Anhang A 1 zum Landesentwicklungsplan 2013
Fachplanerische Inhalte des Landschaftsprogramms

2
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 3
Inhaltsverzeichnis
1
Einführung
................................................................................................................. 5
2
Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen für die Schutzgüter
................... 6
2.1
Kulturlandschaft und Landschaftsschutz
............................................................... 6
2.1.1 Einführung .................................................................................................................. 6
2.1.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen ......................................................... 7
2.2
Pflanzen, Pilze, Tiere und ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume
........ 17
2.2.1 Einführung ................................................................................................................ 17
2.2.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen ....................................................... 20
2.3
Boden
...................................................................................................................... 37
2.3.1 Einführung ................................................................................................................ 37
2.3.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen ....................................................... 37
2.4
Wasser
..................................................................................................................... 40
2.4.1 Einführung ................................................................................................................ 40
2.4.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen ....................................................... 44
2.5
Klima, Luft, Lärm
..................................................................................................... 57
2.5.1 Einführung ................................................................................................................ 57
2.5.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen ....................................................... 61
Literaturverzeichnis
........................................................................................................... 68
Kartenverzeichnis
Karte A 1.1:
Prägung von Kulturlandschaftsgebieten durch historische
Kulturlandschaftselemente
Karte A 1.2:
Suchraumkulisse Moorrenaturierung
Karte A 1.3:
Verbreitung gefährdeter Tierarten
Karte A 1.4:
Verbreitung gefährdeter Pflanzenarten
Karte A 1.5:
Großflächig naturnahe Waldkomplexe

4
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 5
1
Einführung
Die Landschaftsplanung ist eine naturschutzfachliche Planung nach dem Bundesnatur-
schutzgesetz und hat die Aufgabe, die Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege
für den jeweiligen Planungsraum zu konkretisieren und die Erfordernisse und Maßnahmen
zur Verwirklichung dieser Ziele auch für die Planungen und Verwaltungsverfahren aufzuzei-
gen, deren Entscheidungen sich auf Natur und Landschaft auswirken können (§ 9 Abs. 1
BNatSchG). Diese Planungen und Verwaltungsverfahren sowie die Maßnahmen von öffentli-
chen Stellen, die sich auf Natur und Landschaft auswirken können, haben die Inhalte der
Landschaftsplanung zu berücksichtigen (§ 9 Abs. 5 Satz 1 BNatSchG in Verbindung mit § 6
Abs. 3 Satz 1 SächsNatSchG). Dies gilt insbesondere für die Beurteilung der Umweltverträg-
lichkeit und der Verträglichkeit mit den Erhaltungszielen eines Natura 2000-Gebiets sowie
bei der Aufstellung der Maßnahmenprogramme im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie (§ 9
Abs. 5 Satz 2 BNatSchG). Soweit den Inhalten der Landschaftsplanung in den Entscheidun-
gen nicht Rechnung getragen werden kann, ist dies zu begründen (§ 9 Abs. 5 Satz 3
BNatSchG).
Tabelle 1: Bezug der Landschaftsplanung zum System der räumlichen Gesamtplanung
(§§ 10, 11 BNatSchG)
Ebene
Raumordnung beziehungs-
- weise Bauleitplanung
Allgemeinverbindliches Plan-
dokument
Landschaftsplanung
Naturschutzfachplanung, natur-
schutzfachliches Plandokument
Land (überörtlich)
Landesentwicklungsplan
(LEP)
Landschaftsprogramm
(LaPro)
Region
(überörtlich)
Regionalplan
Landschaftsrahmenplan
Gemeinde
(örtlich)
Flächennutzungsplan
Landschaftsplan
Gemeindeteil
(örtlich)
Bebauungsplan
Grünordnungsplan
Ähnlich wie in der Raumordnung beziehungsweise Bauleitplanung werden auch in der Land-
schaftsplanung die Pläne einer höheren Bezugsebene durch die jeweils darunterliegende
konkretisiert.
In Sachsen übernimmt der Landesentwicklungsplan zugleich die Funktion des Landschafts-
programms, was allgemein als „Primärintegration“ bezeichnet wird. Dabei werden die Inhalte
des Landschaftsprogramms, soweit sie in formaler Hinsicht zur Festsetzung als Erfordernis-
se der Raumordnung geeignet sind (Raumbedeutsamkeit und so weiter), nach Abstimmung
im Zuge der Abwägung mit anderen Raumnutzungsansprüchen als Ziele und Grundsätze
der Raumordnung in den nach Raumordnungsrecht verbindlichen Teil (Festlegungsteil) des
LEP aufgenommen. Darüber hinausgehende Inhalte sind als rein fachplanerische Inhalte des
Landschaftsprogramms in diesem Anhang enthalten (§ 6 Abs. 2 SächsNatSchG).
Die rein naturschutzfachlichen Zielformulierungen (gekennzeichnet mit FZ) im Anhang ent-
halten auch Aufträge an die Landschaftsrahmenplanung und die kommunale Landschafts-
planung. Erfordernisse und Maßnahmen, die für die Umsetzung der naturschutzfachlichen
Ziele notwendig sind, werden in den Begründungen und Erläuterungen dargestellt.
Lesehilfe:
In Ausformung der allgemeinen naturschutzfachlichen Ziele und ihrer Begründungen enthält
der Anhang auch naturschutzfachliche Erfordernisse und Maßnahmen mit einem inhaltlichen
Bezug zu den raumordnerischen Zielen und Grundsätzen im Festlegungsteil des LEP. Um
aus naturschutzfachlicher Sicht einen Überblick zu einem bestimmten Aspekt des Land-
schaftsprogramms beziehungsweise Schutzgut zu erhalten, empfiehlt sich die vergleichende
Betrachtung der entsprechenden Textstellen des Festlegungsteils und dieses Anhangs. Wei-
tere Grundlagen können dem Internetauftritt des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt
und Landwirtschaft entnommen werden, insbesondere auch dem Fachbeitrag zum Land-
schaftsprogramm
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/8036.htm).

6
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
2
Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen für die
Schutzgüter
2.1
Kulturlandschaft und Landschaftsschutz
2.1.1 Einführung
Das Erscheinungsbild der Kulturlandschaft ist infolge der sich verändernden Nutzungen ei-
nem ständigen Wandel unterworfen. Ein einschneidender Wandel vollzog sich in den
1960er/1970er-Jahren mit der zunehmenden Technisierung und Industrialisierung der Land-
nutzungen. Die Landschaft wurde für die Belange der Landwirtschaft melioriert, was mit Ver-
änderungen des Reliefs und vor allem des Wasserhaushaltes und Gewässernetzes verbun-
den war.
Die Schläge wurden vergrößert und trennende Elemente wie Steinrücken oder Feldhecken,
insbesondere in den fruchtbareren Regionen, beseitigt. Kleinbäuerliche Nutzungsformen
verschwanden zunehmend. Die Forstwirtschaft favorisierte Altersklassenwälder aus wenigen
Baumarten. Die Teichbewirtschaftung wurde intensiviert, was häufig auch mit der Anlage
größerer Teiche verbunden war. Nutzungen wurden großflächiger, wie im Bereich des Roh-
stoffabbaus am Beispiel des Braunkohletagebaus zu sehen ist. Es entstanden auch neue
Ausformungen, wie zum Beispiel Schienenwege, Autobahnen und suburbane Bereiche.
Gleiche Wirtschafts- und Bauweisen sowie die Verwendung einheitlicher und standardisierter
Materialien haben zur Folge, dass die vormals regional stärker differenzierten Kulturland-
schaften einander immer ähnlicher werden. Der nächste einschneidende Wandel ist wahr-
scheinlich mit dem zunehmenden Einsatz Erneuerbarer Energien verbunden, der negative
Auswirkungen auf die Kulturlandschaft zur Folge haben könnte. Zu nennen sind hier Beein-
trächtigungen des Landschaftsbildes durch monotonen Feldfruchtanbau (zum Beispiel Mais,
Raps), den unsensiblen Bau von Windenergieanlagen und die Zerschneidung der Land-
schaft durch neue Leitungstrassen.
Im Folgenden werden wichtige Aspekte der Kulturlandschaft und des Landschaftsbildes kurz
erläutert:
Historische Kulturlandschaft
Im Zuge der historischen Entwicklung der sächsischen Kulturlandschaft haben sich gezielt
oder als Nebenprodukt der Landnutzung charakteristische Kulturlandschaftselemente her-
ausgebildet. Der Begriff der historischen Kulturlandschaftselemente ist hier im weiten Sinne
zu verstehen. Er umfasst zusätzlich zu den kulturhistorischen Elementen im engen Sinne,
die sich unter den heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr
herausbilden würden, auch solche, die im Zuge historischer Landnutzungsformen entstan-
den sind, aber heute noch genutzt oder neu angelegt werden. Beispiele für historische Kul-
turlandschaftselemente sind historische Mühlen, Burgen, historische Garten- und Parkanla-
gen, Flurformen wie Waldhufenfluren oder alte Siedlungsformen wie Rundlinge oder Anger-
dörfer mit Gehöften, alte Waldnutzungsformen wie Mittel-, Nieder- oder Hutewälder, extensiv
genutzte Grünländer und Heiden. Sie können in bauliche Elemente, wie zum Beispiel histori-
sche Mühlen, Burgen, Schlösser oder auch Siedlungsformen, sowie in biotische Elemente,
wie zum Beispiel Heiden, alte Waldnutzungsformen und Alleen mit ihren Formen, unterteilt
werden. Sie können ein einzelnes Element (zum Beispiel Mühlen) oder einen Komplex bil-
den, der aus unterschiedlichen Einzelelementen besteht, die in einer typischen Struktur an-
geordnet sind (zum Beispiel Waldhufenfluren).
Die Relikte der historischen Kulturlandschaftselemente prägen in ihren regional unterschied-
lichen Ausformungen die Eigenart der sächsischen Kulturlandschaft maßgeblich mit. Die
noch vorhandenen Relikte sind Beispiele für überkommene Formen der Landnutzung und

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 7
erlebbares Anschauungsmaterial. Sie sind von großem Wert, um die Zusammenhänge der
Entwicklung der Kulturlandschaft zu vermitteln und Verständnis dafür zu erzeugen.
Die regional unterschiedliche Prägung durch historische Kulturlandschaftselemente äußert
sich zum einen in unterschiedlichen, charakteristischen Kombinationen von Elementtypen in
bestimmten Regionen und zum anderen in Elementtypen, die ausschließlich oder schwer-
punktmäßig nur in bestimmten Regionen auftreten.
Landschaftsbild
Die Qualität des Landschaftsbildes der Kulturlandschaft ist eine der wesentlichen Grundla-
gen für ihre Bedeutung als Erholungslandschaft. Diese Qualität wird maßgeblich von der
mehr oder weniger vielfältigen Eigenart der Landschaft gebildet. Schon die naturräumlichen
Verhältnisse unterscheiden sich in Sachsen sehr stark aufgrund unterschiedlicher Anteile an
Tief-, Hügel- und Bergland und sehr verschiedener Ausgangsgesteine sowie gering bis sehr
fruchtbarer Böden, die die Landnutzungen mitbestimmen. Diese starke naturräumliche Diffe-
renzierung wurde durch regional unterschiedliche Landnutzungen weiter überprägt.
Es bildeten sich regional unterschiedliche Landnutzungsmuster und Kulturlandschafts-
elemente heraus, die den Regionen ihre jeweilige Typik, ihre Eigenart und Identität verleihen.
Die Ziele und Anforderungen, die sich aus den Aspekten der historischen Kulturlandschaft,
des Landschaftsbildes, der Erholungsvorsorge und der Landschaftszerschneidung an die
Entwicklung der Kulturlandschaft ergeben, sind in den folgenden Unterkapiteln dargestellt.
2.1.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen
Karte A 1.1: Prägung von Kulturlandschaftsgebieten durch historische Kulturlandschafts-
elemente
2.1.2.1 Landschaftsschutz und Landschaftszerschneidung
FZ 1 (Bezug zu Z 4.1.1.11, Z 4.1.1.12, Z 4.1.1.14)
Die Eigenart der naturräumlich geprägten, historisch gewachsenen Kulturlandschaft
ist in ihrer regionalen Ausprägung und Differenzierung dauerhaft zu schützen, zu pfle-
gen und zu entwickeln. Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sollen Maßgaben für
die künftige Entwicklung der Kulturlandschaft formuliert und erläutert werden.
Kulturlandschaften haben unterschiedliche Funktionen zu erfüllen. Sie sind nicht nur Wirt-
schafts-, sondern auch Lebensraum der Menschen. Dafür müssen sie nicht nur einen funkti-
onierenden Naturhaushalt aufweisen (diese Anforderungen sind in den folgenden Kapiteln
behandelt), sondern sie dienen auch der Erholung, der Naturerfahrung, als Anschauungsob-
jekt unterschiedlicher, auch überkommener Landnutzungsformen, dem kulturellen Wissens-
erwerb und als Archiv der Nutzungsgeschichte. Daher gilt es in diesem Zusammenhang vor
allem, die regional unterschiedliche Eigenart und Schönheit der Kulturlandschaften zu erhal-
ten und zu fördern und immer, wo dies umwelt- beziehungsweise naturverträglich zu gestal-
ten ist, der Öffentlichkeit zu erschließen.
Auch unter dem Gesichtspunkt der Erholung ist es von Bedeutung, möglichst große unzer-
schnittene verkehrsarme Räume zu erhalten, da so größere zusammenhängende naturnähe-
re und ruhigere Bereiche erfahrbar sind. Da in intensiv genutzten Kulturlandschaften vor-
nehmlich durch Menschen gesteuerte oder stark beeinflusste Prozesse ablaufen, ist es be-
sonders wichtig, auch Flächen vorzusehen, auf welchen überwiegend natürliche Prozesse
erlebbar sind (zum Beispiel Naturerfahrungsgebiete).
Zum einen sind besonders bedeutsame Bereiche der Kulturlandschaft zu schützen und im
Hinblick auf die Empfindlichkeit der einzelnen Schutzgüter (insbesondere historische Kultur-

8
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
landschaft, Landschaftsbild, landschaftsbezogene Erholung, Unzerschnittenheit der Land-
schaft sowie größere naturnahe Bereiche) besonders behutsam zu entwickeln. Zum anderen
sollen die derzeit weniger bedeutsamen Bereiche so entwickelt werden, dass ihre historische
Entwicklung ablesbar bleibt, Eigenart und Schönheit des Landschaftsbildes sowie die Erleb-
barkeit von Natur und Landschaft und insbesondere naturnaher Bereiche gefördert werden.
Um die Qualitäten besonders bedeutsamer Bereiche der Kulturlandschaft zu bewahren, wird
die Regionalplanung im Festlegungsteil des LEP (Z 4.1.1.12) beauftragt, Vorrang- und Vor-
behaltsgebiete Kulturlandschaftsschutz festzulegen. Die dort genannten Kriterien werden im
Folgenden erläutert.
Historische Kulturlandschaft
-
Bereiche der Landschaft mit besonderer Prägung durch historische Kulturlandschafts-
elemente:
Die sächsische Kulturlandschaft ist in unterschiedlichem Maße von Relikten historischer
Kulturlandschaftselemente geprägt. Hinweise darauf sind einer Studie zur historischen
Kulturlandschaft zu entnehmen (WALZ et al. 2012). Danach lässt sich die sächsische Kul-
turlandschaft in 17 Kulturlandschaftsgebiete unterteilen, die sich durch eine ähnliche
Ausstattung mit historischen Kulturlandschaftselementtypen auszeichnen. Die Entwick-
lung dieser Gebiete soll mit Rücksicht auf diese Typik erfolgen.
Die Stärke der Prägung dieser Gebiete durch historische Kulturlandschaftselemente
ergibt sich aus dem Index der gewichteten Prägung. Die gewichtete Prägung ist in der
Karte A 1.1 „Prägung von Kulturlandschaftsgebieten durch historische Kulturlandschafts-
elemente“ als Schraffur in fünf Klassen dargestellt.
Aus landesweiter Sicht sollten vor allem die Bereiche mit hoher sowie mittlerer bis hoher
Prägung durch die Landschaftsrahmenplanung als Vorranggebiete Kulturlandschafts-
schutz vorgeschlagen werden. Diese Bereiche sollen vor allem geschützt und mit Rück-
sicht auf die historischen Strukturen und Elemente entwickelt werden.
Es wird empfohlen, für jedes Kulturlandschaftsgebiet mindestens die beiden oberen Be-
wertungsstufen in die Vorrang- und Vorbehaltsgebiete Kulturlandschaftsschutz einzube-
ziehen. So kann die Charakteristik eines jeden Kulturlandschaftsgebietes gesichert wer-
den, auch wenn in diesem Gebiet die höchsten Bewertungsstufen nicht vertreten sind.
Die Bereiche geringerer Prägung sollen mit Rücksicht auf die relativ wenigen Relikte und,
wo es sich anbietet, mit Bezug auf historische Strukturen entwickelt werden.
-
Bereiche der Landschaft im bildbedeutsamen Umfeld bedeutender historischer Sied-
lungsstrukturen sowie historischer Anlagen:
In Sachsen haben sich teilweise Siedlungsstrukturen erhalten, die nur gering durch mo-
derne Nachverdichtung oder Siedlungserweiterung überprägt wurden. Dies betrifft zum
Beispiel manche Waldhufendörfer, Rundlinge oder Angerdörfer. Teilweise ist auch die
Einbindung in die historischen Flurformen erhalten geblieben. Weiterhin können beson-
dere historische Anlagen, wie zum Beispiel Festungen (zum Beispiel Festung Königs-
tein), Burgen (zum Beispiel Augustusburg) und Klöster (zum Beispiel Kloster Mari-
enstern), das Landschaftsbild dominieren und von weithin wahrgenommen werden.
Notwendige Siedlungserweiterungen sollen sich nach Möglichkeit an den historischen
Siedlungs- beziehungsweise Landschaftsstrukturen orientieren und maßstäblich einfü-
gen. Bei Planungen, die das Landschaftsbild stark verändern können, wie zum Beispiel
Siedlungserweiterungen, Neubau oder Erweiterung von Industrie- und Gewerbegebieten
oder Windenergieanlagen (vergleiche dazu FZ 2), sind die Charakteristik und die sich da-
raus an die Gestaltung der umgebenden Landschaft ergebenden Anforderungen dieser
besonderen historischen Anlagen angemessen zu berücksichtigen.
Landschaftsbild
-
Bereiche der Landschaft von hohem landschaftsästhetischen Wert:

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 9
Kulturlandschaften, die als besonders schön wahrgenommen werden, bieten ein großes
Potenzial für die landschaftsbezogene Erholung. In einer Studie zur Erfassung und Be-
wertung des Landschaftsbildes in Sachsen (BÖHNERT et al. 2009) wurden Landschafts-
bildeinheiten im Hinblick auf ihre Schönheit in 5 Stufen bewertet. Es wird empfohlen, die
mit sehr hoch bewerteten Bereiche im Rahmen der Landschaftsrahmenplanung als Vor-
ranggebiet Kulturlandschaftsschutz einzubringen.
-
Bereiche der Landschaft mit regionalen Besonderheiten des Reliefs:
Das Relief ist für die Eigenart einer Landschaft und die Bewertung ihrer Schönheit sehr
bedeutsam. Es wird durch den jeweiligen Formenschatz und die absoluten und relativen
Höhenunterschiede charakterisiert. Es können ganze Landschaftsteile von besonderen
Formen geprägt sein, wie zum Beispiel die offenen Felsen oder die Tafelberge der Säch-
sischen Schweiz, die Kuppenlandschaft, die der Landschaft um Moritzburg ihren Namen
gab, die charakteristische Auffaltung des Muskauer Faltenbogens und die Parabeldünen
der Muskauer Heide. Es können aber auch punktuell besondere Reliefformen auftreten,
die den Charakter von Landmarken annehmen können. Dies sind beispielsweise kleine
Bergformationen inmitten von flachen Landschaften wie zum Beispiel die Hohburger Ber-
ge oder der Schildauer Berg bis hin zu Einzelerhebungen wie der Landeskrone oder dem
Collmberg, die beide Landmarken darstellen. Hinweise auf regionale Besonderheiten des
Reliefs sind der Studie zum Landschaftsbild (BÖHNERT et al. 2009) zu entnehmen.
-
Bereiche der Landschaft mit kleinräumiger Nutzungsvielfalt:
Der Eindruck einer vielfältigen Landschaft wird über das Relief hinaus maßgeblich von
einem kleinräumigen Wechsel der Nutzungen bestimmt. Dies betrifft die Verteilung klei-
ner Siedlungen in der Kulturlandschaft ebenso wie den Wechsel von Wald- und Offen-
landbereichen sowie das Vorhandensein kleinerer Ackerflächen mit erhöhter Fruchtar-
tenvielfalt und Grünland verschiedenster Ausprägung. Bereiche der kleinräumigen Nut-
zungsvielfalt sind infolge von Standortnivellierungen und gleichförmigerer Nutzungswei-
sen seltener geworden. Durch sie wird das Landschaftsbild bereichert und dessen Erle-
ben vielfältiger. Deshalb sollten sie bei der Festlegung von Vorrang- und Vorbehaltsge-
bieten Kulturlandschaftsschutz berücksichtigt werden. Auch hier können Hinweise auf die
Eigenart der Landschaft und das Vorkommen kleinräumiger Nutzungsvielfalt der Studie
zum Landschaftsbild (BÖHNERT et al. 2009) entnommen werden.
-
Bereiche der Landschaft mit regionstypischen landschaftsstrukturierenden Elementen:
Im Ergebnis der historischen Entwicklung der Kulturlandschaft bildeten sich je nach Re-
gion und naturräumlichen Voraussetzungen verschiedene landschaftsstrukturierende
Elemente heraus, die ebenfalls den Regionen ihre typische und voneinander unter-
scheidbare Charakteristik verleihen. Zu diesen Elementen gehören zum Beispiel Weinter-
rassen, Ackerterrassen, Hohlwege, Heiden, Feldraine, Gräben, Stillgewässer, Steinrü-
cken, Feldgehölze, Hecken, Baumreihen und Alleen. Der überwiegende Teil der regions-
typischen landschaftsstrukturierenden Elemente gehört zu den kulturhistorischen Ele-
menten, wozu oben schon Weiteres ausgeführt wurde. Hinweise zu regionstypischen
landschaftsstrukturierenden Elementen sind den Studien zur historischen Kulturland-
schaft und zum Landschaftsbild zu entnehmen.
-
Bereiche der Landschaft von besonders hoher Naturnähe:
In der genutzten Kulturlandschaft Sachsens stellen sehr naturnahe Bereiche eine beson-
dere und selten gewordene Qualität dar, die nicht nur für den Erhalt der biologischen
Vielfalt, sondern auch für Erholungssuchende bedeutsam ist. Daher sollte diese Charak-
teristik auch unter dem Gesichtspunkt des Landschaftsschutzes und der Erholungsfunk-
tion bewahrt werden. Diese Landschaften sollen von einer stark technogenen Überprä-
gung, zum Beispiel durch Industrie- und Gewerbeanlagen, Windenergieanlagen, unmaß-
stäbliche Siedlungserweiterungen oder suburbane Bereiche, oder von einer Intensivie-
rung und Monotonisierung der Landnutzung verschont werden. Dabei ist abzuwägen, ob
die besonders naturnahen Bereiche vor allem der Sicherung der biologischen Vielfalt
dienen und daher als Vorrang- und Vorbehaltsgebiet Arten- und Biotopschutz festgelegt
werden sollen oder ob der Aspekt des Landschaftsbildes und der Erholungsvorsorge
überwiegt. Anhaltspunkte für die Bestimmung der Naturnähe finden sich im Erläute-
rungstext in Kapitel 2.2.2.1 sowie für Gewässer und Auenbereiche in Kapitel 2.4.2 des

10
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Anhangs. Hier lassen sich Bereiche der Landschaft mit besonderer Prägung durch natur-
nahe Fließ- und Standgewässer sowie naturnahe Wälder mit hoher Erlebniswirksamkeit
zuordnen. Die Mittlere Mulde und in großen Bereichen die Teichlandschaft der Oberlau-
sitz sind herausragende Beispiele für die Prägung von Landschaften durch naturnahe
Gewässer.
-
Bereiche der Landschaft mit abwechslungsreich strukturierten Waldgebieten mit hoher
Erlebniswirksamkeit:
Neben naturnahen Wäldern können auch Wälder, die zum Beispiel durch einen höheren
Anteil von Laubmischwäldern, Waldwiesen, Gewässern oder reich strukturierten Wald-
rändern gekennzeichnet sind, eine größere Vielfalt und Erlebniswirksamkeit aufweisen.
Auch diese sollen im Rahmen der Landschaftsrahmenplanung als Vorrang- und Vorbe-
haltsgebiete Kulturlandschaftsschutz eingebracht werden. Hinweise darauf können der
Studie zum Landschaftsbild (BÖHNERT et al. 2009) entnommen werden.
FZ 2 (Bezug zu Z 4.1.1.12 und Z 5.1.1, Z 5.1.3, G 5.1.5)
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sind für die Planung von Standorten für
Windenergieanlagen unter dem Aspekt des Kulturlandschaftsschutzes auch die fol-
genden Kriterien zu berücksichtigen:
-
Lage im Sichtfeld von wichtigen Aussichtspunkten
-
Lage in landesweit und regional bedeutsamen Erholungsgebieten
Belange des Vogel- und Fledermausschutzes bei der Festlegung von Vorrang- und Eig-
nungsgebieten für Windenergieanlagen sind in Kapitel 2.2.2.1 dargestellt.
Angesichts der zahlreichen negativen Begleitwirkungen beziehungsweise Risiken der Nut-
zung fossiler Energieträger und der Kernenergie muss die Nutzung der regenerativen Ener-
gien unterstützt und deren Nebenwirkungen müssen bis zu einem gewissen Grad akzeptiert
werden. Auch mit der Nutzung Erneuerbarer Energien sind verschiedene negative Begleit-
wirkungen unterschiedlichen Ausmaßes verbunden. So wird die Landschaft insbesondere
auch durch die Nutzung der Windenergie eine neue Prägung erfahren. Zur Gewährleistung
der Nachhaltigkeit sind besonders sensible Bereiche vor einer zu starken Überprägung zu
schützen.
Die Eigenart der sächsischen Kulturlandschaft ist aufgrund der unterschiedlichen naturräum-
lichen Voraussetzungen und der ebenso unterschiedlichen historischen Entwicklung der
Siedlungen, verkehrlichen Erschließung und Landnutzungsformen in den Teilräumen sehr
differenziert ausgeprägt und daher sehr vielfältig. Damit sind verschieden ausgeprägte Land-
schaftsbilder von teilweise großer Schönheit verbunden, die ein großes Potenzial für die Er-
holung besitzen. Um die Empfindlichkeit und die Schutzbedürftigkeit zu beschreiben, sind vor
allem die nachfolgend aufgeführten Kriterien heranzuziehen:
-
Bereiche, die stark von historischen Kulturlandschaftselementtypen geprägt sind, können
sehr empfindlich gegenüber der Errichtung von Windenergieanlagen sein, da hier die Er-
lebbarkeit der Elemente selbst wie auch ihre strukturellen Zusammenhänge beeinträch-
tigt werden können.
-
Das Umfeld insbesondere kleiner historischer Siedlungsstrukturen (gut erhaltene histori-
sche Strukturen von Dörfern, wie Rundlinge, Angerdörfer, Platzdörfer) und einzelner his-
torischer Anlagen nicht industriellen Ursprungs (zum Beispiel Festung Königstein,
Schlösser und Burgen allgemein) ist in der Regel empfindlich gegenüber der Errichtung
von Windenergieanlagen. Es ist für die Errichtung von Windenergieanlagen aus land-
schaftsplanerischer Sicht in der Regel nicht geeignet.
-
Landschaftsbildräume von sehr hoher Schönheit sind in der Regel sehr empfindlich ge-
genüber der Errichtung von Windenergieanlagen.
-
Die Ausblicke besonders wichtiger Aussichtspunkte sollten nicht durch Windenergieanla-
gen verstellt werden.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 11
-
Landesweit und regional bedeutsame Erholungsgebiete sollen nicht von Windenergiean-
lagen erheblich beeinträchtigt werden.
-
Windenergieanlagen lassen sich am besten in Landschaften integrieren, die eine mehr
oder weniger starke technogene Vorprägung aufweisen. In besonders naturnahen Land-
schaftsbereichen (vergleiche Kapitel 2.2.2.1, Erläuterung) sind Windenergieanlagen aus
landschaftsplanerischer Sicht in der Regel nicht geeignet.
-
Im Wald ist neben den Belangen des Naturschutzes und der Landschaftspflege auch die
Erfüllung der Waldfunktionen zu berücksichtigen. Zur Vermeidung erheblicher Beein-
trächtigungen ist unter anderem auch den häufig schwierigen Standortverhältnissen und
der geringen Erschließung Rechnung zu tragen.
Auf diese Weise können die empfindlichsten Gebiete vor erheblichen Beeinträchtigungen
geschützt werden.
FZ 3 (Bezug zu Z 4.1.1.2)
Bei Abwägungen zur Zulässigkeit zerschneidender Eingriffe innerhalb eines unzer-
schnittenen verkehrsarmen Raumes (UZVR) oder zwischen zwei UZVR sollen insbe-
sondere die Naturraum-, Arten- und Biotopausstattung, die Belange von Natura 2000
und Biotopverbund, die Gebietskulisse für das Lebensraumverbundsystem für Wild-
tiere sowie das Landschaftsbild als innere Qualitäten der UZVR berücksichtigt wer-
den.
Wie schon in der Begründung zu Z 4.1.1.2 im Festlegungsteil ausgeführt, sind die UZVR
hinsichtlich ihrer inneren Qualitäten nicht gleichwertig (vergleiche auch Karte 5 im Festle-
gungsteil). Die entscheidenden Wert gebenden Kriterien sind auch nicht homogen innerhalb
der UZVR verteilt. Wenn zu entscheiden ist, ob und wo ein UZVR zerschnitten werden darf
beziehungsweise welcher von mehreren UZVR am geringsten beeinträchtigt wird, sollen die
konkreten Ausprägungen der naturräumlichen Ausstattung, der Arten- und Biotopausstat-
tung, der Natura 2000-Gebiete und des Landschaftsbildes sowie die Erfordernisse des Bio-
topverbundes und des Lebensraumverbundsystems für Wildtiere herangezogen werden. Die
Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit der einzelnen Schutzgüter sind gegeneinander
abzuwägen und die Variante mit der geringsten Beeinträchtigung ist auszuwählen. Hierbei
sind vermeidende oder minimierende Ausführungen wie zum Beispiel Untertunnelungen zu
berücksichtigen. Insbesondere ist Wert auf die Kohärenzanforderungen von Natura 2000,
des Biotopverbundes sowie des Lebensraumverbundsystems für Wildtiere zu legen. Lage
und Belange der Natura 2000-Gebiete sind den Grundschutzverordnungen beziehungsweise
den aktuellen Managementplänen sowie, zusätzlich für die Vogelschutz-Gebiete, den Leitfä-
den für die teichwirtschaftliche beziehungsweise landwirtschaftliche Nutzung in Europäi-
schen Vogelschutzgebieten zu entnehmen.
Die Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen des Biotopverbundes sind in Kapitel 2.2.2.2 des
Anhangs dargestellt und erläutert. Für eine Ersteinschätzung der Gebiete bezüglich der Aus-
stattung mit schutzbedürftigen Arten der Roten Listen können je nach Größe und Lage der
UZVR die beiden Karten zur Verbreitung von gefährdeten Tier- beziehungsweise Pflanzenar-
ten in Sachsen herangezogen werden (Karten A 1.3 und A 1.4). Eine Erläuterung der Karten
findet sich in Kapitel 2.2.2.1 des Anhangs. Die Varianten sind darüber hinaus auf mögliche
Beeinträchtigungen schutzbedürftiger Arten und Biotope zu prüfen und gegeneinander ab-
zuwägen. Die Studie zur Erfassung und Bewertung des Landschaftsbildes enthält Steckbrie-
fe für jede Landschaftsbildeinheit, in welchen Ziele formuliert und die typischen Wert geben-
den Elemente beschrieben sind. Die Varianten sind daraufhin zu prüfen, inwieweit diese
Elemente bestmöglich erhalten und die formulierten Qualitätsziele für die jeweilige Land-
schaftsbildeinheit weitgehend erreicht werden können.
Weiterhin ist zu berücksichtigen, ob die geplante Variante die Kaltluftbahnen ungünstig be-
einflusst (vergleiche Karte „Bioklimatisch und lufthygienisch wirksame Räume“,
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/26256.htm).

12
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Erläuterung 1 (Bezug zu Z 1.5.4, Z 2.2.1.8, Z 2.2.1.9)
Verkehrsachsen, wachsende Siedlungen, zusammenwachsende Siedlungen, die Siedlungs-
bänder bilden, und die freie Landschaft zersiedelnde neu gegründete Siedlungsteile verstär-
ken die Landschaftszerschneidung mit ihren Auswirkungen auf Natur und Landschaft. Sie
verknappen die Erholungsflächen an den Siedlungsrändern, verkleinern die für die Erholung
zur Verfügung stehenden Räume und damit auch die Möglichkeit, großräumig freie Land-
schaften zu erleben. Eine zunehmende Zersiedelung vereinheitlicht das Landschaftsbild und
überprägt historische Strukturen und häufig die Erlebbarkeit ihrer Zusammenhänge. Weiter-
hin nehmen mit abnehmender Größe der Landschaftsräume störende Randeinflüsse auf die
Biotope und Lebensräume zu, was die biologische Vielfalt beeinträchtigen kann. Verbindun-
gen zwischen Lebensräumen können unterbrochen werden, die Verbundfunktionen der
Landschaft verschlechtern sich. Darüber hinaus können Kaltluftstaus gefördert und Frisch-
luftbahnen unterbrochen werden. Mit wachsender Siedlungsgröße erwärmt sich das Sied-
lungsklima zunehmend. Bei der Entwicklung von Achsen und Siedlungen ist daher darauf zu
achten, dass
-
möglichst große unzerschnittene Landschaftsräume,
-
Verbundfunktionen für Arten,
-
naturschutzfachlich bedeutsame Räume,
-
Frischluftbahnen und die Frischluftzufuhr für die Siedlungen,
-
siedlungsnahe Freiräume auch für die Erholung,
-
die regional unterschiedliche Eigenart und Schönheit des Landschaftsbildes,
-
besonders bedeutsame Sichtbeziehungen,
-
gut erhaltene historische Strukturen und die Erlebbarkeit ihrer Zusammenhänge
gesichert und in ihrer Funktionsfähigkeit erhalten bleiben.
Erläuterung 2 (Bezug zu Z 2.1.3.2, G 2.3.3.3)
Bergbaufolgelandschaften sind neu entstehende Kultur- und Naturlandschaften. Hier bietet
sich die Möglichkeit, neue Landschaften zu gestalten und dabei neue Ideen aufzugreifen und
zu entwickeln. Zugleich sollte aber auch ein Bezug zur historischen Entwicklung und damit
auch zu ihrer Entstehung aus dem Rohstoffabbau hergestellt werden und diese in der ent-
stehenden Landschaft ablesbar bleiben. Dies dient dem Erhalt der Identität der Kulturland-
schaft. Beide Aspekte sollten in der neu entstehenden Kulturlandschaft zum Tragen kom-
men. Mögliche Maßnahmen sind:
-
Einrichtung von Wildnisgebieten in Teilbereichen,
-
Wiederherstellung alter Gewässerverläufe, sofern möglich,
-
Aufgreifen von, für die Zeit vor dem Rohstoffabbau beziehungsweise die umgebende
unverritzte Landschaft, typischen Landschaftsstrukturmustern und -elementen,
-
neue Reliefierung mit Bezug zum Thema Abraumschüttungen,
-
Erhalt und Umnutzung alter Bausubstanz,
-
Erhalt und Integration technischer Relikte insbesondere in die Erholungslandschaft und in
Siedlungsbereiche,
-
Entwicklung von Teilbereichen als „Energielandschaften“ (umweltverträglich produzierte
Erneuerbare Energien anstelle des Abbaus fossiler Energien),
-
touristische Nutzungen.
Die Anforderungen, die sich unter dem Aspekt der Tier- und Pflanzenarten und ihrer Le-
bensgemeinschaften sowie des Biotopschutzes an die Bergbaufolgelandschaft ergeben, sind
in Kapitel 2.2 dargestellt, Anforderungen unter dem Aspekt der Gewässer in Kapitel 2.4.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 13
2.1.2.2 Historische Kulturlandschaft
FZ 4 (Bezug zu Z 4.1.1.11 und Z 4.1.1.12)
Bereiche von Kulturlandschaftsgebieten mit hoher bis sehr hoher Prägung durch his-
torische Kulturlandschaftselemente (vergleiche Karte A 1.1) sollen entsprechend ihrer
räumlichen, geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge entwickelt und neue
Elemente nach Möglichkeit unter Bewahrung der historischen Strukturen und der Ei-
genart der Kulturlandschaftsteile eingefügt werden. Die Relikte historischer Kultur-
landschaftselemente sollen erhalten, gepflegt oder saniert werden. In den Land-
schaftsrahmenplänen sind Empfehlungen für Maßnahmen zum Erhalt, zur Pflege und
zur Entwicklung insbesondere der in diesen Regionen besonders typischen oder häu-
figen historischen Kulturlandschaftselemente zu geben.
Vor allem im Zuge der Intensivierung der Landnutzung (Siedlungswachstum, Vergrößerung
der Schläge um ein Vielfaches, Melioration, überwiegend Begründung von Nadelbaum-
Altersklassenwäldern) sind überkommene historische Strukturen vielfach verloren gegangen.
Um die Eigenart der sächsischen Kulturlandschaft und Relikte historischer Kulturlandschafts-
elemente zu erhalten, bedarf es verschiedener Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen, die
jedoch nicht zum Ziel haben, die Landschaft museal zu konservieren, sondern ihre Eigenart
im Wandel zu erhalten. Zugleich sind insbesondere die biotischen Elemente überwiegend
von großer Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz, sodass sich hier Synergieeffekte
zwischen dem Schutz von Kulturlandschaftselementen und dem Schutz der biologischen
Vielfalt ergeben. In den Landschaftsrahmenplänen sollen nicht nur Empfehlungen für einzel-
ne historische Kulturlandschaftselementtypen gegeben werden, sondern es soll auch darge-
stellt werden, welche Strukturen bei Komplexen zu erhalten sind und wie sich neue Elemente
einfügen sollen.
Im Fachbeitrag zum Landschaftsprogramm werden Empfehlungen für ausgewählte Elemente
beziehungsweise Komplexe dargestellt. Bauliche Elemente sind im Wesentlichen über den
Denkmalschutz geschützt und die Anforderungen sind dort formuliert. Maßnahmen für bioti-
sche Kulturlandschaftselemente sind:
-
Ausgewählte Landschaftsbereiche, in denen sich Komplexe historischer Landschafts-
elemente gut erhalten haben und deren typische strukturelle Zusammenhänge noch gut
erlebbar sind, sollen erhalten werden. Neue Elemente sind so einzufügen, dass sie die
Erlebbarkeit dieser Strukturen weiterhin gewährleisten. Beispiele für solche Komplexe
sind Waldhufenfluren, Weinberge und Siedlungen. So ist zum Beispiel im Falle gut erhal-
tener Waldhufenstrukturen insbesondere darauf zu achten, dass die Gewässeraue von
Bebauung frei gehalten wird und die Flächen, abgesehen von den Gewässer begleiten-
den Gehölzen, möglichst als Grünland oder öffentliche Grünfläche genutzt werden. Die
Grünländer zwischen Gehöften, die sich hangaufwärts erstreckenden schmalen Parzel-
len, die Wäldchen am oberen Ende der Parzellen beziehungsweise eine unregelmäßige
Waldrandlinie sowie Steinrücken und Feldhecken sollen erhalten bleiben und neu ange-
legte Wege, Straßen oder Gebäude in diese Grundstruktur eingefügt werden.
-
Gerade auch in Dörfern ist darauf zu achten, dass typische historische Freiraumstruktu-
ren mit ihrer regionaltypischen Ausstattung erhalten bleiben. Dazu gehören zum Beispiel
Gehölzpflanzungen, Alleen, prägende Einzelbäume mit historischen Bezügen (zum Bei-
spiel Gerichtslinde), Streuobstwiesen oder auch typische Einfriedungen oder alte Mauern
mit ihrem Bewuchs. Der Versiegelungsgrad soll möglichst gering gehalten werden. Dies
trägt dazu bei, dass Identität und Attraktivität von Siedlungen erhalten werden. Auch hier
ergeben sich Synergieeffekte mit dem Arten- und Biotopschutz.
-
In weniger gut erhaltenen Komplexen historischer Kulturlandschaftselemente kann ihre
Typik durch neu eingefügte Elemente unterstützt werden. Zum Beispiel können Baumrei-
hen, Hecken, Wege oder Feldraine in mehr oder weniger stark aufgelösten Waldhufenflu-
ren so eingefügt werden, dass sie die typische Struktur aufnehmen. Hier ergeben sich
zugleich Synergieeffekte zum Arten- und Biotopschutz, indem die Habitatvielfalt erhöht
wird. Die Auswahl der neuen biotischen Strukturen soll sich auch an den in der Region

14
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
besonders zu fördernden Zielarten orientieren. Des Weiteren können hier Synergieeffek-
te zum Bodenschutz (insbesondere zum Erosionsschutz) und damit häufig auch zum
Gewässerschutz entstehen. Entsprechend genutzte Gehölzstreifen können darüber hin-
aus der Energiegewinnung dienen.
-
Relikte historischer Kulturlandschaftselemente sind grundsätzlich zu erhalten. Sie geben
auch in stark überformten Landschaften Hinweise auf ihre historische Entwicklung.
-
Bei der Sanierung von Gebäuden sollen Habitate für Gebäude bewohnende Tierarten
erhalten, ersetzt oder nach Möglichkeit geschaffen werden.
Die Aspekte des Schutzes historischer Kulturlandschaftselemente sind in Planungs- und
Verwaltungsverfahren wie zum Beispiel Flurneuordnungsverfahren und Bauleitplanung zu
berücksichtigen. Für die Umsetzung können, insbesondere bei Neuanlage (mit Ausnahme
baulicher Elemente), Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, ansonsten in vielen Fällen Förde-
rung in Anspruch genommen werden.
2.1.2.3 Landschaftsbild
FZ 5 (Bezug zu Z 4.1.1.11, Z 4.1.1.12 und Z 4.1.1.14)
In Landschaftsräumen von hoher bis sehr hoher Schönheit ist das Landschaftsbild zu
bewahren, vor Beeinträchtigungen zu schützen und entsprechend der regionaltypi-
schen Eigenart behutsam zu entwickeln.
Landschaftsräume von sehr geringer bis mittlerer Schönheit sollen so entwickelt wer-
den, dass die regionaltypische Eigenart und die Schönheit des Landschaftsbildes ge-
stärkt werden.
Die Landschaftsrahmenplanung stellt die Ziele für die Entwicklung der unterschiedli-
chen Landschaftsbildräume dar.
Seit den 1960er-Jahren vereinheitlichen die Landnutzungen mit ihrer voranschreitenden
Technisierung und Industrialisierung zunehmend die vormals unterschiedlichen Land-
schaftsbilder. Um ihre Qualität als attraktive Lebens- und Erholungsräume für die Menschen
und damit ihre Eigenart und Schönheit zu bewahren, sind im Zuge der Landschaftsrahmen-
planung auf Grundlage der Studie von BÖHNERT et al. 2009 zum Landschaftsbild in Sachsen
Ziele für die unterschiedlichen Landschaftsbildräume zu erarbeiten. Diese Ziele orientieren
sich am Potenzial der einzelnen Räume. Deren unterschiedliche naturräumliche Verhältnisse
und unterschiedliche Landnutzungsmuster, die mehr oder weniger häufigen regionaltypi-
schen Kulturlandschaftselemente und somit ihre Eigenart liefern einen Maßstab für die Ent-
wicklung der Räume. In der Studie zum Landschaftsbild in Sachsen sind für Teilräume die
wesentlichen Merkmale zusammengestellt, die die jeweilige Eigenart der Landschaft be-
stimmen. Ebenso sind Wert gebende und störende Elemente beziehungsweise Faktoren
dargestellt. Für jeden Teilraum wurden Ziele erarbeitet, die dem Schutz und der Entwicklung
von Eigenart und Schönheit der Landschaft dienen. Das Landschaftsbild der Teilräume, de-
ren aktuelle Ausprägung dem Potenzial sehr nahekommt, ist zu erhalten und zu schützen.
Sie sind in der in der Studie enthaltenen Karte „Erfassung und Bewertung des Landschafts-
bildes – Erfüllungsgrad der Qualitätsziele“ mit hoch und sehr hoch bewertet
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22504.htm).
Die übrigen, mit mittel und gering
bewerteten Teilräume sind vornehmlich entsprechend den Zielen zu entwickeln.
Vordringliche Maßnahmen sind:
-
Für die Eigenart und Schönheit des Landschaftsbildes entscheidende Strukturen und
Elementkomplexe sollen erhalten werden. Dies betrifft zum Beispiel typische Wald-
Offenland-Verhältnisse ebenso wie Flur- oder Siedlungsstrukturen (vergleiche Kapitel
2.1.2.2).
-
Die landschaftsbildprägenden regionaltypischen Elemente sollen erhalten, gepflegt und
ergänzt werden.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 15
-
Defizite des Landschaftsbildes sollen insbesondere in siedlungsnahen und für die Erho-
lung bedeutsamen Bereichen beseitigt werden.
-
Wichtige Sichtachsen auf natürliche und kulturhistorische Elemente sind frei zu halten.
-
Die Ausblicke von besonders bedeutsamen Aussichtspunkten sind frei zu halten.
-
Gebietsprägende Monokulturen, wie sie zum Beispiel infolge eines verstärkten Bio-
masseanbaus entstehen könnten, können das Landschaftsbild beeinträchtigen und soll-
ten vermieden werden.
-
Die Gestaltung neuer Landschaften, die zum Beispiel im Zuge des Rohstoffabbaus ent-
stehen, soll Raum für neue Ideen geben, aber auch Bezüge sowohl zur vergangenen
Nutzung als auch zur Umgebung herstellen (vergleiche auch Erläuterung 2 in Kapitel
2.1.2.1).
2.1.2.4 Erholungsvorsorge
FZ 6 (Bezug zu Z 1.5.4, Z 2.2.1.8, G 2.3.3.3)
Es ist ein ausreichendes und zusammenhängendes Freiraumsystem für die land-
schaftsbezogene Erholung zu schaffen, das Grünflächen innerhalb der Siedlungen mit
siedlungsnahen Freiflächen und nach Möglichkeit auch mit Naherholungsgebieten
verbindet. Dieses Freiraumsystem ist in der Landschaftsrahmenplanung textlich und
kartografisch darzustellen. Das Landschaftsbild ist prioritär in diesen Räumen zu ent-
wickeln.
Für die physische und psychische Regeneration aller Menschen müssen ausreichende und
gut erschlossene Flächen für die landschaftsbezogene Erholung zur Verfügung stehen, die
ein attraktives Landschaftsbild aufweisen und in welchen Natur erlebbar ist. Dies erhöht die
Lebensqualität von Siedlungen und insbesondere von Verdichtungsgebieten entscheidend.
Besonders in Verdichtungsräumen ist daher darauf zu achten, dass ausreichende Flächen
der Erholung dienen.
Teilweise sind in siedlungsnahen Bereichen Defizite hinsichtlich des Landschaftsbildes fest-
zustellen. Folgende Aspekte beziehungsweise Maßnahmen sollen berücksichtigt und umge-
setzt werden:
-
Wildnisgebiete und andere naturschutzfachlich bedeutsame Bereiche sowie Naturerfah-
rungsräume sollen unter Berücksichtigung der jeweiligen Schutzbedürftigkeit und der
Verkehrssicherungspflicht in Erholungsflächen integriert und gegebenenfalls durch Len-
kungssysteme behutsam erschlossen werden. Dies schafft neue Möglichkeiten für die
Menschen, die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur zu erleben und hilft damit das Na-
turbewusstsein in der Bevölkerung zu stärken.
-
Auch im Siedlungsbereich sollen naturnahe Erlebnismöglichkeiten mit dem Element
Wasser erhalten oder entwickelt werden. Dazu sollen Gewässerufer grundsätzlich öffent-
lich zugänglich erhalten werden. Im Rahmen von Planungen soll darauf hingewirkt wer-
den, auch im Bereich privater Flurstücke Gewässer für die Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Ausgewählte naturfern ausgebaute Abschnitte von Fließ- und Standgewässern
im Siedlungsbereich und am Siedlungsrand sollen renaturiert werden und der Erholung
dienen.
-
Bei der Entwicklung von Bergbaufolgelandschaften sollen sanfte landschaftsbezogene
Erholungsnutzungen, die in der Regel mit geringeren Umweltwirkungen verbunden sind
(Wandern, Fahrradfahren, motorloser Bootsverkehr), angemessen berücksichtigt werden.
Erholungsnutzungen sind unter Einbeziehung der Belange des Arten- und Biotopschut-
zes zu planen und zu fördern (vergleiche Kapitel 2.2.2.1). Im Interesse der Konfliktmini-
mierung und Besucherlenkung ist auf eine fachlich fundierte räumliche Differenzierung
insbesondere zwischen naturschutzfachlichen Schwerpunkten und motorgebundener
Freizeitnutzung hinzuwirken.

16
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
-
Beim Ausbau ländlicher Wege sind Belange der landschaftsbezogenen Erholung zu be-
rücksichtigen.
Teile dieses Freiraumverbundsystems für die landschaftsbezogene Erholung sollen durch
die Landschaftsrahmenplanung als regionale Grünzüge oder Grünzäsuren vorgeschlagen
werden.
Erläuterung (Bezug zu G 2.3.3.5, G 2.3.3.6, G 2.3.3.7 und G 2.3.3.10)
Beim Ausbau der landschaftsbezogenen Erholung sind naturverträgliche, konfliktarme und
ruhige Erholungsformen zu favorisieren, nachhaltige Beeinträchtigungen von Natur und
Landschaft zu vermeiden und die Eigenart der Landschaft zu bewahren. Ausführungen, wie
die Eigenart der Kulturlandschaft bewahrt werden kann, finden sich in den vorstehenden
Zielen, Begründungen und Erläuterungen des Kapitels 2.1.2.
Die Erholungsarten ohne Anlagenbezug sind bevorzugt zu entwickeln. Für den Lücken-
schluss des touristischen Wegenetzes sollen möglichst bestehende Wege genutzt werden
und er soll in natur- und landschaftsverträglicher Weise erfolgen. Insbesondere sollen stö-
rungsempfindliche Tierarten und Gebiete nicht beeinträchtigt werden. Grenzüberschreitende
Verbindungen sollen besonders berücksichtigt werden.
Ferien- und Umweltbildungseinrichtungen und -programme, insbesondere für Kinder und
Jugendliche, wie Naturerlebnisangebote sollen erhalten und entwickelt werden. Das touristi-
sche Angebot einer Region soll durch Naturerlebnisbereiche (Lehrpfade, Beobachtungstür-
me und so weiter), Umweltbildungsprogramme für Familien, Kinder und Jugendliche sowie
geeignete Unterkünfte für Kinder- und Jugendgruppen sinnvoll ergänzt werden.
In Schutzgebieten sollen die Besucher durch die Anlage von attraktiven Naturerlebnisberei-
chen gezielt gelenkt werden. So können Beeinträchtigungen ökologisch sensibler Bereiche
durch touristische Nutzungen vermindert werden.
Bei der Planung von Camping- und Caravaningplätzen sowie Ferienhaus- und Ferienwoh-
nungsanlagen sind naturschutzfachlich besonders wertvolle Bereiche von einer Bebauung
möglichst freizuhalten.
Für touristische Einrichtungen wie zum Beispiel Ferienwohnungen soll bevorzugt ungenutzte
Bausubstanz, wie landschaftstypische und architektonisch wertvolle oder denkmalgeschützte
Gebäude oder Gebäudekomplexe (alte Bauernhäuser, Gutshöfe, kleine Landschlösser, alte
Mühlen), saniert werden. Weiterhin sollen neue Ferienanlagen prioritär auf Brachflächen in
und im Anschluss an Siedlungen geplant werden.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 17
2.2
Pflanzen, Pilze, Tiere und ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume
2.2.1 Einführung
Die Erhaltung der natürlichen biologischen Vielfalt (nachfolgend synonym auch als Biodiver-
sität bezeichnet) ist aus ökologischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und ethischen
Gründen unverzichtbar. Seit der 1. Weltumweltkonferenz der Vereinten Nationen (UNCED)
1992 in Rio de Janeiro, auf der das Übereinkommen über die biologische Vielfalt verab-
schiedet wurde, wird vor dem Hintergrund des weltweiten Rückganges der Biodiversität ver-
stärkt über den Schutz und Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung der Biodiversität disku-
tiert. Der Verlust und die Gefährdung der natürlichen biologischen Vielfalt ist nicht nur welt-
weit, sondern auch in Deutschland und im Freistaat Sachsen eines der gravierenden, bisher
nicht ausreichend gelösten Umweltprobleme. In Anlehnung an das Übereinkommen über die
biologische Vielfalt soll unter Biodiversität die Variabilität der lebenden Organismen der ter-
restrischen und aquatischen Ökosysteme verstanden werden. Dies schließt die Vielfalt in-
nerhalb der Arten (auch genetische Vielfalt) und zwischen den Arten sowie von Ökosyste-
men ein.
Genetische Vielfalt
Zum Bestand, zum Verlust oder zur Gefährdung der natürlichen genetischen Vielfalt in
Sachsen gibt es wegen der Kompliziertheit der Thematik nur wenige wissenschaftliche Un-
tersuchungen und belastbares Zahlenmaterial. Allgemein kann ausgesagt werden, dass mit
dem Verlust von Populationen in der Regel auch ein Verlust an innerartlicher genetischer
Vielfalt einhergeht. Dies ist gravierend, da die genetische Vielfalt eine Grundvoraussetzung
für die Anpassungsfähigkeit und damit Überlebensfähigkeit von Populationen und Arten dar-
stellt, was wiederum in Zeiten rasch ablaufender Umweltveränderungen (Klimawandel) be-
sondere Bedeutung erlangt.
Artenvielfalt
In Sachsen haben circa 30 000 Tierarten, 7 500 Pilzarten und 3 300 Pflanzenarten (ohne
Algen, Neophyten und Mikroorganismen) natürliche Vorkommen. Trotz vorhandener Erfolge
bleibt festzustellen, dass in den letzten Jahrzehnten die Zahl der ausgestorbenen, vom Aus-
sterben bedrohten oder in ihrem Bestand gefährdeten Arten stark zugenommen hat. So sind
zwischen 1950 und 2000 bereits 101 Pflanzenarten im Freistaat ausgestorben. Aus den Ro-
ten Listen Sachsens geht hervor, dass von 28 untersuchten Artengruppen (Stand 2011) im
Durchschnitt circa 10 Prozent der Arten ausgestorben beziehungsweise verschollen
(Spannweite 1 - 30 Prozent) und circa 40 Prozent der Arten mehr oder weniger stark gefähr-
det sind (Kategorien 1, 2, 3, R, G der Roten Listen) (Spannweite 17 - 73 Prozent). Der mittle-
re Anteil der gefährdeten Arten liegt in Sachsen über dem Bundesdurchschnitt. Zu den be-
sonders stark gefährdeten Artengruppen gehören Armleuchteralgen, Rot- und Braunalgen,
Lurche und Kriechtiere, Wildbienen, Steinfliegen, Rundmäuler und Fische, Bockkäfer, Grab-
wespen und Heuschrecken mit jeweils über 60 Prozent Anteil ausgestorbener und gefährde-
ter Arten an der Gesamtzahl der bekannten Arten. Dabei ist zu beachten, dass von den in
Sachsen vorkommenden Arten bisher erst für weniger als 30 Prozent überhaupt eine Ge-
fährdungsabschätzung vorgenommen wurde (bei den Tieren zum Beispiel nur für circa 17
Prozent).
Besonders alarmierend ist die fortschreitende Verarmung der natürlichen biologischen Viel-
falt im intensiv landwirtschaftlich genutzten Offenland. Ausräumung der Landschaft (Struk-
turverarmung), Eintrag von Pflanzenschutzmitteln, Eutrophierung, Einschränkung des Kul-
turartenspektrums, enge Fruchtfolgen, Entwässerung, Nivellierung der Standortvielfalt und
Verlust traditioneller Wirtschaftsformen haben hier zu massiven Populationseinbrüchen bei

18
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
zahlreichen, früher zumeist häufigen und ungefährdeten Arten der Feld- und Grasfluren ge-
führt (zum Beispiel Vogelarten des Offenlandes, Ackerwildkrautarten, Wirbellose wie Wild-
bienen und Schmetterlinge). Nahezu alle Ackerwildkrautgesellschaften sind entsprechend
der sächsischen Roten Liste der Pflanzengesellschaften (BÖHNERT et al. 2001) gefährdet,
vom Verschwinden bedroht oder bereits verschwunden. Die Schrumpfung von Populationen
bis hin zu einer kritischen Gefährdung oder gar zum Aussterben schreitet, trotz der Erfolge
von Förderprogrammen des Naturschutzes, vor allem in der Agrarlandschaft, aber auch im
Siedlungsraum und in anderen Lebensräumen fort.
Von den 131 in Sachsen bewerteten FFH-Arten der Anhänge II, IV und V der FFH-Richtlinie
(Richtlinie 92/43/EWG) wurde im Zuge des FFH-Monitorings für den Berichtszeitraum 2001
bis 2006 nur bei 36 (27 Prozent) der Erhaltungszustand als günstig eingeschätzt (zum Bei-
spiel Fischotter). 65 Arten und somit 50 Prozent befinden sich in einem unzureichenden
(zum Beispiel Kammmolch, Laubfrosch) und 9 Arten (7 Prozent) in einem schlechten Erhal-
tungszustand (zum Beispiel Hirschkäfer, Feldhamster, Luchs). Bei 21 Arten (16 Prozent)
fehlen wichtige Informationen, sodass deren Erhaltungszustand nicht eingeschätzt werden
konnte (zum Beispiel Mückenfledermaus).
Vielfalt der Lebensräume und Landschaften
Die Biodiversität Sachsens basiert vor allem auf der Vielfalt unterschiedlichster Standort-
verhältnisse, Landnutzungen und dadurch geprägter Biotope. Diese Vielfalt entsteht zum
Beispiel durch den Übergang zwischen ozeanischen und subkontinentalen Klimaeinflüssen,
durch wechselhafte geologische Untergrundverhältnisse, eine formenreiche Reliefgliederung
und durch die vielfältige Nutzungsgeschichte.
In Sachsen kommen theoretisch circa 485 verschiedene Pflanzengesellschaften (mit höhe-
ren Pflanzen) vor, von denen 4,1 Prozent verschwunden und 56,5 Prozent mehr oder weni-
ger stark gefährdet sind (BÖHNERT et al. 2001), weiterhin 212 Moos- und Flechtengesell-
schaften (6,1 Prozent verschwunden, 39,7 Prozent gefährdet). Die Zahl der verschiedenen
Biotoptypen Sachsens beträgt circa 300. 168 dieser Biotoptypen (56 Prozent) unterliegen
einer Gefährdung, wobei 34 Biotoptypen bereits von vollständiger Vernichtung bedroht sind
(zum Beispiel Waldkiefern-, Bergkiefern-, Fichten-Moorwälder, Weichholzauwald der Tief-
landsflussauen, Pfeifengraswiese, Borstgrasrasen, Trocken- und Halbtrockenrasen) (BUDER
& UHLEMANN 2010).
Die Bewertung des Erhaltungszustandes der Schutzgüter der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie
im Rahmen der Berichtspflichten an die EU erbrachte für den Berichtszeitraum 2001 bis
2006 folgende Ergebnisse: 58 Prozent der Lebensraumtypen (LRT) weisen einen günstigen
Erhaltungszustand auf (zum Beispiel Berg-Mähwiesen), 23 Prozent einen unzureichenden
(zum Beispiel Trockene und Feuchte Heiden) und 13 Prozent einen schlechten Zustand
(zum Beispiel Moorwälder). Zu drei LRT ließ sich der Erhaltungszustand nicht ermitteln, da
noch keine ausreichenden Informationen vorliegen (zum Beispiel Flechten-Kiefernwald).
Die wesentlichsten Ursachen für den Rückgang und die Gefährdung der natürlichen biologi-
schen Vielfalt lassen sich zu folgenden Komplexen zusammenfassen:
-
Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, verbunden mit der Nivellierung natürli-
cher Standortverhältnisse durch Entwässerung, Düngung, Einsatz von Pflanzenschutz-
mitteln, großflächig monotonen Feldfruchtanbau und enge Fruchtfolgen und dem Rück-
gang der Landschaftsstrukturelemente,
-
Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen,
-
Aufgabe beziehungsweise Änderung landwirtschaftlicher Nutzung auf Grenzertragsstan-
dorten,
-
Defizite bei der Waldbewirtschaftung (zum Beispiel zu geringer Altbaum- und Totholzan-
teil),

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 19
-
wasserbauliche Maßnahmen (zum Beispiel Querbauwerke in Verbindung mit fehlender
Durchgängigkeit von Fließgewässern),
-
Schad- und Nährstoffeinträge in Ökosysteme,
-
Klimawandel,
-
naturbelastende beziehungsweise störungsintensive Freizeitnutzungen,
-
invasive gebietsfremde Arten.
Um die natürliche biologische Vielfalt zu erhalten und negative Bestandestrends umzukeh-
ren, müssen die Lebensräume der Arten und Biozönosen geschützt und entwickelt werden.
Dafür werden Flächen benötigt, die es ermöglichen, dass sich langfristig überlebensfähige
Populationen entwickeln können und auch Arten mit größeren Raumansprüchen geeignete
Lebensräume finden. Die dafür erforderliche Flächenkulisse umfasst neben natürlichen und
naturnahen Ökosystemen (zum Beispiel naturnahe Wälder, Moore, unverbaute Fließgewäs-
ser) auch extensiv genutzte Kulturökosysteme, wie extensiv genutzte Äcker, Bergwiesen,
Magerrasen und Zwergstrauchheiden.
Wesentliche Teile sind derzeit schon über den Flächennaturschutz geschützt. Manche Vo-
gelarten und Arten anderer Artengruppen sowie ausgewählte Lebensraumtypen sind von
europäischer Bedeutung und unterliegen europäischen Schutzbestimmungen nach der Vo-
gelschutz- beziehungsweise FFH-Richtlinie. Für die in Sachsen vorkommenden 47 Lebens-
raumtypen nach Anhang I der FFH-Richtlinie, 45 Tier- und Pflanzenarten nach Anhang II der
FFH-Richtlinie und unter anderem 39 Vogelarten nach Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie
wurden 270 FFH-Gebiete vorgeschlagen und von der EU bestätigt und 77 Vogelschutzgebie-
te gemeldet. FFH- und Vogelschutzgebiete wurden inzwischen, soweit erforderlich, durch
gesonderte Verordnungen („Grundschutzverordnungen“) als besondere Schutzgebiete ge-
mäß § 22 SächsNatSchG gesichert. Zusammen hat das Netz Natura 2000 mit den sich zum
Teil überlagernden FFH- und EU-Vogelschutzgebieten einen Anteil von 15,9 Prozent der
Landesfläche. Zum Natura 2000-Programm gehören neben der Gebietsausweisung die
Ersterfassung und Managementplanung, das Monitoring der Natura 2000-Schutzgüter, ein
strenges Schutzregime für Arten nach Anhang IV der FFH-Richtlinie und die Verträglich-
keitsprüfung für Pläne und Projekte. Neben den Natura 2000-Gebieten sind weitere schutz-
bedürftige Teile der Landschaft naturschutzrechtlich nach verschiedenen nationalen Katego-
rien geschützt. Da sich die Schutzgebiete verschiedener Kategorien mehrfach überlagern
können (zum Beispiel FFH-Gebiet mit Vogelschutzgebiet, NSG, FND, gesetzlich geschützten
Biotopen), ist keine Summierung der Flächen möglich, um eine Gesamtbilanz zu erhalten.
Diese kann nur durch Verschneidung der Flächen ermittelt werden. Demnach ergibt sich
ohne Überlagerungen ein Anteil „strenger“ Schutzgebiete nach nationalem Naturschutzrecht
(NLP, NSG, FND, gesetzlich geschützte Biotope) von 5,3 Prozent der Landesfläche, der sich
zu einem sehr großen Teil innerhalb des Netzes der Natura 2000-Gebiete konzentriert.
In Sachsen existieren circa 13 500 ha Totalreservatsflächen (Stand 31. Mai 2011) in NSG, in
der Kernzone des Biosphärenreservates (gleichfalls NSG) sowie in der Naturzone A / Natur-
zone B (Ruhebereich) des Nationalparks Sächsische Schweiz. Dies entspricht einem Anteil
von ca. 0,7 Prozent an der Fläche Sachsens. Naturentwicklungsgebiete stellen auch die
Kernbereiche der nach Forstrecht ausgewiesenen acht Naturwaldzellen dar, die 303 ha (0,02
Prozent der Fläche Sachsens) umfassen (in der Gesamtfläche oben enthalten). Unter den
aktuell bestehenden Totalreservaten befinden sich drei große mit einer Fläche über 1 000 ha
und bundesweiter Bedeutung (Königsbrücker Heide, NLP-Teil Vordere Sächsische Schweiz,
NLP-Teil Hintere Sächsische Schweiz), die allein circa 75 Prozent der gesamten Totalreser-
vatsfläche umfassen. In der Bergbaufolgelandschaft, die großes naturschutzfachliches Po-
tenzial für Naturentwicklungsgebiete in Sachsen aufweist, bestehen derzeit nur drei Totalre-
servate mit einer Fläche von circa 540 ha (4 Prozent der Totalreservatsfläche).
Um den Auswirkungen von Landschaftszerschneidungen entgegenzuwirken und das Wan-
dern von Arten unter dem Einfluss des Klimawandels auch in intensiv genutzten Landschaf-
ten zu erleichtern und damit den genetischen Austausch zu ermöglichen, soll ein Netzwerk
möglichst unzerschnittener und miteinander funktional verbundener Biotope/Habitate entwi-
ckelt werden (Biotopverbund).

20
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Eine solche Kulisse von naturnahen Ökosystemen, Kulturökosystemen und Verbundflächen
reicht allein zum Schutz der Biodiversität aber noch nicht aus. Darüber hinaus müssen auch
in intensiv genutzten Landschaftsteilen ökologische Mindeststandards eingehalten werden.
Dazu gehört neben einem gewissen Anteil an ökologischen Ausgleichsflächen die konse-
quente Einhaltung der naturschutzfachlichen Anforderungen an die Landnutzung, die sich
vor allem aus der guten fachlichen Praxis gemäß § 5 BNatSchG, den artenschutzrechtlichen
Regelungen des BNatSchG und den Regelungen zur Biotopvernetzung gemäß § 21 Abs. 5
BNatSchG ergeben. Darüber hinaus sind die jeweils geltenden naturschutzfachlich bedeut-
samen Bedingungen zur Agrarförderung einzuhalten.
Zur Umsetzung der Erfordernisse und Maßnahmen des Naturschutzes soll zusätzlich zum, in
Sachsen weiterhin favorisierten, kooperativen Ansatz die Vorbildfunktion der öffentlichen
Hand, insbesondere auf landeseigenen Flächen, gestärkt werden. Circa 20 bis 25 Prozent
der Schwerpunktflächen des Naturschutzes befinden sich im Eigentum des Freistaates
Sachsen. Umsetzungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen bestehen vor allem im Wald
und an größeren Fließgewässern, aber auch im landwirtschaftlich genutzten Offenland. Be-
achtet werden sollte im Ausnahmefall auch die Möglichkeit des freiwilligen Flächentauschs
und -kaufs, um einzelne besonders wertvolle Naturschutzflächen, für die ein adäquater
Schutz durch andere Wege nicht realisierbar ist, in öffentliches Eigentum zu überführen. Dies
trägt dazu bei, die Flächenverfügbarkeit für die Umsetzung dringlicher Naturschutzmaßnah-
men weiter zu verbessern.
2.2.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen
2.2.2.1 Natürliche biologische Vielfalt, Artenschutz, Biotopschutz
Karte A 1.2: Suchraumkulisse Moorrenaturierung
Karte A 1.3: Verbreitung gefährdeter Tierarten
Karte A 1.4: Verbreitung gefährdeter Pflanzenarten
Karte A 1.5: Großflächig naturnahe Waldkomplexe
Wassergebundene Arten und Biotope
FZ 7 (Bezug zu G 4.1.1.5 und Z 4.1.1.6)
In Einzugsgebieten von Gewässern, in denen Vorkommen stark gefährdeter Arten
(zum Beispiel Flussperlmuschel, kieslaichende Fischarten) oder Biotope durch Stoffe-
inträge infolge von Wassererosion gefährdet sind, sind prioritär geeignete Schutz-
maßnahmen mit den Landnutzern abzustimmen und umzusetzen. Im Rahmen der
Landschaftsplanung sind weitere besonders schutzwürdige, im Gewässer lebende
Arten zu benennen und diejenigen Gewässer darzustellen, die vor Stoffeinträgen be-
sonders zu schützen sind. Weiterhin ist im Rahmen der Landschaftsplanung ein Kon-
zept zu entwickeln, wie die Gewässer mit den Mitteln der Raumordnung und Land-
schaftsplanung vor Stoffeinträgen geschützt werden können.
Die Qualität vieler Gewässer wird auch durch Stoffeinträge infolge von Wassererosion aus
landwirtschaftlichen Flächen beeinträchtigt. Dies vermindert die Lebensraumqualität für viele
wassergebundene Arten. Insbesondere sehr empfindliche Arten wie zum Beispiel die Fluss-
perlmuschel oder kieslaichende Fischarten sind dadurch in ihrem Reproduktionszyklus be-
einträchtigt und im Bestand gefährdet.
Um die Lebensraumqualität zu verbessern, den Bestand besonders schützenswerter Arten
zu sichern und Gefährdungen durch besondere Ereignisse wie außergewöhnliche Starkre-
gen oder Unfälle vorzubeugen, sollten aus naturschutzfachlicher Sicht häufiger Gewässer-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 21
randstreifen vorgesehen werden, die breiter sind als zehn Meter und nicht mehr ackerbaulich
genutzt werden und damit über die Anforderungen des Sächsischen Wassergesetzes hin-
ausgehen. Naturnahes Grünland oder auentypische Gehölzbestockungen sind als standort-
gerechter Bewuchs der Gewässerrandstreifen aus naturschutzfachlicher Sicht besonders
geeignet. Sollte dies nicht umzusetzen sein, kommt als nachrangige Möglichkeit mehrjähri-
ger Feldfutteranbau (Ackergras, Luzerne, Kleegras) in Betracht. Breitere Gewässerrandstrei-
fen können von den unteren Wasserbehörden im Einvernehmen mit der oberen Landwirt-
schaftsbehörde gemäß § 24 Abs. 4 SächsWG festgesetzt werden. Um naturschutzfachliche
Ziele an Gewässern umzusetzen, können Gewässerrandstreifen im Rahmen von Ausgleichs-
und Ersatzmaßnahmen angelegt werden, auch als Bestandteil von Flächenpools. Darüber
hinaus können Förderprogramme in Anspruch genommen werden. Weiterhin sollten im Zu-
sammenhang mit Projekten zur Gewässerrenaturierung immer ausreichend breite Randstrei-
fen vorgesehen werden.
Etwa 1,5 Prozent der Ackerfläche in Sachsen gelten als sehr stark wassererosionsgefährdet.
Dazu zählen die besonders erosiven Steillagen und die besonders erosiven Abflussbahnen.
Ackerbauliche Nutzung verursacht hier den Verlust fruchtbarer Böden sowie Belastungen
von Gewässern und naturschutzfachlich wertvollen Biotopen durch Stoffeinträge. Unter den
beeinträchtigten Biotopen bzw. Lebensraumtypen und Habitaten befinden sich auch solche
des Netzes Natura 2000 sowie WRRL-relevante Fließgewässer. Um die Ziele der WRRL und
der FFH-RL erreichen zu können, besteht hier Handlungsbedarf.
Wegen der möglichen Synergien für den Boden-, Gewässer- und Naturschutz ist ein Nut-
zungswandel prioritär in Einzugsgebieten von Gewässern mit Vorkommen stark gefährdeter
Arten anzustreben.
FZ 8 (Bezug zu Z 4.1.1.6 und G 4.1.1.19)
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sind solche Flächen mit wasserabhängigen
Landökosystemen (insbesondere Moore) beziehungsweise mit entsprechendem Ent-
wicklungspotenzial aus der Suchraumkulisse in Karte A 1.2 auszuwählen und karto-
grafisch darzustellen, die sich unter Beachtung der Erfordernisse der Trinkwasserqua-
lität für eine Renaturierung eignen.
Vom Wasser abhängige Landökosysteme, wie Quellbereiche, Moore, Sümpfe, Auen und
weitere Feuchtgebiete, besitzen für die Erhaltung der Biodiversität, für den Schutz des Kli-
mas, für die Erhaltung besonders schutzwürdiger Böden und für den Landschaftswasser-
haushalt eine prioritäre Bedeutung. Sie sind Lebensräume für speziell angepasste, häufig
klimasensitive Arten und Biotope, die besonders schutzwürdig und aufgrund ihrer Gefähr-
dungssituation schutzbedürftig sind. Intakte Moorökosysteme mit Torfbildung und andere
Feuchtbiotope mit Akkumulation organischer Substanz stellen Speicher- und Senkenökosys-
teme von Treibhausgasen (THG), insbesondere für den Kohlenstoff aus dem CO
2
, dar. Nas-
se, „lebende“ Moore haben eine Stoffsenkenfunktion, entwässerte Moore mit Torfzersetzung
sind dagegen Stoffquellen. Sie emittieren klimaschädliches CO
2
sowie Nährstoffe wie Stick-
stoff und Phosphor, die funktional verbundene Ökosysteme wie Fließgewässer mit ihren Au-
en sowie Stillgewässer beeinträchtigen können.
Maßnahmen zur Erhöhung der Naturnähe (Renaturierung) beziehungsweise zur „Wiederbe-
lebung“ des Torfwachstums (Revitalisierung) in Mooren und anderen Feuchtbiotopen kommt
eine zunehmende, auch klimapolitische Bedeutung zu. Solche Maßnahmen besitzen in der
Regel Synergieeffekte, indem sie zum Beispiel dem Arten- und Biotopschutz und gleichzeitig
dem Klimaschutz und dem Schutz des Wasserhaushaltes dienen.
Für den Freistaat Sachsen liegt eine umfassende Übersicht der Moore und anderer organi-
scher
Nassstandorte
aus
dem
Projekt
SIMON
vor
(DITTRICH
et
al.
2011;
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/boden/23800.htm).

22
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Dafür wurden neben Flächen, die der bodenkundlichen Moordefinition (> 30 cm Torf) ent-
sprechen, auch Böden mit flacheren Torfauflagen (aus Bodenkarten, geologischen Karten)
und moortypische Feuchtbiotope (moortypische Biotope aus der Selektiven Biotopkartierung,
moortypische FFH-Lebensraumtypen, teilweise ohne nachgewiesene Torfauflage) erfasst
und die Maximalfläche aus allen verwendeten Kartengrundlagen gebildet. Die Moorflächen
Sachsens wurden somit nicht rein bodenkundlich, sondern ökosystemar unter Einschluss der
Moorbiotope und torfbildenden Vegetation definiert. Diese Flächen sind als Moorkomplexe in
der Karte A 1.2 dargestellt und bilden die Suchraumkulisse für Renaturierungen von Moor-
und Nassstandorten.
Die Gesamtfläche der Moorkomplexe beträgt für Sachsen circa 46 800 ha beziehungsweise
2,5 Prozent der Landesfläche.
Karte A 1.2 zeigt, dass der größte Teil der Moorkomplexe im Heideland (vorrangig grund-
wassergespeist) und im Bergland (regen- und hangwassergespeist) zu finden ist. Der größte
Teil der Moorkomplexe befindet sich im Westerzgebirge (7 500 ha), dem Oberlausitzer Hei-
de- und Teichgebiet/Hornjołužiska hola a haty (6 500 ha), in den Königsbrück-Ruhlander
Heiden (5 800 ha) und dem Mittleren Erzgebirge (4 500 ha).
In der Karte A 1.2 sind die Moorkomplexe differenziert dargestellt in solche, wo:
-
eine moortypische Vegetation auf einem moortypischen abiotischen Standort kartiert
wurde (3 700 ha beziehungsweise 8 Prozent der Moorkomplexfläche); dies sind die nach
einer ersten groben Abschätzung noch relativ naturnahen Flächen (in Karte A 1.2 grün),
-
ein moortypischer Standort kartiert ist, aber keine naturnahen moortypischen Biotope
(mehr) vorhanden sind (27 000 ha beziehungsweise 57,5 Prozent, in Karte A 1.2 blau),
-
moortypische Biotope oder FFH-LRT kartiert sind, aber in Boden- und geologischen Kar-
ten kein moortypischer Standort (16 100 ha, 34,5 Prozent) dargestellt ist; es handelt sich
um Flächen mit nur flacher oder ohne nachgewiesene Torfauflage oder um kleine Flä-
chen, die in Karte A 1.2 orange dargestellt sind.
Im Ergebnis des SIMON-Projektes wurden außerdem die Torfmächtigkeiten in vier Klassen
getrennt erfasst, und zwar Torfkerne mit einer Torfmächtigkeit > 70 cm (3 550 ha), Moorbö-
den mit flacher Torfauflage von 30 bis 70 cm (3 650 ha), organische Nassstandorte mit
Torfmächtigkeit < 30 cm (23 500 ha) und Flächen mit der für Nassstandorte typischen Vege-
tation ohne kartierte Torfauflage (16 100 ha). Diese Angaben sind in Karte A 1.2 nicht enthal-
ten, aber zur Abschätzung der Kohlenstoff-Speicher- und -Senkenfunktion von Bedeutung.
Die relevanten Datengrundlagen und Ergebnisse liegen im LfULG in einem GIS-Projekt vor.
Anhand der Ergebnisse aus dem SIMON-Projekt und dem FFH-Monitoring wird deutlich,
dass es in Sachsen kaum noch naturnahe und nur noch sehr wenige Moore gibt, in denen in
größeren Teilbereichen ein Torfwachstum auftritt. So haben die meisten FFH-LRT der Moore
in Sachsen entsprechend dem Bericht zum FFH-Monitoring (Zeitraum 2001 bis 2006) einen
unzureichenden (zum Beispiel LRT 7140 Übergangs- und Schwingrasenmoore) oder
schlechten Erhaltungszustand (zum Beispiel LRT 91D0 Moorwälder). Viele moortypische
Biotope weisen nur noch sehr geringe bis minimale Flächen auf, in denen der entsprechende
FFH-LRT charakteristisch ausgeprägt ist (zum Beispiel 7 110 Lebende Hochmoore nur noch
circa 5 ha in Sachsen).
Zu den bedeutendsten Ursachen für einen ungünstigen Moorzustand gehören Entwässe-
rungssysteme (auch in den Einzugsgebieten außerhalb der Moorflächen), Grundwasserab-
senkungen (zum Beispiel durch Bergbau), Torfabbau und Stoffeinträge.
Der defizitäre aktuelle Moorzustand auf der einen Seite und die Suchraumkulisse von
46 800 ha für Moorrenaturierungen auf der anderen Seite belegen, dass ein erhebliches Flä-
chenpotenzial zur Renaturierung und Revitalisierung, unter anderem durch Maßnahmen der
Wiedervernässung, gegeben ist.
Die im Zuge der Landschaftsrahmenplanung für Renaturierungen ausgewählten Flächen
sollen entsprechend ihrer Bedeutsamkeit für den Biodiversitäts- und Klimaschutz sowie be-
züglich ihrer Eignung für die Umsetzbarkeit von Renaturierungsmaßnahmen priorisiert wer-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 23
den. Zur Priorisierung kann auch gehören, eine zeitliche Reihenfolge für Renaturierungen
vorzuschlagen oder für Wiedervernässungsmaßnahmen geeignete Teilflächen in großen
Moorkomplexen auszuwählen. Für Renaturierungen geeignete und prioritäre Flächen sollen
von der Landschaftsrahmenplanung als „Sanierungsbedürftige Bereiche der Landschaft“
gemäß Z 4.1.1.6 vorgeschlagen werden.
Die
Auswahlkriterien
beziehungsweise
die
Methodik
zur
Ermittlung
geeigneter
(Moor)Flächen für Renaturierungen sollen zwischen den Regionalen Planungsverbänden
und mit dem LfULG abgestimmt werden. Dabei sind auch die Erfordernisse der Trinkwasser-
qualität zu berücksichtigen. Eine Renaturierung von Mooren im Einzugsgebiet von Trinkwas-
sergewinnungsanlagen ist nur zulässig, wenn es zu keinem zusätzlichen und für die Trink-
wassergewinnung bedeutsamen Eintrag von Huminstoffen in das der Trinkwassergewinnung
dienende Wasserdargebot kommen kann. Die Untersuchungen zur Herkunft der Huminstoffe
sowie zum möglichen Wirkungszusammenhang mit der Entwässerung oder Wiedervernäs-
sung von Mooren sollen fachübergreifend intensiviert werden, um die klimapolitisch und na-
turschutzfachlich bedeutsamen Vorhaben zur Renaturierung von Mooren und anderen
Feuchtgebieten nicht unnötig zu verzögern.
Die Umsetzung der Renaturierungsprojekte und -maßnahmen kann durch die Erfüllung der
Vorbildfunktion auf landeseigenen Flächen (hier kommt unter anderem für die Moorwälder
dem Staatsbetrieb Sachsenforst eine Schlüsselfunktion zu), durch spezielle Projekte Dritter
(zum Beispiel finanziert aus Programmen zum Klimaschutz) oder im Zuge der Naturschutz-
Förderprogramme erfolgen.
Zusätzlich zu beziehungsweise in Verbindung mit einer aktiven Renaturierung von Mooren
sind geeignete Maßnahmen zu planen und umzusetzen, die einen hinreichenden Schutz vor
ökosystemgefährdenden Stoffeinträgen gewährleisten.
Offenlandschaft
FZ 9 (Bezug zu Z 4.2.2.1)
Im Zuge der anzustrebenden Waldmehrung ist der Erhalt wertvoller Offenlandberei-
che, wie besonders geschützter Biotope und FFH-Lebensraumtypen sowie anderer
naturschutzfachlich wertvoller Flächen, im Genehmigungsverfahren nach § 10
SächsWaldG zu berücksichtigen.
Arten der Offenlandschaft weisen besonders starke Rückgangstendenzen auf. Daher müs-
sen ihre Lebensräume und entsprechend entwickelbare Offenlandbiotope (auch in der Berg-
baufolgelandschaft) in ausreichender Größe erhalten und so bewirtschaftet beziehungsweise
gepflegt werden, dass die jeweiligen Habitatqualitäten erhalten bleiben oder entwickelt wer-
den. Deshalb ist die Erhaltung besonders geschützter Biotope und FFH-Lebensraumtypen
sowie darüber hinaus anderer naturschutzfachlich wertvoller Flächen, vor allem Habitate
seltener und gefährdeter Arten der Offenlandlebensräume, wie sie zum Beispiel in der Berg-
baufolgelandschaft vorkommen, im Genehmigungsverfahren nach § 10 SächsWaldG für Auf-
forstungsmaßnahmen im Zuge der Waldmehrung zu berücksichtigen. Beispiele für letztere
sind Äcker mit selten gewordener Ackerbegleitflora wie Sommer-Adonisröschen und Kleiner
Lämmersalat oder Offenlandhabitate für gefährdete Tierarten wie zum Beispiel Brutvogelar-
ten des Offenlandes.
Angesichts des Klimawandels, der Zunahme von Extremereignissen und der weltweiten
Wüstenausdehnung (Vegetationsverluste) sind großflächige, vegetationsfreie Rohboden-
standorte jedoch auch kritisch zu sehen.
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sind die Vorschläge für die Vorranggebiete Wald-
mehrung im Hinblick auf Konflikte mit naturschutzfachlichen Aspekten zu prüfen.

24
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
FZ 10 (Bezug zu Z 4.1.1.6)
In Agrarlandschaften, die eine geringe Ausstattung mit Landschaftsstrukturelementen
und eine geringe Artenvielfalt aufweisen, sind Maßnahmen zur Anlage zusätzlicher
regionaltypischer Landschaftsstrukturelemente zu ergreifen. Die Art der anzulegenden
Landschaftsstrukturelemente sowie ihr Umfang orientieren sich an der Eigenart der
Landschaft sowie an den Anforderungen von Zielarten für die Offenlandschaft.
Viele Arten der Offenlandschaft gehen besonders stark zurück. Die Ursachen hierfür sind
vielfältig. Sie sind vor allem zurückzuführen auf:
-
Nivellierung der standörtlichen Verhältnisse durch Komplexmelioration (vor allem Ent-
wässerung und Veränderungen des Reliefs),
-
Verlust von Landschaftsstrukturen wie zum Beispiel Feldraine und Fließgewässer,
-
Intensivierung und Vereinheitlichung der Bewirtschaftung (zum Beispiel Schnitthäufigkei-
ten und Schnittzeitpunkte, Düngung, Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Verkürzung oder
Wegfall der Stoppelphasen, weitgehender Wegfall der Brachen, verminderte Fruchtar-
tenvielfalt),
-
ubiquitäre Stoffeinträge.
Durch Anlegen von regionaltypischen Landschaftsstrukturelementen in landschaftstypischer
Dichte (vergleiche Kapitel 2.1.1) können in der intensiv genutzten Offenlandschaft Ersatz-
oder Teilhabitate für Arten geschaffen werden. Regionaltypische Landschaftsstrukturelemen-
te sind zum Beispiel Feldraine, Gräben, Stillgewässer, Nassstellen, Steinrücken, Feldgehöl-
ze, Hecken, Baumreihen und Alleen.
Wo immer möglich, sollten bei der Anlage von Landschaftsstrukturelementen Synergien zum
Boden- und Gewässerschutz genutzt werden, zum Beispiel entlang von Fließgewässern, in
Steillagen oder Hangmulden.
Zusammen mit produktionsintegrierten Maßnahmen (zum Beispiel spezielle Maßnahmen für
Bodenbrüter wie Feldlerchenfenster und Ackerrandstreifen mit reduziertem Pflanzenschutz)
können mit der Anlage von Landschaftsstrukturelementen die Lebensbedingungen für ge-
fährdete Arten auch in der intensiv genutzten Offenlandschaft verbessert werden. Dabei sind
für die Auswahl der Elemente die Habitatansprüche der jeweiligen Zielarten zu berücksichti-
gen.
Das Ziel dient zugleich der Umsetzung der Biotopvernetzung entsprechend § 21 Abs. 6
BNatSchG.
Für die Umsetzung kommen neben der Eingriffsregelung eine ausreichend attraktive und
durch entsprechende Beratung unterstützte Naturschutzförderung sowie Flächentausch be-
ziehungsweise -kauf in Betracht.
FZ 11 (Bezug zu G 4.1.1.5 und G 4.1.1.15)
Extensiväcker mit Arten oder Gesellschaften vom Aussterben bedrohter Segetalarten
und Tierarten sind zu erhalten, vor Beeinträchtigungen zu bewahren und mit Rück-
sicht auf die Anforderungen der Arten und Lebensgemeinschaften zu bewirtschaften.
Die moderne Landbewirtschaftung führte auch in Sachsen dazu, dass die artenreichen
Ackerwildkrautgesellschaften der ehemals extensiv bewirtschafteten Felder stark zurückge-
drängt und durch arten- und individuenarme Unkrautfluren mit wenigen schwer bekämpfba-
ren, Stickstoff liebenden Arten ersetzt wurden. Insbesondere Arten flachgründiger kalkreicher
und basenreicher Standorte, Säure- und Krumenfeuchtezeiger, Saatunkräuter, Stoppel-
unkräuter sowie Zwiebel- und Knollengeophyten sind stark gefährdet und vom Aussterben
bedroht (BUDER 2002). Ähnliches gilt für Tierarten, die auf wildkrautreichen, extensiv bewirt-
schafteten Äckern leben. Bisherige Fördermaßnahmen wie die Anlage von Ackerrandstreifen
konnten die Gefährdungssituation nicht wesentlich verbessern. Aus ökonomischen Gründen
werden lediglich wenige Ackerflächen so bewirtschaftet, dass die schutzbedürftige Ackerbe-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 25
gleitflora und -tierwelt erhalten bleibt. Aus diesem Grund sollen, initiiert durch ein Vorhaben
des LfULG, auf geeigneten Standorten mit noch vorhandenem Potenzial an hochbedrohten
Segetalarten Schutzäcker oder Feldflorareservate eingerichtet werden. Ziel des LfULG-
Projektes ist es, auf der Grundlage eines Suchraumkonzeptes (BUDER 2002) Erfolg verspre-
chende Äcker auszuwählen und sicherzustellen, dass diese langfristig gemäß den Ansprü-
chen der gefährdeten Segetalarten beziehungsweise Ackerwildkrautgesellschaften bewirt-
schaftet werden. Dabei soll zunächst für alle in Sachsen gefährdeten Ackerbiotoptypen
(Sandacker, basenarmer Löss- und Lehmacker, basenreicher Löss- und Lehmacker, Acker
auf skelettreichem Silikatverwitterungsboden) mindestens ein Standort etabliert werden. Das
Netz der Feldflorareservate beziehungsweise Schutzäcker soll möglichst so ausgebaut wer-
den, dass in ihm alle vom Aussterben bedrohten Arten der sächsischen Segetalflora reprä-
sentiert sind.
In ausgewählten Gebieten (zum Beispiel Biosphärenreservat) kann neben Schutzzielen des
Artenschutzes die Präsentation von kulturhistorisch bedeutsamen Bewirtschaftungsformen
als weiterer Schutzaspekt hinzukommen.
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sind auch die Ackerflächen innerhalb der Such-
raumkulisse (BUDER 2002) als naturschutzfachlicher Belang in die Abwägung der Raumord-
nung einzubringen, da diese Gebiete möglichst nicht von anderen Nutzungen (zum Beispiel
Überbauung, Aufforstung) in Anspruch genommen werden sollen.
Ausgewählte naturschutzfachlich wertvolle Äcker sollen durch Kauf, Tausch, dingliche Siche-
rung oder Langfristpacht in Obhut der öffentlichen Hand oder geeigneter anderer Träger ge-
langen und durch langfristige vertragliche Bewirtschaftungsvereinbarungen gesichert wer-
den. Die Finanzierung soll primär aus Mitteln der Eingriffsregelung erfolgen (produktionsinte-
grierte Kompensation). Die Flächen können daher in Flächenpools oder Ökokonten aufge-
nommen werden.
FZ 12 (Bezug zu G 4.1.1.13 und Z 4.2.1.3)
Die Versiegelung von Feldwegen ist zu minimieren. Vorhandene Wegraine sollen er-
halten werden. Die Anlage landschaftstypischer Wegraine oder von Randstreifen (zum
Beispiel Ackerrandstreifen, Blühstreifen) ist anzustreben.
Es ist festzustellen, dass der Versiegelungsgrad insbesondere ländlicher Wege in jüngster
Zeit weiter angestiegen ist. In der Folge erhöht sich die Landschaftszerschneidung, die Le-
bensraumqualität bis dahin unversiegelter Wege geht verloren, die versiegelte Fläche steht
nicht mehr zur Versickerung von Wasser zur Verfügung und das Landschaftsbild kann durch
zunehmende Versiegelung beeinträchtigt werden. Um eine gewisse Lebensraumqualität von
Wegen zu erhalten (zum Beispiel begrünte Mittelstreifen, offene Bodenstellen für Wildbie-
nen) und die Barrierewirkung zu reduzieren wie auch Verbundfunktionen zu stärken, sollen
Wege nach Möglichkeit gar nicht beziehungsweise so gering wie möglich (zum Beispiel
Fahrspuren mit Betongittersteinen) versiegelt werden. Weiterhin haben Feldraine hinsichtlich
Anzahl und Flächenanteil in der Agrarlandschaft stark abgenommen. Die verbliebenen, meist
zu schmalen Feldraine haben im Vergleich zu früher deutlich an Qualität verloren, da sie
zumeist stark eutrophiert und durch Pflanzenschutzmittel und Düngemitteleintrag beeinflusst
sind. Die standörtliche Nivellierung und der Nährstoffeintrag betreffen in besonderer Weise
die Feldraine, sodass sie als Habitate von Arten nährstoffärmerer Lebensräume und Stand-
orte zunehmend verloren gehen.
Feld- und Wegraine können bei entsprechender Qualität einen Ersatzlebensraum für man-
che Arten der Agrarlandschaft darstellen. Zusätzlich soll über naturschutzfachliche Beratung
und das Angebot von Fördermaßnahmen darauf hingewirkt werden, dass Randstreifen ent-
lang von Äckern entwickelt werden (zum Beispiel Ackerrandstreifen, Blühstreifen).

26
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Wald
FZ 13 (Bezug zu G 4.1.1.5, G 4.1.1.15 und Z 4.1.1.16)
Die großflächig naturnahen Waldkomplexe von landesweiter Bedeutung in Karte A 1.5
sind zu erhalten, vor Beeinträchtigungen zu schützen und naturnah zu entwickeln.
Angrenzende Wälder sollen nach Möglichkeit ebenfalls naturnah entwickelt oder
umgebaut werden, um die Fläche der naturnahen Waldkomplexe langfristig zu erhö-
hen.
Die Landschaftsrahmenplanung soll bei Vorliegen neuer Datengrundlagen die Ab-
grenzung großflächig naturnaher Waldkomplexe aktualisieren und weitere naturnahe
Waldkomplexe von regionaler Bedeutung festlegen und kartografisch darstellen.
Zusammenhängende, größere naturnahe Waldflächen sind in Sachsen nur noch selten zu
finden. Solche Flächen bedürfen aufgrund ihrer großen Bedeutung für den Schutz der an
Wälder gebundenen natürlichen biologischen Vielfalt, für den Biotopverbund, als Anschau-
ungs- und Studienobjekte für natürliche Waldgesellschaften, als Reproduktions- und Ausbrei-
tungszentren für typische Waldarten, für die naturgebundene Erholung und so weiter eines
besonderen Schutzes und einer behutsamen naturnahen Entwicklung.
Eine Übersicht der großflächig naturnahen Waldkomplexe Sachsens (vergleiche Karte A 1.5)
ist im Zusammenhang mit der Beschreibung der potenziellen natürlichen Vegetation Sach-
sens entstanden und aus SCHMIDT et al. (2002: 115ff) entnommen. Für die Auswahl der Ge-
biete waren im Wesentlichen die Kriterien der Waldbiotopkartierung bestimmend, nach wel-
cher die aktuelle, flächenbezogene Baumartenzusammensetzung (entspricht zu mindestens
80 Prozent der potenziellen natürlichen Vegetation) und das Alter der Bestände (mindestens
die Hälfte der Umtriebszeit) für die Ermittlung seltener naturnaher Waldgesellschaften her-
angezogen wurden. Des Weiteren waren Vorgaben des BfN hinsichtlich der Flächengröße
von großflächig naturnahen Waldkomplexen zu beachten (in waldreichen Gebieten mindes-
tens 100 ha, in waldarmen Gebieten mindestens 30 ha).
Die Landschaftsplanung soll einen Beitrag zur Erhaltung der naturnahen Waldkomplexe leis-
ten, indem diese zum Beispiel als Vorranggebiete Arten- und Biotopschutz gemäß Z 4.1.1.16
und/oder als Vorranggebiete zum Schutz des vorhandenen Waldes gemäß Z 4.2.2.2 vorge-
schlagen werden. Dafür sind auch neue Datengrundlagen, die insbesondere mit der Waldbi-
otopkartierung
und
der
FFH-Managementplanung
beziehungsweise
dem
FFH-
Grobmonitoring sowie der Bundeswaldinventur entstehen, angemessen zu berücksichtigen.
In den Landschaftsrahmenplänen sollen die in Karte A 1.5 dargestellten landesweit bedeut-
samen, großflächig naturnahen Waldkomplexe durch regional bedeutsame naturnahe Wald-
komplexe ergänzt werden.
Der gegenwärtige Waldanteil Sachsens beträgt 28,4 Prozent. Demgegenüber fällt der Anteil
von Beständen der selektiven Biotopkartierung (zweiter Durchgang), die natürliche Waldge-
sellschaften repräsentieren (23 500 ha), mit 1,3 Prozent der Landesfläche und 4,5 Prozent
der Waldfläche, gering aus. Dabei dominieren bodensaure Buchenwälder (38 Prozent), ge-
folgt
von
Hainbuchen-Eichenwäldern
(23 Prozent),
Auen-
und
Niederungswäldern
(13 Prozent), bodensauren Eichenwäldern (8 Prozent), Moor- und Bruchwäldern (7 Prozent),
Schluchtwäldern (4 Prozent), mesophilen Buchenwäldern und Kiefernwäldern (je 3 Prozent)
sowie Fichtenwäldern (1 Prozent) (Datenbasis: LFUG 2000). Die Anteile der Gruppen von
flächigen Waldgesellschaften kommen denen der pnV-Einheiten nahe, Waldtypen schwer
bewirtschaftbarer Standorte (Auen, Moore, Schluchtwälder) sind jedoch deutlich stärker ver-
treten, weil auf diesen Standorten aufgrund ihrer erschwerten oder unrentablen Bewirt-
schaftbarkeit die Wälder weniger forstlich beeinflusst wurden.
Von den .oben genannten naturnah erhaltenen Beständen entfällt mehr als die Hälfte (cir-
ca 14 360 ha) auf 68 großflächige naturnahe Waldkomplexe (vergleiche Karte A 1.5). Zu den
größten gehören die lang gestreckten Hangwälder entlang der Elbe und osterzgebirgischer
Flüsse (zusammen circa 3 800 ha), die Sächsische Schweiz (1 575 ha), die Leipziger Auen-
wälder (1 063 ha) und das Dubringer Moor / Dubrjenske bahno (771 ha). Auch hier wird er-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 27
sichtlich, dass schwer bewirtschaftbare Standorte überwiegen. In einigen Fällen handelt es
sich um größere Vorkommen landschaftsprägender, regionaltypischer Waldgesellschaften
wie um Olbernhau mit 515 ha Buchenwäldern oder im Kämmereiforst mit 135 ha Linden-
Hainbuchen-Eichenwäldern (SCHMIDT et al. 2002). Karte A 1.5 vermittelt einen Überblick zu
geographischer Lage und Größe, aber auch zur Fragmentierung der Bestände. Es ist auffäl-
lig, dass trotz des relativ hohen aktuellen Waldanteils in weiten Bereichen des Vogtlandes,
der Nordabdachung des Erzgebirges und des Westlausitzer Berg- und Hügellandes großflä-
chige naturnahe Wälder fehlen.
Bergbaufolgelandschaften
FZ 14 (Bezug zu Z 2.1.3.2, Z 4.1.1.6)
Die ökologische Funktionsfähigkeit der Bergbaufolgelandschaften ist wiederherzustel-
len. Es ist darauf hinzuwirken, dass dafür ein ausreichender Anteil der Bergbaufolge-
landschaft in den Braunkohlenrevieren als Fläche für den Naturschutz gesichert wird.
Dabei ist zu prüfen, ob ausgewählte Seen ausschließlich naturschutzfachlichen Zielen
gewidmet werden können.
Bergbaufolgelandschaften weisen extreme und seltene Standortverhältnisse auf. Charakte-
ristisch sind unter anderem nährstoffarme Rohböden und oligotrophe Gewässer. Auf diese
speziellen Verhältnisse angewiesene Tier- und Pflanzenarten treten in den nivellierten und
eutrophierten Landschaften sowohl in Sachsen als auch bundesweit außerhalb der ehemali-
gen Bergbaugebiete zumeist nur als Relikte auf, sofern sie noch nicht ausgestorben sind.
Angesichts des Klimawandels, der Zunahme von Extremereignissen und wegen des gerin-
gen Vegetationspotenzials mit all seinen für den Naturhaushalt bedeutsamen Wechselwir-
kungen sind großflächige, vegetationsfreie Rohbodenstandorte auch kritisch zu sehen.
Neu entstandene ökologisch bedeutsame und seltene Lebensräume gefährdeter Tier- und
Pflanzenarten sollen erhalten bleiben und – wie zum Beispiel Heideflächen – bei Bedarf ge-
pflegt werden.
Es sind ausreichende Flächen der natürlichen Entwicklung (Prozessschutz) zu überlassen,
damit sich Sukzessionsmosaike von selbst entwickeln können. Sie führen beispielsweise
über offene Sandflächen, Sand-Trockenrasen, Ginsterheiden, Gebüsche und Vorwälder zu
Laubmischwäldern, einem möglichen Endstadium der Sukzession. Alle Entwicklungsstadien
und
-phasen weisen jeweils verschiedenartige Standortbedingungen auf und bieten damit unter-
schiedlichen Arten geeignete Habitate. Durch natürliche Störungen kann die Sukzession
immer wieder unterbrochen und zurückgesetzt werden. Ebenfalls bedeutsam und zu sichern
sind natürliche Sukzessionsabläufe in einem Teil der Feuchtbiotope und Restseen mit aus-
gedehnten Flachwasserbereichen, die langfristig zur Entstehung neuer offener Moore und
von Moorwäldern führen können.
Weiterhin sind möglichst zusammenhängende Flächen zum Schutz sensibler/störungs-
empfindlicher Arten als Flächen für den Naturschutz zu entwickeln.
Ausgewählte naturschutzfachlich geeignete Seen wie zum Beispiel die kleinen Restseen
südlich von Bockwitz, vor allem mit Flachwasserzonen, und deren Umfeld sind gänzlich von
einer raumgreifenden touristischen Nutzung auszunehmen, sie können durch Aussichts- und
Beobachtungspunkte erschlossen werden. Hier sollen vorrangig Ziele zum Schutz von Natur
und Landschaft verfolgt werden. Bei der Gestaltung des Seenreliefs sind ausreichend
Flachwasserzonen vorzusehen. Dabei ist eine gesetzeskonforme fischereiliche Bewirtschaf-
tung zu berücksichtigen.

28
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Siedlungen
FZ 15 (Bezug zu G 2.2.2.4 und G 2.2.2.5)
In Dörfern und Städten sowie in ihrem Umfeld sollen naturnahe Lebensräume und
Grünflächen sowie die im Zuge der Überprägung durch menschliches Wirtschaften
entstandene naturschutzfachlich bedeutsame regionaltypische Naturausstattung er-
halten und entwickelt werden. Im Rahmen der kommunalen Landschaftsplanung ist
daher ein Konzept zu entwickeln, um vorhandene, für Arten und Lebensgemeinschaf-
ten und ihre Lebensräume bedeutsame Flächen innerhalb von Siedlungen zu erhalten
sowie Potenziale für die Entwicklung neuer naturschutzfachlich bedeutsamer Flächen
aufzuzeigen. Eine Vernetzung mit Flächen des lokalen Biotopverbundes ist anzustre-
ben. Diese Flächen sollen bei der Siedlungsentwicklung von den Trägern der Bauleit-
planung berücksichtigt und gesichert werden. Darüber hinaus soll im Rahmen der
Landschaftsplanung aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten Eigentümer privater
Flächen und Verwaltungen kommunaler Flächen haben, über die Anlage und Pflege
von Flächen und Gebäuden Arten und Biotope zu fördern.
Es ist für die biologische Vielfalt von großer Bedeutung, auch in Städten und Dörfern und
deren Umfeld naturnahe Lebensräume und Grünflächen sowie die im Zuge der Überprägung
durch menschliches Wirtschaften entstandene naturschutzfachlich bedeutsame regionaltypi-
sche Naturausstattung zu erhalten und zu entwickeln. Die verbliebenen naturnahen Biotope
erhöhen die Biotop- und Artenvielfalt innerhalb der Siedlungen und können bei entsprechen-
der Qualität, Flächengröße und Ausstattung eine Verbindung zu an die Siedlung angrenzen-
den Biotopen der umgebenden Landschaft darstellen. Darüber hinaus sind in Siedlungen
spezielle Biotope, Lebensräume und Habitate zu finden, die auch als Ersatz für frühere na-
türliche Habitate oder als Rückzugsräume zum Beispiel für Arten dienen können, die früher
ihren Verbreitungsschwerpunkt in der Agrarlandschaft hatten. So haben zum Beispiel wenig
verstädterte Dörfer, wenn sie von einer intensiv genutzten Agrarlandschaft umgeben sind,
eine hohe Bedeutung für die biologische Vielfalt. Auch die typischen Dorf-Ruderalfluren sind
als wichtiger Bestandteil der traditionellen Dorf-Kulturlandschaft zu erhalten, zumal verschie-
dene Arten (unter anderem Guter Heinrich, Echtes Eisenkraut, Echtes Herzgespann) als
Heil- und zum Teil altertümliche Zauberpflanzen eine hohe kulturhistorische beziehungswei-
se volksmedizinische Bedeutung über Biodiversitätsaspekte hinaus besitzen.
In den Dörfern ist es wichtig, einen hohen Anteil an Grün- und Freiflächen sowie des regio-
naltypischen Gehölzbestandes zu erhalten und die Qualität der Grünflächen stärker darauf
auszurichten, dass die biologische Vielfalt erhalten und entwickelt wird. Die Orientierung an
der charakteristischen Eigenart der jeweiligen Siedlung steigert zugleich die Attraktivität der
Kommunen und die Lebensqualität für die in ihnen lebenden Menschen. In das Konzept sind
die Potenziale von Brachflächen einzubeziehen (vergleiche Kapitel 2.3), sei es durch Rena-
turierung, durch Eigenentwicklung (ungelenkte Sukzession) oder durch Verknüpfung von
Nutzungen wie Erholung oder Kleingartenanlagen mit naturschutzfachlichen Aspekten. Da-
bei ist vor der Durchführung von Renaturierungsmaßnahmen immer sorgfältig zu prüfen, ob
die Fläche aufgrund der Ausstattung und des Entwicklungspotenzials nicht besser für die
Eigenentwicklung geeignet ist. Es ist aufzuzeigen, wie Aspekte des Arten- und Biotopschut-
zes in Anlage, Pflege und Nutzung innerörtlicher Freiraumanlagen einzubeziehen sind.
Maßnahmen können sein:
-
Erhalt der für den jeweiligen Siedlungstyp charakteristischen Freiraumstruktur (zum Bei-
spiel möglichst als Grünland ausgeprägte oder zum Teil gehölzbestandene Bachauen in
Waldhufendörfern, keine bauliche Nachverdichtung in den Bachauen, große Wiesen oder
Weiden zwischen den Gehöften von Waldhufendörfern, Erhalt oder Wiederherstellung
nicht oder gering versiegelter Dorfanger),
-
Renaturierung von Brachen und Entwickeln von naturnahen Biotopen (zum Beispiel
Bachauen, Waldränder, Hecken),
-
Sanierung von Gewässern (Quellen, Fließ- und Standgewässern) in naturnaher Weise,

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 29
-
Eigenentwicklung von Brachen oder anderer geeigneter Flächen,
-
Integration von Aspekten des Arten- und Biotopschutzes in die Anlage und Pflege öffent-
licher Grünflächen, die auch oder primär der Erholung dienen (zum Beispiel Integration
von Bereichen, die der Eigenentwicklung überlassen werden, möglichst geringer Versie-
gelungsgrad, Langgraswiesen, Erhalt von Höhlenbäumen, zum Beispiel für Vögel, Fle-
dermäuse und Insekten),
-
Erhalt beziehungsweise Wieder-/Neupflanzung von regionstypischen Straßenbäumen
(zum Beispiel die Vogelbeere im Erzgebirge),
-
Verwendung eines Anteils heimischer und insbesondere gebietsheimischer Pflanzen
auch in Siedlungsbereichen (insbesondere in Dörfern und im Randbereich von Städten),
-
Berücksichtigung der Ansprüche von Gebäude bewohnenden Tierarten bei Neubau und
Sanierung von Gebäuden (zum Beispiel Vögel, Fledermäuse, Kleinsäuger),
-
Ersatz der im Rahmen von Rückbau und energetischer Gebäudesanierung verloren ge-
henden Habitate durch Schaffung geeigneter Ersatzwohnstätten für Gebäude bewoh-
nende Arten,
-
Bau von Befestigungs- beziehungsweise Stützmauern vorwiegend in naturnaher Bauwei-
se mit orts-/ regionstypischen Natursteinen.
Erneuerbare Energien
FZ 16 (Bezug zu Z 5.1.1, Z 5.1.3 und G 5.1.5)
Für die Festlegung von Vorrang- und Eignungsgebieten für Windenergieanlagen sind
durch die Landschaftsrahmenplanung Belange des Artenschutzes, insbesondere des
Vogel- und Fledermausschutzes, einzubringen. Dafür sind ausreichende Abstände zu
regional und überregional bedeutsamen Zugkorridoren zu formulieren. Gleiches gilt
für Vorkommen ausgewählter gefährdeter sowie besonders geschützter und streng
geschützter Tierarten, die von Windenergieanlagen erheblich beeinträchtigt werden
können.
Windenergieanlagen können insbesondere den Erfordernissen des Vogel- und Fledermaus-
schutzes entgegenstehen. Aus Sicht des Artenschutzes existieren Standorte, an denen eine
Windenergienutzung aus artenschutzrechtlichen Gründen nicht genehmigungsfähig ist.
Gründe hierfür liegen in dem standortspezifischen hohen Kollisionsrisiko und dem eintreten-
den Lebensraumverlust. Einen besonderen Stellenwert besitzt das Kollisionsrisiko für ge-
schützte Arten, da betriebsbedingte tödliche Kollisionen wesentlich stärkere Auswirkungen
auf Populationen haben können als anlagenbedingte Habitatverluste und Störungen. Zur
Konfliktminderung gegenüber Fledermäusen kommen zusätzlich fledermausfreundliche Be-
triebs-/Abschaltalgorithmen im Sinne von BRINKMANN et al. (2011) in Frage.
Belange des Landschaftsschutzes sind in Kapitel 2.1.2.1 dargestellt.
FZ 17 (Bezug zu Z 5.1.1, Z 5.1.7)
Beim Anbau von Biomasse (vor allem für Biogasanlagen) ist eine regionale Konzentra-
tion von wenigen Energiepflanzenarten in der Landschaft zu vermeiden. Bei der Anla-
ge von Kurzumtriebsplantagen und anderen Biomasse-Dauerkulturen sollen Syner-
gien mit dem Natur-, Boden- und Gewässerschutz möglichst genutzt und Risiken für
die Schutzgüter vermieden werden.
Im Zuge von Genehmigungsverfahren für Biomasseanlagen wird in der Regel nicht geprüft,
welche Auswirkungen der Anbau der Biomasse auf die Umwelt hat. Der umweltverträgliche
Anbau beziehungsweise die umweltverträgliche Bereitstellung der Biomasse sollte aus na-
turschutzfachlicher Sicht trotzdem stärker beachtet werden. Es soll ein nachhaltiger Anbau
der Biomasse zur energetischen Verwertung gewährleistet werden. Konzentrationen von

30
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
wenigen Pflanzenarten in der Landschaft für die Versorgung von Anlagen zur energetischen
Verwertung von Biomasse, insbesondere von Mais, sind zu vermeiden, weil sie erhebliche
negative Effekte auf die Biodiversität, den Boden, die Gewässer und das Landschaftsbild
haben können.
Auch wenn in Sachsen durch die bisher relativ gleichmäßige Verteilung vorwiegend kleinerer
und mittlerer Biogasanlagen, häufig mit Anschluss an Landwirtschaftsbetriebe mit Tierhal-
tung (Nutzung der Gülle), Konzentrationen von Mais in der Landschaft beziehungsweise eine
Zunahme des Maisanbaus noch nicht landesweit zum Problem geworden sind, so gibt es
diese negativen Folgen doch schon in weiten Teilen Deutschlands. Diese Auswirkungen sol-
len vorsorgend im Freistaat Sachsen vermieden werden.
Die Anlage von Kurzumtriebsplantagen (KUP) auf Ackerstandorten kann vielfältige Syner-
gien haben, in bestimmten Fällen aber auch den Natur- und Bodenschutz gefährden. Das
LfULG hat in dem Forschungsverbund „Untersuchung von Umweltaspekten beim Anbau
Nachwachsender Rohstoffe/Biomasse“ (Laufzeit von 2006 bis 2011) Empfehlungen für einen
umweltgerechten Anbau von Biomasse mit Fokus auf KUP und andere Biomasse-
Dauerkulturen, aber auch unter Berücksichtigung einjähriger Biomassekulturen, erarbeiten
lassen
(vergleiche
Schriftenreihe
des
LfULG,
Heft
43/2011,
FELDWISCH
2011,
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/15109).
Synergien von KUP und anderen Biomasse-Dauerkulturen zum Bodenschutz können sich
beispielsweise auf besonders erosionsgefährdeten Standorten oder auf mit Schadstoffen
belasteten Böden ergeben, Synergien zum Naturschutz zum Beispiel in der strukturierungs-
bedürftigen Agrarflur oder zur Abpufferung von bestimmten Schutzgütern gegenüber Stoffe-
inträgen. Fachliche Grundlagen und landesweite Übersichtskarten für Vorzugs- und Vorsor-
geflächen aus Sicht des Boden- und Naturschutzes hat das LfULG erarbeitet
(http://www.landwirtschaft.sachsen.de/landwirtschaft/23416.htm).
FZ 18 (Bezug zu Z 5.1.1, Z 5.1.9)
Strommasten und Leitungsstränge für Hochspannungsleitungen sind so zu gestalten,
dass Stromschlag und Anflugverluste bei Großvögeln weitestgehend ausgeschlossen
werden. In besonders sensiblen Landschafts- und Siedlungsbereichen soll die Erd-
verkabelung geprüft werden.
Energiefreileitungen können zu zahlreichen Todesfällen bei Vögeln führen. Sie gefährden
Vögel auf zweierlei Weise: Einerseits kommt es zur Kollision der Vögel mit den Leitungs-
strängen vornehmlich von Hochspannungsleitungen, andererseits werden Vögel Opfer von
Stromschlägen, wenn sie bei der Berührung von spannungsführenden Teilen (relevant
hauptsächlich bei Mittelspannungsleitungen) Erd- oder Kurzschlüsse verursachen. Betroffen
sind in erster Linie Großvögel, wie Störche, Greifvögel, Eulen, und Zugvögel.
Durch Verkabelung von Hochspannungsleitungen wird das Landschaftsbild geschont. Bei
den sensiblen Landschaftsbereichen handelt es sich um Gebiete, welche unter dem Aspekt
des Schutzes des Landschaftsbildes festgelegt werden (vergleiche Z 4.1.1.12) oder die kul-
turhistorische Raumstrukturen in besonderer Weise bewahrt haben, oder um bedeutende
Zug-, Rast- oder Brutflächen von Vögeln. Bei den sensiblen Siedlungsbereichen handelt es
sich um regional bedeutsame Bereiche des baulichen Denkmalschutzes (Umgebungsgebiete
nach § 2 Abs. 3 Nr. 1 SächsDSchG) sowie um Gebiete mit herausragender Beziehung von
und zu einem sichtexponierten historischen Kulturdenkmal. Bei anstehenden Entscheidun-
gen im Hinblick auf Neubau und Ersatzmaßnahmen in sensiblen Landschafts- und Sied-
lungsbereichen ist die Verlegung als Erdkabel in Betracht zu ziehen, sofern die Beeinträchti-
gungen, die durch den Eingriff verursacht werden, nicht größer sind als der Nutzen und so-
fern es unter technischen, wirtschaftlichen, ökologischen und rechtlichen Gesichtspunkten
gerechtfertigt erscheint. Die Erdverkabelung ist daher für den Höchstspannungsbereich in
der Regel nicht geeignet.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 31
Militärische Nutzung
FZ 19 (Bezug zu Z 6.5.4)
Nach Ende der militärischen Flächennutzung soll ein ausreichender Flächenanteil für
den Naturschutz gesichert und entsprechend den Naturschutzzielen entwickelt wer-
den.
Militärisch genutzte Flächen haben häufig wegen ihrer Großflächigkeit, Unzerschnittenheit,
teilweisen Störungsarmut, Nährstoffarmut und der Entstehung von Rohböden durch spezifi-
sche Störungen der Bodendecke eine hohe Bedeutung für die natürliche biologische Vielfalt.
Sie bieten einer Vielzahl von Arten, die in der Normallandschaft keine oder sehr beschränkte
Überlebensmöglichkeiten haben, geeignete Habitate. Die für den Naturschutz wertvollen
Bereiche wie Magerrasen, Heiden, Sukzessionsflächen, Stillgewässer, Habitate gefährdeter
Arten sollen auch nach einer Aufgabe der militärischen Nutzung für Naturschutzzwecke er-
halten bleiben. Dazu bedarf es teilweise besonderer Pflegemaßnahmen zur Offenhaltung der
Flächen.
Flächenpools
FZ 20
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung und der kommunalen Landschaftsplanung
sind auf der Grundlage von Flächenpoolkonzeptionen Gebiete festzulegen, in denen
unvermeidbare Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes oder
des Landschaftsbildes, insbesondere bei Eingriffen von überörtlicher Bedeutung, an
anderer Stelle als am Ort des Eingriffs ausgeglichen oder ersetzt werden können.
Flächenpools bieten die Möglichkeit, künftig erforderliche Kompensationsmaßnahmen und
Ausgleichszahlungen in ein sinnvolles Gesamtkonzept zur Entwicklung von Natur und Land-
schaft einzubetten, die Flächenverfügbarkeit rechtzeitig zu klären und geeignete Flächen zur
Verfügung stellen zu können. In Verbindung mit einem Ökokonto können auch weniger um-
fangreiche Eingriffe zu größeren Kompensationsmaßnahmen beitragen und Ausgleichs- und
Ersatzmaßnahmen frühzeitig beziehungsweise schon im Vorgriff realisiert werden.
Für Flächenpoolkonzeptionen bieten sich insbesondere Flächen an, die für folgende Maß-
nahmen geeignet sind:
-
Sicherung der Kohärenz des Biotopverbundes,
-
Wiederherstellung von Eigenschaften, Funktionen und Eigenart der Landschaft (zum
Beispiel durch Renaturierung von baulichen Brachen),
-
Schaffung von Extensiväckern mit Arten oder Gesellschaften vom Aussterben bedrohter
Segetalarten und Tierarten,
-
Schaffung von Wegrainen von mindestens 3 Metern Breite entlang ländlicher Wege,
-
Schaffung von Abstandsflächen entlang von Gewässern, die aus der ackerbaulichen
Nutzung genommen werden,
-
Schaffung von Streifen entlang von Gewässern, die deren eigendynamische Entwicklung
ermöglichen sollen,
-
Entwicklung von FFH-Lebensraumtypen,
-
Renaturierung entwässerter oder teilabgetorfter Moore.
Erläuterungen (Bezug zu Z 4.1.1.6 und Z 4.1.1.16)
Nachfolgend werden ausgewählte, in der Begründung zu Z 4.1.1.16 und Z 4.1.1.6 im Festle-
gungsteil genannte Gebiete (mögliche Gebiete für die Festlegung von Vorrang-/ Vorbehalts-

32
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
gebieten Arten- und Biotopschutz und Bereiche der Landschaft mit besonderen Nutzungsan-
forderungen) näher erläutert.
Schwerpunktgebiete der Verbreitung gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in Sachsen (Hot-
Spots):
Die Karten A 1.3 und A 1.4 informieren auf der Basis von TK10-Rastern in abgestuftem Ma-
ße über die Verbreitung naturschutzfachlich wertvoller Arten. Rastereinheiten, die den arten-
reichsten Klassen angehören, repräsentieren Verbreitungsschwerpunkte gefährdeter Tier-
und Pflanzenarten. Sie dienen als Indikatoren für die Verteilung von Hot-Spots der Artenviel-
falt in Sachsen. Auf die räumliche Verteilung von Gefährdungen und spezifischen Schutzer-
fordernissen einzelner Arten kann jedoch aus den vorliegenden Karten nicht geschlossen
werden.
Für die Darstellung wurden Organismengruppen ausgewählt, für die ab 1990 sachsenweit
Daten auf TK10-Basis vorliegen. Von den Tieren sind das die Wirbeltiere (Fische, Lurche,
Kriechtiere, Brutvögel, Säugetiere), Libellen und Heuschrecken und von den Pflanzen die
Farn- und Samenpflanzen sowie Moose. Die Daten wurden in landesweiten Kartierungspro-
jekten erhoben. Die Analyse beschränkte sich auf die gefährdeten Arten (Rote Listen Sach-
sen, Kategorien 1, 2, 3, R, G), weil für diese eine homogenere Datenbasis vorliegt und es
sich in der Regel um Arten mit speziellen ökologischen Ansprüchen handelt. Ubiquitäre Arten
mit weniger spezialisierten Anforderungen und häufige Arten mit zahlreichen Differenzen im
Erfassungsgrad, die zu einer Abschwächung der Aussage geführt hätten, wurden somit nicht
betrachtet.
Aus der Zentralen Artdatenbank beim LfULG wurde für die betrachteten Organismengruppen
die Zahl der nachgewiesenen gefährdeten Arten pro TK10-Raster ermittelt. Nach gruppen-
weisen Vorbetrachtungen wurden die Werte für die jeweiligen Tier- und Pflanzengruppen
aggregiert. Da die mobilen Tiere gegenüber den Pflanzen häufig komplexere Lebensansprü-
che (zum Beispiel Habitatwechsel im Entwicklungsablauf) besitzen, wurden die Daten für
Tiere und Pflanzen aus Gründen der Transparenz nicht weiter zusammengefasst.
Die Klassenbildung, wie in den Karten A 1.3 und A 1.4 dargestellt, erfolgte einheitlich nach
Mengenanteilen der betrachteten TK10-Raster. Die insgesamt 645 Raster wurden dazu nach
der jeweils ermittelten Artenzahl absteigend sortiert. Die Klasse A umfasst die obersten
5 Prozent der Raster mit der höchsten Artenzahl, die Klassen B beziehungsweise C jeweils
die nachfolgenden 10 Prozent beziehungsweise 35 Prozent der Raster. Von den Klassen A
bis C werden somit 50 Prozent der Raster in Sachsen belegt.
Bereiche der Landschaft von besonders hoher Naturnähe:
Unter Bereichen der Landschaft von besonders hoher Naturnähe sollen hier Flächen ver-
standen werden, deren Vegetation von einer relativ geringen menschlichen Einflussnahme
geprägt ist. Hier treten natürliche Prozesse zunehmend in den Vordergrund. So können auch
mittlerweile selten gewordene Arten auftreten, die geringere Bewirtschaftungsintensitäten
benötigen. Um Bereiche der Landschaft von besonders hoher Naturnähe zu bestimmen, sind
unter anderem die großflächig naturnahen Waldkomplexe heranzuziehen, die in Karte A 1.5
dargestellt sind. Als weitere Grundlage kann die Hemerobie (vergleiche Karte Hemerobie,
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/26261.htm)
verwendet werden. Es wird empfoh-
len, die Stufen oligohemerob und für Gewässer, Moore/Sümpfe, Grünland, Magerra-
sen/Felsfluren/Zwergstrauchheiden zusätzlich die Stufe mesohemerob einzubeziehen.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 33
2.2.2.2 Biotopverbund
FZ 21 (Bezug zu G 4.1.1.15 und Z 4.1.1.16)
Die landesweite Biotopverbundplanung ist im Zuge der Landschaftsrahmenplanung
und der kommunalen Landschaftsplanung auf der Grundlage der aktuellen Fachkon-
zepte der Naturschutzbehörden zu konkretisieren. Auf der Basis der Gebietskulisse
(Karte 7 im Festlegungsteil) und den vom LfULG ermittelten Flächen mit landesweiter
Bedeutung für den Biotopverbund sind entsprechend den in der Begründung genann-
ten fachlichen Kriterien und aktuellen Empfehlungen des LfULG weitere für den Bio-
topverbund erforderliche Flächen zu identifizieren und kartografisch darzustellen.
Hierbei sind die Kohärenzansprüche von Natura 2000 zu beachten. Es ist zu prüfen, ob
für die Umsetzung des Biotopverbundes auf regionaler Ebene geeignete Instrumente
vorliegen, wie diese gegebenenfalls anzupassen wären und ob gegebenenfalls neue
Instrumente zu entwickeln sind.
Der Biotopverbund soll nach § 21 BNatSchG der dauerhaften Sicherung der Populationen
wild lebender Tiere und Pflanzen einschließlich ihrer Lebensstätten, Biotope und Lebensge-
meinschaften sowie der Bewahrung, Wiederherstellung und Entwicklung funktionsfähiger
ökologischer Wechselbeziehungen dienen. Außerdem soll er zur Verbesserung des Zusam-
menhanges des Netzes Natura 2000 beitragen. Oberirdische Gewässer einschließlich ihrer
Randstreifen, Uferzonen und Auen sind als wichtige Bestandteile des Biotopverbundes so zu
erhalten und weiterzuentwickeln, dass sie ihre Habitatfunktion für natürlich vorkommende
Tier- und Pflanzenarten und ihre Vernetzungsfunktion auf Dauer erfüllen können. Auf regio-
naler Ebene sind insbesondere in landwirtschaftlich geprägten Landschaften zur Vernetzung
von Biotopen erforderliche lineare und punktförmige Elemente, insbesondere Hecken und
Feldraine sowie Trittsteinbiotope, zu erhalten und, wo sie nicht in ausreichendem Maße vor-
handen sind, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen (Biotopvernetzung).
Der landesweite Biotopverbund soll eine weitere Beeinträchtigung und Isolierung von Le-
bensräumen verhindern, durch Sicherung oder Schaffung geeigneter Strukturen die Ausbrei-
tung der heimischen Arten fördern und ihnen die Besiedelung oder Wiederbesiedelung ge-
eigneter Lebensräume ermöglichen. Dies ist auch eine wichtige Anpassungsmaßnahme zur
Erhaltung der natürlichen biologischen Vielfalt unter den Bedingungen des Klimawandels.
Dazu ist ein Netz verbundener Biotope (Biotopverbund) zu schaffen, das mindestens 10 Pro-
zent der Landesfläche umfassen soll (§ 20 Abs. 1 BNatSchG). Im Rahmen dieses Biotopver-
bundes gilt es, Kerngebiete der biologischen Vielfalt durch Verbindungsflächen und Verbin-
dungselemente zu einem landesweiten zusammenhängenden System zu vernetzen. Damit
entspricht dies auch der allgemein gehaltenen Kohärenzanforderung der FFH-Richtlinie (Ar-
tikel 3 RL 92/43/EWG). Die Grundsätze dazu wurden bereits mit der Erstellung der „Fachli-
chen Arbeitsgrundlagen für einen landesweiten Biotopverbund“ (STEFFENS et al. 2007) ent-
wickelt. Ausgehend von den gesetzlichen Vorgaben hat das LfULG in diesen fachlichen Ar-
beitsgrundlagen Gebiete mit landesweiter beziehungsweise überregionaler Bedeutung für
den Biotopverbund als sachlich-räumliche Schwerpunkte des Biotopverbundes ermittelt.
Bei der Auswahl von Flächen für den Biotopverbund in Sachsen soll vorrangig auf geeignete
Flächen zurückgegriffen werden, die bereits rechtlich gesichert sind. Das sind unter anderem
Flächen im Nationalpark Sächsische Schweiz, im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide-
und Teichlandschaft/ Hornjołužiska hola a haty, in Naturschutzgebieten und Naturparken
sowie in den Schutzgebieten des europäischen ökologischen Netzes Natura 2000. Insbe-
sondere auf regionaler Ebene können auch Flächennaturdenkmale und die nach § 30
BNatSchG oder § 21 SächsNatSchG besonders geschützten Biotope wichtige Bestandteile
des Biotopverbundsystems sein. Darüber hinaus kann es notwendig sein, weitere Flächen
einzubeziehen, die aufgrund ihrer Habitat- oder Vernetzungsfunktion und/oder Lage im
Raum für die ökologische Funktionsfähigkeit des Biotopverbundes erforderlich sind.
Der Bund-Länder-Arbeitskreis „Länderübergreifender Biotopverbund” legte im Jahr 2004
„Empfehlungen zur Umsetzung des Biotopverbundes” (BURKHARDT et al. 2004) vor, die auch
Grundlage für die Biotopverbundkonzeption in Sachsen sind. Danach sind bei der Auswahl

34
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
von geeigneten Kern-, Verbindungs- und Entwicklungsflächen für den Biotopverbund folgen-
de Kriterien zu berücksichtigen:
-
Qualität der Gebiete (Flächengröße, Ausprägung, Vollständigkeit von Biotopkomplexen,
Unzerschnittenheit),
-
Lage im Raum (zum Beispiel Bestandteil von Verbundachsen des Biotopverbundes),
-
Vorkommen von Zielarten für den Biotopverbund,
-
Entwicklungsfähigkeit/-potenzial,
-
Repräsentanz mit Bezug auf den Naturraum.
Als Kernflächen sind Flächen zu verstehen, „die aufgrund ihrer aktuellen biotischen und abio-
tischen Ausstattung geeignet sind, die nachhaltige Sicherung von (Teil)Populationen oder
Individuen standort- und naturraumtypischer Arten und ihrer Lebensräume zu gewährleisten
und die selbst Ausgangsbereiche für Wiederbesiedlungsprozesse sein können“ (BURKHARDT
et al. 2004). Sie sind somit zentrale Elemente des Biotopverbundes, die durch Korridore und
Trittsteine (Verbindungsflächen und -elemente) verbunden werden, womit letztlich ein lan-
desweites funktionales Netzwerk entstehen kann.
Darüber hinaus wurden Kern- und Verbindungsbereiche an Hand der 2010 erstellten Liste
der Arten mit bundesweiter Bedeutung für den Biotopverbund (BURKHARDT et al. 2010) er-
gänzt. Auf der Basis der dort vorgegebenen Kriterien hat das LfULG eine Landeszielartenlis-
te erarbeitet, in der alle Zielarten mit bundes- und landesweiter Bedeutung für den Bio-
topverbund enthalten sind. Für diese Zielarten wurden Habitatflächen von nationaler und
landesweiter beziehungsweise überregionaler Bedeutung sowie in Einzelfällen auch Habitat-
entwicklungsflächen identifiziert. Zur regionalen Untersetzung des Biotopverbundes in den
Regionalplänen können weitere Zielarten mit regionaler Bedeutung für den Biotopverbund
berücksichtigt werden. Das LfULG stellt außerdem Empfehlungen für die Auswahl von Zielar-
ten und Flächen mit regionaler Bedeutung für den Biotopverbund zur Verfügung und gibt
einzelne konkrete Hinweise zu regional bedeutsamen Zielarten sowie Kern- und Verbin-
dungsflächen.
Vom LfULG sind alle Flächen mit nationaler und landesweiter beziehungsweise überregiona-
ler Bedeutung für den Biotopverbund ermittelt und im Fachbeitrag zum Landschaftspro-
gramm dargestellt
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22460.htm).
Diese Flächen
sind unverzichtbar für die Funktionsfähigkeit des landesweiten Biotopverbundes. Außerdem
erarbeitet das LfULG Empfehlungen für die Identifikation von Flächen mit regionaler Bedeu-
tung für den Biotopverbund. Auf dieser Grundlage sind im Rahmen der Arbeiten für die
Landschaftsrahmenplanung in Zusammenarbeit mit den unteren Naturschutzbehörden weite-
re geeignete Verbindungs- und Entwicklungsflächen für den Biotopverbund zu ermitteln, die
für die Funktionsfähigkeit des Biotopverbundsystems erforderlich sind. Vorliegende regionale
Biotopverbundplanungen sind dabei zu berücksichtigen.
Die Kernflächen, Verbindungsflächen und Verbindungselemente sowie Entwicklungsflächen
für den Biotopverbund sind in den Landschaftsrahmenplänen kartografisch differenziert dar-
zustellen und können bei Eignung durch die Regionalplanung als Vorrang- beziehungsweise
Vorbehaltsgebiete Arten- und Biotopschutz gesichert und als Biotopverbund gekennzeichnet
werden (vergleiche Z 4.1.1.16). Insbesondere alle Flächen, die nicht durch Erklärung zu ge-
schützten Teilen von Natur und Landschaft im Sinne des § 20 Absatz 2 BNatSchG einem
ausreichenden rechtlichen Schutz unterliegen, sind in die Abwägung für die Festlegung von
Vorrang- und Vorbehaltsgebieten Arten- und Biotopschutz einzubringen. Weitere planungs-
rechtliche Sicherungen können zum Beispiel im Rahmen der Flächennutzungsplanung (vor
allem als Flächen für Maßnahmen zum Schutz, zur Pflege und zur Entwicklung von Natur
und Landschaft) erfolgen. Biotopverbundkonzepte sind in Flurneuordnungsverfahren zu be-
rücksichtigen. Flächen, die mit entsprechenden Maßnahmen belegt sind, können in Flächen-
pools aufgenommen und bei Ökokonten berücksichtigt werden. Weiterhin bieten sich Flä-
chenkauf oder Flächentausch für eine konkrete Realisierung des Biotopverbundes an.
Für ein funktionsfähiges Biotopverbundsystem sind neben der ausreichenden Verfügbarkeit
und rechtlichen beziehungsweise raumordnerischen Sicherung von geeigneten Flächen vor

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 35
allem eine naturschutzgerechte Nutzung dieser Flächen sowie die rechtzeitige Realisierung
von notwendigen Pflege-, Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen erforderlich. Ohne die
erforderlichen Maßnahmen können aktuell bestehende Biotopverbundstrukturen nicht erhal-
ten beziehungsweise zu entwickelnde Strukturen nicht realisiert werden. Als praktische
Maßnahmen zur Umsetzung des Biotopverbundes kommen insbesondere angepasste Ver-
fahren der land-, forst- und wasserwirtschaftlichen Nutzung sowie Maßnahmen der Land-
schaftspflege in Frage.
Bei der Bereitstellung geeigneter Flächen sowie bei der Umsetzung von Maßnahmen zum
Biotopverbund in Sachsen soll der Eigeninitiative, der Freiwilligkeit der Akteure und der part-
nerschaftlichen Kommunikation zwischen ihnen eine hohe Bedeutung zukommen. Die Be-
reitstellung von geeigneten Biotopverbund- oder Tauschflächen für zu entwickelnde oder zu
erhaltende, für die Vernetzung benötigte Biotopverbundflächen liegt in erheblichem Maße
auch in der Verantwortung der staatlichen Verwaltung (SIB, SBS, LTV). Die Bewirtschaftung
von Biotopverbundflächen in öffentlicher Hand sollte in Hinblick auf den Biotopverbund vor-
bildlich erfolgen. Zukünftig wird auch die Umsetzung von Maßnahmen aus den Manage-
mentplänen für die FFH- und Vogelschutzgebiete ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung und
Verbesserung der Qualität und Kohärenz von Lebensräumen und damit auch zur Umsetzung
des Biotopverbundes in Sachsen sein. Durch die gezielte Lenkung von Fördermitteln und
Kompensationsmaßnahmen (zum Beispiel im Rahmen der Ökokontoregelung) soll zukünftig
noch in stärkerem Maße die Funktionsfähigkeit des Biotopverbundes verbessert werden. Die
Landschaftsrahmenplanung soll dazu einen Beitrag leisten, indem sie die Gebiete mit Maß-
nahmenbedarf für den Biotopverbund darstellt und die Maßnahmen beschreibt.
Bei der Konkretisierung von Verbindungs- und Entwicklungsachsen sind zum Beispiel durch
die Festlegung von regionalen Grünzügen und Grünzäsuren in den für den Biotopverbund
bedeutsamen Bereichen, beispielsweise auch zwischen FFH-Gebieten zu deren Verbindung,
Korridore frei zu halten. Beim Bau von Verkehrstrassen und Bauwerken an Gewässern müs-
sen die Beeinträchtigungen für den Biotopverbund durch verschiedene Maßnahmen so ab-
gemildert werden, dass die Funktionsfähigkeit des Biotopverbundsystems nicht gefährdet
wird.
Das LfULG erarbeitet ein Konzept zur Erhaltung und Wiederherstellung bedeutender Wild-
tierkorridore als wichtiger Bestandteil des Biotopverbundsystems in Sachsen. Dabei werden
die im Festlegungsteil (Z 4.1.1.16 und Karte 8) dargestellten Wildtierlebensräume und Ver-
bindungsflächen weiter präzisiert und unter Berücksichtigung weiterer Zielarten ergänzt. Im
Rahmen dieses Konzeptes sollen auch erforderliche Maßnahmen zur Wiedervernetzung
ökologischer Systeme an Bundesfernstraßen aufgezeigt werden. Die Darstellung der Wild-
tierkorridore sowie der erforderlichen Maßnahmen zur Wiedervernetzung an Bundesfern-
straßen erfolgt im Fachbeitrag zum Landschaftsprogramm. Bedeutende Wildtierkorridore
sind in der Landschaftsrahmenplanung darzustellen und sollten in dem erforderlichen Um-
fang planungsrechtlich gesichert werden. Weitere notwendige Maßnahmen an Verkehrstras-
sen und Fließgewässern zur Verbesserung des regionalen Biotopverbundes und zur Über-
windung von Barrieren für wandernde Tierarten sind von der Landschaftsrahmenplanung
darzustellen.
2.2.2.3 Natura 2000
Erläuterung
Raumbedeutsame Planungen, wie zum Beispiel Renaturierungsvorschläge in für die Regio-
nalplanung relevantem Maßstab, und im Rahmen der Landschaftsplanung relevante Erhal-
tungs- und Entwicklungsziele der Managementpläne für FFH- und SPA-Gebiete sowie fachli-
che Aktualisierungen und aktuelle Informationen sind bei Festlegungen der Regionalpläne
erheblich. Die Landschaftsrahmenplanung unterstützt durch geeignete Festlegungen die
Umsetzung solcher Planungen und Ziele.

36
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Ziele und raumbedeutsame Maßnahmenansätze der FFH- und SPA-Managementplanung
werden im Rahmen der Landschaftsplanung dem Maßstab entsprechend beachtet, Maß-
nahmen für Entwicklungsflächen sind hierbei eingeschlossen. Ihre Umsetzung wird insbe-
sondere auf landeseigenen Flächen befördert; dem Freistaat und seinen Behörden kommt
hier eine Vorbildfunktion zu.
2.2.2.4 Schutzgebiete
FZ 22 (Bezug zu Z 4.1.1.16)
Das bestehende Schutzgebietssystem ist in seiner Repräsentativität und Wirksamkeit
weiterzuentwickeln. Die Landschaftsrahmenpläne sollen nach fachlichen Prioritäten
differenzierte Vorschläge enthalten, die sich an den aus landesweiter Sicht erforderli-
chen Ergänzungen des bestehenden Schutzgebietssystems orientieren.
Ein modernes Schutzgebietssystem setzt sich aus Schutzgebieten unterschiedlicher Katego-
rien in den einzelnen Naturräumen in guter Ausprägung und in hinreichend ausgewogener
Anzahl, Fläche und räumlicher Verteilung – möglichst mit vorteilhaften Wechselwirkungen –
zusammen. Ein repräsentatives System von Naturschutzgebieten hat hohe Bedeutung für
den Schutz der biologischen Vielfalt, für die Umsetzung von Natura 2000 sowie für die Siche-
rung von Kernflächen für den landesweiten Biotopverbund. Flächen, deren Zustand bereits
dem jeweiligen Schutzzweck entspricht, werden erhalten, die anderen im Sinne der Schutz-
ziele entwickelt. Für bestimmte Pflanzen- und Tierarten, bestimmte Gesellschaften des tro-
ckenen und nassen Grünlandes, der Niedermoore, der Trockengebüsche und -säume sowie
für bestimmte Fließgewässertypen sind unterstützende Maßnahmen angezeigt. In diesem
Sinne sind die Möglichkeiten einer verbesserten Pflege (zum Beispiel Vertragsnaturschutz)
und im Bedarfsfall auch die Unterschutzstellung einzelner neuer Flächen zu prüfen. Von lan-
desweit besonderem Interesse sind dabei das Gimmlitztal oberhalb der Talsperre Lichten-
berg unter Berücksichtigung der wasserwirtschaftlichen Funktion des Vorbeckens, die Els-
tersteilhänge unterhalb Plauen, die Neißeaue unterhalb Görlitz, der Dresdner Heller, die
Weinske und Alte Elbe Elsnig, die Scheibenberger Heide, Hohwald und Valtenberg, das
Bobritzschtal unterhalb Naundorf, die Meuschaer Höhe sowie auszuwählende Flächen in
den Bergbaufolgelandschaften.
FZ 23
Veraltete Schutzgebietsbeschlüsse werden schrittweise überarbeitet. Dafür sollen
vorhandene Schutzvorschriften auf ihre Aktualität und Vollziehbarkeit überprüft wer-
den. Es wird empfohlen, eine Rangfolge zu bilden, welche Schutzvorschriften zuerst
angepasst oder novelliert werden.
Zur Sicherung der für den Erhalt der natürlichen biologischen Vielfalt und für die Erholung
wichtigen naturschutzrechtlich festgesetzten Schutzgebiete bedarf es verständlicher und
effektiv anzuwendender Regeln. Erhöhter Handlungsbedarf besteht insbesondere für über-
geleitete Alt-Schutzgebiete mit Rechtsgrundlagen von vor 1991 und zur Anpassung an die
FFH-Erhaltungsziele.
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.1.10)
Zur weiteren Gebietsentwicklung des Naturschutzgebietes „Königsbrücker Heide“ ist die auf
das Hauptziel Prozessschutz ausgerichtete Fachplanung umzusetzen (Naturentwicklungs-
zone) und die weiteren Schutzfunktionen der umgebenden Zonen (Zone der gelenkten Suk-
zession, Pflegezone) sind zu verbessern. Die Gebietsentwicklung ist durch ein langfristiges
Monitoring zu dokumentieren.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 37
2.3
Boden
2.3.1 Einführung
Der Erhalt der Böden mit ihren natürlichen Bodenfunktionen ist insbesondere im Boden-
schutzrecht (Bundes-Bodenschutzgesetz, Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung
[BBodSchV] vom 12. Juli 1999 [BGBl. I S. 1554], zuletzt geändert durch Artikel 5 Abs. 31
des Gesetzes vom 24. Februar 2012 [BGBl. I S. 212, 262], Sächsisches Abfallwirtschafts-
und Bodenschutzgesetz [SächsABG] in der Fassung der Bekanntmachung vom 31. Mai
1999 [SächsGVBl. S. 261], zuletzt geändert durch Artikel 7 des Gesetzes vom 6. Juni 2013
[SächsGVBl. S. 451, 469]) und im Naturschutzrecht (Bundesnaturschutzgesetz, Sächsisches
Naturschutzgesetz) verankert. Darüber hinaus beinhalten eine Vielzahl weiterer Gesetzge-
bungen Teilaspekte zum Bodenschutz (zum Beispiel Klärschlammverordnung [AbfKlärV]
vom 15. April 1992 [BGBl. I S. 912], zuletzt geändert durch Artikel 5 Abs. 12 des Gesetzes
vom 24. Februar 2012 [BGBl. I S. 212, 249], Baugesetzbuch, Bundesberggesetz [BBergG]
vom 13. August 1980 [BGBl. I S. 1310], zuletzt geändert durch Artikel 15a des Gesetzes vom
31. Juli 2009 [BGBl. I S. 2585, 2619], Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwir-
kungen durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge
[Bundes-Immissionsschutzgesetz – BImSchG] in der Fassung der Bekanntmachung vom
17. Mai 2013 [BGBl. I S. 1274], zuletzt geändert durch Gesetz vom 2. Juli 2013 [BGBl. I
S. 1943]). Neben den gesetzlichen Regelungen werden durch Fördermaßnahmen vor allem
im landwirtschaftlichen Bereich (Agrarumweltmaßnahmen) Anliegen des Bodenschutzes
unterstützt.
Im Rahmen der Regional- und Landschaftsplanung sind, neben den im Gliederungspunkt III
des Landesentwicklungsplanes aufgeführten Zielen und Grundsätzen der Raumordnung, die
folgenden Aspekte zum Schutz des Bodens maßgeblich.
2.3.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen
2.3.2.1 Böden mit besonderer Funktionalität
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.3.3)
Für die Abgrenzung und kartografische Darstellung der Böden mit besonderer Funktionalität
– gemäß Kapitel 4.1.3 zum Bodenschutz im Festlegungsteil – stehen im LfULG Karten der
bodenkundlichen Landesaufnahme im Maßstab von 1 : 50 000 (BK50), das Sächsische Bo-
denbewertungsinstrument sowie Auswertungskarten mit fachlichen Informationen zum
Schutz des Bodens zur Verfügung (vergleiche
http://www.boden.sachsen.de/bodenfunktionen).
2.3.2.2 Flächenverbrauch, Bodenversiegelung
Erläuterung (Bezug zu G 2.2.1.1, Z 2.2.1.3, Z 2.2.1.5, Z 2.2.1.6, Z 2.2.1.7, Z 2.2.1.9, G
4.1.1.1, Z 4.1.1.2, Z 4.1.1.3, G 4.1.1.18, G 4.1.1.19)
Für eine Reduzierung der Flächenneuinanspruchnahme sollen Brachen, Baulücken und un-
tergenutzte Flächen des vorhandenen Siedlungsbestandes bei Bedarf vorrangig genutzt
werden.
Als Maßnahmen für eine effiziente Flächennutzung und Reduzierung der Flächenneuinan-
spruchnahme sind die im Gliederungspunkt II genannten Handlungsschwerpunkte (Festle-
gungen) beziehungsweise das Sächsische Handlungsprogramm zur effektiven Flächennut-
zung
(http://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/138434)
heranzuziehen.

38
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Informationen zur Lage, Größe und Qualität von Brachen und Baulandreserven sind im Frei-
staat Sachsen unvollständig vorhanden. In den Brachflächenkatastern der Landesdirektion
Sachsen oder in verschiedenen Brachflächenerfassungen von kommunalen und regionalen
Planungsebenen können nach Bedarf Flächeninformationen bereitgestellt werden. Diese
Informationen sind für eine Reduzierung der Flächenneuinanspruchnahme planerisch heran-
zuziehen und für diese zu bewerten.
Böden mit besonderer Bedeutung für den Natur- und Wasserhaushalt sowie für landwirt-
schaftliche Nutzungen sollen vor Abgrabung und Versiegelung gesichert werden. Hinweise
zu Informationen über Böden mit besonderer Bedeutung sind unter anderem Kapitel 2.3.2.1
im Anhang zu entnehmen.
Das „Flächensparen“ ist zu dokumentieren. Dazu soll ein „Flächenmonitoring“ ausgebaut und
weiterentwickelt werden.
2.3.2.3 Erosionsgefährdete Böden
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.3.4 und Z 4.2.1.2)
Die auf Ackerland flächenhaft wirksame Erosionsschutzmaßnahme der „dauerhaft konservie-
renden Bodenbearbeitung“ wird vorrangig durch die landwirtschaftliche Beratung und Förde-
rung etabliert.
Die gleichen Erosionsschutzmaßnahmen wirken auch auf winderosionsgefährdeten Acker-
flächen. Eine „hohe“ bis „sehr hohe“ standortabhängige Winderosionsgefährdung nach
DIN 19706 ist in Sachsen auf circa 7 Prozent der Ackerfläche verbreitet.
Etwa 1,5 Prozent der ackerbaulich genutzten Böden Sachsens entsprechen aufgrund ihrer
„besonderen Erosionsgefährdung“ dem im Kapitel 4.1.1 und 4.1.3 im Festlegungsteil ge-
nannten Kriterium für die Festlegung von „Sanierungsbedürftigen Bereichen der Landschaft“.
Hierzu gehören Steillagen und reliefbedingte Abflussbahnen (Abflusskonzentration in Hang-
rinnen, Tiefenlinien), in denen bei vegetationsfreien Böden Starkregenereignisse außeror-
dentlich hohe Erosionsraten auslösen. Auf diesen Böden sind dauerhafte Vegetationsfor-
men, wie Dauergrünland, Staudenfluren, Gehölze beziehungsweise Wald, zu entwickeln.
Eine Umnutzung dieser Ackerflächen hat vielfältige positive Effekte zur Biotopvernetzung
und Biodiversität in Agrarlandschaften sowie zum Landschaftsbild und kann zum Ziel der
Waldmehrung beitragen.
Generell führen Maßnahmen gegen Bodenerosion zu einem verbesserten Wasser- und
Nährstoffrückhalt in der Landschaft und sind demzufolge effektive Maßnahmen zur Erfüllung
der WRRL und des Hochwasserschutzes. Durch geeignete Bewirtschaftung soll der Eintrag
von Boden in die Gewässer (Fließgewässer und Talsperren, Hochwasserrückhaltebecken
und Speicher) ausgeschlossen beziehungsweise auf ein Minimum zu reduziert werden.
Für die Regional- und Landschaftsplanung stellt das LfULG Erosionsgefährdungskarten zur
Verfügung, aus denen die unterschiedlichen Erosionsgefährdungen der Böden hervorgehen
(vergleiche
http://www.boden.sachsen.de/bodenfunktionen).

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 39
2.3.2.4 Böden mit erhöhten Schadstoffgehalten
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.3.4)
Böden mit Anhaltspunkten für großflächig schädliche stoffliche Bodenveränderungen sind im
Rahmen der Regionalplanung weiter zu konkretisieren und entsprechend Kapitel 4.1.1 und
4.1.3 im Festlegungsteil als „Sanierungsbedürftige Bereiche der Landschaft“ festzulegen.
Im Freistaat Sachsen finden sich Gebiete mit flächenhaft erhöhten Gehalten an Arsen und
Schwermetallen im Boden. Ursache dafür sind die geologische Ausstattung der Gesteine,
die Bildung von oberflächennahen Lagerstätten sowie die deshalb seit Jahrhunderten erfolg-
te bergbauliche und industrielle Tätigkeit des Menschen.
Eine systematische Untersuchung der Schadstoffgehalte in Böden erfolgte durch das LfULG
mit Hilfe von Bodenmessnetzen. Auf dieser Grundlage konnten geochemische Übersichts-
karten erstellt werden
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/boden/11646.htm).
Die Berei-
che mit Anhaltspunkten für großflächig schädliche stoffliche Bodenveränderungen umfassen
die Bergbau- und Hüttenregionen im Erzgebirge und Vogtland und die Auen der diese Ge-
biete entwässernden Fließgewässer.
Nach landesweiten Auswertungen des LfULG finden sich auf etwa 100 000 ha landwirt-
schaftlich genutzter Fläche Anhaltspunkte für das flächenhafte Auftreten schädlicher Boden-
veränderungen aufgrund erhöhter Konzentrationen an Arsen, Cadmium und Blei. Die Gefah-
renabwehr im Bereich der Landwirtschaft wird zumeist durch Schutz- und Beschränkungs-
maßnahmen sichergestellt. Auch Flächennutzungen innerorts sind von den Belastungen
betroffen; in den Kernregionen der Bergbau- und Hüttentätigkeit werden hier zumeist beson-
ders hohe Konzentrationen angetroffen. Spielflächen und Wohngebiete sowie Park- und
Freizeitflächen sind dabei ebenso zu betrachten wie zum Beispiel Kleingartenanlagen und
Wohngärten, in denen neben dem möglichen direkten Kontakt des Menschen mit dem belas-
teten Boden auch der Transfer in die dort angebauten und nachfolgend verzehrten Nah-
rungspflanzen zu Risiken führen kann. Die Aufgaben zum Gefahrenmanagement werden
sowohl im Bereich der Landwirtschaft als auch im Siedlungsbereich dauerhaft verbleiben;
vorhandene und gegebenenfalls neue Informationssysteme sind daran auszurichten.
Damit die Ziele aus Kapitel 4.1.1 und 4.1.3 im Festlegungsteil im Hinblick auf Böden mit
großflächigen schädlichen stofflichen Bodenveränderungen erreicht werden können, ist unter
anderem Folgendes erforderlich:
-
Untersuchung und Konkretisierung des Gefahrenverdachtes von Schadstoffen im Boden
entsprechend den bodenschutzrechtlichen Regelungen in den auf Grund von Anhalts-
punkten abzugrenzenden Gebieten (gegebenenfalls sind Maßnahmen zur Gefahrenab-
wehr beziehungsweise Vorsorge vorzunehmen),
-
Sanierungsmaßnahmen in Abhängigkeit von Art und Intensität der Schadstoffbelastung
und den betroffenen Pfaden, zum Beispiel durch langzeitige Bodenbedeckung mit Vege-
tation, gegebenenfalls Bodenversiegelung, Bodenaustausch beziehungsweise –
überdeckung,
-
Vermeidung beziehungsweise Reduzierung von (weiteren) Schadstoffeinträgen durch
Anpassen der Nutzung und Bewirtschaftung der Böden auf gärtnerisch, land- oder forst-
wirtschaftlich genutzten Flächen,
-
Sicherstellung einer Erzeugung von, mit Blick auf die Belastung, unbedenklichen Lebens-
und Futtermitteln auf schwermetallbelasteten Flächen. Wo dieses nicht sichergestellt
werden kann, ist eine Aufgabe der Nutzung für die Erzeugung von Lebens- und Futter-
mitteln erforderlich; eine Alternative bietet der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen,
zum Beispiel Biomasse zur energetischen Nutzung.

40
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
2.4
Wasser
2.4.1 Einführung
In Sachsen besteht ein dichtes Fließgewässernetz mit einer Gesamtlänge von circa 23 770
km. Davon entfallen circa 180 km auf die Elbe (Bundeswasserstraße) und circa 2 900 km auf
Gewässer 1. Ordnung. 617 Fließgewässer-Wasserkörper unterliegen der Überwachung und
Berichtspflicht nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) (in der Regel Einzugsgebiet von
mindestens 10 km² beziehungsweise Abschnittslänge von mindestens 5 km).
Größere natürliche Stillgewässer glazialer Herkunft (zum Beispiel Seen) fehlen in Sachsen.
Es gibt aber eine Vielzahl an kleinen, auch natürlich (zum Beispiel Moorgewässer) entstan-
denen Stillgewässern < 1 ha Größe sowie an künstlich geschaffenen Teichen, Talsperren,
Bergbaufolgeseen und anderen Wasserspeichern.
Entsprechend der Bestandsaufnahme nach der WRRL und der Biotoptypen- und Landnut-
zungskartierung (BTLNK, Befliegung 2005) existieren in Sachsen 34 Standgewässer-
Wasserkörper mit einer Größe von mindestens 50 ha (zusammen circa 5 600 ha), die der
Berichtspflicht der WRRL unterliegen, weitere 37 Bergbaufolgeseen mit einer Fläche von
mindestens 50 ha (zusammen circa 14 500 ha), die aber noch nicht der Berichtspflicht der
WRRL unterliegen, sowie circa 28 000 Standgewässer, die jeweils kleiner als 50 ha sind (zu-
sammen circa 14 500 ha). Darunter sind circa 1 000 temporäre Kleingewässer und Tümpel
sowie circa 22 300 Gewässer mit jeweils weniger als 1 ha Größe, weiterhin circa 1 400 Tei-
che zwischen 1 und 50 ha Größe. Sachsen zählt in Deutschland zu den Bundesländern mit
den meisten Stauanlagen, insbesondere Talsperren. So ist die LTV für rund 140 Stauanla-
gen (einschließlich Vorsperren und Vorbecken) mit circa 600 Millionen Kubikmetern bewirt-
schaftetem Gesamtstauraum verantwortlich.
In Abhängigkeit von den hydrogeologischen Verhältnissen sowie von Niederschlägen und
Oberflächengestalt gehört der größte Teil Sachsens (70 bis 80 Prozent), insbesondere im
Berg- und Hügelland, zu den grundwasserarmen Gebieten. Dort, wo pleistozäne Schotter
verbreitet sind, findet man reiche Grundwasservorkommen. Die Grundwasservorkommen der
Talauen besitzen neben den Talsperren des Erzgebirges hohe Bedeutung für die Trinkwas-
serversorgung. In Sachsen sind im Zuge der Kartierung nach der WRRL 83 Grundwasser-
körper nach geologischen, hydrologischen und geohydraulischen Kriterien abgegrenzt wor-
den. Davon befinden sich 70 Grundwasserkörper in sächsischer Bewertungszuständigkeit,
da der Hauptanteil dieser Grundwasserkörper auf sächsischem Gebiet liegt.
Die Gewässer besitzen eine sehr große ökologische und wirtschaftliche Bedeutung, unter
anderem:
-
für die Regulierung des Landschaftswasserhaushaltes und des lokalen/regionalen Kli-
mas,
-
als Lebensraum für spezifisch angepasste Biozönosen,
-
für den Biotopverbund,
-
für Landschaftscharakter, -gliederung und -bild,
-
für Erholung, Sport und Freizeit,
-
für die Trink- und Brauchwasserversorgung von Bevölkerung, Industrie und Landwirt-
schaft,
-
für den Hochwasserschutz und -abfluss,
-
für die Bewässerung,
-
für die Fischerei,
-
für die Energiegewinnung,
-
für die Schifffahrt,
-
für die Wiederherstellung eines ausgeglichenen Wasserhaushaltes in den Braunkohlen-
bergbaugebieten,
-
für die Gewährleistung der Mindestwasserführung und die Steuerung der Fließgewässer-
qualität im Lausitzer Braunkohlenrevier.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 41
Bereits diese Aufzählung, die keine Rangfolge oder Gewichtung beinhaltet, macht deutlich,
dass es eine große Herausforderung darstellt, die verschiedenen Ansprüche an die Gewäs-
ser miteinander in Einklang zu bringen. Die im Jahr 2000 in Kraft getretene WRRL hat sich
dies zum Ziel gesetzt und den Zustand der Oberflächengewässer sowie des Grundwassers
in den Mittelpunkt gerückt. Bis 2015 beziehungsweise mit Fristverlängerung auch später be-
stehen für Oberflächenwasserkörper die Ziele, einen guten ökologischen Zustand bezie-
hungsweise ein gutes ökologisches Potenzial (für alle erheblich veränderten und künstlichen
Gewässer) und einen guten chemischen Zustand, für die Grundwasserkörper einen guten
mengenmäßigen und einen guten chemischen Zustand zu erreichen.
Auf der Grundlage von wasserkörperbezogenen Bewertungen wurden Bewirtschaftungsplä-
ne und Maßnahmenprogramme für die Flussgebietseinheiten Elbe und Oder erarbeitet. Mit
ihrem Inkrafttreten zum 22. Dezember 2009 existieren behördenverbindliche Planungen zur
Bewirtschaftung von Grund- und Oberflächenwasserkörpern in hydrologischen Flussgebiets-
einheiten, die dazu dienen, die WRRL-Umweltziele an allen Grund- und Oberflächenwasser-
körpern im Freistaat Sachsen bis 2015, 2021 oder 2027 zu erreichen.
Voraussetzung für die Erreichung der WRRL-Umweltziele für Oberflächenwasserkörper
(OWK) bilden neben den Maßnahmen im gewässerstrukturellen Bereich auch Sanierungs-
maßnahmen im stofflichen Bereich (zum Beispiel Verringerung von Nähr- und Schadstoffein-
trägen aus den Einzugsgebieten der OWK oder Verminderung beziehungsweise Beseitigung
braunkohlenbergbaubürtiger Stoffeinträge) sowie in anderen Bereichen mit Einfluss auf den
Gewässerzustand (zum Beispiel Wiederherstellung eines sich weitgehend selbst regulieren-
den Wasserhaushaltes in den Braunkohlenbergbauregionen).
Da es zwischen der Umsetzung der Maßnahmen zur Erreichung der Ziele der WRRL und
naturschutzfachlichen Belangen vielfältige Wechselwirkungen und Synergien gibt, ist deren
Umsetzung auch im Interesse des Biodiversitätsschutzes in und an Gewässern. Dies erfor-
dert eine Abstimmung zwischen Gewässerschutz/-entwicklung und Naturschutz, zum Bei-
spiel ein Abgleich der Maßnahmen zur Umsetzung der WRRL und der FFH-RL. Weitere In-
formationen zu Bewertung, Zielen und Maßnahmen sind auch den zugehörigen sächsischen
Hintergrunddokumenten zur Umsetzung der WRRL zu entnehmen.
Durch die Ergebnisse der Überwachungsprogramme zur Umsetzung der WRRL sowie durch
die Ersterfassung und das Monitoring nach der FFH-RL haben sich die Kenntnisse zum öko-
logischen und chemischen Zustand sowie zu den Lebensraumtypen und Arthabitaten der
Gewässer in den letzten Jahren immens erweitert. Ausführliche Informationen dazu können
auf den Internetseiten des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geo-
logie im Portal Umwelt auf den Seiten Wasser, Wasserwirtschaft (hier insbesondere Europä-
ische Wasserrahmenrichtlinie) sowie auf den Seiten Natur, Biologische Vielfalt (hier insbe-
sondere Natura 2000) eingeholt werden.
Von den 651 OWK wurden 487 (75 Prozent) als natürliche, 144 (22 Prozent) als erheblich
veränderte und 20 (3 Prozent) als künstliche Wasserkörper eingestuft. Im Zusammenhang
mit der WRRL wurde eine bundesweite Typologie für natürliche Fließgewässer beziehungs-
weise -abschnitte erstellt, wobei für Sachsen 14 Fließgewässertypen zu unterscheiden sind.
In der Ökoregion Mittelgebirge dominieren bezüglich der Anzahl die Silikatischen Mittelge-
birgsbäche, gefolgt von den Silikatischen Mittelgebirgsflüssen, in der Ökoregion Flachland
die Sandgeprägten Tieflandsbäche, gefolgt von den Lehmgeprägten Tieflandsbächen.
Grundlage für die Einstufung des ökologischen Zustandes der Gewässer sind die vier biolo-
gischen Qualitätskomponenten Benthische Invertebraten (sichtbare Wirbellosenfauna des
Gewässerbodens), Fische, Phytoplankton (im Wasser schwebende pflanzliche Organismen)
und Makrophyten/Phytobenthos (höhere Wasserpflanzen, Moose und Armleuchteralgen / am
Gewässerboden lebende Algen, insbesondere Kieselalgen) sowie bestimmte Schadstoffe mit
ökotoxikologischer Wirkung (zum Beispiel Arsen, Kupfer oder bestimmte Pflanzenschutzmit-
tel).
Wegen der großen Bedeutung der Gewässerstruktur für die Habitatausprägungen der Ge-
wässerbiozönose wurde in den Jahren 2006 bis 2008 in Sachsen eine detaillierte Kartierung

42
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
der Gewässerstruktur nach dem LAWA-Vor-Ort-Verfahren für alle WRRL-relevanten Fließ-
gewässer durchgeführt. Der chemische Zustand wird anhand bestimmter, für die Umwelt
besonders gefährlicher Schadstoffe (zum Beispiel Metalle wie Cadmium, Industriechemika-
lien wie Weichmacher in Kunststoffen, Pestizide, andere Schadstoffe wie ausgewählte Po-
lyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Nitrat) beurteilt. Für die betreffenden
Schadstoffe wurden europaweit geltende Umweltqualitätsnormen und Orientierungswerte
festgelegt.
Die oben genannten Gewässerstrukturkartierung erbrachte für die WRRL-relevanten Ge-
wässer (circa 7 000 km kartierte Fließgewässerstrecke) folgendes Ergebnis: Insgesamt wur-
den nur circa 4 Prozent der kartierten Gewässerstrecken als „unverändert“ (nur 0,4 Prozent)
beziehungsweise „gering verändert“ (3,6 Prozent) eingestuft, rund 12,5 Prozent als „mäßig
verändert“, rund 48 Prozent als „deutlich“ bis „stark verändert“ und 26 Prozent als „sehr
stark“ bis „vollständig verändert“ (Rest zu 100 Prozent: keine Daten, trocken oder Standge-
wässer).
Unter die 26 Prozent, die als „sehr stark“ und „vollständig verändert“ kartiert wurden, fallen
insbesondere Gewässerabschnitte in dicht besiedelten Gebieten und in Bergbauregionen
des Braunkohlentagebaus. Die Bewertung bringt zum Ausdruck, dass es unter den für die
WRRL relevanten Fließgewässern in Sachsen nur noch sehr wenige Gewässerabschnitte
gibt, die bezüglich der Struktur „unverändert“ (nur circa 26 km) und „gering verändert“ (circa
275 km) sind. Diese wenigen noch naturnah erhaltenen Gewässerabschnitte bedürfen eines
besonderen Schutzes. Die Zahlen bringen darüber hinaus zum Ausdruck, dass es einen er-
heblichen Bedarf für Maßnahmen zur Aufwertung der Gewässerstrukturen gibt. Diese Maß-
nahmen sollten dort, wo es die Nutzungsanforderungen gestatten, konsequent vorangetrie-
ben werden, um die Ziele der WRRL und FFH-RL erreichen zu können.
Die Gewässerstruktur und -durchgängigkeit wird durch zahlreiche Querbauwerke in den
Fließgewässern beeinträchtigt. Dazu zählen Staumauern, Wehre und Abstürze, die ver-
schiedene Funktionen erfüllen, so unter anderem das Aufstauen der Gewässer in Talsperren
zur Trink- und Brauchwasserbereitstellung, Rückhaltebecken zum Hochwasserschutz und
Wasserkraftanlagen zur Energieerzeugung, aber auch zur Stabilisierung der Gewässersohle
in begradigten Gewässerabschnitten. Viele, aber längst nicht alle Querbauwerke sind für die
aktuellen Gewässernutzungen notwendig. Die sächsische Wehrdatenbank umfasst (Stand
Januar 2011) über 2 600 Querbauwerke, wovon circa 2/3 für Fische im Aufstieg als nicht
passierbar bewertet werden. Inzwischen gibt es zwar auch über 300 Fischaufstiegsanlagen,
die aber wiederum nur circa zur Hälfte als voll funktionsfähig eingeschätzt werden konnten
(HAHN 2011). Die weitere Verbesserung der Gewässerdurchgängigkeit der sächsischen
Flüsse und Bäche herzustellen, unter anderem durch die weitere Umsetzung des Gewässer-
durchgängigkeitsprogramms, bleibt auch zukünftig eine der wichtigsten Aufgaben zur Ver-
besserung des ökologischen Zustandes der Fließgewässer.
Im Ergebnis der Bewertung des Zustandes der WRRL-relevanten Gewässer ist festzuhalten,
dass die meisten Gewässer das Ziel eines guten Zustandes beziehungsweise eines guten
Potenzials bis 2015 noch nicht erreichen können und dafür eine Fristverlängerung bis 2021
oder 2027 benötigen. Ursächlich dafür sind vor allem morphologische Veränderungen insbe-
sondere zwischen circa 1850 und circa 1970 (zum Beispiel Begradigung, Eintiefung und Be-
festigung) und Abflussregulierungen (Querbauwerke), Nähr- und Schadstoffeinträge aus
diffusen Quellen (Landwirtschaft, Siedlungen) und Punktquellen (Kläranlagen, Altbergbau,
Altlasten) sowie komplexe Belastungen durch den Braunkohlenbergbau und die vielen Anla-
geneigentümern fehlenden finanziellen Kapazitäten zur Wiederherstellung der ökologischen
Durchgängigkeit.
Im Jahr 2009 befanden sich 4 Prozent der Fließgewässer-Wasserkörper, 32 Prozent der
Standgewässer-Wasserkörper und 49 Prozent der Grundwasserkörper in einem guten Zu-
stand. Bei weiteren 7 Prozent der Fließgewässer-Wasserkörper wurde abgeschätzt, dass der
gute Zustand bis 2015 erreicht werden kann, wenn die notwendigen Maßnahmen umgesetzt
beziehungsweise positive natürliche Entwicklungen nicht gestört werden (LfULG 2010).

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 43
In Sachsen kommen vier FFH-LRT der Stillgewässer und zwei FFH-LRT der Fließgewässer
vor, wovon die Fließgewässer mit Unterwasservegetation (LRT 3260) entsprechend der Be-
richtspflicht 2001 bis 2006 aus landesweiter Sicht einen unzureichenden Erhaltungszustand
aufweisen. Zahlreiche weitere FFH-LRT sind an Quellbiotope (zum Beispiel 7220 Kalktuff-
Quellen), Überflutung in Auen (zum Beispiel 91E0 Erlen-, Eschen- und Weichholzauenwäl-
der) und/oder hohen (Grund-)Wasserstand gebunden, zum Beispiel die LRT der Moor- und
Sumpfbiotope. Einige von ihnen weisen einen unzureichenden (zum Beispiel 91E0 Erlen-,
Eschen- und Weichholzauenwälder, 91F0 Hartholzauenwälder, 7 110 Lebende Hochmoore)
oder sogar schlechten Erhaltungszustand (zum Beispiel 7 210 Kalkreiche Sümpfe, 91D0
Moorwälder) auf. Ursächlich dafür sind nicht zuletzt Veränderungen im natürlichen Wasser-
haushalt und in der Überflutungsdynamik durch anthropogene bauliche Veränderungen der
Gewässer und direkte Entwässerungen. Ähnlich wie bei der WRRL sind auch hier Maßnah-
men notwendig, um einen günstigen Erhaltungszustand dieser an Gewässer beziehungswei-
se das Grundwasser gebundenen Biotope herzustellen, wobei sich die Maßnahmen für die
konkreten FFH-Gebiete aus den jeweils aktuellen Managementplänen ableiten.
Neben den FFH-Lebensraumtypen sind auch viele Arten der Anhänge II und IV der FFH-
Richtlinie unmittelbar an fließende oder stehende Gewässer oder an Feucht- und Auenbioto-
pe gebunden. Zu nennen sind hier insbesondere die Vertreter der Fische/Rundmäuler (zum
Beispiel Groppe, Lachs), Amphibien (zum Beispiel Rotbauchunke, Kammmolch) und Libellen
(zum Beispiel Grüne Keiljungfer), aber auch Säugetiere (Biber, Fischotter) und Pflanzen
(zum Beispiel Scheidenblütgras, Froschkraut). Auch hier besitzen mehrere einen landesweit
unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand, was Erhaltungsmaßnahmen zur Ver-
besserung ihrer Habitate erfordert.
Der Freistaat Sachsen war auch in der jüngeren Vergangenheit (zum Beispiel in den Jahren
2002 und 2010) außergewöhnlichen Hochwasserereignissen ausgesetzt. Eine Reaktion auf
diese Ereignisse stellte die Aufstellung von Hochwasserschutzkonzepten und ihre Integration
in Hochwasserrisikomanagementpläne dar. In Umsetzung dieser Konzepte und Pläne finden
derzeit verstärkt auch Maßnahmen des technischen Hochwasserschutzes an Gewässern
1. und 2. Ordnung statt, die von der LTV beziehungsweise den Gemeinden durchgeführt
werden. Dazu zählen vor allem der Neubau mehrerer Hochwasserrückhaltebecken, die Er-
tüchtigung und der Neubau von Deichen sowie überwiegend innerörtliche Hochwasser-
schutzmauern. Dabei treten nicht selten Konflikte mit den Umweltzielen der WRRL und FFH-
RL auf, die es zu managen und zu minimieren gilt, um den vielfältigen Anforderungen an die
Gewässer gerecht zu werden. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind insbesondere die Stand-
ortwahl für solche Anlagen sowie die Maßnahmen zur Minimierung und zum Ausgleich der
Beeinträchtigungen von Interesse, auch in Verbindung mit der Durchführung von Maßnah-
men der Eigenvorsorge und von vorbeugenden (nichttechnischen) Maßnahmen des Hoch-
wasserschutzes, denen unter Abwägung aller betroffenen Schutzgüter, wo immer möglich,
ein Vorrang eingeräumt werden sollte.
Ein bemerkenswertes historisches und hydrographisches Landschaftselement stellen Teiche
dar, deren Anlage und Nutzung bis in das 13. Jahrhundert (meist aber 15. bis 16. Jahrhun-
dert) zurückgeht. Teichgebiete finden sich in allen Teilen des Freistaates Sachsen. Ein be-
sonderer Vorkommensschwerpunkt liegt im Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet / Horn-
jołužiska hola a haty mit zahlreichen, zum Teil eng beieinander liegenden Teichgruppen. Die
sächsischen Teiche erfüllen nicht nur Nutzungsfunktionen, sondern stellen häufig auch na-
turschutzfachlich wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen dar, die es zu erhalten und
zu entwickeln gilt, was am besten im Einklang mit ihrer Bewirtschaftung erfolgen kann. Aus
der Sicht des Vogelschutzes bemerkenswerte Bereiche außerhalb der Oberlausitz sind zum
Beispiel die Moritzburger Teiche, das Wermsdorfer Teichgebiet und die Eschefelder Teiche.
Ein großer Teil der sächsischen Karpfenteichgebiete ist Bestandteil des SPA-Netzes der
Europäischen Vogelschutzgebiete.
Tagebaurestseen und Baggerseen sind im Zusammenhang mit Bergbau auf Braunkohle
oder Kies entstanden beziehungsweise im Entstehen begriffen. Räumliche Schwerpunkte
bilden dabei das Lausitzer Braunkohlenrevier und das Mitteldeutsche Revier. Hier sind gan-

44
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
ze Seen-Landschaften in Entwicklung, die das Landschaftsbild und den regionalen Land-
schafts(wasser)haushalt, aber auch das Nutzungspotenzial erheblich verändern. Der aktive
Braunkohlenbergbau und die Rekultivierung ausgekohlter Tagebaue hat massive Verände-
rungen der Gewässerlebensräume und grundwasserabhängigen Biotope zur Folge, indem
Gewässer verlegt, Grundwasser abgesenkt und Sümpfungswässer eingeleitet wur-
den/werden. Im Zuge der Wiedernutzbarmachung können durch die Flutung und den
Grundwasserwiederanstieg dann neue Gewässerlebensräume entstehen oder werden be-
wusst geschaffen
2.4.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen
Karten:
Grund- und Oberflächenwasserkörper, die gemäß WRRL die Umweltziele noch nicht vollum-
fänglich erreicht haben, sind im Internet in den interaktiven Karten
„Zustand
der
Grundwas-
serkörper
(Stand
12/2009)“
und
„Zustand
der
Oberflächenwasserkörper
(Stand
12/2009)“
dargestellt
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/wasser/9117.htm).
FZ 24 (Bezug zu G 4.1.1.5)
Gewässer mit ihren Ufer- und Auenbereichen sollen in ihrer naturraumtypischen Aus-
prägung als wesentliche Komponenten des Naturhaushaltes, als Lebensräume von
Pflanzen und Tieren und als landschaftsprägende Bestandteile unter Beachtung der
Erfordernisse des Biotopverbundes geschützt, entwickelt und, wo erforderlich und
möglich, wieder hergestellt werden.
Gewässer erfüllen als „Lebensadern der Landschaft“ sehr vielfältige Funktionen. Durch dy-
namische Prozesse wie Überflutung, Erosion und Sedimentation haben sie vielfältig struktu-
rierte Auenlandschaften geschaffen, die ebenso wie die Gewässer selbst Lebensräume spe-
zifischer Artengemeinschaften darstellen. Die Nutzung des Wassers als Nahrungsgrundlage,
Transportmedium und Energiequelle spielt in der kulturellen und technischen Entwicklung
Sachsens eine zentrale Rolle. Gerade die linearen Fließgewässer sind für viele Organismen
Wander- und Ausbreitungskorridore und haben damit eine wichtige Biotopverbundfunktion.
Gemeinsam mit gewässer- und auentypischen Biotopen und Nutzungsformen prägen sie in
vielfältiger Weise das Landschaftsbild und beeinflussen das lokale/regionale Klima (zum Bei-
spiel Kaltluftabfluss in Talräumen der Gewässer). Intakte Gewässer verfügen über die Fähig-
keit zur natürlichen Selbstreinigung.
Im Laufe der Zeit wurden die Gewässer vielfältig verändert, teilweise auch neue Gewässer
geschaffen (zum Beispiel Fischteiche, Talsperren, Bergbaufolgeseen) oder Gewässer verlegt
beziehungsweise beseitigt, um sie den Nutzungserfordernissen der Schifffahrt, Fischerei,
Energiegewinnung, Braunkohlengewinnung, Trinkwasserversorgung, Bewässerung, Entwäs-
serung, des Sports und der Erholung anzupassen.
Durch die umfassenden Nutzungsansprüche an die Gewässer unterliegen diese auch vielfäl-
tigen Gefährdungen, zum Beispiel durch naturferne Verbauungen, Querbauwerke, Stoffein-
träge, Ausbreitung von Neobiota. Insbesondere die noch verbliebenen naturnahen Gewässer
und die mit ihnen funktional verbundenen Ufer und Auen bedürfen deshalb eines besonde-
ren Schutzes vor negativen Strukturveränderungen und Beeinflussungen der Gewässerdy-
namik (vergleiche Z 4.1.1.3). Bereits veränderte Gewässer sollen, wenn es die Nutzungsan-
forderungen erlauben, möglichst naturnah entwickelt werden (vergleiche Z 4.1.2.3). Beseitig-
te Gewässer sollen nach Möglichkeit wieder hergestellt werden. Eine naturnahe Gewässer-
entwicklung braucht vor allem Raum für dynamische Prozesse, weshalb ein besonderes Au-
genmerk auf eine entsprechende Flächenverfügbarkeit entlang von prioritären Gewässerab-
schnitten zu richten ist.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 45
Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie
FZ 25
Um die Umweltziele der WRRL erreichen zu können, sind Gewässer ökologisch zu un-
terhalten und durch geeignete Maßnahmen in einen naturnäheren Zustand zu bringen.
Durch angepasste Bewirtschaftungsformen, insbesondere auf landwirtschaftlichen
Flächen, sind die Einträge von Nähr- und Schadstoffen aus dem Einzugsgebiet weiter
zu verringern.
Die Zuständigkeit für die Unterhaltung der Gewässer ist gesetzlich geregelt. In innerörtlichen
Gewässerabschnitten sowie Bereichen, in denen der Abflussquerschnitt zuzuwachsen droht,
beschränkt sich die Unterhaltung der Gewässer oftmals auf die Gewährleistung des schadlo-
sen Wasserabflusses, was in der gängigen Praxis bedeutet, dass die Gewässersohle regel-
mäßig beräumt beziehungsweise entkrautet, das Ufer gemäht und entstandene Uferschäden
beseitigt werden. Damit werden die grundlegenden Anforderungen des Sächsischen Was-
sergesetzes erfüllt. Maßnahmen zur ökologischen Entwicklung des Gewässers oder des ge-
setzlich festgelegten Gewässerrandstreifens erfolgen zumeist nicht, da insbesondere die
Gemeinden als Unterhaltungslastträger der Gewässer zweiter Ordnung die dazu notwendi-
gen finanziellen Mittel und ausreichend qualifiziertes Personal nicht zur Verfügung haben.
Ein weiteres Problem besteht in der Flächenverfügbarkeit für die Umsetzung von Maßnah-
men.
Eine unzureichende Gewässerunterhaltung kann Hochwassersituationen örtlich verschärfen.
Ziel der zukünftigen Unterhaltung beziehungsweise des Ausbaus der Gewässer muss daher
die naturnahe Entwicklung der Gewässer sein, da dadurch auch die Umweltziele der WRRL
erreichbar sind.
Folgende Aktivitäten sind dazu geeignet:
-
ökologischere Ausrichtung der Gewässerunterhaltung (zum Beispiel Anpflanzung stand-
ortgerechter gebietsheimischer Gehölze im Gewässerrandstreifen), insbesondere durch
Anwendung ingenieurbiologischer Bauweisen, mit dem Ziel, eine eigendynamische Ent-
wicklung der Gewässer und, dort wo möglich, der Gewässerrandstreifen zu befördern,
um Unterhaltungskosten zu minimieren und vorbeugenden Hochwasserschutz zu betrei-
ben,
-
Förderung der natürlichen Gewässerentwicklung, um die „fließende Retention“ zu erhö-
hen, die bei mäandrierenden Gewässern erheblich höher ist als bei eingetieften und be-
gradigten Gewässern,
-
Nutzung der Hochwasserschadensbeseitigung zur naturnäheren Gestaltung der Gewäs-
serabschnitte, zum Beispiel durch Ersatz von hartem Uferverbau durch ingenieurbiologi-
sche Bauweisen.
FZ 26 (Bezug zu Z 4.1.2.3)
Auch für Quellbereiche sowie kleine Fließ- und Standgewässer, die keiner Überwa-
chung oder Berichtspflicht nach der WRRL unterliegen, soll ein sinngemäß guter öko-
logischer und guter chemischer Zustand erreicht sowie eine entsprechende Lebens-
raumfunktionalität erhalten oder entwickelt werden.
Die Umweltziele der WRRL gelten prinzipiell für alle Gewässer. In den Überwachungspro-
grammen und Berichtspflichten, ebenso in den Maßnahmenprogrammen, können aus orga-
nisatorischen Gründen in der Regel jedoch nur größere Gewässer Beachtung finden. So
werden Stillgewässer erst ab einer Größe von 50 ha bewertet, die Gewässerstrukturgüte für
Fließgewässer erst ab einem oberirdischen Einzugsgebiet von 10 km
2
. Dieses Vorgehen
folgt den Empfehlungen und fachlichen Leitlinien der EU und der LAWA, wonach Fließge-
wässer-Wasserkörper der WRRL im Regelfall ein Einzugsgebiet von mindestens 10 km
2
be-
ziehungsweise eine Abschnittslänge von mindestens 5 km und Standgewässer-

46
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Wasserkörper eine Wasseroberfläche von mindestens 50 ha aufweisen sollen. Viele Quell-
bereiche und kleine Fließgewässer sowie die überwiegende Mehrzahl der Stillgewässer wer-
den nicht durch die Messnetze zur Umsetzung der WRRL überwacht. Beispielsweise gibt es
entsprechend der BTLNK mit Befliegungsdaten von 2005 in Sachsen circa 28 000 Stillge-
wässer, die kleiner als 50 ha sind (vergleiche Kapitel 2.4.1). Insgesamt nehmen diese klei-
nen Stillgewässer unter 50 ha Größe eine Gesamtfläche in Sachsen von circa 14 500 ha ein.
Im Rahmen der laufenden Umsetzung der Maßnahmenprogramme werden aber auch kleine-
re, nicht WRRL-berichtspflichtige Gewässer mit betrachtet, wenn dort Maßnahmen umge-
setzt werden können, die zu einer ökologischen Aufwertung des eigentlichen WRRL-
relevanten Gewässers führen können.
Quellbereiche und kleine Gewässer sind naturschutzfachlich ebenfalls sehr bedeutsam und
weisen, wie größere Gewässer auch, sehr unterschiedliche Zustände auf. Neben naturnahen
Ausprägungen gibt es viele anthropogen überprägte kleine Gewässer, die ihre naturhaus-
haltlichen Funktionen nur noch eingeschränkt erfüllen. Zusätzlich zu den WRRL-relevanten
größeren Gewässern sollen deshalb auch diese kleinen Gewässer naturnah erhalten oder,
wo notwendig und in Abwägung mit den Nutzungserfordernissen möglich, wieder naturnah
gestaltet werden.
Folgende Maßnahmen sind in Quellbereichen und an kleinen Gewässern unter anderem
erforderlich:
-
Identifikation besonders bedeutsamer kleiner Gewässer und Quellbereiche durch die
Landschaftsrahmenplanung
-
Wiederherstellung natürlicher Quellgebiete beziehungsweise Quellbereiche,
-
Sicherung oder Wiederherstellung des natürlichen Wasserhaushaltes, zum Beispiel
durch Vermeidung übermäßiger Wasserentnahmen,
-
naturnahe Gestaltung verrohrter oder anderweitig naturfern ausgebauter kleiner Gewäs-
ser, sofern nicht zwingende Gründe der Gewässernutzung und des Hochwasserschutzes
entgegenstehen (vergleiche Z 4.1.2.3),
-
Öffnung nicht mehr benötigter Dränagen und Wiederherstellung verrohrter Gewässer in
der Agrarflur, soweit möglich (vergleiche Z 4.1.2.3),
-
Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit kleiner Gewässer,
-
Erhaltung beziehungsweise Entwicklung funktionsfähiger Gewässerrandstreifen mit
standortgerechter gebietsheimischer Vegetation,
-
Minimierung der Beeinträchtigung der Gewässer mit Schad- und Nährstoffen (punktuelle
und diffuse Einträge), unter anderem durch angepasste Landnutzung im unmittelbaren
Gewässerumfeld, gegebenenfalls Entmüllung.
Wärmebelastung der Gewässer
FZ 27
Die Wärmebelastung der Gewässer soll so begrenzt werden, dass deren Funktion als
Lebensraum erhalten bleibt.
Wärmebelastungen von Gewässern entstehen zum Beispiel durch die Einleitung von Kühl-
wasser aus der Industrie und der Energieerzeugung. Sie sind in zunehmendem Maße als
Folge des Klimawandels zu erwarten und werden vor allem dadurch auch in Sachsen an
Bedeutung gewinnen. Ausgeprägte Hitzeperioden, die mit längeren niederschlagsarmen
oder -freien Witterungsabschnitten zusammenfallen, können in den Gewässern, vor allem
bei den dann niedrigen Wasserständen, eine starke Erwärmung bewirken. Solche Extremsi-
tuationen sind in der Vergangenheit schon vorgekommen, zum Beispiel im Hitzesommer
2003, als kleinere Gewässer teilweise sogar völlig ausgetrocknet sind. Durch niedrige Was-
serstände und hohe Wassertemperaturen von bis zu 30 °C verändern sich die physikalisch-
chemischen Wasserparameter (zum Beispiel Sinken des Sauerstoffgehaltes) und damit die
Lebensbedingungen für die aquatische Fauna und Flora. Fisch- und Muschelsterben sowie

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 47
die schnellere Verbreitung von Krankheiten können die Folge sein, außerdem ein starkes
Wachstum von Algen (unter anderem Blaualgen) und Makrophyten. Um auch bei extremen
Witterungsbedingungen nachteilige Auswirkungen auf die Gewässerbiozönosen durch hohe
Wärmebelastung und sehr niedrige Wasserstände zu begrenzen, sollen in den Landschafts-
rahmenplänen für die besonders gefährdeten Gewässer beziehungsweise Gewässerab-
schnitte geeignete Maßnahmen der Prävention und der Schadensbegrenzung aufgeführt
werden. Maßnahmen können unter anderem sein:
-
Ermittlung besonders sensibler Gewässer in vom Klimawandel besonders betroffenen
Regionen,
-
Ergreifen von Maßnahmen zur Stabilisierung des Landschaftswasserhaushaltes in sol-
chen Regionen,
-
gegebenenfalls Vorsorge durch ausreichende Beschattung der Gewässer in Form von
Ufervegetation (zum Beispiel Erlen-Eschen- oder Weiden-Auenwald),
-
Wiederherstellung des Fließgewässerkontinuums in aufgestauten wärmelastbeeinfluss-
ten Abschnitten, wenn dem nicht besondere Nutzungsanforderungen entgegenstehen,
-
Begrenzung der Wasserentnahme und der Einleitung von aufgewärmtem Brauchwasser
in Zeiten sehr niedriger Wasserstände in Kombination mit Hitzeperioden.
2.4.2.1 Grundwasser, grundwasserabhängige Ökosysteme und Biotope
FZ 28 (Bezug zu Z 4.1.1.6 und G 4.1.1.19)
Grundwasser ist als natürliche Ressource und als Standortbedingung für grundwas-
serabhängige Ökosysteme und Biotope möglichst flächendeckend vor schädlichen
Beeinflussungen zu sichern, sodass ein anthropogen weitgehend unbeeinflusster Zu-
stand erhalten bleibt beziehungsweise wiederhergestellt wird.
Im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sollen Gebiete, die hohe Anteile vom oberflä-
chennahen Grundwasser abhängiger Landökosysteme in naturnaher oder entwick-
lungsfähiger Ausprägung aufweisen, kartografisch dargestellt werden. In den Land-
schaftsrahmenplänen sind Maßnahmen zum Schutz und zur Entwicklung der Flächen
mit grundwasserabhängigen Landökosystemen zu formulieren.
Die natürlichen Grundwasservorkommen als Komponente des Landschafts(wasser)-
haushaltes sind unverzichtbare natürliche Lebensgrundlagen, nicht nur für die Wasserver-
sorgung der Bevölkerung, sondern auch für die natürliche biologische Vielfalt. Das fachliche
Ziel soll deshalb insbesondere dem Schutz von naturraum- beziehungsweise landschaftsty-
pischen Biotopen mit standörtlicher Bindung an oberflächennahes Grundwasser vor Beein-
trächtigungen dienen. Vom oberflächennahen Grundwasser abhängige Lebensräume wie
Moore, Sümpfe, Auen und andere Feuchtgebiete, die bei intaktem Zustand meist sehr arten-
reiche Lebensräume darstellen, sollen durch den Schutz des Grundwassers beziehungswei-
se eine angepasste Grundwassernutzung in ihrem Bestand erhalten und entwickelt werden.
Bei entsprechender Notwendigkeit und Eignung sollen sie renaturiert (Erhöhung der Natur-
nähe) und/oder revitalisiert (unter anderem Schaffung der Voraussetzungen für natürliches
Torfwachstum in Mooren, Ermöglichung eines natürlichen Überflutungsregimes in Auen)
werden (vergleiche FZ 8). Dazu ist der Erhalt beziehungsweise die Verbesserung der Stand-
ortbedingungen (Wasserregime, -menge und -beschaffenheit) für die vom Grundwasser ab-
hängigen Arten und Biotope erforderlich, insbesondere eine Begrenzung von Veränderungen
des Wasserregimes durch Grundwasserentnahmen, -absenkungen und flächenhafte Ent-
wässerungen sowie die Vermeidung schädlicher Stoffeinträge. Bei bestehenden und geplan-
ten Wasserentnahmen ist zu verhindern, dass naturschutzfachlich wertvolle Gebiete mit ge-
wässergebundenen oder an hohen Grundwasserstand angepassten Biotopen und Lebens-
gemeinschaften zerstört oder nachhaltig beeinträchtigt werden. Eine Verschlechterung der
direkt vom Grundwasser abhängigen Landökosysteme und Feuchtgebiete durch anthropo-

48
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
gene Einflüsse ist zu vermeiden. Die Abwehr von Gefahren oder eingetretenen Schäden, die
aus hohen Grundwasserständen resultieren, soll als grundsätzlich vorrangige Aufgabe so
durchgeführt werden, dass grundwasserabhängige Landökosysteme und Feuchtgebiete so
weit wie möglich geschont werden.
Die Revitalisierung gestörter, aber renaturierbarer Moorbereiche und anderer Feuchtgebiete
besitzt aus Gründen des Arten- und Biotopschutzes sowie des Klimaschutzes eine besonde-
re Bedeutung. Sie sollte unter Beachtung der Erfordernisse der Trinkwasserqualität konse-
quent vorangetrieben werden (vergleiche dazu FZ 8).
2.4.2.2 Fließgewässer mit ihren Einzugsgebieten und Auen
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.1.3 und G 4.1.1.4)
Der Zustand eines Flusses mit seinen Ufer- und Auenbereichen ist in dem Maße als „natur-
nah“ zu bezeichnen, in dem er der naturraumtypischen Ausprägung entspricht. Die Bewer-
tung des Gewässerzustandes erfolgt unter Beachtung seiner ökologischen Funktionsfähig-
keit unter Berücksichtigung der engen Wechselbeziehungen zwischen Fließgewässer und
angrenzenden Auenbereichen. Ist der Zustand eines Gewässers insgesamt nur geringfügig
oder nicht nachteilig vom Menschen geprägt, sodass das Gewässer seine gesamten ökolo-
gischen Funktionen zu erfüllen vermag, wird dieser Gewässerzustand als „(bedingt) natur-
nah“ eingestuft (siehe Tabelle 2).
Tabelle 2: Merkmale und Ausprägungen zur Beurteilung der Naturnähe von Fließgewässer
(-auen) und -landschaften (verändert nach BASTIAN & SCHREIBER 1999)
Natürlich
Naturnah
Bedingt naturnah
- vielfältiger, den naturräumli-
chen Gegebenheiten entspre-
chender Verlauf
- vom Menschen nicht erkennbar
verändert
- gut reliefierte Sohle, wechseln-
de Wassertiefen, natürliches
Gefälle, variierende Breiten,
Fischunterstände
- naturbelassene, strukturierte
Böschung, standortgerechte,
überwiegend gebietsheimische
Gehölze/Stauden
- Aue mit natürlicher Wasser-
standsdynamik, nicht (mehr)
genutzten Feuchtgebieten
(einschließlich Auwälder) ent-
sprechend der pnV, natürliche
Altgewässer (Altarme und Alt-
wässer) oder breite, mit stand-
ortgerechten, überwiegend ge-
bietsheimischen Gehölzen be-
standene Pufferzonen zur ge-
nutzten Aue
- Hangwälder mit naturnaher
Baumartenzusammensetzung
ohne oder mit nur gelegentli-
chen sehr extensiven Nutzun-
gen
- einem natürlichen Gewässer in
Quer- und Längsprofil vergleich-
bar, aber bereits erkennbar (ge-
ringfügig) vom Menschen beein-
flusst
- naturnahe Böschungsgestaltung
(asymmetrisches Profil, naturbe-
lassene Elemente, Lebendver-
bauung)
- standortgerechte Gehölze/
Stauden, hierzu auch: anthropo-
gen unveränderte Gewässer, an
denen aber die Ufergehölze ent-
fernt wurden
- Durchgängigkeit in Fließrichtung
gegeben (keine Störung des
Auf- und Abstiegs von Fischen/
Wasserorganismen)
- teilentwässerte Aue mit extensiv
genutzten Feuchtgebieten
(Grünland mit standorttypischen
Flurelementen, Auwaldreste,
Altarme und Altwässer zum Teil
erhalten, zum Teil reliktisch),
Aufforstungen aus Auwaldge-
hölzen, sekundäre Feuchtgebie-
te (zum Beispiel Lachen in Ab-
bauflächen) oder mit standortge-
rechten Gehölzen bestandene
Puffersäume zur genutzten Aue
- Hangwälder mit überwiegend
naturnaher Baumarten-
zusammensetzung, +/- extensiv
genutzt
- begradigte Gewässerabschnitte
vorhanden
- naturnahe Elemente wie Flach-
/Tiefwasserzonen mit unter-
schiedlichen Sohlensubstraten
noch regelmäßig ausgeprägt
- insgesamt noch vergleichsweise
gering ausgebaut und/oder
durch Unterhaltungsmaßnah-
men verändert
- reichhaltig ausgebildete
Uferstruktur, Gehölze überwie-
gend standortgerecht
- Durchgängigkeit nicht mehr für
alle Gewässerorganismen oder
nur abschnittsweise gegeben
- (teil)entwässerte Aue mit regu-
liertem Wasserstand, Mosaike,
vor allem aus extensiv und in-
tensiv genutztem, zum Teil rena-
turiertem Grünland mit Flurele-
menten (vor allem Auengehöl-
ze), Altgewässer meist nur noch
reliktisch, gehölzbestandene
Puffersäume zur genutzten Aue
- Hangwälder mit größeren Antei-
len naturnaher Baum-
artenzusammensetzung, Nut-
zungen mit unterschiedlicher In-
tensität

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 49
Die Bewertung der Gewässer erfolgt unter Beachtung der Kriterien Einheit (zwischen aquati-
schen, amphibischen und terrestrischen Lebensräumen), Vielfalt, Dynamik, Durchgängigkeit,
Funktionsfähigkeit, Seltenheit und Gefährdung sowie Repräsentanz. Für die Beurteilung der
Naturnähe von Fließgewässern sind gleichfalls die Ergebnisse der Strukturgütekartierung
nach dem LAWA-Vor-Ort-Verfahren heranzuziehen (vergleiche Kapitel 2.4.1 und
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/wasser/7121.htm).
Ergebnisse liegen für die WRRL-
relevanten sächsischen Fließgewässer vor, wobei „natürliche“ Fließgewässer im Bereich der
als „unverändert“ (LAWA-Vor-Ort-Verfahren) kartierten Gewässerabschnitte, „naturnahe“ im
Bereich der „gering veränderten“ und „bedingt naturnahe“ im Bereich der „mäßig veränder-
ten“ Gewässerabschnitte hinsichtlich der Gewässerstruktur zu erwarten sind.
Erläuterung (Bezug zu Z 4.1.2.2)
Die Elbe ist ungeachtet ihres Ausbaus als Bundeswasserstraße hinsichtlich ihrer natürlichen
Lebensraum- und Biotopverbundfunktion von herausragender Bedeutung für das kohärente
europäische ökologische Netz Natura 2000. Sie ist der längste Strom in Mitteleuropa, dessen
Fliessgewässerkontinuum auf einer erheblichen Länge seines Laufes nicht durch Querver-
bauungen unterbrochen wird. Die ununterbrochene Fließstrecke zwischen dem Stauwehr
Schreckenstein auf tschechischer Seite und der Staustufe Geesthacht bei Hamburg beträgt
rund 625 km. Die gesamte Elbe ist nicht zuletzt deshalb ein besonders schützenswertes
Ökosystem von internationaler Bedeutung. Seit 1990 ist eine erhebliche Verbesserung der
Gewässergüte in der Elbe eingetreten, die auch zu einer Verbesserung der Existenzbedin-
gungen für zahlreiche Fischarten geführt hat.
Die Fischartengemeinschaft im sächsischen Elbelauf entwickelt sich zunehmend in Richtung
der für diesen Abschnitt der Elbe charakteristischen Barbenregion mit einer deutlichen Zu-
nahme rheophiler (strömungsliebender) Fischarten, wie der Leitfischart Barbe und ihrer Be-
gleitarten (zum Beispiel Zährte, Nase, Hasel, Döbel, Aland). Die Wiederansiedlung des
Lachses (anadromer, das heißt im Salzwasser lebender, zum Laichen ins Süßwasser auf-
steigender Langdistanzwanderfisch) in der Elbe zeugt von ihrer Durchgängigkeit und verbes-
serten Wassergüte.
Bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen muss das Stromsystem der Elbe als öko-
logisch funktionale Einheit betrachtet werden. Sachsen trägt eine hohe Verantwortung dafür,
den einzigartigen Lebensraum Elbe mit seiner spezifischen Fischartengemeinschaft und sei-
ner besonderen Funktion im Biotopverbund (unter anderem als überregionaler Verbindungs-
korridor für Säugetiere wie Biber und Fischotter sowie für Pflanzenarten der großen Flussau-
en) zu erhalten und zu schützen. Bisherige Schiffbarkeitsbedingungen der Elbe sollen des-
halb mit lokalen Strombaumaßnahmen gesichert werden. Darüber hinausgehende Maßnah-
men haben sich nach den Erfordernissen aus Naturhaushalt und Wasserwirtschaft (ein-
schließlich Hochwasserschutz) zu richten. Ein Bau von Staustufen steht der Erreichung der
Umweltziele der WRRL für die sächsischen OWK der Elbe entgegen und ist wegen der damit
verbundenen erheblichen Eingriffe in die Flusslandschaft Elbe im Freistaat Sachsen aus-
drücklich nicht vorzusehen.
Gewässerdurchgängigkeit
FZ 29 (Bezug zu Z 4.1.1.3 und Z 4.1.2.3)
Die Durchgängigkeit der Fließgewässer soll erhalten beziehungsweise wiederherge-
stellt werden.
Die Fließgewässer stellen von Natur aus miteinander vernetzte Lebensräume dar. Querbau-
werke wie Wehranlagen, Abstürze, Rückhaltebecken und Talsperren sowie Wasserentnah-
men stören den Transport von Geschiebe und die biologische Durchgängigkeit im Haupt-
strom. Fische und andere im Gewässer lebende Tierarten sind dadurch in ihrem Wanderver-

50
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
halten beeinträchtigt und können sich oft nur noch begrenzt ausbreiten. Sachsens Fließge-
wässer weisen mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel der Elbe zahlreiche Querbauwerke
auf (siehe Kapitel 2.4.1). Diese sind noch nicht vollständig systematisch erfasst. Die in der
sächsischen Wehrdatenbank aufgeführten über 2 600 Querbauwerke wurden zu circa einem
Drittel als durchgängig für die Wanderung von Fischen eingeschätzt.
Aber auch die als „durchgängig“ bewerteten Querbauwerke können zum Teil nur von leis-
tungsstarken Fischen und einem Teil des Makrozoobenthos passiert werden. Der Fischab-
stieg ist bisher kaum berücksichtigt und kann beim Regelbetrieb (Laufwasserkraftwerke) trotz
Rechen zu erheblichen Verlusten von Fischen (vor allem von Langdistanzwanderfischen wie
dem Aal) in Turbinen führen. Der abschnittsweise Aufstau der Fließgewässer führt zu einer
Veränderung der Abflussdynamik und des Sedimentationsgeschehens. Die natürliche Strö-
mungscharakteristik als prägender und ökologisch wirksamster Faktor in Fließgewässern
kommt mehr oder weniger zum Erliegen. Der Aufstau hat neben einer Erhöhung der Wasser-
temperatur im aufgestauten Bereich eine erhöhte Ablagerung von Geschiebe und organi-
scher Substanz zur Folge, die ihrerseits eine Sauerstoffzehrung und Eutrophierung bewirken
können und die Habitatbedingungen für fließgewässertypische Fische (zum Beispiel Be-
schaffenheit des Gewässergrundes als Laichhabitat) verschlechtern.
Eine Verbesserung der Situation ist durch die Umsetzung der Maßnahmen aus der WRRL
und durch das Programm zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit sächsischer Fließge-
wässer bereits zu verzeichnen. Die weitere Verbesserung und Wiederherstellung der Durch-
gängigkeit der Fließgewässer bleibt aber nach wie vor eine wichtige und aktuelle Aufgabe in
Sachsen. Generell ist für die Wiederherstellung der Durchgängigkeit beziehungsweise für
den Rückbau eines nicht mehr benötigten Wehres der Eigentümer zuständig. Problematisch
sind die oftmals ungeklärten Eigentumsverhältnisse der Querbauwerke und die hohen Kos-
ten für die Wiederherstellung der Durchgängigkeit oder den Rückbau eines Wehres.
Folgende Maßnahmen sind unter anderem erforderlich:
-
Rückbau nicht mehr benötigter Querbauwerke in Fließgewässern und Renaturierung des
betreffenden Gewässerabschnittes,
-
Planung und Umsetzung (gegebenenfalls Nachrüsten) von Einrichtungen (zum Beispiel
Fischaufstiegsanlagen wie Fischtreppen oder Umgehungsgerinne) und Maßnahmen an
bestehenden, weiterhin benötigten Querbauwerken und Wasserkraftanlagen, welche die
ökologische Durchgängigkeit sowohl gewässeraufwärts als auch -abwärts ermöglichen
und die Schädigung der gewässergebundenen Fauna vermeiden oder zumindest so weit
wie möglich minimieren,
-
weitgehender Verzicht auf Neubau von Querbauwerken, bevorzugt Nutzung vorhandener
Querbauwerke unter ökologischer Aufwertung hinsichtlich Durchgängigkeit und Umfeld-
gestaltung beziehungsweise Reduzieren des Neubaus von Querbauwerken auf das ab-
solut notwendige Minimum unter Beachtung der ökologischen Anforderungen an Durch-
gängigkeit und Gewässerstruktur,
-
Umbau künstlicher oder durch menschliche Tätigkeit entstandener Abstürze in Sohlglei-
ten.
Wasserkraftanlagen
FZ 30 (Bezug zu Z 4.1.2.5 und Z 5.1.1)
Die Nutzung von Wasserkraft hat so zu erfolgen, dass die vielfältigen Funktionen der
Gewässerökosysteme, unter anderem als Lebensräume für charakteristische Lebens-
gemeinschaften und für den Biotopverbund, wiederhergestellt (Gewährleistung Min-
destwasserführung, Fischauf- und Fischabstieg) und dauerhaft aufrechterhalten wer-
den.
Die Wasserkraftanlagen (WKA) führen zu einer Beeinträchtigung der Gewässerlebensräume,
wenn beispielsweise durch die Ableitung des Wassers zur Energieerzeugung die Mindest-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 51
wassermenge in der Ausleitungsstrecke unterschritten und dadurch die ökologische Funkti-
onsfähigkeit des Gewässers nicht mehr gewährleistet wird (oder das Gewässer hier gar
zeitweise trockenfällt). Beeinträchtigungen ergeben sich weiterhin, wenn die Querverbauung
für flussaufwärts wandernde Arten nicht durchgängig ist, flussabwärts wandernde Arten (zum
Beispiel Aal, Lachs) in den WKA-Turbinen in populationsrelevanter Menge getötet werden
können, naturferne Verbauungen der Gewässerufer und Ausleitungsstrecke vorhanden sind,
sich physikalisch-chemische Wasserparameter (zum Beispiel Wassertemperatur, Sauer-
stoffgehalt) durch die Unterbrechung des Gewässerkontinuums und die Beeinflussung der
Fließgeschwindigkeit nachteilig für die naturraumtypische Gewässerbiozönose verändern.
Damit die Fließgewässer ihre vielfältigen Funktionen im Naturhaushalt erfüllen können und
die Ziele der WRRL und der FFH-RL erreicht werden, ist es notwendig, bestehende WKA in
ihrer Betriebsweise und Bauart naturverträglich zu gestalten und neue WKA nur dann zuzu-
lassen, wenn sie an bestehenden Querbauwerkstandorten errichtet werden und einen be-
deutsamen Beitrag zum Klimaschutz (zum Ausbau der Erneuerbaren Energien) leisten kön-
nen sowie die ökologischen Anforderungen erfüllt werden. Insbesondere kleine WKA weisen
häufig ein ungünstiges Verhältnis zwischen ihrem Beitrag zum Ausbau der Erneuerbaren
Energien und ihren negativen Umweltwirkungen auf. Folgende Maßnahmen sind unter ande-
rem erforderlich:
-
Festlegung und Gewährleistung eines ökologischen Mindestwasserabflusses für beste-
hende und wieder in Betrieb zu nehmende Wasserkraftanlagen,
-
naturnahe Gestaltung der Ausleitungsstrecken hinsichtlich der Gewässerstruktur,
-
Ergreifen von Maßnahmen, die zur Minimierung der Verluste flussabwärts wandernder
Fischarten beitragen,
-
Herstellung der Durchgängigkeit für flussaufwärts wandernde Arten, soweit noch nicht
gegeben,
-
weitere Umsetzung des Programms zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit sächsi-
scher Fließgewässer,
-
Rückbau von wasserwirtschaftlich nicht mehr benötigten Querbauwerken gemäß § 35
Abs. 3 WHG
in Fließgewässern,
-
in der Regel keine Zulassung von Wasserkraftanlagen an neuen Standorten sowie von
Anlagen mit einer Leistung von weniger als 100 kW, sondern nur noch „ersetzende
Flusskraftwerke an Altstandorten mit einer elektrischen Nennleistung ab 100 KW.
Nach § 35 Abs. 3 WHG hat die zuständige Behörde zu prüfen, ob an Staustufen und sonsti-
gen Querverbauungen, die am 1. März 2010 bestehen und deren Rückbau zur Erreichung
der Bewirtschaftungsziele nach Maßgabe der §§ 27 bis 31 WHG auch langfristig nicht vorge-
sehen ist, eine Wasserkraftnutzung nach den Standortgegebenheiten möglich ist. Erst wenn
die Notwendigkeit des Rückbaus von Querverbauungen, die am 1. März 2010 bestehen, zur
Erreichung der Bewirtschaftungsziele nach §§ 27 bis 31 WHG nicht gesehen wird, soll ge-
prüft werden, ob diese für eine wirtschaftliche Wasserkraftnutzung unter Berücksichtigung
der ökologischen Anforderungen geeignet sind. Das Ergebnis der Prüfung wird der Öffent-
lichkeit in geeigneter Weise zugänglich gemacht.
Wasserrückhaltevermögen und Versickerung
Erläuterung (Bezug zu G 4.1.2.4)
Die Verringerung und Steuerung des Direktabflusses von Niederschlagswasser hat ver-
schiedene Vorteilswirkungen für Natur und Umwelt. So dient sie der Sicherung der Grund-
wasserneubildung, was in Anbetracht des Klimawandels in Regionen mit angespanntem
Wasserhaushalt zukünftig noch an Bedeutung gewinnt. Darüber hinaus wird ein wirksamer
Beitrag zum Hochwasserschutz geleistet, wenn der Oberflächenwasserabfluss reduziert und
verzögert wird, was besonders in den Hochwasserentstehungsgebieten von Bedeutung ist.
Bei kleineren Gewässern kann die Einleitung von zeitlich begrenzten, aber extrem hohen

52
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Niederschlagswassermengen aus der Siedlungsentwässerung zu einem enormen hydrauli-
schen Stress führen, der die Gewässerfauna und -flora nachhaltig beeinflusst. Weiterhin
können zu hohe Einleitemengen von Niederschlagswasser aus Starkniederschlägen in Orts-
lagen, die die natürliche Abflusskapazität des Gewässers überschreiten, zu massiven Schä-
digungen der Gewässerstruktur, zum Beispiel durch unkontrollierte und unnatürliche Erosion
der Ufer und der Gewässersohle, beitragen. Die Einleitung auch von nicht oder nur gering
verschmutztem Niederschlagswasser sollte daher gedrosselt erfolgen, um den hydraulischen
Stress für das beziehungsweise die aufnehmenden Gewässer zu reduzieren. Dies kann ins-
besondere durch Schaffung von Retentionsräumen (natürlich oder künstlich) erreicht werden
(vergleiche dazu auch LEP, Begründung zu G 4.1.2.4).
FZ 31 (Bezug zu G 4.1.2.6, Z 4.1.2.7, G 4.1.2.8 und Z 4.1.2.9)
In den Auen und Einzugsgebieten der Fließgewässer soll das natürliche Wasserrück-
haltevermögen als Beitrag zum vorbeugenden (nichttechnischen) Hochwasserschutz
erhalten und, wo immer möglich, auch durch Deichrückverlegung oder Deichöffnung
vergrößert werden. In den Landschaftsrahmenplänen sind vorbeugende Maßnahmen
des (nichttechnischen) Hochwasserschutzes aufzuzeigen, die den Wasserrückhalt in
der Fläche und die Grundwasseranreicherung beziehungsweise die Abflussverzöge-
rung unterstützen.
Die Erhaltung und Wiederherstellung natürlicher Retentionsräume in Auen sowie die Erhal-
tung und wo möglich Erhöhung des Wasserrückhaltevermögens in den Einzugsgebieten der
Fließgewässer leistet einen wichtigen Beitrag zum Hochwasserschutz. Dadurch wird ein ver-
zögerter Hochwasseranstieg und -abfluss erreicht, was Anliegern an den Gewässern in vie-
len Fällen wertvolle Zeit für Schutzmaßnahmen verschafft. Naturgemäß hat der vorbeugende
Hochwasserschutz aber auch Grenzen, etwa bezüglich des Rückhaltevermögens bei sehr
intensiven oder großflächigen Niederschlagsereignissen (wie zum Beispiel im August 2002)
in Gebirgslandschaften mit potenziell kleinen Retentionsräumen und flachgründigen Böden.
Die Erweiterung der Retentionsräume in den größeren Auen scheitert zudem oft am Wider-
stand der Landnutzer und einer fehlenden oder sehr begrenzten Flächenverfügbarkeit und
kommt deshalb nur langsam voran.
Weil die vorbeugenden Maßnahmen des Hochwasserschutzes die naturverträglichste Vari-
ante des Hochwasserschutzes darstellen und zahlreiche Synergien und Mehrfachnutzen
aufweisen (zum Natur-, Boden-, Gewässer-, Klimaschutz), sind diese konsequent zu beför-
dern. Somit können auch gegebenenfalls notwendige technische Hochwasserschutzeinrich-
tungen so gering wie möglich dimensioniert werden. Technische Hochwasserschutzmaß-
nahmen wie Deiche und Rückhaltebecken greifen erheblich in die Gewässerlebensräume ein
und verändern diese nachhaltig. Insbesondere werden die natürliche Gewässerdynamik und
damit die funktionale Verbundenheit der Fließgewässer und ihrer Auen gestört. Da im dicht
besiedelten Sachsen viele Siedlungen und Infrastruktureinrichtungen in Gewässerauen lie-
gen und somit hochwassergefährdet sind, ist zum Schutz von Menschen, Infrastruktur oder
bedeutenden Sachwerten eine Ergänzung der vorbeugenden Hochwasserschutzmaßnah-
men durch technische Anlagen des Hochwasserschutzes teilweise erforderlich. Im Sinne des
vorbeugenden Hochwasserschutzes sowie zur Erreichung der Ziele der WRRL und der FFH-
RL soll der Schutz landwirtschaftlicher Nutzflächen dem Erhalt und der Schaffung von natür-
lichen Retentionsräumen nicht entgegenstehen. Ebenso muss sich die Dimensionierung von
Deichen oder Rückhaltebecken konsequent an dem erforderlichen Schutz von Menschen,
Infrastruktur und bedeutenden Sachwerten orientieren.
Ackerbauliche Nutzung in häufiger überfluteten, natürlichen Rückhalteräumen birgt ein sehr
hohes Risiko für Bodenabtrag und Eintrag von Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln in die
Gewässer. In Überflutungsbereichen der Auen ist neben den natürlichen Auenwäldern auch
die Grünlandnutzung mit den Zielen des Hochwasserschutzes und Naturschutzes vereinbar.
Folgende Maßnahmen sind unter anderem zu prüfen:

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 53
-
Erhalt der Funktionsfähigkeit natürlicher Auen als Abfluss- und Retentionsraum in und an
Fließgewässern,
-
Reaktivierung natürlicher Überflutungsgebiete, vor allem in Flussauen mit ihren Auen-
wäldern, Auengrünland und Altarmen,
-
Deichrückverlegung oder Deichöffnung zur Schaffung neuer Retentionsräume, wo immer
möglich,
-
Erlaubnis für genehmigungspflichtige Flächennutzungsänderungen in Hochwasserent-
stehungsgebieten und überschwemmungsgefährdeten Gebieten nur erteilen, wenn sie
das Retentionsvermögen nicht verschlechtern und einem gefahrlosen Hochwasserab-
fluss nicht entgegenstehen,
-
Ausgleich des Verlustes an Retentionsraum durch nicht vermeidbare neue bauliche An-
lagen, durch Gewinnung neuer Retentionsflächen und/oder durch andere, vorzugsweise
nichttechnische Maßnahmen mit positiver Wirkung auf den Hochwasserrückhalt,
-
Erhaltung naturraumtypischer Auenwälder (und anderer auentypischer Biotope),
-
Begründung von Auenwäldern an geeigneten Standorten in den größeren Flussauen,
-
Erhalt des bestehenden Grünlandes,
-
Umwandlung von Acker in Dauergrünland in überflutungsgefährdeten oder sehr stark
erosionsgefährdeten Bereichen,
-
Umbau nicht standortgerechter Waldbestände in standortgerechte Mischwälder zur Er-
höhung der Infiltrationsrate und des Wasserrückhaltes in den Einzugsgebieten,
-
Waldumbau nicht standortgerechter Wälder in den Auen in standortangepasste überflu-
tungstolerante Wälder,
-
angepasste land- und forstwirtschaftliche Nutzung in Hochwasserentstehungsgebieten
und in stark erosionsgefährdeten Bereichen,
-
Renaturierung von Mooren, Feuchtwiesen, Quellgebieten und kleinen Fließgewässern
sowie der Oberläufe größerer Fließgewässer, insbesondere in Einzugsgebieten mit hoher
Starkregenwahrscheinlichkeit und Erosionsgefährdung,
-
Restrukturierung der Landschaft in den Gebieten mit hoher Niederschlags- und Abflus-
sintensität (Entwicklung von Säumen, Hecken, Gehölzen und so weiter),
-
weitgehende Realisierung einer möglichst ganzjährigen Bodenbedeckung auf Ackerflä-
chen (zum Beispiel durch Zwischenfrüchte und Untersaaten oder mehrjährigen Feldfut-
teranbau mit Ackergras, Luzerne, Kleegras),
-
Freihalten von Entwicklungskorridoren der Gewässer unter Nutzung der gesetzlich fest-
gelegten Gewässerrandstreifen (§ 38 WHG/§ 24 SächsWG).
Waldmehrung und Waldumbaumaßnahmen sollen gezielt im Bereich der Quell- und Ein-
zugsgebiete der Nebenflüsse der großen Flüsse erfolgen. Des Weiteren sind Aufforstungen
im Bereich überwiegend ackerbaulich genutzter Hochflächen in den mittleren Gebirgslagen
des Erzgebirges und im Sächsischen Lösshügelland zur Dämpfung hoher Abflussintensitä-
ten sinnvoll, sofern andere Maßnahmen (zum Beispiel dauerhaft konservierende Bodenbe-
arbeitung, Direktsaat, Dauerkulturen) zur Zielerreichung nicht ausreichend geeignet sind.
Technischer Hochwasserschutz
FZ 32 (Bezug zu G 4.1.2.6, Z 4.1.2.10)
Technische Anlagen des Hochwasserschutzes sind so zu planen, baulich zu gestalten
und zu betreiben, dass die ökologische Durchgängigkeit, Lebensraum- und Bio-
topverbundfunktion sowie Dynamik der betroffenen Fließgewässer und ihrer Auen so
wenig wie möglich beeinträchtigt werden.
Sachsen war in der jüngeren Vergangenheit von mehreren großen Hochwasserereignissen
betroffen. Der Freistaat reagierte darauf durch die Aufstellung von Hochwasserschutzkon-
zepten. Die Inhalte dieser Konzepte werden auch in die Hochwasserrisikomanagementpläne
gemäß der HWRM-RL eingehen. Da die vorrangigen, weil ökologisch verträglicheren vor-

54
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
beugenden Maßnahmen des nichttechnischen Hochwasserschutzes teilweise nicht ausrei-
chen, um bei Siedlungen und wichtiger Infrastruktur das allgemein angestrebte Schutzziel
des HQ 100 zu sichern, setzt der Freistaat Sachsen verstärkt technische Hochwasser-
schutzmaßnahmen um (Hochwasserschutzinvestitionsprogramm). Aufgrund der erheblichen
Eingriffe in die Gewässerlebensräume (vergleiche die Begründung zu FZ 31) sollen techni-
sche Anlagen des Hochwasserschutzes nur dann errichtet werden, wenn sie auch unter dem
Aspekt eines Vorrangs vorbeugender Maßnahmen des Hochwasserschutzes unvermeidbar
sind. Die ökologische Durchgängigkeit, die Lebensraum- und Biotopverbundfunktion (Kohä-
renz) sowie die Dynamik der betroffenen Fließgewässer und ihrer Auen ist für den Bereich
der technischen Anlagen selbst (hier aber nur eingeschränkt möglich) und insbesondere für
die oberhalb und unterhalb von Stauanlagen (zum Beispiel Hochwasserrückhaltebecken)
gelegenen Abschnitte der Fließgewässer zu gewährleisten.
Dies ist auch deshalb notwendig, um die Ziele der WRRL (guter ökologischer und guter
chemischer Zustand) und der FFH-RL (günstiger Erhaltungszustand der relevanten Lebens-
raumtypen und Arten) erreichen zu können.
Folgende Maßnahmen sind unter anderem erforderlich:
-
Sicherung der Durchgängigkeit (zum Beispiel durch „Ökostollen“ bei Hochwasserrückhal-
tebecken),
-
Regulierung der Einstau- und Abstauereignisse so, dass eine hinreichende Gewässerdy-
namik (unter anderem Geschiebetransport, Überflutungsregime) gewährleistet bleibt,
-
Dimensionierung der technischen Anlagen unter Beachtung und Ausschöpfung der Mög-
lichkeiten des vorbeugenden Hochwasserschutzes im Einzugsgebiet,
-
Freihaltung besonders naturnaher und wertvoller Gewässerabschnitte von technischen
Großprojekten,
-
bezüglich der Kohärenz- und Ausgleichsmaßnahmen Planung und Umsetzung vorzugs-
weise zusammenhängender Renaturierungsprojekte (ebenfalls mit Pilotcharakter und
großer Dimension) anstelle verstreuter Einzelmaßnahmen.
Die aus naturschutzfachlicher Sicht prioritär zu schützenden, besonders naturnahen und
wertvollen Fließgewässer(abschnitte) ergeben sich insbesondere aus der Kulisse strenger
Schutzgebiete (NSG, FND, Kern- und Pflegezone BR, NLP), der Gebietskulisse Natura 2000
(hier Kartierung und Bewertung der LRT und Arthabitate entsprechend den aktuellen Ma-
nagementplänen) sowie der Übersicht der Kernflächen des landesweiten Biotopverbundes.
Fließgewässer und Bergbau
FZ 33 (Bezug zu Z 4.1.2.1, Z 4.1.2.5)
Die nachbergbauliche Beeinflussung der Fließgewässer durch den Braunkohlen-
bergbau, wie beispielsweise durch den diffusen Übertritt von stofflich belastetem,
saurem Grundwasser nach Abschluss des Grundwasserwiederanstieges, ist zu ver-
meiden oder weitgehend zu reduzieren.
Die Beeinflussung der Fließgewässer durch die Hinterlassenschaften des stillgelegten
Braunkohlenbergbaus hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und kann auch wei-
terhin noch zunehmen. Die Prognosen gehen zum Beispiel für Sulfat von einem hohen Be-
lastungsniveau für die kommenden Dekaden aus. Danach wird eine langfristige, langsam
abnehmende Belastung der betroffenen Fließgewässer prognostiziert.
Folgende Eintragsquellen für Sulfat sind im Zusammenhang mit dem Bergbau relevant: Ein-
trag über Sümpfungswässer aus Tagebauen; Eintrag aus Tagebaurestseen, die zum Teil
auch zur Wasserspeicherung genutzt werden; diffuser Eintrag über Grundwässer aus Tage-
baugebieten. Darüber hinaus gelangt Sulfat anthropogen bedingt auch über den atmosphäri-
schen Schwefeleintrag (Verbrennung fossiler Brennstoffe) sowie durch direkte (zum Beispiel

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 55
Kläranlagen) und diffuse Einträge (Bodenerosion, Einträge aus der Landwirtschaft) in Fließ-
gewässer.
Eine hohe Sulfatkonzentration in den Fließgewässern stellt die Trinkwassergewinnung aus
Uferfiltrat vor ein Problem, da der Trinkwasserindikatorwert von 240 mg/l Sulfat insbesondere
aus technischen Gründen eingehalten werden muss, um gesundheitlichen Risiken vorzu-
beugen. In gewässerökologischer Hinsicht können erhöhte Sulfatkonzentrationen eutrophie-
rungsfördernd wirken und die Gewässerbiozönosen beeinflussen. Sulfat kann auch zur Mobi-
lisierung von im Sediment festgelegtem Phosphor führen.
Für andere braunkohlenbergbaubürtige Stoffe liegen bisher keine Prognosen vor. Beispiele,
wie der Unterlauf der Kleinen Spree, der Unterlauf des Wasserkörpers Spree-4 und die Plei-
ße, zeigen aber, dass der Eiseneintrag so erheblich sein kann, dass es zu einer starken
Braunfärbung des Wassers und zur Ablagerung von Eisenhydroxid kommt.
Beide Erscheinungen bewirken eine deutliche Reduzierung der biozönotischen Vielfalt im
Gewässer und verhindern einen guten ökologischen Zustand beziehungsweise gutes ökolo-
gisches Potenzial. Ursache für diese Entwicklung ist die Pyritverwitterung in den entwässer-
ten und belüfteten, auch nicht devastierten geologischen Schichten, die zur Bildung von
Schwefelsäure, Sulfat und Eisen führt. Diese Stoffe werden nach Grundwasserwiederanstieg
mit dem Grundwasser diffus in die Fließgewässer eingetragen und bewirken eine starke Ver-
schlechterung der Wasserqualität. Da es sich um einen flächenhaften und diffusen Übertritt
der belasteten Grundwässer in die Fließgewässer handelt, sind effektive Maßnahmen sehr
umfangreich, vielgestaltig und sehr kostenintensiv, sodass die Verhältnismäßigkeit von Maß-
nahmen nach WRRL eingehend geprüft werden muss.
2.4.2.3 Standgewässer
FZ 34 (Bezug zu Z 4.1.1.12, G 4.1.1.15 und Z 4.1.1.16)
Die sächsischen Teichlandschaften sollen als wesentliche Bestandteile der sächsi-
schen Kulturlandschaft und Zentren der Biodiversität mit ihren vielgestaltigen Lebens-
räumen gefährdeter Arten und Biotope sowie als Produktionsstandort gesunder Nah-
rungsmittel geschützt, gepflegt und entwickelt werden.
Teichgebiete sind wesentliche Bestandteile sächsischer Kulturlandschaften und zugleich mit
ihren reichhaltigen Biotopmosaiken Zentren der Biodiversität. In deutschlandweit einmaliger
Dichte prägen sie im Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet / Hornjołužiska hola a haty das
Landschaftsbild. Von überregionaler Bedeutung sind beispielsweise weiterhin der große Tor-
gauer Teich, die Teichgebiete von Moritzburg, Wermsdorf, Eschefeld und Großhartmanns-
dorf. Der naturschutzfachliche Wert eines Teiches steigt bei nicht zu hoher Bewirtschaftungs-
intensität in der Regel mit seiner Strukturvielfalt durch vielgestaltige Ufer, Flachwasserberei-
che und ausgeprägte Verlandungszonen (submerse Vegetation, Röhrichte, Rieder, Brüche).
Die sächsischen Teiche sind teilweise bereits vor über 600 Jahren zur Aufzucht von Fischen,
überwiegend Karpfen, und als Bergwerksteiche angelegt worden und haben zum Zwecke
der Fischproduktion bis heute überdauert, dienen teilweise aber auch der Brauch- und Roh-
wasserbereitstellung und dem Hochwasserschutz. Zu ihrer Erhaltung hat die kontinuierlich
fortgesetzte Bewirtschaftung durch gut ausgebildete Fachleute beigetragen. Da es sich bei
den Teichen um künstliche Stillgewässer handelt, kann ihr Fortbestehen nur durch Pflege-
maßnahmen gesichert werden. Am besten lassen sich diese durch die Beibehaltung einer
den ökologischen Werten gerecht werdenden ordnungsgemäßen Teichbewirtschaftung um-
setzen. Dabei spielen unter anderem der Umgang mit Fischkrankheiten, der Einsatz von An-
lagen zur hochintensiven Fischproduktion im Teich, die Kormoranvergrämung, der Fischbe-
satz und die Kalkung von Teichen eine entsprechende Rolle.

56
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Bei ausgewählten, für Naturschutz und Landschaftspflege besonders wertvollen Teichen,
insbesondere in Natura 2000-Gebieten und NSG, gehen die naturschutzfachlichen Anforde-
rungen teilweise über eine ordnungsgemäße Teichbewirtschaftung hinaus und erfordern eine
naturschutzgerechte Teichbewirtschaftung beziehungsweise -pflege. Diese ist Gegenstand
von Vereinbarungen im Rahmen der Naturschutzförderung, die auch zukünftig eine wesentli-
che Voraussetzung für die Umsetzung von Naturschutzzielen an Teichen und in Teichgebie-
ten ist. Bei der Entwicklung der Teichlandschaften sollen auch der projizierte Klimawandel
und die zu befürchtende Verknappung der Wasserressourcen in einigen Regionen Sachsens
berücksichtigt werden. Bei der Teichbespannung aus Fließgewässern sind Beeinträchtigun-
gen der Fließgewässer, die zu Konflikten mit den Umweltzielen der WRRL führen können,
möglichst zu vermeiden.

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 57
2.5
Klima, Luft, Lärm
2.5.1 Einführung
Aus Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes beziehungsweise der Landschaftsplanung
sind hinsichtlich der Schutzgüter Klima und Luft sowie – bezogen auf das Themenfeld Lärm
– der Schutzgüter Mensch und biologische Vielfalt insbesondere die für das Siedlungsklima
bioklimatisch und lufthygienisch wirksamen Ausgleichsräume, der Klimawandel und seine
Folgen sowie landschaftsplanerische Aspekte der Luftqualität, Luftreinhaltung und Lärmver-
meidung von Bedeutung.
Siedlungsklima
Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit werden durch das Bioklima, also die Ge-
samtheit aller auf lebende Organismen wirkenden Faktoren des Klimas, mitbestimmt. Belas-
tungen treten vor allem in austauscharmen Becken- und Tallagen mit häufigen Inversionser-
eignissen auf und werden in Ballungsgebieten durch Luftschadstoffe noch weiter verstärkt.
Aus klimaökologischer Sicht wird zwischen Wirkungsräumen und Ausgleichsräumen unter-
schieden. Wirkungsräume sind bebaute und versiegelte Räume, in denen besonders häufig
klimabedingte Belastungen auftreten. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Wärme- und
Schadstoffbelastungen aufgrund der Auswirkungen strahlungsreicher Hochdruckwetterlagen
mit hoher Lufttemperatur bei geringer Luftbewegung sowie mit resultierender Akkumulation
von Immissionen. Ausgleichsräume sind den Wirkungsräumen räumlich-funktional benach-
barte beziehungsweise zuordenbare, unbebaute beziehungsweise gering versiegelte Räu-
me. Sie besitzen ein klimaökologisches und lufthygienisches Ausgleichsvermögen, vor allem
durch die Kaltluft- und Frischluftproduktion und deren Abfluss.
Die Landschaftsplanung soll dazu beitragen, die bioklimatisch und lufthygienisch wirksamen
Ausgleichsräume sowie die Abflussbahnen für Frisch- und Kaltluft in die Siedlungen hinein
funktionsfähig zu erhalten. Bei Bedarf sollen neue Ausgleichsräume entwickelt werden. Von
Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Sicherung und gegebenenfalls Neuent-
wicklung räumlich naher sogenannter „Klimaökologischer Komfortinseln“ als Erholungsflä-
chen vor allem aus gesundheitlicher Sicht, am besten benachbart oder in der Nähe der Wir-
kungsräume.
Klimawandel und Biodiversität
Das Klima auf der Erde, in Deutschland und in Sachsen verändert sich durch den anthropo-
gen bedingten Klimawandel. In Sachsen liegt der Anstieg der Jahresmitteltemperatur im Zeit-
raum 1980 bis 2009 oberhalb von 1 °C. Für die Temperaturverteilung in Sachsen bedeutet
dies, dass sich die Isothermen der Jahresmitteltemperatur (Linien, die Orte gleicher Tempe-
ratur miteinander verbinden) innerhalb von nur drei Jahrzehnten um circa 200 m in höhere
Lagen verschoben haben. Am deutlichsten sind die Anstiege der Temperaturen im Frühjahr
und Sommer ausgeprägt. Der Temperaturanstieg im Sommer beträgt seit Mitte der 1980er-
Jahre bereits circa 1,5 °C. Auch im Frühjahr gibt es in Sachsen seit Beginn der 1980er-Jahre
einen kontinuierlichen Temperaturanstieg um circa 1,8 °C. Frühjahr und Sommer sind damit
deutlich aus dem Temperaturbereich der letzten 200 Jahre herausgetreten. Der Beginn der
Vegetationszeit hat sich bereits um etwa einen Monat nach vorn verschoben (BOBETH et al.
2010).
Der Niederschlag und seine Trends sind zeitlich und räumlich sehr variabel. Im Zeitraum
1901 bis 2006 war für Sachsen von allen Bundesländern im Vergleich der deutlichste Trend
eines Niederschlagsrückganges zu verzeichnen, und zwar ein Rückgang um -5,7 Prozent.
Außer Brandenburg (-1,4 Prozent) wiesen alle anderen Bundesländer in diesem Zeitraum
eine Zunahme der mittleren Jahresniederschläge auf (Schleswig-Holstein +12,6 Prozent).

58
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Niederschlagszunahmen im Winter fallen in Sachsen so abgeschwächt aus, dass die Nie-
derschlagsabnahmen im Zeitraum 1901 bis 2006 in den anderen drei Jahreszeiten nicht
mehr ausgeglichen werden. In Sachsen traten 1976 bis 2000 im Vergleich zu 1951 bis 1975
einheitliche Niederschlagstendenzen der Abnahme im Sommer und der Zunahme im Winter
auf. Räumlich gesehen bestehen im Südwesten Sachsens Zunahmetendenzen beim mittle-
ren Jahresniederschlag, während in den anderen Regionen Abnahmen vorherrschen (BO-
BETH et al. 2010).
Auch die Großwetterlagen verändern sich. Hierbei treten insbesondere Südwestlagen und
Troglagen (markante Nord-Süd-orientierte Zirkulationsmuster) häufiger und zum Teil lang
anhaltend auf. Sie haben in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße Abweichungen
des Temperatur- und Niederschlagsgeschehens zur Folge und verursachen eine Zunahme
von Extremereignissen in Mitteleuropa maßgeblich mit (zum Beispiel lang andauernde som-
merliche Hitzeperioden oder lange und starke Niederschlagsperioden).
Die Abschätzung zukünftig möglicher klimatischer Entwicklungen erfolgt durch Klimaprojekti-
onen auf der Grundlage von Klimamodellen. Die Ergebnisse sind grundsätzlich nicht als
Vorhersage des zukünftigen klimatischen Geschehens zu verstehen, sondern beschreiben
anhand von verschiedenen, gleichberechtigten Szenarien (Wenn-Dann-Prinzip) alternative
Entwicklungsmöglichkeiten. So bewegt sich die von IPCC (2007) projizierte Erhöhung der
globalen Mitteltemperatur bis zum Ende des 21. Jahrhundert in Abhängigkeit vom Treib-
hausgas-Emissionsszenario zwischen 1,1 und 6,4 °C. Eine zu erwartende Temperaturerhö-
hung für Mitteldeutschland wird von allen Modellen wiedergegeben, insofern ist dieses Signal
eindeutig, nur die Stärke (ob 2 °C oder bis zu 6 °C bis 2100) noch unsicher.
Für Sachsen liegen regionalisierte Klimaprojektionen unter anderem anhand der Modelle
WEREX beziehungsweise WETTREG vor, die Projektionsreihen bis zum Jahr 2100 umfas-
sen. Stark zusammengefasst ergeben sich die folgenden projizierten Klimasignale (BOBETH
et al. 2010):
-
kontinuierlicher Temperaturanstieg in allen Jahreszeiten, nach WETTREG 2010 am
stärksten im Winter und Sommer,
-
bei einem durch ungebremste THG-Emissionen weiterhin forcierten Klimawandel ist in
Sachsen auch eine Erwärmung über 4 °C hinaus nicht auszuschließen (nach WEREX III
circa 3 °C, WEREX IV 2 bis 3 °C, WETTREG 2010 3 bis 4 °C in der Periode 2071 bis
2100 wärmer als in der Vergleichsperiode 1961bis1990),
-
bezüglich des Niederschlages ist für den Sommer und damit die Hauptwachstumszeit ab
Mitte des 21. Jahrhundert. mit einem starken Rückgang der Niederschläge um etwa 20
Prozent sowie einer anschließenden Stabilisierung auf niedrigem Niveau zu rechnen
(Klimasignal „Sommertrockenheit“),
-
von einem Niederschlagsrückgang sind nach dem Regionalisierungsmodell WETTREG
2010 insbesondere Regionen in Nord- und Ostsachsen betroffen,
-
in Kombination mit den erhöhten Temperaturen (Zunahme der Verdunstung) verschärft
sich die Klimatische Wasserbilanz und somit die Wasserverfügbarkeit in der Vegetations-
zeit teilweise erheblich.
Diese
Klimaveränderungen,
in
Kombination
mit
einer
Zunahme
von
Extrem-
Wetterereignissen, wie Hagel, Tornados, Starkniederschläge, Stürme und Hitze, wirken sich
auf alle Belange von Natur und Landschaft, Wasser, Boden, die Landnutzungen und die
menschliche Gesellschaft aus (Klimafolgen). Um die Klimafolgen im erträglichen Rahmen zu
halten, sind an erster Stelle Maßnahmen zum Klimaschutz und parallel Anpassungsstrate-
gien und -maßnahmen an den nicht abwendbaren Klimawandel unerlässlich.
Damit die Auswirkungen des Klimawandels einigermaßen beherrschbar bleiben, müssen
neben der umgehenden Reduktion des Ausstoßes an Treibhausgasen die Ökosystemdienst-
leistungen zum Schutz des Klimas optimiert werden. Dazu sollen auch die Raumordung und
Landschaftsplanung beitragen, zum Beispiel indem Möglichkeiten der Reduktion von Treib-
hausgasen bei raumbedeutsamen Planungen beachtet werden und Ökosysteme mit heraus-
gehobener Funktion als Speicher und Senken von Kohlenstoff gesichert, renaturiert bezie-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 59
hungsweise neu entwickelt werden. Dafür sind die räumlichen und planerischen Vorausset-
zungen zu schaffen. Zu nennen sind hier insbesondere naturnahe Wälder, Moore und ande-
re Feuchtgebiete sowie Grünland. Darüber hinaus müssen auch die bestehenden Landnut-
zungen hinsichtlich ihrer ökologischen Leistungsfähigkeit für den Klimaschutz geprüft und bei
Erfordernis diese Leistungsfähigkeit verbessert werden.
Für die gleichzeitig notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen im Bereich Biodiversität und
Naturschutz sind folgende Kernthesen zu benennen:
-
Biodiversitätsveränderungen infolge des Klimawandels werden in Zukunft auch in Sach-
sen an Bedeutung gewinnen.
-
Ökosysteme und Arten sind bereits vielfältigen Beeinträchtigungen ausgesetzt. Klima-
wandel als zusätzlicher Wirkfaktor kann demgegenüber einerseits von geringerer Rele-
vanz sein, andererseits aber auch die letztlich entscheidende Beeinträchtigung darstel-
len.
-
Neben den direkten Effekten des Klimawandels werden Ökosysteme und Arten künftig
mit Effekten durch eine veränderte Landnutzung zum Schutz des Klimas (Energiegewin-
nung aus Biomasse, Wind- und Wasserkraft) beziehungsweise in Anpassung an den
Klimawandel (zum Beispiel Beregnung bei Sonderkulturen in der Landwirtschaft) konfron-
tiert. Dadurch können zusätzliche Konkurrenzen und Gefährdungen (Grundwasserhaus-
halt, Bodenversalzung und so weiter) entstehen, die entsprechende Vermeidungsstrate-
gien (Anpassungen) erfordern.
-
Viele Arten und Lebensraumtypen werden Veränderungen ihrer Häufigkeiten und Areale
aufgrund von Klimaveränderungen erfahren. Diese Veränderungen können sowohl zu
Abnahme bis hin zu regionalem Aussterben als auch zu Zunahme oder Neueinwande-
rung führen.
-
Der Klimawandel wird direkte physiologische Wirkungen und indirekte ökologische Wir-
kungen entfalten. Diese werden sich beispielsweise in vermehrtem oder verringertem
Wachstum, früheren phänologischen Terminen und veränderter Konkurrenzfähigkeit wi-
derspiegeln. Durch sich verschiebende Phänologien werden sich bestehende Nahrungs-
netze desynchronisieren/entkoppeln.
-
Als langfristig besonders gefährdet durch den Klimawandel gelten Arten und Biotope,
deren Habitate beziehungsweise Standorte verschwinden oder starken Veränderungen
beziehungsweise Fragmentierungen unterliegen. Das ist beispielsweise für solche Arten
und Biotope zu erwarten, die an kühle und feuchte Bedingungen angepasst sind (zum
Beispiel Moore, hochmontan-subalpine Florenelemente). Bei wärmeliebenden und an
Trockenheit angepassten Arten ist dagegen eher eine Ausbreitung nach Norden und in
höhere Lagen der Gebirge wahrscheinlich (wenn geeignete Lebensräume vorhanden
sind beziehungsweise entstehen) und teilweise schon zu beobachten (zum Beispiel be-
stimmte Libellen- und Heuschreckenarten).
-
Die Geschwindigkeit des Klimawandels übersteigt für eine Vielzahl von Arten und Bioto-
pen deren Ausbreitungs- beziehungsweise Anpassungsfähigkeit.
-
Durch die unterschiedlichen Reaktionsgeschwindigkeiten beziehungsweise Ausbrei-
tungsfähigkeiten kommt es wahrscheinlich zu einer räumlichen und zeitlichen Entmi-
schung bisher bestehender Artengemeinschaften und damit zur Herausbildung neuarti-
ger Lebensgemeinschaften. Hierzu werden auch Arten beitragen, die gegenwärtig in
Deutschland noch nicht einheimisch sind, deren Areale sich aber als Folge der Klimaver-
änderung verschieben. Besondere Beachtung erfordern Neobiota, die bewusst oder un-
absichtlich vom Menschen eingeführt/eingeschleppt wurden beziehungsweise zukünftig
werden. Mit ihnen können Gefahren, aber auch Chancen verbunden sein. Gerade das
Auftreten „jüngerer Neobiota“ ist häufig kritisch zu beurteilen.
-
Je nach Lage der einzelnen Regionen, der dort projizierten Klimaveränderungen und der
vorhandenen Artenpools sind die Auswirkungen des Klimawandels unterschiedlich ein-
zuschätzen. Vieles ist im Hinblick auf die Folgewirkungen für die Biodiversität noch nicht
genau bekannt. Deshalb sollten die Auswirkungen des Klimawandels auf Arten, Biotope
und Lebensgemeinschaften zukünftig verstärkt untersucht (zum Beispiel im Rahmen ei-
nes entsprechenden Monitorings) und hinsichtlich ihrer Bedeutung abgeschätzt werden.

60
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
-
Ferner ist mit dem Auftreten neuer Schadorganismen und deren Folgewirkungen zu
rechnen.
-
Mit der Änderung der Biodiversität ist eine Änderung bestimmter Ökosystemdienstleis-
tungen wahrscheinlich, wie zum Beispiel Wasserdargebot und Selbstreinigungsfunktion,
genetische Vielfalt, Landschaftsbild, Landnutzung und Erholungswert.
-
Bestimmte Ökosysteme, wie zum Beispiel Wälder, wachsende Moore, Grünländer, kön-
nen eine bedeutende Funktion als Speicher und Senken von Kohlenstoff übernehmen.
Ihre Erhaltung ist wesentlich zur Vermeidung zusätzlicher CO
2
-Emissionen.
-
Auch vor dem Hintergrund des Klimawandels kommt einer hohen Artenvielfalt zuneh-
mende Bedeutung zu.
Luftqualität
Die Luftqualität in Sachsen wird durch ein stationäres Luftmessnetz kontinuierlich überwacht.
Die Belastungen durch Luftschadstoffe sind zwischen 1990 und 2010 deutlich zurückgegan-
gen. Trotzdem sind nach wie vor, auch zum Schutz von Natur und Landschaft und zum Er-
halt der Erholungsfunktion der Landschaft, weitere Maßnahmen zur Luftreinhaltung erforder-
lich (vergleiche unter anderem die jährlichen Immissionsberichte auf
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/luft/5693.htm,
Schlutow et al. 2010).
Die Emissionen von Versauerungs- und Eutrophierungsgasen (SO
2
, HCl, NO
x
und NH
3
) ha-
ben seit 1990 bereits um circa 92 Prozent beziehungsweise um circa 44 Prozent abgenom-
men. Betrachtet man den Zeitraum der letzten 20 Jahre (1990 bis 2010), so sind fast alle
untersuchten nassen Depositionen (Eintrag von Luftschadstoffen in Ökosysteme durch den
Niederschlag) rückläufig (mit Ausnahme von Na
+
). Die Schwefeldepositionen haben sich seit
1995 (Mittelwert von 1991 bis 1995) um mehr als 60 Prozent reduziert. Die früheren, zum
Teil sehr hohen Immissionen wirken sich aber noch nachhaltig auf Boden, Wasser und da-
von ausgehend auf die Vegetation aus. Insbesondere die Böden verfügen über ein „Lang-
zeitgedächtnis“, sodass ihre regionsweise starke Versauerung anhält (zum Beispiel in Na-
delwaldökosystemen der oberen Lagen des Berglandes, in der nördlichen Oberlausitz und in
der Dübener Heide). Nach einem leichten Anstieg Mitte der 1990er-Jahre reduzierten sich
die Gesamtstickstoff-Depositionen (aus Nitrat- und Ammoniumionen) in den letzten 20 Jah-
ren um reichlich 10 Prozent (PAUSCH 2011). Trotzdem sind die Stickstoffeinträge, die seit
Jahren zu einer fortschreitenden schleichenden Eutrophierung der Ökosysteme führen, auf
hohem Niveau und überschreiten auf 99 Prozent der Rezeptorfläche die Critical Loads (Be-
lastungsgrenzen) der Ökosysteme (SCHLUTOW & SCHEUSCHNER 2009). Hohe Belastungen
durch Stickstoffverbindungen mit eutrophierender Wirkung auf Ökosysteme betreffen insbe-
sondere das Erzgebirgsvorland, das Erzgebirge (vor allem Heiden und Grünland auf nähr-
stoffärmeren Standorten im Osterzgebirge), die Sächsische Schweiz sowie die Waldreviere
der Dresdner Heide, des Tharandter Waldes und der Dübener Heide.
Der Luftschadstoff Ozon bereitet nach wie vor Probleme. Belastungen durch hohe Ozonkon-
zentrationen treten auch fernab von Emissionsquellen der Vorläufersubstanzen (VOC, CO,
NO
x
) auf und führen unter anderem zu Schäden an der Vegetation in naturnahen Gebieten
(obere Lagen und Kammlagen des gesamten Erzgebirges, des Vogtlandes sowie des Zittau-
er Gebirges). Zum Beispiel werden sie mitverantwortlich gemacht für neuartige Waldschä-
den. Die Zielwerte zum Schutz der menschlichen Gesundheit und zum Schutz der Vegetati-
on werden nach wie vor bei bestimmten Wetterlagen (lang anhaltende Hochdruckwetterla-
gen mit hohen Temperaturen und überdurchschnittlicher Sonneneinstrahlung) vor allem bei
den ländlichen Messstationen überschritten (PAUSCH 2011).
Einen besonderen Schutz vor Schadstoffbelastungen benötigen siedlungsklimatisch bedeut-
same Bereiche gemäß Z 4.1.4.1, Erholungs- und Kurgebiete sowie Vorkommen von beson-
ders schutzwürdigen Arten, Biotopen und Pflanzengesellschaften. Zu den Erholungs- und
Kurgebieten zählen Schutzgebiete nach Bundesnaturschutzgesetz mit einem vorrangigen
Schutzzweck Erholung (Landschaftsschutzgebiete, Naturparke), Freiräume für naturverbun-

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 61
dene Heilung und Erholung im Umfeld von Kliniken, Bade- und Kureinrichtungen, kulturhisto-
risch attraktive Erholungsgebiete zum Beispiel im Bereich von Ferienstraßen, siedlungsnahe
Gebiete für die Nah- und Kurzzeiterholung, bereits bestehende und in Entwicklung begriffene
Erholungsgebiete in der Bergbaufolgelandschaft sowie Vorrang- und Vorbehaltsgebiete Kul-
turlandschaftsschutz gemäß Z 4.1.1.12. Zu den aus Naturschutzsicht besonders wertvollen
und vor hohen Schadstoffbelastungen zu schützenden Bereichen zählen Schutzgebiete nach
Bundesnaturschutzgesetz, das Netz Natura 2000 sowie weitere Vorrang- und Vorbehaltsge-
biete Arten- und Biotopschutz gemäß Z 4.1.1.16.
Neben den technischen und administrativen Maßnahmen zur Luftreinhaltung ist auch die
Einhaltung der spezifischen ökologischen Belastungsgrenzen (Critical Loads) für Luftschad-
stoffe zum Schutz von Ökosystemen (zum Beispiel Moore, Wälder, Magerrasen und Heiden)
erforderlich.
2.5.2 Fachliche Ziele, Erfordernisse und Maßnahmen
2.5.2.1 Siedlungsklima
Erläuterungen und Kriterien (Bezug zu Z 4.1.4.1)
Die Karte „Bioklimatisch und lufthygienisch wirksame Räume“ gibt einen Überblick zu den
siedlungsklimatisch
bedeutsamen
Bereichen
aus
landesweiter
Sicht
(http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/26256.htm).
Insbesondere sind Gebiete mit hohem Grünlandanteil für die Entstehung und den Abfluss
von Kaltluft (weiße Flächen in der Karte; Pfeile bezeichnen Flächen mit dominierendem,
starkem Kaltluftfluss) und größere Waldgebiete (grüne Signatur, relevant für die Entstehung
von Frischluft) als bioklimatische und lufthygienische Ausgleichsräume von Bedeutung.
Hohe sommerliche Wärmebelastungen, verbunden mit der Häufigkeit austauscharmer Wet-
terlagen (Inversionslagen), sind vor allem für das dicht besiedelte südliche Elbtal im Bal-
lungsraum von Meißen über Dresden bis Pirna zu verzeichnen. Darüber hinaus kommen sie
auch im Leipziger Raum, den Industriestädten im Erzgebirgsbecken, in den unteren Lagen
des Erzgebirges und deren Vorland sowie im Raum Zittau häufiger vor.
Aus bioklimatischer Sicht wichtige Gebiete für die Entstehung und den ungehinderten Ab-
fluss von Kaltluft sind unbewaldete Freiflächen des Elstergebirges, Vogtlandes, Erzgebirges
und Lausitzer Berglandes. Die Abflüsse dieser Kaltluft verlaufen dann über die Talsysteme
sowie über Grünlandflächen. So sind beispielsweise für die Dresdner Elbtalweitung die südli-
chen (linken) Seitentäler der Elbe und die rechtselbischen Täler / Hochflächen für die Kalt-
und Frischluftzufuhr in den Ballungsraum unverzichtbar. Weitere regional bedeutsame Kalt-
luftbahnen verlaufen zum Beispiel in den Tälern von Spree (für den Raum Bautzen) und
Lausitzer Neiße (von Zittau bis Görlitz).
In der Karte sind außerdem (mit blauen Signaturen) Kaltluftsammelgebiete und Gebiete mit
Kaltluftstau dargestellt. In weiten Bereichen des nordsächsischen Tieflandes, in Teilen des
Lösshügellandes sowie in Talsohlen bilden sich Kaltluftsammelgebiete heraus, wenn bei
fehlender oder geringer Hangneigung die Kaltluft nicht abfließen kann. Wird die Kaltluft in
Flusstälern durch abriegelnde Bebauung oder dichte Bewaldung im weiteren Abfluss behin-
dert, entstehen Kaltluftstaus (zum Beispiel in Talabschnitten der Zwickauer und Freiberger
Mulde, Weißen Elster, Zschopau, Flöha, Spree). In Kaltluftsammelgebieten und Bereichen
mit Kaltluftstaus können sich bei austauscharmen Wetterlagen Luftschadstoffe besonders
aus bodennahen Emissionsquellen anreichern.
Die landesweite Übersichtskarte „Bioklimatisch und lufthygienisch wirksame Räume“ hat
maßstabs- und darstellungsbedingt Grenzen in der Aussagefähigkeit, was bei Verwendung
der Karte im Zuge der Landschaftsrahmenplanung zu beachten ist. So wirkt beispielsweise
das Elbtal teilweise auch als Gebiet mit Kaltluftfluss (Ausgleichsraum). Aber auch im Sied-

62
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
lungsraum gibt es Kaltluftentstehungs- und somit Ausgleichsräume, was in der Karte nicht im
Detail darstellbar ist.
Eines besonderen Schutzes bedürfen die für das Siedlungsklima bedeutsamen Grünflächen
(vor allem Grünland, Gehölze, Wälder, Gewässerauen) in den Ballungsräumen und Städten
sowie in deren unmittelbarem Umfeld.
Bei der Auswahl von Flächen zur Festlegung siedlungsklimatisch bedeutsamer (großflächi-
ger) Frisch- und Kaltluftentstehungsgebiete im Zuge der Landschaftsrahmenplanung sollen
folgende Kriterien Beachtung finden:
-
gesicherter Kaltluftabfluss,
-
keine bedeutenden Emittenten im näheren Umfeld,
-
keine stark befahrenen Straßen,
-
geringe Grundbelastung,
-
gute bodennahe Durchlüftungsverhältnisse.
Für die Sicherung/Optimierung regional und überregional bedeutsamer Leitbahnen für Kalt-
und Frischluftflüsse als Ausgleichsräume für den Luftaustausch gelten folgende Kriterien:
-
unversiegelte Flächen mit geringer Rauhigkeitslänge,
-
gegebenenfalls Nutzungsänderung zur Erhöhung der Durchlässigkeit (zum Beispiel Ent-
siegelung als Kompensationsmaßnahme),
-
Mindestbreite 300 m,
-
Leitbahnquerschnitt ohne abriegelnde Hindernisse,
-
Ausrichtung auf Wirkungsräume.
Zwischen Gebieten mit erhöhter oder zunehmender Immissionsbelastung sind ausreichende
Freiflächen als Entstehungs- und Abflussgebiete für Kalt- beziehungsweise Frischluft zu er-
halten und zu sichern. Bei der Planung und Durchführung von Bauvorhaben sollen Beein-
trächtigungen der klimatischen Ausgleichsleistungen vermieden werden. In Luftaustausch-
bahnen, die der Frischluftversorgung von Siedlungsgebieten dienen, haben alle Maßnahmen
zu unterbleiben, die sie in dieser Funktion beeinträchtigen würden. Insbesondere ist die An-
siedlung luftverunreinigender Betriebe zu vermeiden.
Die lufthygienischen Verhältnisse (Kalt- beziehungsweise Frischluftentstehungs- und -
abflussgebiete, Luftleitbahnen, Teilräume mit hoher Luftbelastung oder Überwärmungsge-
fahr) sind bei Planungen, insbesondere für Großprojekte wie emissionsintensive Betriebe,
verstärkt zu berücksichtigen.
2.5.2.2 Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel
FZ 35 (Bezug zu G 4.1.1.19)
Bei allen raumbedeutsamen Planungen und Maßnahmen sind die Möglichkeiten zur
Erhaltung und Erhöhung der C-Senken- und -Speicherkapazität der Landschaft be-
sonders zu berücksichtigen.
Damit der Freistaat Sachsen zum Klimaschutz beitragen kann, müssen neben der weiteren
Reduzierung der Emissionen von klimaschädlichen Treibhausgasen bei allen raumbedeut-
samen Planungen und Maßnahmen auch die Möglichkeiten zur Erhaltung und Erhöhung der
C-Senken- und -Speicherkapazität der Landschaft beziehungsweise der Ökosysteme be-
sonders berücksichtigt werden, unter anderem durch:
-
verstärkte Aufstellung und Berücksichtigung von Treibhausgasbilanzen zur Bewertung
von raumbedeutsamen Planungen und Maßnahmen,
-
besondere Berücksichtigung der Wirkungen als Senke oder Quelle für Treibhausgase
(vor allem CO
2
) bei der Planung und Genehmigung von Landnutzungsänderungen,

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 63
-
verstärkte Beachtung von natürlichen C-Senken und -Speichern, zum Beispiel durch Er-
haltung und Entwicklung naturnaher Moore, durch Wiedervernässung revitalisierbarer or-
ganischer Böden, durch strikte Begrenzung der Umwandlung von Grün- in Ackerland,
durch Waldmehrung, eine ordnungsgemäße Waldbewirtschaftung unter Beachtung öko-
logischer Grundsätze und ökologischen Waldumbau.
In die Umweltprüfungen und die Bewältigung der Eingriffsregelung bei Planungen und Ge-
nehmigungsverfahren sind daher Klimachecks zu integrieren, die mögliche Wirkungen von
Planungen und Maßnahmen auf die klimatischen Verhältnisse untersuchen.
FZ 36 (Bezug zu Z 4.2.1.2, Z 4.2.2.3 und Z 5.1.1)
Klimaschutzmaßnahmen, vor allem die Ausweitung des Anteils der Erneuerbaren
Energien, und Klimaanpassungsmaßnahmen an die erwarteten Folgen des Klimawan-
dels, zum Beispiel in der Land-, Forst- und Wasserwirtschaft und beim Hochwasser-
schutz, sollen so konzipiert und umgesetzt werden, dass sie im Einklang mit den Zie-
len und Anforderungen des Naturschutzes stehen.
Nicht nur der Klimawandel selbst, sondern auch die Klimaschutz- und Klimaanpassungs-
maßnahmen der Gesellschaft und Landnutzungen können mit erheblichen Auswirkungen auf
die natürliche biologische Vielfalt verbunden sein. Darunter fallen auch die Maßnahmen zur
Ausweitung des Anteils der Erneuerbaren Energien, insbesondere Windkraft, Biomassean-
bau und Photovoltaik (vergleiche Kapitel 5.1 im Festlegungsteil). Der Ausbau der Erneuerba-
ren Energien ist einerseits notwendig, um die Emission von Treibhausgasen und damit den
Temperaturanstieg einigermaßen zu begrenzen. Die Anlagen wie zum Beispiel Windparks
(vergleiche dazu FZ 16), die Änderungen in der Landwirtschaft zugunsten des Biomassean-
baus (vergleiche dazu FZ 17) oder der Bau neuer Hochspannungsleitungen (vergleiche dazu
FZ 18) können erhebliche negative Wirkungen auf die Biodiversität haben, die es durch die
Standortwahl, Ausgleichsmaßnahmen oder Anforderungen an die Betreiber/Landnutzer (zum
Beispiel fledermausfreundliche Betriebsalgorithmen bei Windenergieanlagen, Nachhaltig-
keitsanforderungen für den Biomasseanbau) zu begrenzen gilt.
Darüber hinaus sind Anpassungen der Landnutzungen an die erwarteten Auswirkungen des
Klimawandels geplant, so unter anderem in den LEP-Plansätzen Z 4.2.1.2 und Z 4.2.2.3.
Diese Anpassungen sollen zum Beispiel Ertragsausfälle in der Landwirtschaft vermeiden
oder die Erhöhung des Anteils standortgerechter und klimaangepasster Baumarten (Wald-
umbau) in der Forstwirtschaft umfassen. Bezüglich der Anpassungsmaßnahmen des Hoch-
wasserschutzes an die zunehmenden Extremereignisse sind es insbesondere die techni-
schen Anlagen wie Hochwasserrückhaltebecken, welche mit nachteiligen Auswirkungen für
den Biodiversitätsschutz verbunden sein können.
Beregnungen sollen nicht die Problematik eines im Zuge des Klimawandels angespannten
Grundwasserhaushaltes oder eine geringere Wasserführung von Oberflächengewässern in
Trockenperioden weiter verschärfen, ansonsten wirken sie ebenso wie der Anbau besonders
bewässerungsbedürftiger Kulturen in vom Klimawandel stark betroffenen Regionen kontra-
produktiv für den Schutz der an Gewässerlebensräume gebundenen Arten und Biotope.
Waldmehrung und Waldumbau sollen aus Sicht des Naturschutzes mit jeweils hinreichend
hohen Anteilen von Baumarten der natürlichen Waldgesellschaften und standortheimischen
Baumarten erfolgen. Eine Beimengung standortgerechter fremdländischer Baumarten – auch
in der Landschaftspflege – sollte im Interesse einer erhöhten Anpassungsfähigkeit (Artenviel-
falt) nicht generell ausgeschlossen werden.
FZ 37 (Bezug zu G 4.1.1.15, Z 4.1.1.16, G 4.1.1.18 und G 4.1.1.19)
Nachteilige Auswirkungen des Klimawandels für den Schutz der natürlichen biologi-
schen Vielfalt sollen durch eine entsprechende Anpassung der Naturschutzstrategien,

64
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
-konzepte und -maßnahmen so weit wie möglich vermieden beziehungsweise abgepuf-
fert werden.
Zu erwartende und schon eingetretene Folgewirkungen des Klimawandels auf die Biodiversi-
tät wurden bereits in der Einleitung des Kapitels 2.5 beschrieben.
Die Landschaftsplanung soll einen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel entspre-
chend ihrer Möglichkeiten leisten. Für den Bereich Biodiversität, Natur und Landschaft sind
dabei vor allem folgende Anpassungsstrategien und -maßnahmen relevant:
-
Es sind vor allem solche naturschutzfachlichen Anpassungsmaßnahmen zu planen und
umzusetzen, die auch aus anderen Gründen notwendig und sinnvoll sind (zum Beispiel
Biotopverbund) und gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit der Natur an den Klimawandel
weiter erhöhen (no regret-Strategie).
-
Ebenso bedeutend sind Strategien, die mögliche Synergien zwischen Klimaanpassung,
Klimaschutz und anderen Schutzanforderungen, wie dem Natur-, Boden- und Gewässer-
schutz, konsequent nutzen. Klimaschutz und Anpassung sollten sich ergänzen (win-win-
Strategie). Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Renaturierung von Mooren. Not-
wendig ist auch eine naturschutzverträgliche Strategie zum notwendigen Ausbau der
Onshore-Windenergie und der Übertragungsnetze.
-
Die Biotopverbundplanung ist unter Berücksichtigung der Erfordernisse, die sich durch
den Klimawandel ergeben, konsequent weiterzuentwickeln. Es ist ein funktionsfähiger
Biotopverbund zu etablieren, um Ausweich- und Wanderungsbewegungen der Arten in
bioklimatisch zusagende Räume zu gewährleisten, deren Habitate sich durch den Klima-
wandel verschieben.
-
Der Wasserhaushalt von Mooren, Auen und anderen Feuchtgebieten ist zu stabilisieren
und zu verbessern, um diese als Lebensräume von spezialisierten Lebensgemeinschaf-
ten klimasensitiver Arten zu erhalten und ihre Speicher- und Senkenleistung für Treib-
hausgase zu sichern, zu erhöhen oder wiederherzustellen. Naturnahe Moore und andere
wassergeprägte Lebensräume sind von der Landschaftsrahmenplanung als Vorrangge-
biete Arten- und Biotopschutz einzubringen (vergleiche Z 4.1.1.16). Moore, die sich für
Maßnahmen zur Renaturierung besonders eignen, sind aus der Suchraumkulisse in Kar-
te A 1.2 auszuwählen (vergleiche G 4.1.1.19 und FZ 8). Renaturierungsbedürftige Moore
sind von der Landschaftsrahmenplanung als „Sanierungsbedürftige Bereiche der Land-
schaft“ vorzuschlagen (vergleiche Z 4.1.1.6).
-
Die Instrumente Biotopschutz und Schutzgebiete sind durch Anpassung der Schutzziele
und Managementmaßnahmen differenziert und flexibel weiterzuentwickeln (vergleiche FZ
22).
-
Naturentwicklungsräumen und der Nutzung von Naturprozessen muss unter dem Aspekt
des Klimawandels eine höhere Priorität eingeräumt werden. Prozessschutzflächen, die
verstärkte Integration von natürlichen Entwicklungen in die Landnutzung, die Entwicklung
von Ausweichhabitaten sowie die Bereitstellung ausreichend großer (Puffer)Flächen und
Zeithorizonte für dynamische Anpassungsprozesse fördern die eigendynamische Anpas-
sung von Populationen und Ökosystemen an die sich durch den Klimawandel ändernden
Umweltbedingungen (vergleiche G 4.1.1.18).
-
Es sind Konzepte für einen sinnvollen und pragmatischen Umgang mit Neobiota zu ent-
wickeln, die aktuell oder als Folge des Klimawandels invasiv auftreten können und
Schutzgüter des Naturschutzes gefährden können. Die in diesen Konzepten entwickelten
Managementmaßnahmen sind umzusetzen.
-
Für die Anpassung an den Klimawandel sind die Naturschutzinstrumente weiterzuentwi-
ckeln (zum Beispiel Biotopverbund, Ex situ-Artenschutz), neuartige Konzepte zu erpro-
ben (zum Beispiel Ökosystemmanagement, das heißt Schutz funktions- und anpas-
sungsfähiger dynamischer Ökosysteme anstatt bestimmter Arten) und Maßnahmen zur
Anpassung an den Klimawandel durchzuführen (zum Beispiel Umsetzung des Biotopver-
bundes, Umsiedlung von Arten).
-
Erhaltung alter Laubwaldbestände über die Umtriebszeit hinaus (zum Beispiel alter Bu-
chen- und Eichenmischwälder), die mit ihrem selbstgeschaffenen Innenklima die Effekte

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 65
eines Klimawandels für viele Arten abpuffern (Sicherung als Vorrang- und Vorbehaltsge-
biete Arten- und Biotopschutz oder zum Schutz des vorhandenen Waldes, vergleiche
auch Karte A 1.5 sowie Z 4.1.1.16, Z 4.2.2.2 und FZ 13).
2.5.2.3 Lufthygiene und Lärmschutz
FZ 38 (Bezug zu Z 4.1.4.1)
Waldgebiete mit Funktion als lufthygienisch und bioklimatisch wirksame Ausgleichs-
räume sowie mit Lärmschutzfunktion sind besonders in Nachbarschaftslage zu urban-
industriellen Ballungsräumen zu erhalten, bei Bedarf hinsichtlich der Waldstruktur zu
erneuern und gegebenenfalls zu erweitern. Zur Abschirmung und Pufferung von be-
sonders gefährdeten Wirkungsräumen, vor allem von Wohngebieten, sind Gehölze mit
Immissionsschutzfunktion zu erhalten, bei Bedarf zu erweitern beziehungsweise neu
anzulegen.
Die entsprechenden Waldgebiete beziehungsweise Gehölze, die zu erhalten sind, so-
wie Bereiche, in welchen Gehölze mit Immissionsschutzfunktion neu angelegt werden
sollten, sind in den Landschaftsrahmenplänen darzustellen.
Waldbestände und Gehölze sind grundsätzlich dazu geeignet, Funktionen als lufthygienisch
und bioklimatisch wirksame Ausgleichsräume sowie Lärmschutzfunktionen zu erfüllen. Be-
deutsam sind diese Funktionen insbesondere in oder in unmittelbarer Nachbarschaft zu
Siedlungen (vor allem zu Wohngebieten) oder zu den Emissionsquellen (zum Beispiel Anla-
gen der Tierhaltung). Im Mittel kann davon ausgegangen werden, dass Depositionen in
Waldstrukturen die 1,3- bis 2,2fache Höhe der Freilandwerte erreichen (SMUL 2005), das
heißt Wälder beziehungsweise Gehölze filtern Luftschadstoffe und können Immissionen ein-
grenzen. Die Baumartenzusammensetzung, Waldstruktur (inklusive Waldrandstruktur) und -
bewirtschaftung sowie die Lage und Bestandsgröße beeinflussen die erzielbaren positiven
Waldfunktionen für Klima, Luft und Lärm maßgeblich, was bei der Anlage und Pflege ent-
sprechender Wälder und Gehölze zu beachten ist. Zusammenfassend können die Funktio-
nen von Wald und Gehölzen bezüglich Klima, Luft und Lärm wie folgt benannt werden:
-
sie führen zur Entstehung von größeren Kaltluftvolumina gegenüber Flächen mit niedri-
ger Vegetation (zum Beispiel Grünland), können den Kaltluftabfluss unter Umständen
aber auch etwas behindern,
-
schützen nachgelagerte Flächen vor Windeinwirkung,
-
fördern den Luftaustausch und tragen damit zu einer Verbesserung des Bioklimas im
Siedlungsbereich bei,
-
verbessern die Luftqualität durch Verstärkung der Thermik und Turbulenz, was zu einer
intensiveren Luftdurchmischung beiträgt,
-
verbessern die Luftqualität durch die Absorption von Luftverunreinigungen und stellen
damit ein Senkengebiet für anthropogene Schadstoffemissionen dar,
-
mindern Verkehrs- und Industrielärm durch verstärkte Schallabsorption.
Bezüglich der Waldflächen kann die Lage von Wäldern mit besonderen Schutzfunktionen im
Bereich Luft/Lärm aus der aktuellen Waldfunktionenkartierung entnommen werden. Relevant
sind hier die Wälder mit besonderer Klimaschutzfunktion, die Wälder mit besonderer Immis-
sionsschutzfunktion und die Wälder mit besonderer Lärmschutzfunktion beziehungsweise die
Wälder mit gesetzlich vorgegebenen Funktionen (Schutzgebiete) als Klimaschutzwald, Im-
missionsschutzwald oder Lärmschutzwald (nach dem Waldgesetz für den Freistaat Sachsen
als Schutzwald ausgewiesen) (SBS 2010).
Die Landschaftsplanung kann dazu beitragen, vorhandene Wälder und Gehölze mit beson-
deren Klima-, Immissions- oder Lärmschutzfunktionen zu sichern und Bereiche mit Bedarf
zur Neuanlage solcher Wälder und Gehölze zu ermitteln und im Landschaftsrahmenplan

66
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
darzustellen. Hierbei besteht eine Verbindung zu den Zielen der Waldmehrung (vergleiche Z
4.2.2.1).
Folgende Maßnahmen sind unter anderem im Zuge der Landschaftsrahmenplanung einzu-
bringen:
-
Erhaltung und gegebenenfalls Optimierung vorhandener Wälder und Gehölze mit beson-
derer Klima-, Immissions- und/oder Lärmschutzfunktion,
-
Sicherung solcher Wälder und Gehölze durch Ausweisung als Schutzgebiete und -
objekte nach Naturschutzrecht (vor allem Landschaftsschutzgebiet, Geschützter Land-
schaftsbestandteil), Integration in Frischluftentstehungsgebiete entsprechend Z 4.1.4.1,
Integration in andere schutzbezogene Vorrangausweisungen (zum Beispiel Arten- und
Biotopschutz gemäß Z 4.1.1.16, Schutz des vorhandenen Waldes gemäß Z 4.2.2.2 oder
regionale Grünzüge und Grünzäsuren gemäß Z 1.5.4 und Z 2.2.1.8),
-
angemessene Pflege und Bewirtschaftung der entsprechenden Wälder und Gehölze,
damit Strukturen erhalten oder entwickelt werden, welche die Schutzfunktionen fördern;
im Interesse des Schutzes der natürlichen Biodiversität vorzugsweise Verwendung ge-
bietsheimischer Gehölzarten, soweit zur Funktionserfüllung geeignet,
-
Ermittlung von Flächen, auf denen Wälder und Gehölze neu angelegt werden sollten, um
durch Immissionen, Lärm oder Klimaeinflüsse besonders gefährdete Siedlungsbereiche
zu schützen und Darstellung solcher Flächen im Landschaftsrahmenplan und kommuna-
len Landschaftsplan; dabei auch Beachtung der „Sanierungsbedürftigen Bereiche der
Landschaft“ gemäß Z 4.1.1.6, die aufgrund des Kriteriums „lufthygienisch belastete Ge-
biete“ festgelegt werden,
-
bedarfsweise Anlage beziehungsweise Ausweisung von Immissionsschutz-, Klimaschutz-
oder Lärmschutzwald nach dem Waldgesetz für den Freistaat Sachsen zur Abwehr oder
Verhütung der durch Luftverunreinigung oder Lärm bedingten Gefahren, erheblichen
Nachteile oder erheblichen Belästigungen, zur Kaltluftproduktion sowie zum Beispiel zur
Verbesserung der Versickerungsleistung und des vorbeugenden .Hochwasserschutzes
als Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel.
FZ 39
In Gebieten, die überwiegend zu Wohn- oder Erholungszwecken genutzt werden, in
ruhigen Gebieten nach § 47d Abs. 2 BImSchG oder in Gebieten, in denen besonders
lärmempfindliche Schutzgüter der Biodiversität vorkommen, soll ein Neubau von lärm-
intensiven Verkehrswegen grundsätzlich unterbleiben. Im Zuge der Landschaftsrah-
menplanung sollen Gebiete ausgewählt und abgegrenzt werden, in denen besonders
lärmempfindliche Schutzgüter der Biodiversität vorkommen.
Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ergebnissen der Lärmkartierung nach Umge-
bungslärmrichtlinie ist lauter Verkehr erwiesenermaßen eine der Hauptlärm- und
-belastungsquellen. Die Bekämpfung von Lärm ist im Nachhinein nicht oder nur mit großem
technischen und finanziellen Aufwand möglich. Deshalb trägt Verkehrsvermeidung erheblich
zur Lärmminderung bei. Durch eine entsprechende vorausschauende Bauleit- und Ver-
kehrswegeplanung (zum Beispiel Schaffung verkehrsberuhigter Gebiete bei Bestandsnut-
zungen), die sich an den Orientierungswerten für die städtebauliche Planung ausrichten,
können gesundheitsgefährdende Belastungen und auch Lärmkonflikte von vornherein ver-
mieden werden. Bestandteil der Planungen soll die Schaffung und Erhaltung verkehrsberu-
higter Gebiete sein. Darüber hinaus tragen verkehrslenkende Maßnahmen erheblich zur
Lärmminderung bei.
Lärm als Belastungsfaktor hat eine hohe gesundheitliche Relevanz. Laut Sondergutachten
des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen (Deutscher Bundestag, Drucksache
14/2300) liegt der kritische Wert für erhebliche Belästigung bei Mittelungspegeln von
65 dB(A) (außen, tagsüber). Dieser Wert sollte aus Gründen des vorbeugenden Gesund-
heitsschutzes vor Wohngebäuden nicht überschritten werden. Dies entspricht auch den

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 67
Empfehlungen der WHO. Oberhalb eines Geräuschpegels von 65 dB(A) steigt nach medizi-
nischen Erkenntnissen bei dauerhafter Exposition das Herzinfarktrisiko signifikant an. Bei
Mittelungspegeln über 55 dB(A) während der Nacht ist ein ungestörter Nachtschlaf nicht
mehr gewährleistet und es drohen ebenfalls gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Lang-
zeiteinwirkungen. So steigt beispielsweise das Bluthochdruckrisiko.
Die gesetzlich vorgeschriebene Lärmvorsorge nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz
beim Neubau von Straßen kann allein die Probleme nicht lösen. Ein großes Problem stellen
viele bestehende Straßen dar, für die keine Immissionsrichtwerte greifen. Hier ist bei wach-
sendem Verkehr eine stetige Zunahme der Belastung anzutreffen. Mit einer durchdachten
Verkehrs- und baulichen Entwicklung in den Gemeinden kann von vornherein Lärmbelastung
verhindert werden.
Lärm beeinträchtigt nicht nur die Menschen, sondern auch lärmempfindliche Tierarten. Be-
sonders lärmempfindliche Arten enthalten die Artengruppen der Vögel sowie der Groß- und
Mittelsäuger. Durch die Lärmwirkungen können Tiere in ihrem Verhalten beziehungsweise
ihren Lebensweisen gestört werden, was zu Flucht- und Meidereaktionen führt. Außerdem
kann die artspezifische Kommunikation beeinträchtigt werden. Dabei kommt es zu einer
Überlagerung von Kommunikationssignalen durch Lärm, was zum Beispiel zu Beeinträchti-
gungen bei der Partneranlockung und Partnerwahl, bei der Revierabgrenzung, der Kommu-
nikation zwischen Jung- und Alttieren, der Feindwahrnehmung und so weiter führen kann.
Anhaltender starker Lärm kann zur völligen Verdrängung lärmempfindlicher Tiere aus den
beeinträchtigten Teilhabitaten (zum Beispiel Brutplätzen, Fortpflanzungsstätten, Nahrungs-
habitaten, Ruhestätten, Rast-, Mauser- oder Überwinterungsgebieten) führen. Auch zeitlich
begrenzter, impulsartiger Lärm wie zum Beispiel von Feuerwerken kann lärmempfindlichen
Tierarten schaden.

68
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
Literaturverzeichnis
BASTIAN, O.; SCHREIBER, K.-F. (1999): Analyse und ökologische Bewertung der Landschaft,
2., neu bearbeitete Auflage, Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 564 S.
BOBETH, A.; KÜCHLER, W.; MELLENTIN, U.; VÖLLINGS, A. (2010): Kompendium Klima – Sach-
sen im Klimawandel. Hrsg.: Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und
Geologie, Dresden.
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/klima/24253.htm
BÖHNERT, W.; FRANZ, U.; KAMPRAD, S.; ARNHOLD, A.; HENZE, A. (2009): Erfassung und Be-
wertung des Landschaftsbildes im Freistaat Sachsen, Freital. Unveröffentlichte Studie
im Auftrag des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie.
BÖHNERT, W.; GUTTE, P.; SCHMIDT, P. A. (2001): Verzeichnis und Rote Liste der Pflanzenge-
sellschaften Sachsens. Materialien zu Naturschutz und Landschaftspflege 2001, Hrsg.:
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden, 303 S.
BRINKMANN, R.; BEHR, O.; NIERMANN, I.; REICH, M. (Hrsg.) (2011): Entwicklung von Methoden
zur Untersuchung und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-
Windenergieanlagen. Umwelt u. Raum Band 4, S. 406-424, Göttingen: Cuvillier Verlag.
BUDER, W. (2002): Untersuchungen zur gezielten Ausweisung und erfolgreichen Etablierung
von Ackerrandstreifen im Rahmen bestehender beziehungsweise künftiger Agrarum-
weltförderprogramme. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Sächsischen Lan-
desamtes für Umwelt und Geologie.
BUDER, W.; UHLEMANN, S. (2010): Biotoptypen. Rote Liste Sachsens. Hrsg.: Sächsisches
Landesamt
für
Umwelt,
Landwirtschaft
und
Geologie,
Dresden,
140
S.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11947
BURKHARDT, R.; BAIER, H.; BENDZKO, U.; BIERHALS, U.; FINCK, P.; LIEGL, A.; MAST, R.; MIR-
BACH, E.; NAGLER, A.; PARDEY, A.; RIECKEN, U.; SACHTELEBEN, J.; SCHNEIDER, A.;
SZEKELEY, S.; ULLRICH, K.; VAN HENGEL, U.; ZELTER, U. & F. ZIMMERMANN (2004): Emp-
fehlungen zur Umsetzung des § 3 BNatSchG „Biotopverbund“. Ergebnisse des Ar-
beitskreises „Länderübergreifender Biotopverbund“ der Länderfachbehörden mit dem
BfN. Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 2, 84 S.
BURKHARDT, R.; FINCK, P.; LIEGL, A.; RIECKEN, U.; SACHTELEBEN, J.; STEIOF, K. & ULRICH, K.
(2010): Bundesweit bedeutsame Zielarten für den Biotopverbund – zweite, fortge-
schriebene Fassung. Natur und Landschaft 85 (11): S. 460-469.
DITTRICH, I.; KEßLER, K.; EDOM, F. unter Mitarbeit von WENDEL, D.; FEGER, K.-H. (2011): In-
formationssystem Moore. Erstellung eines Fachkonzepts für ein landesweites Informa-
tionssystem zur Lage und Verbreitung von Mooren und anderen organischen Nass-
standorten (SIMON). Schriftenreihe des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Land-
wirtschaft und Geologie, Heft 14/2011, 90 S. + Anhänge.
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/boden/23800.htm

Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm 69
FELDWISCH, N. (2011): Umweltgerechter Anbau von Energiepflanzen. Rahmenbedingungen
und Strategien für einen an Umweltaspekten ausgerichteten Anbau der für Sachsen re-
levanten Energiepflanzen. Schriftenreihe des Sächsischen Landesamtes für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie, Heft 43/2011, 72 S.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/15109
HAHN, M. (2011): Vorhaben zur weiterführenden Kartierung von Querverbauungen und Was-
serkraftanlagen in Fließgewässern des Freistaates Sachsen – Bearbeitung der Wehr-
datenbank 2009/2010. Unveröffentlichter Bericht im Auftrag des Sächsischen Landes-
amtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, 20 S.
IPCC (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) (2007): Vierter Sachstandsbe-
richt. Synthesebericht und deutsche Zusammenfassungen unter
http://www.de-ipcc.de/de/128.php
LFUG (SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT UND GEOLOGIE) (2000): Digitale Daten zur Bio-
topkartierung im Freistaat Sachsen, Dresden, (Mskr.).
LFULG (SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT UND GEOLOGIE) (Hrsg.)
(2010): Bericht zum Zustand der sächsischen Wasserkörper 2009. Europäische Was-
serrahmenrichtlinie, Dresden, 23 S. + Karten.
PAUSCH, A. (2011): Luftqualität in Sachsen. Jahresbericht 2010. Hrsg.: Sächsisches Landes-
amt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/13852
SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM DES INNERN UND SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR
UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT (2009): Handlungsprogramm zur Reduzierung der Flä-
cheninanspruchnahme im Freistaat Sachsen – unveröffentlicht.
SBS (STAATSBETRIEB SACHSENFORST) (Hrsg.) (2010): Waldfunktionenkartierung. Grundsätze
und Verfahren zur Erfassung der besonderen Schutz- und Erholungsfunktionen des
Waldes im Freistaat Sachsen. Graupa, 71 S.
http://www.smul.sachsen.de/sbs/download/Waldfunktionenkartierung.pdf
SCHLUTOW, A.; NAGEL, H.-D.; SCHEUSCHNER, T.; WEIGELT-KIRCHNER, R. (2010): Ökologische
Belastungsgrenzen unter Einfluss des Klimawandels. Schriftenreihe des Sächsischen
Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Heft 12/2010, 133 S.
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/luft/23161.htm
SCHLUTOW, A.; SCHEUSCHNER, T. (2009): Ökologische Belastungsgrenzen. Aktualisierung
und Präzisierung der Erfassung von ökologischen Belastungsgrenzen und ihrer Über-
schreitungen im Freistaat Sachsen – Fortschreibung der Critical Loads/Level-
Untersuchungen bis 2006. Schriftenreihe des Sächsischen Landesamtes für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie, Heft 16/2009.
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/14940
SCHMIDT, P.A.; HEMPEL, W.; DENNER, M.; DÖRING, N.; GNÜCHTEL, A.; WALTER, B.; WENDEL, D.
(2002): Potentielle Natürliche Vegetation Sachsens mit Karte 1 : 200 000, Materialien
zu Naturschutz und Landschaftspflege 2002, 230 S.

70
Landesentwicklungsplan 2013 – Anhang A 1 Landschaftsprogramm
SMUL (SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT) (Hrsg.) (2005):
Immissionsschutzwald. Empfehlungen zur Anlage und Behandlung von Immissions-
schutzwald um Tierproduktionsanlagen. 2. Aufllage, Dresden, 24 S.
SRU (SACHVERSTÄNDIGENRAT FÜR UMWELTFRAGEN) (1999): Sondergutachten Umwelt und
Gesundheit – Risiken richtig einschätzen. Deutscher Bundestag, Drucksache 14/2300.
STEFFENS, R.; BANGERT, U. & JENEMANN, K. (2007): Fachliche Arbeitsgrundlagen für einen
landesweiten Biotopverbund im Freistaat Sachsen. Sächsisches Landesamt für Um-
welt
und
Geologie
(Hrsg.),
Dresden.
Naturschutz
und
Landschaftspflege.
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/17101.htm
WALZ, U.; SCHAUER, P.; UEBERFUHR, F.; HALKE, E. (2012): Historische Kulturlandschaften
Sachsens, Schriftenreihe des Sächsischen Landesamtes für Umwelt Landwirtschaft
und Geologie, Heft 33/2012, 128 S. https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/15690