. Bleiben Sie
für ein paar Sekunden in dieser Position -
anschließend das Bein ein wenig absinken lassen,
ohne dabei die Matratze zu berühren. Dies führen
Sie weitere neun Mal durch.
Dann die Übung auf der anderen Seite zehnmal
wiederholen.
Beinschere für die Bauchmuskulatur
Diese Übung zielt auf die Stärkung der tiefen
Bauchmuskeln ab. Die sorgen nicht nur für einen
flacheren Bauch, sondern auch für eine kräftigere
Rumpfmuskulatur
So geht's:
Legen Sie sich mit dem Rücken auf die
Matratze. Packen Sie Ihr Kopfkissen unter den
Hüftbereich und heben Sie dann zunächst langsam
beide Beine in einem 30-Grad-Winkel an. Halten Sie
die Beine dabei möglichst gestreckt. Ihr Rücken
sollte währenddessen auf der Matratze auffliegen
und nicht in ein Hohlkreuz fallen oder mit angehoben
werden. Nun die Beine in einer scherenähnlichen
Bewegung heben und senken, ohne dass die Fersen
dabei die Matratze berühren.
Insgesamt zwanzigmal durchführen.
Hüftheber für die Muskeln von Bauch, Beinen, Po
und Rücken
Diese Übung stärkt die hintere Oberschenkel- sowie
die Gesäßmuskulatur und mobilisiert den unteren
Rücken und kräftigt insgesamt den unteren Körper
So geht's:
Auf dem Rücken liegend winkeln Sie Ihre
Beine an, so dass die Füße flach auf dem Bett
stehen. Nun klemmen Sie ein festes, nicht zu großes
Kissen zwischen Knie und Schenkel. Das hilft dabei,
die Knie in der richtigen Stellung zu halten. Ihre
Arme liegen parallel zum Oberkörper auf der
Matratze. Langsam Hüfte und Po anheben, bis Knie
und Oberkörper eine gerade Linie bilden. Diese
Position etwa für drei Sekunden halten, dann
langsam das Becken wieder Richtung Matratze
bewegen und ablegen. Das ist ein
Durchgang, insgesamt 10 Wiederholungen.
Bilder beider Seiten: free pixelio.de

24
Haft Leben Nr. 66
1. Was bedeutet so viel wie "tiefe
Bescheidenheit"?
A: Amumm
B: Recourage
C: Demut
D: Geschneid
2. Kauft man Wandfarbe im 10- oder 15-Liter-
Gebinde, ist sie meist ...?
A: vergammelt
B: ramponiert
C: nicht mehr zu gebrauchen
D: im Eimer
3. Die Frau eines Maharadschas nennt man?
A: Maharani
B: Mahatma
C: Makkaroni
D: Mahagoni
4. Leonardo di Caprio ist ein amerikanischer
Schauspieler mit ...?
A: spanischen Stängeln
B: deutschen Wurzeln
C: französischen Knospen
D: japanischen Blüten
5. Was schmeckt verständlicherweise keinem
der betroffenen Vereine?
A: Meisterschaftstorte
B: Abstiegsstrudel
C: UEFA-Cup-Plätzchen
D: Tabellen-Waffeln
6. Schon Roald Amundsen setzte bei der
Erforschung des Südpols auf ...?
A: Schneeraupen
B: Pistensäue
C: Schlittenhunde
D: Skihasen
7. Die Justitia sieht oft aus, als spiele sie
gerade ...?
A: Blindekuh
B: Schiffe versenken
C: Flaschendrehen
D: Sackhüpfen
8. Wer sich treu und anständig verhält, ist ...?
A: loyal
B: fülstlich
C: volnehm
D: wie del Kaisel von China
9. Die Bewohner welcher Nordseeinsel fühlen
sich bei Ostfriesenwitzen nicht angesprochen?
A: Juist
B: Spiekeroog
C: Norderney
D: Sylt
10. Was wird im Chemieunterricht mit der
Knallgasprobe nachgewiesen?
A: Stickstoff
B: Chlor
C: Wasserstoff
D: Helium
11. Handelsübliche Gelatine besteht zu
etwa 85% aus ...?
A: Wasser
B: Eiweiß
C: Speisestärke
D: Zucker
12. Woher stammt die Redewendung "sich auf
sein Altenteil zurückziehen" ursprünglich?
A: Militär
B: Kirchenwesen
C: Handwerk
D: Landwirtschaft
13. Was gehört zur einheimischen Fauna?
A: Knoblauchkröte
B: Rettichfrosch
C: Chlorelie
D: Zwiebelmolch
Das HL - Preisrätsel
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
14. Was fristet sein Dasein auf unzähligen
Fensterbänken?
A: Fluorelie
B: Bromelie
C: Chlorelie
D: Jodelie
15. Wer wird bei seinen Abenteuern von einem
sprechenden Raben namens Abraxas
unterstützt?
A: Das kleine Gespenst
B: Der kleine Hobbit
C: Die kleine Hexe
D: Der kleine Prinz
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
13.08.2020
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
JUN
2020
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!
Das HL - Preisrätsel

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26
Haft Leben Nr. 66
HL - Songtext
Seeed
Aufstehn!
This is Seeed yaah
Have a brand new welcome
Forget this tribes Seeed
And have a good time
Yau die Nacht ist vorbei
Die bösen Geister sind weg
Ich geb dich ausm Bett
Und mach Kaffee der tote Tanten weckt
Sind schön angezeppt
Löschen unsern Brand mit Sekt
Wir fahr'n an Strand das Leben fiebert
Wir hab'n uns angesteckt
Gestern wars so kalt
Heute ist es heiß
Sonne macht geil und weil das so ist
Scheint sie heute zum Beweis
Das Radio klingt feist
Gestern war in den Top 10 scheiß
Heute ist die Liste heiß
Und du tanzt
Das dich Gott für deine Kiste preist
Babe wach auf ich zähl bis 10
Das leben will ein'n ausgeb'n Aufstehn
Und das will ich sehn
Lass uns endlich raus geh'n
Das Radio aufdreh'n
Das wird unser Tag Babe
Wenn wir aufsteh'n
Steh auf jetzt oder nie Girl zu…
Komm wach auf ich zähl bis 10
Das Leben will ein'n ausgeb'n
Und das will ich seh'n
Lass uns endlich raus geh'n Aufstehn
Das Radio aufdreh'n
Das wird unser Tag Babe
Wenn wir aufsteh'n
Wake up woman
There's somethin that I want you to see
A brand new you and me
They're just waitin for be
Here's my hand
So meet me half of the way
Sweatheart we're sharing this day
And I don't wish to stay
The way that I am
I see the circle stairs is a straight
How I want you to change
Was still stay the same
The less that we talk
The more time we try
In while you were sleeping Aufstehn
Time past by
Oh Babe lass uns geh'n
Das leben will ein'n ausgeb'n
Und das will ich seh'n
Lass uns endlich aufsteh'n
Das Radio aufdreh'n
Dazu werden wir tanzen und
Das wird gut ausseh'n
Komm wach auf ich zähl bis 10
Das Leben will ein'n ausgeb'n
Und das will ich seh'n
Lass uns endlich rausgeh'n
Das Radio aufdreh'n
Das wird unser Tag
Wenn wir endlich aufsteh'n
Quelle: LyricFind
Songwriter: Frank Alless
Foto/Text: Wikipedia:
Seeed ist eine Berliner Musikgruppe, die vor allem in
den Genres Reggae und Dancehall tätig ist. Bis zum
Tod des Sängers Demba Nabé im Mai 2018 bestand
sie aus elf Musikern. Dreimal gewann sie den Echo.
Die Berliner Band bestand aus den drei
Leadsängern Frank Dellé, Pierre Baigorry und
Demba Nabé. Alle sind mehrsprachig als Kinder
deutscher und ausländischer Eltern aufgewachsen.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
Post an die „HaftLeben“-Redaktion
(HL/RED)
Es ist schön, wenn die Arbeit der
Frauen aus der JVA-C auch mal gelobt wird.
Aus diesem Grund veröffentlichen wir das komplette
Schreiben für euch.
Sehr geehrter Herr Riedel,
ich habe am Freitag (24.04.2020) die bereit-
gestellten Masken an der Pforte abgeholt und
möchte mich noch einmal ganz sehr dafür
bedanken!!
Dass das geklappt hat in nur einer Woche: das ist
für uns ein ganz großer Glücksfall und dass die
Masken so schön bunt und kinderfreundlich sind,
hat vor allem unsere Kids gefreut. Dadurch sind sie
auch toll unterscheidbar.
Also liebe Grüße nach Chemnitz, Danke nochmal
ganz sehr und bleiben Sie gesund!
Mit freundlichen Grüßen
Einrichtungsleiterin
Susann Richter
IWS Integrationswerk gemeinnützige GmbH Westsachsen
08371 Glauchau
Ohnmacht - ohnmächtig
ohne Macht - machtlos
losgelöst - ohne Lösung
lösungslos - ohne Wege
ausweglos - ohne Auswege
weder Ein noch Aus - ohne
Möglichkeiten
unmöglich - unzumutbar
nicht zuzumuten - ohne Mut
nicht freimütig - kein freier Mut
unfrei - keine Freiheit
leblos - ohne Leben
lebensmüde - ohne Mut zum Leben
unmündig - ohne Macht zum Leben
Mut zur Freiheit - Ohnmacht
Freimut - freier Mut - Lebensmut -
Mut zur Freiheit
(Anmerkung der HL/Red.)
Danke für das Gedicht
bzw. den eingesendeten „Gedankengängen“.
Der Name des Autors ist
immer
erforderlich, ob er
mit veröffentlicht wird, legt ihr selbst fest. Bitte auf
eurem Text vermerken! Über die Veröffentlichung
eingesendeter Artikel, Gedichte usw. (auch gekürzt)
entscheidet die Redaktion „HaftLeben“ und die
Anstaltsleitung der JVA-C.
Mehr dazu im HL-Impressum auf Seite 29.
Free, pixabay.com

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28
Haft Leben Nr. 66
Verlasse das Fest, wenn es dir am
besten gefällt
.
Je nach Temperament zeigen wir Emotionen und
haben Gefühlsäußerungen von Hass bis hin zu
Liebe, von Angst bis hin zur Freude. Ich denke, dass
sie oftmals sehr spontan und unüberlegt aus einem
„Bauchgefühl“ heraus entstehen. Sie sind wichtig für
unser Leben, positive Emotionen sollten dabei
gegenüber Negativen überwiegen.
Vielleicht hatte ich aus einem „Bauchgefühl“ heraus
meinen weitreichenden Entschluss gefasst.
Meine nächsten Zeilen fallen mir schwer und sind mit
großen Emotionen verbunden. Ende August verlasse
ich Chemnitz. Den Entschluss hatte ich an meinem
66. Geburtstag getroffen. Damals war mir das Lied
von Reinhard May in den Sinn gekommen: „Mit 66
Jahren da fängt das Leben an“. Es war zunächst
Spaß, Reinhard May am Geburtstag zu zitieren.
Seine Liedzeilen wurden für mich immer mehr zur
Wirklichkeit, die ich anders angehen wollte als viele
meiner ehemaligen Klassenkameraden, die ihren
Ruhestand genießen. Ich hatte nicht vor, in den
Ruhestand zu gehen oder hier in Chemnitz die
nächsten Jahre in der JVA und der Pfarrei meinen
Dienst weiter zu tun, sondern eine andere Aufgabe
anzunehmen und neu „durchzustarten“ gemäß dem
Spruch aus Italien:
Verlasse das Fest, wenn es dir am besten gefällt.
Ich erinnere mich an manche spannungsgeladene
Situation in der JVA. Hier bin ich froh, dass sich
immer wieder alles zum Guten gewendet hatte. Mir
werden aber besonders die guten Gespräche mit
Gefangenen und einigen Bediensteten fehlen. Gerne
denke ich zurück an die großen ökumenischen
Gottesdienste an Weihnachten und dem Ernte-
dankfest. Wie schön war es gewesen, an
Weihnachten das Krippenspiel zu genießen und die
Melodien des Chores am liebsten noch selber
mitzusingen. Es werden mir die Gottesdienste fehlen
im kleineren Kreis und die „Einführung in den
Rosenkranz“. Seit meiner Jugend hatte ich mich
fortgebildet im autogenen Training und dieses auch
gerne in der JVA angeboten. Welche neuen Artikel
sind gerade im Entstehen? Immer wieder hatte ich
auch vorbeigeschaut im Redaktionsteam von
HaftLeben und nach Möglichkeit an der Adventsfeier
mit „Pizzasession“ teilgenommen.
Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten,
haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns
lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem
Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes
eintreten können. Ich mache diesen Schritt aus
meiner Einstellung heraus: Mit Gottes Hilfe geht alles
gut. Auf ihn setze ich mein Vertrauen gemäß dem
Psalm 23, in dem es heißt:
Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Die Erfahrungen und das, was wir in unserem Leben
gelernt haben, haben einen Einfluss, wie wir
bestimmte Situationen interpretieren und meistern.
Ich wünsche Ihnen möglichst viele guten Erfah-
rungen und Gottvertrauen und sage auch Dank an
alle Bediensteten, die mich in meiner Tätigkeit
unterstützt hatten.
Ihr ( schon bald ) ehemaliger katholische Gefängnis-
seelsorger
P. Bernhard Kuhn SDB
Kirche 2020
Lieber Pater Bernhard,
noch immer wollen wir es nicht glauben.
Viele von uns Frauen haben in der Zeit mit dir als
Pater in der JVA Chemnitz neues zum Meistern
unseres weiteren Lebens gelernt.
Danke.
Alle Anfänge sind schwer - du hast uns oft geholfen
auch in den Stunden, wo in unserem Leben „einige
große Steine“ im Weg lagen.
Danke.
Vielen Gläubigen und nicht nur denen konntest du
einen neuen Weg aufzeigen.
Danke.
Uns von der „HaftLeben“-Redaktion hast du
unterstützt, nicht nur mit Texten und Tipps.
Ein besonderes
Danke
sollst du, Pater und Mensch
Bernhard, von uns erhalten.
Danke für die gemeinsame Zeit!
Wir wünschen dir alles erdenklich Gute für deine
neue Aufgabe und warten noch ein bisschen auf
unsere neuen Aufgaben - jeden Tag!
Deine „HaftLeben“-Redaktion

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
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Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 01-2020
1 - D, 2 - D, 3 - A,
4 - B, 5 - B, 6 - A,
7 - C, 8 - D, 9 - A,
10 - C, 11 - C, 12 - D,
13 - A, 14 - B, 15 - C,
Gewonnen haben diesmal:
EG: Dunja F.
Stat. 1: Alexandra W.
Stat. 2: Sarah S.
Stat. 3: Aida S.
Stat. 4: Cathrin B.
Stat. 5: Claudia S.
Stat. 6: Keine Beteiligung
Stat. 7: Conny A.
Haus III: Melanie T.
Haus IV: Keine Beteiligung
Mutter und Kind: Keine Beteiligung
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe)
Herzlichen Glückwunsch!
Reproduktionen von Artikeln, auch nur auszugs-
weise, nur mit schriftlicher Genehmigung der
Redaktion „HaftLeben“ und gegen kostenfreie
Zusendung eines Belegexemplars.
Für namentlich gekennzeichnete Beiträge (alle
angegebenen Kürzel sind mit Klarnamen hinter-
legt), übernimmt die Redaktion lediglich die
presserechtliche Verantwortung, diese müssen
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wiedergeben.
Bei eingesandten Manuskripten und
Leserbriefen setzen wir das Einverständnis zum
honorarfreien Abdruck und zur sinnwahrenden
Kürzung voraus.
Für eingesandte Manuskripte, Briefe und Unter-
lagen jeglicher Art wird keine Haftung über-
nommen.
Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam: PAF, HB, NML, LEA
PFL, UNDINE und RBL
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@T-Online.de oder
HaftLeben@Live.de
Seit 2017 online unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/content/950.htm
Redaktionsschluss für die Ausgabe 03/2020:
13.08.2020
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Anschrift der Redaktion “HaftLeben“:
Justizvollzugsanstalt Chemnitz
Redaktion der Gefangenenzeitung „HaftLeben“
Thalheimer Straße 29
09125 Chemnitz
Impressum

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Haft Leben Nr. 66
HL - Rätselseite
HL -
Rätsel

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
31
Die besten HL - Rezepte
Bauernfrühstück
Zutaten für 1-2 Personen:
6-8 Kartoffeln
100 gr. Schinkenspeck
2-3 Zwiebeln
Öl
2 Eier
2 EL Wasser
Würzwunder
Die Kartoffeln in Scheiben schneiden. Den Speck
klein schneiden und in einer Pfanne mit den
gewürfelten Zwiebeln anbraten.
Die Kartoffeln dazugeben und unter gelegentlichem
Wenden braten. Die Eier mit dem Wasser
vermischen, mit den Gewürzen abschmecken und
über die Kartoffeln gießen und stocken lassen.
Ägyptische Nusstorte
(Zutaten für ca. 16 Stück)
6 Eier (m)
425 gr. Zucker
2 Päckchen Vanillezucker
75 gr + 2 EL Mehl
275 gr. Haselnusskerne
50 gr. Wallnusskerne, Salz
1 Päckchen Sahnefestiger
300 gr. Schlagsahne
1) Für die Puddingcreme Eier trennen. Eiweiße kalt
stellen. Eigelbe, 125 gr. Zucker, 1 Päckchen Vanille-
zucker und 75 gr. Zucker in einem Topf glatt rühren.
Milch nach und nach unter Rühren zugießen. Alles
unter Rühren aufkochen und einige Minuten köcheln
lassen, bis die Creme andickt. Pudding in eine
Schüssel füllen. Direkt an der Oberfläche mit Folie
bedecken. Butter bei Zimmertemperatur lagern.
2) Für den Tortenrand 100 gr. Haselnusskerne
hacken und in einer Pfanne ohne Fett rösten, bis sie
zu durften beginnen. Auf einem Teller abkühlen
lassen.
3) Auf drei Bögen Backpapier jeweils einen Kreis (ca.
22 cm Durchmesser) zeichnen und umgedreht auf
Backbleche legen. 75 gr. Haselnüsse und Wallnüsse
fein mahlen. Mit 2 EL Mehl mischen.
Eiweiße und 1 Prise Salz steif schlagen.
Dabei zum Schluss 100 gr. Zucker einrieseln lassen
und weiterschlagen, bis der Zucker gelöst ist.
Nussmischung vorsichtig unterheben. Masse dritteln
und innerhalb der Kreise auf dem Backpapier
verstreichen.
Nacheinander
im
vorgeheizten
Backofen (E-Herd: Ober/Unterhitze 180°; Umluft
160°) ca. 15 min backen. Herausnehmen und
abkühlen lassen.
4) Übrige 100 gr. Haselnüsse auf einem Backblech
im heißen Ofen bei gleicher Temperatur 8-10 min
rösten. Herausnehmen, in einem sauberen
Küchentuch die Haut von den Nüssen abreiben. 200
gr. Zucker in einer Pfanne goldgelb karamellisieren
lassen und vorsichtig auf ein Stück Backpapier
gießen, auskühlen lassen. Nüsse und etwa die Hälfte
des Karamells fein hacken oder im Universal-
zerkleinerer grob mahlen.
5) Weiche Butter weißcremig rühren. Pudding
esslöffelweise unterrühren. Sahnefestiger mit
1 Päckchen Vanillezucker mischen. Sahne steif
schlagen und dabei Zuckergemisch einrieseln lassen.
Gehackte Nüsse und Karamell unterheben.
6) Tortenböden eventuell mit einem Tortenring
gleichmäßig rund ausstechen. Etwas Buttercreme für
den Tortenrand beiseite stellen. Ca. 1/3 der
Puddingcreme auf einen Boden streichen, darauf 1/3
der Sahnecreme verstreichen. Weitere Böden
auflegen und mit je 1/3 der Cremes bestreichen.
Tortenrand mit Rest Buttercreme einstreichen und
gehackte Nüsse an den Rand drücken. Torte dann
über Nacht im Kühlschrank kalt stellen.
7) Restliches Karamell in dekorative Stücke brechen
oder hacken und die Torte vorm Servieren damit
verzieren.
(Zubereitung ca. 2 h, Backzeiten für Böden 15 min;
pro Stück 450 kcal, 32 gr. Fett, 34 gr. Kohlehydrate,
8 gr. Eiweiß)
(
HL/Red.)
Herzlichen Dank an die Leserin für
ihr Geburtstagskuchen-Rezept.

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Haft Leben Nr. 66
HL - Rätselseite

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
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HL - Rätselseite

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Haft Leben Nr. 66
HL - Rätselseite

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© pixnio.com HaftLeben, 02-2020
Mit freundlicher Unterstützung der enviaM-Gruppe
HaftLeben, 02-2020
© Marcel Forker
HaftLeben, 02-2020
Mit freundlicher Unterstützung der enviaM-Gruppe
HaftLeben, 02-2020

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