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Finanzamt Pirna
Neubau und Sanierung

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Grußwort
Krieges durch die erfolgreiche Verteidigung
des Sonnensteins. Als Verdienst erhielt er
umfangreichen Grundbesitz gegen Ende des
Krieges. Nach wechselnden militärischen
Nutzungen baute von Liebenau das verfallene
Gebäudeensemble vor den Toren der Stadt zu
einem Wohnhof um. Die Vierseitenanlage mit
straßenseitigem Haupthaus, Remise und Ne-
bengebäude diente Jahrhunderte zu Wohn-,
Wirtschafts- und Gewerbezwecken. Unter
anderem erwarb 1814 die Waisenhausstif-
tung, ein Engagement der Pirnaer Bürger, den
nördlichen Teil des Vorwerkes. Das Wohnhaus
wurde umgebaut und um einen Seitenflügel
erweitert. Bis zu 50 Kinder konnten aufge-
nommen werden. Erst 1922 wurde das Wai-
senhaus aufgelöst und zu einem Wohnhaus
umgebaut.
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts stand das
ehemalige Vorwerk seit vielen Jahren unge-
nutzt und verfiel zusehends. Einige Gebäu-
deteile wurden abgerissen. Erst die Entschei-
dung im Juni 2012, das Vorwerk als Finanzamt
zu nutzen, rettete einen Teil der maroden Ge-
mäuer vor dem Komplettabriss. Auf dem ver-
kehrsgünstig gelegenen Grundstück, mit sehr
guter Anbindung an öffentlichen Personen-
nahverkehr, in direkter Nachbarschaft zum
Altstadtkern, wurden verschiedene histori-
sche Gebäude mit Neubauten zu einem Bau-
körper zusammengeführt. Grundlage dafür
bildet der aus einem Architekturwettbewerb
hervorgegangene Entwurf, der die Charak-
teristik der historischen Vorgängerbebauung
weiterführt.
Das heutige Ensemble besteht aus drei Blö-
cken, jeweils um einen Innenhof gruppiert,
die sich hervorragend in die städtebauliche
Umgebung einfügen, zugleich neue Akzente
setzen und zur Innenstadtbelebung der Alt-
stadt von Pirna beitragen. Diese architekto-
nische Lösung vereint somit funktionelle und
gestalterische Ansprüche.
Die Umsetzung des anspruchsvollen Baupro-
gramms oblag der Niederlassung Dresden I
des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien-
und Baumanagement (SIB), die zielgerichtet
und effizient den Bauverlauf leitete. Die Bau-
Der demografische Wandel in Sachsen und
der nachhaltige Einsatz der zur Verfügung
stehenden Mittel stellt eine große Herausfor-
derung für die sächsische Verwaltung dar.
Eine effiziente und moderne Behördenstruk-
tur ist daher unabdingbar, um auch in Zu-
kunft die Leistungsfähigkeit, Servicequalität
und Bürgerfreundlichkeit der Verwaltung für
die Bürgerinnen und Bürger zu garantieren.
Die Sächsische Staatsregierung hat deshalb
eine über das Jahr 2020 hinausreichende
Standortkonzeption für die zukünftige Be-
hördenstruktur im Freistaat Sachsen be-
schlossen. Dies führt zu einem längerfristigen
Veränderungsprozess in der bisherigen Ver-
waltungsstruktur, in dessen Folge bestehende
Ämter an neuen Standorten fusionieren.
Daraus ergeben sich zum Teil anspruchsvol-
le Bauaufgaben, die gleichzeitig eine Chance
sind, neue Impulse für den gesamten Stadt-
raum zu setzen und somit aktiv die Innen-
städte zu stärken.
Eine dieser Maßnahmen ist die Neuunter-
bringung des Finanzamtes Pirna, mit der die
bisherigen Finanzämter Freital und Pirna an
einem neuen Standort zusammengeführt
werden. Diese Entscheidung wirkt sich jedoch
nicht nur auf die Bediensteten der betroffe-
nen Finanzämter aus, sondern betrifft auch
den Lebensalltag der Öffentlichkeit. Wie sich
ein Staat mit seinen Gebäuden darstellt, ist
für den Bürger nicht zuletzt ein Gradmesser
dafür, wie der Staat seine öffentlichen Auf-
gaben erfüllt.
Die Bauaufgaben des Sächsischen Immobili-
en- und Baumanagements als Bauherrenver-
treter des Freistaates Sachsen greifen auch
die sächsische Geschichte und Identität auf
und tragen sie in die Gegenwart.
Das neue Finanzamt Pirna ist ein eindrucks-
volles Beispiel für diesen Ansatz. Es entsteht
auf dem denkmalgeschützten Liebenauschen
Vorwerk, welches 1641/42 errichtet und nach
dem sächsischen Offizier Johann Siegmund
von Liebenau benannt wurde. Ansehen er-
warb dieser während des Dreißigjährigen
durchführung erfolgte von Beginn an unter
der Vorgabe größtmöglicher Zeitersparnis
bei Einhaltung der Kosten. Neben dem vor-
gezogenen Beginn der Maßnahmen an den
Bestandsbauten wurde zu diesem Zweck für
die drei Neubauteile (Nord, Mitte und Süd)
der Bauablauf darauf abgestimmt, möglichst
viele Arbeiten parallel durchzuführen.
Die vorliegende Broschüre stellt nicht nur die
wichtigsten Punkte zur Architektur und Bau-
aufgabe des Finanzamtes Pirna dar, sondern
beleuchtet auch die wechselvolle Bau- und
Nutzungsgeschichte des Areals mit seinen
historischen Gebäuden. Ich wünsche allen Le-
sern eine interessante Lektüre.
Prof. Dr. Georg Unland
Staatsminister der Finanzen

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Grußwort
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Bauaufgabe – Neubau unter Einbeziehung historischer Gebäude
| 09
Standort und Wettbewerb
| 11
Architekturkonzept
| 13
Baugeschichte
Archäologie
Archivrecherche
Bauforschung am Bestand
| 21
Baudurchführung
Altbau
Neubau
| 23
Baugrund und Grundwasser
| 25
Umwelt- und Naturschutz
| 26
Technikkonzept
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Außenanlagen
| 31
Projektdaten
| 32
Impressum
Inhalt
Seite 2:
Finanzamt Pirna, links Schandauer und rechts Clara-Zetkin-Straße
Seite 4:
Restaurierte Holzbalkendecke, um 1670, im Vorwerk, Herrenhaus

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Bauaufgabe – Neubau unter
Einbeziehung historischer Gebäude
Mit dem Beschluss des Sächsischen Stand-
ortegesetzes am 25. Januar 2012 legt der
Freistaat Sachsen die künftigen Standorte
seiner Behörden fest, um auch perspektivisch
seine Aufgaben effizient erfüllen zu können.
Dies führt zu einem längerfristigen Verände-
rungsprozess in der bisherigen Verwaltungs-
struktur, in dessen Folge bestehende Ämter
an neuen Standorten fusionieren. Daraus
ergeben sich neue Bauaufgaben. Die Neuun-
terbringung des Finanzamtes Pirna ist eine
davon, mit der die bisherigen Finanzämter
Freital und Pirna an einem neuen Standort
zusammengeführt werden.
Bei der Suche nach dem geeigneten Stand-
ort fiel die Wahl auf die seit vielen Jahren
brach liegende innerstädtische Fläche des
Liebenauschen Vorwerkes, in dessen Umfeld
sich das ehemalige Waisenhaus sowie das
Gasthofgebäude Zum Blauen Hecht befinden.
Ausschlaggebend für die Standortentschei-
dung war, dass mit der anstehenden Großen
Baumaßnahme ein städtebaulich bedeuten-
des Areal revitalisiert werden konnte. Zudem
sind positive Impulse für die Entwicklung
im näheren Umfeld sowie zur Stärkung der
Innenstadt zu erwarten. Neben der guten
funktionalen und gestalterischen Lösung des
genehmigten Raumprogrammes ist es dem
Freistaat wichtig, mit seinen anstehenden
Baumaßnahmen aktiv die Innenstädte zu
stärken und somit über die baukünstlerische
Leistung hinaus einen weiteren Mehrwert für
die Allgemeinheit zu erzielen.
Besonderer Wert wird auch auf die Nach-
haltigkeit im Sinne der Entwicklung einer
wirtschaftlichen Gebäudekonzeption und
Bauweise sowie eines ganzheitlichen energe-
tischen Konzepts gelegt. Künftiger Aufwand
für Bauunterhalt und Bewirtschaftung finden
besondere Beachtung.
Das Grundstück befindet sich am südlichen
Rand des Stadtzentrums von Pirna, außerhalb
des eigentlichen Altstadtbereiches an der
Kreuzung der in Ost-West-Richtung verlau-
fenden Bundesstraße 172 (Schandauer Straße)
und der nach Süden führenden Clara-Zetkin-
Straße (S 173). Das Quartier wird nach Osten
von der Seminarstraße begrenzt. Die Ent-
fernung zum Marktplatz beträgt in Luft linie
ca. 500 Meter, zum Bahnhof ca. 1.000 Meter.
Die Bundesstraße 172 stellt zwischen Dres-
den und Bad Schandau die wichtigste über-
örtliche Verbindungsstraße im Elbtal dar. Die
Clara-Zetkin-Straße ist eine übergeordnete
Verbindungsstraße, welche über den Vor-
ort Zehista in Richtung Berggießhübel und
tschechische Grenze führt.
Für die Unterbringung des Finanzamtes Pirna
ist eine Nutzfläche von ca. 4.450 Quadratme-
tern zuzüglich der Flächen für Registraturen
und Aktenbestände entstanden. Es wurde
ein räumliches Konzept umgesetzt, das ei-
nen wirtschaftlichen und funktionsgerechten
Betrieb des Gebäudes ermöglicht. Im Erschei-
nungsbild des Gebäudes kommt das Leitbild
einer offenen bürgerfreundlichen Verwaltung
zum Ausdruck.
In der Gesamtbetrachtung manifestiert sich
die Entwicklungsidee als gestalterisch er-
folgreiches Architekturkonzept, als Verbin-
dung historisch gewachsener kleinteiliger
mit funktional zeitgenössischer, großflächig
gedachter Bauweise.
Die Anforderungen der Ausschreibung führ-
ten in Verbindung mit der architektonischen
Um setzung und den in der Bauphase vor-
genommenen Planungsänderungen zu einer
ziel gerichtet auf die künftigen Nutz ungsan-
for de rungen
orientierten
Synthese.
Ehemaliger Gasthof Zum Blauen Hecht und Herrenhaus Vorwerk,
dazwischen südlicher Torbogen, August 2012
Oben:
Waisenhaus und Remise, August 2012, die Remise musste
im Juli 2013 abgerissen werden.
Unten:
Hinweis auf die Nutzung in den 1920er Jahren, Juli 2012
Oben:
Herrenhaus Ostseite, April 2013
Unten:
Blick in die Remise, Erdgeschoss, August 2012
Im August 2013 ist das Vorwerk mit einem Wetter-
dach zur Sanierung der Baukonstruktion und zur
Rekonstruktion des Daches gesichert.

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Standort und Wettbewerb
Das Sächsische Staatsministerium der Fi-
nanzen beauftragte am 15. Juni 2012 den
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und
Baumanagement (SIB), die Planungen für
die Unterbringung des Finanzamtes Pirna
einzuleiten. »Mit dem neuen Standort des
Finanzamtes Pirna im historisch wertvollen
Liebenauschen Vorwerk leistet der Freistaat
Sachsen einen positiven Beitrag zur Stadt-
entwicklung in Pirna«, sagte Finanzminister
Prof. Dr. Georg Unland.
Angesichts der Komplexität, die sich aus dem
Standort und seiner vorhanden Bebauung er-
gibt, entschied sich der Freistaat Sachsen im
Sommer 2012 ein VOF-Verfahren mit einem
offenen zweiphasigen Architekturwettbewerb
auszuschreiben.
In der ersten Phase des Wettbewerbes mit
121 Teilnehmern ging es darum, tragfähige
städtebauliche Ideen für das verfallene Areal
zu finden, die dann in der zweiten Phase von
21 Beteiligten mit der genaueren Darstellung
der Gebäude weiterzuentwickeln waren.
Dabei galt es die drei denkmalgeschützten
Gebäude und insbesondere das Liebenausche
Vorwerk, das als bau- und auch stadtge-
schichtlich hochrangiges Denkmal eingestuft
ist, hinsichtlich ihrer stadträumlichen Quali-
täten, ihres daraus resultierenden Potenzials
und der damit verbundenen möglichen Trans-
formation des bestehenden urbanen Kontex-
tes funktional einzubinden.
Links:
Lageplan Wettbewerb
Rechts:
Grundriss Wettbewerb, 1. Obergeschoss
Siegerentwurf des Architekturbüros TPMT
Oben:
Außenperspektive
Mitte:
Perspektive Informations- und
Annahmestelle
Unten:
Ansicht Clara-Zetkin-Straße

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Architekturkonzept
Der erste Preis des Berliner Architekturbüros
TPMT erfüllt die Anforderungen des Wettbe-
werbes in besonderem Maße. Die vorgeschla-
gene Struktur, bestehend aus drei sich jeweils
um einen Innenhof gruppierende Blöcke, fügt
sich hervorragend in das städtebauliche Um-
feld ein. Die auf dem Gelände vorhandenen
denkmalgeschützten Gebäude werden ge-
schickt in das neue Gebäudeensemble inte-
griert, wodurch ein spannungsreiches Ge-
samterscheinungsbild entsteht.
Im Beitrag des Architekturbüros TPMT sind
die städtebaulichen Vorgaben, der Erhalt und
Ausbau der historischen Architektur und die
Erweiterung durch moderne Bauten zu einer
Einheit verflochten. Die Bestandsbauten, das
ehemalige Waisenhaus, das ehemalige Gast-
hofgebäude und das Liebenausche Vorwerk,
werden als grundlegende Bausteine eines
neu zu schaffenden Ensembles begriffen, das
sowohl sämtliche Einrichtungen des Finanz-
amtes unter einem Dach vereint als auch die
stadträumlichen Besonderheiten des Ortes
respektiert und herausarbeitet.
Die Architekten sagten dazu: »Dabei versu-
chen wir zum einen ein Maximum an Altsub-
stanz zu erhalten, zum anderen unbefangen
mit dem Bestand umzugehen. Wir begreifen
die erhaltenswerten Gebäudeteile als Struktu-
ren, die es weiterzuentwickeln gilt, nicht etwa
als separate Einheiten mit einem definierten,
historischen ‚status quo’. Das wesentliche Ar-
gument dafür stellt für uns die wechselhafte
Geschichte der Gebäude dar, die in ihrer Ver-
gangenheit durch unterschiedliche Nutzun-
gen bereits zum Teil maßgebliche Änderun-
gen in Gestalt und Funktion erfahren haben.
Gerade durch diesen Umstand spielt auch der
Denkmalschutz, die Aufarbeitung der (Bau-)
Geschichte dieses Ortes, eine große Rolle, ein
Thema, das sich bis in die Details, die Gestal-
tung der Außenanlagen, ziehen wird.«
Während der Bereich nach Norden, zur stark
befahrenen Schandauer Straße, baulich ge-
schlossen wird, ist der Eingangsbereich an
der vorhandenen Aufweitung zwischen dem
ehemaligen Waisenhaus und Liebenauschen
Vorwerk an der Clara-Zetkin-Straße angeord-
net. Hier befindet sich auch die öffentliche
Durchwegung zur Seminarstraße und zu den
Stellplätzen.
Durch das Weiterbauen und Vervollständi-
gen der Bestandsbauten zu geschlossenen
Baukörpern mit Innenhof wird das gesamte
Bauvolumen in einem dem Ort angemessenen
Maßstab untergebracht, vereint durch eine
präzise ausformulierte Dachlandschaft und
konsequente Materialwahl.
Zentrales Entwurfselement ist die gebäude-
übergreifende Dachlandschaft, die Alt- und
Neubauteile miteinander zu einer durchgän-
gigen Struktur verbindet.
In reduzierter, skulpturaler Form orientieren
sich die neuen Bauteile zunächst deutlich am
Volumen der historischen Bebauung und er-
möglichen so über eine analoge Kubatur eine
gemeinsame Lesbarkeit bei zugleich eindeuti-
gem Verweis auf die bauliche Vergangenheit
– sowohl nach Außen hin wie auch im Inne-
ren, wo Überlagerungen von Alt und Neu an
den Schnittstellen immer wieder anzutreffen
sind. Die resultierenden Blick- und Wege-
beziehungen und die abwechslungsreichen
Raumabfolgen tragen ebenso zur besonde-
ren Atmosphäre der Innenräume bei wie der
ständige Bezug zu den Innenhöfen.
Die eingesetzte Materialität und die Um-
setzung im Detail führen den Dialog zwi-
schen Alt und Neu weiter. Die Fassaden
des Neubaus bestehen aus lokal gebroche-
nem Postaer Sandstein, die Dächer erhal-
ten eine handwerklich erstellte Zinkblech-
Deckung. Fenster und Türen werden in Holz
gefertigt.
Oben links:
Innenhof Waisenhaus und
Neubau
Oben rechts:
Neubau Schandauer Straße
Mitte:
Haupteingang Besucher, Informations-
und Annahmestelle
Unten links:
Blick vom 1. Obergeschoss zum
Haupteingang Besucher
Unten rechts:
Empfangsbereich, 1. Obergeschoss
Seite 11:
Neubau Schandauer Straße

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Baugeschichte
Der Um- und Ausbau des Liebenauschen Vor-
werkes zum neuen Finanzamt des Großkreises
Sächsische
Schweiz
Osterzgebirge
be deutet
die Rettung eines der wertvollsten Pirnaer
Kulturdenkmale in quasi allerletzter Minute.
Ein denkmalpflegerischer Glücksfall, der die
Umkehr eines schon über ein halbes Jahr-
hundert währenden baulichen Niederganges
ermöglichte und in seiner Brisanz eine be-
sonders seltene Ausnahmeerscheinung dar-
stellt. Oberstleutnant Johann Siegmund von
Liebenau war es 1639 gelungen, die Festung
Sonnenstein während knapp fünfmonati-
ger Belagerung durch das schwedische Heer
siegreich zu verteidigen. In den späten 1660er
Jahren baute er sich eine Brandruine vor den
Toren der Stadt zu seinem Wohnhof um. Im
Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte ent-
standen der zugehörige Gasthof Zum blauen
Hecht und das nördlich gelegene, aus einer
ehemaligen Lederfabrik hervorgegangene
Waisenhaus. Alle drei Gebäude wurden durch
das Vorhaben im Rahmen der noch bestehen-
den Möglichkeiten denkmalgerecht instand-
gesetzt und restauriert. Das betrifft durch-
gängig alle Schaufassaden und im Falle des
Herrenhauses auch eine ganze Reihe innerer
Details, darunter eine wertvolle farbig be-
malte Holzbalkendecke aus der Zeit um 1670,
Stuckdecken, Wandputz, originale Innentü-
ren und das in einer Jugendstilfassung aus-
gemalte spätbarocke Treppenhaus aus dem
19. Jahrhundert.
Archäologie
Während der archäologischen Ausgrabungen
im Jahr 2013, konnten auf dem Gebiet des
Liebenauschen Vorwerkes viele Spuren der
Binnenstruktur des Vorwerkes großflächig
freigelegt werden. Zu den wichtigsten Befun-
den gehören spätmittelalterliche Reste der
Vorgängerbebauung in Gestalt eines Kellerge-
wölbes und eines Fundamentes eines weiteren
Gebäudes. Das Vorwerk mit dem bestehenden
und heute gründlich sanierten Wohngebäu-
de an der Clara-Zetkin-Straße entstand als
ein Vierseitenhof im 16. Jahrhundert. Ab den
1640er Jahren baute der Amtshauptmann
von Liebenau das Vorwerk aus. Die Grabun-
gen deckten ein sauber gesetztes, auch heute
noch schön anzusehendes Hofpflaster aus
Flussgeröllen sowie ein großes Scheunenge-
bäude auf. Ein besonderer Befund gab den
Archäologen anfangs Rätsel auf. Es handelte
sich um exakt in Sandstein gefasste abge-
senkte Arbeitsgruben, deren Bedeutung erst
mit dem Aufdecken von Fundamenten von
zwei davorliegenden Kuppelöfen klar wurde.
Hier wurde Brot gebacken und wahrschein-
lich wurden auch Speisen zubereitet. Auch
die Spuren der Zerstörung des 30-jährigen
Krieges konnten aufgespürt werden. Im Nor-
den des Liebenauschen Vorwerkes, nahe der
heutigen Schandauer Straße (damals Sand
Gasse) wurde eine mächtige Brandschicht
in einem Halbkeller eines der dort schon
früh bezeugten Drescherhäuser dokumen-
tiert. Unter der Brandschicht und dem Fußbo-
den dieses Kellers ist eine Grube erfasst wor-
den, vermutlich für Vorräte, deren keramische
Funde in das 16. Jahrhundert datieren. Der
Keller selbst wurde nach dem 30-jährigen
Krieg aufgegeben, die Drescherhäuser mit
erd ebenem Erdgeschoß wieder aufgebaut.
Der auch heute noch sichtbare, schräg ver-
laufende Dachgiebel des späteren Waisen-
hauses resultiert aus der Lage des ersten Dre-
scherhauses im heutigen Kreuzungsbereich
Clara-Zetkin-Straße / Schandauer Straße.
Seite 12:
Durchgang vom Parkplatz
Richtung Clara-Zetkin-Straße
Links:
Reste eines bei den Ausgrabun-
gen entdeckten Backofens
Oben rechts:
Hofpflaster aus Fluss-
geröllen
Unten rechts:
Beräumung des Bau-
feldes, Dezember 2013

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Archivrecherche
Die durchgeführten Recherchen erbrachten
ein erstaunlich dichtes Maß an Informationen
zu dem bislang wenig beachteten Vorwerks-
hof aus der Zeit des 30jährigen Krieges und
seiner Entwicklung bis zum Garagenhof von
Kraftverkehrsunternehmen im 20. Jahrhun-
dert. Neben der Grundstücksentwicklung mit
sämtlichen Flurstückteilungen konnten auch
die lückenlose Besitzerfolge ab 1640 bis zur
Gegenwart sowie die Baugeschichte der auf
dem Gelände befindlichen Gebäudekomplexe
und bereits abgebrochener Gebäude geklärt
werden. Die Kaufurkunden des Grundstück-
erwerbes durch den »Obristen Leutnandt
Hans Liebenau« haben sich im Sächsischen
Hauptstaatsarchiv Dresden im »Gerichtsbuch
der Stadt Pirna« erhalten. Der Kauf des um-
fänglichen Geländes begann mit dem »Wein-
berg an der Viehleite gelegen«, der Keimzelle
des Liebenauschen Vorwerkhofes. Von einem
Grundstückserwerb direkt von der Stadt Pirna
hat sich im Stadtarchiv der Stadt sogar die
Bauforschung am Bestand
Die Bauforschung gewährt einen spannen-
den Einblick in vier Jahrhunderte Pirnaer
Vorstadtgeschichte. Teile des Gasthofes, der
Remise und des Herrenhauses konnten dabei
noch in das 16. Jahrhundert datiert werden.
Im Erdgeschoss des Herrenhauses ließ sich
die Raumabfolge vor 1600, mit Gewölben,
Treppenaufgängen und Kellerzugang, rekon-
struieren.
Bereits im 16. Jahrhundert befand sich auf
dem Gelände ein Wirtschaftshof, dessen ge-
pflasterte Hoffläche im Westen durch ein
zweigeschossiges Wirtschafts- und Wohn-
gebäude, im Norden durch Ställe, im Osten
durch eine große Scheune und im Süden
durch einen Vorgängerbau des späteren Gast-
hofes Zum Blauen Hecht begrenzt wurde.
Zahlreiche Brandspuren belegen die Zerstö-
rung aller Gebäude im Jahre 1639. Das unter
Liebenau neu aufgebaute Vorwerk blieb bis
Ende des 18. Jahrhunderts nahezu unverän-
dert bestehen. Bis auf geringe Änderungen
lassen sich die Raumabfolgen aus den Archi-
valien von 1790 der erhaltenen Bausubstanz
zuordnen.
Auch das Liebenausche Vorwerk war ein in
sich geschlossener, wehrhafter Vierseitenhof,
mit zwei großen Toren, dessen repräsentative
Fassadengestaltung sich zum Hof orientierte,
während die schlichten Außenseiten nur klei-
ne vergitterte Fenster aufwiesen.
Allein am Herrenhaus haben sich über 340
Jahre hinweg Gewölbe, Decken, profilierte
Gewände, Putze und Deckenmalereien um-
fänglich erhalten. Trotz starker Schäden war
es möglich im Obergeschoss des Herrenhau-
ses drei wieder aufgefundene bemalte De-
cken zu restaurieren. Die schönste Decke mit
Vögeln und floralen Motiven wurde komplett
restauriert.
gesiegelte Kaufurkunde erhalten. Obwohl
1702 der letzte Besitzer mit dem Namen von
Liebenau das Grundstück verkaufte, wird die
Bezeichnung als Liebenausches Vorwerk bis
zum Jahre 1854 in den Kaufurkunden und
anderen Akten ausdrücklich genannt. Eine
interessante Erwähnung erfährt das Gut im
Jahre 1742, offensichtlich im Zusammenhang
mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg, da es
eine »Unterschlagung bei der Feldbäckerei im
so genannten Liebenauschen Vorwerk« gege-
ben hat. Im Rahmen einer Zwangsversteige-
rung im Jahre 1790 werden ausführliche Be-
schreibungen der Gebäude angefertigt. Diese
Beschreibung zeigt einen landwirtschaftlich
geprägten Hof mit Tierhaltung, dem wohl zur
Zeit der Beschreibung still liegenden Wirts-
haus mit dazugehörigem »Kegelschub« und
umfänglichem Garten, welcher sogar mit ei-
nem »Lusthaus« und zahlreichen Obstbäumen
ausgestattet ist. Ebenso Erwähnung finden die
bei den bauarchäologischen Untersuchungen
aufgefundenen bemalten Holzbalkendecken
in den einzeln vorgestellten Räumen des
Herrenhauses. Eine historische Lithographie
mit der Darstellung des Baukomplexes und
vor allem der komplizierten Dachform des
eigentlichen Herrenhauses aus der Zeit um
1840 lieferte, neben der exakten Beschrei-
bung der etwas außergewöhnlichen Dach-
form als ziegel gedecktes »Pferdekopfdach« im
Brandkataster der Stadt aus dem Jahre 1838,
verbunden mit den bauarchäologischen Un-
tersuchungen, die Grundlage für dessen au-
thentische Rekonstruktion. Der Anbau des
Treppenhauses und die Veränderungen der
Dachform wurden 1862 ausgeführt. Ebenso
konnte der Nachweis erbracht werden, dass
zwischen 1930 und 1933 eine Tankstelle auf
dem seit 1925 für Kraftfahrzeugwerkstätten
genutzten ehemaligen Vorwerkshof existierte.
Schutzdach als Sofortmaßnahme
Neue Dachkonstruktion mit De-
ckung aus Biberschwanzziegeln
Konservierung und Restaurie-
rung der bemalten Holzbalken-
decke
Sanierung der Gewölbe
Einbau von Ziegeldecken mit
Anbindung des Mauerwerkes
Schwammsanierung im Heiß-
luftverfahren
Mauerwerkssanierung (Teiler-
satz, Verpressung von Rissen,
maschinelle Verfugung, Verna-
delung, partielle Reparatur)
Erneuerung der Bodenplatte
Restaurierung der Sandstein-
wände der Fenster und Türen
Verputzen und Anstrich der
Fassade nach Befund
Legende Baualtersplan:
-
vor 1660
-
1665 - 1670
-
18. Jh., vor 1795
-
19. Jh., vor 1862
-
um 1795
-
um 1862
-
um 1900
-
20. Jh.
-
undatiert
BAUFORSCHUNG
GEPR:
BAUALTERSPLAN
GRUNDRISS EG
DATUM:
14. 11. 2013
PLANINHALT:
DARSTELLUNG
MASZSTAB:
1:50
BESTANDSPLAN:
GEZ:
BAUHERR
VORHABEN
FINANZAMT PIRNA
01796 PIRNA, CLARA-ZETKIN-STR. 1 - 4
VORWERK - HERRENHAUS
STAATSBETRIEB SÄCHSISCHES IMMOBILIEN- UND
BAUMANAGEMENT, NL DRESDEN I
01099 DRESDEN, KÖNIGSBRÜCKER STR. 80
BÜRO FÜR BAUUNTERSUCHUNG UND RESTAURIERUNG
Dipl.-Ing. D. Böhme
Laibacher Str. 29
fon 0351 251 22 71
01279 Dresden
fax 0351 259 85 36
BEFUNDKARTIERUNG:
C
Weitergabe, Vervielfältigung, und Verwendung der Planunterlagen
außer durch Auftraggeber SIB nur mit Genehmigung des BBR
MESSBILDSTELLE GMBH
D. BÖHME
Abbruch
Neubau
Oben:
Lithographie, um 1840, mit der
Bebauungsfläche und dem markanten
Pferdekopfdach am Vorwerk
Unten links:
Hauszeichen mit den
Wappen der Familien von Liebenau und
von Pflugk
Oben rechts:
Postkarte vom Waisen-
haus, 1910
Unten rechts:
Situationsplan von der
Festung Sonnenstein und der Stadt
Pirna mit dem Liebenauschen Vorwerk,
um 1756 (Ausschnitt)
Oben:
Liebenausches Vorwerk, Herrenhaus, Baualtersplan Ostseite
Mitte:
Liebenausches Vorwerk, Herrenhaus, Baualtersplan Erdgeschoss
Unten:
Liebenausches Vorwerk, Herrenhaus, Sanierungsplan, Querschnitt
Hochwasser
Vor 1660
1665 –1670
18. Jh., vor 1795
um 1795
19. Jh., vor 1862
um 1862
um 1900
20. Jh.
undatiert

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Rückbau und Sicherung der Handstrichziegel und
des geschifteten Dachstuhles der Remise durch
freie Wandergesellen. Wiedereinbau der gesicherten
Bauteile in einem historischen Wirtschaftsgebäude
des Kinderdorfes Schneckenmühle e.V. bei Liebstadt
(Sächsische Schweiz)
Sicherung und Sanierung der bemalten
Holzbalkendecke im Herrenhaus
Mitte links:
Zustand September 2013
Mitte:
Holzbehandlung durch Mikro-
wellenbestrahlung, Oktober 2013
Rechts:
wieder eingebaute, sanierte
Holzbalkendecke, Dezember 2013
Unten:
Zustand September 2013
Seite 17:
Restauratoren zerlegen die
Decke im September 2013 für die Sanie-
rung in Einzelteile.

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Oben:
Dachstuhl Bauteil Mitte
Mitte:
Dachstuhl Waisenhaus, September 2015
Unten:
Neubau des Dachstuhles vom Vorwerk unter
Einbeziehung historischer Mauern und originaler
Fensterformen, März 2014
Seite 18:
saniertes Treppenhaus im Waisenhaus

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Baudurchführung
Altbau
Um die drei denkmalgeschützten Gebäude
sanieren zu können, waren zunächst umfang-
reiche Beräumungen und Freimachungen des
gesamten Baufeldes erforderlich. Fast gleich-
zeitig begann neben den archäologischen
Grabungen die Sanierung der schwer ge-
schädigten Bausubstanz. Zu den Maßnahmen
gehörten unter anderem die Sicherung der
Gründung der Gebäude und des Mauerwerkes
sowie der Einbau neuer Decken und Wände.
Eine besondere Herausforderung dabei war
die bautechnologische Integration des denk-
malgeschützten Bestandes in den Neubau. Im
Unterschied zum Liebenauschen Vorwerk, wo
dies zeitlich gestaffelt ohne Weiteres gelang,
konnte die Bausubstanz des Waisenhauses
nur mit dem beidseitig wachsenden Neubau
gehalten werden. Die denkmalgerechte Wie-
derherstellung des Liebenauschen Vorwerkes
und die Erhaltung der Holzbalkendecken ein-
schließlich ihrer Farbfassung war ein zentra-
les Anliegen der Maßnahmen.
Unter einem großen Schutzdach konnten
nach historischem Vorbild das ziegelgedeck-
te Pferdekopfdach des Vorwerkes rekonstru-
iert und Holzbalkendecken mit Malereien des
17. Jahrhunderts restauriert werden.
Neubau
Die Baudurchführung der Neubauten erfolgte
von Beginn an unter der Vorgabe größtmög-
licher zeitlicher Effizienz. Neben dem vorge-
zogenen Beginn der Maßnahmen an den Be-
standsbauten wurde zu diesem Zweck für die
drei Neubau-Teile (Nord, Mitte und Süd) ein
zeitlich versetzter Bauablauf eingerichtet, um
möglichst viele Arbeiten parallel ausführen zu
können.
Der Spatenstich erfolgte am 02. April 2014,
die Fertigstellung des Rohbaus 18 Monate
später, am 02. Oktober 2015. Für den Roh-
bau kamen zum großen Teil vorgefertigte
Elemente zum Einsatz. Da in den Neubauten
prinzipiell keine massiven Innenwände vor-
gesehen waren, wurde der Ausbau komplett
in Trockenbau realisiert, was sich ebenfalls
positiv im Bauablauf bemerkbar machte. Die
Dachdeckung wurde in bewährter Weise als
Doppelstehfalzdeckung in Titanzink ausge-
führt. So konnten gegebenenfalls noch auf
der Baustelle einzelne Detailpunkte, etwa
im Übergang zu den Bestandsbauten, ohne
großen Aufwand handwerklich angepasst
werden.
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Oben:
Ansicht von Süden, Clara-Zetkin-Straße
Seite 20 oben links:
Vorwerk, Treppenhaus mit
Resten von Jugendstil-Schablonenmalerei
Seite 20 oben rechts:
Waisenhaus während der
Sanierung
Mitte links:
Vorwerk, Erdgeschoss, zukünftiger
Besprechungsraum mit Ziegeldecke
Mitte rechts:
Vorwerk, Erdgeschoss, Bespre-
chungsraum nach der Sanierung
Unten links:
Vorwerk, Gewölbe im 1. Ober-
geschoss
Unten rechts:
Bauteil Nord, Erdgeschoss,
Schnittstelle Neubau und Waisenhaus (östliche
Außenwand)

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Situationsplan von der Festung Son-
nenstein und der Stadt Pirna mit dem
Liebenauschen Vorwerk, um 1756
Unten links:
Blick auf den Neubau mit
der Überführung zum Bauteil Süd
Unten rechts:
Neubau und Baustelle
Innenhof Vorwerk, Juli 2015
Seite 22:
Blick vom Kran in den Innen-
hof Bauteil Mitte und Süd mit Vorwerk
und Blauen Hecht
Baugrund und Grundwasser
Das Grundwasser am Grundstück des Finanz-
amtes befindet sich im Einflussbereich der
Elbe sowie der Gottleuba. Während im jähr-
lichen Mittel das Grundwasser bei etwa fünf
bis sechs Metern unterhalb des Geländes an-
steht, kann es bei Hochwasser auf weniger als
zwei Meter unter der Oberkante des Geländes
ansteigen. Aus diesem Grund ist der einzige
unterkellerte Neubaubereich im mittleren
Bauteil, in dem sich neben der Haustechnik
rund 800 Quadratmeter Archivflächen für Ak-
ten befinden, als »Weiße Wanne« ausgebildet.
Als »Weiße Wanne« wird eine wasserundurch-
lässige Stahlbeton-Konstruktion bezeichnet.
Die nicht unterkellerten Bereiche im Norden
und Süden sind mittels Bohrpfählen und last-
verteilenden Pfahlkopfbalken und -platten
gegründet. Die Pfähle binden im tragfähigen
Flusskies ein, der ab etwa zwei Metern unter
dem Gelände ansteht.

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Umwelt- und Naturschutz
Alte Gebäude bergen häufig Geheimnisse
und Überraschungen – so auch im Falle des
Finanzamtes Pirna. Winzlinge wie die etwa
streichholzschachtelgroße Zwergfledermaus
siedelten in den Spalten der Außenfassaden,
während die Kleine Hufeisennase und Lang-
ohrfledermäuse die vorhandenen Gewölbekel-
ler und Innenräume der Gebäude bewohnten.
Bäume und Nischenstrukturen an den Ge-
bäuden beherbergten Brutvögel wie Mauer-
segler und Meisenarten. Die Lehmwände der
Gebäude boten zahlreichen Wildbienenarten
Unterschlupf. Nun gelten gerade Fledermäuse
immer wieder als Verhinderer von Baumaß-
nahmen. Das Bauvorhaben zeigt aber wie gut
Artenschutz und der Umbau von Gebäuden
vereinbar sind. In einer Voruntersuchung wur-
de durch ChiroPlan, Büro für Fledermauskun-
de, ermittelt, wo Lebensstätten geschützter
Arten wie Vögel, Fledermäuse und Insekten-
arten bestehen und was für den Erhalt dieser
Arten getan werden kann. Die Ergebnisse wur-
den im Rahmen eines Artenschutzberichtes
zusammengefasst, der die notwendigen Ver-
meidungs-, Minimierungs- und Kompensati-
onsmaßnahmen formuliert. Das Bauvorhaben
wurde durch Artspezialisten begleitet, sodass
baubedingt weder Vögel noch Fledermäuse zu
Schaden kamen. So erfolgte eine Begleitung
der Fällarbeiten aber auch eine Vergrämung
von Fledermäusen aus Quartierstrukturen vor
den Abbruchmaßnahmen.
Im Zuge der Neuerrichtung des Finanzamtes
Pirna werden nun auch wieder Lebensräume
für geschützte Arten geschaffen. Dies reicht
von der Anbringung von Nist- und Fleder-
mauskästen und der Einrichtung einer Wild-
bienenbrutwand bis hin zum Erhalt der Ge-
wölbekeller als Fledermauswinterquartier und
der Einrichtung von Dachbodenbereichen als
Sommerhangplatz. Durch die rechtzeitige Be-
rücksichtigung des Artenschutzes in den Pla-
nungen konnte ein gutes Miteinander von
Bautätigkeit und späterer Nutzung mit den
Belangen der tierischen Untermieter gesi-
chert werden.
Unten:
Kubus mit Einflugöff-
nungen für Fledermäuse in den
Gewölbekeller
Oben:
Vorplatz und Eingangsbereich
Unten links:
öffentlicher Durchgang vom
Vorplatz zu den Stellplätzen und
zur Seminarstraße
Unten Mitte:
Waisenhaus mit Anschluss
des Bauteiles Mitte
Unten rechts:
Vorwerk mit Anschluss
des Bauteiles Süd

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Bei der Entwicklung des Technikkonzeptes
waren drei Aspekte relevant: geringer Ener-
giebedarf, geringe Bau- und Betriebskos-
ten und hohe Nutzungsqualität. Vor diesem
Hintergrund und unter Berücksichtigung der
Besonderheiten von Nutzung, Standort und
Gebäudestruktur ist der Aufwand für die Ge-
bäudetechnik minimiert worden. Die Belüf-
tung der Büros funktioniert mit Ausnahme
der Räume an der Straßenkreuzung auf na-
türlichem Wege über die Fenster. Zur Heizung
dienen im Neubau eine Fußbodenheizung,
in den Altbauten Konvektoren oder eine so-
ckelintegrierte Randzonenheizung. Die Wär-
meenergieversorgung erfolgt über das lokale
Fernwärmenetz. Aufgrund der Speichermasse
der massiven Konstruktion und der Verwen-
dung von außen liegendem Sonnenschutz
kann auf eine Kühlung der Büros verzichtet
werden.
Technikkonzept
Blick vom Waisenhaus Richtung Bauteil Süd
Rechts:
Grundriss Bauausführung,
Erdgeschoss
Oben links:
Waisenhaus, Flur im
1. Obergeschoss
Oben rechts:
Waisenhaus, Haustechnik
im Dachgeschoss
Unten:
Längsschnitt Bauausführung

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Oben Links:
Übergang von Bauteil Süd zum Bauteil Mitte
im 1. Obergeschoss
Oben rechts:
Treppenhaus
Mitte links:
Bauteil Süd, Übergang Vorwerk, Neubau
Mitte Rechts:
Bauteil Mitte, Dachgeschoss, Flurbereich
Unten links:
Besprechungsraum mit Bürgerfenster
Unten rechts:
Bauteil Mitte, 1. Obergeschoss
Seite 28:
Bauteil Süd, Nordostseite

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Außenanlagen
Die Freianlagen greifen das Spannungsfeld
zwischen der historischen Schichtung des
Areals und der künftigen Nutzung als Finanz-
amt auf. Die architektonische Symbiose von
denkmalgeschützten Gebäuden und Neubau-
ten zu einem dreiteiligen Gebäudekomplex
wird in den Freianlagen konsequent fortge-
führt. Neben dem durch Sandsteinpflaster
gekennzeichneten Gewölbekeller werden mit-
telalterliches Feldsteinpflaster und Mauer-
reste einer Heeresbäckerei integriert sowie
Sandsteinquader für kleine Stützmauern wie-
derverwendet.
Der Vorplatz an der Clara-Zetkin-Straße er-
schließt die Hauptgebäude mit ihren ver-
schiedenen Höhenniveaus barrierefrei. Ein
Durchgang verbindet den Vorplatz mit den
Parkstellflächen östlich der Gebäude. Pflege-
leichte Pflanzflächen, Gräser und Stauden in
den Innenhöfen prägen die Außenanlagen.
Projektdaten
Oben:
Blick von den Stellplätzen
Richtung Durchgang zur Clara-
Zetkin-Straße
Unten:
Blick vom Bauteil Süd auf
den Verbindungsgang und den
Bauteil Mitte
BAUheRR
Freistaat Sachsen
Sächsisches Staatsministerium
der Finanzen
Staatsminister der Finanzen
Prof. Dr. Georg Unland
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien-
und Baumanagement
Technischer Geschäftsführer
Prof. Dieter Janosch
Kaufmännischer Geschäftsführer
Oliver Gaber
SIB – Niederlassung I
Niederlassungsleiter
Ludwig Coulin
Projektleitung
Jens Schönfelder
Agnes Harnisch, Ortrun Müller
Projektbeteiligung Technik
Bernd Zschippang
Jürgen Böttger, Nils Heckes, Steffen Händler,
Thomas Pischel
Projektbeteiligung Ingenieurbau
Silke Nickol
Katrin Gorka, Ute Möhmel, Kathrin Berger
PLANUNGSBüROS
Architekt
TPMT Architekten, Berlin .
Bestandsgebäude
Büro für Architekturplanung und Denkmalpflege Jens-
Uwe Anwand, Dresden .
Projektsteuerung
Teamproject, Leipzig .
Tragwerksplanung
Mayer-Vorfelder und Dinkel-
acker, Dresden .
Planung eLT
Teamplan Ingenieure, Dresden .
Planung hLS
Eutec Ingenieuere, Dresden .
Planung
Aufzug
Technik-plan Ingenieurbüro Borowski, Dresden .
Außenanlagen
Prugger Landschaftsarchitekten, Pirna
.
Technische Anlagen in Außenanlagen
DWG Planung und Beratung, Dresden .
Bauphysik
Exergie Ingenieur-
büro für Energiefragen, Dresden .
Sachverständiger für Bauklimatik
Prof. Dr.-Ing. Löber; Werner Genest und
Partner Ingenieurgesellschaft, Dresden .
Geotechnik
Ingenieurbüro Köbsch, Dresden .
Vermesser
GEO-METRIK
Ingenieur gesellschaft, Dresden; Messbildstelle Gesellschaft für Photogrammetrie und Architekturvermessung,
Dresden; Vermessungsbüro Wiedner, Pirna .
Brandschutz
Ingenieurbüro für Brandschutz Hartmann, Dresden .
Brandschutzprüfer
Ingenieurbüro für Brandschutz Jan Schlegel, Dresden .
Flucht- und Rettungswegplanung
BSG Brandschutz-Sicherheit-Grafik, Dresden .
Prüfstatik
Ingenieurbüro für Bautechnik Kraus & Liedert, Dresden
.
Radiologie
IAF – Radioökologie, Radeberg .
SigeKo
DEKRA, Dresden . Schadstoffe KS + P Engineering, Dohna .
Archäologie
Landesamt für Archäologie, Dresden .
Sachverständige
Sachverständigenbüro Haustein, Dresden;
Sachverständigenbüro SAXOTEST Ingenieure, Dresden; Sachverständiger IGS Schulz, Berlin; Ingenieurbüro Dirk
Böhme, Dresden; Christof Walter, Freier Restaurator für Architekturfassung und Wandmalerei, Dresden .
Arten-
schutz
ChiroPlan, Dresden .
Architekturfotograf
Werbefotografie C. Reichelt, Dresden
GeBäUdedATeN
BGF:
12.204 m²
HNF:
5.775 m²
BRI:
43.329 m³
davon im Neubau
BGF:
10.257 m²
HNF:
5.015 m²
BRI:
38.033 m³
Im Altbau
BGF:
1.947 m²
HNF:
760 m²
BRI:
5.296 m³
GeSAMTKOSTeN UNd BAUABLAUF
Geprüfte Gesamtbaukosten
23,107 Mio
Genehmigte vorgezogene Leistungen
3 Mio
08/2011 Bedarfsanmeldung
10/2011 Bedarfsanerkennung
10/2011 Auftrag Erstellung baufachliches Gutachten K1
11/2011 Planungsauftrag ES in EW-Qualität
08/2012 Auslobung Architekturwettbewerb
12/2012 Wettbewerbsentscheidung
01/2013 Dokumentation zur Standortentscheidung
05/2013 Planungs- und Bauauftrag
für vorgezogene Leistungen
07/2013 –04/2014 Vorgezogene Maßnahmen/
Sicherung Altbauten
04/2014 1. Spatenstich Neubau
06/2014 Baubeginn
10/2016 Baufertigstellung
11/2016 Übergabe
AUSFühRUNG
NeUBAU erdarbeiten
STRABAG, Pirna .
Spezialtiefbau
GKT Spezialtiefbau, Hamburg; SEB Baugesellschaft, Kroms-
dorf .
Rohbau Neubau
Riedel Bauunternehmen, Erfurt .
Gerüst
Gerüstbau Oertel, Pirna .
dachdecker Neubau
Dachdecker & Zimmerer, Stolpen .
Fensterbau
Klinger Glas- und Fensterbau, Pegau .
Sandsteinfassade
Laus-
ter Steinbau, Stuttgart .
Sonnenschutz
Unger Sonnenschutz, Riesa . Putzfassade
Innenhof
PTF-Bau, Meißen .
Trockenbau
TM Ausbau, Chemnitz .
estricharbeiten
KFK Estrichbau, Torgau .
Malerarbeiten
Malerwerkstätten
Heinrich Schmid, Radeberg .
Fliesenarbeiten
Fliesen Klemm, Rechenberg-Bienenmühle .
Bodenleger
GEHBAR – SB
Fußbodenbau, Zeitz .
Bodenbeschichtung
Icotec, Frankenberg .
Tischlerarbeiten
Innentüren Tischlerei Ekkehard
Landgraf, Döbeln .
Metalltüren
Metallbau Papendick, Oberschöna .
Schlosser
HV Schmiede & Metallbau Mehl-
horn, Stollberg .
einbaumöbel / Teeküchen
Jaeger Tischlerei, Dresden .
Schließanlage
Antrack Sicherheitsservice
Meißen .
Beschilderung
PROFILIUS, Grünhain-Beierfeld .
haustechnik
Kluge Klima Filtertechnik, Dresden; Klima-
Kälte-Elektro-Anlagenbau, Mülsen; Salostowitz GmbH & Co. KG, Chemnitz .
heizung / Lüftung / Sanitär
Wolfgang
Lehmann, Bad Gottleuba; FAE Elektrotechnik Heidenau, Aufzugsbau Dresden; SNT Sicherheits-Netzwerk-Technik
Zittau; Haase-Businesstechnik, Dresden .
Außenanlagen Technische Anlagen in Außenanlagen
Josef Saule Dres-
den. Döhler Tief- und Straßenbau, Dresden;
BeSTANdSBAUTeN Vorarbeiten
Hoch- und Tiefbau Herbert Katzsch-
ner, Bad Schandau .
Abbruch
Frauenrath Recycling, Bretnig-Hauswalde .
Schwammsanierung
GROLI Schädlings-
bekämpfung, Dresden; Binker Materialschutz, Lauf a. d. Pegnitz;
Mikrowellentechnik
MTB Mikrowellentechnik,
Mittenwalde .
Bauhauptleistung / Rohbau Bau
Schulze, Dresden; Palm GmbH, Großenhain .
Sandsteinarbeiten
Sächsische Sandsteinwerke, Pirna.
Zimmererarbeiten
Ronny Eberth, Dohna; Andreas Mark, Hoyerswerda; Bau-
unternehmen Ortwin Trux, Bannewitz.
dachdecker
Dachdeckerei K & G. Keller, Großbothen, Thümmlitzwalde OT
Böhlen .
Restaurator
Denkmalpflegebetrieb Steffen Schmalhofer, Dresden; Kirchenmaler- und Restaurierungs-
werkstätte, Dresden; Holzbildhauermeister Karsten Püschner, Hartmannsdorf .
Mauersägearbeiten
Hoffmann
Bau, Haselbachtal.
Artenschutz
Neue Bau Lockwitzgrund, Dresden .
Putzarbeiten
Altbauerhaltung Nitsche, Pirna;
Bauhauf Hoch- und Tiefbau, Coswig .
Innenanstriche Altbau / Außenanstrich Fassade Altbau
Maler- und Res-
taurierungen Jens Müller, Burkau .
Tischlerarbeiten Türen / Fenster
Waicsek, Radeburg; Manfred Mildner, Diesbar-
Seußlitz; Klinger Glas- und Fensterbau, Pegau .
Schlösser / Beschläge Vorwerk
Metallbau + Kunstschmiede Aurin,
Bischofswerda .
Parkett Parkett & Fußbodentechnik
Gerd Kleditzsch, Pockau-Lengefeld

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herausgeber
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
Königsbrücker Straße 80
01099 Dresden
www.sib.sachsen.de
Im Auftrag des Freistaates Sachsen,
Sächsisches Staatsministerium der Finanzen
Redaktion
SIB Niederlassung Dresden I
Texte
Jens Schönfelder, Dresden
TPMT Architekten, Berlin
Jens-Uwe Anwand, Dresden
Dr. Ralf-Peter Pinkwart, Dresden
Dirk Böhme, Dresden
Hans-Christoph Walther, Dresden
Andrzej Hoppel, Dresden
Thomas Frank, Dresden
Anne Prugger, Pirna
Fotografie
Christoph Reichelt, Dresden / Berlin
Gestaltung
Caroline Kober, Leipzig
Lektorat / Gesamtherstellung
Marianne Portius-Wünscher, PUNCTUM Leipzig
Bildnachweis
Dirk Böhme S. 6 M.r., 15, 16 M.l., 16 M.M., 16 u., 20 o.l., 20 u.l.
Agnes Harnisch S. 6 u.l., 6 u.r., 7, 17
Oliver Killig S. 3
Landesamt für Archäologie S. 13 l., 13 r. o.
Christian Steinborn S. 6 o., 6 M.l.
TPMT, Berlin S. 8 / 9, S. 26–27 u., S. 27 r.
Redaktionsschluss
24. November 2016
Auflage
1.000 Stück
Diese Druckschrift kann kostenfrei bezogen werden bei:
SIB Niederlassung Dresden I
Königsbrücker Straße 80, 01099 Dresden
Telefon: +49 351 80930
Telefax: +49 351 8093100
E-Mail: poststelle-d1@sib.smf.sachsen.de
Verteilerhinweis
Diese Informationsschrift wird von der Sächsischen Staatsregierung im Rahmen
ihrer verfassungsmäßigen Verpflichtung zur Information der Öffentlichkeit heraus-
gegeben. Sie darf weder von Parteien noch von deren Kandidaten oder Helfern im
Zeitraum von sechs Monaten vor einer Wahl zum Zwecke der Wahlwerbung verwen-
det werden. Dies gilt für alle Wahlen.
Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Infor-
mationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben partei-
politischer Informationen oder Werbemittel.
Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zur Verwendung bei der Wahlwerbung.
Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die vorliegende
Druckschrift nicht so verwendet werden, dass dies als Parteinahme des Herausgebers
zu Gunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte.
Diese Beschränkungen gelten unabhängig vom Vertriebsweg, also unabhängig da-
von, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Informationsschrift dem Emp-
fänger zugegangen ist. Erlaubt ist jedoch den Parteien, diese Informationsschrift zur
Unterrichtung ihrer Mitglieder zu verwenden.
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Diese Veröffentlichung ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch die des
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rausgeber vorbehalten.