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Aufbäumen statt aufforsten!
Angesichts der verheerenden Borkenkäfer- und
Hitzeschäden der letzten Jahre bedarf es keiner
einleitenden Worte, um den Klimawandel und
seine Folgen als eine wesentliche Herausforde-
rung der Gegenwart darzustellen. Aber auch
um die Lösung des Problems lässt sich tref ich
streiten. Mit Blick auf die Waldwirtschaft rei-
chen die Forderungen vom Nutzungsverzicht,
insbesondere in naturnahen Laubwäldern, und
einem maximalen Vorratsaufbau zur Kohlen-
stoffspeicherung im Wald bis hin zur verstärk-
ten Nutzung von Holz, um Zement, Kohle und
Öl als Rohstoff und Energielieferant zu erset-
zen. Einheitlicher als beim Umgang mit den
bestehenden Wäldern fällt auf den ersten Blick
die Forderung nach mehr Wald aus.
Auf der Knäckebrotverpackung oder an der
Bushaltestelle – mit dem Slogan „Stop talking –
start planting” wirbt die Initiative „Plant for the
Planet” derzeit intensiv Geld für Aufforstungs-
projekte ein. Vom Mineralwasserproduzenten
bis zum Automobil – die klimaneutrale Produk-
tion wird anteilig durch „quali zierte Kompen-
sationsprojekte” sichergestellt. Für groß ächige
Aufforstungsprogramme, etwa als „Bonn Chal-
lenge” oder „Billion-Bäume-Programm” bewor-
ben, stehen immense Geldmengen bereit.
Von den etwa 650 Gt (1 Gt = 1 Milliarde
Tonnen) Kohlenstoff, die zwischen 1850 und
2019 durch die Verbrennung fossiler Energie-
träger und bei der Zementproduktion in die
Atmosphäre abgegeben wurden (1), sollen ihr
in den nächsten Jahrzehnten durch Auffors-
tungen wieder 205 Gt entzogen werden (2).
Eine Forschergruppe der ETH Zürich ermittelte
hierfür 2019 ein weltweites Flächenpotenzial
in Höhe von 0,9 Billionen Hektar (3).
Allerdings werden diese Aufforstungspro-
gramme ebenso als Hype kritisiert, der kaum
zur Lösung der Probleme beiträgt (3). Denn
am Ende konkurriert der Bedarf an zusätzli-
chen Wald ächen in erster Linie mit dem Flä-
chenbedarf zur Ernährung einer steigenden
Weltbevölkerung. Bisher wurde der Flächen-
bedarf hierzu entweder durch eine drastische
Intensivierung der Landwirtschaft mit hö-
herem Energie- und Stoffeinsatz oder groß-
ächige Entwaldungen befriedigt. Mit dem
Erhalt bestehender Wälder, dem Schutz der
verbliebenen Wildnis und die Forderung nach
neuer sekundärer Wildnis (4) ist das Flächen-
potenzial keine Reserve.
Aufforstungen gehen immer zulasten anderer
Landnutzungen. Die Kritiker und die Autoren
der Aufforstungsstudie selbst merken hierzu
an: „Wenn wir Aufforstungen fördern, werden
sich große Konzerne auch Landwirtschafts-
ächen krallen – gerade von Kleinbauern und
ethnischen Minderheiten – und dort so billig
wie möglich Bäume p anzen, um die entspre-
chenden Fördergelder und CO
2
-Zerti kate ab-
zugreifen.” Das Problem der Landspekulation
wird also verschärft, die Ernährungssouve-
ränität und Sicherheit der Nahrungsmittel-
produktion weiter untergraben. Allein durch
Aufforstungen ist dem Problem also bei wei-
tem nicht beizukommen und es scheint so, als
stünde das P anzen von Bäumen im Gegen-
satz zur Ernährung der Weltbevölkerung.
Wo liegt das Potenzial?
Schauen wir uns die überwiegend landwirt-
schaftlich geprägten Landschaften weltweit
genauer an: Heute speichern Bäume in land-
wirtschaftlichen Regionen ungefähr 35 Gt
Kohlenstoff (5). Das sind junge und alte Soli-
tärbäume in kleinbäuerlicher, meist tropischer
Landwirtschaft, aber auch tausende Hektar
Oliven-, Mandel-, Orangen- und weitere
Fruchtplantagen. Die FAO beziffert die mit
Gehölzen bestandene landwirtschaftliche Flä-
che auf 204 Millionen Hektar. Die rein acker-
baulich genutzte Fläche ist dagegen mit 1.734
Millionen Hektar mehr als acht Mal größer.
Hinzu kommen noch etwa 3.240 Millionen
Hektar, die als Weiden, Gras- oder Buschland
zur Viehhaltung genutzt werden. Reichlich
Platz für Bäume und Wälder.
Im dichtbesiedelten, vergleichsweise stark
industrialisierten Sachsen ist die Landschaft
seit Jahrhunderten erstaunlich konstant.
Änderungen an der Flächennutzung traten
im Wesentlichen mit dem Bau von Straßen,
Siedlungen und Gewerbe ächen oder im Zu-
sammenhang mit dem Braunkohlebergbau
auf. Das seit 1990 bestehende Ziel, den Wald-
ächenanteil von damals rund 27 % auf den
Bundesdurchschnitt von 30 % zu erhöhen,
wurde dagegen bisher nicht erreicht.
Seit einigen Jahren rücken die Agroforstsyste-
me – also die Kombinationen aus herkömm-
licher Landwirtschaft mit Gehölzen – in den
Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen.
Die Herleitung einer Fläche von Agroforst-
systemen ist allerdings schwierig. Globale Ab-
schätzungen (6) gehen davon aus, dass etwa
45 Prozent der landwirtschaftlich genutzten
Fläche zu mehr als 10 % von Bäumen bedeckt
sind. In Sachsen beziffert der letzte Agrarbe-
richt die Fläche für den Obstbau mit 3.800 ha
und die Fläche mit Kurzumtriebsplantagen
auf 250 ha. Bezogen auf die gesamte land-
wirtschaftliche Fläche (900.000 ha) ein-
schließlich des Dauergrünlandes ist dies ein
Anteil von 0,4 %.
Deshalb ist das Potenzial zum „Aufbäumen
der Landschaft” in Sachsen nicht zu unter-
schätzen. Visiert man beispielsweise für
50 % der landwirtschaftlichen Flächen einen
Gehölzanteil von 10 % an (siehe Studie der
BTU Cottbus) (7), wäre die angestrebte Wald-
ächenmehrung erreicht. Rechtlich gesehen
sind Bäume in Agroforstsystemen allerdings
auch weiterhin landwirtschaftliche Kulturen
und somit kein Wald im Sinne des Waldge-
setzes. Die Flächen bleiben daher auch in der
landwirtschaftlichen Förderkulisse und unter-
Abb. 1: Sogar einfache Energieholzstreifen geben vielen Agrarlandschaften deutlich mehr Struktur als
bisher. Das Mikroklima verbessert sich, die Erträge werden stabiler und können sogar steigen. Hier ein
noch junges Beispiel aus Sachsen-Anhalt. Foto: Philipp Gerhardt
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Tabelle 1: Ein Baumstreifen enthält etwa die gleiche Menge Eichenholz wie ein Mischbestand, obwohl seine Bäume nur ein Drittel der Fläche überschirmen.
Weil das Seitenlicht lange grüne Kronen erhält, sind viel mehr dicke Stämme auf gleichem Raum möglich. Die ächenbezogenen Unterschiede fallen noch
größer aus, wenn statt der überschirmten Fläche der genutzte Standraum (ca. 0,1 ha) betrachtet wird. Übersicht: Sven Martens
Vergleich
Eichenmischbestand im Fürstenholz,
Fläche 100 x 100 m = 1 ha
Baumreihe aus Eiche und Esche
in Dresden, Koblenzer Straße, 170 m lang
Alter
Eiche (grün) 138 Jahre,
Hainbuche (blau) 117 und 50 Jahre
ca. 100 Jahre
(Sportplatz zwischen 1920 und 1930 erbaut)
Dimension EI
48 cm BHD / 24,5 m hoch
57 cm BHD / 22,0 m hoch
Bestand
davon Eiche
absolut (0,3 ha)
pro Hektar
Stammzahl
336 N
53 N
44 N
160 N/ha
Grund äche
23 m²
10 m²
12 m²
40 m²/ha
Vorrat
265 m³
133 m³
150 m³
500 m³/ha
liegen nicht den Regelungen des Waldgeset-
zes. Die Kohlenstoffsenke dieser von Bäumen
bestandenen landwirtschaftlichen Flächen
geht die über die in den Bäumen gebundene
Biomasse hinaus. Vor allem, wenn die Baum-
streifen auf Acker statt auf Grünland errichtet
werden, nimmt der Bodenkohlenstoff stärker
zu (8–10).
Ein Zehntel der Landwirtschafts äche – das
kann ein einziger Baumstreifen je Hektar im
Acker sein, der mehr Kronen- als Standraum
benötigt. Um den stehenden Vorrat langfris-
tig zu halten, müssten die Streifen wie eine
Streuobstwiese baumweise verjüngt werden.
Regelmäßig genutzte Gehölzstreifen im Kurz-
umtrieb speichern zwar weniger Kohlenstoff
in der Biomasse, binden dafür aber pro Jahr
und Hektar durchschnittlich rund 10 t Koh-
lenstoff (7). Bäume auf dem Acker sind also
eine vielversprechende Lösung für die Erhö-
hung der Kohlenstoffsenken.
Steppenlandschaft mit Steppenklima
Ein weiterer Vorteil des Aufbäumens der
Landschaft besteht darin, dass lichte Gehölz-
landschaften ideal für die Grundwasserneu-
bildung sind (11). Sie kühlen die Landschaft
Abb. 2: Werden Agroforstsysteme mit der Geländekontur angelegt, kann Erosion völlig verhindert und
der Wasserrückhalt in der Fläche maximiert werden. Hier ein Beispiel aus Brandenburg auf Sandboden!
Foto: Philipp Gerhard
und reduzieren den Verdunstungsstress der
Kulturen (12). Die vitalere Vegetation erhöht
wiederum die Regenwahrscheinlichkeit in der
Region (13-16). Die Mechanismen sind kom-
plex und je nach Klimazone und Topogra e
verschieden.
Gegenüber dem Acker weisen Agroforst ä-
chen eine tiefere Durchwurzelung, erhöhte
Blatt äche, höhere Rauigkeit und Bodenbe-
deckung auf. Dies wirkt sich positiv auf den
latenten Wärmeabtransport, die Verdunstung,
die Erwärmung der Ober ächen, die Maximal-
temperatur und Niederschlagsbildung aus. In
Deutschland kann der Anbau von Pappeln im
Kurzumtrieb auf einem Zehntel der Acker-
äche den klimawandelbedingten Tempera-
turanstieg bis 2075 in der Umgebung um 5
% bis 20 % verringern (17). In dieser Studie
wurden Ein üsse auf die Art und Menge der
Wolkenbildung, einem Schlüsselelement für
die Kühlung der Atmosphäre (18,11), noch
nicht berücksichtigt.
Umgekehrt hat die Entwaldung der Tropen
ein Ausmaß erreicht, das überregional den
Rückgang der Niederschläge um bis zu 40 %
bedingt (19). Durch die Änderungen der Land-
bedeckung hat sich weltweit der Ober ä-
chenab uss um 7,5 % erhöht und die Evapo-
transpiration (= Verdunstungssumme aus
Tier- und P anzenwelt) um 5 % verringert.
In den strukturlos gewordenen Agrarland-
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schaften erwärmt sich die Luft schneller und
nimmt viel mehr Feuchtigkeit auf, die dank
hoher Windgeschwindigkeiten schnell ab-
transportiert wird (20). Für die europäischen
Ackersteppen wird die historische Entfernung
der Gehölzvegetation für Temperaturanstiege
von bis zu 2 °C und Reduktionen des Nieder-
schlags um bis zu 30 mm in den Sommermo-
naten verantwortlich gemacht (21).
Hier entstand also ein Teufelskreis, denn nicht
nur die Wälder wirken günstig auf das Klima
der Umgebung, sie haben auch selbst kaum
eine Chance, wenn um sie herum alles dazu
beiträgt, sie zu vernichten. Etwas zugespitzt
kann man also sagen: Der Wald wird nicht im
Wald gerettet und das Klima auch nicht. Wir
haben ein Problem mit unserer Landschaft als
Ganzes.
Eine hecken- und gehölzreiche Landschaft,
wie wir sie stellenweise im Erzgebirge noch
vor nden, mindert die Bodenerosion. Mit
Blick auf die immer intensiveren Starkregen-
ereignisse sollte man nicht darauf warten,
bis braune Fluten die Siedlungen bedrohen.
In ihrer jetzigen Ausgestaltung verschärfen
steppenartige Landschaften sowohl die Kli-
maveränderung als auch deren Folgen.
In Anbetracht der vielfältigen Funktionen,
die Bäume in der Landschaft erfüllen, gilt
es, mit ihnen Landschaften zu gestalten, die
drei Merkmale aufweisen: (1) Sie müssen
eine Treibhausgasbilanz haben, die günstiger
ist als die der Ökosysteme, die sie ersetzen,
und ihr Kohlenstoffspeicher muss unter zu-
künftigen Klimaentwicklungen haltbar sein;
(2) sie müssen biophysikalische Eigenschaften
haben, die die Erde im Vergleich zu den Öko-
Abb. 4: Heute ein Wald, vor 200 Jahren eine
Esskastanien-Plantage auf trockenen Hängen,
auf denen der Ackerbau nicht mehr lohnte. Bei
Mammolshain im Taunus ndet man durch den
hohen Anteil an Fruchtsorten im Baumbestand
viele große, hervorragende Maronen. Foto: Phi-
lipp Gerhard
Abb. 3: Klimaplastisch: Ein 20-jähriger Mischbe-
stand aus Schwarznuss, Kulturbirne, Kirsche, Wal-
nuss und Robinie auf grundwasserfernem Sand-
standort in Mecklenburg. Foto: Philipp Gerhardt
systemen, die sie ersetzen, abkühlen; (3) sie
müssen Ökosystemleistungen wie Nahrungs-
mittelproduktion, biologische Vielfalt, wirt-
schaftliche Lebensgrundlagen so verbessern,
dass die Lebensqualität für die Menschen in
der Umgebung steigt. Denn nur so haben
Landbesitzer und Nutzer einen Anreiz, die
entstehenden Ökosysteme zu erhalten (22).
All dies kann auf den meisten Standorten,
die jetzt landwirtschaftlich genutzt werden,
durch die Etablierung von Agroforstsystemen,
durch die Schaffung einer Baumfeldwirt-
schaft erreicht werden.
Nahrung aus dem Wald
Über Jahrhunderte wurden die Wälder sehr
vielfältig zum Nahrungserwerb genutzt. Die
ersten Holzordnungen und Gesetzgebungen
schränkten die Nutzung ein und verschafften
zugleich dem Holz bis heute einen Vorrang.
Es folgten ein Rückgang der Brennholzwirt-
schaft im Nieder- und Mittelwaldbetrieb und
die Deckung des Schnittholzbedarfs durch
den bevorzugten Anbau von Nadelbäumen im
Hochwald. Was Heinrich Cotta zu dieser Ent-
wicklung meinte, lässt sich nachlesen:
„wer hat denn diese unmündige Wissenschaft
berechtigt, die Wälder außer ihrer Beziehung
auf die Fluren zu betrachten, und wie hat man
sich denn jemals verleiten lassen können, den
Werth der Wälder zu beurtheilen nach dem
Ertrag eines einzelnen Products [des Holzes],
anstatt nach den Erträgnissen aller ihrer Pro-
ducte, oder vielmehr nach den unmittelbaren
Verhältnissen aller ihrer Beiträge zu dem ers-
ten Unterhalte des Lebens?” (23)
Es liest sich wie eine Blaupause zur multifunk-
tionalen Waldwirtschaft. Weil die nanziellen
Erträge der Waldbesitzer aber weitgehend auf
das Holz fokussiert sind, konzentrierten sich
auch forstpolitische Initiativen auf die Mobi-
lisierung von Holz, etwa durch die Förderung
des Wegebaus. Gerade im kleinparzellierten
Privatwald stehen die Eigentumsgrößen aber
den logistischen und infrastrukturellen Vor-
aussetzungen einer mechanisierten Holzernte
nach wie vor entgegen. Forstliche Zusam-
menschlüsse können hier Abhilfe schaffen,
erfordern aber ein Mindestmaß an Zusam-
menarbeit. Um die Ökosystemleistungen des
Waldes nanziell zu honorieren und die Er-
tragssituation zumindest kurzfristig zu ver-
bessern, können zerti zierte Waldbesitzer
eine Nachhaltigkeitsprämie Wald erhalten.
Wer jedoch über den Tellerrand schaut, mag
sich fragen, ob der gewachsene Gegensatz
zwischen Land- und Forstwirtschaft nicht
auch im Wald etwas aufheben lässt? Kann
der Wald über das Holz hinaus nicht weitere
Ertragsmöglichkeiten bieten? Könnte er nicht
im Cotta’schen Geiste zur Ernährung beitra-
gen?
Abb. 5: Heckenlandschaft im Osterzgebirge, Blick
auf den Luchberg; Foto: Sven Martens
Baumfrüchte wie Esskastanien, Walnüsse, Pe-
cannüsse, Hickory, Haselnüsse. sind in einigen
Ländern ein traditionelles Grundnahrungsmit-
tel. Aber auch für Bucheckern nden sich Ku-
chen- und Brotrezepte im Internet. Esskastanie
als „Baumkartoffel” und zahlreiche Nussarten
für die Öl- und Eiweißproduktion sind beste-
hende Alternativen, aber auch Eicheln haben
das Potenzial, Ackerbauprodukte abzulösen.
Hier schafft die Lebensmittelindustrie unge-
ahnte Möglichkeiten. Ein Schweizer Fabrikant
stellt veganen Fleischersatz mit Haselnüssen
an Stelle von Soja her (24). Auch die Wieder-
belebung der Waldweide kennt erste Beispiele.
So mästet der Sohn des emeritierten Waldbau-
professors Jürgen Huss sehr gut dokumen-
tiert und wissenschaftlich begleitet (25) seine
Schweine im Wald.
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Abb. 6: Bestockte Steinrücken im Osterzgebirge;
Foto: Sven Martens
Dies sind Anregungen, um regionale Wert-
schöpfungsketten abseits des Holzmarktes
zu begründen und sozial wie ökologisch zu
mehr Resilienz (= Anpassungs- und Wider-
standsfähigkeit) zu kommen. Wenn lichtere
Waldstrukturen mit Blick auf die Biodiversi-
tät sinnvoll wären, wenn es mehr Nahrungs-
mittelertrag in der Landschaft braucht, wenn
im Möbel- und Hausbau Schnittholz durch
Industrieholz ersetzt wird, dann werden
Hochwaldstrukturen weniger wichtig. Mittel-
waldstrukturen könnten mit tiefwurzelnden,
trockenresistenten und gleichzeitig Nah-
rungsmittel liefernden Baumarten aufgebaut
werden. Haselnuss oder andere Strauchar-
ten mit essbaren Früchten hätten dort einen
Platz. Das anfallende schwächere Holz könnte
für die Pilzzucht genutzt werden. Möglicher-
weise tragen diese Strukturen im Winter auch
zur Grundwasserneubildung bei.
Kaltstart nach dem Borkenkäfer
Auf den kleineren und größeren Frei ächen
nach Borkenkäferbefall sind die Potenziale
Abb. 7: Um Freital sind in den letzten 5 Jahren
viele kleinere Esskastanienhaine entstanden. Der
Ertrag an Früchten ließe sich noch steigern, wenn
fruchttragende Sorten gewählt werden. Foto:
Sven Martens
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Alte Ideen neu belebt
Phillip Gerhardt haucht einer alten Idee neues Leben ein. Er hat in Tharandt Forstwissen-
schaften studiert und sich dabei intensiver mit den Werken Heinrich Cottas beschäftigt.
So entstand auch die Idee, den Förster als Landschaftsgestalter wirken zu lassen. Hier die
Geschichte zur Idee der Baumfeldwirtschaft:
Heinrich Cotta reiste zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr viel (26). Während und nach den
Befreiungskriegen sah er, dass überall in den „Kornkammern des Landes” Hunger herrschte,
weil die Felder nicht bestellt werden konnten oder verwüstet waren. In jenen Gegenden
aber, wo viele Obst- und Nussbäume standen und an Hecken- und Saumstrukturen viel
Wildobst vorhanden war, beobachtete er, dass die Menschen keineswegs Hunger litten,
sondern wieder auf diese sonst eher gering geschätzten Nahrungsquellen zurückgriffen.
Reisen war zu Cottas Zeiten ein deutlich unmittelbareres und intensiveres Erlebnis als
heute: Auf dem Pferderücken war der Mangel an Windschutz, Schatten und sauberem
Wasser direkt spürbar. So verwundert es nicht, dass Cotta sich viel mit dem beschäftigt
hat, was wir heute Ökosystemleistungen nennen. Dabei war ihm klar, dass im Hinblick
auf die Erfüllung diverser Funktionen die Landschaft ganzheitlich betrachtet werden
muss. Die Trennung in Land- und Forstwirtschaft sah er als hinderlich an und schrieb im
Jahr 1819 seinen Aufsatz „Über die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau oder die
Baumfeldwirthschaft”.
Vieles in seinem Aufsatz liest sich als Blaupause zur Regeneration von Landschaftsfunktio-
nen, deren Verlust wir bis heute weitgehend ignorieren, der uns – bspw. mit Schlammlawi-
nen – immer wieder teuer zu stehen kommt. Cotta weist darauf hin, wie verletzlich unsere
Nahrungsmittelproduktion gegenüber Dürren und Unwettern ist, dass der Holzverbrauch
allein aus Wäldern nicht zu decken ist und Gewässer geschützt werden müssen. Als Lösung
sieht er Gehölzreihen im Wechsel mit Acker- oder Grünlandstreifen, so wie es vereinzelt im
Gebirge noch anzutreffen ist.
Sein Fazit ist für uns hochrelevant: „Stellen wir jetzt die Vortheile der Baumfeldwirthschaft
übersichtlich zusammen, so erscheint folgendes Ergebnis:
Es wird eine größere Menge Getreide erbaut, als bisher.
1. Man erlangt außerdem noch Nahrungsmittel von den Baumfrüchten.
2. Die Viehzucht gewinnt, und durch sie Nahrung und Erwerb.
3. Man erlangt eine größere Menge Holz.
4. Es können viel mehr arbeitsame Hände beschäftiget werden.
5. Der allgemeine Wohlstand und der Reichtum des Landes wird erhöht.
6. Die Gegenden werden durch die Anp anzung der Bäume verschönert.
7. Sogar das Klima ist dadurch zu verbessern.
8. Die Menschen können daher in aller Hinsicht glücklicher Leben.“ (17)
Wir wissen heute, dass auf Baumfeldern die Erträge stabilisiert werden und sogar in der
Ackerkultur allein höher sein können als bei einer „einschichtigen”, bodennahen Nutzung
(13), was mit dem verbesserten Schutz vor Austrocknung und Überhitzung zusammenhängt.
Auch das Wohlbe nden und die Leistung von Weidetieren wird durch Beschattung verbessert
(27, 28): Vorteilhafte Synergien natürlicher Ökosysteme können durch ähnliche Strukturen
genutzt werden, bspw. bei der Kombination von Kurzumtriebsplantagen mit der Hühner-
haltung. Cotta behält sogar bei seinen wirtschaftlichen Überlegungen bis heute Recht: Durch
die Nutzung der hölzernen Ertragskomponente konnten schon ökonomische Gesamterträge
festgestellt werden, die fast das Dreifache der reinen Ackerbaunutzung betragen (29).
www.baumfeldwirtschaft.de
Dipl.-Forstwirt Philipp Gerhardt
Planung von regenerativen Landnutzungssystemen, Vorträge und Workshops, Projektbe-
gleitung und Beratung, Waldgärten, Agroforstsysteme, Keyline Design und mehr
Kontakt: Schmerwitz 12, 14827 Wiesenburg (Mark), Brandenburg, Deutschland
E-Mail: philipp.gerhardt@baumfeldwirtschaft.de; Tel.: 0170 1564042

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für eine stammzahl- und artenreiche Natur-
verjüngung nicht unbedingt gegeben. Anhal-
tende Trockenheit, Streuau agen, Wildverbiss
und üppige stickstof iebende Bodenvegeta-
tion erschweren nicht selten die natürliche
Wiederbewaldung. Für die Anlage klassischer
Forstkulturen fehlen zudem die Erträge aus
der Ernte des Altbestandes. Stammzahlarme
Verjüngungskonzepte, die die natürliche Wie-
derbewaldung ergänzen, können sich deshalb
als hilfreich erweisen.
Viele der fruchttragenden Baumarten und
Sorten sind vergleichsweise trockentolerant
und wurzeln tief. Die teuren Bäume werden
im Einzelschutz in weiten Verbänden am bes-
ten als Gruppe gep anzt. Wer möchte, kann
besonders stark tragende Zuchtsorten wäh-
len, um den Fruchtertrag zu steigern. Am
Ende kostet ein Baum mit Einzelschutz gegen
Wildverbiss sicherlich 10 Euro oder mehr.
Insgesamt sind die Investitionen pro Hektar
jedoch im Vergleich zur stammzahlstarken
Forstkultur gering, weil nur wenige Bäume
gep anzt werden.
In den wiederholt trockenen Sommern sind
aufwändige P anzverfahren mit großen, wi-
derstandsfähigen P anzen von Vorteil. Die
Anzucht in der Baumschule und die P an-
zen im Wald müssen die Entwicklung einer
tiefreichenden Wurzel sicherstellen. Wenn
größere Bäume mit dem Erdbohrgerät so ge-
p anzt werden, dass ihr Wurzelwerk bereits
in Bodenschichten reicht, die von Dürre nicht
so stark betroffen sind, steigert dies den An-
wuchserfolg. Bewährt hat sich in Agroforst-
Abb. 8: Eine stattliche Esskastanie am Brüderweg
bei Freital mit Naturverjüngung im näheren Um-
feld. Foto: Sven Martens
Abb. 9: Bei geringem Wildverbiss verjüngt sich
die Esskastanie unproblematisch selbst. Foto:
Sven Martens.
systemen z. B. die P anzung von Baumschul-
ware mit ca. 70 cm langen Wurzeln mit dem
P anzlochbohrer.
In der Regel tragen die speziellen Sorten be-
reits nach wenigen Jahren erste Früchte. Die
Investition zahlt sich also nicht erst nach
Jahrzehnten aus. Dies mildert den ökonomi-
schen Kaltstart nach dem Verlust des Altbe-
standes. Dabei muss die mögliche Vielfalt an
Nutzungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt
sein. Wer auf die Ausbildung eines geraden,
astfreien Stammes achtet, kann zuerst Nüsse
und später wertvolles Holz ernten. Auch die
Größe des Waldbesitzes spielt eine geringe
Rolle, lokale Verwendungen werden, vielleicht
auch durch den Tausch der Produkte, gestärkt.
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Sven Martens
ist Leiter des Referats
Forsteinrichtung,
Wald
-
bewertung, Waldinventuren bei
Sachsenforst
Philipp Gerhardt
plant regenerative Land-
nutzungssysteme, hält Vorträge
und Workshops zu Waldgärten,
Agroforstsystemen, Keyline
Design und mehr
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