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Bearbeiter:
Dr. Ilka Steinhöfel
Organisation:
LfULG
E-Mail:
ilka.steinhoefel@smul.sachsen.de
Telefon:
034222 46 2212
Redaktionsschluss: 28.11.2017
Internet:
www.smul.sachsen.de/lfulg
23. Sächsischer Milchrindtag am 1. November in Plauen
Traditionell am ersten Mittwoch im November luden das LfULG, die Masterrind GmbH und
der LKV Sachsen zum Milchrindtag. Über 250 Gäste folgten der Einladung nach Plauen /
Vogtl. Das Motto, »Jugend forscht für gesunde und leistungsbereite Milchrinder« könnte der
Grund dafür gewesen sein, dass der Anteil junger Leute im Publikum ungewöhnlich hoch war
und das trotz der etwas provokanten Zitate auf der Einladung.

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Der Präsident des LfULG Norbert Eichkorn eröffnete den Fachtag mit
einem Blick zurück zu den Anfängen des LfULG. Damals, kurz nach
der politischen Wende konnte auch er aus einem reichen Fundus jun-
ger, sehr gut ausgebildeter Menschen schöpfen. Das Konzept ging
auf. Die jungen Leute reiften zu gestandenen Experten. Doch im Laufe
der Jahre rückten kaum junge Fachleute nach, und das, obwohl sich in
den letzten 16 Jahren die Anzahl der in den Agrarwissenschaften im-
matrikulierten Studenten verdoppelte (8817 in 2000/2001 auf 17648 in 2016/2017). Der aka-
demische Nachwuchs bringt Dynamik in die Unternehmen auch in Hinblick auf den Umgang
mit modernen Medien und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Er begrüßte es deshalb
sehr, für die fachlichen Inhalte und die Moderation des Milchrindtages die Jungen ins Boot
geholt zu haben.
Auch Staatssekretär Herbert Wolff begann sein Grußwort mit Opti-
mismus und Vertrauen in den beruflichen Nachwuchs. Doch trotz der
positiven Zahlen in der akademischen Ausbildung zeigt er sich be-
sorgt, weil sich die Zahlen der Ausbildungsverhältnisse für Land-, Tier-
und Pferdewirte sowie Fachkraft Agrarservice seit 2005 halbiert ha-
ben. Aktuell werden jährlich ca. 300 Ausbildungsverträge geschlossen,
benötigt werden aber 400 pro Jahr. Weniger Facharbeiter heißt zu-
künftig auch weniger Anwärter auf Meister- und Fachschulausbildung.
Jedoch konnten in diesem Jahr in Sachsen mit 50 Meisterqualifikatio-
nen und 120 Fachschulabsolventen noch eine annähernde Bedarfsdeckung erreicht werden.
Einen Bedarf anderer Art signalisiert die Berufsakademie. Sie sucht Praxisbetriebe, die für
eine praxisnahe studentische Ausbildung zu Verfügung stehen und damit auch langfristig die
Weichen für den eigenen Berufsnachwuchs stellen könnten. Erfreut zeigte sich Herr Wolff,
über die Erholung der Milcherzeugerpreise, was vor dem Hintergrund der Verluste der letz-
ten Jahre auch dringend notwendig ist. Die verschiedenen Hilfsprogramme konnten nur teil-

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weise Entlastung schaffen, 171 sächsische Betriebe erhielten insgesamt 1,9 Mio. EUR für
eine Milchmengenreduzierung, 215 Betriebe erhielten weitere 8,8 Mio. EUR Milchsonderbei-
hilfe. Die aktuell weltweit hohe Nachfrage nach Milchprodukten führt auch zu angemessenen
Preisen im Einzelhandel. Jetzt ist es höchste Zeit sich mit neuen Lieferbeziehungen und ei-
ner stärkeren Bündelung auf der Erzeugerseite aber auch mit Bildung von Branchenorgani-
sationen für künftige Marktschwankungen zu wappnen.
Im ersten Fachvortrag präsentierte Petra Kühne (
petra.kuehne@hs-
anhalt.de
) Ergebnisse aus einem groß angelegten Gemeinschaftspro-
jekt zur Tiergerechtheit in 33 milcherzeugenden Betrieben. Das Hal-
tungssystem, 11 bzw. 13 tier- und verhaltensbezogene sowie 26 da-
tenbasierte Indikatoren und 60 Stoffwechselparameter wurden erfasst
und miteinander ins Verhältnis gesetzt. Ziel ist es, mit möglichst weni-
gen Parametern eine sichere Bewertung der Tiergerechtheit vor allem
zum Zweck der Eigenkontrolle zu gewährleisten. Beteiligte Einrichtun-
gen sind die Hochschule Anhalt (P. Kühne, A. Heese, H. Scholz), der Tiergesundheitsdienst
Sachsen Anhalt (B. Taffe, A. Koch, F. Pfeifer), die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gar-
tenbau Sachsen Anhalt (T. Engelhard, G. Heckenberger, G. Francke, D. Rodenbeck) und
das Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen Anhalt (M. Linder). Sechs datenbasierte und
vier tierbezogene Indikatoren wurden als am besten geeignet ausgewählt. Dazu gehören
Merzungs- und Verendungsrate, die Abgangsrate bis zum 30. Laktationstag sowie der Anteil
abgegangener Jungkühe, eutergesunder Kühe und Erstlaktierenden-Mastitis. Auf das Tier
bezogen rangierten Verschmutzung von Hinterhand und Euter, gelenksnahe Schwellungen,
Locomotion-Score und Integument-Schäden am weitesten vorn.
Die Ergebnisse von gemeinsam bearbeiteten Stallbau-
projekten
stellten
Peter
Reichel
(
peter.reichel8@freenet.de
)
und
Wiebke
Wank
(
WiebkeWank@outlook.de
) vor. Landwirt, Tierarzt und
Bauingenieur setzten sich dazu an einen Tisch. Die
Lösungen sollten sowohl tier- und umweltgerecht, ar-
beitswirtschaftlich sinnvoll und bezüglich des baulichen
Aufwandes vertretbar sein. An diesem Gemein-
schaftsprojekt beteiligt waren die Fakultät Land-
bau/Umwelt/Chemie der HTW Dresden (P. Reichel, M.
Neuber und fünf weitere Studenten, S. Geidel), die Ve-
terinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig (W. Wank, U. Wünsch, A. Starke) und
die HTWK Leipzig (P. Gräfe, U. Möller)

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Im dritten Fachvortrag stand die Kälbergesundheit im Fokus.
Ausgangspunkt war die Monitoringuntersuchung des LfULG 2016
(I. Steinhöfel) und der Veterinärmedizinischen Fakultät der Uni-
versität Leipzig (F. Göhring, A. Daugschies). Gemeinsam mit der
AG Göda (
agrofarm@agrofarm-goeda.de
) wurden Maßnahmen er-
arbeitet, die vor allem die Durchfallerkrankungen der Kälber eli-
minieren sollten. Dazu gehörten das Kalben in sauberen Einzel-
boxen, die Organisation von Leerstehzeiten der Iglustandplätze in
Verbindung mit gezielter Reinigung und Desinfektion sowie das
rigorose und gründliche Abwaschen von Tränk- und Wasserei-
mern, ohne dass diese zwischendurch auf dem Stallboden abgesetzt werden durften. Anna-
Maria Ertel, damals Studentin des Studienganges Agrarmanagement der Berufsakademie
Dresden (L. Daßler), begleitete die Maßnahmen im Rahmen ihrer Bachelorarbeit und wertete
sie aus. Im Ergebnis konnte sich der Betrieb über eine deutliche Absenkung der Erkran-
kungsrate freuen. Die Durchfallhäufigkeit konnte nahezu halbiert werden. Kryptosporidien
wurden nach der konsequenten Anwendung der Hygienemaßnahmen im Kot der Kälber
nicht mehr nachgewiesen.
Die Zucht auf eine Verbesserung des Exterieurs bei Milchrindern
ist häufig umstritten, da für einzelne Merkmale ein Zusammen-
hang mit Funktionalität und Gesundheit zumindest fraglich er-
scheint. Anke Rolfes (
anke.rolfes@landw.uni-halle.de
) von der MLU
Halle-Wittenberg (H. Swalve) zeigte aber eindrucksvoll, dass die
einzelnen Exterieur-Merkmale durchaus als Indikatoren für die
Zucht von langlebigen Kühen geeignet sind. Es ist sogar möglich,
ein im Hinblick auf ein langes Leben optimales Exterieurprofil zu
definieren. Gute Chancen alt zu werden haben Kühe mit einer
mittleren bis geringen Körpertiefe, einem leicht geneigtem Be-
cken, mit hoch aber nicht zu hoch aufgehängten Eutern, mit flachen trocknen Sprunggelen-
ken und einer guten Bewegungsfähigkeit. Das Euter erwies sich neben der Gesamtnote als
bester Indikator für ein langes Milchkuhleben. Zu hohe Punktzahl in Milchtyp und Körpertiefe
wirken sich eher negativ aus. In der Untersuchung werden dabei die Ergebnisse aus drei
verschiedenen Regionen verglichen, die sich allerdings nur gering unterschieden.
Die Weidehaltung mit ihrer Möglichkeit der freien Bewegung, dem
Liegen auf sauberen, weichen Grasflächen, der Witterung ausge-
setzt und nicht zuletzt der Möglichkeit Gras zu fressen wird aus Sicht
vieler Verbraucher per se als tiergerecht bewertet. Christian Kuhnitz-
sch (
christian.kuhnitzsch@smul.sachsen.de
) erprobte mit der Milchvie-
herde des LVG Köllitsch (R. Naumann) die Halbtagsweide für hoch-
leistende Milchkühen ab ca. dem 250. Laktationstag. Im Rahmen
seiner Masterarbeit im Institut für Agrar- und Ernährungswissen-
schaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (A. Zeyner,

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O. Steinhöfel) bewertete er die Wirkung auf die aktuelle sowie die Folgelaktation. Während
ein harmonischer Weidebetrieb vor allem bezüglich eines gleichmäßigen Futterangebotes
schon eine Herausforderung darstellte, überzeugte die positive Fitness der Weidetiere in der
Folgelaktation. Weniger Merzungen, mehr Milch und eine bessere Fruchtbarkeit glichen den
Milchverlust in der Weideperiode mehr als aus.
Die
letzten
drei
Fachbeiträge
wid-
meten
sich
dem
optimalen Zeitpunkt
für die erste Besa-
mung. In der Phase
der Laktationsspitze
ist die Nährstoffkon-
kurrenz extrem hoch.
Mit steigender Herdenleistung sinkt die Bereitschaft der Kühe, in der Phase hoher Leis-
tungsabforderung eine neue Trächtigkeit zu beginnen. Wirtschaftliche Analysen warnen je-
doch vor einer zu langen Güstzeit. Dieser Widerspruch erschwert es, vernünftig zu entschei-
den. Vier Betriebe waren mutig und erprobten, wie ihre Kühe auf eine bewusst verlängerte
freiwillige Wartezeit reagieren. Begleitet wurden die Betriebe auf dem langen Weg der
Durchführung und Auswertung von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (G. Niozas, M.
Kaske), der Fakultät Landbau/Umwelt/Chemie der HTW
Dresden (A. Bormann
(
a.bormann@mischfutter-ruppendorf.de
) S. Geidel), dem Studiengang Agrarmanagement der
Berufsakademie Dresden (L. Krüger, J. Rühle), der Lebenswissenschaftlichen Fakultät der
Humboldt-Universität Berlin (F. Deißing (
franziska.deissing@smul.sachsen.de
), M. Krocker),
dem Institut für Fortpflanzung landwirtschaftlicher Nutztiere Schönow (
k.mense@ifn-
schoenow.de
), M. Jung) und dem LfULG (I. Steinhöfel). Erste Schlussfolgerungen: eine ver-
längerte freiwillige Wartezeit für Kühe kann den Erstbesamungserfog deutlich verbessern
(25% => 49%), eine freiwillige Wartezeit deutlich über 120 Tage bringt im aktuellen Leis-
tungsbereich keine Vorteile, Pluspunkte durch eine verlängerte Wartezeit für Jungkühe konn-
te nicht sicher nachgewiesen werden, der Vorzug einer verlängerten Wartezeit für die Her-
denfruchtbarkeit ist abhängig von der Konstitution der Herde und nicht per se in jeder Herde
gegeben.

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Im Ausklang des interessanten Tages resümierten die drei Moderatoren Kristin Weickert,
Yvette Spranger und Thomas Döbelt noch einmal ihren Werdegang von der Ausbildung an
der HTW Dresden, der Fachschule Plauen bzw. der MLU Halle-Wittenberg bis zum aktuellen
Zeitpunkt. Entscheidender Schlüssel für eine passfähige Ausbildung sind Interesse und
Freude am Beruf. Jetzt nach ihrem Studium schätzen sie ein, dass eine vorausgegangene
Berufsausbildung ein wesentlich effektiveres Lernen ermöglicht hätte. Weiter sehen sie Po-
tenzial bei der Vorbereitung der jungen Betriebsleiter auf die Arbeit mit dem Menschen. Ver-
ständnis für Mitarbeiterführung und Arbeitsorganisation ist ebenso wichtig für den beruflichen
Erfolg wie das Verständnis für die Bedürfnisse von Tieren und Pflanzen.
Die Veranstaltung wurde umrahmt durch die Präsentation von 35 Firmen. Diese ermöglich-
ten durch den Obolus für ihren Standplatz die kostenfreie Bewirtung der Tagungsgäste. Dar-
über hinaus lieferte die Molkerei Vogtlandmilch GmbH Kostproben ihrer Produkte im Rah-
men des EU- Schulprogramms.

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Abschließend konnten sich die Gäste für eine Exkursion entweder in die APROHA GmbH
oder in den Landwirtschaftsbetrieb Spranger entscheiden. Ca. 80 Teilnehmer erlebten inte-
ressante und kurzweilige Führungen durch die Betriebe mit ihren jungen, engagierten Be-
triebsleitern.

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Die 24. Auflage des Sächsischen Milchrindtages ist geplant für den 07.11.2018 und wird in
Groitzsch stattfinden.