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Ereignisanalyse
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Hochwasser August 2002
in den Osterzgebirgsflüssen
Ereignisanalyse

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Ereignisanalyse
Hochwasser August 2002
in den Osterzgebirgsflüssen
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Eidgenössische
Forschungsanstalt WSL

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3
Vorwort
Im August 2002 war Sachsen flächendeckend von einer Hoch-
wasserkatastrophe betroffen, wie sie seit über 100 Jahren
nicht mehr aufgetreten war. Schwerpunkte waren neben
der Elbe und Mulde die Osterzgebirgszuflüsse der Elbe.
Hier entstanden durch die intensiven Starkregen am 12. und
13. August 2002 Sturzfluten mit verheerenden Auswirkun-
gen. Täler wurden überschwemmt, mit Schlamm und Ge-
schiebe überfahren, Häuser, Straßen und Kulturgüter zer-
stört oder beschädigt.
Das Katastrophenhochwasser in Sachsen entstand durch
ein lang andauerndes Unwetter, das große Teile Ost- und
Mitteleuropas heimsuchte. Der Bundesrat der Schweize-
rischen Eidgenossenschaft beschloss am 22. August 2002
betroffene Gebiete in Europa und in Asien mit insgesamt
50 Mio. CHF zu unterstützen. Davon gingen 10 Mio. CHF
nach Deutschland. Ein wesentlicher Teil der Hilfe – in Sach-
sen 3,3 Mio. CHF – ist in Präventionsprojekte geflossen. In
diesen von der Direktion für Entwicklung und Zusammen-
arbeit (Schweiz) finanzierten Projekten arbeiteten sächsische
Fachbehörden mit dem Bundesamt für Wasser und Geo-
logie und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald,
Schnee und Landschaft der Schweiz zusammen.
In diesem Rahmen entstand unmittelbar nach dem Hoch-
wassergeschehen im August 2002 das sächsisch-schwei-
zerische Gemeinschaftsprojekt zur Analyse der Ereignisse in
den Osterzgebirgsflüssen. Die Ergebnisse werden in der vor-
liegenden Studie vorgestellt.
Um künftig besser auf Hochwasserkatastrophen vorbereitet
zu sein, wurden in enger Gemeinschaftsarbeit zwischen dem
Landesamt für Umwelt und Geologie und der Eidgenössi-
schen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft
und weiteren Schweizer Fachkollegen die meteorologischen
und hydrologischen Ursachen des Hochwassers, Schäden,
Schadensprozesse und Konsequenzen analysiert.
Ein Schwerpunkt der Auswertung lag auf der Untersuchung
der Schadensprozesse und des Hochwassernachrichten-
dienstes. Als Schlussfolgerungen werden Vorschläge für
einen nachhaltigen Hochwasserschutz in Sachsen vorgestellt.
Die vorliegende Ereignisanalyse basiert auf Gutachten von
Ingenieurbüros, dem Deutschen Wetterdienst, den Institu-
ten für Wasserbau und Technische Hydromechanik, Hydrolo-
gie und Meteorologie sowie Kommunikationswissenschaft
der TU Dresden. Außerdem haben die Staatliche Umwelt-
betriebsgesellschaft, die Talsperrenverwaltung des Freistaa-
tes Sachsen, das Staatliche Umweltfachamt Radebeul und
das Umweltamt der Stadt Dresden mit ihren Beiträgen und
Hinweisen zu dieser Dokumentation beigetragen. Des Wei-
teren wurden Daten vom Sächsischen Staatsministerium
des Innern und anderen beteiligten sächsischen Behörden
sowie des Deutschen Roten Kreuzes, der Deutschen Bahn
AG und der Allianz-Versicherung bereitgestellt.
Allen, die zum Gelingen der Ereignisanalyse zum Hoch-
wasser August 2002 in den Osterzgebirgsflüssen beitrugen,
sei an dieser Stelle für die gute Zusammenarbeit gedankt.
Hartmut Biele
Präsident des Sächsischen Landesamtes
für Umwelt und Geologie

 
Vorwort
3
Einleitung und Gebietsbeschreibung
7
Teil I
1 Meteorologie
13
1.1 Synoptische Entwicklung
13
1.2
Meteorologisch-synoptische Ursachen des Hochwassers im August 2002 im Einzugsgebiet der Elbe
15
1.3 Zeitliche Abfolge
15
1.4
Wiederkehrintervalle des Niederschlags
17
1.5
Die Gebietsniederschlagshöhen im Gebiet der Osterzgebirgsflüsse
18
1.6 Zusammenfassung
23
2 Hydrologie
25
2.1
Ermittlung der Abflussganglinien – Methodik
25
2.1.1
Pegel im Untersuchungsgebiet
25
2.1.2
Speicherinhaltsänderung der Stauanlagen
27
2.1.3 Niederschlags-Abfluss-Modellierung
28
2.2
Verlauf des Hochwassers in den einzelnen Einzugsgebieten
29
2.2.1
Einzugsgebiet der Biela
29
2.2.2
Einzugsgebiet der Gottleuba
30
2.2.3
Einzugsgebiet der Müglitz
32
2.2.4
Einzugsgebiet des Lockwitzbaches
34
2.2.5 Einzugsgebiet der Weißeritz
36
2.2.6
Einzugsgebiet der Wilden Sau
41
2.2.7 Einzugsgebiet der Triebisch
42
2.2.8
Einzugsgebiet des Ketzerbaches
43
2.3
Analyse und Darstellung der Abflussspenden
44
2.4
Analyse und Darstellung der Abflussfüllen und -beiwerte
46
2.5
Darstellung des Einflusses der Talsperren und der Hochwasserrückhaltebecken
48
2.6
Hochwasserstatistische Einordnung des Augusthochwassers
52
2.7 Waldwirkung
54
2.8 Zusammenfassung
54
3
Feststofftransport und Hydraulik
57
3.1 Übersicht
57
3.2
Erosion im Einzugsgebiet und örtlicher Geschiebeeintrag in das Flussbett
57
3.3
Erosion und Ablagerung im Gewässerbett
59
3.4 Treibgut
64
3.5
Durchflusskapazität im Flussbett
66
3.6 Schwachstellen
68
3.7 Zusammenfassung
70
4 Schadensprozesse
71
4.1 Überschwemmung
71
4.2 Übersarung
73
4.3
Erosion und Gerinneverlagerung
74
4.4 Zusammenfassung
76
5 Schadensbilanz
77
5.1 Gesamtschaden
77
5.2
Auswertung in den einzelnen Schadensbereichen
79
5.3
Bedeutung der dynamischen und statischen Überschwemmung
82
5.4 Zusammenfassung
83
4
Inhaltsverzeichnis

5
6 Hochwassermeldesystem
85
6.1
Inhalt und Organisation des Hochwassernachrichtendienstes
85
6.2 Hochwasserstandsmeldungen
86
6.3 Hochwasserberichterstattung
88
6.4
Meldewege und Kommunikationsmittel
90
6.5 Zusammenfassung
91
7 Fallbeispiele
93
7.1
Der Dammbruch von Glashütte
93
7.1.1
Einleitung
93
7.1.2
Geschichtliches
93
7.1.3
Beschreibung der Anlage
93
7.1.4
Beschreibung der Vorgänge am 12. August 2002
94
7.1.5
Schadensursachen
95
7.1.6
Folgen des Dammbruches
95
7.1.7
Zukünftiger Hochwasserschutz an der Brießnitz
95
7.2
Hydrologische Untersuchungen über die Möglichkeiten von Hochwasserpräventionsmaßnahmen
für den Schlosspark Weesenstein
96
7.2.1
Veranlassung und Zielstellung
96
7.2.2
Meteorologisch-hydrologische Ursachen
96
7.2.3
Verlauf und Schäden des Hochwassers vom August 2002 im Raum Weesenstein
97
7.2.4
Historische Hochwasser an der Müglitz und ihre Auswirkungen im Schlosspark Weesenstein
99
7.2.5
Hydraulische Untersuchungen
100
7.2.6
Zusammenfassung und Empfehlungen
103
7.3
Das Hochwasserereignis vom 12./13. August 2002 am Lockwitzbach im Stadtgebiet von Dresden
104
7.3.1
Einführung
104
7.3.2
Einzugsgebiet und Topographie
104
7.3.3
Geologische Einordnung
105
7.3.4
Historische Entwicklung
106
7.3.5
Hochwasserverlauf
106
7.3.6
Schadensprozesse – Schadensbilder
108
7.3.7
Hochwasserschutzkonzept der Landeshauptstadt Dresden
109
7.3.8
Fazit
109
7.4
Weißeritzhochwasser im Gebiet der Stadt Dresden
110
7.4.1
Geologische, natur- und kulturräumliche Grundlagen
110
7.4.2
Einzugsgebiet und Topographie
110
7.4.3
Historische Betrachtung
111
7.4.4
Ablauf des Augusthochwassers der Weißeritz in Dresden
112
7.4.5
Abwehrmaßnahmen
113
7.4.6
Hochwasserschutzkonzept der Landeshauptstadt Dresden
114
7.4.7
Zusammenfassung
114
Teil II
8
Das Hochwasser vom August 2002 im Vergleich zu historischen Hochwassern
119
8.1
Quellen zum Hochwassergeschehen
119
8.2
Räumlich ausgedehnte Hochwasserereignisse
120
8.3
Einzeldarstellungen der Hochwasser des Osterzgebirges
122
8.4 Schlussfolgerungen
126
9
Reduzierung des Gefahren- und Schadenspotenzials
127
9.1 Einleitung
127

6
9.2
Beeinflussung des Gefahrenpotenzials
128
9.2.1
Allgemeines
128
9.2.2
Reduzierung des Hochwasserabflusses
128
9.2.3
Steigerung der Abflusskapazität
128
9.2.4
Vermeidung lokaler Schwachstellen
129
9.2.5
Ufersicherung und Geschiebebewirtschaftung
129
9.2.6
Reduzierung und Rückhalt von Treibgut
130
9.3
Beeinflussung des Schadenspotenzials
131
9.3.1
Nutzungskonflikt
131
9.3.2
Freihaltung
132
9.3.3
Nutzungsvorschriften
133
9.3.4
Bauvorsorge
134
9.4
Schlussfolgerungen
134
10
Konsequenzen für das Hochwassermeldesystem
137
10.1 Hochwasserstandsmeldungen
137
10.2 Hochwasserwarnungen
138
10.3
Hochwassermeldewege und Kommunikationsmittel
140
10.4
Besonderheiten kleiner Einzugsgebiete
142
10.5 Schlussfolgerungen
143
11
Flutberichterstattung in den Medien während des Augusthochwassers
145
11.1 Einleitung
145
11.2
Analyse der Medienberichterstattung
145
11.3 Die Input-Output-Analyse
146
11.4 Journalistenbefragung
147
11.5 Internetzugriffe
149
11.6 Schlussfolgerungen
150
12
Fallbeispiele Gefahrenkarten
151
12.1
Grundlagen und Methodik der Gefahrenkarten
151
12.1.1
Grundsätze der Gefahrenanalyse
151
12.1.2
Vorgehen
152
12.2
Fallbeispiel Gefahrenkarte und Maßnahmenplanung Schlottwitz
152
12.2.1
Einleitung
152
12.2.2
Einzugsgebiet
152
12.2.3
Ablauf des Hochwassers 2002
153
12.2.4
Gefahrenanalyse
154
12.2.5
Maßnahmenplanung
158
12.2.6
Schlussfolgerungen
158
12.3
Fallbeispiel Gefahrenkarte und Maßnahmenplanung Schmiedeberg
159
12.3.1
Einleitung
159
12.3.2
Einzugsgebiet
159
12.3.3
Ablauf Hochwasser August 2002
159
12.3.4
Gefahrenanalyse: Beurteilung des Geschiebetransportes und der Ablagerung
160
12.3.5
Darstellung in der Gefahrenkarte
161
12.3.6
Maßnahmenplanung
161
12.3.7
Schlussfolgerungen
164
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
165
Literatur
169
Abkürzungen
173
Anhang
Anhang 1 Pegel im Untersuchungsgebiet
177
Anhang 2 Schadenssummen im Untersuchungsgebiet während des Augusthochwassers 2002
180
Anhang 3 Recherchierte historische Hochwasser im Untersuchungsgebiet
182

 
7
Die extremen und langanhaltenden Niederschläge der ers-
ten Augusthälfte 2002 in weiten Teilen Mitteleuropas ließen
auch die Wasserstände in den Nebenflüssen der Oberen
Elbe in Sachsen in kürzester Zeit auf ungeahnte Höhen an-
steigen. Die Einzugsgebiete des Osterzgebirges lagen im
Zentrum des Niederschlags- und Hochwassergeschehens.
Hier entstanden Sturzfluten mit verheerenden Auswirkun-
gen. Die Gebirgsflüsse verließen das ihnen zugedachte Bett
und überfluteten die teilweise dicht besiedelten Täler. Zahl-
reiche Häuser wurden stark beschädigt oder zerstört, Dut-
zende von Kilometern Straße und Bahngleise weggespült.
Leider kamen trotz größter Anstrengungen der Rettungs-
kräfte 12 Menschen zu Tode.
Unmittelbar nach dem Hochwasser im August 2002 ist vom
sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie (LfUG)
mit der Ereignisanalyse für die besonders schwer von der
Katastrophe betroffenen Flüsse begonnen worden. Dabei
erfolgte von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit
der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee
und Landschaft (WSL,Birmensdorf/Schweiz). Finanziell unter-
stützt wurde das Projekt von der Direktion für Entwicklung
und Zusammenarbeit (DEZA, Schweiz).
Das Ausmaß der Katastrophe gab Anlass, den Hochwasser-
schutz in Sachsen grundsätzlich zu überprüfen. Deshalb hat
die Ereignisanalyse das Ziel, das Hochwasser zu dokumen-
tieren und zu analysieren, um darauf aufbauend Schlüsse
zu ziehen, die Grundlagen für einen nachhaltigen Hochwasser-
schutz in Sachsen sein können.
Die vorliegende Studie gliedert sich in zwei Teile. In einem
ersten Teil wird der Ablauf der Ereignisse dargestellt. Dabei
wurden folgende Aspekte untersucht:
meteorologische Auslöser und hydrologischer Prozess-
ablauf,
hydraulische und geomorphologische Prozesse,
Wirkung der vorhandenen Schutzmaßnahmen,
Schäden und
Funktion des Hochwassermeldesystems.
Erste überblicksmäßige Arbeiten haben gezeigt, dass die
in Sachsen bis jetzt wenig beachteten Geschiebe- und
Schwemmholzverlagerungen einen erheblichen Einfluss auf
das Schadensausmaß hatten. Ein Schwergewicht der Aus-
wertungen des Hochwasserereignisses lag deshalb auf der
vertiefenden Untersuchung der Schadensprozesse.
In den Hochwasserschutzkonzepten, die im Auftrag der
Landestalsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen (LTV)
von Ingenieurbüros bearbeitet wurden, war die Dokumen-
tation des Augusthochwassers – bezogen auf das ent-
sprechende Flussgebiet – integrierender Bestandteil. Sie
bildeten die Grundlage für die Analyse der Schadenspro-
zesse im vorliegenden Bericht.
Einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt der Analyse des
Ereignisses vom August 2002 bilden die Hochwasser-
warnungen und -vorhersagen, da diese im Nachgang zum
Ereignis auch in der Kritik standen. Ergänzt werden diese
Schwerpunkte mit Darstellungen der auslösenden meteo-
rologischen und hydrologischen Prozesse, der aufgetrete-
nen Schäden sowie von ausgewählten Fallbeispielen.
Im zweiten Teil der Studie werden Lehren für die Zukunft
gezogen. Erfahrungen aus historischen Ereignissen finden
dabei Berücksichtigung. Es werden Strategien zu einem ver-
besserten Umgang mit Hochwasserkatastrophen aufgezeigt.
Diese müssen einerseits eine ganze Palette von präventiven
Schutzmaßnahmen berücksichtigen, wie dies z.B. Verbauun-
gen oder Bauverbote darstellen. Andererseits dürfen auch
die Möglichkeiten nicht außer Acht gelassen werden, welche
temporäre Maßnahmen wie Evakuierungen oder Straßen-
sperrungen beinhalten. Voraussetzung dazu ist allerdings eine
zeitgerechte Warnung und Kommunikation dieser Warnung
an potentiell Betroffene. Deshalb wird in gesonderten Ab-
schnitten auf die Möglichkeiten und Grenzen der Warnung in
kleinen Einzugsgebieten wie den Osterzgebirgsflüssen und
deren Kommunikation eingegangen. Im Einzelnen werden
im zweiten Teil der Studie folgende Themen behandelt:
historischer Vergleich,
Möglichkeiten zur Reduzierung potentieller ähnlicher
Schäden,
Konsequenzen für das Hochwassermeldesystem,
Kommunikation während des Ereignisfalles/Medien-
berichterstattung,
Erstellen von Gefahrenkarten als Grundlage für die
Konzeption des Hochwasserschutzes und Beispiele
aus dem Untersuchungsgebiet.
Den Abschluss des vorliegenden Berichts bildet eine Syn-
these, in welcher die wichtigsten Aussagen zusammen-
fassend erläutert werden. Zu dieser Studie wurde auch ein
Managementreport erstellt, der getrennt von der Ereignis-
analyse publiziert wurde.
Einleitung und
Gebietsbeschreibung

image
 
Die Osterzgebirgsflüsse
Übersicht
Das Untersuchungsgebiet umfasst die Einzugsgebiete der
bedeutendsten linksseitigen Zuflüsse auf dem ca. 90 km
langen Elbabschnitt von der Staatsgrenze zur Tschechischen
Republik bis Zehren nördlich von Meißen (siehe Abbil-
dung 0-1). Das sind die Flüsse 1. Ordnung
1)
: Biela, Gottleuba
und Nebenflüsse, Müglitz, Lockwitzbach, Weißeritz, Wilde
Sau, Triebisch und Ketzerbach.
Beim Lockwitzbach, der Wilden Sau und der Triebisch liegen
nur die Oberläufe im Osterzgebirge. Die Biela im Osten und
der Ketzerbach im Westen gehören nicht zum Naturraum des
Osterzgebirges, sie wurden aber wegen ihrer Bedeutung
während des Augusthochwassers ebenfalls in die Unter-
suchungen einbezogen.
Die Gesamtfläche des Untersuchungsgebietes beträgt
1436 km
2
. Das Untersuchungsgebiet reicht von den Kamm-
lagen des Erzgebirges im Süden mit Höhen von über 900 m
ü. HN (Pramenac 909 m ü. HN, Kahleberg 905 m ü. HN) bis
in das Elbtal. Die Mündungshöhen der betrachteten Elb-
nebenflüsse liegen zwischen ca. 115 m ü. HN (Biela) und
ca. 95 m ü. HN (Ketzerbach). Die Quellen der betrachteten
Flüsse Biela, Gottleuba, Müglitz und Wilde Weißeritz liegen
auf tschechischem Gebiet.
Geologie
Geologisch gesehen kann der Kernbereich des Unter-
suchungsgebietes den Gneisformationen des Erzgebirges
zugeordnet werden, deren Gesteine im Allgemeinen nur
mit einer geringmächtigen, meist lehmigen Verwitterungs-
schicht überdeckt sind, die nur eine unerhebliche Versicke-
rung zulässt und damit in Verbindung mit den relativ hohen
Geländeneigungen das rasche, kaum verzögerte Abfließen
8
Abbildung 0-1: Untersuchungsgebiet der linken Nebenflüsse der Oberen Elbe
1) Die Gewässer 1. Ordnung sind im SächsWG festgelegt. Die Unterhaltung dieser Gewässer unterliegt dem Freistaat Sachsen. Alle anderen Gewässer sind
Gewässer 2. Ordnung. Für deren Unterhaltung sind die Kommunen zuständig.

 
9
des Niederschlags begünstigt. Das Einzugsgebiet der Biela
und der äußerste östliche Teil des Einzugsgebietes der Gott-
leuba hingegen gehören zum Elbsandsteingebirge. Die Durch-
lässigkeit der Verwitterungsprodukte des Sandsteins ist be-
deutend höher als die der Gneise.
Im Weißeritzgebiet erfolgt nach dem Zusammenfluss von
Roter und Wilder Weißeritz der Übergang von den Gneisen
des Erzgebirges zum tonig-sandigen und teilweise Kohle
führenden Rotliegenden und Oberkarbon.
Die oberen Teile der Einzugsgebiete von Triebisch, Wilder Sau
und Ketzerbach gehören zum Nossen-Wilsdruffer Schiefer-
gebirge. In den unteren Gebietsteilen der Flüsse steht der
Meißner Syenitpluton an. Außerdem ragen in das Triebisch-
gebiet erzgebirgische Gneise hinein, während im Gebiet der
Wilden Sau teilweise porphyrische Vulkanite vorkommen. Die
Verwitterungsprodukte sind hier lößähnliche bis tiefgründige
Lößlehmböden, die im Gebiet des Ketzerbaches für mittel-
europäische Verhältnisse sehr mächtig sind und günstige Vor-
aussetzungen für eine Verzögerung des Abflusses bieten.
Topographie
Typisch für die linkselbischen Flüsse von der Biela bis zur
Weißeritz sind ihre überwiegend engen, stark eingetieften
und steilen Täler im Ober- und Mittellauf, wodurch kaum Flä-
chen für einen natürlichen Rückhalt vorhanden sind. Stellen-
weise haben die Flüsse im Oberlauf Wildbachcharakter. Im
Unterlauf weiten sich die Täler. Teilweise können dort die
Flüsse noch mäandrieren (Müglitz), aber in der Regel fließen
sie in ausgebauten Gerinnen (z.B. Vereinigte Weißeritz).
Die Neigung der nördlichen Abdachung bestimmt das Haupt-
gefälle der Wasserläufe im Gottleubagebiet, die von Süd nach
Nord verlaufen. Die Wasserläufe weisen im Allgemeinen bis
zum Mittellauf Wildbachcharakter auf und sind erheblich in das
Gelände eingeschnitten. So entstanden in der Hauptgefälle-
richtung Bergrücken mit teilweise erheblichen Höhenunter-
schieden zur Talsohle. Während die Gottleuba oberhalb der
Talsperre ein Sohlental durchfließt, folgt ihr Lauf unterhalb der
Talsperre einem V-förmigen Tal mit natürlichen Aufweitun-
gen und Engstellen. Die Mäander der Gottleuba wurden
fast vollständig durch die Talsperre abgeschnitten. Auf dem
Schwemmkegel der Gottleuba und der Seidewitz befindet
sich heute die Stadt Pirna.
Die Müglitz, deren Quelle in der Tschechischen Republik liegt,
fließt an der Sohle eines morphologisch weit entwickelten,
stellenweise sehr engen Tales. Es ist beidseitig durch sehr
steile Hänge begrenzt und weist teilweise ein starkes Gefälle
auf. In den Aufweitungen liegen die Ortslagen Glashütte,
Schlottwitz und Mühlbach, wobei auch hier steile Hänge das
Tal begrenzen. Im Unterlauf weitet sich das Flusstal.
Auf Grund der naturräumlichen Gegebenheiten kann auch
die Weißeritz als geschiebegeprägter Mittelgebirgsfluss mit
Tendenz zu Erosion und Laufverlagerung bezeichnet werden.
Die Rote Weißeritz fließt im oberen Teil durch größere Wald-
gebiete und mehrere Ortslagen. Nach Dippoldiswalde mün-
det sie in den Speicher Malter. Unterhalb der Talsperre fließt
die Rote Weißeritz durch ein enges, naturbelassenes Tal.
Die Wilde Weißeritz hat ihr Quellgebiet im Grenzgebiet zur
Tschechischen Republik. Sie fließt im Oberlauf durch vor-
wiegend dünn oder nicht besiedeltes Gebiet. Die Vorländer
bestehen aus Grünland oder Wald. Sie wird durch zwei Tal-
sperren gestaut: die Talsperren Lehnmühle und Klingenberg.
Der einzige größere Ort ist die Stadt Tharandt. Einige Kilo-
meter unterhalb der Stadt Tharandt vereinigen sich die Wilde
Weißeritz und die Rote Weißeritz zur Vereinigten Weißeritz.
Diese durchfließt als städtisch geprägtes Gerinne mit weit-
gehend befestigten Ufern die Städte Freital und Dresden bis
zur Mündung in die Elbe.
Westlich von Dresden dominiert ein anderes Reliefbild. Im
Oberlauf der Triebisch, der Wilden Sau und des Ketzerbaches
herrschen mehrere 100 m breite Sohlentäler vor, die sich im
Mittellauf zu Kerbtälern mit stellenweise Wildbachcharakter
verengen (z.B. Wilde Sau unterhalb Klipphausen) bevor sie
sich im Unterlauf, in den Elbniederungen, wieder aufweiten.
Ab Niedermunzig ist das Profil der Triebisch in den Ortslagen
ausgebaut und teilweise begradigt worden, um landwirt-
schaftliche Flächen zu gewinnen.
Das Einzugsgebiet des Ketzerbaches besteht fast ausschließ-
lich aus einer lößbedeckten Offenlandschaft. Der Ketzerbach
durchfließt ein breites Sohlental und schneidet sich teilweise
mehrere Meter tief in den leicht verformbaren Lößlehm.
Flächennutzung
Das Abflussverhalten ist in erheblichem Maße auch von der
Flächennutzung abhängig. Tabelle 0-1 gibt dazu einen ent-
sprechenden Überblick. Insgesamt gesehen überwiegt im
Untersuchungsgebiet die landwirtschaftliche Nutzung, aller-
dings bestehen zwischen den einzelnen Einzugsgebieten
erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Flächennutzung.
Während im Einzugsgebiet der Biela Wald und Gehölze 86%
der Fläche bedecken, wird das Einzugsgebiet des Ketzer-
baches zu 89% landwirtschaftlich genutzt.
Auf den sächsischen Teil der betrachteten Einzugsgebiete be-
zogen ergibt sich die in Abbildung 0-2 dargestellte Verteilung.
Die Siedlungen machen mit 9% einen nur geringen Anteil
an der gesamten Flächennutzung der Einzugsgebiete aus.
Allerdings schwankt auch dieser Anteil stark zwischen den
Einzugsgebieten. Zum Beispiel ist durch die Städte Freital
und Dresden der Anteil an Siedlungs- und Verkehrsflächen
im Gebiet der Vereinigten Weißeritz mit 49% sehr hoch.
Im Zeitraum der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf Grund
der Industrialisierung, aber auch nach dem 2. Weltkrieg sind
die natürlichen Aufweitungen der Täler der Gottleuba, Müglitz,
Weißeritz und des Lockwitzbaches stark besiedelt worden. Die

 
Flussregulierungen
Für alle Flüsse wurden im 19. und 20. Jahrhundert große
Hochwasser mit großen Schäden verzeichnet. Deshalb sind
die Fließquerschnitte der Flüsse in den Ortslagen ausge-
baut und befestigt. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde
mit dem Bau großer Talsperren und Hochwasserrückhalte-
becken in den Einzugsgebieten begonnen. Nach dem Hoch-
wasser von 1957 war ein Schwerpunkt der Aufbau des
Hochwasserschutzsystems im Einzugsgebiet der Gottleuba.
In den im städtischen Bereich liegenden Mündungsgebieten
ist der Flussverlauf vor allem der Vereinigten Weißeritz, aber
auch der Gottleuba und der Triebisch teilweise extrem ver-
ändert worden. In Dresden erhielt die Vereinigte Weißeritz in
den Jahren 1891 bis 1893 einen neuen Verlauf. Ursprünglich
verlief sie ab Löbtau weiter in nordöstliche Richtung und
mündete etwa in Höhe des Heinz-Steyer-Stadions in die Elbe.
Seit der Neugestaltung des Gewässerlaufes beschreibt der
Fluss in Löbtau eine Linkskrümmung und verläuft entlang
des Emerich-Ambros-Ufers in einem kanalartig angelegten
Trapezprofil in nordwestliche Richtung und mündet bei Cotta
in die Elbe (LTV, 2003d).
Die Mündung der Gottleuba wurde ebenfalls nach Westen
verlegt. Ursprünglich floss sie durch das heutige Stadt-
zentrum von Pirna (LTV, 2003a). Das Flussbett der früher
natürlich mäandrierenden Triebisch lag mehr in der Talmitte.
Im Jahr 1867 wurde ihr in Meißen ein künstliches Gerinne
geschaffen (LTV, 2003e). Erwähnenswert ist auch der Nieder-
sedlitzer Flutgraben, mit dem im Hochwasserfall zur Zeit
5 bis 15 m
3
/s schadlos aus dem Lockwitzbach abgeleitet wer-
den können.
10
Besiedlung reicht zum Teil bis an die Flüsse heran. Die Bevöl-
kerungszahl stieg z.B. von 1925 bis 1950 im Untersuchungs-
gebiet von 206.750 auf 248.079 Einwohner (ohne Stadt
Dresden). Allein im Müglitztal wuchs die Bevölkerungszahl in
diesem Zeitraum von ca. 27.000 auf fast 34.000 Einwohner
(STATISTISCHES LANDESAMT KAMENZ, 2004).
Im Gegensatz dazu sind die Täler der Flüsse Triebisch, Wilde
Sau und Ketzerbach nur punktuell bebaut. Auf Grund der
überwiegend landwirtschaftlichen Nutzung in ihren Einzugs-
gebieten waren sie keinem großen Siedlungsdruck ausge-
setzt. Dicht bis an das Ufer heran ist hier nur der Bereich des
Triebischtales in Meißen besiedelt. Neben den Siedlungs-
bereichen gibt es aber in den Talabschnitten mit kleiner Tal-
breite – in denen kein Platz für eine Besiedlung war – auch
immer noch natürliche Flussabschnitte ohne Ufersicherung
mit flussbegleitenden Gehölzen.
Einzugsgebiet
A
Eo
in km
2
Flächennutzung in %
Wald und
Gehölze
Landwirtschaft-
liche Flächen
Siedlungs- und
Verkehrsflächen
Stand-
gewässer
Biela
103,9
86
13
1
0
Gottleuba
252,0
41
54
5
0
Müglitz
207,5
1)
48
47
5
0
Lockwitzbach
84,3
32
52
16
0
Weißeritz, gesamt
390,6
2)
46
40
13
1
davon Wilde Weißeritz
(162,7)
49
46
4
1
davon Rote Weißeritz
(161,2)
2)
52
40
7
1
davon Vereinigte Weißeritz
(66,7)
24
27
49
0
Wilde Sau
52,4
7
77
16
0
Triebisch
176,4
23
69
8
0
Ketzerbach
168,4
3
89
8
0
Gesamtgebiet
1435,5
38
53
9
0
1) ohne Galgenteiche Altenberg
2) mit Galgenteichen Altenberg
Tabelle 0-1:
Übersicht über die Flächennutzung in den betrachteten Einzugsgebieten
Ackerland
49,7%
Verkehrswege
1,6%
Siedlungen
10,0%
Gewässer
1,5%
Wald
29,7%
Grünland
7,5%
Abbildung 0-2 Flächennutzung im sächsischen Teil der
betrachteten Einzugsgebiete

 
Teil I

image
image
 
1.1
Synoptische Entwicklung
Die primäre Ursache für die Flutkatastrophe war ein klas-
sisches Vb-Tief (sprich: „fünf b“), dessen Entwicklung in
Abbildung 1-1 und Abbildung 1-2 verfolgt werden kann.
Bei einer Vb-Wetterlage – Klassifizierung entsprechend van
Bebber für Zugbahnen von Tiefdruckgebieten (VAN BEBBER,
1891) – bildet sich infolge eines massiven Kaltlufteinbruchs
über Westeuropa, unterstützt durch die Lee-Wirkung der
Alpen, zunächst ein Tief über Oberitalien. Es verlagert sich
nord- oder nordostwärts und führt dabei feucht-warme Mee-
resluft mit sich, die am Rande der Kaltluft zum Aufgleiten
gezwungen wird. Im Grenzbereich der beiden Luftmassen
entwickeln sich ausgedehnte Starkniederschläge längerer
Dauer. Vb-Tiefs ziehen üblicherweise von der Adria über
Österreich und Ungarn nach Tschechien und Polen.
Am 8. August 2002 hatte sich am östlichen Rand eines stabilen
Hochs bei den Azoren einTiefdruckgebiet entwickelt und war
zunächst Richtung Irland gezogen. Oberitalien lag zu diesem
Zeitpunkt noch im Bereich schwacher Luftdruckgegensätze bei
sehr feuchter und warmer Luft mit Temperaturen bis 30°C. Das
Irlandtief zog am10. August südostwärts über Südengland nach
Nordfrankreich (Abbildung1-1).Es löste sich anderntags dort auf.
Auf diese Weise kam über nahezu drei Tage hinweg zwi-
schen dem Azorenhoch und dem westeuropäischen Tief-
druckgebiet ein breites Nordwindband zu Stande, mit dem
ein Schwall maritimer Kaltluft aus dem isländisch-grönländi-
schen Raum zum westlichen Mittelmeer vordringen konnte.
In der oberen Troposphäre entstand am 10.August über
Südfrankreich ein markantes Tief in der Höhe. Vor diesem
Höhentief begann auf Grund dynamischer Hebungsvorgänge
der Luftdruck über Oberitalien sehr rasch zu fallen. Die
„heiße Phase“ der Entwicklung begann dann in der Nacht
zum 11.August mit der Entstehung des späteren Vb-Tiefs
über der nördlichen Adria (Abbildung 1-2). Es bezog auf
seiner Ostseite extrem feuchte Luft von der Großen Syrte
(= Bucht vor Libyen) her in seine Zirkulation ein.
Gleichzeitig brandete von Westen die kältere Luft, die über
Frankreich nach Süden vorgedrungen war, gegen diesen
Warmluftstrom an und führte zur weiteren Verstärkung des
Tiefs. Es erhielt am 11.August den Namen „ILSE“. Sein
Kern erreichte in den Abendstunden des gleichen Tages
Venetien und Friaul. In der Abbildung 1-3 sind die unter-
schiedlich temperierten Luftmassen auf beiden Flanken
des Tiefs in etwa 1,5 km Höhe (850 hPa-Fläche) gut zu er-
kennen.
Waren zunächst nur schwache Niederschlagsechos auf den
Wetterradargeräten zu sehen, so verdichteten sie sich am
Abend zunehmend und ließen größere, nunmehr auch gut
quantifizierbare Mengen an Flüssigwasser erkennen, die be-
reit waren in den nächsten Stunden abzuregnen.
1 Meteorologie
Abbildung 1-1: Analysierte Wetterlage vom 10.08.,
12:00 Uhr UTC
(Grundlage: DWD)
Abbildung 1-2: Analysierte Wetterlage vom 11.08.,
06:00 Uhr UTC mit Tief„Ilse“ über der Adria
(Grundlage: DWD)
13

image
image
In den Frühstunden des 12.August zog der Kern des Tiefs
schließlich über Tschechien hinweg in Richtung Sachsen und
verstärkte sich in den Morgenstunden dort nochmals er-
heblich. Eine Nordwestströmung in der Höhe drückte die
mit Flüssigwasser gesättigten Luftmassen gegen die Nord-
seiten der Mittelgebirge, so dass durch die damit verbun-
dene erzwungene Hebung schwere Regenfälle auf breiter
Front ausgelöst wurden. Flankiert von kräftigen Hochdruck-
gebieten sowohl über Ost- als auch über Westeuropa wurde
„ILSE“ nun stationär. Das Tief drehte sich gewissermaßen
genau über dem Osten Deutschlands ein und regnete sich
an dieser Stelle bis zum Ende seines Lebenszyklus komplett
aus. Es verlagerte sich nur wenig ostwärts und wurde in der
2.Tageshälfte lediglich etwas schmaler. Durch die Position
des Bodentiefs auf der Ostflanke des westeuropäischen,
quasi steuernden Höhentiefs, wurde nicht nur warme Luft
bis in große Höhen nordwärts verfrachtet, sondern auch
gleichzeitig gehoben, so dass das ausgedehnte Regen-
gebiet von der Schweiz bis Sachsen entstehen konnte.
Eine Aufnahme des Radarbildes vom 12.August – 13 UTC
(Abbildung 1-4) zeigt die Verschmelzung zweier kräftiger
Echobänder zu einer ausgedehnten, von den Alpen bis nach
Norddeutschland reichenden Niederschlagszone. Dabei han-
delt es sich hier um Momentaufnahmen in denen die Radar-
reflektivität, gemessen in dB, dargestellt wird. Zur Visuali-
14
Abbildung 1-4: Radarbild 12.08. – 13:00 Uhr UTC
(Momentaufnahme) – deutlich sichtbare
Niederschläge im Bereich des Vb-Tiefs
(Quelle: DWD)
Abbildung 1-3: Numerische Analyse der Geopotential-
und Temperaturverteilung in 850 hPa
(etwa 1,5 km Höhe) am 11.08.
(Quelle: DWD)

 
15
sierung dieser Werte erfolgt eine Einteilung der Reflektivi-
tätswerte in Klassen, denen Niederschlagsintensitätsstufen
zugeordnet werden. „Schwach bis mäßig“ bedeutet dabei
eine Niederschlagshöhe von 2 bis 10 mm/h.
In den Kammlagen des Erzgebirges wurden am 11.August
(also im Zeitraum 11. August, 07:00 Uhr MEZ bis 12. August,
07:00 Uhr MEZ) bereits über 60 mm registriert (Marienberg
62 mm, Zinnwald 61 mm). Die Starkniederschläge im Osten
Deutschlands steuerten nun auf ihren Höhepunkt zu.
Extremwerte, wie die 24-stündige Niederschlagssumme
von 312 mm zwischen dem 12.August, 07:00 Uhr und
dem 13. August, 07:00 Uhr MEZ in Zinnwald-Georgenfeld,
kamen vor allem dadurch zustande, dass die Mittelgebirge
im Osten Deutschlands sowie in Bayern und Tschechien
sehr rasch auf die Westflanke des Tiefs gerieten. Dort kam
eine kräftige Nordwestströmung auf, wobei die um das Tief
herumgeführte feuchte Luft zusätzlich gegen die Nordhänge
der Gebirge gedrückt wurde, und das über einen Zeitraum
von mehr als 24 Stunden. Die feuchten Luftmassen wurden
so gezwungen, das Erzgebirge von Norden her zu über-
queren und regneten sich dabei komplett aus.
1.2
Meteorologisch-synoptische
Ursachen des Hochwassers
im August 2002 im Einzugs-
gebiet der Elbe
Für die beobachteten extremen Niederschlagsmengen in
Sachsen, im Bereich von Tief „ILSE“, gab es insgesamt vier
Ursachen:
1. Das für Vb-Tiefs typische Aufgleiten der feuchten und
warmen Mittelmeerluft, die vor allem in höheren Schich-
ten nach Norden gegen die dort einströmende Kaltluft
geführt wurde.
2. Die in das Niederschlagsgeschehen zusätzlich eingela-
gerten konvektiven Prozesse (Schauer und Gewitter), vor
allem im Osten des Niederschlagsgebietes. Die Luft-
masse war dort bis in große Höhen mit Wasserdampf
nahezu gesättigt. Hinzu kam eine potenziell instabile
Schichtung der Luftmasse.
3. Die orographische Verstärkung der Niederschlagsbil-
dung, also die erzwungene Hebung der Luftmassen im
Nordstau der sächsischen Mittelgebirge auf Grund der
Position des Tiefdruckgebietes und der Druckgradient-
verschärfung und damit deutliche Verstärkung des Nord-
westwindes.
4. Die lange Andauer der Hebungsprozesse auf Grund der
nur langsam sich ändernden großräumigen Druck- und
Strömungsverteilung über Mitteleuropa.
Eine grobe Abschätzung der Anteile am Niederschlags-
geschehen im Einzugsgebiet der Elbe anhand des zur Ver-
fügung stehenden Beobachtungsmaterials (Wetter, Nieder-
schlagshöhen, Blitzechos, Radar etc.) ergibt für den Bereich
des Erzgebirges größenordnungsmäßig folgende Anteile an
den insgesamt gemessenen Niederschlagshöhen:
Flächenhafter (skaliger) Niederschlag
ca. 30%
Konvektiver Niederschlag (Schauer, Gewitter) ca. 10%
Orographische Verstärkung
(an Mittelgebirgen, maximal)
ca. 60%
Die prekäre Hochwassersituation in den Ortschaften im und
nahe dem Erzgebirge resultierte also letztlich vor allem massiv
auf dem Staueffekt am Nordrand des Mittelgebirgsraumes.
1.3
Zeitliche Abfolge
Bereits in den ersten 10 Tagen des August 2002 kam es im
Untersuchungsgebiet zu mehreren Starkregenereignissen.
Die Niederschläge führten teilweise zu einer deutlichen An-
feuchtung der Einzugsgebiete. So fielen z.B. bereits am
1.August in Kipsdorf 60 mm Niederschlag. Die Tabelle 1-1
zeigt den Gebietsniederschlag im Untersuchungsgebiet für
die erste Dekade des Monats August.
Oft lag die Summe der in der ersten Augustdekade gefal-
lenen Niederschläge im Bereich oder sogar über dem viel-
jährigen mittleren Wert für den gesamten Monat August.
Abbildung 1-5 zeigt die Verteilung der Niederschlagshöhen in
der Zeit vom 1. bis 10. August im Einzugsgebiet der betrach-
teten linken Nebenflüsse der Oberen Elbe.
Flussgebiet
Niederschlag in mm
01.–10.08.2002
Biela
25
Gottleuba
32
Bahra
28
Mordgrundbach
33
Seidewitz
39
Bahre
39
Müglitz
46
Lockwitzbach
30
Rote Weißeritz
48
Wilde Weißeritz
52
Vereinigte Weißeritz
29
Wilde Sau
46
Triebisch
58
Ketzerbach
56
Tabelle 1-1:
Gebietsniederschlag in der ersten Dekade
des Monats August 2002 (Quelle: DWD)

image
image
16
Abbildung 1-6: Niederschlagshöhen in mm im Unter-
suchungsgebiet vom 11.08. bis zum 13.08.
(Grundlage: DWD)
Abbildung 1-5: Niederschlagshöhen in mm im Unter-
suchungsgebiet vom 01.08. bis zum 10.08.
(Grundlage: DWD)
Abbildung 1-7: Stundenwerte der Niederschlagshöhen für die Stationen Zinnwald-Georgenfeld, Dresden und Lichtenhain-
Mittelndorf vom 11.08.,19:00 Uhr bis 13.08., 23:00 Uhr MEZ (Quelle: DWD)
0
5
10
15
20
25
30
35
19
21
23
01
03
05
07
09
11
13
15
17
19
21
23
01
03
05
07
09
11
13
15
17
19
21
23
01
Datum/Uhrzeit MEZ
Niederschlag in mm
Zinnwald-Georgenfeld
Dresden
Lichtenhain-Mittelndorf
11.08.
12.08.
13.08.
Legende
Niederschlagsmessstation
–––
Isohyeten der 3-Tage-Niederschlags-
summe vom 11.08. bis zum 13.08.
Legende
Niederschlagsmessstation
–––
Isohyeten der 10-Tage-Niederschlags-
summe vom 01.08. bis zum 10.08.

 
17
Angereichert durch feuchte Luft über dem Golf von Genua
weitete sich das Niederschlagsgebiet im Laufe des 11. August
weiter nach Norden aus. Nachdem es zunächst in West-
sachsen und Südwestsachsen zu ergiebigen Niederschlägen
gekommen war, verlagerte sich im weiteren Verlauf das Zen-
trum der Niederschlagstätigkeit – wie so häufig bei diesen
Wetterlagen – ins Osterzgebirge. Innerhalb von 24 Stunden
traten dabei Regenmengen von über 60 mm auf.
Das Tief „ILSE“ wanderte schließlich am 12.August nach
Polen. Auf seiner Rückseite stellte sich die bereits erwähnte
Nordströmung ein, die den Niederschlagsprozess im Erz-
gebirge durch Stau und orographische Hebung verstärkte. Da-
bei ergaben sich an mehreren Stationen neue Rekordwerte
für den 24-stündigen Niederschlag. In Zinnwald fielen inner-
halb von 24 Stunden 342 mm und in der Zeit vom 11. bis
13. August 406,9 mm. Der bisher in Deutschland gemessene
Extremwert für den Zeitraum von 24 Stunden war 260 mm
(gemessen in Zeithain/Kr. Riesa am 06.07.1906 und in Stein/
Kr. Rosenheim am 07.07.1954). Der neue Rekordwert ent-
spricht etwa dem vierfachen des normalen Niederschlags im
gesamten August.
Mit der Entfernung vom Kamm des Osterzgebirges nahmen
die Niederschlagshöhen ab, erreichten aber auch hier in der
Regel neue Rekordwerte. Am 12.August wurden in Dresden
158 mm Niederschlag registriert; damit wurde an dieser Sta-
tion der bisherige Rekordwert (77,4 mm am 02.08.1998)
mehr als verdoppelt. Am 13. August traten im Mittelgebirgs-
vorland noch vereinzelt gewittrige Starkniederschläge auf,
doch großräumig verlagerte sich der Schwerpunkt der Nieder-
schlagstätigkeit mit dem Abzug des Rest-Tiefs nach Osten.
Die Abbildung 1-6 zeigt die Niederschlagsverteilung im Unter-
suchungsgebiet vom 11. bis zum 13. August.
In Abbildung 1-7 sind die jeweils stündlich gemessenen
Niederschlagshöhen an drei ausgewählten Niederschlags-
stationen dargestellt. Man erkennt deutlich, dass der Haupt-
regen in
Zinnwald-Georgenfeld erst in den Frühstunden des
12.August, etwa ab 06:00 Uhr morgens begann. In Dresden
(Flughafen) begann der besonders starke Niederschlag erst
etwa drei Stunden später. Flächendeckend regnete es im
Untersuchungsgebiet fast über 30 Stunden (in Dresden
sogar 50 Stunden), wobei die größten Intensitäten am
12. August vormittags bis zum 13. August in den frühen Mor-
genstunden auftraten.
1.4
Wiederkehrintervalle
des Niederschlags
In der Tabelle 1-2 sind für ausgewählte Niederschlagsstatio-
nen in Sachsen für die gemessenen Niederschlagshöhen
die Wiederkehrintervalle T [a] nach KOSTRA – KOordinierte
STarkRegenAuswertung (DWD, 1997) angegeben. Diesen
statistischen Berechnungen zufolge weisen die 1-Tages-
niederschläge des 12.August im Untersuchungsgebiet ein
Wiederkehrintervall von >100 Jahren auf. Eine besondere
Position nimmt die Station Zinnwald-Georgenfeld im Erz-
gebirge ein. Die dort innerhalb 24 Stunden vom Morgen
des 12. August bis zum Morgen des 13. August gemessenen
312 mm kommen – in einem Gebiet von bis zu 25 km
2
– der
größten Niederschlagsmenge sehr nahe, die dort physikalisch
überhaupt möglich ist. Die 72-stündige Niederschlagshöhe
(11. bis 13. August) für die Gebietsgrößenstufe 25 km
2
beläuft
sich mit 406 mm auf 80% des größten 72-Stunden-Wertes
der Niederschlagshöhe im Raum Zinnwald-Georgenfeld.
Für den 72-Stunden-Zeitraum ergeben sich u.a. auch an den
Stationen Dresden-Klotzsche (187,9 mm) und Lauenstein
(324,7mm) Wiederkehrzeiten von mehr als 100 Jahren, d.h.
dass dieses Ereignis – auch über 72-Stunden-Zeitraum ge-
sehen – seltener als einmal in hundert Jahren auftritt.
Station
Niederschlagshöhe
[mm]
Wiederkehrintervall
[a]
Niederschlagshöhe
[mm]
Wiederkehrintervall
[a]
12.08., 07:00 Uhr bis 13.08., 07:00 Uhr MEZ (24 Stunden)
11.08., 07:00 Uhr bis 14.08., 07:00 Uhr MEZ (72 Stunden)
Zinnwald-Georgenfeld
312,0
>>100
406,2
>> 100
Lauenstein
267,3
>> 100
324,7
>> 100
Marienberg
166,5
> 100
187,9
> 100
Dresden-Klotzsche
158,0
> 100
181,7
> 100
Fichtelberg
135,4
> 100
201,5
> 100
Oschatz
108,5
> 100
117,1
42
Aue
79,9
9
109,3
15
Chemnitz
78,0
30
135,6
13
Lichtenhain-Mittelndorf
62,3
4
86,6
3
Tabelle 1-2:
Wiederkehrintervall der größten Niederschlagshöhen für den Zeitraum vom 12.08., 07:00 Uhr bis 13.08.,
07:00 Uhr MEZ (24 Stunden) und 11.08., 07:00 Uhr bis zum 14.08., 07:00 Uhr MEZ (72Stunden) (Quelle: DWD)

 
1.5
Die Gebietsniederschlags-
höhen im Gebiet
der Osterzgebirgsflüsse
Die Berechnung der Gebietsniederschlagshöhen erfolgte
mit allen Niederschlagsstationen des Deutschen Wetter-
dienstes und den im Untersuchungsgebiet vorhandenen Da-
ten aus Fremdnetzen. Für die detaillierte Analyse der Nieder-
schlagsverteilung für Zeitschritte <1 Tag wurden die vom
Wetterradargerät des Deutschen Wetterdienstes in Dresden
gewonnenen Daten, die mit den von automatischen Nieder-
schlagsmessgeräten gemessenen Niederschlagshöhen
„angeeicht“ worden sind, herangezogen.
Gebietsniederschläge – Tageswerte
Tabelle 1-3 enthält die Gebietswerte der Niederschlags-
höhe für den 12.
August (gefallen zwischen dem 12. August,
07:00 Uhr MEZ und dem 13.August, 07:00 Uhr MEZ)
bzw. für den 3-tägigen Zeitraum 11. bis 14. August, jeweils
07:00 Uhr MEZ.
Auffallend ist, dass sich die extremen Niederschlagshöhen
an der Station Zinnwald-Georgenfeld nicht so stark auf das
Gesamtgebiet auswirkten. Das liegt offensichtlich daran, dass
die räumliche Ausdehnung dieser Höchstwerte nur gering
war. Das Verhältnis von Gebietswert der Niederschlagshöhe
und daraus resultierender Wassermenge des betreffenden
Gebietes muss zudem im Zusammenhang mit der Gebiets-
größe betrachtet werden. So beträgt der Gebietsniederschlag
des Mordgrundbaches (Zufluss der Gottleuba) am 12. August
182 mm und 233 mm für den 3-Tage-Zeitraum 11. bis
13. August; da sein Einzugsgebiet mit 18 km
2
das kleinste der
betrachteten Gebiete ist, sind die Wassermengen auch klein
(3.276.000 m
3
bzw. 4.194.000 m
3
).
Demgegenüber beträgt der Gebietswert der Müglitz am
12. August 237 mm und die Wassermenge 50.718.000 m
3
,
während am gleichen Tag im Gebiet der Triebisch bei
einer Fläche von 176 km
2
und aus einem Gebietswert der Nie-
derschlagshöhe von rund 200mm eine Wassermenge von über
35.000.000m
3
resultiert. Summiert man die Wassermengen
aller hier betrachteten Flussgebiete, so kommt man auf die
unvorstellbaren Mengen von 284.320.000 m
3
am 12. August
und 341.625.000 m
3
für den 3-tägigen Zeitraum. In der regio-
nalen Verteilung nehmen diejenigen Gebiete einen Spitzenplatz
ein, die bis in die höchsten Lagen des Osterzgebirges reichen
und nicht im Lee der anderen Gebiete liegen. Dies trifft vor
allem für die oberen Teile von Müglitz und Roter Weißeritz zu;
sie sind besonders von der Stauwirkung des Gebirges betrof-
fen. Abgeschirmt dagegen ist z.B. das Flussgebiet der Biela,
hier sind deutlich geringere Niederschlagswerte zu erkennen.
Grundsätzlich nehmen die Niederschlagshöhen nach Nord-
osten und nach Nordwesten ab.
Gebietsniederschläge – Stundenwerte
Das Netz der Niederschlagsstationen mit einer Zeitauflösung
<1 Tag ist so weitmaschig, dass hieraus Gebietswerte be-
18
Gebiet
A
Eo
in km
2
Gebietsniederschlag (mm)
Wassermenge (10
3
m
3
)
12.08.
11.–13.08.
12.08.
11.–13.08.
Biela
104
150
191
15.600
19.864
Gottleuba
86
177
225
15.222
19.350
Bahra
49
178
225
8.722
11.025
Mordgrundbach
18
182
233
3.276
4.194
Seidewitz
57
194
245
11.058
13.965
Bahre
42
180
228
7.560
9.576
Müglitz
214
237
296
50.718
63.344
Lockwitzbach
84
194
245
16.296
20.580
Rote Weißeritz
154
216
263
33.264
40.502
Wilde Weißeritz
163
238
285
38.794
46.455
Vereinigte Weißeritz
67
190
223
12.730
14.941
Wilde Sau
52
170
194
8.840
10.088
Triebisch
176
199
218
35.024
38.348
Ketzerbach
168
162
175
27.216
29.400
Tabelle 1-3:
Gebietsniederschläge und Wassermengen im Untersuchungsgebiet vom 11.08. bis zum 13.08. (Quelle: DWD)

19
0
5
10
15
20
25
30
03:30
04:30
12.08.
05:30
06:30
07:30
08:30
09:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
17:30
18:30
19:30
20:30
21:30
22:30
23:30
00:30
01:30
02:30
03:30
04:30
05:30
06:30
Niederschlag in mm
Biela
Bahra
Mordgrundbach
Datum/ Uhrzeit MEZ
13.08.
0
5
10
15
20
25
30
12.08.
Niederschlag in mm
Gottleuba
Bahre
Seidewitz
Datum/Uhrzeit MEZ
13.08.
03:30
04:30
05:30
06:30
07:30
08:30
09:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
17:30
18:30
19:30
20:30
21:30
22:30
23:30
00:30
01:30
02:30
03:30
04:30
05:30
06:30
Abbildung 1-8: Stündliche Gebietswerte der Niederschlagshöhe für die Biela, Bahra und den Mordgrundbach
vom 12.08., 03:30 Uhr bis zum 13.08., 07:30 Uhr MEZ (Quelle: DWD)
Abbildung 1-9: Stündliche Gebietswerte der Niederschlagshöhe für die Gottleuba, Bahre und Seidewitz
vom 12.08., 03:30 Uhr bis zum 13.08., 07:30 Uhr MEZ (Quelle: DWD)

20
0
5
10
15
20
25
30
12.08.
Niederschlag in mm
Müglitz
Lockwitzbach
Datum/Uhrzeit MEZ
13.08.
03:30
04:30
05:30
06:30
07:30
08:30
09:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
17:30
18:30
19:30
20:30
21:30
22:30
23:30
00:30
01:30
02:30
03:30
04:30
05:30
06:30
0
5
10
15
20
25
30
12.08.
Niederschlag in mm
Wilde
Weißeritz
Rote
Weißeritz
Vereinigte
Weißeritz
Datum/Uhrzeit MEZ
13.08.
03:30
04:30
05:30
06:30
07:30
08:30
09:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
17:30
18:30
19:30
20:30
21:30
22:30
23:30
00:30
01:30
02:30
03:30
04:30
05:30
06:30
Abbildung 1-10: Stündliche Gebietswerte der Niederschlagshöhe für die Müglitz und den Lockwitzbach
vom 12.08., 03:30 Uhr bis zum 13.08., 07:30 Uhr MEZ (Quelle: DWD)
Abbildung 1-11: Stündliche Gebietswerte der Niederschlagshöhe für die Weißeritz
vom 12.08., 03:30 Uhr bis zum 13.08., 07:30 Uhr Uhr MEZ (Quelle: DWD)

21
sonders bei konvektiven bzw. konvektiv verstärkten Nie-
derschlägen nur sehr grob bestimmt werden können. Für
die Zeit vom 12.August, 08:30 Uhr bis zum 13.August,
08:30 Uhr lagen für die Stundenwerte Radarmessungen im
1x1 km
2
Raster vor, die mit Bodenmessungen angeeicht
worden sind. Die berechneten Gebietswerte sind in Ab-
bildung 1-8 bis Abbildung 1-12 dargestellt. Sie können mit
dem Verlauf des Ereignisses in Stundenschritten an ausge-
wählten Niederschlagsstationen (Abbildung 1-7) verglichen
werden.
Die Werte sind zeitlich recht differenziert. Die Orographie
macht sich verstärkend insofern bemerkbar, dass die Ge-
biete, deren Nordhänge einen besonders hohen Anteil an
der Gesamtfläche des Einzugsgebietes aufweisen, zeit-
weise auch große Niederschlagshöhen zu verzeichnen
haben. Dies ist z.B. im Gebiet des Mordgrundbachs, der
Bahra und der Gottleuba (Abbildung 1-8, Abbildung 1-9), aber
auch der Wilden Sau (Abbildung 1-12) der Fall. Dabei wa-
ren die sehr hohen Intensitäten in diesen Gebieten nur spo-
radisch, so dass die hohen Gebietsniederschlagswerte wie
in Müglitz, Roter und Wilder Weißeritz hier nicht erreicht
wurden.
Trotz der extrem hohen Werte an der Station Zinnwald-
Georgenfeld (Quellgebiet der Müglitz, Abbildung 1-10) wirk-
ten diese sich nicht so stark auf den Gebietswert des
Niederschlags aus. Die Gründe sind im räumlich relativ be-
grenzten Auftreten dieses extremen Niederschlags zu sehen.
Das zeigt auch die Abbildung 1-13, auf der die Nieder-
schlagsverteilung für den 12.August, 06:00 bis 07:00 Uhr
dargestellt ist. Das ist die Stunde, in der der höchste Wert in
Zinnwald-Georgenfeld gemessen worden ist.
Die Abbildung 1-14 stellt die maximalen 1- bis 3-stündigen
Gebietswerte der Niederschlagshöhe sowie deren Eintritts-
zeiten dar. Auch hier zeigt sich, dass in Gebieten mit beson-
ders hohem Anteil von Nordhängen die höchsten Stunden-
werte (rd. 25 mm) fielen. Das Zeitintervall mit den Maximal-
werten begann in Gebieten, die bis in die Kammlagen des
Erzgebirges reichen, früher als in den übrigen Einzugsgebie-
ten. Eine Ausnahme bilden die Gebiete von Wilder Sau und
Triebisch, in denen (wahrscheinlich in Zusammenhang mit
konvektiven Vorgängen) örtlich höhere Niederschlagswerte
auftraten, die dann den Wert des Gebietsniederschlags
wegen des Anteils der betroffenen Fläche an der Gebiets-
fläche anhoben.
Als herausragend erkennt man die vom Müglitztal zu
bewältigende Wassermenge von rd. 4.270.000 m
3
, die nur
innerhalb dieser einen Stunde (am 12.August, zwischen
06:00 und 07:00 Uhr MEZ) im Einzugsgebiet der Müglitz
als Regen gefallen war. Auch in den anderen Tälern rich-
teten die Wassermassen schwerste Verwüstungen an, wie
z.B. an der Roten Weißeritz, in deren Einzugsgebiet in der
Stunde von 09:30 bis 10:30 Uhr MEZ bei einem Gebiets-
mittel von rd. 20 mm 3.110.000 m
3
Niederschlagswasser
fielen.
0
5
10
15
20
25
30
12.08.
Niederschlag in mm
Wilde Sau
Triebisch
Ketzerbach
Datum/ Uhrzeit MEZ
13.08.
03:30
04:30
05:30
06:30
07:30
08:30
09:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
17:30
18:30
19:30
20:30
21:30
22:30
23:30
00:30
01:30
02:30
03:30
04:30
05:30
06:30
Abbildung 1-12: Stündliche Gebietswerte der Niederschlagshöhe für die Wilde Sau, Triebisch und den Ketzerbach
vom 12.08., 03:30 Uhr bis zum 13.08., 07:30 Uhr MEZ (Quelle: DWD)

image
22
0
10
20
30
40
50
60
Bahra
Biela
Mordgrundbach
Gottleuba
Bahre
Seidewitz
Müglitz
Lockwitzbach
Wilde Weißeritz
Rote Weißeritz
Vereinigte Weißeritz
Wilde Sau
Triebisch
Ketzerbach
Niederschlag in mm
7:30
8:30
9:30
10:30
11:30
12:30
13:30
14:30
15:30
16:30
Beginn – Ende (MEZ)
1-Stunden-Werte
2-Stunden-Werte
3-Stunden-Werte
1 Stunde Beginn
1 Stunde Ende
2 Stunden Beginn
2 Stunden Ende
3 Stunden Beginn
3 Stunden Ende
Abbildung 1-13: Niederschlagsverteilung für den 12.08., 06:00 bis 07:00 Uhr MEZ im Untersuchungsgebiet (Quelle: DWD)
Abbildung 1-14: Höchste Gebietswerte der Niederschlagshöhe am 12.08. (Quelle: DWD)

 
23
1.6
Zusammenfassung
Das Niederschlagsgeschehen im August 2002 war in je-
der Hinsicht ein Extremfall. Nachdem bereits Anfang des
Monats verbreitet größere Niederschlagshöhen gemessen
worden waren, entwickelte sich dann eine klassische Vb-
Wetterlage. Die damit verbundenen Niederschläge regneten
sich lang anhaltend in Sachsen und im südlichen Teil Bran-
denburgs aus.
Infolge des Staus am Erzgebirge waren die Niederschlags-
höhen im Gebiet der linken Nebenflüsse der Oberen Elbe
wie Wilde und Rote Weißeritz, Müglitz, Gottleuba beson-
ders hoch. Zusätzlich wirkten konvektive Zellen verstärkend,
so dass es örtlich begrenzt zu einer weiteren Steigerung der
extremen Niederschlagshöhen kam.
Das Ereignis erhält seine Sonderstellung durch die große
Ergiebigkeit über einen längeren Zeitraum. Flächendeckend
regnete es im Untersuchungsgebiet fast über 30 Stunden.
Dabei fiel das Doppelte bis Dreifache der zu erwartenden
Niederschlagsmenge im Monat August. An der Station
Zinnwald-Georgenfeld wurde fast die vierfache Menge
der mittleren Niederschlagshöhe vom August bzw. fast die
Hälfte (43%) des normalen Jahresniederschlags registriert.
Die flächenmäßige Ausdehnung des Niederschlagsgebietes
war sehr groß, so dass auch weite Teile des Elbe-Einzugs-
gebietes betroffen waren. Die größten Niederschlagshöhen
kamen dem physikalisch maximal möglichen Niederschlag in
unseren Breiten sehr nahe.

image
 
25
2.1
Ermittlung der Abfluss-
ganglinien – Methodik
Die außerordentlichen Niederschläge führten zu sehr großen
Abflüssen, die ihrerseits die in Kapitel 3 und 4 beschriebenen
Prozesse auslösten. Die für die Beschreibung der hydrologi-
schen Prozesse benötigten Abflussganglinien wurden anhand
von beobachteten Wasserständen an gewässerkundlichen
Pegeln oder von beobachteten Speicherinhaltsänderungen
und Abgaben an Stauanlagen oder mit Hilfe eines Nieder-
schlags-Abfluss-Modells (N-A-Modell) ermittelt. Die Vor-
gehensweise wird nachfolgend erläutert.
2.1.1
Pegel im Untersuchungsgebiet
Im Untersuchungsgebiet gibt es 39 gewässerkundliche
Pegel, die zum großen Teil mit einer kontinuierlichen Was-
serstandsregistrierung (Schreibpegel) ausgerüstet sind
(Abbildung 2-1, Anhang 1). Daneben gibt es noch acht Pegel
an denen der Wasserstand nur diskontinuierlich,in der Regel
einmal pro Tag oder nur bei Hochwasser durch Ablesung
an einer Pegellatte erfasst wird. Etwa 2/3 aller Pegel sind
neben der kontinuierlichen Wasserstandsregistrierung
auch mit einer Datenfernübertragung (DFÜ) ausgerüstet.
2 Hydrologie
Abbildung 2-1: Untersuchungsgebiet der linken Nebenflüsse der Oberen Elbe – Biela, Gottleuba, Müglitz, Lockwitzbach,
Weißeritz, Wilde Sau, Triebisch und Ketzerbach

26
Pegel
Gewässer
A
Eo
in km
2
Zeitbezug
MQ
MHQ
HHQ (Jahr) HHW (Jahr)
Hochwasser-
scheitel
August 2002
in m
3
/s
in cm
in m
3
/s
in cm
Bielatal 1
Biela
37,4
1965–2001
0,359
3,02
11,7 (1981)
116 (1995)
24
173
Cunnersdorf 1
Cunnersdorfer Bach
30,9
1965–2001
0,277
3,41
11,2 (1981)
180 (1981)
9
154
Neundorf
Gottleuba
133
1927–2001
1,47
33,3
433 (1927)
378 (1927)
135
250
Dohna
Müglitz
198
1912–2001
2,52
38,3
330 (1927)
410 (1927)
400
450
Kreischa
Lockwitzbach
43,5
1963–2001
0,341
5,1
11,5 (1995)
121 (1995)
45
197
Dippoldiswalde 1
Rote Weißeritz
73,9
1915–2001
0,883
16,0
69,4 (1918)
280 (1954)
190
358
Hainsberg 1
Rote Weißeritz
153
1928–2001
1,71
15,1
54,6 (1954)
144 (1954)
260
Rehefeld 1
Wilde Weißeritz
15,3
1961–2001
0,39
5,59
23,6 (1980)
121 (1980)
65
150
Hainsberg 3
Wilde Weißeritz
162
1928–2001
1,17
12,3
58,9 (1958)
163 (1958)
220
251
Dölzschen
Vereinigte Weißeritz
366
1929–1999
3,42
25,4
230 (1958)
343 (1958)
450
Wilsdruff
Wilde Sau
25,8
1979–2001
0,17
3,99
13,3 (1996)
361 (1958)
27
309
Garsebach
Triebisch
165
1960–2001
1,57
14,4
31,8 (1994)
230 (1994)
200
480
Piskowitz 1
Ketzerbach
156,7
1971–2001
0,589
16,1
47,3 (1977)
250 (1994)
90
300
Tabelle 2-1:
Ausstattung der einzelnen Einzugsgebiete mit gewässerkundlichen Pegeln
Tabelle 2-2:
Hydrologische Kennwerte ausgewählter gewässerkundlicher Pegel im Untersuchungsgebiet
Mit der aus Abbildung 2-1 und Tabelle 2-1 ersichtlichen Pegel-
dichte ist insgesamt eine relativ gute Erfassung der Abfluss-
verhältnisse an den genannten Gewässern möglich. Nicht er-
fasst wird in der Regel das Abflussverhalten der Zuflüsse.
Der Aufbau des Pegelmessnetzes in den Einzugsgebieten
ist historisch gewachsen. Dabei waren oft die katastro-
phalen Auswirkungen der extremen Hochwasser Anlass das
Pegelmessnetz zu verdichten. Die Pegeldichte spiegelt des-
halb vor allem die Häufigkeit von Extremereignissen und das
Gefährdungspotential in den Gebieten wider. Mit dem Bau
der Stauanlagen wurden weitere Pegel eingerichtet.
Für die Auswertung des Augusthochwassers wäre u.a. die
Registrierung des Wasserstandes an der Biela unterhalb der
Einmündung des Cunnersdorfer Baches von Vorteil gewesen.
In der Tabelle 2-2 sind die hydrologischen Kennwerte der
wichtigsten Pegel in diesen Einzugsgebieten zusammen-
gestellt.
Einzugsgebiet
Anzahl Pegel
davon mit
Pegeldichte
(Fläche in km
2
pro Pegel)
kontinuierlicher
Wasserstands-
registrierung
Datenfern-
übertragung
Durchfluss-
messstelle
Biela
2
2
2
2
52
Gottleuba
6
6
6
6
42
Müglitz
6
4
4
3
35
Lockwitzbach
1
1
1
1
84
Wilde Weißeritz
5
5
5
4
27
Rote Weißeritz
6
6
4
6
27
Vereinigte Weißeritz
6
2
2
5
11
Wilde Sau
1
0
0
1
52
Triebisch
4
4
2
4
44
Ketzerbach
2
1
0
1
84
Gesamtgebiet
39
31
26
33
37

 
27
Die Ableitung von Abflussganglinien für das Augusthoch-
wasser anhand der Pegelaufzeichnungen war aus folgenden
Gründen problematisch:
1. Nicht wenige Pegel wurden während des Hochwassers
zerstört oder schwer beschädigt. In der Regel erfolgte die
Zerstörung bzw. Beschädigung
vor dem Durchgang der
Hochwasserscheitel, so dass – wenn überhaupt – nur einige
wenige Werte im Anstieg der Hochwasserwelle vorlagen.
2. Bei relativ vielen Schwimmerschreibpegeln verhinderten
technische Schwierigkeiten
eine kontinuierliche Auf-
zeichnung der Wasserstandsganglinie. Häufig handelte
es sich dabei um das Abreißen des Schwimmers oder
einen zu geringen Aufzeichnungsbereich infolge fehlen-
der oder defekter Umkehrspindeln. Waren die betroffe-
nen Pegel mit einer Datenfernübertragung (DFÜ) ausge-
rüstet, konnte die Ganglinie in der Regel aus den DFÜ-
Werten, sofern nicht durch Stromausfall die DFÜ aus-
gesetzt hatte, abgeleitet werden.
3. An einigen Pegeln kam es zu einer
Umflut der Pegel-
messstelle
, so dass nicht mehr der gesamte Abfluss
über den Pegel erfasst wurde. Das markanteste Beispiel
hierfür ist der Pegel Cotta an der Vereinigten Weißeritz.
4. Auch in den Fällen, in denen eine kontinuierlich aufge-
zeichnete Wasserstandsganglinie vorliegt, die durch die
DFÜ bestätigt wurde, ist die Umrechnung in eine Abfluss-
ganglinie unter Zugrundelegung der zum Zeitpunkt des
Hochwasserereignisses gültigen
Wasserstands-Durch-
fluss-Beziehung
(W-Q-Beziehung) mit erheblichen Un-
sicherheiten behaftet. Ursache ist die fehlende Belegung
der W-Q-Beziehung mit einer Abflussmessung in den
extremen Wasserstandsbereichen sowie Profilverände-
rungen während des Hochwassers.
Der letztgenannte Punkt war das Haupthindernis, um aus
vorliegenden Wasserstandsganglinien zuverlässige Abfluss-
ganglinien zu berechnen. An allen betrachteten Pegeln lag
der Scheitelwasserstand des Augusthochwassers 2002
weit über dem Wasserstand, bei dem bis dahin der jeweils
höchste Durchfluss gemessen wurde. Das Verhältnis zwi-
schen dem Scheitelwasserstand des Augusthochwassers
2002 und dem Wasserstand, bei dem der jeweils höchste
Durchfluss gemessen wurde, bewegt sich zwischen 1,6 und
5,9. Noch drastischer als für den Wasserstand stellt sich
der Vergleich bezüglich der Durchflüsse dar. Die höchsten
Durchflussmessungen lagen im Allgemeinen im Bereich
zwischen dem 4-fachen MQ und 10-fachen MQ. Am Pegel
Herzogswalde 1/Triebisch beispielsweise ist die W-Q-Be-
ziehung bis zu einem Wasserstand von 80 cm bzw. einem
Durchfluss von 4 m
3
/s durch Messungen belegt. Der Schei-
telwasserstand am 12.August betrug dagegen 195 cm, der
ermittelte Scheitelabfluss 58 m
3
/s. Dieser Wert liegt damit
um mehr als das 10-fache außerhalb des Durchflussberei-
ches, der durch Messungen belegt ist. Auch an den meisten
anderen Pegeln liegt dieses Verhältnis ähnlich hoch oder
sogar noch höher als am Pegel Herzogswalde 1.
In Abbildung 2-2 wird zur Verdeutlichung der Problematik
beispielhaft für den Pegel Dohna an der Müglitz die bis dahin
gültige Durchflusstafel und der Scheitelwert vom August-
hochwasser dargestellt. Wie zu ersehen ist, lag das August-
hochwasser 2002 weit außerhalb des Extrapolationsberei-
ches der W-Q-Beziehung.
In Anbetracht der genannten Probleme war eine Rekonstruk-
tion der Abflussganglinie anhand einer gesichert aufge-
zeichneten Wasserstandsganglinie mit vertretbaren Fehlern
nur möglich, wenn entweder der Hochwasserabfluss voll-
ständig im Regelprofil abgeflossen ist oder bei Inanspruch-
nahme des Vorlandes belastbare Anhaltswerte über den
Scheitelabfluss existieren.
Es zeigte sich, dass nur für wenige Pegelmessstellen eine
der beiden Forderungen hinreichend erfüllt war. Für Pegel-
messstellen, die der zweiten Forderung genügen, lagen als
Anhaltswerte über den Scheitelabfluss die Ergebnisse von
den nach dem Hochwasser durchgeführten hydraulischen
Berechnungen vor. Diese Berechnungen wurden vom Staat-
lichen Umweltfachamt (StUFA) Radebeul nach Aufnahme
der Gewässerquerprofile einschließlich der durchströmten
Vorländer mit Hilfe der Manning-Strickler-Gleichung durch-
geführt. Ebenfalls Berücksichtigung fanden die auf hydrau-
lischer Grundlage berechneten Scheitelabflüsse (MÜNCH
u.a. 2002a,b; POHL, 2003a). In Abbildung 2-2 sind beispiel-
haft für den Pegel Dohna die hydraulischen Berechnungs-
ergebnisse (POHL, 2003a) und die Ergebnisse der N-A-Model-
lierung dargestellt. Die unterschiedlichen Berechnungsergeb-
nisse geben einen Anhaltspunkt für den Scheitelabfluss, auf
Grund dessen ein plausibler Wert festgelegt wurde.
2.1.2
Speicherinhaltsänderung der Stauanlagen
Die Ableitung von Abflussganglinien anhand von beobach-
teten Beckenwasserständen war möglich für Stauanlagen
(Talsperren oder Hochwasserrückhaltebecken) an denen die
Abbildung 2-2: Vergleich der nach verschiedenen Verfah-
ren ermittelten Scheitelabflüsse mit der
bisher gültigen W-Q-Beziehung am Pegel
Dohna an der Müglitz
W in cm
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
Q in m
3
/s
500
450
400
350
300
250
200
150
100
50
0
Stützstellen der W-Q-Beziehung
extrapolierte W-Q-Beziehung
HW 2002 (abgestimmt)
HW 2002 (N-A-Modell)
HW 2002 (hydraulisch)

 
Ganglinie des Beckeninhaltes H(t) während des Extrem-
ereignisses vom August 2002 beobachtet wurde und für
die die Beckeninhaltslinie V = f(H) sowie die Abgabecharak-
teristik Q
A
= f(H) bekannte Funktionen sind. In diesem Fall
konnten die Zufluss- und Abgabeganglinie Q
Z
= f(t) bzw.
Q
A
= f(t) iterativ berechnet werden. Im Vergleich zur Ablei-
tung anhand von Pegelaufzeichnungen hat diese Methode
den großen Vorteil, dass sie durch eine Bilanz abgesichert ist.
2.1.3
Niederschlags-Abfluss-Modellierung
Ergänzt wurden die im weitesten Sinne durch Messungen
ermittelten Abflussganglinien durch Abflussganglinien, die
mit Hilfe eines Niederschlags-Abfluss-Modells berechnet
wurden. Zu diesem Zweck wurden N-A-Modelle genutzt,
die auf der Basis der Software NASIM (HYDROTEC, 2002)
nach folgenden Grundsätzen aufgebaut wurden (WASY,
2003a):
Für jedes Einzugsgebiet wurde ein eigenes N-A-Modell
aufgebaut. Grundlage für die Teilgebietsgliederung in den
N-A-Modellen bildete das digitale Flächenverzeichnis des
LfUG.
Die Teilgebietsgrenzen für jedes Einzugsgebiet wurden
anschließend mit den Landnutzungs- und Bodendaten
verschnitten.
Die N-A-Modelle wurden durch weitere Daten kom-
plettiert: Laufzeit-Flächen-Funktionen und Rückgangs-
konstanten, mit denen die Abflusskonzentration be-
schrieben wird; Gerinnedaten zur Beschreibung des
Wellenablaufes. Schwierigkeiten gab es bei der Ab-
leitung repräsentativer Gewässerquerprofile; für die
meisten Simulationsteilgebiete musste deshalb mit fik-
tiven Gewässerquerprofilen gearbeitet werden.
Vor der Modellkalibrierung wurden die N-A-Modelle für
die Weißeritz, den Lockwitzbach und die Gottleuba um
Daten zur Beschreibung der Wirkung von Talsperren und
Hochwasserrückhaltebecken erweitert.
Mit den auf Grundlage von Niederschlägen und Ganglinien
des Hochwassers vom August 2002 kalibrierten N-A-Model-
len wurden im Untersuchungsgebiet für insgesamt 140
Gewässerquerschnitte Abflussganglinien berechnet. Für die
Abflussmodellierung wurden vorläufige Niederschläge ver-
wendet, die teilweise geringfügig von den in Kapitel 1 ver-
wendeten Gebietsniederschlägen abweichen. Die Ergeb-
nisse der Modellierung wurden in WASY (2003a) vorgestellt.
28

 
29
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
10
20
30
40
Niederschlag in mm
Niederschlag Gohrisch
Cunnersdorfer Bach (Pegel Cunnersdorf)
Cunnersdorfer Bach Mdg. Biela
Biela (Pegel Bielatal 1)
Biela (Pegel Königstein)
Tabelle 2-3:
Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet der Biela
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss
in m
3
/s
Cunnersdorf 1
Cunnersdorfer Bach
13.08., 07:00 Uhr
154
9
Bielatal 1
Biela
13.08., 05:00 Uhr
173
24
Abbildung 2-3: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für die Biela und ihren Zufluss Cunnersdorfer Bach
2.2
Verlauf des Hochwassers
in den einzelnen Einzugs-
gebieten
In diesem Abschnitt wird der Ereignisverlauf in den einzel-
nen Flussgebieten dargestellt. Ausgehend von den Scheitel-
wasserständen wurden über die W-Q-Beziehung und
hydraulische Berechnungen die Scheitelabflüsse bestimmt.
Zusätzlich sind die Modellierungsergebnisse der N-A-
Modelle für die Rekonstruktion und Beschreibung des Hoch-
wasserablaufs und zur Festlegung des Scheitelwertes ge-
nutzt worden.
2.2.1
Einzugsgebiet der Biela
Am Pegel Cunnersdorf 1 am Cunnersdorfer Bach und am
Pegel Bielatal 1 an der Biela wurde die Hochwasserwelle
einschließlich Scheitelwasserstand zuverlässig erfasst. Der
Hochwasserscheitel trat bei beiden Pegeln in den Morgen-
stunden des 13.August auf (siehe Tabelle 2-3).
Der Hochwasserverlauf ist aus den mittels N-A-Modell
simulierten Ganglinien in der Abbildung 2-3 dargestellt.
An
der Station Gohrisch im Einzugsgebiet der Biela fielen in
der Zeit vom 11. August bis 13. August 109 mm Niederschlag.
Der Gebietsniederschlag für die gesamte Biela wurde für
diesen Zeitraum mit 192 mm ermittelt. Diese Niederschläge
ließen die Biela und ihre Nebenflüsse bis in die Morgen-
stunden des 13. August stark anschwellen. In den engen
und tief eingeschnittenen Tälern der Biela und des Cunners-
dorfer Baches gibt es keine nennenswerten Retentions-
räume, so dass die Hochwasserwelle ungehindert abfließen
konnte.
Nach einer Vorwelle traten die Hochwasserscheitel von
Cunnersdorfer Bach und Biela am 13. August in der Frühe
nahezu gleichzeitig ein. Am Pegel Bielatal 1 floss dabei
doppelt so viel ab wie im Juli 1981, dem bisher größten
gemessenen Hochwasserereignis im Bielagebiet. In den
östlichen Teilen des Einzugsgebietes waren die Abflüsse
etwas geringer. Am Pegel Cunnersdorf 1 erreichte der
Scheitelabfluss vom August nur fast den Wert des Juli-
hochwassers 1981.

 
30
Talsperre
Gewässer
gewöhnlicher Hochwasser-
rückhalteraum nach Wasser-
recht bzw. Betriebsplan
in Mio. m
3
vorhandener Freiraum
zur Hochwasseraufnahme
am 12.08., 07:00 Uhr
in Mio. m
3
Hochwasserentlastung
Beginn
Ende
TS Gottleuba
Gottleuba
2,0
2,362
13.08., 04:20 Uhr
15.08., 07:50 Uhr
HRB Mordgrundbach
Mordgrundbach
1,15
1,15
nicht übergelaufen
HRB Buschbach
Bahra
2,4
2,4
13.08., 14:43 Uhr
14.08., 19:44 Uhr
HRB Liebstadt
Seidewitz
1,013
1,013
13.08., 04:35 Uhr
14.08., 05:00 Uhr
HRB Friedrichswalde-
Ottendorf
Bahre
1,453
1,453
13.08., 00:20 Uhr
14.08., 19:30 Uhr
Tabelle 2-5:
Hochwasserrückhalteräume und -entlastung der Talsperren und Hochwasserrückhaltebecken im Gottleuba-
gebiet (LTV, 2002)
2.2.2
Einzugsgebiet der Gottleuba
Der Hochwasserverlauf im Einzugsgebiet der Gottleuba
konnte vor allem mit den Werten der DFÜ, den Angaben
der Beobachter und auf der Grundlage der Wildbettabgabe
der Talsperre Gottleuba rekonstruiert werden (siehe Tabelle
2-4). Nur an der Seidewitz am Pegel Liebstadt wurde die
Wasserstandsganglinie während des Hochwassers nicht
vollständig erfasst. Der Schreibpegel hat den Verlauf zu-
verlässig bis 16:30 Uhr am 12. August aufgezeichnet. Bei
einem Wasserstand von 190 cm stieß die Schreiberspitze
an den oberen Rand der Trommel. Kurz danach kam es zur
pegelseitigen Zerstörung des Abflussprofils und das Pegel-
haus einschließlich der DFÜ wurde schwer beschädigt.
Das nach den Hochwasserereignissen 1957 und 1958 im
Einzugsgebiet der Gottleuba errichtete Hochwasserschutz-
system mit der Talsperre Gottleuba als Kernstück dämpfte
und verzögerte die Hochwasserwelle entscheidend. Zu
diesem System gehören weiterhin vier Hochwasserrück-
haltebecken im Einzugsgebiet der Gottleuba, die jedoch
nicht steuerbar sind und bis auf das HRB Buschbach als
Becken mit Teildauerstau betrieben werden. Die Hoch-
wasserrückhalteräume der 4 HRB Buschbach, Mordgrund-
bach,
Liebstadt, Friedrichswalde-Ottendorf standen am
12.August, 07:00 Uhr vollständig zur Verfügung. In der
TS Gottleuba stand außerdem ein zusätzlicher Freiraum
von fast 400.000 m
3
bereit, so dass der zur Hochwasser-
aufnahme insgesamt vorhandene Freiraum 118% des ge-
Tabelle 2-4:
Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet der Gottleuba
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss in
m
3
/s
Gottleuba 1
Gottleuba
13.08., zwischen
03:00 und 04:00 Uhr
126
60
Gottleuba 2
Oelsenbach
12.08., 19:30 Uhr
98
3
Gottleuba 3
Gottleuba
13.08., zwischen
09:30 und 14:00 Uhr
145
35
Neundorf
Gottleuba
13.08.,10:30 Uhr
250
135
Markersbach
Bahra
12.08., 20:00 Uhr
99
27
Liebstadt
Seidewitz
13.08., 06:30 Uhr
1)
251
45
1) abgeschätzte Scheiteleintrittszeit aus N-A-Modellierung

image
31
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
220
240
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
10
20
30
40
Niederschlag in mm
Niederschlag Bad Gottleuba TS
Gottleuba oh. Mdg. Bahra
Bahra, Mdg. Gottleuba
Gottleuba uh. Mdg. Bahra
Gottleuba, oh. Mdg. Seidewitz
Seidewitz, Mdg. Gottleuba
Gottleuba uh. Mdg. Seidewitz
Abbildung 2-4: Blick in die Bahnhofsstraße in Pirna
(parallel zur Gottleuba stromaufwärts)
(Foto: Lutz Hauptmann, 2002)
Abbildung 2-5: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für die Gottleuba, Seidewitz und Bahra
wöhnlichen Hochwasserrückhalteraums betrug (LTV, 2002).
Tabelle 2-5 gibt einen Überblick über die Inanspruchnahme
der Hochwasserentlastung der Speicher.
Infolge der von West nach Ost abnehmenden Nieder-
schläge kam es im Einzugsgebiet der Gottleuba zu einem
regional differenzierten Hochwasserverlauf, der mit Hilfe
der modellierten Abflussganglinien für die Gottleuba und
ihre wichtigsten Nebenflüsse, die Bahra und die Seidewitz,
in Abbildung 2-5 dargestellt ist. Besonders schwer vom
Hochwasser war das Einzugsgebiet der Seidewitz aber
auch das Stadtzentrum von Pirna unterhalb des Zusam-
menflusses von Gottleuba und Seidewitz betroffen (Ab-
bildung 2-4).
Auf Grund der Niederschlagsverteilung traten im gesamten
Einzugsgebiet zwei Hochwasserwellen hintereinander auf. In
der Seidewitz war die erste Hochwasserwelle am 12.August
die größere. In der Bahra und Gottleuba dagegen wurde die
erste Welle von der zweiten am 13.August übertroffen. Am
12.August trafen die fast gleich großen Hochwasserwellen
von Gottleuba und Seidewitz, die vor allem aus den Zwi-
scheneinzugsgebieten unterhalb der Speicher stammten, in
den Nachtstunden unmittelbar aufeinander. Das zeitgleiche
Aufeinandertreffen der Hochwasserscheitel wurde bei der
zweiten Hochwasserwelle am 13. August durch die Wirkung
der Hochwasserrückhaltebecken und der Talsperre Gottleuba
verhindert. Einerseits war es dabei möglich, die Hochwasser-
spitzen aus den jeweiligen Einzugsgebieten wirkungsvoll zu
kappen. Andererseits erfolgte auf Grund der Retentions-
wirkung der HRB und Talsperren eine Zeitverzögerung der
Hochwasserwellen. So konnte erreicht werden, dass die
Hochwasserscheitel aus den durch Stauanlagen geschützten
Einzugsgebieten und aus den Unterläufen nicht direkt auf-
einander trafen (siehe auch Abschnitt 2.5). Das HHW vom Juli
1927 mit W = 378 cm am Pegel Neundorf an der Gottleuba
wurde deshalb bei weitem nicht erreicht.

image
 
2.2.3
Einzugsgebiet der Müglitz
Die Schreibpegel im Oberlauf des Einzugsgebietes, Gei-
sing 1/Rotes Wasser, Lauenstein 1/Weiße Müglitz und
Lauenstein UP/Weiße Müglitz, haben den Verlauf dieses
Hochwassers vollständig aufgezeichnet. An den beiden
Lattenpegeln Lauenstein 2 und Mühlbach an der Müglitz
konnte kein Höchstwasserstand abgelesen werden, da die
Beobachter die Pegel nicht mehr erreichten.
Der Schreibpegel Dohna (siehe Abbildung 2-6) hat am
13.August bis in die frühen Morgenstunden den Wasser-
stand registriert. Danach wurde wahrscheinlich der Schwim-
mer blockiert. Der Pegel war nicht mit einer Umkehrspindel
ausgerüstet, so dass die Hochwasserspitze nicht erfasst
wurde. Die DFÜ setzte bereits am 12. August, um 15:00 Uhr
aus. Die Tabelle 2-6 enthält die ermittelten Scheitelabflüsse.
Im Einzugsgebiet der Müglitz gab es zum Zeitpunkt des
Hochwasserereignisses nur einen Speicher, das HRB Glas-
hütte am Brießnitzbach (Fertigstellung 1953).
Bereits wenige Stunden nach Zunahme der Niederschlagsin-
tensität am 12. August, gegen 05:00 Uhr setzte in den Ober-
läufen der Flüsse ein starker Anstieg der Wasserstände ein.
Am Pegel Geising 1 am Roten Wasser stieg innerhalb von
sechs Stunden, zwischen 06:00 und 12:00 Uhr, der Wasser-
stand um einen reichlichen Meter an (Abbildung 2-7).
Abbildung 2-8 zeigt ausgewählte mit dem N-A-Modell
berechnete Abflussganglinien für die Müglitz und ihren
wichtigsten Nebenfluss, das Rote Wasser. Der Scheitel
der Hochwasserwelle konnte sich relativ ungehindert fort-
pflanzen, da es an der Müglitz praktisch keine natürlichen
und künstlichen Retentionsräume gibt.
32
Tabelle 2-6:
Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet der Müglitz
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss in
m
3
/s
Lauenstein UP
Weiße Müglitz
12.08., ca. 23:00 Uhr
215
85
Lauenstein 1
Weiße Müglitz
13.08., ca. 04:00 Uhr
195
89
Lauenstein 2
Müglitz
13.08., ca. 01:00 Uhr
1)
– 160
Dohna
Müglitz
13.08., ca 05:30 Uhr
1)
450
400
Geising 1
Rotes Wasser
12.08., 23:00 Uhr
162
75
1) abgeschätzte Scheiteleintrittszeit aus N-A-Modellierung
Abbildung 2-6:
Der während des Hoch-
wassers überschwemmte
und mit Treibgut über-
lagerte Pegel Dohna
nach dem Hochwasser
(Foto: UBG, 2002)

image
33
0
50
100
150
200
250
300
350
400
0
5
10
15
20
25
30
35
40
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm/h
Niederschlag Dönschten
Rotes Wasser
Weiße Müglitz
Müglitz in Lauenstein
Müglitz oh. Glashütte
Müglitz in Weesenstein
Müglitz in Dohna
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abbildung 2-8: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für die Müglitz
Abbildung 2-7: Pegel Geising am Roten Wasser
am 12.08. (Foto: UBG, 2002)
Ungünstig für den Hochwasserablauf im Mittel- und Unter-
lauf der Müglitz war die fast zeitgleiche Überlagerung der
Abflussscheitel am Zusammenfluss von Weißer Müglitz und
Rotem Wasser. Der rasche Anstieg des Abflusses zu Be-
ginn des Hochwassers ist auf den erheblichen Beitrag des
Zwischeneinzugsgebietes unterhalb des Zusammenflusses
von Weißer Müglitz und Rotem Wasser zurückzuführen.
Gegen 02:30 Uhr am 13. August erreichte der Abflussschei-
tel Glashütte, gegen 03:00 Uhr Schlottwitz, gegen 04:30 Uhr
Weesenstein und gegen 05:30 Uhr schließlich Dohna. Für
den Mittel- und Unterlauf der Müglitz ergibt sich nach
den Berechnungen des N-A-Modells eine mittlere Scheitel-
geschwindigkeit von etwa 1,7 m/s.
Oberhalb Glashütte im Brießnitztal hielt der Damm des
HRB den Wassermassen nicht mehr stand und brach am
12. August, gegen 16:30 Uhr. Die daraus resultierende Flut-
welle ergoss sich durch das Stadtgebiet von Glashütte, ehe
sie die Müglitz erreichte. Während die Dammbruchwelle im
Brießnitztal erhebliche Schäden verursachte, hatte sie auf
das Abflussgeschehen in der Müglitz wenig Einfluss, da sie
das Tal vor Erreichen der eigentlichen Hochwasserwelle in
der Nacht vom 12. zum 13. August passiert hat, so dass der
Scheitelabfluss durch den Dammbruch nicht beeinflusst
wurde (siehe auch Abschnitt 7.1).

image
 
2.2.4
Einzugsgebiet des Lockwitzbaches
Die Hochwasserganglinie am Pegel Kreischa am Lockwitz-
bach konnte nicht vollständig auf dem Pegelbogen auf-
gezeichnet werden, da der Aufzeichnungsmaßstab zu
groß gewählt war. Mit Hilfe der DFÜ wurde die Gang-
linie rekonstruiert. Der Scheitel wurde am 13.August, kurz
nach 07:00 Uhr bei einem Wasserstand von 197 cm er-
reicht. Nach Aussage des Pegelbeobachters ist ein Teil
des Abflusses des Lockwitzbaches auf einer neben dem
Bach verlaufenden Straße um den Pegel herum geflossen.
In der folgenden Tabelle 2-7 ist der für den Pegel Kreischa
ermittelte Scheitelabfluss dargestellt. Der Scheitelwasser-
stand des 1995er Hochwassers wurde um 76 cm über-
troffen.
Oberhalb des Pegels, zwischen Niederfrauendorf und
Reinhardtsgrimma, befindet sich das Hochwasserrück-
haltebecken Reinhardtsgrimma, das ein grünes Becken
ohne Teildauerstau und ohne regulierbaren Grundablass
ist. Der Hochwasserrückhalteraum stand am 12. August
vollständig zur Verfügung. Am nächsten Tag, um 04:00 Uhr
lief das Becken über. Der Überlauf dauerte bis zum
14. August, um 02:00 Uhr (siehe Abbildung 2-9 und Ab-
schnitt 2.5).
Der Gebietsniederschlag im Einzugsgebiet des Lockwitz-
baches für die Zeit vom 11.August bis 13.August war
245 mm, damit 51 mm weniger als im Nachbargebiet der
Müglitz. Die maximalen Abflüsse im Lockwitzbach und
in den Nebenflüssen traten in den Morgenstunden des
13. August auf.
Die Abbildung 2-11, die neben der Zuflussganglinie zum
HRB Reinhardtsgrimma fünf ausgewählte Hochwasser-
ganglinien im Mittel- und Unterlauf des Lockwitzbaches
zeigt, veranschaulicht den simulierten Wellenablauf im
Lockwitzbach vom HRB bis zur Mündung. Im Mittellauf
sind die Maximalabflüsse erst während der zweiten Welle
der zweigipfligen Hochwasserganglinien aufgetreten, so
z.B. auch am Pegel Kreischa. Durch die Wirkung der
Wellenabflachung und die Überlagerung mit seitlichen
Zuflüssen wurden im Unterlauf des Lockwitzbaches be-
reits während der ersten Welle die Maximalabflüsse er-
reicht, so dass der Scheiteleintritt hier früher erfolgte als im
Oberlauf.
34
Tabelle 2-7:
Hochwasserscheitelabfluss Pegel Kreischa am Lockwitzbach
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss in
m
3
/s
Kreischa
Lockwitzbach
13.08., ca. 07:00 Uhr
197
45
Abbildung 2-9:
HRB Reinhardtsgrimma
zwischen Niederfrauendorf
und Reinhardtsgrimma
(Foto: Harald Weber, 2002)

image
35
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0
5
10
15
20
25
30
35
40
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
Niederschlag TS Malter
HRB Rheinhardtsgrimma
uh. Mdg. Hirschbach
Pegel Kreischa
uh. Mdg. Quohrener Bach
oh. Abzweig
Niedersedlitzer Flutgraben
Mündung
(Dresden-Kleinzschachwitz)
Abbildung 2-11: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für den Lockwitzbach
Abbildung 2-10: Lockwitzbach in der Ortslage Gombsen am 13.08. (Foto: Umweltamt Dresden, 2002)

image
image
 
2.2.5
Einzugsgebiet der Weißeritz
Von den 13 Schreibpegeln (davon 10 mit DFÜ) im Einzugs-
gebiet der Weißeritz wurden während des Hochwassers zwei
Pegel vollständig zerstört und drei Pegel überschwemmt bzw.
mit Geröll überlagert (siehe Tabelle 2-8). An sechs weiteren
Pegeln konnte der Hochwasserscheitel wegen der fehlenden
Umkehrspindeln nicht vollständig aufgezeichnet werden. Die
DFÜ brach an acht Pegeln vor Durchgang des Hochwasser-
scheitels zusammen. Nur an zwei Pegeln, Rehefeld und
Cotta, wurde die Wasserstandsganglinie kontinuierlich erfasst.
Abbildung 2-12 und Abbildung 2-13 zeigen drastisch die
Kraft des Wassers und der Geschiebemassen am Pegel
Ammelsdorf an der Wilden Weißeritz. Die linke Uferseite
und damit auch der Pegel wurden durch das Hochwasser
völlig zerstört.
Beim Pegel Schmiedeberg an der Roten Weißeritz wur-
den das Gewässerbett und der Pegel mit Geschiebe-
massen überfahren, so dass der Fluss sich einen neuen
Weg suchte (Abbildung 2-14).
36
Gewässer
Pegel
Pegelaufzeichnung
Wilde Weißeritz
Rehefeld 1
vollständige Erfassung der Ganglinie durch DFÜ und Schreibpegel
Wilde Weißeritz
Ammelsdorf
Aufzeichnungen DFÜ bis 12.08., 13:00 Uhr, Zerstörung des Pegels gegen 15:00 Uhr
Wilde Weißeritz
Lehnmühle
keine Aufzeichnung DFÜ, Schreibpegelaufzeichnungen ohne Scheitel
Wilde Weißeritz
Beerwalde
Aufzeichnung DFÜ bis 12. 08., 22:00 Uhr, Pegel überschwemmt
Wilde Weißeritz
Hainsberg 3
Aufzeichnungen DFÜ bis 12. 08., 23:00 Uhr, Schreibpegelaufzeichnung ohne Scheitel
Pöbelbach
Bärenfels
keine Schreibpegelaufzeichnungen, Pegel überschwemmt und von Geröll überlagert
Rote Weißeritz
Schmiedeberg
Aufzeichnungen DFÜ bis 12.08., 11:00 Uhr, Pegel überschwemmt und von Geröll überlagert
Reichstädter Bach
Reichstädt
Schreibpegelaufzeichnung ohne Scheitel
Rote Weißeritz
Dippoldiswalde 1
Aufzeichnungen DFÜ bis 12. 08., 11:00 Uhr, Schreibpegelaufzeichnung ohne Scheitel
Werksgraben
Dippoldiswalde 2
Schreibpegelaufzeichnung ohne Scheitel, Pegel überschwemmt und von Geröll überlagert
Rote Weißeritz
Hainsberg 1
Aufzeichnungen DFÜ bis 12. 08., 11:00 Uhr, völlige Zerstörung des Pegels
Vereinigte Weißeritz
Hainsberg 4
Aufzeichnungen DFÜ bis 12.08., 20:00 Uhr, danach Zerstörung des Radarsensors
Vereinigte Weißeritz
Cotta
kontinuierliche Erfassung der Ganglinie durch DFÜ und Schreibpegel
Tabelle 2-8:
Zusammenstellung der Pegelaufzeichnungen während des Augusthochwassers im Einzugsgebiet der Weißeritz
Abbildung 2-12: Pegel Ammelsdorf/Wilde Weißeritz am
12.08., 15:15 Uhr kurz vor der Zerstörung
(Foto: LTV, 2002)
Abbildung 2-13: Zerstörungen am Pegel Ammelsdorf/
Wilde Weißeritz (Foto: LTV, 2002)

image
37
Die gesamte Weißeritz wies Abflüsse in bisher unbe-
kanntem Maße auf. Dabei beeinflussten die Weißeritz-
talsperren Lehnmühle, Klingenberg und Malter den Hoch-
wasserablauf in dämpfender Weise. Die Hochwasserrück-
halteräume waren zu Beginn des Hochwasserereignisses
am 12. August, 07:00 Uhr vollständig frei. Darüber hinaus
stand in jeder Talsperre noch ein zusätzlicher Freiraum zur
Verfügung (Tabelle 2-10). Infolge der enormen Zuflüsse
kam es dennoch zum Abfluss über die Hochwasserentlas-
tungsanlage an allen drei Talsperren.
Die Wirkung der Talsperren lag weniger in der Scheitel-
reduzierung, sondern in der Beeinflussung der Ganglinien-
form und einer daraus resultierenden Verzögerung der
Hochwasserscheitel. Durch die zeitliche Verzögerung des
Hochwasserscheitels in der Wilden Weißeritz durch die Tal-
sperren Lehnmühle und Klingenberg wurde die zeitgleiche
Überlagerung der Hochwasserscheitel von Roter und Wil-
der Weißeritz am Zusammenfluss in Freital-Hainsberg ver-
hindert (siehe Abschnitt 2.5).
Abbildung 2-15 und Abbildung 2-16 zeigen die Überläufe
der Talsperren Malter und Klingenberg.
Im Oberlauf der Roten Weißeritz und deren Nebenflüssen
traten die Hochwasserscheitel bereits in den Abendstun-
den des 12.August auf (siehe Tabelle 2-9). In Dippoldis-
walde trat der Scheitel am 13. August nach Mitternacht auf,
in den frühen Morgenstunden am Zufluss zur TS Malter
und an der Talsperrenabgabe. Etwa um 07:00 Uhr erreichte
die Hochwasserwelle der Roten Weißeritz ihr Maximum
am Zusammenfluss mit der Wilden Weißeritz in Freital-
Hainsberg. Die Fortpflanzung der Welle an den genannten
Querschnitten zeigt die Abbildung 2-17.
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss
in m
3
/s
Rehefeld 1
Wilde Weißeritz
13.08., ca. 00:00 Uhr
150
65
Ammelsdorf
Wilde Weißeritz
13.08., ca. 00:00 bis 02:00 Uhr
1)
258
120
Beerwalde
Wilde Weißeritz
13.08., ca. 08:00 bis 10:00 Uhr
1)
304
154
Hainsberg 3
Wilde Weißeritz
13.08., 10:00 bis 12:00 Uhr
1)
251
220
Bärenfels
Pöbelbach
12.08., ca. 19:30 Uhr
1)
151
20
Schmiedeberg
Rote Weißeritz
12.08., ca. 20:30 Uhr
1)
380
140
Dippoldiswalde 1
Rote Weißeritz
13.08., ca. 01:00 bis 03:00 Uhr
1)
358
190
Hainsberg 1
Rote Weißeritz
13.08., ca. 07:00 Uhr
1)
_
260
Hainsberg 4
Vereinigte Weißeritz
13.08., ca. 12:00 bis 15:00 Uhr
1)
506
450
Cotta
Vereinigte Weißeritz
13.08., ca. 17:00 Uhr
430
450
2)
Tabelle 2-9:
Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet der Weißeritz
Die Hochwasserganglinie am Pegel Cotta in Dresden an
der Vereinigten Weißeritz wurde zwar vollständig aufge-
zeichnet, der Pegel erfasste aber nicht den Gesamtabfluss
der Weißeritz, da ein nicht unerheblicher Abflussanteil am
Weißeritzknick unterhalb der Kreuzung Kesselsdorfer –
Löbtauer Straße das Weißeritzbett verließ und durch das
Stadtgebiet nach Norden in Richtung Elbe floss. Der
Scheitelabfluss von 450 m
3
/s setzt sich hier zusammen
aus dem Abfluss, der tatsächlich am Pegelquerschnitt abge-
flossen ist (ca. 300 m
3
/s) und dem abgeschätzten Anteil,
der durch die Innenstadt Dresdens strömte (ca. 150 m
3
/s).
Tabelle 2-9 enthält die Scheitelabflüsse im Einzugsgebiet
der Weißeritz.
Abbildung 2-14: Pegel Schmiedeberg/Rote Weißeritz nach
dem Hochwasser (Foto: UBG, 2002)
1) abgeschätzte Scheiteleintrittszeit aus der N-A-Modellierung
2) Der Scheitelabfluss von 450 m
3
/s setzt sich zusammen aus dem Abfluss, der tatsächlich am Pegelquerschnitt abgeflossen ist (ca. 300 m
3
/s)
und dem Anteil, der durch die Innenstadt Dresdens strömte (ca. 150 m
3
/s).

image
image
In der Abbildung 2-18 sind die simulierten Hochwasser-
ganglinien aus dem Längsschnitt der Wilden Weißeritz dar-
gestellt, die deutlich die Beeinflussung des Wellenablaufs
durch die beiden Talsperren zeigen. Nachdem am Vormittag
des 13. August, gegen 10:00 Uhr der Hochwasserscheitel die
TS Klingenberg passierte, erreichte gegen Mittag die Hoch-
wasserwelle der Wilden Weißeritz ihr Maximum am Zu-
sammenfluss mit der Roten Weißeritz in Freital-Hainsberg.
In der Abbildung 2-19 ist die Überlagerung der Hoch-
wasserganglinien der Roten und Wilden Weißeritz am
Zusammenfluss dargestellt. Durch die deutliche Verzöge-
rung des Abflussscheitels in der Wilden Weißeritz wurde
ein zeitgleiches Zusammentreffen mit dem Scheitel der
Roten Weißeritz verhindert (vgl. Abschnitt 2.5). Für den
Pegel Hainsberg 4 unmittelbar unterhalb des Zusammen-
flusses wurde der Scheitelabfluss für die Vereinigte Weiße-
ritz von 450 m
3
/s am 13. August, gegen Mittag erreicht. Das
Extremereignis im Juli 1958 hat am Pegel Dölzschen an der
Vereinigter Weißeritz vergleichsweise „nur“ 230 m
3
/s er-
bracht. Am Pegel Cotta wurde der höchste Abfluss gegen
17:00 Uhr beobachtet.
Von den TS Malter und Klingenberg bis zur Vereinigung
von Roter und Wilder Weißeritz wurden Scheitellaufzeiten
zwischen zwei und drei Stunden ermittelt. Die Scheitel-
laufzeit der Weißeritz von der Vereinigung bis in das Stadt-
gebiet von Dresden ist schwierig einzuschätzen, da sich die
Hochwasserwelle enorm ausbreitete und nur ein Teil des
Wassers in Dresden-Cotta in die Elbe mündete.
38
Talsperre
Gewässer
gewöhnlicher Hochwasser-
rückhalteraum nachWasser-
recht bzw. Betriebsplan
in Mio. m
3
vorhandener Freiraum
zur Hochwasseraufnahme
am 12.08., 07:00 Uhr
in Mio. m
3
Hochwasserentlastung
Beginn
Ende
Talsperre Lehnmühle
Wilde Weißeritz
1,61/2,12
1)
3,822
12.08., 23:00 Uhr
14.08., 22:30 Uhr
Talsperre Klingenberg
Wilde Weißeritz
0,96/1,96
1)
2,23
13.08., 00:30 Uhr
21.08., 24:00 Uhr
Talsperre Malter
Rote Weißeritz
2,28
2,434
12.08., 20:15 Uhr
14.08., 20:00 Uhr
Tabelle 2-10:
Hochwasserrückhalteräume und -entlastung der Talsperren im Weißeritzgebiet (LTV, 2002)
1) Winterstau/Sommerstau
Abbildung 2-15: Überlauf der TS Klingenberg am 13.08.
(Foto: LTV, 2002)
Abbildung 2-16: Überlauf der TS Malter am 13.08.
(Foto: LTV, 2002)

39
0
35
70
105
140
175
210
245
280
0
10
20
30
40
Niederschlag Dönschten
Schmiedeberg
Dippoldiswalde
TS Malter Zufluss (Mauer)
Vereinigung mit Wilder Weißeritz
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
0
30
60
90
120
150
180
210
240
0
10
20
30
40
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
Niederschlag TS Klingenberg
Ammelsdorf
TS Lehnmühle Zufluss (Mauer)
TS Klingenberg Zufluss (Mauer)
Ortslage Tharandt
Vereinigung mit Roter Weißeritz
Abbildung 2-17: Mit dem N-A-Modell simulierte Ganglinien der Roten Weißeritz
Abbildung 2-18: Mit dem N-A-Modell simulierte Ganglinien der Wilden Weißeritz

40
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Wilde Weißeritz
Rote Weißeritz
Vereinigte Weißeritz
am Pegel Hainsberg 4
Abbildung 2-19: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien der Weißeritz – Überlagerung der Hochwasser-
ganglinien am Zusammenfluss von Roter und Wilder Weißeritz in Freital-Hainsberg

 
41
2.2.6
Einzugsgebiet der Wilden Sau
Im Einzugsgebiet der Wilden Sau existiert nur ein Latten-
pegel am Hauptwasserlauf der Wilden Sau in Wilsdruff. Für
das Hochwasserereignis vom August 2002 liegen keine
beobachteten Wasserstände vor, da der Pegel während
des Hochwassers nicht erreichbar war. Vom StUFA
Radebeul wurde bei einer nachträglichen Einmessung ein
Scheitelwasserstand von 309 cm ermittelt. Dieser Wert
liegt etwa einen halben Meter unter dem Höchstwasser-
stand von 1958. Ausgehend vom aufgenommenen Scheitel-
wasserstand und Abflussprofil wurde ein Scheitelabfluss
am Pegel Wilsdruff von 27 m
3
/s hydraulisch ermittelt. Die-
ser Wert wird durch das Ergebnis der N-A-Modellierung
bestätigt.
Die ergiebigen Niederschläge führten in der Wilden Sau in
den Abendstunden des 12.August zu einer außergewöhn-
lichen Hochwassersituation. Abbildung 2-20 zeigt drei mit
dem N-A-Modell für die Wilde Sau berechnete Hochwasser-
ganglinien. Demnach erreichte der Hochwasserabfluss im
Oberlauf am 12. August, bereits zwischen 17:00 und 18:00 Uhr
seinen Scheitel. Für den Pegel Wilsdruff wurde der Hoch-
wasserscheitel am 12. August, um 20:30 Uhr berechnet.
60
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
0
10
20
30
40
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
Niederschlag Grillenburg
oh. Mdg. Braunsdorfer Bach
Pegel Wildsdruff
Mündung in die Elbe
Abbildung 2-20: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für die Wilde Sau
Tabelle 2-11:
Hochwasserscheitelabfluss Pegel Wilsdruff an der Wilden Sau
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss in
m
3
/s
Wilsdruff
Wilde Sau
12.08., ca. 20:30 Uhr
1)
309
27
1) abgeschätzte Scheiteleintrittszeit aus der N-A-Modellierung

 
2.2.7
Einzugsgebiet der Triebisch
Am Pegel Herzogswalde 1 wurde die Wasserstandsgang-
linie vom Schreibpegel zuverlässig aufgezeichnet. An den
Pegeln Munzig 1 und Garsebach wurden die Scheitel nicht
erfasst, da am Schreibpegel keine Umkehrspindel vorhan-
den war. Am Pegel Munzig war es möglich, die fehlenden
Werte durch die DFÜ zu ergänzen.
Infolge der sehr ergiebigen Niederschläge, in Grillenburg
fielen am 12. August, bis 15:00 Uhr bereits mehr als 120 mm,
begann die Triebisch am gleichen Nachmittag immer stärker
anzuschwellen. Das Hochwasser erreichte in den Abend-
und Nachtstunden vom 12. zum 13. August seinen Höchst-
stand. Am Pegel Garsebach, oberhalb der Stadt Meißen,
wurde ein maximaler Wasserstand von 480 cm gemessen
(Tabelle 2-12), mehr als doppelt so hoch wie der bisher be-
obachtete Höchstwasserstand aus dem Jahr 1994.
Obwohl die Triebisch unterhalb des Tharandter Waldes ein
Sohlental mit vergleichsweise großen Überschwemmungs-
flächen ist, war die Retentionswirkung auf Grund der Fülle
der Hochwasserwelle nur gering und der Scheitel der
Hoch-
wasserwelle konnte sich relativ schnell und ungehindert fort-
pflanzen. Am Pegel Garsebach trat der Hochwasserscheitel
fast zeitgleich wie am oberhalb gelegenen Pegel Munzig 1
auf. Dabei wurde die Scheiteleintrittszeit am Pegel Garse-
bach auch durch den Zufluss der Kleinen Triebisch beein-
flusst.
Abbildung 2-21 zeigt die mit dem N-A-Modell berechneten
Hochwasserganglinien der Triebisch in Herzogswalde, Mun-
zig und Garsebach sowie der Kleinen Triebisch, dem größten
Zufluss zur Triebisch.
42
0
25
50
75
100
125
150
175
200
0
10
20
30
40
Niederschlag Grillenburg
Kleine Triebisch
Pegel Herzogswalde 1
Pegel Munzig 1
Pegel Garsebach
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
Abbildung 2-21: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für die Triebisch
Tabelle 2-12: Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet der Triebisch
1)
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss
in m
3
/s
Herzogswalde 1
Triebisch
12.08., 23:00 Uhr
209
65
Munzig 1
Triebisch
13.08., ca. 00:15 Uhr
367
160
Garsebach
Triebisch
13.08., 01:00 Uhr
480
200
1) Der Abflussbeitrag des Rothschönberger Stollens, der oberhalb des Pegels Munzig 1 in die Triebisch mündet, beträgt ca. 14 m
3
/s.

image
 
43
2.2.8
Einzugsgebiet des Ketzerbaches
Entlang des Ketzerbaches befinden sich zwei Pegel, ein
Lattenpegel am Oberlauf in Ziegenhain und ein Schreib-
pegel am Unterlauf in Piskowitz. Am Lattenpegel in Ziegen-
hain wurde, nachdem am 12.August, um 15:50 Uhr die
Alarmstufe 4 erreicht worden war, etwa im Stundentakt
der Wasserstand abgelesen. Der maximale Wasserstand
von 280 cm wurde am 12.August, um 19:40 Uhr gemel-
det. Der Pegel Piskowitz 1 wurde im Laufe des 12. August
mit Schlamm- und Sandmassen verschüttet (siehe Abbil-
dung 2-22). Die Aufzeichnung der Wasserstandsganglinie
auf dem Pegelbogen reichte deshalb nur bis 18:30 Uhr. Im
Nachhinein wurde ein Wasserstand von 300 cm einge-
messen. Die Scheitelabflüsse sind in der Tabelle 2-13 dar-
gestellt.
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
110
120
0
10
20
30
40
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Niederschlag in mm
Niederschlag Grillenburg
Pegel Ziegenhain
Leuben (uh. Mdg. Dreißiger Wasser)
Mertitz (uh. Käbschützer Bach)
Zehren (Mündung in die Elbe)
Abbildung 2-23: Mit dem N-A-Modell simulierte Hochwasserganglinien für den Ketzerbach
Tabelle 2-13:
Übersicht über die Hochwasserscheitelabflüsse an den Pegeln im Einzugsgebiet des Ketzerbaches
Pegel
Gewässer
Scheiteleintrittszeit
Scheitelwasserstand
in cm
Scheitelabfluss
in m
3
/s
Ziegenhain
Ketzerbach
12.08., 19:40 Uhr
280
30
Piskowitz 1
Ketzerbach
12.08., ca. 00:00 Uhr
1)
300
90
1) abgeschätzte Scheiteleintrittszeit aus der N-A-Modellierung
Abbildung 2-22: Pegelhaus und Messsteg der Pegelanlage
Piskowitz 1 während des Hochwassers
(Foto: UBG, 2002)

 
Das Landratsamt des Landkreises Meißen beschreibt die
Hochwassersituation im Einzugsgebiet des Ketzerbaches
wie folgt (Quelle:
http://www.kreis-meissen.de/hochwasser):
„…Während große Überschwemmungen in der Gemeinde
Ketzerbachtal sich vor allem auf die Orte Pinnewitz und Zie-
genhain beschränkten, nahm das Ausmaß der Überschwem-
mung in den betroffenen Orten der Gemeinden Leuben-
Schleinitz, Lommatzsch und Diera-Zehren die Dimension
des Großhochwassers von 1941 an. Der Ketzerbach
weitete
sich in diesen Orten zu einem zum Teil mehrere hundert
Meter breiten Strom.“Trotz dieser beträchtlichen Ausuferun-
gen ist im Ketzerbach die Hochwasserwelle relativ schnell
abgelaufen.
Abbildung 2-23 zeigt vier mit dem N-A-Modell berechnete
Hochwasserganglinien. Demnach trat der Hochwasser-
scheitel am Pegel Ziegenhain am 12. August, um 20:00 Uhr
auf. Nach 10 km Fließweg erreichte der Scheitel 3 Stunden
später die Mündung des Käbschützer Baches. Auf den rest-
lichen 8 km bis zur Mündung in die Elbe betrug die Scheitel-
laufzeit etwa 3
1/2
Stunden.
2.3 Analyse und Darstellung
der Abflussspenden
Um die Hochwassercharakteristik der untersuchten Ein-
zugsgebiete untereinander vergleichen zu können, wurden
die Hochwasserabflussspenden Hq ermittelt. Die aus den
Berechnungen der N-A-Modelle abgeleiteten Abflussspen-
den bewegen sich in Abhängigkeit von der Einzugsgebiets-
größe etwa zwischen 300 l/(s·km
2
) und 3.000 l/(s·km
2
).
Die größte Abflussspende mit 3.026 l/(s·km
2
) wurde für
den Hüttenbach im Einzugsgebiet des Pegels Geising 1 am
Roten Wasser ausgewiesen. Damit konnten die nach ersten
Einschätzungen berechneten maximalen Abflussspenden
von 4.500 bis 5.000 l/(s·km
2
) in den Einzugsgebieten der
Oberläufe der Müglitz und der Roten Weißeritz bis 10 km
2
(MÜNCH u.a., 2002b), die über hydraulische Berechnun-
gen auf der Basis von Gewässervermessungen im Zeit-
raum von August bis November 2002 ermittelt worden
waren, durch die N-A-Modellierung nicht bestätigt werden.
Mögliche Gründe sind:
44
100
1000
10000
1
10
100
1000
A
Eo
in km
2
Hq in l/(s
.
km
2
)
Biela
Gottleuba
Müglitz
Lockwitzbach
Weißeritz
Wilde Sau
Triebisch
Ketzerbach
Abbildung 2-24: Hüllkurven der Abflussspenden aus der N-A-Modellierung für die Biela, die Gottleuba, den Lockwitzbach,
die Weißeritz, die Wilde Sau, die Triebisch und den Ketzerbach

45
1. Unsicherheiten bei der Profilaufnahme,
2. Querschnittsveränderung,
3. Unsicherheiten in den Modellen (N-A-Modell und Para-
metrisierung des hydraulischen Modells).
Bei den Abflussspenden gibt es, wie erwartet, signifikante
Unterschiede zwischen den einzelnen Flussgebieten, die
auf die Niederschlagsverteilung in den untersuchten Ge-
bieten zurückzuführen sind. Besonders hohe Abfluss-
spenden werden für die Müglitz, die Wilde Weißeritz und
die Rote Weißeritz ausgewiesen. Relativ niedrig sind da-
gegen die Abflussspenden für den Ketzerbach und die
Biela. Für jedes Flussgebiet wurde eine Hüllkurve der
Abflussspenden des Hochwassers 2002 aufgestellt (Ab-
bildung 2-24).
Mathematische Grundlage für die Konstruktion der Hüll-
kurven bildete die Potenzfunktion Hq =
_
· A
Eo
–0,25
nach
BIEDERMANN (1992) mit der Hochwasserabflussspende
Hq in l/(s·km
2
), der Einzugsgebietsfläche A
Eo
in km
2
und
dem dimensionslosen Lageparameter _.
Prinzipiell ist die Lage der Hüllkurven ein Maß für die
Schwere des Hochwasserverlaufs im August 2002. So-
wohl die Hüllkurven im östlichen Teil des Untersuchungs-
gebietes (Biela) als auch die im westlichen Teil (Ketzer-
bach) zeigen das erwartete Verhalten. Die Hüllkurven für
die Müglitz und für die Weißeritz liegen fast aufeinander –
ein Indiz für einen ähnlich schweren Hochwasserablauf in
beiden Flussgebieten.
Maßgebend für die Lage der einzelnen Hüllkurven in Abbil-
dung 2-24 waren in jedem Flussgebiet Berechnungsquer-
schnitte im Unterlauf der Flüsse mit relativ großen Ein-
zugsgebieten. Dies ist für ein Hochwasserereignis wie das
vom August 2002, das durch einen lang anhaltenden,
flächendeckenden Niederschlag ausgelöst wurde, erklär-
bar. Umgekehrt erscheint es ebenso plausibel, dass die
Datenpunkte, die Berechnungsquerschnitte mit kleinen
Einzugsgebieten repräsentieren, mehr oder weniger deut-
lich unter den Hüllkurven liegen, denn für kurze Nieder-
schlagsdauern, die entscheidend für kritische Scheitel-
abflüsse in kleinen Einzugsgebieten sind, erreichten die
10
100
1000
10000
100000
1
10
100
1000
AEo
in km
2
Hq in l/(s
· km
2
)
HHq nach WUNDT
mmHq nach DYCK u.a.
Hq(10000) nach KLEEBERG und SCHUMANN
Hq(2002)
HW 1927 nach FICKERT
Abbildung 2-25: Vergleich der Abflussspenden des Augusthochwassers Hq (2002) aus der N-A-Modellierung mit extremen
Spendenwerten und Hüllkurven
1)
1) Für die Analyse des Hochwassers von Müglitz und Gottleuba 1927 in FICKERT (1934) wurden Rauhigkeitsbeiwerte im Bereich von p = 1,75 (nach Bazin),
n = 0,03…0,04 (nach Kutter-Ganguillet) und m = 2,5 (nach Kutter) verwendet. Diese entsprechen einem Manning-Strickler-Beiwert kSt von 30 m
1/3
/s,
der nach den Erfahrungen mit Durchflussbestimmungen auf hydraulischer Grundlage bei diesem Hochwasser und denen der jüngeren Vergangenheit
(BÜTTNER u.a., 2001) für unausgebaute Gewässerprofile in der Regel zu hoch angesetzt ist.

 
Niederschlagsintensitäten während des Augusthochwassers
2002 keine außergewöhnlich hohen Werte. So lag der
maximale Stundenniederschlag an der Station Zinnwald-
Georgenfeld im August 2002 bei 30,2 mm. Dagegen fielen
im Zentrum des Niederschlagsgebietes, das im Juli 1927
ein Extremhochwasser in den Einzugsgebieten von Gott-
leuba und Müglitz verursachte, innerhalb von 25 Minuten
113 mm Niederschlag (FICKERT, 1934). Folgerichtig liegen
für dieses Hochwasserereignis die nach Aufnahme der
Abflussprofile mit empirischen Fließformeln geschätzten
Abflussspenden, die in Abbildung 2-25 für verschiedene
Berechnungsprofile als Mittelwerte mit Kleinst- und
Höchstwert dargestellt wurden, deutlich über den Spen-
den von Müglitz und Gottleuba im August 2002, zumindest
für Einzugsgebiete bis etwa 50 km
2
.
Die Lage der Hüllkurven wird neben der Niederschlags-
belastung auch von den Gebietseigenschaften der einzel-
nen Einzugsgebiete bestimmt. Dazu gehören neben den
natürlichen Faktoren wie Vegetation und Bodeneigenschaf-
ten auch anthropogene Beeinflussungen durch Bebauung
oder künstliche Speicher. Für das Augusthochwasser wird
die Lage der Hüllkurve maßgeblich durch die Scheitel min-
dernde Wirkung der vorhandenen Speicher, wie in der Gott-
leuba aber auch in der Weißeritz, beeinflusst.
In Abbildung 2-25 werden für die wichtigsten Pegel im
Untersuchungsgebiet die mit den N-A-Modellen berech-
neten Abflussspenden des Augusthochwassers 2002 mit
Referenzwerten verglichen. Als Referenzwerte dienen die
mit dem Extrapolationsverfahren von KLEEBERG und
SCHUMANN (2001) berechneten Abflussspenden für ein
10.000-jährliches Ereignis (WASY, 2003b). Außerdem wer-
den für den Vergleich die Hüllkurven der Abflussspenden für
das maximal mögliche Hochwasser (DYCK u.a., 1980) heran-
gezogen, die für den Süden der ehemaligen DDR abgeleitet
wurden. Durch aktuelle Berechnungen mit den hier verwen-
deten N-A-Modellen wurde die von DYCK (1980) aufgestellte
Hüllkurve prinzipiell bestätigt (WASY, 2003a). Zur Orientie-
rung wurde auch die Hüllkurve der größten beobachteten
Abflussspenden der Erde (WUNDT, 1965) dargestellt.
Abbildung 2-25 zeigt auch, dass es sich beim August-
hochwasser 2002 nicht um ein Ereignis in der Größenord-
nung eines 10.000-jährlichen oder eines maximal möglichen
Hochwassers gehandelt hat. Sowohl die Datenpunkte der
Hq
10000
(KLEEBERG und SCHUMANN, 2001) als auch die
Hüllkurve des maximal möglichen Hochwassers (DYCK
u. a., 1980) werden durch die Abflussspenden des 2002er
Hochwassers zum Teil deutlich unterschritten.
2.4
Analyse und Darstellung
der Abflussfüllen und
-beiwerte
Das Hochwasserereignis ist neben den extremen Scheitel-
abflüssen vor allem durch die große Fülle der Hochwasser-
wellen charakterisiert. Die räumliche Differenzierung der
Füllen wie auch der Abflussbeiwerte ist in erster Linie
Resultat der räumlichen Verteilung der Hochwasser auslö-
senden Niederschläge. Für ausgewählte Pegelquerschnitte
sind die Abflussfüllen und Abflussbeiwerte in Tabelle 2-14
enthalten. Für die Einschätzung des Gebietsrückhaltes
wurde die Differenz aus Gebietsniederschlag und der
Abflusshöhe gebildet. Diese Werte sind ebenfalls in der
Tabelle 2-14 dargestellt.
Die Höhe des maximalen Gebietsrückhaltes (Grundwasser-
speicher, Bodenspeicher, Oberfläche) steht in charakteris-
tischer Abhängigkeit zu den Gebietseigenschaften. Auf
Grund des Festgesteines mit der Auflage geringmächtigen
Gesteinszersatzes, einer hohen Reliefenergie und Gewäs-
sernetzdichte wird im Osterzgebirge (Gottleuba, Müglitz,
Weißeritz, Oberlauf der Triebisch) der maximal mögliche
Gebietsrückhalt geringer sein als in den Einzugsgebieten
des Elbsandsteingebirges (Biela) oder des Lößhügellandes
(Ketzerbach). Der während des Augusthochwassers tat-
sächlich wirksam gewordene Gebietsrückhalt wurde durch
die Höhe des Gebietsniederschlags beeinflusst. Oro-
graphisch bedingt trafen im Osterzgebirge die höchsten
Werte des Gebietsniederschlags auf den geringeren mög-
lichen Gebietsrückhalt, während die höhere Fähigkeit des
Gebietsrückhaltes, wie im Elbsandsteingebirge oder im
Lößhügelland, von nicht so hohen Gebietsniederschlägen
beansprucht wurde. Basierend auf der Analyse der Gang-
linien ist anzunehmen, dass der Gebietsrückhalt in den Ein-
zugsgebieten von Müglitz und Weißeritz bis zum Mittag
des 12.August 2002 ausgeschöpft war. Der weitere
Niederschlag kam ab diesem Zeitpunkt voll zum Abfluss.
Daran gekoppelt traten in diesen Flussgebieten die größ-
ten Abflussbeiwerte und -füllen auf. In den Einzugsgebie-
ten von Biela, Cunnersdorfer Bach und Ketzerbach ist anzu-
nehmen, dass das Ausschöpfen des möglichen Gebiets-
rückhaltes nicht eingetreten ist. Die weiteren in Tabelle 2-14
enthaltenen Einzugsgebiete ordnen sich zwischen diesen
beiden Zuständen ein.
In der Abbildung 2-26 sind die auf Basis der Teilgebiete der
N-A-Modelle abgeleiteten Abflussbeiwerte dargestellt. Die
Abflussbeiwerte schwanken zwischen 10% und 90%.
Die höchsten Abflussbeiwerte treten im Kern des Nieder-
schlagsgebietes auf. Neben den Ereignisniederschlägen wer-
den die Abflussbeiwerte von der Landnutzung, der Boden-
art und -mächtigkeit, der Orographie und der Vorfeuchte des
Gebietes beeinflusst.
Um die Abhängigkeit der Abflussbeiwerte von der Vor-
feuchte zu untersuchen, werden als Ersatzgröße für die
46

image
47
Vorfeuchte die Niederschlagssummen der ersten August-
dekade herangezogen. Tabelle 1-1 im Kapitel Meteorologie
enthält eine entsprechende Übersicht für die einzelnen
Flussgebiete. Nicht immer ergibt sich dabei ein wider-
spruchsfreies Bild, weil sich in den Einzugsgebieten die
verschiedenen Einflussfaktoren überlagern. Am eindeutigs-
ten erscheint der Zusammenhang zwischen Vorfeuchte und
Abflussbeiwert für das Einzugsgebiet der Biela. Hier kann
vermutet werden, dass die geringen Abflussbeiwerte auch
auf eine relativ geringe Vorfeuchte zurückzuführen sind.
1) Abflussfüllen und -beiwerte durch Rückhalt in Talsperren und HRB beeinflusst
2) Gebietsniederschlag aus WASY (2003a)
Pegel
Gewässer
Einzugsgebiet
A
Eo
im N-A-
Modell in km
2
Gebiets-
niederschlag
2)
in mm
Abfluss-
fülle
in Mio. m
3
Abfluss-
höhe
in mm
Abfluss-
beiwert
in %
Gebiets-
rückhalt
in mm
Bielatal 1
Biela
37
196
1
52
27
143
Cunnersdorf 1 Cunnersdorfer Bach
29
165
1
39
24
126
Neundorf
1)
Gottleuba
132
229
14
108
47
121
Liebstadt
1)
Seidewitz
24
253
3
141
56
111
Dohna
Müglitz
192
298
37
195
66
102
Kreischa
Lockwitzbach
43
259
5
127
49
131
Hainsberg 1
1)
Rote Weißeritz
159
281
28
177
63
103
Hainsberg 3
1)
Wilde Weißeritz
162
296
27
168
57
127
Hainsberg 4
1)
Vereinigte Weißeritz
329
284
56
170
60
113
Wilsdruff
Wilde Sau
26
220
2
86
39
133
Garsebach
Triebisch
165
232
16
97
42
134
Piskowitz 1
Ketzerbach
157
172
8
57
33
115
Tabelle 2-14:
Gebietsniederschlag, Abflussfüllen, Abflusshöhen, Abflussbeiwerte und Gebietsrückhalt für ausgewählte
Pegel (Zeitraum vom 11.08., 07:00 Uhr bis zum 15.08., 07:00 Uhr)
Abbildung 2-26: Flächenhafte Verteilung der Abflussbeiwerte im Untersuchungsgebiet

 
2.5
Darstellung des Einflusses
der Talsperren und der
Hochwasserrückhaltebecken
In den meist engen Tälern der Gottleuba, Müglitz, Lockwitz
und Weißeritz und ihrer Zuflüsse gibt es nur wenige
Flächen, die auf natürliche Weise zur Retention des Hoch-
wasserabflusses beitragen. Deshalb sind die Talsperren und
Rückhaltebecken in diesen Einzugsgebieten von großer
Bedeutung für den Hochwasserschutz. Die wichtigsten im
August 2002 geltenden Kenngrößen der Stauanlagen sind
der Tabelle 2-15 zu entnehmen.
Zur Beurteilung der Wirksamkeit der vorhandenen Stau-
anlagen in den Einzugsgebieten wurde mit dem N-A-Modell
der Hochwasserablauf ohne Berücksichtigung der Reten-
tion der Stauanlagen berechnet und dem tatsächlichen
Hochwasserablauf gegenübergestellt. Für die Bewertung
der zukünftigen Wirksamkeit des sich im Bau befindlichen
HRB Müglitztal an der Weißen Müglitz bei Lauenstein, kurz
vor Zusammenfluss mit dem Roten Wasser, wurde mit
dem N-A-Modell der Hochwasserablauf unter Berücksichti-
gung der Retentionswirkung des HRB berechnet. Für das
HRB Müglitztal wurde dabei ein Gewöhnlicher Hochwas-
serschutzraum I
GHR
von 5,01 Mio. m
3
angesetzt.
Abbildung 2-27 zeigt die Hochwasser dämpfende Wirkung
des vorhandenen Speichersystems im Einzugsgebiet der
Gottleuba
. Durch die beiden HRB Liebstadt und Friedrichs-
walde-Ottendorf wird der Scheitelabfluss in der Seidewitz
um mehr als 50 m
3
/s von 158 m
3
/s auf 104 m
3
/s reduziert
und die Abflussfülle bis zum 15. August, 00:00 Uhr um 15%.
Durch die TS Gottleuba und die beiden HRB Buschbach und
Mordgrundbach wird der Scheitelabfluss in der Gottleuba
oberhalb der Seidewitz um mehr als 60 m
3
/s von 180 m
3
/s
auf 116 m
3
/s reduziert und die Abflussfülle bis zum 15. August,
00:00 Uhr um 24%. Unterhalb der Seidewitz beträgt die
Scheitelreduzierung in der Gottleuba fast 120 m
3
/s (von
332 m
3
/s auf 213 m
3
/s). Die Abflussfülle bis zum 15. August,
00:00 Uhr wird um 20% verringert.
Ohne das Speichersystem hätte das Augusthochwasser von
2002, das in der Größenordnung des Hochwassers von 1897
lag, im Ausmaß fast wie die Katastrophen von 1927 oder
1957 sein können.
Weiter zeigen die Berechnungen (Abbildung 2-28), dass
durch das HRB Müglitztal der Scheitelabfluss in der Weißen
Müglitz
um mehr als 50 m
3
/s von 93 m
3
/s auf 39 m
3
/s redu-
ziert worden wäre. Etwa 50% hätte die Scheitelreduzierung
für die Müglitz in Lauenstein, unterhalb des Zusammenflus-
ses von Weißer Müglitz und Rotem Wasser, betragen.
Hier macht sich Scheitel mindernd nicht nur die Reduzierung
des Abflussscheitels in der Weißen Müglitz bemerkbar, son-
dern auch die starke zeitliche Verzögerung der Hochwasser-
welle. Dadurch kommt es am Zusammenfluss von Weißer
Müglitz und Rotem Wasser nicht mehr zu der sehr ungüns-
tigen fast zeitgleichen Überlagerung der Abflussscheitel.
Mit dem HRB wäre der Abflussscheitel in der Weißen Müg-
litz unterhalb des HRB erst am 13. August, um 17:00 Uhr ein-
getreten, also 18,5 Stunden nach dem Scheiteldurchgang im
Roten Wasser. In Lauenstein wäre der Abflussscheitel fast
um die Hälfte reduziert worden und die Abflussfülle um 35%.
48
Tabelle 2-15:
Wichtige Kenngrößen der Stauanlagen im Untersuchungsgebiet
Flussgebiet
Gewässer
Stauanlage
A
Eo
in km
2
Speicherraum
in Mio. m
3
1)
I
GHR
in Mio. m
3
4)
in Betrieb
seit
Gottleuba
Gottleuba
TS Gottleuba
35,7
12,97
2
1974
Seidewitz
HRB Liebstadt
11,6
1,1
1,01
1967
Bahre
HRB Friedrichswalde-Ottend.
26,9
1,53
1,45
1970
Mordgrundbach
HRB Mordgrundbach
14
1,27
1,15
1966
Bahra
HRB Buschbach
27,4
2,4
2,4
1963
Müglitz
Brießnitzbach
HRB Glashütte
11
0,07
0,07
1953
Weiße Müglitz
HRB Müglitztal (z.Zt. im Bau)
38,4
3)
Lockwitzbach
Lockwitzbach
HRB Reinhardtsgrimma
8,5
0,38
0,38
1969
Weißeritz
Wilde Weißeritz
TS Lehnmühle
60,4
21,86
1,606/2,116
2)
1931
TS Klingenberg
89,4
16,38
0,96/1,96
2)
1914
Rote Weißeritz
TS Malter
104,6
8,78
2,28
1913
1) Verzeichnis der Stauanlagen der LTV
2) Sommerstau/Winterstau
3) Pegel Lauenstein UP
4) festgelegter Gewöhnlicher Hochwasserschutzraum (I
GHR
) laut bestehendem Wasserrecht im August 2002

49
0
50
100
150
200
250
300
350
400
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
Seidewitz bis zur Gottleuba (Ist-Zustand)
Seidewitz bis zur Gottleuba ohne Speicher
Gottleuba oh. der Seidewitz (Ist-Zustand)
Gottleuba oh. der Seidewitz ohne Speicher
Gottleuba uh. der Seidewitz (Ist-Zustand)
Gottleuba uh. der Seidewitz ohne Speicher
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
Rotes Wasser
Weiße Müglitz (Ist-Zustand)
Weiße Müglitz mit HRB
Müglitz in Lauenstein (Ist-Zustand)
Müglitz in Lauenstein mit HRB
Abbildung 2-27: Vergleich des Hochwasserablaufs an der Mündung der Seidewitz in die Gottleuba mit (Ist-Zustand) und
ohne Wirkung der vorhandenen Speicher
Abbildung 2-28: Vergleich der berechneten Abflussganglinien am Zusammenfluss von Weißer Müglitz und Rotem Wasser
bei Lauenstein ohne HRB Müglitztal (Istzustand) und mit HRB Müglitztal

Auch im Mittel- und Unterlauf der Müglitz ist die Abfluss min-
dernde Wirkung des HRB Müglitztal noch nachweisbar. In den
drei Ortschaften, auf die in Abbildung 2-29 Bezug genommen
wird, wären deutlich geringere Abflussscheitel aufgetreten.
Die Abflussfüllen wären um 22% oberhalb von Glashütte
und um 14% in Weesenstein und Dohna reduziert worden.
Außerdem ist ersichtlich, dass bei Vorhandensein des HRB
Müglitztal die Welle aus der Weißen Müglitz, deren Scheitel
im Rückgang der mit HRB berechneten Ganglinien noch
ansatzweise zu erkennen ist, für den Hochwasserablauf im
Mittel- und Unterlauf ohne Bedeutung gewesen wäre. Mit
HRB wäre der Hochwasserablauf im Mittel- und Unterlauf
allein durch die Hochwasserwellen des Roten Wassers und
der seitlichen Zuflüsse zur Müglitz geprägt worden.
Auch mit dem HRB Müglitztal wären dennoch weiträumige
Ausuferungen und Schäden infolge mangelnder Abfluss-
kapazität, Geschiebebewegungen beziehungsweise Treibgut
zu erwarten gewesen.
Im
Lockwitzbach
konnte das HRB Reinhardtsgrimma vor
allem den Hochwasseranstieg beeinflussen (Abbildung 2-30).
Der Scheiteleintritt in Kreischa konnte um 14 Stunden und
im Mündungsbereich um 4 Stunden verzögert werden. Die
Scheitel mindernde Wirkung des HRB im Unterlauf ist dabei
größer als im Mittellauf, da durch das HRB vor allem die
für die Scheitelausprägung im Unterlauf maßgebende erste
Abflusswelle gekappt wurde.
Die Wirkung der drei
Weißeritz
talsperren auf den Hoch-
wasserablauf ist in Abbildung 2-31 dargestellt. Die Talsperre
Malter konnte das Hochwassergeschehen in der Roten
Weißeritz, außer einer Scheitelverzögerung, kaum beein-
flussen. Mit den Talsperren Klingenberg und Lehnmühle war
vor allem eine zeitliche Verzögerung des Scheiteleintritts der
Wilden Weißeritz an der Vereinigung möglich. Außerdem
konnte der Hochwasserscheitel der Wilden Weißeritz am
Zusammenfluss fast um 1/3 reduziert werden, die Abfluss-
fülle um fast 20%.
Unmittelbar unterhalb des Zusammenflusses der Roten und
Wilden Weißeritz am Pegel Hainsberg 4 hat die Scheitel-
reduzierung in der Vereinigten Weißeritz durch die Talsperren
fast 100 m
3
/s betragen. Die Abflussfülle konnte um ca. 12%
verringert werden.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass während
des Augusthochwassers die insgesamt vier Talsperren und
sechs Hochwasserrückhaltebecken (siehe Tabelle 2-15) ihre
Bedeutung für die Hochwasserprävention gezeigt haben.
Die Wirkung der Talsperren bestand nicht nur in der Redu-
zierung der Scheitelabflüsse und Abflussfüllen sondern vor
allem in der zeitlichen Verzögerung der Hochwasserwelle,
um Überlagerungen der Hochwasserscheitel der Zuflüsse
zu verhindern. Das Ereignis hat aber auch gezeigt, dass die
Hochwasserschutzwirkung der Speicher an ihre Grenze
gestoßen ist, was besonders im Einzugsgebiet der Weiße-
ritz deutlich wird.
50
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
50
100
150
200
250
300
350
400
Müglitz oh. Glashütte (Ist-Zustand)
Müglitz oh. Glashütte mit HRB
Müglitz in Weesenstein (Ist-Zustand)
Müglitz in Weesenstein mit HRB
Müglitz in Dohna (Ist-Zustand)
Müglitz in Dohna mit HRB
Abbildung 2-29: Vergleich der berechneten Abflussganglinien im Mittel- und Unterlauf der Müglitz ohne HRB Müglitztal
(Ist-Zustand) und mit HRB Müglitztal

51
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
Kreischa (Ist-Zustand)
Kreischa (ohne Speicher)
Mündung
(Dresden-Kleinzschachwitz)
(Ist-Zustand)
Mündung
(Dresden-Kleinzschachwitz)
(ohne Speicher)
12.08.
00:00
12.08.
12:00
13.08.
00:00
13.08.
12:00
14.08.
00:00
14.08.
12:00
15.08.
00:00
Abfluss in m
3
/s
0
100
200
300
400
500
600
Wilde Weißeritz (Ist-Zustand)
Wilde Weißeritz (ohne TS)
Rote Weißeritz (Ist-Zustand)
Rote Weißeritz (ohne TS)
Vereinigte Weißeritz
am Pegel Hainsberg 4 (Ist-Zustand)
Vereinigte Weißeritz
am Pegel Hainsberg 4 (ohne TS)
Abbildung 2-30: Vergleich des Hochwasserablaufs in Kreischa und am Mündungsprofil mit (Istzustand) und ohne Wirkung
des vorhandenen Speichers
Abbildung 2-31: Vergleich des Hochwasserablaufs am Zusammenfluss der Roten und Wilden Weißeritz in Freital-Hainsberg
mit (Ist-Zustand) und ohne Wirkung der vorhandenen Speicher

2.6
Hochwasserstatistische
Einordnung des August-
hochwassers 2002
Die Berechnungen zur Bestimmung von Hochwasserscheitel-
abflüssen mit Wiederkehrintervall HQ(T) als Grundlage für
die Einordnung des Hochwassers wurden für Pegel mit Be-
obachtungsreihenlängen von
>
25 Jahre in Anlehnung an die
Empfehlungen des ATV-DVWK (WASY, 2003b) vorgenom-
men. Dazu erfolgte die Auswertung der Beobachtungsreihen
sowohl mit als auch ohne die Hochwasserscheitelabflüsse
vom August 2002.
Zur Bestimmung der HQ(T) wurde die Allgemeine Extrem-
wertverteilung unter Nutzung der wahrscheinlichkeits-
gewichteten Momentenmethode zur Parameterschätzung
verwendet. Die Untersuchungen basieren auf einer regional
konsistenten pegelstatistischen Analyse. Dabei wurde der
Stichprobeneffekt infolge unterschiedlich langer Beobach-
tungsreihen an den verschiedenen Pegeln besonders be-
rücksichtigt. Um das Augusthochwasser 2002 extremwert-
statistisch einordnen zu können, mussten die Verteilungs-
funktionen weit über den zulässigen Extrapolationsbereich,
der das zwei- bis dreifache der Reihenlänge beträgt (DVWK,
1999), extrapoliert werden. Bei den Pegeln in den Einzugs-
gebieten der linkselbischen Zuflüsse, die oftmals nur 30- bis
40-jährige Reihen vorweisen, beträgt demzufolge der zuläs-
sige Extrapolationsbereich etwa 100 Jahre.
Tabelle 2-16 zeigt die eingetretenen Änderungen der Hoch-
wassercharakteristika durch Einbeziehung des Hochwassers
2002 anhand des Verhältnisses der HQ(T), die auf der
Jahresreihe bis 2002 basieren, zu den HQ(T), ermittelt aus
den Jahres-HQ-Werten bis 2001.
Für die meisten Pegel treten deutliche signifikante Verände-
rungen der Quantile für Wiederkehrintervalle ab T = 20 a auf.
Für T = 2 bis 10 a gibt es erwartungsgemäß keine relevanten
Änderungen. Für alle anderen Wiederkehrintervalle liegen die
Quantile der verlängerten Reihe über denen, die auf Grund-
52
Pegel
Gewässer
Daten
dv-mäßig
erfasst
Verhältnis HQ(T) mit 2002 / HQ(T) ohne 2002 für T =
2a
5a
10a
20a
50a
100a 200a 500a 1.000a 10.000a
Bielatal 1
Biela
1965 1 1 1 2 2 2 3 4 5 11
Cunnersdorf 1
Cunnersdorfer Bach 1965 1 1 1 2 2 2 3 4 5 10
Gottleuba 1 Gottleuba
1972 1 1 1 2 2 3 4 5 7 19
Gottleuba 2 Oelsenbach
1973 1 1 1 2 2 3 3 4 6 14
Markersbach Bahra 1970 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2
Liebstadt 1
Gottleuba
1966 1 1 1 2 2 3 4 5 7 19
Neundorf Seidewitz 1927 1 1 1 1 2 2 2 2 3 4
Lauenstein 1 Weiße Müglitz 1971 1 1 1 2 2 3 3 5 6 17
Geising 1
Rotes Wasser 1966 1 1 1 2 2 2 3 4 5 11
Dohna Müglitz 1912 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2
Kreischa Lockwitzbach 1963 1 1 1 2 2 2 3 4 5 10
Rehefeld 1
Wilde Weißeritz 1961 1 1 1 1 2 2 2 3 3 6
Ammelsdorf
Wilde Weißeritz 1931 1 1 1 1 1 2 2 2 3 4
Beerwalde
Wilde Weißeritz 1915 1 1 1 1 2 2 2 3 4 7
Hainsberg 3
Wilde Weißeritz 1928 1 1 1 1 2 2 2 3 3 6
Bärenfels Pöbelbach 1966 1 1 1 2 2 3 3 4 6 14
Dippoldiswalde1+3 Rote Weißeritz
1915 1 1 1 1 2 2 2 2 3
4
Hainsberg 1
Rote Weißeritz 1928 1 1 1 1 2 2 3 3 4 8
Dölzschen/Cotta
Vereinigte Weißeritz 1929 1 1 1 1 2 2 3 4 5 11
Wilsdruff
Wilde Sau
1979 1 1 1 1 1 2 2 2 2 3
Garsebach Triebisch
1960 1 1 1 2 3 4 5 7 10 31
Piskowitz 1
Ketzerbach
1971 1 1 1 1 1 2 2 2 2 3
Tabelle 2-16:
Verhältnis HQ(T) mit und ohne dem Hochwasser 2002 für die linken Elbzuflüsse von der Biela bis zum Ketzerbach

53
lage der Reihe bis 2001 berechnet wurden, wobei die Unter-
schiede mit größer werdendem T stark zunehmen. So beträgt
das HQ(50), das auf der Jahresreihe bis 2002 basiert, im Mit-
tel über alle Pegel bereits das 2-fache des anhand der Jah-
resreihe bis 2001 berechneten HQ(50). Für T = 100, 1.000 und
10.000 a liegen diese mittleren Quotienten bei 2 und 4 bzw.
10. Grundsätzlich ist der Grad der Beeinflussung der Quantile
durch die Einbeziehung des Augusthochwassers 2002 in die
Extremwertstatistik abhängig von der Beobachtungsdauer
der Pegel. Für Pegel mit langen Reihen, an denen bereits vor
2002 extreme Hochwasser aufgetreten sind, z.B. Dohna,
bleibt die Beeinflussung der Quantile relativ gering. Für Pegel
mit kürzeren Reihen dagegen, an denen die zweit- und dritt-
größten Hochwasser deutlich geringer sind als das August-
hochwasser 2002, z.B. Garsebach, ergibt sich eine völlig
andere Charakteristik der Verteilungsfunktion der HQ(T).
Dies bestätigen auch die Ergebnisse der Untersuchun-
gen von MIEGEL und BÜTTNER (2003). Sie leiten aus
Untersuchungen im Muldegebiet folgende Schlussfolge-
rungen ab:
1. Das zufällige Auftreten einzelner Größtwerte im Beob-
achtungszeitraum kann das Analyseergebnis maßgeblich
beeinflussen. Belässt man Größtwerte im Datenkollek-
tiv, ergeben sich vielfach beträchtlich größere HQ(T).
Größtwerte sind deshalb einer detaillierten Betrachtung
hinsichtlich ihrer Genauigkeit zu unterziehen.
2. Die Bewertung einzelner Extremwerte als Ausreißer ver-
ändert sich, wenn im Laufe fortgesetzter Beobachtungen
weitere, besonders extreme Ereignisse in die Beobach-
tungen einbezogen werden können, d. h. einzelne HQ(a)
können dadurch ihren Status als Ausreißer verlieren. Um-
gekehrt sind Ausreißer umso wahrscheinlicher, je kleiner
die Stichproben sind.
3. Die Entfernung von Größtwerten erscheint insgesamt
nur dann als plausibel, wenn sie sich mit hoher statisti-
scher Sicherheit als Ausreißer erweisen oder kritische
Überprüfungen, wie die von Wasserstandsaufzeichnungen
oder Abflusskurven (DVWK, 1999), Hinweise auf Fehler
liefern.
Einzugsgebiet
Pegel
Gewässer
Wiederkehrintervall T in a
des Hochwassers 2002
Biela
Bielatal 1
Biela
5
100
Cunnersdorf 1
Cunnersdorfer Bach
50 – 100
Gottleuba
Gottleuba 1
Gottleuba
50 – 100
Gottleuba 2
Oelsenbach
100 – 200
Markersbach
Bahra
50 – 100
Neundorf
Gottleuba
50 – 100
Liebstadt 1
Seidewitz
100 – 200
Müglitz
Lauenstein 1
Weiße Müglitz
100 – 200
Geising 1
Rotes Wasser
100 – 200
Dohna
Müglitz
5
200
Lockwitzbach
Kreischa
Lockwitzbach
5
200
Weißeritz
Rehefeld 1
Wilde Weißeritz
5
100
Ammelsdorf
Wilde Weißeritz
200 – 500
Beerwalde
Wilde Weißeritz
200 – 500
Hainsberg 3
Wilde Weißeritz
200 – 500
Bärenfels
Pöbelbach
5
100
Dippoldiswalde 1+3
Rote Weißeritz
200 – 500
Hainsberg 1
Rote Weißeritz
5
500
Dölzschen (Cotta)
Vereinigte Weißeritz
5
500
Triebisch
Garsebach
Triebisch
200 – 500
Wilde Sau
Wilsdruff
Wilde Sau
50 – 100
Ketzerbach
Piskowitz 1
Ketzerbach
50 – 100
Tabelle 2-17:
Hochwasserstatistische Einordnung des Augusthochwassers 2002

 
In Tabelle 2-17 erfolgt die Zusammenstellung der hoch-
wasserstatistischen Einordnung des Augusthochwassers im
Untersuchungsgebiet.
Im Einzugsgebiet der Biela und im benachbarten östlichen
Teil des Gottleubaeinzugsgebietes wird das Augusthoch-
wasser in der Regel als ein etwa 50- bis 100-jährliches Er-
eignis eingeordnet. Weiter westwärts werden dem August-
hochwasser 2002 höhere Wiederkehrintervalle zugewiesen.
Im westlichen Teil des Gottleubaeinzugsgebietes (Seide-
witz), im Müglitzeinzugsgebiet sowie in dem an dieses Ge-
biet angrenzenden Einzugsgebiet des Lockwitzbaches wird
das Augusthochwasser als ein etwa 100- bis 200-jährliches
Ereignis eingeordnet.
Bereits im Müglitzgebiet ist eine Tendenz erkennbar, die für
das benachbarte Weißeritzeinzugsgebiet noch viel deutlicher
zum Tragen kommt: Die dem Augusthochwasser 2002 zu-
gewiesenen Wiederkehrintervalle sind für Pegel an den
Flussunterläufen höher als für Pegel im Oberlauf. Wird das
Augusthochwasser 2002 im Oberlauf des Weißeritzeinzugs-
gebietes als ein etwa 100-jährliches Ereignis eingeordnet,
so erhöhen sich die dem Augusthochwasser im Mittel- und
Unterlauf zugewiesenen Wiederkehrintervalle deutlich und
erreichen Werte bis maximal etwa 500 Jahre.
Auch im Unterlauf des westlich an das Weißeritzeinzugs-
gebiet angrenzenden Einzugsgebietes der Triebisch wird
dem Augusthochwasser 2002 mit etwa 200 bis 500 Jahren
ein relativ hohes Wiederkehrintervall zugewiesen. Leider
gibt es am Oberlauf der Triebisch keine Pegel, deren Beob-
achtungsreihen lang genug sind, um extremwertstatistisch
ausgewertet werden zu können. Im Einzugsgebiet der
Wilden Sau, das zwischen Weißeritz- und Triebischgebiet
liegt, und im Einzugsgebiet des Ketzerbaches werden dem
Augusthochwasser 2002 wieder kleinere Wiederkehrinter-
valle von etwa 50 bis 100 Jahren zugewiesen.
2.7
Waldwirkung
In den hier betrachteten Einzugsgebieten ist der Waldanteil
sehr heterogen wie der Tabelle 0-1 zu entnehmen ist. Er
schwankt zwischen 3% (Ketzerbach) und 86% (Biela). Ins-
gesamt beträgt der Anteil der Waldfläche der über 1.400 km
2
großen Fläche des Untersuchungsgebietes fast 40%. Auf
den Naturraum Osterzgebirge bezogen, in dem der über-
wiegende Teil der betrachteten Flusseinzugsgebiete liegt,
ist der Waldanteil für einen Naturraum im Mittelgebirge
sowohl in Sachsen als auch in Deutschland ungewöhnlich
niedrig.
Die Wirkung der Waldflächen besteht in einer Verzögerung
des gesamten oberirdischen Abflusses infolge erhöhter
Interzeption, geringerer Verschlämmungsneigung des Bo-
dens und damit intensiverer Versickerung sowie günstigerer
Gelände-Kleinformen (Senken, Mulden). Daneben ist das
Speichervermögen im Einzugsgebiet abhängig von der
Niederschlagsintensität und -dauer sowie von der Vor-
feuchte des Gebietes,
Landnutzung sowie der Beschaffenheit und Morphologie
des Bodens,
und der Orographie.
Die Wirkung des Waldes auf den Hochwasserabfluss ist
differenziert zu betrachten. Nicht jeder Wald kann Hoch-
wasserspitzen maßgeblich reduzieren. Sind die Böden
flachgründig, wie die oft geringmächtige Verwitterungs-
decke des im Osterzgebirge anstehenden metamorphen
Festgesteins, wird die Möglichkeit, Niederschläge zu spei-
chern und verzögert abzugeben auch mit einer Wald-
bedeckung nicht maßgeblich verbessert. Auf Böden mit
einer mittleren bis guten Speicherkapazität kann davon
ausgegangen werden, dass die Wirkung des Waldes bei
Hochwasser auslösenden Niederschlägen größer sein
wird. Nicht zuletzt wird die Wirkung des Waldes auf den
Hochwasserabfluss begrenzt, wenn lang anhaltende Nie-
derschläge auftreten, welche Böden mit und ohne Wald
aufzusättigen vermögen.
Auf Grund des außergewöhnlichen Ausmaßes des August-
hochwassers 2002 sind die Auswirkungen des Wald-
bestandes auf das Abflussgeschehen nicht relevant ge-
wesen.
2.8
Zusammenfassung
Das Ereignis ist neben den sehr hohen Scheitelabflüssen,
vor allem durch seine extremen Abflussfüllen und die lange
Dauer extremer Abflusshöhen gekennzeichnet. Auch im
Unterlauf der Gewässer war das Ereignis durch einen
außerordentlich schnellen Anstieg charakterisiert, der durch
den Niederschlag unmittelbar im Zwischeneinzugsgebiet
ausgelöst worden ist. Die ermittelten Scheitellaufzeiten
vom Oberlauf in den Unterlauf beschreiben das Abfluss-
geschehen deshalb nur unzureichend.
An fast allen Pegeln im Untersuchungsgebiet sind während
des Augusthochwassers Abflüsse weit über den bekann-
ten Werten aufgetreten. Die Ausnahmen sind der Pegel
Cunnersdorf 1 am Cunnersdorfer Bach und Pegel Neundorf
an der Gottleuba. In der Gottleuba war das Hochwasser
von 1927 bedeutend höher als das vom August 2002.
Ohne das Speichersystem im Einzugsgebiet der Gottleuba
hätte aber das Augusthochwasser von 2002, das in der
Größenordnung des Hochwassers von 1897 lag, im Aus-
maß fast wie die Katastrophen von 1927 oder 1957 sein
können. Die Talsperren zeigten eine positive Wirkung, aller-
dings kamen sie insbesondere im Weißeritzgebiet an die
Grenze ihrer Wirksamkeit.
Hochwasserstatistisch kann das Ereignis zwischen einem
200- bis 500-jährlichen im Mittel- und Unterlauf der Weiße-
ritz und im Unterlauf der Triebisch eingeordnet und als sehr
selten eingeschätzt werden. Für die Müglitz, Gottleuba und
54

55
den Lockwitzbach werden Wiederkehrintervalle von etwa
100 bis 200 Jahren zugewiesen und für die Biela, Wilde
Sau und den Ketzerbach 50 bis 100 Jahre.
Die Auswertung der Abflussspenden zeigt, dass diese deut-
lich unter den Hüllkurven nach Dyck und Wundt liegen
(DYCK u.a., 1980; WUNDT, 1965). Deshalb kann für die Zu-
kunft nicht ausgeschlossen werden,dass auch größere Ereig-
nisse als das Augusthochwasser 2002 auftreten können.
Während des Ereignisses sind sehr viele Pegel zerstört
und beschädigt worden, die Schreibpegelaufzeichnungen
und DFÜ fielen aus. Deshalb fehlten wichtige Grundlagen
für die Auswertung des Hochwassers. Die Auswertung
wurde außerdem erschwert, da für alle Pegel im Unter-
suchungsgebiet die W-Q-Beziehungen in den extremen
Hochwasserbereichen nicht durch Abflussmessungen be-
legt sind.

image
image
 
57
3.1
Übersicht
Mit der Analyse der während des Hochwassers abgelaufe-
nen Prozesse werden die Ursachen der großen Zerstörun-
gen im Osterzgebirge näher betrachtet. Diese sind Natur-
prozesse, die nicht grundsätzlich als außergewöhnlich
bezeichnet werden können, wenngleich die Intensitäten im
August 2002 vergleichsweise groß waren. Die Gefahren
werden für den Menschen und Sachwerte erst dann rele-
vant, wenn ein entsprechendes Schadenspotenzial in den
von Überschwemmung und Feststoffbewegung betroffenen
Gebieten besteht. In der stark anthropogen beeinfluss-
ten Landschaft in den Flusstälern des Osterzgebirges ist
darüber hinaus auch eine ungünstige Beeinflussung der
Gefahrenprozesse durch die Bauwerke im und am Fluss
festzustellen.
3.2
Erosion im Einzugsgebiet und
örtlicher Geschiebeeintrag in
das Flussbett
Die Bewegung von Feststoffen begann infolge der inten-
siven und lang anhaltenden Niederschläge bereits in den
oberen Lagen der Einzugsgebiete. In Abhängigkeit der Boden-
bedeckung sowie der topographischen und geologischen
Verhältnisse war flächenhafte Erosion besonders auf land-
wirtschaftlichen Nutzflächen zu verzeichnen (Abbildung 3-2).
Besonders betroffen waren die Einzugsgebiete der Gott-
leuba, Wilden Sau, Triebisch und des Ketzerbaches, da hier
der Anteil
landwirtschaftlicher Flächen weit über 50 Prozent
beträgt. Im Bereich des Mittelsächsischen Lößhügellandes
überwiegt feiner Lößlehm, der bei ungünstiger Boden-
bedeckung zu sehr starker Erosion neigt, was im Einzugs-
gebiet des Ketzerbaches vielfach zu beobachten war. In
Bodensenken und bei Gefälleminderung kam es zu groß-
flächigen Verschlammungen. Aber auch der Waldbestand
auf Hanglagen bot bei diesem Extremereignis oft nicht aus-
reichenden Schutz vor Erosion. Im gesamten Untersuchungs-
gebiet führte der selbst in kleinsten ephemeren Gewässern
ablaufende Feststofftransport zum Versatz von Durchlässen
und dem Auffüllen von Straßengräben. Unkontrollierte Über-
flutungen und Erosion an den nicht gegen eine solche Be-
lastung geschützten Straßenböschungen waren die Folge.
3 Feststofftransport
und Hydraulik
Abbildung 3-1: Großräumige Umgestaltung des Gewässer-
bettes im Müglitztal (Foto: LTV, 2002)
Im Weiteren werden die abgelaufenen Prozesse detailliert
dargestellt. Die Angaben mit lokalem Bezug stützen sich
vorwiegend auf die Beobachtungen während des Ereig-
nisses und die systematische Schadensaufnahme (LTV,
2004), die im Zeitraum von August bis November 2002 vor-
genommen wurde. Der überwiegende Teil dieser Daten ist
bei der Erarbeitung der Hochwasserschutzkonzepte (LTV,
2003a–e) für die betroffenen Flüsse recherchiert und dort
dargestellt worden.
Abbildung 3-2: Typische Form der Bodenerosion auf einer
Ackerfläche bei Klingenberg (Foto: LTV, 2002)

image
Die Nebenflüsse der betrachteten Gewässer weisen im
Bereich der Talflanken unmittelbar vor der Mündung häufig
ein steiles Längsgefälle auf. Auch aus kleinen Nebenbächen
und Steilrinnen (Runsen) erfolgte so ein konzentrierter Ge-
schiebeeintrag in das Hauptgewässer. Teilweise blieben diese
Ablagerungen als Schwemmkegel und Fließhindernis liegen
(Abbildung 3-3), bei entsprechender Transportkapazität wur-
den sie auch während des Hochwassers abgetragen. Eine
Mengenangabe ist deshalb im Allgemeinen nicht möglich.
Wie aus den Erosionsspuren zu ersehen war, zeichneten
sich auch die Nebenflüsse der Roten und Wilden Weißeritz
vielfach durch eine starke Geschiebeführung aus. Besonders
gravierend waren die Auswirkungen unterhalb der Mündung
des Pöbelbaches in die Rote Weißeritz in Schmiedeberg, wo
die Geschiebefracht beider Flüsse das gesamte Gewässer-
bett ausfüllte.
Punktuelle Geschiebeeinträge traten auch im Bereich steiler
Hangböschungen und nicht standfester Ufersicherungen
auf. Ursache war meist die Erosion des Hangfußes oder die
Beschädigung der Gründung von hohen Ufermauern, vor
allem in Prallhangbereichen. Diese Prozesse werden im nach-
folgenden Abschnitt betrachtet.
Es wurden einige größere Hangrutschungen beobachtet,
die ihren Fußpunkt oberhalb des Wasserspiegels hatten,
und deren Rutschmassen offensichtlich vom Fluss abtrans-
portiert wurden. Neben dem Geröll fielen damit auch ent-
wurzelte Bäume als Treibgut an (Tabelle 3-2).
Hangrutsche auf Grund der Durchfeuchtung des Bodens und
kleinere Gerölllawinen traten auch an den steilen künst-
lichen Böschungen oberhalb der Bahntrassen in den Tälern
der Müglitz, Roten und Wilden Weißeritz auf, wobei die
Gleise verschüttet wurden, ohne dass die Rutschmassen in
den Fluss gelangten.
Die Erosion hat in den engen Flusstälern auch Objekte der
Infrastruktur betroffen, deren Bauweise den hohen Fließ-
geschwindigkeiten in den Überschwemmungsgebieten
grundsätzlich nicht gewachsen war. Dabei wurde Geschiebe
auch weitab vom Gewässerbett mobilisiert. Betroffen waren
vor allem Straßen- und Bahndämme (Abbildung 3-4).
58
Haupt-
gewässer
Einmündendes
Nebengewässer
Beschreibung
Biela
Ephemerer Bach, 80 m
uh. Silberquelle
starker Geschiebeeintrag in die Biela, auch bereits bei früheren Ereignissen beobachtet
Bahre
Bornaer Dorfbach
Geschiebeeintrag bis zum Rückhaltebecken Friedrichswalde-Ottendorf
Seidewitz
Mordgrundbach
starke Geschiebeführung, auch bereits bei früheren Ereignissen beobachtet,
Übersarung der Kläranlage Nentmannsdorf
Müglitz
Bach aus Bärenstein
Ablagerungen auch in der Ortslage vor der Mündung
Brießnitzbach
Sedimente aus Dammbruch, Container, Autos u.a.
Großer Kohlbach
starker Geschiebeeintrag in die Müglitz
Trebnitzgrundbach
Geschiebeablagerung auch an Durchlässen oberhalb Mündung
Schlottwitzgrundbach
Geschiebeablagerung auch in den Durchlässen innerhalb der Ortslage
Bach aus
Burkhardswalde
Eintrag von ca. 500 m
3
Geröll (Bereich Schlosspark Weesenstein)
Tabelle 3-1:
Örtlich konzentrierter Geschiebeeintrag aus Nebengewässern (Auswahl)
Abbildung 3-3: Geröllablagerung des Altschönfelder Baches
(Größe des Einzugsgebietes 1,3 km
2
)
unmittelbar vor der Mündung in die Wilde
Weißeritz (Foto: LTV, 2002)

image
 
59
Der Gleisunterbau der Müglitztalbahn wurde allein durch
Erosion und Ablagerung auf einer Streckenlänge von
9,5 km so geschädigt, dass das gesamte Schotterbett und
teilweise der komplette Unterbau erneuert werden muss-
ten. Überströmte Brückenauffahrten wurden zum Teil voll-
ständig abgetragen. Ungünstig wirkte sich hier die Tras-
sierung aus, die über große Strecken auf dem Talgrund
oder auf einem künstlichen Damm, der gleichzeitig Ufer-
böschung ist, verläuft. Die Erosion der Straßendämme nahm
besonders an der Müglitz, der Roten und Wilden Weißeritz
und örtlich an der Triebisch bedeutende Ausmaße an. Das
relativ feinkörnige Material des Straßenunterbaus konnte
auch bei geringeren Wassertiefen und Fließgeschwindig-
keiten auf dem Vorland transportiert werden.
Resümee:
Der Feststoffeintrag aus Quellen, die nicht
vom Hauptgewässer selbst erodiert wurden, sind punk-
tuell als besonderer Gefahrenschwerpunkt in Erschei-
nung getreten. Der Anteil an der Gesamtgeschiebemenge
war eher gering. Ein großer Anteil der Geschiebemenge
stammt dagegen aus dem Überschwemmungsgebiet, wo
vorwiegend künstliche Aufschüttungen abgetragen wur-
den und damit erheblich zu den Ablagerungsmengen bei-
trugen.
3.3
Erosion und Ablagerung
im Gewässerbett
Die betrachteten Flüsse weisen Gerinnequerschnitte auf,
die über große Strecken künstlich ausgebaut sind. Der Aus-
bau reicht von der Festlegung der Linienführung in Form
einer Steinpackung oder -schüttung als Längswerk in Höhe
des Mittelwasserspiegels bis zur schweren Pflasterung des
gesamten Profils oder massiven Ufermauern von der Sohle
bis in Geländehöhe. Eine Befestigung ist häufig auch außer-
halb der Siedlungsbereiche zu finden, um landwirtschaft-
liche Flächen und Verkehrswege zu schützen. Selbst stark
bewachsene und damit einen natürlichen Eindruck er-
weckende Fließstrecken weisen oft eine künstliche Ufer-
befestigung auf, womit das unkontrollierte Mäandrieren
verhindert werden soll. Anthropogen völlig unbeeinflusste
Ufer sind nur in felsigen oder blockigen Flussabschnitten
sowie teilweise in Waldbereichen zu finden.
Den während des Hochwassers 2002 aufgetretenen Strö-
mungsverhältnissen waren die vorhandenen Uferbefesti-
gungen in vielen Abschnitten nicht gewachsen. Auf Grund
der hohen Wasserstände wurden auch fast durchgängig
Bereiche erfasst, die ohnehin nicht gegen Erosion geschützt
sind. Die naturnah befestigten Uferabschnitte sind eben-
falls teilweise beschädigt worden. Insgesamt ist aber die
Tendenz zu verzeichnen, dass insbesondere bei Uferdauer-
bestockung nur lokale Schäden an besonders exponierten
Stellen auftraten, beim Versagen künstlicher Befestigungen
wird dagegen oft eine „Kettenreaktion“ ausgelöst: Das hin-
ter der Befestigung anstehende Material ist leicht erodier-
bar, es kommt zur Hinterspülung weiterer Ufermauern und
die Schadstellen erreichen schnell große Längen.
Das erodierte Material wurde bei ausreichender Transport-
kapazität als Geschiebe fortgeführt und stromab im Fluss-
bett oder auf dem Vorland abgelagert. Diese Geschiebe-
prozesse traten während des Hochwassers 2002 in einem
Umfang auf, der in den Flüssen eines alten Gebirges
vergleichsweise selten beobachtet wird, da die Sohle nur
wenig Geschiebepotenzial bietet. Erst die extrem hohen
Abflussspitzen haben natürlich oder künstlich im Laufe der
Jahrzehnte abgelagerte Feststoffpotenziale mobilisiert,
die sonst nicht vom Wasser erreicht werden. Die außer-
gewöhnlich große Fülle der Hochwasserganglinie ermöglichte
lang andauernde Erosionsprozesse. Während des Ereignis-
ses konnten sich Sedimentations- und Erosionsschwer-
punkte verlagern, ein Prozess der sich bei natürlichen Ge-
wässerbetten in der Abfolge mehrerer kleiner Hochwasser
auch abspielt, bei anthropogen beeinflussten Flüssen durch
die zwischenzeitlichen „Aufräumarbeiten“ aber immer wie-
der unterbrochen wird.
Die Materialbewegungen bewirkten großräumige Profilver-
änderungen bis zur Verlagerung des Gewässerbettes. Diese,
in naturnahen Gewässerabschnitten bei Extremereignissen
„normalen“ Prozesse, verursachten in den dicht besiedel-
ten Tälern des Osterzgebirges zwangsläufig große Schäden.
Abbildung 3-4: Vollständige Erosion der rechten Auffahrt
der Brücke zur Kläranlage Miltitz an der
Triebisch (Foto: LTV, 2002)
Tabelle 3-2:
Anzahl der Hangrutschungen und Gesamt-
volumen
Gewässer
(-abschnitt)
Anzahl
Abgeschätztes
Gesamtvolumen [m
3
]
Müglitz (Bärenhecke,
Glashütte, Schlottwitz)
5 2.800
Rote Weißeritz
(Rabenauer Grund)
3 4.900
Wilde Weißeritz
(oh. Edle Krone)
2 3.400

Besonders die Ablagerung von Geschiebe im Flussprofil, teil-
weise mit einer völligen Auffüllung bis über Geländehöhe,
hatte in Siedlungsgebieten verheerende Auswirkungen auf
die Wasserspiegellage und damit die Ausdehnung der Über-
schwemmungsfläche. Gezielte Vorkehrungen zum Rückhalt
des Geschiebes stromauf gefährdeter Ortslagen beschränk-
ten sich bisher auf wenige kleine Nebenbäche und waren an
den Hauptgewässern nicht vorgesehen.
Von Erosion mit großer Rückgriffweite waren auch Ufer-
bereiche mit künstlicher Auffüllung betroffen. Nach dem
Hochwasser stellt diese Geschiebequelle weiterhin eine
erhebliche Gefahr dar. Bei der Erstberäumung der auf-
sedimentierten Gewässerabschnitte wurde das Geschiebe-
material zur provisorischen Ufersicherung oft lose auf die
Böschungen geschüttet oder zur Verfüllung von Kolken ver-
wendet. Erst im Laufe der Zeit werden diese Uferabschnitte
mit einer definierten Sicherung versehen werden. Zwi-
schenzeitlich steht damit auch bei kleineren Hochwasser-
ereignissen ein hohes Geschiebepotenzial zur Verfügung.
Nach dem Hochwasser erfolgte im Rahmen der Schadens-
erfassung eine quantitative Aufnahme der erodierten und se-
dimentierten Volumina. Die zusammengefassten Ergebnisse
werden im Folgenden für die einzelnen Flüsse aufgeführt.
Die teilweise hohen Differenzen zwischen Erosions- und
Ablagerungsvolumina in Tabelle 3-3 sind auf den Erhebungs-
zeitraum zurück zu führen. Während die Erosionsmengen
nach dem Ereignis vorwiegend anhand der Böschungsschä-
den abgeschätzt werden konnten, ist die Angabe der sedi-
mentierten Volumina mit großen Unsicherheiten behaftet,
da teilweise die Datenerhebung bei erhöhtem Wasserstand
oder nach der Beräumung erfolgte. Eine mögliche Änderung
der Sohllage um wenige Dezimeter konnte oft nach dem
Ereignis nicht zweifelsfrei bestätigt oder widerlegt werden,
da keine verlässlichen Angaben zum Ausgangszustand vor-
lagen.
Der Vergleich der Flussgebiete untereinander zeigt ähnliche
Zusammenhänge zwischen den hydrologischen und hydrau-
lischen Parametern einerseits und den Transportprozessen
andererseits. Zur Illustration wurde die Abflussfülle an der
Mündung der Flüsse dem Erosionsvolumen gegenüber-
gestellt (siehe Abbildung 3-5). In dieser Form wird der
Vergleich unabhängig von den unterschiedlichen mittleren
Wiederkehrintervallen.
Die
Biela
verläuft auf ihrer gesamten Länge im Elbsand-
steingebirge. Das Flussbett ist in naturnahen Abschnitten
durch Felsblöcke bis zu mehreren Meter Durchmesser ge-
prägt. Ein Geschiebeeintrag in den Flussabschnitt unter-
halb der Mündung des Cunnersdorfer Baches fand nicht in
großem Maße statt. Im Stadtgebiet von Königstein wurde
an 16 Stellen die Ufermauer beschädigt beziehungsweise
zerstört. Die daraus resultierenden Materialmengen waren
gering.
An der
Gottleuba
und ihren Nebenflüssen überwogen die
Prozesse der Seitenerosion, die sowohl in den naturnahen
Abschnitten als auch an befestigten Ufern zu beobachten
waren. Konzentrierte Sedimentationsbereiche mit maßgeb-
lichen Auswirkungen auf die Wasserspiegellage traten nicht
auf. Die Nachrechnung der Transportkapazitäten weist eine
ausgeprägte potenzielle Ablagerungsstrecke in der Gottleuba
oberhalb Neundorf aus, bei dem Hochwasser 2002 hat sich
dieses ungünstige Geschiebeszenario aber nicht realisiert.
Die
Müglitz
zeichnet sich durch ein sehr heterogenes Bild
hinsichtlich Gefälle, Querschnitt, Uferbefestigung und Linien-
führung aus, was sich in der uneinheitlichen Verteilung
von Erosion und Sedimentation während des Hochwassers
widerspiegelt. Es können keine ausgeprägten Erosions-
oder Ablagerungsstrecken festgestellt werden. Die Trans-
portprozesse wurden neben den Gefälleverhältnissen auch
durch die vielen scharfen Flusskrümmungen, Ausbruch-
wege und Querbauwerke beeinflusst. Maßgeblichen Anteil
an der Bildung von Sedimentationen hatten auch die ver-
klausten Brücken. Zum Beispiel wurde die Straßenbrücke an
der Krugmühle oberhalb Schlottwitz bis zur Unterkante mit
Geschiebe versetzt.
Die Geschiebemobilisierung erfolgte hauptsächlich durch
Seitenerosion, Tiefenerosion trat nur vereinzelt und in gerin-
gem Ausmaß in Erscheinung. Für die Seitenerosion in den
60
Gewässer
Erosion
[m
3
]
Sedimentation
[m
3
]
Biela
500–1.000
750–1.600
Gottleuba
15.000–25.000
20.000–31.000
Seidewitz
12.000–24.000
6.000–9.000
Bahre
600–900
Müglitz
310.000
160.000
Lockwitzbach
5.000
5.000
Rote Weißeritz
oh. TS Malter
215.000
215.000
Rote Weißeritz
uh. TS Malter
71.000
10.000
Wilde Weißeritz
uh. TS Klingenberg
70.000
45.000
Vereinigte Weißeritz
25.000
12.500
Wilde Sau
7.000
8.000
Triebisch
280.000
110.000
Ketzerbach
23.000
Tabelle 3-3:
Beobachtete Erosions- und Sedimentations-
mengen (Quelle: LTV, 2004)

image
61
Siedlungen waren die schlecht unterhaltenen und damit
wenig standsicheren Ufermauern mit verantwortlich. Der
Bruch der Uferbefestigung legte oftmals sehr leicht ero-
dierbare Aufschüttungen frei. Damit setzte ein dynamischer
Prozess ein, der sich an mehreren Stellen des Müglitztales
in großem Ausmaß abspielte:
Das feinkörnige ungeschützte Material in der Talsohle
wurde sehr schnell abgetragen.
Das Gewässerbett erweiterte sich auf das Mehrfache der
ursprünglichen Breite.
Das in sehr großer Menge anfallende Geschiebe lagerte
sich nach kurzer Transportstrecke ab und bewirkte eine
starke Sohlaufhöhung.
Im ungünstigen Fall kam es zum Ausbruch der Haupt-
strömung.
Durch Erosion im nun verstärkt überströmten Vorland bil-
dete sich ein neues Gewässerbett.
Die flussbegleitende Straße war dabei als Ausbruchsweg
prädestiniert.
Im Vergleich zu den anderen betroffenen Flüssen waren
die transportierten Geschiebemengen im Müglitztal wahr-
scheinlich am größten. Die überschlägige Berechnung der
Transportkapazität ergab Werte von 1.000 bis 4.000 m
3
, die
während des Ereignisses durch einen Querschnitt transpor-
tiert werden konnten. Dabei wurde über Abschnitte von etwa
einem Kilometer Länge gemittelt. Spitzenwerte dürften deut-
lich höher gelegen haben. Unmittelbar nach dem Hochwasser
wurden allerdings sämtliche morphologischen Veränderun-
gen durch Baggerung wieder rückgängig gemacht, was auch
erforderlich war, um die freie Vorflut und den Zugang zu den
Ortschaften im Tal wieder herzustellen. Die oben aufgeführ-
ten beobachteten Erosions- und Sedimentationsmengen sind
deshalb eher als zu gering einzuschätzen.
Seitenerosion und damit verbundene Schäden an der Ufer-
befestigung dominieren die Geschiebeprozesse am
Lock-
witzbach
. Die mobilisierten Mengen sind vergleichsweise
klein. Unterhalb des Hochwasserrückhaltebeckens Reinhardts-
grimma trat verstärkt Ufererosion auf, diese Strecke liegt
aber im nicht besiedelten Bereich. Insgesamt hatten die
Geschiebeprozesse im Lockwitzbach nur geringen Einfluss
auf die Schäden.
Die
Rote Weißeritz
weist im Oberlauf gegenüber der Wilden
Weißeritz ein deutlich stärkeres Gefälle auf. Die Erosion der
Ufer und der Sohle ist entlang der gesamten Fließstrecke
von Schellerhau bis Kipsdorf sehr stark ausgeprägt. Die Orts-
lage Kipsdorf war von großflächigen Ablagerungen betroffen.
100
1.000
10.000
100.000
1.000.000
1 10
Hochwasserfülle in hm
3
beobachtetes Erosionsvolumen in m
3
100
Biela
Gottleuba
Seidewitz
Bahre
Müglitz
Lockwitzbach
Rote Weißeritz
Wilde Weißeritz
Weißeritz ges.
Wilde Sau
Triebisch
Ketzerbach
Abbildung 3-6: Vollständige Erosion des Bahndammes
im Müglitztal (Beachtenswert ist die frei-
gelegte alte Stützmauer, die dem Fluss
früher ein breiteres Bett einräumte.)
(Foto: LTV, 2002)
Abbildung 3-5:
Erosionsvolumen und Fülle
der Hochwasserwelle
August 2002

image
Im anschließenden Abschnitt bis zum Ortseingang von
Schmiedeberg traten neben der Ufererosion auch umfang-
reiche Ablagerungen auf. Im Zentrum von Schmiedeberg
sedimentierte das Geschiebe aus Roter Weißeritz und Pöbel-
bach unmittelbar unterhalb des Zusammenflusses, wodurch
das Gewässerbett und die angrenzenden Flächen bis etwa
0,8 m über Gelände aufgefüllt wurden (siehe Abbildung 2-14).
Der Abfluss fand dann links zwischen der Bebauung statt. Im
weiteren Verlauf durch Obercarsdorf, Ulberndorf und Dippol-
diswalde wurden die Ufer weiträumig erodiert. Unterhalb der
Talsperre Malter traten im Bereich des Rabenauer Grundes
starke Erosionen auf, wobei insbesondere die Trasse der
Schmalspurbahn von Freital-Hainsberg nach Kipsdorf fast voll-
ständig abgetragen wurde. In Freital-Hainsberg lagerte sich das
Geschiebe unmittelbar ab dem Beginn der Talaufweitung ab.
Die
Wilde Weißeritz
war während des Hochwassers nahezu
auf der gesamten Fließlänge von einer sehr starken Geschiebe-
bewegung betroffen. Im Bereich ab Rehefeld bis Dorfhain
stammt das transportierte Geröll aus den Uferbereichen und
in einigen Abschnitten aus der Sohle. Verlagerungen des
Gewässerbettes und Übersarungen der Wiesen in der Talaue
traten an vielen Stellen auf. Auch unterhalb der Talsperren
war der Geschiebetransport sehr ausgeprägt, wie die Ab-
lagerungen neben dem Gewässer beweisen. In Edle Krone
kam es unmittelbar oberhalb der Mündung des Höcken-
baches zu massiver Erosion und dem Abrutschen der zum
Teil künstlichen Aufschüttungen für Straße und Siedlungs-
bereiche (Abbildung 3-7). In diesem Bereich weist die Wilde
Weißeritz ein steiles Gefälle bei gleichzeitig engen Krüm-
mungen auf. Zwischen Edle Krone und Tharandt wurden
mehrere hundert Meter des Ufers bis auf den anstehenden
Fels erodiert. Ebenso wurden abschnittsweise der Straßen-
und Eisenbahndamm abgetragen. Dieses Material lagerte
sich in Tharandt im Gewässerbett ab. Zwei in den Abfluss-
querschnitt gestürzte Brücken, die teilweise verklauste Eisen-
bahnbrücke und der Einsturz alter Ufermauern begünstigten
diesen Prozess. Die Flusssohle lag nach dem Ereignis auf
einer Länge von mehr als einem halben Kilometer etwa zwei
Meter über dem ursprünglichen Niveau, was einem Sedi-
mentvolumen in diesem Bereich von mehr als 10.000 m
3
entspricht. Ablagerungen kiesigen und sandigen Materials
waren rechts des Flusses im Strömungsschatten des Cotta-
Baues in einer Höhe bis zu einem Meter aufgetreten. Ab
dem Bahnhof Tharandt trat wieder Seitenerosion auf, wovon
vorrangig der Bahndamm betroffen war. Unmittelbar vor der
Ortslage Freital-Hainsberg weitet sich das Tal auf und das
Geschiebe lagerte sich auf der natürlich vorgezeichneten
Fläche links des Gewässerbettes ab.
Die Verringerung des Gefälles noch vor dem Zusammenfluss
zur
Vereinigten Weißeritz
schützte das Stadtgebiet von Frei-
tal vor einem größeren Geschiebeeintrag. Im Plauenschen
Grund sind dagegen die Platzverhältnisse sehr beengt und
das Gefälle größer. Das Flussufer wird vielfach von künst-
lichen Böschungen und sehr steilen bis felsigen Prallhängen
gebildet. Das Geschiebe stammte vorrangig vom Bahndamm
unmittelbar oberhalb des Felsenkellers, aus dem Unter-
bau des Gleiskörpers und aus naturnahen Uferbereichen.
Die Gefälleverhältnisse und die Verklausung der Brücke am
Felsenkeller erzwangen wiederum eine Sedimentation in die-
sem Bereich. Im Stadtgebiet von Dresden liefen Geschiebe-
prozesse im Gewässerbett nur noch in geringem Maße ab,
die massive Ufersicherung ist hier nur örtlich geschädigt
worden und es kam zur Sedimentation. Als besondere
Gefährdung erwiesen sich die Ablagerungen im Bereich des
„Weißeritzknickes“, die hier zu einer Einengung des Fließ-
querschnittes und vermehrtem Austritt des Wassers aus dem
Gerinne führten. Im Überschwemmungsgebiet in Dresden-
Löbtau und Dresden-Friedrichstadt und im Gebiet des Bahn-
werkes Dresden Altstadt ist es dagegen zur Erosion von
Straßen, Fußwegen, Gleisanlagen und anderen unbefestigten
Flächen gekommen. Die Fließgeschwindigkeiten waren teil-
weise so hoch, dass der Asphalt-Straßenbelag aufgerollt und
die zwischen den Straßenbahnschienen liegenden Beton-
platten und das Straßenpflaster abtransportiert wurden.
62
Abbildung 3-7:
Großer Böschungs-
abbruch am Prall-
hang in Edle Krone
(Wilde Weißeritz)
(Foto: LTV, 2002)

image
63
Die
Wilde Sau
ist in dem steilen Abschnitt unterhalb Klipp-
hausen (durchschnittliches Gefälle drei Prozent) bis zur Orts-
lage Constappel durch eine weitgehend natürliche Geschiebe-
dynamik gekennzeichnet. Erosions- und Ablagerungsbereiche
treten in stetigem Wechsel auf. Im unteren Bereich des Sau-
bachtales verringert sich das Gefälle signifikant, an mehre-
ren Stellen hat sich das Geschiebe konzentriert abgelagert,
so dass auch bei mittlerem Abfluss kaum ein Freibord vor-
handen ist. In Constappel kam es auf einigen hundert Meter
Länge zur Erosion des nur schwach befestigten Ufers.
Unmittelbar stromab der alten Steinbogenbrücke ist rechts
eine Ufermauer abgetragen worden, was zur Gefährdung
eines Wohngebäudes führte. Das im Ort erodierte Material
sedimentierte mit einer Mächtigkeit von einem halben Me-
ter unterhalb eines kleinen Sohlabsturzes im ausgebauten
Gewässerabschnitt. Die transportierten Feststoffmengen
sind in der Wilden Sau wesentlich geringer als im Müglitz-
und Weißeritzgebiet und stellen hinsichtlich des Schaden-
potenzials nur ein untergeordnetes Problem dar.
Die
Triebisch
verläuft ab dem Tharandter Wald in einem künst-
lich festgelegten Gewässerbett. Auf alten Landkarten ist der
ehemals stark mäandrierende Verlauf noch zu erkennen, der
zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Nutzungsmöglich-
keiten begradigt wurde. Infolge Überlastung oder schlechtem
Unterhaltungszustand wurde im Abschnitt von Mohorn bis
Niedermunzig die Ufersicherung, meist Steinsatz oder Schüt-
tung, und der anstehende Auekies oder Auelehm auf längeren
Strecken erodiert. Der uferbegleitende Gehölzsaum wurde
ebenfalls auf Grund einer teilweise ungünstigen Artenzusam-
mensetzung geschädigt. Die Rückgriffweiten betrugen örtlich
über 10 Meter. Der Anteil feiner und feinster Kornfraktionen
ist auf Grund des lößbedeckten Einzugsgebietes relativ hoch,
was auch die Diskrepanz der nach dem Ereignis aufgenom-
menen Erosions- und Sedimentationskubaturen erklärt. Unter-
halb Niedermunzig trat ebenfalls Ufererosion auf, wobei auch
massive Ufermauern sowie nicht ausreichend gesicherte
Straßenböschungen abgetragen wurden. Im Stadtgebiet von
Meißen ist das gesamte Gewässerbett gepflastert, hier kam
es an den Böschungen und der Sohle zu lokalem Verlust der
Pflasterung und entsprechender Erosion des anstehenden
oder aufgeschütteten Bodens. Teilweise wurde Material auch
oberhalb der Pflasterung aus Wegen und Freiflächen ab-
getragen. Vielfach sedimentierte das Geschiebe unmittelbar
unterhalb des Abtragungsortes. Die relativ großen Erosions-
volumina lassen den Schluss zu, dass es in weiten Abschnit-
ten zu Sohlerhöhungen gekommen ist, da die Ablagerungs-
mengen neben dem Gewässerbett wesentlich geringer als an
der Müglitz und Roten Weißeritz waren. Oberhalb Nieder-
munzig lagerten sich Gerölle auch auf dem Vorland ab. In
Meißen wurden Ablagerungshöhen auf der Gewässersohle
von bis zu einem Meter beobachtet, die allerdings nicht immer
klar von den langjährigen Anlandungen in diesem Bereich zu
unterscheiden waren.
Die Geschiebeverhältnisse am
Ketzerbach
unterscheiden
sich von denen an den weiter stromauf in die Elbe mün-
denden Flüssen wesentlich. Das Gewässerbett verläuft fast
ausschließlich in Sedimentationsbereichen von Auelehm oder
Sand. Grobkörnige Sedimente stehen kaum zur Verfügung.
Transportierter Kies und Schotter stammen meist aus künst-
lichen Aufschüttungen und Ufer- oder Sohlbefestigungen. Die
Ufererosion hat sich als stark abhängig vom Bewuchs, der als
natürliche Befestigung wirkt, gezeigt. Typisch war eine durch-
gängige Abtragung der Ufer in Bereichen, die nur mit Gras
bewachsen waren. Örtlich wurde das Gewässerbett stark auf-
geweitet (Abbildung 3-8). Eine maßgebliche Ablagerung nicht-
bindiger Sedimente konnte auf wenigen Abschnitten fest-
gestellt werden, so in der Ortslage Piskowitz. Die feinkörnigen
Geschiebebestandteile und Schwebstoffe sedimentierten
gleichmäßig verteilt in den Überschwemmungsgebieten und
an den Ufern beziehungsweise wurden bis in die Elbe trans-
portiert. Das Hochwasser im August 2002 hat damit einen
Beitrag zu den ständig zu beobachtenden Auflandungen der
Uferböschungen auch bei kleineren Hochwassern geliefert.
Diese fortschreitende Profileinengung führt in den Ortslagen
zur erheblichen Reduzierung der Abflusskapazität, besonders
betroffen sind Pinnewitz, Ziegenhain und Wahnitz.
Resümee:
Im gesamten Untersuchungsgebiet spielte sich
die Geschiebebewegung sowohl in den Fließgewässern als
auch im Überschwemmungsgebiet ab. Die transportierten
Feststoffmengen gingen weit über das hinaus, was bei
kleineren Hochwasserereignissen im Untersuchungsgebiet
beobachtet wird, bei denen nur die Gewässerbetten von
der Geschiebebewegung betroffen sind. Die Geometrie der
Abflussquerschnitte wurde über große Strecken stark ver-
ändert, im Allgemeinen verbreitert. Anthropogen geprägte
Uferformen erwiesen sich oft als ergiebige Geschiebe-
quellen. Die massive Ablagerung im Gerinne betraf mehrere
größere Siedlungsbereiche.
Wie die historischen Ereignisse zeigen, ist örtlich mit ver-
gleichbaren Ereignissen in Wiederkehrintervallen von einigen
Jahrzehnten zu rechnen. Ein das gesamte Osterzgebirge
erfassendes Ereignis mit flächendeckend intensiver Aus-
prägung der Geschiebebewegung ist wesentlich seltener.
Abbildung 3-8: Erosion und Gewässerbettverlagerung am
Ketzerbach unterhalb Mertitz (Foto: LTV, 2002)

image
 
3.4
Treibgut
Die hohen Wasserstände und großen Fließgeschwindig-
keiten in den Gerinnen und auf den Vorländern führten zu
einem erheblichen Treibgutanfall in fast allen betrachteten
Flüssen. Dieses Material lagerte sich im Flussbett, an den
Ufern, auf dem Vorland und an Bauwerken in und am Fluss
ab und war vielerorts eine wesentliche Schadensursache.
Nach der Herkunft lässt sich das Treibgut grob in drei Grup-
pen unterteilen:
Bäume, die infolge Hangrutschung oder Erosion im Wurzel-
bereich (Ufer oder Vorland) umgestürzt sind und abge-
schwemmtes Totholz,
im Überschwemmungsgebiet gelagertes oder abgestell-
tes Material (Schnittholz, Sperrmüll, Kraftfahrzeuge),
Teile von beschädigten ortsfesten Gebäuden, Schuppen,
Brücken oder ähnlichem.
Das Treibgut hat an vielen Gebäuden und Einrichtungen
Schäden durch Anprall verursacht. Der verstärkte Staudruck
auf Treibgutansammlungen an Wehranlagen und Brücken
führte von der Beschädigung der Stahlwasserbauteile bis
zum völligen Einsturz der Bauwerke.
Kraftfahrzeuge, die mit dem Wasser weggerissen wurden,
erlitten in der Regel Totalschaden.
Bedingt durch die Strömungsverhältnisse wurden an mehre-
ren Stellen hunderte Raummeter Treibgut konzentriert abge-
lagert, teilweise im Fluss. Besonders gravierend waren die
mittelbaren Schäden infolge der vielen Verklausungen (Ver-
stopfung des Fließquerschnittes mit Treibgut). Vornehmlich an
Brücken, aber auch an anderen Engstellen und Wehranlagen
kam es zu massiven Treibgutansammlungen, die zur maßgeb-
lichen Steigerung der Intensität der Überschwemmung auf
dem Vorland führten. Gleichzeitig wurden durch das Umfließen
der Brückenquerschnitte Feststoffe neu mobilisiert, vornehm-
lich aus überströmten Bahn- und Straßendämmen (siehe
auch Abschnitt 3.2). Die Verlegung des Hauptquerschnittes
begünstigte die Geschiebeablagerung mit dem Effekt eines
weiteren Wasserspiegelanstiegs. Ansatzpunkt für Treibgut-
ablagerungen an Brücken waren auch unter der eigentlichen
Brückenplatte abgehängte Rohr- und Elektroleitungen, die bei
entsprechendem Wasserstand wie ein Rechen wirkten.
Die Beräumung des Treibgutes wurde im gesamten Unter-
suchungsgebiet als eine der ersten Arbeiten nach dem
Hochwasser in Angriff genommen. Sie erwies sich bei der
noch mehrere Tage nach dem Ereignis anhaltenden erhöh-
ten Wasserführung oft als schwierig, war aber notwendig,
um die freie Vorflut und damit den unter den gegebenen
Umständen erreichbaren Hochwasserschutz wieder herzu-
stellen. Eine vollständige Dokumentation über die angefalle-
nen Mengen liegt deshalb nicht vor.
An der
Biela
trat im Stadtgebiet von Königstein am Wehr
der Papierfabrik Luisenthal ein Holzversatz auf. Die anfäng-
liche Beseitigung während des Ereignisses musste wegen
des hohen Wasserstandes aufgegeben werden. Das stark
bewachsene Ufer an den windungsreichen Flussabschnitten
stromauf führte ansonsten zu einer wirksamen Rückhaltung
des Treibgutes. Das Aufkommen war relativ gering.
Vor der Brücke der Staatsstraße S174 über die
Gottleuba
(oberhalb der Talsperre) bildete sich eine Verklausung von
am Ufer mitgerissenen Fichten. Bei der Beräumung wurde
eine Holzmenge von ungefähr 500 Festmeter ermittelt.
Weiterhin waren die Straßenbrücke am unteren Ortsende
von Bad Gottleuba und der Gewässerbereich am Sandstein-
werk Rottwerndorf von größeren Treibgutablagerungen be-
troffen.
In Zuschendorf verklauste die obere Brücke der Kreisstraße
K 8760 über die
Seidewitz
, was zur großflächigen Über-
schwemmung im Siedlungsbereich führte.
64
Die
Müglitz
war von Treibgut und den damit verbundenen
Schäden besonders betroffen. Der Fluss trat fast durch-
gängig über die Ufer und riss im Vorland befindliche Gegen-
stände, wie Gartenlauben, Schuppen, Holzstapel, Autos,
Bäume, Sträucher u.v.m. mit sich. Im Überschwemmungs-
gebiet befinden sich, wie in allen anderen Flusstälern auch,
mehrere Kleingartenanlagen, die ein besonders großes
Potenzial an schwimmfähigem Material bieten. Das vom
Hochwasser führenden Gewässer aufgenommene Treibgut
wurde vornehmlich an der nächsten unterhalb gelegenen
Brücke vorgefunden bzw. verklauste diese (Abbildung 3-9).
Der gesamte Flussschlauch der Müglitz wurde durch das
Ereignis mit Treibgut belastet (Tabelle 3-4).
Der
Lockwitzbach
ist außerhalb der Ortschaften fast durch-
gängig von Gehölzen gesäumt. Das abgeschwemmte Holz
hat sich dementsprechend an den ersten Brücken der Ort-
schaften angesammelt. Die Treibgutproblematik kann am
Lockwitzbach als weniger maßgeblich betrachtet werden.
Abbildung 3-9: Verklauste und beschädigte Müglitzbrücke,
Behelfsbrücke Schlottwitz oberhalb der
Mündung des Trebnitzgrundbaches
(Foto: LTV, 2002)

65
An der
Roten, Wilden und Vereinigten Weißeritz
war der
Treibgutanfall auf Grund der starken Ufererosion und der
ausgedehnten Überschwemmungsflächen sehr groß und
führte an vielen Brücken zur Verklausung. Alle Ortschaften
waren von dem damit erzeugten Aufstau betroffen. Durch
die flussbegleitenden Straßen und Bahnlinien ist die An-
zahl der Brücken zudem sehr hoch. Teilweise konnte die
Verklausung von Brücken nach dem Hochwasser nicht
mehr zweifelsfrei festgestellt werden, da diese während
des Ereignisses völlig zerstört wurden. Einige Brücken-
standorte zeichnen sich durch ein besonders hohes Gefah-
ren- und Schadenspotenzial für das infolge Verklausung
überschwemmte Vorland aus. Neben allen Ortslagen an
der Roten Weißeritz sind hier die Brücken in Tharandt
(Wilde Weißeritz) sowie an der Bienertmühle und Löbtauer
Straße (Vereinigte Weißeritz) in Dresden zu nennen.
Ortsbezeichnung
Abgelagertes Material
Ablagerungsschwerpunkt
Menge [Raummeter]
Lauenstein / Zufahrt Kläranlage
vorwiegend Holz
Wehr
240
Lauenstein / uh. Zufahrt Kläranlage
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
100
Bärenstein / Schloßmühle
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
350
Bärenstein / Bärenklau
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
600
Bärenhecke / Bäckerei
vorwiegend Holz
Wehr
100
oh. Glashütte / Lohmühle
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
550
Glashütte / Wehr Kohlbachbrücke
vorwiegend Holz
Wehr
50
Glashütte / Kohlbachbrücke
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
120
Glashütte / Dresdner Straße
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
450
Schlottwitz / Abzweig Trebnitzgrund
vorwiegend Holz
Verkehrsbrücke
450
Schlottwitz / Schule
Autos
Flussbett
Schlottwitz / Neumannmühle
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
100
Schlottwitz / Brücke B178
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
50
Mühlbach
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
250
Mühlbach / Wehranlage
Holz/Abfall
Wehr
600
Burkhardswalde / uh. Bahnhof
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
80
Weesenstein / Brücke Schulstrasse
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
keine Angaben
Weesenstein / Brücke B178
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
400
uh. Weesenstein / Abzweig Falkenhain
Holz/Abfall/Autos
starke Krümmung
500
Dohna / Papierfabrik
Holz/Abfall
Wehr
600
Dohna / BAB
Holz/Abfall
Verkehrsbrücke
400
Tabelle 3-4:
Schwerpunkte der Treibgutablagerung an der Müglitz
Gewässer
Anzahl der Brücken
gesamt
verklaust
zerstört
Rote Weißeritz
83
> 9
7
Wilde Weißeritz
55
7
>17
Vereinigte
Weißeritz
56
6
4
Tabelle 3-5:
Verklausung und Zerstörung von Brücken
(Weißeritz)

 
Das Treibgut im oberen Flusslauf der
Wilden Sau
setzte sich
hauptsächlich aus Zivilisationsmüll und fortgeschwemmten
Gegenständen aus Gartenbereichen der Ortslagen Grumbach
und Wilsdruff zusammen. Unterhalb der Brücke der Bundes-
autobahn A4 bildeten sich in dem mit ungepflegtem Ufer-
bewuchs bestandenen Bereich Verklausungen und Ablagerun-
gen. Die Durchlassfähigkeit der Brücken in Klipphausen und
Constappel wurde kaum beeinträchtigt, für die Beräumung
des angeschwemmten Treibgutes war keine maschinelle Hilfe
erforderlich. Im naturnahen Saubachtal sind etliche größere
Bäume durch Unterspülung oder kleinere Hangrutschungen in
den Fluss gestürzt und zum Teil fortgeschwemmt. Oberhalb
Constappel kam es durch die Verringerung des Gefälles und
den Uferbewuchs zur Ablagerung des Treibgutes.
Die
Triebisch
war besonders im Stadtgebiet von Meißen
durch Treibgut aus den oberhalb liegenden Ortschaften be-
lastet. Während des Hochwassers gelang es, einen Teil des
an den Brücken angetriebenen Holzes sofort mit Baggern
zu entfernen, womit eine vollständige Verlegung der Abfluss-
querschnitte verhindert werden konnte. Größere Treibholz-
mengen verwüsteten Flächen neben dem Gewässer, wobei
besonders die ehemaligen Mühlengrundstücke betroffen wa-
ren. Im Oberlauf der Triebisch konnte die günstige Wirkung
von auentypischen Ufergehölzen beobachtet werden, die
einen wesentlichen Beitrag zum Rückhalt des Treibgutes in
Bereichen mit geringem Schadenspotenzial leisteten.
Die Ufer des
Ketzerbaches
sind fast durchgängig von
Bäumen bestanden. Tot- und Bruchholz, sowie Ablagerungen
aus den Ortschaften wurden in großen Mengen transportiert,
haben sich im größtenteils stabilen Uferbewuchs aber auch
wieder verfangen. In einigen Dörfern kam es zu lokalen Ver-
klausungen an Zäunen, die quer zur Fließrichtung und teil-
weise bis in das Flussbett errichtet waren. Hier konnten sich
selbst kleinere Schwimmstoffe, wie Stroh, verfangen, was
zu erhöhtem Aufstau und der zusätzlichen Gefährdung der
nahen Bebauung führte. In der Ortslage Piskowitz lagerte sich
im Mündungsbereich des Zscheilitzwassers auf Grund un-
günstiger Strömungsverhältnisse ein Treibguthaufen von etwa
50 Raummeter ab, der zusammen mit Geschiebeablagerun-
gen einen Rückstau erzeugte. Die Brücken am Ketzerbach
waren von Verklausungen nicht betroffen.
Resümee:
Aus den Beobachtungen zum Augusthochwasser
2002, aber auch in Auswertung vergangener Ereignisse, ist
die enorme Bedeutung der Treibholzproblematik für den Scha-
densverlauf ersichtlich. Besonders betroffen waren die Müg-
litz und die Rote Weißeritz. Einige Brücken mit zu geringem
Fließquerschnitt können bereits verklausen bei Durchflüssen,
die einem 10-jährlichen Wiederkehrintervall zuzuordnen sind.
Neben dem erforderlichen Umbau an besonders schadens-
trächtigen Punkten erhebt sich nicht zuletzt die Frage, in-
wieweit bei der Dimensionierung von Brücken an erfahrungs-
gemäß starkTreibgut führenden Flüssen zusätzliche Sicherhei-
ten berücksichtigt werden sollten. Aber auch die potenziellen
Quellen von Treibgut, wie abgelagerte Baumaterialien, Leicht-
bauten oder nicht auentypische Baumarten im Überschwem-
mungsbereich bedürfen in Zukunft einer stärkeren Beachtung.
3.5
Durchflusskapazität
im Flussbett
Der Ausbau der Fließgewässer in den Ortslagen des Ost-
erzgebirges diente in der Vergangenheit gleichermaßen dem
Hochwasserschutz und dem Landgewinn. Der Bemessung
der Gerinnequerschnitte lagen anfänglich sicher nur Erfah-
rungswerte, später hydrologische und hydraulische Unter-
suchungen zugrunde.
Als Kriterium für die Bestimmung der Durchflusskapazität
des Flussbettes wurde einheitlich ein Wasserstand ohne
Freibord verwendet. Dieser ausuferungsfreie Durchfluss ist
in Ortslagen fast immer identisch mit dem schadlosen
Durchfluss, wenn von der Zerstörung nicht standfester Ufer-
befestigungen abgesehen wird. In der freien Landschaft
sind dagegen die morphologischen Prozesse der Umbildung
des Flussbettes und die kurzzeitige Überschwemmung der
Aue oft nicht als reparaturbedürftige Zerstörung anzusehen.
Der über Jahrhunderte fortgeführte Ausbau der Gewässer-
betten und die vielen Brücken unterschiedlichster Bauweise
haben innerhalb der Ortslagen zu wechselnden Durchfluss-
kapazitäten geführt. Während des Hochwassers im August
2002 wurden diese fast ausnahmslos überschritten. Infolge
von Geschiebeablagerungen und Verklausungen stand
vielerorts nur noch ein eingeschränkter Abflussquerschnitt
zur Verfügung. In Tabelle 3-6 sind die Durchflusswerte und die
Zuordnung zum statistischen Wiederkehrintervall für einige
Ortslagen zusammengestellt. Die Werte wurden ohne
Berücksichtigung einer möglichen Profiländerung für den Zu-
stand Anfang des Jahres 2003, also nach dem Hochwasser,
rechnerisch bestimmt. Es ist erkennbar, das die Durchfluss-
kapazitäten nur in wenigen Ortslagen das HQ(100) erreichen
und sehr viele Problemstellen mit stark verringerter Leis-
tungsfähigkeit bestehen. Vor dem Hochwasser ist die zur
Verfügung stehende Fließfläche teilweise deutlich kleiner
gewesen oder während des Ereignisses in einigen Orts-
lagen gänzlich mit Geschiebe aufgefüllt worden.
Auffällig sind die vergleichsweise großen Durchfluss-
kapazitäten an der Gottleuba und Bahra. In diesem Fluss-
gebiet wurde nach den verheerenden Hochwassern 1957
und 1958 durch den Bau mehrerer Talsperren und Hoch-
wasserrückhaltebecken der Hochwasserschutz überdurch-
schnittlich verbessert. Wenn auch nicht konsequent bis zur
Mündung, so ist das Gerinne ebenfalls in vielen Abschnitten
für große Durchflüsse ausgebaut. In allen anderen Fluss-
gebieten fehlte diese durchgängige „Überarbeitung“ noch.
Angesichts der nach dem Hochwasser überarbeiteten
HQ(T)-Werte stellt sich die Situation insbesondere der
Brücken besonders dramatisch dar. Als allgemeine Orien-
tierung für das Schutzziel kann hier in Anlehnung an das
Sächsische Wassergesetz HQ(100) in Ortschaften gelten.
Selbst wenn eine Verringerung der zur Verfügung stehenden
Durchflussfläche infolge Geschiebe- oder Treibgutablagerun-
gen nicht angesetzt wird, sind danach 238 von 621 Brücken,
für die hydraulische Berechnungen im Rahmen der Hoch-
66

67
Gewässer
Ortslage
Ausuferungsfreier Durchfluss
Abfluss beim
Hochwasser
August 2002
[m
3
/s]
in typischen
Abschnitten
[m
3
/s]
Wahrscheinlich-
keit der Über-
schreitung
1)
an Engstellen
[m
3
/s]
Biela
Königstein
35 bis 50
hoch
15 bis 20
50
Gottleuba
Bad Gottleuba
60
gering
60
Pirna oh. Mdg. Seidewitz
120
gering
60
135
Pirna uh. Mdg. Seidewitz
100
hoch
220
Bahra
Markersbach
45 bis 60
gering
30
Seidewitz
Liebstadt
25 bis 45
gering
40
Pirna
30 bis 60
mittel
15 bis 25
100
Müglitz
Lauenstein (oh. Rotes Wasser)
60
gering
85
Glashütte (uh. Brießnitzbach)
120
mittel
< 40
270
Schlottwitz
150
mittel
< 55
320 bis 350
Weesenstein
170
mittel
< 55
360
Dohna
170
mittel
80
400
Heidenau
180
mittel
> 400
Lockwitz-
bach
Reinhardtsgrimma
8
mittel
20
Kreischa
20
hoch
45
Dresden
25 bis 40
mittel
15
80
Rote
Weißeritz
Kipsdorf
50 bis 60
gering
25
50
Schmiedeberg (oh. Pöbelbach)
40 bis 75
mittel
30
80
Schmiedeberg (uh. Pöbelbach)
55 bis 60
mittel
20
120
Dippoldiswalde
30 bis 45
hoch
15
150
Freital-Hainsberg
70 bis 80
mittel
25
260
Wilde
Weißeritz
Dorfhain
20 bis 60
mittel
170
Tharandt
60 bis 140
mittel
200
Vereinigte
Weißeritz
Freital
140 bis 430
mittel
65
450
Dresden
220 bis 420
mittel
75
> 450
Wilde Sau
Klipphausen
20
mittel
30
Constappel
25
mittel
14
45
Triebisch
Mohorn-Grund
30
mittel
11
40
Niedermunzig-Miltitz
30
hoch
150
Robschütz
35 bis 60
hoch
160
Stadt Meißen
100 bis 140
mittel
80
200
Ketzerbach
Wahnitz
20
hoch
60
Wachtnitz
70
mittel
90
Zehren-Schieritz
30 bis 35
hoch
20
100
Tabelle 3-6:
Durchflusskapazität und Hochwasserabfluss 2002 in Ortslagen
1) Die Angaben beziehen sich auf das mittlere Wiederkehrintervall eines Durchflusses,
der größer als der Ausbaugrad in typischen Abschnitten ist:
hoch – kleiner als 20 Jahre,
mittel – 20 bis 100 Jahre,
gering – größer als 100 Jahre

image
 
wasserschutzkonzepte ausgeführt wurden, unterbemes-
sen. Eine Übersicht gibt Tabelle 3-7. Die Erfahrungen der
großen Hochwasser zeigen darüber hinaus, dass eine Be-
messung nur für den Reinwasserabfluss allein ungenügend
ist.
3.6
Schwachstellen
Wenngleich das Hochwasser im August 2002 nahezu ent-
lang der gesamtem Fließlänge der betroffenen Gewässer
Schäden hervorgerufen hat, so ist doch festzustellen, dass in
bestimmten Abschnitten ein besonders großes Gefahren-
potenzial auftritt. Die Identifikation ist hinsichtlich der Vorsorge
gegenüber kleineren Hochwasserereignissen von besonde-
rer Bedeutung. Solche Schwachstellen zeichnen sich durch
eine Kombination ungünstiger Faktoren aus, zum Beispiel:
erosionsgefährdete Fließstrecke oberhalb einer Ort-
schaft, in der nur eine geringe Transportkapazität vorliegt,
und somit im Ereignisfall die Überschwemmung ver-
stärkt wird,
geringe Durchflusskapazität in der Ortschaft, besonders
an Brücken, bei gleichzeitig hohem zu erwartenden Treib-
gutanfall,
nicht standsichere Ufermauern bei gleichzeitig zu gerin-
ger Durchflusskapazität,
künstliche Aufschüttungen mit hohem Schadenspotenzial
(Bahn- und Straßendämme) im Überschwemmungsgebiet.
Unmittelbar nach dem Hochwasser wurde auf längeren außer-
örtlichen Gewässerstrecken der gesamte Baumbestand auf
etwa 10 Meter breiten Uferstreifen gerodet, offensichtlich
mit dem Ziel, für kommende Hochwasserereignisse die
Durchflusskapazität zu erhöhen und den Treibgutanfall zu
vermindern. In nicht technisch ausgebauten Abschnitten ist
diese Maßnahme durchaus kritisch zu bewerten. Die Ero-
sionsgefährdung der Ufer ist vorerst erhöht. Die Bäume hin-
ter dem Uferstreifen sind durch die plötzliche Freistellung
verstärkt sturzgefährdet. Ein natürlicher Treibgutrückhalt ist
nicht mehr gegeben.
Betroffen von Überschwemmungen bei extremen Hoch-
wasserereignissen sind an allen betrachteten Flüssen fast
sämtliche Mühlengrundstücke.
An der
Biela
haben sich nahezu in der gesamten Ortslage
Königstein die Ufermauern als erosions- und einsturzgefähr-
det erwiesen. In Verbindung mit der geringen Durchfluss-
kapazität ist zudem häufig mit einer starken Belastung und
dementsprechenden Schäden zu rechnen.
Wie das Hochwasser 2002 gezeigt hat, weist die
Gottleuba
vor allem in Pirna problematische Abschnitte auf. Die
Brücken unterhalb der Bundesstraße B172 ermöglichen nur
eine gefahrlose Wasserableitung bis zum 20-jährlichen Ab-
flussereignis (ca. 60 m
3
/s). Bei größerem Durchfluss ist
mit Verklausungen zu rechnen, betroffen von einer Über-
schwemmung sind große Teile der Innenstadt Pirnas.
An der
Seidewitz
sind insbesondere die Ortslagen Pirna-
Zuschendorf und Pirna-Zehista bei Hochwasser gefährdet.
Am oberen Ortsrand ist mit Treibgut zu rechnen, das sich
vorzugsweise an den Brücken ablagern kann. Deren Durch-
flusskapazität entspricht etwa dem 20-jährlichen Ereignis
(35–40 m
3
/s).
68
Abbildung 3-10: Unzureichender Brückenquerschnitt im aus-
gebauten Trapezgerinne, Vereinigte Weißeritz,
Dresden, Wernerstraße (Foto: LTV, 2002)
Tabelle 3-7:
Anzahl der unterdimensionierten Brücken
(aus Berechnung für Reinwasserabfluss)
Gewässer
Anzahl der Brücken
vorhanden
hydrau-
lische Be-
rechnung
ausgeführt
Durchfluss-
kapazität
entspricht
nicht dem
Schutzziel
Biela
21
21
16
Gottleuba
52
52
16
Bahra
28
28
5
Mordgrundbach
15
15
2
Seidewitz
58
54
30
Bahre
10
9
9
Müglitz
94
87
43
Lockwitzbach
82
80
8
Niedersedlitzer
Flutgraben
16
16
15
Rote Weißeritz 83 71 25
Wilde Weißeritz
55
52
9
Vereinigte
Weißeritz
56
53
25
Wilde Sau
16
11
2
Triebisch
64
56
26
Ketzerbach
21
16
7

69
Die
Müglitz
weist, ausgehend von den Beobachtungen zum
Augusthochwasser 2002 aber auch bezogen auf das 100-jähr-
liche Ereignis, fast durchgängig ein hohes Gefahrenpotenzial
auf. Die Durchflusskapazität entspricht unterhalb Lauenstein im
Allgemeinen einem statistischen Wiederkehrintervall von 50
Jahren. In allen Ortslagen queren allerdings etliche Brücken
den Fluss, die eine weitaus geringere Durchlassfähigkeit auf-
weisen und damit auch durch Treibgut stark gefährdet sind.
Die vielen Wehranlagen mit Aufbauten führen ebenfalls zur
konzentrierten Treibgutablagerung und zusätzlichem Aufstau.
Der über weite Strecken tief liegende Bahnkörper mit den
dementsprechend niedrigen Brücken ist dabei als besonders
kritisch anzusehen, Bahndamm und Gleiskörper stellen zudem
ein leicht zu erodierendes Geschiebepotenzial dar. Geschiebe-
ablagerungen in Ortschaften mit starkem Einfluss auf den
Wasserstand waren in Glashütte, Schlottwitz und Weesen-
stein aufgetreten. Eine detaillierte Angabe der Fließstrecken,
die bei einem erneuten extremen Ereignis von maßgeblicher
Sedimentation betroffen sein können, wird nur mit einer ver-
tieften Analyse der hydraulischen Verhältnisse einschließlich
des Geschiebepotenzials und Feststofftransportes möglich
sein. Die Erfahrungen aus historischen Hochwassern zeigen,
dass besonders im Müglitztal der Feststofftransport (Ge-
schiebe und Treibgut) ein entscheidender Gefahrenprozess ist,
der bei allen Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden muss.
Infrastruktur und Besiedlung im Tal sind bislang dieser Gefähr-
dung nicht angepasst.
Am
Lockwitzbach
treten in den Ortslagen Reinhardtsgrimma
und Kreischa die geringen Durchflusskapazitäten des Gerin-
nes in Verbindung mit dem teilweise schlechten Bauzustand
der Uferbefestigungen als Schwachstellen in Erscheinung. In
Dresden-Lockwitz sind die Brücken verglichen mit den Fließ-
strecken ober- und unterhalb bezüglich des Durchflusses deut-
lich geringer bemessen. Als maßgebliches Hindernis hat sich
das Schwingwehr (Wehr Niedermühle) in Dresden-Lockwitz
herausgestellt, da es während des Hochwassers nicht voll ge-
öffnet werden konnte (siehe auch Abschnitt7.3).Im Bereich des
Teilungswehres am Abzweig zum Niedersedlitzer Flutgraben
kam es zu einer Geschiebeablagerung, die eine Beaufschla-
gung weit über derDurchflusskapazität desFlutgrabens und da-
mit Überschwemmungen in Dresden-Niedersedlitz verursachte.
Bedingt durch die starke Besiedelung ist der Lauf der
Roten
Weißeritz
oberhalb der Talsperre Malter durch eine Vielzahl
von Gefahrenpunkten gekennzeichnet. Ausgeprägte Sedimen-
tationsbereiche auf Grund der Gefälleverhältnisse finden sich
in den Ortslagen von Kipsdorf, Schmiedeberg (unterhalb
Mündung Pöbelbach) und Ulberndorf (oberes Ortsende). Diese
Gefährdung wird durch das vorhandene Geschiebepotenzial
aus künstlichen Aufschüttungen und nicht standsicheren Ufer-
befestigungen verstärkt. Als Verklausungsschwerpunkte haben
sich die Brücken in Kipsdorf, Schmiedeberg und Obercarsdorf
herausgestellt. Vorzugsweise an den tief liegenden Brücken
der Schmalspurbahn verhakt sich das Treibgut auf Grund der
gegliederten Stahlkonstruktion. Der gesamte Rabenauer
Grund mit Wanderweg und Schmalspurbahn ist bei großen
Hochwasserereignissen grundsätzlich durch Erosion und Treib-
gut gefährdet.
Oberhalb der Talsperren Lehnmühle und Klingenberg ist
die Durchflusskapazität des Gewässerbettes der
Wilden
Weißeritz
sehr gering, das Gefahren- und Schadenspotenzial
sollte hier durch eine entsprechende Flächennutzung im
Überschwemmungsgebiet weiter vermindert werden. Die
Brücken sind grundsätzlich durch Verklausung bedroht. Ab
Dorfhain bis Tharandt sind Straße, Bahn und vereinzelt die
Bebauung bei den beengten Platzverhältnissen zwangs-
läufig stark durch Überschwemmung und Feststoffprozesse
gefährdet. Im Bereich Edle Krone ist eine Sicherung der
Infrastruktur und Gebäude offensichtlich nur durch massiven
Verbau möglich, um bei starkem Gefälle und ungünstiger
Linienführung das Wasser schadlos ableiten zu können. Der
Flussabschnitt in der Stadt Tharandt ist eine bevorzugte
Ablagerungsstrecke für Treibgut und das oberhalb erodierte
Geschiebe; ein gezielter Rückhalt der Feststoffe oberhalb der
Ortslage ist erforderlich.
In Freital ist im Staubereich von Wehranlagen an der
Ver-
einigten Weißeritz
die Durchflusskapazität herabgesetzt,
womit hier bevorzugte Ausgangspunkte für die Über-
schwemmung des Stadtgebietes bestehen. Zwischen
Freital und Dresden hat sich der Bereich an der Felsenkeller-
brauerei als problematisch erwiesen, da hier Geschiebe-
ablagerungen im Bereich einer Brücke auftreten können,
was in Verbindung mit der Verklausung zum Ausbruch der
Hauptströmung auf der linken Flussseite und damit zur mas-
siven Schädigung der Bahntrasse und Straße führt. Unter-
halb des Plauenschen Grundes sind die Überflutungen in
den Abschnitten Hofmühlenstraße bis Würzburger Straße
und am „Weißeritzknick“ (Löbtauer Straße) besonders kri-
tisch, da von hier Wasser unkontrolliert in die Wilsdruffer
Vorstadt, zum Hauptbahnhof sowie nach Dresden-Löbtau,
Dresden-Friedrichstadt und in die Altstadt fließt. Unzurei-
chende Uferhöhen, lokale Geschiebeablagerungen und tief
liegende Brücken, die ein Verklausungsrisiko darstellen, sind
die Ursache. Auch die Brücken über das kanalisierte Fluss-
bett bis zur Mündung in die Elbe stellen auf Grund ihrer in
das Abflussprofil „eintauchenden“ Konstruktion ein Hinder-
nis, besonders für die Abführung des Treibgutes, dar.
Die Gefahrenschwerpunkte an der
Wilden Sau
konzentrie-
ren sich im Wesentlichen auf die Ortslagen Grumbach und
Wilsdruff, in denen die Gerinne- und Brückenquerschnitte
teilweise nicht ausreichend dimensioniert sind, was zur
Überschwemmung in den Siedlungsbereichen führt. In Con-
stappel erwies sich die Uferbefestigung als unzureichend,
wodurch Wohngebäude gefährdet wurden.
Im Oberlauf der
Triebisch
ist die Ortschaft Mohorn-Grund
durch Überschwemmung gefährdet. Die geringe Durch-
flusskapazität einiger Brücken begünstigt die Verklausung.
Betroffen ist vor allem die Wohnbebauung im engen Tal-
grund. Ab Niedermunzig bis Meißen ist ebenfalls die Durch-
flusskapazität auch in Ortslagen nicht ausreichend, um eine
teilweise Überschwemmung der Bebauung zu verhindern.
Besondere Gefahrenpunkte sind durch die zu engen Quer-
schnitte der historischen Brücken an der Neidmühle und
in Robschütz gegeben. In Meißen-Buschbad bildet sich im

 
Rückstaubereich eines Wehres und zweier Brücken ein
bevorzugter Ausbruchsweg über die Straße. Unterhalb des
Triebischtalwehres ist die Uferhöhe in einigen Abschnitten
nicht ausreichend, die Abflussquerschnitte an den Brücken
Jaspisstraße und Karl-Niesner-Straße sind gravierend kleiner
gegenüber den anschließenden Gewässerstrecken und da-
mit prädestinierte Verklausungsstellen.
Der
Ketzerbach
ist auf Grund der topografischen Verhält-
nisse wesentlich häufiger von Ausuferungen betroffen als
alle vorgenannten Flüsse, die Flächennutzung in der Aue
ist dem überwiegend angepasst. Die laufenden Anlan-
dungen infolge des großen Schwebstoffeintrages aus den
lößbedeckten Ackerflächen des Einzugsgebietes haben in
mehreren Ortslagen (Wahnitz, Wachtnitz, Prositz) zur Ver-
schärfung der Überschwemmungsgefahr geführt.
3.7
Zusammenfassung
Das Hochwasser im August 2002 war im Osterzgebirge durch
Abfluss- und Feststofftransportprozesse gekennzeichnet, die
in ihrer Intensität und gleichzeitig flächenhaften Ausbildung
bisher nur sehr selten oder nie in diesem Gebiet beobachtet
wurden.
Im gesamten Untersuchungsgebiet war eine ausgeprägte
Geschiebebewegung zu beobachten, die vorwiegend aus der
Ufererosion mit Material versorgt wurde. Die Geschiebeabla-
gerungen betrafen sowohl die Vorlandbereiche als auch die
Gewässerbetten. Über einige Strecken veränderten Erosion
und Sedimentation neben dem Flussprofil auch das Relief
im Talgrund. Die künstliche Befestigung der Gewässerläufe
konnte hier die Prozesse, die bei Extremereignissen eine
naturnahe Landschaft prägen, nicht verhindern. Die morpho-
logischen Änderungen haben sich vielerorts ungünstig auf die
Wasserspiegellagen und damit auf die Ausdehnung der Über-
schwemmungsflächen ausgewirkt.
Die Spitzendurchflüsse lagen in den Flüssen, abgesehen von
Gottleuba und Bahra, nahezu durchgängig über dem bord-
vollen Durchfluss. Alle Ortschaften in den Flusstälern waren
von Überschwemmungen im Siedlungsgebiet betroffen.
Wie die Analyse der abgelaufenen Prozesse und die Zusam-
menstellung der wichtigsten Schwachstellen im Abschnitt 3.6
zeigen, resultierte die maßgebliche Hochwassergefährdung
der Ortslagen im Untersuchungsgebiet aus den unzureichen-
den Abflussquerschnitten und der Erosionsgefährdung im
Uferbereich. Überwiegend Brücken bildeten die Engstellen.
Geschiebe- und Treibgutablagerungen wurden begünstigt
beziehungsweise verschärften diese Probleme. Infolge der
gewässernahen Besiedlung und teilweise ungünstigem
Uferbewuchs war ein großes Treibgutpotenzial vorhanden.
Die Uferbefestigungen erwiesen sich über weite Strecken
als nicht ausreichend standsicher. Dadurch wurde der Ein-
trag großer Feststoffmengen in das Gewässer möglich. Die
gewässernahe Lage von Bahn- und Straßentrassen ergaben
oft ein großes Geschiebepotenzial, das bei Versagen der
Ufersicherung oder bei Ausuferung schnell aktiviert wurde.
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image
 
71
4.1
Überschwemmung
Die während des Hochwassers ablaufenden Prozesse der
Überschwemmung, Geschiebe- und Treibgutablagerung so-
wie Erosion haben in unterschiedlichem Maße zu den Schä-
den beigetragen. Die Überschwemmung selbst hatte neben
den großen Abflusswerten oft andere Prozesse als Ursache,
so die Verklausung von Brücken oder die Ablagerung von
Geschiebe im Gewässerbett.
des Treibgutes. In den eng bebauten Ortslagen traten
Strömungsumlenkungen und -konzentrationen auf, die zu
lokalen Geschwindigkeitsmaxima an Gebäudekanten und
Durchfahrten führten. Die damit verbundenen Wirbel wei-
sen in ihrem Zentrum besonders hohe Fließgeschwindig-
keiten auf, die kleine, aber tiefe Erosionstrichter erzeugen.
Die Schäden an den Gebäuden sind dementsprechend
zum großen Teil auf Unterspülung der Gründung und den
Anprall von Baumstämmen und anderen schweren
Schwimmgütern zurückzuführen. Durch die Ausbildung
neuer Fließwege, zum Beispiel entlang der Straßen, waren
auch Gebäude betroffen, die nicht von der Ufererosion
erreicht wurden. Die Beseitigung und Deponierung der
riesigen Mengen an Schwemmholz, Bauschutt, Zivilisa-
tionsmüll und Autowracks nahm mehrere Monate in An-
spruch.
Eine weitere Auswirkung der Überschwemmungen war
die Freisetzung Wasser gefährdender Stoffe. Besonders
Heizöltanks wurden durch Auftrieb aus ihren Verankerun-
gen gerissen und leckgeschlagen. Kraftfahrzeuge wurden
in großer Zahl von den Fluten mitgerissen beziehungs-
weise gingen unter Wasser. In der Stadt Meißen zum Bei-
spiel war bereits am Nachmittag des 12. August 2002, also
mehr als sechs Stunden vor Erreichen des Hochwasser-
scheitels, die Triebisch mit Heizöl belastet. Der Durchfluss
betrug zu dieser Zeit nur etwa 60 Prozent des Maximal-
wertes. Gefährdete Tankanlagen befanden sich also im
Überschwemmungsgebiet auch kleinerer Hochwasser-
ereignisse.
Die Ursachen für den tragischen Verlust von Menschen-
leben während des Hochwassers waren vor allem der
schnelle Anstieg des Wasserstandes, der gefährliche Ret-
tungs- und Bergungsaktionen erforderte, und die hohen
Strömungsgeschwindigkeiten. Bereits bei einer Fließ-
geschwindigkeit von zwei Meter pro Sekunde und einer
Wassertiefe von nur 0,5 Meter besteht die Gefahr des Mit-
reißens von Personen. Hier wird besonders die Notwendig-
keit eines Vorwarnsystems auch bei kurzen zur Verfügung
stehenden Reaktionszeiten deutlich, denn auch die Flucht-