Stellungnahme des Beirats zum Bericht „Sachsen-Monitor 2016“
Mit dem Sachsen-Monitor wird eine qualifizierte Erhebung der Einstellungen zur Demokratie
sowie der politischen Einstellungen und Deutungsmuster in Sachsen vorgelegt. Der Beirat
würdigt dies und stellt die hohe Bedeutung der Befunde fest, auf deren Basis gesellschafts-,
bildungs- und sozialpolitische Konsequenzen gezogen werden können.
Im Ergebnis der Diskussion im Beirat wurden folgende Erkenntnisse des Monitors als her-
vorhebenswert herausgestellt.
a) Alarmierende Kennziffern von extrem rechtem, gruppenbezogen menschenfeindlichem
und rassistischem Gedankengut
Ein Forschungsschwerpunkt des von der Staatsregierung in Auftrag gegebenen Sachsen-
Monitors bildete die Messung menschenfeindlicher Einstellungen und Ressentiments in An-
lehnung an das etablierte Forschungskonzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlich-
keit“ (Bericht von dimap, S. 29). Demzufolge hat Sachsen ein Problem mit extrem rechtem
Denken und mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die Zahlen sind beunruhigend.
44 Prozent haben hohe und mittlere gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellungen.
14 Prozent weisen einen hohen Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf.
18 Prozent der Sachsen sagen, die Deutschen seien „anderen Völkern von Natur aus über-
legen“.
Ähnlich viele stimmen der Aussage „voll“ zu, die Bundesrepublik sei durch die vielen Auslän-
der in einem gefährlichen Maß überfremdet. Die Zahlen sind dabei im ländlichen Raum, aber
auch in mittelgroßen Städten besonders stark.
Besonders bedenklich ist der Grad des Ressentiments gegenüber Muslimen:
69 Prozent sagen, hier lebende Muslime akzeptieren unsere Werte nicht.
39 Prozent sagen, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.
Die Tatsache, dass zwar 58 Prozent der Sachsen der Aussage eher oder voll zustimmen,
Deutschland sei in einem gefährlichen Maß überfremdet, ihre persönliche Wohnumgebung
sei es aber nicht (so vier Fünftel der Bevölkerung), kann ein Indiz dafür sein, dass bei man-
chen die mediale Berichterstattung, vorhandene Vorurteile und Unwissenheit zusammen-
spielen. Hier zeigt sich, dass Minderheiten als Projektionsfläche genutzt werden können.
Gleichwohl teilt die Mehrheit der Bevölkerung insgesamt keine harten gruppenbezogen men-
schenfeindlichen Einstellungen. Sachsen zeigt sich hierbei als gespaltenes Land.
Der Bildungsgrad spielt eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Einstellungen. Sachsen mit
Hauptschul- und ohne Abschluss stimmen mit 76 Prozent, davon eher 44 und voll 32 Pro-
zent, der Aussage zu, „die Bundesrepublik ist durch Ausländer im besonderem Maße über-
fremdet“. Bei den Sachsen mit Realschulabschluss sind es 66 Prozent, mit Abitur 37 und mit
Hochschulabschluss 33 Prozent.
Es scheint eine gespaltene Problemwahrnehmung vorzuliegen. Während unter den Sachsen
mit Abitur bei der offen gestellten Frage, was sind die „wichtigsten Probleme Sachsens“ mit
22 Prozent die „Sorge vor steigendem Rechtsradikalismus“ nennen, sagen 25 Prozent der
Sachsen mit Hauptschul-, und ohne Abschluss sowie 21 Prozent mit Realschulabschluss,
das wichtigste Problem sei „Asylpolitik/zu viele Ausländer“.

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Phänomene der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit finden sich gleichwohl in allen
sozialen Schichten der Bevölkerung. Ein Drittel der Sachsen, die sich der oberen Mittel-
schicht zuordnen, weist sogar sehr starke derartige Einstellungen, insbesondere in Bezug
auf Muslime auf. Dieses Drittel stimmt häufiger „voll“ und nicht nur „eher“ islamophoben
Aussagen zu. In dieser Teilgruppe wird der Nationalsozialismus bemerkenswert stark relati-
viert. Auch hier zeigt sich eine Spaltung: In einem anderen Teil der oberen Mittelschicht fin-
den sich besonders geringe Zustimmungen zu menschenfeindlichen Einstellungen.
Sachsen, die sich der mittleren Mittelschicht zuordnen, erweisen sich als relativ weniger an-
fällig für menschenfeindliche Bewertungen, wenngleich sich auch dort hohe Werte finden.
Dies könnte damit zusammen hängen, dass die zugeordnete Schichtzugehörigkeit nicht
mehr die Pluralität der gesellschaftlichen Milieus und Lebenslagen widerspiegelt.
Die dargestellten Phänomene der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hängen stark
mit dem Gefühl zusammen, dass es ungerecht zugeht. Ein Viertel der Sachsen mit Haupt-
schul- und ohne Abschluss glauben, dass es den Sachsen im Vergleich zu den hier leben-
den Ausländern eher (20) oder viel schlechter (5) geht. Insgesamt glauben das nur 14 Pro-
zent. Bei Sachsen mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen glauben
sogar 40 Prozent, dass es den in Sachsen lebenden Ausländern besser geht als den Deut-
schen,
76 Prozent sagen, dass sich Langzeitarbeitslose auf Kosten anderer ein schönes
Leben machen;
es scheint sich also nicht nur um ein Problem mit Fremden zu handeln. Über
zwei Drittel dieser Gruppe empfinden Deutschland als eher oder sehr ungerecht; im sächsi-
schen Durchschnitt sagt dies die Hälfte.
Sachsen mit wenig gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen haben nur zu 12
Prozent Abstiegssorgen, bei Befragten mit starken gruppenbezogen menschenfeindlichen
Einstellungen nennen solche Sorgen zu 41 Prozent (in Bezug auf die eigenen Kinder sogar
54 Prozent). Während nur ein Viertel Sachsen, die sich als Unterschicht einschätzen, glau-
ben, dass es eher gute oder sehr gute soziale Aufstiegschancen in Deutschland gibt, vermu-
ten dies in der oberen Mittelschicht zwei Drittel.
Der Grad an gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen hängt zudem stark von
Zukunftsängsten ab. Auch wenn Sachsen mit Hauptschulabschluss, ohne Abschluss oder
Realschulabschluss die Zukunft Sachsens bzw. der wirtschaftlichen Lage des Freistaats und
sogar ihre eigene wirtschaftliche Situation ähnlich positiv bewerten wie Menschen mit formal
höheren Bildungsabschlüssen, machen sie sich eher oder sehr große Sorgen, dass es
kommenden Generationen schlechter gehen wird als heute. Sachsen mit Realschulab-
schluss sind weniger pessimistisch und haben seltener „sehr große“ Sorgen.
b) Misstrauen gegenüber „der“ Politik und „der“ demokratischen Ordnung
Knapp über die Hälfte, 51 Prozent, sind mit der Art und Weise, wie die Demokratie in
Deutschland funktioniert eher oder sehr zufrieden. Diese Zustimmungswerte sind schwach.
Es überwiegen pauschale Vorurteile gegenüber der Politik. Ob es sich in Sachsen um eine
zunehmende Entfremdung von der Politik handelt oder ob die Zustimmung immer schlecht
war, kann aufgrund nicht vorliegender älterer Forschungen nicht festgestellt werden. Das
Image der Politiker ist schlecht.
Wenige geben an, sich um Ämter und Mandate bewerben oder in politischen Parteien mitar-
beiten zu wollen. Gleichzeitig finden es 80 Prozent wichtig oder sehr wichtig, dass Bürger in
demokratischen Parteien mitarbeiten. Umso schlechter der eigene soziale Status, umso we-
niger besteht die Bereitschaft, sich zu beteiligen und umso kritischer wird Politik bewertet.
Es zeigen sich autoritäre Denkmuster, wenn 62 Prozent „eine Partei wollen, welche die
Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ und 62 Prozent sagen, in diesen Zeiten brauchen

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wir unbedingt eine starke Hand. Ältere Sachsen teilen solche Aussagen sehr viel deutlicher
als jüngere Sachsen. 82 Prozent der über 70-Järigen sagen, um Recht und Ordnung zu be-
wahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen. Hier scheinen
Denkmuster aus autoritären Herrschaftssystemen überdauert zu haben.
Die Widersprüchlichkeit einiger Ergebnisse könnte damit zusammen hängen, dass das Ver-
ständnis der demokratischen Grundordnung defizitär ist. Wenn 62 Prozent der Befragten
„eine Partei wollen, welche die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, doch gleichzeitig
eine deutliche Mehrheit (85 Prozent) Opposition in der Demokratie als besonders wichtig
empfindet, meinen sie mit „Volksgemeinschaft“ vermutlich nicht den von Nationalsozialisten
geprägten und von Rechtspopulisten verwendeten Begriff. Die Daten zeigen: je geringer das
Interesse, das Wissen und das Verständnis von Politik ist, desto größer ist die kritische Hal-
tung und die pauschale Ablehnung.
Viele können offenbar nicht nachvollziehen, wie politische Entscheidungen zustande kom-
men. Sie haben den Eindruck, dass ihre eigenen Interessen nicht zum Zuge kommen.
Die Beobachtung anderer Studien über eine soziale Spaltung der Demokratie wird auch im
Sachsen-Monitor bestätigt: Während Sachsen mit höheren Bildungsabschlüssen zu 84 Pro-
zent angeben, sich wahrscheinlich an Parlamentswahlen zu beteiligen, sagen dies nur 60
Prozent der Sachsen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss. Doch diese soziale
Spaltung setzt sich bei anderen, aufwändigeren Formen der demokratischen Beteiligung fort:
Letztere würden kaum in Parteien mitarbeiten, während Sachsen mit Hochschulabschluss
bereits zu 19 Prozent in einer Partei mitgearbeitet haben und es sich 21 Prozent vorstellen
könnten. Ähnlich bei Bürgerinitiativen und Verbänden: nur 28 Prozent der Sachsen mit
Hochschulabschluss sagen, sie würden hier nicht mitarbeiten, mit Hauptschulabschluss oder
ohne Abschluss sagen das 71 Prozent.
Eine der höchsten Nennungen des ganzen Monitors findet sich bei der Frage, „Leute wie ich
haben so oder so keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut“: 82 Prozent der Sachsen
mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss sowie 77 Prozent derer mit Realschulab-
schluss stimmen dieser Aussage voll oder eher zu. Sachsen mit höherer Bildung sind hier
weit selbstbewusster, wenngleich immer noch überwiegend (über 50 Prozent) kritisch. Sach-
sen mit einem hohen Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stimmen der Aus-
sage sogar zu 88 Prozent zu.
Es ist nicht überraschend, dass sich die Sachsen deutlich mehr Beteiligung wünschen, vor
allem in Städten und Kommunen, aber auch auf Landesebene und deutschlandweit. Die
Menschen finden politische Bildung wichtig, vor allem an den Schulen. Dies ist 86 Prozent
der Sachsen wichtig bzw. sehr wichtig. Das sagen auch 77 Prozent über politische Bildungs-
arbeit für Erwachsene.
c) Bewertung der Veränderungen durch die Wiedervereinigung und die Transformation
Fast jeder zweite Sachse (47 Prozent) sagt, nach der Wiedervereinigung wurde vielfach
neues Unrecht geschaffen, unter den Älteren (70 Jahre und älter) sind es sogar 56 Prozent.
Die der Aussage zustimmen, zeigen eine doppelt hohe Unzufriedenheit mit der Praxis der
Demokratie in Deutschland wie die, welche der Aussage nicht zustimmen. 69 Prozent der
Sachsen mit hohem Grad und 54 Prozent mit einem mittleren Grad an gruppenbezogen
menschenfeindlichen Einstellungen stimmen der Aussage zu. Sachsen mit einem besonders
hohen Grad an derartigen Einstellungen sehen zudem mehr Nachteile durch die Wiederver-
einigung sowohl für Ostdeutschland
als auch für sich persönlich.
Sie stimmen deutlich selte-
ner der Aussage zu, die DDR war ein Unrechtsstaat.

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d) Hohe Lebenszufriedenheit, Zukunftssorgen und soziale Spaltung
Auffallend ist die Diskrepanz zwischen der hohen Lebenszufriedenheit einerseits und der
Beschreibung von Zukunftsängsten und Ungerechtigkeiten andererseits. Sowohl die eigene
wirtschaftliche Situation (78 Prozent) als auch die wirtschaftliche Lage Sachsens (73 Pro-
zent) werden genauso positiv gesehen wie die konkreten Lebensumstände: die überwiegen-
de Mehrheit ist deutlich sehr oder eher zufrieden mit ihrer Wohnsituation, dem Ausmaß an
Freizeit und ihrer Gesundheit und selbst auch der Sicherheit in der direkten Wohnumgebung.
Sie machen sich kaum Sorgen um ihren Arbeitsplatz.
Gleichzeitig bringt eine überwiegende Mehrheit der Sachsen ein großes Unbehagen über
soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zum Ausdruck. Die Hälfte macht sich Sorgen
über Altersarmut, zwei Drittel glauben, dass es kommenden Generationen schlechter gehen
wird, drei Viertel der Sachsen befürchten, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren
geht und vier Fünftel sorgen sich, dass die Gegensätze zwischen Arm und Reich zunehmen.
Die knappe Mehrheit empfindet, dass es in Deutschland alles in allem eher ungerecht zu-
geht.
Ein Defizit der Untersuchung wird deutlich, wenn anhand der Daten keine Aussagen über
Armut und soziale Ungleichheit gemacht werden können. Es fällt auf, dass sich besonders
diejenigen die eine hohe gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zeigen, sich besondere
Sorgen um die Gegensätze zwischen Arm und Reich (95 Prozent) und den gesellschaftli-
chen Zusammenhalt (88 Prozent) machen. Hier zeigt sich, dass gesellschaftliche Desinteg-
rationsprozesse gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellungen und die Projektion von
Ängsten auf Minderheiten deutlich befördern. Es werden soziale Konflikte wahrgenommen,
die sich in den Augen der Betroffenen nicht über politische Beteiligung sondern durch autori-
täre Strukturen lösen lassen.
e) Generation der jungen Erwachsenen
Auffällig ist die Gruppe der 18- bis 29-jährigen. Diese Gruppe hat die DDR-Zeit nicht mehr
bewusst erlebt. Während ihrer Kindheit und Jugend begegneten dieser Generation öffentli-
che Institutionen, die durch Umbrüche gekennzeichnet waren. Vielfach stellte sich für sie die
Frage, wie glaubwürdig die Erwachsenengeneration ist.
Diese Generation ist auf der Suche nach gesellschaftlicher Integration. In ihrem Antwortver-
halten ist die Gruppe gespalten und unterscheidet sich deutlich von der Gesamtgruppe. Ein
Teil ist besonders gruppenbezogen menschenfeindlich und hat rechtsradikale Einstellungen,
während sich ein anderer Teil als besonders weltoffen erweist:
Viele dieser Generation stimmen Aussagen aus dem Bereich der gruppenbezogenen Men-
schenfeindlichkeit „gar nicht zu“. Auch die offen gestellte Frage nach dem gegenwärtig wich-
tigsten Problem Sachsens zeigt diese Spaltung: Die Nachwendegeneration nannte sowohl
mit großem Abstand (28 Prozent) gegenüber allen anderen Altersgruppen (insgesamt 19
Prozent) das Thema „zu viele Ausländer/Asyl“ als auch mit 20 Prozent „Sorge um steigenden
Rechtsextremismus“ (insgesamt: 11) am stärksten.
Teile dieser Generation sind gruppenbezogen menschenfeindlicher, demokratiefeindlicher
und relativieren besonders stark den Nationalsozialismus (NS). Fast ein Drittel (29 Prozent)
stimmen der Aussage zu, die Verbrechen des NS würden in der Geschichtsschreibung über-
trieben. Fast ebenso viele (26 Prozent) und somit doppelt so viele wie der Durchschnitt der
Sachsen (13 Prozent) stimmen der Aussage voll (6) oder eher (20) zu, „Juden haben einfach
etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht recht zu uns“. Damit ist die
Zustimmungsquote zu dieser Aussage höher als bei jeder anderen Altersgruppe. Der

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Schluss liegt nahe, dass ein nicht kleiner Teil dieser Generation mehr oder weniger radikal
rechte resp. neofaschistische Positionen vertritt.
Doppelt so viele wie der Durchschnitt sagen, dass die Sachsen im Vergleich schlechter da-
stehen als die in Sachsen lebenden Ausländer. 26 Prozent sagen, die persönlichen Nachtei-
le der Wiedervereinigung überwiegen, mehr als die Generation der 60-69-Jährigen (20).
Zufrieden mit der Arbeit des Ministerpräsidenten sind nur 36 Prozent (insgesamt 58 Prozent)
und mit der sächsischen Staatsregierung nur 40 Prozent (insgesamt 61 Prozent). Auch mit
der Demokratie in Deutschland und in Sachsen ist diese Gruppe am wenigsten zufrieden.
f) Medien
Ungefähr ein Fünftel der Befragten halten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die regio-
nalen Tageszeitungen für eher nicht (14 Prozent) bzw. für nicht glaubwürdig (7 bzw. 5 Pro-
zent). Die überregionalen Tageszeitungen kommen auf ähnliche Werte. Deutlich schlechtere
Werte geben die Befragen dem privaten Rundfunk und den „sozialen und anderen Medien,
in denen Sie selbst mitwirken“. Die „Boulevardpresse“ wird von 37 Prozent als „eher nicht
glaubwürdig“ und von 33 Prozent als „nicht glaubwürdig“ eingeschätzt. Jeweils deutliche
Mehrheiten der befragten Sachsen geben an, Informationen über das politische Geschehen
hauptsächlich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (75 Prozent) bzw. aus den regionalen
Tageszeitungen (60 Prozent) zu beziehen.
Je höher der Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist, desto häufiger (aller-
dings nicht signifikant häufiger) werden regionale Tageszeitungen und öffentlich-rechtlicher
Rundfunk als „eher nicht“ bzw. „nicht glaubwürdig“ eingeschätzt. Diese vergleichsweise nied-
rigen Glaubwürdigkeitsquoten treffen in ähnlicher Weise allerdings auch zu auf die Boule-
vardpresse und auf die sozialen Medien.
In der Gesamtbetrachtung des Datenmaterials fällt auf, dass das Vertrauen in die diversen
Medien – auch in die sozialen Medien – insgesamt sinkt. Die Ursachen dafür wurden nicht
untersucht. Sie könnten auch mit einem zunehmend kritischen Konsumentenverhalten zu-
sammen hängen.
g) Europäische Union (EU)
Die EU stößt nur bei einem Drittel der Befragten auf Skepsis bzw. Ablehnung. Eine Minder-
heit schätzt sie als besonders positiv ein. Die Daten zeigen auch in Sachsen bekannte Kritik-
punkte an europäischen Entscheidungsprozessen. Nur knappe Mehrheiten empfinden Euro-
pa als Gemeinschaftsprojekt für mehr Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand. In der Fra-
ge nach „offenen Grenzen“ ist Sachsen gespalten. Gleichwohl meinen die meisten Sachsen,
dass die EU europäische Interessen in der Welt bei Verhandlungen besser vertreten kann
als jeder Staat für sich. Verständnis für die politischen Entscheidungsprozesse auf europäi-
scher Ebene sowie die Akzeptanz der Mitgliedschaft Deutschlands in der EU sind deutlich
erkennbar abhängig vom Bildungsniveau der Befragten.

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Konsequenzen, Empfehlungen und Hinweise des Beirats
a) Der Beirat fordert die qualitative Verbesserung der politischen Bildung in Sachsen.
b) Der Beirat sieht die Notwendigkeit, soziale Desintegration und geeignete Gegenmaß-
nahmen öffentlich zu diskutieren. Der Beirat empfiehlt, beim nächsten Sachsen-Monitor
Armut, soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Desintegrationsprozesse zu fokussie-
ren.
c) Der Beirat empfiehlt, die Phänomene der beschriebenen gruppenbezogenen Menschen-
feindlichkeit hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Folgen und der Beeinträchtigung der Zu-
kunftschancen für Sachsen öffentlich zu problematisieren und zu diskutieren.
d) Der Beirat empfiehlt der Staatsregierung und allen anderen politischen Ebenen eine of-
fensive Auseinandersetzung mit den Ergebnissen des Sachsen-Monitors.
e) Der Beirat ist der Auffassung, dass die Ausprägung einer extrem rechten Jugendkultur,
die Defizite an politischer Bildung (nicht nur, aber auch an Schulen), gesellschaftliche In-
tegration und Defizite an sozialer Gerechtigkeit einer intensiven politischen und gesell-
schaftlichen Befassung bedürfen.
f) Der Beirat empfiehlt, Politik, Gesellschaft und politische Bildung sollten besser und mehr
über die Europäische Union informieren und für sie zu werben.
Ergänzende Bemerkungen und Hinweise des Leiters:
Der Leiter des Beirats empfiehlt, die Maßnahmen der außerschulischen Jugendbildung und
der internationalen Jugendbegegnung quantitativ auszuweiten und qualitativ zu verbessern.
Dies könnte durch eine Erleichterung der Förderbedingungen erreicht werden.
Der Leiter des Beirats verweist auf die Position des Sächsischen Kultursenats, dass eine
quantitative Erweiterung und qualitative Verbesserung der kulturellen Jugendbildung geeig-
net sind, die Behebung der Defizite im Bereich der politischen Bildung zu unterstützen.
Der Leiter des Beirats verweist schließlich auf Folgendes:
83 Prozent der Befragten bejahen die Frage: „Halten Sie die Demokratie ganz allgemein für
eine gute Regierungsform?“ Auch die überwiegende Mehrheit der untersuchten Teil-Gruppen
hält die Demokratie für eine gute Regierungsform (Arbeitslose halten die Demokratie zu 73
Prozent, Personen mit einem hohen Grad an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu
59 Prozent für eine gute Regierungsform.).
Trotzdem stimmen 71 Prozent aller Befragten der Aussage zu: „Leute wie ich haben so oder
so keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.“ („Stimme eher zu“: 30 Prozent; „Stimme
voll zu“: 41 Prozent). 59 Prozent aller Befragten stimmen der Aussage zu: „Nur direkte De-
mokratie ist wahre Demokratie“ (24 Prozent stimmen voll zu, 35 Prozent eher zu.) Selbst bei
den befragten Sachsen mit Hochschulabschluss stimmen der Aussage „Nur direkte Demo-
kratie ist wahre Demokratie“ zu 19 Prozent voll und zu 28 Prozent eher zu.
Dieser Befund ist – jedenfalls teilweise – widersprüchlich. Er mag multikausal verursacht
sein. Gleichwohl belegt er deutliche Defizite in der politischen Bildung.
86 Prozent der Befragten halten die politische Bildungsarbeit in den Schulen zu 45 Prozent
für sehr wichtig und zu 41 Prozent für wichtig. (sehr hohe Zustimmungsraten in allen Teil-
Gruppen). Die Befragten antworteten dabei auf die Aussage: „In Deutschland gibt es viele
Möglichkeiten, aktiv die demokratische Ordnung zu schützen. Sagen Sie mir bitte jeweils, ob
Sie die folgenden Möglichkeiten für sehr wichtig, wichtig, weniger wichtig oder gar nicht wich-
tig halten. Politische Bildungsarbeit an Schulen?“

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25 Prozent der Befragten gaben in diesem Zusammenhang an, dass sie die politische Bil-
dungsarbeit für Erwachsene für sehr wichtig halten. 52 Prozent halten sie für wichtig. (auch
hier hohe Zustimmungsraten in allen Teilgruppen)
Der Landesbeirat für Erwachsenenbildung wies beim Landesforum „Politische Bildung stär-
ken!“ am 20. September 2016 in Chemnitz darauf hin, dass sich die politische Erwachsenen-
bildung im Freistaat Sachsen im Vergleich mit anderen Bundesländern in einer prekären fi-
nanziellen Situation befindet, dass es in Sachsen kein Bildungsurlaubsgesetz gibt und dass
die politische Bildung im sächsischen Weiterbildungsgesetz lediglich als Möglichkeit, nicht
als Pflichtangebot verankert ist.
Mitglieder des Beirats „Sachsen-Monitor 2016“: Alexander Ahrens, Oberbürgermeister
Bautzen, Dr. Christian Demuth, Bürger Courage e. V., Prof. Dr. Beate Neuss, TU Chemnitz,
Frank Richter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Prof. Dr. Barbara Wolf,
Hochschule Mittweida, Uwe Schwabe, Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V.. Herr Schwabe
konnte leider an den Beratungen nicht teilnehmen.
Frank Richter
Dresden, 21.11.2016
Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung
für den Beirat des Sachsen-Monitors