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Sachsenforst
STAATSBETRTEB
SACHSENFORST
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Freistaat
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SACHSEN
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Waldpost 2022
Zeitung für Waldbesitzer in Sachsen

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Vorwort
Utz Hemp ing
Liebe Waldbesitzerinnen und liebe Waldbesitzer,
seit 2017 haben wir in den sächsischen Wäl-
dern insgesamt rund 11,5 Millionen Kubik-
meter Schadholz zu verzeichnen. Die Schäden
betreffen
alle Waldeigentumsarten. Etwas
mehr als die Hälfte der Schadholzmenge ist im
Privat- und Körperschaftswald angefallen. Bei
diesem historischen Ausmaß bin ich daher et-
was erleichtert, dass die diesjährige Witterung
uns „in die Hände gespielt“ hat. Im meteoro-
logischen Jahr 2020/2021 (vom 01.11.2020 bis
31.10.2021)
ist mehr Niederschlag gefallen als
im langjährigen Mittel. Bodenwasservorrä-
te konnten wieder aufgefüllt werden und die
Vitalität der Laub- und Nadelbäume hat sich
vielerorts verbessert.
Trotz dieser positiven Entwicklung bestimmt
die Sanierung von Borkenkäferschäden in
weiten Teilen Sachsens weiterhin das Handeln
vieler Waldbesitzenden. Die Schäden konzent-
rierten sich deutlicher als in den Vorjahren in
bestimmten Gebieten
wie insbesondere dem
Zittauer Gebirge, dem Lausitzer Bergland und
dem Elbsandsteingebiet, aber auch dem Ost-
und Teilen des Mittleren Erzgebirges sowie
dem östlichen Erzgebirgsvorland. Gleichwohl
sind auch im Jahr 2021 Borkenkäferschäden
an unterschiedlichen Baumarten ächende-
ckend zu verzeichnen. Bei meinen Besuchen
in den
Forstbezirken und Schutzgebietsver-
waltungen bin ich jedes Mal beeindruckt, mit
welchem Engagement, welcher Ausdauer und
Kreativität
Sie, liebe Waldbesitzerinnen und
Waldbesitzer, die Beseitigung der Waldschä-
den und die sich anschließende Wiederbewal-
dung durchführen. Dafür zolle ich Ihnen mei-
nen ausdrücklichen Respekt. Weil wir leider
noch nicht von einem sachsenweiten Ende des
Schadgeschehens sprechen
können, möchte
ich Sie in Ihren Bemühungen zur Erhaltung
Unterstützung
erfahren Sie dabei – egal ob
als Einzelgespräch oder Gruppenberatung, ob
direkt im Wald, per E-Mail oder telefonisch,
ob als regionale Versammlung und Fachver-
anstaltung, digital auf unserem Waldbesitzer-
portal
(www.sachsenforst.de/waldbesitzer)
oder mit einer druckfrischen Ausgabe der
Waldpost – von unseren Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern direkt vor Ort in den zwölf Forst-
bezirken und drei Schutzgebietsverwaltungen
sowie in der Geschäftsleitung von Sachsen-
forst. Unsere Leiterinnen und Leiter der Privat-
und Körperschaftswaldreviere
setzen sich en-
gagiert für den Erhalt des sächsischen Waldes
ein und beraten
Sie gerne kostenlos zu allen
Fragen rund um die Waldbewirtschaftung.
Auch Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen,
möchte ich an dieser Stelle dafür danken, dass
Sie in Ihrer täglichen Arbeit die Waldbesitz-
enden bei der seit über vier Jahre anhaltenden
Schadensbewältigung und der sich anschlie-
ßenden Wiederbewaldung unermüdlich und
mit großem
Einsatz unterstützen, sie zusam-
menbringen und umfassend beraten.
Liebe Waldbesitzende,
Sie setzen sich mit einer
Vielzahl von Themen auseinander. Genau das
haben wir bei der Themenauswahl für diese
Ausgabe der Waldpost im Blick gehabt und für
Sie eine abwechslungsreiche und informative
Lektüre zusammengestellt. Um den Überblick
in der Welt der forstlichen Fachausdrücke
nicht zu verlieren, erklärt Ihnen Jörg Moggert,
Referent für Privat- und Körperschaftswald
im Forstbezirk Oberlausitz, wie bereits in der
vergangenen Ausgabe der Waldpost, Fach-
begriffe auf anschauliche, verständliche Wei-
se – diesmal zum Thema „Wildschäden und
Schutzmaßnahmen”
. Wie Sie wissen, hat bei
der Arbeit im Wald die Sicherheit stets Vor-
Tier- und P anzenarten. Wie Biotope derzeit
in den sächsischen Wäldern erfasst werden,
wie Sie als Waldbesitzende durch den Erhalt
und das Schaffen sogenannter Mikrohabitate
einen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt in
den Wäldern leisten können und wie es gelin-
gen kann, Hartholz-Auenwälder zu erhalten,
zeigen Ihnen die Kollegen der Referate Natur-
schutz im Wald und Forsteinrichtung, Wald-
bewertung, Waldinventuren von Sachsenforst
auf. Sicherlich stellen Sie sich als Waldbesitz-
ende manchmal auch die Frage, wie es an-
deren Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern
geht
und was sie bewegt. Barbara Geipel,
Referentin Privat- und Körperschaftswald
im Forstbezirk Plauen, hat den Waldbesitzer
Bertram Schneider porträtiert und gewährt
uns damit einen Einblick in sein Vorgehen bei
der Waldbewirtschaftung. Ein Thema, mit dem
sich Waldbesitzende auch auseinandersetzen
müssen, ist die Weitergabe von Wald an eine
neue Generation. Michael Trauzettel, Referent
im Referat Recht bei Sachsenforst, sowie Dr.
Marcel Gerds, Steuerberater und auf die Bera-
tung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe
spezialisiert, widmen sich umfassend diesem
sensiblen Thema.
Ich bin mir sicher, dass die aktuelle Ausgabe
der Waldpost Ihnen, liebe Waldbesitzende, viel
Wissenswertes, zahlreiche Informationen und
vielseitige Anregungen bietet.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.
des sächsischen Waldes und Ihres Eigentums
rang. Daher freue ich mich, dass Bernhard
weiter bestärken und Ihnen Mut zusprechen.
Henning, forstlicher Berater und Publizist, die
Durch Ihr Wirken gestalten Sie den Wald in
Arbeitssicherheit in „Fünf goldene Regeln” zu-
Ihr Utz Hemp ing
Sachsen und tragen zur Sicherung der vielfäl-
sammenfasst. Neben einem Arbeitsort sind
Landesforstpräsident und
tigen wichtigen Waldfunktionen bei.
Wälder auch Lebensraum verschiedenster
Geschäftsführer von Sachsenforst

Inhalt
2
Vorwort
4
Krisenbewältigung – die Anwendung von öffentlich verfügbaren Daten
und Informationssystemen bei der Bewältigung des aktuellen Schadereignisses
5
Behördlicher Waldschutz – Wege zur Krisenbewältigung im Vogtlandkreis
7
Fünf goldene Regeln bei der Holzernte
10
Arbeitstechnik für die Zukunft
11
Waldschutzsituation in Sachsen 2021
17
Verleihung des DEUTSCHEN Waldpreises
18
Dritter Durchgang der Waldbiotopkartierung in Sachsen
20
Jeder Baum ein Lebensraum
24
Der Hartholz-Auenwald – P anzengesellschaft des Jahres 2021
25
Arctia caja – ein Bär, der iegen kann
26
Baum des Jahres 2022 – Die Rot-Buche (Fagus
sylvatica L.)
28
Das Waldabstandsgebot im baurechtlichen Vollzug
30
Rechtliche Aspekte der Waldweitergabe
32
Wald vererben und verschenken – Grundlagen und Steuervermeidung
34
Änderungen im Zusammenhang „Wald und Schiene“ – Was Waldbesitzer beachten müssen
35
Aufbäumen statt aufforsten!
40
Ein Forstbetrieb stellt sich vor – Waldbesitzer Bertram Schneider im Forstrevier Rodewisch/Vogtland
41
Neuzulassungen von Saatguterntebeständen – wichtig für die Zukunft und genetische Vielfalt des Waldes
43
Die Säge- und Wertholzsubmission in Sachsen
46
App „Waldbrandgefahr Sachsen“ – Das Eichhörnchen lässt grüßen!
47
Rund um den „tierischen“ Waldschutz
|3

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Krisenbewältigung – die Anwendung von öffentlich
verfügbaren Daten und Informationssystemen bei
der Bewältigung des aktuellen Schadereignisses
Waldbesitzer werden mit einer Vielzahl von Spezialbegriffen und Aussagen von Fach-
leuten konfrontiert – tagtäglich. Zum Beispiel, wenn von „Waldfunktionen” die Rede
ist. Hinzu kommt das sich jetzt schon mehrere Jahre hinziehende Waldschadensgesche-
hen – eine Kombination aus Trockenheit, Schneebruch, Sturm, rindenbrütenden Insekten
usw. Und manch einer hat inzwischen bei so vielen Begriffen, Funktionen, Schäden und
Informationen gar den Überblick verloren. Den Waldbesitzern ist es in der Regel gelungen,
zügig in die Bewältigung des Schadensgeschehens einzugreifen. Anhand eines einfachen
Beispiels wird hier beschrieben, wie Waldbesitzer ihrerseits frei zugängliche Informationen
zur Krisenbewältigung nutzen können.
Das Schadensgeschehen erfordert einerseits
wirtschaft von Sachsenforst hat ergeben,
die Sanierung von mit rindenbrütenden In-
dass die „Waldschadensfäche” von ca. 5.000
sekten befallenen Beständen. Gleichzeitig
ha (Oktober 2017) auf ca. 82.000 ha (Septem-
sind viele Flächen gestört und es ist zu über-
ber 2020) angewachsen ist. Auf zusätzlichen
legen, ob Folgemaßnahmen ergriffen werden
7.500 ha sind Freifächen entstanden.
müssen. So kann die Störung auf der einzel-
nen Fläche so groß sein, dass sie wiederbe-
Insbesondere Freifächen sind kritisch zu se-
waldet werden muss (Wiederaufforstungs-
hen, weil hierdurch möglicherweise wichtige
verpfichtung gem. § 20 SächsWaldG). Eine
Waldfunktionen beeinträchtigt sein können.
Auswertung von Satellitendaten 2021 durch
Solche wichtigen Waldfunktionen sind z. B.
das Kompetenzzentrum für Wald und Forst-
die
Abb. 1: Einbindung der Sentinel-2-basierten Schad- und Freifächen in das Geoportal Sachsenatlas
durch Eintragen der URL
https://www.forsten.sachsen.de/kartendienste_sturm/erdas-iws/ogc/wms/
Monitoring/?service=WMS&request=getcapabilities
in der Suchmaske (Lupe); Abb.: Dr. Ingo Werners,
unter Verwendung des Geoportals Sachsenatlas
Wasserschutzfunktion (Trinkwasserschutz,
Heilquellen, Überschwemmungsgebiete,
Hochwasserentstehungsgebiete),
Bodenschutzfunktion.
Alle vom Waldschadensgeschehen betroffe-
nen Akteure verfügen über begrenzte Res-
sourcen zu dessen Bewältigung. Daher ist es
zweckmäßig, eine betriebliche Übersicht zu
erarbeiten, wie und wo und in welcher Rei-
henfolge dem Schadensgeschehen begegnet
werden soll. Es kommt also darauf an zu be-
werten, ob und wo Schad- und Freifächen
vorkommen und wie sie sich auf das nach-
folgende Geschehen auswirken können.
Beratungsförster mit umfänglichen
Informationssystemen ausgestattet
Um die Waldbesitzer bestmöglich zu informie-
ren und zu beraten, bedienen sich die Bera-
tungsförster von Sachsenforst verschiedener
Entscheidungshilfen. Dabei geht es stets um
die gemeinsame Erarbeitung eines Lösungs-
ansatzes in der schwierigen und komplexen
Situation. Dazu berücksichtigen sie beispiels-
weise die oben genannten Wasserschutz-
funktionen und Bodenschutzfunktionen zu-
sammen mit den erwähnten Satellitendaten
(Sentinel-2-Daten des europäischen Erdbeob-
achtungsprogramms Copernicus). Geschickt
zusammengeführt, lassen sich hieraus unter
Umständen Flächen ermitteln, auf die beson-
deres Augenmerk zwecks zügiger Bestockung
gelegt werden soll.
Auf dieser Grundlage kann es also auch vor-
kommen, dass Beratungsförster bei erkann-
tem Bedarf Waldbesitzer gezielt ansprechen,
um mit ihnen gemeinsam Lösungsansätze
für eine rasche Wiederbewaldung zu er-
arbeiten.
Betriebliche Verwendung
von öffentlichen Daten
Die hier aufgezeigte Datennutzung steht
jedem Waldbesitzer zur Verfügung. Wald-
besitzer haben umfängliche Möglichkeiten,
mit Hilfe öffentlich zugänglicher Daten und
|1

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■sachs.en.de
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Abb. 2: Gesamtübersicht aus Sentinel-2-Daten, ausgewählten Waldfunktionen und Flurstücken; Abb.:
Dr. Ingo Werners, unter Verwendung des Geoportals Sachsenatlas
von Informationssystemen die betriebliche
Krisenbewältigung, aber auch das ganz nor-
male Tagesgeschäft selbst voranzubringen.
Beispielsweise stehen die oben erwähnten
Satellitendaten in Form von Waldschadens-
und Freifächen auch als Rasterdaten-WMS
(WebMapService) zur Verfügung. Fügen Sie
hierzu folgenden Link auf der Seite des Geo-
portals Sachsenatlas (s. Abb. 1) in die Such-
maske (Lupe) das Suchfeld ein.
https
://www.forsten.sachsen.de/karten-
dienste_sturm/erdas-iws/ogc/wms/Monito-
ring/?service=WMS&request=getcapabilities
Eine Möglichkeit, diese Daten zu visualisieren
und anderen Akteuren zur Verfügung zu stel-
len, bietet das „Geoportal Sachsenatlas“
1
.
Abbildung 1 zeigt ein Beispiel für die Einbin-
dung des Rasterdaten-WMS. Weitere Infor-
mationen, wie die oben erwähnten Waldfunk-
tionen, können einfach hinzugeladen werden.
Mit
den hier aufgezeigten Hilfsmitteln kann der
Waldbesitzer sein betriebliches Handeln unter-
stützen. Gleichzeitig kann das erstellte Produkt
wichtig sein, um beispielsweise gezielt an den
1 Siehe hierzu auch den Beitrag „Geoportal Sachsenatlas” auf
Seite 8 ff. in der Waldpost 2021
Beratungsförster oder weitere Dritte auf fun-
dierter Grundlage heranzutreten. Es muss dar-
an erinnert werden, dass solcherart zusammen-
geführte Daten immer einem Alterungsprozess
unterliegen oder Ungenauigkeiten beinhalten.
So stellen die genannten Satellitendaten Wald-
schadensfächen und Freifächen ab einer Grö-
ße von ca. 0,3 ha dar. Und sie erkennen auch
nicht 100-prozentig jeden Schaden.
Ausblick
Nach heutiger Einschätzung wird sich das
Schadgeschehen weiter entwickeln. Walder-
haltung und Wiederbewaldung werden neben
der Sanierung zunehmend an Bedeutung
gewinnen. Die Bereitstellung von Daten in
öffentlichen Informationssystemen wird zu-
nehmend wichtiger werden.
Nach dem Schadereignis ist vor dem Schad-
ereignis. Für Waldbesitzer kann es zur Unter-
stützung ihrer betrieblichen Abläufe, aber auch
zur betrieblichen Krisenvorsorge zweckmäßig
sein, Systeme und Daten wie hier vorgestellt zu
nutzen. Dafür liefern die dargestellten Produk-
te Entscheidungshilfen. Den abschließenden
Blick ins Gelände und die Bestände können die
Daten und Systeme jedoch nicht ersetzen.
Karina Hoffmann
ist Referentin im Referat FGIS,
Kartographie, Vermessung bei
Sachsenforst
Dr. Ingo Werners
ist Leiter des Referats Privat-
und Körperschaftswald, Forst-
politik bei Sachsenforst
Behördlicher Waldschutz – Wege zur
Krisenbewältigung im Vogtlandkreis
Im Herbst 2018 fand beim damaligen Säch-
sischen Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft ein Auftakttreffen mit Ver-
tretern von Sachsenforst, der Kommunalen
Spitzenverbände
und der unteren Forstbehör-
den sowie des Sächsischen Waldbesitzerver-
bandes, des Sächsischen Forstunternehmer-
verbandes, der Forstbetriebsgemeinschaften
und weiteren forstlichen Akteuren statt.
Hintergrund
war die sich verschärfende
Waldschutzsituation nach Sturmschäden im
Winterhalbjahr 2017/2018 und einer ausge-
prägten Dürre im sich anschließenden Früh-
jahr und Sommer.
Die sich daraus entwickelnde und anhalten-
de Borkenkäferkatastrophe hat alles bisher
Bekannte in den Schatten gestellt und der
Begriff
„Jahrhundertkatastrophe” erscheint
mit Blick auf das Geschehen und die Schad-
holzmengen durchaus angemessen. Die an-
gespannte Waldschadenssituation wurde
seinerzeit ausführlich erörtert und erste mög-
liche Maßnahmen wurden festgelegt. Doch
der Reihe nach.
|5

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Die Erfassung und Sanierung von Borken-
käferbefall obliegt zunächst originär dem
Waldbesitzer. Der Landkreis als untere Forst-
behörde ist im Privat- und Körperschafts-
wald zuständig für den Vollzug im Sinne der
pfanzenschutzrechtlichen und waldgesetz-
lichen Vorgaben. Aufgrund des immensen
und bisher nicht gekannten Schadausmaßes
war jedoch schnell klar, dass nur ein eigen-
tumsübergreifendes und gemeinsames Han-
deln aller Akteure bei der Eindämmung der
Waldschäden erfolgversprechend sein kann.
Der Borkenkäfer kennt keine Eigentums-
grenzen.
Zunächst wurden in Zusammenarbeit und
in enger Abstimmung mit den staatlichen
Forstbezirken sogenannte eigentumsüber-
greifende Befallserfassungsgebiete (BEG) ab-
gegrenzt. Das BEG ist eine zusammenhängen-
de Flächeneinheit, die im Vogtland ca. 500 ha
potenzielle Buchdruckerbefallsfächen be-
inhaltet. Im Einzelfall kann ein BEG auch bis
800 ha umfassen. Die Abgrenzung erfolgte
auf Basis bestehender administrativer Gren-
zen, z. B. Gemarkungsgrenzen, oder auch
topografscher Grenzen (Straßen, Gewässer,
Eisenbahnlinien). Die Eigentumsstruktur war
kein primäres Kriterium bei der Abgrenzung.
Insgesamt wurden 22 BEG mit Kleinprivat-
wald zur Früherkennung von frischem Befall
abgegrenzt. Eine Überwachung aller Gebiete
konnte allein mit den 10 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern der unteren Forstbehörde
(Stand 2019) nicht abgesichert werden. Für
das qualifzierte Monitoring dieser Gebie-
te erschien es somit notwendig, Leistungen
Dritter einzukaufen. Aufgrund des kalkulier-
ten Finanzvolumens musste der Kreistag mit
der Thematik befasst werden, handelte es sich
doch um eine außerplanmäßige Ausgabe, für
die zunächst keine Mittel im Budget vorge-
sehen waren. Vor dem Hintergrund einer zu
diesem Zeitpunkt angespannten Haushaltsla-
ge im Vogtlandkreis wäre ohne die Unterstüt-
zung der Hausspitze des Landratsamtes die
geplante Vorgehensweise zur Überwachung
der Befallsgebiete nicht vorstellbar gewesen.
Im Rahmen eines Vortrages vor den Kreis-
räten konnte die Forstbehörde die prekäre
Waldschutzsituation und die Notwendigkeit
der geplanten Maßnahmen offenbar über-
zeugend darlegen: Der Beschluss fel am
20.06.2019 nach lebhafter Diskussion frakti-
onsübergreifend einstimmig. Die Freigabe der
Mittel in Höhe von bis zu 100.000 EUR jähr-
lich war bei der Bekämpfung der Borkenkäfer-
katastrophe im Vogtlandkreis ein wichtiger
Meilenstein. Es konnten nach jährlicher Aus-
Abb. 1: Ausgedehnte Kleinprivatwaldfächen in einer Höhenlage von 400 bis 450 m über NN;
Foto: Kay Oertel
schreibung 6 bis 8 geeignete forstliche Fach-
frmen vertraglich gebunden werden. Ergän-
zend werden seitdem noch 4 Mitarbeiter aus
dem eigenen Haus mit einer forstfachlichen
Ausbildung zur Überwachung des Befallsge-
schehens zeitweise mit eingesetzt.
Um die eigentumsübergreifende Bearbeitung
abzusichern, schloss der Vogtlandkreis 2019
Verwaltungsvereinbarungen mit den Forst-
bezirken Plauen und Adorf über eine Dauer
von 2 Jahren ab. In der Praxis werden Befalls-
gebiete jeweils federführend von der Forstbe-
hörde des Vogtlandkreises oder Sachsenforst
bearbeitet. Der Informationsaustausch erfolgt
anlassbezogen und effzient per Telefon, E-
Mail, Internet – und hat sich bewährt, sodass
die Verwaltungsvereinbarungen 2021 für wei-
tere 2 Jahre verlängert wurden.
Zur Schaltzentrale der Bewältigung der Ka-
tastrophe entwickelte sich der regionale Kri-
senstab. Konstituiert am 9. Januar 2019 unter
der Leitung der unteren Forstbehörde sind
in ihm alle regionalen Akteure vertreten: die
Forstbezirke Plauen und Adorf, der Sächsische
Waldbesitzerverband, der Sächsische Unter-
nehmerverband, die Forstbetriebsgemein-
schaften, die Kirchliche Waldgemeinschaft
sowie die Stadt Plauen. Handlungsschwer-
punkte waren und sind:
Schaffung einer gemeinsamen Datenbasis
Abgrenzung und Optimierung der BEG
Koordinierung des Unternehmereinsatzes
Suche von Holzlagerplätzen, Klärung von
Finanzierung und Logistik
Information und Schulung der Waldbesit-
zer
Abb. 2: Beispiel eines Befallserfassungsgebietes mit eigentumsübergreifender Bearbeitung. Die Befalls-
erfassung erfolgt über die untere Forstbehörde; Waldeigentumskarte: Sachsenforst, Abgrenzung BEG:
Untere Forstbehörde in Abstimmung mit Sachsenforst
6|

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Tab. 1: Befallsherde und -holz im Privat- und Körperschaftswald im Vogtlandkreis – Vergleich mit den Vorjahren (Hinweis: Borkenkäferjahr 01.06. – 31.05.
des Jahres)
Borkenkäferjahr
Anzahl Befallsherde
Stück
davon Anzahl aufbereitet
Stück/(%)
Befallsholz gesamt
m
3
Befallsholz aufbereitet
m
3
/ (%)
2018 / 2019
1.571
1.345 / (86)
40.015
37.047 / (93)
2019 / 2020
2.212
1.909 / (86)
57.895
53.172 / (92)
2020 / 2021
1.797
1.682 / (94)
43.285
41.905 / (97)
Der regelmäßige persönliche Kontakt – unter
Corona-Bedingungen per Videokonferenz
– ermöglicht kurze Informationswege und
schnelle Entscheidungen. Alle regionalen
Akteure sind sich einig und praktizieren das
auch in ihrem Handeln, dass Erfolg nur im ge-
meinsamen Wirken liegen kann.
Dabei liegt der Schlüssel im Aktivieren der Wald-
besitzer. Dafür werden alle verfügbaren Kanäle
genutzt: Medien des Vogtlandkreises und von
Sachsenforst, der Lokalpresse, im Internet, der
Verbände, der Politik. Eine Stütze für die Wald-
besitzer sind die drei aktiven Forstbetriebsge-
meinschaften im Vogtland. Sind bis dato ca.
15 % der Waldbesitzer Mitglied, die knapp die
Hälfte der Privatwaldfäche repräsentieren, so
wächst diese Zahl seit 2019 dynamisch.
Die fächendeckende Kontrolle in zeitlich dem
Schadverlauf angepassten Abständen ermög-
licht ein effzientes forstaufsichtliches Han-
deln der unteren Forstbehörde.
Die notwendige Datenbasis wurde von der
unteren Forstbehörde geschaffen, indem die
bestehende elektronisch geführte Borkenkä-
ferkarte in ein GIS (System Cardo) mit Daten-
bank (Cardo-Puzzle) überführt wurde. Um
die Menge von forstaufsichtlichen Schreiben
an die jeweiligen Flurstückseigentümer be-
wältigen zu können, werden die Bescheide
(Anzahl siehe Befallsherde in obenstehender
Tabelle) automatisch auf Basis der Datenbank
generiert. Druck und Versand erfolgen (leider)
noch manuell. Die Programmierung über-
nahm ein EDV-Dienstleister. Als Schnittstellen
Abb. 3: Nach Befallserkennung werden Käferbäu-
me mit Sprühfarbe markiert; Foto: Kay Oertel
für die weiteren Akteure des regionalen Kri-
senstabes fungieren das öffentlich zugäng-
liche Geoportal des Vogtlandkreises, in dem
zusätzliche Daten (z. B. erfasste Befallsherde
in Cardo) über Login bereitgestellt werden
sowie der Web Map Service über Geoportal-
Karte
(sachsen.de).
2021 befnden wir uns im vierten Jahr der
Borkenkäferkrise. Die Abläufe zwischen allen
Beteiligten sind mittlerweile zur Routine ge-
worden. Dabei muss immer wieder nachge-
schärft werden, um auf aktuelle Entwicklun-
gen reagieren zu können: Der Holzmarkt und
die -abfuhr, 2020 noch zentrale Probleme,
haben sich 2021 positiv entwickelt. In Spit-
zenzeiten des Schadholzanfalls sind Engpässe
bei der Unternehmerverfügbarkeit zu über-
brücken. Der Personalmangel stellt die Unter-
nehmen auch in der Forst- und Holzbranche
vor Herausforderungen. Die leistungsfähigen
Unternehmen benötigen für ein rentables
Arbeiten entsprechende Mengen, die sich
bei einem kleinteiligen Schadgeschehen aber
über die Fläche und zahlreiche Eigentümer
verteilen. Untere Forstbehörde, Betreuungs-
förster von Sachsenforst und vor allem die
Forstbetriebsgemeinschaften bündeln hier
die Kräfte. Die Fördermittel des Freistaates,
die mit der Förderrichtlinie Wald und Forst-
wirtschaft (RL WuF/2020) angepasst wurden,
unterstützen die Waldbesitzer bei der Bewäl-
tigung der Schadholzmengen und sind auch
bei zwischenzeitlich wieder gestiegenen Holz-
preisen weiterhin notwendig.
Für den Vogtlandkreis kann festgestellt wer-
den, dass das Schadgeschehen insgesamt noch
beherrschbar geblieben ist. Schnelles und kon-
sequentes Handeln aller Akteure konnte das
Landschaftsbild im Wesentlichen bewahren
und Schlimmeres verhindern. Die Fichte bleibt
vorerst der Brotbaum der vogtländischen
Waldbesitzer. Für den laufenden Waldumbau
wurde Zeit gewonnen, um diesen hoffentlich
weiterhin planvoll fortführen zu können.
Jörg Ulbrich
ist Sachbearbeiter Waldschutz,
Forstvermehrungsgut und Ord-
nungswidrigkeiten der Forst-
behörde des Vogtlandkreises
Kay Oertel
ist Sachgebietsleiter der Forst-
behörde des Vogtlandkreises
Fünf goldene Regeln bei der Holzernte
Sicheres Arbeiten ist das höchste Gebot bei
der Holzernte. Wir präsentieren Ihnen fünf
Grundsätze, die Sie bei jedem Einsatz unbe-
dingt einhalten sollten.
Die Waldarbeit gehört immer noch zu den
gefährlichsten Tätigkeiten überhaupt. Bäuer-
liche Waldbesitzer verunfallen häufger, weil
sie im Gegensatz zu Waldarbeitern nur un-
regelmäßig im Wald arbeiten. Die persönliche
Schutzausrüstung (PSA) und moderne Ar-
beitsmethoden ließen die Unfallzahlen in den
letzten 40 Jahren stark sinken. Konzentration
und geistige Frische sind aber nach wie vor
unverzichtbar bei der Arbeit mit der Motor-
säge oder ähnlichen Arbeitsgeräten. Mit fünf
einfachen Gedankenstützen erhalten Sie die
Arbeitssicherheit im Wald.
1. Persönliche Schutzausrüstung tragen
Unabhängig von Witterung und Arbeitsum-
fang: Auf die persönliche Schutzausrüstung
darf nicht verzichtet werden. Auch wenn es
nur die alte Linde am Waldrand ist, die man
endlich entfernen will – gerade bei solchen
Bäumen können Äste aus der Krone abbre-
chen und für schwere Verletzungen sorgen.
|7

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Die persönliche Schutzausrüstung zu tragen
bedeutet nicht nur, in die Schnittschutzho-
se zu schlüpfen: Helm mit Gehör- und Ge-
sichtsschutz, Handschuhe und Waldarbei-
ter-Sicherheitsschuhwerk müssen ebenfalls
getragen werden. Für eine ausreichende
Wahrnehmung der eigenen Person ist eine
Arbeitsjacke mit Signalpartie im Schulterbe-
reich erforderlich bzw. eine handelsübliche
Warnweste.
2. Geeignetes und gewartetes
Werkzeug verwenden
Waldarbeit macht dann Spaß, wenn die Arbeit
leicht von der Hand geht. Mit veraltetem,
schlecht gewartetem Werkzeug steigt der
Frustfaktor ganz schnell bei der Holzernte.
Schlecht gewartetes Werkzeug kann auch in-
direkt Unfälle verursachen: wer den ganzen
Vormittag mit einer kaum geschärften Motor-
sägenkette arbeitet, wird schneller müde und
unkonzentriert – und anfälliger für Unfälle.
Daher sind Arbeitsgeräte und Werkzeuge re-
gelmäßig zu warten und alte, verschlissene
Teile rechtzeitig auszutauschen. Vor Arbeits-
beginn ist der sichere Zustand der Arbeitsge-
räte zu prüfen. Dies betrifft z. B. die Funktions-
fähigkeit der Sicherheitseinrichtungen an der
Motorsäge (Kettenbremse, Kettenfang etc.).
3. Rettungskette sicherstellen
„Ich arbeite seit Jahren ohne Unfall im Wald”
ist kein Argument für den Verzicht auf die
Abb. 1: Die genaue Ansprache vor dem Beginn
der Fällung ist für jeden Baum sorgfältig durch-
zuführen. Foto: Bernhard Henning
Abb. 2: Grenzbaum: Gerade die Erntearbeit von
Randbäumen darf nicht unterschätzt werden; die
Schutzausrüstung ist auch hier unbedingt zu tra-
gen. Foto: Bernhard Henning
Rettungskette. Im Fall der Fälle kann die Ret-
tungskette über Leben und Tod entscheiden.
Für den optimalen Rettungseinsatz ist es not-
wendig, sich einige Gedanken noch vor Be-
ginn der Holzernte zu machen (s. Infokasten
Rettungskette).
So funktioniert die Rettungskette
im Wald
Grundlage der Rettungskette ist, dass nicht
alleine im Wald gearbeitet wird bzw. nicht
ohne Begleitperson. Denn bei verschie-
denen Verletzungen infolge von Forstun-
fällen ist der Verletzte nicht mehr in der
Lage, selbst um Hilfe zu rufen oder den
Rettungsdiensten alle notwendigen Infor-
mationen mitzuteilen. Daher befndet sich
das Smartphone (dessen Akkuladung und
Empfang vor Einsatzbeginn überprüft wer-
den sollte) bei der Begleitperson. Die Begleit-
person ist gleichzeitig auch der Ersthelfer. Im
Notfall gilt zunächst, sich zu beruhigen, sich
zu sammeln und nicht hektisch zu handeln.
Ist der Unfallort für den Ersthelfer begehbar,
ist diese Reihenfolge einzuhalten:
Absichern
Retten
Alarmieren
Erste Hilfe leisten
Dabei gilt aber: Eigenschutz vor Fremdschutz!
Besteht für den Ersthelfer ernsthafte Gefahr,
sich ebenfalls schwer zu verletzen, dann muss
auf die Einsatzkräfte gewartet werden. Bei der
Alarmierung wird durch den Notruf die Ein-
satzzentrale über den Unfall informiert. We-
sentlich ist dabei, dass möglichst viele – rele-
vante – Informationen an die Einsatzzentrale
übermittelt werden.
Wer meldet?
Name und Telefonnummer mit-
teilen
Was ist passiert?
Forstunfall, Art der Verlet-
zung, Zustand des Verletzten
Wo ist der Unfallort?
Wurde vor Arbeitsbeginn festgelegt durch
Koordinaten (GIS, GPS, Smartphones, Na-
vigationsgerät)
Festgelegte Rettungspunkte
Festgelegte Hubschrauber-Lande-
plätze
Referenzmeldung (z. B. „100 m nördlich
der Pfarrerhütte”). Die Fahrstrecke zum
Treffpunkt muss für Rettungsfahrzeuge
befahrbar sein.
Mögliche Hinweise für Einsatzkräfte?
Zu-
fahrtswege, Straßenbeschaffenheit (z. B.
Schranken, Schneeketten, Gegenverkehr), fe-
stes Schuhwerk nötig
Mögliche Hinweise für Hubschrauber?
Wetter (z. B. Sicht, Wind), Seile, Stromleitun-
gen, Funkmasten, stark rauchendes Signal-
feuer
Abb. 3: Fällbereich: Vor dem Fällschnitt ist der
Fällbereich (mind. 1,5 Baumlängen) nochmals
zu überprüfen. Grafk: Schweizer Unfallversiche-
rungsanstalt
8|

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Abb. 4: Forstmaschine: Wird gemeinsam mit Forst-
maschinen geerntet, muss klar miteinander kom-
muniziert werden, am besten über Sprechfunk.
Grafk: Schweizer Unfallversicherungsanstalt
Ratsam ist auch, vor Einsatzbeginn eine
Rettungskarte anzulegen. Auf dieser befn-
den sich die GPS-Koordinaten des Einsatz-
gebietes oder die Entfernung zum nächsten
markanten Punkt (Straßenkreuzung, Hoch-
stand, Sendemast etc.). Die Informationen
der Rettungskarte werden dann beim Notruf
an die Einsatzzentrale weitergegeben. Mit
Hilfe der Rettungskarte wird den Einsatzkräf-
ten das Auffnden des Unfallortes erleichtert.
4. Gefährdung Dritter ausschließen
Bei der Waldarbeit trägt man die Verantwor-
tung, dass niemand durch die eigene Arbeit
zu Schaden kommt. Aus der ursprünglich
Abb. 5: Hänger: Bäume, in deren Krone sich Hän-
ger befnden, dürfen erst nach der Fällung des
Hängers gefällt werden. Grafk: Schweizer Unfall-
versicherungsanstalt
geplanten Durchforstung soll keine Bergung
eines Schwerverletzten werden. Deshalb gilt:
Vor Beginn der Arbeit alle Zufahrtswege vor-
schriftsmäßig markieren. Direkt vor der Fäl-
lung wird nochmals der Gefahrenbereich
kontrolliert, ein Warnruf ausgestoßen und
dann erst der Baum zu Fall gebracht.
5. Eigene Sicherheit gewährleisten
Vor der Fällung sorgt die ausführende Arbeits-
kraft für eine Rückweiche, in der sie dem fal-
lenden Baum gefahrenlos ausweichen kann.
Gerade im steilen Gelände kann es leicht zu
Unfällen kommen. Vor dem Fällen wird der
Baum genau angesprochen. Der wiederholte
Abb. 6: Rückweiche: Die Rückweiche soll garan-
tieren, dass sich der Maschinenführer beim Fallen
des Baumes in einem geschützten Bereich befn-
det. Grafk: Schweizer Unfallversicherungsanstalt
Blick in die Krone garantiert, dass die Arbeits-
kraft rechtzeitig erkennt, ob Äste aus der Krone
abzubrechen drohen. Entscheidend bei der Fäl-
lung ist die korrekte Arbeitstechnik – und das
Einschätzen der eigenen Fähigkeiten. Lieber
lässt man einen Problembaum vorerst stehen
und holt sich für dessen Fällung professio-
nelle Hilfe. Dies gilt insbesondere bei starkem
Laubholz und abgestorbenen Bäumen. Aus
falschem Stolz heraus sollte kein Baum gefällt
und dabei Leib und Leben riskiert werden.
Diplom-Ingenieur
Bernhard Henning
arbeitet als forstlicher Berater
und Publizist und betreibt unter
anderem das Forst-Wiki
www.forestbook.info
Merkmale, die vor der Fällung anzusprechen sind
Kriterium
Beobachtung
Folgerung
Baumhöhe
Wie hoch ist der Baum?
Größe des Gefahrenbereichs
Aufschlagstelle der Krone
Absperrmaßnahmen
Gefahren für Leitungen, Bahnlinien, Fahrzeuge
Baumkrone
Verteilung des Gewichts
Baum kann zum Hänger werden
Zwiesel
Fällrichtung anpassen
Kronenzustand
Stammverlauf
Schwerpunkt des Baumes
Bei Vor- oder Rückhänger die Fälltechnik entsprechend anpassen
Stamm krumm oder schräg
Krone und Stamm gemeinsam beurteilen
Stammfuß
Wie groß sind die Wurzelanläufe?
Wurzelanläufe nur bei gesunden Bäumen anschneiden
Behindern diese die Fällung?
Stechschnitt durchführen, um auf Stammfäule zu überprüfen
Gibt es Hinweise auf Stammfäule?
Sind andere Stämme im Bestand bereits faul gewesen?
Stammdurchmesser
Wie dick ist der Stamm?
Bei zu starken Bäumen Motorsäge wechseln
Äste
Trockenäste, die herunterfallen
Keine Fällarbeit unter Trockenästen oder hängengebliebenen Ästen
Starkäste, die den Fall des Baums beeinfussen
Umgebung
Hängen Nachbarbäume in der Krone?
Fällrichtung sorgfältig auswählen
Kann der fallende Baum andere mitreißen?
Nachbarbäume beim Fällen beobachten
Fällt der Baum auf Hindernisse?
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Arbeitstechnik für die Zukunft
Eine der wichtigsten Waldarbeiten im Zuge
des Klimawandels wird zunehmend die An-
wuchspfege von jungen heranwachsenden
Beständen sein. Ein forstliches Hauptziel liegt
darin, diese Anwüchse in leistungsfähige, sta-
bile, artenreiche und naturnahe Altbestände
zu überführen. Somit soll auch weiterhin die
nachwachsende Rohstoffquelle Wald neben
deren ökologischen Diensten der Gesellschaft
erhalten bleiben.
Der Grundstein wird in der Jungwuchs- und
Jungbestandespfege gelegt. Durch die an-
gepasste Entnahme von bedrängenden
oder unerwünschten Bestandesmitgliedern
wird durch Stammzahlreduzierung eine Mi-
schungs- und Standraumregulierung erzielt.
Dadurch werden einzelne vielversprechende
und vitale Bäume in ihrem Wuchs gefördert,
um später die gewollte Bestockung zu errei-
chen.
Welche Motorwerkzeuge
stehen zur Verfügung?
Für solche oft schweißtreibenden Pfege-
arbeiten bietet der Handel genügend verbren-
nungsmotorgetriebene Maschinen namhafter
Hersteller an. Gerätschaften mit dieser An-
triebsform können aber beim Betrieb durch
den Anwender förmlich von ihm „gespürt”
werden. Sie machen einen Höllenlärm, vibrie-
ren in den Händen und lästige Abgasluft weht
um die Nase.
Doch diese gesundheitlichen Belastungen
können heutzutage wesentlich minimiert
werden!
Wie schon in der Waldpost 2020 durch
Forstwirtschaftsmeister Andreas Schwien-
tek beschrieben, strömen immer mehr akku-
betriebene Pfegegeräte für die semiprofes-
Abb. 1: Wechselakku in einer Kettensäge; Foto:
Falk Germann
sionelle und professionelle Anwendung auf
den Markt.
Zu den Maschinen mit Lithium-Ionen-Akku-
Betrieb zählen z. B. Motorkettensägen, Frei-
schneider, Motorsensen/-trimmer, Hochent-
aster, Forstscheren und Fällhilfen (Fällkeile).
Der Anschaffungspreis einer Akkukettensäge
liegt zwischen 350 bis 1.000 Euro, höher als
beim vergleichbaren Verbrennungsmotor-
modell. Der Preisunterschied amortisiert sich
im Laufe der Lebensdauer – man hat ja schon
den „Kraftstoff” teilweise mit eingekauft und
lädt mit weitaus günstigerem elektrischen
Strom den leeren Akku auf. Im Schnitt sollte
ein moderner Akku bei fachmännischer Be-
nutzung ungefähr 600 bis 1.500 Ladezyklen
überstehen. Die Produktpalette reicht von Ge-
räten zur gelegentlichen Benutzung bis zum
kommerziellen Vollzeiteinsatz. Hier sollte der
Waldbesitzer wenigstens zu den angebote-
nen Maschinen für den regelmäßigen Einsatz
greifen.
Bei der Arbeit spielt das Akkugerät gegen-
über dem Benzinmotormodell seine ergo-
nomischen Vorteile aus. Der Motor ist nur
in Betrieb, wenn ich mit dem Gerät arbeite.
Unnötige Leerlaufbelastungen in Form von
Abgasen und Lärm sind Geschichte. Auch
bringen Akkugeräte von Haus aus weniger
Schwingungswerte auf den Prüfstand. Somit
verringert sich deutlich die Gefahr, an einer
„Weißfngerkrankheit”, ausgelöst durch zu
hohe Hand-Arm-Vibrationswerte, erkranken
zu können. Als Benutzer stehe ich auch nicht
Abb. 2: Schutzausrüstung für die Arbeit mit der Kettensäge; Foto: Falk Germann
mehr in der „blauen Wolke”, die durch die
Verbrennung fossiler Kraftstoffe entsteht. Ein
Einatmen der Dämpfe, vor allem krebserre-
gendes Benzol, gehört in den oftmals dichten
Jungbeständen der Vergangenheit an. Ein Ge-
hörschutz bei der Anwendung der Akkugeräte
ist trotzdem vorgeschrieben. Der Schallpegel
liegt deutlich über 85 dBA. Auch die Forst-
helmkombination mit Visier und Gehörschutz,
Arbeitsjacke/-hemd und Handschuhe müssen
aus arbeitsschutztechnischer Sicht vom Be-
diener getragen werden. Schutzschuhwerk
und derbe Arbeitshosen komplettieren die
persönliche Schutzausrüstung beim Um-
gang mit den Geräten. Bei der Benutzung der
Motorkettensägen ist die Verwendung von
Schnittschutzhose und Schnittschutzschuh-
werk selbstverständlich unabhängig vom An-
triebssystem zu verwenden.
Im Betrieb sollte man bei jedem Wech-
sel des Akkus bei der Motorkettensäge und
dem Hochentaster den Füllstand des Ket-
tenschmiermittels prüfen – gerade bei den
leistungsstärkeren Akkus ist der Öltank leer
und somit läuft die Kette ungeschmiert über
die Führungsschiene. Vorsicht ist im Ruhe-
zustand der Geräte geboten! Bei einigen
Herstellern sind die Maschinen im Stand-by-
Modus immer „scharf”, das heißt, sobald ich
die Gashebelsperre oder einen Knopf drücke,
dabei „Gas” gebe, setzt sich das Werkzeug des
Gerätes schlagartig in Bewegung!
Apropos leistungsstarke Akkus – namhafte
Hersteller bieten von 2 bis knapp 10 Ampere-
stunden starke, einklickbare Wechselakkus
10 |

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an. Oftmals kann man den Ladezustand per
Knopfdruck auf dem Akku durch Aufeuchten
von Dioden erkennen. Die Arbeitsdauer hängt
von der Kapazität des Akkus und des zu be-
arbeitenden Gegenstandes ab. Hier wird der
Benutzer mit einem großen rückentragbaren
Akku (bis über 30 Amperestunden) einen gan-
zen Arbeitstag in der Pfege mit der Motorket-
tensäge oder dem Freischneider auskommen.
Mit den kleinsten Wechselakkus wird man le-
diglich 30 Minuten Spaß an der Arbeit haben.
Kommen wir zur Schattenseite der Akku-
technik. Ein Lithium-Ionen-Akku kann auch
gefährlich werden, indem er mit sehr hoher
Temperatur (über 800 °C) abbrennt und durch
Kurzschluss der Zellen untereinander mit ge-
waltiger Kraft explodiert. Obendrein entstehen
sehr giftige Gase, die den Anwender bei even-
tuellen Löschversuchen gesundheitlich stark
schädigen können. Aus diesen Gründen sollte
der Energiespeicher behutsam behandelt wer-
den – den Akku in der Orginalverpackung oder
Akkuboxen transportieren, auf der Fläche vor
mechanischen Beschädigungen schützen, nur
Abb. 3: Professionelle Akkukettensäge; Foto: Falk
Germann
innerhalb des vom Hersteller empfohlenen
Temperaturbereiches einsetzen und den Lade-
vorgang des leeren Akkus nicht unbeaufsich-
tigt lassen. Hierfür hält der Handel auch schon
geprüfte Behälter zum Transport und der Auf-
ladung bereit. Diese bestehen aus feuerfestem
Material und sogenannte Hohlglaskugeln (py-
robubbles) umkapseln in geschmolzener Form
den in Brand geratenen Akku wirksam. Aktiv
besitzen die Akkumulatoren ein Batteriema-
nagement (BMS), das auch in Verbindung mit
dem Ladegerät den thermischen Zustand des
Akkus überwacht und in der Not elektrische
Verbindungen zwischen den Zellen kappt. Zu-
sätzlich sind herstellerseitige Informationen
der Betriebsanleitung zu entnehmen.
Sicherlich wird sich in Zukunft der Fokus
immer mehr auf elektrische Antriebstech-
nologien richten, die Gerätschaften werden
zunehmend leichter und mit kapazitätsstär-
keren Akkus und dementsprechend leistungs-
fähigeren Motoren ausgestattet. Praktisch ist
zudem die Kompatibilität, unterschiedliche
akkubetriebene Geräte von einem Hersteller
mit ein und demselben Akku zu betreiben. Da
bleiben kaum Wünsche offen.
Falk Germann
ist Forstwirtschaftsmeister
im Referat Dienstleistungen,
Zentrum für forstliches Ver-
mehrungsgut bei Sachsenforst
Waldschutzsituation in Sachsen 2021
Der vorliegende Beitrag beschreibt die Waldschutzsituation im Spätsommer 2021.
Detaillierte Informationen – auch zum jeweils aktuellsten Stand – sind unter
http://www.wald.sachsen.de/waldschutz-4070.html
eingestellt. Als Grundlage für Wald-
schutzinformationen und auch für die Darstellung im vorliegenden Artikel dienen u. a. die
im Privat- und Körperschaftswald (PKW) von den Unteren Forstbehörden, im Landeswald
(LW) von Sachsenforst und im Bundesforst (BF) von den Bundesforstbetrieben routine-
mäßig erhobenen Waldschutz-Überwachungsdaten.
Die Witterung im Jahr 2021 war für den Wald
deutlich günstiger als die der vergangenen
Jahre. Insbesondere die Niederschläge waren
ergiebiger und lagen zeit- und gebietsweise
über den langjährigen Vergleichswerten. Lo-
kale Starkniederschläge führten zu Schäden,
auch an der forstlichen Infrastruktur. Sie
sind Anzeichen des realen Klimawandels. Die
Temperaturen lagen zwar auch in diesem Jahr
wieder über den langjährigen Mittelwerten,
aber nicht so deutlich wie in den Vorjahren
und Extreme traten eher selten auf.
Schäden an Fichte
An der Gemeinen Fichte waren, wie auch
in den Vorjahren, die rindenbrütenden Bor-
kenkäferarten Buchdrucker und Kupferste-
cher die relevanten Schadorganismen. De-
ren Entwicklung wird in erheblichem Maße
durch abiotische Schadereignisse wie Stür-
me (Wurf- und Bruchholz) und Trockenheit
gefördert sowie durch Wärme begünstigt.
Dies belegt die aktuelle Entwicklung sehr
nachdrücklich. Die im Jahre 2018, ausgelöst
durch die vorhergehenden Sturmschäden,
begonnene und durch die anschließend vor-
herrschenden optimalen Entwicklungsbe-
dingungen forcierte Massenvermehrung des
Buchdruckers
hatte 2019 mit einem Befalls-
holzaufkommen von über 2 Mill. m³ offen-
sichtlich ihr Maximum erreicht (Abb. 1). 2020
zeichnete sich eine leichte Entspannung der
Situation ab. Mit mehr als 1,8 Mill. m³ Be-
fallsholz waren aufgrund der daraus resul-
tierenden enorm hohen Käferdichten die
Voraussetzungen für einen erneuten starken
Anstieg 2021 aber nach wie vor gegeben.
Das Borkenkäferjahr 2021 begann wesent-
lich günstiger als es in den drei zurücklie-
genden Jahren der Fall war. So hatte der
Hauptschwarm der überwinterten Buchdru-
cker abweichend zu den Vorjahren bis Ende
April noch nicht begonnen. Ursache hierfür
waren die niedrigen Temperaturen, die noch
keinen anhaltenden Schwärmfug ermög-
lichten. Der zeitliche „Rückstand” in der
Phänologie der überwinternden Käfer betrug
ca. 2 ½ Wochen. Der späte Schwärmbeginn
verlängerte den Zeitraum für die Durchfüh-
rung forstsanitärer Maßnahmen durch Be-
räumung der Überwinterungsquartiere und
begünstigte damit die weitere Reduktion der
Käferdichten vor Schwärmbeginn. Eine war-
me Witterungsperiode Anfang Mai leitete
dann die Schwärmsaison des Buchdruckers
in weiten Teilen Sachsens ein. Diese voll-
zog sich in einigen Regionen in Form eines
zeitlich sehr konzentrierten Schwärmfuges,
sodass die Käferfangzahlen an Monitoring-
standorten die Werte des Vorjahres über-
schritten. Schwerpunkte dieser hohen, aber
witterungsbedingt nicht kontinuierlichen
Aktivität waren die Landkreise Bautzen und
Görlitz sowie der Nationalpark Sächsische
Schweiz, aber auch die Hügellandsbereiche
und die unteren Lagen zwischen Chemnitz
und Freiberg und damit die Befallsschwer-
punkte des Vorjahres. Erst ab Anfang Juni er-
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Abb. 1: Langzeitstatistik zum Buchdruckerbefall auf dem Territorium des Abb. 2: Monatlicher Vergleich des durch Buchdrucker befallenen Holzes in
Freistaates Sachsen (Forstschutzkontrollbuch per 30.09.2021); inkl. Ruhe- Kubikmetern für den sächsischen Wald in den Jahren 2003 bis 2021; Quelle:
bereich im Nationalpark; Grafk: Franz Matschulla
möglichten die Witterungsbedingungen ein
anhaltend hohes Aktivitätsniveau für den
Buchdrucker. Weil die Widerstandsfähigkeit
der Fichten, trotz einer im Vergleich zu den
Vorjahren günstigeren Bodenwasserverfüg-
barkeit, immer noch reduziert war und dies
durch den gleichzeitigen Austrieb der Wirts-
bäume noch verstärkt wurde, kam es mit der
hohen Schwärmaktivität zu einer deutlichen
Zunahme von Stehendbefall. Auch die Ent-
wicklung der Käferbruten wurde durch das
zunehmend höhere Wärmeangebot forciert
und der Rückstand in der Entwicklungs-
phänologie nahm permanent ab. Mit fast
310.000 m³ Befallsholz per 30. Juni wurde
für diesen frühen Zeitpunkt im Jahr das bis-
herige Maximum (Abb. 2) des monatlichen
Befallszuganges im Rahmen der langjähri-
gen Schadstatistik registriert.
Im Vergleich
zum Vorjahr entsprach das
einem Anstieg auf 121 %. Dieser Wert für
den Gesamtwald resultierte jedoch aus zwei
unterschiedlichen Trends in der Befallsdy-
namik. Im Landeswald war der Befall auf 87
% des Vorjahreswertes zurückgegangen, im
Privat- und Körperschaftswald jedoch auf
150 % angestiegen. Regionale Effekte mo-
difzierten diese Trends. So konzentrierten
sich die Schäden noch deutlicher als in den
Vorjahren in bestimmten Gebieten wie dem
Zittauer Gebirge, Lausitzer Bergland, Elb-
sandsteingebiet, Osterzgebirge, Nordosten
des Mittleren Erzgebirges sowie dem östli-
chen Erzgebirgsvorland. Diese Entwicklungen
setzten sich in der Folgezeit fort. Die ab Mai
überdurchschnittlichen monatlichen Nieder-
schlagssummen führten in den Sommermo-
naten offensichtlich zu einem kontinuier-
lichen Anstieg der Widerstandsfähigkeit der
Fichten. In Verbindung
mit den intensiven
Gegenmaßnahmen in Form der schnellen
FSKB per 30.09.2021, Grafk: Franz Matschulla
Befallserkennung und umgehenden Sanie-
rung vor dem Ausfug der jeweils nächsten
Käfergeneration
ging der Befall im Gesamt-
wald im Vergleich zum Vorjahr tendenziell
zurück. Per
Ende Juli waren es noch 103 %,
bis Ende August dann bereits 97 % und bis
Ende September ca. 88 % der jeweiligen Be-
fallsholzmenge des Vorjahres. Wie schon zu
Beginn der Käfersaison
2021 resultierte die-
ser durchschnittliche Landestrend aus einem
deutlichen Befallsrückgang im Landeswald
auf 61
% und einem Anstieg im Privat- und
Körperschaftswald auf 108 % per Ende Sep-
tember. Davon abweichend stieg z. B. im
Forstbezirk Neustadt der Befall im Landes-
wald lokal ebenfalls an und nahm anderer-
seits im Privat- und Körperschaftswald des
Vogtlandkreises
und des Landkreises Zwickau
ab bzw. stagnierte auf dem Vorjahresniveau.
Obwohl im Unterschied zu den Vorjahren
nur in Gebieten unter 300 m ü. NN mit der
Anlage einer 3. Käfergeneration gerechnet
werden muss, wird ein Teil des Befalls erst im
Winterhalbjahr 2021/22 zu erkennen sein. Für
den Gesamtwald ist aber von einem weite-
ren Befallsrückgang für das Borkenkäferjahr
2021/22 im Vergleich zu den beiden Vorjahren
auszugehen, wobei jedoch der vorbeschrie-
bene Unterschied in den Eigentumsgruppen
erhalten bleibt. Die Abbildung 3 zeigt die
regionale Verteilung der 2021 durch Buch-
drucker befallenen Holzmenge. Auf das am
stärksten betroffenen Revier Bischofwerda
entfällt mehr als ein Sechstel der gesamten
Befallsmenge in den bewirtschafteten Fich-
tenwäldern Sachsens. Es folgen rangmäßig
die ebenfalls von den vorbenannten Wald-
besitzarten dominierten Landkreisreviere
Cunewalde, Zittau und Sebnitz. Letzteres hat
jedoch relativ größere Staatswaldanteile im
Nationalpark Sächsische Schweiz und dem
Forstbezirk Neustadt.
Abb. 3: Im Borkenkäferjahr 2021 (FSKB-Meldungen im Zeitraum 01.06.-30.09.2021) von Buchdrucker be-
fallenes Schadholz in Kubikmetern in den Landkreisrevieren (alle Eigentumsarten); Grafk: Franz Matschulla
12 |

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hfallsholz
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200.000
150.000
100.000
S0.000
Sonstig@
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niger Kiefernborkenkäfer
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Neben den aus dem Vorjahresbefall resultie-
renden Schwerpunktgebieten wird aus der
regionalen Schadverteilung auch deutlich,
dass besonders die Bereiche stark vom Buch-
druckerbefall betroffen sind, in denen die
Fichte – besonders im Reinbestand – nicht
standortgerecht ist.
In einem Teil dieser Ge-
biete ist sie in den letzten vier Jahren in dem
Altersbereich über 60 Jahre in Waldbeständen
bereits völlig ausgefallen.
Der
Kupferstecher
war am Befall in Fichten-
beständen 2021 nur geringfügig beteiligt. Die
bis Ende September gemeldete Befallsmenge
liegt mit von 1.400 m³ zu diesem etwa im
Mittel der Jahre 2003 bis 2017.
In den zurück-
liegenden drei Jahren lagen die Mengen deut-
lich darüber.
Die
Populationsdichten der Borkenkäfer
an Fichte sind zu Beginn der Überwinte-
rung 2021/22 nach wie vor hoch. Das milde
Herbstwetter begünstigt wie bereits 2020 das
Ausreifen angelegter Bruten mit dem Ergeb-
nis relativ hoher Frostbeständigkeit der über-
winternden Jungkäfer sowie das Aufsuchen
geeigneter Überwinterungsplätze u. a. im
Boden. Deshalb ist davon auszugehen, dass
selbst bei normalen Witterungsbedingungen
im Jahr 2022 erneut mit hohen Schäden ge-
rechnet werden muss.
Treten
zusätzlich noch Extremwetterereig-
nisse wie Stürme, Nassschneefälle oder sich
wieder verschärfende Dürre auf, muss mit ei-
nem erneuten Anstieg der Befallsmengen ge-
rechnet werden. Hinzu kommt, dass die lokal
extrem hohen Käferdichten
zu einer gewissen
Eigendynamik der Befallsentwicklung führen.
D. h. der entwicklungshemmende Einfuss der
Witterung wird geringer.
Schäden an Kiefer
Infolge der extremen Witterungsverläufe der
zurückliegenden Jahre stiegen die Befalls-
holzmengen durch den
Sechs-
(Abb. 4 links)
und
Zwölfzähnigen Kiefernborkenkäfer,
den
Großen
und den
Kleinen Waldgärtner,
den
Blauen Kiefernprachtkäfer
(Abb. 4 rechts)
sowie durch weitere holz- und rindenbrüten-
de Arten in den letzten Jahren deutlich an.
Nachdem per 30.09.2020
mit fast 200.000 m³
ein neuer Rekordwert der Gesamtbefallsmen-
ge durch diese Arten erreicht wurde, fel der
diesjährige Vergleichswertzu dem Zeitpunkt
geringer aus (Abb. 5), verblieb jedoch auf noch
sehr hohem Niveau ähnlich dem in 2019.
Die regionale Verteilung des Befalls durch
holz- und rindenbrütende Insekten an Nadel-
holz (ohne den Buchdrucker und dominiert
von den Schäden an Kiefer) in den Land-
kreisrevieren für das aktuelle Käferjahr zeigt
die Abbildung 6. Der Befallsschwerpunkt im
Nordwestsächsischen Tiefand mit zwei Zen-
tren wird dabei ersichtlich.
Der häufg auftretende Befall mehrerer Käfer-
arten an einem Baum bzw. an benachbarten
Bäumen sowie die dabei unterschiedlich ab-
laufende Befallssukzession erschweren die
erfolgreiche Bekämpfung durch eine recht-
zeitige Erkennung und Sanierung.
Die Ergebnisse der Winterbodensuche zeigten
für die damit überwachten nadelfressenden
Arten für das Jahr 2021 insgesamt unkritische
Populationsdichten. Die Dichten der
Forleule
gingen im Vergleich zum Vorjahr noch ein-
mal zurück. Auch der
Kiefernspanner
befn-
det sich weiterhin in der Latenz. Lediglich in
11
der 359 Winterbodensuchbestände wurde
die Warnschwelle bei noch relativ niedrigen
absoluten Puppendichten überschritten. Auch
die Dichten von
Kiefernspinner
und
Blatt-
wespenarten
bleiben nach wie vor unkritisch
und überschreiten die Warnschwellen
nur in
wenigen Beständen und auf verhältnismäßig
Abb. 4: links: Befall durch den Sechszähnigen Kiefernborkenkäfer in der Spiegelrinde einer grün be-
kronten Kiefer; rechts: verfärbende Jungkäfer des Blauen Kiefernprachtkäfers im grobborkigen Rinden-
bereich vor dem Ausfug im Juni; Foto: Franz Matschulla
Abb. 5: Befallsholzmengen durch Holz- und Rindenbrütende Borkenkäfer in
den Jahren 2003 bis 2021 (jeweils Neubefall bis zum 30.09. des Jahres); Gra-
fk: Franz Matschulla
Abb. 6: Regionale Verteilung des im Zeitraum vom
01.06.21
30.09.21
in den
Wäldern aller Eigentumsarten durch verschiedene holz- und rindenbrütende
Käferarten (ohne Buchdrucker) angefallenen Stehendbefalls an Nadelbaum-
arten (vorrangig Kiefer und Lärche), bezogen auf die Struktureinheiten der
unteren Forstbehörden; Grafk:
Franz Matschulla
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Abb. 7: Kiefern-Prozessionsspinner auf dem Weg zum Verpuppungsort; Foto: Franz Matschulla
geringem Niveau. Die geringen Ausgangs-
dichten wurden im Laufe der Zeit durch das
Ausbleiben von fraßgeschädigten Flächen
bestätigt. Lediglich die Anzahl der bei den
Bodensuchen registrierten Trieb-Absprünge
durch Waldgärtner wiesen auf lokal weiterhin
erhöhte Populationsdichten dieser Borken-
käferarten hin.
Die
Nonne
befndet sich nach der letzten
Massenvermehrung (2012 bis 2015) erwar-
tungsgemäß weiterhin in der Latenz. Das be-
stätigen die noch unvollständig vorliegenden
Ergebnisse aus den Pheromonfallenfängen als
dem standardisierten Waldschutzmonitoring
für diese Art. An einzelnen Standorten deutet
sich anhand erhöhter – aber noch unkriti-
scher - Fangwerte ein Übergang in die Pro-
gradationsphase an.
In den bekannten Vorkommensgebieten des
Kiefern-Prozessionsspinners
in Nordost-
sachsen trat diese Art 2021 durch die Prozes-
sionen der vollständig entwickelten Raupen
(Abb. 7) zu ihren Verpuppungsorten lokal auf-
fällig in Erscheinung. Wie auch beim
Eichen-
Prozessionsspinner
können die Brennhaare
der Larven bei Menschen und Tieren bei Be-
rührung oder Einatmen gesundheitliche Be-
schwerden auslösen.
Schäden an Lärche
Der
Große Lärchenborkenkäfer
konnte
nach auslösenden Wurf- und Bruchschäden
2017/2018 in den Jahren 2019 und zum Teil
auch noch 2020 durch aufsummiert ungünsti-
ge Bedingungen für die Wirtsbaumart in Form
von Trockenstress proftieren. Besonders 2019
kam es lokal zu einer ähnlichen Befallsentwick-
lung wie bei den Fichtenborkenkäfern. Nach
einem deutlichen Rückgang im Vorjahr ist der
per 30.09. erkannte Stehendbefall 2021 mit
1.200 m³ im Vergleich zu den entsprechenden
Vergleichswerten wieder auf das Latenzniveau
gefallen
Schäden an Tanne
An
Weißtannen
traten nach 2020 auch 2021
lokal
Triebläuse
der Gattung
Dreyfusia
und
z. T. auch die europäische
Weißtannentrieb-
laus
(Mindarus
abietinus)
vermehrt in Er-
scheinung. Ein Befall durch die
Dreyfusia-Ar-
ten verursacht aufgrund der Saugtätigkeit der
Läuse auf den Nadelunterseiten durch eine
Abwärtskrümmung der Nadeln typische „Fla-
schenbürsten” (Abb. 8 links). Im Kontrast dazu
führt ein Befall durch die europäische Weiß-
tannentrieblaus zu einer Aufwärtskrümmung
der Nadeln. In der Abbildung 8 ist neben der
unterschiedlichen Krümmungsrichtung der
besaugten Nadeln auch die beim starken
Dreyfusia-Befall
verursachte Triebdeformati-
on sichtbar. Das ist ein Hinweis auf das höhe-
re Schadpotential dieser Arten aufgrund der
Saugaktivitäten an den Trieben.
Weiterhin wurden an einigen Proben neben
den Läusen auch
Tannengallmilben
nachge-
wiesen, die bei stärkerem Auftreten (Abb. 9)
auch bei alleinigem Auftreten Nadelverluste
verursachen können.
2021 war teilweise auch die charakteristische
Symptomatik der
Rhizoctonia-
Nadelbräune
an Weißtannen auffällig. Diese Pilzerkrankung
äußert sich im Hängenbleiben der bereits vom
Trieb gelösten verfärbten Nadeln durch das
oberfächlich wachsende Myzelpolster (Abb. 10
Abb. 8: links: Nadeldeformationen nach Befall durch die Europäische Tannentrieblaus (links von gestrichelter
Linie) und rechts: Befall durch eine Tannentrieblaus aus der Gattung
Dreyfusia;
roter Rahmen: Eigelege mit
Wachswolle an vorjährigem Trieb im April; blauer Rahmen: am frischen Maitrieb saugende Lausnymphen an
den Nadelunterseiten; schwarzer Rahmen: Laus nach einigen Tagen Saugtätigkeit; Fotos: Franz Matschulla
14 |

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Abb. 9: Starker Tannengallmilbenbefall an Weißtannennadeln; Fotos: Franz Matschulla
oben). Die bisher eher als „Herpotrichia-Tan-
nennadelbräune” bekannte Nadelkrankheit be-
trifft in der Regel 5- bis 30 (40)-jährige Tannen
in feuchten, windstillen Lagen (und auch bei
stärkerer Beschattung). Für die Bäume hat ein
Befall meist nur geringe Zuwachsverluste zur
Folge.
Im Frühsommer bestätigten viele Einzelmel-
dungen das erwartete verstärkte Auftreten
von Rüsselkäfern, insbesondere des
Großen
Braunen Rüsselkäfers
. Bedingt durch die
unterschiedliche Gefährdung der Flächen, die
vor allem durch den Zeitpunkt der Räumung
des Oberstandes, der gepfanzten (Nadel-)
Baumart und der Bodenvegetation abhängt,
war die Schadausprägung unterschiedlich.
Lokal kam es zu Totalausfällen. Die Abbildung
11 zeigt entsprechende Extremsituationen.
Die Schäden betreffen nicht nur Douglasie
und Lärche, auch Weißtannen werden be-
fressen.
Schäden an Laubbaumarten
Der Wassermangel der letzten Jahre überstieg
bei einzelnen Laubbäumen den Toleranzrahmen
und führte dazu, dass die dadurch verursach-
ten Vitalitätseinbußen nicht mehr kompensiert
werden konnten. An derart vorgeschädigten
Eichen war verstärkt ab 2018 Befall durch
Ei-
chensplintkäfer
und/oder
Eichenprachtkäfer
festzustellen. Ab Spätsommer 2020 wurden
zusätzlich besonders in Nordwestsachsen an-
hand des z. T. in Massen an den Stamman-
läufen befndlichen hellen Bohrmehls an noch
grün bekronten Eichen insbesondere der
Klei-
ne schwarze Nutzholzborkenkäfer
und der
Eichenkernkäfer
(Abb. 12) auffällig.
Auch diese sekundären Käferarten proftieren
von der vorangegangenen Witterung. Einem
Schädlingsbefall noch gesunder, aber vor-
geschwächter Eichen kann nur durch forst-
sanitäre Maßnahmen an befallenen Bäumen
zur Reduzierung der Populationsdichten ent-
gegengewirkt werden. Durch die Witterung
2021 wurde die vorher zunehmende Schwä-
chung der Bäume etwas abgemildert. Die wei-
tere Entwicklung bleibt abzuwarten.
Die im Winter 2020/21 mit Hilfe von Leimrin-
gen erfolgte Überwachung der
Frostspanner
als relevanter Vertretergruppe der Eichenfraß-
gesellschaft wies auf eine leicht ansteigende
Tendenz auf einem insgesamt geringen Dich-
teniveau hin. Die im Frühjahr dokumentierte
Fraßfäche bestätigte das erwartete geringe
Schadniveau. Die Prognose des zu erwarten-
den Fraßes durch den Grünen
Eichenwickler
(Abb. 13) als weiterer Vertreterart der Eichen-
fraßgesellschaft zeigte für das Frühjahr 2021
ein sehr niedriges Dichteniveau.
Die im Frühjahr erkannten Fraßfächen be-
stätigten die prognostiziert geringen Dichten,
jedoch im Vergleich zum Vorjahr bei einer
leichten Zunahme der Befallsfäche.
Die Überwachung des
Schwammspinners
deutete für 2021 unter anderem anhand
erhöhter Parasitierungsraten und des Auf-
tretens von Virosen auf die Retrogradation
der lokalen Massenvermehrung im Südraum
Leipzigs an. Ausschließlich für einen Waldort
ließen deutlich erhöhte Belagsdichten ab-
Abb. 10: oben: Bei Befall durch die Rhizoctonia-
Nadelbräune oberfächlich wachsendes Myzel,
das für das typische Schadbild – unten: hängen-
bleibende, bereits gelöste Nadeln am Trieb ur-
sächlich ist. Fotos: Franz Matschulla
Abb. 11: Starker Befall durch den Großen Braunen Rüsselkäfer an Douglasie bzw. Lärche (Foto links und
rechts: Janett Meschkat, Mitte: Franz Matschulla)
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KleinetsehwanerNutzholttiorRenkafer
IX)iteboros
mort0graphu.s)
Eiehenlo;emkäfe,r
(Platypuscy/indros}
gegrenzt Kahlfraß erwarten. Insgesamt trat
Kahlfraß auf einer Fläche von ca. 15 ha auf,
der in der Folgezeit durch den Johannistrieb
regeneriert worden ist.
Im Juli und August 2021 wurde der
Schwärmfug der Schwammspinner wieder
mittels Pheromonfallen überwacht. Abschlie-
ßende Ergebnisse liegen noch nicht vor. Im
Anschluss werden in Waldteilen mit einem
erhöhten Auftreten im kommenden Winter
Eigelege gesucht, um den tatsächlich zu er-
wartenden Schadumfang für 2022 zu prog-
nostizieren.
Das Auftreten des
Eichen-Prozessionsspin-
ners
in Wäldern wurde 2021 in allen bislang
bekannten Befallsgebieten bestätigt. Für vier
Regionen belegten aktuelle Pheromonfal-
lenfänge und/oder eher zufällige Eigelege-,
Raupen- bzw. Gespinstfunde das Vorkommen
dieser Art. Die Beobachtungen vor Ort deuten
im aktuellen Jahr insbesondere im Gebiet um
die Dresdener Heide auf eine Befallszunahme
hin. In dem Waldgebiet und angrenzend ist
der Eichenprozessionsspinner an Eichen häu-
fger zu fnden. Für den Wald sind ggf. auf-
tretende Fraßschäden bisher unbedenklich.
Es erfolgten punktuell mechanische Bekämp-
fungsmaßnahmen.
Wie schon im Vorjahr
zeigten sich 2021
lokal bis regional verstärkt Bestände mit
einem nennenswerten Anteil absterbender
Buchen. Ähnlich wie bei den Eichen konn-
ten die an diesen Bäumen auftretenden
Sekundärschädlinge, insbesondere der
Klei-
ne Buchenborkenkäfer
und der
Buchen-
prachtkäfer
, von den für sie günstigen Ent-
wicklungsbedingungen und der verringerten
Vitalität der Wirtsbäume proftieren. 2021
ging die gemeldete Schadholzmenge, ver-
mutlich aufgrund der merklich günstigeren
Witterungsbedingungen, deutlich zurück.
Das vom
Eschentriebsterben
im Freistaat
Sachsen verursachte Schadniveau ist rück-
läufg. Insbesondere in den Jahren ab 2017
wird dies anhand der gemeldeten Schadfä-
chen deutlich. Im Gegensatz dazu nahmen
die Schadmengen durch
Eschenbastkäfer
,
befördert durch die geringere Abwehrkraft
der Bäume und schnellere Entwicklungsgän-
ge der Käfer in den Dürrejahren, zu. 2021 tritt
hier vorerst eine Trendumkehr ein.
Die durch den Pilz
Cryptostroma cortica-
le
ausgelöste
Rußrindenkrankheit
tritt an
Ahorn insbesondere in Jahren mit Trocken-
stress, Wassermangel und großer Hitze ver-
mehrt auf bzw. wird in den Jahren danach
durch
Fortschreiten auftretender Symptome
– bis hin zum Absterben der Bäume – augen-
scheinlich. Mit einer Zunahme von Klimaex-
tremen in den Sommermonaten mit deutli-
chen Hitzeperioden und Trockenheit könnte
diese Krankheit als Folgeerscheinung derart
vorgeschädigte Bäume häufger befallen.
2020 erreichte das Schadgeschehen sein bis-
heriges Maximum, im laufenden Jahr wurden
bisher aber bereits große Schadmengen bzw.
–fächen erkannt.
Die erheblichen Vitalitätsverluste bei Laub-
baumarten, insbesondere bei Einzelindividu-
en, führen seitens der betroffenen Flächen-
eigentümer zu erheblichem Mehraufwand im
Rahmen der Verkehrssicherungspficht.
Die Witterung 2021 begünstigte die Entwick-
lung der Bodenvegetation und damit auch
die der
Mäuse
population. Im September
Abb. 12: Zwei 2020 und 2021 häufger an Eichen Stehendbefall verursachende Käferarten im Größen-
vergleich; Fotos: Franz Matschulla
Abb. 13: links: Eichenwickler in Ruhestellung, Mitte: Eichenwickler- bei der Eiablage, gut zu erkennen
ist die paarweise Ablage der orange-farbenen Eier; rechts: mehrere mit grünen Flügelschuppen abge-
deckte Eigelege an austreibender Knospe; Fotos: Franz Matschulla
wiesen im Vergleich zu den Vorjahreswerten
viele Monitoringstandorte deutlich höhere
Mäusedichten auf. Diese könnten auf ver-
grasten Verjüngungsfächen in den Winter-
monaten zu erheblichen Schäden besonders
an Laubbaumarten führen. Im Einzelfall kön-
nen Gegenmaßnahmen erforderlich werden.
Franz Matschulla
ist Sachbearbeiter im Referat
Waldentwicklung, Waldschutz
im Kompetenzzentrum Wald
und Forstwirtschaft
bei Sachsenforst
Lutz-Florian Otto
ist Leiter des Referates Wald-
entwicklung, Waldschutz im
Kompetenzzentrum Wald und
Forstwirtschaft
bei Sachsenforst
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DEUTSCHER
Waldpreis
Verleihung des DEUTSCHEN Waldpreises
„Unser Bienenwald Sachsens“ schreibt Erfolgsgeschichte
Seit der Begründung der insektenfreundlichen
Aufforstung im Frühjahr 2019 ist viel passiert.
Für ihr Engagement erhielt Bärbel Kemper aus
Liebstadt (Lkr. Sächsische Schweiz-Osterzge-
birge) jüngst den DEUTSCHEN Waldpreis 2021
in der Kategorie „Waldbesitz-
erIn des Jahres”. Das lang-
jährige Engagement für eine
enkeltaugliche Waldbewirt-
schaftung trägt Früchte.
Gemeinsam mit ihrem Mann
Thomas Schlomski und Toch-
terin Anna-Karina Kemper engagiert sich im
Bereich Social Media für ihr Herzensprojekt.
So gibt es inzwischen auch einen eigenen
Instagram-Kanal @bienenwald_lgks, der die
aktuelle Projektentwicklung und interessante
Fakten rund ums Thema ab-
bildet.
Vor dem Hintergrund der
Borkenkäferkalamitäten der
letzten Jahre und den somit
umzubauenden Waldfächen
ergeben sich am LGKS zahl-
ter Anna-Karina setzt die
Waldbesitzerin aus Leiden-
schaft seit über 17 Jahren
zukunftsweisende Modellvor-
Quelle :
forstpraxis.de
das Team bei seinen vielfältigen Aufgaben
durch Absolventen des Freiwilligen Ökologi-
schen Jahres und künftig auch des Bundes-
freiwilligendienstes. Für Studenten der Forst-
wissenschaften und angrenzender Bereiche
bestehen am LGKS zudem Möglichkeiten für
spezifsche Praktika. Aktuelle Stellenangebote
fnden Sie unter
www.lgks.eu/jobs.
„Mit Freude habe ich erfahren, dass Frau
Kemper in diesem Jahr den 4. DEUTSCHEN
Waldpreis in der Kategorie ,WaldbesitzerIn
des Jahres‘ gewonnen hat und sich somit im
reiche Möglichkeiten der
Finale beim Online-Voting gegen zwei weitere
Waldgestaltung sowie weite-
starke Bewerberinnen und Bewerber durch-
rer Naturschutzprojekte. Aus
setzen konnte.
den einstigen Reinbeständen
haben am Landgut Kemper &
Schlomski (LGKS) um. Die Be-
gründung der insektenfreundlichen Auffors-
tung wurde bereits in der „Waldpost 2020”
näher beleuchtet. Seitdem ist viel passiert.
Das Bienenwaldareal am LGKS wächst stetig
und immer mehr Insekten, Vögel und Säuge-
tiere tummeln sich auf den neu begründeten
Biodiversitäts-Hotspots im Wald.
sollen zukunftsfähige Wald-
ökosysteme und konkrete
Projektfächen entwickelt werden. Neben
dem Ausbau des komplexen Biotopverbundes
ist die Erweiterung der insektenfreundlichen
Aufforstung geplant. Darüber hinaus sollen
Themenwälder wie ein Klimawald, ein Wald
für die heimische Fauna und ein fruchttra-
gender Wald entwickelt werden. Zur Verstär-
kung des Teams, bestehend aus Mitarbeitern
Dazu gratuliere ich ihr recht herzlich.“
Utz Hempfing, Landesforstpräsident
Mit der Auszeichnung als „Offzielles Projekt
der UN-Dekade Biologische Vielfalt” und
dem DEUTSCHEN Waldpreis 2021 erlangte
das Konzept der insektenfreundlichen Auf-
forstung enormen Aufwind. Projektinitiatorin
Bärbel Kemper erreichen zahlreiche Anfragen
privater und kommunaler Waldbesitzer. Auch
die Landesforstbetriebe bekunden Interes-
se und so blicken Bärbel Kemper und ihr
Team inzwischen stolz auf weitere Bie-
nenwälder in ganz Deutschland, die nach
sächsischem Vorbild begründet wurden.
Corona hat auch den Bienenwald
und das LGKS-Team vor neue
Herausforderungen
gestellt:
die Aufgaben werden kreativ
angegangen und neue Lö-
sungen gefunden. Im Rahmen
des Ganztagsangebotes „Aben-
teuer Wald” entstanden 2021 in
Kooperation mit der Grundschule
Mühlbach umfangreiche digitale
Unterlagen rund ums Thema (Bie-
nen-)Wald, die auch künftig zahl-
reichen Grundschülern Themen
der Bereiche Forstwissenschaften, Landwirt-
schaft, Landschaftspfege, Gartenbau, Biolo-
gie und Handwerk, wird am LGKS ab sofort
ein engagierter Forstwirt
gesucht. Unterstützt wird
Hintergrundinformation
Das Forstportal
forstpraxis.de
ehrt seit dem
Jahr 2018 Menschen, die sich in besonderer
Weise für die Forstbranche stark machen.
Auch auf politischer Ebene wird der DEUT-
SCHE Waldpreis durch das Bundesland-
wirtschaftsministerium unterstützt. Für die
amtierende Ministerin ist der Preis eine
„überaus wichtige Auszeichnung, weil der
Wald unsere grüne Lunge ist, unser wich-
tigster Verbündeter gegen den Klimawan-
del. Dieser Preis ist so wichtig, um Sie, die
Sie vor Ort Verantwortung übernehmen,
in Ihrem Engagement für den Erhalt der
Wälder zu stärken.”
Für die Verleihung des DEUTSCHEN Wald-
preises können sich alle Forstunterneh-
mer-innen, Förster-innen oder Waldbe-
sitzer-innen in Deutschland, Österreich
und der Schweiz in den Kategorien
„Förster-in des Jahres”, „Waldbesitzer-in
des Jahres” und „Forstunternehmer-in
des Jahres” bewerben. Drei Kandidaten
pro Kategorie hatten die Juroren ins
Finale gewählt. Die Gewinner wurden an-
schließend im Rahmen eines öffentlichen
Online-Votings, an dem über 100.000 Per-
sonen teilgenommen haben, ermittelt. Der
pro Kategorie mit 2.000 € dotierte DEUT-
SCHE Waldpreis wurde 2021 von STIHL,
wie Forstwirtschaft, Nachhaltigkeit,
Abb. 1: Die Gewinnerin des DEUTSCHEN Waldpreises 2021
claus rodenberg waldkontor gmbh, RAL
Klimawandel und Artenvielfalt nä-
Bärbel Kemper mit ihrer Tochter Anna-Karina; Foto: Landgut
Gütezeichen und Unterreiner Forstgeräte
herbringen. Bienenwald-Botschaf-
Kemper & Schlomski
GmbH unterstützt.
Sachsenforst
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Dritter Durchgang der Waldbiotopkartierung
in Sachsen
Nach dem ersten Durchgang von 1994 bis
2000 und der ersten Aktualisierung zwischen
2006 und 2016 beginnt in diesem Jahr der
dritte Durchgang der selektiven Waldbiotop-
kartierung (WBK 3) im Freistaat Sachsen. Die
„Erarbeitung und laufende Fortschreibung der
Waldbiotopkartierung” ist eine im Waldgesetz
für den Freistaat Sachsen (SächsWaldG) ver-
ankerte Aufgabe von Sachsenforst.
Der Begriff „Biotop” steht grundsätzlich für
den abgrenzbaren Lebensraum einer ange-
passten Lebensgemeinschaft von Pfanzen
und Tieren. Anstatt einer vollfächigen Bio-
topkartierung im Wald, was der Zuordnung
der gesamten Waldfäche zu verschiedenen
Biotoptypen entspräche, wird die Waldbio-
topkartierung als selektive Bestandsaufnah-
me durchgeführt. Dies bedeutet, dass im Rah-
men der Kartierung nur gesetzlich geschützte
(nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz und § 21
Sächsisches Naturschutzgesetz) und sonstige
wertvolle Waldlebensräume erfasst werden.
Weil die gesetzliche Walddefnition hinsicht-
lich der Waldfäche auch offene Bereiche im
Waldverbund wie Waldwiesen, Moore, Hei-
den, Gewässer etc. mit einschließt, werden
dementsprechend auch Offenlandbiotope,
sofern sie der Waldfäche zugehörig sind, er-
fasst. Neben der Aktualisierung der bereits im
letzten Durchgang der WBK erfassten Bio-
tope sollen auf Grundlage einer Erwartungs-
fächenkulisse auch bisher nicht registrierte
„neue” Biotope erfasst werden. Eine Liste,
welche Biotoptypen im Rahmen der Waldbio-
topkartierung inventarisiert werden, ist in der
Kartieranleitung einsehbar. Sie kann auf der
Webseite zur Waldbiotopkartierung in Sach-
sen
1
heruntergeladen werden.
Die Aktualisierung und Neuerfassung der
Biotope fndet im Gelände statt. Die Gelän-
dearbeiten, zu denen die lagegenaue Ab-
grenzung, Erfassung und Bewertung der Bio-
topfächen gehören, müssen innerhalb der
Vegetationsperiode erfolgen. Mit Luftbildern,
topografschen Karten, Standortinformatio-
nen, Schutzgebietsgrenzen und den Abgren-
zungen der im letzten Durchgang kartierten
Biotope können sich die Kartierer Arbeits-
karten erstellen, die dann bei der Abgren-
zung genutzt werden. Außerdem erhalten die
Kartierer Erfassungsbögen zur Erhebung der
Sachdaten. Dabei erhält jedes Biotop neben
1
https://www.wald.sachsen.de/waldbiotopkartierung-5927.html
einem Namen und der entsprechenden Zu-
ordnung zu einem Biotoptyp eine anschau-
liche Beschreibung. Weiterhin werden wert-
bestimmende Gesichtspunkte vermerkt, zum
Beispiel, wenn sich das Biotop durch eine
besonders große Artenvielfalt, durch das
Vorkommen gefährdeter Pfanzenarten oder
durch eine besondere Bedeutung für den Bio-
topverbund auszeichnet. Die Erfassung der
Strukturmerkmale, der vorkommenden Pfan-
zenarten und der Beeinträchtigungen ermög-
licht letztlich eine Bewertung des Zustandes
und gegebenenfalls eine Angabe von Pfege-
hinweisen, die dem Erhalt oder einer Verbes-
serung des Biotopzustandes zuträglich sind.
Im Anschluss an die Geländeerfassung fndet
die Eingabe der Sachdaten in die Datenbank
und die Digitalisierung der Biotopabgrenzung
statt.
Die Arbeiten werden durch von Sachsenforst
beauftragte Ingenieurbüros übernommen.
Die Mitarbeiter im Referat 53 „Naturschutz
im Wald” von Sachsenforst leiten dabei an,
prüfen und vereinheitlichen die Ergebnisse
der jeweiligen Jahrestranche. Jeweils im Fol-
gejahr der Kartierung werden die Ergebnisse
veröffentlicht.
Abb. 1: Bei einem Geländetermin zur Waldbiotop-
kartierung fnden Abstimmungen zur Kartierung
zwischen dem Biotopkartierer (links) und den
zuständigen Mitarbeitern von Sachsenforst statt.
Foto: Arne Beck
Die Notwendigkeit
der Aktualisierung der WBK
Die erneute Aktualisierung ist neben dem ge-
setzlichen Auftrag unter anderem deshalb not-
wendig, weil Biotope sich innerhalb weniger
Jahre stark verändern können. Insbesondere
nach den massiven Waldschäden der vergan-
genen Jahre und den Folgen der zunehmenden
Klimaänderung ist eine Fortschreibung für den
gezielten Schutz erforderlich. Für die Verwen-
dung der Waldbiotopdaten als Informations-
grundlage in den Forstbetrieben, aber auch für
naturschutzfachliche Aufgaben in verschiede-
nen Bereichen des Verwaltungsvollzugs (z. B.
Berücksichtigung der WBK bei Planungsver-
fahren oder bei der Beurteilung von Eingriffen
in Natur und Landschaft) bedürfen die Daten
einer entsprechenden Aktualität.
Auch sind ein Teil der Biotope gleichzeitig
Lebensraumtypen (LRT) nach der Flora-Fau-
na-Habitat-Richtlinie (FFH-RL). Das von der
Europäischen Union geforderte Monito-
ring der FFH-Lebensraumtypen wird in den
Wäldern des Freistaates Sachsen durch die
Waldbiotopkartierung erfüllt. Die Daten für
die Berichtspficht an die EU dürfen maximal
12 Jahre alt sein und sind deshalb regelmäßig
zu aktualisieren.
Was ist neu?
Die jährlichen Kartiertranchen setzen sich aus
mehreren TK 25-Kartenblättern und FFH-Ge-
bieten zusammen, in denen die Waldfäche
aller Eigentumsarten bearbeitet wird. Es wird
zukünftig eine fortlaufende Aktualisierung
mit einem Turnus von 12 Jahren angestrebt.
In den FFH-Gebieten erfolgt der erste Moni-
toringdurchgang von Wald-Lebensraumtypen
seit der Ersterfassung der FFH-Lebensraumty-
pen im Zuge der FFH-Managementplanerstel-
lung.
Auch soll bei der Kartierung von Wald-Le-
bensraumtypen innerhalb von FFH-Gebieten
in Einzelfällen eine Anpassung der FFH-Maß-
nahmen erfolgen, um sicherzustellen, dass
sich die ggf. im Rahmen der Aktualisierung
veränderten Zustandsdaten und die FFH-
Maßnahmenplanung nicht widersprechen.
Hierzu wurde in Zusammenarbeit mit dem
Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und
18 |

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Geologie (LfULG) ein Verfahren zur Fort-
schreibung der Maßnahmenplanung entwi-
ckelt. In der Regel soll aber die FFH-Maßnah-
menplanung mit dem bisherigen Inhalt weiter
Bestand haben.
Neu ist auch die gemeinsame Verwaltung der
Biotop- und LRT-Daten von Sachsenforst und
LfULG. Dafür waren umfangreiche Anpassun-
gen der Datenbank notwendig, die in enger
Zusammenarbeit erfolgten.
Welchen Nutzen bringt die WBK
für die Waldbesitzer?
Die Ergebnisse der Waldbiotopkartierung die-
nen den Waldbesitzern als Informationsgrund-
lage, welche naturschutzfachlich wertvollen
Bereiche in ihren Wäldern vorhanden sind. So
können Naturschutzbelange systematisch in
die Waldbewirtschaftung integriert und die
Biotopdaten z. B. bei der Holzernte, dem We-
gebau oder der Befahrung beachtet werden.
Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen,
dass Biotope ihren Schutzstatus nicht durch
die behördliche Erfassung erhalten, sondern
durch den aktuellen tatsächlichen Zustand in
der Natur. Insbesondere aufgrund der dynami-
schen Entwicklung der Natur kann bei den ver-
öffentlichten Ergebnissen kein Anspruch auf
Vollständigkeit erhoben werden.
In besonderem Maße sollen die Ergebnisse
der Waldbiotopkartierung Waldbesitzer un-
terstützen, ihren Wald so bewirtschaften zu
können, dass sie nicht gegen wald- und na-
turschutzgesetzliche Regelungen verstoßen.
Gemäß Bundesnaturschutzgesetz sind Hand-
lungen, die zu einer Zerstörung oder einer
sonstigen erheblichen Beeinträchtigung ge-
setzlich geschützter Biotope führen können,
verboten. In diesem Kontext ist beispielsweise
das Fällen von höhlenreichen Einzelbäumen
oder eine Anlage von Entwässerungsgräben
in Moor- oder Bruchwäldern verboten.
Eine rechtliche Verpfichtung für Waldbesit-
zer innerhalb von FFH- und Vogelschutz-Ge-
bieten (SPA) stellt das „Verschlechterungs-
verbot” von FFH-Lebensraumtypen sowie die
Pficht zur Anzeige von Projekten (§§ 33 und
34 Bundesnaturschutzgesetz) dar. Die FFH-
Managementpläne konkretisieren dieses Ver-
schlechterungsverbot und sollen Waldbesit-
zern helfen, diesen Verpfichtungen innerhalb
der Schutzgebiete nachkommen zu können.
Dies bedeutet, wenn Waldbesitzer bei der Be-
wirtschaftung die FFH-Managementpläne und
die FFH-Maßnahmenplanung berücksichtigen,
können sie davon ausgehen, dass sie nicht ge-
gen das Verschlechterungsverbot verstoßen.
Die Revierförster von Sachsenforst stehen Ih-
nen – im Rahmen der kostenlosen Beratung
– auch bei Fragen zum Umgang mit Biotopen
und FFH-Lebensraumtypen bei der Bewirt-
schaftung von Waldfächen als neutrale und
fachkundige Ansprechpartner zur Verfügung.
Unter anderem fnden Sie die Kontaktdaten
des zuständigen Försters einfach und schnell
im Waldbesitzer-Portal
2
auf der Webseite von
Sachsenforst mithilfe der „Förstersuche”.
Information der Grundstückseigentümer
und Betretungsrecht
Eigentümer oder Besitzer von Grundstücken
sind gemäß § 40 Abs. 6 SächsWaldG in ge-
eigneter Weise zu benachrichtigen, wenn auf
ihren Grundstücken Kartierarbeiten erfolgen.
Es wird seitens der Forstbezirke durch orts-
übliche öffentliche Bekanntmachung über
die Durchführung der Waldbiotopkartierung
informiert. Gemäß § 37 Abs. 2 Sächsisches
Naturschutzgesetz sind die zur Durchführung
der Geländearbeiten beauftragten Personen
befugt, Grundstücke zu betreten.
Wo sind die Ergebnisse der Waldbiotop-
kartierung einsehbar?
Die Ergebnisse der Waldbiotopkartierung
werden jeweils im Folgejahr der Kartierung
veröffentlicht. Für jedes Biotop wird ein Bio-
topblatt mit Informationen zur Erfassung und
den weiteren oben beschriebenen relevanten
Sachdaten erstellt. Die räumliche Lage und
das Biotopblatt können dann beispielsweise
im „Kartenviewer Waldbiotope“ des Staats-
betriebs Geobasisinformation und Vermes-
sung Sachsen (GeoSN) recherchiert werden.
2
https://www.sbs.sachsen.de/waldbesitzer-portal-8319.html
Abb. 2: Der Lauf der Wilden Weißeritz oberhalb der Hosenmühle bei Klingenberg zeigt wechselnde
Sohl- und Uferstrukturen aus Sand und Schotter. Als Biotoptyp wurde hier bei der WBK 2 ein „natur-
naher sommerkalter Fluss” angesprochen. Im Hintergrund ist eine offene Felsbildung, die ebenfalls im
Rahmen der WBK kartiert wird, zu sehen. Foto: Arne Beck
Auf der Webseite zur Waldbiotopkartierung
(
https://www.wald.sachsen.de/waldbiotop-
kartierung-5927.html
) führt ein Link dahin.
Auch werden die Daten ab spätestens Som-
mer 2022 im Datenportal iDA
3
unter der Rub-
rik „Biotope” zur Verfügung stehen.
Ergebnisse der
vorangegangenen Kartierung
Im Rahmen der letzten Aktualisierung (WBK 2)
wurden insgesamt rund 45.000 Biotope mit
einer Gesamtfäche von fast 58.800 Hektar im
Wald erfasst. Dies entspricht rund 12 % der
Gesamtwaldfäche Sachsens. Die Ergebnisse
der Waldbiotopkartierung von 2006 bis 2016
zeigen, dass naturnahe Waldgesellschaften
fächenmäßig den größten Teil der im Wald
erhobenen Biotoptypen darstellen. Allein die
bodensauren und mesophilen Buchenmisch-
wälder, die Eichen-Hainbuchenwälder und
bodensauren Eichenwälder sowie die natur-
nahen Fichtenwälder nehmen eine Fläche
von rund 37.000 Hektar ein. Die im Wald be-
fndlichen Offenland-Biotoptypen sind jedoch
nicht zu vernachlässigen. So liegt z. B. die Ge-
samtlänge erfasster Fließgewässer im Wald
bei 3.176 km. Außerdem wurden in Summe
1.155 ha an Stillgewässern und 1.611 ha an
offenen Felsbildungen erfasst. Weitere Details
und Analysen zu den Ergebnissen der WBK 2
können in der Broschüre „Waldbiotopkartie-
rung in Sachsen – Ergebnisse der ersten Ak-
tualisierung 2006-2016”
4
eingesehen werden.
Timo Striffer ist Referent im
Referat Naturschutz im Wald
bei Sachsenforst
3
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/46037.htm
4
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/32019
| 19

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Jeder Baum ein Lebensraum
Ein ökonomischer und
ökologischer Blick
Es gibt sehr verschiedene Blickwinkel, aus
denen ein Baum betrachtet werden kann. Als
Lebewesen in unserer Landschaft spendet er
Schatten, kühlt und säubert die Luft, seine
Wurzeln halten den Boden. Sein ästhetischer
Reiz mag im Auge des Betrachters liegen, sein
Einfuss auf unser Wohlbefnden scheint da-
von aber unbeeinfusst.
Unter dem Begriff Ökosystemleistungen fn-
det dieser Blick auf Wälder zunehmend Ein-
gang in die Ökonomie. Diese honoriert Bäume
aber noch immer vorwiegend als Holzliefe-
ranten. Holz ist ein vielseitiger und oftmals
energieeffzienter Bau-, Roh- und Werk-
stoff. Holz besteht in etwa zur Hälfte seines
Gewichts aus Kohlenstoff. Der bleibt in den
Produkten oftmals Jahrzehnte gespeichert.
Als traditioneller Energielieferant besitzt Holz
einen geringen CO
2
-Fußabdruck, solange die
Holzbilanz ausgeglichen ist.
Abb. 1: Es braucht Zeit, bis Pilze das durch Rin-
denverletzungen oder Astabbrüche freigelegte
Holz besiedeln und zersetzen. Abgeschottet vom
lebenden Holz bilden sich so Höhlen oder Kleinst-
gewässer, so genannte Dendrothelme (untere
Höhle). Foto: Sven Martens
Zieht man eine streng ökosystemare Sicht-
weise heran, so ist jeder Baum Nahrungs-
grundlage und Lebensraum. Oder er wird bei-
des während seines Absterbeprozesses. Diese
Sichtweise ordnet Bäume scheinbar keinerlei
menschlichen Bedürfnissen unter.
Scheinbar deshalb, weil die Integrität und
Leistungsfähigkeit des Ökosystems Wald und
damit auch die Waldwirtschaft bis zu einem
gewissen Grad von den vielfältigen Beziehun-
gen zwischen den Lebewesen abhängen.
Begriffe wie Natur und Kultur trennen das
„Gegebene” vom „Gemachten”. Es sind aber
keine Gegensätze und wir sollten Begriffs-
paare wie Natur – Kultur oder Wald – Forst
nicht als solche gebrauchen. Darauf weisen
Geisteswissenschaftler wie Albrecht Koschor-
ke
1
oder Volker Gerhardt
2
in ihren Aufsätzen
hin. Die ökologische Krise beweist ja gerade,
wie sehr eines mit dem anderen verwoben ist.
Während unsere Kultur auf natürlichen Ge-
gebenheiten fußt und wir die Biosphäre für
unser Leben auf vielfältigste Art und Weise
ernten, kommt die Natur allemal auch ohne
uns aus.
Wenn wir von Wäldern sprechen, so könnte
dies mit einem wertfreien, auf funktionale
Beziehungen ausgerichteten ökologischen
Blickwinkel hinweisen. Forste dagegen def-
nieren das vom Menschen Geschaffene. For-
ste sind immer auch Wälder, wenngleich hier
zugleich ein ökonomischer Blickwinkel einge-
nommen wird.
Ein lokaler und globaler Blick
Wenn es um den Erhalt natürlicher, vom Men-
schen weitgehend unbeeinfusster Ökosyste-
me oder den Verlust biologischer Vielfalt geht,
wird der eingeschränkte Blick der Ökonomie
deutlich. Wenn das „Schaffen” ein „Seinlas-
sen” ist, fällt es der Ökonomie schwer, Werte
zu bestimmen. Das zeigen die Zahlen, die bei
der Diskussion um den Erhalt des Hambacher
Waldes
3
in der Presse genannt wurden: Laut
RWE kostet der Verzicht auf die Kohlenutzung
den Konzern 5 Mrd. Euro. Nach der Entschei-
dung zum Erhalt des Waldes fel der Kurs
1
https://kops.uni-konstanz.de/bitstream/hand-
le/123456789/18951/Koschorke_189510.pdf?sequence=2&isAl-
lowed=y
2
https://www.tagesspiegel.de/wissen/natur-vs-kultur-wie-das-
federkleid-zum-vogel/1616892.html
3
https://www.wirtschaft.nrw/sites/default/fles/asset/document/
leitentscheidung_2021_0.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Hambacher_Forst
Abb. 2: Die am Stamm aufgereihten Höhlen be-
scheinigen dieser Esskastanie einen hohen öko-
logischen Wert. Foto: Sven Martens
der RWE-Aktien um 900 Mio. Euro. Für den
Verkauf des Waldes an das Land Nordrhein-
Westfalen soll das Unternehmen dagegen nur
1 Million Euro erhalten.
Lassen sich Wertespannen, die über das
Tausendfache hinausgehen, allein auf die
verschiedenen Märkte zurückführen oder
spiegeln sich darin unsere unzureichenden
Konventionen bei der Bewertung von Lebens-
räumen und Biodiversität? Mit Blick auf das
gesellschaftliche Ziel, die Stromgewinnung
aus Kohle in 16 Jahren zu beenden, fällt die
ökonomische Kalkulation
4
beim Hambacher
Wald ja sogar vergleichsweise leicht und ein-
deutig aus. Was aber ist eine Spechthöhle im
Furnierbaum wert?
Am einzelnen Baum lässt sich hierüber treff-
lich streiten. Zweckmäßiger dürfte es sein,
den gesamten Wald zu begutachten. Wie viele
Spechthöhlen sind vorhanden? Sind es weni-
ge, so könnte das Vorkommen des Spechtes
mit dem Vorkommen der Höhlen einhergehen.
Die Ernte des Furnierstammes gefährdet das
Vorkommen des Spechtes in diesem Wald.
Sind es sehr viele, wird die Häufgkeit der
4
https://www.diw.de/documents/publikationen/73/
diw_01.c.725608.de/diwkompakt_2020-148.pdf
20 |

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lands
Wildlands
Wild
WOOdlaoos
Wild drylands
lce,
uninhabited
Spechte möglicherweise von anderen Fakto-
ren, bspw. dem Nahrungsangebot, begrenzt.
Die Ernte des Furnierstammes gefährdet das
Vorkommen der Spechte wahrscheinlich nicht.
Mit Blick auf die verschiedenen Spechtarten
ist Höhle nicht gleich Höhle. Und die Höhlen
werden auch von einer Vielzahl anderer Tier-
arten genutzt. Aus diesem Grund lässt sich
das Vorkommen von Baumhöhlen einer spe-
zifschen Größe zwar als notwendige Bedin-
gung für das Vorkommen einer bestimmten
Spechtart betrachten.
Es ist aber keine hin-
reichende Bedingung, um auf die Häufgkeit
der Spechtart zu schlussfolgern. Lebensraum
und Nahrungskonkurrenz mit anderen Tier-
arten erschweren es, ein pauschal geeignetes
Maß festzulegen. Und die Gefährdung der Art
insgesamt kann nur über viele Waldgebiete
hinweg beurteilt werden.
Um die Funktionsfähigkeit der Biosphäre dau-
erhaft zu gewährleisten und das Aussterben
von Arten zu verhindern, ist letztendlich eine
globale Betrachtung anzustreben. Der nord-
amerikanische Evolutionsbiologe Edward O.
Wilson sieht es als erforderlich an, die Hälf-
te der Erdoberfäche als Wildnisgebiete und
Lebensraumkorridore von menschlicher Ge-
staltung frei zu halten. Prof. Michael Succow,
dem es als stellvertretenden Umweltminister
glückte, 7 % der Landfäche der DDR als Na-
tionalpark oder Biosphärenreservat auszu-
weisen, möchte ein Zehntel der Landfächen
allein der Natur überlassen.
Im
April dieses Jahres veröffentlichten Erle
C. Ellis und andere Autoren eine Studie, die
aufzeigt, wie die Menschheit in den letzten
12.000 Jahren die Erde verändert hat. Im
Jahr 2017 waren über 80% der Erdoberfä-
che von Menschen überprägt. Mit Ausnahme
von Nordamerika (50
% Wildnis) und Eurasien
(Sibirien, 25% Wildnis) gibt es kaum noch un-
berührte Landschaften. Stattdessen hat der
Bevölkerungsanstieg der letzten 70 Jahre in
Asien und Europa zu einer Intensivierung der
Besiedlung und agrarischen Landnutzung ge-
führt (Abb. 3).
„Die aktuelle Biodiversitätskrise kann nicht
allein mit dem Verlust unbewohnter Wildnis
erklärt werden, sondern durch die Aneignung,
Kolonisierung und intensivierte Nutzung der
artenreichen Kulturlandschaften, die lange
von früheren Gesellschaften geprägt und ge-
pfegt wurden. Die Anerkennung dieser tiefen
kulturellen Verbindung
mit der Biodiversität
wird daher für die Lösung der Krise von we-
5 Ellis, E. C. et al.: People have shaped most of terrestrial nature
for at least 12,000 years. Proceedings of the National Academy
of Sciences 118, (2021).
Intensiv veränderte Landschaft
stark bebaute Städte
mit sehr hoher
weniger dicht bebaute
Bevölkerungsdichte
Siedlungen
dicht besiedelte Agrarlandschaft
mit Reisanbau im Wasser
mit Bewässerungsfeldbau
ohne Bewässerung
mit Weidewirtschaft
Agrarlandschaft mit moderater
Bevölkerungsdichte
mit Bewässerungsfeldbau
ohne Bewässerung
Agrarlandschaft mit geringer Bevölkerungsdichte
kaum besiedelte
Agrarlandschaft
Weidelandschaft
mit moderater Besiedelung
mit geringer Besiedelung
kaum besiedelt
teilweise veränderte Landschaften
Waldlandschaft mit wenig
Landwirtschaft
mit moderater Besiedlung
mit geringer Besiedlung
kaum besiedelt
baumfreie Trockengebiete mit wenig Landwirtschaft
Wildnisgebiete
Wälder und Savannen
unbewohnt
Baumfreie Trockengebiete
Eis und Felsgelände
Abb. 3: Übersicht: Bevölkerungsanstieg und Änderung der weltweiten Landnutzung
5
sentlicher Bedeutung sein.” – so ein Fazit der
Autoren
6
.
Integrative Waldwirtschaft
Für viele Waldbesitzer und Forstleute ist die
kulturelle Verbindung der Menschen mit
dem Wald selbstverständlich. Die integrative
Waldwirtschaft versucht, der „Aufteilung der
Wälder in ‚Schutz- und Schmutzwälder‘ ent-
gegenzutreten”. So kann man es auf der Web-
site der Initiative Waldnaturschutz Integrativ
(FAUN IWI) nachlesen. Vom
Europäischen
Forstinstitut (EFI) unterstützt, zielt auch das
Integrate Netzwerk
7
darauf ab, die Belange
des Waldnaturschutzes durch fächendecken-
de Konzepte in die Waldbewirtschaftung zu
integrieren.
Ein
großes Autorenteam hat auf knapp 300
Seiten die Schlüsselkomponenten, Konzepte
und Herausforderungen hierzu dargelegt. In
einem weiteren Buch, das derzeit nur in eng-
6 The current biodiversity crisis can seldom be explained by
the loss of uninhabited wildlands, resulting instead from
the appropriation, colonization, and intensifying use of the
biodiverse cultural landscapes long shaped and sustained by
prior societies. Recognizing this deep cultural connection with
biodiversity will therefore be essential to resolve the crisis.
7
https://integratenetwork.org/about-us/
lischer Sprache verfügbar ist, sind darüber
hinaus viele Praxisbeispiele aus ganz Europa
aufgeführt. Die Bücher werden am Ende die-
ses Beitrages kurz vorgestellt.
Allerdings sind den integrativen Ansätzen der
Waldwirtschaft auch Grenzen gesetzt. Von
Fäulnis anbrüchige Bäume gefährden an den
Straßen die Verkehrssicherheit und als Wald-
besitzer wird man sich eines Tages zwischen
dem Erhalt der Spechthöhle oder dem Ein-
schlagen des Furnierstammes entscheiden
müssen. Außerdem lässt sich das Überleben
bestimmter Tier-, Pfanzen- und Pilzarten
wohl
nur mit unterschiedlich großen und
miteinander vernetzten Wäldern erreichen,
die temporär oder dauerhaft nicht bewirt-
schaftet werden.
Die geschilderten Beispiele aus Europas Wäl-
dern fußen oftmals auf einer bereits Jahr-
zehnte währenden Tradition nachhaltiger,
naturnaher und weitgehend kahlhiebsfreier
Waldwirtschaft. Umfangreiche Erstauffors-
tungen und Holznutzungen, die in der Regel
unter dem laufenden Zuwachs liegen, trugen
dazu bei, dass in vielen Regionen Europas
der Holzvorrat und Waldfäche in den letz-
ten Jahrzehnten angestiegen sind. Um beim
Beispiel der Spechte zu bleiben: Die Zahl der
| 21

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Abb. 4: Astabbrüche, freiliegendes Holz, Faulstel-
len und Höhlen – Mikrohabitate treten oft ge-
häuft an einzelnen Bäumen auf. Meistens besitzt
der Baum dadurch geringen ökonomischen, aber
hohen ökologischen Wert. Die voranschreitende
Fäule führt in der Regel zu einem frühzeitigeren
Tod des Baumes, weshalb die Konkurrenz zur Ver-
jüngung oder zu benachbarten Bäumen zeitlich
begrenzt ist. Foto: Sven Martens
Bäume, die dick genug für eine Spechthöhle
sind, dürfte vor allem in Ostdeutschland nach
den Reparationshieben und Jahrzehnten der
Kahlschlagswirtschaft einen Umfang einge-
nommen haben, der lange Zeit nicht gegeben
war.
Der Wandel vom Mittel- und Niederwald zum
Hochwald, die Ablösung der Kahlschlags- von
der Dauerwaldwirtschaft, der Vorratsaufbau
und die Anbauwellen bestimmter Baumarten
veränderten die Waldstrukturen und mit ihr
das Artinventar der Wälder. Trotz all dieser
Änderungen fällt die Bilanz für den bewirt-
schafteten Wald nicht unbedingt negativ aus.
Ernst Detlev Schulze und Christian Ammer
konstatierten in ihren Zeitungsartikel zum
„Spannungsfeld Forstwirtschaft und Natur-
schutz“
8
bei den Blütenpfanzen jedenfalls
keinen Verlust an Waldarten. Weil die vor-
8
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/biuz.201510574
kommenden Pfanzenarten das Vorkommen
der Tierarten weitgehend bestimmen, wirkt
sich der mit der Bewirtschaftung gesteiger-
te Nischenreichtum sogar mehrfach positiv
aus. Der besorgniserregende Rückgang der
Insektenarten wird deshalb mit Waldverlus-
ten, dem Biozideinsatz in der Landwirtschaft
und klimatischen Veränderungen in Verbin-
dung gebracht, während der Wald ein wich-
tiges Refugium darstellt (Settele, Wagner et
al. 2021). Das gilt insbesondere für den durch
Straßenverkehr und Lebensraumbeschnei-
dung oder -verinselung gekoppelten Verlust
an Wirbeltieren (Dirzo 2014, Ceballos 2019).
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich aufgrund
des Klimawandels, der anhaltend hohen
Stickstoffeinträge und immensen Borken-
käferschäden das Arteninventar in unseren
Wäldern abermals erheblich ändern wird. In
den Nationalparken, Wildnisgebieten und
Totalreservaten werden wir beobachten, wie
die Natur darauf reagiert. Die Anstrengungen
zum Erhalt des Wirtschaftswaldes sind zu-
gleich auch Anstrengungen zum Erhalt des
Lebensraumes Wald. Erst recht, wenn wir den
Baum als Lebensraum stärker in den Blick rü-
cken.
Mikrohabitate
Wenn wir ehrlich sind, dominiert die Holz-
produktion seit 200 Jahren das Ideengebäude
der Forstwirtschaft. Diese wurde zwar zuneh-
mend multifunktional und trägt verschiede-
nen Anforderungen des Artenschutzes Rech-
nung, aber in der Lehre, in den Exkursionen
und fachlichen Weiterbildungen spielte der
Baum als Lebensraum eine untergeordnete
Rolle. Dieses, durch „Insider” wie Peter Wohl-
leben auch öffentlich gepfegte Bild von der
Forstwirtschaft wandelt sich jedoch seit eini-
gen Jahrzehnten.
Das Schlüsselkonzept sind dabei die Mikro-
habitate, die den Baum gedanklich zum Le-
bensraum machen. Der „Taschenführer der
Baummikrohabitate” listet eine Vielzahl an
Erscheinungen und Merkmalen auf, die einen
Baum zur Zufuchts-, Brut-, Überwinterungs-
stätte und Nahrungsquelle für Tier- und
Pfanzenarten werden lassen. Als Feldführer
gedacht, hilft er bei der Ansprache und Un-
terscheidung der Mikrohabitate. Neben dem
Feldführer gibt es auch noch einen Katalog
der Baummikrohabitate und eine App. Im
Gegensatz zur Broschüre sind diese aber eher
Referenzlisten. Insofern bietet der Feldführer
mehr Information, bspw. zur Häufgkeit der
Mikrohabitate im bewirtschafteten und un-
bewirtschafteten Wald, oder den Zeitraum,
den es zu seiner Entstehung bedarf. Auch die
mit ihm verknüpften Artengruppen sind sym-
bolisch angeführt.
Beim Begutachten der Bäume und der An-
sprache der Mikrohabitate erlebt man den
Wechsel der Perspektive. Die durch forstliche
Maßnahmen hervorgerufenen Astabbrüche
und Rindenverletzungen sind unter dem As-
pekt der Holzproduktion ein unbeliebtes Phä-
nomen im Wirtschaftswald. Oftmals bleiben
Teile des Baumes ungenutzt als liegendes Tot-
holz im Wald. Aus unserer gesellschaftlichen
Prägung heraus wirkt der Wald dann unauf-
geräumt und ungepfegt. Als Mikrohabitate
werden die missliebigen Fällschäden und
Hiebsreste in (ökologischen) Wert gesetzt.
Gerade knorrige Bäume mit Stammwunden
und Faulstellen, deren ökonomischer Wert
ohnehin gering ist, besitzen einen hohen bio-
logischen Wert. Es sollte uns leichtfallen, sie
gezielt im Wald zu belassen. Die Pilzkonsolen
am Stamm oder Stammfuß künden ohnehin
von einer verkürzten Lebenszeit des Baumes
Abb. 5: Diese geradschaftige und astfreie Buche
hat die benachbarte Stieleiche überwachsen.
Wenn dieser Baum geerntet wird, gehen keine
Mikrohabitate verloren. Die Stieleiche kann vom
freiwerdenden Kronenraum proftieren. Foto:
Sven Martens
22 |

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und dem bereits begonnenen Absterbepro-
zess. Auch ohne sie zu ernten, kann eine neue
Baumgeneration manchmal schon nach Jah-
ren oder wenigen Jahrzehnten ihren Kronen-
raum einnehmen.
Der Verzicht auf die Ernte vitaler und groß-
kroniger Bäume fällt da schon schwerer.
Üblicherweise ernten wir Bäume möglichst
frühzeitig. Soll der Baum aber bis zum Errei-
chen seines natürlichen Lebensalters im Wald
verbleiben, ist sein Kronenraum für zwei oder
mehr Produktionszyklen besetzt. Wenn man
die entgangene Nutzung als Wert ansetzt, so
steigt dieser mit der Dauer der Besetzung des
Kronenraumes an. Zugleich nimmt aber auch
Literaturhinweise:
die Wahrscheinlichkeit zur Ausprägung selte-
ner Mikrohabitate zu.
Darüber hinaus sind die Methusalem-Bäume
aus genetischer Sicht wichtig, weil erst im
hohen Alter die Mutationsrate steigt. Deshalb
tragen diese sehr alten Bäume zur Neukombi-
nation von Genen und gleichzeitig zur gene-
tischen Vielfalt der Baumpopulation bei. Weil
auf vielen Baumpopulationen in Europa das
genetische Erbe der Eiszeiten schwer lastet,
erscheint es sinnvoll, neben der biologischen
auch die genetische Vielfalt gezielt zu stärken.
Wenn wir auf einen Teil der Nutzung unse-
rer Wälder verzichten, so ist dies eben kein
Verzicht, sondern eine Voraussetzung zur
dauerhaften Leistungsfähigkeit der Wälder.
Dies bedeutet aber auch, dass wir unseren
Bedarf an Holz eher auf das lokale Angebot
einschränken müssen. Denn es wäre zu kurz
gedacht, wenn wir den Erhalt unserer Wald-
ökosysteme mit einem weiteren Verlust an
Wäldern andernorts uns auf einem globalen
Holzmarkt erkaufen.
Sven Martens
ist Leiter des Referates
Forsteinrichtung, Wald-
bewertung, Waldinventuren
bei Sachsenforst
Cover
Titel und Downloadlink
Inhalt
In Focus – Managing Forest in Europe
Integrative Ansätze
als Chance für
die Erhaltung der
Artenvielfalt in Wäldern
Daniel Kraus und Frank Krumm (Hrsg.)
Integrative Ansätze als Chance für
die Erhaltung der Artenvielfalt in
Wäldern
Kraus, D.; Krumm , F. (Hrsg.)
ISBN 978-952-5980-24-0
(Druckschrift)
ISBN 978-952-5980-25-7
(pdf-Format)
https://totholz.wsl.ch/fleadmin/
user_upload/WSL/Microsite/Totholz-
CH/PDF/infocus_conservation_fo-
rest_biodiversity_DE.pdf
Ergebnisse des vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirt-
schaft und Verbraucherschutz (BMELV) initiierten Forschungspro-
jekts zur Integration des Artenschutzes in die Waldwirtschaft
Für die Wälder in Mitteleuropa werden über nationalstaatliche
Grenzen hinweg für Politik und Praxis gleichermaßen hilfreiche
Schlussfolgerungen gezogen, die den aktuellsten Wissensstand zur
Integration der Biodiversität in die Waldbewirtschaftung berück-
sichtigen.
Die einzelnen Kapitel beleuchten die Thematik umfassend und
schildern Erfahrungen ihrer praktischen Umsetzung.
Editors
Frank Krumm
Andreas Schuck
Andreas Rigling
How to balance forestry
and biodiversity conservation
A view across Europe
“How to balance forestry and bio-
diversity conservation. A view across
Europe”
Krumm, F.; Schuck, A.; Rigling, A.
(Hrsg)
ISBN 978-3-905621-62-4
https://www.wsl.ch/de/publikationen/
how-to-balance-forestry-and-biodi-
versity-conservation-a-view-across-
europe.html
Abschlussbericht des o. g. Projektes mit einer auf mehr als 150
Wald- und Naturschutzfachleute aus 20 Ländern Europas ange-
wachsenen Liste an Mitwirkenden
Das Buch fasst ihr Fachwissen über integrative Waldbewirtschaf-
tung mit Praxisbeispielen aus Bulgarien, Frankreich, Deutschland,
Irland, Polen, Portugal, Österreich, Schweden, der Tschechischen
Republik, der Slowakei und Slowenien zusammen. Auf 640 reich
bebilderten Seiten werden Detailwissen und Erfahrungen aus
Waldwirtschaft und Naturschutz in zahlreichen Regionen Europas
mit grundsätzlichem Wissen aus Natur- und Sozialwissenschaften,
Waldgeschichte, Forstpolitik, Biologie und Ökologie verknüpft.
Taschenführer
der Baummikrohabitate
Beschreibung und Schwellenwerte für Feldaufnahmen
R. Bütler, T. Lachat, F. Krumm, D. Kraus, L. Larrieu
Taschenführer der Baummikrohabita-
te: Beschreibung und Schwellenwerte
für Feldaufnahmen
Bütler, R.; Lachat, T.; Krumm, F.; Kraus,
D.; Larrieu, L.
https://www.wsl.ch/de/publikationen/
taschenfuehrer-der-baummikroha-
bitate-beschreibung-und-schwellen-
werte-fuer-feldaufnahmen.html
Beschreibung von 47 Typen der Baummikrohabitaten, unterteilt in
15 Gruppen und 7 Formen
Mit den empfohlenen Schwellenwerten für Aufnahmen hilft
er, Baummikrohabitate zu erkennen, sie bei Waldeingriffen zu
erhalten, um die Biodiversität und damit die Resilienz eines Wald-
bestandes zu stärken.
| 23

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2002
WBK
2006
20, g
Der Hartholz-Auenwald –
Pfanzengesellschaft des Jahres 2021
Grund für die Ausrufung
als Pfanzengesellschaft des Jahres
Ein wesentliches Merkmal der Hartholz-Au-
enwälder ist, dass es sie zumindest in Mit-
teleuropa kaum noch gibt. Wohl mehr als
neunzig Prozent ihrer ursprünglichen Fläche
sind seit dem Mittelalter durch Rodungen,
später auch durch Flussregulierungen ver-
loren gegangen und selbst die meisten der
noch vorhandenen Auenwaldreste sind durch
Ausdeichungen und Flusseintiefungen von
regelmäßigen Überfutungen abgeschnitten.
Ohne
diese Überfutungen können Auenwäl-
der aber nicht auf Dauer existieren, sodass
auch die verbliebenen Auenwaldreste als ex-
trem gefährdet gelten müssen. Um auf diese
besondere Gefährdung der Hartholz-Auen-
wälder aufmerksam zu machen, wurden sie
von einer wissenschaftlichen Vereinigung,
der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemein-
schaft e.V. als Pfanzengesellschaft des Jahres
2021 ausgerufen.
Verbreitung der
Hartholz-Auwälder in Sachsen
Hartholz-Auenwälder wachsen natürlicher-
weise auf den lehmigen Böden der breiten,
fachen Auen größerer Flüsse. In Sachsen wä-
ren dies vor allem die Auen entlang von Elbe,
Mulde,
Elster und Pleiße sowie der Neiße, in
Summe rund 45.000 Hektar (450 km²).
Tatsächlich sind die meisten dieser frucht-
baren Auenböden jedoch schon seit langer
Zeit unbewaldet und werden landwirtschaft-
lich genutzt, auch zahlreiche Siedlungen und
Verkehrswege
liegen in den Auen. Bei der
letzten sachsenweiten Waldbiotopkartierung
(2006-2016) wurden lediglich 1.124 Hektar
(11,2 km²) Wald in den Auen als Hartholz-Au-
enwald eingestuft, also nur etwa zweieinhalb
Prozent ihres möglichen Verbreitungsgebie-
tes. Größere zusammenhängende Flächen
dieser Pfanzengesellschaft wurden nur im
Leipziger Auwald kartiert und auch diese sind
angesichts der weitgehend fehlenden Über-
futungen eigentlich nur noch Zeugen frühe-
rer Verhältnisse.
Pfanzenarten der Hartholz-Auenwälder
Von Natur aus sind Hartholz-Auenwälder
aufgrund der Fruchtbarkeit ihrer Standorte
und der immer wieder durch Überfutungen
unterbrochenen Waldentwicklung beson-
ders artenreich und dabei von Arten geprägt,
die unter diesen besonderen Bedingungen
besser als andere gedeihen können. Bei den
Baumarten sind das vor allem Stieleiche,
Esche, Feld- und Flatterulme, Feldahorn und
Abb. 1: Lage potenzieller und aktueller Vorkommen des Hartholz-Auenwaldes in Sachsen; Grafk: Sach-
senforst, Ref. 53 Naturschutz im Wald
Schwarzpappel; bei den Sträuchern z. B. Hart-
riegel, Weißdorn, Pfaffenhütchen, Trauben-
kirsche und Schlehe;
bei den krautigen Ar-
ten u. a. Bärlauch, Hopfen, Scharbockskraut,
Waldziest, Mädesüß, Kletten-Labkraut und
Brennnessel. Natürliche Hartholz-Auenwäl-
der sind durch unterschiedlich hohe Bäume
und Sträucher fast immer mehrschichtig, in
Bestandeslücken wächst eine üppige Boden-
vegetation.
Wenn die Häufgkeit und Dauer von Über-
futungen zurückgeht, ändert sich auch die
Artenzusammensetzung und die Waldstruk-
tur. So ist das in vielen Auenwäldern im Früh-
jahr zu beobachtende fächige Wachstum von
Buschwindröschen oder Waldmeister
bereits
ein Anzeichen für seltene oder ausbleibende
Überfutungen, ebenso wie ein häufges Auf-
treten von Haselnuss und Holunder in der
Strauchschicht. Auch die Konkurrenzverhält-
nisse zwischen den Baumarten ändern sich
bei ausbleibender Überfutung. Insbesondere
der überfutungsempfndliche Bergahorn ge-
winnt durch seinen ungeheuer zahlreichen
und schnellwüchsigen Nachwuchs rasch die
Oberhand gegenüber den typischen Baum-
arten des Hartholz-Auenwaldes, auch gegen-
über der lichtbedürftigen Stieleiche. Während
viele (ehemalige) Auenwälder im Oberstand
noch
starke alte Eichen aufweisen, fehlt Ei-
chennachwuchs im Unterstand nicht mehr
überfuteter Auenwälder meist vollständig
– es sei denn, Eichen werden gepfanzt und
auch danach gegenüber ihren Konkurrenten
gefördert.
Unglücklicherweise sind auch Eschen und
Ulmen als weitere typische Baumarten der
Hartholz-Auenwälder durch eingeschleppte
Pilzkrankheiten in den letzten Jahrzehnten
stark unter Druck geraten. Während alte Feld-
ulmen infolge des sogenannten „Ulmenster-
bens” schon in den siebziger Jahren weitest-
gehend aus den Auenwäldern verschwunden
sind (Flatterulmen sind resistenter gegen
diese Pilzerkrankung), grassiert das „Eschen-
Triebsterben”
erst seit einigen Jahren in
Deutschland und führt aktuell zu starken Ver-
lusten bereits bei jungen Eschen. Alte Eschen
werden derzeit auch noch und zu allem Über-
fuss durch Eschen-Bastkäfer (Borkenkäfer
an Esche) in großer Zahl zum Absterben ge-
bracht. Größter Nutznießer dieser Entwick-
lungen ist wiederum der Bergahorn.
24 |

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Abb. 2: Strukturreicher Hartholz-Auenwald in der Elster-Luppe-Aue bei Leipzig, im Vordergrund auf-
laufende Bergahorn-Naturverjüngung; Foto: Dr. Michael Homann
Maßnahmen zum Schutz
von Hartholz-Auenwäldern:
Klar ist: Viele der noch verbliebenen Auenwäl-
der können zumindest auf lange Sicht nicht
erhalten werden, ohne sie wieder stärker an
das natürliche Überfutungsregime der sie
durchziehenden Flüsse anzuschließen. Aller-
dings ist dies angesichts der mittlerweile oft-
mals eingetieften Flussläufe, der vielfältigen
Nutzungsansprüche in den Flussauen und der
Erfordernisse des Hochwasserschutzes auf
angrenzenden Flächen leichter geschrieben
als getan. Dennoch gibt es einige Beispiele
für solche Renaturierungen auch in Sachsen.
So wurden im Biosphärenreservat Oberlau-
sitzer Heide- und Teichlandschaft einige in
Wäldern gelegenen Altarme der Spree wie-
der an den Fluss und seine Schwankungen
angeschlossen. Im Leipziger Auwald wird im
Projekt „Lebendige Luppe” seit 2012 daran
gearbeitet, den trockengefallenen Flusslauf
der ursprünglichen „alten” Luppe zumindest
abschnittsweise wiederzubeleben, um einer
weiteren Austrocknung der Aue entgegenzu-
wirken.
Klar ist aber auch, dass forstliche Maßnah-
men einen erheblichen Beitrag dazu leisten
können (und müssen), damit sich Auenwälder
unter den oft widrigen Bedingungen nicht
schnell zum Negativen verändern. Pfanzun-
gen von Eichen in ausreichend (ca. 0,3 bis 0,5
ha) großen Lücken, Förderung der typischen
Auenwald-Baumarten bei der Waldpfege, Be-
lassen eines ausreichenden Anteils alter, star-
ker Bäume etc. tragen aktiv zum Erhalt natur-
naher, artenreicher Hartholz-Auenwälder bei.
Weiterführende Literatur:
Härdtle, W.; Bergmeier, E.; Fichtner, A.; Heinken, T.; Hölzel,
N.; Remy, D.; Schneider, S.; Schwabe, A.; Tischew, S.;
Dierschke, H. (2020): Pfanzengesellschaft des Jahres
2021: Hartholz-Auenwald (Ficario-Ulmetum). Tüxe-
nia 40: S. 373-393
Patzak, U.; Reichhoff, L. (2020): Naturschutzgerechte
Bewirtschaftung von Hartholzauenwäldern. Arten-
schutzreport Heft 42/2020: S. 30-37
Dr. Michael Homann ist Leiter
des Referates Naturschutz im
Wald bei Sachsenforst
Arctia caja – ein Bär, der fiegen kann
Im Gegensatz zu seinem Namensvetter ist der
Braune Bär ein nachtaktiver Schmetterling
aus der Gattung der Bärenspinner. In Deutsch-
land können Sie ihn in allen Bundesländern
antreffen – noch –, denn der Bestandstrend
des ehemals sehr häufgen, bekannten und
auffälligen Falters zeigt abwärts und war
Anlass für den Bund für Umwelt und Natur-
schutz Deutschland e. V. (BUND e. V.) und die
Naturschutzstiftung des nordrhein-westfäli-
schen BUND-Landesverbandes, diese Art zum
Schmetterling des Jahres 2021 zu küren.
Mit bis zu 65 mm ist er einer der größten
Nachtfalter Deutschlands. Er hat eine Vorliebe
für strukturreiche, feucht-kühle Habitate. Im
Wald sind das Wege und Schneisen, Innen-
und Außensäume, Lichtungen und Kahlschlä-
ge, Bachtälchen und feuchte Waldwiesen. Im
Offenland lebt er beispielsweise in Mooren,
Magerrasen, an Ufern, Böschungen und in na-
turnahen Gärten. Eine extensive Bewirtschaf-
tung des Offenlandes ist der Art zuträglich.
Abb. 1: Raupe des Braunen Bären an Wiesen-
Sauerampfer; Foto: Steffen Thoß
Die Raupen ernähren sich von zahlreichen
Kräutern und Stauden bis hin zu Gehölzen.
Besonders beliebt sind Brennnessel, Salweide,
Himbeere, Wiesen-Sauerampfer und Mädesüß.
Ihr Bärenpelz hat der Art zu ihrem Namen ver-
holfen. Die Raupen überwintern und können
daher sowohl im Herbst als auch im Frühjahr
gefunden werden. Die Hauptfugzeit des Brau-
nen Bären liegt in den Monaten Juli bis August.
Sein Rückgang hat verschiedene Gründe. Eine
bedeutende Rolle spielt hierbei aber die Licht-
verschmutzung. Die Falter erscheinen gegen
Mitternacht am Licht – die Fehlleitung durch
künstliche Lichtquellen hat erschöpfendes
Flattern zur Folge. Es geht wertvolle Zeit und
Energie für Partnersuche und Vermehrung ver-
loren, zumal die Falter selbst keine Nahrung
mehr aufnehmen und von dem zehren, was
sie einst als Raupe gefressen haben. Die Rest-
populationen sind zudem durch Dünger- und
Pestizideinsatz und übermäßig intensive Land-
schaftspfege und Landwirtschaft gefährdet.
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rn
Die aktuell stark aufgelichteten Wälder füh-
ren auch bei weniger häufgen Waldinsek-
ten zu positiven Populationsentwicklungen
und dürften dem Braunen Bär in die Karten
spielen. Unter absterbenden Fichtenwäldern
sprießen reiche Kraut- und Staudenfuren,
Waldinnen- und -außenränder werden viel-
schichtiger und stärker durchlichtet, Pestizide
werden auf Waldfächen
nur in sehr geringem
Umfang eingesetzt. Die Herausforderung
bleibt, auch dauerhaft lichte Strukturen in an-
gemessener Verteilung im Wald zu halten und
Äcker und Wiesen zwischen den Waldfächen
stärker durch Hecken und Säume zu struk-
turieren und im Sinne des Biotopverbundes
zu entwickeln. Die Förderung zur Anlage von
Hecken im Offenland nach Richtlinie NE/2014
und die Förderung zur Anlage von artenrei-
Baum des Jahres 2022 –
Die Rot-Buche (Fagus sylvatica L.)
Abb. 2. Brauner Bär; Foto: Steffen Thoß
Eine große gewölbte, dunkle Krone und ein
glatter silbergrauer Stamm mit einem Bilder-
buch der Baum-Körpersprache:
das kann nur
die Rot-Buche sein. Zudem ist der Stammfuß
oft mit eindrucksvollen Wurzelanläufen ent-
wickelt. Im Wald bildet sie sog. „Hallenwälder”
fast ohne Unterwuchs. Weitere Highlights
sind das Austreiben der hellgrünen Blätter im
April und die Herbstfärbung im Oktober mit
allen Gelb- und Brauntönen, bevor es dann
hell unter den Buchen wird und ihre Stämme
uns Geschichten erzählen. Mit ihrem starken
Kronenschatten im Sommer kommt sie selbst
gut zurecht: wo sie wächst, bestimmt sie da-
her das Konkurrenzgeschehen.
Charakteristika, Erkennungsmerkmale
Zum Habitus wurde schon alles Wichtige ge-
sagt: die Kronen alter Buchen sind sehr raum-
greifend, mit einer fächerartigen Aststellung
nach schräg oben. Dies hat zur Folge, dass
ihre Beschattungswirkung noch dominanter
wird und sich außerdem der Niederschlag am
Stammfuß konzentriert.
Der Wipfeltrieb von Buchen wächst zunächst
waagerecht und richtet sich erst auf, wenn es
genügend Licht gibt. An den Zweigen fallen
im Winter die relativ langen schlanken und
braunen Knospen auf, auch daran kann man
die Buche gut erkennen. Ihre Kurztriebe sind
in besonderer Weise in der Lage, bei ungüns-
tigen Bedingungen (z. B. Schatten, Wasser-
mangel) bis zu 15 Jahre in Wartestellung mit
extrem kurzen Jahrestrieben zu verharren,
um dann bei Verbesserung der Bedingun-
gen wieder loszulegen. An Buchenzweigen
sind zudem besonders gut und einfach die
Jahrestriebgrenzen zu erkennen: nach dem
Abfallen beim Austreiben hinterlassen die
Knospenschuppen auf der Trieboberfäche
Narben („Triebbasisnarben”), die als Quer-
rillen viele Jahre erhalten bleiben. So kann
man 10 bis 20 Jahre zurück die Jahresgren-
zen rekonstruieren und erfährt – ohne dafür
die Zweige absägen zu müssen – wie der
Zweig in diesem Zeitraum Jahr für Jahr ge-
wachsen ist. Wir nutzen das in der Forschung
für Klima/Wachstums-Analysen, um z. B. die
Auswirkungen von Trockenjahren auf den
Triebzuwachs zu untersuchen und die Tro-
ckenstress-Empfndlichkeit der Baumarten
zu beurteilen.
Die silbergraue glatte Rinde ist wohl das
auffälligste Charakteristikum der Buche und
hat zur Folge, dass die Lebensgeschichte je-
des Baumes sehr gut zu rekonstruieren ist:
alte Verletzungen, innere Defekte und Ast-
narben am Stamm bleiben Jahrzehnte sicht-
bar. Außerdem haben die grauen Stämme
große
Wirkung bei ganz bestimmten Licht-
verhältnissen. Besonders ausgeprägt ist
dies im sog. Gespensterwald bei Nienhagen
westlich von Warnemünde, wenn dort im
Hochsommer die untergehende Abendsonne
chen Waldrändern nach WuF/2020 geben hier
die richtigen Impulse.
Vielleicht läuft Ihnen oder Ihren Kindern zur
Freude dann öfter mal ein Brauner Bär über
den Weg.
Arne Beck
ist Sachbearbeiter im Referat
Naturschutz im Wald bei
Sachsenforst
Steffen Thoß
ist Sachbearbeiter im Referat
Förder- und Fachbildungs-
zentrum Zwickau am Landes-
amt für Umwelt, Landwirtschaft
und Geologie
fast waagerecht in den Bestand scheint und
ihn tatsächlich gespenstisch erscheinen
lässt.
Die dünne glatte Rinde der Buche hat aller-
dings den größeren Nachteil, dass sie sich bei
plötzlicher Freistellung auf der Südseite des
Stammes so erhitzt, dass sie und das dar-
unterliegende Kambium absterben können.
Große Stammschäden („Sonnenbrand”) und
Fäule sind dann die Folge. Bei solch vorher-
sehbarem Risiko werden die Stämme daher in
Parkanlagen zuvor mit weißer Stammschutz-
farbe angestrichen, Jungbäume rundherum,
bei Altbäumen nur die Süd- bis Westseite
des Stammes. Dann überschreitet die Rin-
dentemperatur nicht den kritischen Wert
von 45 °C.
Buchen werden höchstens 300 bis 400 Jah-
re alt, bei Stammumfängen von fast 4-6 m
(selten 7-8 m) und Baumhöhen von 30-40 m.
Die Anordnung der Blätter an den Zweigen in
der Unterkrone ist zweizeilig und dadurch ein-
schichtig, d. h. sie bilden relative geschlossene
fächige Strukturen aus,
die das Restlicht im
Schatten optimal ausnutzen können, ohne sich
an demselben Zweig gegenseitig zu beschat-
ten. Die Blätter entwickeln im Oktober eine
wunderschöne Herbstfärbung: braungelbe und
rötlichbraune, später rein braune Farbtöne, die
bei einfallender Herbstsonne traumhafte Stim-
mungen erzeugen können.
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Die Blüten erscheinen erst mit 50 Jahren zu-
sammen mit den Blättern beim Austreiben,
männliche und weibliche getrennt, aber an
demselben Baum. Sie werden windbestäubt,
sind daher unauffällig, und die großen Pollen-
mengen können nach Regenschauern Pfützen
bedecken. Wenn alle Buchen eines Bestandes in
bestimmten Jahren gleichzeitig intensiv blühen
und fruktifzieren, sprechen wir von Mastjah-
ren. Diese treten etwa alle 3-5 Jahre auf und
haben zur Folge, dass die Bäume einen erheb-
lichen Teil ihrer Ressourcen für die Fruchtent-
wicklung investieren. So werden im Mastjahr
und in den 2-3 Folgejahren dann sogar die
Blätter kleiner und die Kronenverlichtung kann
demzufolge um bis zu 30 % zunehmen – was
nicht als Schädigung zu interpretieren ist.
Die Bucheckern-Früchte sitzen am Baum in
einem auffällig stachligen Fruchtbecher (Cupu-
la),
welcher Familienkennzeichen der Buchen-
gewächse ist (auch Eichen und Maronen) und
nicht als Fruchtbestandteil gilt, daher sind die
Früchte Nüsse. Viele haben es auch als Kind
schon probiert: sie schmecken angenehm nus-
sig. Wenn die Bucheckern auf den Boden fallen,
keimen sie im nächsten Frühjahr und bilden
eine Naturverjüngung, die in der Forstwirt-
schaft heutzutage hoch im Kurs steht. Denn
diese Buchenkeimlinge tragen die Gene der am
Standort optimal angepassten Buchen(eltern)
und bringen sie in neuer Durchmischung in die
nächste Baumgeneration. Wenn Förster/-innen
dabei in die Zukunft schauen und die erwar-
teten Klimaveränderungen berücksichtigen
möchten, pfanzen sie in die Naturverjüngung
zusätzlich junge Buchen anderer Herkünfte
z. B. aus Südosteuropa hinein, sodass deren
Gene auch mit am Standort erprobt werden
können. Die Selektion wird dann die geeig-
netsten herausfltern.
Das herzförmige Wurzelsystem sorgt für eine
gute Verankerung, allerdings reagiert die Bu-
che auf Bodenverdichtung und -vernässung
sehr empfndlich und bleibt dann mit ihren
Wurzeln oberhalb des Stauhorizontes, was sie
an solchen Standorten trockenheitsempfnd-
lich und windwurfanfällig machen kann.
Vorkommen, Ökologie
Das große natürliche Areal der Buche er-
streckt sich über fast ganz Europa, mit Aus-
nahme des Nordens und Nordostens.
Die Buche wird verbreitet auch als „Mutter
des Waldes” bezeichnet. Treffender wäre wohl
Herrscherin der Wälder, denn sie bestimmt
mit ihrer Beschattung großfächig „wo es
langgeht” und welche anderen Baumarten
unter ihr überleben. Allerdings gehen die Mei-
nungen unter den Experten darüber ausein-
ander, auf wieviel Prozent der Waldfäche sie
so zur Dominanz gelangen würde: die Varia-
tionsbreite reicht von 65 bis 90 %. Letzteres
ist eher meine Meinung, denn ich traue der
Buche so einiges zu, z. B. dass sie viel weiter in
nasse und trockene Standortbereiche hinein-
wachsen kann als gemeinhin angenommen
wird. Die heutige Buchenverbreitung ist ja
weitgehend durch den Menschen verringert
(ähnlich wie bei allen anderen Baumarten
außer Fichte und Kiefer), sodass man sie nur
theoretisch herleiten kann aus der Standort-
amplitude der Buche. Sie ist jedenfalls die
einzige Baumart hierzulande, die großfächig
dort auch zur Vorherrschaft gelangt, wo sie
wachsen kann. Fast alle anderen Baumarten
hingegen werden auf ihren Optimalstand-
orten von der Buche verdrängt und kommen
dann oft nur auf Sonder- oder Extremstand-
Typischer Hallenbestand mit silbergrauen glatten und schlanken Stämmen; Foto: Andreas Roloff
orten zum Zuge. Es handelt sich damit bei der
Buche um das eindrucksvollste Beispiel einer
Klimaxbaumart.
Dabei ist die Schattenstrategie sehr beeindru-
ckend wegen ihrer:
dichten Belaubung und Krone, die nur 1 %
der Freilandstrahlung durchlässt;
zweizeiligen Blattstellung bei waagerech-
tem Zweigwachstum (selbst des Wipfel-
triebes), die eine optimale Ausnutzung des
geringen Restlichtes am Bestandesboden
zulässt und ihr damit das Überleben im
eigenen Schatten ermöglicht;
Blattanatomie-Differenzierung in Licht-
und Schattenblätter, die am jeweiligen Ort
in der Krone eine optimale Lichtnutzung
gewährleistet.
Junge Buchen können so extrem an Schatten
angepasst sein, dass sie Jahrzehnte in waage-
rechter Wartestellung verharren – bis schließ-
lich durch Absterben oder Beseitigen von
Nachbarbäumen Licht zu den kleinen Bäum-
chen durchkommt, dann richten sie sich auf
und wachsen los. Ähnlich schattentolerant
sind bei uns nur Eibe und Weiß-Tanne.
Gegenüber Trockenheit soll die Buche emp-
fndlich sein, dies gilt allerdings nur für plötz-
liche Trockenheit wie in Extremsommern. Hat
sie sich dagegen in ihrem Leben an trockenere
Standorte angepasst, kommt sie damit relativ
gut klar. Aktuellen Trockenstress erkennt man
an Buchenblättern, -zweigen und -kronen-
bereichen sehr gut an der sog. Schiffchenbil-
dung: die Blätter rollen sich etwas nach oben
ein. Verbessert sich die Wasserversorgung,
dann werden sie wieder glatt.
Hinsichtlich des Klimawandels mit Erwär-
mung und mehr sowie längeren Trockenpe-
rioden wird die Zukunft der Buche von vielen
kritisch eingeschätzt. Ich traue ihr jedoch
auch hierbei ein großes Anpassungspotenzial
zu. Denn die untersuchten Jungbuchen zeig-
ten in den Trockenjahren 2018 bis 2020 einen
sehr guten Trieblängenzuwachs und entwi-
ckeln sich mit dieser Stress-Erfahrung jetzt
positiv und toleranter weiter.
Besser wächst die Buche natürlich wie je-
der Baum bei guter Wasserversorgung, am
liebsten mag sie Landregen und feuchte Luft
bzw. humides Klima wie in Küstennähe, z. B.
in England. Im Osten ihres Areals machen ihr
die häufgeren Spätfröste im Mai zu schaffen.
Gegenüber Überfutung ist sie allerdings so
empfndlich, dass sie bereits nach einer Wo-
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che im Wasser anfängt abzusterben und da-
her in natürlichen Auenwäldern keine Chance
hat. Andererseits lässt sie dann dort Nischen
für andere Baumarten.
Nutzung, Verwendung, Heilkunde,
Mythologie
Die Buche ist für die Forstwirtschaft attraktiv
durch ihr hartes Holz mit rötlichem Farbton.
Es werden vor allem Möbel und Gebrauchs-
gegenstände daraus hergestellt. Auch ihr gu-
ter Heizwert für Brennholz und Holzkohle ist
interessant.
Aus Bucheckern kann man Speiseöl gewinnen.
Schweine trieb man früher zur Buchenmast in
den Wald. Junge Buchenblätter lassen sich für
Salate verwenden, die Holzasche diente zur
Seifen- und Zahnpasta-Herstellung.
Die Buche ist 1990 schon einmal zum Baum
des Jahres ernannt worden und jetzt die ers-
te Baumart, die 2022 ein zweites Mal dran-
kommt.
(
www.baum-des-jahres.de
,
www.holzgewa-
echse.de
; Roloff, A.: Der Charakter unserer
Bäume – Ihre Eigenschaften und Besonder-
heiten, Ulmer Verlag 2017)
Prof. Dr. Andreas Roloff
ist Lehrstuhlinhaber der
Professur für Forstbotanik an
der Technischen Universität
Dresden, Institut für Forstbota-
nik und Forstzoologie
Das Waldabstandsgebot im baurechtlichen Vollzug
1. Vollzugsprobleme
aus forstwirtschaftlicher Sicht
Das Auftreten von Forstschädlingen und die
Folgen von Trockenperioden lassen das Er-
fordernis eines Waldabstandes baulicher
Anlagen und Feuerstätten in neuem Licht er-
scheinen. Bereits unter Geltung des § 73 Abs.
1 der Deutschen Bauordnung der DDR vom
2. Oktober 1958 galt ein Waldabstand von
30 Metern, den bauliche Anlagen mit Feue-
rungsanlagen von der „Holzbestandsgrenze”
einzuhalten hatten. Seinerzeit wurde dieser
Waldabstand bereits häufg nicht mit der
notwendigen Konsequenz gesichert. Bebau-
ungen, insbesondere zu Eigenheimen erwei-
terte Bungalows und Eigenheimsiedlungen,
entstanden in den siebziger bis neunziger
Jahren am Rande von Naturverjüngungen
und planmäßig bestockten Flächen. Diese
Vollzugsdefzite führten zu Risiken und zu
nicht unerheblichen Einschränkungen bei
der Waldbewirtschaftung. Die mit Waldbäu-
men einhergehenden Gefährdungen werden
häufg so lange ausgeblendet, bis der Scha-
densfall eingetreten ist. Auch unter dem gel-
tenden Bauordnungs- und Bauplanungsrecht
ist mitunter ein etwas sorgloser Umgang mit
dem Gefährdungspotenzial von Baum- und
Astwürfen durch Bauherren und Bauplaner
festzustellen, dem von Seiten der Bauauf-
sichtsbehörden aus forstwirtschaftlicher
Sicht nicht immer mit der notwendigen Kon-
sequenz begegnet wird.
Beispiel: Dem Grundstückseigentümer wurde es gestattet, ein Einfamilienhaus mit Feuerungsanlage bis
zu fünf Meter neben die Bestockung zu platzieren. Als Begründung wurde u. a. angeführt, dass die Lär-
chen und Fichten zwar das Gebäude gefährden können, jedoch sei der Waldbesitzer wegen der rechts
im Bild verlaufenden und für den öffentlichen Verkehr gesperrten Straße auf dem Nachbarfurstück
sowieso für die Bäume schon verkehrssicherungspfichtig. Montage: Sachsenforst
Kritisch erscheint an der baurechtlichen Voll-
zugspraxis, dass mitunter Lückenbebauungen,
Erweiterungen oder auch frei platzierte Neu-
bauten in Unterschreitung des Waldabstan-
des gestattet werden. Begründet wird dies
regelmäßig damit, dass der Waldbesitzer im
räumlichen Umgriff des Bauvorhabens be-
reits wegen eines Bestandsgebäudes oder
einer Straße verkehrssicherungspfichtig ist.
Diese Sichtweise kann überzeugen. Bestehen-
de Verkehrssicherungspfichten dienen der
Risikominimierung. Sie führen jedoch nicht
zum rechtlich erforderlichen Ausschluss der
Gefährdungslage. Diese für die Bauherren
vermeintlich günstige Sichtweise führt dazu,
dass risikobehaftet Gebäude errichtet bzw. bei
Lückenbebauungen bestehende Risikolagen
vertieft werden. Problematisch erscheint mit-
unter auch, dass Blößen (temporär unbestock-
te Flächenanteile) bzw. nur noch mit Restbe-
ständen bestockte Flächen nicht als Wald im
Sinne von § 2 Abs. 1 Sächsisches Waldgesetz
(SächsWaldG) identifziert werden und somit
ein Abstandsgebot verkannt wird.
Die vorstehend beschriebene Problemlage und
eine jüngere Entscheidung des Sächsischen
Oberverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2018
geben Anlass, die Einhaltung des Waldabstan-
des wieder verstärkt zu berücksichtigen und
die Einhaltung einzumahnen. Dabei geht es
nicht darum, Lückenbebauungen, Erweiterun-
gen und damit die gedeihliche Entwicklung
der Orte im ländlichen Raum zu verhindern,
sondern einen Ausgleich mit den forstfach-
lichen Interessen zu suchen und die Risiken
bei den Beteiligten ins Bewusstsein zu rücken.
Im Falle einer Unterschreitung erhöhen sich
zudem für den Waldbesitzer die Verkehrssi-
cherungspfichten und es werden zusätzliche
28 |

Sichtkontrollen erforderlich. Schließlich kann
die Unterschreitung konkrete kostenintensive
Sicherungsmaßnahmen an einzelnen Bäumen
oder waldbauliche Maßnahmen erforderlich
machen. Kommt es zu Ast- oder Baumwürfen,
dann wird stets der Waldbesitzer mit der Be-
hauptung in Regress genommen, dass er sei-
ner Verkehrssicherung nicht wirksam nachge-
kommen sei. Indessen reicht vielfach bereits
eine geänderte Anordnung des Baufeldes und
damit verbundene Vergrößerung des Wald-
abstandes aus, um den forstlichen Belangen
besser Rechnung zu tragen.
2. Rechtsrahmen
Bevor die Entscheidung des Oberverwal-
tungsgerichts dargestellt wird, ist der Rechts-
rahmen des Waldabstandsgebotes zu be-
trachten. Für den Freistaat Sachsen gibt § 25
Abs. 3 SächsWaldG vor:
„Bauliche Anlagen mit Feuerstätten müssen
von Wäldern, Mooren und Heiden mindestens
30 Meter entfernt sein; die gleiche Entfernung
ist mit Gebäuden von Wäldern sowie mit Wäl-
dern von Gebäuden einzuhalten. Ausnahmen
können gestattet werden. Größere Abstände
können verlangt werden, soweit dies wegen
des Brandschutzes oder zur Sicherheit der Ge-
bäude erforderlich ist. Die Entscheidung trifft
die untere Baurechtsbehörde im Benehmen
mit der Forstbehörde.”
In der Praxis tauchen gelegentlich einige Aus-
legungsfragen auf, die hier kurz beleuchtet
werden sollen. Das Merkmal des Bauens er-
füllen alle Anlagen, die in einer auf Dauer ge-
dachten Weise künstlich mit dem Erdboden
verbunden sind. Entscheidend hierbei ist das
Element der Dauerhaftigkeit. Ohne Bedeutung
sind dabei das Material, die Art und Weise der
Verbindung mit dem Boden sowie die konst-
ruktive Beschaffenheit oder die Größe der An-
lage. Auch ein Wohn- oder Bauwagen kann
etwa eine bauliche Anlage in diesem Sinne
sein, wenn er bspw. ein ortsfestes Wochen-
endhaus oder eine ortsfeste Saunaanlage er-
setzt. Auch die Klassifzierung einer Fläche als
Wald gestaltet sich mitunter schwierig. Nach
der Legaldefnition in § 2 Abs. 1 SächsWaldG
ist Wald jede mit Forstpfanzen (Waldbäumen
und Waldsträuchern) bestockte Grundfäche,
die durch ihre Größe geeignet ist, eine Nutz-,
Schutz- oder Erholungsfunktion (§ 1 Nr. 1
SächsWaldG) auszuüben (vgl. SächsOVG, Be-
schluss vom 13.10.2017, Az. 1 B 174/17, juris).
Dabei ist es gleichgültig, ob die Forstpfanzen
künstlich gesetzt wurden oder durch Naturver-
jüngung gewachsen sind. Die bestockte Grund-
fäche muss dazu eine Größe von wenigstens
0,2 ha aufweisen, die eine gewisse Intensität
der Nutz-, Schutz- oder Erholungsfunktionen
erwarten lässt. Lediglich mit einzelnen Bäumen
oder Hecken bestockte Flächen oder Baum-
reihen auf kleineren Flächen stellen nach § 2
Abs. 3 SächsWaldG keinen Wald dar. Maßgeb-
lich ist dabei der äußere Gesamteindruck eines
entstehenden oder bestehenden Waldes. Es
kommt allein auf die tatsächlichen Verhältnisse
an, weshalb es für die Klassifkation als Wald
nicht relevant ist, ob die Fläche als Wald in
Forstkarten, Dokumentationen oder ähnlichem
eingetragen ist. Doch auch bei Betriebsfächen
kann die Einhaltung eines Waldabstandes fach-
lich geboten sein, was in der Vollzugspraxis
gelegentlich übersehen wird. Nach § 2 Abs. 2
SächsWaldG gelten rechtlich als Wald auch
„kahlgeschlagene oder verlichtete Grundfä-
chen, Waldwege, Waldeinteilungs- und Siche-
rungsstreifen, […] Holzlagerplätze, […] Ödland
sowie weitere mit dem Wald verbundene oder
ihm dienende Flächen”. Einerseits können diese
Freifächen als Holzlagerplätze genutzt werden,
die dann eine entsprechende Brandlast auf-
weisen. Andererseits können diese Freifächen
künftig auch wieder bestockt werden und
dann zu Friktionen mit einer zwischenzeit-
lich errichteten Bebauung führen. Flächen, die
nach Lage des Einzelfalls in Zukunft mit Wald-
bäumen bestockt werden oder Holzlagerplät-
ze, können damit auch abstandsrelevant sein.
Sofern abstandsrelevanter Wald im Sinne des
§ 2 SächsWaldG festzustellen ist, haben neu zu
errichtende Gebäude einen Waldabstand von
mindestens 30 Metern einzuhalten.
Zu den gelegentlichen Auslegungsschwierig-
keiten tritt die baurechtliche Besonderheit
hinzu, dass die Einhaltung des Waldabstan-
des nicht zum pfichtigen Prüfprogramm der
Baugenehmigungsbehörde im vereinfachten
Baugenehmigungsverfahren (§§ 63, 72 Abs. 1
SächsBO) gehört, das in der Mehrzahl der Fälle,
insbesondere bei Eigenheimen im ländlichen
Raum, zur Anwendung kommt. Die Bauauf-
sichtsbehörde ist gehalten, das Benehmen mit
der unteren Forstbehörde herzustellen, wenn
sie eine Unterschreitung feststellt. Hierzu hat
die untere Forstbehörde für die entscheidungs-
zuständige untere Bauaufsichtsbehörde eine
gutachterliche Stellungnahme zur vorhan-
denen Vegetation, der Waldentwicklung, der
Bestandszielhöhe und der Standfestigkeit der
Bäume zu erstellen. Dabei ist einer Hanglage
und der Hauptwindrichtung Rechnung zu tra-
gen. Die untere Forstbehörde ist dann gehalten,
die geplante Unterschreitung abzulehnen oder
das sog. Benehmen herzustellen. Die unte-
re Bauaufsichtsbehörde ist an das Votum der
unteren Forstbehörde nicht gebunden, sondern
kann sich auch über ein ablehnendes forstfach-
liches Votum hinwegsetzen. Wenn sich die Bau-
aufsichtsbehörde über das Votum der unteren
Forstbehörde hinwegsetzt, macht sie dann re-
gelmäßig bestimmte Vorgaben zur Aussteifung
des Gebäudes zum Schutz der Bewohner vor
Ast- und Baumwürfen. Damit wird zwar bau-
ordnungsrechtlich dem Schutz der Bewohner
Rechnung getragen, die forstlichen Bewirt-
schaftungseinschränkungen und Regressrisi-
ken im Schadensfall bleiben jedoch bestehen.
3. Entscheidung des Sächsischen Ober-
verwaltungsgerichts, Beschluss vom
04.09.2018, Az. 3 A 522/18 (Vor-
instanz: VG Chemnitz, Urteil vom
24.01.2018, Az. 3 K 2469/14)
Sofern der Waldabstand unterschritten wer-
den soll, ist vom Waldabstandsgebot eine
Ausnahmegenehmigung zu erteilen (§ 25
Abs. 3 Satz 2 SächsWaldG). Welchen Anforde-
rungen eine solche Ausnahmeentscheidung
unterliegt, hat das Sächsische Oberverwal-
tungsgericht konkretisiert. Im Klageverfahren
machte der Bauherr u. a. geltend, dass bereits
ein Nachbargebäude in Unterschreitung des
Waldabstandes errichtet wurde, aufgrund von
Obstbäumen kein abstandsrelevanter Wald im
Sinne des § 2 SächsWaldG vorliege und die
Hauptwindrichtung vom Vorhabengrundstück
weg weist. Das OVG stellte zunächst fest, dass
einzelne Obstbäume den Gesamtcharakter
einer Fläche als Wald nicht beeinträchtigen,
sofern die überwiegende Bestockung über-
wiegend aus Waldbäumen besteht. Die An-
forderungen an das Waldabstandsgebot for-
mulierte das Oberverwaltungsgericht in Rn.
24 des Beschlusses schließlich wie folgt:
„Eine Ausnahme kann gemäß § 25 Abs. 3 Satz 2
SächsWaldG erteilt werden, wenn die zuständi-
ge Behörde nach umfassender Ermittlung der
nach dem Gesetzeszweck maßgeblichen Ge-
sichtspunkte im Rahmen einer sachgerechten
Abwägung zu dem Ergebnis gelangt, dass die
Umstände des Einzelfalls eine Ausnahme recht-
fertigen (SächsOVG, Beschl. v. 9. April 2015 – 1
A 366/14 –, juris Rn. 13). Ausnahmen setzen vo-
raus, dass eine atypische Gefahrensituation
gegeben ist, d. h. dass aufgrund der konkreten
Situation eine atypische Risikoverringerung in
Betracht zu ziehen ist, die die vom Gesetzgeber
in § 25 Abs. 3 Satz 1 SächsWaldG vorgegebene
abstrakte Gefährdungslage im Hinblick auf den
Schutz von Menschen und Gebäuden sowie des
Waldes vor Waldbränden im Einzelfall wider-
legt. Solche Umstände können etwa besondere
topografsche Umstände sein, so wenn das Bau-
grundstück höher liegt als der Wald, oder sons-
tige Umstände, die es erwarten lassen, dass die
in dem betreffenden Gebiet wachsenden Bäume
standortbedingt keine Größe erreichen, die Ge-
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fahren durch Baumsturz bewirken (VGH BW,
Urt. v. 8. Oktober 1993 – 8 S. 1578/93 -, juris Rn.
20). Ein Ausnahmefall liegt daher nicht schon
dann vor, wenn keine konkreten Gefährdungen
festzustellen sind, die die vom Gesetzgeber in
den Blick genommene abstrakte Gefährdungs-
lage im Einzelfall belegen, sondern erst dann,
wenn konkrete Umstände feststellbar sind, die
die abstrakte Gefährdungslage im Einzelfall
ausschließen können. Hierfür ist der Antragstel-
ler [d.h. der Bauherr und nicht der Waldbesitzer]
beweis- und darlegungspfichtig.”
Lehrbuchartig führte das Oberverwaltungsge-
richt dann weiter aus, dass die topografsche
Situation (hinter dem geplanten Baufeld verlief
ein bestockter Hang) die vom Gesetzgeber an-
genommene abstrakte Gefährdungslage belegt.
Die vom Objekt abgewandte Hauptwindrich-
tung hilft dem Bauherrn nicht, denn im Falle
von Starkwindereignissen treten regelmäßig
wechselnde Windrichtungen auf. Die Hangla-
ge und der Magerboden im entschiedenen Fall
lassen eine eingeschränkte Standsicherheit des
Bestandes vermuten. Auch der Gleichbehand-
lungsgrundsatz hilft dem Kläger nicht, weil die
gestattete Nachbarbebauung als Ersatzneubau
eines historischen Bestandgebäudes zu klassif-
zieren war und sich die bestehende Gefährdung
deshalb nicht verstärkte. Mit seiner Entschei-
dung legt das Oberverwaltungsgericht einen
strengeren Maßstab an die zulässige Unter-
schreitung des Waldabstandes an als die Vor-
instanz. Nach Ansicht der Vorinstanz, nämlich
des Verwaltungsgerichts, lag eine „atypische
Gefahrensituation” – die eine Abstandsunter-
schreitung zulässig macht – bereits vor,
„wenn aufgrund der örtlichen Situation die
Gefahren, vor denen der Mindestwaldabstand
schützen soll, ausgeschlossen, zu vernachläs-
sigen oder vermeidbar sind.”
Nach Auffassung des Oberverwaltungsge-
richts ist die Ausnahme vom Waldabstand
hingegen erst zulässig, „wenn konkrete Um-
stände feststellbar sind, die die abstrakte
Gefährdungslage im Einzelfall ausschließen
können.” Der Ausschluss einer Gefahr ist wohl
nur in den wenigsten Fällen möglich. Der Be-
schluss des OVG setzt sich damit wohl auch in
Widerspruch zur bisherigen Vollzugspraxis der
unteren Bauaufsichtsbehörden, die Ausnah-
men zulassen, wenn eine Lückenbebauung
erfolgen soll und der Waldbesitzer deshalb
bereits im räumlichem Umgriff des geplanten
Objekts, nämlich für die Bestandsgebäude,
verkehrssicherungspfichtig ist. Bestehende
Verkehrssicherungspfichten minimieren zwar
die abstrakte Gefährdungslage. Verkehrssi-
cherungspfichten sind jedoch nicht geeig-
net, die Gefährdung des Bauvorhabens vor
Ast- und Baumwürfen auszuschließen. Das
Oberverwaltungsgericht folgt damit den von
forstfachlicher Seite vorgetragenen Bedenken
gegen eine leichtfertige Unterschreitung des
Waldabstandes und legt an eine zulässige
Unterschreitung einen strengen Maßstab an.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Vollzugspraxis verfährt mitunter nach
der riskanten Richtschnur, dass Erweiterun-
gen oder Neubauten bei bestehenden Baum-
und Astwurfrisiken gestattet werden, wenn
Verkehrssicherungsobjekte in der Nähe sind,
bspw. Bestandgebäude oder öffentliche Stra-
ßen. So verständlich das wohlwollende An-
sinnen gegenüber den Bauherren sein mag,
die Praxis ist kritisch zu hinterfragen. An-
gesichts zunehmender Witterungsextreme
und verschiedener Forstschutzrisiken bieten
die Verkehrssicherungskontrollen, mögen sie
auch sehr intensiv und versiert durchgeführt
werden, nur eine sehr begrenzte Gewähr für
die Standfestigkeit des Bestandes und der
künftigen Bestockung. Keine Sicherheit ge-
ben auch zivilrechtliche Haftungsverzichte
zwischen Bauherren und Waldbesitzern. Der-
artige Haftungsverzichte, die zur umfassen-
den Wirksamkeit einer Grunddienstbarkeit im
Grundbuch bedürfen, verlagern das Regress-
risiko im Schadensfall lediglich teilweise. Ein
Haftungsverzicht ändert jedoch nichts an
den bestehenden Verkehrssicherungspfich-
ten und minimiert die bestehenden Gefah-
ren nicht, weshalb stets auf die Einhaltung
eines risikoangemessenen Waldabstandes
hingewirkt werden sollte. Hierzu kann der
Waldbesitzer als Nachbar gegebenenfalls
Widerspruch gegen eine erteilte Baugeneh-
migung einlegen, wenn das Vorhaben den
Waldabstand unterschreitet und in dem
Widerspruchsverfahren seine Bedenken und
Einwände vorbringen.
Tobias Gockel
ist Leiter des Referats Recht bei
Sachsenforst
Rechtliche Aspekte der Waldweitergabe
1. Problemstellung/Hintergründe
Die Motivationen und Hintergründe, wes-
halb private Waldbesitzer beziehungsweise –
rechtlich präziser – private Waldeigentümer
sich über die Waldweitergabe und Nachfolge-
regelungen Gedanken machen (sollten), sind
so vielschichtig wie die dahinterstehenden
Lebensgeschichten selbst. Es kann beispiels-
weise die Sorge sein, dass die kontinuierliche
Waldbewirtschaftung und die damit verbun-
denen Herausforderungen altersbedingt nicht
mehr wie in der Vergangenheit bewältigt
werden können; Herausforderungen also, die
gerade in den letzten Jahren der Trockenheit
und der einhergehenden allgegenwärtigen
Kalamitätsproblematik in den Wäldern noch
stärker in den Fokus gerückt sind. Es kann
die Einsicht sein, dass es an der Zeit ist, der
nachfolgenden Generation Verantwortung
und Gestaltungsspielräume für neue Ideen
und Konzepte zu übertragen. Auch Beden-
ken, dass die ansonsten eintretende gesetz-
liche Regelung im Todesfall zu familiärem
Unfrieden, Spannungen und Auseinander-
setzungen führt beziehungsweise der eigene
Wald sogar ungewollt in fremde Hände gerät,
vermögen eine Motivation für eine entspre-
chende selbstbestimmte Nachfolgeregelung
sein. Es können aber beispielsweise auch pri-
mär monetäre Gesichtspunkte sein, um sich
durch den Verkauf des eigenen Waldes neue
fnanzielle Möglichkeiten und zeitliche Frei-
räume zu schaffen. Letzteres soll nicht pri-
märer Gegenstand dieses Artikels sein. Viel-
mehr soll vorliegend die Waldweitergabe im
Kontext einer – erbrechtlichen – Nachfolge-
regelung durch Übertragung des bestehenden
Alleineigentums betrachtet werden. In diesem
Zusammenhang stehen die sogenannte vor-
weggenommene Erbfolge und die Verfügung
von Todes wegen. Erstere regelt eine Übertra-
gung des Eigentums bereits zu Lebzeiten; die
sogenannte Weitergabe mit „warmer Hand”.
Das Letztere regelt eine Übertragung mit dem
Zeitpunkt des Todeseintritts.
Gleichgültig für welche konkrete Gestaltungs-
option sich die privaten Waldeigentümer im
Einzelfall entscheiden, es ist in jedem Fall
empfehlenswert, sich frühzeitig mit der Frage
30 |

image
der Waldweitergabe zu beschäftigen und eine
den eigenen Vorstellungen und Interessen
entsprechende Regelung zu fnden, die bes-
tenfalls im Einvernehmen mit allen Beteiligten
steht und somit eine weitergehende Gewähr
für die Beständigkeit der Pfege und Fürsorge
für den eigenen Wald bietet, sodass dieser in
verantwortungsvollen Händen verbleibt.
2. Die Waldweitergabe im Rahmen der
vorweggenommenen Erbfolge
Die Waldweitergabe im Rahmen der soge-
nannten vorweggenommenen Erbfolge ist
im rechtlichen Sinne keine Verfügung von
Todes wegen. Vielmehr überträgt der private
Waldeigentümer einvernehmlich auf Grund-
lage einer – im Regelfall – Schenkung den
gewünschten Teil seines Waldgrundstückver-
mögens auf den selbst auserwählten Nach-
folger. Der in der Praxis wohl häufgste Fall ist
dabei die Übertragung an die eigenen Nach-
kommen, wenngleich dies natürlich nicht
zwingend ist. Bei einer Schenkung handelt
es sich nach § 516 Abs. 1 des Bürgerlichen
Gesetzbuchs (BGB) um eine unentgeltliche
Zuwendung. Nach § 518 Abs. 1 S. 1 BGB be-
darf ein Schenkungsversprechen der nota-
riellen Beurkundung. Dies ist die verbindliche
Willenserklärung des Waldeigentümers, das
Grundstück an den Nachfolger unentgeltlich
übereignen zu wollen. In der Praxis wird der
– rechtlich zwar zu trennende – Schenkungs-
vertrag allerdings zumeist zeitgleich mit der
Eigentumsübertragung am Waldgrundstück
gemäß §§ 873, 925 BGB vollzogen und en-
det mit der Eintragung des Neueigentümers
im Grundbuch. Diese Eigentumsübertragung
bedarf zur Formwirksamkeit ebenfalls der Ei-
nigung vor dem Notar. Dieser ist gesetzlich
zur fachkundigen Beratung verpfichtet und
klärt über individuell zugeschnittene recht-
liche Gestaltungsmöglichkeiten und etwaige
Risiken auf. Empfohlen wird, diese Beratungs-
funktion des Notars in Anspruch zu nehmen.
Nach § 525 Abs. 1 BGB ist auch eine Schen-
kung unter Aufage möglich, d. h. es ist durch
vertragliche Gestaltung etwa regelbar, dass
sich der Schenker Leistungen versprechen
lässt, soweit diese nicht den unentgeltlichen
Schenkungscharakter in Frage stellen. Dies ist
in den Konstellationen sinnvoll, in denen zwar
grundsätzlich eine Waldweitergabe bereits
zu Lebzeiten gewünscht ist, aber der Schen-
ker nicht nahezu einschränkungslos jegliche
Rechte an dem Grundstück übertragen will.
So wäre es bspw. denkbar, die Schenkung mit
der Aufage zu verknüpfen, dass etwa zum
eigenen Brennholzverbrauch zu Lebzeiten
jährlich ein festgelegter Teil der Holzernte aus
dem überlassenen Wald an den Schenker zu
leisten ist.
Soweit übrige gesetzliche Erben vorhanden
sind, besteht eine häufge Aufage auch da-
rin, dass wegen der vorweggenommenen
Erbfolge noch Abfndungsleistungen an die
übrigen Erben zu leisten sein sollen, um eine
anteilig etwa gleiche Verteilung zu gewähr-
leisten. Gerade bei der Waldweitergabe in
die nächste Generation an einen Abkömm-
ling – aber mehreren weiteren vorhanden
Abkömmlingen/gesetzlichen Erben – sollten
etwaige Pfichtteils- (vgl. § 2315 BGB) und
Ausgleichsansprüche (dazu § 2050 BGB) so-
gleich mitbedacht und mitgeregelt werden.
Eine einvernehmliche rechtzeitige Einigung
zu Lebzeiten unter Beteiligung aller gesetz-
lichen Erben beugt auch hier späteren Erb-
streitigkeiten vor.
3. Die Waldweitergabe im Rahmen
einer letztwilligen Verfügung
Soweit eine Waldweitergabe durch Übertra-
gung des Eigentums bereits zu Lebzeiten nicht
den Vorstellungen entspricht, besteht die
Möglichkeit der Nachfolgeregelung im Rah-
men einer letztwilligen Verfügung, d. h. der
Anordnung des Waldeigentümers als Erblasser
für den Fall seines Todes. Eine solche emp-
fehlt sich stets, wenn die gesetzliche Erbfolge
nicht den Wünschen des Erblassers gerecht
wird. Eine Form der letztwilligen Verfügung
ist der Erbvertrag, §§ 2274 ff. BGB. Dieser ist
zwingend zur Wirksamkeit vor dem Notar zu
schließen. Dabei verpfichtet sich der Erblas-
ser regelmäßig zur Erbeinsetzung, im Gegen-
zug erhält er jedoch eine zu vereinbarende
Leistung. Es könnte beispielsweise vertrag-
lich geregelt werden, dass der Abkömmling/
Nachfolger, der zu Lebzeiten des Erblassers die
Waldbewirtschaftung übernimmt, im Todes-
fall das Waldvermögen erhält. Die wichtigste
Form der letztwilligen Verfügung ist allerdings
das Testament. Man unterscheidet nach der
Art der Errichtung insbesondere das nota-
rielle beziehungsweise öffentliche und das
eigenhändige Testament. Wie es die Bezeich-
nung verrät, wird das notarielle Testament
zur Niederschrift eines Notars errichtet. Auch
wenn die Errichtung vor dem Notar mit ent-
sprechenden Gebühren verbunden ist, bietet
es doch die sicherste Form. Gerade weil der
Notar seiner gesetzlichen Beratungsfunktion
entsprechend etwaige Ungenauigkeiten in
der Formulierung erkennt, auf deren Präzi-
sierung hinwirken wird und somit den testa-
mentarischen Willen zur Verwirklichung ver-
helfen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass das
notarielle Testament im Erbfall regelmäßig die
Kosten für den Erbschein erspart. Soweit man
sich trotz dieser Vorteile für ein privatschriftli-
ches Testament entscheidet, ist darauf zu ach-
ten, dass die formellen Voraussetzungen zur
Wirksamkeit beachtet werden (§ 2247 BGB).
Das Testament ist vollständig eigenhändig
zu schreiben (handschriftlich) und zu unter-
schreiben. Es soll die Zeit und den Ort der Nie-
derschrift beinhalten. Inhaltlich sind vielfältige
Gestaltungen nach den individuellen Vorstel-
lungen der gewünschten Nachfolgeregelung
möglich. Soweit es mehrere Erben gibt, ist zu
beachten, dass – selbst wenn testamentarisch
nur ein Nachfolger als Waldeigentümer be-
stimmt ist – bis zur Erbauseinandersetzung
eine Erbengemeinschaft gebildet wird, die zu-
nächst gemeinschaftlich den Waldbesitz ver-
waltet. Ein besonderes Augenmerk ist auch bei
der Verfügung von Todes wegen auf etwaige
Pfichtteilsansprüche zu richten. Diese sollten
bei den Überlegungen einbezogen und einer
Regelung zugeführt werden.
4. Fazit
Der eigene private Wald ist häufg ein ge-
nerationsübergreifendes Projekt. Was die
Vorfahren gepfanzt, man selbst gepfegt
und heranwachsen gesehen hat, werden die
Nachfahren ernten. Diese damit verbundene
Verantwortung bedarf einer sorgfältigen und
ausgewogenen Nachfolgebestimmung, damit
der eigene Wald auch in Zukunft in guten
Händen verbleibt. Es empfehlt sich, frühzei-
tig Gedanken über die eigenen Vorstellungen
zur Nachfolgeregelung zu machen und die-
se gegebenenfalls unter fachlicher Beratung
durch Rechtsanwälte und Notare rechtsge-
stalterisch umzusetzen, damit eigene Zielvor-
stellungen und Interessen rechtssicher ver-
wirklicht werden. Aufgrund der vielfältigen
Konstellationen und Gestaltungsoptionen, die
auch unterschiedlich rechtlich zu bewerten
sein können, gibt es keine allgemeingültigen
Patentrezepte. Etwaige verständliche Hemm-
nisse, sich der eigenen Vergänglichkeit zu
stellen oder Bedenken, dass man durch eine
vermeintlich einseitige Nachfolgebestim-
mung bezüglich des Waldes andere Ange-
hörige benachteiligt, sollten dem Gedanken
weichen, dass damit eine selbstbestimmte
zukunftssichere Regelung getroffen wird. Zu-
meist lassen sich zudem individuell angepass-
te Lösungen entwickeln, die im gemeinsamen
Austausch allseitige Zustimmung fnden.
Michael Trauzettel
ist Referent für Recht im Refe-
rat Recht bei Sachsenforst
| 31

Wald vererben und verschenken –
Grundlagen und Steuervermeidung
Die unentgeltliche Weitergabe von Grundbe-
sitz – insbesondere von Wald – ist in der Praxis
nach wie vor ein sehr präsentes Thema. Hier
geht es in den meisten Fällen um erhebliche
Vermögenswerte. Zum Leidwesen von Abge-
bendem und Bereicherten weckt dies natür-
lich auch Begehrlichkeiten seitens des Finanz-
amtes. Die gute Nachricht gleich vorweg: Bei
geschickter Gestaltung lassen sich die Steuer-
belastungen hier so gut wie immer vermeiden.
Eine korrekte und möglichst steuergünstige
Übergabe des Forstbetriebes sollte oberstes
Ziel sein. Sehr viel kann hier falsch gemacht
werden, was teils erhebliche Kosten nach sich
zieht. Durch gute Planung können die meisten
Problembereiche sicher umschifft werden.
Wir beschäftigen uns im Folgenden aus-
schließlich mit der unentgeltlichen Übergabe
des Waldes, also der Vererbung oder der Ver-
schenkung. Die Veräußerung ist ein ganz eige-
nes Thema und soll hier nicht weiter behandelt
werden. Drei Steuerarten sind bei der unent-
geltlichen Übertragung ganz wesentlich: die
Einkommensteuer, die Erbschaftsteuer (falls
die Übertragung anlässlich des Todes des
Besitzers durchgeführt wird) und die Schen-
kungsteuer (falls der Besitzer den Betrieb noch
zu Lebzeiten „mit warmen Händen” überträgt).
Einkommensteuer
Generell kann ein Forstbetrieb unentgelt-
lich vom Alteigentümer an den Nachfolger
übergeben werden. Hier sollte der Betrieb
im Ganzen übertragen werden, was zur Fol-
ge hat, dass die steuerlichen Buchwerte der
Wirtschaftsgüter vom Erwerber übernommen
werden können. Dies ist ganz entscheidend.
Andernfalls wären die „stillen Reserven” auf-
zudecken, d. h. die Werte der Wirtschaftsgüter
werden mit aktuellen Richt- oder Marktprei-
sen angesetzt, wobei z. B. bei forstwirtschaft-
lichen Flächen enorme Gewinne durch aktuell
hohe Preise anfallen würden.
Um zu verstehen, worum es eigentlich beim
Thema „Stille Reserven” geht, werfen wir zu-
nächst einen Blick auf deren Entstehung: Er-
wirbt ein forstwirtschaftlicher Betrieb Wirt-
schaftsgüter – z. B. Boden mit oder ohne
aufstehendem Holz – dann sind die Anschaf-
fungskosten hierfür stets der Wert, mit dem
diese Wirtschaftsgüter im Jahresabschluss
erscheinen. Ein Wertausweis über diese An-
schaffungskosten hinaus ist im deutschen
Recht nicht zulässig. Das hat zur Konsequenz,
dass Wertsteigerungen im Anlagevermö-
gen nicht berücksichtigt werden. Der Boden
nebst Aufwuchs ist dann beispielsweise nach
einigen Jahren mehr wert, als sein Wert im
Jahresabschluss vermuten lässt. Diese Wert-
steigerungen werden als stille Reserven be-
zeichnet. Weil die Wertsteigerungen aber bi-
lanziell keinen Niederschlag fnden, werden sie
vom deutschen Fiskus solange nicht besteuert,
bis es zur Aufdeckung der Differenzen kommt.
Der entscheidende steuerliche Vorteil der un-
entgeltlichen Übertragung liegt in ebenjener
Vermeidung der Aufdeckung der stillen Re-
serven und der ausbleibenden Gewinnrealisie-
rung, weil die Buchwerte fortgeführt werden,
unabhängig davon, aus welchen Gründen der
Gesellschafter seinen Anteil unentgeltlich über-
trägt. Buchwertfortführung bedeutet, dass kei-
ne stillen Reserven aufgedeckt werden und so-
mit hierdurch keine Einkommensteuer entsteht.
Nur wenn die Buchwertfortführung nicht
greift, etwa weil nicht alle wesentlichen Be-
triebsgrundlagen übertragen werden (siehe
unten) oder die Übertragung nicht unentgelt-
lich war, werden stille Reserven aufgedeckt.
Das führt meist zu erheblichen Steuerbelas-
tungen. Viele kleine und mittlere Betriebe kön-
nen diese Belastungen oft nicht schultern, was
meistens das Ende des Forstbetriebes bedeutet.
Tabelle 1: Anlage 15 zum BewG
Eine unentgeltliche Übertragung eines Forst-
betriebes liegt auch dann vor, wenn der Aus-
scheidende seinen Anteil zwar entgeltlich
überträgt, das Entgelt jedoch aus privaten
Gründen (familiäre Erwägungen) höchstens
dem Buchwert entspricht oder sogar unter
dem Buchwert liegt. Dies wird meistens nur
bei Übertragungen innerhalb der Familie der
Fall sein. Bei Vereinbarungen zwischen Frem-
den spricht dagegen eine Vermutung dafür,
dass Leistung und Gegenleistung kaufmän-
nisch gegeneinander abgewogen sind und die
Übertragung daher immer entgeltlich erfolgt.
In der Praxis kann die Einkommensteuer in
der Regel vermieden werden, weil die Über-
tragung der wesentlichen Betriebsgrundlagen
meist gegeben ist. Spannend wird es bei der
Erbschaft- oder Schenkungsteuer, die wir im
Folgenden betrachten.
Erbschaft- oder Schenkungsteuer
Die Erbschaftsteuer besteuert die unentgelt-
liche Übergabe von Vermögen in Todesfällen,
aber auch zu Lebzeiten des Inhabers. In letz-
terem Fall spricht man von Schenkungsteuer.
Sowohl Erbschaft- und Schenkungsteuer sind
jedoch im gleichen Gesetz geregelt und unter-
scheiden sich nur in wenigen Punkten. Die
Erbschaft-/Schenkungsteuer schlägt immer
dann zu, wenn bei der Betriebsübergabe kein
Nutzungsart
Baumartengruppe
Ertragsklasse
Reingewinn
EUR/ha
Buche
I. Ertragsklasse und besser
II. Ertragsklasse
III. Ertragsklasse und schlechter
78
51
25
Eiche
I. Ertragsklasse und besser
II. Ertragsklasse
III. Ertragsklasse und schlechter
90
58
17
Fichte
I. Ertragsklasse und besser
II. Ertragsklasse
III. Ertragsklasse und schlechter
105
75
49
Kiefer
I. Ertragsklasse und besser
II. Ertragsklasse
III. Ertragsklasse und schlechter
26
11
11
übrige Fläche der forstwirt-
schaftlichen Nutzung
11
32 |

Tabelle 2: Anlage 15a zum BewG
Werte für das Besatzkapital nach Altersklassen in €/ha
Altersklasse
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
Jahre
1–20
21–40
41–60
61–80 81–100 101–120 121–140 141–160 161–180 >180
Buche I. EKL und besser
32,30
32,30
39,70
61,90
99,70 147,60 179,00 167,30 167,30 167,30
Buche II. EKL
19,30
19,30
22,20
34,60
54,80
83,30
104,20
99,60
99,60
99,60
Buche III. EKL und schlechter
6,70
6,70
7,00
12,20
21,30
33,70
45,10
44,60
44,60
44,60
Eiche I. EKL und besser
38,30
38,50
45,90
60,90
80,20
102,50 129,30 155,40
177,70 200,40
Eiche II. EKL
22,80
22,80
25,60
33,80
45,50
58,90
76,30
93,80
107,30 120,90
Eiche III. EKL und schlechter
5,40
5,40
5,50
8,00
12,00
17,20
23,00
29,90
37,50
44,20
Fichte I. EKL und besser
45,20
61,50
112,50 158,60 186,20 186,20 186,20 186,20 186,20 186,20
Fichte II. EKL
30,70
35,90
68,30
102,60 123,80 133,60 133,60 133,60 133,60 133,60
Fichte III. EKL und schlechter
18,40
18,90
34,90
59,20
77,70
88,40
88,40
88,40
88,40
88,40
Kiefer I. EKL und besser
7,10
7,70
15,20
23,10
29,10
34,40
37,60
37,60
37,60
37,60
Kiefer II. EKL
0,00
0,10
2,40
6,10
9,00
11,30
12,70
12,70
12,70
12,70
Kiefer III. EKL und schlechter
0,00
0,00
1,10
5,20
8,80
11,20
12,70
12,70
12,70
12,70
Geld fießt (bzw. nur sehr wenig im Vergleich
zum tatsächlichen Wert des Betriebes).
Im Rahmen der unentgeltlichen Übergabe
(aufgrund von Tod oder Schenkung) führt das
Finanzamt eine stark vereinfachte Bewertung
des Betriebes durch, damit es weiß, worauf es
die Steuer erheben soll – es fießt ja kein Geld.
Auf den aus der Bewertung resultierenden
Betrag wird dann der Steuersatz angewandt,
der je nach Verwandtschaftsgrad zwischen
Abgeber und Erwerber, aber auch nach Wert
des Betriebes schwankt.
Bei der Waldbewertung für steuerliche Zwe-
cke sind weder aktuelle Marktpreise noch die
tatsächlichen Gewinne des Forstbetriebes
relevant (anders z. B. als bei einem Gewerbe-
betrieb). Es fndet lediglich eine Bewertung
mittels gewisser Pauschalen statt. Erfreuli-
cherweise liegen diese deutlich unter aktuel-
len Marktwerten. Steuerlich wird Wald somit
weit niedriger bewertet, als es die aktuelle
Marktlage widerspiegelt.
Bei der steuerlichen Bewertung von Wald
müssen zwei Werte ermittelt werden. Einer-
seits der so genannte Reingewinn und an-
dererseits der so genannte Mindestwert. Der
höhere der beiden Werte ist dann ausschlag-
gebend. Der Reingewinn je Hektar lässt sich
aus einer Tabelle im Bewertungsgesetz ablesen
(siehe Tabelle 1). Es fndet keine Unterschei-
dung nach Region oder Betriebsgröße statt.
Die Fläche des Waldes in Hektar ist mit dem
Reingewinn aus der Tabelle zu multiplizie-
ren. Dies ist aber nicht der endgültige Wert.
Der Reingewinn ist unter Berücksichtigung
eines Zinssatzes zu kapitalisieren. Der Zins-
satz zur Kapitalisierung des jeweiligen Rein-
gewinns beträgt 5,5 %: Dieser Zinssatz setzt
sich aus einem Basiszinssatz von 4,5 % und
einem Risikozuschlag von 1,0 % zusammen.
Aus dem Prozentsatz von 5,5 % ergibt sich
ein Kapitalisierungsfaktor von 18,6. Das fol-
gende Beispiel soll die Berechnung deutlich
machen:
Beispiel 1: 100 ha Kiefer, Ertragsklasse I
26 €/ha (aus der Tabelle) x 100 ha = 2.600 €
2.600 € x 18,6 = 48.360 €
Die 100 ha Kiefernwald haben steuerlich einen
Wert von 48.360 €.
Für Kleinwaldbesitzer interessant: Für Wald
mit einer Gesamtgröße bis zu 10 ha lässt das
Finanzamt unabhängig von der Nutzungsart
und der Ertragsklasse aus Vereinfachungs-
gründen die Bewertung mit dem Reingewinn
für die Baumartengruppe Kiefer III. Ertrags-
klasse zu. Aus der Tabelle ergibt sich hier ein
Reingewinn von 11 €/ha. Waldbesitzer mit
weniger als 10 ha können für eine Bewertung
also immer ihre Fläche mit 205,60 € multipli-
zieren (18,6 x 11 €/ha = 205,60 €/ha).
Der Reingewinn lässt sich somit relativ leicht
errechnen. Nun muss dieser mit dem Mindest-
wert verglichen werden, dessen Berechnung
ein wenig komplizierter ist. Der Mindestwert
setzt sich aus dem Wert für
den Grund und Boden sowie
der sonstigen Wirtschaftsgüter (Besatz-
kapital)
zusammen. Zum Besatzkapital zählen die
Wirtschaftsgebäude, das Anlagevermögen
und Vorräte.
Für Grund und Boden wird immer ein Pacht-
preis von 5,40 Euro je ha zu Grunde gelegt. Es
gibt hier keine Unterscheidung nach Ertrags-
klassen. Der Wertansatz für das Besatzkapital
differenziert bei den einzelnen Baumarten-
gruppen nach den Ertragsklassen und ins-
gesamt 10 verschiedenen jeweils 20-jährigen
Altersklassen (Tabelle 2).
Die Werte für Grund/Boden und dem Be-
satzkapital sind zu addieren und ebenfalls
mit dem Kapitalisierungsfaktor von 18,6 zu
multiplizieren. Erneut soll ein Beispiel die Be-
rechnung verdeutlichen. Wir nehmen hierfür
wieder unsere 100 ha Kiefer, Ertragsklasse I,
wobei wir nun zusätzlich das Alter des Be-
standes wissen müssen. Wir gehen von 50
Jahren aus:
Wertansatz Grund und Boden: 5,40 €/ha x
100 ha = 540 €
Wertansatz Besatzkapital; Bsp. 50 Jahre:
15,20 €/ha x 100 ha = 1.520 €
(540 € + 1.520 €) x 18,6 = 38.316 €
In unserem Beispiel hat der Forstbetrieb kei-
ne weiteren Verbindlichkeiten. Sollten solche
existieren, können sie beim Mindestwert noch
| 33

image
image
fit
abgezogen werden (nicht aber beim Reinge-
winn).
Nach dem Mindestwertverfahren hätte der
Wald einen Wert von 38.316 €. Ein Vergleich
mit dem vorher berechneten Reingewinn
(48.360 €) ergibt, dass dieser höher ist. So-
mit wird der Reingewinn angesetzt. Soweit
in einem Forstbetrieb mehrere Baumarten-
gruppen vorhanden sind, ist getrennt für jede
Baumartengruppe
die Mindestbewertung zu
ermitteln.
Es wird deutlich, dass der steuerliche Wert
des Waldes erheblich unter aktuellen Markt-
preisen liegt. Einen 50-jährigen, 100 ha gro-
ßen Kiefernwald gibt es am Markt sicher nicht
mehr für knapp 50.000 €.
Die günstige steuerliche Bewertung steht
unter der Aufage, dass innerhalb von 15 Jah-
ren keine Veräußerung des Waldes erfolgt. Bei
einem
Verstoß gegen die Behaltensfristen ist
eine Liquidationsbewertung vorzunehmen.
Hierbei wird dann der Verkehrswert angesetzt,
also eine Bewertung zu aktuellen Marktwer-
ten. Der komplette Erbfall wird dann bis zu
15 Jahre nach dem Erb- oder Schenkungsfall
neu aufgerollt.
Nach der Bewertung ist zu prüfen, ob eine
Übergabe erbschafts- und schenkungssteuer-
Änderungen im Zusammenhang
„Wald und Schiene“ –
Was Waldbesitzer beachten müssen
Durch Stürme oder Unwetter geworfene Bäu-
me bzw. abbrechende Kronenteile sind eine
immer wiederkehrende Ursache für Beein-
trächtigungen des Eisenbahnverkehrs. Zwar
besteht
im Rahmen der Verkehrssicherungs-
pficht im Allgemeinen und der Strafbarkeit
des fahrlässigen Eingriffes in den Bahnver-
kehr (§ 315 StGB) im Speziellen die Pficht
des Waldbesitzers,
Gefahren für den Bahnver-
kehr abzuwenden. Dennoch wurden mit dem
Gesetz zur Änderung von Vorschriften
im
Eisenbahnbereich zum 1. Juli 2021 die Rah-
menbedingungen für die Verkehrssicherungs-
pfichten konkretisiert und teilweise erweitert.
Für Waldbesitzer sind in diesem Zusammen-
hang zwei Änderungen von Bedeutung:
1. Die Änderung des
Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG)
Der neu gefasste § 24 AEG Verkehrssiche-
rungspfichten defniert die Rechte und
Pfichten im Rahmen der Verkehrssicherung
sowohl für Waldbesitzer als auch für Eisen-
bahnbetreiber. So ist der Waldbesitzer nun-
mehr verpfichtet „… auf dem Grundstück
innerhalb eines 50 Meter breiten Streifens
beidseits entlang der Gleise … die geeigneten,
erforderlichen und zumutbaren Maßnahmen
zu ergreifen, um Gefahren für die Sicherheit
des Schienenverkehrs oder andere Rechtsgü-
ter durch umsturzgefährdete Bäume, heraus-
brechende oder herabstürzende Äste, sons-
tige Vegetation oder Zäune, Stapel, Haufen
oder andere mit dem Grundstück nicht fest
verbundene Einrichtungen abzuwehren.”
Auch wenn diese Neufassung einen potenziell
erhöhten Umfang von Kontrollen
und Durch-
führung von Verkehrssicherungsmaßnahmen
für Waldbesitzer
bedeutet, entsteht durch
diese Regelung keine Pficht zur vorsorglichen
Entnahme oder Kappung von gesunden Bäu-
men (potenzielle Gefahr). Die Pficht, eine Ver-
kehrssicherungsmaßnahme durchzuführen,
setzt
weiterhin das Vorliegen einer konkreten
Gefahr voraus.
Ergänzend werden in § 24a AEG die Befug-
nisse der Eisenbahnbetreiber ausgeweitet.
Mitarbeiter von Schienenwegbetreibern bzw.
deren Beauftragte sind nunmehr berechtigt,
Baumbestände innerhalb eines 50 Meter brei-
ten Streifens beidseits entlang der Gleise zu
betreten und auf Gefahren für die Sicherheit
des Schienenverkehrs zu kontrollieren. Dabei
festgestellte Gefahren sind eindeutig und
dauerhaft zu kennzeichnen und dem Waldei-
gentümer in einer geeigneten Dokumentation
mitzuteilen. Dieser ist dann für die Herstel-
lung der Verkehrssicherheit verantwortlich.
Werden
bei diesen Kontrollen akute Risiken für
die Sicherheit des Schienenverkehrs festge-
stellt („Gefahr in Verzug”), sind die Eisenbahn-
betreiber berechtigt, diese unverzüglich zu be-
seitigen. Die Gefahrbeseitigung ist durch den
Waldbesitzer
zu dulden und die entstandenen
Kosten müssen dem Eisenbahnbetreiber im
frei erfolgen kann, was in den meisten Fällen
mithilfe geschickter Beratung möglich ist.
Hier ist dann neben dem 15-jährigen Bewer-
tungsvorbehalt noch eine 5- bzw. 7-jährige
Behaltensfrist zu beachten.
Somit kann Wald
kann nach wie vor steuerfrei
im Rahmen der Generationsnachfolge vererbt
oder verschenkt werden.
Dr. Marcel Gerds
ist Steuerberater in Lutherstadt
Wittenberg und auf die Bera-
tung land- und forstwirtschaft-
licher Betriebe spezialisiert
Nachgang erstattet werden. Auch Regelungen
für zugewachsene Schienenwege wurden im
Rahmen der Gesetzesnovellierung angepasst.
2. Änderung des Bundeswaldgesetzes
Um die Herstellung von Verkehrssicher-
heit im direkten Umgriff der Schienenwege
zu erleichtern, wurde im Bundeswaldgesetz
(BWaldG) die Defnition des Waldbegriffes
entsprechend erneuert. So sind mit Forst-
pfanzen bestockte Grundfächen
auf Schienenwegen und
beidseits der Schienenwege in einer Breite
von 6,80 Metern
kein Wald im Sinne des Gesetzes (§2 BWaldG
Absatz 2 Nummer 5). Verkehrssicherungs-
maßnahmen im direkten Umfeld des Schie-
nennetzes sind daher nicht an die Vorgaben
des BWaldG gebunden. Infolgedessen wird
insbesondere die Rodung von Bäumen auf
vorübergehend nicht befahrenen Gleisen er-
leichtert.
Michael Götze-Werthschütz ist
Sachbearbeiter im Referat Recht
bei Sachsenforst
34 |

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Aufbäumen statt aufforsten!
Angesichts der verheerenden Borkenkäfer- und
Hitzeschäden der letzten Jahre bedarf es keiner
einleitenden Worte, um den Klimawandel und
seine Folgen als eine wesentliche Herausforde-
rung der Gegenwart darzustellen. Aber auch
um die Lösung des Problems lässt sich treffich
streiten. Mit Blick auf die Waldwirtschaft rei-
chen die Forderungen vom Nutzungsverzicht,
insbesondere in naturnahen Laubwäldern, und
einem maximalen Vorratsaufbau zur Kohlen-
stoffspeicherung im Wald bis hin zur verstärk-
ten Nutzung von Holz, um Zement, Kohle und
Öl als Rohstoff und Energielieferant zu erset-
zen. Einheitlicher als beim Umgang mit den
bestehenden Wäldern fällt auf den ersten Blick
die Forderung nach mehr Wald aus.
Auf der Knäckebrotverpackung oder an der
Bushaltestelle – mit dem Slogan „Stop talking –
start planting” wirbt die Initiative „Plant for the
Planet” derzeit intensiv Geld für Aufforstungs-
projekte ein. Vom Mineralwasserproduzenten
bis zum Automobil – die klimaneutrale Produk-
tion wird anteilig durch „qualifzierte Kompen-
sationsprojekte” sichergestellt. Für großfächige
Aufforstungsprogramme, etwa als „Bonn Chal-
lenge” oder „Billion-Bäume-Programm” bewor-
ben, stehen immense Geldmengen bereit.
Von den etwa 650 Gt (1 Gt = 1 Milliarde
Tonnen) Kohlenstoff, die zwischen 1850 und
2019 durch die Verbrennung fossiler Energie-
träger und bei der Zementproduktion in die
Atmosphäre abgegeben wurden (1), sollen ihr
in den nächsten Jahrzehnten durch Auffors-
tungen wieder 205 Gt entzogen werden (2).
Eine Forschergruppe der ETH Zürich ermittelte
hierfür 2019 ein weltweites Flächenpotenzial
in Höhe von 0,9 Billionen Hektar (3).
Allerdings werden diese Aufforstungspro-
gramme ebenso als Hype kritisiert, der kaum
zur Lösung der Probleme beiträgt (3). Denn
am Ende konkurriert der Bedarf an zusätzli-
chen Waldfächen in erster Linie mit dem Flä-
chenbedarf zur Ernährung einer steigenden
Weltbevölkerung. Bisher wurde der Flächen-
bedarf hierzu entweder durch eine drastische
Intensivierung der Landwirtschaft mit hö-
herem Energie- und Stoffeinsatz oder groß-
fächige Entwaldungen befriedigt. Mit dem
Erhalt bestehender Wälder, dem Schutz der
verbliebenen Wildnis und die Forderung nach
neuer sekundärer Wildnis (4) ist das Flächen-
potenzial keine Reserve.
Aufforstungen gehen immer zulasten anderer
Landnutzungen. Die Kritiker und die Autoren
der Aufforstungsstudie selbst merken hierzu
an: „Wenn wir Aufforstungen fördern, werden
sich große Konzerne auch Landwirtschafts-
fächen krallen – gerade von Kleinbauern und
ethnischen Minderheiten – und dort so billig
wie möglich Bäume pfanzen, um die entspre-
chenden Fördergelder und CO
2
-Zertifkate ab-
zugreifen.” Das Problem der Landspekulation
wird also verschärft, die Ernährungssouve-
ränität und Sicherheit der Nahrungsmittel-
produktion weiter untergraben. Allein durch
Aufforstungen ist dem Problem also bei wei-
tem nicht beizukommen und es scheint so, als
stünde das Pfanzen von Bäumen im Gegen-
satz zur Ernährung der Weltbevölkerung.
Wo liegt das Potenzial?
Schauen wir uns die überwiegend landwirt-
schaftlich geprägten Landschaften weltweit
genauer an: Heute speichern Bäume in land-
wirtschaftlichen Regionen ungefähr 35 Gt
Kohlenstoff (5). Das sind junge und alte Soli-
tärbäume in kleinbäuerlicher, meist tropischer
Landwirtschaft, aber auch tausende Hektar
Oliven-, Mandel-, Orangen- und weitere
Fruchtplantagen. Die FAO beziffert die mit
Gehölzen bestandene landwirtschaftliche Flä-
che auf 204 Millionen Hektar. Die rein acker-
baulich genutzte Fläche ist dagegen mit 1.734
Millionen Hektar mehr als acht Mal größer.
Hinzu kommen noch etwa 3.240 Millionen
Hektar, die als Weiden, Gras- oder Buschland
zur Viehhaltung genutzt werden. Reichlich
Platz für Bäume und Wälder.
Im dichtbesiedelten, vergleichsweise stark
industrialisierten Sachsen ist die Landschaft
seit Jahrhunderten erstaunlich konstant.
Änderungen an der Flächennutzung traten
im Wesentlichen mit dem Bau von Straßen,
Siedlungen und Gewerbefächen oder im Zu-
sammenhang mit dem Braunkohlebergbau
auf. Das seit 1990 bestehende Ziel, den Wald-
fächenanteil von damals rund 27 % auf den
Bundesdurchschnitt von 30 % zu erhöhen,
wurde dagegen bisher nicht erreicht.
Seit einigen Jahren rücken die Agroforstsyste-
me – also die Kombinationen aus herkömm-
licher Landwirtschaft mit Gehölzen – in den
Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen.
Die Herleitung einer Fläche von Agroforst-
systemen ist allerdings schwierig. Globale Ab-
schätzungen (6) gehen davon aus, dass etwa
45 Prozent der landwirtschaftlich genutzten
Fläche zu mehr als 10 % von Bäumen bedeckt
sind. In Sachsen beziffert der letzte Agrarbe-
richt die Fläche für den Obstbau mit 3.800 ha
und die Fläche mit Kurzumtriebsplantagen
auf 250 ha. Bezogen auf die gesamte land-
wirtschaftliche Fläche (900.000 ha) ein-
schließlich des Dauergrünlandes ist dies ein
Anteil von 0,4 %.
Deshalb ist das Potenzial zum „Aufbäumen
der Landschaft” in Sachsen nicht zu unter-
schätzen. Visiert man beispielsweise für
50 % der landwirtschaftlichen Flächen einen
Gehölzanteil von 10 % an (siehe Studie der
BTU Cottbus) (7), wäre die angestrebte Wald-
fächenmehrung erreicht. Rechtlich gesehen
sind Bäume in Agroforstsystemen allerdings
auch weiterhin landwirtschaftliche Kulturen
und somit kein Wald im Sinne des Waldge-
setzes. Die Flächen bleiben daher auch in der
landwirtschaftlichen Förderkulisse und unter-
Abb. 1: Sogar einfache Energieholzstreifen geben vielen Agrarlandschaften deutlich mehr Struktur als
bisher. Das Mikroklima verbessert sich, die Erträge werden stabiler und können sogar steigen. Hier ein
noch junges Beispiel aus Sachsen-Anhalt. Foto: Philipp Gerhardt
| 35

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Tabelle 1: Ein Baumstreifen enthält etwa die gleiche Menge Eichenholz wie ein Mischbestand, obwohl seine Bäume nur ein Drittel der Fläche überschirmen.
Weil das Seitenlicht lange grüne Kronen erhält, sind viel mehr dicke Stämme auf gleichem Raum möglich. Die fächenbezogenen Unterschiede fallen noch
größer aus, wenn statt der überschirmten Fläche der genutzte Standraum (ca. 0,1 ha) betrachtet wird. Übersicht: Sven Martens
Vergleich
Eichenmischbestand im Fürstenholz,
Fläche 100 x 100 m = 1 ha
Baumreihe aus Eiche und Esche
in Dresden, Koblenzer Straße, 170 m lang
Alter
Eiche (grün) 138 Jahre,
Hainbuche (blau) 117 und 50 Jahre
ca. 100 Jahre
(Sportplatz zwischen 1920 und 1930 erbaut)
Dimension EI
48 cm BHD / 24,5 m hoch
57 cm BHD / 22,0 m hoch
Bestand
davon Eiche
absolut (0,3 ha)
pro Hektar
Stammzahl
336 N
53 N
44 N
160 N/ha
Grundfäche
23 m²
10 m²
12 m²
40 m²/ha
Vorrat
265 m³
133 m³
150 m³
500 m³/ha
liegen nicht den Regelungen des Waldgeset-
zes. Die Kohlenstoffsenke dieser von Bäumen
bestandenen landwirtschaftlichen Flächen
geht die über die in den Bäumen gebundene
Biomasse hinaus. Vor allem, wenn die Baum-
streifen auf Acker statt auf Grünland errichtet
werden, nimmt der Bodenkohlenstoff stärker
zu (8–10).
Ein Zehntel der Landwirtschaftsfäche – das
kann ein einziger Baumstreifen je Hektar im
Acker sein, der mehr Kronen- als Standraum
benötigt. Um den stehenden Vorrat langfris-
tig zu halten, müssten die Streifen wie eine
Streuobstwiese baumweise verjüngt werden.
Regelmäßig genutzte Gehölzstreifen im Kurz-
umtrieb speichern zwar weniger Kohlenstoff
in der Biomasse, binden dafür aber pro Jahr
und Hektar durchschnittlich rund 10 t Koh-
lenstoff (7). Bäume auf dem Acker sind also
eine vielversprechende Lösung für die Erhö-
hung der Kohlenstoffsenken.
Steppenlandschaft mit Steppenklima
Ein weiterer Vorteil des Aufbäumens der
Landschaft besteht darin, dass lichte Gehölz-
landschaften ideal für die Grundwasserneu-
bildung sind (11). Sie kühlen die Landschaft
Abb. 2: Werden Agroforstsysteme mit der Geländekontur angelegt, kann Erosion völlig verhindert und
der Wasserrückhalt in der Fläche maximiert werden. Hier ein Beispiel aus Brandenburg auf Sandboden!
Foto: Philipp Gerhard
und reduzieren den Verdunstungsstress der
Kulturen (12). Die vitalere Vegetation erhöht
wiederum die Regenwahrscheinlichkeit in der
Region (13-16). Die Mechanismen sind kom-
plex und je nach Klimazone und Topografe
verschieden.
Gegenüber dem Acker weisen Agroforstfä-
chen eine tiefere Durchwurzelung, erhöhte
Blattfäche, höhere Rauigkeit und Bodenbe-
deckung auf. Dies wirkt sich positiv auf den
latenten Wärmeabtransport, die Verdunstung,
die Erwärmung der Oberfächen, die Maximal-
temperatur und Niederschlagsbildung aus. In
Deutschland kann der Anbau von Pappeln im
Kurzumtrieb auf einem Zehntel der Acker-
fäche den klimawandelbedingten Tempera-
turanstieg bis 2075 in der Umgebung um 5
% bis 20 % verringern (17). In dieser Studie
wurden Einfüsse auf die Art und Menge der
Wolkenbildung, einem Schlüsselelement für
die Kühlung der Atmosphäre (18,11), noch
nicht berücksichtigt.
Umgekehrt hat die Entwaldung der Tropen
ein Ausmaß erreicht, das überregional den
Rückgang der Niederschläge um bis zu 40 %
bedingt (19). Durch die Änderungen der Land-
bedeckung hat sich weltweit der Oberfä-
chenabfuss um 7,5 % erhöht und die Evapo-
transpiration (= Verdunstungssumme aus
Tier- und Pfanzenwelt) um 5 % verringert.
In den strukturlos gewordenen Agrarland-
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schaften erwärmt sich die Luft schneller und
nimmt viel mehr Feuchtigkeit auf, die dank
hoher Windgeschwindigkeiten schnell ab-
transportiert wird (20). Für die europäischen
Ackersteppen wird die historische Entfernung
der Gehölzvegetation für Temperaturanstiege
von bis zu 2 °C und Reduktionen des Nieder-
schlags um bis zu 30 mm in den Sommermo-
naten verantwortlich gemacht (21).
Hier entstand also ein Teufelskreis, denn nicht
nur die Wälder wirken günstig auf das Klima
der Umgebung, sie haben auch selbst kaum
eine Chance, wenn um sie herum alles dazu
beiträgt, sie zu vernichten. Etwas zugespitzt
kann man also sagen: Der Wald wird nicht im
Wald gerettet und das Klima auch nicht. Wir
haben ein Problem mit unserer Landschaft als
Ganzes.
Eine hecken- und gehölzreiche Landschaft,
wie wir sie stellenweise im Erzgebirge noch
vorfnden, mindert die Bodenerosion. Mit
Blick auf die immer intensiveren Starkregen-
ereignisse sollte man nicht darauf warten,
bis braune Fluten die Siedlungen bedrohen.
In ihrer jetzigen Ausgestaltung verschärfen
steppenartige Landschaften sowohl die Kli-
maveränderung als auch deren Folgen.
In Anbetracht der vielfältigen Funktionen,
die Bäume in der Landschaft erfüllen, gilt
es, mit ihnen Landschaften zu gestalten, die
drei Merkmale aufweisen: (1) Sie müssen
eine Treibhausgasbilanz haben, die günstiger
ist als die der Ökosysteme, die sie ersetzen,
und ihr Kohlenstoffspeicher muss unter zu-
künftigen Klimaentwicklungen haltbar sein;
(2) sie müssen biophysikalische Eigenschaften
haben, die die Erde im Vergleich zu den Öko-
Abb. 4: Heute ein Wald, vor 200 Jahren eine
Esskastanien-Plantage auf trockenen Hängen,
auf denen der Ackerbau nicht mehr lohnte. Bei
Mammolshain im Taunus fndet man durch den
hohen Anteil an Fruchtsorten im Baumbestand
viele große, hervorragende Maronen. Foto: Phi-
lipp Gerhard
Abb. 3: Klimaplastisch: Ein 20-jähriger Mischbe-
stand aus Schwarznuss, Kulturbirne, Kirsche, Wal-
nuss und Robinie auf grundwasserfernem Sand-
standort in Mecklenburg. Foto: Philipp Gerhardt
systemen, die sie ersetzen, abkühlen; (3) sie
müssen Ökosystemleistungen wie Nahrungs-
mittelproduktion, biologische Vielfalt, wirt-
schaftliche Lebensgrundlagen so verbessern,
dass die Lebensqualität für die Menschen in
der Umgebung steigt. Denn nur so haben
Landbesitzer und Nutzer einen Anreiz, die
entstehenden Ökosysteme zu erhalten (22).
All dies kann auf den meisten Standorten,
die jetzt landwirtschaftlich genutzt werden,
durch die Etablierung von Agroforstsystemen,
durch die Schaffung einer Baumfeldwirt-
schaft erreicht werden.
Nahrung aus dem Wald
Über Jahrhunderte wurden die Wälder sehr
vielfältig zum Nahrungserwerb genutzt. Die
ersten Holzordnungen und Gesetzgebungen
schränkten die Nutzung ein und verschafften
zugleich dem Holz bis heute einen Vorrang.
Es folgten ein Rückgang der Brennholzwirt-
schaft im Nieder- und Mittelwaldbetrieb und
die Deckung des Schnittholzbedarfs durch
den bevorzugten Anbau von Nadelbäumen im
Hochwald. Was Heinrich Cotta zu dieser Ent-
wicklung meinte, lässt sich nachlesen:
„wer hat denn diese unmündige Wissenschaft
berechtigt, die Wälder außer ihrer Beziehung
auf die Fluren zu betrachten, und wie hat man
sich denn jemals verleiten lassen können, den
Werth der Wälder zu beurtheilen nach dem
Ertrag eines einzelnen Products [des Holzes],
anstatt nach den Erträgnissen aller ihrer Pro-
ducte, oder vielmehr nach den unmittelbaren
Verhältnissen aller ihrer Beiträge zu dem ers-
ten Unterhalte des Lebens?” (23)
Es liest sich wie eine Blaupause zur multifunk-
tionalen Waldwirtschaft. Weil die fnanziellen
Erträge der Waldbesitzer aber weitgehend auf
das Holz fokussiert sind, konzentrierten sich
auch forstpolitische Initiativen auf die Mobi-
lisierung von Holz, etwa durch die Förderung
des Wegebaus. Gerade im kleinparzellierten
Privatwald stehen die Eigentumsgrößen aber
den logistischen und infrastrukturellen Vor-
aussetzungen einer mechanisierten Holzernte
nach wie vor entgegen. Forstliche Zusam-
menschlüsse können hier Abhilfe schaffen,
erfordern aber ein Mindestmaß an Zusam-
menarbeit. Um die Ökosystemleistungen des
Waldes fnanziell zu honorieren und die Er-
tragssituation zumindest kurzfristig zu ver-
bessern, können zertifzierte Waldbesitzer
eine Nachhaltigkeitsprämie Wald erhalten.
Wer jedoch über den Tellerrand schaut, mag
sich fragen, ob der gewachsene Gegensatz
zwischen Land- und Forstwirtschaft nicht
auch im Wald etwas aufheben lässt? Kann
der Wald über das Holz hinaus nicht weitere
Ertragsmöglichkeiten bieten? Könnte er nicht
im Cotta’schen Geiste zur Ernährung beitra-
gen?
Baumfrüchte wie Esskastanien, Walnüsse, Pe-
cannüsse, Hickory, Haselnüsse. sind in einigen
Ländern ein traditionelles Grundnahrungsmit-
tel. Aber auch für Bucheckern fnden sich Ku-
chen- und Brotrezepte im Internet. Esskastanie
als „Baumkartoffel” und zahlreiche Nussarten
für die Öl- und Eiweißproduktion sind beste-
hende Alternativen, aber auch Eicheln haben
das Potenzial, Ackerbauprodukte abzulösen.
Hier schafft die Lebensmittelindustrie unge-
ahnte Möglichkeiten. Ein Schweizer Fabrikant
stellt veganen Fleischersatz mit Haselnüssen
an Stelle von Soja her (24). Auch die Wieder-
belebung der Waldweide kennt erste Beispiele.
So mästet der Sohn des emeritierten Waldbau-
professors Jürgen Huss sehr gut dokumen-
tiert und wissenschaftlich begleitet (25) seine
Schweine im Wald.
Abb. 5: Heckenlandschaft im Osterzgebirge, Blick
auf den Luchberg; Foto: Sven Martens
| 37

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Abb. 6: Bestockte Steinrücken im Osterzgebirge;
Foto: Sven Martens
Dies sind Anregungen, um regionale Wert-
schöpfungsketten abseits des Holzmarktes
zu begründen und sozial wie ökologisch zu
mehr Resilienz (= Anpassungs- und Wider-
standsfähigkeit) zu kommen. Wenn lichtere
Waldstrukturen mit Blick auf die Biodiversi-
tät sinnvoll wären, wenn es mehr Nahrungs-
mittelertrag in der Landschaft braucht, wenn
im Möbel- und Hausbau Schnittholz durch
Industrieholz ersetzt wird, dann werden
Hochwaldstrukturen weniger wichtig. Mittel-
waldstrukturen könnten mit tiefwurzelnden,
trockenresistenten und gleichzeitig Nah-
rungsmittel liefernden Baumarten aufgebaut
werden. Haselnuss oder andere Strauchar-
ten mit essbaren Früchten hätten dort einen
Platz. Das anfallende schwächere Holz könnte
für die Pilzzucht genutzt werden. Möglicher-
weise tragen diese Strukturen im Winter auch
zur Grundwasserneubildung bei.
Kaltstart nach dem Borkenkäfer
Auf den kleineren und größeren Freifächen
nach Borkenkäferbefall sind die Potenziale
Abb. 7: Um Freital sind in den letzten 5 Jahren
viele kleinere Esskastanienhaine entstanden. Der
Ertrag an Früchten ließe sich noch steigern, wenn
fruchttragende Sorten gewählt werden. Foto:
Sven Martens
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Alte Ideen neu belebt
Phillip Gerhardt haucht einer alten Idee neues Leben ein. Er hat in Tharandt Forstwissen-
schaften studiert und sich dabei intensiver mit den Werken Heinrich Cottas beschäftigt.
So entstand auch die Idee, den Förster als Landschaftsgestalter wirken zu lassen. Hier die
Geschichte zur Idee der Baumfeldwirtschaft:
Heinrich Cotta reiste zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr viel (26). Während und nach den
Befreiungskriegen sah er, dass überall in den „Kornkammern des Landes” Hunger herrschte,
weil die Felder nicht bestellt werden konnten oder verwüstet waren. In jenen Gegenden
aber, wo viele Obst- und Nussbäume standen und an Hecken- und Saumstrukturen viel
Wildobst vorhanden war, beobachtete er, dass die Menschen keineswegs Hunger litten,
sondern wieder auf diese sonst eher gering geschätzten Nahrungsquellen zurückgriffen.
Reisen war zu Cottas Zeiten ein deutlich unmittelbareres und intensiveres Erlebnis als
heute: Auf dem Pferderücken war der Mangel an Windschutz, Schatten und sauberem
Wasser direkt spürbar. So verwundert es nicht, dass Cotta sich viel mit dem beschäftigt
hat, was wir heute Ökosystemleistungen nennen. Dabei war ihm klar, dass im Hinblick
auf die Erfüllung diverser Funktionen die Landschaft ganzheitlich betrachtet werden
muss. Die Trennung in Land- und Forstwirtschaft sah er als hinderlich an und schrieb im
Jahr 1819 seinen Aufsatz „Über die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau oder die
Baumfeldwirthschaft”.
Vieles in seinem Aufsatz liest sich als Blaupause zur Regeneration von Landschaftsfunktio-
nen, deren Verlust wir bis heute weitgehend ignorieren, der uns – bspw. mit Schlammlawi-
nen – immer wieder teuer zu stehen kommt. Cotta weist darauf hin, wie verletzlich unsere
Nahrungsmittelproduktion gegenüber Dürren und Unwettern ist, dass der Holzverbrauch
allein aus Wäldern nicht zu decken ist und Gewässer geschützt werden müssen. Als Lösung
sieht er Gehölzreihen im Wechsel mit Acker- oder Grünlandstreifen, so wie es vereinzelt im
Gebirge noch anzutreffen ist.
Sein Fazit ist für uns hochrelevant:
„Stellen wir jetzt die Vortheile der Baumfeldwirthschaft
übersichtlich zusammen, so erscheint folgendes Ergebnis:
Es wird eine größere Menge Getreide erbaut, als bisher.
1. Man erlangt außerdem noch Nahrungsmittel von den Baumfrüchten.
2. Die Viehzucht gewinnt, und durch sie Nahrung und Erwerb.
3. Man erlangt eine größere Menge Holz.
4. Es können viel mehr arbeitsame Hände beschäftiget werden.
5. Der allgemeine Wohlstand und der Reichtum des Landes wird erhöht.
6. Die Gegenden werden durch die Anpfanzung der Bäume verschönert.
7. Sogar das Klima ist dadurch zu verbessern.
8. Die Menschen können daher in aller Hinsicht glücklicher Leben.“ (17)
Wir wissen heute, dass auf Baumfeldern die Erträge stabilisiert werden und sogar in der
Ackerkultur allein höher sein können als bei einer „einschichtigen”, bodennahen Nutzung
(13), was mit dem verbesserten Schutz vor Austrocknung und Überhitzung zusammenhängt.
Auch das Wohlbefnden und die Leistung von Weidetieren wird durch Beschattung verbessert
(27, 28): Vorteilhafte Synergien natürlicher Ökosysteme können durch ähnliche Strukturen
genutzt werden, bspw. bei der Kombination von Kurzumtriebsplantagen mit der Hühner-
haltung. Cotta behält sogar bei seinen wirtschaftlichen Überlegungen bis heute Recht: Durch
die Nutzung der hölzernen Ertragskomponente konnten schon ökonomische Gesamterträge
festgestellt werden, die fast das Dreifache der reinen Ackerbaunutzung betragen (29).
www.baumfeldwirtschaft.de
Dipl.-Forstwirt Philipp Gerhardt
Planung von regenerativen Landnutzungssystemen, Vorträge und Workshops, Projektbe-
gleitung und Beratung, Waldgärten, Agroforstsysteme, Keyline Design und mehr
Kontakt: Schmerwitz 12, 14827 Wiesenburg (Mark), Brandenburg, Deutschland
E-Mail:
philipp.gerhardt@baumfeldwirtschaft.de;
Tel.: 0170 1564042

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l!!I
~~
für eine stammzahl- und artenreiche Natur-
verjüngung nicht unbedingt gegeben. Anhal-
tende Trockenheit, Streuaufagen, Wildverbiss
und üppige stickstoffiebende Bodenvegeta-
tion erschweren nicht selten die natürliche
Wiederbewaldung. Für die Anlage klassischer
Forstkulturen fehlen zudem die Erträge aus
der Ernte des Altbestandes. Stammzahlarme
Verjüngungskonzepte,
die die natürliche Wie-
derbewaldung ergänzen, können sich deshalb
als hilfreich erweisen.
Viele der fruchttragenden Baumarten und
Sorten sind vergleichsweise trockentolerant
und wurzeln tief. Die teuren Bäume werden
im Einzelschutz in weiten Verbänden
am bes-
ten als Gruppe gepfanzt. Wer möchte, kann
besonders stark tragende Zuchtsorten wäh-
len, um den Fruchtertrag zu steigern. Am
Ende
kostet ein Baum mit Einzelschutz gegen
Wildverbiss sicherlich 10 Euro oder mehr.
Insgesamt sind die Investitionen pro Hektar
jedoch im Vergleich zur stammzahlstarken
Forstkultur gering, weil nur wenige Bäume
gepfanzt werden.
In den wiederholt trockenen Sommern sind
aufwändige Pfanzverfahren mit großen, wi-
derstandsfähigen Pfanzen von Vorteil. Die
Anzucht in der Baumschule und die Pfan-
zen im Wald müssen die Entwicklung einer
tiefreichenden Wurzel sicherstellen. Wenn
größere Bäume mit dem Erdbohrgerät so ge-
pfanzt werden, dass ihr Wurzelwerk bereits
in Bodenschichten reicht, die von Dürre nicht
so stark betroffen sind, steigert dies den An-
wuchserfolg. Bewährt hat sich in Agroforst-
Abb. 8: Eine stattliche Esskastanie am Brüderweg
bei Freital mit Naturverjüngung im näheren Um-
feld. Foto: Sven Martens
Abb. 9: Bei geringem Wildverbiss verjüngt sich
die Esskastanie unproblematisch selbst. Foto:
Sven Martens.
systemen z. B. die Pfanzung von Baumschul-
ware mit ca. 70 cm langen Wurzeln mit dem
Pfanzlochbohrer.
In der Regel tragen die speziellen Sorten be-
reits nach wenigen Jahren erste Früchte. Die
Investition zahlt sich also nicht erst nach
Jahrzehnten aus. Dies mildert den ökonomi-
schen Kaltstart nach dem Verlust des Altbe-
standes. Dabei muss die mögliche Vielfalt an
Nutzungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt
sein. Wer auf die Ausbildung eines geraden,
astfreien Stammes achtet, kann zuerst Nüsse
und später wertvolles Holz ernten. Auch die
Größe des Waldbesitzes spielt eine geringe
Rolle, lokale Verwendungen werden, vielleicht
auch durch den Tausch der Produkte, gestärkt.
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Sven Martens
ist Leiter des Referats
Forsteinrichtung, Wald-
bewertung, Waldinventuren bei
Sachsenforst
Philipp Gerhardt
plant regenerative Land-
nutzungssysteme, hält Vorträge
und Workshops zu Waldgärten,
Agroforstsystemen, Keyline
Design und mehr
| 39

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Ein Forstbetrieb stellt sich vor –
Waldbesitzer Bertram Schneider
im Forstrevier Rodewisch/Vogtland
Revierförster Andreas Schlosser übernahm
das Betreuungswaldrevier Rodewisch im Jahr
2008. „Ich habe viele aktive Waldbesitzer im
Revier”, sagt Andreas Schlosser. „Bertram
Schneider ist einer davon und ist stets inte-
ressiert an neuen Erkenntnissen, probiert aus
und Mitglied einer Forstbetriebsgemeinschaft.
„Damit steht er stellvertretend für viele
Waldbesitzer, die vorbildlich ihren Wald
bewirtschaften und dabei keine Mühen
scheuen”
, so der Revierleiter.
Wer ist Bertram Schneider?
Bertram Schneider wurde 1958 im Vogt-
land geboren und hat sein Leben in seinem
Heimatort Lengenfeld, Ortsteil Weißensand,
verbracht. Er arbeitet bei einer regional an-
sässigen Entsorgungsfrma. Nichtsdestotrotz
ist er gern in seinem Wald. Waldarbeit nennt
er Hobby und Ausgleich. Auch seine Familien-
mitglieder sind dabei, wenn es die Zeit erlaubt.
Abb. 1: Waldbesitzer Bertram Schneider und
Revierleiter Andreas Schlosser im Gespräch über
Voranbau und Naturverjüngung; Foto: Barbara
Geipel
Vom Beginn der Waldarbeit
im eigenen Besitz
Das Waldeigentum Schneider – etwas mehr
als sieben Hektar – ist schon seit früheren
Generationen im Familienbesitz. Das änder-
te sich in den 1960er-Jahren, als die Familie
ihren Wald in die LPG einbrachte, die spä-
ter einen Bewirtschaftungsvertrag mit dem
Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb abschloss.
1990 war es dann so weit, der Wald wurde
körperlich zurückgegeben. Bertram Schneider
hatte Glück: Er bekam Bestände mit unter-
schiedlichen Altersklassen zurück. Und er
nahm die Verantwortung an. Er war von An-
fang an aktiv, meist in Eigenleistung, aber
auch als Auftraggeber für regionale Forst-
unternehmen.
Planmäßige Waldpfege
bis der Borkenkäfer kam
Ungefähr 50 % seines Waldbesitzes über-
nahm er mit mittelalten bis alten Fichtenbe-
ständen. Standraumregulierung in jüngeren
Beständen und Kronenpfege im Altholz, dies
führte Waldbesitzer Schneider frühzeitig und
sorgfältig durch. Dass ausreichend Wuchs-
raum für die heute 40-jährigen Fichten im
Reinbestand sehr wichtig ist, hatte Bertram
Schneider schnell verinnerlicht. Er durch-
forstete in der herrschenden Bestandsschicht
sowohl in Eigenleistung als auch mit Forst-
unternehmen und wählte dabei verantwor-
tungsvoll Rückegassen aus. „Ärgerlich ist es
schon, wenn sie dann durch den Maschinen-
führer nicht konsequent eingehalten werden”,
so der Waldbesitzer. Sein Lohn für die Durch-
forstung: eine sichtbar gute Kronenentwick-
lung im mittelalten Bestand und Holz für den
Eigenverbrauch sowie zum Verkauf.
Herausforderung durch Sturm,
Borkenkäfer & Co. –
Schadbewältigung und Risikovorsorge
Auch Bertram Schneiders Wald blieb von
Waldschäden nicht verschont: Einzelwürfe
und Brüche, Borkenkäfer im Altholz. Trotz
gesundheitlicher Einschränkungen ist er bei
Waldschutzmaßnahmen „ein Mann der ersten
Stunde”. Er arbeitete die betreffenden Bäume
zeitnah auf. Und jeder, der einen Rundgang in
seinem Wald macht, kann es nicht übersehen:
Dort, wo die Bäume zeitnah aufgearbeitet
wurden, sind die Störungen überschaubar. Im
Nachbarbestand gibt es dagegen eine Kahlfä-
che, die jährlich ein bisschen größer wird und
ein bisschen näher an Bertram Schneiders
Wald heranrückt.
Zusätzlich betreibt Bertram Schneider Risi-
kovorsorge. Unter lichtem Fichtenaltholz in
Exposition zum Feld und zur Kahlfäche eines
Nachbarn hat er vorgebaut: Weißtanne und
Rotbuche mit Zaunschutz. „Ohne Zaun geht
es leider nicht”, so der Waldbesitzer, „dafür
gibt es zu viele Rehe an dieser Wald-Feld-
Grenze”. Erstaunt war er, wieviel natürliche
Verjüngung in der Zaunfäche wächst: Eiche,
Ahorn, Esche, Weichlaubholz, Straucharten
und natürlich auch Fichte. „Nun muss ich
mich entscheiden, welche Pfanzen ich förde-
re”, sieht er, „Da lasse ich mich von meinem
Abb. 2: Vorausverjüngung unter lichtem Altholz-
schirm; Foto: Barbara Geipel
40 |

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Abb. 3: Robinie im Einzelschutz an der Besitzgrenze zur benachbarten Kahlfäche; Foto: Barbara Geipel
Revierförster beraten. Seine Erfahrung und
seine forstliche Kenntnis schätze ich sehr. Wir
haben immer gut zusammengearbeitet. Ich
bedaure, dass seine Dienstzeit in diesem Jahr
endet.”
Was bringt die Zukunft?
Das kann leider niemand mit Gewissheit sa-
gen. Waldbesitzer Schneider vertraut auf
seine forstbetriebliche Erfahrung, auf die
Forstwissenschaft, auf die Beratung durch
Sachsenforst und die Zusammenarbeit mit
der Forstbetriebsgemeinschaft. „Privater
Waldbesitz muss weiter anerkannt sein in
unserem Land”, wünscht er sich außerdem.
Denn er und die anderen Waldbesitzer be-
wahren und entwickeln das Lebensumfeld
für sich und für ihre Mitmenschen und bieten
Lebensraum für Pfanzen und Tiere. Was die
forstfachliche Beratung betrifft, können wir
Forstbetrieb Bertram Schneider
in Zahlen
Alter Familienbesitz
7,35 ha in Lengenfeld/Vogtland, OT
Weißensand
Untere Berglagen, feuchtes Klima,
meist terrestrische Standorte mit
mittlerer Nährkraft
Baumarten: ca. 50 % Fichte, 25 %
Eiche und sonst. Hartlaubholz, 15 %
Weichlaubholz, 10 % sonst. Nadelholz
Erhöhte Verkehrssicherungspficht
an Bundesautobahn und öffentlicher
Straße
versichern: die Nachfolgerin des langjährigen
Revierförsters ist bereits gefunden und freut
sich auf die neuen Herausforderungen: Frau
Emilie Merkel.
Ich bedanke mich für das angenehme Ge-
spräch mit Waldbesitzer Schneider.
Barbara Geipel
ist Referentin in der Stabsstelle
Privat- und Körperschaftswald
im Forstbezirk Plauen
Neuzulassungen von Saatguterntebeständen –
wichtig für die Zukunft und
genetische Vielfalt des Waldes
Nach zwei extremen Trockenjahren und meh-
reren Großschadereignissen sind in ganz
Sachsen und weiten Teilen Deutschlands
Waldschäden von historischem Ausmaß
sichtbar. In vielen Waldgebieten des Tief- und
Hügellandes sind Fichten- und Kiefernbestän-
de fächig abgestorben und mussten zwangs-
weise geräumt werden, um die weitere Aus-
breitung der Borkenkäfer einzuschränken. Die
bisher angefallene Schadholzmenge beläuft
sich auf mehrere Millionen Festmeter. Zurück
bleiben vielerorts kahlgeschlagene Flächen
(Blößen) und teils instabile Restbestockungen.
Nur selten ist brauchbare Naturverjüngung
aus der Vorbestockung vorhanden oder kann
mit Sicherheit erwartet werden. Die Schad-
fäche beziffert sich aktuell auf über 85.000
Hektar, Tendenz steigend. Waldbesitzer wie
Experten sehen diese Entwicklung und die
Herausforderungen einer kurz- und mittel-
fristigen Wiederaufforstung in einem bisher
nicht gekannten Umfang mit Sorge.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken,
waren und sind die Forstbezirke im Rahmen
der Krisenbewältigung und Wiederbewaldung
aufgerufen, Vorschläge für die systematische
Neuzulassung von Saatguterntebeständen im
Landeswald sowie im betreuten Privat- und
Kommunalwald zu unterbreiten. Ziel ist es,
das Angebot beerntbarer, zugelassener Wald-
bestände mit Waldumbau-Baumarten und an
den Klimawandel besser angepasster Baum-
arten zu erhöhen.
Zur Situation der
Forstsaatguterntebestände in Sachsen
Aktuell sind im sächsischen Erntezulassungs-
register, das die obere Forstbehörde führt, 850
Erntebestände mit einer Baumartenfäche
von 3.083 ha in der Kategorie „Ausgewählt”
erfasst, die bei entsprechender Fruktifkation
(Ausbildung von Samen und Früchten) für
eine Beerntung zur Verfügung stehen. Darü-
ber hinaus gibt es in Sachsen 32 Samenplan-
tagen in der Kategorie „Qualifziert” oder „Ge-
prüft”. Ein aktueller Registerauszug ist auf der
Webseite des Waldportals von Sachsenforst
unter folgendem Link zu fnden:
https://www.
wald.sachsen.de/forstvermehrungsgut-6225.
html
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Abb. 1: Erntebestand Rotbuche im Forstbezirk
Marienberg; Foto: Jörg Fleischer
Eine im Jahr 2020 durchgeführte Abfrage bei
den Forstbezirken und anschließende Begut-
achtung geschädigter oder abgängiger Forst-
saatguterntebestände zeigte, dass nur ver-
einzelt Zulassungseinheiten (ZE) aufgegeben
werden mussten. Insbesondere betraf dies
ZE der Gemeinen Fichte, einschließlich der
Tiefandsfchte sowie je eine ZE Europäische
Lärche und Douglasie. Bei den meisten der ge-
schädigten ZE waren lediglich Baumartenfä-
chen und Grenzen zu korrigieren, sodass diese
weiterhin beerntet werden können. Mit dem
Fortschreiten der Waldschäden 2021 ist aber
damit zu rechnen, dass insbesondere kleinere
ZE die Mindestkriterien hinsichtlich Baumar-
tenfäche und Baumzahl nicht mehr erfüllen
und somit widerrufen werden müssen.
Stand der Zulassung
von Saatguterntebeständen
Seit dem Jahr 2020 gingen bei der Landes-
stelle für Forstvermehrungsgut weit über
320 Vorschläge für Neuzulassungen von
den Revierleitern der Forstbezirke sowie von
Wald- und Baumbesitzern oder deren Be-
auftragten ein. Nach Prüfung von knapp der
Hälfte der Vorschläge und Anträge konnten
bisher insgesamt 146 Bestände zugelassen
werden. Die örtliche Begutachtung kon-
zentrierte sich 2020/2021 überwiegend auf
das Tief- und Hügelland. Hier standen vor
allem Baumarten wie Stiel-Eiche, Trauben-
Eiche, Rot-Eiche, Spitz- und Berg-Ahorn,
Sand- und Moor-Birke, Sommer- und Win-
ter-Linde, Esskastanie, Küsten-Tanne, Dou-
glasie aber auch Gemeine Kiefer und Euro-
päische Lärche im Fokus. Einen weiteren
Schwerpunkt bildete die Begutachtung von
Weiß-Tannen- und Küsten-Tannen-Anbau-
ten bekannter und geeigneter Herkünfte,
die durch ihre Vitalität und Wuchsleistung
überzeugten.
Vorschläge und Anträge auf Zulassung können
jederzeit direkt beim Referat Obere Forst- und
Jagdbehörde, gebündelt für den Landeswald,
über das Zentrum für forstliches Vermeh-
rungsgut, über die Privat- und Körperschafts-
wald-Revierleiter und Revierleiterinnen der
Forstbezirke/Schutzgebietsverwaltungen oder
über die Beauftragten für Forstvermehrungs-
gut der unteren Forstbehörden bei den L