Nr. 7, November 2015
Kurzberichte zur Evaluation des Jugendstrafvollzugs in der JSA Regis-Breitingen
Problem Suchtmittel: Gesundheitsfürsorge trifft Kriminaltherapie
Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol oder ille-
galen Drogen ist nach Andrews & Bonta
1
einer der
„Central Eight“ – der acht wichtigsten Risikofaktoren
für Straffälligkeit –, aus denen sich Behandlungsbedarfe
(„kriminogene Bedürfnisse“) ableiten lassen. Metaana-
lysen finden einen starken Zusammenhang zwischen
Suchtmittelproblematiken und Delinquenz.
Im Folgenden sind, wenn nicht anders angegeben, mit
dem Begriff „Suchtmittel“ Alkohol und illegale Drogen
gemeint. Andere stoffgebundene Suchtmittel wie etwa
Tabak sind zwar gesundheitsschädlich, jedoch für krimi-
nelles Verhalten kaum relevant. Auch auf pathologisches
Glücksspielen oder problematischen Mediengebrauch
wird hier nicht eingegangen, obwohl sie die soziale Inte-
gration beeinträchtigen können.
Für wen ist der Konsum von Suchtmitteln ein
kriminogener Faktor?
Eine Suchtmittelproblematik ist im Jugendstrafvollzug
besonders relevant, wenn sie bei einem Jugendstrafge-
fangenen (JSG) Straffälligkeit begünstigt oder verur-
sacht. Dann nämlich dient ihre Behandlung nicht nur
der Gesundheitsfürsorge sondern auch dem Vollzugsziel,
„die Gefangenen zu befähigen, künftig in sozialer Ver-
antwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“ (§ 2
SächsJStVollzG).
Für die Behandlung wie auch für die Psychoedukation
von JSG ist hilfreich, den individuellen Zusammenhang
zwischen Suchtmittelproblematik und Straffälligkeit zu
klären. Im Folgenden werden sechs typische Zusammen-
hänge dargestellt – orientiert an den vier Typisierungen
im Manual „MATE-Crimi“
2
. Die Abbildung oben auf
der folgenden Seite zeigt die sechs Zusammenhänge
schematisch.
1
Andrews, D. A. & Bonta, J. (2010).
The psychology of criminal
conduct
, 5. Aufl. LexisNexis Matthew Bender: New Providence
NJ.
2
Schippers, G. M. & Broekman, T. G. (2012).
MATE-Crimi 2.1.
Handbuch und Leitfaden.
Deutsche Bearbeitung: A. Buchholz,
M. Schliek, I. Rosch & R. Wolf. Nijmegen: Bêta Boeken.
„S. gesondert“
Die Suchtmittelproblematik hat ande-
re Ursachen als die Straffälligkeit. Beispiel: Disso-
ziale Einstellungen führen zu Körperverletzungen,
unabhängig davon werden Suchtmittel missbraucht.
Der Missbrauch ist nicht kriminogen.
„gemeinsame Ursache“
Suchtmittelproblematik und
Straffälligkeit haben die gleiche Ursache. Beispiel:
Die Suche nach neuen Spannungsreizen führt zu
Einbrüchen, Fahren ohne Fahrerlaubnis wie auch
zum Drogenmissbrauch. Der Suchtmittelkonsum
selbst ist nicht kriminogen. Eine Behandlung der
Suchtmittelproblematik kann kriminal-präventiv
wirken, wenn dabei die (gemeinsame) Ursache be-
handelt wird.
„S. direkt ursächlich“
Der Suchtmittelkonsum führt
direkt zur Straffälligkeit. Beispiel: Beschaffungskri-
minalität. Die Behandlung der Suchtmittelproble-
matik ist primäre kriminal-präventive Aufgabe.
„S. begünstigend“
Der Suchtmittelkonsum erleichtert
die Straffälligkeit. Beispiel: Durch Alkohol ent-
hemmt wird eine Körperverletzung begangen. Ei-
ne Behandlung der Suchtmittelproblematik ist
kriminal-präventiv aber nicht hinreichend.
„S. indirekt ursächlich“
Der Suchtmittelkonsum be-
einflusst andere Faktoren, die (ggf. langfristig) zu
Straffälligkeit führen. Beispiel: Durch stetig stär-
keren Alkoholkonsum erfolgt die Lebensführung
immer unkontrollierter, was schließlich zu Schwarz-
fahren führt. Eine Behandlung der Suchtmittelpro-
blematik ist kriminal-präventiv.
„S. resultierend“
Der Suchtmittelkonsum ist indirekte
Folge von Straffälligkeit. Beispiel: Eine Gewalttat
gegen ein Familienmitglied führt zu sozialem Aus-
schluss und fehlendem Halt; der mit dem Verlust
verbundene Schmerz wird mit Alkohol „betäubt“.
Sicherlich können für eine Person mehrere dieser Zu-
sammenhänge zutreffen. Diese theoretische Einordnung
problematischen Suchtmittelkonsums in (vereinfachte)
Über Daten & Dialog
Die Reihe „Daten&Dialog“ informiert über Ergebnisse der Evaluation des Jugendstrafvollzugs in der sächsischen Jugend-
strafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. Jede Ausgabe widmet sich einem umgrenzten Aspekt des Jugendstrafvollzugs: mit
Ergebnissen von Datenanalysen, Interpretationen und Denkanstößen.
„Daten&Dialog“ erscheint ca. viermal jährlich digital. Bisherige Ausgaben und weitere Informationen finden Sie im Internet
unter
http://www.justiz.sachsen.de/kd/
.
Herausgeber
:
Kriminologischer Dienst des Freistaates Sachsen
JVA Leipzig mit Krankenhaus
Leinestraße 111, 04279 Leipzig
Verantwortlicher Redakteur: Sven Hartenstein
Kontakt
:
B
kd@smj.justiz.sachsen.de
T 0341 8639-118
m
www.justiz.sachsen.de/kd/

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 2
„S. ge-
sondert“
S
K
A
A
„gemeinsame
Ursache“
S
K
A
„S. direkt
ursächlich“
S
K
A
„S. begüns-
tigend“
S
K
A
„S. indirekt
ursächlich“
S
K
A
„S. resul-
tierend“
S
K
A
Suchtmittel (S), andere Faktoren (A) und Kriminalität (K): typische Zusammenhänge
Modelle straffälligen Verhaltens soll dazu anregen, et-
waige individuelle Suchtmittelproblematiken von JSG
bewusster und differenzierter in Vollzugs- und Behand-
lungsplanungen zu berücksichtigen.
Ein bestimmter Fall indirekter Wirkung von Sucht-
mitteln auf die Straffälligkeit spielt im Justizvollzug
noch eine besondere Rolle: wenn frühere Konsumerfah-
rung oder Konsum in Haft die Veränderungsmotivation
und Mitarbeit der Inhaftierten beeinträchtigt. Dann ist
die positive Einwirkung auch auf andere kriminogene
Faktoren erschwert.
Verwendete Daten
Die im Folgenden berichteten Ergebnisse basieren auf
Daten von denjenigen JSG, die seit Anfang 2011 (Be-
ginn der Evaluation) in die JSA gekommen sind und
von denen die jeweiligen Erhebungsbögen vorliegen.
3
Aus verschiedenen Gründen schwankt die Anzahl der
JSG zwischen den Analysen, etwa weil bei kurzem Auf-
enthalt in der Jugendstrafvollzugsanstalt (JSA) keine
Vollzugsplanung durchgeführt wird oder weil JSG nicht
in der Lage oder bereit sind, Fragebögen auszufüllen.
Verbreitung von Suchtmittelproblematiken unter
Jugendstrafgefangenen
Im Rahmen der ersten Vollzugsplanung („Zugang“) und
nachdem die JSG die JSA verlassen haben („Abgang“),
schätzen Fachdienste für jeden JSG die etwaige Sucht-
problematik in Bezug auf Alkohol und Drogen anhand
einer vierstufigen Skala von „gar nicht“ bis „vollständig“
oder der Angabe „Beurteilung nicht möglich“ ein.
Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche Suchtproblematik
in Bezug auf Alkohol erkennbar. (n1=1018, n2=696)
26 %
10 %
17 %
18 %
28 %
30 %
15 %
15 %
15 %
25 %
0
100
200
300
0
100
200
300
Zugang
Abgang
gar nicht
allenfalls
ansatzw.
annähernd vollständig Beurteilung
nicht mögl.
Anzahl
Bei ca. einem Viertel der JSG geben die Fachdienste
an, dass eine Beurteilung der Alkoholproblematik nicht
möglich ist – selbst zum Zeitpunkt des Abgangs aus der
JSA. Nach dem Zugang wird der Hälfte der übrigen JSG
eine Alkoholproblematik „annähernd“ oder „vollständig“
attestiert. Bei der anderen Hälfte wird eine Problematik
häufiger „gar nicht“ als „allenfalls ansatzweise“ gesehen.
3
Wir danken den Fachdiensten für die Unterstützung bei der Da-
tenerhebung im Rahmen der Vollzugsplanungen. Auch danken
wir den Jugendstrafgefangenen, die den Zugangs- und/oder
Abgangsfragebogen ausgefüllt haben.
Nachdem die JSG die Anstalt verlassen haben wird
etwas seltener eine Alkoholproblematik gesehen. Ver-
schiedene Gründe dafür sind denkbar; problematisch
wäre, wenn Alkoholproblematiken „vergessen“ oder ver-
harmlost würden, weil sie sich in Haft weniger zeigen.
Die Veränderungen der Einschätzung sind allerdings
eher gering.
Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche Suchtproblematik
in Bezug auf Drogen erkennbar. (n1=1020, n2=696)
30 %
7 %
15 %
33 %
15 %
30 %
11 %
14 %
33 %
11 %
0
100
200
300
0
100
200
300
Zugang
Abgang
gar nicht
allenfalls
ansatzw.
annähernd vollständig Beurteilung
nicht mögl.
Anzahl
Die Beurteilung einer Drogenproblematik ist häufiger
möglich. Deutlich über die Hälfte der JSG, für die eine
Einschätzung vorliegt, weisen eine solche annähernd
oder vollständig auf. Die Verteilung ändert sich kaum
zwischen Zugang und Abgang.
Die folgende Tabelle zeigt, wie häufig Alkohol- und
Drogenproblematik die gleichen oder verschiedene JSG
betreffen. Hier gehen nur die JSG mit einer Beurteilung
beim Zugang ein. Die Einschätzungen „gar nicht“ und
„allenfalls ansatzweise“ wurden zu „nein“ zusammenge-
fasst während „annähernd“ und „vollständig“ zu „ja“
kodiert wurden.
(n=680)
Drogen nein Drogen ja Summe
Alkohol nein
30%
20%
50%
Alkohol ja
19%
31%
50%
Summe
49%
51% 100%
Nur rund 30% der JSG weisen keine der beiden Pro-
blematiken auf. Ebenfalls rund 30 % konsumieren so-
wohl Alkohol als auch Drogen in problematischer Weise.
Die restlichen rund 40 % zeigen eine der beiden Proble-
matiken.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Verbrei-
tung von Suchtmittelproblematiken unter den JSG nach
Einschätzung der Fachdienste enorm ist.
Stimmen die Einschätzungen der Fachdienste mit
der Selbsteinschätzung der JSG überein? Die folgen-
de Tabelle zeigt, wie häufig dies der Fall ist. Dabei
wurden für die Einschätzung im Rahmen der ersten
Vollzugsplanung („VZP“) die Einschätzungen zu Alko-

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 3
Suchtmittel
0
<
1 1-2 3-8
>
8 k.A.
Bier, unter der Woche (Flaschen/Tag)
43% 14% 13% 16% 6% 9%
Bier, am Wochenende (Flaschen/Tag)
21% 11% 18% 29% 15% 8%
Spirituosen, unter der Woche (Gläser/Tag) 71% 6% 4% 3% 3% 12%
Spirituosen, am Wochenende (Gläser/Tag) 45% 10% 11% 14% 8% 12%
Zigaretten (Stück/Tag)
4% 1% 1% 17% 74% 5%
Kaffee (Tassen/Tag)
32% 10% 29% 20% 3% 7%
Cannabis (mal/Woche)
47% 9% 6% 12% 18% 8%
Crystal (mal/Monat)
47% 5% 6% 10% 24% 7%
Medikamente (Tabletten/Tag)
77% 5% 4% 3% 1% 11%
Konsummengen: Anteile der JSG mit bestimmten Konsummengen für verschiedene Substanzen
hol und Drogen zusammengefasst: wenn mindestens
eine der beiden Problematiken vorliegt, wird dies als
„ja“ gewertet. Die Einschätzung der JSG erfolgt im
Zugangsfragebogen anhand des Items „Ich habe ein
Alkohol/Drogen-Problem.“, das mit „ja“ oder „nein“
beantwortet werden kann.
(n=944)
JSG: „nein“ JSG: „ja“ Summe
VZP: „nein“
18,5%
1,4% 19,9%
VZP: „ja“
26,1%
36,7% 62,8%
VZP: ?
13,1%
4,2% 17,3%
Summe
57,7%
42,3% 100%
Wenn JSG selbst eine Problematik sehen, so wird
diese auch meistens von den Fachdiensten angegeben.
Anders, wenn JSG die Problematik verneinen: dann
wird von den Fachdiensten trotzdem häufiger eine Pro-
blematik gesehen als keine. Diese einseitige Diskrepanz
zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung dürfte vor al-
lem dadurch zustande kommen, dass JSG ihre eigene
Fähigkeit, ihren Konsum zu kontrollieren, überschätzen
bzw. andere Normen für Suchtmittelkonsum vertreten –
was Symptom einer Suchterkrankung sein kann.
HatsichdieHäufigkeitvonSuchtmittelproblematiken
in den letzten Jahren verändert? Darüber geben die fol-
genden beiden Diagramme Auskunft. Sie zeigen Anteile
der oben beschriebenen Einschätzungen der Fachdienste
in der ersten Vollzugsplanung.
Alkoholproblematik im Längsschnitt: Bei dem Gefangenen
ist eine erhebliche Suchtproblematik in Bezug auf Alkohol
erkennbar.
gar nicht
allenfalls ansatzweise
annähernd
vollständig
Beurteilung nicht mögl.
0
25
50
75
100
07/2011 01/2012 07/2012 01/2013 07/2013 01/2014
Zugang in die JSA
Anteil der JSG (%)
Wie ersichtlich, wird prozentual zunehmend häufi-
ger angegeben, dass eine Beurteilung nicht möglich ist.
Auch die Einschätzung „gar nicht“ nimmt zu. Entspre-
chend nimmt die Einschätzung, dass eine Alkoholpro-
blematik vorliegt, in den letzten Jahren prozentual ab.
Drogenproblematik im Längsschnitt: Bei dem Gefangenen
ist eine erhebliche Suchtproblematik in Bezug auf Drogen
erkennbar.
gar nicht
allenfalls ansatzweise
annähernd
vollständig
Beurteilung nicht mögl.
0
25
50
75
100
07/2011 01/2012 07/2012 01/2013 07/2013 01/2014
Zugang in die JSA
Anteil der JSG (%)
Die Einschätzung der Drogenproblematiken ändert
sich weniger stark. Auch hier wird mit der Zeit häufi-
ger angegeben, dass keine Beurteilung möglich ist. Die
Angabe „gar nicht“ nimmt hier eher ab.
Konsummengen
Im Zugangsfragebogen werden die JSG gefragt, wie
viel sie von bestimmten Suchtmitteln in bestimmten
Zeiträumen in den letzten sechs Monaten vor der Haft
konsumierten. Die Tabelle oben auf dieser Seite zeigt,
welche Konsummengen wie häufig angegeben werden.
Bei der Interpretation der Angaben ist zu berücksichti-
gen, dass sie teilweise strategisch gemacht sein können,
etwa wenn JSG sich erhoffen, durch Darstellung einer
schweren Suchtproblematik eine Entlassung in eine sta-
tionäre Suchttherapie zu erreichen. Darüber hinaus ist
möglich, dass einige JSG bei ungleichmäßigem Kon-
sum in den letzten sechs Monaten vor der Haft mit
einer Durchschnittsbildung überfordert sind und etwa
den maximalen Konsum angeben. Immerhin wirkt der
Vergleich der angegebenen Mengen zwischen den ver-
schiedenen Suchtmitteln recht plausibel, was für ein
differenziertes Antworten der meisten JSG spricht.
Über ein Drittel der JSG gibt an, im Durchschnitt
unter der Woche täglich mindestens eine Flasche Bier
zu sich zu nehmen. 15% trinken am Wochenendtag
mehr als 8 Flaschen. Immerhin 10 % konsumieren unter
der Woche mindestens ein Glas Spirituosen; am Wo-
chenende über ein Drittel der JSG. Tabak wird von fast
allen JSG geraucht. Über die Hälfte der JSG konsumiert
Cannabis. Ebenfalls über die Hälfte gibt an, Crystal
zu konsumieren; über ein Drittel regelmäßig (mehrmals
im Monat).
4
In die Angaben zu Medikamenten dürften
4
Der Konsum der synthetisch hergestellten, euphorisierenden
Droge Crystal ist in Sachsen in den letzten Jahren stark an-
gestiegen. Laut dem Bericht „Sucht 2014. Bericht der Sucht-

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 4
(a) (b) (c) (d) (e) (f) (g) (h) (i)
(a) Bier, unter der Woche (Flaschen/Tag)
1 .62 .49 .40 .13 .16 .13 .13 .07
(b) Bier, am Wochenende (Flaschen/Tag)
.62
1 .37 .50 .12 .15 .06 .00 .00
(c) Spirituosen, unter der Woche (Gläser/Tag) .49 .37 1 .54 .13 .07 .20 .21 .17
(d) Spirituosen, am Wochenende (Gläser/Tag) .40 .50 .54
1 .10 .06 .12 .05 .08
(e) Zigaretten (Stück/Tag)
.13 .12 .13 .10 1 .19 .08 .13 .06
(f) Kaffee (Tassen/Tag)
.16 .15 .07 .06 .19
1 -.01 .03 .11
(g) Cannabis (mal/Woche)
.13 .06 .20 .12 .08 -.01
1 .54 .10
(h) Crystal (mal/Monat)
.13 .00 .21 .05 .13 .03 .54
1 .11
(i) Medikamente (Tabletten/Tag)
.07 .00 .17 .08 .06 .11 .10 .11 1
Zusammenhänge des Konsums verschiedener Substanzen
verordnete und missbräuchliche Einnahmen eingehen.
Zusammenfassend sind die angegebenen Konsummen-
gen beträchtlich. Ein übermäßiger, oft gefährlicher Kon-
sum gehört offenbar zum Alltag vieler JSG.
Der Konsum von Heroin wird im Zugangsfragebogen
nicht wie bei den anderen Suchtmittel mit vorgegebenen
Mengenangaben, sondern mit einem Textfeld abgefragt,
in das die JSG etwas schreiben können. Häufig wurde
keine Angabe gemacht; dies kann bedeuten, dass die
JSG keine Angabe machen möchten, oder aber, dass sie
Heroin nicht konsumiert haben, dies aber nicht explizit
angeben. 633 JSG haben eine Angabe zum Konsum ge-
macht. Von diesen geben 575 JSG (das sind 91 Prozent)
an, gar nicht konsumiert zu haben. 17 JSG geben einen
täglichen Konsum an, 11 JSG einen wöchentlichen, 5
JSG einen monatlichen und 13 JSG einen selteneren.
12 JSG geben einen Konsum an, ohne ihn auf ein Zeit-
intervall zu beziehen.
Welche Substanzen werden gemeinsam konsumiert?
Welche Suchtmittel häufiger von den gleichen Personen
konsumiert werden, zeigt die Tabelle oben auf dieser
Seite. Sie führt statistische Zusammenhangsmaße
5
mit
einem Wertebereich von -1 bis 1 auf. Der Wert 0 bedeu-
tet keinen (d.h. fehlenden) Zusammenhang, die Werte
-1 und 1 einen negativen bzw. positiven „perfekten“ Zu-
sammenhang. Ein positiver Zusammenhang zwischen
zwei Suchtmitteln bedeutet, dass diejenigen, welche
mehr von der einen Substanz konsumieren, tendenziell
auch mehr der anderen konsumieren.
Relativ hohe Zusammenhänge zeigen sich unter den
vier Fragen zum Alkoholkonsum: wer größere Mengen
Bier trinkt, trinkt wahrscheinlich auch mehr Spirituosen;
wer unter der Woche mehr trinkt, trinkt wahrscheinlich
auch am Wochenende mehr. Eine weiterer höherer Zu-
sammenhang besteht zwischen Cannabis- und Crystal-
konsum. Auffällig sind die Zusammenhänge mit dem
Konsum von Spirituosen unter der Woche: JSG, die hier
größere Mengen angegeben haben, konsumieren nach
eigener Angabe praktisch alle Suchtmittel in höheren
krankenhilfe in Sachsen“ (Sächsische Landesstelle gegen die
Suchtgefahren e. V.) suchen mehr und mehr Crystalkonsumen-
tInnen die Suchtberatung auf: „Innerhalb von zwei Jahren hat
sich das Beratungsaufkommen pro 100.000 Einwohner sach-
senweit von 86 Klienten auf 122 Klienten signifikant (+ 42 %)
erhöht.“
5
Es handelt sich um den Koeffizient für Rangkorrelationen Ken-
dalls tau.
Dosen (außer vielleicht Kaffee). Viele andere Zusam-
menhänge sind gering, aber fast alle positiv; so gilt, dass
JSG, die mehr einer bestimmten Substanz konsumieren,
tendenziell auch mehr aller anderen konsumieren.
Die statistischen Zusammenhänge erlauben lediglich
Wahrscheinlichkeitsaussagen; auf einzelne JSG darf da-
bei nicht geschlossen werden. Da die Zusammenhänge
deutlich unter dem Wert 1 liegen, gibt es viele JSG,
die von der gefundenen Tendenz abweichen, also etwa
Cannabis aber kein Crystal oder Spirituosen aber keine
andere Substanz konsumieren.
Probleme durch Alkohol- oder Drogenkonsum
Im Zugangsfragebogen werden die JSG nach bestimm-
ten negativen Auswirkungen von Alkohol- oder Drogen-
konsum gefragt. Zu verschiedenen Aussagen sollen sie
angeben, ob diese auf sie zutreffen („ja“) oder nicht
(„nein“). Die folgenden Diagramme zeigen, wieviel Pro-
zent der JSG den einzelnen Aussagen zustimmen.
Ich hatte schon einmal das Gefühl, dass ich meinen Kon-
sum von Alkohol oder Drogen reduzieren sollte.
ja
nein
68 %
32 %
0 %
50 %
100 %
n=1151
Mich hat schon jemand durch Kritik an meinem Konsum
von Alkohol/Drogen ärgerlich gemacht.
ja
nein
42 %
58 %
0 %
50 %
100 %
n=1151
Ich habe mich schon mal wegen meines Alkohol/Drogen-
Konsums schlecht oder schuldig gefühlt.
ja
nein
58 %
42 %
0 %
50 %
100 %
n=1151
Ich habe schon mal morgens als erstes Alkohol/Drogen
konsumiert, um mein Unwohlsein loszuwerden oder mich
nervlich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
ja
nein
52 %
48 %
0 %
50 %
100 %
n=1151

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 5
Ich war bereits in der stationären Entgiftung.
ja
nein
26 %
74 %
0 %
50 %
100 %
n=1151
Ich habe ein Alkohol/Drogen-Problem.
ja
nein
41 %
59 %
0 %
50 %
100 %
n=1151
Große Anteile der JSG bejahen die Aussagen zu Aus-
wirkungen von Suchtmittelkonsum, teilweise über die
Hälfte. Ein Viertel der JSG berichtet, bereits in statio-
närer Entgiftung gewesen zu sein – wobei dies möglicher-
weise viele JSG angeben, die wegen akuter Intoxikation,
nicht aber mit einer Abhängigkeit im Krankenhaus wa-
ren. Rund 40 % der JSG schätzen ein, ein Alkohol- oder
Drogenproblem zu haben.
Das folgende Diagramm zeigt die Häufigkeit der Zu-
stimmung zur Aussage „Ich habe ein Alkohol/Drogen-
Problem.“ im Längsschnitt.
Angabe zum Alkohol/Drogen-Problem im Längsschnitt
ja
nein
0
25
50
75
100
07/2011 01/2012 07/2012 01/2013 07/2013 01/2014 07/2014
Zugang in die JSA
Anteil (%)
Der Anteil der JSG, der angibt, ein Suchtmittelpro-
blem zu haben, steigt in den letzten Jahren leicht an.
Suchtmittel und Straftaten
Kurz nach dem Zugang wie auch kurz vor dem Verlassen
der JSA werden die JSG im Fragebogen gefragt: „Wie
sehr sind die folgenden Personen/Dinge verantwortlich
dafür, dass Sie Straftaten begangen haben?“ Dazu wer-
den verschiedene Personen und andere Faktoren vorge-
geben, für die jeweils auf einem „Maßband“ eingeschätzt
werden soll – von „gar nicht“ bis „voll“ verantwortlich.
Das folgende Diagramm zeigt die Antworten der JSG.
Als vertikale Linien sind die Mittelwerte eingetragen.
Verantwortlich für das Begehen von Straftaten: Alkohol
und Drogen (n1=1153, n2=797)
4,42
4,89
0
100
200
300
0
100
200
300
Zugang
Abgang
1
<< gar nicht
2
3
4
5
6
7
voll >>
Anzahl
Mehr als die Hälfte der JSG sehen eine deutliche
Verantwortung von Alkohol und/oder Drogen für die
eigene Straffälligkeit. Vor dem Verlassen der JSA sind
es sogar über zwei Drittel. Dabei ist zu beachten, dass
die Antworten sowohl ein Bewusstsein für die eigene
Suchtmittelproblematik als auch eine Abwehr eigener
Verantwortung durch Zuschreibung der Verantwortung
auf äußere Faktoren spiegeln können.
Die folgende Tabelle zeigt, wie sehr verschiedenen
Personen und Faktoren Verantwortung für die eigene
Straffälligkeit zugeschrieben wird. Die Spalte „MW“
zeigt die Mittelwerte über alle JSG hinweg. Die Spalte
„Prozent“ zeigt, wieviel Prozent der JSG für den jewei-
ligen Faktor die Mitte des Maßbands oder eine höhere
Verantwortung angegeben haben.
„Personen/Dinge“ MW Prozent
Ich selbst
6,0
92%
Alkohol, Drogen
4,4
65%
Die Umstände
3,9
61%
Meine Kumpel
3,5
53%
Das Opfer
2,2
27%
Schulden
2,2
26%
Richter, Polizei, Justiz
2,0
22%
Mein Vater
1,9
20%
Meine Mutter
1,7
15%
Alkohol und/oder Drogen ist unter den vorgegebenen
Personen und Faktoren derjenige, dem am zweitmeis-
ten Verantwortung für die Straffälligkeit zugeschrieben
wird – vor „Umständen“ und „Kumpeln“. Auch dies
verdeutlicht, welche beträchtliche negative Rolle Sucht-
mittel im Leben der JSG spielen und den erheblichen
Interventionsbedarf.
Suchtmittel und Delikte
Von 1287 JSG sind 157 JSG (auch) wegen Delikten
gegen das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) verurteilt.
Das sind rund 12%. Jeder neunte JSG wurde also wegen
Handels oder Herstellung illegaler Drogen verurteilt.
Die folgende Tabelle zeigt statistische Zusammen-
hänge zwischen Delikten, für welche die JSG verurteilt
wurden, und den Einschätzungen der Fachdienste zur
Suchtmittelproblematik (in der ersten Vollzugsplanung).
Negative Zusammenhänge bedeuten, dass JSG mit die-
sem Delikt eher geringere Suchtmittelproblematiken
aufweisen. Fett hervorgehoben sind Zusammenhangs-
maße, die statistisch bedeutsam sind.
6
Delikt
Alk. Drog.
BtMG-Delikt
-.10
.27
Körperverletzung
.15
-.09
Betrug
-.11
.11
Diebstahl
-.03
.14
Sexualdelikt
-.07
-.13
Brandstiftung
-.03
-.08
Raub
.02
.04
Die statistischen Zusammenhänge sind durchweg ge-
ring; d. h. ein Schluss von Delikt auf Suchtmittelproble-
matik ist im individuellen Fall sehr unsicher. Immerhin
spiegeln die Werte plausible Zusammenhänge wider:
JSG mit BtMG-Delikt haben häufiger eine Drogenpro-
blematik als solche ohne BtMG-Delikt. Diebstahl und
Betrug sind mit Drogenproblematiken assoziiert; der
Zusammenhang dürfte durch Beschaffungskriminalität
zustande kommen. Körperverletzungen gehen mit Alko-
holproblematiken einher; nicht selten wird Alkohol eine
6
Es wurde ein „strenges“ Signifikanzniveau von
α
=0,01 gewählt.

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 6
unmittelbar enthemmende Rolle im Tatgeschehen spie-
len. Negative Zusammenhänge finden sich etwa zwischen
Sexualdelikt und Drogenproblematik sowie Betrug und
Alkoholproblematik. JSG mit diesen Delikten weisen die
jeweilige Problematik in geringerem Maße bzw. seltener
auf.
Interventionsbedarf und Versorgung
Auf einem Datenbogen, der in jeder Vollzugsplanung
aktualisiert und nach der Entlassung der JSG vervoll-
ständigt wird, geben Fachdienste unter anderem den
Bedarf an Suchtberatung sowie an Suchtherapie an und
dokumentieren, ob eine entsprechende Maßnahme be-
gonnen wurde, ob diese gegebenenfalls abgebrochen
wurde und wie sehr die Maßnahmeziele erreicht wur-
den.
7
Der Bogen wird nur für JSG, die mindestens sechs
Monate in der JSA waren, vollständig ausgefüllt. Die
folgende Graphik zeigt abgestuft Anteile jeweils der
übergeordneten Menge.
Suchtberatung: Bedarf und Versorgung
alle JSG
(vorliegende Daten)
Bedarf
erkennbar
Maßnahme
begonnen
MN nicht
abgebrochen
MN−Ziele
erreicht
davon 83 %
davon 79 %
davon 76 %
davon 71 %
0
200
400
600
Anzahl JSG
Anteil wie angegeben
Anteil gegenteilig
keine Angabe möglich
Für über 80% der JSG wird ein Bedarf an Suchtbe-
ratung dokumentiert. Suchtberatung ist damit neben
Maßnahmen zur beruflichen Ausbildung die Maßnah-
me mit dem höchsten Bedarfsanteil. Von den JSG mit
dokumentiertem Bedarf beginnen rund 80% eine Sucht-
beratung. Von diesen bricht jedoch – laut Dokumenta-
tion der Fachdienste – fast ein Viertel die Maßnahme
ab. Auch wenn JSG vollständig an der Suchtberatung
teilnehmen, wird nicht immer das Ziel erreicht. Von
den JSG mit Bedarf an Suchtberatung wird insgesamt
bei nur rund 43% – also weniger als der Hälfte – eine
erfolgreiche Zielerreichung dokumentiert.
An jeder dieser selektierenden Stufen kann Quali-
tätssicherung ansetzen: Wie kann gewährleistet werden,
dass möglichst viele JSG mit Bedarf eine Suchtbera-
tung beginnen? Wodurch bleiben möglichst viele JSG
kontinuierlich in der Maßnahme? Was ist zu tun, damit
möglichst viele JSG das Maßnahmeziel erreichen?
Verändert sich der Bedarf an Suchtberatung inner-
halb der letzten Jahre? Die folgende Graphik zeigt den
dokumentierten Bedarf im Längsschnitt.
7
Die Bedarfe an allen Maßnahmetypen und ihre Versorgung
sind Thema der Ausgabe Nr. 2 von Daten & Dialog (März
2014).
Bedarf an Suchtberatung im Längsschnitt
ja
nein
0
25
50
75
100
07/2011 01/2012 07/2012 01/2013 07/2013 01/2014 07/2014
Zugang in die JSA
Anteil (%)
Der Anteil der JSG mit Bedarf an Suchtberatung än-
dert sich seit Anfang 2011 (Beginn der Datenerhebung)
kaum.
Suchttherapie: Bedarf und Versorgung
alle JSG
(vorliegende Daten)
Bedarf
erkennbar
Maßnahme
begonnen
MN nicht
abgebrochen
MN−Ziele
erreicht
davon 41 %
davon 6 %
davon 59 %
davon 80 %
0
200
400
600
Anzahl JSG
Anteil wie angegeben
Anteil gegenteilig
keine Angabe möglich
Bei 40% der JSG wird ein Bedarf an Suchttherapie
festgestellt – auch diese Zahl zeigt die Bedeutung von
Suchtmittelproblematiken im Jugendstrafvollzug auf.
Eine Suchttherapie wird in der JSA bisher nicht ange-
boten. Wenn dennoch für einige JSG der Beginn einer
Therapie dokumentiert wurde, ist damit vermutlich die
„Motivationsstation Sucht“ der JSA gemeint. Dort be-
reiten sich Inhaftierte auf eine stationäre Therapie nach
der Entlassung vor.
Bedarf an Suchttherapie im Längsschnitt
ja
nein
0
25
50
75
100
07/2011 01/2012 07/2012 01/2013 07/2013 01/2014 07/2014
Zugang in die JSA
Anteil (%)
Die Häufigkeit, mit der Bedarf an Suchttherapie do-
kumentiert wird, nimmt in den letzten Jahren leicht
ab.
Die folgenden beiden Diagramme beschreiben den
von Fachdiensten eingeschätzten Behandlungsbedarf an
Suchtberatung und Suchttherapie nach der Entlassung.
Suchtberatung:BehandlungsbedarfnachEntlassunggege-
30 %
ben und (weitere) Maßnahme veranlasst? (n=639)
29 %
28 %
12 %
0
50
100
150
200
kein (weiterer)
Bedarf geg.
Bedarf geg.,
k. MN veranl.
Bedarf geg.,
MN veranl.
keine Angabe
möglich
Anzahl
Bei fast zwei Dritteln der JSG, für die eine Angabe
vorliegt, ist nach der Entlassung ein (weiterer) Bedarf
an Suchtberatung gegeben. Bei der Hälfte davon wurde
eine solche Maßnahme veranlasst.

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 7
Suchttherapie: Behandlungsbedarf nach Entlassung gege-
ben und (weitere) Maßnahme veranlasst? (n=639)
52 %
16 %
20 %
12 %
0
100
200
300
kein (weiterer)
Bedarf geg.
Bedarf geg.,
k. MN veranl.
Bedarf geg.,
MN veranl.
keine Angabe
möglich
Anzahl
Bedarf an Suchttherapie nach der Entlassung wird
für 40% der JSG, für die eine Einschätzung vorliegt,
festgestellt. Für über die Hälfte davon wurde eine solche
Maßnahme veranlasst.
Die Behandlung der Suchtmittelproblematik sollte
bei vielen JSG einen wichtigen Aspekt des Übergangs-
managements darstellen.
Bewertung der Teilnahme an der Suchtberatung
Im Abgangsfragebogen erhalten die JSG die Gelegen-
heit, für verschiedene Angebote und Maßnahmen anzu-
geben, wie hilfreich sie diese finden.
Wie hilfreich finden Sie die Teilnahme an der Suchtbe-
ratung für das Ziel, dass die Inhaftierten nicht mehr
straffällig werden? (n=520)
5,39
0
50
100
150
200
1
<< gar nicht hilfreich
2
3
4
5
6
7
sehr hilfreich >>
Anzahl
Die Suchtberatung wird von den meisten JSG als
hilfreich, von vielen als sehr hilfreich bewertet. Wie in
Daten & Dialog Nr. 3 berichtet wurde, wird die Sucht-
beratung auch im Vergleich zu anderen Maßnahmen als
relativ hilfreich eingeschätzt.
Konsum von Suchtmitteln in Haft
Im Abgangsfragebogen werden die JSG gefragt, ob sie
bestimmte Substanzen „in der Haft mindestens einmal
konsumiert“ haben.
In der Haft mindestens einmal konsumiert...
Alkohol
Cannabis
Andere
keine:
3,5 %
78,5 %
4,7 %
0,9 %
2,6 %
0,6 %
4,6 %
4,7 %
Für jede der Substanzen Alkohol, Cannabis und an-
dere Drogen geben mehr als 10% an, sie in der Haft
konsumiert zu haben (Summe der Prozentzahlen inner-
halb jeweils eines Kreises). Cannabis wird am häufigsten
genannt; vermutlich, weil es leichter in die JSA zu brin-
gen und dort versteckt aufzubewahren ist als Alkohol,
der meist selbst angesetzt wird, wobei das Behältnis
nicht einfach zu verstecken ist. Die Frage („in der Haft“)
ist so gestellt, dass nicht sicher ist, ob der Konsum in
der Jugendstrafvollzugsanstalt oder etwa während der
U-Haft in einer anderen Anstalt geschah. Auch der Ab-
gangsfragebogen wird nicht anonym ausgefüllt, sondern
ist mit dem Namen des JSG versehen
8
; plausibel ist,
dass tatsächlich einige JSG den Konsum fälschlich ver-
neint haben, also das Dunkelfeld des Konsums in Haft
größer ist.
Nach der Haft
Von 1065 JSG, die seit dem 1.1.2011 in die JSA kamen
und diese bereits verlassen haben, wurde bei 31 JSG
die Strafvollstreckung nach § 35 BtMG zurückgestellt.
Das sind rund 3%. Bei vielen weiteren JSG – hierzu
liegen keine Zahlen vor – wird die Haftstrafe zur Be-
währung ausgesetzt, mit der Auflage, eine stationäre
Suchtentwöhnungstherapie zu absolvieren.
Gleichaltrige Bezugspersonen („Peers“) spielen für
die Wahrscheinlichkeit von delinquentem Verhalten eine
besondere Rolle. Im Abgangsfragebogen werden die
JSG darum gefragt, ob sie nach der Entlassung vor
allem mit Freunden zu tun haben, die Alkohol und
Drogen konsumieren. Das folgende Diagramm zeigt die
Antworten.
Ich habe nach der Entlassung vor allem mit Freunden zu
tun, die Alkohol und Drogen konsumieren. (n=794)
2,86
0
100
200
300
1
<< trifft gar nicht zu
2
3
4
5
6
7
trifft sehr zu >>
Anzahl
Viele JSG verneinen die Aussage deutlich. Fast 40%
der JSG allerdings kreuzen die Mitte oder weiter in
Richtung „trifft sehr zu“ an (Werte 4 bis 7). Damit
erwartet ein erheblicher Teil der JSG bereits vor der
Entlassung, dass er (wieder) in einen von Suchtmitteln
geprägten Freundeskreis treffen wird.
Zusammenhänge mit Alter
Statistische Zusammenhänge zwischen dem Alter der
JSG bei Zugang in die Anstalt auf der einen Seite und
(jeweils einzeln) folgenden Merkmalen wurden unter-
sucht, ergaben aber, dass keine bedeutsamen Zusam-
menhänge bestehen: (a) Alkoholproblematik laut Fach-
diensten, (b) Drogenproblematik laut Fachdiensten, (c)
Verantwortung von Suchtmitteln für die Straffälligkeit
laut JSG, (d) Bedarf an Suchtberatung (Fachdienste)
und (e) Konsum der Freunde, mit denen JSG nach der
Entlassung zu tun haben (JSG).
Zusammenfassung und Fazit
Der übermäßige, zum Teil gefährliche Konsum von
Suchtmitteln, auch von illegalen, gehört zum Alltag der
meisten JSG. Bei über zwei Dritteln der JSG liegt laut
Einschätzung der Fachdienste mindestens eine Alkohol-
oder eine Drogenproblematik vor. Viele JSG geben auch
selbst an, dass sie durch Suchtmittelkonsum Probleme
8
Die einzelnen Befragungen geschehen nicht anonym, damit
die Antworten gegenseitig zugeordnet werden können, um
Zusammenhangsanalysen durchzuführen.

Daten & Dialog Nr. 7, November 2015
Seite 8
haben, und schreiben Suchtmitteln eine hohe Verantwor-
tung für die eigene Straffälligkeit zu. Der eingeschätzte
Bedarf an Suchtberatung ist enorm; nur ein Drittel der
JSG mit Bedarf erreicht laut Einschätzung der Fach-
dienste die Ziele der Maßnahme. Auch der eingeschätzte
Bedarf an Suchttherapie ist recht groß, allerdings wird
diese in der JSA nicht angeboten; eine Maßnahme nach
der Entlassung wird häufig veranlasst. Die Teilnahme
an der Suchtberatung wird von den meisten JSG sehr
positiv bewertet. Auch in der Haft werden Suchtmittel
illegal konsumiert.
Eine Behandlung der Suchtmittelproblematik ist für
einen Großteil der JSG zur Gesundheitsfürsorge ange-
zeigt. Für viele JSG ist sie darüber hinaus notwendig,
um das Vollzugsziel sicher zu erreichen. Dabei sollten
verschiedene Rollen der Suchtmittel in der Entwicklung
der Delinquenz unterschieden werden, um den JSG ei-
ne auf sie zugeschnittene Behandlung zu ermöglichen.
Eine Typisierung wird oben vorgeschlagen. Um den ver-
schiedenen Substanzen, Konsummustern und Rollen der
Suchtmittel für die Delinquenz gerecht zu werden, be-
darf es differenzierter Angebote sowie der Kombination
von Angeboten von Sucht- und Kriminaltherapie.
Wir danken Frau Töpelt von der Suchtberatungs- und Behand-
lungsstelle Impuls für hilfreiche Anmerkungen zu einem Entwurf
dieser Ausgabe.
Fragen, Anmerkungen, Ideen?
Wir freuen uns über Rückmeldungen zur Be-
richtsreihe allgemein oder zu einzelnen Ausga-
ben! Schreiben Sie an
sven.hartenstein@jval.justiz.sachsen.de .
Infobox: Die Störungen „schädlicher Gebrauch“ und
„Abhängigkeitssyndrom“ im ICD-10
Der Begriff „Suchtmittelproblematik“ ist nicht
einheitlich definiert; mit ihm können leichtere Formen
übermäßigen oder problematischen Konsums bis hin
zu schwerer Abhängigkeit bezeichnet werden. Ab wann
darf von einem Missbrauch oder einer Abhängigkeit
gesprochen werden? Für solche klinischen Diagnosen
werden im ICD-10, der internationalen Klassifikation
psychischer Störungen, unter „Psychische und Verhal-
tensstörungen durch psychotrope Substanzen“ u.a. der
„schädlicher Gebrauch“ (oft „Missbrauch“ genannt)
und das Abhängigkeitssyndrom („Sucht“) beschrieben.
In der rechten Spalte sind die jeweiligen Kriterien
aus dem ICD-10, die für eine Diagnose erfüllt sein
müssen, zitiert. Eine solche klinische Diagnose dürfen
nur Ärzte und approbierte, d.h. staatlich zugelassene
Psychotherapeuten stellen.
(Quelle des folgenden Auszugs: WHO / Dilling et al. (Hrsg.)
Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10
Kap. V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien, 7. Aufl. 2010.)
schädlicher Gebrauch
A. Deutlicher Nachweis, dass der Substanzgebrauch
verantwortlich ist (oder wesentlich dazu beigetra-
gen hat) für die körperlichen oder psychischen
Schäden, einschließlich der eingeschränkten Ur-
teilsfähigkeit oder des gestörten Verhaltens, das
zu Behinderung oder zu negativen Konsequenzen
in den zwischenmenschlichen Beziehungen führen
kann.
B. Die Art der Schädigung sollte klar festgestellt und
bezeichnet werden können.
C. Das Gebrauchsmuster besteht mindestens seit ei-
nem Monat oder trat wiederholt in den letzten
zwölf Monaten auf.
D. Auf die Störung treffen die Kriterien einer anderen
psychischenoderVerhaltensstörungbedingtdurch
dieselbe Substanz, zum gleichen Zeitpunkt nicht
zu (außer akute Intoxikation).
Abhängigkeitssyndrom
A. Drei oder mehr der folgenden Kriterien sollten zu-
sammen mindestens einen Monat lang bestanden
haben. Falls sie nur für eine kürzere Zeit gemein-
sam aufgetreten sind, sollten sie innerhalb von
zwölf Monaten wiederholt bestanden haben.
1. Ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang,
die Substanz zu konsumieren.
2. Verminderte Kontrolle über den Substanzge-
brauch, d.h. über Beginn, Beendigung oder
die Menge des Konsums, deutlich daran, dass
oft mehr von der Substanz konsumiert wird
oder über einen längeren Zeitraum als ge-
plant oder an dem anhaltenden Wunsch oder
an erfolglosen Versuchen, den Substanzkon-
sum zu verringern oder zu kontrollieren.
3. Ein körperliches Entzugssyndrom, wenn die
Substanz reduziert oder abgesetzt wird, mit
den für die Substanz typischen Entzugssymp-
tomen oder auch nachweisbar durch den Ge-
brauch derselben oder einer sehr ähnlichen
Substanz, um Entzugssymptome zu mildern
oder zu vermeiden.
4. Toleranzentwicklung gegenüber den Wirkun-
gen der Substanz. Für eine Intoxikation oder
um den gewünschten Effekt zu erreichen,
müsssen größere Mengen der Substanz kon-
sumiert werden, oder es treten bei fortge-
setztem Konsum derselben Menge deutlich
geringere Effekte auf.
5. Einengung auf den Substanzgebrauch, deut-
lich an der Aufgabe oder Vernachlässigung
anderer wichtiger Vergnügen oder Interes-
sensbereiche wegen des Substanzgebrauchs;
oder es wird viel Zeit darauf verwandt, die
Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder
sich davon zu erholen.
6. Anhaltender Substanzgebrauch trotz
eindeutig schädlicher Folgen, deutlich an
dem fortgesetzten Gebrauch, obwohl der
Betreffende sich über die Art und das
Ausmaß des Schadens bewusst ist oder
bewusst sein könnte.