Wie belastet sind Ärzte mit Bereitschaftsdienst? Eine Belastungs-
Beanspruchungs-Analyse bei sächsischen Krankenhausärzten
Peter Richter
1
, Susanne Merkel
1
, Beate Streit
1
, Gabriele Haeslich
1
, Ines Strakow
2
& Sabine Engel
2
1
Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Dresden;
2
Staatliches Gewerbeaufsichtsamt Bautzen
Die Arbeitssituation von Krankenhausärzten ist in den letzten Jahren zunehmend in den
Brennpunkt der Kritik geraten: Ärztemangel, Dienste bis weit über 24 Stunden hinaus, unbe-
zahlte Überstunden, zunehmender Arbeitsdruck gepaart mit wachsendem Dokumentations-
aufwand, um nur einige Schlagworte zu nennen. Die momentan noch geleisteten Bereit-
schaftsdienste nehmen dabei einen besonderen Stellenwert bei der Betrachtung der Belastung
von Krankenhausärzten ein.
Vor diesem Hintergrund wandte sich das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft
und Arbeit an das Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Dresden
mit dem Anliegen, die Belastungssituation Bereitschaftsdienst leistender Ärzte in sächsischen
Krankenhäusern arbeitspsychologisch zu analysieren. Die Untersuchung fand in Zusammen-
arbeit mit dem zuständigen Gewerbeaufsichtsamt statt.
Die Studie wurde 2002 in einem Krankenhaus der Regelversorgung durchgeführt. Die
Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes ausgewählter Kliniken (Anästhesie, Chirurgie, Medizini-
sche Klinik, Kinder- und Jugendklinik, Augenklinik, HNO, Urologie) wurden gebeten, zwei
Fragebögen (Kurzverfahren zu Arbeit und Arbeitserleben & Belastungsscreening) auszufül-
len. Die Bereitschaftsdienst leistenden Ärzte (keine Rufbereitschaft) wurden zusätzlich dazu
gebeten, ein so genanntes Belastungstagebuch zu führen. Insgesamt nahmen 50 Ärzte an der
Fragebogenerhebung teil, was einem Rücklauf von 61% entspricht. Diese Rücklaufquote kann
im Vergleich zu internationalen Studien als gut bezeichnet werden (Wegener et al., 2002).
Von den ausgegebenen Belastungstagebüchern konnten 19 in die Auswertung einbezogen
werden.
Ergänzend dazu führte die Personalabteilung des Klinikums in Zusammenarbeit mit dem
Gewerbeaufsichtsamt Bautzen eine Analyse der Aktivzeiten im Bereitschaftsdienst bei allen
betroffenen Ärzten durch. Über den Zeitraum eines Quartals erfolgte eine detaillierte
Aufschreibung der Arbeitszeitanteile mit dem Ziel, die festgelegten Bereitschaftsdienststufen
gemäß BAT-O zu überprüfen und genaue Aussagen über den Belastungsverlauf und die Art
der Tätigkeiten im Bereitschaftsdienst zu erhalten.
Methodik
Zum Einsatz kamen bedingungs- und personenbezogene Fragebögen. Während personen-
bezogene Verfahren individuelle Arbeitsstile sowie das Erleben und Verhalten der Arbeiten-
den erfassen, fragen bedingungsbezogene Verfahren nach Merkmalen und Bedingungen der
Arbeitstätigkeit und abstrahieren von den individuellen Besonderheiten.
Das
Kurzverfahren zu Arbeit und Arbeitserleben
(DISC-FB; de Jonge, 2001) dient der
Erfassung von Belastungen (Arbeitsdruck, emotionale Belastungen, körperliche Anforderun-
gen), Ressourcen (Autonomie, Fähigkeitsnutzung, soziale Unterstützung) und langfristigen
Beanspruchungsfolgen (Arbeitzufriedenheit, körperliche Beschwerden, Burnout). Das von
Büssing, Glaser & Höger (2001) entwickelte
Belastungsscreening TAA-KH-S
dient der Erfas-
sung verschiedener krankenhausspezifischer Arbeitsbelastungen.
Das
Belastungstagebuch
sollte von den Bereitschaftsdienst leistenden Ärzten an zwei
Arbeitstagen mit anschließendem Bereitschaftsdienst sowie an einem dienstfreien Wochen-
1

 
P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
ende ausgefüllt werden. Die Auswertung des Belastungstagebuches gibt Aufschluss über den
kumulativen Beanspruchungsverlauf (Anstrengung, Engagement/positive Gestimmtheit, psy-
chische Ermüdung, Sättigung/Stress, Monotonie) an den Arbeitstagen und am dienstfreien
Wochenende.
Für die
Analyse der Tätigkeiten
im Bereitschaftsdienst wurde gemeinsam mit den Chef-
ärzten der einzelnen Bereiche und der Personalabteilung des Klinikums bereichsbezogen eine
Liste vorkommender Tätigkeiten aufgestellt, die dann bei der täglichen Aufschreibung durch
die teilnehmenden Mitarbeiter eine zeitliche Zuordnung erhielt. Die täglichen Arbeitszeitver-
läufe des einzelnen Arztes wurden tabellarisch erfasst und Durchschnittswerte über den
Untersuchungszeitraum ermittelt. Die Auswertung erfolgte durch die Personalabteilung und
das Gewerbeaufsichtsamt.
Ergebnisse
Belastungen, Ressourcen und langfristige Beanspruchungsfolgen
Zunächst sollen die von den Ärzten wahrgenommenen Belastungen und Ressourcen
sowie die erlebten langfristigen Beanspruchungsfolgen näher betrachtet werden. Zahlreiche
Studien belegen den Zusammenhang höherer Belastungen mit verstärkten negativen Bean-
spruchungsfolgen sowie höherer Ressourcen mit positiven bzw. weniger negativen Beanspru-
chungsfolgen (z.B. de Jonge et al., 2000; Richter et al., 2000, Stern, 1996). Die Mittelwerte
der Befragungskonstrukte für das Gesamtklinikum sind in Abbildung 1 dargestellt.
Der
Arbeitsdruck
wurde von den Ärzten im Durchschnitt als relativ hoch eingeschätzt.
96% der Ärzte gaben an, dass bei ihrer Arbeit andauernde Aufmerksamkeit erforderlich sei,
80% dass unter Zeitdruck gearbeitet werde und 66%, dass zu wenig Zeit sei, um die Arbeit
erledigen zu können.
Emotionale Belastungen
wurden als mittel bis hoch eingestuft. 56% der
Ärzte stimmten der Aussage zu, dass ihre Arbeit hohe emotionale Anforderungen an sie stel-
le.
Körperliche Anforderungen
spielten dagegen im Durchschnitt eine eher geringere Rolle.
1 niedrig
2
3
4
hoch 5
Soziale Unterstützung
Fähigkeitsnutzung
Autonomie
Ressourcen
Körperliche Anforderungen
Emotionale Belastungen
Arbeitsdruck
Belastungen
Zynismus
Professionelle Effizienz
Emotionale Erschöpfung
Körperliche Beschwerden
Arbeitszufriedenheit
Beanspruchungs-
folgen
Abb. 1: Belastungen, Ressourcen, Beanspruchungsfolgen für das Gesamtklinikum (Kurzverfahren zu Arbeit und
Arbeitserleben; N=50)
Die
Autonomie
, d.h. die Möglichkeit selbständig arbeitsrelevante Entscheidungen treffen
zu können, wurde im Durchschnitt von den Ärzten als eher gering eingeschätzt. Die
Fähig-
keitsnutzung
in der Arbeit, d.h. der Einsatz vielfältiger Fertigkeiten und Kenntnisse für die
Arbeitsausführung, wurde dagegen als hoch wahrgenommen. Auch wurde die
soziale Unter-
stützung
im Durchschnitt als relativ hoch bewertet.
Die
Arbeitszufriedenheit
wurde im Durchschnitt als Mittel bis hoch eingestuft. 55% der
Ärzte stimmten der Aussage zu, dass sie mit ihrer jetzigen Arbeit zufrieden seien. Trotzdem
2

P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
würden sich etwa 20% der Befragten nicht wieder für den Arztberuf entscheiden.
Körperliche
Beschwerden
wurden im Durchschnitt als mittel bis gering eingestuft. Am häufigsten wurden
dabei Rücken- und Kopfschmerzen benannt.
Burnout
, erfasst mit den Skalen emotionale Er-
schöpfung, professionelle Effizienz und Zynismus, lag im Durchschnitt im unkritischen mitt-
leren Bereich. Jedoch gaben 26% der Ärzte an, sich häufig oder sehr häufig durch ihre Arbeit
ausgebrannt zu fühlen.
Mittels Belastungsscreening wurden verschiedene Formen krankenhausspezifischer be-
lastender Arbeitsbedingungen erfasst. In Abbildung 2 sind die Skalenmittelwerte des Gesamt-
klinikums dargestellt. Nach Büssing et al. (2001) sind Werte über 3.0 als kritisch einzustufen.
Dies trifft für die Bereiche
Belegung der Abteilung
(Probleme durch Überbelegung, Fehlbe-
legung),
unspezifischer Zeitdruck
(allgemeine Zeitknappheit während der Arbeitsverläufe),
Unterbrechung durch Personen
(z.B. durch Telefon oder Patientenrufe) und
Fluktuation/Ab-
sentismus
(Probleme durch Abwesenheit von Mitarbeitern) zu. Ebenfalls hohe Belastungen
wurden in Bezug auf
unsichere Informationen
(hinsichtlich organisatorischer oder personeller
Veränderungen) und
erhöhten Handlungsaufwand
(hinsichtlich Konzentration oder körper-
lichem Einsatz) berichtet. Geringe Belastungen wurden dagegen in den Bereichen
Unter-
brechung durch Funktionsstörungen
,
Unterbrechung durch Blockierungen
,
motorische Er-
schwerungen
und
soziale Stressoren
wahrgenommen.
12345
nein gar nicht
ja genau
Belegung der Abteilung
Unspezifischer Zeitdruck
Unterbrechg. durch Personen
Fluktuation / Absentismus
Unsichere Informationen
Erhöhter Handlungsaufwand
Soziale Stressoren
Motorische Erschwerungen
Unterbrechg. durch Blockierg.
Unterbrechg.durch Funktionsstörg.
Abb. 2: Belastende Arbeitsbedingungen im Gesamtklinikum (Belastungsscreening; N=50)
Die in zahlreichen Studien bereits nachgewiesenen Zusammenhänge höherer Belastungen
mit verstärkten negativen Beanspruchungsfolgen sowie höherer Ressourcen mit positiven
bzw. weniger negativen Beanspruchungsfolgen, konnten auch in dieser Untersuchung bestä-
tigt werden. So ging beispielsweise ein hoher Arbeitsdruck mit geringerer Arbeitszufrieden-
heit sowie stärkeren körperlichen Beschwerden, höherer emotionaler Erschöpfung und höhe-
rem Zynismus einher. Weiterhin zeigten sich zahlreiche signifikante Zusammenhänge zwi-
schen den krankenhausspezifischen Arbeitsbelastungen und geringer Arbeitszufriedenheit,
hohen körperlichen Beschwerden, hoher emotionaler Erschöpfung und hohem Zynismus.
Höhere Autonomie stand in signifikantem Zusammenhang mit geringerer emotionaler Er-
schöpfung und geringerem Zynismus. Eine höhere Fähigkeitsausnutzung in der Arbeitstätig-
keit ging mit höherer Arbeitzufriedenheit und geringerer emotionaler Erschöpfung und gerin-
gerem Zynismus einher. Höhere soziale Unterstützung korrelierte signifikant mit höherer
Arbeitszufriedenheit sowie weniger körperlichen Beschwerden und Burnout.
Arbeitszeit im Bereitschaftsdienst
Als nächstes wurde die Arbeitszeitproblematik des Bereitschaftsdienstes aufgegriffen.
Dabei interessierte, wie hoch die tatsächliche Inanspruchnahme der Ärzte im Bereitschafts-
dienst war. Detaillierte Ergebnisse zur Bereitschaftsdienstzeit liefert die Auswertung der
3

P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
Selbstaufschreibung der Ärzte durch die Personalabteilung und das zuständige Gewerbeauf-
sichtsamt, die von allen beteiligten Ärzten vorliegt.
Abbildung 3 zeigt einen Vordergrunddienst in einer chirurgischen Abteilung an Wochen-
tagen. Nach einem in der Regel 8-stündigem Arbeitstag schließt sich für die Ärzte von 15.30 -
7.00 Uhr ein Bereitschaftsdienst an, der bis ca. 23.00 Uhr eine hohe zeitliche Belastung (bis
zu 95 %) aufweist.
Chirurgische Klinik Vordergrunddienst 1 Montag-Freitag 15.30 - 7.00 Uhr
0,00
20,00
40,00
60,00
80,00
100,00
15.30 - 17.00
17.00 - 19.00
19.00 - 21.00
21.00 - 23.00
23.00 - 02.00
02.00 - 05.00
05.00 - 07.00
Belastung in %
Abb. 3: Inanspruchnahme während des Bereitschaftsdienstes
Nur von ca. 23.00 bis 7.00 Uhr wäre nach bisher geltendem Recht im konkreten Fall ein
Bereitschaftsdienst möglich. Der Arbeitsanfall von 15.30 – ca. 23.00 Uhr rechtfertigt an sich
nur die Einführung von Regelarbeitszeit.
Die Auswertung ermöglicht auch genaue Aussagen über die einzelnen Zeitanteile der ver-
richteten Tätigkeiten während des Bereitschaftsdienstes (siehe Abb. 4).Untersuchungen und
Notfallbehandlung stellen mit ca. 49% am Gesamtanteil der Aktivzeit den Hauptanteil im
chirurgischen Bereich dar. Die mit rot gekennzeichneten Tätigkeiten bzw. Zeitanteile (im Bei-
spiel ca. 13 %) stellen Abläufe dar, die keine typischen Arbeiten im Bereitschaftsdienst sind.
Allgemeine Schreib- und Computerarbeiten werden aus dem „normalen“ Tagesgeschäft in
den Bereitschaftsdienst verlagert und sind eigentlich „Überstunden“.
Chirurgische Klinik : Vordergrund Mo - Fr 15.30 - 7.00 Uhr
1,6
10,3
3,2
1,3
1,1
21,6
1,8
3,9
0,6
0,8
4,0
1,3
2,5
7,2
3,8
1,1
2,3
1,4
27,6
0
5
10
15
20
25
30
01 Telefonat
02 Diktat / Arztbrief
/ Schreibarbeit /
03 EDV- /
Computertätigkeit
04 Wegezeit
allgemein
06 Wartezeit
07
Notfallbehandlung
08 Untersuchung /
Therapie
09 Visite und
Maßnahmen bei
11 Kontrollbesuch
bei Risikopatienten
12 Übergabe /
Übernahme
14 Konsil
15 Ärztliches
Gespräch /
16 Befundkontrolle
19 Transfusion,
Infusion / Injektion
23 Operative
Behandlung,
25
Wundversorgung
26
Funktionsdiagnostik
27 Beurteilung
Röntgenaufnahme
30 D-Arztbericht
Kennziffern
%Anteil an Ges. Aktivzeit
Abb. 4: Tätigkeiten während der Aktivzeit im Bereitschaftsdienst
4

P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
Der abendliche Bereitschaftsdienst entspricht insgesamt
mit seiner Tätigkeitsstruktur eher
einem Normaldienst, es handelt sich nachweislich vielfach um eine Fortsetzung der regulären
Arbeit als um einen Bereitschaftsdienst im arbeitszeitrechtlichen Sinne. Auch in der Literatur
finden sich Hinweise, dass im Bereitschaftsdienst in den Abendstunden im Wesentlichen Tä-
tigkeiten der regulären Arbeit fortgeführt werden. Wegner et al. (2002) stellten einen relativ
hohen Umfang an Routinetätigkeiten im Bereitschaftsdienst fest, und Stern (1996) fand her-
aus, dass Ärzte im Bereitschaftsdienst weniger Überstunden ansammeln als Ärzte mit Ruf-
bereitschaft oder im Schichtdienst.
Aber auch die Nachtstunden bieten kaum Erholungsphasen (siehe Abb. 5).
Durchschnittliche Aktivzeit im Quartal von 21.00-7.00 Uhr im Vordergrunddienst
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
1234
Med.Klinik
Chirurgie
Gynäkologie
Anästhesie
Aktivzeit in %
21.00-23.00
23.00-2.00
2.00-5.00
5.00-7.00
Abb. 5 Aktivzeiten im Bereitschaftsdienst von 21.00 – 7.00 Uhr
Die Abbildung 5 macht deutlich, dass in den benannten Bereichen von 21.00-23.00 Uhr
die Belastung im Bereich der Regelarbeitszeit liegt. Erst danach kann man von gelegentlichen
Ruhepausen ausgehen und Bereitschaftsdienste einplanen. Während in den medizinischen
Kliniken und den Chirurgischen Abteilungen in der Zeit von 21.00 bis 23.00 Uhr die Belas-
tung als sehr hoch und in den Morgenstunden als eher niedrig festgestellt wurde, liegt sie z.B.
im Bereich der Gynäkologie und Anästhesie zwischen 5.00 und 7.00 Uhr wieder bei über
50%. In den Morgenstunden erblicken viele Kinder das Licht der Welt - die Aktivzeiten der
Gynäkologen im untersuchten Zeitraum bestätigen das.
Die Anteile der Aktivzeiten im Vordergrund- und Hintergrunddienst in Abhängigkeit
verschiedener medizinischer Bereiche ist in Abbildung 6 dargestellt. Die Belastungen der
Vordergrunddienste in planbaren Bereichen (Augenklinik, Urologie) liegt deutlich unter
denen in Bereichen mit vielen Notfällen.
Durchschnittlicher Anteil der Aktivzeit im Bereitschaftsdienst
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
Med. Klinik
Klinik für
Kinder- und
Jugendmedizin
Augenklinik
Urologie
Chirurgie
Gyn. Klinik
Anästhesie
Kliniken
Aktivzeit in %
VD 1
HD1
Abb. 6: Aktivzeiten im Bereitschaftsdienst im Vordergrund (VD1)- und Hintergrunddienst (HD1) in verschiede-
nen medizinischen Bereichen
5

 
P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
6
Beanspruchungserleben im Bereitschaftsdienst
Wie erleben nun die Ärzte die nachgewiesen hohe Belastung im Bereitschaftsdienst?
In
der Literatur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die Ärzte aufgrund der hohen
Inanspruchnahme im Bereitschaftsdienst (z.B. Flintrop, 2002; LASI, 2003) nicht ausreichend
erholen können, d.h. dass die Beanspruchung am Morgen nach Bereitschaftsdienst noch im-
mer höher ist als am Morgen vor Bereitschaft. Diese These wird unter anderem gestützt durch
eine Studie von Leonard et al. (1998), in der Ärzte am Ende eines 32-stündigen Dienstes
schlechtere kognitive Leistungen
und schlechtere Stimmung zeigten als vor dem Dienst.
Ein besonderes Augenmerk der vorliegenden Untersuchung lag auf der Betrachtung des
arbeitsbezogenen Beanspruchungsverlaufes während des Bereitschaftsdienstes im Vergleich
zum vorherigen Normaldienst und, als zusätzliche Vergleichsgrundlage, zur dienstfreien Zeit.
Im Mittelpunkt der Betrachtung stand dabei der Verlauf der erlebten Anstrengung, der
psychischen Ermüdung und des Engagements /positive Gestimmtheit.
In Abbildung 7 sind die Beanspruchungsverläufe während des Normaldienstes (ND) mit
anschließendem Bereitschaftsdienst (BD) dargestellt. Anstrengung und psychische Ermüdung
nahmen vom Morgen (Beginn ND) bis zum späten Abend (Mitte BD) des Arbeitstages signi-
fikant zu, Engagement/positive Gestimmtheit nahm in diesem Zeitraum signifikant ab. Zum
nächsten Morgen hin (Ende BD) war zwar ein gewisser Rückgang der Anstrengung und der
Ermüdung, sowie eine Zunahme des Engegaments/positive Gestimmtheit festzustellen, insge-
samt fühlten sich die Ärzte am Morgen nach Bereitschaft jedoch signifikant angestrengter,
müder und weniger engagiert/positiv gestimmt als am Morgen vor dem Bereitschaftsdienst.
0
50
100
150
200
Beginn
ND
Mitte ND Übergang
ND-BD
Mitte BD Ende BD
1
2
3
4
5
6
Beginn
ND
Mitte ND Übergang
ND-BD
Mitte BD Ende BD
***
***
*
***
**
***
*
***
Anstrengung
Ermüdung
Engagement / pos. Gestimmtheit
Abb. 7: Beanspruchungsverlauf während des Normaldienstes (ND) mit anschließendem Bereitschaftsdienst (BD)
(N=19)
Dabei ist zu bedenken, dass die überwiegende Mehrheit der Ärzte nach einem Bereit-
schaftsdienst einen weiteren „normalen“ Dienst leistete. Für einen Teil der Stichprobe konnte
der Beanspruchungsprozess für den sich anschließenden Normaldienst weiterverfolgt werden
(siehe Abb. 8). Im Laufe des sich an den Bereitschaftsdienst anschließenden Normaldienstes
erfolgte erwartungsgemäß eine erneute signifikante Zunahme an Anstrengung und Ermüdung
sowie eine weitere Abnahme des Engagements/positive Gestimmtheit. Im Vergleich zum
Normaldienst vor Bereitschaft fühlten sich die Ärzte in diesem Normaldienst nach Bereit-
schaft signifikant müder und weniger positiv gestimmt.

 
P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
7
0
50
100
150
200
Beginn
Mitte
Ende
1
2
3
4
5
6
Beginn
Mitte
Ende
1
2
3
4
5
6
Beginn
Mitte
Ende
ND vor BD
ND nach BD
Anstrengung
Engagement /
pos. Gestimmtheit
Ermüdung
Abb. 8: Verlauf der Anstrengung, der psychischen Ermüdung und des Engagements/positive Gestimmtheit wäh-
rend des Normaldienstes vor Bereitschaft (ND vor BD) und nach Bereitschaft (ND nach BD) (N = 8)
Um dem Argument entgegenzuwirken, dass es sich bei den beobachteten Veränderungen
lediglich um reguläre Schwankungen des Circadian-Rhythmus handeln könnte (gegen Abend
müder zu werden, ist schließlich nicht ungewöhnlich), wurden in einem nächsten Schritt die
Beanspruchungsverläufe während des Arbeitstages (ND und BD) mit denen während eines
dienstfreien Wochenendes verglichen (siehe Abb. 9).
0
50
100
150
200
Anstrengung
1234
morgens
mittags
abends
morgens
1
2
3
4
5
6
Ermüdung
1234
morgens
mittags
abends
morgens
1
2
3
4
5
6
ND & BD
dienstfrei
Engagement /
pos. Gestimmtheit
1234
morgens
mittags
abends
morgens
Abb. 9: Verlauf der Anstrengung, der psychischen Ermüdung und des Engagements/positive Gestimmtheit wäh-
rend des Normaldienstes mit anschließendem Bereitschaftsdienst (ND & BD) und der dienstfreien Zeit (N = 17)
Von besonderem Interesse waren dabei die Interaktionseffekte. So zeigte sich, dass die
Anstrengung und die Ermüdung vom Mittag (Mitte ND) bis zum späten Abend (Mitte BD)
des Arbeitstages signifikant
stärker
zunahmen als während des gleichen Zeitraums am dienst-
freien Wochenende. Während der Nacht war der Erholungseffekt im Bereitschaftsdienst signi-
fikant geringer als während einer dienstfreien Nacht: vom späten Abend (Mitte BD) bis zum
nächsten Morgen (Ende BD) ging die Ermüdung
weniger stark
zurück und erhöhte sich das
Engagement/positive Gestimmtheit
weniger stark
im Vergleich zur dienstfreien Zeit. Es er-
folgte somit während des Bereitschaftsdienstes keine entsprechende und notwendige Erho-
lung, um am folgenden Morgen einen erneuten Normaldienst anzuschließen.
Ausblick
Am 09.09.2003 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass der Bereitschaftsdienst, den
Ärzte in Form persönlicher Anwesenheit im Krankenhaus leisten, in vollem Umfang Arbeits-
zeit im Sinne der EU-Arbeitszeitrichtlinie ist. Dies gilt auch dann, wenn es den Betroffenen in
Zeiten, in denen sie nicht in Anspruch genommen werden, gestattet ist, sich an ihrer Arbeits-
stelle auszuruhen oder auch zu schlafen. Die Politik reagierte auf diese Feststellung mit dem
ab 01.01.2004 geltenden neuen Arbeitszeitgesetz.

 
P. Richter, S. Merkel, B. Streit, G. Haeslich, I. Strakow & S. Engel
Belastung Bereitschaftsdienst leistender Ärzte
Die vorgestellten Untersuchungsergebnisse belegen die hohe physische und psychische
Belastung der Ärzte durch den Bereitschaftsdienst. Damit liegt der Klinikleitung aber eine Ist-
Stands-Analyse vor, die neben dem konkreten zeitlichen Beanspruchungsverlauf der Ärzte im
Bereitschaftsdienst auch subjektive Faktoren im Arbeitserleben wie psychische Belastungen
und Ressourcen erfasst. Dabei werden Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken deut-
lich und strukturelle und organisatorische Ressourcen aufgedeckt. Die Klinikleitung hat damit
ein Instrument in der Hand, mit dem individuelle, auf die Probleme der einzelnen Kliniken
zugeschnittene Lösungen zur Arbeitszeitgestaltung gefunden werden können. Dieser Prozess
wird unter dem Aspekt der Neuregelung des Arbeitszeitgesetzes von dem zuständigen Ge-
werbeaufsichtsamt aktiv weiter begleitet werden.
Literatur
Büssing, A., Glaser, J. & Höge, T. (2001).
Screening psychischer Belastungen in der stationären Krankenpflege
(Belastungsscreening TAA-KH-S) – Manual und Handbuch zur Erfassung und Bewertung psychischer
Belastungen bei Beschäftigten im Pflegebereich.
Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW.
de Jonge, J. (2001).
Vragenlijst werk en werkbeleving
. Utrecht: Universiteit Utrecht.
de Jonge, J., Bosma, H., Peter, R. & Siegrist, J. (2000). Job strain, effort-reward imbalance and employee well-
being: a large-scale cress-sectional study.
Social Science & Medicine, 50,
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Flintrop, J. (2002). Berliner Krankenhäuser: Gesetzesverstöße sind die Regel.
Deutsches Ärzteblatt 99,
18, A-
1204 / B-1001 / C-935.
Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik – LASI (Hrsg.). (2003).
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Krankenhäusern. Arbeitszeitproblematik am Beispiel des ärztlichen Dienstes.
LASI-Veröffentlichung –
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Leonard, C., Fanning, N., Attwood, J. & Buckley, M. (1998). The effect of fatigue, sleep deprivation and
onerous working hours on the physical and mental wellbeing of pre-registration house officers.
Irish
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1, 22-25.
Richter, P., Hemmann, E., Merboth, H., Fritz, S., Hänsgen, C. & Rudolf, M. (2000). Das Erleben von
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orientierenden Analyse (FIT).
Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 44,
3, 129-139
Stern, K. (1996).
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Wegner, R., Szadkowski, D., Poschadel, B., Simms, M., Niemeyer, Y. & Baur, X. (2002). Psychomentale
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