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Tagung: Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext.
24.-26.9.2009, Dresden
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Susanne Grunwald, M.A.
Berliner Konzeptionen und Sächsische Realitäten. Zur Bedeutung der Burgwallfor-
schung für die Archäologie in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1965
Aus Sicht der Burgwallarchäologie in Sachsen sind für die Zeit nach 1945 mehr Kontinuitäten als
Brüche zu beobachten. Bis zum Mauerbau 1961 und der Durchsetzung parteipolitischer Richtlinien
und des historischen Materialismus als Geschichtsphilosophie sowie einem grundlegenden Generati-
onswechsel in der Berliner Akademie in den 1960er Jahren stand die sächsische Burgwallforschung
deutlich in der Tradition der Vorkriegsforschungen. Zum einen wegen der zahlreichen personellen
Kontinuitäten innerhalb des Burgwalldiskurses; zum anderen, weil man sich deutlich an der polni-
schen Forschung zum Frühmittelalter orientierte, die methodisch ebenfalls in die 1920er und 1930er
Jahre zurückreichte, als die deutsche Ostforschung ebenso wie die polnische Westforschung aggressiv
ethnische Deutungen versuchten und archäologische und historische Argumente zu instabilen Misch-
argumentationen aufbauten. Gleichzeitig hatte sich der ideologische und der politische Rahmen aller
Forschungen radikal geändert, der einstige Gegner im Osten war Bündnispartner, frühgeschichtliche
Kulturen wurden umbewertet und eine einheitliche Geschichtsphilosophie begann sich durchzusetzen,
die neue Fragen und Perspektiven in die Forschung einführte.
Durch die Kooperationen mit Polen und der CSSR entwickelten sich währen der 1950er Jahre mehrere
internationale wissenschaftliche Präsentationsstrukturen, die langfristig Einfluss nahmen auf die For-
schungen in der DDR. Mit der Aufnahme offizieller Kooperationsverhandlungen mit der Polnischen
Akademie 1956 nach dem deutsch-polnischen Kulturabkommen von 1952 begann eine Reihe konkre-
ter Projekte, gemeinsamer Ausgrabungen, ein Studentenaustausch, vor allem aber eine Vielzahl ge-
meinsam konzipierter und durchgeführter Kongresse und Tagungen. Auf eine tschechische Initiative
hin wurden ab 1961 Internationale Kongresse der slawischen Archäologie abgehalten, die zum Forum
nationaler Großforschungsprojekte wurden und ein Netzwerk politisch opportuner und wissenschafts-
politisch effizienter Fachvertreter der Staaten des Warschauer Vertrages knüpften. Die DDR-
Archäologie, vertreten durch Burgwallforschungen und Keramikstudien zum als „slawisch“ bezeich-
neten Frühmittelalter, erhielt damit Zugang zu einem internationalen archäologischen Diskurs, was
internationale Anerkennung und Prestige versprach und von Regierungsseite ausdrücklich gefördert
wurde.
Die 1947 an der Akademie der Wissenschaften zu Berlin gegründete Kommission für Vor- und Früh-
geschichte (ab 1952 Sektion für Vor- und Frühgeschichte; ab 1953 Institut für Vor- und Frühgeschich-
te) wurde unter dem Vorsitz von Wilhelm Unverzagt schnell zum Gremium der führenden Fachgelehr-
ten zur Anleitung und Koordinierung der archäologischen Forschung sowie der damit verbundenen
öffentlichen Belange, u.a. der Bodendenkmalpflege, und war wie die gesamte Ostberliner Akademie

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bis zum Mauerbau gesamtdeutsch ausgerichtet. Anders als vor 1945 bestand damit eine koordinieren-
de, beratende Zentralstelle für alle Belange der archäologischen Forschung und Denkmalpflege auf
dem Gebiet der SBZ/DDR, die die sächsischen Forschungskonzeptionen u. a. bei der Burgwallauf-
nahme beeinflusste.
Mit der Verordnung vom 28. Mai 1954 zum Schutze und zur Erhaltung der ur- und frühgeschichtli-
chen Bodenaltertümer fand das jahrzehntelange Bemühen um wirkungsvolle Schutzmaßnahmen im
Ostteil Deutschlands ein vorläufiges Ende. Jedoch setzten die ökonomischen Erfordernisse wie in der
Zeit vor 1945 enge Grenzen. Letztendlich entschied das persönliche Engagement über die Umsetzung
des gesetzlichen Denkmalschutzes vor Ort, so dass der Denkmalstatus von fast 70 % aller sächsischen
Burgwälle im Jahr 1968 (1945: 39 %) als Zeichen energischer behördlicher wie ehrenamtlicher Arbeit
in der Amtzeit des sächsischen Landesarchäologen Werner Coblenz zu werten ist.
Vor wie nach 1945 steuerten die sächsische Forschung und mit ihr die Burgwallforschung keine we-
sentlichen Argumente zu politischen Diskursen bei, weil dies von Seiten des Staates angesichts der zu
konstruierenden neuen sozialistischen nationalen Identität nicht gefördert wurde. Ebenso wie vor 1945
nutzte die Archäologie dann
politische Argumente, wenn es dem Fach diente, in diesem Falle dem
bürgerlichen, traditionellen gesamtdeutschen Fachverständnis, wie es Wilhelm Unverzagt und Werner
Coblenz vertraten.

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Sebastian Heber, M.A.
Wilhelm Unverzagts Rolle im Nachkriegsdeutschland
Wilhelm Unverzagt stand 1945 vor den Trümmern seines bisherigen Schaffens. Das Berliner Museum
war zerstört, ein Großteil der wertvollsten Funde, die Unverzagt im Zoo-Bunker übergeben hatte, wa-
ren in die Sowjetunion verbracht worden und befinden sich zum Teil bis heute dort. Weitere in Lebus
ausgelagerte Funde und Materialien waren dort während und nach dem Krieg zerstört und geplündert
worden. Unverzagt selbst war während des Krieges mehrmals ausgebombt worden und wohnte nun bis
zu seinem Lebensende 1971 in Berlin-Charlottenburg.
Im Juli 1945 verlor Unverzagt auf Grund seiner NSDAP-Mitgliedschaft sein Amt als Museumsdirek-
tor, auch seine Versuche, die Geschicke des Museums weiter zu mitzubestimmen, scheiterten und
endeten im November 1945 mit einem Hausverbot für ihn. Zuvor war bereits auf Grund seiner
NSDAP-Mitgliedschaft auch der Versuch gescheitert, an der wiederbegründeten Berliner Universität
Fuß zu fassen. Auch spätere Versuche Unverzagts, in den 1950-er Jahren wieder in den Lehrbetrieb
zurück zu kommen, scheiterten an seiner Vergangenheit.
Erst ab 1946 ging es wieder aufwärts. Bereits zu Beginn des Jahres wurde er von der Sowjetischen
Militäradministration beauftragt, Pläne für ein “Institut zur Erforschung der materiellen Kultur der
Altslaven” an einer nach sowjetischem Vorbild neueinzurichtenden Akademie der Wissenschaften,
auszuarbeiten. Die sowjetischen Stellen scheinen dabei wesentlich weniger Probleme mit der Zusam-
menarbeit mit belasteten Fachwissenschaftlern gehabt zu haben. Die deutsche Zivilverwaltung in der
Sowjetischen Besatzungszone dagegen hatte da schon wesentlich mehr Probleme mit Unverzagt, trotz
seines 1946 angestrengten Widerspruchsverfahrens, in dem er auch zahlreiche Gutachten (sog. Persil-
scheine) anderer Fachwissenschaftler vorlegte, die seine Gegnerschaft zum NS - Regime belegen soll-
ten. Insbesondere die für Bildung und Wissenschaft zuständige Zentralverwaltung, unter der Leitung
des aus dem sowjetischen Exils zurückgekehrten KP - Funktionärs Paul Wandel, verzögerte die Ein-
richtung eines Institutes für Vor- und Frühgeschichte unter der Leitung Unverzagts an der Akademie.
Daher wurde kein Institut gegründet, sondern eine Kommission und diese stand seit ihrer Gründung
1947 bis 1949 unter der Leitung des Historikers F.Rörig. Unverzagt war dort lediglich als gehobener
wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt, scheint aber die Fäden bereits in der Hand gehalten zu ha-
ben.
1949 dann erfolgte die Aufnahme Unverzagts in die Deutsche Akademie der Wissenschaften und die
Übernahme der Leitung der Kommission, aus der 1953 dann das Institut hervorging, welches er bis zu
seiner Pensionierung 1963 leitete. Unverzagt bestimmte durch seine zentrale und wichtige Position an

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der Akademie die Entwicklung und die Schwerpunkte innerhalb der DDR Forschung maßgeblich mit.
Über die 1952 gegründete Sektion für Vor- und Frühgeschichte an der Akademie hatte er maßgebli-
chen Einfluss auf alle Landesdenkmalämter und Landesmuseen in der DDR und auf die Ausarbeitung
von gemeinsamen Forschungsschwerpunkten. Wissenschaftlich konzentrierte er sich auf die Fortset-
zung seiner schon vor dem Krieg begonnenen Burgwallforschungen und nahm zum Ende der 1950-er
Jahre sogar seine zum Kriegsende unterbrochenen Untersuchungen in Lebus wieder auf. Er begründete
zumindest 1946 die Fortsetzung seiner Forschungen noch genau wie vor dem Krieg damit, den tsche-
chischen und polnischen Forschungen “eine deutsche auf den Fundtatsachen aufgebaute Darstellung
entgegenzusetzen“.
Unverzagt hatte als West-Berliner Bürger unter der zunehmenden Spaltung Deutschlands zu leiden.
Ein Umzug in die DDR kam ihm jedoch nie in den Sinn. Durch seine Stellung zwischen beiden Blö-
cken konnte er zahlreiche Kontakte vermitteln. Er war weiterhin Mitglied von DAI und RGK und
vermittelte zeitgleich durch die Einbeziehung westdeutscher Fachkollegen an die Akademie den sonst
in ihren Reisemöglichkeiten eingeschränkten DDR-Forschern Kontakte zu westdeutschen Kollegen.
Gleichzeitig half er bei der seit 1955/56 staatlich verordneten, verstärkten Zusammenarbeit der be-
nachbarten Akademien der sozialistischen Nachbarländer DDR, Polen und ČSSR um Vermittlung und
Einbeziehung westdeutscher Forscher. Aus seiner Tätigkeit für die DDR zog er zumindest seit Errei-
chen des Rentenalters keinerlei finanzielle Vorteile, da ihm sein DDR-Gehalt von der Westberliner
Rente abgezogen wurde. Er setzte seine Tätigkeit für die DDR auch nach dem Mauerbau 1961 trotz
aller Schwierigkeiten fort und war deshalb umso enttäuschter, als er 1963 aus Altersgründen in den
Ruhestand geschickt wurde. Er behielt allerdings bis zu seinem Tode 1971 ein Arbeitszimmer an der
Akademie der Wissenschaften der DDR (wie sie nun hieß).

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Katharina Krall, M.A.
Provenienzforschung im Hegau-Museum
Seit 1925 kümmerte sich der Singener Apotheker Albert Funk um das archäologische Erbe seiner
Wahlheimatstadt Singen. Ihm war es zu verdanken, dass über Jahrzehnte hinweg in Singen und im
Hegau Grabungen durchgeführt wurden, bei denen zum Teil sensationelle Funde zu Tage kamen.
1951 konnten Teile dieser Funde ihre Heimat in den Ausstellungsräumen des Singener Schlosses be-
ziehen. Viele archäologische Funde sind jedoch in den turbulenten 1930er Jahren und den darauf fol-
genden Jahrzehnten auf nicht ganz durchsichtige Weise ins Hegau-Museum gelangt bzw. von dort
auch „verschwunden“. Um diese Stücke geht es bei einem Forschungsprojekt, das durch die Prove-
nienzforschungsstelle in Berlin unterstützt wird.
Über Albert Funk ist nur wenig Privates bekannt. In vielerlei Hinsicht scheint sein Nachlass sehr un-
persönlich, es steht eindeutig die Archäologie im Mittelpunkt. Vermutlich wurde sein Nachlass sogar
von ihm selbst oder von seinen Angehörigen „gereinigt“. Für Funk waren die Archäologie, der Natur-
schutz und die Denkmalpflege ein echtes Anliegen. Diese drei Gebiete nahmen laut Akten seine ganze
Zeit in Anspruch.
Die Gesetze des Landes Baden machten in den 1920er Jahren keinen eindeutigen Unterschied zwi-
schen archäologischen Funden, die in staatlichen oder privaten Händen zu verbleiben hatten. In der
Praxis konnten sich Privatleute und Museen an den Funden für ihre jeweiligen Sammlungen bedienen.
So auch Funk: Teilweise wurden archäologische Fundstücke von ihm an archäologische Institute
übergeben, teilweise bewahrte er sie selber in seiner Privatwohnung, seiner Apotheke und an anderen
Stellen auf.
Die Recherchen haben gezeigt, dass während der NS-Zeit nicht nur Fundstücke von Funk bewahrt
wurden, sondern dass Funk in dieser Zeit auch Funde ankaufte bzw. auf anderen Wegen in seinen
Besitz brachte, dass also Privateigentum im Einzelfall in staatliche Hände – in unserem Fall an den
staatlich eingesetzten Denkmalpfleger – überging.
Die Sichtung der Akten hat außerdem ergeben, dass seitens einiger Heimatpfleger im Hegau ausge-
zeichnete Verbindungen zu NS-Größen bestanden. Im Falle Funks lassen sich diese Verbindungen nur
schwer nachweisen, sind aber anzunehmen und teilweise durch sein Engagement und Schriften zu
belegen. Er war außerdem Mitglied der NSDAP, des NSDÄ und der NSV.
Sowohl wissenschaftlich als auch politisch gab es nach 1945 keine großen Veränderungen. Albert
Funk zumindest hat nach 1945 genauso weitergearbeitet wie davor. Für ihn standen die Funde absolut

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im Mittelpunkt, dabei scheint ihn wenig interessiert zu haben wer gerade politisch an der Macht war.
Unter dem NS-Regime scheint seine Arbeit einfacher gewesen zu sein als davor, was Funks eher posi-
tive Einstellung zum NS-Regime erklären würde. Allerdings hatte Funk auch nach 1945 keinerlei
Probleme sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Funks Heimatverständnis war in großem Maße
breitenkompatibel, so dass er sowohl in der Weimarer Republik, im NS-Staat und in der jungen Bun-
desrepublik problemlos agieren konnte.

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Dr. des. Dirk Mahsarski, Dipl. Biol.
Von der
germanischen Stadt der Frühzeit
zum
Handelsplatz der Wikingerzeit
– Herbert
Jankuhns Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb
Herbert Jankuhn war einer der produktivsten, methodisch vielseitigsten und prägendsten deutschen
Prähistoriker des 20. Jahrhundert. Er war aber zugleich auch ein überzeugter, einflussreicher und en-
gagierter Nationalsozialist. Grundlegend für seine Karriere waren die Übernahme der Grabungsleitung
von Haithabu im Sommer 1931 und der Eintritt in die SS Anfang 1937. Mit Unterstützung Heinrich
Himmlers und des SS-Ahnenerbes wurde Jankuhn 1938 Direktor des Kieler Museums vorgeschichtli-
cher Altertümer, 1940 außerplanmäßiger Professor in Kiel und 1941 Ordinarius in Rostock. Seit 1942
war er vom Reichserziehungsministerium und der SS als Präsident des Reichsinstitutes für Vorge-
schichte vorgesehen. Daneben verfolgte Jankuhn eine steile Karriere in der SS, wo er bis zum Leiter
der Abteilung für Ausgrabungen des SS-Ahnenerbes und zum Dritten Generalstabsoffizier im IV. SS-
Panzerkorps aufstieg. Im Zuge dessen beteiligte er sich am Kunst- und Kulturgutraub in den besetzten
Gebieten und an der ideologischen Schulung von skandinavischen Freiwilligen der Waffen-SS.
Zusammen mit dem Rest des IV. SS-Panzerkorps geriet Herbert Jankuhn am 8. Mai 1945 in amerika-
nische Kriegsgefangenschaft. Eine geplante Aussage Jankuhns im Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-
prozess kam nicht zustande, weil Anklage und Verteidigung auf die Aussage ranghoher SS-Generäle
verzichteten. Schließlich überstellte die US-Army Jankuhn im Herbst 1947 in den britischen Sektor.
Dort verlief seine Entnazifizierung parallel in zwei Ebenen, einmal durch die britischen Spruchge-
richtshöfe, die für alle Angehörige der zu verbrecherischen Organisationen erklärten NS-Verbände
zuständig waren, und gleichzeitig durch die Entnazifizierungsausschüsse des Landes Schleswig-
Holstein.
Nachdem Jankuhn in erster Instanz jeweils nur als Mitläufer eingestuft worden war, ging er in beiden
Verfahren in Revision und wurde durch den Obersten Spruchgerichtshof der britischen Zone in allen
Punkten für unschuldig befunden. Der Entnazifizierungshauptausschuss des Landes Schleswig-
Holstein folgte diesem Urteil und stufte Jankuhn 1950 als „unbelastet“ ein. In beiden Verfahren hatten
Falschaussagen und Gefälligkeitsgutachten, die ihm eine große Zahl einflussreicher Kollegen ausstell-
te, eine wesentliche Rolle gespielt.
Damit wurde gleichzeitig auch ein Grundstein für den späteren – im Fach dominierenden Mythos von
der Unwissenschaftlichkeit und ideologischen Verblendung des Amtes Rosenberg im Gegensatz zum
SS-Ahnenerbe als Zufluchtsort der „reinen“ prähistorischen Wissenschaft gelegt. Einen Mythos, den

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Jankuhn durch seine Aussagen gegenüber Michael Kater in den 1960ern weiter ausbauen und verfesti-
gen konnte.
Nachdem eine erste Bewerbung auf die Nachfolge Jacob-Friesens als Direktor des Hannoverschen
Landesmuseums 1953 scheiterte, gelang Jankuhns Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb 1956 eben-
falls primär durch die Unterstützung seines Netzwerkes von Forschern mit ähnlichem Hintergrund.
Zusätzlich trug die Gesetzeslage in der BRD bei, die es dem Land Niedersachsen erlaubte, seinen
Lehrstuhl über den Bundeshaushalt zu finanzieren, denn Jankuhn war 1952 in den Kreis der Hoch-
schullehrer zur Wiederverwendung gem. Art. 131 GG, weil seine alte Professur in Rostock in der
DDR lag.
In seinen späteren wissenschaftlichen Arbeiten setzte Jankuhn sein bisheriges Forschungsprogramm
aus der Zeit vor 1945 praktisch kontinuierlich fort, während er sich aus dem populärwissenschaftli-
chen Bereich deutlich zurückzog.

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Prof. Dr. Ulrich Müller
Der limes saxoniae – Grundlagen seiner Interpretation seit den 1920er Jahren
Der Limes Saxoniae (= l.s.) ist ein Grenzbereich, der im frühen Mittelalter die slawischen Siedelgebie-
te obodritischer Teilstämme und des sächsisch-karolingischen Herrschaftsbereiches abgrenzt. Er reicht
von der Kieler Förde bis zur Niederelbe und setzt sich in seinem Verlauf über das Wendland bis zur
mittleren Elbe fort. Adam von Bremen beschrieb um 1075 in der von ihm verfassten „Gesta Hamma-
burgensis ecclesiae pontificum“ (Hamburger Kirchengeschichte) (2. Buch, Kap. 15b) den Grenzver-
lauf, der sich an geografischen Begebenheiten orientiert (Flüsse, Seen, Wälder usw.). Auf der Grund-
lage schriftlicher Quellen wird vermutet, dass die Grenzziehung durch Karl den Großen erfolgt ist.
Weiterhin wurde die Vermutung geäußert, dass Adam von Bremen eine Begründung für die Grenze
zwischen dem Erzbistum Hamburg-Bremen und Oldenburg (später Lübeck) habe geben wollen. Wei-
terhin wird vermutet, dass die Grenze ursprünglich linear konzipiert war, sich aber zu einer Wald- und
Ödlandzone i.S. eines Grenzsaumes wandelte. Westlich wie östlich des l.s. finden sich eine Reihe von
Burganlagen, die die ältere Forschung als Teil des limes angesehen und damit die lineare Struktur
begründet hat. Weiterhin wurden diese Anlagen aufgrund ihrer Bauweise und des Fundmaterials eth-
nisch (sächsisch, karolingisch, ottonisch, slawisch) interpretiert. Archäologische Quellen sowie Topo-
nyme zeigen jedoch einen Grenzsaum, der sehr unterschiedlich als politische, militärische, religiöse,
kulturelle, ökonomische oder sprachliche Grenze verstanden werden und eine zeitliche Dynamik auf-
weist. In der Erforschung des l.s. lassen sich grob mehrere Phasen unterscheiden
Das späte 19. Jh. bis in die späten 1920er Jahre
Die Diskussion vollzieht sich vor einer zunehmenden Nationalisierung insbesondere in der Germanis-
tik, Volkskunde und Geschichte. Der l.s. wird nahezu ausschließlich auf der Grundlage nicht-
archäologischer Quellen erschlossen. Vorherrschend (Bangert; Handelmann) ist das Bild einer poli-
tisch-militärischen Grenze, die durch Grenzanlagen und Befestigungen gesichert ist und damit dem
Bild eines "Germanischen und römisches Grenzkonzeptes" folgt bzw. zu seiner historischen Legitima-
tion dient. Geofaktoren werden durch die Forschung (Struck; Lipp) als Gunst- und Ungunsträume
auch national-ethnisch interpretiert.
Mit den Aktivitäten von C. Schuchardt setzt eine professionelle archäologische Dokumentation ein,
die zu neuen Einsichten über das Verhältnis Burgwälle und Limesverlauf sowie deren hist. Interpreta-
tion führt. Die Studie durch Hofmeister (1927) vollzieht sich nicht nur vor dem Hintergrund des Kon-
fliktes mit Schuchardt, sondern fundamentiert das Bild „
dass eine deutsche Grenze durch slavisches
Gebiet gezogen wurde ...und das dem eigentlichen Reichsboden als Vorhut diente. Natürlich sollte

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diese Grenze, zumal wir sie als eine bewehrte kennen gelernt haben, deutsche Bevölkerung schützen
(Hoffmeister 1927).
Die 1930er und 1940er Jahre
In den 1930er und 1940er Jahren wird diese Bild nicht nur beibehalten, sondern im Sinne der Diskus-
sion um Volks- und Kulturboden ausgebaut und mit den gängigen Bildern der „Minderwertigkeit“
slawischer Kultur kombiniert. Der l.s. spielt dahingehend eine Rolle, als seine „Errichtung“ als Aus-
druck sächsischen Stammeswirkens und karolingischer Geopolitik interpretiert wird (Matthiesen; Hül-
le). Diese Interpretation folgt in gewissem Sinne einem Verständnis von „wehrhaften Mannschaftsver-
bänden“ (Otto Höfler) und „bäuerlichen Siedlergruppen“ (Bernhard Kummer). Konsequent ist das
weitestgehende Fehlen einer Beschäftigung mit dem l.s. seitens der Archäologie, die den Nachweis
eines urdeutschen Volksbodens pflegt, so dass sächsische Burgwälle (z.B. Tagung Ahnenerbe 1939) in
der Forschung auch in Schleswig-Holstein im Vordergrund stehen. Eine Ausnahme bildet die Studie
von K. Hucke über Ostholstein auf der Grundlage arch. und sprachlicher Quellen.
Die Nachkriegszeit bis zum Beginn der 1970er Jahre
Die Nachkriegszeit ist vor allem durch historische und philologische Studien gekennzeichnet, die sich
Fragen des Grenzverlaufs sowie der Burgenorganisation widmen. Hierbei werden die Ergebnisse der
archäologischen Burgwallforschung (Datierung, Ansprache) für die historische Interpretation aufge-
griffen. Ein eigentlicher archäologisch-historischer Diskurs findet mit Ausnahme der Studie von
Lammers kaum statt. Die Übersichten von Kersten (1951) und Jankuhn (1957) spiegeln den Stand der
Vorkriegszeit wieder; durch Struve (1970) erhält die Forschung dann neue Impulse.
Die Zeit zwischen den 1970er bis 1990er Jahren
Diese Zeit ist durch großangelegte Forschungsprojekte zu slawischen Siedlungen gekennzeichnet.
Besonders ostholsteinische Plätze wie Bosau oder Oldenburg werden intensiv und interdisziplinär
erforscht. Eine verbesserte arch. Methodik (Datierung der Keramik; Stratigrafie; Dendrodaten) bewirkt
die Verdichtung der siedlungsarchäologischen Daten und auch in der historischen sowie onomasti-
schen Forschung steht weniger die ethnische Interpretation im Vordergrund, sondern die diachrone
wie synchrone Untersuchung von Siedlungslandschaften. Trotzdem resümiert Kempke (1998), dass
das „Geschichtsbild aus der Kombination von archäologischen Daten und schriftlichen Quellen“.
Die Zeit nach 1990
Veränderte ökonomische und politische Rahmenbedingungen (Globalisierungsdebatten; polt. Umbrü-
che in Osteuropa usw.) und deren gesellschaftliche wie wissenschaftliche Wahrnehmung führen zu
einem neuerlich Diskurs um Konzepte von Grenze und mit ihr verbundene Kategorien. Vor dem Hin-

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tergrund des „spatial turn“ in den Kulturwissenschaften kommt es auch in der Archäologie zu einer
neuen Diskussion von Grenzkonzepten. Dies schlägt sich sowohl in der Rezeption der kulturhistori-
schen Forschung nieder (Hardt 2003) als auch in der Anwendung statistisch-räumlicher Modelle (Saile
2007). Damit wird der Weg von der Interpretation der linearen Grenze und dem Grenzsaum zu einem
Verständnis von Grenze als „Kommunikationsraum“, „Transferraum“ oder „Peripherräume“ geebnet.
Weiterhin zeigt es sich, dass sowohl für die slawischen Siedelgebiete Ostholsteins eine vergleichende
Analyse fehlt als auch für die „sächsischen Burgen“ westlich des l.s.
Die populärwissenschaftliche Rezeption des limes Saxoniae steht noch aus. Drei Punkte seien hier
genannt:
1. In der Lokal- und Regionalhistorie ist nach wie vor die Frage des genauen Grenzverlaufes von
Bedeutung. Dabei spielt sowohl die ethnische Interpretation als insbesondere die Verbindung
mit historischen Ereignissen eine wichtige Rolle.
2. In den Publikationen der 1950er und 1960er Jahre wird nicht nur das Bild des „deutschen Sie-
delwerkes“ tradiert, sondern auch die negative Darstellung slawischer Kultur fortgeführt. Ex-
emplarisch genannt sei hier Ehlers/Arens (Aus Schleswig-Holsteins Vergangenheit 1953) oder
Putzgers Weltatlas von 1961 („Altes deutsches Volksgebiet; bäuerliche Ostsiedlung“), die sich
fast nahtlos an die Konzepte von J.O. Plaßmann (Landnahme – Kolonisation) anfügen.
3. Bis heute werden die Thesen des Kieler Forscher W. Steller rezipiert, der (u.a. 1959) die Exis-
tenz slawischer Bevölkerung generell negierte und von einer germanischen heidnischen Rest-
bevölkerung sprach. Diese von der Fachwelt ablehnend bewerteten Thesen haben allerdings in
unterschiedlicher Form bis heute Eingang in die Öffentlichkeit gefunden.

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Timo Saalmann, M.A.
Den Verlust erinnern. Die prähistorische Sammlung der Berliner Museen nach 1945
Das Staatliche Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin lag am Ende des Zweiten Weltkriegs in
Trümmern. Unter dem Schutt des stark kriegszerstörten Museumsgebäudes befanden sich nur noch
wenige Exponate, die weder bei den fieberhaften Auslagerungen im letzten Kriegsjahr noch bei die
Beschlagnahmen durch sowjetische „Trophäenbrigaden“ Beachtung gefunden hatten. Dagegen hatte
Museumsdirektor Wilhelm Unverzagt mit dem als „Schatz des Priamos“ bekannten bedeutenden
Goldfund aus Heinrich Schliemanns Troja-Grabungen zentrale Ausstellungsstücke des Museums den
sowjetischen Besatzungstruppen übergeben.
In den folgenden Jahrzehnten spielte das Schicksal des „Schatz des Priamos“ eine wichtige Rolle in
der öffentlichen Wahrnehmung der Berliner Museumsgeschichte, vor allem weil Schliemann seine
Funde dem „Deutschen Volke“ geschenkt hatte und die Öffentlichkeit seine Gabe als Teil des nationa-
len Kunstbesitzes verstand. Daran knüpfte die deutsche Nachkriegsgesellschaft ein Narrativ an, das
angesichts der massiven Kriegszerstörungen und -verluste sowie der zeitweisen Beschlagnahmen von
Kulturgut durch die Alliierten die Selbstwahrnehmung der Deutschen als geschlagene Nation und
Opfer der NS-Diktatur spiegelte. Auch die prähistorische Archäologie trug zu dieser Wahrnehmung
bei.
Als der „Schatz des Priamos“ nicht zu den Gegenständen gehörte, die Mitte der fünfziger Jahre von
der UdSSR an die DDR zurückgegeben wurden, gewann der Umgang der Alliierten mit deutschem
Kulturgut zunehmende Relevanz in der Systemkonkurrenz und in der deutsch-deutschen Politik.
Rückführungen von Sammlungsgut in die seit 1948 in Ost und West als getrennt voneinander agieren-
de Museumsorganisationen – Museumsinsel und Dahlem – hatten daher nicht nur wichtige kunstpoli-
tische, sondern auch bündnis- und deutschlandpolitische Funktionen.
Spätestens nach dem Mauerbau etablierte sich in den frühen sechziger Jahren mit der Gründung der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Umzugs der prähistorischen Abteilung in den Langhansbau
des Charlottenburger Schlosses ein Bewusstsein bei den Berliner Museumsleuten, das immer weniger
Bezug auf die Verluste nahm als vielmehr die eigene Wiederaufbauleistung der Nachkriegszeit in den
Vordergrund rückte. Auch solche fachwissenschaftlichen Narrative trugen dazu bei, dass sich West
und Ost auseinander entwickelten.

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Judith Schachtmann, M.A.
Walter Frenzel und die ethnographische Sammlung Łódź
Walter Frenzel (1892-1941) zählt auch heute noch zu den bekanntesten Archäologen der sächsischen
Oberlausitz. Sein Name ist eng mit dem Aufbau der regionalen archäologischen Denkmalpflege der
Oberlausitz, vor allem in und um Bautzen, sowie mit einer damit einhergehenden breiten Öffentlich-
keitsarbeit verbunden. Biographische Arbeiten über Frenzel wenden sich hauptsächlich seiner Bautze-
ner Schaffensperiode zu. Im Gegensatz dazu wurde sein zweiter Lebensabschnitt, der mit dem Wech-
sel an die Hochschule für Lehrerbildung in Frankfurt a. d. Oder im Juli 1936 beginnt und mit seinem
Tode im März 1941 in Salzenforst endet, bislang noch nicht aufgearbeitet.
Frenzel, der schon in seiner Bautzner Zeit einige populäre und populärwissenschaftliche Vorge-
schichts- und Geschichtslehrbücher verfasste, nahm an der Hochschule für Lehrerbildung mit den ihm
erteilten Lehrauftrag für Deutsche Vorgeschichte und Methodik des Geschichtsunterrichtes direkten
Einfluss auf zu vermittelnde Inhalte auszubildender Geschichtslehrer und prägte damit die Anschau-
ungen einer Reihe zukünftiger Lehrer.
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nahm Frenzel als Oberleutnant am sog. Polenfeldzug teil und
führte in den ersten Kriegsmonaten „Ausgrabungen“ auf polnischem Territorium durch. Nach seiner
Ankunft in Łódź nahm er ab 1940 zunächst inoffiziell später als offizieller Beauftragter die Sicherstel-
lung von 22.000 polnischen und jüdischen Kulturgütern, vor [Angabe W.F.]. Im November 1940 wur-
de er zum Direktor des ethnographisch - vorgeschichtlich - volkskundlichen Museums Litzmannstadt /
Łódź berufen. Während er einerseits einen Ausbau der vorgeschichtlichen Abteilung vorsah, leitete er
anderseits den Verkauf der ethnographischen Sammlung des Museums ein. Der Verkauf erfolgte nach
seinem Tode 1941 zunächst an das Museum für Völkerkunde nach Leipzig. Wenig später wurden Tei-
le der Sammlung an verschiedene Museen in Hamburg, Köln und Göttingen weiterverkauft. Nur ein
Teil dieser Sammlung wurde bis heute restituiert.
Der Vortrag soll neben der Ergänzung seiner Biographie mit Schwerpunkt auf den Zeitraum 1936 bis
1941 auch den Umgang mit seinem wissenschaftlichen Erbe vorstellen. Dies vor allem vor dem Hin-
tergrund seiner Rolle bei der Verstrickung verschleppter Kulturgüter am Beispiel der ethnographi-
schen Sammlung Łódź.

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Dana Schlegelmilch, M.A.
Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen
Gero Merhart von Bernegg (1886-1959) wurde im Jahr 1927 nach Marburg auf den ersten Ordentli-
chen Lehrstuhl für Vorgeschichte im Deutschen Reich berufen; er widmete sich in den folgenden Jah-
ren konsequent dem Aufbau des Marburger Seminares sowie der daran gebundenen nordhessischen
Denkmalpflege und war Lehrer und Vorbild einer ganzen Reihe bedeutender Prähistoriker der nächs-
ten Generation.
Nach 1933 kam Merhart nicht nur mit Hans Reinerth und dem Amt Rosenberg in Konflikt; auch in
Teilen der SS galt er als „weltanschaulich unzuverlässig“, obwohl viele seiner Schüler selbst SS-
Angehörige waren.
Die Intervention des Reichsführer-SS Heinrich Himmler im Reichserziehungsministerium führte zur
Beurlaubung und schließlich Pensionierung Merharts, der allerdings im Gegenzug mit einem For-
schungsauftrag des SS-Ahnenerbes ausgestattet wurde. Trotz dieser Tatsache wurde Merhart 1945
durch die US-Amerikaner – als entlassener Hochschullehrer – als Opfer des Nationalsozialismus ein-
gestuft und war daher nicht vom „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“
betroffen. Damit wurde er auch zu einer Schlüsselfigur bei der Erstellung von Gutachten für Entnazifi-
zierungsprozesse, in denen er beeidete, dass die beschuldigte Person sich ihm gegenüber auch dann
noch anständig verhalten hatte, nachdem er aus dem Amt gedrängt worden war.
Mit dieser Strategie verfasste er unzählige „Persilscheine“ für sehr viele der belasteten Prähistoriker
und sagte darüber hinaus in mindestens vier Spruchkammerverfahren aus. Ausschlaggebend für die
Gewährung eines Gutachtens war für Merhart aber nicht der Grad der tatsächlichen politischen Belas-
tung; vielmehr agierte Merhart in dem Selbstverständnis, „für das Fach“ zu handeln und Personen zu
entlasten, deren Position oder wissenschaftliche Leistung von ihm als bedeutend für die Prähistorie
eingestuft wurde.
Aus demselben Verständnis heraus bemühte er sich auch um die Rückkehr Gerhard Bersus aus dem
britischen Exil; diesen drängte er, die Leitung der RGK wieder zu übernehmen.
Zwei Spruchkammerverfahren hatten für Merhart eine besondere Bedeutung:
Einerseits engagierte er sich sehr für die Rückkehr seines Schülers und Nachfolgers Wolfgang Dehn
auf den Marburger Lehrstuhl; andererseits bildete er zusammen mit anderen Prähistorikern eine Front
gegen die Entnazifizierung Hans Reinerths und erklärte sich auch bereit, als Hauptbelastungszeuge
gegen diesen auszusagen. So war Merhart entscheidend daran beteiligt, nach 1945 eine Richtung der
Prähistoriker wieder in das Fach zu bringen und die andere hinauszudrängen, ohne dass letztere alleine
die nationalsozialistische Prähistorie verkörpert hätte. Deutlich wird, dass die Wurzel der Legende von

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Tagung: Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext.
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der „reinen Wissenschaft“ in der SS und der „belasteten Wissenschaft“ im Amt Rosenberg schon wäh-
rend der Phase der Entnazifizierungen gelegt wird.
Diese wird sich auch 20 Jahre später noch in den Arbeiten von Bollmus und Kater niederschlagen und
erfährt erst in den letzten Jahren eine Revision. Das Jahr 1945 erscheint in dieser Perspektive somit
einerseits als Bruch; andererseits wurde Kontinuität jedoch auch bewusst und mit großer Mühe sicher-
gestellt.

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Dr. Michael Strobel
Werner Radig – Ostforscher im Generalgouvernement und Träger des Vaterländischen
Verdienstordens der DDR
1949 wurde Hans Reinerth aus der prähistorischen Archäologie ausgeschlossen. Das Odium, ein Schü-
ler oder Anhänger des völkischen Vorgeschichtswissenschaftlers gewesen zu sein, warf auch viele von
ihnen aus ihrer beruflichen Laufbahn. Nur wenigen gelang es, nach Kriegsende in das Fach oder zu-
mindest eine fachbezogene Anstellung zurückzukehren. Dies gilt für beide deutsche Staaten. Als Lan-
desleiter Sachsen wurde der Wurzener Kötzschke-Schüler Werner Radig (1903-1985) schon im Som-
mer 1933 in eine Führungsposition in Reinerths Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte berufen;
seine Loyalität belohnte der Reichsbundführer 1936 mit einer Berufung an die Hochschule für Lehrer-
fortbildung in Elbing, 1941 mit der Bestellung zum Leiter der Sektion Vorgeschichte im Institut für
Deutsche Ostarbeit in Krakau, das Generalgouverneur Hans Frank gegründet hatte. Nach Fronteinsatz
(1943-1945) und kurzer britischer Kriegsgefangenschaft ließ sich Radig in Thüringen nieder, wo er
schon 1946 in die LDP sowie bis 1950 in verschiedene Massenorganisationen der DDR eintrat und in
der Denkmalpflege, in der Museumslandschaft und in der Erwachsenbildung Fuß fassen konnte, bis er
1951 im Institut für Theorie und Geschichte der Baukunst bei der Deutschen Bauakademie eine feste
Stelle antrat. Von 1957 bis zu seiner Pensionierung 1968 war der ehemalige Sektionsleiter dann an der
Deutschen Akademie Wissenschaften (DAW) beschäftigt, wo er zunächst in der Redaktion des Aka-
demie-Jahrbuches, seit 1962 am Institut für Volkskunde tätig war.
Als Radig 1953/54 erstmals in das Visier des MfS geriet, waren offenbar seine Westkontakte aus-
schlaggebend. Um ihn zur „Aufklärung und Bearbeitung bürgerlicher Wissenschaftler aus den Reihen
der DAW“ als IM anzuwerben, fanden fünf Jahre später, 1959, zwei Treffen statt, bei denen sich der
Kandidat als durchaus auskunftsfreudig erwies. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Stasi über die NS-
Vergangenheit des Akademieangestellten nicht mehr, als dieser in Frage- und Personalbögen angege-
ben hatte. Obwohl Radigs Tätigkeit am IDO schon 1959 in einer Publikation aufgedeckt worden war,
dauerte es bis 1961, ehe das MfS durch einen polnischen Informanten auf diese Zusammenhänge auf-
merksam wurde und einen Akademie-IM mit der „Aufklärung“ beauftragte. Nichts hätte Radig mehr
entlasten können als die IM-Einschätzung, er habe lediglich „für sein persönliches Fortkommen nütz-
liche Konzessionen an die faschistische Ideologie“ gemacht. Vor dem Hintergrund der Integrationspo-
litik des SED-Staates wird auch verständlich, warum eine Petition der Betriebsorganisation der SED
im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle gegen die Kandidatur des LDPD-Mitgliedes für die Berli-
ner Stadtverordnetenversammlung zwar zu seinem Rückzug von der Kandidatur führte, für seine be-
rufliche Stellung aber folgenlos blieb. Obwohl das MfS damit lückenlos über die Laufbahn Radigs
während des NS informiert war, verstrich auch diese Gelegenheit, ihn, ggf. unter Druck als IM anzu-

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werben. Dieser sozusagen „offiziellen“ Aktenlage des IM-Vorlaufes, aus der ebenso viel historisches
Unwissen wie mangelnde Archivkenntnisse sprechen, steht das Wissen von Zeitgenossen und Kolle-
gen gegenüber. Schon Georg Bierbaum, Radigs ehemaliger Vorgesetzter in der sächsischen Boden-
denkmalpflege bis 1934, äußerte sich 1947 in einem Schreiben an den Leipziger Lehrer Rudolf
Moschkau unmissverständlich und emotional über die NS-Karriere des damaligen Reichsbundlandes-
leiters und Gefolgsmannes Reinerths. Bei seiner Anstellung an der Deutschen Bauakademie waren
Vorgesetzte und Kollegen über seine „faschistische Vergangenheit“ ebenso im Bilde wie sechs Jahre
später bei seinem Wechsel an die DAW. Vor der Anpassungsbereitschaft des Prähistorikers, der durch
seine „Lernwilligkeit“ und Mitarbeit im neuen Staat auffiel, verblasste sogar der Makel einer Lei-
tungsfunktion an einer herausgehobenen NS-Institution im besetzten Polen. Radig hatte von den Integ-
rationsangeboten in der SBZ und DDR früh und rege Gebrauch gemacht, sich also „bald nach der Zer-
schlagung des Hitlerfaschismus ausschließlich in den Dienst unserer neuen Gesellschaft gestellt“ und
war nach einer Bewährung von mehreren Jahren sowohl beruflich als auch sozial vollständig in der
Deutschen Demokratischen Republik „angekommen“. Die letzten Jahre seines Berufsleben betätigte
sich der Akademiemitarbeiter ohnehin nicht mehr als Prähistoriker, sondern als Hausforscher. 1961
wurde er für sein Engagement bei der Inventarisation historisch-volkskundlich wertvoller Bauten und
der Popularisierung der Hausforschung mit der Johannes-R.-Becher Medaille in Gold, Anfang der
1980er Jahre für seine Lebenswerk im Arbeiter- und Bauernstaat schließlich mit dem Vaterländischen
Verdienstorden der DDR in Bronze ausgezeichnet.

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Marie Vigener, M.A.
"Schäbigste Opportunität und Charakterschwäche"? - Mitgliederstreichungen beim
Deutschen Archäologischen Institut, 1938-1953
Im Mittelpunkt des Vortrages stand die Frage, wie das deutsche Archäologische Institut mit dem Erbe
der NS-Zeit nach 1945 umging, am Beispiel der Mitgliederstreichungen aus politischen Gründen wäh-
rend der NS-Zeit und der frühen Bundesrepublik. Im Umgang mit der NS-Vergangenheit sind zwei
Phasen zu sehen: die unmittelbare Nachkriegszeit, in der wesentliche Teiles des Narrativs der „saube-
ren Archäologie“ entstanden, und die fünfziger Jahre, in denen eine personelle und institutionelle Kon-
tinuität wiederum eine entschiedene Zäsur verhinderte.
Carl Weickert, der 1945 kommissarisch die Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts über-
nommen hatte, und seine Mitarbeiter standen nach Kriegsende vor enormen Problemen. Das DAI be-
stand faktisch nicht mehr, die Auslandsabteilungen in Rom, Athen, Istanbul, Kairo und Bagdad waren
geschlossen und standen unter Sequester, die RGK war dem Lande Hessen unterstellt. Die Kontakte
ins Ausland waren seit Jahren unterbrochen, zahlreiche Mitglieder hatten ihre Mitgliedschaft gekün-
digt, waren umgezogen, viele deutsche Archäologen waren gefallen oder ihr Aufenthaltsort war unbe-
kannt. Es galt daher zunächst eine aktuelle Mitgliederliste zu erstellen. Das Institut sandte 1946 allen
Mitgliedern eine Fragekarte mit der Bitte um ihre aktuellen Daten, ohne weiteren Kommentar auch
den ehemaligen jüdischen deutschen Mitgliedern. Diese waren 1938 auf Druck des Reichserzie-
hungsministeriums, der vorgesetzten Behörde des DAI, gestrichen worden.
Überraschend problemlos kehrten die meisten der ehemaligen Mitglieder zurück. Eine Debatte ent-
zündete sich erst an dem Einzigen, der sich einer umstandslosen Rückkehr verweigerte und seinerseits
den Ausschluss NS-belasteter Mitglieder forderte. Weickert und die meisten ZD-Mitglieder empfan-
den das als Zumutung. Die Antwort war ablehnend und dilatorisch. Damit schien die Angelegenheit
erledigt.
Erst 1953 stellte sich das Problem erneut. Im Zuge der wieder angeknüpften internationalen Kontakte
diskutierte man erneut, sich nun doch von den belasteten Archäologen und politischen Ehrenmitglie-
dern zu trennen.
Man entschloss sich jedoch, nur die Nicht-Gelehrten, also Militärs und NS-Politiker, zu streichen,
ohne sie davon in Kenntnis zu setzen. Die stark belasteten NS-Archäologen, darunter Ortsgruppenlei-
ter der Auslandsorganisation der NSDAP, blieben Mitglieder. Das DAI verzichtete lediglich darauf,
sie anzuschreiben oder ihnen Publikationen zuzusenden.
Der zögerliche Umgang mit den belasteten Mitgliedern erklärt sich sicherlich aus dem Mangel an poli-
tischem oder gesellschaftlichem Druck, sich entschieden von der NS-Vergangenheit abzukehren.

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Kaum ein Emigrant kehrte zurück oder verlangte eine entschiedene Säuberung, auch das trug zu der
mangelnden Selbstkritik bei.

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Dr. Jasper von Richthofen
Kriegsverlust und Beutekunst
Der schwierige Umgang mit kriegsverlagerten Kulturgütern am Beispiel des Kulturhis-
torischen Museums Görlitz
Sammlungsgeschichte:
Erste archäologische Funde, die in Königswartha bei Bautzen ausgegraben wurden, kaufte 1798 die
1779 gegründete Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. Seit 1873 sammelte auch das Mu-
seum für Alterthum und Kunst, welches aus der Görlitzer Rüstkammer hervorgegangen war, archäolo-
gische Funde. Nach der Gründung der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlau-
sitz im Jahre 1888 durch Ludwig Feyerabend werden zahlreiche Grabungen durchgeführt, deren er-
klärtes Ziel die Schaffung einer repräsentativen Sammlung war. Feyerabend eröffnet als dessen erster
Direktor 1904 das Kaiser-Friedrich-Museum in der Ruhmeshalle (heute: dom kultury in Zgorzelec).
Im Jahr 1932 wurde das Museum durch den Kaisertrutz mit einer stadtgeschichtlichen und einer ar-
chäologischen Ausstellung erweitert. Hier brachte man auch das archäologische Depot unter. 1936
wurde Görlitz Bezirkstelle Oberlausitz des schlesischen Landesamtes für Vorgeschichte in Breslau.
Bis 1945 wird die komplette Preußische Oberlausitz, Provinz Niederschlesien, von Görlitz aus boden-
denkmalpflegerisch betreut. Von 1953 bis 1993 gehörten nur noch die Altkreise Niesky und Görlitz
zum Arbeitsgebiet der Görlitzer Archäologen, bis 1953 zählte ferner der an den einstigen DDR-Bezirk
Cottbus abgegebene Kreis Weißwasser dazu. Die archäologische Sammlung umfasst heute etwa
50.000 Bestandseinheiten.
Personen:
Von 1928 bis 1936 betreut Otto-Friedrich Gandert als Nachfolger des 1927 verstorbenen Ludwig Fey-
erabend die Abt. Ur- und Frühgeschichte. Als Direktor folgt er von 1934 bis 1936 Ernst Polaczek, der
von 1927 bis 1933 das Haus leitete und 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Amt ge-
drängt wurde. Von 1936 bis 1951 leitete der Kunsthistoriker Sigfried Asche das Museum. Von 1935
bis 1945 war Hans-Adolf Schultz für die Ur- und Frühgeschichte zuständig. Nach dem Krieg betreuten
die Prähistoriker Günter Rennebach (1959-1971) und später Lutz Oberhofer (1971-1986) die archäo-
logische Sammlung. Außerdem waren die Grabungstechniker Bruno Friedland und Heiner Mitschke
am Hause tätig.

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Auslagerung:
Bereits im Jahr 1939 kam es zur kriegsbedingten Schließung des Museums. Nach entsprechenden
staatlichen Erlassen wurden im Juli und Dezember 1943 Auslagerung großer Teile der Kunst- und
Kunsthandwerksammlung u. a. auf die Rittergüter Florsdorf und Kuhna, östlich der Neiße vorgenom-
men. 1944 oder Anfang 1945 erfolgte aus Platzmangel teilweise Umlagerung von Florsdorf in das
Schloss Krobnitz westliche der Neiße. Im Oktober 1943 wurden 18 Kartons mit arch. Funden aus der
Ausstellung sowie Karten und Akten in den Luftschutzkeller des Landesamtes für Vorgeschichte im
Ständehaus in der Stadt verbracht. Im Mai 1944 werden weitere 30 Kisten mit arch. Funden nach Groß
Krauscha überführt. Im Sommer 1945 kam es auf Befehl der sowjetischen Militärkommandantur zu
ersten Rücktransporten diverser Objekte aus dem Schloss Kuhna. Nur ein geringer Teil der Samm-
lungsgüter kann jedoch nach Görlitz zurückgeholt werden. Etwa 80 % der Museumssammlung
verbleiben aufgrund der Kriegsauslagerung östlich der Neiße und sind bis heute im Besitz des polni-
schen Staates oder gelten als Kriegsverlust. Die Inbesitznahme der Kulturgüter durch Polen gründet
sich u. a. auf den „Görlitzer Vertrag“ über die Oder-Neiße-Friedensgrenze, der am 6. Juli 1950 von
Józef Cyrankiewicz und Otto Grotewohl im Dom Kultury, dem einstigen Kaiser-Friedrich-Museum,
der nunmehr polnischen Stadt Zgorzelec unterzeichnet wurde.
Fallbeispiele:
Dolchhort von Klein Neundorf, späte Bronzenzeit: Von ursprünglich 3 Dolchen ist heute noch einer
erhalten; Fibel von Kirchwinkel, mittlere Bronzezeit: Verlust; Hacksilberschatz von Meschwitz,
Frühmittelalter: Der Schmuck ist Verlust, die Münzen großteilig noch erhalten; Hortfund von Jahmen,
jüngere Bronzezeit: Von 11 Fundstücken sind heute noch 3 Oberarmringe vorhanden; Hacksilber-
schatz von Mahnau/Maniów, Frühmittelalter: Schatzgefäß, Schmuck und Textilreste sind noch in der
Sammlung, die 450 zugehörigen Münzen befinden sich heute im Münzkabinett des Staatlichen Muse-
ums in Warschau (M. Haisig: Wczesnośredniowieczne skarby srebrne z Małopolski, Śląska, Warmii i
Mazur, 1966). Die Rückkehr der Görlitzer Museumssammlung ist auch bei Kenntnis aktueller Stand-
orte etwa in polnischen staatlichen Museen aufgrund unterschiedlicher juristischer Auffassungen zwi-
schen Polen, Russland und Deutschland zum Umgang mit kriegsverlagerten Kulturgütern und Beute-
kunst äußerst fraglich. Kooperationen und zeitaufwändige Provenienzrecherchen sind auf der Arbeits-
ebene zwischen den Museen inzwischen allerdings durchaus möglich.

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Dr. Thomas Widera
Wissenschaft oder Mission? Die "Aufbauarbeit" des sächsischen Landesmuseums und
des Landesamtes für Vorgeschichte
Der Beitrag untersucht das Verhältnis von Wandel und Dauer im Anschluss an die nationalsozialisti-
sche Diktatur bis 1952 und fragt nach konkreten Veränderungen in den Institutionen der Vor- und
Frühgeschichte in Sachsen und ob in dieser Zeit ein Neuanfang stattgefunden hat. Denn die Situation
in Dresden war 1945 für den sächsischen Landespfleger Georg Bierbaum unabsehbar schwierig. Prak-
tisch existierten nach den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden weder die Dienststelle des Lan-
despflegers für Bodenaltertümer noch das Landesmuseum für Vorgeschichte.
Insbesondere Bierbaums späterer Nachfolger Werner Coblenz erwarb große Verdienste beim Wieder-
aufbau und konnte im Sommer 1946 erste Erfolge vorweisen. Einerseits knüpfte er an den vorherigen
Zustand an, andererseits begründete er unter Hinweis auf die Zerstörung seine Auffassung über die
seiner Ansicht nach stattgefundene radikale Erneuerung. Zur gleichen Zeit geriet die Bodendenkmal-
pflege zunehmend unter politischen Druck, ausgelöst durch die im Vergleich zu anderen kulturellen
Institutionen kulturelle Nachrangigkeit des Landesmuseums für Vorgeschichte. Mehrmals erfolgten
strukturelle Eingriffe mit dem Ziel, die Vorgeschichte anderen Einrichtungen anzugliedern. Da Muse-
en als kulturelle Erziehungsinstrumente die kulturpolitische Flanke die SED-Herrschaft stabilisieren
sollten, entstand aus dem mangelnden Gegenwartsbezug des Fachs dessen erhöhter Legitimationsbe-
darf. Auch wenn die Bestrebungen zur Schaffung eines Museums für Kulturgeschichte 1948 in Dres-
den und der wenig später erfolgte Aufbau eines Landesamtes für Volkskunde und Denkmalpflege
keinen Bestand hatten, zeigte sich in diesen Entwicklungen die starke Politikabhängigkeit. Obwohl der
Wissenschaftler Coblenz sich an dem neuen politischen Vokabular orientierte, konnten Anpassung an
die Politik und deren inhaltliche Antizipation Einmischungen in die wissenschaftlichen Belange nicht
verhindern. Bis 1945 war die Bodendenkmalpflege und die vorgeschichtliche Museumsarbeit vorran-
gig mittelbar über die Verteilung finanzieller Ressourcen gelenkt worden, danach verschob sich die
Relation zugunsten unmittelbarer Intervention. Bindung an einen politischen Auftrag wurde zur Vor-
aussetzung wissenschaftlicher Tätigkeit.
Erst nach Auflösung der Länder in der DDR 1952 gelangte auch in Sachsen die vorgeschichtliche
Bodendenkmalpflege in ein ruhigeres Fahrwasser, Leitinstitution der Landesmuseen für Vorgeschichte
wurde schließlich die Sektion für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaf-
ten.

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Roman Grabolle, M.A. / Jan Jeskow, M.A.
Gotthard Neumann (1902–1972) – Vom Vorgeschichtsprofessor zum Waldarbeiter und
zurück. Entnazifizierung, Wiedereinstellung und Reintegration an der Universität Jena
in der SBZ und frühen DDR.
Der Beitrag widmete sich Gotthard Neumann (1902–1972), der von 1934 bis 1941 und 1953 bis 1967
als Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wirkte, zuvor aber
auch eine zeitlang am Staatlichen Museum für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte in Dresden
tätig gewesen war (1927–1930).
Nach einer Kurzbiographie über seine familiäre Herkunft aus einem christlich-nationalliberalen Um-
feld und seine Ausbildung in der Weimarer Republik wurden die wissenschaftliche Tätigkeit und Kar-
riere im Nationalsozialismus bewertet.
1
Daran anknüpfend lag der Schwerpunkt des Vortrages auf
Gotthard Neumanns beruflichem und privatem Werdegang in der unmittelbaren Nachkriegszeit und
der frühen DDR. In dem Entnazifizierungsverfahren an der Universität Jena – in der fast 64 % des
Lehrkörpers als Parteimitglieder bzw. Parteianwärter der NSDAP angehört hatten – wurde er im De-
zember 1945 entlassen.
Mit der Hilfe wohlwollender Gutachten bekannter Ur- und Frühgeschichtsprofessoren wie Gustav
Schwantes und Gero von Merhart und einer Reihe weiterer „Persilscheine“ von Kollegen und Freun-
den (u.a. von Alfred Götze und Bernhard Struck) bemühte sich die Universität erfolgreich um eine
schrittweise Wiedereinstellung. So kehrte Neumann als Präparator für „
reine physische Arbeiten
“ im
Jahr 1947 an das Vorgeschichtliche Museum der Universität Jena zurück und wurde dort 1950 wissen-
schaftlicher Assistent. Nach diesem Statusverlust stellte das Staatssekretariat für Hochschulwesen erst
1952 die Frage nach der „
Möglichkeit der Wiederverwendung“
für Gotthard Neumann im Rahmen
einer Professur. In einem streng vertraulichen Gutachten vom 16. Januar 1953 kam Karl-Heinz Otto
(Museum für Deutsche Geschichte) zu dem Schluss: „
In der Nazizeit war Prof. Neumann ein Vertreter
der Naziideologie, hat sich jedoch m. W. keines Verbrechens gegen die Menschlichkeit oder anderer
Delikte schuldig gemacht […]. [Daher] bin ich der Meinung, daß man die wertvollen Spezialkenntnis-
se Prof. Neumanns, die er als einziger in dieser Weise für Thüringen besitzt, für die Ausbildung des
Forschungsnachwuchses nutzen sollte.
“ Entsprechend schlug das Staatssekretariat vor, Neumann nach
Halle/Saale oder Berlin an „
ein Institut, an dem ein grösseres Kollektiv fortschrittlicher Mitarbeiter
vorhanden [sei]“,
zu versetzen. Dieser lehnte das Angebot jedoch ab und übernahm stattdessen mit
Wirkung zum 1. Januar 1953 eine Stelle als wissenschaftlicher Oberassistent in Jena. Bereits am 1.
1
Vgl. hierzu auch Roman Grabolle, Uwe Hoßfeld und Klaus Schmidt: Ur- und Frühgeschichte in Jena 1930–
1945. Lehren, Forschen und Graben für Germanien? In: Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth und Rüdiger
Stutz (Hrsg.): Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln, Weimar,
Wien 2003, S. 868–912, ISBN 3-412-04102-5 sowie den Artikel über Gotthard Neumann in der deutschen Wi-
kipedia unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Gotthard_Neumann
.)

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November desselben Jahres wurde er hier zum Professor mit vollem Lehrauftrag für Ur- und Frühge-
schichte und Direktor des Vorgeschichtlichen Museums, Institut für prähistorische Archäologie, er-
nannt.

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Dr. Michael Strobel
Diskussionsanstöße/ Fazit
1. Etappenbildung
Zur Strukturierung fachgeschichtlicher Entwicklungen auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze
bietet sich folgende Gliederung an:
1945-1949 Trümmerphase: Selbstfindung durch Ausgrenzung
Diese erste Phase bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten ist durch den Ausschluss des füh-
renden Prähistorikers aus dem Rosenberglager, Hans Reinerth gekennzeichnet; die Selbststilisierung
der SS-Archäologen zu Opfern des Amtes Rosenberg vollzieht sich synchron in der SBZ ebenso wie
in den westlichen Besatzungszonen und ist auch deshalb so erfolgreich, weil die Alliierten keine abge-
stimmte, konsequente Entnazifizierung verfolgten. Selbst einem tief in den Vernichtungskrieg ver-
strickten Archäologen wie Herbert Jankuhn ist es gelungen, schließlich als Mitläufer aus den Spruch-
kammerverfahren hervorzugehen. In nur vier Jahren wurden die Grundlagen für die Kohäsion des
Faches gelegt und in der klassischen Archäologie auf Kosten emigrierter Vertreter zusätzlich gefestigt.
Gero Merhart von Bernegg, Marburg, Gustav Schwantes, Kiel und Wilhelm Unverzagt, Berlin steuern
durch Gutachten die Entlastung und allmähliche Rückkehr von Schülern und Kollegen in die Universi-
täten, Museen und Denkmalpflegeämter und legen die organisatorischen wie institutionellen Grundla-
gen künftiger Fachstrukturen. Kommunikation und personeller Austausch zwischen SBZ und Westzo-
nen unterliegen vor allem Reise- und Transporterschwernissen, eine Teilung Deutschlands liegt noch
außerhalb des Erwartungshorizontes der Masse der Archäologen. Einer vertreibungsbedingten Ost-
West gerichteten Mobilität stehen auch Beispiele in entgegengesetzter Richtung gegenüber. In der
Summe dominieren auf beiden Seiten personelle, institutionelle und inhaltlich-methodische Kontinui-
täten.
1949-1961
Die 1950er Jahre sind geprägt von der Festigung bestehender Netzwerke und der Formierung neue
Strukturen, die bereits vom Riss der deutschen Teilung durchzogen sind. Im Osten gehen das DAW-
Institut, DAI/RGK bzw. föderale Institutionen in der Bundesrepublik getrennte Wege, wenngleich
persönliche Kontakte, Bindungen und Austausch noch nicht gekappt sind. Während in der DDR 1954
ein übergreifendes Denkmalschutz erlassen wird, scheitert in der BRD eine Vereinheitlichung der
Gesetzgebung an föderalen Interessen.
1963-1970

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Verfestigung und Fortentwicklung von Strukturen. Maßgeblichen Fachvertreten gelingt es in Inter-
views, Fachhistorikern (Bollmus, Kater) die Legende ihrer Opferrolle zu soufflieren und damit auch
fachhistoriographisch sanktionieren zu lassen.
2. Biographien
Es dominieren biographische Zugriffe. Ist der biographische Ansatz bereits ausgeschöpft? Es fehlen
noch zahlreiche Einzelbiographien, insbesondere auch im Osten. Desiderat bleibt häufig eine Einbin-
dung in übergeordnete Entwicklungen bzw. Kontextualisierung. Zum Beispiel entspricht Herbert Jan-
kuhn dem klassischen Profil des Einsatzgruppenführers mit akademischer Ausbildung. Die Defizite
subjektiver, schwer kontrollierbarer Zeitzeugenaussagen könnten durch eine systematische oral-history
kompensiert werden.
3. Verhältnis von Politik/ Staat-Gesellschaft-Wissenschaft
Unabhängig von politischen Systemen ist die Beziehung strukturell ähnlich. Mobilisierung von Mit-
teln, Gewinnung von Entscheidungsträgern in Bürokratie und Politik, Personalrekrutierung unter-
scheiden sich nur graduell in totalitären oder demokratischen Strukturen? Der Erfolg und Misserfolg
der Ressourcenmobilisierung könnte im Vergleich von Geldflüssen und Mittelvergabe systematisch
analysiert werden. Sie beeinflussen nicht zuletzt auch Wanderungsbewegungen von Wissenschaftlern.
4. Öffentlichkeit
Archäologen prägen Geschichtsbilder; die Produktion und Medialisierung archäologischen Wissens ist
ein Desiderat fachhistoriographischer Forschung. Dazu gehören Veränderungen und Konstanten in
Museumskonzepten ebenso wie populäre, teilweise rechtsextreme Publikationen.
5. Methoden- und Theoriediskussion
Die prähistorische Archäologie hält auch nach 1945 zäh an ethnozentrischen Konzepten fest; dies gilt
besonders für die Frühmittelalterarchäologie. Zur Fachhistoriographie gehört daher auch die diachrone
Analyse von Deutungsmustern. Auch im antiquarischen Paradigma wirkt subkutan die „ethnische“
Deutung. Funktionalismus und „Siedlungsarchäologie“ können sich in der Breite nicht durchsetzen.
Neue Techniken und Naturwissenschaften können breite Methodendiskussion nicht ersetzen.
6. Selbstbezüglichkeit
Die Fachentwicklung darf von der Geschichte anderer Geisteswissenschaften nicht abgekoppelt wer-
den. Streckenweise konnten bereits zahlreiche Parallelen zur Volkskunde, Germanistik etc. herausge-
arbeitet werden. Umgekehrt waren auch Archäologen in Projekten von Nachbarwissenschaften betei-
ligt (Atlas für deutsche Volkskunde).

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7. Museen
Auch tagespolitische Relevanz erhält das Thema in der Frage kriegsbedingter Verluste, Zerstörungen
und Verlagerungen. Eine gründliche Bestandserfassung und -rekonstruktion gehören zu den Zukunfts-
aufgaben von Museen.