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UNIVERSITÄT LEIPZIG
Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie
Institut für Soziologie
Prof. Dr. Kurt Mühler
Beethovenstraße 15
04107 Leipzig
MASTERARBEIT
zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts (M.A.)
Rückfälligkeit im Jugendstrafvollzug:
Stellen die acht Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) passende
Indikatoren dar, um Rückfälligkeit im Jugendstrafvollzug vorherzusagen?
Spielt der Aspekt des Suchtmittelkonsums dabei eine besonders tragende
Rolle?
Vorgelegt von:
Anna Louise Julke
M.A. Soziologie, 6. Fachsemester
Abgabetermin: 25.08.2021

Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................. 4
1
Einleitung .......................................................................................................................... 1
2
Jugendstraffälligkeit und Jugendstrafvollzug ............................................................... 3
2.1
Genese des Jugendstrafrechts in Deutschland ............................................................ 3
2.2
Zahlen & Statistiken ................................................................................................... 4
3
Rückfälligkeit .................................................................................................................... 6
3.1
Definitionen von Rückfälligkeit ................................................................................. 7
3.2
Zahlen & Statistiken ................................................................................................... 8
4
Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) ............................................................ 10
4.1
Risk-Need-Responsivity-Modell .............................................................................. 10
4.2
Central Eight Risk Factors ....................................................................................... 12
4.3
Risikofaktoren der Persönlichkeit ............................................................................ 14
4.3.1 Vorgeschichte antisozialen und kriminellen Verhaltens ...................................... 15
4.3.2 Prokriminelle Einstellungen ................................................................................. 15
4.3.3 Antisoziales Persönlichkeitsmuster ...................................................................... 16
4.3.4 Prokriminelle Verbindungen ................................................................................ 16
4.4
Risikofaktoren der äußeren Einflüsse ...................................................................... 18
4.4.1 Familie .................................................................................................................. 18
4.4.2 Schule/ Arbeit ....................................................................................................... 19
4.4.3 Freizeit/ Erholung ................................................................................................. 20
4.4.4 Suchtmittelmissbrauch ......................................................................................... 21
5
Suchtmittelmissbrauch und dessen Folgen .................................................................. 21
5.1
Alkohol ..................................................................................................................... 23
5.2
Drogen ...................................................................................................................... 25
5.3
Sucht ......................................................................................................................... 27
5.4
Unterbringung nach §64 StGB ................................................................................. 29
5.5
General Theory of Crime ......................................................................................... 30
6
Hypothesen ...................................................................................................................... 31
6.1
Die Central Eight Risk Factors nach Andrews & Bonta (2010) .............................. 31
6.2
Suchtmittelmissbrauch ............................................................................................. 35
7
Methodik ......................................................................................................................... 37
7.1
Datengrundlage ........................................................................................................ 37
7.2
Operationalisierung .................................................................................................. 39
7.2.1 Abhängige Variable: Rückfälligkeit ..................................................................... 40
7.2.2 Unabhängige Variablen der Risikofaktoren ......................................................... 40

7.2.3 Kontrollvariablen ................................................................................................. 45
7.3
Stichprobenbeschreibung ......................................................................................... 45
8
Ergebnisse ....................................................................................................................... 50
8.1
Bivariate Analysen ................................................................................................... 50
8.2
Multivariate Analysen .............................................................................................. 52
8.2.1 Hypothesen 1-7 .................................................................................................... 53
8.2.2 Hypothese 8 .......................................................................................................... 56
8.2.3 Hypothese 9 .......................................................................................................... 56
8.2.4 Hypothese 10 ........................................................................................................ 57
8.2.5 Hypothese 11 ........................................................................................................ 57
8.2.6 Hypothese 12 ........................................................................................................ 58
8.3
Befunde zu Rückfälligkeit ........................................................................................ 58
8.3.1 Zusammenhang mit den einzelnen Risikofaktoren .............................................. 58
8.3.2 Zusammenhang mit der Anzahl der vorhandenen Risikofaktoren ....................... 59
8.3.3 Zusammenhang der Risikofaktoren in Interaktion mit Suchtmittelproblematik .. 60
8.3.4 Zusammenhang mit Suchtmittelmissbrauch ........................................................ 60
8.4
Methodenkritik ......................................................................................................... 61
9
Schluss ............................................................................................................................. 62
10 Literaturverzeichnis ....................................................................................................... 65
11 Eigenständigkeitserklärung ........................................................................................... 76
12 Anhang ............................................................................................................................ 77

Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Alter der Jugendstrafgefangengen zu Haftbeginn in der JSA (eigene
Darstellung). ............................................................................................................................. 46
Abbildung 2 Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche Suchtproblematik in Bezug auf
Alkohol/Drogen erkennbar (Fragebogen Fremdeinschätzung (Eigene Darstellung))............. 48
Abbildung 3 Rückfallquote nach Rückfalldefinition und Beobachtungzeitraum der JSA Regis-
Breitingen (eigene Darstellung). .............................................................................................. 50
Abbildung 4 Bivariate Analysen - Rückfall und die Risikofaktoren (außer
Suchtmittelmissbrauch) (eigene Darstellung). ......................................................................... 51
Abbildung 5 Bivariate Analysen - Rückfall und Suchtmittelvariablen. (Eigene Darstellung) 52
Abbildung 6 Logistische Regression der acht Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010)
(Eigene Darstellung). ............................................................................................................... 55

1
1
Einleitung
Im deutschen Strafrecht wird zwischen Jugendkriminalität und allgemeiner Kriminalität
unterschieden. Die Unterscheidung dieser beiden Formen ist in der speziellen Lebensphase der
Jugend sowie der höheren Kriminalitätsbelastung von Personen dieser Altersgruppe begründet.
So wird von Jugendkriminalität als ubiquitär und transitorisch berichtet (vgl. Eifler 2011: 160).
Das heißt Jugendkriminalität ist ein Phänomen, das fast alle Jugendlichen betrifft und sich meist
im Laufe der Zeit von selbst erledigt. TypiscKHÄ-XJHQGGHOLNWH³VLQGOHLFKWHUH6WUDIWDWHQYRU
allem aus dem Bereich der Eigentums- und Vermögensdelikte wie Ladendiebstahl (vgl. Heinz
2006: 17f.).
Die Inhaftierungsquote im Bereich der Jugendkriminalität ist sehr niedrig, da diese ± im Bereich
des Jugendstrafgesetzes noch verstärkter als im Erwachsenenstrafrecht ± als letztes Mittel
eingesetzt wird. Die jugendlichen Straftäter*innen, die eine so hohe Kriminalitätsbelastung
aufweisen, dass sie im Jugendstrafvollzug landen, sind in der Regel ebenso Opfer wie Täter
(vgl. Dollinger & Schmidt-Semisch 2011: 11). Schwierige Familienverhältnisse bis hin zu
Heimaufenthalten,
Armut,
schulisches
Versagen
sowie
geringe
Ausbildung-
und
Berufschancen, Verhaltensauffälligkeiten und Drogen- und Alkoholkonsum sind bei diesen
Jugendlichen und Heranwachsenden vielfach vorhanden und die (Mit-)Auslöser für kriminelles
Handeln (vgl. Naplava 2011: 296). Werden also die Lebensumstände der Jugendlichen und
jungen Erwachsenen, die zu einer unbedingten Jugendstrafe verurteilt werden, betrachtet, findet
sich kaum noch Ubiquität. 'HUÄKDUWH.HUQ³EHVWHKWDXVELV der Täter*innen und ist
für rund 40% bis 60% aller Taten in der jeweiligen Altersgruppe verantwortlich (vgl. Heinz
2008: 358) sowie für 70-80% der schweren Gewalttaten (Tötung, Raub, schwere
Körperverletzung,
Vergewaltigung)
(vgl.
Albrecht
1998).
Somit
kann
das
Kriminalitätsaufkommen erheblich reduziert werden, wenn Maßnahmen zur Verhinderung der
Straffälligkeit dieser Tätergruppe ergriffen werden (vgl. Blumenstein et al. 1988). Zudem
gefährden kriminelle Karrieren die erfolgreiche Entwicklung der Jugend sowie die Integration
in die Erwachsenenwelt XQG HUVFKZHUHQ GDV Ä+HUDXVZDFKVHQ³ DXV GHU .ULPLQDOLWlW (vgl.
Naplava 2008: 196).
Aufgrund des transitorischen Charakters von Jugendkriminalität kann keine eindeutige
Vorhersage über die Dauer der kriminellen Karrieren der Jugendstrafgefangenen getroffen
werden. Da jedoch vorherige Delinquenz der beste Prädiktor für erneute Delinquenz ist, weisen
Jugendstrafgefangene eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit auf, immer wieder straffällig
zu werden (vgl. ebd.: 197). Auch die Rückfallquoten des Jugendstrafvollzugs zeigen, dass die

2
Episodenhaftigkeit von Jugendkriminalität in der kleinen Gruppe der Jugendstrafgefangenen
nur teilweise bestätigt werden kann. Ebenso Prädikatoren für erneute Straffälligkeit sind
Faktoren wie schlechte schulische oder berufliche Leistungen, Kontakt zu delinquenten
Personen und Suchtmittelmissbrauch (Bonta & Andrews 2017: 45). Oftmals bedingen sich die
HLQ]HOQHQ)DNWRUHQJHJHQVHLWLJXQGHLQÄ7HXIHOVNUHLV³HQWVWHKW
In der vorliegenden Arbeit soll deshalb untersucht werden, bei welchen Risikofaktoren ein
Einfluss auf Rückfälligkeit bestätigt werden kann und wie stark dieser Einfluss ist ± mit
Berücksichtigung des Umstandes, dass es sich bei den Inhaftierten um Jugendliche und
Heranwachsende handelt. Dafür werden die
Central Eight Risk Factors
nach Andrews & Bonta
(2010) herangezogen. Diese basieren auf dem
Risk-Need-Responsivity-Modell
(RNR-Modell),
welches die rehabilitative Behandlung von Straffälligen zum Ziel hat. Die Risikofaktoren
beinhalten sowohl Aspekte der Persönlichkeit wie prokriminelles Denken, als auch Faktoren
der äußeren Einflüsse wie Suchtmittelmissbrauch. Bevor eine ausführlichere Erläuterung zu
Andrews & Bontas Theorien erfolgt, soll in Abschnitt 2 und 3 eine Einführung in die
Themenbereiche Jugendkriminalität sowie Rückfälligkeit erfolgen. Auch der aktuelle
Forschungsstand wird
zu
den
jeweiligen
Bereichen
vorgestellt.
Hinsichtlich
der
Jugendkriminalität werden Kenngrößen zu Deliktverteilung sowie Altersverteilung, Haftdauer
der Jugendstrafgefangenen thematisiert. Zur Rückfälligkeit werden Rückfallquoten nach
verschiedenen Definitionen sowie von unterschiedlichen Jugendstrafanstalten vorgestellt. Im
vierten Abschnitt wird auf die theoretische Basis der Arbeit, die
Central Eight Risk Factors
nach Andrews & Bonta (2010), eingegangen. Im nächsten Teil werden die vorhergehenden
Erkenntnisse, im Rahmen der Hypothesenerstellung, zusammengeführt. Um die Hypothesen
testen zu können, werden in Abschnitt 7 die verwendeten Daten vorgestellt sowie die
Operationalisierung durchgeführt und erläutert. Eine Beschreibung der Stichprobe
1
schließt das
Kapitel ab. Im achten Abschnitt werden schließlich die Hypothesen mittels bivariater sowie
multivariater Analysen getestet und die Ergebnisse der Analysen vorgestellt. Abschließend soll
geklärt werden, ob die Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) auch im
Jugendstrafvollzug zuverlässige Prädiktoren für Rückfälligkeit darstellen und wie groß der
Einfluss von Suchtmittelmissbrauch auf die Rückfälligkeit der Jugendlichen und jungen
Erwachsenen ist.
1
Da die Stichprobe, welche im Rahmen der Datenanalyse verwendet wird, nur männliche Strafgefangene
enthält, konzentriert sich diese Studie ausschließlich auf das Verhalten männlicher Jugendlicher. Wird im
Rahmen der Arbeit nur die maskuline Form verwendet, sind weibliche und diverse Personen explizit
ausgeschlossen. Dies ist vor allem im Rahmen von Statistiken sowie der eigenständig durchgeführten Analysen
der Fall. Im Rahmen der Theorie wird auf eine genderneutrale Sprache geachtet.

3
2
Jugendstraffälligkeit und Jugendstrafvollzug
Gesellschaftliche Regeln und Normen wurden über viele Jahrhunderte entwickelt und befinden
sich stetig in Änderungs- und Anpassungsprozessen. Ein angeborenes Verstehen dieser
Konventionen gibt es allerdings nicht, da die Gesellschaft sie selbst konstruiert. Entsprechend
muss ein junger Mensch im Zuge des Sozialisationsprozesses erst lernen, von der Gesellschaft
vorgegebene Regeln zu beachten, sowie kriminelle und abweichende Verhaltensweisen zu
vermeiden. Bei der Bewertung einer Straftat gilt entsprechend zu berücksichtigen, ob der/die
Täter*in sich darüber bewusst war, dass er/sie etwas Unrechtes tut. Da diese Fähigkeit erst im
Laufe der Jugend entwickelt wird, sollte dieser Umstand bei Straffälligen, die sich noch in der
Entwicklung befinden, berücksichtigt werden (vgl. Laubenthal & Baier 2006: 1).
Generell gibt es einige Aspekte zur Jugendkriminalität, die in der Fachwelt als allgemein
geltend angesehen werden. Die zwei Hauptaspekte der Ubiquität sowie der Episodenhaftigkeit
wurden bereits thematisiert (vgl. Eifler 2011: 160). Wird die Kriminalität von Jugendlichen mit
der Erwachsener verglichen, zeigt sich außerdem, dass die Straftaten bei Heranwachsenden
eher spontan und gruppenbezogen erfolgen und in der Regel keinen allzu großen
wirtschaftlichen Schaden anrichten. Auch kann Jugendkriminalität nachweislich nicht
erfolgreich mit harten Strafen und Mitteln bekämpft werden. Wird dies getan, steht es mit hohen
Rückfallquoten in Verbindung (vgl. Dollinger & Schmidt-Semisch 2011: 11).
2.1
Genese des Jugendstrafrechts in Deutschland
Eine Sonderbehandlung junger Delinquenter lässt sich historisch schon sehr früh beobachten
und betraf meist die Strafreife, also bestimmte Altersgrenzen, unter welchen keine Strafe
verhängt wurde, sowie eine mildere Bestrafung (vgl. Laubenthal & Baier 2006: 11). Im
römischen Recht beispielsweise wurde Kindern unter 7 Jahren die Verantwortlichkeit und
folglich damit auch die Strafmündigkeit abgesprochen. Auch im Mittelalter gab es
vergleichbare Regeln. So wurde festgelegt, dass
Infantes
unter 7 Jahren eine Einsichtsfähigkeit
fehlt und sie daher nicht für eine Straftat bestraft werden dürfen. Bei
Inpuberes
(bis 14 Jahre)
wurde je nach Entwicklungsstand und Einsicht ein milderes Urteil verhängt. Auch die
Vorschrift einer Begutachtung durch einen Sachverständigen gab es schon zu damaliger Zeit.
Die Entwicklung von gesetzlichen Sonderregelungen, die vom allgemeinen Strafrecht
abwichen, begann jedoch erst im 19. Jahrhundert. Das erste Jugendgefängnis wurde 1912 in
Wittlich eröffnet und darauffolgend wurde in den Jahren 1922/ 1923 schließlich zum ersten
Mal ein explizites Sonderstrafrecht für jugendliche Täter*innen festgelegt, welches die §§ 55

4
bis 57 RStGB ersetzte. Diese beinhalteten bis dahin die speziellen Rechte minderjähriger
Straftäter*innen (vgl. ebd.: 11ff.). Auch wenn das Jugendgerichtsgesetz (JGG) von Beginn an
DP (U]LHKXQJVJHGDQNHQ DXVJHULFKWHW ZDU VR ZXUGH GHU VSH]LHOOH :RUWODXW Ädas Verfahren
vorrangig am
Erziehungsgedanken
DXV]XULFKWHQ³† 2 JGG) erst bei der letzten Reform des
JGG im Jahr 2008 aufgenommen. Demnach ist das Ziel eine erneute Straffälligkeit junger
Straftäter*innen zu verhindern, während Erziehung dabei das Leitprinzip und eine
Orientierungshilfe zur Erreichung dieses Ziels darstellt (vgl. Deutscher Bundestag 2008: 6). In
der Umsetzung bedeutet dies, dass Jugendliche und Heranwachsende nach Möglichkeit zu
Erziehungsmaßregeln, Zuchtmitteln oder einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt werden
(vgl. Duden Recht A-Z 2015).
2.2
Zahlen & Statistiken
Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 59 278 Personen rechtskräftig nach Jugendstrafrecht
verurteilt, wovon 3 753 eine Verurteilung zu einer Jugendstrafe ohne Bewährung erhielten (vgl.
Destatis 2019a). Dies entspricht einem Anteil von 6,3% aller Verurteilten. Im
Erwachsenenvollzug hingegen erhielten 14,4% der 712 300 rechtskräftig verurteilten Personen
als Strafe eine Freiheitsstrafe oder Strafarrest (vgl. Destatis 2019b). Damit ist der Anteil der zu
einer freiheitsentziehenden Strafe Verurteilten im Erwachsenenstrafrecht mehr als doppelt so
hoch wie im Jugendstrafrecht. Im Jugendstrafrecht spielt außerdem die justizielle Praxis der
Verfahrenseinstellung (Diversion) eine große Rolle. So werden die Verfahren von mehr als drei
Viertel aller Beschuldigten eingestellt und lediglich ein Viertel erhält eine förmliche
Verurteilung und Sanktionierung. Im Erwachsenenstrafrecht wird bei 60% der Beschuldigten
das Verfahren eingestellt. Somit zeigt sich, dass es deutliche Unterschiede in den
Verurteilungen ± gerade zu einer unbedingten Freiheitsstrafe ± zwischen Jugend- und
Erwachsenenstrafrecht gibt (vgl. Heinz 2017: 90ff.).
Zum Stichtag des 31.03.2019 befanden sich in Deutschland 3 679 nach Jugendstrafrecht
verurteilte Personen in Jugendstrafanstalten und anderen Vollzugsformen (ausgenommen
Jugendarrest). 424 der Strafgefangenen waren Jugendliche zwischen 14 bis unter 18 Jahren,
1 748 der Strafgefangenen galten mit 18-21 Jahren als Heranwachsende und weitere 1 507
Inhaftierte waren 21 Jahre oder älter (vgl. Destatis 2020a: 15). Da das Alter zum Tatzeitpunkt
entscheidend für die Verurteilung nach Jugendstrafrecht ist, gibt es Inhaftierte, die deutlich älter
als 21 Jahre sind (Böttner 2014). Sowohl eine spätere Verurteilung als auch eine lange Strafe
können ursächlich für diesen Umstand sein. Grundsätzlich kann eine Jugendstrafe von sechs
Monaten bis zu fünf Jahren verhängt werden. Bei Verbrechen, die der Höchststrafe unterliegen,

5
beträgt die maximale Jugendstrafe 10 Jahre. Ein Mord (vgl. §211 StGB) kann bei
Heranwachsenden mit bis zu fünfzehn Jahren bestraft werden, Jugendliche erhalten auch hier
eine Maximalstrafe von 10 Jahren. Eine Grundvoraussetzung für eine Jugendstrafe ist das
Vorhandensein von
schädlichen Neigungen
oder der
Schwere der Schuld
. Nur dann wird davon
ausgegangen, dass Erziehungsmaßregelungen und Zuchtmittel nicht ausreichen (vgl. ebd.).
Definiert sind schädliche Neigungen als
ÄDQODJHEHGLQJWH>RGHU@GXUFKXQ]XOlQJOLFKH(U]LHKXQJRGHUXQJQVWLJH8PZHOWHLQIOVVHEHJUQGHWH
0lQJHOGHU&KDUDNWHUELOGXQJ>«@GLHGHQ-XJHQGOLFKHQLQVHLQHU(QWZLFNOXQJ]XHLQHPEUDXFKEDUHQ
Mitglied der sozialen Gemeinschaft gefährdet erscheinen und namentlich befürchten lassen, dass er
GXUFKZHLWHUH6WUDIWDWHQGHUHQ2UGQXQJVW|UHQZHUGH³%*+
Für die Feststellung der
Schwere der Schuld
ist die Frage zu stellen inwieweit sich die
charakterliche Haltung und die Persönlichkeit sowie die Tatmotivation des/der Angeklagten in
vorwerfbarer Schuld niederschlagen. Die
Schwere der Schuld
ist nicht abstrakt messbar und
wird in der Regel nur bei Kapitalverbrechen oder besonders schweren Taten in Betracht
gezogen (Sokolowski 2012). Die Jugendstrafgefangenen der JVA Adelsheim (Baden-
Württemberg) wurden zu 85% wegen ihrer
schädlichen Neigung
zu einer Jugendstrafe
verurteilt. Nur bei 4% wurde alleinig die
Schwere der Schuld
als Begründung angeführt,
während in 11% der Fälle beides als Grund für die Verurteilung genannt wurde (vgl. Stelly &
Thomas 2018: 19).
Um einen ersten Überblick über den Jugendstrafvollzug zu geben, werden beispielhaft einige
Kennzahlen zu Deliktverteilung, Haftdauer und Alter der Inhaftierten aus verschiedenen
Jugendstrafvollzugsanstalten sowie einzelnen Bundesländern vorgestellt, deren ausführliche
Berichte zur Verfügung standen. Die Hauptdelikte, die in der JVA Adelsheim im Jahr 2018
ausschlaggebend für die Verurteilung zur unbedingten Jugendstrafe waren, zeigen folgendes
Bild (vgl. ebd: 19): Den größten Anteil mit 30,4% zeigte das Delikt Raub, mit 28,8% folgte
Körperverletzung und mit 20,9% Diebstahl. Mit jeweils weniger als 10% Anteil folgten
absteigend Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (7,8%), Sexualdelikte (5,7%),
Betrug/Untreue (3,6%), Tötungsdelikte (1,9%) und Sonstiges (0,9%) (vgl. ebd.: 19). Im
hessischen Jugendstrafvollzug waren die Häufigkeit der verschiedenen Delikte des
Entlassungsjahrgang 2009 etwas anders verteilt (vgl. Kerner et al. 2014: XVI). Mit 30%
dominierte hier das Delikt des Diebstahls, danach folgte mit 25% Köperverletzung und 22%
aller Delikte waren als Raub, räuberische Erpressung und Erpressung definiert (vgl. ebd.: XVI).
Die Deliktverteilung der Jugendstrafgefangenen 2018 in Rheinland-Pfalz zeichnet erneut ein
anderes Bild (vgl. Landtag Rheinland-Pfalz 2018: 189). Dort bestand der größte Anteil, mit
24,4%,
in
Verstößen
gegen
das
Betäubungsmittelgesetz.
Danach
folgten

6
Diebstahl/Unterschlagung (18,8 %), Körperverletzung (18%) und Raubdelikte (15,2%) (vgl.
ebd.: 189).
Je nach Schwere des Delikts und Anzahl der Straftat(en) werden unterschiedliche Strafmaße
verhängt. Das durchschnittliche Strafmaß der Jugendstrafgefangenen der JVA Adelsheim bei
Zugang im Jahr 2016 lag bei 19 Monaten (vgl. Stelly & Thomas 2018: 21). Eine Jugendstrafe
über 2 Jahre erhielten nur knapp 30% der Jugendstrafgefangenen. Unter 1% der Inhaftierten
hatte eine Strafe von über 5 Jahren abzusitzen. Die tatsächliche Verweildauer der Inhaftierten
lag schlussendlich bei durchschnittlich 11 Monaten. Dabei wird die faktische Haftdauer von
)DNWRUHQZLHÄ1DFKVFKODJ³IU6WUDIWDWHQGLHHUVWVSlWHUYHUKDQGHOWRGHULP-XJHQGVWUDIYROO]XJ
ausgeführt wurden, beeinflusst. Durch vorzeitige Entlassungen wird die Haftdauer hingegen
verkürzt. So erfolgten 2016 41% der Entlassungen mit einer Strafaussetzung zur Bewährung
und 17% wurden in eine freie Therapieeinrichtung entlassen (vgl. ebd.: 21). Der
Jugendstrafvollzug in Rheinland-Pfalz zeigt ähnliche Ergebnisse (vgl. Landtag Rheinland-Pfalz
2018: 178). Die Entlassungsjahrgänge 2011 und 2012 wiesen eine vorgesehene Straflänge von
19,4 und 20,2 Monaten auf, während die tatsächliche Verweildauer bei 13,4 und 14 Monaten
lag (vgl. ebd. 178). Der Jahrgang 2009 des hessischen Jugendstrafvollzugs wies eine
durchschnittliche Strafzeit von 14,1 Monaten auf (vgl. Kerner et al. 2014: 76).
Das Durchschnittsalter im Jugendstrafvollzug für männliche Gefangene 2016 in Baden-
Württemberg bei Zugang lag bei 19,9 Jahren (vgl. Stelly & Thomas 2018: 23). Der Anteil der
unter 18-Jährigen bei Zugang 2016 betrug 17,5%, der Anteil der über 21-Jährigen lag bei 31%
(vgl. ebd.: 23). Die Studie von Kerner et al. (2014: XIII) zeigt mit 19,7 Jahren bei Zugang
(Entlassungsjahrgang 2009) ein ähnliches Durchschnittsalter wie der Jugendstrafvollzug in
Baden-Württemberg. Unter 18 Jahre alt waren bei Zugang 14,9% der Häftlinge, bei der
Entlassung konnten nur noch 4% dieser Alterskategorie zugeordnet werden (vgl. edb.: XIII).
Im Jugendstrafvollzug Rheinland-Pfalz lag der Anteil der Jugendlichen im Jahr 2018 bei 8,2%,
48% galten als Heranwachsende und 43,8% waren älter als 21 Jahre (vgl. Landtag Rheinland-
Pfalz 2018: 183).
3
Rückfälligkeit
Laut dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 21.07.1977, ist oberstes Ziel des Strafens
ÄGLH*HVHOOVFKDIWYRUVR]LDOVFKlGOLFKHP9HUKDOWHQ]XEHZDKUHQXQGGLHHOHPHQWDUHQ:HUWHGHV
*HPHLQVFKDIWVOHEHQV]XVFKW]HQ³ (BverfG 1977). Doch neben dem Strafzweck der positiven
und negativen Generalprävention, stellt auch die negative Individualprävention einen nicht zu

7
vernachlässigenden Strafzweck dar. Generalprävention bezieht sich auf die Gesellschaft, die
positive Form soll das Vertrauen der Bürger in die Rechtsordnung stärken, die negative Form
soll aus Angst vor Strafen abschrecken (vgl. Ostendorf 2018). Die Individualprävention bezieht
sich auf einzelne Personen und hat ebenfalls die Abschreckung zur Vermeidung einer
wiederholten Straftat zum Ziel. Die Wirkung des beabsichtigten Strafzwecks ist jedoch
umstritten und kriminologisch nicht bewiesen (vgl. Bundesministerium des Inneren &
Bundesministerium der Justiz 2006: 665f.). Die Rückfallquoten, sowohl im Jugend- als auch
im Erwachsenenvollzug, könnten Zweifel an der Wirksamkeit des Strafzwecks der negativen
Individualprävention wecken. Dabei spielt jedoch die herangezogene Rückfalldefinition eine
entscheidende Rolle bei der Beurteilung der Wirksamkeit.
3.1
Definitionen von Rückfälligkeit
Wird sich an bedeutenden Rückfalluntersuchungen orientiert, sowohl aus Deutschland als auch
aus anderen Staaten, gibt es drei Rückfalldefinitionen, die sich nach Umfang und Schweregrad
unterscheiden (vgl. Kerner et al. 2014: XVII). Bei dieser Dreiteilung erfolgt zuerst eine
Orientierung anhand der Verurteilung und in einem zweiten Schritt an der Art der im Urteil
gesprochenen Reaktion (vgl. ebd.: 7).
Die erste Rückfalldefinition (RD1) ist sehr weit gefasst und bezieht jegliche erneute
Straftatenbegehung mit ein. Sobald nach amtlicher Feststellung ein rechtskräftiges Urteil über
mindestens eine weitere begangene Straftat, wobei Art und Schwere der Straftat irrelevant sind,
mit einem Schuldspruch gefällt wurde, wird dies als Rückfall gewertet (vgl. ebd.: 8). Bei der
zweiten Rückfalldefinition
(RD2) werden
nur
potenziell
freiheitsentziehende
und
freiheitsentziehende Sanktionen berücksichtigt. Das heißt es zählen nur die Urteile, die zu einer
unbedingten Freiheitsstrafe oder einer bedingten Strafe (Strafaussetzung zur Bewährung)
führen (vgl. ebd.: 106).
Die dritte und engste Definition für Rückfälle (RD3) bezieht nur unbedingte Strafen, das
bedeutet Freiheitsstrafen, ein (vgl. ebd.: 9). Eine Verurteilung wird nur dann als Rückfall
gewertet, wenn der/die Angeklagte erneut zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird.
Beispielhaft sollen Rückfallquoten der Evaluierung des hessischen Jugendstrafvollzugs (vgl.
ebd.) genannt werden, um die Unterschiede zwischen den verschiedenen Rückfalldefinitionen
zu verdeutlichen. Der Beobachtungszeitraum betrug drei Jahre ab dem Zeitpunkt der
Entlassung. Aus der Gruppe der Verurteilten, die im Jahr 2009 entlassen wurden, wurden 73,2%
in dem Sinne wieder rückfällig, dass sie mindestens eine neue Verurteilung erhalten hatten,
einschließlich etwaiger Verurteilungen wegen kleiner Delikte wie Schwarzfahren oder

8
Ladendiebstahl. Dieser Anteil lässt sich der ersten, am weitesten gefassten, Rückfalldefinition
zuordnen. Werden nur Straftaten berücksichtigt, die in einer Verurteilung zu einer bedingten
oder unbedingten Freiheitsstrafe resultierten, wurden 51,6% der Gruppe aus dem Jahr 2009 als
rückfällig geworden definiert (RD2). 29,7% der Gruppe wurde nach Rückfalldefinition 3
rückfällig, das heißt gegen knapp 30% wurde mindestens eine unbedingte Jugendstrafe bzw.,
des Alters wegen, eine unbedingte Freiheitsstrafe verhängt (vgl. ebd.: XVII).
3.2
Zahlen & Statistiken
Überall und gerne werden die hohen Rückfallquoten im Rahmen des Jugendstrafvollzugs
thematisiert. Dabei finden sich Angaben von etwa 30% (vgl. Hartenstein et al. 2020: 1) bis zu
78% (vgl. Gundel 2013: 247), die rückfällig werden. Wie im vorangegangenen Kapitel schon
erläutert, ergeben sich auch durch die verschiedenen Rückfalldefinitionen unterschiedliche
Werte. Um für ein klareres Bild zu sorgen, sollen im Folgenden deshalb einige, zum Teil
vielfach belegte, kriminologische Erkenntnisse sowie weitere Kennzahlen zu Rückfälligkeit,
hauptsächlich in Bezug auf den Jugendstrafvollzug, vorgestellt werden.
Als erstes soll das Strafmaß und dessen Einfluss auf die Rückfallwahrscheinlichkeit betrachtet
werden. Generell lässt sich sagen, dass mit steigender Strafe das Rückfallrisiko steigt. Wurde
ein Verfahren nach § 45 JGG folgenlos eingestellt, lag die Rückfallrate bei 28% (vgl. Meier
2018: 646f.). Wurde sie erst nach Anklageerhebung durch das Gericht eingestellt, stieg die
Rückfallrate auf 35%. Eine Verurteilung mit Verhängung von Jugendarrest resultierte in einer
Rückfallrate von 61% (vgl. ebd.: 646f.). Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass die Urteile das
von vornherein prognostische Ausgangsrisiko der betreffenden Tätergruppe widerspiegeln und
entsprechend bei härteren Strafen auch höhere Rückfallraten zu erwarten sind (vgl. ebd.: 653).
Auch bei Jehle et al. (2016: 183) zeigten sich im Jahr 2010 nach Einstellung des Verfahrens
nach § 45 JGG mit 38% und bei Verhängung einer Geldstrafe mit 30% die niedrigsten
Rückfallraten, während die Rückfallraten von Jugendarrest (67%) und von Jugendstrafe ohne
Bewährung (70%) am höchsten lagen.
Als zweites soll ein international bekanntes Phänomen, das unabhängig vom jeweiligen
Rechtssystem auftritt, betrachtet werden. Dieses betrifft den Zeitverlauf der Rückfälle. Ein
Großteil der Rückfälle findet schon in der Anfangszeit nach der Entlassung statt. Kaiser (1996:
VWHOOWHDOVÄ*HQHUDOEHIXQG³LQWHUQDWLRQDOHU5FNIDOOVWXGLHQIHVWGDVVÄnahezu unabhängig
YRQGHU$UWGHU6WUDIWDWXQG6WUDIYHUIROJXQJ>«@GHU5FNIall bei mehr als der Hälfte der
EHUKDXSWUFNIlOOLJHQ7lWHULQQHUKDOEYRQVHFKV0RQDWHQQDFKGHU6WUDIYHUE‰XQJ>HUIROJW@³
(Kaiser 1996: 525). Generell lässt sich in den ersten zwölf Monaten nach Entlassung ein nahezu

9
linearer Anstieg der Rückfälle beobachten, danach flacht die Kurve ab (vgl. Kerner et al. 2014:
VXIII). In der Rückfallstudie von Kerner et al. (2014: VXIII) über die Entlassungsjahrgänge
2003, 2006 und 2009 des hessischen Jugendstrafvollzugs zeigte sich innerhalb der ersten 3
Monate eine Rückfallrate von 24% (2009), sowie rund 23% (2003 und 2006). Nach einem
halben Jahr waren insgesamt 40,6% (2009), 39% (2006) und 36,1% (2003) rückfällig geworden
(vgl. ebd.: VXIII). Auch eine Evaluation des Jugendstrafvollzugs Baden-Württembergs der
Entlassungsjahrgänge 2012 zeigt ähnliche Werte: 17% wurden innerhalb der ersten 3 Monate
erneut straffällig, nach 6 Monaten waren es 39% und innerhalb des ersten Jahres wurde bei 59%
eine erneute Straftat registriert (vgl. Stelly & Thomas 2018: 83). Diese Befunde zeigen nicht so
hohe Werte wie die Ergebnisse von Kaiser (1996), weisen aber in dieselbe Richtung wie
vorangegangene Studien.
Ein weiterer Faktor der nachweislich einen Einfluss auf die Rückfallwahrscheinlichkeit hat, ist
das Alter. Je niedriger das Alter einer Person, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass diese
Person nach Entlassung aus dem Gefängnis rückfällig wird. Die Rückfallrate sinkt also
kontinuierlich mit dem Alter. So werden beispielsweise von den unter 30-Jährigen, deren
Bezugsentscheidung eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung war, 47% im Sinne der ersten
Rückfalldefinition rückfällig, von den über 60-Jährigen sind es nur 32%. Die höchste
Rückfallrate findet sich bei den Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die zu einer
Jugendstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, mit 69% (vgl. Jehle et al. 2016: 47ff). Dieses
Phänomen zeigt sich sogar schon innerhalb des Jugendstrafvollzugs. Wird der Jahrgang 2009
aus der Studie von Kerner et al. (2014: XIX) betrachtet, zeigt sich, dass 50% der 14-17-Jährigen
innerhalb von 3 Jahren erneut zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden. In der Gruppe der 21-
23-Jährigen war dieser Anteil mit 23% weniger als halb so groß. Und auch Stelly & Thomas
(2018: 83) stellen fest, dass mehr als zwei Drittel (68%) der unter 18-Jährigen innerhalb des
dreijährigen Risikozeitraums wieder im Strafvollzug landeten, während dieser Anteil bei den
18-20-Jährigen bei nur 38% und bei den über 21-Jährigen mit 30% sogar unter einem Drittel
lag. Bei allen vorangegangenen Beispielen wurde die dritte Rückfalldefinition zu Grunde
gelegt, auch bezeichnet als Ä:LHGHULQKDIWLHUXQJVTXRWH³vgl. ebd.: 82).
Auch die Anzahl der Vorstrafen steht in Zusammenhang mit der Rückfallwahrscheinlichkeit.
Die Evaluation des Jugendstrafvollzugs in Baden-Württemberg (vgl. ebd.: 18) zeigte, dass ein
Jugendstrafgefangener
durchschnittlich
2,8
Vorsanktionen
aufweist.
Werden
auch
Einstellungen nach § 45 und § 47 JGG
2
hinzugezählt, so steigt die Anzahl der
2
Einstellung von Jugendstrafverfahren nach §§ 45, 47 JGG (Diversion):
Bei Verfehlungen Jugendlicher
und Heranwachsender kann häufig von einer jugendstrafrechtlichen Reaktion durch Urteil abgesehen werden,

10
durchschnittlichen Vorsanktionen auf 3,9. Bei Kerner et al. (2014: XV) zeigen sich mit
durchschnittlich 3,8 (2003), 4 (2006) und 4,6 (2009) Urteilen vergleichbare Werte. 23% der
-XJHQGVWUDIJHIDQJHQHQVLQGÄ:LHGHUNHKUHU³XQGZDUHQVFKRQ]Xvor im Jugendstrafvollzug,
28% waren davor bereits im Jugendarrest. Weitere 45% sind vorher mindestens einmal zu einer
Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden und nur 10% der Jugendstrafgefangenen weisen
keine strafrechtliche Vorgeschichte (in Deutschland) auf (vgl. Stelly & Thomas 2018: 18). Mit
Anzahl und Sanktionsschwere früherer Verurteilungen steigt die Rückfallrate (vgl. Jehle et al.
%|KP$XFK.HUQHUHWDOVWHOOHQIHVWGDVVÄ(UVWEHVWUDIWH>«@LQ
allen Dimensionen und Definitionen weniger rückfällig [werden] als Vorbelastete (mit
HU]LHKHULVFKHQ6DQNWLRQHQXQGHUVWUHFKW9RUEHVWUDIWHPLW.ULPLQDOVDQNWLRQHQ³vgl. Kerner
et al. 2014: XIX).
Ein weiterer beeinflussender Faktor ist das Geschlecht. Studien zufolge werden Männer
häufiger rückfällig als Frauen (vgl. Kerner et al. 2014; Jehle et al. 2016; Meier 2018). Da in
dieser Arbeit jedoch ausschließlich männliche Strafgefangene betrachtet werden, ist der Faktor
des Geschlechts nur der Vollständigkeit halber aufgeführt und wird nicht ausführlicher
thematisiert.
4
Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010)
Die Haupttheorie dieser Arbeit, das Modell der
Central Eight Risk Factors
, stammt von dem
Psychologen und Kriminologen Donald A. Andrews und dem Psychologen James Bonta. Sie
haben acht Risikofaktoren identifiziert, welche in der Lage sein sollen, Rückfälligkeit
vorherzusagen. Die Theorie der
Central Eight Risk Factors
entstammt dem RNR-Modell,
welches von Andrews, Bonta und Gendreau entwickelt wurde(Ward et al. 2007: 209). Im
Folgenden soll zuerst das RNR-Modell erläutert werden, danach wird die Haupttheorie mit
ihren einzelnen Risikofaktoren vorgestellt und erklärt.
4.1
Risk-Need-Responsivity-Modell
Das RNR-Modell ist in der aktuellen Diskussion eines der einflussreichsten und
meistdiskutierten Modelle zur Rehabilitation von Straftäter*innen (vgl. Andrews et al. 1990;
Schmidt 2019: 211). Es vereint differentiell-psychologische Ansätze mit Ansätzen der sozialen
Lerntheorie und bietet damit einen theoretischen Rahmen, um die zentralen Faktoren, die
wenn die erzieherische Einwirkung im Rahmen einer Verfahrenseinstellung gemäß §§ 45, 47 JGG (Diversion)
sichergestellt ist.

11
kriminelles Verhalten bedingen, zu erklären und um Prinzipien vorzustellen, die zu einer
Reduktion kriminellen Verhaltens führen (vgl. Polashek 2012). Das Modell beschreibt
allgemeine Rahmenbedingungen, deren Umsetzung wesentlich zu einer erfolgreichen
Straftäter*innenrehabilitation, im Sinne abnehmender Rückfälle, beitragen soll (vgl. Schmidt
2019: 211).
Geschichtlich betrachtet stellt die Entwicklung des RNR-Modells eine Reaktion auf die
Ä
Nothing Works
³
-
Debatte dar, die durch eine Übersichtsarbeit von Martinson (1974) zur
Effektivität von Straftäter*innenbehandlung entstanden ist. Seine Ergebnisse zeigten auf, dass
es keine empirisch robusten Belege für eine Effektivität in der Straftäter*innenrehabilitation
gäbe, sodass schnell der Ä
Nothing Works³
-Gedanke aufkam und populär wurde. Eine große
Streuung innerhalb der Befunde deutete darauf hin, dass es Aufklärung bedarf, welche
Bedingungen wirksame von nicht wirksamen Rehabilitationsprogrammen unterscheiden (vgl.
Bonta & Andrews 2017: 225ff.).
Im Zuge der Metaanalysen kristallisierten sich drei zentrale Rehabilitationsprinzipien heraus,
die ausschlaggebend für erfolgreiche Programme waren (vgl. Andrews et al. 1990). Das
Risikoprinzip (
risk principle
) verlangt, dass das Rückfallrisiko eines Straftäters/einer
Straftäterin über die Intensität der Rehabilitationsbemühungen entscheidet. So sollen
Straftäter*innen, die ein hohes oder mittleres Rückfallrisiko aufweisen, stärker in
Rehabilitationsprogramme eingebunden werden als Straftäter*innen deren Rückfallrisiko als
gering eingestuft wird. Das Bedürfnisprinzip (
need principle
) fordert, dass die Straftäter*innen
hinsichtlich ursächlicher Faktoren, die zur Strafbegehung beigetragen haben, behandelt werden.
Grundsätzliche Verhaltensweisen, die Straffälligkeit bedingen, werden von Andrews & Bonta
(2010) als kriminogene Bedürfnisse (
kriminogenic needs
) bezeichnet. Diese umfassen kausale
Faktoren, die ursächlich für kriminelles Verhalten sind. Voraussetzung ist dabei, dass es sich
um dynamische, also veränderbare Faktoren handelt. Zudem muss empirisch validiert sein, dass
es sich um Risikofaktoren handelt und dass diese bei entsprechendem Straftäter auch vorhanden
sind. Aus diesem Bedürfnisprinzip und den daraus resultierenden
criminogenic needs
heraus
haben Andrews & Bonta (2010) die acht Risikofaktoren identifiziert, die die Theorie der
Central Eight Risk Factors
bilden. Das Ansprechbarkeitsprinzi
p
(
responsivity principle
) ist das
letzte der drei Rehabilitationsprinzipien. Es besagt, dass die Rehabilitationsbemühungen
entsprechend den Persönlichkeitseigenschaften des Straftäters/der Straftäterin angewendet
werden müssen, da die Qualität der therapeutischen Beziehung einen substanziellen Anteil am
Therapieerfolg hat (vgl. Flückiger et al. 2012).

12
Um Rückfallrisiko und Behandlungsbedarf zu identifizieren, wurde das, spezifisch für das
RNR-Modell entwickelte,
Level of Service Inventory-Revised
(LSI-R) eingeführt, um die
Central Eight Risk Factors
zu erfassen (vgl. Andrews & Bonta 1995). Die Checkliste des LSI-
R wurde in den frühen 1980er Jahren von Andrews (1982) entwickelt. Er begann, aus der
Theorie des sozialen Lernens, der Persönlichkeitstheorie und empirischer Forschung eine Liste
von Risiko- und Bedarfsfaktoren zu erstellen, die gemeinsame Merkmale von Straftäter*innen
enthielt. Nach einer empirischen Überprüfung wurde die Checkliste als
Level of Supervision
Inventory-VI (LSI-VI)
mit 54 Items eingeführt. Dabei werden unterschiedliche Aspekte wie
Delinquenz, Schule, Beruf, persönliche Beziehungen, Substanzkonsum sowohl in Bezug auf
die Vorgeschichte als auch auf den aktuellen Status abgefragt. Nachdem das LSI-VI validiert
wurde, da es starke Korrelationen mit Rückfälligkeit zeigte, wurde die Forschung intensiviert
und die bis heute genutzte Version das LSI-R veröffentlicht (vgl. Andrews & Bonta 1995).
Heute gilt das LSI-R als eines der am besten erforschten und am weitesten verbreiteten
Täterbeurteilungsinstrumente der Welt (vgl. Andrews et al. 2010). Als Erweiterung wurde das
Youth Level Of Service/Case Management Inventory (YLSI
) von Hoge & Andrews (1996)
speziell für jugendliche Straftäter*innen entwickelt, welches 42 Items enthält. Es
berücksichtigt, neben den statischen und dynamischen Items, zusätzlich die psychosoziale
Entwicklungsstufe, die Jugendliche durchlaufen (vgl. Bonta & Wormith 2013: 13).
Empirisch konnte sich das RNR-Modell bewähren. Diverse Meta-Analysen zu verschiedenen
Zielgruppen zeigen, dass Rehabilitationsprogramme, die die RNR-Prinzipien umsetzen,
erfolgreicher sind als Programme, die dies nicht tun (vgl. Wormith & Zidenberg 2018; Schmidt
2019). Kritiker*innen hingegen bemängeln, dass der RNR-Ansatz einen zu starken Fokus auf
Defizite und die Vermeidung von Risikofaktoren legt, anstatt Stärken von Straftäter*innen zu
identifizieren und einzubringen. Auch die mangelnde Spezifizität zur Umsetzung der
Prinzipien, gerade in Bezug auf das Ansprechbarkeitsprinzip, wird kritisiert (vgl. Polashek
2012).
4.2
Central Eight Risk Factors
Die acht Risikofaktoren, die Andrews & Bonta (2010) mit Hilfe ihres RNR-Modells
identifiziert haben, können herangezogen werden, um die Risiken einer erneuten Straffälligkeit
im Sinne einer Kriminalprognose einzuschätzen. Durch die Identifikation der kriminogenen
Faktoren können Ansatzpunkte für etwaige Interventionen abgeleitet und die passende
Behandlungsart gewählt werden (vgl. Schmidt 2018: 14).

13
Diese acht Risikofaktoren sollen im Folgenden vorgestellt und erläutert werden. Ein zentraler
Aspekt der Faktoren ist, wie zuvor schon erwähnt, die Dynamik, die sieben der acht
Risikofaktoren aufweisen. Das bedeutet, dass die Risikofaktoren änderbar sind und
entsprechend auch Maßnahmen getroffen werden können, die dazu beitragen, die
Rückfallwahrscheinlichkeit einer Person zu mindern. Ursprünglich wurden die
Central Eight
Risk Factors
nochmals in
Big Four Risk Factors
und
Moderate Four Risk Factors
unterteilt.
Die
Big Four
beinhalten Risikofaktoren, die die Persönlichkeit des/der Straffälligen
charakterisieren. Bonta & Andrews (2017: 44) stuften diese als relevanter für die Rückfälligkeit
ein, da sie in ersten Studien einen stärkeren Zusammenhang aufzeigten. Die
Moderate Four
beschäftigen sich mehr mit äußeren Einflüssen und der Umwelt des Straftäters/der Straftäterin.
Nachdem jedoch eine Vielzahl von Studien (vgl. Olver et al. 2014; Grieger & Hosser 2014;
Bonta et al. 2014; Gutierrez et al. 2013; Wooditch et al. 2014) sowohl im Bereich der
Big Four
als auch der
Moderate Four
Risikofaktoren starke Zusammenhänge aufwiesen, erklärte Bonta
in der Neuauflage 2017 (vgl. Bonta & Andrews 2017: 44), dass die Klassifizierung als
aufgehoben angesehen werden solle.
Auch im Rahmen anderer Kriminalitätstheorien tauchen die von Andrews & Bonta (2010)
definierten Risikofaktoren in Teilen DXI$JQHZEHLVSLHOVZHLVHQHQQWLQVHLQHUÄ
General
Strain Theory
³IQI/HEHQVEHUHLFKHDOV*UXQGODJHIU.ULPLQDOLWlW'LHVHEHVWHKen aus den
personellen Merkmalen, Familie, Schule, Freunden und Arbeit. Laut Agnew (2005: 150f.)
beeinflussen sich diese Lebensbereiche gegenseitig, wobei Stärke und Effekte der
Beeinflussung im Laufe des Lebens variieren. Agnew nimmt an, dass kriminelle Personen
ungeordnete Leben haben. Schon in Jugendjahren lässt sich eine erhöhte Reizbarkeit und
niedrige Selbstkontrolle feststellen. Mit den Eltern wird wenig Zeit verbracht und die Schule
wird nicht gerne besucht, was in schlechten Noten resultiert. Stattdessen wird viel Zeit in einem
delinquenten Freundeskreis mit unbeaufsichtigten Aktivitäten verbracht (vgl. ebd.: 65). Gerade
die geringe Selbstkontrolle und die hohe Reizbarkeit sorgen laut Andrew (2005: 70) dafür, dass
diese Personen geneigt sind, negative Ereignisse in ihrem Umfeld so zu interpretieren, dass
diese förderlich auf die Kriminalität wirken. Auch Brachaus et al. (2016: 239f.) beschreiben die
Probleme von jungen Straftäter*innen mit der Nennung familiärer Probleme, finanzieller
Notlagen, sozialer Randständigkeit bis hin zu sozialer Exklusion, ungünstiger Wohnsituation,
Schwierigkeiten in Schule, Ausbildung und Beruf, subjektiver und objektiver Chancen- und
Perspektivlosigkeit, sowie Gewalterfahrungen und Suchtproblemen. Auch wenn von Brachaus
et. al (2016) die Indikatoren nicht so strukturiert benennt werden wie von Andrews & Bonta

14
(2010) oder Agnew (2005) wird deutlich, dass es klare Überschneidungen in den, die
Kriminalität bedingenden, Einflussfaktoren gibt.
Grieger (2015: 13) betont, wie wichtig es ist, zwischen Risikofaktoren für Straffälligkeit und
Risikofaktoren für Rückfälligkeit zu unterscheiden. Rückfälligkeit stellt eine besondere Form
der Straffälligkeit dar, da sie nur von Personen begangen werden kann, die schon straffällig
geworden sind. Merkmale gelten dann als Risikofaktoren für Straffälligkeit, wenn Mitglieder
der Allgemeinbevölkerung, die eines oder mehrere dieser Merkmale aufweisen, ein höheres
Risiko haben, straffällig zu werden als Personen, die diese(s) Merkmal(e) nicht aufweisen. Im
Gegensatz dazu liegt bei den Risikofaktoren für Rückfälligkeit eine andere Referenzgruppe vor.
Nicht die Allgemeinbevölkerung gilt als Vergleichsgruppe, sondern die Gruppe der
Straftäter*innen. Dies führt statistisch gesehen zu Varianzeinschränkungen, da Risikofaktoren
für Straffälligkeit in einer Population aus Straftäter*innen anders verteilt sind als im
Bevölkerungsdurchschnitt (vgl. ebd.: 13ff). Generell sind es im Wesentlichen die gleichen
Faktoren, die Kriminalität und auch erneute Kriminalität bedingen. Allerdings ist es wichtig zu
berücksichtigen, dass Risikofaktoren eine unterschiedliche Vorhersagekraft und Einflussstärke
bei Beginn versus Aufrechterhaltung von kriminellen Karrieren aufweisen können (vgl.
Heilbrun et al. 2005). Beispielhaft nennt Grieger, dass in ihrer Studie zu Jugendstrafvollzug
und Rückfallwahrscheinlichkeit 94% eine Störung des Sozialverhaltens und über die Hälfte
Diagnosekriterien für ADHS in der Kindheit aufweisen (vgl. Grieger 2015: 15). Obwohl diese
hohen Prävalenzen als Indiz für einen Zusammenhang zwischen dieser Störung und Delinquenz
gewertet werden könnten, schwächen sie die Vorhersagekraft für Rückfälligkeit (vgl. ebd.: 15).
Im folgenden Kapitel sollen die einzelnen Risikofaktoren dargestellt und erläutert werden.
4.3
Risikofaktoren der Persönlichkeit
Wie in Abschnitt 4.2 erläutert, wurde die Klassifizierung der
Central Eight Risk Factors
im
Rahmen der Neuauflage 2017 aufgehoben. Die Unterteilung der vier Risikofaktoren der
Persönlichkeit (
Big Four)
und der vier Risikofaktoren der äußeren Einflüsse (
Moderate Four)
erfolgt jedoch weiterhin. Dies beinhaltet jedoch keine Klassifizierung der Gruppen sondern
dient lediglich der Übersichtlichkeit. Eine Einführung in die passenden Indikatoren der
einzelnen Faktoren erfolgt dann im Zuge der Operationalisierung.

15
4.3.1 Vorgeschichte antisozialen und kriminellen Verhaltens
Eine kriminelle Vorgeschichte beinhaltet eine frühe Beteiligung an einer Reihe von kriminellen
Aktivitäten. Es herrscht sowohl eine gewisse Vielfalt innerhalb der Art des kriminellen
Handelns als auch innerhalb der Tatumgebungen. Dabei hat, laut Andrews & Bonta (2010)
nicht die Schwere der aktuellen Tat einen Einfluss auf das Risiko einer erneuten Straftat,
sondern der frühe Einstieg in Kriminalität, eine umfangreiche Vorgeschichte und eine Vielzahl
unterschiedlicher Delikte. Weist eine Person eine kurze oder kaum vorhandene kriminelle
Vorgeschichte auf, so deutet dies darauf hin, dass kriminelle Handlungen nur minimal zu einer
prokriminellen Einstellung beigetragen haben. Da prokriminelle Denkstile ebenfalls einen
Risikofaktor darstellen, ist dieser durch wenig kriminelle Erfahrungen als geringer
einzuschätzen. Die besten Indikatoren für eine kriminelle Vorgeschichte stellen Verhaftungen
in jungen Jahren, eine große Anzahl von Vorstrafen sowie generelle Regelverstöße dar. Wie im
vorangegangenen Kapitel erläutert, stellt die kriminelle und antisoziale Vorgeschichte den
einzigen nicht-dynamischen Risikofaktor dar. Doch auch wenn die kriminelle Vorgeschichte
unabänderlich ist, können zeitlich gesetzte Zwischenziele ein geeignetes Mittel für den Aufbau
neuer, nicht krimineller Verhaltensweisen sowie den Aufbau von Selbstwirksamkeit sein,
welche die Rehabilitation unterstützen (vgl. Bonta & Andrews 2017: 45f.).
4.3.2 Prokriminelle Einstellungen
Einstellungen an sich sind bewertende Gedanken in Bezug auf Dinge, Personen oder
Handlungen. Auch wenn Einstellungen nicht sichtbar sind, können sie aus dem Verhalten einer
anderen Person geschlussfolgert werden. Prokriminelle Einstellungen sind also generell
Gedanken, Gefühle und Überzeugungen, welche kriminelle Verhaltensweisen befürworten und
beschönigen. Findet ein Individuum es nicht verwerflich Steuern zu hinterziehen oder ist der
Meinung, dass es legitim ist eine Person zu schlagen, wenn diese einen beleidigt, ist es
wahrscheinlicher, dass er/sie diese Handlungen ausführt. Damit beinhalten prokriminelle
Einstellungen risikofördernde Denkstile, welche eine Rückfälligkeit wahrscheinlicher machen.
Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze wie Einstellungen entstehen, die auch relevant für
kriminelles Verhalten sind. Der erste Ansatz sieht ein Scheitern in der Entwicklung eines
Gewissens und moralischer Grundwerte, was im Laufe der Kindheit passiert. Der zweite Ansatz
sieht die Entstehung von prokriminellen Einstellungen im Rahmen des sozialen Lernens. Das
Formen der Einstellung findet direkt durch das soziale Umfeld wie Familie, Bekannte, Schule
oder Arbeit statt (vgl. ebd.: 123ff.). Personen, die prokriminelle Einstellungen aufweisen,

16
identifizieren sich häufig mit Kriminellen und weisen negative Überzeugungen gegenüber dem
Gesetz und Justizsystem auf. Eine Rationalisierung der Verbrechen, wie die Rechtfertigung,
dass das Opfer es verdient hätte, stellen ebenfalls ein Mechanismus dar und deuten gleichzeitig
auf antisoziale Persönlichkeitsmuster hin (vgl. ebd: 45). Empirisch betrachtet stellen
prokriminelle Einstellungen einen der besten Prädiktoren für kriminelles Handeln dar, was
durch verschiedene Meta-Analysen gezeigt werden konnte (vgl. ebd.: 129). Da prokriminelle
Einstellungen ein dynamischer Faktor sind, gilt es die prokriminellen Einstellungen zu
reduzieren und in prosoziale Denkstile zu transformieren (vgl. ebd.: 45).
4.3.3 Antisoziales Persönlichkeitsmuster
Das
antisoziale
Persönlichkeitsmuster
beinhaltet
zwei,
voneinander
unabhängige,
Dimensionen: Schwache Selbstkontrolle und einen Mangel an Planung. Entsprechend sind
Personen mit einer antisozialen Persönlichkeit oftmals anmaßend, abenteuerlustig, fordern eine
direkte Befriedigung ihrer Bedürfnisse und sind im Allgemeinen häufig in Ärger verwickelt.
Dieser beschränkt sich nicht auf ein Opfer oder eine bestimmte Situation, sondern ist vielseitig
und variiert. Auch eine ständige Aggressivität, mangelnde Empathie und Rücksichtlosigkeit
zeichnen Personen mit antisozialem Charakter aus (vgl. ebd: 88). Die höchste Korrelation mit
einer antisozialen Persönlichkeit zeigen Impulsivität und Neurotizismus, das heißt eine
emotionale Labilität (vgl. Eysenck 1977). Moffit (1994: 24) geht davon aus, dass antisoziales
Verhalten schon in der Kindheit beginnt und durch Gehirnschädigungen, Ernährungsmangel,
erlebte Misshandlungen, Überaktivität, mangelnde Impulskontrolle usw. entstehen kann.
Dauernde Konflikte mit den Eltern sowie Ablehnungsverhalten der sozialen Umwelt machen
es fast unmöglich, prosoziale Verhaltensweisen und Fähigkeiten zu entwickeln.
Die Erhöhung der Selbstkontrolle sowie von Problemlösungsfähigkeiten und Empathie sind
Möglichkeiten einem antisozialen Persönlichkeitsmuster entgegenzuwirken (vgl. Bonta &
Andrews 2017: 45f.).
4.3.4 Prokriminelle Verbindungen
Der Risikofaktor der prokriminellen Verbindungen beinhaltet sowohl den Kontakt mit
prokriminellen Anderen als auch eine relative Isolation von prosozialen Anderen (vgl. ebd.:
45). Gleichzeitig stehen prokriminelle Verbindungen in direktem Zusammenhang mit
prokriminellen Einstellungen. Viele kriminalitätsfördernde Einstellungen werden in
Gemeinschaft mit anderen Kriminellen erlernt und aufrechterhalten und üben eine direkte

17
Kontrolle über die Entscheidung aus, sich antisozial zu verhalten (vgl. ebd.: 114). Gerade bei
Jugendlichen, die sich noch in Sozialisationsprozessen befinden, spielt die Peergroup eine
wichtige Rolle als Orientierung gebender und stabilisierender Faktor. Sie bietet den Freiraum,
neue Dinge auszuprobieren, die allein nicht erprobt würden und hilft in Bezug auf
Identitätsbildung, Lebensstile und Bestätigung der Selbstdarstellung hilft. Sie kann also eine
wichtige Stützfunktion haben, kann aber, aufgrund des großen Einflusses die sie hat, auch einen
negativen Einfluss ausüben (vgl. Oerter & Montada 2008: 321ff). Nach Agnew (2005: 78)
verbringen gerade Jugendliche viel Zeit mit unstrukturierten und unbeaufsichtigten Aktivitäten.
Entsprechend treten Individuen eher mit Kriminalität in Kontakt, wenn Freund*innen
delinquentes Verhalten zeigen. Durch den Kontakt mit delinquenten Freund*innen sinkt die
Angst vor externen Sanktionen und Bedenken gegen Kriminalität werden reduziert (vgl.
Piquero & Pogarsky 2002). Auch stellen kriminelle Gruppen eine, zumindest kurzfristige,
Möglichkeit dar, individuelle Spannungen und Belastungen zu lösen. Fehlender Respekt und
ein familiäres Zusammenhörigkeitsgefühl werden durch die Mitgliedschaft in einer kriminellen
Gruppe kompensiert. Da diese Mitgliedschaft langfristig jedoch neue Probleme, zum Beispiel
mit Familie oder Beruf, erzeugt, sind die positiven Effekte für das Individuum in der Regel
nicht von Dauer (vgl. Agnew 2006: 45). Gerade bei Jugendlichen spielt zudem der Wunsch
nach Autonomie eine Rolle beim Beitritt krimineller Gruppen. Durch die Mitgliedschaft
erreichen sie eine Selbstbestimmtheit, die sonst Erwachsenen vorbehalten ist. Zum einen
können sie durch delinquentes Verhalten, wie Drogenverkauf und Diebstahl, finanzielle Ziele
erreichen, die für Jugendliche unter normalen Umständen nicht erreichbar sind (vgl. Cloward
& Ohlin 1960). Zum anderen werden erwachsene Verhaltensweisen, wie der Konsum von
Alkohol, nachgeahmt (vgl. Moffit 1993).
Auch das Zusammenspiel von elterlichen, familiären Kontakten und Peergroup-Kontakten ist
entscheidend. Wer angibt gute Elternbeziehungen zu haben, fühlt sich akzeptiert, zeigt soziales
Interesse und besitzt soziale Selbstwirksamkeit. Sind die Elternbeziehungen ungenügend,
mangelt es eher an sozialem Interesse, Selbstwirksamkeit und prosozialem Verhalten (vgl.
Oerter & Montada 2008: 328). Damit steigt das Bedürfnis, sich Anerkennung innerhalb der
Peergroup zu verschaffen, was unter anderem die Wahrscheinlichkeit für gewalttätiges
Verhalten erhöht (vgl. Raithel 2004: 44).
Eine Studie des Kriminologischen Dienstes (vgl.
Hartenstein et al. 2019: 6) zu den
Jugendstrafgefangenen in Sachsen ergab, dass 40,2% der Jugendstrafgefangenen angaben nach
der Entlassung vor allem mit Freund*innen zu tun zu haben, die Alkohol und Drogen
konsumieren. Auch gab fast ein Drittel (32,9%) an, dass sie voraussichtlich eher mit

18
Freund*innen in Kontakt sein werden, die Straftaten begehen. Diese Angaben zeigen, dass
sogar die Einschätzung der Jugendlichen selbst oft problematisch sind, da sie häufig nicht das
Ziel haben, ihre delinquenten Kontakte einzustellen (vgl. ebd. 2019: 6).
Um den Risikofaktor zu eliminieren, muss jedoch das Ziel sein, prokriminelle Kontakte zu
reduzieren und gleichzeitig eine stärkere Einbindung in prosoziale Verbindungen zu erzielen
(vgl. Bonta & Andrews 2017: 45).
4.4
Risikofaktoren der äußeren Einflüsse
Die zweite Gruppe der
Central Eight Risk Factors
besteht aus äußeren Einflüssen, die ebenfalls
dynamisch sind und die es im Rahmen von Rehabilitationsbemühungen zu ändern gilt. Der
Risikofaktor des Suchtmittelmissbrauchs, welcher in der vorliegenden Arbeit intensivierter
betrachtet werden soll, befindet sich in dieser Gruppe.
4.4.1 Familie
Die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen im Umfeld des/der Straffälligen stellt den
entscheidenden Faktor in der Beurteilung dieses Risikofaktors dar. Dabei kann es sich sowohl
um die Beziehung von Eltern und Kind sowie zwischen (Ehe-)Partnern handeln. In Bezug auf
Elternbeziehungen sind die Verhaltenserwartungen und ± regeln in Bezug auf kriminelles
Verhalten, einschließlich Überwachung, Aufsicht und Disziplinarmaßnahmen entscheidend
(vgl. ebd.: 45). Agnew (2005: 70) betont, dass eine negative Bindung zwischen Kindern und
Eltern, eine schlechte Aufsicht und Disziplinierung sowie familiäre Konflikte und Missbrauch
delinquenzfördernd sind. Eine Befragung von rund 2000 männlichen Inhaftierten im
Jugendstrafvollzug, die zum ersten Mal eine Strafhaft verbüßten, ergab, dass 45,5% dieser
jungen Männer mindestens einen Heimaufenthalt erlebt hatten. Innerhalb dieser Gruppe waren
45% mehr als einmal in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht (vgl.
Enzmann & Greve 2001). Gute Beziehungen zu den Eltern hingegen zeigen eine schützende
Wirkung. Ein vertrauensvolles Verhältnis, die Ablehnung von Gewalt durch die Eltern,
Interesse am (Schul-)Alltag und gemeinsame Unternehmungen sind ebenfalls von Vorteil (vgl.
Boxberg 2018: 57). Sampson & Laub (2005) heben die Bedeutung von Familie und allgemein
sozialen Kontakten hervor, indem sie annehmen, dass soziale Bindungen und soziales Kapital
Voraussetzungen für eine bewusste Entscheidung gegen weitere Straftaten sind, da ihr
subjektiver Nutzen den des kriminellen Handelns übersteigt.

19
Um eine Reduktion des Risikofaktors zu erreichen, sollten bestehende Beziehungen positiv
verstärkt werden, sowie Aufsicht und Kontrolle intensiviert werden (vgl. Bonta & Andrews
2017: 45).
4.4.2 Schule/ Arbeit
Im Bereich der Schule und Arbeit spielen sowohl zwischenmenschliche Beziehungen und
Interaktionen, sowie die direkten Erfolge einer Tätigkeit eine tragende Rolle (vgl. ebd.: 45).
Schulische Bildung ist heutzutage für einen erfolgreichen Übergang ins Berufsleben
unabdingbar. Entsprechend hilfreich ist ein qualifizierender Schulabschluss im Zuge der
Legalbewährung (vgl. Gundel 2013: 249). Förderlich für eine nicht deviante Entwicklung ist
ein positives Schulklima, in dem Schüler*innen motiviert und unterstützt werden, sowie
möglichst hohe Bildung und gute Noten erzielen. Ebenfalls positiv äußern sich eine Bindung
zur Schule und klare Regeln im Klassenraum (vgl. Boxberg 2018: 57). Auch Agnew (2005:
75f.) erklärt, dass negative schulische Erfahrungen, negative Beziehungen zu Lehrer*innen und
schlechte akademische Leistungen kriminelles Verhalten bedingen können. Ein beträchtlicher
Anteil der Jugendstrafgefangenen verfügt bei Haftantritt weder über einen Schulabschluss noch
über eine Berufsausbildung. Eine Evaluierung des JSA Regis-Breitingen (vgl. Hartenstein
2014: 2) zeigt, dass 62,2% der Inhaftierten im Jahr 2014 keinen Schulabschluss hatten. 91,5%
konnten ebenfalls keine formale berufliche Qualifikation vorweisen (vgl. ebd.: 2). Einer
länderübergreifenden Evaluation des Jugendstrafvollzugs von den Jahren 2011-2015 zufolge
wiesen 64,3% keinen Schulabschluss auf, 26% hatten einen Hauptschulabschluss, 4,7% einen
Förderschulabschluss. Lediglich 5% besaßen einen Abschluss, der höher gestellt war als der
qualifizierende Hauptschulabschluss. Der Anteil Inhaftierter ohne berufliche Qualifikation bei
den unter 18-Jährigen betrug 97%, bei den 18-21-Jährigen 92,8% und bei der Gruppe der über
21-Jährigen 86,7%. Unmittelbar vor Haftantritt waren 75,5% der Inhaftierten arbeitslos (vgl.
Arbeitsgruppe Länderübergreifende Evaluation Jugendstrafvollzug 2017: 28ff). Zwar spielt in
Bezug auf Schulabschluss und Berufsqualifikation auch das junge Alter der Inhaftierten eine
Rolle, dennoch zeichnen die Statistiken ein deutliches Bild. Offenbar zeigt ein Großteil der
Strafgefangenen schon vor der Inhaftierung Schwierigkeiten damit, einen schulischen
Abschluss oder eine berufliche Ausbildung anzustreben oder einer geregelten Arbeit
nachzugehen (vgl. ebd.: 32). Gundel (2013) fasst die Situation der Inhaftierten in Bezug auf
ihren Bildungshintergrund so zusammen:

20
ÄDabei wirkt diese Exklusion und Stigmatisierung als Bildungsverlierer und Leistungsversager beim
Zusammentreffen mit weiteren Persönlichkeitseigenschaften und sozioökonomischen Bedingungen
eher kriminalLWlWVI|UGHUQGDOVNULPLQDOLWlWVKHPPHQG³
(Gundel 2013: 258)
Schlechte Bildung und Arbeitslosigkeit können sowohl eine Ursache für Straffälligkeit sein als
auch eine Folge anderer Probleme, wie beispielsweise fehlender sozialer Kompetenz (vgl.
Arbeitsgruppe Länderübergreifende Evaluation Jugendstrafvollzug 2017: 32). So herrscht
weitgehend Einigkeit darüber, dass die Bildungsdefizite der Strafgefangenen in der Regel
keiner Intelligenzschwäche geschuldet sind, sondern ein Resultat aus Faktoren wie
Misserfolgsangst, mangelndem Durchhaltevermögen und Schulunlust (vgl. Gundel 2013: 249).
Gleichzeitig dürfen die vergleichsweise höheren Verdienstmöglichkeiten durch illegale
Aktivitäten im Gegensatz zu Gehältern für Ungelernte oder Auszubildende nicht vernachlässigt
werden. Die Persistenz delinquenten Verhaltens führt zudem meist zu ausschließlich
unattraktiven Jobangeboten, die den wiederholten Straftäter*innen gemacht werden (vgl.
Uggen & Wakefield 2008: 206). Um eine langfristig positive, berufliche Perspektive
aufzuzeigen, stellt die Förderung der schulischen und beruflichen Kompetenzen einen
wesentlichen Aspekt der Haft dar, um die Rückfallwahrscheinlichkeit zu reduzieren und eine
Resozialisierung zu fördern. Enge Bindungen und Belohnungen im Rahmen schulischer und
beruflicher Aktivitäten können zusätzlich für eine positive Entwicklung sorgen (vgl. Bonta &
Andrews 2017: 46). Der erfolgreiche Abschluss einer Ausbildung und das erfolgreiche
Ausüben eines Berufs kann Quelle für Sinn und Selbstwirksamkeit sein und
Zukunftsperspektiven eröffnen. Wenn sich durch die berufliche Tätigkeit auch der finanzielle
Verfügbarkeitsrahmen erhöht, werden außerdem die Möglichkeiten der gesellschaftlichen
Teilhabe erweitert (vgl. Boxberg 2018: 65).
4.4.3 Freizeit/ Erholung
Auch wenn die Art der Freizeitaktivitäten und Erholung auf den ersten Blick nicht in direktem
Zusammenhang mit Rückfälligkeit stehen, spielt auch dieser Risikofaktor eine Rolle. Gerade
die Freizeit wird genutzt, um soziale Verbindungen zu pflegen, beispielsweise mit
prokriminellen Kontakten. Gleichzeitig fehlen meist Engagement und Bestätigung durch
prosoziale Kontakte, z.B. durch die Einbindung in einen Sportverein.

21
4.4.4 Suchtmittelmissbrauch
Da der Risikofaktor des Suchtmittelmissbrauchs im folgenden Kapitel intensiviert behandelt
wird, soll hier nur eine kurze Einordnung erfolgen. Als Suchtmittel werden Alkohol und
jegliche Art von illegalen Drogen betrachtet, lediglich Tabak ist von den Analysen
ausgeschlossen. In der Kriminologie wurden Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit bereits früh
als wesentliche Bedingungsfaktoren von Kriminalität gesehen (vgl. Nedopil 2009: 93). Laut
Bonta & Andrews (2017: 46) weisen aktuelle Probleme mit Suchtmitteln ein höheres Risiko
auf
als
eine
frühere
Missbrauchsvergangenheit.
Um
dem
Risikofaktor
des
Suchtmittelmissbrauchs
entgegenzuwirken,
bedarf
es
einer
grundsätzlichen
Einstellungsänderung. Eine Reduzierung des Substanzmissbrauchs sowie eine Reduzierung der
Kontakte, die ein substanzorientiertes Verhalten unterstützen sind erste Schritte, um die
Intensität des Risikofaktors zu mindern. Auch das Schaffen von Alternativen zum
Substanzmissbrauch stellt einen wichtigen Schritt dar (vgl. ebd.: 46).
5
Suchtmittelmissbrauch und dessen Folgen
Suchtmittel wie Drogen und Alkohol verursachen erhebliche gesundheitliche, soziale und
volkswirtschaftliche Probleme. Repräsentativen Studien zufolge gibt es in Deutschland 12
Millionen Raucher*innen, 1,6 Millionen Alkoholabhängige sowie 600 000 Menschen, die
einen problematischen Konsum von Cannabis und anderen illegalen Drogen aufweisen (vgl.
Bundesministerium für Gesundheit 2021). Diese Zahlen geben erste Einblicke, wie groß der
Einfluss von Rauschmitteln in der gesamten Bevölkerung ist. Gerade bei jungen Menschen ist
ein Ausprobieren und ein damit verbundener gelegentlicher Umgang mit legalen und illegalen
Drogen zwar ganz normal, werden jedoch (junge) Straffällige mit der restlichen Bevölkerung
verglichen, so zeigen sich deutliche Unterschiede in der Suchtmittelbelastung (vgl. Kreuzer
2015: 5). Die regelmäßig durchgeführte Drogenaffinitätsstudie Jugendlicher in Deutschland
zeigt, dass 2019 10,2% aller 12-25-Jährigen gesundheitlich riskante Mengen
3
an Alkohol
konsumierten (vgl. Orth & Merkel 2020: 84). Cannabiskonsum innerhalb der letzten 30 Tage
gaben 5,3% an, weitere 0,7% hatten in dem Zeitraum illegale Drogen konsumiert (vgl. ebd.:
3
Ä'HILQLWLRQGHV.RQVXPVYRQIU(UZDFKVHQHJHVXQGKHLWOLFKULVNDQWH$ONRKROPHQJHQLQGHQOHW]WHQ]Z|OI
Monaten Konsum von im Durchschnitt über 24 Gramm (männlich) bzw. 12 Gramm (weiblich) Reinalkohol am
7DJ³vgl. Orth & Merkel 2020: 84). 10 ± 12 Gramm Alkohol sind beispielsweise in einem kleinen Bier, einem
Achtel Wein oder einem Glas Sekt enthalten (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2021).

22
89). Die Ergebnisse der ersten bundeseinheitlichen Erhebung zur stoffgebundenen
Suchmittelproblematik im Justizvollzug zeigt den höchsten Anteil an Personen mit
Suchtmittelproblematik in der Haftart des Jugendstrafvollzugs. 56% wiesen dort eine
Substanzabhängigkeit
4
(27%) oder einen Substanzmissbrauch
5
(27%) auf.
25% zeigten
multiplen
Substanzgebraucht,
Alkohol
war
die
Hauptsubstanz
von
14%
der
Jugendstrafgefangenen. Mit 50% die meistkonsumierte Hauptsubstanz war Cannabis (vgl. Stoll
et al. 2019: 31). Trotz nicht direkt vergleichbarer Definitionen von riskantem und
missbräuchlichem Konsum zeigt sich eine um ein Vielfaches höhere Suchtbelastung im
Rahmen des Jugendstrafvollzugs im Vergleich zu der Bevölkerung. Ein Vergleich des
Konsums der Jugendstrafgefangenen der JVA Adelsheim von den Jahren 1991/1992 sowie
2009/2010 zeigt, dass zu dem späteren Erhebungszeitpunkt 2009/2010 häufiger eine Drogen-
/Alkoholproblematik bei den jungen Gefangenen vorlag (vgl. Stelly & Thomas 2013). Die
Belastung durch Suchmittel im Jugendstrafvollzug scheint sich in den letzten Jahren eher
verschärft zu haben, gerade der Anteil der Drogensüchtigen steigt seit Jahren (vgl. Lehmann
2013).
Aus
kriminologischer
Sicht
sind
Straffälligkeit
im
Zusammenhang
mit
Suchtmittelproblematiken als Symptome einer gestörten Sozialisation mit der sozialen Umwelt
zu sehen (vgl. Egg 1996). Die meist schon vorliegenden Desintegrationserfahrungen der jungen
Menschen werden durch missbräuchlichen Suchtmittelkonsum verstärkt wodurch es vermehrt
zu Problemen mit Eltern, in der Schule und im sozialen Umfeld kommt (vgl. Melzer & Jakob
2002: 96). Die psychosozialen Folgen einer Suchtmittelproblematik sind, neben der akuten
Intoxikation durch Alkohol oder Drogen, von kriminogener Bedeutung. Sowohl eine
Veränderung der Persönlichkeit sowie kognitiver Fähigkeiten als auch direkte Konsequenzen
wie der Verlust von Arbeit und sozialen Kontakten befördern das Hineingeraten in ein
subkulturelles Milieu (vgl. Leygraf 2015: 1). So kann frühzeitiger und massiver Alkohol- und
Drogenkonsum als zusätzlicher Beschleuniger delinquenter Karrieren fungieren. Nach
Schippers & Broekmann (2012: 8) lassen sich Suchtproblematiken im Kontext mit Kriminalität
in drei Typen unterteilen. Beim ersten Typus ist die Kriminalität dominierend, der Konsum
4
Substanzabhängigkeit wird entsprechend der Kriterien des ICD-10 (siehe: Fußnote 9) definiert. Wenn innerhalb
der letzten 12 Monate drei von sechs Kriterien erfüllt waren, liegt eine Substanzabhängigkeit vor. Kriterien: 1.
Starker Wunsch/Zwang zu konsumieren, 2. Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Ende und Menge des
Konsums 3. Körperliche Entzugserscheinungen 4. Toleranzentwicklung 5. Vernachlässigung anderer Aktivitäten
zugunsten des Substanzkonsums 6. Fortdauernder Konsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen
(vgl. Dilling & Freyberger 2016: 77f.).
5
Substanzmissbrauch liegt dann vor, wenn der Konsum psychotroper Substanzen nachweislich zu einer
Gesundheitsschädigung führt (vgl. Dilling & Freyberger 2016: 76).

23
unterstützt das kriminelle Verhalten. In der zweiten Variante ist der Konsum dominierend und
Kriminalität ist eine direkte Folge des Konsums. Der dritte Typus vereint die beiden vorherigen,
Konsum und Kriminalität bedingen sich gegenseitig.
Eine Abkehr von Straffälligkeit und Suchtmittelmissbrauch geht oft miteinander einher, wobei
die Suchtbelastung eine zusätzliche Hürde im Rahmen der Legalbewährung darstellt. Eine
Studie von Berger et al. (1999) aus dem Maßregelvollzug der ZfP Weinsberg zeigt bei den
Patient*innen ÄHLQQLHGULJHV$OWHUEHLGHU(LQZHLVXQJIHKOHQGHQ6FKXO- und Berufsabschluß,
'URJHQDEKlQJLJNHLW IUKH (UVWYHUXUWHLOXQJ XQG HLQH ÄEURNHQ KRPH³-Situation in der
+HUNXQIWVIDPLOLH DOV )DNWRUHQ GLH PLW HUIROJORVHQ %HKDQGOXQJVYHUVXFKHQ HLQKHUJHKHQ³
Straffällige Alkohol- und Drogenabhängige gelten als Problempatient*innen, die sich durch ein
hohes Maß an Rückfällen und Entweichungen auszeichnen. Sie neigen zu Aggressivität,
impulsiven
Ausbrüchen,
sowie
Depressivität
und
dem
Drang
der
unmittelbaren
Bedürfnisbefriedigung (vgl. ebd.: 502).
5.1
Alkohol
Bei 1,6 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland (vgl. Bundesministerium für Gesundheit
2021) wären die Justizvollzugsanstalten maßlos überfüllt, wären all die Süchtigen gleichzeitig
auch Kriminelle. Dass Alkoholkonsum und -missbrauch nicht direkt zu Straffälligkeit (oder
umgekehrt) führt, steht also außer Frage. Gleichzeitig zeigt die hohe Suchtbelastung im
Strafvollzug, dass durchaus ein Zusammenhang bzw. eine wechselseitige Beziehung existiert.
Da Alkohol, im Kontext der Suchtmittel, das einzige Produkt darstellt, welches legal erworben
und konsumiert werden darf, erfolgt eine Unterscheidung von Alkohol und illegalen Drogen in
Zusammenhang mit Kriminalität. So wird der Ge- und Missbrauch von illegalen Drogen
schärfer geahndet als der übermäßige Konsum von Alkohol. Während schon der Besitz illegaler
Drogen zu einer Strafe führen kann, wird Alkoholkonsum nur dann als missbräuchlich
gewertet, wenn er in Situationen stattfindet, in denen Alkoholkonsum verboten ist (z.B.
Trunkenheit im Verkehr nach StGB § 316) (vgl. Bonta & Andrews 2017: 153). Dennoch spielt
Alkoholkonsum und ± rausch häufig eine Rolle bei der Begehung von Straftaten. Wie die
Kriminalstatistik des Bundeslandes Schleswig-Holstein zeigt, standen 12,9% aller
Tatverdächtigen
unter
21
Jahren
zum
Tatzeitpunkt
unter
Alkoholeinfluss
(vgl.
Landeskriminalamt Schleswig-Holstein 2019: 87). Im Bereich der Gewaltkriminalität war mehr
als ein Viertel (26%) aller Tatverdächtigen bei der Tatbegehung alkoholisiert. Der höchste
Anteil findet siFKEHLGHP'HOLNWÄ:LGHUVWDQGJHJHQGLH6WDDWVJHZDOW³+LHUstanden zwei

24
Drittel (66,5%) zum Tatzeitpunkt unter Alkoholeinfluss (vgl. ebd.: 87). In einer amerikanischen
Studie von Sedlack & Bruce (2010: 6) gab fast die Hälfte der jugendlichen Inhaftierten an, an
dem Tag, an dem sie die Straftat begingen, welche zur Haftstrafe führte, unter dem Einfluss
von Alkohol oder Drogen gestanden zu haben.
Wie schon in Kapitel 5 erwähnt, zeigt die Datenlage eine deutliche Mehrbelastung von
jugendlichen Gefangenen im Vergleich zur jugendlichen Bevölkerung. Wird das
Alkoholkonsumverhalten von Jugendlichen (12-17 Jahre) und jungen Erwachsenen (18-25
Jahre) in Deutschland betrachtet, zeigt sich folgendes: während 63,4% der Jugendlichen und
fast 95% der über 18-Jährigen schon einmal Alkohol konsumiert haben, liegt der Anteil des
regelmäßigen Konsums (d.h. mindestens einmal die Woche) von Jugendlichen bei 9,0% und
bei jungen Erwachsenen bei 32,3% (vgl. Orth & Merkel 2020: 39). Generell lässt sich ein
stetiger Rückgang des Alkoholkonsums von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
verzeichnen (vgl. ebd.: 44). Vergleichend zeigen Daten des Jugendstrafvollzugs Regis-
Breitingen aus dem Jahr 2014, dass über die Hälfte der Inhaftierten eine erhebliche Problematik
in Bezug auf Drogen und/oder Alkohol zeigen. Der Anteil derjenigen Jugendstrafgefangenen,
bei denen eine Äannähernde³XQGÄYROOVWlQGLJe³3UREOHPDWLNPLW$ONRKROeingeschätzt wird,
liegt bei 52% (vgl. Hartenstein 2014: 3). Dabei kann keine Garantie auf Vollständigkeit
geleistet werden, da das Vorliegen einer Alkoholproblematik im Jugendstrafvollzug in der
Regel von Außenstehenden (Sozialarbeiter*innen, Betreuer*innen, etc.) beurteilt wird. Eine
eindeutige Beurteilung ist nicht immer möglich, da Kriterien für einen missbräuchlichen
Alkoholkonsum nicht eindeutig definiert sind und der Konsum meist weniger gut dokumentiert
wird (vgl. ebd.: 3). Entsprechend ist es möglich, dass der Anteil der Jugendstrafgefangenen mit
einer Alkoholproblematik noch höher liegt. Die Substanzanamnese über den schädlichen
Gebrauch von Suchtmitteln in einer österreichischen Studie zeigte, dass in der nicht-
delinquenten Kontrollgruppe 95,1% einen unauffälligen Suchtmittelkonsum zeigten. Lediglich
5 Personen (4,9%) der Kontrollgruppe hatten irgendwann in ihrem Leben einen
Alkoholmissbrauch betrieben, von einem aktiven Drogenkonsum berichtete niemand. Bei den
straffälligen Personen hingegen gaben 67% an, Suchtmittel in einem schädlichen Ausmaß
konsumiert zu haben. 56,3% nannten Alkohol als die konsumierte Substanz, 30,1%
konsumierten regelmäßig illegale Drogen (vgl. Stompe 2009: 121).
Dem Erklärungsmodell von Egg (1996) zufolge entstehen Alkoholmissbrauch und Kriminalität
durch frühkindliche Defizite in der sozialen Entwicklung sowie familiäre, gemeinschaftliche
und berufliche Probleme. Genau wie bei Erwachsenen ist übermäßiger Alkoholkonsum bei
Jugendlichen oftmals ein Bewältigungsmechanismus beziehungsweise ein Versuch dessen.

25
Können Jugendliche den Entwicklungsaufgaben nicht folgen, indem ihnen Kompetenzen
fehlen, sie Außenseiter sind, Probleme in der Schule oder Ausbildung aufweisen, kommen sie
in einen Entwicklungsstress. Durch den Konsum von Alkohol wird der Druck, die
Entwicklungsaufgaben zu erfüllen, erträglicher. Dies führt schnell zu Alkohol als
Ä3UREOHPO|VHU³ ZDV LQ HLQHU $ONRKRODEKlQJLJNHLW resultieren kann. Gerade wenn es an
Schutzfaktoren wie familiärer Unterstützung und kulturellem Umfeld fehlt, ist das Risiko
erhöht eine Suchmittelproblematik zu entwickeln (vgl. Silbereisen & Reese 2001: 138ff). Auch
häufige bzw. schwere elterliche Gewalt in der Kindheit fördert vermehrten Alkoholkonsum im
Jugendalter (vgl. Baier et al. 2013: 135).
5.2
Drogen
Drogen und Kriminalität sind zwei eng miteinander verknüpfte Bereiche mit komplexen
Zusammenhängen. Da bereits der Erwerb, Besitz und Handel von Drogen illegal ist, ist die
Toleranz der Justiz hinsichtlich des Konsums illegaler Drogen geringer als im Umgang mit
Alkohol. Die Anzahl polizeilich registrierter Fälle von Drogenkriminalität nach dem
Betäubungsmittelgesetz steigt seit Jahren stetig. Während vor mehreren Jahrzehnten die
Ä$OOWDJVGURJH³$ONRKROEHUZRJVSLHOWLP6WUDIYROO]XJGLH$EKlQJLJNHLWYRQLOOHJDOHQ'URJHQ
inzwischen eine größere Rolle (vgl. Leygraf 1987; Lehmann 2013). Es gilt jedoch zu
berücksichtigen, dass aufgrund unterschiedlicher Hauptwirkungen verschiedener Drogentypen
keine generalisierten Aussagen hinsichtlich der Wirkrichtung von Drogenkonsum gemacht
werden können. Während aufputschende Drogen wie Kokain und Amphetamine die
Gewaltbereitschaft der Konsumenten steigern, können beruhigende Substanzen wie Cannabis,
Benzodiazepine oder Heroin diese unterdrücken (vgl. Haller 2009: 4). Davon abgesehen stellt
direkte und indirekte Beschaffungskriminalität
6
eine zentrale Problematik illegaler Drogen dar,
welche nur begrenzt quantifizierbar in amtlichen Statistiken Niederschlag findet (vgl.
Bundesministerium des Inneren & Bundesministerium der Justiz 2006: 281).
Ein großer Teil der Straffälligen ist in einem von Drogen und Kriminalität bestimmten
subkulturellen Kontext beheimatet. Der starke Zusammenhang des Konsums illegaler Drogen
und Straffälligkeit basiert vor allem darauf, dass schon die Beschaffung an ein
kriminalitätsbelastetes Milieu heranführt und folglich eine längerfristige Verortung innerhalb
6
Direkte Beschaffungskriminalität bezeichnet den Raub oder Diebstahl von Drogen sowie Delikte wie
Rezeptfälschungen oder Apothekeneinbrüche. Indirekte Beschaffungskriminalität bezeichnet Delikte bei denen
sich der Täter durch Diebstahl, Einbruch, Raub o.ä. Gegenstände verschafft, die direkt gegen Drogen getauscht
oder in Geld umgesetzt werden können, um Drogen zu erwerben (Bundesministerium des Inneren &
Bundesministerium der Justiz 2006: 300).

26
des Milieus wahrscheinlicher wird (vgl. Leygraf 2015: 1). Je nach Dauer der Abhängigkeit
verschwindet mit der Zeit der Kontakt zu Nichtkonsument*innen und Bindungen zur Familie
werden gebrochen oder beeinträchtigt (vgl. Göttinger & Lütkehölter 2018: 198f.). Dabei spielt
auch die Konsumbelastung der Peergroup eine tragende Rolle. Eine Studie des Fachverbandes
Drogen und Rauschmittel ergab, dass 64% der Befragten selbst Drogen konsumierten, wenn
deren Freund*innen zu mindestens 50% Drogen nahmen. Wenn keine Person im Freundeskreis
Drogen konsumierte, lag der Anteil bei 3% (vgl. Kronthaler et al. 2007: 9). Der
bundeseinheitlichen Erhebung zur stoffgebundenen Suchtmittelproblematik im Justizvollzug
zufolge weisen 56% eine Suchtmittelabhängigkeit oder einen Suchmittelmissbrauch auf. Davon
konsumieren 50% der Jugendstrafgefangenen als Hauptsubstanz Cannabis, danach folgt
multipler Subtanzgebrauch mit 25%. Andere illegale Suchtmittel weisen deutlich niedrigere
Anteile auf (andere Stimulanzien 5%, Opioide 2%, Kokain 2%), wobei es zu beachten gilt, dass
die Hauptgebrauchssubstanz abgebildet ist (vgl. Stoll et al. 2019: 31). Im Vergleich dazu gaben
47,25% aller 18-25-Jährigen an, schon einmal illegale Drogen ausprobiert zu haben (vgl. Orth
& Merkel 2020: 51). Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um Cannabis. Bei 22,45%,
also fast der Hälfte aller jungen Personen, die schon einmal eine Droge konsumiert haben, liegt
der letzte Konsum mehr als ein Jahr zurück. 12% gaben an, schon einmal eine andere Droge
als Cannabis genommen zu haben. Die Lebenszeitprävalenz
7
von Ecstasy, nach Cannabis die
am häufigsten konsumierte illegale Droge, liegt bei 7,8%. Der Konsum von Crack weist eine
Lebenszeitprävalenz von 0,2% auf und ist damit die am seltensten konsumierte illegale Droge
(vgl. ebd.: 51f.). Laut der Drogenaffinitätsstudie in Deutschland aus dem Jahr 2019 sind 8,3%
der Jugendlichen regelmäßige
8
Konsument*innen illegaler Drogen. Bei einer repräsentativen
Studie aus Großbritannien gaben 73% der Straffälligen an, vor ihrer Inhaftierung fast täglich
Drogen konsumiert zu haben (vgl. Orth & Merkel 2020; Liriano & Ramsay 2003). Im
Jugendstrafvollzug
in
Nordrhein-Westfalen
und
Thüringen
gaben
59%
der
Jugendstrafgefangenen an, täglich oder fast täglich illegale Drogen konsumiert zu haben. Fast
ein Drittel gab zudem an auch in Haft weiter Drogen zu nehmen (vgl. Neubacher et al. 2012).
7
Ä'LH/HEHQV]HLWSUlvalenz des Konsums einer illegalen Droge ist der Anteil derjenigen, die diese Substanz in
ihrem Leben zumindest einmal konsumiert haben, d. h. der Konsum dieser Substanz wurde zumindest
DXVSURELHUW³vgl. Orth & Merkel 2020: 50).
8
Ä'HUUHJHOPl‰LJH.RQVXPHLQHUDroge ist definiert als Anteil derjenigen, die diese Substanz in den letzten
]Z|OI0RQDWHQKlXILJHUDOV]HKQPDOJHQRPPHQKDEHQDOVRLQWHQVLYHUNRQVXPLHUHQ³vgl. Orth & Merkel 2020:
50).

27
Bei einer Befragung von 145 Strafgefangenen in Nordrhein-Westfalen wurde der Anteil Drogen
konsumierender Gefangener sogar auf 70-80% geschätzt (vgl. Neubacher 2019: 123).
5.3
Sucht
Ä6XFKWLVWHLQXQDEZHLVEDUHV9HUODQJHQQDFKHLQHPEHVWLPPWHQ(UOHEQLV]ustand, dem die Kräfte des
Verstandes untergeordnet werden. Es verhindert die freie Entfaltung der Persönlichkeit und mindert
GLHVR]LDOHQ&KDQFHQGHV,QGLYLGXXPV³
(Tretter 2012: 5 nach Wanke)
Wie die Definition von Sucht nach dem Suchtforscher Klaus Wanke deutlich macht, fehlt den
Individuen ± sobald eine Sucht vorliegt ± die freie Wahl ihrer Entscheidungen. Sorgt eine Sucht
für eine Unterordnung des Verstandes können soziale Norm- und Wertvorstellungen
verschoben werden. Je nachdem wie weit die Verschiebungen gehen, werden Handlungen
ausgeführt, die den gesellschaftlichen Definitionen nach als Straftatbestände und Kriminalität
gewertet werden. Dieser Argumentation nach wird ein gerichteter Zusammenhang
angenommen: Sucht kann Kriminalität bedingen (vgl. Passlow & Schläfke 2018: 17). Ebenso
kann vorherrschende Delinquenz die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Sucht erhöhen.
Bildet ein Individuum eine kriminelle Identität aus und eignet sich deviante Norm- und
Wertvorstellungen an, ist die Legitimation des Konsums illegaler Substanzen kein Problem.
Das Individuum bewegt sich bereits in einem Milieu welches Substanzkonsum und Kriminalität
duldet (vgl. ebd.: 17).
Bevor eine detailliertere Betrachtung von Sucht erfolgt, soll ein kurzer Exkurs hinsichtlich der
Begrifflichkeiten erfolgen. Wie auch schon in den vorangegangenen Kapiteln ist meist die Rede
von
Suchtmittelgebrauch
,
Suchtmittelmissbrauch
sowie
Suchtmittelproblematiken
. Diese
Begriffe sind bewusst gewählt, da sie neutral genutzt werden können und keinen diagnostischen
Anspruch stellen. Gerade der Begriff der
Suchtmittelproblematik
wird gewählt, da die Diagnose
einer
Suchtmittelabhängigkeit
nur von medizinischem Fachpersonal gestellt werden kann (vgl.
Göttinger & Lütkehölter 2018: 199f.). Ist von einer Suchtmittelabhängigkeit die Rede wurde
dies aus Studien übernommen, die diese Begrifflichkeit angewendet haben. Ungeachtet dessen,
ob eine Suchtmittelabhängigkeit nach medizinischen Standards diagnostiziert ist, zeigen die
verschiedenen Definitionen und Konsummengen eine Konsumbelastung, die deutlich über dem
Ä2WWRQRUPDOYHUEUDXFK³
OLHJW
Somit
können
Annahmen
und
Erkenntnisse
zu
Suchterkrankungen aufgenommen und betrachtet werden.
Grundsätzlich
ist
erkennbar,
dass
die
Belastung
durch
Suchtproblematiken
bei
Jugendstrafgefangenen deutlich höher liegt als in der Normalbevölkerung. Eine Erhebung des
Jugendstrafvollzugs in SachsHQVWHOOWIHVWGDVVÄZHQLJHUDOVHLQ'ULWWHOGHU-6*>«@ZHGHUHLQH

28
Alkohol- QRFKHLQH'URJHQSUREOHPDWLN>]HLJW@³ vgl. Hartenstein 2014: 3). Auch aus dem
Jugendstrafvollzug in Rheinland-3IDO]ZLUGGDV)D]LWJH]RJHQGDVVāEHU>«@UHJHOPl‰LJ
von eineU6XFKWJHIlKUGXQJRGHU$EKlQJLJNHLWYRQHLQHP6XFKWPLWWHOEHWURIIHQ>VLQG@³vgl.
Landtag Rheinland-Pfalz 2018: 187). Je früher mit einem Substanzkonsum begonnen wird,
desto höher ist das Risiko, einen problematischen Umgang mit dem Konsum zu entwickeln und
gesundheitliche Folgeschäden zu erleiden (vgl. Orth & Merkel 2020: 14). Im Jugendalter
besteht eine besonders hohe Anfälligkeit zur Entwicklung einer Suchterkrankung, da die
Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist und gleichzeitig eine hohe Risikobereitschaft vorliegt
(vgl. Kronthaler et al. 2007: 9). Ein sehr beträchtlicher Anteil der Personen im Gefängnis, bei
denen eine Suchtmittelproblematik zu erkennen ist, weist zudem mindestens eine weitere
psychische Zusatzdiagnose auf. Aus dem Zwischenbericht einer medikamentengestützten
Rehabilitation von Opiatabhängigen in Nordrhein-Westfalen geht hervor, dass bei 84,2% der
Studienteilnehmer*innen mindestens eine weitere Zusatzdiagnose gestellt wurde (vgl.
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW 1989: 86f.). Auch Galuske
und Böhle (2009: 46) bezeichnen die jungen Personen, die zu einer unbedingten Jugendstrafe
YHUXUWHLOWZHUGHQDOVÄ([WUHPIlOOH³PLWSV\FKRVR]LDOHP)|UGHUEHGDUIGerade im Jugendalter
kann Alkohol eine gesunde Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen und erhöht das Risiko für
alkoholbezogene
und
andere
psychische
Störungen
sowie
für
soziale
und
Entwicklungsprobleme (vgl. Guerri & Pascual 2010; Meruelo et al. 2017; Brown et al. 2008).
Eine Analyse der psychodynamischen Zusammenhänge erkennt oft eine Sucht als Teilstörung
HLQHU YLHOIlOWLJ JHVW|UWHQ 3HUV|QOLFKNHLW DQ RGHU DOV 9HUVXFK HLQHU Ä6HOEVWWKHUDSLH³ vgl.
Göttinger & Lütkehölter 2018: 200). Neubacher & Schmidt (2018: 771) berichten, dass junge
Inhaftierte in zunehmendem Maße Probleme und Defizite in die Haft mitbringen. Die Zahl der
Gewalttäter*innen, sowie derjenigen mit erheblichen Suchterkrankungen und psychischen
Auffälligkeiten sei beunruhigend. Im Jugendstrafvollzug in Schleswig-Holstein beispielsweise
wurde rund 81% eine Störung des Sozialverhaltens und 77% eine Persönlichkeitsstörung
attestiert (vgl. Köhler 2004). Im Jugendstrafvollzug Rheinland-Pfalz zeigt sich eine steigende
Tendenz
hinsichtlich
des
Bedarfs
für
Suchtberatung
bzw.
Suchttherapie.
Beim
Entlassungsjahrgang 2011/2012 wiesen 54,5% Bedarf für diese Maßnahme auf, im
Entlassungsjahrgang 2016 lag der Bedarf bei 68,4% (vgl. Landtag Rheinland-Pfalz 2018: 241).
Rückfälle auf dem Weg in ein suchtmittelfreies Leben sind eher die Regel als eine Ausnahme.
Gerade bei jungen Konsument*innen ist die Rückfallgefahr dabei besonders hoch. Fand bereits
in einem sehr frühen Alter ein regelmäßiger Konsum statt, ist die Rückfallgefährdung am
höchsten (vgl. Göttinger & Lütkehölter 2018: 202).

29
5.4
Unterbringung nach §64 StGB
6WUDIJHULFKWH N|QQHQ GLH Ä8QWHUEULQJXQJ LQ HLQHU (QW]LHKXQJVDQVWDOW³ JHPl‰ † 6W*%
anordnen. Dieses Urteil erfolgt, wenn Suchtprobleme als eine wichtige Ursache strafbarer
Handlungen erscheinen und durch die Sucht die Begehung weiterer rechtwidriger Taten droht.
Eine Einschränkung der Schuldfähigkeit muss für die Verhängung dieses Urteils nicht
vorliegen. Es müssen jedoch hinreichend konkrete Aussichten auf einen Behandlungserfolg
bestehen. Denn der/die straffällige Suchtkranke bildet den Prototyp eines schwierigen
Klienten/einer schwierigen Klientin:
Ä(U QHLJW ]X $JJUHVVLYLWlW XQG LPSXOVLYHQ $XVEUFKHQ ]X 'HSUHVVLYLWlW XQG XQPLWWHOEDUHU
Bedürfnisbefriedigung. Er weist mangelnde Frustrationstoleranz, geringe Bindungsfähigkeit und
fehlenden Leidensdruck auf.³
(Berger et al. 1999: 502)
Während Schätzungen zufolge der Anteil der Strafgefangenen mit Suchtproblematiken bei ca.
40-70% (vgl. Lehmann 2019; Stoll et al. 2019; Landtag Rheinland-Pfalz 2018; Hartenstein
2014) liegt, befinden sich sehr wenige im Maßregelvollzug nach §64 StGB. Im Jahr 2012 wurde
von allen Aburteilungen bei 0,25% die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.
Anteilig an allen Gefangenen befanden sich 5,8% in einer Entziehungsanstalt (vgl. Heinz 2014:
18). Wie Daten aus dem Jahr 2014 zeigen, befinden etwa zwei Drittel der Gefangenen wegen
illegalen Drogen und ein Drittel wegen Alkohol in der Entziehungsanstalt (vgl. Passlow &
Schläfke 2018: 82). Obwohl sich die Patient*innenzahlen seit Beginn der 2000-er Jahre etwa
verdoppelt haben, vor allem der Anteil uneingeschränkt schuldfähiger Drogenabhängiger ist
gestiegen, fällt die zahlenmäßige Diskrepanz zwischen süchtigen Straffälligen und
Patient*innen im Maßregelvollzug nach §64 auf (vgl. Schalast 2019: 29). Wilms (2005) kommt
zu dem Schluss, dass es dem Rechtsinstitut oftmals an Legitimation zur Unterbringung nach
§64 fehlt, da keine unmittelbare Kausalbeziehung zwischen Suchtproblemen und Kriminalität
belegbar ist. Nur wenn der Hang zum exzessiven Suchtmittelkonsum eine entscheidende
Ursache für die Straffälligkeit darstellt, ist eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt
gerechtfertigt (vgl. ebd.). Dass mehr Inhaftierte im Maßregelvollzug untergebracht werden
sollten, zeigen die Ergebnisse der Essener Evaluationsstudie (vgl. Schalast 2019). Um
therapeutische und kriminalprophylaktische Aussagen zum Maßregelvollzug tätigen zu
können, die mit dem normalen Vollzug verglichen werden können, wurden kriminologisch
YHUJOHLFKEDUHÄ=ZLOOLQJVSDDUH³Ln Straf- und Maßregelvollzug zugeordnet (vgl. Leygraf 2019:
12). Dabei zeigte sich ein hochsignifikanter Unterschied zwischen den Bewährungsverläufen
der beiden untersuchten Gruppen (vgl. Schalast 2019: 136).
Ein weiterer Aspekt, der die geringen Unterbringungszahlen in Entziehungsanstalten
begründet, ist die finanzielle Belastung. Eine Evaluation des Maßregelvollzugs in

30
Mecklenburg-Vorpommern zeigte, dass pro Patient Kosten von 82 198 Euro bis 92 923
9
Euro
(2004) im Jahr anfielen. Im regulären Strafvollzug kostete die Unterbringung eines
Strafgefangenen 35 770 Euro (Stand: 2003) (vgl. Entorf 2007: 3). Auch Schalast (2019: 125)
thematisiert, dass der Tagessatz einer Unterbringung im Maßregelvollzug doppelt so hoch ist
wie im Strafvollzug.
Zweifelsohne wäre eine verstärkte Unterbringung in Entziehungsanstalten wünschenswert, da
Patient*innen dort eine intensivere Betreuung erhalten und sowohl die Suchtproblematik als
auch zugrundeliegende, meist im sozialen Verhalten verankerte, Probleme therapiert werden.
Oftmals steht jedoch auch die Dauer der verhängten Strafe im Konflikt mit
Behandlungsmaßnahmen. Die zu verbüßenden Strafen sind oft zu kurz, um rehabilitative
Ansätze durchzuführen (vgl. Lehmann 2013: 13). Da selbst in Fällen, in denen die Delinquenz
einer Suchtproblematik voranging, die Suchtbelastung zum Ausstiegshindernis werden kann,
sollte eine Behandlung der Sucht im Fokus stehen (vgl. Kreuzer 2015). Gerade mit Sicht auf
den Jugendvollzug, wo das natürliche Herauswachsen aus der Delinquenz durch
Suchtprobleme erschwert werden könnte, ist eine Behandlung der Sucht unabdingbar (vgl.
Schalast 2019: 31). Da der Handlungsbedarf in Bezug auf Suchtmittelproblematiken seit
langem bekannt und anerkannt ist, bieten jedoch auch Jugendstrafvollzugsanstalten und
Justizvollzugsanstalten verschiedenste Maßnahmenpakete an. In der Jugendstrafvollzugsanstalt
Regis-Breitingen werden dahingehend sieben verschiedene Module angeboten, die sich mit der
Behandlung
von
Suchtmittelproblematiken
beschäftigen
(Infoseminar
der
externen
Suchtberatung, Glückspielfrei, CAN Stop, Kein Alkohol ist auch keine Lösung?!, Suchtgruppe
Drogen, Rückfallvorbeugung der externen Suchtberatung, Infoseminar der externen
Suchtberatung mit Dolmetscher).
5.5
General Theory of Crime
Die
General Theory of Crime
, auch als Selbstkontrolltheorie bezeichnet, stammt von
Gottfredson & Hirschi aus dem Jahr 1990. Sie spezifizieren die Vernachlässigung langfristiger
Nachteile in der Handlungsentscheidung (niedrige Selbstkontrolle) als Hauptursache
kriminellen und abweichenden Verhaltens (vgl. Schulz & Baier 2012: 251 nach Gottfredson &
Hirschi 1990). Menschen unterscheiden sich, laut Gottfredson & Hirschi (1990), in ihrer
Fähigkeit die kurzfristigen Vorteile delinquenter Handlungen im Verhältnis zu den potenziellen
9
Der Wert von 82 198 Euro ergibt sich aus dem vom Land Mecklenburg-Vorpommern angesetzten Tagessatz in
Höhe von 225,20 Euro. Der Wert von 92 923 Euro ergibt sich aus der Berechnung des Gesamtbudgets und der
durchschnittlichen Belegungszahl (Entorf 2007: 3)

31
negativen Folgen zu betrachten. Diese Fähigkeit wird als Selbstkontrolle bezeichnet und als
Haupteinflussfaktor für abweichendes Verhalten angesehen. Personen, die lediglich die
kurzfristige Belohnung sehen, sind demnach anfälliger für delinquente Handlungen (vgl. ebd.).
Dies konnte seit Einführung der Theorie vielfach bewiesen werden - ÄQLHGULJH6HOEVWNRQWUROOH³
stellt einen zuverlässigen Prädiktor für kriminelles und abweichendes Verhalten dar (vgl. Baier
& Branig 2009; Bornewasser et al. 2007; Pratt & Cullen 2000). Impulsivität, Gefühllosigkeit,
Körperlichkeit (im Gegensatz zu geistvoll), Risikofreude, und Kurzsichtigkeit sind
Charakterzüge die, laut Gottfredson & Hirschi (1990), mit niedriger Selbstkontrolle
einhergehen. Die Autoren betonen auch, dass eine niedrige Selbstkontrolle nicht nur mit
delinquenten Handlungen zusammenhängt. So stellen der Konsum von Alkohol und Drogen
sowie das Rauchen Mittel dar, die eine schnelle Bedürfnisbefriedigung versprechen. Ebenso
bezeichnen sie Glückspiel und außerehelichen Sex als Manifestation geringer Selbstkontrolle
(vgl. ebd.). Entsprechend wird Suchmittelkonsum oftmals im Rahmen der Operationalisierung
des Konstruktes
Selbstkontrolle
angewendet (vgl. Schulz & Baier 2012: 262ff.; Huber 2013:
192). Gottfredson & Hirschi (1990) betrachten entsprechend Suchmittelkonsum und -
missbrauch, ebenso wie Andrews & Bonta (2010), als Risikofaktor für Kriminalität. Die
General Theory of Crime
bietet einen psychologischen Erklärungsansatz der Selbstkontrolle
als Ursache für Kriminalität und Suchtmittelkonsum. Sie bedingen sich also gegenseitig, da sie
aus dem gleichen Wesenszug entspringen.
6
Hypothesen
Aus den theoretischen Grundlagen erfolgt die Ableitung empirisch testbarer Hypothesen. Den
Central Eight Risk Factors
folgend soll der Einfluss der einzelnen Faktoren auf Rückfälligkeit
untersucht werden. Dabei gilt es die von Andrews & Bonta (2010) aufgestellten Risikofaktoren
zu prüfen, um Zusammenhänge zu bestätigen oder zu verwerfen. Zudem wird ein verstärkter
Fokus auf den Risikofaktor des Suchtmittelkonsums gelegt, sodass weitere Hypothesen getestet
werden, die sich mit Konsum und Missbrauch von Alkohol und illegalen Drogen der
Jugendstrafgefangenen beschäftigen.
6.1
Die
Central Eight Risk Factors
nach Andrews & Bonta (2010)
Wie zahlreiche Studien bisher nachweisen konnten (vgl. Olver et al. 2014; Grieger & Hosser
2014; Bonta et al. 2014; Gutierrez et al. 2013; Wooditch et al. 2014) stellen die
Central Eight
Risk Factors
nach Andrews & Bonta (2010) ein geeignetes Mittel dar, um eine erhöhte

32
Rückfallwahrscheinlichkeit vorherzusagen. In der Regel weisen alle Strafgefangenen einen
oder mehrere der Risikofaktoren auf. Gerade im Bereich der Jugendstraffälligen, die noch
stärker als im Justizstrafvollzug, DXV Ä([WUHPIlOOHQ³ EHVWHKHQ, kann von einer hohen
Risikofaktorenbelastung ausgegangen werden. Basierend auf den gestellten Annahmen und den
theoretischen Überlegungen, ergibt sich die These, dass vorliegende Risikofaktoren einen
vorhersagbaren Einfluss auf die Rückfallwahrscheinlichkeit haben.
Vorgeschichte antisozialen und kriminellen Verhaltens:
Zu Beginn soll der einzige nicht
dynamische Risikofaktor untersucht werden. Da nicht die Schwere der aktuellen Tat, sondern
ein früher Einstieg in Kriminalität und eine umfangreiche Vorgeschichte einen Einfluss auf das
Risiko einer erneuten Straftat hat, wird eine vorherige Inhaftierung als Prädiktor für erneute
Straffälligkeit gesehen. Wie Kerner et al. (2014: XIX) feststellen, werden Erstbestrafte in allen
Dimensionen
weniger
rückfällig
als
Vorbestrafte.
Da
im
Jugendstrafrecht
der
Erziehungsgedanke im Vordergrund steht und präferiert erzieherische Strafen verhängt werden,
spricht eine vorherige Inhaftierung für eine umfangreiche kriminelle Vorgeschichte, die die
Wahrscheinlichkeit erhöht, nach Entlassung erneut straffällig zu werden. Daraus ergibt sich die
erste Hypothese, die wie folgt lautet:
H.1:
Inhaftierte, die vorher bereits eine Freiheitsstrafe verbüßt haben, werden
wahrscheinlicher rückfällig als Inhaftierte, die noch keine Freiheitsstrafe verbüßen mussten.
Prokriminelle Einstellungen:
Neben der Generalprävention als Strafzweck spielt auch die
Individual- oder Spezialprävention eine tragende Rolle. Aspekte wie Resozialisierung,
Schuldausgleich und Sühne wirken individualpräventiv und sollen die straffällige Person von
der Begehung weiterer Taten abhalten (vgl. Ostendorf 2018). In der Realität scheitert gerade
die Individualprävention oft und immer wieder berichten ehemalige Inhaftierte erst im Vollzug
ÄULFKWLJ³NULPLQHOOJHZorden zu sein (vgl. Kotynek et al. 2014). Ein wesentlicher Bestandteil
dabei ist die Einstellung, die eine Person zu Kriminalität hat. Wird Kriminalität und die
eigene(n) Tat(en) beschönigt und befürwortet, während gleichzeitig das Gesetz und das
Justizsystem negativ betrachtet werden, neigt eine Person eher dazu weiterhin kriminelle
Handlungen auszuüben und rückfällig zu werden.
H.2:
Inhaftierte, die sich nicht ernsthaft mit ihrer Straftat/ ihren Straftaten auseinandersetzen,
werden wahrscheinlicher rückfällig als Inhaftierte, die dies tun.

33
Antisoziales Persönlichkeitsmuster
: Ein antisoziales Persönlichkeitsmuster unterliegt zum
einen einer schwachen Selbstkontrolle und zum anderen einem Mangel an Planung. Damit
gehen verschiedene Charakterzüge einher, unter anderem Aggressivität, mangelnde Empathie
und Rücksichtslosigkeit. Da eine geringe Impulskontrolle und Aggressivität ausschlaggebend
für Gewaltbereitschaft sind, lautet die vierte Hypothese:
H.3:
Umso gewaltbereiter Inhaftierte sind, desto wahrscheinlicher werden sie rückfällig.
Prokriminelle Verbindungen:
Aufgrund der Entwicklungsphase der Jugend haben
Freundschaftskontakte einen besonders starken Einfluss. Die Zugehörigkeit zu einer Peergroup
vermittelt dem Individuum ein Autonomiegefühl, Respekt und Zusammengehörigkeitsgefühl
(vgl. Agnew 2006: 45). Der Einfluss der Peergroup kann jedoch auch negativ sein. Gerade bei
der Mitgliedschaft einer kriminellen Gruppe sind die positiven Effekte für das Individuum
meist nicht von Dauer. Eine solche Mitgliedschaft geht meist auch mit einem Mangel an
prosozialen Kontakten einher (vgl. Oerter & Montada 2008: 328). Daraus ergibt sich die dritte
Hypothese:
H.4:
Inhaftierte, die straffällige Freunde haben, werden wahrscheinlicher rückfällig als
Inhaftierte, die keine straffälligen Freunde haben.
Familie:
Familiäre Verbindungen gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren der
Straffälligkeit. Während gute, vertrauensvolle Beziehungen eine schützende Wirkung auf die
jungen Straftäter*innen haben, bedingen negative, konfliktbehaftete Verbindungen Delinquenz
(vgl. Agnew 2005: 70; Boxberg 2018: 57). Soziale Bindungen und soziales Kapital sind
Voraussetzung für eine bewusste Entscheidung gegen weitere Straftaten, wenn ihr subjektiver
Nutzen den krimineller Handlungen übersteigt (vgl. Sampson & Laub 2005). Haben Gefangene
keine Bezugsperson oder haben ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Bezugsperson, fehlt der
Anreiz Straftaten zu unterlassen, um die entsprechende(n) Person(en) nicht zu enttäuschen.
Daraus ergibt sich:
H.5:
Inhaftierte, die ihrer/ihren Bezugspersonen nicht vertrauen, werden wahrscheinlicher
rückfällig als Inhaftierte, die ihrer/ihren Bezugspersonen vertrauen.

34
Schule/Arbeit:
Sowohl die sozialen Interaktionen als auch die direkten Erfolge, die im Rahmen
einer schulischen Ausbildung oder einer beruflichen Tätigkeit erfolgen, können sich positiv auf
die Legalbewährung ausüben (vgl. Bonta & Andrew 2017: 45). Eine fehlende Einbindung
sowie Konflikte und negative Leistung hingegen bedingen Straffälligkeit (vgl. Agnew 2005:
75f.). So sind Bildungsdefizite bei Strafgefangen in der Regel nicht einer Intelligenzschwäche
zuzuschreiben, sondern Faktoren wie Misserfolgsangst, mangelndem Durchhaltevermögen und
(Schul-)Unlust (vgl. Gundel 2013: 249). Im beruflichen Kontext führen oft geringe
Verdienstmöglichkeiten durch legale Tätigkeiten und, durch die delinquente Karriere bedingte,
unattraktive Jobangebote zu erneuter Straffälligkeit (vgl. Uggen & Wakefield 2008: 206). Eine
schlechte oder nicht vorhandene Qualifizierung verstärkt das Problem der unattraktiven oder
fehlenden Jobangebote.
H.6:
Inhaftierte, die schlechte Leistungen in Schule/Beruf zeigten, werden wahrscheinlicher
rückfällig als Inhaftierte, die gute Leistungen erbringen.
Suchtmittelmissbrauch:
Die hohe Suchtbelastung, die sich im Rahmen des Strafvollzugs
vorfinden lässt, bestätigt zum einen die kriminologische Sicht, welche Straffälligkeit und
Suchtmittelproblematiken als Symptome einer gestörten Umwelt betrachtet (vgl. Egg 1996).
Zum anderen zeigt sie, dass auch schon junge Menschen im Jugendstrafvollzug eine, im
Vergleich mit Jugendlichen allgemein, stark erhöhte Suchtmittelbelastung aufweisen. Egg
(1996) zufolge ergibt sich dies aus frühkindlichen Defiziten in der sozialen Entwicklung, sowie
familiären, gemeinschaftlichen und beruflichen Problemen. Generell zeichnen sich straffällige
Alkohol- und Drogenabhängige durch ein hohes Maß an Rückfällen aus, außerdem neigen sie
zu Aggressivität und Impulsivität (vgl. Berger et al. 1999). Viele Straftaten werden zudem unter
dem Einfluss von Alkohol oder Drogen begangen, deren meist enthemmende Wirkung die
Impulskontrolle abschwächt und die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung befördert. Ebenso wie
bei den anderen Risikofaktoren, ergibt sich die Hypothese zu Suchmittelmissbrauch:
H.7:
Inhaftierte, die eine Alkohol- oder Drogenproblematik aufweisen, werden eher wieder
rückfällig als Inhaftierte ohne eine Suchmittelproblematik.
Wie schon vorangehenden Kapiteln angemerkt, bestehen die Jugendstrafgefangenen aus
Ä([WUHPIlOOHQ³$XIJUXQGGHV(U]LHKungsgedanken im Jugendstrafrecht werden in der Regel
verschiedenste Strafmittel angewendet, bevor zum letzten Mittel des Jugendstrafvollzugs

35
gegriffen wird. Daher kann angenommen werden, dass in der Regel eine Belastung durch
mehrere Risikofaktoren bei den Inhaftierten zu finden ist. Zusammenfassend für alle
Risikofaktoren ergibt sich Hypothese 8:
H.8:
Je mehr Risikofaktoren bei einer inhaftierten Person als erfüllt gelten, desto
wahrscheinlicher wird diese Person rückfällig.
6.2
Suchtmittelmissbrauch
Die
General Theory of Crime
von Gottfredson & Hirschi (1990) postuliert, dass eine geringe
Selbstkontrolle Kriminalität bedingt. Gleichzeitig sind Personen mit geringer Selbstkontrolle
unter anderem anfälliger für übermäßigen Rauschmittelkonsum oder Glückspiel, da eine
direkte Bedürfnisbefriedigung erfolgt (vgl. ebd.). Die berauschende Wirkung von Alkohol und
vieler Drogen reduziert die Impulskontrolle zusätzlich, sodass angenommen wird, dass
Personen, die unter dem Einfluss von Suchtmitteln stehen, zusätzlich anfällig für das Ausüben
von Straftaten sind. Kriminelle Einstellungen werden durch den Konsum von Drogen eher
unterstützt, da schon der Konsum von Drogen illegal und dadurch aufwendiger und
kostenintensiver ist. Auch kriminelle Verbindungen werden eher aufrechterhalten, wenn diese
benötigt werden, um Drogen zu erwerben oder gemeinsam kriminelle Handlungen
durchzuführen,
um
finanzielle
Mittel
zum
Drogenkauf
zu
generieren
(Beschaffungskriminalität). Alkohol und Drogen können verschiedene Charakterzüge einer
antisozialen Persönlichkeit zusätzlich verstärken. Direkte Bedürfnisbefriedigung und geringe
Impulskontrolle, sowie Aggressivität und Gewaltbereitschaft werden von den meisten
Suchtmitteln verstärkt. Auch schulische/berufliche Leistungen und Kontakte leiden in der
Regel unter Suchtmittelproblematiken. Zum einen fehlt die soziale Einbindung, wenn das
Rauschmittel
im
Fokus
der
Aufmerksamkeit
steht.
Zum
anderen
sorgt
eine
Suchtmittelproblematik für unzuverlässiges Verhalten und schlechtere Leistungen, sodass
oftmals die Kündigung das endgültige Resultat ist (vgl. Leygraf 2015: 1). Auch in Bezug auf
Familie und enge Vertraute ist oft das Ende einer Suchtmittelproblematik der Kontaktabbruch
bzw. mindestens eine extreme Verschlechterung des Beziehungsverhältnisses (vgl. Göttinger
& Lütkehölter 2018: 198f). Eines der Kriterien des ICD-10
10
LVW GLH ÄAufgabe oder
10
Das ICD-10 (2019) (ICD engl. International Statistical Classification of Diseases and Related Health
Problems) ist das wichtigste, international anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Auch
Ä3V\FKLVFKHXQG9HUKDOWHQVVW|UXQJHQGXUFKSV\FKRWURSH6XEVWDQ]HQ³)-F19) sind Teil des Werks.
Herausgeber ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). (vgl. Dilling & Freyberger 2016)

36
Vernachlässigung anderer wichtiger Vergnügen oder Interessensbereiche wegen des
Substanzgebrauchs; oder es wird viel Zeit drauf verwandt, die Substanz zu bekommen, zu
NRQVXPLHUHQRGHUVLFKGDYRQ]XHUKROHQ³ (vgl. Dilling & Freyberger 2016: 78). Dieser Faktor
zeigt wie stark eine Suchtmittelproblematik sich auch auf Freizeitaktivitäten auswirkt, der
Substanzkonsum steht im Mittelpunkt und weitere Aktivitäten werden vernachlässigt. Da ein
Substanzmissbrauch Auswirkungen auf die verschiedenen Risikofaktoren hat, ergibt sich
Hypothese 9 mit Interaktionsvariablen:
H.9
:
Eine Suchtmittelproblematik verstärkt die übrigen Risikofaktoren und erhöht somit die
Rückfallwahrscheinlichkeit.
Das Überwinden einer Suchtmittelproblematik ist herausfordernd und oftmals von Rückfällen
geprägt (vgl. Berger et al. 1999: 502). Dabei spielt der Grad der Suchtbelastung eine tragende
Rolle hinsichtlich der Überwindungswahrscheinlichkeit. Die Faustformel, welche insbesondere
IUGHQ$ONRKROJLOWODXWHWÄ-HOlQJHUGLHDNWXHOOH7ULQNSKDVHJHGDXHUWKDWMHK|KHUGHUDNWXHOle
.RQVXPZDUGHVWRVFKZHUHUZLUGGHU(QW]XJ³vgl. Holzbach & Harnacke 2013). Im Rahmen
der zehnten Hypothese soll der Einfluss der Stärke der Suchtmittelbelastung fokussiert werden.
Der Einsatz von Variablen zur Einschätzung der Suchmittelbelastung zum einen durch
Fremdeinschätzung, zum anderen durch Selbsteinschätzung ermöglicht eine vergleichende
Betrachtung der verschiedenen Sichtweisen und die Vorhersagekraft dieser.
H.10:
Je stärker die Suchtbelastung von Inhaftierten ist, desto wahrscheinlicher werden sie
rückfällig.
In den letzten Jahren nimmt der Einfluss illegaler Drogen, sowohl in der Bevölkerung als auch
innerhalb der Population der Straffälligen, stetig zu (vgl. Orth & Merkeln 2020; Lehmann
2013). Da bereits der Erwerb von Drogen illegal ist, erfordert er einen Eintritt in ein kriminelles
Milieu. Lediglich durch Erwerb und Konsum begeht der Entlassene erneut eine Straftat. Auch
das Delikt der Beschaffungskriminalität ist stärker mit Drogenkonsum als Alkoholkonsum
verbunden, da Alkohol legal erworben werden kann und vergleichsweise billig ist. Aus diesen
Annahmen ergibt sich die elfte Hypothese:
H.11:
Weisen Inhaftierte eine Drogenproblematik auf, werden sie wahrscheinlicher rückfällig
als Inhaftierte, die eine Alkoholproblematik aufweisen.

37
Der Abwehrmechanismus der Projektion beschreibt eine psychologische Theorie, wonach
eigene Unzulänglichkeit auf andere Personen oder Dinge übertragen werden. Ist eine Person
unzufrieden
oder
schamvoll
gegenüber
eigenen
Verhaltensweisen,
wird
der
Abwehrmechanismus der Projektion genutzt, um dieses Verhalten jemandem oder etwas
anderem zuzuschreiben (vgl. Ruch & Zimbardo 1974). Dem Ansatz der Projektion nach gibt es
Gefangene, die den Grund ihrer Straffälligkeit dem Alkohol oder Drogen zuschreiben. Läge
kein Suchtmittelmissbrauch vor, wären sie nicht straffällig geworden. Folglich ist nicht davon
auszugehen, dass diese Inhaftierten ihre eigene Schuld anerkennen und ihr Handeln zukünftig
ändern. Daraus wird gefolgert:
H.12:
Inhaftierte, die dem Alkohol oder den Drogen die Schuld an ihrer Straffälligkeit geben,
werden wahrscheinlicher rückfällig als Inhaftierte, die dies nicht tun.
7
Methodik
Um die in Kapitel 6 aufgestellten Hypothesen statistisch zu prüfen, müssen die vorliegenden
Daten aufbereitet und operationalisiert werden. Im Folgenden wird zuerst die Datengrundlage
vorgestellt sowie der Umgang damit erklärt. Anschließend wird die Operationalisierung der
theoretischen Konstrukte beschrieben. Auch die Datenaufbereitung soll erläutert werden und
anschließend eine Beschreibung der Stichprobenpopulation erfolgen. Thematisiert werden
dabei allgemeine, die Haft umfassende, Aspekte sowie die Faktoren, die im Rahmen der
Analysen verwendet werden.
7.1
Datengrundlage
Die Datenbasis der Untersuchung bilden die vom Kriminologischen Dienst des Freistaates
Sachsen bereitgestellten Daten zum Jugendstrafvollzug in Sachsen, respektive der JSA Regis-
Breitingen. Diese wurden mit Daten des Bundeszentralregisters (BZR) des Bundesamtes für
Justiz kombiniert, sodass mittels einer anonymisierten Identifikationsnummer sämtliche
justizielle Registrierungen der Betroffenen im Beobachtungszeitraum mit den Daten des
Kriminologischen Dienstes Sachsen verknüpft sind. Dieses Vorgehen ermöglicht Rückfälle
nach Haftentlassung festzustellen und zuzuordnen.
Die Daten des Kriminologischen Dienstes beinhalten alle Jugendstrafgefangenen, die in der
Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen inhaftiert waren und dort seit dem 01.01.2011
zugegangen und bis zum 31.12.2018 wieder aus dem Vollzug ausgetreten sind. Insgesamt
ergeben sich damit 1 577 Beobachtungen aus den Jahren 2011 bis 2018. Neben den

38
Haftumständen wie Haftbeginn und Ende, Angaben zu Ausgängen, Hafturlaub und
Entlassungssituation, ergeben sich diverse Informationen und Daten aus verschiedenen
Fragebögen. Diese werden teilweise von den Klienten selbst beantwortet und teilweise durch
Mitarbeiter*innen des Sozialdienstes der JSA oder im Rahmen der Vollzugsplankonferenz
erhoben. Während vom Sozialdienst unmittelbar vor Haftende eine fachdienstliche
Einschätzung hinsichtlich individueller Mitarbeit, sozialen Beziehungen, Suchtproblematiken
und Rückfallrisiko erfolgt, werden die Klientendaten auf freiwilliger Basis bei Zugang und
Abgang erhoben. Thematisch werden im Zu- und Abgangsfragebogen sowohl Fragen zu Haft
und Straffälligkeit, sowie zu persönlichen Beziehungen und zukunftsbezogenen Aspekten
gestellt. Da bestimmte Fragebögen erst bei einer Haftdauer von über 3 Monaten eingesetzt
werden, wurden Gefangene, die eine Haftdauer von maximal 90 Tagen aufwiesen, aus der
Stichprobe entfernt. Ein weiterer Grund dafür findet sich in dem Umstand, dass im
Bundeszentralregister diese Personen aufgrund der kurzen Haftdauer nicht abgefragt wurden.
Zu berücksichtigen ist des Weiteren, dass Personen mehrmals im Datensatz vorkommen
können, wenn sie innerhalb des Beobachtungszeitraumes mehrfach inhaftiert waren. Die
Beobachtungen stellen entsprechend eher Inhaftierungen als Personen dar. Zusätzlich wurden
die Datums-Variablen zwecks Anonymisierung mit einer Zufallsabweichung zwischen ±20
7DJHQ ÄYHUUDXVFKW³ %HL DOOHQ 9DULDEOHQ ± außer dem Geburtsdatum ± wurde die gleiche
Zufallszahl verwendet, sodass die Datumsdifferenzen unverändert sind. Da anhand des
Geburtsdatums das Alter der Inhaftierten errechnet wurde, gilt es zu beachten, dass es
entsprechend zu einer Abweichung des Alters um bis zu 20 Tage kommen kann.
Die Daten des Bundeszentralregisters geben Aufschluss über die Rückfälle der
Jugendstrafgefangenen. Aufgrund der Mindesttilgungsfrist von 5 Jahren, nach denen die
Eintragungen gelöscht werden müssen, sofern keine weiteren Verurteilungen vorliegen, können
nur die Beobachtungen der Zugänge ab dem Jahr 2013 in die Analysen mit aufgenommen
werden (vgl. § 46 BZGR). Des Weiteren liegen für die Rückfalldaten einheitliche
Beobachtungszeiträume von ein, zwei und drei Jahren vor. Da die Abfragen des
Bundeszentralregisters zu Ende 2020 erstellt wurden, liegen für Inhaftierte, die im Jahr 2018
entlassen wurden, lediglich ein Beobachtungszeitraum von zwei Jahren vor. Entsprechend
werden in den folgenden Analysen nur die ersten zwei Jahre nach Entlassung betrachtet, um
eine erneute Rückfälligkeit zu prüfen. In der Forschung am gängigsten ist zwar ein
Beobachtungszeitraum von 3 Jahren, da jedoch die Hälfte der Rückfälle innerhalb des ersten
Jahres nach Entlassung erfolgt (vgl. Jehle et al. 2016: 179), wird es als tragbar erachtet den

39
Beobachtungszeitraum auf zwei Jahre zu beschränken, um eine Reduktion der
Stichprobengröße zu vermeiden.
Ein letzter Aspekt, der die Anzahl der Beobachtungen im Datensatz beeinflusst, betrifft die
Entlassungsart. Nur knapp die Hälfte (45,5%) verlässt die Jugendstrafvollzugsanstalt aufgrund
des offiziellen Strafendes. Doch auch Jugendstrafgefangene, die auf Bewährung entlassen
wurden, können in die Analysen einbezogen werden, da sie sich, trotz Bewährungsauflagen,
nicht länger in Haft befinden. Eine Zurückstellung nach § 35 BtMG bedeutet, dass eine
Freiheitsstrafe nicht weiter vollstreckt wird, wenn der/die Verurteilte sich einer Therapie
unterzieht (vgl. Grubwinkler 2019). Entsprechend liegen auch hier Auflagen vor, die zu erfüllen
sind und kontrollierende Bedingungen darstellen, jedoch kann auch diese Entlassungsart in die
Analysen aufgenommen werden, da sich auch diese Personen grundsätzlich in Freiheit
befinden. Eine Widerrufung der Reststrafe oder die Verbüßung einer Reststrafe innerhalb des
Beobachtungszeitraumes ist zwar möglich, aufgrund der Stichprobengröße ist diese
Unwägbarkeit jedoch hinnehmbar. Bei einem nicht zu vernachlässigenden Anteil der
Jugendstrafgefangenen (18%) erfolgt eine Herausnahme aus dem Jugendvollzug nach §89 b
JGG. Da dort eine Verlegung in eine Justizvollzugsanstalt erfolgt und somit weiterhin eine
Freiheitsstrafe zu verbüßen ist, können diese Beobachtungen nicht in die Analysen eingehen.
Auch Gefangene mit Abschiebung (§ 456a StPO), Entlassung in die Unterbringung §63/64
StGB, Jugendstrafe heimatnah im offenen Vollzug, sowie wegen Verlegung in ein anderes
Bundesland oder aus Äsonstigen Gründen³ werden von der Stichprobe ausgeschlossen, da die
Betroffenen entweder weiterhin eine Freiheitsstrafe verbüßen müssen oder eine eindeutige
Nachverfolgung nicht möglich ist.
Werden die Einschränkungen der Stichprobe aufgrund der Daten des Bundeszentralregisters,
sowie
weiterer
genannter
Anpassungen
zugrunde
gelegt,
liegen
für
einen
Beobachtungszeitraum von zwei Jahren 1 088 Fälle vor, die mit der Rückfallvariable verknüpft
sind und somit in die Analysen eingehen.
7.2
Operationalisierung
Im Folgenden wird die Operationalisierung der Variablen erläutert. Wie in Kapitel 4.1. schon
vorgestellt, gibt es spezifische Fragebögen, die für die Operationalisierung der Risikofaktoren
nach Andrews & Bonta (2010) eingeführt wurden. Da im Zuge dieser Arbeit der
Jugendstrafvollzug in Sachsen betrachtet wird, wird das
Youth Level Of Service/Case
Management Iventory (YLS/CMI)
eingesetzt (vgl. Anhang 1) (vgl. Hoge & Andrews 1996). Die
Liste enthält 42 Items, die eine Basis für die Operationalisierung der Risikofaktoren bieten

40
während gleichzeitig die psychosoziale Entwicklungsstufe der Jugend berücksichtigt wird (vgl.
Bonta & Wormith 2013: 13). Die Kontrollvariablen wurden anhand etablierter Skalen und der
theoretischen Grundlagen ausgewählt. Bei möglicher Skalenbildung wurde mittels
Faktorenanalyse der Wirkungszusammenhang getestet und basierend auf dem Wert des
Cronbachs Alpha eine Skalenbildung durchgeführt oder verworfen. Eine ausführliche
Übersicht der einzelnen Variablen, deren Rekodierung und Verteilungsmaße finden sich in der
Operationalisierungstabelle im Anhang (vgl. Anhang 2).
7.2.1 Abhängige Variable: Rückfälligkeit
Rückfälligkeit stellt die abhängige Variable der Analysen dieser Arbeit dar, wobei die zweite
Rückfalldefinition angewendet wird. Das heißt, nur wenn der aus dem Jugendstrafvollzug
Entlassene innerhalb des Beobachtungszeitraums zu einer bedingten oder unbedingten
Freiheits- oder Jugendstrafe verurteilt wird, wird es als Rückfall gewertet. Die ursprüngliche
Variable betrachtet die Schwere des Rückfalls anhand der verhängten Strafe. Daraus wurde die
Variable
Rückfall (rd2_2jahre)
gebildet, die dichotomisiert zwischen rückfällig (1) und nicht
rückfällig (0) unterscheidet. 'LH $XVSUlJXQJHQ ÄQXU 0D‰UHJHO RGHU )UHLVSUXFK RGHU NHLQ
ZHLWHUHU(LQWUDJ³Ä(LQVWHOOXQJQDFK-**³Ä-XJHQGULFKWHUOLFKH0D‰QDKPHQ³, Ä*HOGVWUDIH³,
Ä-XJHQGDUUHVW³XQGÄ6FKXOGVSUXFK (nach § 27 JGG)³ wurden als ÄNHLQ5FNIDOO³ (0) gewertet.
Ä-XJHQGVWUDIH PLW %HZlKUXQJ³ Ä)UHLKHLWVVWUDIH PLW %HZlKUXQJ³ Ä-XJHQGVWUDIH RKQH
%HZlKUXQJ³ XQG Ä)UHLKHLWVVWUDIH RKQH %HZlKUXQJ³ ZXUGHQ DOV 5FNIDOO FRGLHUW 31%
(n=489) der Beobachtungen der JSG Regis-Breitingen sind nicht in die Analysen eingeflossen,
da keine entsprechenden Daten des Bundeszentralregisters vorliegen. Die Gründe hierfür sind
vielfältig, generell sind im Datensatz des Kriminologischen Dienstes Sachsen alle
Jugendstrafgefangenen seit 2011 erfasst. Somit fehlen die Daten von Jugendstrafgefangenen
aus den Jahren 2011 bis in Teilen 2013 aufgrund der Tilgungsfrist, zu kurzer Haftdauer oder
anderen Gründen, die eine Abfrage der Daten aus dem Bundeszentralregister ausschlossen.
7.2.2 Unabhängige Variablen der Risikofaktoren
Um die Checkliste des YLS/CMI auf die vorhandenen Daten anzuwenden, wurden die
verschiedenen Indikatoren, die Hoge & Andrews (1996) festgelegt haben, tabellarisch
aufgelistet und durch passende Indikatoren ergänzt. Die Tabelle findet sich im Anhang (vgl.
Anhang 3) mit der zugrundeliegenden Fragestellung und den zugehörigen Variablennamen. Die
Codierung der gewählten Variablen lässt sich in der Operationalisierungstabelle finden (vgl.

41
Anhang 2). Zum genaueren Verständnis der Variablenwahl soll eine kurze Erläuterung zu den
Indikatoren der einzelnen Risikofaktoren erfolgen.
Vorgeschichte antisozialen und kriminellen Verhaltens:
Um den Risikofaktor der kriminellen
Vorgeschichte zu messen, sieht das YSLI Indikatoren wie drei oder mehr Vorstrafen und/oder
aktuelle Verurteilungen, zwei oder mehr Verstöße gegen die Vorschriften, vorherige
Bewährungsstrafe(n) und vorherige Inhaftierung(en) vor. Zwar liegen Daten zur Anzahl
vorheriger Jugend- und Freiheitsstrafen mit und ohne Bewährung vor, da diese nur bis ins Jahr
2016 erhoben wurden, erscheint eine Hinzunahme in Anbetracht der Fallzahlreduktion nicht
sinnvoll. Somit
dient lediglich die Variable
Vorherige Haft
,
bei
welcher der
Jugendstrafgefangene im Zugangsfragebogen gefragt wird, ob er schon einmal inhaftiert war,
als Indikator für die kriminelle Vorgeschichte.
Prokriminelle Einstellungen:
Um prokriminelle, antisoziale Denkstile zu identifizieren, werden
folgende Indikatoren im YLSI/CMI herangezogen: Antisoziale
und prokriminelle
Einstellungen, keine Hilfe suchend, aktiv Hilfe ablehnend, widersetzt sich der Autorität,
herzlos/wenig Rücksicht auf andere. Zwar bieten die Daten der JSG Regis-Breitingen keine
exakten Äquivalente, jedoch gibt es einen Indikator, der als adäquate Ersatzvariable identifiziert
wurde. Die Variable
Nicht Auseinandersetzen
basiert auf der Einschätzung durch den
Sozialdienst, ob der Gefangene sich aktiv mit seiner Straftat auseinandersetzt. Die vierstufige
Skala (trifft gar nicht zu ± trifft vollständig zu) wurde dichotomisiert und die Richtung der
$QWZRUWHQ XQG GHU )UDJH XPJHSROW VRGDVV GLH )UDJH PLW ÄMD³ EHDQWZRUWHW LVW ZHQQ GHU
Risikofaktor vorliegt. Es wird nun also gefragt, ob der Gefangene sich
nicht
aktiv mit seiner
Straftat auseinandersetzt. DiH$QWZRUWHQVLQGÄMDHUVHW]WVLFKQLFKWDXVHLQDQGHU³VRZLH
ÄQHLQHUVHW]WVLFKDXVHLQDQGHU³
Antisoziales Persönlichkeitsmuster:
Ein antisoziales Persönlichkeitsmuster wird über das YSLI
mittels folgender Aspekte gemessen: Übersteigertes Selbstwertgefühl, (physisch) aggressiv,
Wutanfälle, kurze Aufmerksamkeitsspanne, schwache Frustrationstoleranz, mangelnde
Schuldgefühle, verbal aggressiv/unverschämt. Da die meisten der Aspekte schwer fass- und
messbar sind, konnten auch innerhalb der Daten des kriminologischen Dienstes kaum passende
Indikatoren gefunden werden. Lediglich der Aspekt der (physischen) Aggressivität kann durch
die Variable
Gewaltbereitschaft
Ä%HLGHP*HIDQJHQHQ ist von einer hohen Gewaltbereitschaft

42
DXV]XJHKHQ³ ZLGHUJHVSLHJHOW ZHrden. Die Antworten des Sozialdienstes sind auf einer
vierstufigen Skala YRQÄWULIIWJDUQLFKW]X³ (1) ELVÄWULIIWYROOVWlQGLJ]X³ (4) abgebildet.
Prokriminelle Verbindungen:
Um zu testen inwieweit die Inhaftierten über prokriminelle
Verbindungen und Beziehungen verfügen, werden sie gefragt, ob straffällige Freunde oder
Bekannte vorhanden sind und auch ob es prosoziale, nicht delinquente Bekannte oder Freunde
im Umfeld gibt. Im Zuge der Analysen wird dies mittels der Variable
Straffällige Freunde
Ä,FK
KDEH)UHXQGHGLHEHUHLWV6WUDIWDWHQEHJDQJHQKDEHQ³MD, nein (0)) operationalisiert.
Familie:
Um die familiären Umstände zu operationalisieren, sieht das YSLI folgende
Indikatoren vor: Unzureichende Beaufsichtigung, Schwierigkeiten bei der Verhaltenskontrolle,
unangebrachte Disziplinierung, inkonsequente Erziehung, schlechte Beziehung zu Mutter
und/oder Vater ± gerade in der Jugend. Da nur unzureichende Daten im Bereich der
Disziplinierung sowie Verhaltenskontrolle und Beaufsichtigung vorhanden sind, werden zwei
Variablen aufgenommen, die nach dem Vertrauensverhältnis zu Mutter bzw. weiblicher
Bezugsperson sowie zum Vater bzw. männlicher Bezugsperson fragen. Der Indikator stammt
aus dem Zugangsfragebogen, den die Inhaftierten selbst auszufüllen und fragt auf einer
IQIVWXILJHQ6NDODYRQÄWULIIWJDUQLFKW]X³ ELVÄWULIIWVHKU]X³ (5) wie sehr der Person
vertraut wird. $XFK KLHU ZXUGHQ GLH $QWZRUWHQ XPJHSROW VRGDVV ÄWULIIW JDU QLFKW ]X³ GLH
K|FKVWH$XVSUlJXQJEHVLW]WÄWULIIWVHKU]X³GLHQLHGULJVWHDas mittels Faktorenanalyse
ermittelte Cronbachs Alpha der beiden Variablen liegt bei 0,367, weshalb ein Zusammenfügen
der Variablen nicht in Frage kommt und sie einzeln in die Analysen eingehen.
Schule/Arbeit:
Auch für den Risikofaktor Schule/Arbeit bietet das YSLI verschiedene
Indikatoren. Neben störendem Verhalten im Klassenraum und auf dem Schulgelände, werden
schlechte Leistung, Probleme mit Mitschülern und Lehrern und Schulschwänzen als Faktoren
gesehen, die die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöhen. In Bezug auf den Faktor Arbeit wird
Arbeitslosigkeit/ nicht auf Arbeitssuche im YSLI aufgelistet. Als Indikator für schlechte
Leistung dienen die Variablen
Schulabschluss, berufliche Qualifikation
und
Status
, die nach
dem höchsten erreichten Schulabschluss bzw. nach der höchsten erreichten, beruflichen
Qualifikation fragen, sowie dem schulischen/beruflichen Status unmittelbar vor Haftbeginn. Da
eine fehlende Qualifikation in einem Bereich nicht unbedingt bedeutet, dass schlechte
Leistungen vorliegen, wurden die drei Variablen zu
schlechte Leistung
zusammengefügt. Nur
wenn eine Person weder einen Schulabschluss noch eine berufliche Qualifikation aufweist und

43
zusätzlich direkt vor Haftbeginn arbeitslos war, wird dies als schlechte Leistung (1) codiert.
Alle anderen Kombinationen wurden als nicht schlechte Leistung (0) gewertet.
Freizeit/Erholung:
Der Risikofaktor Freizeit/Erholung kann laut YSLI als erfüllt betrachtet
werden, wenn eine inhaftierte Person wenig organisierten Aktivitäten nachgeht, seine Zeit
besser nutzen könnte und keine persönlichen Interessen aufweist. Da keine dieser Indikatoren
in dem Datensatz zu finden sind, kann der Risikofaktor Freizeit/Erholung leider nicht in die
Analysen aufgenommen werden.
Suchtmittelmissbrauch:
Faktoren,
die
der
Operationalisierung
des
Risikofaktors
Suchtmittelmissbrauch
dienen,
sind
laut
YLSI/CMI
gelegentlicher
bis
chronischer/regelmäßiger
Drogenkonsum,
chronischer/regelmäßiger
Alkoholkonsum,
Suchtmittelkonsum, der mit dem Leben interferiert sowie Suchtmittelkonsum, der mit
Straftaten zusammenhängt. Im Rahmen der Datenerfassung des kriminologischen Dienstes
Sachsen gibt es eine Reihe von Fragen, die sich mit dem Konsum von Alkohol und Drogen
beschäftigen und diese auf verschiedene Weise abfragen. Die primär genutzten Variablen zum
Alkohol- und Drogenmissbrauch basieren auf der Fremdeinschätzung des Sozialdiensts auf die
Fragen Ä%HL GHP *HIDQJHQHQ LVW HLQH HUKHEOLFKH 6XFKWSUREOHPDWLN LQ %H]XJ DXI
Alkohol(/Drogen) erkennbaU³'LH Antworten werden durch die Variablen
Alkoholproblem
bzw.
Drogenproblem
auf einer jeweils vierstufigen Skala von trifft gar nicht zu (1) bis trifft
vollständig zu (4) wiedergegeben. Aus den beiden Variablen wurde zusätzlich die Variable
Suchtmittelproblem
generiert, welche dichotom ausgeprägt ist und zwischen Personen
unterschiedet die eine Problematik mit Alkohol und/oder Drogen aufweisen (1) und Personen,
die keine Suchtmittelproblematik zeigen (0). Die zwei oberen Ausprägungen der Variablen
Alkoholproblem
und
Drogenproblem
wurden dabei als problematische Suchtbelastung
betrachtet, die zwei unteren Ausprägungen wurden als nicht problematische Suchtbelastung
definiert.
Ebenfalls vorhanden ist eine Itembatterie, die gleich zwei Aspekte des YSLI bedient. Zum einen
den Aspekt der Suchtmittelbelastung, zum anderen die Frage, ob der Suchtmittelkonsum mit
dem Leben interferiert. Im Zugangsfragebogen wurden die Strafgefangenen gebeten unter
DQGHUHPGLHIROJHQGHQIQI$XVVDJHQPLWÄMD³RGHUÄQHLQ³]XEHDQWZRUWHQ Ä,FKKDWWHVFKRQ
einmal das Gefühl, dass ich meinen Konsum von Alkohol XQG'URJHQUHGX]LHUHQVROOWH³ 2.
Ä0LFKKDWVFKRQMHPDQGGXUFK.ULWLNDQPHLQHP.RQVXPYRQ$ONRKROXQG'URJHQlUJHUOLFK
gemacht³ Ä,FKKDEHPLFKVFKRQPDOZHJHQPHLQHV$ONRKRO- oder Drogenkonsums schlecht

44
RGHU VFKXOGLJ JHIKOW³ Ä,FK KDEH VFKRQ PDO morgen als Erstes Alkohol oder Drogen
konsumiert, um mein Unwohlsein loszuwerden oder mich nervlich wieder ins Gleichgewicht
]XEULQJHQ³ Ä,FKKDEHHLQ$ONRKRO- RGHU'URJHQSUREOHP³ Die Antworten sind jeweils mit
ÄMD³XQGÄQHLQ³FRGLHUW. Um den Wirkungszusammenhang der einzelnen Items zu testen,
wurde eine Faktorenanalyse durchgeführt. Hier ergibt sich ein Cronbachs Alpha von 0,79.
Dieser Wert spricht für eine gute bis sehr gute Korrelationsstärke, sodass ein Summenindex der
fünf Variablen gebildet wurde. Die Werte der Indexvariable liegen folglich zwischen 0 und 5
und je höher der Wert ist, desto größer ist die Belastung durch Alkohol-/Drogenkonsum. Da
die einzelnen Fragen sehr starke Items enthalten, ist schon bei einem Wert von zwei von einer
problematischen Suchtmittelbelastung auszugehen.
Um einen Zusammenhang zwischen Suchtmittelkonsum und Straftaten aufzuzeigen, wurden
die Jugendstrafgefangenen im Zugangsbogen gefragt wie sehr gewisse Dinge dafür
verantwortlich sind, dass sie Straftaten begangen haben. Neben Auswahlmöglichkeiten wie
ÄLFKVHOEVW³ÄPHLQH0XWWHU³ÄPHLQ9DWHU³ÄGDVGLH2SIHU³ÄGLH8PVWlQGH³XVZOLHJWDXFK
dLH $QWZRUWDXVZDKO Ä$ONRKRO 'URJHQ³ vor. Die Auswahl dieser Antwort ist als Variable
vorhanden, deren fünfstufige Skala dichotomisiert (
Straftat Sucht)
wurde. Die ersten drei
Ausprägungen repräsentierenGDVV$ONRKRO'URJHQÄNDXPJDUQLFKW³YHUDQWZRUWOLFKIU
die Begehung der Straftat(en) sind, die zwei oberen Ausprägungen stellen dar, dass der
Inhaftierte Alkohol/Drogen als ÄHWZDVVHKU³ verantwortlich für die Tatbegehung macht.
Additiver Index der Risikofaktoren:
Um die Hypothese 8 Ä-HPHKURisikofaktoren bei einer
LQKDIWLHUWHQ3HUVRQDOVHUIOOWJHOWHQGHVWRHKHUZLUGGLHVH3HUVRQUFNIlOOLJ³ zu überprüfen,
wird ein Summenindex der Risikofaktorenvariablen gebildet. Damit jede Variable gleichwertig
gezählt wird, werden alle ordinal verteilen Variablen zur Anwendung in diesem Fall
dichotomisiert. Die Aufteilung der Ausprägungen kann in der Operationalisierungstabelle
nachvollzogen werden. Zwar liegen für zwei Risikofaktoren (Familie, Suchtmittel) jeweils zwei
Variablen vor, da die Werte jedoch nicht in ihrem eigentlichen Zahlenwert Auskunft geben
sollen, sondern lediglich ein Anstieg beurteilt wird, stellt dies kein Problem dar. Die Variable
besitzt Werte von 0 bis 8, abhängig davon wie viele der Risikofaktoren als vorhanden gelten.
Da es keinen Fall gibt, der bei allen 9 Variablen kein Missing aufweist, wurde die Variable so
codiert, dass 8 der 9 Variablen beantwortet sein müssen, um nicht als fehlend definiert zu
werden. Laut SoSci Survey (2019) sollten bei einer Indexbildung etwa drei Viertel aller Werte
vorhanden sein, sodass eine Reduktion um eins vertretbar erscheint.

45
7.2.3 Kontrollvariablen
Da das Alter, wie in Abschnitt 3.2 ausgeführt, einen starken Einfluss auf Rückfälligkeit hat,
wird es als Kontrollvariable miteinbezogen. Für die Analysen wurde das Alter anhand des
Geburtsdatums sowie des Entlassungsdatums berechnet, sodass die Variable
Alter bei
Entlassung
vorliegt. Ebenso wie das Alter hat auch die Haftdauer einen relevanten Einfluss auf
wiederholte Straffälligkeit. So steigt mit der Dauer der Haftstrafe die Wahrscheinlichkeit
rückfällig zu werden (Smith et al. 2002). Zur Bildung der Variable wurde die Anzahl der
Hafttage errechnet, alle Fälle unter 90 Tagen Haftdauer wurden ausgeschlossen. Anschließend
wurde die Anzahl der Hafttage durch die durchschnittliche Monatsdauer (30,4 Tage) geteilt,
sodass die Variable
Haftdauer in Monaten
vorliegt.
7.3
Stichprobenbeschreibung
Wie in Kapitel 7.1 schon erläutert, besteht die Stichprobe aus 1088 Jugendstrafgefangenen.
Generell gilt zu beachten, dass die Stichprobe als Hochrisikogruppe betrachtet werden muss.
Im Jahr 2018 führten nur 6,3% aller Verurteilungen im deutschen Jugendstrafwesen zu einer
Inhaftierung des Täters/der Täterin (vgl. Destatis 2019a). Somit haben diejenigen
Straftäter*innen, die in einer Jugendstrafanstalt inhaftiert sind, entweder sehr schwere
Straftaten begangen oder eine sehr umfangreiche Vorgeschichte mit vielen, im Einzelnen nicht
so schwerwiegenden, Delikten vorzuweisen (vgl. Grieger & Hosser 2014: 617).
Das Alter der jungen Straftäter lag bei Haftbeginn zwischen 15 und 29 Jahren, durchschnittlich
waren sie 20,67 Jahre alt (Median: 20,7; SD: 2,05). Die unter 18-Jährigen stellten mit 10,4%
die kleinste Gruppe dar, 46,2% der Inhaftierten waren 18 bis 21 Jahre alt und 43,3% waren 21
Jahre oder älter. Diese Altersverteilung deckt sich mit der des gesamten Jugendstrafvollzugs
(vgl. Abschnitt 2.2) und zeigt eine annähernde Normalverteilung an (vgl. Abb. 1). Bei
Haftentlassung lag das Durchschnittsalter der jungen Männer bei 21,48 Jahren (Median: 21,52;
SD: 1,92). Lediglich 4% waren unter 18 Jahre alt, während 60,6% zum Entlassungszeitpunkt
21 oder älter waren.

image
46
Abbildung 1: Alter der Jugendstrafgefangengen zu Haftbeginn in der JSA (eigene Darstellung)
Die durchschnittliche Haftdauer betrug 12,5 Monate, der Median lag bei 10,5 Monaten (SD:
7,66). Die kürzeste Haftdauer liegt bei 3 Monaten, da Inhaftierungen unter 90 Tagen
ausgeschlossen wurden, die längste Haftdauer in der Stichprobe beträgt über 7 Jahre (88,4
Monate). Der Grund für die Beendigung der Haft lag bei 60,3% in dem Erreichen der Endstrafe,
37% wurden auf Bewährung entlassen und 2,7% der Freiheitsstrafen wurden nach §35 BtMG
zurückgestellt. Andere Gründe für eine Herausnahme aus dem Vollzug (siehe Kapitel 7.1)
können für die Analysen dieser Arbeit nicht verwendet werden und wurden deshalb aus der
Stichprobe ausgeschlossen. Im Zugangsfragebogen gaben 35,5% der Jugendstrafgefangenen an
vorher schon einmal inhaftiert gewesen zu sein. In Bezug auf Bildung und Arbeitsmarkt zeigt
sich ein sehr defizitäres Bild der Inhaftierten. So weisen 64,5% keinen Schulabschluss auf,
25,1% haben einen Hauptschulabschluss, 4,1% einen Sonder- oder Förderschulabschluss. 6,4%
weisen einen höheren Abschluss als den Hauptschulabschluss auf. Keine berufliche
Qualifikation weisen 91,3% auf, 4% haben eine abgeschlossene Lehre oder höhere
Qualifikation. Weitere 2,2% haben die Zwischenprüfung der Lehre erreicht, 2,6% können auf
ein Lehrgangszertifikat zurückgreifen. Auch wenn es zu beachten gilt, dass eine mangelnde
berufliche Qualifikation dem geringen Alter der Inhaftierten geschuldet sein könnte, sind die
Anteile der nicht Qualifizierten deutlich erhöht. Im Alter von 15-20 befanden sich 58,8% der
Bevölkerung 2019 noch in Ausbildung, 3,0% besaßen keinen allgemeinbildenden
Schulabschluss (Destatis 2020b: 38). Im Alter von 20-25 Jahren waren 2,4% noch in
schulischer Ausbildung, 3,6% konnten keinen allgemeinbilden Abschluss nachweisen (vgl.

47
Destatis 2020b: 38). Insgesamt konnten also lediglich 6% der 20-25-Jährigen keinen
schulischen Abschluss aufweisen. Im Vergleich dazu befanden sich unmittelbar vor Haftantritt
2,9% in schulischer und 2,5% in beruflicher Ausbildung, sodass der hohe Anteil an fehlenden
Abschlüssen nicht auf noch nicht beendete Schulausbildungen projiziert werden kann.
Stattdessen waren 88,6% der Inhaftierten unmittelbar vor Haftantritt arbeitslos und 6,1% gingen
vor Haftantritt einer Erwerbstätigkeit nach. Nachdem die Variablen
Schulabschluss, berufliche
Qualifikation
sowie
Status
zu der Variable
schlechte Leistung
zusammengefasst wurden, zeigen
57,9% schlechte Leistungen. Wenn es um die Peergroup geht, zeigt sich eine recht eindeutige
Verteilung: 88,2% gaben an straffällige Freunde zu haben, nur 11,8% verneinten dies. Positiver
sieht es hinsichtlich des Verhältnisses zu der weiblichen und männlichen Bezugsperson
respektive Mutter und Vater aus. So gaben 87,1% an ihrer weiblichen Bezugsperson eher oder
sehr zu vertrauen. Nur 12,9% vertrauen dieser allenfalls ansatzweise bis gar nicht. Der
männlichen Bezugsperson vertrauen immerhin auch 74,4% eher oder sehr. Ein Viertel (25,6%)
vertraut diesem allenfalls ansatzweise bis gar nicht. Die Frage nach der Bezugsperson fragt
explizit nach dem Vertrauensverhältnis, sofern die Bezugsperson noch lebt bzw. eine
vorhanden ist. Die Variable zur männlichen Bezugsperson weist mit 38,9% (n=423) viele
Missings auf. Die hohe Anzahl an fehlenden Werten lässt darauf schließen, dass viele der
Inhaftierten ohne männliche Bezugsperson aufgewachsen sind oder keine männliche
Bezugsperson dauerhaft präsent war.
Ebenfalls im Zuge der Analysen betrachtet werden Einstellung und Entwicklung der
Inhaftierten. Durch den Sozialdienst werden 53,3% als gar nicht oder allenfalls ansatzweise
gewaltbereit eingeschätzt, 46,7% werden als annährend oder vollständig gewaltbereit
eingestuft. Allerdings liegen auch hier mit 355 Fällen (32,6%) relativ viele Missings vor. Grund
dafür ist vermutlich, dass es oftmals sehr schwierig ist eine solche Einschätzung zu treffen,
sodass bei Unsicherheit seitens der Betreuenden keine Auswahl getroffen wird. Ebenfalls durch
den Sozialdienst eingeschätzt wird die Frage, ob der Gefangene sich ernsthaft mit seiner
Straftat/seinen Straftaten auseinandersetzt. Dass dies annährend oder vollständig zutrifft, wird
bei 58,3% geschätzt. 41,7% werden so eingeschätzt, dass sie sich gar nicht oder allenfalls
ansatzweise mit ihrer Straftat auseinandersetzen.
Hinsichtlich der Suchtbelastung der Jugendstrafgefangenen liegen verschiedene Variablen vor,
die ein recht eindrückliches Bild zeichnen. Zum einen beurteilt der Sozialdienst die Fragen, ob
der Inhaftierte eine problematische Suchtbelastung, sowohl in Bezug auf Alkohol als auch auf
Drogen, aufweist. Bei 16% geben die Mitarbeiter*innen an, dass eine erhebliche
Suchtproblematik in Bezug auf Alkohol erkennbar ist, bei 22,1% trifft dies laut

48
Sozialarbeiter*innen annährend zu. 25,4% weisen allenfalls ansatzweise eine Suchtproblematik
in Bezug auf Alkohol auf, bei 36,5% sind keinerlei Tendenzen erkennbar. Auch hier ist jedoch
die Menge der fehlenden Werte (n=427) vergleichsweise hoch. Ausschlaggebend ist, dass die
Suchtbelastung mitunter nicht immer eindeutig beurteilbar ist. Eine problematische
Suchtbelastung in Bezug auf Alkohol ist unter anderem schwer zu bewerten, da
missbräuchlicher Alkoholkonsum nicht genau definiert ist und gleichzeitig der Konsum, da er
grundsätzlich legal ist, meist weniger gut dokumentiert ist (vgl. Hartenstein 2014: 3). 40,5%
der Inhaftierten weisen laut der Betreuenden eine erhebliche Problematik in Bezug auf Drogen
auf. Bei weiteren 20,9% ist dies annährend zu erkennen. Damit liegt eine Suchtbelastung mit
Drogen bei über 60% aller Gefangenen vor. Allenfalls ansatzweise eine Problematik zeigen
13,2%, auf 25,5% trifft dies laut der Einschätzung der Bediensteten gar nicht zu. Zwar gibt es
mit 292 fehlenden Werten auch einige Fälle, bei denen eine Einschätzung nicht möglich zu sein
scheint, jedoch liegt die Anzahl der Missings deutlich niedriger als bei der Frage nach einer
Alkoholproblematik.
Abbildung 2: Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche Suchtproblematik in Bezug auf Alkohol/Drogen
erkennbar (Eigene Darstellung)
Die als Summenindex gebildete Variable, bestehend aus Selbsteinschätzungsfragen zur
Konsumbelastung, beinhaltet fünf Fragen, wobei ab zwei ÄMD³-Antworten davon ausgegangen
0.0%
5.0%
10.0%
15.0%
20.0%
25.0%
30.0%
35.0%
40.0%
45.0%
trifft gar nicht zu
trifft allenfalls
ansatzweise zu
trifft annährend zu
trifft vollständig zu
Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche Suchtproblematik
in Bezug auf Alkohol/Drogen erkennbar.
Alkohol
Drogen

49
werden kann, dass der Befragte eine mindestens leicht problematische Suchtbelastung zeigt.
16,3% beantworteten keine Frage mit ja, weitere 9,1% lediglich eine der Fragen. Der Rest,
70,7%, beantwortete zwei bis fünf der FragHQPLWMD9LHURGHUIQIÄ-D³JDEHQXQG
21,1%. Die in dem Index befindliche Frage, ob der Gefangene der Meinung ist ein Alkohol-
oder Drogenproblem aufzuweisen, beantworten 44,1% mit ja. Diese Selbstangaben bestätigen
die sehr hohe Suchtbelastung unter den jungen Straftätern. Im Zugangsfragebogen werden die
Straffälligen gefragt welche Personen/Dinge dafür verantwortlich sind, dass sie die
Straftat(en)/den Bewährungsbruch begangen haben. Dabei geben 57,6% an, dass Suchtmittel
etwas oder sehr für den Bewährungsbruch verantwortlich sind, 42,4% geben an, dass
Alkohol/Drogen kaum eine oder gar keine Rolle gespielt haben.
Auch auf die Rückfallquoten soll an dieser Stelle eingegangen werden. Bei einem
Beobachtungszeitraum von einem Jahr zeigt sich eine Rückfallquote (nach RD 2) von 10,8%.
Da ein großer Teil der Rückfälle innerhalb der ersten Monate nach Entlassung erfolgt (siehe
Abschnitt 3.2.) erscheint dieser Wert auf den ersten Blick sehr niedrig. Da die
Rückfalldefinition 2 herangezogen wird, werden schwerere Rückfalltaten betrachtet, sodass ein
durchaus plausibler Wert vorliegt. Wird die Rückfallquote mit einem Beobachtungszeitraum
von zwei Jahren beleuchtet, zeigt sich eine Rückfallquote von 30,1%. Nach drei Jahren
Beobachtungszeitraum liegt die Rückfallquote bei 43,1%. Wird dies mit den Rückfallwerten
des Hessischen Jugendstrafvollzugs (vgl. Kerner et al. 2014: VXIII) von 48,8% (2003), 48,1%
(2006) und 51,6% (2009) nach drei Jahren verglichen, zeigt sich eine etwas niedrigere
Rückfallquote des Jugendstrafvollzugs Sachsen. Wie in Kapitel 7.1 bereits erklärt, wird für die
Analysen ein Beobachtungszeitraum von zwei Jahren herangezogen. Da ein großer Teil der
Rückfälle innerhalb der ersten zwölf Monate erfolgt und die Kurve dann abflacht, bildet die
Rückfallquote nach zwei Jahren ein hinreichendes Bild ab (vgl. Kerner et al. 2014: VXIII).
Vergleichend soll an dieser Stelle ebenfalls auf die Rückfallquoten der Rückfalldefinition 1 und
2 eingegangen werden. Laut der ersten Rückfalldefinition wurden innerhalb von 3 Jahren
Beobachtungszeitraum 68,7% rückfällig, das heißt sie wurden erneut zu irgendeiner Strafe
verurteilt. Bei Kerner et al. (2014: XVII) zeigte sich eine Rückfallquote von 73,2% des
Entlassungsjahrgangs 2009 mit dreijährigem Beobachtungszeitraum. Dementsprechend sind
auch bei der Rückfalldefinition 1 die Rückfallquoten des sächsischen Jugendstrafvollzugs
etwas geringer. Nach der dritten Rückfalldefinition, welche nur erneute Verurteilungen zu einer
unbedingten Freiheitsstrafe berücksichtigt, wurden 30,2% innerhalb von 3 Jahren rückfällig.
Hier ist die beobachtete Rückfallquote von Kerner et al. (2014: XVII) mit 29,7% marginal
kleiner.
Eine
Erklärung
hinsichtlich
der
Unterschiede
zwischen
den

50
Jugendstrafvollzugsanstalten kann anhand der vorliegenden Daten nicht erfolgen. Neben den
unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten (2009 vs. 2013-2018), spielen Faktoren wie Alter,
Anzahl der Inhaftierten und landesspezifische Eigenheiten eine Rolle.
Abbildung 3: Rückfallquote nach Rückfalldefinition und Beobachtungzeitraum der JSA Regis-Breitingen
(eigene Darstellung)
8
Ergebnisse
Um die in Abschnitt 6 aufgestellten Hypothesen zu testen erfolgt zuerst eine bivariate und
darauffolgend eine multivariate Analyse. Die bivariaten Analysen sollen erste Einschätzungen
über das Vorhandensein bzw. die Stärke der postulierten Zusammenhänge liefern. Um die
multivariaten Zusammenhänge zu prüfen, werden aufgrund der abhängigen Variable,
logistische Regressionen durchgeführt.
8.1
Bivariate Analysen
Um einen ersten Eindruck über angenommene Zusammenhänge zu erhalten, wird die
Korrelation der einzelnen Risikofaktorenvariablen mit der abhängigen Variable
Rückfall
berechnet. Da die Indikatoren der
Central Eight Risk Factors
nach Andrews & Bonta (2010)
0.0%
10.0%
20.0%
30.0%
40.0%
50.0%
60.0%
70.0%
80.0%
Jahr 1
Jahr 2
Jahr 3
Rückfallquoten nach Rückfalldefinition und
Beobachtungszeitraum
RD1
RD2
RD3

51
alle nominal- oder ordinalskaliert sind, wurden die entsprechenden, skalenspezifischen Tests
11
durchgeführt, deren Ergebnisse in Abbildung 4 zusammengefasst dargestellt sind.
Rückfall
Chi2 Ȥ
Phi
ij
/ Cramer-V
Vorherige Haft
0,081*
Nicht Auseinandersetzen
0,124***
Gewaltbereitschaft
13,481**
0,136**
Straffällige Freunde
0,037
Kein Vertrauen (weibl.)
5,251
0,080
Kein Vertrauen (männl.)
6,107
0,096
Schlecht Leistung
0,057
+
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00
Abbildung 4: Bivariate Analysen - Rückfall und die Risikofaktoren (außer Suchtmittelmissbrauch) (eigene
Darstellung)
Rückfälligkeit und eine vorherige Inhaftierung zeigen einen auf 5%-Niveau signifikanten
Zusammenhang. Die Zusammenhangsstärke des Korrelationskoeffizienten ist mit 0,081 jedoch
so niedrig, dass kaum ein Zusammenhang besteht (vgl. Cohen 1988). Rückfälligkeit und das
nicht Auseinandersetzen
mit der Straftat weisen einen hochsignifikanten Zusammenhang auf.
Hier zeigt sich mit >0,1 ein schwacher Zusammenhang (vgl. ebd.). Auch
Gewaltbereitschaft
zeigt einen hochsignifikanten Zusammenhang mit Rückfälligkeit. Die Zusammenhangsstärke
ist PLWȤð3)=13,481,
p
=0,ij9 ,136 ebenfalls als eher schwach zu bezeichnen (vgl. ebd.).
Ein Zusammenhang zwischen Rückfälligkeit und dem Vorhandensein
straffälliger Freunde
konnte hingegen nicht gezeigt werden (ij9 0,037; p=0,306). Der Einfluss von sozialen
Kontakten auf die Legalbewährung wurde schon vielfach bewiesen (vgl. Mowen & Boman
2018: 1110; Boers et al. 2014), weshalb dieses Ergebnis überrascht. Erklärend für den
fehlenden Zusammenhang könnte sein, dass lediglich 11,8% der Inhaftierten angaben, keine
straffälligen Freunde zu haben, sodass der Mangel an Varianz in der Verteilung der Variable es
erschwert einen Zusammenhang aufzuzeigen. Von den Risikofaktoren der Persönlichkeit (
Big
Four
) zeigen alle Variablen, abgesehen davon ob straffällige Freunde vorhanden sind, einen
signifikanten
Zusammenhang
mit
Rückfälligkeit.
Eine
weitere
Exploration
der
Zusammenhänge erfolgt im multivariaten Modell.
Die
Moderate Four
, die Risikofaktoren der äußeren Einflüsse, zeigen bei der
schlechte
Leistung
- Variable einen schwach signifikanten Zusammenhang. Die Variablen
kein Vertrauen
11
Um den Zusammenhang zwischen zwei nominalen Merkmalen zu testen, wurde Phi und Cramers-V
berechnet. Lag ein nominales und ein ordinales Merkmal vor, wurde der Chi
2
-Koeffizient berechnet.

52
(weibl.)
sowie
kein Vertrauen (männl.)
weisen keine Signifikanz auf. Da die
Korrelationskoeffizienten aller Variablen der
Moderate Four
<0,1 sind, zeigt sich bei keiner
der Variablen ein tatsächlicher Zusammenhang mit Rückfälligkeit (vgl. Cohen 1988).
Wird die Korrelation der Suchtmittelvariablen mit
Rückfall
betrachtet, zeigt sich, dass die
Variablen, die mittels Fremdeinschätzung erhoben wurden (
Alkoholproblem, Drogenproblem,
Suchtmittelproblem
), signifikante Werte aufweisen (vgl. Abb. 5). 0LWȤð=10,279, p=0,016,
ij/V=0,125 liegt ein schwacher Zusammenhang zwischen einer
Alkoholproblematik
und
Rückfälligkeit vor. Der Zusammenhang einer
Drogenproblematik
LVW PLW Ȥð
p=0,ij9 0,190 etwas schwach, zeigt jedoch den bisher höchsten Korrelationskoeffizient.
Um den Zusammenhang mit der
Konsum_sum-
Variable testen, wurde der Eta-Koeffizient
berechnet, da die Korrelation einer nominalen und einer metrischen Variable untersucht wird.
Die
Variable
ist
schwach
signifikant,
weist
jedoch
einen
sehr
niedrigen
Korrelationskoeffizienten (Ș=0,057, p=0,082) auf.
Rückfall
Chi2 Ȥ
Phi
ij
/ Cramer-V
Eta
Alkoholproblem
10,279*
0,125*
Drogenproblem
28,780***
0,190***
Suchtmittelproblem
0,136**
Konsum_sum
0,057
+
Straftat Sucht
0,048
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00
Abbildung 5: Bivariate Analysen - Rückfall und Suchtmittelvariablen (Eigene Darstellung)
Die Zusammenhangsstärke der Kontrollvariablen (Alter bei Entlassung und Haftdauer) mit
Rückfälligkeit wurde ebenfalls mittels des Eta-Koeffizienten geprüft. Das Alter bei Entlassung
weist einen Eta-Korrelationskoeffizienten von Ș 0,173 auf, welcher hochsignifikant (p<0,000)
ist. Die Variable Haftdauer ist auf 5%-Niveau (p=0,046) signifikant. Der Zusammenhang ist
mit einem Eta-Koeffizienten von Ș 0,066 allerdings sehr niedrig.
8.2
Multivariate Analysen
Da ein sozialwissenschaftlich interessantes Phänomen in der Regel nicht aus einer Ursache
resultiert, ist die multivariate Analyse mit Drittvariablen unerlässlich, um Zusammenhänge
reliabel zu ermitteln. Aufgrund der Dichotomie der abhängigen Variable Rückfall, welche in

53
allen Analysen vorliegt, werden zur multivariaten Analyse binär logistische Regressionen
durchgeführt. Um die Ergebnisse der Modelle zu interpretieren, wird zuerst der Hosmer-
Lemeshow-Test betrachtet. Dieser überprüft die Differenzen zwischen beobachteten und
erwarteten Werten. Je geringer die Differenz desto besser die Modellanpassung und die
Nullhypothese kann bestätigt werden (p>0,05). Ebenfalls betrachtet wird das Nagelkerke R
2
,
welches die Anpassungsgüte der Daten beurteilt, sowie die Regressionskoeffizienten und deren
p-Werte. Der Regressionskoeffizient, der logarithmierte Chancen darstellt, zeigt die
Wirkrichtung der Zusammenhänge. Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeiten der
Regressionskoeffizienten erfolgt im Zuge der Interpretation der Ergebnisse. Um
Multikollinearität auszuschließen, wurde zu Beginn eine Korrelationsmatrix der unabhängigen
Variablen durchgeführt, welche keine auffälligen Werte zeigte (vgl. Anhang 4). Auch die
weiteren Voraussetzungen, die für die Berechnung einer logistische Regression vorliegen
müssen, wurden überprüft und sind erfüllt.
8.2.1 Hypothesen 1-7
Um die Hypothesen 1-7 sowie 10 und 11 zu testen, werden die Variablen, die als Indikatoren
für die Risikofaktoren dienen, in einem gemeinsamen Modell getestet. Zuerst werden die
Risikofaktoren separat in Kombination mit den Kontrollvariablen in die Regression
aufgenommen, danach im Rahmen der Risikofaktorengruppe, der sie zugeordnet werden (
Big
Four
oder
Moderate Four
). Anschließend werden alle Risikofaktoren in einem gemeinsamen
Modell, welches schrittweise eingebunden wird, getestet (vgl. Abb. 6). Um die
Vergleichbarkeit der Modelle zu gewährleisten, wurden die Fälle gefiltert, sodass in allen
Modellen der Hypothesen 1-7 sowie 10 und 11 die gleiche Fallzahl vorliegt (n=256).
Die ersten Berechnungen betreffen die
Big Four
Risikofaktoren
vorherige Haft, nicht
Auseinandersetzen, Gewaltbereitschaft
und
straffällige Freunde
(vgl. Anhang 5). Das erste
Modell zeigt keine Signifikanz des Risikofaktors
vorherige Haft
, der Effekt ist jedoch relativ
stark (b=0,515, p=0,109). Im zweiten Modell weist der Aspekt des
nicht Auseinandersetzens
einen schwach signifikanten, ebenso hohen Effekt auf (b=0,580, p=0,057). Der Risikofaktor
Gewaltbereitschaft
(Modell 3) ist auf 5%-Niveau signifikant und weist einen ebenfalls
beachtlichen Effekt auf (b=0,394, p=0,015). Die letzte Risikofaktorenvariable der
straffälligen
Freunde
in Modell 4 ist nicht signifikant. Der Hosmer-Lemeshow-Test bestätigt die
Nullhypothese bei allen vier Modellen, das Nagelkerke R
2
zeigt bei Modell 3 mit 0,080 den
höchsten Wert. Auch wenn die vier Variablen sowie die Kontrollvariablen in einem
gemeinsamen Modell (vgl. Modell 5 ± Big Four, Anhang 5) betrachtet werden, bestätigt sich

54
Nullhypothese des Hosmer-Lemeshow-Tests. Die Variablen der
Gewaltbereitschaft
sowie die
Kontrollvariable
Alter bei Entlassung,
welche auch in den Modellen 1-4 Signifikanz aufweist,
zeigen signifikante Werte. Insgesamt sind alle Effekte, ausgenommen die Kontrollvariable der
Haftdauer,
relativ stark und weisen in die angenommene Richtung. Das Nagelkerke R
2
des
fünften Modells liegt bei 0,108.
Anschließend folgt die Betrachtung der
Moderate Four
Risikofaktoren (vgl. Anhang 6). In
Modell 1 wird das
Vertrauen zur weiblichen und männlichen Bezugsperson
betrachtet. Beide
Variablen weisen sehr niedrige, nicht signifikante Regressionskoeffizienten auf. Lediglich die
Altersvariable zeigt erneut Signifikanz. Auch das zweite Modell, welches den Einfluss von
schlechten Leistungen
in Schule/Beruf auf
Rückfall
testet, weist keine Signifikanz auf. Der
Regressionskoeffizient ist mit b=0,460 (p=0,142) jedoch recht hoch. Der Hosmer-Lemeshow-
Test bestätigt alle drei Modelle. Das dritte Modell beinhaltet die Risikofaktoren
Alkoholproblem
und
Drogenproblem
und zeigt ein Nagelkerke R
2
von 0,108
.
Während die
Variable
Alkoholproblem
keine Signifikanz aufweist (b=0,223, p=0,109), ist die Variable
Drogenproblem
hochsignifikant (b=0,358, p=0,004). In Modell 4 (vgl. Anhang 6) wurden alle
fünf Risikofaktorenvariablen gemeinsam mit den Kontrollvariablen in das Regressionsmodell
aufgenommen. Die signifikanten Werte sind weiterhin bei den Variablen
Drogenproblem
sowie
Alter
zu finden. Der Hosmer-Lemeshow-Test bestätigt das Modell, das Nagelkerke R
2
liegt bei
0,116. Bis auf die Vertrauensvariablen zeigen zudem alle Faktoren in die angenommene
Richtung.
Nachdem die Modelle separat berechnet wurden, erfolgt die schrittweise Einbindung der
Modelle nach den zwei Gruppen. Der Hosmer-Lemeshow-Test zeigt in jedem Schritt einen p-
Wert > 0,05, was bedeutet, dass die Nullhypothese in jedem Modell bestätigt wird. Das
Nagelkerke R
2
erhöht sich schrittweise von 0,063 im ersten Modell, über 0,125 in Modell 2 bis
auf 0,159 im Vollmodell mit allen unabhängigen sowie den Kontrollvariablen.
Im ersten Modell zeigen die Koeffizienten aller zugefügter Variablen in die vermutete
Richtung. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Rückfalls in allen Fällen, wenn der
jeweilige Risikofaktor erfüllt ist. Der Faktor
Gewaltbereitschaft
zeigt ein auf 5%-Niveau
signifikantes Ergebnis. (Schwach) signifikant auf 10%-Niveau ist die Variable des
nicht
Auseinandersetzen
s mit der Straftat. Eine exemplarische Berechnung der relativen
Wahrscheinlichkeiten in diesem Modell zeigt eine Erhöhung von 51,2 Prozentpunkten
rückfällig zu werden, wenn die Gewaltbereitschaft um eine Einheit steigt. Damit zeigt die
Variable
G
ewaltbereitschaft
einen
durchaus
hohen
Einfluss
auf
die
Rückfallwahrscheinlichkeit.

55
Werden in Modell 2 die Risikofaktoren der äußeren Einflüsse hinzugefügt, verdoppelt sich das
Nagelkerke R
2
von 0,063 auf 0,125.
Gewaltbereitschaft
ist erneut auf 5%-Niveau signifikant,
ebenso wie die Variable
Drogenproblem
. Schwach signifikant auf 10%-Niveau ist der Faktor
der
schlechten Leistung
. Mit einem Regressionskoeffizienten von b=0,583 (p=0,064) erhöht
sich die relative Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden, wenn schlechte schulische oder
berufliche Leistungen gezeigt werden, um 79,2%. Damit zeigt die Variable einen starken
Einfluss. Erneut zeigen alle Variablen, abgesehen von den Vertrauensvariablen, in die
angenommene Wirkrichtung.
Rückfall
r
Modell 1
Modell 2
Vollmodell
Vorherige Haft
0,058
0,196
0,139
0,338
Nicht
Auseinandersetzen
0,114*
0,512
+
0,374
0,338
Gewaltbereitschaft
0,164**
0,407**
0,424*
0,398*
Straffällige Freunde
0,038
0,451
0,376
0,270
Kein Vertrauen
weiblich
-0,057
-0,096
-0,033
Kein Vertrauen
männlich
-0,025
-0,055
-0,051
Schlechte Leistung
0,122
+
0,582
+
0,418
Alkoholproblem
0,102
0,095
0,114
Drogenproblem
0,177**
0,307*
0,322*
Alter bei Entlassung
0,161**
-0,223*
Haftdauer in
Monaten
0,070
0,017
n
Nagelkerke R
2
n=256
R
2
= 0,063
n=256
R
2
= 0,125
n=256
R
2
= 0,158
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00
Abbildung 6: Logistische Regression der acht Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) (Eigene
Darstellung)
Das Vollmodell, welches alle Risikofaktoren sowie die Kontrollvariablen
Alter bei Entlassung
und
Haftdauer
einbezieht, zeigt mit einem Nagelkerke R
2
von 0,159 eine akzeptable
Anpassungsgüte. Signifikante Werte zeigen sich bei den Variablen
Gewaltbereitschaft,
Drogenproblem
und
Alter
auf 5%-Niveau. Auch im Vollmodell zeigt sich ein ähnliches Bild

56
wie bisher: Alle Variablen, abgesehen von den Vertrauensvariablen, deuten in die
angenommene Richtung. Die Regressionskoeffizienten der Vertrauensvariablen sind mit <-0,1
sehr niedrig, sodass kaum ein Effekt besteht. Der Koeffizient des
Alters
ist negativ, da wie
angenommen mit steigendem Alter die Rückfallwahrscheinlichkeit sinkt. Die Kontrollvariable
Alter
zeigt in allen Modellen einen signifikanten Effekt, was den Erwartungen entspricht. Der
Einfluss der
Haftdauer
kann im Rahmen der Analysen nicht bestätigt werden. Insgesamt zeigt
sich, dass das Vollmodell das geeignetste Modell darstellt und die Wirkrichtung der
Risikofaktoren bestätigt wurde. Die Effekte, die sich zeigen, gerade bei den signifikanten
Variablen
Gewaltbereitschaft
und
Drogenproblem,
sind durchaus stark.
8.2.2 Hypothese 8
Um die Hypothese 8 zu testen, die bei höherer Anzahl vorliegender Risikofaktoren von einer
größeren Rückfallwahrscheinlichkeit ausgeht, wurde erneut eine binär logistische Regression
mit Rückfall als abhängige Variable durchgeführt (vgl. Anhang 7). Im ersten Schritt wurde
allein die Indexvariable auf
Rückfall
getestet, im zweiten Schritt wurden die Kontrollvariablen
hinzugefügt.
Der Hosmer-Lemeshow-Test bestätigt jeweils die Nullhypothese und somit die Modelle. Das
Nagelkerke R
2
liegt in Modell 1 bei 0,053 und steigt in Modell 2 auf 0,111 an. Der
Regressionskoeffizient der
Risikofaktoren_sum
-Variable liegt im Vollmodell bei b=0,310 und
ist hochsignifikant, ebenso wie die Altersvariable. Die Haftdauer ist auf 5%-Niveau signifikant.
Steigt also die Anzahl der vorliegenden Risikofaktoren um eine Einheit
12
an, steigt die relative
Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden um 36,3%.
8.2.3 Hypothese 9
Um die neunte Hypothese zu überprüfen, wurden zunächst die einzelnen Risikofaktoren jeweils
mit der Variable
Suchtmittelproblem
multipliziert, um Interaktionsvariablen zu erstellen. Im
Zuge der logistischen Regression wurde jeweils erst die einzelne Risikofaktorvariable und dann
die dazugehörige Interaktionsvariable eingefügt (vgl. Anhang 8). Der Hosmer-Lemeshow-Test
weist in allen Modellen keine Signifikanz auf, das Nagelkerke R
2
liegt bei 0,153. Jedoch zeigt
lediglich die Kontrollvariable des Alters signifikante Werte. Bei den Interaktionstermen liegt
12
Hierbei gilt es zu beachten, dass eine Einheit nicht für den Anstieg um einen Risikofaktor steht, da zwei
Risikofaktoren mittels zweier Variablen in die Analysen aufgenommen wurden.

57
keine Signifikanz vor. Folglich muss die neunte Hypothese, dass eine Suchmittelproblematik
die vorhandenen Risikofaktoren verstärkt, abgelehnt werden.
8.2.4 Hypothese 10
Die zehnte Hypothese betrifft den Grad der Suchtmittelbelastung und deren Einfluss auf die
Rückfallwahrscheinlichkeit (vgl. Abb. 6). Um diese These zu beantworten, wird auf das
Vollmodell der ersten Analysen, welches alle Risikofaktoren beinhaltet, zurückgegriffen. Die
Variablen zur Suchtbelastung mit Alkohol bzw. Drogen sind vierstufig skaliert und zeigen
beide in die angenommene Richtung. Während die Variable
Alkoholproblem
keine Signifikanz
aufweist (b=0,114, p=0,433), ist die Drogen-Variable auf 5%-Niveau signifikant (b=0,322,
p=0,014). Steigt also der Grad der Suchtbelastung, steigt auch die Rückfallwahrscheinlichkeit.
Steigt die Suchtbelastung mit Drogen um eine Einheit steigt die relative Wahrscheinlichkeit
rückfällig zu werden um 38%. Zwar zeigt nur eine Variable Signifikanz, da beide Variablen in
die postulierte Richtung zeigen, kann die Hypothese als bestätigt gelten.
Exkurs
: Zur vergleichenden Betrachtung soll zusätzlich die Suchtbelastungsvariable, welche
sich aus Selbstauskünften der Inhaftierten ergibt, betrachtet werden (vgl. Anhang 9). Auch hier
wurde die gleiche Stichprobengröße (n=510) für die Analysen verwendet, um Vergleichbarkeit
zu gewährleisten. Die Summenindexvariable
Konsum_sum
ist fünfstufig und wird mit den
Kontrollvariablen in die Regression aufgenommen. Dabei zeigt sich ein schwach signifikanter
Zusammenhang (b=0,099, p=0,078) zwischen der selbstbewerteten Suchtbelastung und
Rückfall. Steigt die Suchtmittelbelastung um eine Einheit steigt die relative Wahrscheinlichkeit
eines Rückfalls um 10,4%. Wird jedoch die Variable im Vollmodell mit den anderen
Suchtvariablen betrachtet, verschwindet der Einfluss der Selbstauskunftsvariable. Das
Nagelkerke R
2
ist im Vollmodell genauso groß wie in dem Modell, welches nur die
Fremdeinschätzungsvariablen sowie Kontrollvariablen enthält (R
2
= 0,085). Zudem ist der
Einfluss der
Konsum_sum-
Variable mit b=0,007 praktisch nicht vorhanden. Somit kann die
Selbstauskunft hinsichtlich der Suchtbelastung nur begrenzt als Prädiktor für Rückfälligkeit
dienen.
8.2.5 Hypothese 11
Hypothese 11 legt das Augenmerk auf den Unterschied zwischen Drogen- und
Alkoholmissbrauch. Dazu wird das Vollmodell aller Risikofaktoren betrachtet, welches ebenso
die Hypothesen 1-7 beantwortet (vgl. Abb. 6). Die Variable
Alkoholproblem
weist einen

58
Regressionskoeffizienten von 0,114 auf und zeigt keine Signifikanz.
Drogenproblem
ist
signifikant (p=0,014), der Regressionskoeffizient liegt bei 0,322. Damit zeigt sich ein stärkerer
Einfluss von Drogenmissbrauch auf Rückfälligkeit als von Alkoholmissbrauch.
8.2.6 Hypothese 12
Auch die letzte Hypothese, die einen Zusammenhang zwischen Rückfälligkeit und der
Schuldzuweisung von Alkohol und Drogen annimmt, wird mittels logistischer Regression
überprüft (vgl. Anhang 10). Um die Hypothese zu testen, wurde ein Regressionsmodell,
welches die Variablen
Straftat Sucht
sowie die Kontrollvariablen beinhaltet, berechnet. Der
Hosmer-Lemeshow-Test bestätigt die Nullhypothese (0,092>0,05), das Nagelkerke R
2
liegt bei
0,051. Der Regressionskoeffizient der
Straftat Sucht
± Variable liegt bei 0,318 und ist schwach
signifikant (p=0,055). Die Kontrollvariablen weisen ebenfalls Signifikanz auf. Zwar weist das
Modell mit einem Nagelkerke R
2
von 0,051 eine sehr geringe Anpassungsgüte auf, der Einfluss
der Variable
Straftat Sucht
ist mit 0,318 jedoch durchaus beachtlich.
8.3
Befunde zu Rückfälligkeit
Im Folgenden werden die Befunde der multivariaten Modelle vorgestellt. Dazu wird erläutert
welche Hypothesen bestätigt oder verworfen werden und welche Ergebnisse für die jeweilige
Entscheidung verantwortlich sind.
8.3.1 Zusammenhang mit den einzelnen Risikofaktoren
Werden die Befunde des Vollmodells der ersten Regressionsanalyse betrachtet zeigt sich, dass
sowohl Hypothese 3 als auch Hypothese 7 bestätigt werden können. Mit steigender
Gewaltbereitschaft, steigt auch die Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden. Da
Gewaltbereitschaft als Indikator für eine antisoziale Persönlichkeit gilt, bieten die Ergebnisse
Anlass dazu den Zusammenhang zwischen einer antisozialen Persönlichkeit und Rückfälligkeit
zu bestätigen. Da eine antisoziale Persönlichkeit jedoch nicht alleinig durch eine einzelne
Dimension, wie Gewaltbereitschaft, erfasst werden kann, bedarf es weiterer Forschung.
Hilfreich dahingehend wären Daten, welche weitere Indikatoren der antisozialen Persönlichkeit
wie ein übersteigertes Selbstwertgefühl, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, schwache
Frustrationstoleranz und mangelnde Schuldgefühle enthalten. Auch Hypothese 7, die einen
Zusammenhang zwischen Suchtmittelmissbrauch und Rückfälligkeit postuliert, kann bestätigt
werden. Zwar zeigt die Variable des Alkoholmissbrauchs in den Modellen keine signifikanten

59
Werte, es ist jedoch ein Effekt des Regressionskoeffizienten erkennbar, welcher stets in die
angenommene Wirkrichtung zeigt. Die Variable zu Drogenmissbrauch hingegen weist in allen
Modellen signifikante Werte auf, sodass die Hypothese insgesamt bestätigt werden kann.
Im reduzierten Modell des Risikofaktors
nicht Auseinandersetzen
(vgl. Anhang 5) zeigt der
Risikofaktor einen schwach signifikanten Zusammenhang, welcher im Vollmodell
verschwindet. Da in beiden Modellen jedoch ein moderater Effekt erkennbar ist, kann die
Hypothese unter Vorbehalt der Signifikanz bestätigt werden.
Die Hypothesen 1 und 4 weisen sowohl in den reduzierten Modellen (jeweiliger Risikofaktor
plus Kontrollvariablen, vgl. Anhang 5) als auch im Vollmodell mit allen Risikofaktoren (vgl.
Abb. 6) keine Signifikanz auf. Somit können die Hypothesen aufgrund fehlender Signifikanzen
nicht bestätigt werden, sie zeigen jedoch positive Tendenzen, da die Variablen in die vermutete
Richtung deuten.
Die fünfte Hypothese, welche nach dem Vertrauensverhältnis zu Bezugsperson(en) fragt, kann
nicht bestätigt werden. Die Regressionskoeffizienten der beiden Variablen (
kein Vertrauen
weiblich, kein Vertrauen männlich)
sind in allen Modellen (vgl. Anhang 6 und Abb. 6) negativ
und somit die einzigen Indikatoren, welche nicht in die angenommene Richtung wirken. Da die
Koeffizienten stets <-0,1 sind, ist jedoch kaum ein Zusammenhang der Variablen auf
Rückfälligkeit zu erkennen. Möglicherweise spiegelt die Frage nach Vertrauen zu
Bezugspersonen eine schlechte Beziehung zu Mutter/ Vater nicht hinreichend wider und die
Variablen sind nicht adäquat, um den Risikofaktor Familie zu repräsentieren.
Schlechte Leistungen in Schule und Beruf können unter Vorbehalt als Risikofaktor für
Rückfälligkeit bestätigt werden. Zwar zeigt die Variable
schlechte Leistung
lediglich in Modell
2 (vgl. Abb. 6), bestehend aus allen Risikofaktoren und ohne Kontrollvariablen, einen schwach
signifikanten Zusammenhang, jedoch deuten die Werte des Regressionskoeffizienten in den
Modellen mit >=0,33 einen durchaus starken Effekt an.
8.3.2 Zusammenhang mit der Anzahl der vorhandenen Risikofaktoren
Eindeutig bestätigt werden kann hingegen die achte Hypothese. Wird ein Summenindex der
Risikofaktorenvariablen
gebildet,
zeigt
sich
mit
steigendem
Wert
eine
erhöhte
Rückfallwahrscheinlichkeit. Im Vollmodell mit den Kontrollvariablen (vgl. Anhang 7) liegt der
Regressionskoeffizient bei b=0,31 und weist einen mittelstarken bis starken Effekt aus. Somit
bestätigt sich, dass je mehr Risikofaktoren vorliegen, desto höher die Wahrscheinlichkeit,
rückfällig zu werden.

60
8.3.3 Zusammenhang der Risikofaktoren in Interaktion mit Suchtmittelproblematik
Um die Hypothese zu testen, wurden die Risikofaktorenvariablen sowie eine Interaktion derer
mit der Suchtmittelvariable, die eine Belastung mit Alkohol und/oder Drogen zeigt, in die
Regression aufgenommen. Während die Korrelationskoeffizienten der Interaktionsvariablen
bei allen Variablen, ausgenommen die Vertrauensvariablen, mindestens schwache Signifikanz
aufweisen,
bestätigt
sich
eine
Interaktion
der
Risikofaktorenvariablen
mit
einer
Suchtmittelproblematik im Regressionsmodell nicht. Keine der Interaktionsvariablen konnte
signifikante Werte aufweisen, sodass die Hypothese 9, ÄLiegt bei inhaftierten Personen eine
6XFKWPLWWHOSUREOHPDWLN YRU YHUVWlUNW GLHVH GLH YRUKDQGHQHQ 5LVLNRIDNWRUHQ³, verworfen
werden muss.
8.3.4 Zusammenhang mit Suchtmittelmissbrauch
Um den Einfluss der Stärke der Suchtmittelproblematik zu beurteilen, wird das Vollmodell mit
allen Risikofaktoren (vlg. Abb. 6) herangezogen. Da die Variablen vierstufig skaliert sind, kann
eine Abstufung der Suchtbelastung erfolgen. Wie schon zu Hypothese 7 erläutert, zeigt
lediglich eine der zwei Variablen (
Drogenproblem
) einen signifikanten Einfluss. Da beide
Variablen in die angenommene Richtung zeigen, kann die Hypothese dennoch bestätigt werden.
Steigt die Suchtbelastung mit Alkohol um eine Einheit, steigt die relative Wahrscheinlichkeit
rückfällig zu werden, um 12%. Steigt die Suchtbelastung mit Drogen um eine Einheit, steigt
die relative Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls um 37,9%. Somit kann die zehnte Hypothese
ÄJe stärker die Suchtbelastung eines Inhaftierten ist, desto wahrscheinlicher wird er rückfällig³
bestätigt werden.
Die Regressionsanalysen zu den
Moderate Four
(vgl. Anhang 5) sowie die Modelle zu den
Hypothesen 1-7 (vgl. Abb. 6) zeigen sowohl eine höhere Signifikanz als auch stetig höhere
Regressionskoeffizienten der Drogenvariablen im Vergleich zur Alkoholvariable. Der Einfluss
einer Drogenproblematik auf die Rückfallwahrscheinlichkeit scheint also größer zu sein als der
Einfluss einer Alkoholproblematik, sodass Hypothese 11 bestätigt werden kann. Dies erkennt
man auch an den exemplarisch berechneten, relativen Rückfallwahrscheinlichkeiten von 12%
(
Alkoholproblem
) im Gegensatz zu fast 38% (
Drogenproblem
). Es gilt jedoch zu
berücksichtigen, dass der Vergleich - aufgrund eines möglichen selektiven Ausfalls bei der
Alkohol-Variable ± nicht vorbehaltlos möglich ist. Die theoretischen Erkenntnisse (vgl. Kapitel
5) weisen jedoch ebenfalls auf eine steigende Bedeutung von Drogenproblematiken im Rahmen
des Strafvollzugs hin.

61
Im Rahmen der zwölften Hypothese wird überprüft, ob Inhaftierte, die Alkohol oder Drogen
die Schuld an ihrer Straffälligkeit geben, wahrscheinlicher rückfällig werden als Inhaftierte, die
dies nicht tun. Theoretisch begründet ist diese These auf dem Abwehrmechanismus der
Projektion (vgl. Kapitel 6.2.). Der Regressionskoeffizient der
Straftat Sucht
-Variable ist
schwach signifikant, die Hypothese kann bestätigt werden. Der Einfluss der Variable ist zudem
durchaus stark. Gibt ein Inhaftierter an, dass Alkohol und/oder Drogen etwas oder sehr
verantwortlich für die Straffälligkeit sind, ist die relative Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls
um 37,4% höher als bei einem Inhaftierten, der angibt Alkohol und/oder Drogen sind kaum
oder gar nicht verantwortlich. Es gilt jedoch zu beachten, dass die auf der Variablen basierende
Frage an alle Inhaftierten gestellt wurde, sodass es möglich ist, dass schlicht alle Personen, die
eine Suchtmittelproblematik aufweisen GLH$XVZDKOÄ$ONRKRO'URJHQ³JHZlKOWKDEHQ
8.4
Methodenkritik
Wie ihm Rahmen vieler Studien und Abschlussarbeiten hat auch in der vorliegenden Studie die
Arbeit mit Sekundärdaten einige Probleme aufgeworfen, die nur in Teilen gelöst oder
umgangen werden konnten. Passend zur Tabelle des YLSI (vgl. Anhang 1 und 3) wurden
Variablen ausgewählt, die als Indikatoren für die einzelnen Risikofaktoren dienen. Die
Operationalisierung konnte jedoch nicht an allen Stellen wie gewünscht erfolgen.
Problematisch zeigte sich unter anderem die Variable
straffällige Freunde
, welche als Indikator
für den Risikofaktor kriminelle Verbindungen eingesetzt wurde. Da fast 90% der Inhaftierten
angeben straffällige Freunde zu haben, ist es sehr schwierig einen eindeutigen Zusammenhang
aufzuzeigen. Eine mehrstufige Skala, hinsichtlich Intensität oder Anzahl der straffälligen
Kontakte oder ein weiterer passender Indikator hätten diesem Problem entgegenwirken können.
Auch die Variablen
kein Vertrauen (weiblich)
sowie
kein Vertrauen (männlich)
zeigten eine
sehr einseitige Verteilung, obwohl eine vierstufige Skala vorliegt. Hier stellt sich zudem die
Frage, ob Vertrauen in eine Bezugsperson ein guter Indikator für ein schlechtes Verhältnis zu
Mutter und/oder Vater darstellt. Möglicherweise hätten hier andere Indikatoren eine bessere
Anpassung erzielen können. Ebenfalls problematisch zeigte sich die Variable
Alkoholproblem.
Wie schon im Rahmen der Operationalisierung thematisiert, ist es für Mitarbeiter*innen des
Sozialdienstes oftmals schwierig die Konsum- bzw. Suchtbelastung mit Alkohol einzuschätzen.
Dadurch weist die Variable viele Missings auf, wobei ein selektiver Ausfall nicht
ausgeschlossen werden kann. Auch andere Variablen wie
Gewaltbereitschaft
zeigen eine
Vielzahl an fehlenden Werten, wodurch sich die Fallzahl, gerade im Vollmodell mit 256 Fällen,

62
deutlich reduziert hat. Da zu Beginn mit n=1088 eine große Stichprobe vorlag, erzeugt die
Fallzahlreduktion jedoch keine analyseeinschränkenden Probleme.
Die Risikofaktoren wurden jeweils mit nur einem Indikator operationalisiert, sodass eine
Gleichsetzung mit den Risikofaktoren nicht uneingeschränkt möglich. Je nach Risikofaktor
bedeutet das Vorliegen von lediglich einem Indikator ein klares Informationsdefizit. Der
Risikofaktor des antisozialen Persönlichkeitsmusters kann beispielsweise nur unzureichend
durch den Indikator
Gewaltbereitschaft
widergespiegelt werden. Dennoch können die
gewählten Variablen, unter Berücksichtigung dieses Umstandes, als hinreichende Indikatoren
für die jeweiligen Risikofaktoren betrachtet werden.
9
Schluss
Im Rahmen kriminologischer Forschung wird nach Gründen und Ursachen für delinquentes
bzw. kriminelles Verhalten gesucht. Hirschi (1969: 34) hingegen fragt im Rahmen der
Selbstkontrolltheorie was Menschen von kriminellem Verhalten abhält. Auch die
Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) folgen in diesem Denkmuster. Erklärtes Ziel des
RNR-Prinzips ist es die vorliegenden Risikofaktoren zu reduzieren bzw. zu eliminieren. Kann
ein Risikofaktor beseitigt werden, steigen für diejenige Person die subjektiven Kosten
delinquenten Verhaltens. Erfolgt eine Verbesserung der Lebenssituation einer bereits straffällig
gewordenen Person, indem sie beispielweise eine wichtige Bindung eingeht, einen
Ausbildungsplatz erhält oder eine Sucht erfolgreich bekämpft, kann ein solcher Umstand diese
Person davon abhalten weitere Straftaten zu begehen, um das Gewonnene nicht wieder zu
verlieren.
Im Rahmen der Arbeit wurde zuerst auf die spezielle Phase der Jugend und die
Berücksichtigung dieser im Strafrecht eingegangen. Darauffolgend wurde umfangreich über
die unterschiedlichen Rückfalldefinitionen sowie kriminologisch bekannte Phänomene im
Bereich von Rückfälligkeit berichtet. Um dem Hauptziel der Arbeit zu folgen, wurden
anschließend die Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) vorgestellt und im Rahmen
unterschiedlicher Hypothesen in multivariaten Modellen getestet.
Insgesamt kann der Einfluss der Risikofaktoren nach Andrews & Bonta (2010) auf
Rückfälligkeit im Rahmen dieser Arbeit bestätigt werden, da anhand der Analysen eindeutig
gezeigt werden konnte, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit mit der Anzahl der vorliegenden
Risikofaktoren steigt. Betrachtet man die Risikofaktoren einzeln, konnte nicht für jeden der
Indikatoren für die Risikofaktoren signifikante Ergebnisse nachgewiesen werden.

63
Die Risikofaktoren kriminelle Vorgeschichte, prokriminelle Einstellungen sowie prokriminelle
Verbindungen zeigten in die angenommene Richtung, konnten im Vollmodell jedoch keine
Signifikanz aufweisen. Möglicherweise konnte aufgrund fehlender Varianz in den dichotom
codierten Variablen kein signifikanter Zusammenhang hergestellt werden. Da diese drei
Faktoren den Risikofaktoren der Persönlichkeit (
Big Four)
zugeordnet werden können, könnte
eine komplexere Operationalisierung der Konstrukte von Nöten sein, um eindeutige Ergebnisse
zu erzielen.
Der Risikofaktor der Familie zeigt als einziger Risikofaktoren nicht in die angenommene
Richtung. Auch ist der Koeffizient des Faktors sehr klein und weist keine Signifikanz auf.
Somit kann der Einfluss des Risikofaktors Familie nicht gezeigt werden, obwohl diesem in
Literatur und Forschung ein hoher Einfluss zugesprochen wird (vgl. Agnew 2005; Sampson &
Laub 2005). Ursächlich ist möglicherweise eine nicht optimale Operationalisierung, da das
Vorhandensein und die Bindung zur Familie mittels der Vertrauensvariablen nicht hinreichend
widergespiegelt werden können.
Eine hohe Bedeutung konnte hingegen bei den Faktoren Gewaltbereitschaft respektive
antisozialer Persönlichkeitsmuster und Suchtmittelmissbrauch gezeigt werden. Diese
Risikofaktoren wurden nicht nur Andrews & Bonta (2010) identifiziert, sondern sie finden sich
auch im Rahmen der Selbstkontrolltheorie von Gottfredson & Hirschi (1990) wieder.
Erwähnenswert ist, dass diese Risikofaktoren, die einen starken Zusammenhang mit dem
Konstrukt der Impuls- und Selbstkontrolle aufweisen, in den vorliegenden Analysen einen
starken und signifikanten Einfluss auf Rückfälligkeit zeigten.
Auf den Risikofaktor des Suchtmittelmissbrauchs wurde in dieser Arbeit ein spezieller Fokus
gelegt. Jugendliche und junge Erwachsene, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen
und früh Probleme in der Schule oder im sozialen Umfeld zeigen, neigen eher dazu eine
Suchtmittelproblematik
zu
entwickeln,
da
die
Suchtmittel
zur
Bewältigung
der
vorherrschenden Probleme konsumiert werden und weniger Schutzfaktoren, wie familiäre
Unterstützung, vorliegen (vgl. Silbereisen & Reese 2001: 138ff). Suchtproblematiken haben
eine Eigendynamik, welche eine Stabilisierung oder Lebensstiländerung erschwert.
Gleichzeitig haben sie meist einen negativen Einfluss auf Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse
sowie auf zwischenmenschliche Beziehungen (vgl. Schalast 2019: 32). Dass sowohl das
Vorliegen einer Suchtproblematik als auch die Intensität der Suchtbelastung einen negativen
Einfluss auf die Rückfallwahrscheinlichkeit zeigen, konnte im Rahmen der Analysen belegt
werden. Ebenso konnte gezeigt werden, dass ein missbräuchlicher Drogenkonsum einen
höheren Einfluss auf die Legalbewährung hat als ein missbräuchlicher Alkoholkonsum. Grund

64
hierfür ist unter anderem, dass der Erwerb und Konsum illegal sind und deshalb in einem
subkulturellen Umfeld stattfinden, was einen besonders desintegrierenden Effekt hat. Zudem
sind erhebliche Mittel aufzuwenden, um den Erwerb illegaler Drogen zu finanzieren, weshalb
es eher zu Beschaffungskriminalität kommt als im Zuge einer Alkoholproblematik (vgl. ebd.:
32). Da die Variable
Alkoholproblematik
etwas problematisch ist (vgl. Abschnitt 8.4), bedarf
es einer erneuten wissenschaftlichen Überprüfung dieser Hypothese, um sie ggf. erneut zu
bestätigen. Ebenfalls feststellen lässt sich, dass die Fremdeinschätzung durch den Sozialdienst
eine bessere Anpassung der Ergebnisse erzielt als die Selbsteinschätzung durch die Inhaftierten.
Dies konnte im Exkurs zu Hypothese 10 gezeigt werden.
Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die
eine Haftstrafe im Jugendstrafvollzug verbüßen müssen, auch im Rahmen von
-XJHQGNULPLQDOLWlW Ä([WUHPIlOOH³ GDUVWHOOHQ 6RPLW ZHLVHQ viele von ihnen mehrere
Risikofaktoren auf was, wie diese und vorherige Arbeiten bestätigt haben, einen negativen
Einfluss auf die Legalbewährung hat. Um die Chancen dieser jungen Menschen zu erhöhen den
Weg in ein sucht- und straffreies Leben zu erreichen, stellt das RNR-Prinzip, welches die
5LVLNRIDNWRUHQ JH]LHOW ÄEHKDQGHOW³ HLQ SODXVLEOHV 0LWWHO GDU %LVKHULJH $QDO\VHQ NRQQWHQ
zeigen, dass Behandlungsmethoden nach dem RNR-Prinzip erfolgreichere Ergebnisse erzielen
konnten als andere (vgl. Wormith & Zidenberg 2018; Schmidt 2019). Eine erneute Überprüfung
der Wirksamkeit auf Rückfälligkeit im Rahmen des Jugendstrafvollzugs, wäre ein
vielversprechender Anknüpfungspunkt an diese Arbeit.

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76
11 Eigenständigkeitserklärung
Hiermit bestätige ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und keine
anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Die Stellen der Arbeit, die
dem Wortlaut oder dem Sinn nach anderen Werken (dazu zählen auch Internetquellen)
entnommen sind, wurden unter Angabe der Quelle kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde in
keiner anderen Prüfung als Abschlussprüfung vorgelegt.
____________________________
Datum, Unterschrift

image
77
12 Anhang
Anhang 1: Operationalisierungstabelle des YSLI nach Hoge & Andrews (1996)

78
Anhang 2: Operationalisierungstabelle aller Variablen
Abhängige Variable
Frageformulierung/Werteberei
ch
Arithmetisches
Mittel/Standardabweichu
ng
rd2_2jahre
Der Inhaftierte wurde innerhalb
von zwei Jahren nach
Haftentlassung erneut mit einer
bedingten oder unbedingten
Freiheitsstrafe verurteilt
1 = Rückfall
0 = kein Rückfall
Ursprüngliche Kodierung:
1= nur Maßregel oder Freispruch
oder kein neuer Eintrag
2 = Einstellung nach JGG
3 = jugendrichterliche
Maßnahme
4 = Geldstrafe
5 = Jugendarrest
6 = Schuldspruch
7 = Jugendstrafe mit Bewährung
9 = Freiheitsstrafe mit
Bewährung
10 = Jugendstrafe ohne
Bewährung
12 = Freiheitsstrafe ohne
Bewährung
Hier: 1 ± 6 = kein Rückfall
7 ± 12 = Rückfall
30,1% Rückfall
69,9% kein Rückfall
Unabhängige Variablen
vorherigehaft (S)
Ä:DUHQ6LHVFKRQPDO
LQKDIWLHUW"³
1 = ja
0 = nein
35,5% ja
64,5% nein
nicht_auseinander (F)
Der Gefangene setzt sich nicht
ernsthaft mit seiner Straftat
auseinander.
1= nein, setzt sich ernsthaft
auseinander
0 = ja, setzt sich nicht ernsthaft
auseinander
Ursprüngliche Kodierung:
4-stufige Skala von trifft gar
nicht zu (1) bis trifft vollständig
zu (4); Hier: 1-2 = nein, 3-4 = ja
58,3 % nein, setzt sich
ernsthaft auseinander
41,7% ja, setzt sich nicht
ernsthaft auseinander

79
gewaltbereitschaft (F)
Bei dem Gefangenen ist von
einer hohen Gewaltbereitschaft
auszugehen.
trifft gar nicht zu (1) ± trifft
vollständig zu (4)
31,4% trifft gar nicht zu
22% trifft allenfalls
ansatzweise zu
35,2% trifft annährend zu
11,5% trifft vollständig zu
gewalt_biv (F)
Bei dem Gefangenen ist von
einer hohen Gewaltbereitschaft
auszugehen.
1 = ja
0 = nein
Ursprüngliche Kodierung:
4-stufige Skala von trifft gar
nicht zu (1) bis trifft vollständig
zu (4); Hier: 1-2=nein, 3-4=ja
46,7% ja
53,3% nein
straffaellige_freunde (S)
Ä,FKKDEH)UHXQGHGLHEHUHLWV
StraftDWHQEHJDQJHQKDEHQ³
1 = ja
0 = nein
88,2% ja
11,8% nein
kein_vertrauen_weibl (S)
Über die weibliche
Bezugsperson:
:HQQGLH3HUVRQQRFKOHEWÄ'HU
3HUVRQYHUWUDXHLFKVHKU³
trifft vollständig zu (1) ± trifft
gar nicht zu (5)
74,6% trifft sehr zu
12,4% trifft eher zu
5,7% trifft allenfalls
ansatzweise zu
2,9% trifft eher nicht zu
4,3% trifft gar nicht zu
kein_vertrauen_weibl_bi
v (S)
Über die weibliche
Bezugsperson:
:HQQGLH3HUVRQQRFKOHEWÄ'HU
3HUVRQYHUWUDXHLFKVHKU³
1 = nein (Ausprägungen: 3 4 5)
0 = ja (Ausprägungen: 1 2)
87,1% ja
12,9% nein
kein_vertrauen_maennl
(S)
Über die männliche
Bezugsperson:
:HQQGLH3HUVRQQRFKOHEWÄ'HU
3HUVRQYHUWUDXHLFKVHKU³
trifft vollständig zu (1) ± trifft
gar nicht zu (5)
54,6% trifft sehr zu
19,8% trifft eher zu
10,4% trifft allenfalls
ansatzweise zu
4,7% trifft eher nicht zu
10,5% trifft gar nicht zu
kein_vertrauen_maennl_b
iv (S)
Über die männliche
Bezugsperson:
:HQQGLH3HUVRQQRFKOHEWÄ'HU
3HUVRQYHUWUDXHLFKVHKU³
1 = nein (Ausprägungen: 3 4 5)
0 = ja (Ausprägungen: 1 2)
74,4% ja
25,6% nein
leistung_schlecht
Der Gefangene zeigt schlechte
schulische/berufliche Leistung.
Programmiert aus den Variablen
schulabschluss, beruf_qual und
status
schulabschluss (Höchster bisher
erreichter Schulabschluss)
1 = kein Abschluss
57,9% ja
42,1% nein

80
2 = Sonder-
/Förderschulabschluss
3 = Hauptschulabschluss oder
äquivalent
4 = Höherer Abschluss
beruf_qual (Höchste bisher
erreichte berufliche
Qualifikation)
1 = keine berufliche
Qualifikation
2 = Lehrgangszertifikat
3 = Zwischenprüfung Lehre
4 = abgeschlossene Lehre oder
höhere Qualifikation
status (schulischer/beruflicher
Status unmittelbar vor
Haftantritt)
1 = arbeitslos
2 = schulische
Ausbildung/Förderung
3 = Beruflich
Ausbildung/Förderung
4 = erwerbstätig
Weist eine Person die
Kombination 1 - 1 - 1 auf, wird
es als schlechte Leistung (1)
bewertet, alle anderen
Kombinationen werden als nicht
schlechte Leistung (0) gewertet.
alkohol_problem (F)
Bei dem Gefangenen ist eine
erhebliche Suchtproblematik in
Bezug auf Alkohol erkennbar.
trifft gar nicht zu (1) ± trifft
vollständig zu (4)
36,5% trifft gar nicht zu
25,4% trifft allenfalls
ansatzweise zu
22,1% trifft annährend zu
16% trifft vollständig zu
alk_problem_biv (F)
Bei dem Gefangenen ist eine
erhebliche Suchtproblematik in
Bezug auf Alkohol erkennbar.
1 = ja (Ausprägungen: 3 4)
0 = nein (Ausprägungen: 1 2)
38,1% ja
61,9% nein
drogen_problem (F)
Bei dem Gefangenen ist eine
erhebliche Suchtproblematik in
Bezug auf Drogen erkennbar.
trifft gar nicht zu (1) ± trifft
vollständig zu (4)
25,5% trifft gar nicht zu
13,2% trifft allenfalls
ansatzweise zu
20,9% trifft annährend zu
40,5% trifft vollständig zu
drogen_problem_biv (F)
Bei dem Gefangenen ist eine
erhebliche Suchtproblematik in
Bezug auf Drogen erkennbar.
1 = ja (Ausprägungen: 3 4)
0 = nein (Ausprägungen: 1 2)
61,3% ja
38,7% nein
suchtmittel_prob
Variable aus alk_problem_biv
und drogen_problem_biv
Der
68,8% ja
31,2% nein

81
Gefangene weist eine
problematische Suchtbelastung
mit Alkohol und/oder Drogen
auf
1 = ja
0 = nein
risikofaktoren_sum
Summenindex aus den Variablen
vorherigehaft,
nicht_auseinander, gewalt_biv,
straffaellige_freunde,
kein_vertrauen_weibl_biv,
kein_vertrauen_maennl_biv,
leistung_schlecht,
alk_problem_biv,
drogen_problem_biv.
0 (kein Item mit
ÄMD³EHDQWZRUWHW-8 (8 von 9
,WHPVPLWÄMD³EHDQWZRUWHW
Mittelwert: 3,82
Median: 4,00
Std.-Abweichung: 1,518
konsum_sum (S)
Ä,FKKDWWHVFKRQHLQPDOGDV
Gefühl, dass ich meinen Konsum
von Alkohol und Drogen
UHGX]LHUHQVROOWH³
Ä0LFKKDWVFKRQMHPDQGGXUFK
Kritik an meinem Konsum von
Alkohol und Drogen ärgerlich
JHPDFKW³
Ä,FKKDEHPLFKVFKRQPDOZHJHQ
meines Alkohol- oder
Drogenkonsums schlecht oder
schuldLJJHIKOW³
Ä,FKKDEHVFKRQPDOPRUJHQVDOV
erstes Alkohol oder Drogen
konsumiert (gegen Unwohlsein
o. für nervliches
*OHLFKJHZLFKW³
Ich habe ein Alkohol- oder
'URJHQSUREOHP³
0 (kein Item mit
ÄMD³EHDQWZRUWHW± 5 (jedes Item
PLWÄMD³EHDQWZRUWHW
Mittelwert: 2,708
Median: 3,0
Std.-Abweichung: 1,791
straftat_sucht
Ä:LHVHKUVLQGGLHIROJHQGHQ
Dinge verantwortlich dafür, dass
Sie Straftaten begangen haben?:
$ONRKRO'URJHQ³
1 = etwas/sehr
0 = kaum/gar nicht
ursprünglich: gar nicht (1) ± sehr
(5); hier: 1-3 = kaum/gar nicht,
4-5 = etwas/sehr
42,4% kaum/gar nicht
57,6% etwas/sehr

82
Kontrollvariablen
alter_entlassung
Eigene Berechnung
15,61 ± 29,75
Mittelwert: 21,48
Median: 21,53
Std.-Abweichung: 1,93
Spannweite: 14,13
haftdauer_monate
Eigene Berechnung
2,99 ± 88,39
Mittelwert: 12,52
Median: 10,49
Std.-Abweichung: 7,67
Spannweite: 85,39
S = Selbstauskunft des Inhaftierten F = Fremdeinschätzung durch Sozialdienst

83
Anhang 3: Indikatorenauswahl zur Operationalisierung des YSLI nach Hoge & Andrews
(1996)
YSLI Subscale Measurements mit Daten aus den Fragebögen des kriminologischen
Dienstes Sachsen ergänzt
Subscales
Measures
Fragebogen
Variablenname
Prior and Current
Offenses/Dispositio
ns
Kriminelle
Vorgeschichte
Drei oder mehr
Vorstrafen
Zwei oder mehr
Verstöße gegen die
Vorschriften
Vorherige
Bewährung
Vorherige
Inhaftierung
Waren Sie schon mal
inhaftiert?
vorherigehaft
Drei oder mehr
aktuelle
Verurteilungen
Personality/
Behaviour
Antisoziales
Persönlichkeitsmus
ter
Übersteigertes
Selbstwertgefühl
(physisch) aggressiv
Bei dem Gefangenen
ist von einer hohen
Gewaltbereitschaft
auszugehen.
gewaltbereitschaft
Wutanfälle
Kurze
Aufmerksamkeitsspa
nne
Schwache
Frustrationstoleranz
Mangelnde
Schuldgefühle
Verbal aggressiv,
unverschämt
Attitudes/
Orientation
Antisoziale
Denkstile/ Haltung
Antisoziale/prokrimi
nelle Einstellungen
Keine Hilfe suchend
Der Gefangene setzt
sich ernsthaft mit
seiner Straftat
auseinander?
nicht_auseinanders
etzen
Aktiv Hilfe
ablehnend
Widersetzt sich der
Autorität
Herzlos, wenig
Rücksicht auf andere
Peer Relations
Antisoziale
Verbindungen
(Einige) straffällige
Bekannte
Ä,FKKDEH)UHXQGH
die bereits Straftaten
begangen
KDEHQ³MDQHLQ
straffaellige_freund
e

84
(Einige) straffällige
Freunde
Keine/wenige sozial
positive Bekannte
Keine/wenige sozial
positive Freunde
Family
Circumstances/Par
entin
Familie/ Eltern
Unzureichende
Beaufsichtigung
Schwierigkeiten bei
Verhaltenskontrolle
Unangebrachte
Disziplinierung
Inkonsequente
Erziehung
Schlechte Beziehung
(Vater/in der Jugend)
Männliche
Bezugsperson. Wenn
die Person noch lebt:
Ä'HU3HUVRQ«
- vertraue ich sehr
(trifft gar nicht zu,
trifft sehr zu)
kein_vertrauen_ma
ennl
Schlechte Beziehung
(Mutter/in der
Jugend)
Weibliche
Bezugsperson. Wenn
die Person noch lebt:
Ä'HU3HUVRQ«
- vertraue ich sehr
(trifft gar nicht zu,
trifft sehr zu)
kein_vertrauen_wei
bl
Leisure/Recreation
Erholung/Freizeit
wenige organisierte
Aktivitäten
Könnte Zeit bessser
nutzen
Keine persönlichen
Interessen
Education/Employ
ment
Schule/Arbeit
Störendes Verhalten
im Klassenraum
Störendes Verhalten
auf dem
Schulgelände
Geringe/Schlechte
Leistung
Höchster erreichter
Schulabschluss vor
der Haft?
UND/ODER
Höchste erreichte
berufliche
Qualifikation?
s
chulabschluss
beruf_qual
Probleme mit
Mitschülern/
Gleichaltrigen

85
Probleme mit
Lehrern
Schulschwänzen
Arbeitslos/nicht auf
Arbeitssuche
Status unmittelbar vor
Haftantritt (Auswahl):
arbeitslos, in
schulischer
Ausbildung/Förderun
g, in beruflicher
Ausbildung/Qualifizie
rung, Sonstiges
status
Substance Abuse
Suchtmittelkonsum
/-missbrauch
Gelegentlicher
Drogenkonsum
Chronischer/Regelmä
ßiger Drogenkonsum
Bei dem Gefangenen
ist eine erhebliche
Suchtproblematik in
Bezug auf Alkohol
erkennbar?
alkohol_problem
Chronischer/Regelmä
ßer Alkoholkonsum
Bei dem Gefangenen
ist eine erhebliche
Suchtproblematik in
Bezug auf Drogen
erkennbar?
drogen_problem
Suchtmittelkonsum
interferiert mit Leben
Ä,FKKDWWHVFKRQ
einmal das Gefühl,
dass ich meinen
Konsum von Alkohol
und Drogen
reduzieren
VROOWH³MDQHLQ
Ä0LFKKDWVFKRQ
jemand durch Kritik
an meinem Konsum
von Alkohol und
Drogen ärgerlich
JHPDFKW³MDQHLQ
Ä,FKKDEHPLFKVFKRQ
mal wegen meines
Alkohol- oder
Drogenkonsums
schlecht oder schuldig
JHIKOW³MDQHLQ
Ä,FKKDEHVFKRQPDO
morgens als erstes
Alkohol und Drogen
konsumiert, um mein
Unwohlsein
loszuwerden oder
mich nervlich wieder
Itembatterie
erstellt:
konsum_sum

86
ins Gleichgewicht zu
EULQJHQ³MDQHLQ
Ä,FKKDEHHLQ
Alkohol- oder
'URJHQSUREOHP³MDQ
ein)
Suchmittekonsum
hängt mit Straftaten
zusammen
Wie sehr sind die
folgenden Dinge
verantwortlich dafür,
dass Sie Straftaten
begangen haben?
(Auswahl)
Alkohol, Drogen
straftat_sucht

image
87
Anhang 4: Multikollinearitätstabelle mit allen unabhängigen Variablen und Kontrollvariablen

88
Anhang 5: Logistische Regression der einzelnen Risikofaktoren (
Big Four)
Rückfall
r
Modell1
Modell2
Modell3
Modell4
Modell5 ±
Big Four
Vorherige Haft
0,058
0,515
0,412
Nicht
Auseinandersetzen
0,114
+
0,580
+
0,490
Gewaltbereitschaft
0,164**
0,394*
0,388*
Straffällige
Freunde
0,038
0,252
0,340
Alter bei
Entlassung
-0,161**
-0,245*
-0,213*
-0,218**
-0,214**
-0,237**
Haftdauer in
Monaten
0,70
0,024
0,027
0,014
0,022
0,018
n
Nagelkerke R
2
n = 256
R
2
= 0,061
n = 256
R
2
= 0,067
n = 256
R
2
= 0,080
n = 256
R
2
= 0,048
n = 256
R
2
= 0,108
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00

89
Anhang 6: Logistische Regression der einzelnen Risikofaktoren (
Moderate Four
)
Rückfall
r
Modell 1
Modell 2
Modell 3
Modell 5 ±
Moderate
Four
Kein Vertrauen
(weibl.)
-0,057
-0,083
-0,071
Kein Vertrauen
(männl.)
-0,025
-0,005
-0,024
Schlechte Leistung
0,122
+
0,460
0,338
Alkoholproblem
0,102
0,223
0,199
Drogenproblem
0,177**
0,358**
0,353*
Alter bei Entlassung
-0,161**
-0,209*
-0,185*
-0,243**
-0,214*
Haftdauer in
Monaten
0,070
0,022
0,026
0,021
0,023
n
Nagelkerke R
2
n = 256
R
2
= 0,048
n = 256
R
2
= 0,059
n = 256
R
2
= 0,108
n = 256
R
2
= 0,116
Anmerkungen: + p < .1; * p < 0.05; ** p < 0.01; *** p < 0.001

90
Anhang 7: Logistische Regression mit Summenindexvariable der Risikofaktoren (zu
Hypothese 8)
Rückfall
r
Modell 1
Modell 2
Risikofaktoren_sum
0,192***
0,295***
0,310***
Alter bei Entlassung
-0,155***
-0,213***
Haftdauer in Monaten
0,115*
0,042**
n
Nagelkerke R
2
n = 505
R
2
= 0,053
n = 505
R
2
= 0,111
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00

91
Anhang 8: Logistische Regression mit Interaktionsvariablen (zu Hypothese 9)
Rückfall
r
Modell 1
Modell 2
Vollmodell
Vorherige Haft
0,058
-0,477
-0,672
-0,334
Vorherige Haft*Suchtmittel
Problem
0,166
+
0,726
0,957
0,803
Nicht Auseinandersetzen
0,114
+
0,348
0,283
0,326
Nicht
Auseinandersetzen*Suchtmittel
Problem
0,143*
0,068
0,192
0,126
Gewaltbereitschaft
0,164**
0,493
+
0,466
0,420
Gewaltbereitschaft*Suchtmittel
Problem
0,195**
-0,165
-0,078
-0,062
Straffällige Freunde
0,038
-0,231
-0,301
-0,513
Straffällige Freunde*Suchtmittel
Problem
0,166**
0,923
1,087
1,249
Kein Vertrauen weiblich
0,057
-0,034
0,021
Kein Vertrauen
weiblich*Suchtmittel Problem
0,060
-0,085
-0,071
Kein Vertrauen männlich
0,025
0,133
0,193
Kein Vertrauen
männlich*Suchmittel Problem
0,065
-0,198
-0,274
Schlechte Leistung
0,122
+
0,681
0,424
Schlechte Leistung*Suchtmittel
Problem
0,173**
-0,046
0,073
Alter bei Entlassung
0,161*
-0,227*
Haftdauer in Monaten
0,070
0,018
n
Nagelkerke R
2
n = 256
R
2
= 0,089
n = 256
R
2
= 0,119
n = 256
R
2
= 0,153
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00

92
Anhang 9: Exkurs: Logistische Regression mit Suchtvariablen (Selbstauskunft und
Fremdeinschätzung)
Rückfall
r
Modell1
Modell 2
Vollmodell
Konsum_sum
0,071
0,099
+
0,007
Alkoholproblem
0,099*
0,194*
0,192*
Drogenproblem
0,127**
0,241**
0,236*
Alter bei Entlassung
0,172***
-0,229***
-0,236***
-0,236***
Haftdauer in Monaten
0,047
0,018
0,018
0,018
n
Nagelkerke R
2
n = 510
R
2
= 0,058
n = 510
R
2
= 0,85
n = 510
R
2
= 0,085
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00

93
Anhang 10: Logistische Regression mit Straftat wegen Sucht-Variable (Hypothese 12)
Rückfall
r
Modell 1
Modell 2
Straftat Sucht
0,071*
0,326*
0,318
+
Alter bei Entlassung
0,155***
-0,197***
Haftdauer in Monaten
0,071*
0,022*
n
Nagelkerke R
2
n = 793
R
2
= 0,007
n = 793
R
2
= 0,051
Anmerkungen: +p < 0,1; *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,00