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Redebeitrag
Dr. Peter Szent-Iványi
Veranstaltung
150 Jahre staatliche Eichverwaltung in Sachsen
Thema
Der Verbraucher als Schutzziel des Eichwesens, gestern, heute und auch morgen?
am 21. Mai 2008
in Dresden

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Sehr geehrter Herr Minister Jurk,
sehr geehrter Herr Direktor Dr. Warmuth,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Landesamtes,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
zum Titel meines Beitrag für die heutige Festveranstaltung „Der Verbraucher als
Schutzziel des Eichwesens, gestern, heute und auch morgen?“ möchte ich drei Bemer-
kungen machen:
erstens
, politisch korrekt muss es natürlich heißen „die Verbraucherinnen und der
Verbraucher“,
zweitens
, alles was folgt, sind persönliche Bemerkungen, auch wenn ich bis Mai 2006
im Bundeswirtschaftsministerium für das gesetzliche Messwesen verantwortlich war,
und
drittens
, das Fragezeichen am Ende ist durchaus als leiser Zweifel zu verstehen. Dabei
stütze ich mich auf eine Studie, die ich gerade für den Verbraucherzentrale Bundes-
verband angefertigt habe.
Ja, aber wie stand, steht und wird es denn nun stehen mit dem Schutz der Verbrauche-
rinnen und Verbrauchern im Eichwesen?
Ziele mit dem Eichrecht hatten in der Geschichte des Eichwesens alle Verantwortlichen:
der König von Sachsen, als er 1858 das Gesetz zum Maß- und Gewichtswesen verord-
nete; der deutsche Kaiser, als er 1868 die Maß- und Gewichtsordnung für den Nord-
deutschen Bund erließ, und auch mein Amtsnachfolger in seiner Zuständigkeit für das
gesetzliche Messwesen im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie.
Sehen Sie es mir bitte nach: den sächsischen König, den deutschen Kaiser und einen
Referatsleiter des BMWi in einem Zusammenhang zu erwähnen ist sicher ein bisschen
zuviel Ehre für die Ministerialbürokratie.
Aber
erstens
sind mir die damals verantwortlichen Herren – mit Sicherheit waren es
Herren - der unteren Regierungsebenen Sachsens und des Deutschen Reichs nicht
bekannt und
zweitens
soll man die Referenten eines Ministeriums nicht unterschätzen.
Schließlich heißt das erste maßgebliche Papier zu einem Gesetz: Referentenentwurf.
Aber nun zu den Zielen. König und Kaiser sprachen explizit noch nicht vom Verbrau-
cher und seinem Interesse. Eher können wir als erstes Ziel des Eichrechts das Sichern
fairer wirtschaftlicher Verhältnisse festmachen. So wird im sächsischen Gesetz vorder-

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gründig Maß und Gewicht im „öffentlichen und gewerblichen Verkehr“ geregelt.
Aber wenn, ich zitiere, der „Gebrauch unrichtiger Gewichte oder Maße im öffentlichen
gewerblichen Verkehr das erste Mal mit 1 bis 50 Talern Geldbuße, in Wiederholungsfäl-
len mit acht Tagen bis vier Wochen Gefängnis bestraft wird“, dann sind das schon wirk-
same Elemente des Verbraucherschutzes. Leider habe ich im aktuellen Bußgeldkatalog
keine adäquate Entsprechung gefunden.
Im Laufe der Jahrzehnte hat natürlich der Verbraucherschutz als Ziel des Eichwesens
an Bedeutung gewonnen.
Gleichwohl, explizit taucht der Verbraucher im deutschen Eichrecht – man höre und
staune - erst im Eichgesetz von 1992 auf. Erst in dieser Fassung ist der heute noch ak-
tuelle Paragraph 1 enthalten.
Er definiert als Zweck des Gesetzes, „den Verbraucher beim Erwerb messbarer Güter
und Dienstleistungen zu schützen und im Interesse eines lauteren Handelsverkehrs die
Voraussetzungen für richtiges Messen im geschäftlichen Verkehr zu schaffen.“
Diese lange Aussparung des Verbrauchers im Eichrecht ist eigentlich verwunderlich,
denn in Deutschland hat der Verbraucherschutz eine lange Tradition.
Unsere heutigen Verbraucherorganisationen führen ihre Herkunft zurück auf die aus der
Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangenen Konsumgenossenschaften.
Diese nahmen Verbraucherinteressen wahr, in dem sie sich durch Beschaffung von
Gütern und Dienstleistungen für ihre Mitglieder aktiv in das Marktgeschehen einschalte-
ten.
Machen wir jedoch einen großen Sprung: Die ersten Verbraucherorganisationen in der
Bundesrepublik entstanden 1953, berühmt ist der erste vergleichende Warentest mit
Waschmitteln im Jahre 1961. Die Stiftung Warentest gibt es seit 1964 und den Verbrau-
cherzentrale Bundesverband seit dem Jahre 2000, er ist die Dachorganisation für die
schon vordem existierenden Verbraucherzentralen und -verbände.
Erstmals legte 1971 die Bundesregierung einen Bericht zur Verbraucherpolitik vor. Und,
um einen weiteren Sprung zu machen, inzwischen liegt der „Verbraucherpolitische Be-
richt 2008 der Bundesregierung“ vor.
Lassen Sie mich aus diesem Bericht lesen:
„Eichrecht für lauteren Handel“ - so die Überschrift eines kleinen 12zeiligen Abschnitts
im 63seitigen Papier – und ich zitiere:

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„Das Eichrecht gewährleistet die Messsicherheit für Messungen im öffentlichen Interes-
se und schützt Verbraucherinnen und Verbraucher wie auch den fairen Wettbewerb. So
können Verbraucherinnen und Verbraucher darauf vertrauen, dass beispielsweise
Wasser-, Strom- und Gaszähler im Haus, die Zapfsäulen an den Tankstellen oder die
Waagen im Einzelhandel richtige Messwerte anzeigen.“
Und weiter:
„Das Eichwesen in seiner bisherigen Form hat sich bewährt, muss allerdings an verän-
derte Rahmenbedingungen angepasst werden. Ziel der Novellierung des Eichgesetzes
ist es, moderne Modelle der Konformitäts-bewertung auf alle Messgeräte zu übertragen,
die Eichpflicht auf die notwendigen Bereiche zu beschränken und die Bestimmungen an
die veränderten technischen Rahmenbedingungen anzupassen. Darüber hinaus wird im
Zuge der bevorstehenden umfassenden Reform des Eichrechts angestrebt, den Län-
dern durch bundesgesetzliche Vorgaben einen klaren Rechtsrahmen für den Vollzug
des Eichrechts und damit auch der Marktaufsicht zu bieten.“
Soweit das Zitat und damit könnte man eigentlich einverstanden sein.
Nun wissen wir jedoch spätestens seit der öffentlichen Anhörung im Bundeswirt-
schaftsministerium am 2. April mehr. Das BMWi will bei der Neuordnung des gesetzli-
chen Messwesens unter anderem die Nacheichung als staatliche Aufgabe aufgeben.
An die Stelle der staatlichen Nacheichung durch Eichbehörden und Staatlich anerkann-
te Prüfstellen sollen messtechnische Kontrollen durch private Prüfdienste treten. Den
Eichbehörden bleiben nach einer mehr oder weniger langen Übergangszeit ausschließ-
lich Überwachungsaufgaben: das sind die
Marktüberwachung
erstmalig in Verkehr
gebrachter Messgeräte und die
Überwachung
verwendeter Messgeräte. Dies alles oh-
ne eigene messtechnische Prüfungen, zumindest, soweit für Überwachungsaufgaben
Messgeräte nicht wenigstens stichprobenweise zu prüfen sind.
Alles in allem wird das eine brotlose Kunst sein, denn Überwachung ist nicht gebühren-
fähig. Doch wenn man es richtig machen will, gehören zur Überwachung qualifiziertes
Personal und eine funktionsfähige prüftechnische Infrastruktur.
Der Zuschussbedarf aller Länder für ihre Eichbehörden – derzeit etwa 14 Millionen Euro
pro Jahr insgesamt - wird sich mit Sicherheit erhöhen. Denn die mit dem Wegfall der
Nacheichung verringerten Personalkosten werden die erforderlichen Aufwendungen für
die Überwachung nicht kompensieren.
Schon jetzt können die Länder den Markt nicht im erforderlichen Maße überwachen.
Das bundeseinheitliche Konzept zur Marktüberwachung steckt in den Kinderschuhen

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und eine dramatische Situation wie beim Spielzeug ist durchaus auch bei Messgeräten
denkbar.
Im Übrigen ist die Marktüberwachung ein nationales, ja, europäisches Problem. Der
europäische Binnenmarkt beginnt schließlich nicht an der Landesgrenze eines Bundes-
landes, hier ist der Föderalismus nicht gerade von Vorteil und länderübergreifende Lö-
sungen müssten her.
Und ein Übriges: Aus der Nacheichung können die Eichbehörden wichtige Informatio-
nen für die Marktüberwachung gewinnen; also wie ist das zum Beispiel mit der Richtli-
nienkonformität nach dem Inverkehrbringen und bei der Verwendung? Erfüllt das Mess-
gerät eigentlich schon von Anfang an nicht die Anforderungen der Richtlinie?
Hier kompliziert die Einschaltung privater Dritter die Marktüberwachung nur.
Damit wir uns nicht missverstehen: es geht nicht um die Privatisierung an sich. Im
Eichwesen haben wir über 75 Jahre Erfahrung mit privaten Prüfstellen, ohne die die
Eichung von Verbrauchszählern zum Beispiel gar nicht denkbar wäre. Ihre Tätigkeit als
beliehene Unternehmen ist jedoch hoheitlich und fern wettbewerblichen Handelns.
Was spricht deshalb dagegen, dieses bewährte System gegebenenfalls behutsam zu
modifizieren und auszubauen und auf diese Weise die Eichbehörden weiter zu entlas-
ten?
Denn, wollen wir uns nichts vormachen, der Personalabbau der vergangenen Jahre hat
natürlich auch Konsequenzen für die Aufgabenerfüllung der Eichbehörden gehabt.
Lassen Sie mich einen weiteren Aspekt ins Spiel bringen. Der Verbraucher ist im tägli-
chen Leben von einer Vielzahl von Messvorgängen betroffen. In den seltensten Fällen
kann er die Richtigkeit der Messung selbst überprüfen. Die korrekte Anzeige einer
Waage, die Menge des gelieferten Heizöls, die Höhe des Blutdrucks, das Ergebnis ei-
ner Geschwindigkeitskontrolle usw. gehören zu den Vertrauenseigenschaften eines
Produkts. In der Warenkunde werden unter Vertrauenseigenschaften solche Eigen-
schaften von Gütern und Dienstleistungen verstanden, die im Normalfall vom Käufer
nicht festgestellt werden können. Der Käufer hat als Nachweis für das Vorhandensein
dieser Eigenschaft nur die Zusicherung des Anbieters, dass dies der Fall sei. Er muss
Vertrauen in den Verkäufer haben.
Aus dem Charakter der Messung als Vertrauenseigenschaft resultiert die besondere
Verantwortung des Staates, die Messsicherheit im Eichwesen zu gewährleisten. Er
konnte das in der Vergangenheit mit den staatlichen Institutionen des gesetzlichen

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Messwesens erfüllen, also mit den Landeseichbehörden und der Physikalisch-
Technischen Bundesanstalt.
Und dies frei von wirtschaftlichen Interessen und Gewinnstreben, mit hoher Kompetenz
sowie anerkannter Objektivität und Neutralität.
Mit dem Begriff „geeicht“ verbindet der Verbraucher heute noch die Vertrauenswürdig-
keit einer Messung.
Ich kann nicht umhin zu kritisieren, dass künftig der Begriff „Eichen“ aus dem Vokabular
des deutschen gesetzlichen Messwesens verschwinden soll, wie das bereits bei medi-
zinischen Messgeräten geschehen ist.
Dies, meine Damen und Herren, wenn es denn wirklich so kommt, haben weder Öster-
reich noch die Schweiz fertiggebracht. Österreich nennt seine privaten Stellen akkredi-
tierte Eichstellen und die Schweiz ermächtigte Eichstellen, was unserer Beleihung ent-
spricht.
Die Bundesrepublik als Rechts-, Leistungs- und Sozialstaat braucht für eine moderne
Gesellschaft die Daseinsvorsorge, eine gute Infrastruktur und sozialen Ausgleich.
Ein funktionierendes Mess- und Eichwesen gehört zur Infrastruktur eines Landes. Das
Vertrauen in verbraucherrelevante Messungen stellt ein stabilisierendes Element des
Staatswesens dar.
Jede Neuordnung muss sich an den gleichen Kriterien messen lassen und nachweisen,
dass der Verbraucherschutz zumindest das gleiche Niveau erreicht und dabei effektiver
und effizienter gearbeitet wird. Sonst brauchen wir sie nicht.
Ich habe Bedenken, dass das mit der Privatisierung der Nacheichung in beabsichtigter
Form gewährleistet werden kann.
Meine Damen und Herren,
die Privatisierung staatlicher Aufgaben ist aufgrund der geltenden Rechtslage in
Deutschland kaum beschränkt, wenn man einmal von einem kleinen Kernbereich ho-
heitlicher Aufgaben absieht.
Auch das europäische Recht engt die Möglichkeiten für wirtschaftliche Tätigkeit des
Staates ein. So sind in der Telekommunikation, der Energie und den Postdiensten die
staatlichen Monopole gefallen.
Allerdings kann die bis Ende 2009 umzusetzende europäische Dienstleistungsrichtlinie

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nicht als Argumentationshilfe für die Privatisierung der Nacheichung dienen. Die
Dienstleistungsrichtlinie verlangt eben nicht, sogenannte nicht wirtschaftliche Dienstleis-
tungen von allgemeinem Interesse – und darum handelt es sich bei der staatlichen
Nacheichung - zu liberalisieren oder öffentliche Einrichtungen zu privatisieren, die sol-
che Dienste anbieten.
Wie steht es aber nun mit Deregulierung bei Privatisierungen?
Wenn der Staat Aufgaben an Private überträgt, dann muss er die ordnungsgemäße
Aufgabenerfüllung durch geeignete Maßnahmen gewährleisten und in kritischen Fällen
eingreifen können.
Bei den Staatlich anerkannten Prüfstellen sind für die Überwachung die jeweiligen Lan-
deseichbehörden zuständig.
Umfang und Inhalt der Überwachung sind klar geregelt. Das heißt, schon für diese rela-
tiv harmlose sogenannte funktionale Privatisierung in Form einer Beleihung sind Regeln
erforderlich.
Wenn nun aber die messtechnischen Prüfungen durch private Dienste erfolgen, dann
entspricht dies einer echten materiellen Privatisierung bislang staatlicher Aufgaben mit
zusätzlichem Regelungsbedarf.
Für das Eichwesen bedeutete dies nicht den ersten Tabubruch, denn die messtechni-
sche Kontrolle von medizinischen Messgeräten erfolgt nach Umsetzung der EG-
Medizinprodukterichtlinie seit zehn Jahren durch private Kontrolldienste.
Diese Privatisierung ehemals staatlicher Aufgaben kann allerdings nicht uneinge-
schränkt als erfolgreich angesehen werden. Um nur einige Kritikpunkte zu nennen:
ein hoher Anteil nicht oder nicht fristgemäß geprüfter Messgeräte,
keine ausreichende Anwender- und Anwendungsüberwachung,
keine wirkliche Prüfung der privaten Kontrolldienste auf Kompetenz.
Allerdings ist Sachsen eines der wenigen Bundesländer, in dem die Überwachung noch
in der Hand der Eichbehörde liegt und hier auch vom Landesamt konsequent und effi-
zient betrieben wird.
Als Instrument der Überwachung der privaten Prüfdienste wird ihre Akkreditierung vor-
gesehen.
Dies soll nun über das neue deutsche Akkreditierungssystem geschehen, das aufgrund

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einer EG-Verordnung bis 2010 aufzubauen ist. An der Spitze dieses Systems steht wohl
eine von der Wirtschaft getragene, aber im staatlichen Auftrag handelnde und deshalb
beliehene Stelle.
In diesem System wird der bisherige Deutsche Kalibrierdienst aufgehen, also die einzi-
ge Akkreditierungsstelle in Deutschland mit messtechnischer, aber nicht unbedingt eich-
technischer Kompetenz. Die wird sich der DKD zur Akkreditierung privater Prüfdienste
von der PTB und den Eichbehörden „dazu kaufen“ müssen. Ja, aber dann könnten
doch die Eichbehörden gegebenenfalls zusätzliche Prüfstellen selbst anerkennen und
überwachen! Wie schon bisher!
Wenn diese sich, aus welchen Gründen auch immer, zusätzlich akkreditieren lassen, so
ist das in Ordnung. Aber es kann nicht sein, das mit den Prüfdiensten eine Akkreditie-
rungsstruktur neben die Eichbehörden gestellt wird, auf die die einzelne Eichbehörde
unmittelbar keinen Zugriff hat.
Wie dem auch sei, einfacher wird das System mit Sicherheit nicht.
Denn noch jede Privatisierung staatlicher Aufgaben ist mit einer Zunahme des Regulie-
rungsbedarfs einhergegangen.
Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt an den Beispielen Telekommunikation
und Rundfunk, dass bei jeder Privatisierung nachher grundsätzlich mehr Vorschriften
als vorher notwendig waren. Als Grund dafür benennt die Studie die Pflicht des Staates
zur Gewährleistung der privatisierten Aufgaben.
Von Weizsäcker kommt in seinem Bericht an den Club of Rome mit dem schönen Titel
„Grenzen der Privatisierung, wann ist des Guten zu viel?“ zum Schluss, dass sich De-
regulierung und Privatisierung nahezu ausschließen und jede Privatisierung im Interes-
se des Verbrauchers Regulierung notwendig macht.
Das wird auch in unserem Fall für die sicher nicht einfache Zusammenarbeit der Eich-
behörden mit den akkreditierten Prüfdiensten gelten.
Meine Damen und Herren,
wir begehen in diesem Jahr nicht nur 150 Jahre Eichwesen in Sachsen, sondern auch
100 Jahre staatliche Eichbehörden und darüber hinaus 100 Jahre staatliche Nachei-
chung in Deutschland! Denn die Maß- und Gewichtsordnung für das Deutsche Reich
vom 30. Mai 1908 unterschied erstmalig zwischen Neu- und Nacheichung. Und in der
Begründung zur Ordnung hieß es: „Mit der Einführung der periodischen Nacheichung

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soll eine Verstaatlichung des Eichwesens Hand in Hand gehen, die Eichbehörden sol-
len Staatsbehörden werden, ihr Personal aus Staatsbeamten bestehen“.
Reinhold Spichal, Autor eines Buches über das Mess- und Eichwesen in Bremen, be-
richtet aus der Zeit vor der Verstaatlichung der Eichämter:
„Da die Eichmeister von den aufkommenden Gebühren allein nicht existieren konnten,
hatten sie in der Regel nebenbei einen handwerklichen Betrieb, in dem Mess- oder
Wiegegeräte hergestellt oder auch nur repariert wurden.
Der Vater des Verfassers war um 1905 bei einem Waagenbau- und Eichmeister in der
Lehre; er berichtete, dass der Eichmeister bei Arbeitsmangel amtliche Kontrollen der
Kaufmanns-, Fahrzeug- und Viehwaagen durchführte und manche Waage großzügig
als nicht eichfähig erklärte, so dass sie vorher in seiner Werkstatt gegen entsprechen-
des Entgelt in einen eichfähigen Zustand versetzt werden musste.“
Soweit zum Thema private Eichstellen, die nach 100 Jahren wieder eine Chance be-
kommen sollen. Pardon, damals gab es natürlich noch keine Akkreditierung und kein
Unabhängigkeitskriterium.
Eine weitere offene Frage ist die nach den Kosten, die der Verbraucher zahlen muss.
Man kann sicher nicht leugnen, dass die Privatisierung der Telekommunikation die
Verbraucher entlastet hat.
Aber wie ist das im Eichwesen? Das BMWi weiß das selber nicht genau und hat des-
halb dazu eine Studie vergeben.
Aber halten wir uns doch an die Erfahrungen Anderer. Österreich hat seit 1994 schritt-
weise die Nacheichung auf private Eichstellen übertragen. Meine Damen und Herren,
die Gebühren sind seitdem um das 4 bis 10fache der ursprünglichen Sätze gestiegen!
Dabei muss man gerechterweise berücksichtigen, dass die ursprünglichen Gebühren-
sätze in Österreich einen Kostendeckungsgrad nur etwa um 30 % hatten. Damit war der
Verbraucher indirekt über die Steuern schon beteiligt. Gleichwohl ist die Kostensteige-
rung nach der Privatisierung nicht zu übersehen.
Meine Damen und Herren, natürlich ist die vorgesehene Privatisierung im Eichwesen
eine Sache, die auch Emotionen auslöst. Ich persönlich bin auch nicht frei davon, denn
von den 38 Jahren meines aktiven Berufslebens war ich direkt oder indirekt 24 Jahre in
der Metrologie und im Eichwesen tätig.
Natürlich sollte man nicht die Frösche fragen, wenn man ihren Teich trocken legen will.
Die jetzt im BMWi Verantwortlichen für das gesetzliche Messwesen haben solche Ge-

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fühlsduselei mit Sicherheit nicht, und das könnte ja gut gegen Betriebsblindheit sein.
Aber es gibt völlig emotionsfrei rationale fachliche und wirtschaftliche Argumente für
den Erhalt der staatlichen Nacheichung.
Im Übrigen ist der vermeintlich breite Konsens in der Wirtschaft zu den Vorstellungen
des BMWi so stabil nicht: viele kleine und mittlere Unternehmen befürchten die Mono-
polisierung der künftigen privaten Prüfdienste bei den Großen. Denn nur sie, die großen
Waagenhersteller oder die großen Prüf- und Wartungsdienste haben die notwendige
prüftechnische Infrastruktur.
Nur sie werden in der Lage sein, die Unabhängigkeitskriterien für eine Akkreditierung zu
erfüllen, in dem sie sich auf wundersame Weise aus ihren Mutterunternehmen aus-
gründen. All dies ist den kleinen Unternehmen so nicht möglich.
Meine Damen und Herren,
mein Resümee bleibt: Marktüberwachung und messtechnische Prüfung verwendeter
Messgeräte gehören in eine Hand, in die Hand der Eichbehörden.
Sehr geehrter Herr Minister Jurk, fragen Sie doch mal bei nächster Gelegenheit Ihren
Kollegen aus Baden-Württemberg, was er denn so von der Privatisierung bisher staatli-
cher Aufgaben hält. Ob er denn Bierbrauen als staatliche Aufgabe betrachtet. Denn die
Badische Staatsbrauerei Rothaus AG, zu 100 % im Besitz des Bundeslandes, ist heute
eine der bedeutendsten Regionalbrauereien der Bundesrepublik und braut das Kultbier
„Tannenzäpfle“, also Bierbrauen als staatliche Aufgabe. Bei einem Jahresumsatz von
90 Mio. Euro und einer Gewinnabführung von jährlich etwa 30 Mio. Euro an den Staats-
haushalt Baden-Württembergs könnte daraus locker der gesamt Zuschussbedarf der
Länder für das Eichwesen für jetzt und alle Zukunft gedeckt werden.
Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint.
Meine Damen und Herren,
lassen Sie mich auf keinen Fall pessimistisch enden. 150 Jahre in der Eichverwaltung in
Sachsen sind eine lange Zeit, in der es Höhepunkte und auch Tiefpunkte gab. Trotz-
dem: Die Verbraucherin und der Verbraucher in Sachsen werden auch künftig im Lan-
desamt einen verlässlichen Partner beim Schutz ihrer Interessen haben.
Es geht auch nicht um Polemik auf einer Festveranstaltung, sondern allenfalls um einen
Beitrag zur Diskussion. Die Zukunft der Institutionen des Eichwesens, also auch die des
Landesamtes und besonders die seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann uns
schließlich nicht gleichgültig sein.

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Aber es ist noch nicht aller Tage Abend, was die Neuordnung betrifft. Hier hat die Poli-
tik, dazu zähle ich auch den institutionellen Verbraucherschutz, noch ein Wörtchen mit-
zureden.
Und falls es doch so heiß gegessen werden sollte wie es gekocht wird:
die metrologische Überwachung ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie erfordert hohe
Fachkenntnis bei den immer komplizierteren Messgeräten und Messeinrichtungen, die
auf den Markt drängen.
Auch die Überwachung bleibt verbunden mit eigenen Prüfungen. Die Politik muss dann
berücksichtigen, dass dazu qualifiziertes und motiviertes Personal gehört. Und techni-
sche Infrastruktur kostet auch Geld, wenn sie steigenden mess- und prüftechnischen
Anforderungen genügen soll.
Meine Damen und Herren,
ich hatte in diesem Jahr am Sonnabend vor Pfingsten Geburtstag. Mein inzwischen
pensionierter Amtsvorgänger aus dem BMWi gratulierte mir unter anderem mit dem
Hinweis, dass mein nächster Geburtstag erst in 152 Jahren wieder auf einen Pfingst-
sonnabend fallen wird. Also, Herr Warmuth, wenn Sie mich bitte zwei Jahre vorher dar-
an erinnern würden, dann feiern wir gemeinsam die 300 Jahre Eichverwaltung in Sach-
sen.
In diesem Sinn, seien Sie stolz auf das Geleistete und blicken sie mit Optimismus in die
Zukunft.
Vielen Dank.