Universität Leipzig
Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie
Institut für Soziologie
Sozialisation und Interaktion
Prof. Dr. Kurt Mühler
Masterarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts (M.A.)
(Re-)Sozialisierung junger Strafgefangener -
Soziale Bindungen als Einflussfaktor auf die Rückfälligkeit
Vorgelegt von:
Name:
Katharina Spanaus
Matrikelnummer:
3414179
E-Mail:
katharina.spanaus@yahoo.de
Studiengang:
M.A. Soziologie, 6. Fachsemester
Leipzig, der 27.08.2020

Inhaltsverzeichnis
1
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis………………………………………………………………..………… 3
Tabellenverzeichnis…………………………………………………………………………….. 4
1 Einleitung…………………………………………………………………………………….. 5
2 Fragestellung der Untersuchung……………………………………………………......... 8
3 Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener…………………………………………… 9
3.1 Adoleszenz und Delinquenz - Die Relevanz sozialer Bindungen…………….. 9
3.2 Der Jugendstrafvollzug als Sozialisationsinstanz………………………………. 15
3.2.1 Angebote und Mitwirkung…………………………………………….. 17
3.2.2 Das Soziotop Jugendstrafvollzugsanstalt….……………………….. 19
3.3 Legalbewährung und Rückfälligkeit…….……………………………….……….. 22
3.3.1 (Miss-)Erfolgsindikatoren……………………………………………... 22
3.3.2 Bedingungsfaktoren erfolgreicher Reintegrationsverläufe nach
dem Dreiphasen-Modell………………………………………………. 24
4 Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung…………………………………… 26
4.1 Die Ambivalenz der Bezugspersonen……………………………………………. 26
4.1.1 Mitinsassen und Bedienstete ………………………………………… 27
4.1.2 Familie und Freunde………………………………………………….. 29
4.2 Auswirkungen sozialer Bindungsfaktoren……………………………………….. 31
4.2.1 Identität, Lernen und Integrationsstreben…………………………... 31
4.2.2 Kontrolle und Legalbewährung………………………………………. 33
4.3 Mitwirkung und Rückfälligkeit im sozialen Kontext……………………………... 34
5 Hypothesen………………………………………………………………………………….. 37
5.1 Haftbezogene-, Extramurale Einbindung und Mitwirkung als Wirkfaktor…….. 37
5.2 Extramurale Bindungen, Mitwirkung und Rückfälligkeit im Zusammenhang....39
6 Empirisches Vorgehen……………………………………………………………………... 41
6.1 Datengrundlage…………………………………………………………………….. 41
6.2 Operationalisierung………………………………………………………………… 43
6.2.1 Abhängige Variablen………………………………………………….. 43
6.2.2 Unabhängige Variablen………………………………………………. 44
6.2.3 Kontrollvariablen………………………………………………………. 45
6.3 Stichprobenbeschreibung…………………………………………………………. 47
7 Ergebnisse…………………………………………………………………………………... 50
7.1 Deskriptive Befunde zur Rückfälligkeit…………………………………………... 50

Inhaltsverzeichnis
2
7.2 Befunde zu Mitwirkung und Rückfälligkeit………………………………………. 51
7.3 Befunde zu Mitwirkung und sozialen Einbindungen……………………………. 52
7.4 Befunde zu Rückfälligkeit und sozialen Bindungen…………………………….. 55
7.4.1 Förderliche Familien-, Freundes- und Partnerbeziehungen……… 55
7.4.2 Arbeit und Ausbildung………………………………………………… 57
7.4.3 Delinquente Peers…………………………………………………….. 59
7.5 Logistische Regressionsmodelle …………………………………………………. 60
7.6 Diskussion…………………………………………………………………………... 62
8 Zusammenfassung und Ausblick …………………………………………………………. 65
Literatur………………………………………………………………………………………. 67
Anhang………………………………………………………………………………………. 74
Eigenständigkeitserklärung

Abbildungsverzeichnis
3
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1:
Postulierte Wirkungszusammenhänge………………………………………... 40
Abbildung 2:
Altersverteilung zu Haftbeginn und -ende…………………………………….. 47
Abbildung 3:
Ausbildungs- / Berufsstatus vor Haftantritt……………………………………. 48
Abbildung 4:
Schwerste stationäre Sanktionserfahrung (ohne U-Haft)…………………… 49
Abbildung 5:
Rückfälligkeit nach Kriterien……………………………………………………. 50
Abbildung 6:
Rückfälligkeit nach Mitwirkung…………………………………………………. 52
Abbildung 7:
Rückfälligkeit nach extramuralen Beziehungen……………………………… 56
Abbildung 8:
Überlebensraten nach Familienbeziehung…………………………………… 57
Abbildung 9:
Überlebensraten nach schulischer / beruflicher Einbindung………………... 58

Tabellenverzeichnis
4
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1:
Übersicht Rückfalldefinitionen…………………………………………………….. 23
Tabelle 2:
Korrelationen Mitwirkung und soziale Einbindungen…………………………… 53
Tabelle 3:
Logistische Regression - Rückfälligkeit in Abhängigkeit von Mitwirkung,
sozialen Einbindungen und Kontrollvariablen…………………………………… 60

Einleitung
5
1 Einleitung
Im Vergleich mit anderen strafrechtlichen Sanktionen weist der Jugendstrafvollzug mit rund
70% Entlassenen, die innerhalb von drei Jahren erneut straffällig werden und einem Anteil an
Vollzugswiederkehrern von 35% die höchsten Rückfallraten auf (vgl. Jehle 2013: 54). Obschon
in der Jugendstrafanstalt (JSA) besonders Jugendliche und Heranwachsende mit ungünstiger
Legalprognose ihre Strafe verbüßen und die Kriminalitätsbelastung im Jugendalter besonders
hoch ist, verdeutlichen diese Befunde die Problematik der Intervention krimineller Laufbahnen.
Dementsprechend aufgeladen ist der Diskurs um die Wirksamkeit des Gefängnisses als
Sozialisationsinstanz für junge Strafgefangene. So wurde die Verbindung zwischen Erziehung
und Strafe schon in jedweder Konstellation thematisiert: „[…] Erziehung
statt
Strafe, Erziehung
und
Strafe, Erziehung
als
Strafe, Erziehung
in der
Strafe, Erziehung
neben der
Strafe,
Erziehung
durch
Strafe, Strafe
statt
Erziehung, Strafe
als
Erziehung etc.“ (Müller 1993: 218;
Hervorhebung im Original). Der Wandel im Jugendstrafrecht in den vergangenen Jahrzehnten
zu einer behandlerischen Vollzugsausgestaltung vermochte das systemimmanente
Spannungsfeld nicht aufzulösen. So charakterisiert die öffentlichen und fachlichen Debatten
ein breites Meinungsfeld zwischen schädlicher Wirkung, Wirkungslosigkeit oder relativem
Erfolg des Jugendstrafvollzugs. Zwar existiert eine Vielzahl an Rückfallstudien, welche in der
Vergangenheit auch auf internationaler Ebene durchgeführt wurden (zum Überblick Jehle et
al., 2016; Kerner et al., 2017). Einen Beitrag zur Fragestellung der Wirkung der Haftstrafe auf
die individuelle Entwicklung vermögen diese vormals deskriptiven Ergebnisberichte jedoch
nicht zu leisten. Es fehlt sowohl an empirischer Evidenz über die Effekte einer Strafhaft auf
Individualebene als auch an theoriegeleiteten Erklärungsansätzen zu Einflussfaktoren auf die
individuellen Resozialisierungsverläufe (Greve et al. 1997; Beereswill 2018; Boxberg 2018).
Die Bedeutsamkeit des Forschungsinteresses ergibt sich aus kriminalpolitischer Sicht primär
aus der Frage des ‚Wie‘ des Strafvollzugs, da die Institution vorerst nicht ersatzlos aus dem
Rechtssystem entfallen kann. Die Herausforderung liegt letztlich in der individuellen Förderung
unter nicht auflösbaren Dilemmata. Dazu zählt die Resozialisierung in gesellschaftlicher
Isolation, das Lernen in Unfreiheit und die Entwicklung unter Risiko (vgl. Walkenhorst &
Fehrmann 2018: 295f.). Die Bewältigung der individuellen Entwicklungsaufgaben und eine
Abkehr von Kriminalität findet im sozialen Kontext statt. Diese sozialen Einflechtungen können
sich positiv auf die Kriminalprognose auswirken oder aber erneute Straffälligkeit begünstigen.
Dabei wirken eine Vielzahl von unterschiedlichen Faktoren auf die Wahrscheinlichkeit erneut
straffällig zu werden. Die internationale Literatur im Problemfeld verweist wiederholt auf die
Prädiktoren Alter, Haftlänge, kriminelle Vorgeschichte sowie abweichendes Verhalten in der

Einleitung
6
Kindheit (Gendreau et al. 1996; Cottle et al. 2001; Langan & Levin 2002). In differenziert
konzipierten Untersuchungen haben sich neben diesen statischen Prädiktoren jedoch
zunehmend dynamische Faktoren als bedeutungsvoll in der Erklärung von Rückfälligkeit
erwiesen (vgl. Dahle 2005: 13). So stellten sich unter anderem bei Grieger und Hosser (2013)
in einer Rückfallanalyse von Gefangenen die ‚moderate four‘ - Risikofaktoren nach Andrews
und Bontas (2010) Modell der Straftäterrehabilitation als zentral heraus. Familienbeziehungen,
Schulbezogene Aspekte, Freizeitgestaltung und Drogenkonsum zeigten eine hohe prädiktive
Validität für Rückfälligkeit.
Welche Bedeutungsschwere der sozialen Komponente besonders bei jungen Straftätern
zukommt, bleibt indes oft ungeklärt. Auf nationaler Ebene konnten die Forschungsreihen von
Greve et al. (1997) sowie Stelly und Thomas (2005) erste Eindrücke zum Themenfeld soziale
Beziehungen und Rückfall vermitteln. Das formulierte Ziel der erstgenannten Autoren sollte es
sein, durch eine Längsschnittuntersuchung Effekte der Hafterfahrung jugendlicher und
heranwachsender Erstinhaftierter möglichst unabhängig von anderen kriminogenen Faktoren
der individuellen Delinquenz zu identifizieren. Die Befunde sprechen für ambivalente
Wirkungen der Kontakte inner- und außerhalb des Vollzugs (vgl. Hosser 2000: 160). Die Daten
der Forschungsreihe nutzte Boxberg (2018) für eine umfangreiche Studie der
Lebenskonstellationen der Jugendstrafgefangenen im Reintegrationsverlauf. Mittels
Clusteranalysen wurden bestimmte Merkmalskonstellationen vor der Inhaftierung, im
Haftverlauf sowie nach Entlassung auf ihre Wirkung hinsichtlich Sozial- und Legalbewährung
untersucht. Als bemerkenswert ist die Konklusion zu beurteilen, dass die Inhaftierungszeit
mehr als die Vorhaftzeit, die Schnelligkeit und Schwere des Rückfalls bestimmt und es
signifikante Unterschiede zwischen den Inhaft-Cluster-Typen hinsichtlich Legalbewährung gibt
(vgl. Boxberg 2018: 300). Stelly und Thomas (2005) resümierten im Zuge der Tübinger
Jungtäter-Vergleichsuntersuchung (TJVU), dass prosoziale Beziehungen als protektive
Faktoren wirken können, welche ein Ende der strafrechtlichen Auffälligkeiten wahrscheinlicher
machen. Dies gelte auch bei schwerer oder wiederholter Kriminalität, wie sich im
Kontrastgruppenvergleich des untersuchten Häftlings- und Vergleichssamples zeigte (vgl.
Stelly & Thomas 2005: 527f.).
Vereint man die Erkenntnisse, so lassen sich zwei Kernpunkte zur Wirkung sozialer
Beziehungen formulieren. Zum einen fungieren prosoziale Bindungen als Schutzfaktoren vor
Rückfälligkeit, zum anderen hat das haftimmanente Sozialgefüge einen Einfluss auf den
Ausgang nach Entlassung. Diese Dualität macht eine differenzierte Betrachtung der
Bindungsfaktoren umso gewichtiger. Wo liegen Chancen und Risiken für die Legalbewährung
im sozialen Nahfeld der Jugendstrafgefangenen? Wie können diese aus
kriminalprognostischer Sicht bestmöglich in das Resozialisierungsziel eingebunden werden?

Einleitung
7
Für ein männliches Gefangenen-Sample der sächsischen JSA Regis-Breitingen soll diese
Ausdifferenzierung vollzogen werden. Von Interesse ist einerseits, wie die Bindungen inner-
und außerhalb der Haftanstalt die individuellen Reintegrationsbemühungen beeinflussen und
andererseits, in welchem Ausmaß die sozialen Bindungen nach Entlassung Risiko- oder
Schutzfaktoren für oder vor Rückfälligkeit darstellen. Zudem soll eine Einordnung der sozialen
Dimension sowie der individuellen Bereitschaft zur Mitwirkung in das Erklärungsgefüge zur
Rückfälligkeit geschehen. Dafür stehen sowohl Bundeszentralregisterauszüge der
Jugendstrafgefangenen als auch Fragebögen des Gefängnisses bereit, welche die Basis der
empirischen Analyse bilden.
An diese einleitenden Worte schließt im nächsten Gliederungspunkt die Vorstellung der
konkreten Fragestellung der Untersuchung an. Im Zuge dessen werden Ziele und Grenzen
der vorliegenden Arbeit aufgezeigt. Den theoretischen Teil der Arbeit leitet das dritte Kapitel
ein, welches in das Themenfeld adoleszente Täterschaft und Jugendstrafvollzug einführt.
Stets von Relevanz sind in diesem Zusammenhang die sozialen Einbindungen sowie die
Lebensphase Jugend als kontextgebende Faktoren. Dabei werden differente
Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener von der Genese, bis hin zur Verfestigung
delinquenter Verhaltensweisen erläutert. Auf mesostruktureller Ebene interessiert im
Besonderen die Rolle der Jugendstrafanstalt als Sozialisationsraum und deren Zielsetzungen.
Als Resultat individueller Entwicklungen und institutioneller Bestrebungen werden sowohl
Legalbewährung und Rückfälligkeit als (Miss-)Erfolgsindikatoren als auch Bedingungsfaktoren
erfolgreicher Resozialisierungsverläufe angesprochen. Auf Basis dessen folgt im vierten
Kapitel die theoretische Konzeption der sozialen Bindungen im Jugendstrafvollzug unter
Beachtung der Ambivalenz der Beziehungen. Demnach verlangen die Auswirkungen der
sozialen Bindungen in deren Bezugseben nach einem multifaktoriellen theoretischen Zugang,
welcher sich in der Synthese ineinandergreifender Annahmen erweiterten Erklärungswert
verspricht. Die Ableitung der zu prüfenden Hypothesen markiert zugleich den Übergang zum
empirischen Teil der Arbeit. Auf die Vorstellung der Datengrundlage, unter Berücksichtigung
der Problemstellungen im Umgang mit Bundeszentralregisterdaten, folgen methodische
Ausführungen zu den angewandten Operationalisierungen. An eine knappe Beschreibung der
Stichprobe hinsichtlich soziodemographischer und haftrelevanter Merkmale der Probanden
schließen erste deskriptive und bivariate Ergebnisse an. Die postulierten
Wirkungszusammenhänge werden schließlich in logistischen Regressionsmodellen einer
multivariaten Testung unterzogen. In der darauffolgenden Diskussion werden die Befunde
kritisch ausgewertet und Perspektiven für weitergehende Forschung im Problemfeld
aufgezeigt. Abschließend werden die zentralen Überlegungen und Befunde
zusammengefasst.

Fragestellung der Untersuchung
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2 Fragestellung der Untersuchung
In Anlehnung an die Erkenntnisse von Stelly und Thomas (2005) sowie Boxberg (2018) ist es
das erklärte Ziel der Arbeit, die ambivalenten Wirkungen sozialer Bindungen auf die
Reintegration junger Strafgefangener differenziert auszuarbeiten und im Hinblick auf die
Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden zu untersuchen. Dabei liegt der Fokus auf den
sozialen Bindungen nach Entlassung und das Ausmaß des Einflusses auf die
Kriminalprognose. Zusätzlich soll ermittelt werden, wie die Einbindungen inner- und außerhalb
der Anstalt die individuelle Mitwirkung am Vollzugsziel prägen. Ausgehend von einem
handlungstheoretischen Modell wird die Rückfälligkeit des Gefangenen im Rahmen sozialer
Lern- und Kontrollprozesse betrachtet und schließlich abgewogen, welche Möglichkeiten der
institutionellen Intervention trotz systemimmanenter Dilemmata und sozialer
Ausgangsstrukturen gegeben sind. Aus diesem Vorhaben ergibt sich folgende Fragestellung:
Wie und in welchem Ausmaß beeinflussen die sozialen Einbindungen inner- und außerhalb
des Haftkontexts die individuelle Mitwirkung in Haft und die Rückfälligkeit nach Entlassung?
Der Fragestellung des ‚Wie‘ ist ein ambivalentes Verständnis der Auswirkungen sozialer
Bindungen implizit, welches es im Zuge der theoretischen Ausführungen zu konkretisieren gilt.
Das Ausmaß der Wirkung soll den Stellenwert sozialer Bindungsfaktoren zwischen relevanten
personalen und kriminogenen Aspekten der Rückfallerklärung aufzeigen. Zusätzlich wird der
soziale Kontext, in welchem die Resozialisierungsbemühungen und letztlich die Reintegration
greifen sollen auf Chancen und Risiken hin bewertet. Die Untersuchung trägt nicht den
Anspruch einen umfassenden Erklärungsansatz zu erneuter Straffälligkeit nach
Haftentlassung darzubieten. Vielmehr soll versucht werden, vertieftes Wissen über bestimmte
soziale Bedingungsfaktoren erfolgreicher und gescheiterter Reintegrationen in der Stichprobe
zu generieren, welches es in weiteren Analysen zu überprüfen gilt. Dabei kann die
Vielschichtigkeit der Reintegration in dem vereinfachten Verständnis von Straffreiheit als
Präsumtion gelungener Resozialisierung nur bedingt erfasst werden. Zugleich lassen sich
aufgrund der Datenlange keine individuellen Verläufe modellieren, sondern lediglich
bestimmte Teilaspekte als potentielle Wirkfaktoren betrachten. Auch methodisch birgt die
Verwendung von Gefangenendaten einige Herausforderungen, auf welche im Verlauf der
Arbeit eingegangen wird. Ungeachtet dessen stellt die Untersuchung sozialer Aspekte einen
Erkenntnisgewinn zum ‚Wie‘ des Strafvollzugs dar, denn individuelle Entwicklung geschieht im
sozialen Kontext und ein Aufzeigen möglicher Interventions- oder Förderpotentiale im sozialen
Nahraum erhöht die Chancen erfolgreicher Resozialisierung.

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
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3 Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
Die vorangegangenen Ausführungen sollten die Bedeutsamkeit eines theoriegeleiteten
Vorgehens für das Vorhaben verdeutlicht haben, umso essentieller erscheint die sukzessive
Annäherung an den Forschungsgegenstand. Den Einstieg bilden Vorbetrachtungen zur
Untersuchungspopulation Jugendstrafgefangene. Stets von Relevanz ist dabei die
Lebensphase Jugend als kontextgebender Faktor sowie die Bedeutsamkeit sozialer
Bindungen in der Genese beziehungsweise des Abbruchs delinquenter Handlungen. Dabei
stellt die Kontinuität beziehungsweise Diskontinuität der Straffälligkeit den entscheidenden
Faktor zur Ausdifferenzierung dar. Unter dem Leitgedanken der Sozialisation durch Interaktion
soll im darauffolgenden Schritt das soziale Milieu JSA in seiner Dichotomie als Chancenraum
und Risikoumgebung identifiziert und zugleich Informationen zur JSA Regis-Breitingen
vermittelt werden. Diese mesostrukturelle Betrachtung bindet eine kritische
Auseinandersetzung mit dem Vollzugziel sowie eine knappe Darstellung der Angebote und
Maßnahmen, welche der praktischen Realisierung des Erziehungsauftrages dienen, ein. Auf
der Akteursebene interessiert die individuelle Bereitschaft zur Mitwirkung als basaler Faktor
zur Annahme und Umsetzung institutioneller Hilfestellungen. Den Abschluss der
Vorbetrachtungen bildet eine Einordnung der verwendeten Rückfalldefinition im Zuge der
Diskussion anwendbarer Mittel der (Miss-)Erfolgsmessung sowie die Darstellung des
Dreiphasen-Reintegrationsmodells nach Stelly und Thomas (2004) auf welches in der
theoretischen Konzeption aufgebaut werden soll.
3.1 Adoleszenz und Delinquenz – Die Relevanz sozialer Bindungen
Spricht man von Jugendlichen und Heranwachsenden als Straftätern ist es zunächst einmal
notwendig die strafrechtlich relevanten Altersklassen im juristischen Sinne aufzugliedern. Als
Jugendliche und damit strafrechtlich bedingt verantwortlich gelten 14 bis unter 18-Jährige (§1
JGG). Im Alter von 18 bis unter 21 Jahren ist der Tatverdächtige als Heranwachsender
einzuordnen und zählt somit als grundsätzlich voll verantwortlich. Unter bestimmten
Voraussetzungen kann auch auf letztere Gruppe ein Sonderstrafrecht, in diesem Fall das
Jugendstrafrecht angewandt werden (§105 JGG). Der Grund für die Abgrenzung gegenüber
dem Erwachsenenstrafrecht liegt in der Annahme, dass junge Menschen zwar verantwortlich
für ihre Handlungen sind, diese Verantwortlichkeit jedoch im Rahmen der Entwicklungsphase
Jugend eingeschränkt ist. Des Weiteren geht man rechtlich von einer grundsätzlichen

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
10
Erziehbarkeit und einem erweitertem Kontrollbedürfnis Jugendlicher und Heranwachsender
aus, welches in einer gesondert-institutionalisierten Zuständigkeit für diese mündet (vgl.
Scherr 2018: 18).
Die Jugendkriminalität als Diskursthematik wird durch drei zentrale Merkmale erfasst:
Ubiquität, Bagatellcharakter sowie Episodenhaftigkeit. Diese Trias fungieren als Basis zur
Beschreibung jugendlicher Delinquenz in ihrer Verbreitung und Entwicklung (vgl. Eifler &
Schepers 2011: 160). Der Bagatellcharakter der Straftaten definiert sich zumeist über
spontane, minder schwere Diebstahls-, Gewalt-, Sachbeschädigungs- sowie
Betäubungsmittel-Delikte, wobei in einer Vielzahl der Fälle Gruppendynamiken eine
gewichtige Rolle zukommt (vgl. Schwind 2013: 73). Dies gilt nicht nur für die gemeinschaftliche
Begehung der Tat, sondern ebenso für die Motivation dafür. Sowohl die Zugehörigkeit zu einer
dissozial-wirkenden Peer-Gruppe als auch die erfahrene familiale Sozialisation sind
maßgebend für das Ausmaß abweichenden Verhaltens Jugendlicher und Heranwachsender
(vgl. Boers et al. 2014: 193). Die Straffälligkeit dieser Personengruppe ist demnach in
besonderem Maße mit einer sozialen Komponente assoziiert.
Als primäre Sozialisationsinstanz nehmen die Eltern eine zentrale Rolle im Erlernen jener
Kompetenzen ein, die den Nachwuchs für seinen weiteren Lebensweg prägen. Zahlreiche
Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Erziehungsverhalten, familialen Kontext und
deviantem Verhalten sind zu dem Konsens gekommen, dass die elterliche Sozialisation einen
entscheidenden Prädiktor für Jugendkriminalität darstellt. Schwache emotionale Beziehungen
innerhalb der Familie, inkonsistentes Monitoring und inadäquate Disziplinierung der Kinder
bilden die familial bedingten Ursachen antisozialen Verhaltens (Loeber et al. 2005; Horn 1996;
Johnson et al. 2004). Heterogen angelegte Studien identifizierten im Erfahren innerfamiliärer
Gewalt und des Alkohol- oder Drogenkonsums der Eltern eine Verstärkung abweichender
Tendenzen des Nachwuchses (Melzer & Jakob 2002; Doering & Baier 2011). Unzureichende
Kindesbindung, Vernachlässigung sowie mangelnde Unterstützungserfahrungen stellen
vulnerabilisierende Faktoren in der Kindesentwicklung dar (vgl. Hosser 2000: 47). Die
Ausgestaltung und Umsetzung des Erziehungsauftrages hängt in hohem Maße von den
gegebenen Familienstrukturen ab. Oftmals befinden sich unter den Straftätern vermehrt
Jugendliche und Heranwachsende, die aus zerrüttenden Ursprungsfamilien stammen. Das
legt die Vermutung nahe, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen delinquentem
Verhalten und familialen Strukturen gibt. Sampson und Laub (1993) konkludierten in der
Reanalyse der Studie ‚Unraveling Juvenile Delinquency‘ der Gluecks (1950; 1968; 1974), „[…]
that in families in which there is only one parent, frequent moves, and a pattern of deviant
parental conduct, parents are more likely to exhibit indifference or hostility toward their
children.” (Laub & Sampson 1993: 81) Nachfolgende Studien, wie etwa McCords (1993)

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
11
Analyse, welche auf die soziale Schicht der Eltern kontrollierte, fanden Hinweise auf einen
indirekten Zusammenhang. Demnach beeinflusst das Fehlen eines Elternteils deviantes
Verhalten nicht direkt, jedoch können Folgeerscheinungen dessen, wie etwa mangelnde
Fürsorge starke Prädiktoren sein (vgl. McCord 1993: 322). Ungünstige familiale Verhältnisse
und mangelhafte Erziehung determinieren jedoch nicht die Entwicklung des Nachwuchses
zum Straftäter.
Hirschi (1969) als Vertreter kontrolltheoretischer Ansätze argumentiert, dass sich die
Normkonformität im Großteil der Bevölkerung in informellen Bindungen begründen lässt, da
aus Furcht um den Verlust gefestigter Beziehungen zu Bezugspersonen, abweichendes
Verhalten vermieden wird. Ebenso von Bedeutung ist für Bindungstheoretiker wie Bowlby
(1985) die Vorbildwirkung der Eltern hinsichtlich Beziehungsgestaltung für das zukünftige
Sozialverhalten des Heranwachsenden. Hat der Nachwuchs bereits in früher Kindheit die
Erfahrung stabiler emotionaler Beziehungen und Unterstützung gemacht, kann er diese im
späteren Lebenslauf für sich anwenden. Weitere Autoren sehen Lerneffekte im Zuge
geeigneter elterlicher Sanktion des Kindes bei abweichendem Verhalten (Akers et al. 1979)
oder die Internalisierung von Normen und Werten durch die Vermittlung prosozialer
Verhaltensmuster (Liska & Reed 1985) als delinquenzhemmende Sozialisationsmittel. Einen
Präventionsraum können gleichsam die Schule und dabei im Besonderen die pädagogischen
Fachkräfte gewähren. So vermögen positive Assoziationen mit dem Bildungsinstitut seitens
der Schüler sowie eine Vertrauensbeziehung zum Lehrenden unter Umständen
Bindungslücken oder sozialisatorische Defizite der Familie auszugleichen und dem
Jugendlichen Halt und Perspektive zu gewähren (vgl. Boers et al. 2014: 198).
Potentiell positive Einflüsse des Elternhauses oder der Schule können jedoch durch
subkulturelle Gruppenprozesse konterkariert werden. Mit steigendem Alter gewinnen
Gleichaltrige als Bezugspartner an Bedeutung und deren Einfluss auf die Genese sozialer
Kompetenzen und die Gestaltung von Freizeit wächst. Zwar unterstützen Peers in der mittleren
Adoleszenz die Bildung einer eigenen Identität und fungieren als Lernchance, jedoch können
sich aufgrund abweichender Wertesysteme und Anti-Haltungen gegen die ‚Erwachsenen-
Gesellschaft‘ deviante Tendenzen einstellen. Innerhalb dissozialer Peergruppen formiert sich
dann ein Zusammenhalt, der auf der Basis delinquenter Normorientierung und gegenseitiger
Bekräftigung einen Risikofaktor für Problemverhalten Jugendlicher und Heranwachsender
darstellt (vgl. Bentrup 2014: 2). Dabei sind Peers als gleichaltrige Interaktions- und
Gesinnungspartner im Sinne einer Clique und weniger als enge Freunde zu verstehen (vgl.
Krappmann 2002: 357). Empirisch hat sich ein direkter Zusammenhang zwischen der
Assoziation mit devianten Peers und Delinquenz in diversen Studien bestätigt (Kaplan et al.
1987; Dishion et al. 1991; Boers et al. 2014). Baier et al. (2009) fanden in einer

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
12
Dunkelfeldstudie mit Schülern der neunten Klasse, Hinweise darauf, dass bei Jugendlichen
mit mehr als fünf delinquenten Freunden die Wahrscheinlichkeit mehrfach Täter zu werden um
das 53-fache höher ist, als bei jungen Schülern ohne abweichende Freundeskontakte (vgl.
Baier et al. 2009: 83).
Birgt die Einbindung in eine deviante Peergruppe oder delinquenten Freundeskreis das Risiko
der Mittäterschaft und Verfestigung nonkonformer Einstellungen, so kann auch die soziale
Isolation aus Gleichaltrigen-Kreisen Problemlagen der Jugendlichen induzieren. Das Gefühl
des Ausgeschlossen-Seins mindert das Selbstwertgefühl der Adoleszenten und verwirkt ihnen
Chancen erster positiver Erfahrungen von Partnerschaft oder der Bildung von
Freundesbeziehungen außerhalb des eigenen Hausstands (vgl. Hosser 2000: 50).
Kompensatorische Delinquenz-Handlungen können Ausdruck mangelnder Akzeptanz und
Anerkennung in der Peergruppe sein, die wiederum Unsicherheiten in der eigenen sozialen
Kompetenz herbeiführen. Je höher die Statusdeprivation innerhalb der Gleichaltrigengruppe,
desto wahrscheinlicher werden demnach kriminelle Handlungen (vgl. Hurrelmann & Engel
1992: 123ff.). Im frühen Erwachsenenalter schmälert sich der Einfluss der Peergruppe und die
Eltern oder eine potentielle Partnerin gewinnen an subjektiver Valenz und können Ressourcen
gefestigter Identität darstellen (vgl. Sampson & Laub 1990: 617f.).
Die Episodenhaftigkeit als letzter Aspekt der Trias zur Beschreibung der Jugendkriminalität
zeigt sich in einer, in Abhängigkeit des Alters, empirisch nachgewiesenen ‚age-crime curve‘.
Diese zeichnet einen Anstieg des kriminellen Potenzials in der Endphase des Kindesalters und
einen Rückgang desselben in der späteren Adoleszenz ab (Blumstein & Cohen 1987;
Farrington 1986; Moffitt 1993). Dieser Rückgang krimineller Handlungen als
Spontanbewährung, ohne formelle Intervention durch den Staat, kann als erfolgreicher
Sozialisationsschritt in ein normkonformes Erwachsenenleben begriffen werden (vgl. Boers et
al. 2014: 188). Das Bekenntnis zur legalen Lebensgestaltung vermögen jedoch nicht alle
juvenilen Abweichler erfolgreich zu tätigen. Bereits 1972 fand die Forschungsgruppe der
Philadelphia Cohort-Study (Wolfang et al. 1972) Belege dafür, dass einige wenige junge
Straftäter für einen großen Anteil aller Jugendstraftaten verantwortlich sind. Bis zu 40% aller
Registrierungen von Jugendkriminalität im Hellfeld sind auf sogenannte Mehrfach- oder
Intensivtäter zurückzuführen, gleichwohl bilden sie einen Anteil von lediglich 3-5% der jungen
Straftäter (vgl. Ostendorf 2018: 169). Die Klassifizierung als „Intensivtäter“ unterliegt weder in
der Theorie noch in der Kriminalpraxis einheitlichen Kriterien. In der Polizeiarbeit ist die
Einordnung an die jeweiligen institutionellen Vorgaben gebunden, welche jedoch behördlich
unterschiedlich angewandt werden. Wolfang et al. (1972) erfassten in ihrer Untersuchung
junge Straftäter mit fünf oder mehr strafrechtlichen Registrierungen innerhalb der letzten zwei

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
13
Jahre als ‚chronic juvenile offenders‘. Entscheidend in der Einordnung sind letztlich die
Prognosen zukünftiger Straffälligkeit (vgl. Dollinger & Schadbach 2013: 144).
Das Auftreten individuell heterogener Delinquenz-Verläufe, einhergehend mit der
Episodenhaftigkeit von Kriminalität in der adoleszenten Phase, hat im kriminologischen
Diskurs zu einer Etablierung von Lebenslauftheoretischen-Ansätzen geführt (vgl. Eifler &
Schepers 2018: 222). Neben der Erklärung von Unterschieden zwischen den Straftätern,
widmet sich die Forschung im Besonderen der Identifikation von individuellen Risikofaktoren
und deren Entwicklung in kontextuellen Einbettungen, was wiederrum prognostische Schlüsse
auf das zukünftige Verhalten zulassen soll. Als wissenschaftlich einflussreich erwies sich im
kriminologischen Diskurs Moffitts (1993) ‚Life-Course-Persistent Theory‘. Nach dieser lassen
sich zwei distinkte Gruppen Straffälliger ausmachen. Zum einen jene, deren kriminelles
Verhalten auf ihr Jugend-Dasein beschränkt ist und zum anderen Straffällige, deren
Delinquenz lebenslang persistent ist. Der Ansatz basiert auf der Annahme, dass diese
Dichotomie nach differenten theoretischen Zugängen verlangt. Bei der erstgenannten Gruppe
ist demnach von einer temporären Diskontinuität im Leben auszugehen. Die Jugendphase und
deren inhärente Besonderheiten gelten als primäre Ursache des abweichenden Verhaltens.
Demgegenüber steht die Kontinuität delinquenten Verhaltens im Lebenslauf als Abbild
grundlegender Neigungen aufgrund früher Kausalfaktoren der Kindheit und der resultierenden
Entwicklung (vgl. Moffitt 1993: 674f.). Mittels Verlaufsanalysen im Zuge der Längsschnittstudie
‚Kriminalität in der modernen Stadt‘ identifizierten Boers et al. (2014) drei Gruppen von
Intensivtätern: „ […] persistente Täter (Persisters) mit maximaler Deliktshäufigkeit im 16.
Lebensjahr, früh Intensive und Abbrecher (Early Desisters) mit früher maximaler
Deliktshäufigkeit im 14. Lebensjahr und sogenannte spätere Starter (Late Onset), die eine
erhöhte Rate an Delikten im 17. und 18. Lebensjahr aufweisen.“ (Boers et al. 2014: 198)
Derartige Tätertaxonomien mögen in ihrer Komplexitätsreduzierung verlockend wirken, sie
unterschätzen jedoch die Diversität der kriminellen Verlaufsmuster im Jugendalter. Die
Betrachtung der einzelnen Komponenten, vom Beginn der Devianz, der Häufigkeit der
Straftatenbegehung, der Eskalation sowie Deeskalation und dem Abbruch strafbarer
Handlungen, gilt nach Thornberry (2005: 159f.) als notwenige Bedingung der
Täterklassifikation.
Mithin können statische Theorien adaptiert werden, um die intraindividuellen Unterschiede im
Zeitverlauf zu erklären (vgl. Farrington 2003: 227f.). So gewannen kontrolltheoretische
Perspektiven und dabei insbesondere Hirschis (1969) Konzeptualisierungen durch Sampson
und Laubs (1993) Verknüpfung mit Elders (1985) Grundlagen der Lebenslaufforschung an
Erklärungsgehalt. Die Autoren der ‚Age-graded Theory of Informal Social Control‘ erkannten
die Notwendigkeit der kausalen Differenzierung zwischen Beginn, Aufrechterhaltung und

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
14
Abbruch krimineller Handlungen und deren Kopplung an individuelle Lebensstadien und
Übergänge. Antisoziale Entwicklungen in der Kindheit und Jugend können durch
Wendepunkte im weiteren Lebensverlauf (turning points), die im Zusammenhang mit der
Akkumulation von strukturell verfügbarem Sozialkapital stehen, abgeschwächt werden. Die
Intensität der zwischenmenschlichen Bindung entscheidet schließlich in welchem Maße die
informelle Kontrolle wirksam und kriminelle Handlungen unattraktiver werden (vgl. Sampson
& Laub 1993: 304). Empirisch untermauern konnten sie diese Annahmen durch die Reanalyse
der Glueckschen (1950; 1968; 1974) Längsschnittdaten von 1000 weißen Männern zwischen
1939 und 1963 in Boston. Dabei wurden jeweils 500 jugendliche Probanden einer Täter- und
einer Vergleichsgruppe miteinander verglichen, um neben individuellen Kriminalitätsverläufen
in verschiedenen Lebensphasen auch die sozialen Bindungen in der Entwicklung zu
untersuchen. Unterstützung von deutschen Wissenschaftlern erfuhr die Theorie durch Stelly
und Thomas‘ (2005) Reanalyse der Tübinger-Jungtäter-Vergleichsdaten. Die beiden
genannten Studien sind die einzigen derart langfristig angelegten Longitudinaldesigns zur
individuellen Kriminalitätsentwicklung im Lebensverlauf, die auch die Dynamik der Probanden-
Biografien erfassen. Die Hauptthese, dass es trotz der Kontinuität devianter Auffälligkeiten
zum Abbruch der delinquenten Laufbahn kommen kann, überdies bei Vorliegen schwerer
Jugendkriminalität, stellt zugleich die Raison d’Être des sozialisatorischen Vollzugsgedankens
dar. Die Annahme kontinuierlicher Täterschaft bei Auftreten von Kinder- und
Jugendkriminalität, wie etwa in Gottfredson und Hirschi’s (1991) ‚General Theory of Crime‘
durch das Konzept des statischen Persönlichkeitsfaktors Selbstkontrolle postuliert, würde den
Jugendstrafvollzug in seiner Rolle als Resozialisierungsinstanz obsolet werden lassen.
Der strafrechtliche Umgang mit der beschriebenen Tätergruppe ist von einer generellen
Legitimationsproblematik formeller Kontrollinstanzen geprägt, zeigt sich doch in der
Mehrfachtäterschaft die Unwirksamkeit bisheriger Maßnahmen (vgl. Dollinger & Schadbach
2013: 139). Dabei sieht das Jugendstrafrechtssystem der Bundesrepublik nach dem
Subsidiaritätsprinzip bei Ersttäterschaft in erster Instanz Diversionsentscheidungen vor,
welche als informelle strafrechtliche Reaktion anstelle eines vollumfängliches
Jugendstrafverfahren durchgesetzt werden. In einer Vielzahl der Fälle werden Verwarnungen,
erzieherische Auflagen sowie Weisungen als Rechtsmittel angewandt. Sollten
Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel sowie Bewährungsstrafen nicht ausreichend sein, erwartet
persistente Mehrfachtäter in staatlicher Ultima Ratio die Jugendstrafe ohne Bewährung,
welche in Form des geschlossenen Vollzugs vom Delinquenten in einer JSA verbracht wird
(vgl. Ostendorf 2018: 175). Die Verbüßung einer Jugendstrafe betrifft demnach vor allem
Jugendliche und Heranwachsende mit besonders hohem Risikoprofil. Ein spontanes
Herauswachsen aus der Kriminalität oder ein abruptes Unterlassen delinquenter Handlungen
wird für diese Gruppe als unwahrscheinlich angenommen. Der Ausstieg aus der kriminellen

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
15
Laufbahn muss nach lebenslauftheoretischem Vorbild als Prozess zwischen Risiko-, Schutz-
und Bindungsfaktoren im Kontext von Übergängen und Wendepunkten verstanden werden
(vgl. Coester et al. 2017: 266f.). In der noch jungen Biografie des Straftäters stellt die
Inhaftierung selbst einen ‚turning point‘ und radikalen Einschnitt in die bisherige Lebenswelt
dar. Die Frage auf welche Weise und inwieweit Behandlungsmaßnahmen unter diesem
Gesichtspunkt wirksam werden können, stellt sich insbesondere im Hinblick auf die Qualität
der Sozialkontakte.
3.2 Der Jugendstrafvollzug als Sozialisationsinstanz
Die Jugendstrafe im geschlossenen Vollzug als restriktivste Sanktion des JGG (§17) bestimmt
die Fremdunterbringung des rechtskräftig verurteilten jungen Straftäters in einer besonders
gesicherten justiziellen Einrichtung (vgl. Walkenhorst & Fehrmann 2018: 269). In dieser Form
der Verwahrung befindet sich die Mehrheit (über 90%) der jungen Gefangenen (vgl. Endres
2015: 228). Im Folgenden werden exemplarisch für das Jahr 2019 einige Kennzahlen genannt.
Zum Stichtag 31.03. befanden sich in der Bundesrepublik 3.217 männliche Jugendliche und
Heranwachsende im geschlossenen Jugendstrafvollzug. Davon waren nur etwa 12% unter 18
Jahren, insofern scheint es passender den Jugendstrafvollzug als einen
Heranwachsendenvollzug zu bezeichnen (Statistisches Bundesamt 2019b). Differenziert nach
Deliktstruktur ergaben Eigentums- beziehungsweise Vermögensdelikte sowie Gewaltdelikte
die häufigsten Haftgründe für die zu Jugendstrafe Verurteilen, wobei die Straftaten zumeist
Raub, Körperverletzung oder Diebstahl umfassten (Statistisches Bundesamt 2019b). Die
Vollzugdauern der Jugendstrafgefangenen waren zumeist kurz, 4% hatten eine Haftlänge von
bis zu 6 Monaten, 19% 6-12 Monate, 35% 1-2 Jahre, 39% 2-5 Jahre und 3% über 5 Jahre
(Statistisches Bundesamt 2019a). In Sachsen ist die JSA Regis-Breitingen für den Vollzug der
Jugendstrafe an männlichen Straftätern zuständig. Stand Januar 2020 stehen 283 Haftplätze
im geschlossenen Vollzug zur Verfügung.
Gemeinsam
sind dem
Jugendstraf-
und Erwachsenenstrafvollzug generelle
Gestaltungsprinzipien. Während der Angleichungsgrundsatz die Anpassung des vollzuglichen
Lebens an die allgemeinen Lebensverhältnisse bestimmt, verweist der Integrationsgrundsatz
auf die Hilfestellung zur Wiedereingliederung des Gefangenen nach Entlassung (vgl. Endres
2015: 229). Der Gegensteuerungsgrundsatz als letzter Bestandteil der Trias, gewinnt im
Jugendstrafvollzug an Bedeutung (vgl. Laubenthal 2015: 641). Demnach muss das Abfedern
negativer Haftfolgen für junge Straftäter in der Gestaltung des Vollzugs in hohem Maße forciert
werden. Dazu sollen beispielsweise eine erhöhte Mindestanzahlen an Besuchsstunden,

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
16
insbesondere durch familiäre Kontakte, aber auch die weitgehende Unterbringung in
Wohngruppen beitragen (vgl. Feest & Bammann 2011: 538). In der JSA Regis-Breitingen
werden sämtliche Gefangene in Wohngruppen mit maximal elf Mitinsassen einquartiert. Die
Zuordnung zu einer Wohngruppe basiert dabei auf dem individuell erstellten Vollzugs- und
Eingliederungsplan. Zur Verfügung stehen unter anderem die Bereiche Erstvollzug,
Mehrfachinhaftierte sowie Motivations- und Therapiestation (vgl. Sächsisches
Staatsministerium der Justiz 2020). Diese Maßnahmen sind in der Erkenntnis begründet, dass
junge Straftäter aufgrund ihres Alters zwar lernfähig, hinsichtlich nicht intendierter Haftfolgen
jedoch schutzbedürftiger als erwachsene Gefangene sind.
Einen Großteil der Verantwortlichkeit für die weitere Entwicklung der Betroffenen übernimmt
mit der Inhaftierung der Staat. Dieser Aufgabe, so lautet es im Urteil des
Bundesverfassungsgerichts von 2006, könne man nur durch eine Vollzugsgestaltung gerecht
werden, die sich in besonderem Maße an der Förderung von sozialen Kompetenzen sowie in
der Erlangung von Fähigkeiten der Jugendlichen und Heranwachsenden orientiert (BVerfGE
116, 69 (70)). In länderspezifischer Zuständigkeit folgt man dieser Wegweisung. Demnach
sollen nach sächsischem Jugendstrafvollzugsgesetz die Gefangenen mittels Erziehung „[…]
zu sozialem Handeln […]“ befähigt werden „[…] künftig in sozialer Verantwortung ein Leben
ohne Straftaten zu führen.“ (§2, §3 SächsJStVollzG) Dieser Ausgangspunkt führt nach
Dollinger und Schadbach (2013: 38) in der Vollzugs-Realität zur Pauschalisierung von
sozialisatorischen Defiziten und Erziehungsproblemen, da die jungen Straftäter ohnehin in
diese Risikokategorie verortet werden. Förderliche vollzugliche Maßnahmen, im Sinne der
Hinwirkung auf die Legalbewährung, müssen jedoch an der Individualität der Einzelpersonen
orientiert werden (vgl. Dollinger & Schadbach 2013: 36f.). Zugleich eröffnet der
Sozialisierungs-Terminus den Blick auf das Spannungsfeld zwischen Abweichendem und der
Gesellschaft. Dem Zwang des Sich-Ändern-Müssens steht die Verfügbarmachung von
Lernfeldern gegenüber, welche wiederrum in soziale Infrastrukturen eingebettet sind. Hinzu
kommt, dass Lernfähigkeit sowie Lernwilligkeit des Inhaftierten zur Zielerreichung
vorausgesetzt werden (vgl. Laubenthal 2015: 112). Die Freiwilligkeit zur Annahme der
Hilfestellungen ist als Grundprämisse des Jugendstrafvollzugs verankert. Der
jugendstrafrechtliche Aspekt als gleichgestellt oder gar der jugendhilferechtlichen Zielstellung
vorangestellt, induziert ebenso Konfliktlagen seitens der Betreuenden. So können
erzieherische Maßnahmen auch einen primär strafenden Charakter haben. Innerhalb des
Haftkontexts kollidieren demnach wechselseitige Verhaltensbeeinflussungen. Akteure der
Bestrafung oder Bestärkung sind nicht nur unter dem Vollzugspersonal zu finden, sondern
auch in der Insassengemeinschaft. In der Interventionspraxis ist es ein Treffen erzieherischer
Bemühungen und natürlicher, spontaner Lernvorgänge, welche das soziale Zusammenleben
und die Entwicklung Heranwachsender kennzeichnen

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
17
(vgl. Walkenhorst & Fehrmann 2018: 275). Diese soziale Interaktion muss als Basis für eine
lebensweltorientierte Einflussnahme erkannt werden, denn kontextunabhängige Formen der
intendierten Sozialisation widersprechen dem Verständnis der interaktionistischen
Gesellschaft. Die Schwierigkeit liegt in der Vereinheitlichung der Lebensrealitäten durch die
Inhaftierung, wodurch es schwerfällt subjektive Besonderheiten auszumachen und diese in
den Erziehungsauftrag einzubinden (vgl. Dollinger & Schadbach 2013: 46ff.). Umso
gewichtiger wird eine individuell ausgerichtete, pädagogisch lebensnahe Förderung des
Einzelnen.
3.2.1 Angebote und Mitwirkung
Pädagogische Potenziale liegen in der Aufarbeitung qualifikatorischer Defizite, der Stärkung
prosozialer Einstellungen und dem Aufzeigen alternativer Wege der Lebensgestaltung. Die
Zielstellung soll durch eine prozessorientierte Bedarfsprüfung erreicht werden.
Eingangsdiagnostiken, als ein Standardinstrument des geschlossenen Vollzugs, liefern dabei
die Basis individueller Förderung und münden in einen personalisierten Behandlungsplan.
Behandlungs-, Erziehungs- und Fördermaßnahmen stellen unter anderem die Arbeitstherapie,
Suchtberatung oder das Anti-Gewalt-Training dar, wobei das Angebot in den unterschiedlichen
Anstalten variiert (vgl. Walkenhorst & Fehrmann 2018: 283). Problematisch sind in diesem
Zusammenhang die kurzen Verweildauern im Vollzug, denn oftmals können Maßnahmen nicht
beendet werden oder kommen für den Gefangenen aufgrund kurzer Haftdauern nicht infrage.
Im sächsischen Jugendstrafvollzug versucht man dieser Herausforderung durch ein
modulares System der Angebote und Maßnahmen zu begegnen, welches sich in Anwendung
und Ausgestaltung nach der voraussichtlichen Vollzugsdauer richtet. Nichtsdestotrotz sind ein
geeignetes Übergangsmanagement und Nachsorge, in welchen das Erlernte nach Entlassung
eine nachhaltige, begleitende Unterstützung erfährt von gewichtiger Bedeutung (vgl. Wirth
2018: 519). Im Haftverlauf können zudem Bildungs- sowie Berufsausbildungsmaßnahmen
absolviert werden, welche den Gefangenen im Besonderen in der Phase nach dem
Haftaufenthalt Perspektive und Halt gewähren sollen.
Haben sich die sozialen Beziehungen und Bindungen als gewichtiger Prädiktor in der
Erklärung von Jugendkriminalität herausgestellt, so muss der Förderung prosozialer
Beziehungen eine exponierte Rolle im Vollzugsauftrag zukommen. Dabei gilt jedoch die
Maxime, dass soziale Beziehungen in den Privatbereich des Einzelnen fallen und ein
institutionelles Eindringen in diesen Nahbereich eine zusätzliche Schädigung der ohnehin
eingeschränkten Autonomie bedeuten könnte (vgl. Hartenstein et al. 2019: 7). Insofern gilt es

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
18
individuelle Defizite im sozialen Einstellungs- und Verhaltensraum auszugleichen und auf
diese Weise indirekt zu wirken. Diese Zielstellung verfolgt beispielsweise das soziale Training
als Maßnahmen-Instrument zur Vermittlung sozialer Kompetenzen. Nach SächsJStVollzG §14
ist die Einbeziehung von Personen aus dem Lebensumfeld des Gefangenen außerhalb der
Anstalt Bestandteil sozialtherapeutischer Maßnahmen. Zudem existieren externe
Unterstützungsangebote, unter anderem durch die Straffälligenhilfe, welche die Anstalten im
Umgang mit den Ängsten und Sorgen der Angehörigen im Inhaftierungszusammenhang
unterstützen. Neben der Existenz und zielgerichteten Durchführung dieser Maßnahmen bleibt
die Bereitschaft des Gefangenen die Angebote wahrzunehmen die wichtigste
Behandlungskomponente. Während die Pflicht zur Mitwirkung am Vollzugsziel in einigen
Ländergesetzen normiert wird, spricht man in Sachsen von einer Obliegenheit zur Mitwirkung.
Als geeignete Mittel sollen Ermutigung, Motivation, Bereitstellung von Gelegenheiten,
Belohnung, Anerkennung sowie Unterstützung fungieren (§4 SächsJStVollzG). Im Haftkontext
scheint der Zwang zur Mitarbeit an der eigenen Bestrafung mindestens unzuträglich in der
Vermittlung prosozialer Werte auf dem Weg der Resozialisierung. Eine intramurale
pädagogische Umsetzung hingegen bietet die Chance Leistungsprinzipien, auch nach
Entlassung, zu verfestigen. Köhler et al. (2016) erforschten an einer Stichprobe von 162
männlichen
Jugendstrafgefangenen
die
prädiktive
Validität
ausgewählter
persönlichkeitspsychologischer Variablen auf die Legalbewährung und fanden für die
Behandlungsbereitschaft beziehungsweise Therapiemotivation überraschende Ergebnisse.
Hinsichtlich Therapiemotivation zeigten einige Wiederholungstäter mitunter die höchsten
Scores. Die Behandlungsbereitschaft hingegen wurde bei den Legalbewährten als signifikant
höher erkannt (Köhler et al. 2016: 463f.). Trotz eingeschränkter interner Validität und
Methodischen-kritischer Hinweise sollten diese Erkenntnisse in Rückfalluntersuchungen
einbezogen werden. Es ergibt sich die Frage, ob den potentiell Motivierten die praktische
Umsetzung schlicht missglückt oder ob äußere Faktoren das Gelingen determinieren.
Allgemein existieren divergierende Forschungsergebnisse hinsichtlich Effektivität von
Behandlungen im Strafvollzug. Die Autoren einiger Meta-Analysen konkludierten positive
Auswirkungen der Behandlungsmaßnahmen auf die Sozial- und Legalbewährung (Dowden &
Andrews 2000; Antonowicz & Ross 1994; Lipsey & Cullen 2007). Eine speziell für den
Jugendstrafvollzug konzipierte Untersuchung (Boxberg & Bosold 2009) relativiert diese
Erkenntnisse. Behandlung(miss)erfolge können jedoch nicht immer als direkte Folgen der
Maßnahmen ausgemacht werden. Viel zu komplex sind die Einflüsse auf die Zielerreichung.
Empirische Befunde von Wößner und Schwedler (2014) sprechen beispielweise für einen
signifikanten Einfluss des Anstaltsklimas auf dynamische Risiko-Persönlichkeitsmerkmale und
unterstreichen die Bedeutsamkeit der Untersuchung von Problemstellungen während des
Behandlungsprozesses.

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
19
3.2.2 Das Soziotop Jugendstrafvollzugsanstalt
Eine Strafanstalt als totale Institution kennzeichnet sich durch die Verbindung sonst distinkter
Lebensbereiche in einem in sich geschlossenen, formal reglementierten System (vgl. Goffman
1973: 11). Von der Kontaktrestriktion nach außen bis hin zu festgesetzten Essens- und
Schlafenszeiten sowie der Gestaltung des Wohnbereichs wird der Haftalltag vornehmlich
fremdbestimmt. Anders als der Durchschnittsbürger ist der Gefangene nicht dazu in der Lage
seine sozialen Kontakte nach Belieben zu pflegen und selbsterwählt neue Bekanntschaften zu
schließen. Die Kommunikation mit der Außenwelt unterliegt strengen Restriktionen und
zeichnet sich durch Heteronomie aus. In den einzelnen Landes-Jugendstrafvollzugsgesetzen
zur Pflege sozialer Beziehungen im Jugendstrafvollzug wird der Empfang von Besuchen,
Schriftwechsel und Telefongespräche geregelt. Im Grundsatz gemein haben die
Bestimmungen, dass den Gefangenen das Recht des Verkehrens mit Personen außerhalb der
Anstalt eingeräumt wird und förderlicher Kontakt, Unterstützung durch die Anstalt erfährt (§46
SächsJStVollzG). Insgesamt gelten im Jugendstrafvollzug großzügigere Besuchsvorschriften
als im Erwachsenen-Pendant. So existiert eine Mindestanzahl von vier Besuchsstunden im
Monat, wobei längere Besuchszeiten vorgesehen werden können. Insbesondere der Kontakt
zu den eigenen Kindern sowie Angehörigenbesuche werden unter der Zielstellung Erziehung
und Resozialisierung gefördert und Langzeitbesuche bei persönlicher Eignung des
Gefangenen gestattet (vgl. Laubenthal 2019: 759). Einschränkungen der Besuchs-Befugnisse
können aus Sicherheitsgründen, dem Nichteinverständis der Sorgeberechtigen und bei
Unterstellung schädlicher Einflussnahme nicht-Angehöriger bis hin zum Besuchsverbot
gerechtfertigt werden. Mitunter stellen die Bereitschaft zur Durchsuchung seitens der
Besucher sowie eine regelmäßige Beaufsichtigung der Treffen Erfordernisse der
Durchführung dar (§49 SächsJStVollzG). Verfassungsrechtlich geschützt ist der
konventionelle Schriftwechsel der Gefangenen nach außen, jedoch obliegt es dem
Anstaltsleiter in begründeten Fällen den Austausch durch Schreiben mit gewissen Personen
zu untersagen oder Schreiben anzuhalten. Die Erlaubnis zur Kommunikation mittels Telefons
liegt im Ermessen des Anstaltsleiters, die Kosten dafür übernimmt der Inhaftierte. Das
Überwachen dieser ist mit einer Mitteilung zu Beginn des Gespräches möglich (§55b
SächsJStVollzG). Ausdrücklich nicht erlaubt ist der Besitzt von Mobiltelefonen (vgl. Laubenthal
2019: 764).
Diese Totalität der Lebensführung stellt die Straftäter als Adressaten der staatlichen
Maßnahmen vor individuelle und kollektive Herausforderungen. Neben den individuellen
Entbehrungen ist die unfreiwillige Lebensgemeinschaft homogen-delinquenter junger Männer

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
20
auf engstem Raum, auch wenn mittels Gestaltungsprinzipien versucht wird eine möglichst
gewaltfreie Atmosphäre zu schaffen, primär konfliktinduzierend. Die Insassen haben bereits
mehrere Instanzen staatlicher Intervention unterlaufen und vereinen bei Eintritt in den Vollzug
negative Prognosen zukünftiger Täterschaft auf sich. Hinzu kommen ungünstige persönliche
und soziale Ausgangslagen, welche die Gruppe der Jugendstrafgefangenen zu einer
hochselektiven Auswahl der Heranwachsenden einer Gesellschaft macht (vgl. Matt 2015: 75).
Stelly und Thomas (2011) untersuchten die Situation der Jugendstrafgegangenen in Baden-
Württemberg und konkludierten für eine Mehrheit der Population ungünstige sozio-
ökonomische Ausgangsbedingungen, mit unsicheren Familienverhältnissen, geringer
schulischer und beruflicher Bildung und fehlender Beschäftigung. So wurde bei 60% der
Inhaftierten ein Broken-Home Hintergrund festgestellt und rund ein Drittel der Befragten
äußerten Opfer- und Gewalterfahrungen in der Kindheit (vgl. Stelly und Thomas 2011: 129ff.).
Wie bereits erwähnt sind die häufigsten Inhaftierungsgründe Gewalt- und Eigentumsdelikte
und aufgrund kurzer Haftdauern ist die Fluktuation der sozialen Akteure hoch.
Reaktionen auf die beschriebenen Deprivationserfahrungen stellen im Strafvollzug
subkulturelle Gegenordnungen dar, welche als Teilsysteme innerhalb der Anstalt mit eigenen
Normen und Organisationsstrukturen existieren (vgl. Laubenthal 2010: 34). Der
Autonomieverlust des Einzelnen, welcher mit der Inhaftierung einhergeht, trifft mit der
homosozialen, stark selektierten Struktur der Gefangenengruppe zusammen und induziert
Hierarchisierungsprozesse (vgl. Walter 2011: 144). Besonders Neuankömmlinge müssen sich
im Zuge von Initialisierungsriten beweisen, um so ihre Stellung innerhalb der Gruppe
festzusetzen. Dafür greifen die Gefangenen auf Strategien zurück, „die Anerkennung im
System „hegemonialer Männlichkeit“ versprechen.“ (Walter 2011: 144) Resultat ist ein
Gewaltkontext, welcher sowohl von intrapersonalen Ursachen als auch von haftimmanenten
Gegebenheiten gespeist wird. Soziale, habituelle sowie strafrechtliche Individualmerkmale wie
beispielsweise die Herkunft, Risikobereitschaft oder Deliktschwere bilden die Grundlage für
Gruppenformierungen. Interpersonale Beziehungen sind jedoch häufiger Konfliktursache als
Gruppenkonflikte (vgl. Kühnel 2007: 25ff.). Dies ist vor allem in zweckrationalen
Orientierungen aufgrund steter Ressourcenknappheit und erforderlicher „Überlebens“-
Strategien begründet (vgl. Kühnel 2007: 30). Der Jugendstrafvollzug ist dabei
überdurchschnittlich hoch von Gewalt zwischen den Gefangenen betroffen. Die Studie „Gewalt
im Gefängnis“ (Hartenstein et al. 2017), welche Gewaltvorkommnisse innerhalb eines vier-
Jahres Zeitraums in zehn sächsischen Justizvollzugsanstalten untersuchte, ermittelte die
Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen als Lokalität mit dem höchsten Gewaltaufkommen und
resümierte, dass „[…] der Anteil von Inhaftierten mit Jugendstrafe an den Gewaltbeteiligten
[…] weit höher als der Anteil von Inhaftierten mit Jugendstrafe an allen Inhaftierten [ist].“

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
21
(Hartenstein et al. 2017: 182). Zu diesen Erkenntnissen passen auch die Ergebnisse einer
längsschnittlich angelegten Untersuchung der Universität zu Köln (Neubacher 2014) mit einer
Stichprobe von 882 Jugendstrafgefangenen. Bei rund zwei Drittel der Befragten konnte ein
Zurückgreifen auf physische Gewalt in den letzten drei Monaten festgestellt werden, dabei
machen etwa 70% der Befragten sowohl Angaben als Täter der Gewalt als auch als Opfer des
Vorkommnisses. Diese hohe Dynamik in der Gefangenengruppe und das omnipräsente
Gewaltklima steht im offenkundigen Kontrast zu den institutionellen Bemühungen den
Straftäter zu einem gewaltfreien Leben zu befähigen.
Antworten auf diese Belastungssituation münden in strukturellen Problemschwellen, wie etwa
der Mikroökonomie illegaler Waren oder dem immanenten Misstrauen gegenüber Mitinsassen
und Anstaltspersonal. Ersteres offenbart sich in einem blühenden Schwarzhandel, welcher
sich durch Schmuggel von Waren und Dienstleistungen sowie der Genese von
Ersatzwährungen kennzeichnet (vgl. Walter 2011: 145). Drogenhandel und -konsum wird als
Instrument der Bewältigung und zeitgleich als Möglichkeit der Demonstration von Männlichkeit
begriffen. Drogensubkulturen generieren auf diese Weise Hierarchien und Abhängigkeiten,
wobei diejenigen Gefangenen die größten Machtpositionen begleiten, die die meisten
Ressourcen akkumulieren können (vgl. Stöver 2015: 431). Neben den legalen
Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Gefängnismauern, wie Gespräche mit
Mitgefangen, dem Vollzugspersonal oder Seelsorgern, haben sich auch unzulässige Formen
der Kontaktaufnahme etabliert. Das sogenannte ‚Pendeln‘ beispielweise, bei welchem über
Konstruktionen aus Schnüren und Seilen, Gegenstände oder Nachrichten aus dem
Haftraumfenster übermittelt werden (vgl. Schlothauer & Wieler 2010: 526). Im Besonderen der
Schwarzhandel mit illegalen Waren, Drogen oder Mobiltelefonen wird auf diese Weise
realisiert, was wiederrum zur Stärkung der Subkultur führt. Während der Aufschlusszeiten
dürfen die Gefangenen im Regelfall in Gemeinschafträumen oder ihren Zellen vergleichsweise
frei miteinander agieren. Das Fehlen der systematischen Überwachung an dieser Stelle schafft
Freiräume zum Austausch, die auch für förderliche Beziehungen im Vollzug notwendig sind.
Parallel dazu werden ungewollt Gelegenheiten für Gewalt untereinander oder hierarchisch-
bedingte Unterdrückung Einzelner geschaffen.

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
22
3.3 Legalbewährung und Rückfälligkeit
Fasst man die bisherigen Ausführungen zu Entwicklungsverläufen junger Strafgefangener und
institutionellen Resozialisierungsbemühungen an dieser Stelle zusammen, so lässt sich
Folgendes resümieren:
-
Jugendliche und Heranwachsende befinden sich in einer besonderen Phase des
Lebenslaufs, in welcher soziale Beziehungen und deren Qualität bedeutende
Ressourcen in Umgang mit intraindividuellen Herausforderungen darstellen.
-
Versucht sich der Jugendstrafvollzug in der Intervention krimineller Karrieren,
geschieht dies mit der Zielsetzung junge Mehrfachtäter mit hohem Risikoprofil zu einer
straffreien Lebensführung zu befähigen.
-
Diese Befähigung geschieht im sozialen Kontext der Jugendstrafanstalt, welcher
sowohl als Chancenraum des Erlernens nachhaltiger Kompetenzen, als auch als
Risikoumgebung zwischen Deprivationserfahrungen und Subgruppenorientierung
identifiziert wurde.
-
Unter strengen Kontaktrestriktionen müssen nachhaltige Sozialbeziehungen aufgebaut
und die Bereitschaft zur Änderung erzeugt werden.
Inwieweit die individuelle Befähigung zur Straffreiheit unter diesen Bedingungen gelingt, wird
durch die Indikatoren Rückfälligkeit und Legalbewährung bewertet. Der spezialpräventive
Erfolg der Jugendstrafe wird durch das Kriterium der Legalbewährung gemessen. Eine
günstige Sozialprognose, im Sinne der Lebensführung ohne Straftaten, steht der Rückfälligkeit
als Misserfolgsindikator des Strafrechts gegenüber.
3.3.1 (Miss-)Erfolgsindikatoren
Auf der Ebene der Wirkungsziele bildet die Rückfälligkeit den Outcome-Indikator vollzuglicher
Bemühungen ab. Die überwiegende Mehrheit der Wirkungsforschungen basiert auf offiziellen
Registrierungen delinquenter Handlungen (vgl. Suhling 2018: 34). Dieser Umstand ist nicht
unkritisch hinzunehmen, denn tatsächlich erfasst werden dabei nur jene Straftaten, die durch
staatliche Institutionen, Geschädigte oder Dritte angezeigt werden. Sowohl das Anzeige- und
Kontrollverhalten als auch die Kontrolldichte der Strafverfolgungsorgane bestimmen dabei

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
23
maßgeblich das Ausmaß der erfassten Kriminalität (vgl. Stelly & Thomas 2005: 37). Neben
den Diskrepanzen im Hell- und Dunkelfeld gilt es zu beachten, dass die Bewertung des
strafrechtlichen Misserfolges unterschiedlichen Kriterien unterliegen kann. Für jede
Untersuchung im Problemfeld muss daher vorab festlegt werden, welche Abgrenzung für den
Rückfälligkeitsbegriff gilt. Einschlägige Literatur verweist auf die Spannweite der Begrifflichkeit.
In sehr weit gefasster Definition wird jegliche erneut amtlich registrierte Straftat nach
Entlassung aus dem Vollzug als Rückfall gewertet. In einem engeren Interpretationsrahmen
berücksichtigt man lediglich solche Straftaten, die in der Schwere dem Delikt zur vorherigen
Strafverbüßung gleichwertig sind. Aus Gründen der Vergleichbarkeit hat sich in Deutschland
die Verwendung einer dreigeteilten Auslegung etabliert (vgl. Heinz 2004: 36). Diese beruht
zunächst auf der Verurteilung und nachfolgend auf der verhängten Strafart (vgl. Tabelle 1).
Tabelle 1:
Übersicht Rückfalldefinitionen
Rückfalldefintion 1 Als Rückfall gilt das Begehen mindestens einer Straftat und die
rechtskräftige Verurteilung für diese (mindestens Schuldspruch)
Rückfalldefintion 2 Als Rückfall gilt die Verurteilung zu mindestens einer potentiell
freiheitsentziehenden Sanktion (Jugend- oder Freiheitsstrafe auf
Bewährung oder Verbüßung der Strafe im Strafvollzug)
Rückfalldefintion 3 Als Rückfall gilt die Verurteilung zu mindestens einer unbedingten
Jugend- / Freiheitsstrafe (keine Aussetzung zur Bewährung)
Gleichsam gilt es den Erfolgsparameter näher zu betrachten. Bereits das Begehen einer
minder schweren Straftat oder die Verlängerung des straffreien Zeitraums können Indizien
eines positiven Individualprozesses sein (vgl. Coester et al. 2017: 234). Zumal ein
‚Spontanabbruch‘ der kriminellen Laufbahn, wie bereits an früherer Stelle angesprochen,
durch das hohe Risikoprofil der Jugendstrafgefangenen ohnehin unwahrscheinlich ist.
Fraglich ist zudem, inwieweit die Legalbewährung den Prozesscharakter der Beendigung
krimineller Täterschaft zu erfassen vermag. „Ob mit strafrechtlicher Unauffälligkeit auch eine
Sozialbewährung als „objektiv tragbare und subjektiv erträgliche Integration“ oder im besten
Fall „positive und erfolgreiche neue Lebensgestaltung“ […] einhergeht, bleibt weiter offen.“
(Walkenhorst und Fehrmann 2018: 288f.) Auch als valider Indikator für Hafteffekte kann der
justizielle Rückfall allein nicht dienen. Individuelle sowie soziale Folgen des
Gefängnisaufenthalts könnten sich unter Umständen durch eine Verlagerung devianter
Verhaltensweisen in die private Sphäre manifestieren und somit im Dunkelfeld verborgen
bleiben (vgl. Greve et al. 1997: 20f.). Für diese Untersuchung wird in Anlehnung an die Kritik

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
24
die zweite Rückfalldefinition verwendet, um das Misserfolgskriterium abzubilden. Während die
erstgenannte Definition potentielle ‚Teilerfolge ‘, wie das Begehen minder schwerer Delikte
nach einem Haftaufenthalt ausblendet und als Rückfall deklariert, ist bei letzterer Definition
zwar die Eindeutigkeit der erneuten Deliktschwere gegeben, jedoch in einem vergleichsweise
engen Rahmen. Die Verwendung des geeigneten Parameters ergibt sich aus der Ziel- und
Fragestellung der Untersuchung und unterliegt daher theoretischen Überlegungen zur
Wirkungsorientierung. Der hier gewählte Fokus auf distalen Erfolgsmessungen begründet sich
in dem Verständnis von institutionellen Resozialisierungsbemühungen als Teil eines
komplexen Systems an Entwicklungseinflüssen auf den Gefangenen. In diesem Sinne werden
Wirkziele eines gesamten Prozesses betrachtet und eingeschätzt, inwiefern es ehemaligen
Strafgefangenen unter den gegebenen Voraussetzungen gelingt, im Sinne der Zielstellung
erfolgreich zu sein. Welche Bedeutung der sozialen Komponente dabei zukommt, versuchten
Stelly und Thomas (2004) in einer qualitativen Teilstudie in Ergänzung der TJVU zu ermitteln.
3.3.2 Bedingungsfaktoren erfolgreicher Reintegrationsverläufe nach dem Dreiphasen-
Modell
Erfolgreiche Abbrecher krimineller Karrieren hatten in der Untersuchung von Stelly und
Thomas (2004) im Allgemeinen drei Phasen der Reintegration gemein, die einem
längerfristigen Entwicklungsprozess inhärent waren. Während zu Beginn vor allem der
Entschluss und die Motivation weitere Straftaten zu unterlassen stand, welche oftmals mit
sozial eingebundenen Kosten-Nutzen Erwägungen einhergingen, mussten in der
darauffolgenden Phase neuartige Verhaltensmuster und prosoziale Beziehungen (wieder-
)aufgebaut werden (vgl. Stelly & Thomas 2004: 116ff.). Als problematisch stellte sich die
zumeist schwierige Leistungsbiographie der Mehrfachtäter dar, da der Arbeitsmarkt wenig
attraktive Angebote bereithielt und kriminelle Aktivitäten häufig die vielversprechendere Art der
Geldbeschaffung darstellten (vgl. Stelly & Thomas 2004: 154). Gelang es dem Probanden in
der Stabilisierungsphase durch eine Arbeitsstelle, Partnerschaft oder sozialverträgliche
Freizeitbeschäftigung ein neuartiges Rollenbild als Element seiner Selbstcharakterisierung zu
entwickeln, konnte ein Abbruch der kriminellen Laufbahn erreicht werden. Die Gefahr des
Scheiterns trotz normkonformer Vorsätze war besonders in den ersten Phasen omnipräsent.
Neben der kognitiven Umorientierung zur Lebensgestaltung entschied die Unterstützung des
sozialen Nahfelds über das Gelingen (vgl. Stelly & Thomas 2004: 190f.).
Diesem handlungstheoretischen Erklärungsmodell liegt die Annahme zugrunde, dass
kognitive Abwägungsprozesse der Jugendlichen und Heranwachsenden innerhalb des

Entwicklungsverläufe junger Strafgefangener
25
individuellen Bezugsrahmens der jeweiligen Lebenswelt geschehen. Die Interpretation der
gegenwärtigen sozialen Situation macht diesem Verständnis nach Entscheidungsräume
verfügbar, an die der junge Erwachsene gebunden ist. Damit geht auch die Beurteilung von
Chancen für den weiteren Lebensweg einher. Fällt die Bewertung negativ aus, lohnt sich ein
Abweichen vom ‚alten‘ Leben nicht. Ist der Entschluss zur Änderung jedoch getroffen, stellen
die sozialen Einbindungen, die diesen Entschluss unterstützen das Kriterium nachhaltigen
Erfolgs dar (vgl. Stelly & Thomas 2004: 247). Nun stellt der Gefängnisaufenthalt den
Gefangenen vor die Herausforderung der Unterhaltung prosozialer Beziehungen im
simultanen Kennenlernen neuartiger Sozialgefüge. Damit gehen neben Veränderungen in der
Netzwerkeinbindung auch individuelle Entwicklungen einher, die an die soziale Einbindung
gekoppelt sind. Welche Bedeutung die Ambivalenz der Sozialakteure für die aktive
Mitgestaltung und letztlich die Zielerreichung der Straffreiheit haben, gilt es im folgenden
Kapitel näher zu betrachten.

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
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4 Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
Die Entwicklung und das Fortbestehen sozialer Bindungen inner- und außerhalb des
Vollzugskontexts bietet Chancen aber auch Gefahren für die Legalbewährung. Stellt sich die
Jugendstrafanstalt nun als problembehafteter Lebensraum mit inhärenter, neuartiger
Gesellschaftsstruktur dar, findet simultan eine Einbindung, wenn auch stark reglementiert, in
die soziale ‚äußere‘ Realität durch Briefe, Telefonate und Besuche von Freunden oder
Familienmitgliedern statt. Aufgrund der Diversität der sozialen Beziehungen und der
alternierenden Einflussnahme auf die Gefangenen, gebietet es sich eine Strukturierung des
Konstrukts sozialer Bindungen im Vollzug und nach Entlassung vorzunehmen. Zu diesem
Zweck sollen zunächst die sozialen Akteure und deren potentielle Einflussnahme beschrieben
werden. Auf individueller Ebene interessieren implizite Rollenbildungsprozesse bei Eintritt in
die neuartige Lebenswelt Strafvollzug und die Insassengemeinschaft sowie
Vertrauensverhältnisse innerhalb der Gefängnisstrukturen und schließlich die sozialen
Einbettungen nach Entlassung. Die Auswirkungen der beschriebenen sozialen Mechanismen
sollen anschließend mittels Verknüpfung von Lern- und Kontrolltheoretischen Ansätzen
ergründet werden. Eine lebensweltorientierte Annäherung vermag dabei sowohl soziale
Einflüsse als auch den realpraktischen Umgang mit diesen seitens des Inhaftierten zu
erfassen. Die Theoriesynthese innerhalb des Bezugsrahmens des Reintegrationsmodells
bildet schließlich die Basis der Hypothesenableitung.
4.1 Die Ambivalenz der Bezugspersonen
Die Inhaftierung stellt für den Gefangenen eine plötzliche Einschränkung der eigenen Freiheit
und zugleich eine Konfrontation mit Ungewissheit in allen Lebensbereichen dar. Stellen sich
einerseits Fragen nach den Reaktionen nahestehender Personen auf den Gefängnisaufenthalt
und den eigenen Erwartungen an den Vollzug, ist auch die Struktur und Routine innerhalb der
Anstalt für die meisten Neuankömmlinge fremd. In Folge des plötzlichen Kollapses gelebter
Alltäglichkeit und des Realisierens der Unterbringungsverhältnisse wird von einem
Inhaftierungsschock ausgegangen, welchen es im Besonderen für Erstinhaftierte zu
verarbeiten gilt (vgl. Boxberg 2018: 78). Zusätzlich zur Konstruktionsherausforderung des
neuen Alltags sind keine bewährten Handlungsmuster verfügbar, da die Neuartigkeit der
Situation kaum Anknüpfungspunkte an Gewohntes bietet. Gleichzeitig bietet die, durch
Heteronomie gestaltete Haftumgebung, nicht die Möglichkeit des Rückzugs vor derartigen

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
27
Problemstellungen. Das Erschaffen einer Lebenswelt zur Wiederherstellung der eigenen
Handlungsfähigkeit ist für den Gefangenen schließlich unumgänglich (vgl. Schweder & Liebig
2018: 237). Ungeachtet dessen, ob das Ankommen in der Gefangengruppe gelingt oder nicht,
treten im Haftverlauf die Außenkontakte als bedeutende Ressourcen der Haftbewältigung
immer deutlicher hervor. Dabei Interagieren die Bereiche Anstalt und Außenwelt miteinander
und formieren den Kontext, in welchem die Befähigung des Gefangenen zum straffreien Leben
Anwendung finden soll. Nach Entlassung und der potentiellen Wiederkehr in die gewohnten
Strukturen vor der Inhaftierung bilden die Familie, potentielle Partner/innen sowie die Freunde
die relevanten Sozialakteure der Reintegration.
Eine Einordnung der Bezugspersonen muss
durch das Konzept des Selbst in Interaktion mit der sozialen Umwelt verstanden werden.
4.1.1 Mitinsassen und Bedienstete
Die Charakterisierung der JSA als Soziotop (vgl. Kapitel 3.2.3) hat bereits einige
Problemstellungen im Zusammenleben homogen-delinquenter, junger Männer angerissen.
Eine funktionale Erklärung der Entstehung der Insassensubkultur liegt zunächst in der
gemeinsamen Erfahrungsebene, die das Leben im Strafvollzug bildet. Entsprechende Normen
entstehen als Folge der Haftbedingungen, die mit einer generellen Deindividuation der
Insassen und der Vollbremsung des jugendlichen Autonomiestrebens einhergehen.
Persönliche Entwicklungsprozesse unterstehen plötzlich der Verfügbarkeit aufgezwungener
Opportunitäten (vgl. Walkenhorst 2010: 27). Sykes (1958) fasste die Schwierigkeiten, denen
ein Gefangener ab Inhaftierung ausgesetzt ist, als die ‚Pains of Imprisonment‘ zusammen. Der
Betroffene verliert mit seiner Bewegungsfreiheit auch den Zugang zur Außenwelt und ist in
Folge dessen von der Gesellschaft ausgestoßen. Hinzu kommt der Verlust an materiellem Hab
und Gut sowie die Eingeschränktheit im Führen heterogener Beziehungen. Schließlich gehen
mit dem Verlust der Autonomie ebenso persönliche Sicherheiten verloren (vgl. Sykes 2007:
63f.) Anpassungsstrategien, die eine Neutralisierung dieser Einschränkungen in Aussicht
stellen, sind in einem verstärkten Trend in Richtung Insassen-Solidarität auszumachen. „A
cohesive inmate society provides the prisoner with a meaningful social group with which he
can idenitify himself and which will support him in his battles against his condemners […]“
(Sykes 2007: 107). Die Akzeptanz und Internalisierung der Werte und Normen der
Insassenkultur macht neue Bedürfnisse verfügbar, deren Erfüllung auch innerhalb des
Haftkontexts realisierbar ist. Diese Neubewertung geschieht infolge der notgedrungenen
Anpassung an den Anstaltsbetrieb. Des Erlenen der hierarchischen Strukturen und Tricks als
Überlebenstechnik in der Gemeinschaft wird als Sonderform der Subkultur durch das Konzept

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
28
der ‚Prisonisierung‘ erfasst (vgl. Clemmer 1940: 270f.). Die Adaption an das Gefängnisleben
durch die Zusammenkunft in einer Subgruppe wird demnach vornehmlich der inhärenten
Struktur des Gefängnisses und den damit induzierten Anpassungsprozessen im Zuge der
individuellen Deprivation zugeschrieben. Die Vertreter (Sykes 2007; Clemmer 1940; Goffman
1961) dieses sogenannten ‚Deprivation Models‘ stellen sich gegen die Annahme des
‚Importation Models‘, nach welchem die Insassenkultur die Übertragung einer kriminellen
Subkultur darstellt. Als Resultat früherer Gewalterfahrungen, institutionellen Aufenthalten und
dem individuellen Sozialisationskontext, bringen die Straftäter bereits Verhaltensmuster in den
Vollzug ein und versuchen diese im neuen Kontext nutzbar zu machen. Kriminelle Individuen
bilden diesem Verständnis nach bereits außerhalb des Vollzugs eine Subkultur, die sie bei
Eintritt importieren (vgl. Iriwn & Cressey 1962: 145). Irwin und Cressey (1962: 145)
argumentieren für eine Kombination beider Ansätze, indem sie auf eine latente Kultur
verweisen. Die übernommen Werte, Einstellungen sowie Handlungsmuster können demnach
von Gruppen außerhalb der aktuell zugehörigen Gruppe abgeleitet worden sein und im
Übereinstimmen sozialer Identitäten schließlich zur Formierung innerhalb der Institution
geführt haben. Die Autoren klassifizieren Gefangene in drei Subgruppen, wobei erstere von
Machtansprüchen und starker Orientierung an der Subkultur geprägt ist. Das zweite Cluster
akzeptiert den geltenden Gefangenenkodex, bemüht sich jedoch um eine rasche Entlassung.
Der unauffällige Typus hingegen meidet die Integration in die Subkultur und versucht die
Anstaltsregeln einzuhalten (vgl. Irwin & Cressey 1962: 145ff.).
Dass es sich dabei lediglich um eine grobe Skizzierung handeln kann, verdeutlicht die
Überlegung, dass der Gefangene sich im Haftverlauf früher oder später zu der haftimmanenten
und ubiquitären Gewalt positionieren muss. Basale Zugehörigkeits- und Anerkennungsgefühle
werden in der Anstalt durch Zwangsverhältnisse und Intragruppensolidarität vermittelt, sodass
Einsamkeit und eine Verringerung des Selbstwertes als Folgen zurückhaltender Integration in
die Gefangengruppe wahrscheinlich werden (vgl. Kühnel 2007: 239). Die Beschränkung der
Kommunikationsstrukturen auf vertikaler Ebene, verbunden mit wenig Möglichkeiten mit
Konflikten zu entgehen, befördert die subjektive Beurteilungskraft durch die Mitinsassen. Die
Einordnung als ‚Schwächling‘ oder ‚Verräter‘ macht zukünftige Viktimisierungserfahrungen
zudem wahrscheinlicher und möchte selbstredend vermieden werden.
Komplementäre Rolle gegenüber dissozialen Entwicklungen könnten die Bediensteten der
Anstalt in ihrer Funktion als normkonforme Vorbilder einnehmen. Im Haftalltag werden sie
jedoch vornehmlich als Kontrolleure auferlegter Beschränkungen empfunden (vgl.
Walkenhorst 2010: 27). Frühere Befragungen zu den subjektiv zielführendsten Aspekten
hinsichtlich Legalbewährung in der JSA Regis-Breitingen zeigten jedoch auch, dass
Gespräche mit vertrauensvollen Bediensteten eine hohe Wertschätzung seitens der

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
29
Gefangenen genossen. Im Hafterleben kommt den Stationsbediensteten damit eine zentrale
Rolle zu (vgl. Hartenstein & Hinz 2014: 127). Die Ausgestaltung einer förderlichen Beziehung
fällt im Zwangsverhältnis von Bewachendem und Bewachtem jedoch mühevoll aus. Einerseits
gilt es für die Anstaltsbediensteten den staatlichen Erziehungsauftrag wahrzunehmen, dessen
Erfüllung an ein möglichst vertrauensvolles Verhältnisses geknüpft ist, anderseits muss die
Sicherheit und Ordnung der Institution trotz ungleicher Mehrheitsverhältnisse stets
gewährleistet sein (vgl. Boxberg 2018: 97). Hinzu kommt, dass Konflikte zwischen den
Gefangenen aufgrund der hohen Gewaltdynamik oftmals nicht klar ausdifferenzierbar sind. Die
Sanktionierung der Täter durch Disziplinarmaßnahmen ist daher in ihrer Wirksamkeit im
Besonderen vor zukünftigen Übergriffen nicht unumstritten (vgl. Bachmann & Ernst 2015: 4f.).
Zudem wird das Verhältnis der beiden Parteien durch häufige Kontrollen und Sanktionen
zunehmend belastet, was soziale Problemlagen im Gefangenenkontext noch verstärkt, da
weder die Mitinsassen noch die Bediensteten Sicherheitsräume für den Insassen bereitstellen.
Unter diesen Voraussetzungen liegt es auch in der Verantwortung der Bediensteten dem
jungen Straftäter eine Lernumwelt zu schaffen, die auf das Leben in Freiheit vorbereitet.
Inwieweit dies gelingen kann, hängt jedoch nicht nur von den Kontakten innerhalb der
Institution ab, sondern auch von den Außenkontakten.
4.1.2 Familie und Freunde
Welche Bedeutungskraft eingeschränkte Kontaktaufnahmen und reglementierte Besuche für
die Gefangenen haben können, zeigen Auswertungen standardisierter Befragungen zu
Belastungsempfinden und Befürchtungen junger Inhaftierter in fünf nord- und ostdeutschen
Jugendstrafanstalten durch Enzmann (2002). Die Isolation von Familie und Freunden sowie
die Frucht vor dem Verlust der Partnerin stellten für die Gefangenen zu Beginn der Haft die
größten Belastungsfaktoren dar (vgl. Enzmann 2002: 264f.). Dies ist nicht überraschend, stellt
die Inhaftierung doch die bisherigen Vertrauensverhältnisse auf die Probe. Während die
Außenwelt den gewohnten Alltag bestreiten und soziale Kontakte pflegen kann, ist der
Gefangene zunächst von der Bereitschaft der Bezugspersonen zu überwachten Besuchen und
Telefonaten abhängig. Hinzu kommen oftmals große Entfernungen der JSA zum Heimatort,
welche einen Besuch aufwendiger gestalten.
Entspricht dieser schmerzhafte Verzicht auf die Nähe zu Angehörigen und Freunden auch der
ursprünglichen Intention der Strafhaft, demonstriert diese Handhabe abermals das Dilemma
zwischen Reintegrationsbemühungen und Sicherungsauftrag. Ein Leben in sozialer
Verantwortung beruht auf dem Vorhandensein tragfähiger Sozialbeziehungen, deren

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
30
Stabilisierung oder Entwicklung wiederrum durch derartige Restriktionen erschwert wird. Des
Weiteren kann ein intensiverer Kontakt zu nahestehenden Personen gerade zu Beginn der
Haft helfen, Deprivationserfahrungen abzuschwächen. Kurz vor der Entlassung repräsentieren
die Art und Qualität der Kontakte, die der Gefangene unterhält, den sozialen Empfangsraum,
in den er schließlich entlassen wird. Häufiger Unterstützungserhalt durch die Eltern während
des Haftaufenthalts spricht beispielsweise für eine feste Unterkunft und Versorgung durch die
Erziehenden in der Zeit nach Entlassung. Eine amerikanische Studie, welche den
Zusammenhang zwischen Besuchshäufigkeit und Besuchenden auf die Rückfälligkeit
untersuchte, fand positive Effekte auf die Legalbewährung, insbesondere wenn die Besuche
in gewisser Regelmäßigkeit über einen langen Zeitraum stattfanden. Auffällig war die
reduzierte Rückfallwahrscheinlichkeit, wenn es in Haft zu wiederholten Zusammenkünften mit
der Familie und dem Nachwuchs kam (vgl. Bales & Mears 2008: 312). In einer multivariaten
Betrachtung der Beziehungsqualität und der Besuche auf die Rückfallwahrscheinlichkeit verlor
der letztgenannte Prädiktor seine Erklärungskraft. Als bedeutend stellte sich eine starke
mütterliche Beziehung zum Gefangenen vor der Inhaftierung, in der Reduktion der
Rückfallwahrscheinlichkeit nach Entlassung heraus (vgl. Atkin-Plunk & Armstrong 2018:
1519). Derartige Befunde unterstreichen die Relevanz vollzuglichen Familienorientierung,
welche ohnehin zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt.
Neben den familialen Außenkontakten bilden die Freunde und Peers eine weitere Gruppe an
Bezugspersonen. Nach Entlassung entscheidet die Art des Freundeskontakts in erheblichem
Ausmaß inwieweit das straffreie Leben gelingen kann. Eine Rückkehr in den alten
Freundeskreis, welcher zumeist von jugendsubkulturellen Einstellungen geprägt war und
damit einen erheblichen Einfluss auf die Ausprägung der individuellen Kriminalität hatte (vgl.
Kapitel 3.1.1), erscheint als stabiler Prädiktor erneuter Straffälligkeit. Oftmals ist jedoch eine
nachhaltige Abkehr aus alten Kontaktkreisen nicht ohne weiteres möglich, da die
Freundschaften teils durch gemeinsame ‚Szenen‘ oder lokale Gruppen entstanden sind (vgl.
Melzer & Jakob 2002: 70). Eine Rückkehr aus der Haft in das ehemalige Wohnumfeld oder zu
vormaligen Treffpunkten würde eine erneute Begegnung wahrscheinlich machen und den
Entlassenen unweigerlich zu einer Positionierung gegenüber der Peergruppe zwingen. Dabei
ist eine Dualität der Peer-Effekte auszumachen, denn neben potentiell kriminalitätssteigernden
Einflüssen können auch protektive Faktoren im Reintegrationsprozess wirksam werden. So
fanden Mowen und Boman (2018) voneinander unabhängige, signifikante Einflüsse der Peer-
Kriminalität und Peer-Unterstützung auf die Wahrscheinlichkeit der Rückfälligkeit. Gleichwohl
der Effekt krimineller Peers auf die Straffälligkeit und Drogenkonsum des Entlassenen einen
höheren Einfluss hatte, erwiesen sich die Unterstützungsaspekte durch nahestehende
Gleichaltrige als relevanter Mechanismus für den Ausstieg aus der kriminellen Karriere (vgl.
Mowen & Boman 2018: 1110). Es liegt nahe, dass bei fehlendem familialem Rückhalt nach

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
31
Entlassung die Rolle der Freunde an Bedeutung gewinnt und als zentrales Element im
Resozialisierungsprozess mitwirkt.
4.2 Auswirkungen sozialer Bindungen
So ambivalent die Rolle der Bezugspersonen sind, so divers zeigen sich auch die
Auswirkungen der Bindungen. Die theoretischen Annahmen bilden in ihrer Synthese
individuelle Entwicklungen im sozialen Kontext ab, wobei sich auf die Konzepte des sozialen
Lernens sowie der sozialen Kontrolle gestützt wird.
4.2.1 Identität, Lernen und Integrationsstreben
Die Auswirkungen der Nähe zu den Mitinsassen können vielfältig diskutiert werden. Fest steht
jedoch, dass insbesondere durch den Wohngruppenvollzug ein Lernfeld geschaffen wird, dass
die individuelle Identitätsarbeit beeinflusst. Haben sich delinquente Peers als stabiler Prädiktor
für Jugendkriminalität erwiesen (vgl. Kapitel 3.2), erscheint die erzwungene Unterbringung in
abweichender Männergemeinschaft als Determinante persistenter Täterschaft. Nach
Sutherlands (1939) Theorie der ‚differentiellen Kontakte‘ werden bestimmte Verhaltensweisen
dann ausgeführt, wenn sie von der Mehrheit der sozialen Bezugspersonen als positiv bewertet
werden. (Kriminelle) Einstellungen und Techniken sind demnach in Interaktion mit Anderen
durch Kommunikationsprozesse erlernt. Im Unterschied zu anderen kriminologischen
Theorien ist Kriminalität diesem Verständnis nach eher soziales als antisoziales Verhalten,
denn aus Sicht des ‚Trainers‘ wurde der Straffällige adäquat sozialisiert (vgl. Hirschi 1977:
331). Entscheidend für die Adaption der Handlungsmuster ist die Frequenz und Intensität der
Kontakte. Häufige Interaktion mit den Mitinsassen, bei welchen aufgrund ihres Aufenthalts in
der JSA von der Kenntnis krimineller Techniken sowie abweichendem Normverständnis
ausgegangen werden kann, gingen demnach mit erhöhter Wahrscheinlichkeit delinquenten
Verhaltens einher. Konträr dazu bilden die Beziehungen zu Bediensteten eine Lerninstanz, die
Gesetzesverletzungen vorrangig negativ bewertet. Auch intramural sind die Kontakte daher
differentiell und bilden die Basis für divergente Verhaltensoptionen.

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
32
Kritik an diesen Annahmen wurde durch Glaser (1956) in der Konzeption der ‚differentiellen
Identifikation‘ geäußert, denn der bloße Umgang mit kriminellen Kontakten stellt keine
ausreichende Erklärung für die Genese eigener delinquenter Einstellungen dar. Eine
Einbettung in rollentheoretische Überlegungen nach Mead (1934) vermag dabei den
Erklärungsgehalt insoweit zu erweitern, dass die Verhaltensbeeinflussung unter der Prämisse
der Identifikation mit dem jeweiligen Gegenüber geschieht. Mit den Worten Glasers: „[…] a
person pursues criminal behavior to the extent that he identifies himself with real or imaginary
persons from whose perspective his criminal behavior seems acceptable.“ (Glaser 1956: 440).
Die Identifikation wird als Sozialisationsprozess betrachtet, welche nach Ausführungen des
Autors auch Relevanz für Resozialisierungsbemühungen von ‚Korrekturanstalten‘ haben kann
(vgl. Glaser 1956: 442). Mit dem Verweis auf Clemmers (1940) ‚The Prison Community‘ wird
dem Gefängnissystem die Funktion als Identifikationsbarriere zu normkonformen
Rollenvorbildern zugeschrieben. Die Unterbringung in größeren Wohngruppen müsste diesem
Lernverständnis nach, negative Auswirkungen auf das normkonforme Integrationsstreben
zeigen (vgl. Glaser 1956: 442).
Burgess und Akers (1966) umrahmten Sutherlands (1939) Annahmen nach behavioristischem
Vorbild in ihrer Theorie der ‚differentiellen Verstärkung‘. Die Prinzipien des Lernprozesses
unterliegen nach Ansicht der Autoren der operanten Konditionierung. Insoweit griffen Glasers
(1956) Annahmen zu kurz, indem sie lediglich eine Komponente des Sozialisationsprozesses
spezifizierten. Das Verhalten ist viel mehr als eine Funktion der wirksamen und abrufbaren
Verstärker zu verstehen (vgl. Burgess & Akers 1966: 138ff.). Konstatiert wird außerdem, dass
in Verstärkung mündendes Verhalten selbst an Verstärkungswert gewinnen kann, indem
Gruppenmitglieder durch Manipulation verschiedener sozialer Verstärkungsformen, wie
soziale Anerkennung und Status, abhängig von derartigem Verhalten werden können. Dies
könnte zur Ausbildung eines eigenen Normsystems führen, welches von der allgemeinen
Gesellschaft als delinquent wahrgenommen wird (vgl. Burgess & Akers 1966: 145). Adaptiert
man diese Überlegungen in den Gefängniskontext, lassen sich Parallelen zu den
beschriebenen Hierarchisierungs-Prozessen innerhalb der Gefangenpopulation erkennen.
Unter steter Ressourcenknappheit wirken Statusgewinne durch Akkumulation illegaler Mittel
wie ein Brennglas auf die Identitätsarbeit der jungen Gefangenen. Der resultierende
Wertekanon steht im Konflikt zu den Resozialisierungsbemühungen und es resultiert vielmehr
eine „[…] Integration in den Strafvollzug als in die Freiheit.“ (Stäwen 1989: 263)

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
33
4.2.2 Kontrolle und Legalbewährung
Nach Sampson und Laubs (1993) ‚Age-graded Theory of Informal Social Control‘ stellen
sogenannte ‚turning points‘ im Lebenslauf potentielle Wendepunkte bisheriger
Delinquenzentwicklungen dar (vgl. Kapitel 3.3). Die Grundannahme der Autoren kann als
theoretische Fassung der Idee von Spontanbewährung, also als ein Abweichen von
Kriminalität durch informelle soziale Bindungen zu Familie, Freunden oder Partner/in begriffen
werden. Dabei können selbst frühe, kriminalitätsfördernde Lebenserfahrungen in gewissem
Maße durch Sozialisationsprozesse im Erwachsenenalter konterkariert werden: „[…]
desistance from criminal behavior in adulthood can be explained by strong social bonds in
adulthood, despite a background of delinquent behavior.“ (Sampson & Laub 1993: 246).
Während im Kindesalter die Bindungsqualität zu den Eltern, der Schule und den Gleichaltrigen
der relevante Faktor für nonkonformes Verhalten ist, wechseln in der Adoleszenz die
Bindungspartner (vgl. Sampson & Laub 1993: 17). Mit einer gefestigten Einbindung in Arbeit,
Partnerschaft oder die eigene Familie kann im darauffolgenden Lebensabschnitt soziale
Kontrolle wirksam werden, die wiederrum mit sozialem Kapital korreliert. Dabei tragen die
Netzwerkkontakte auf individueller Ebene zur Generierung informeller Kontrolle bei, welche
als Nebenprodukt von Rollenbeziehungen und als Komponente von Reziprozitäten emergiert
(vgl. Sampson & Laub 1997: 143). Gegenseitige Investitionen in das jeweilige Gegenüber
wollen von keiner der beteiligten Parteien enttäuscht werden, wodurch bestimmte
Handlungsmaximen eingehalten werden um den ansonsten drohenden Verlust des Anderen
und damit auch des strukturell verfügbar gemachten Sozialkapitals zu unterbinden. Unklar
bleibt jedoch, warum es zu Veränderungen sozialer Bindungen bei einigen Delinquenten im
Zuge gewisser Lebensereignisse und Rollenübernahmen kommt und diese bei anderen
ausbleiben (vgl. Stelly & Thomas 2005: 94).
Mit der theoretischen Modifizierung durch die Annahme der ‚Cumulative disadvantage‘
(Sampson & Laub 1997) konnten diese Differenzen zumindest teilweise durch äußere
Einflüsse erklärt werden. So haben offizielle Sanktionen durch negative strukturelle
Konsequenzen einen nachhaltigen Einfluss auf die Lebenschancen. Wiederholte
Inhaftierungen
erschweren
beispielweise
den
Aufbau
eines
nachhaltigen
Beschäftigungsverhältnisses. Durch Stigmatisierungen werden dringend benötigte soziale
Einbindungen in den Leistungsbereich versperrt, was wiederum zu geschwächter
Normkonformität führt. Erkannt man im Vorhandsein individueller Defizite und Risikofaktoren
ein kumuliertes Abriegeln legitimierter Chancen und Rollen über den Lebenslauf hinweg, wird
dadurch auch soziales Kapital durch konventionelle Beziehungen unzugänglich gemacht,
dessen Fehlen kriminelle Aktivitäten wahrscheinlicher macht.

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
34
Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
Dabei folgen die Autoren den Vorstellungen von Paternoster und Iovanni (1989), wonach die
offizielle Stigmatisierung den Startpunkt eines Mechanismus in Gang setzen kann, der sich in
den sozialen Nahraum ausdehnt und weiterentwickelt. Zur Vorbeugung weiterer
Stigmatisierung erfolgt schließlich auch ein Rückzug aus potentiell förderlichen
Lebenszusammenhängen und Beziehungen. So verstärken sich Sanktionierungen und die
fortschreitende Ausdünnung des sozialen Netzwerks gegenseitig, hin zu einer Stabilisierung
delinquenter Muster als Folgeerscheinung reduzierter Bindungen. Andererseits können auch
moderierende Effekte auf den Zusammenhang zwischen formeller Sanktionierung, Kontrolle
und dem Fortsetzen krimineller Karrieren bestehen, die in Anlehnung an die Social Support
Theory von Cullen (1994) zusätzlichen Erklärungsgehalt versprechen. Die erhaltene
Unterstützung vermag beispielweise ein protektiver Faktor vor individueller Adaption an das
‚Labeling‘ zu sein und zugleich die Voraussetzung effektiver Sozialkontrolle darstellen.
4.3 Mitwirkung und Rückfälligkeit im sozialen Kontext
Angesichts der komplexen sozialen Interaktionen und individuellen Auswirkungen, sowohl im
Nahbereich als auch extramural, griffe ein einfaktorieller Erklärungsansatz zu kurz. Zu groß ist
die Ambivalenz der sozialen Einflüsse auf dem Entwicklungsweg. Ein multifaktorieller Ansatz
vermag die Dynamik zu erfassen und dabei den potentiellen Erklärungsgehalt bestmöglich
auszuschöpfen. Dabei wird sich an den qualitativ gewonnen Erkenntnissen Stellys und
Thomas‘ (2004) zu Reintegrationsverläufen junger Strafgefangener orientiert, deren
Dreiphasenmodell als Grundgerüst dient. Entschluss, Versuch und Stabilisierung bilden dabei
die idealtypischen Phasen des Abbruchprozesses, der durch die soziale Identitätsarbeit und
die sozialen Kontrollmechanismen in seinem individuellen Verlauf beeinflusst wird. Da es
schließlich das Ineinandergreifen der verschiedenen Komponenten ist, welches über den
Ausgang nach Entlassung entscheidet, sind in den weiteren Ausführungen weniger die drei
Phasen von Bedeutung, sondern die individuellen Auswirkungen hinsichtlich Mitwirkung und
Rückfälligkeit, die auf Basis sozialer Interaktion einhergehen.
Der Anfang vom Ende der kriminellen Karriere wird durch Motivation zur Änderung und
praktische Umsetzungsversuche geprägt. Dieser Schritt bildet den Einstiegspunkt
behandlerischer Bemühungen des Jugendstrafvollzugs, denn die intrinsische Motivation zur
Änderung bildet die Basis der Mitwirkung am Resozialisierungsziel. Die ernsthafte
Auseinandersetzung mit bisherigen Strafhandlungen stellt dabei den Beginn der
Integrationsbemühungen dar.
Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
35
Dazu zählt die Reflexion ohne Neutralisierungstechniken, welche durch Rationalisierungen in
der Vergangenheit die eigene Kriminalität mit den Werten der Gesellschaft in Einklang
gebracht haben. Verantwortungsübernahme, Unrechtsbewusstsein und Opferempathie sind
zu entwickelnde Kompetenzen (vgl. Sykes & Matza 1957: 666f.). Der Wille zum Erlenen dieser
wird auch von der eigenen sozialen Identität bestimmt, welche sich durch den Umgang mit
delinquenten Peers und die Abwertung normorientierter Gesellschaftsmitglieder entwickelt
hat. Demnach muss der Gefängnisaufenthalt als Wendepunkt verinnerlicht werden. Ohne
Reue und Lernwilligkeit wird der delinquente Lebensweg weiterverfolgt, da die zu
bewältigenden Dissonanzen sich verfestigen. Gelingt die Aufarbeitung, gilt das legale
Erreichen von allgemein anerkannten Zukunftsorientierungen als erstrebenswert. All diese
Umdenkprozesse finden anfänglich im Rahmen des Soziotops Jugendstrafanstalt statt,
sodass Einwirkungen durch Mitinsassen auf die Motivation und tatsächlichen Veränderungen
Einfluss haben. Im Sinne differentieller Verstärkung können Resozialisierungsbestrebungen
durch positiv bewertete Überschreitung der Anstaltsregeln ausgebremst werden.
Statusgewinn und -erhalt basieren in der Insassengemeinschaft auf der Demonstration
hegemonialer Männlichkeit. Stärke, Durchsetzungsvermögen sowie Ressourcenakkumulation
im Sinne von Drogen oder unerlaubten Kommunikationsmitteln begründen eine hohe
Machtposition. Hierarchische Strukturen können somit auch die individuellen Bestrebungen
potentiell Motivierter konterkarieren, denn im Haftverlauf muss sich jeder Gefangene früher
oder später positionieren. Als normkonforme Vorbilder können die Bediensteten dienen,
insofern der Aufbau von Vertrauen beiderseits gelingt. Von zentraler Bedeutung ist, inwieweit
der Strafvollzug als individuelle Entwicklungschance nutzbar gemacht werden kann.
Die aktive Mitarbeit an der Straffreiheit muss sich schließlich durch Eigeninitiative des
Gefangenen manifestieren, indem sich um eine Ausbildung in Haft bemüht oder ein
zusätzliches Therapieangebot beantragt wird. Erfolgserlebnisse in dieser Versuchsphase
gehen im Idealfall mit der Vermeidung devianter Handlungsweisen einher. Dabei ist in dieser
Phase das Risiko groß in alte Muster zurückzufallen, da die Verhaltensänderungen zunächst
wenig ‚benefit‘ generieren. Dies gilt nicht nur im monetären Bereich, sondern auch für den
eigenen Status. Besonders die Integration in den Leistungsbereich nach Entlassung fällt
aufgrund meist problematischer Schul- und Berufsbildung schwer (vgl. Stelly & Thomas 2004:
118). Umso gewichtiger werden bereits in dieser Phase förderliche und stabile Bindungen
zum/r Partner/in, der Familie oder engen Freunden. Unter den restriktiven
Kontaktbestimmungen muss es gelingen, soziale Unterstützungsressourcen zur Bewältigung
der Deprivationserfahrungen und Konfliktstruktur durchdringen zu lassen. Die nachhaltigen
Sozialbeziehungen erhöhen sowohl die Kosten, die erneute Abweichungen mit sich bringen
würden als auch das soziale Kapital, auf welches in künftigen Problemsituationen
zurückgegriffen werden kann.

Soziale Bindungen im Vollzug und nach Entlassung
36
Hierbei dürfte neben der emotionalen Nähe auch die örtliche Nähe eine Rolle spielen, da
davon ausgegangen werden kann, dass die beschriebenen Mechanismen wirksamer bei
intensivem Kontakt greifen. Das Wohnen bei den Eltern oder dem/der Partner/in könnte
ebenso wie eine positive Beziehungsentwicklung während der Haft zur Stabilisierung
beitragen.

Hypothesen
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5 Hypothesen
Aus den theoretischen Überlegungen erfolgt die Ableitung der empirisch testbaren
Hypothesen. In Orientierung an der Forschungsfrage der Arbeit wurden zwei Blöcke von
Hypothesen ausgearbeitet. Einerseits soll der Einfluss von sozialen Einbindungen innerhalb
und außerhalb der Anstalt auf die Mitwirkung näher betrachtet und andererseits der
Zusammenhang von förderlichen Sozialbeziehungen, delinquenten Peerkontakten, Arbeit /
Ausbildung, Mitwirkung und Rückfallwahrscheinlichkeit untersucht werden. Dabei gilt es in
erster Linie Grundzusammenhänge zu postulieren, deren Bestätigung oder Verwerfung
Anknüpfungspunkte für weitere Forschung schafft.
5.1 Haftbezogene-, Extramurale Einbindung und Mitwirkung als Wirkfaktor
Nach dem Reintegrationsmodell (Stelly & Thomas 2004) ist die individuelle Aufarbeitung und
Motivation zur Änderung sowie die aktive Umsetzung der Bemühungen die Basis erfolgreicher
Reintegrationsverläufe. Es wird davon ausgegangen, dass wenn es dem Gefangenen gelingt
aktiv an der Ausgestaltung des Vollzugsziel mitzuwirken, nachhaltige Umgestaltungsprozesse
in Gang gesetzt werden, die sich schließlich in einer verminderten Wahrscheinlichkeit eines
Rückfalls äußern.
Hypothese 1: Je höher die Mitwirkung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls.
Es wird angenommen, dass wenn die normkonformen Repräsentanten der Haftanstalt als
vertrauensvolle Interaktionspartner anerkannt werden, auch die Bereitschaft seitens der
Insassen steigt trotz Heteronomie am Vollzugziel mitzuwirken. Dabei können die Bediensteten
als Rollenvorbilder dienen und mit einer größeren Mitwirkung zugleich positive Verstärkungen
bezweckt werden, woraus sich potentiell nachhaltige Lerneffekte ergeben.
Hypothese 2: Je größer das Vertrauen in Bedienstete, desto größer die Mitwirkung.
Im Zuge behavioristischer Lerneffekte und den Belegen zu häufigen Gewaltvorkommnissen in
der JSA Regis-Breitingen (Hartenstein et al. 2017) wird davon ausgegangen, dass Gefangene,
die sich in der hierarchischen Stellung der Strafanstalt weit oben einordnen durch die
Akkumulation illegaler Gegenstände und Gewaltanwendung Macht erlangen und sich damit
den Regeln der Anstalt zum Ziel der Statussicherung aktiv wiedersetzen. Gleichzeitig können
Einflüsse der Subkultur unterstellt werden, wodurch die individuellen

Hypothesen
38
Hypothesen
Reintegrationsbemühungen umso geringer ausfallen. Die ‚benefits‘, die sich aus dem
abweichenden Verhalten ergeben, verhindern in der Folge nachhaltige Mitwirkung am
Vollzugsziel Straffreiheit.
Hypothese 3: Je größer die eigene Macht innerhalb der Gefangenenhierarchie eingeschätzt
wird, desto geringer die Mitwirkung.
Delinquenter Peerkontakt kann als Teil der latenten Subkultur verstanden werden, welche
nach Irwin & Cressey (1962) zum Teil bereits in den Vollzug eingebracht wird. Die
Änderungsbereitschaft fußt auf individuellen Umdenkprozessen und der Aufarbeitung der
Taten. Es wird davon ausgegangen, dass eine geringere aktive Mitarbeit am Vollzugziel
stattfinden wird, wenn der Gefangene an abweichenden Orientierungen und dem ‚alten‘
potentiell schädlich wirkenden Freundeskreis festhält.
Hypothese 4: Je mehr Kontakt mit delinquenten Peers nach Entlassung angestrebt wird, desto
geringer die Mitwirkung.
Das Kriterium zur Änderungsmotivation stellt nach Stelly & Thomas (2004) sowohl die
Beurteilung zukünftiger Lebenschancen als auch die Unterstützung der Entscheidung seitens
Nahestehender dar. Demnach ist anzunehmen, dass förderliche Sozialbeziehungen eine
Entscheidung für und die aktive Mitwirkung an der Straffreiheit begünstigen.
Hypothese 5: Jugendstrafgefangene mit förderlichen Familien-, Partner- und
Freundesbeziehungen haben eine höhere Mitwirkung als jene ohne solche Beziehungen.
Ähnliches wäre auch für zukünftige schulische oder berufliche Chancen denkbar. Sind
konkrete Pläne oder zumindest die Aussicht auf die Integration in den Leistungsbereich
gegeben, befördert dies die Änderungsmotivation und intensiviert individuelle
Reintegrationsbemühungen.
Hypothese 6: Gefangene, die nach der Entlassung eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle sicher
oder wahrscheinlich haben, haben gegenüber nicht schulisch oder beruflich eingebundenen
eine höhere Mitwirkung.

Hypothesen
39
5.2 Extramurale Bindungen, Mitwirkung und Rückfälligkeit im Zusammenhang
Zentrales Argument der ‚Informal Social Control-Theory‘ (Sampson & Laub 1993) ist die
Bindung an prosoziale Akteure als protektiver Faktor vor Kriminalität. Argumentiert wird mit
der Einhaltung vereinbarter Handlungsmaximen zur Erhaltung der Beziehung. Insofern wird
davon ausgegangen, dass förderliche Sozialbeziehungen zu den Eltern, zu normorientierten
Freunden sowie zum/r potentiellen Partner/in das Fortsetzen der kriminellen Karriere
unwahrscheinlicher machen.
Hypothese 7: Gefangene, die über förderliche Familien-, Partner- oder Freundesbeziehungen
verfügen, haben gegenüber jenen, die nicht darüber verfügen eine geringere
Rückfallwahrscheinlichkeit.
Die soziale Identität formiert den Aushandlungsraum individueller Entscheidungen und
Orientierungen. Eine Rückkehr in die alten Strukturen setzt diesem Verständnis nach
neuerliche Verstärkungsprozesse abweichender Verhaltensweisen in Gang. Das ‚Ankommen‘
wollen in der Gruppe und das Bedürfnis nach Zusammenhalt führt zum (oft gemeinsamen)
Übertreten von Grenzen, was wiederrum in neuerlicher Straffälligkeit resultieren könnte.
Hypothese 8: Je mehr Kontakt zu delinquenten Freunden nach Entlassung, desto höher die
Rückfallwahrscheinlichkeit.
Eine gelungene berufliche Integration reduziert individuelle Stigmatisierungserfahrungen und
fördert zugleich die Übernahme prosozialer gesellschaftlicher Werte und Rollen. So macht
unter anderem der Anreiz ein guter Arbeitnehmer zu sein, neue Zukunftsorientierungen
verfügbar, die die Kosten einer erneuten Abweichung erhöhen. Insofern wird davon
ausgegangen, dass sowohl weiterführende Schulausbildung als auch der Antritt einer
Arbeitsstelle als Schutzfaktoren wirken.
Hypothese 9: Gefangene, die nach der Entlassung eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle sicher
oder wahrscheinlich haben, haben gegenüber nicht schulisch oder beruflich eingebundenen
eine geringere Rückfallwahrscheinlichkeit.
Inwieweit die förderlichen Einbindungen nach der Haft nachhaltig greifen, ist nach dem
Reintegrationsmodell (Stelly & Thomas 2004) davon abhängig, wie stabil die Einbindungen
sind. Diese Stabilität könnte durch Aspekte intensiver Nähe generiert werden, wozu das
Wohnen bei den Eltern seinen Beitrag leisten könnte. Gleichzeitig könnten sie instrumentelle
Ressourcen (Wohnraum; Lebensmittel; Geld) direkt verfügbar machen, welche schließlich
nutzbar sind.

Hypothesen
40
Hypothese 10: Gefangene, die nach Entlassung bei ihren Eltern wohnen und über förderliche
Familienbeziehungen verfügen, haben eine geringere Rückfallwahrscheinlichkeit als jene, bei
denen einer diese Faktoren nicht vorliegt.
Den Befunden von Atkin-Plunk und Armstrong (2018) folgend, wird davon ausgegangen, dass
insbesondere die Beziehung zur Mutter im Resozialisierungsprozess von gewichtiger
Bedeutung ist. Sie könnte als moderierender Faktor zwischen förderlichen familialen
Einbindungen und Rückfallwahrscheinlichkeit fungieren.
Hypothesen
Hypothese 11: Gefangene, die die Verhältnisänderung zur Mutter als positiv bewerten und
über förderliche Familienbeziehungen verfügen, haben eine geringere
Rückfallwahrscheinlichkeit als jene, bei denen einer diese Faktoren nicht vorliegen.
Zur Visualisierung der angenommenen Wirkungszusammenhänge dient Abbildung 1.
Abbildung 1:
Postulierte Wirkungszusammenhänge
Extramurale Bindungen
Förderliches Sozialbeziehungen
Delinquenter Peerkontakt
Arbeit / Ausbildung
Mitwirkung
Rückfälligkeit
Haftbezogene Einbindungen
Hierarchiestatus
Vertrauensverhältnis
Bedienstete
Beziehungsqualität
H1
H2 / H3
H4 – H6
H7– H9
H10 / H11

Empirisches Vorgehen
41
6 Empirisches Vorgehen
Der statistischen Prüfung der Hypothesen geht eine Darlegung der empirischen
Vorgehensweise voraus. Demnach wird zunächst die Datengrundlage beschrieben. Dabei
wird auf Spezifika der Bundeszentralregisterdaten eingegangen und der Umgang damit
begründet. Darauf aufbauend folgen einige Anmerkungen bezüglich der Operationalisierung
der verwendeten Variablen und der eingesetzten Skalen. Nachdem die essentiellen Schritte
der Datenaufbereitung formuliert wurden, schließt sich eine Beschreibung der
Stichprobenpopulation hinsichtlich Alter, Herkunft, schulischer und beruflicher Vorgeschichte,
Haftgründen sowie strafrechtlichem Werdegang an.
6.1 Datengrundlage
Die Datenbasis der Untersuchung bilden Daten des Bundeszentralregisters (BZR) sowie
Behandler- und Klienten-Fragebögen der JSA Regis-Breitingen, welche seitens des
Kriminologischen Dienst des Freistaates Sachsen bereitgestellt wurden. Durch das
Bundesamt für Justiz wurden im Mai 2019 Bundeszentralregistereinträge für jene Personen
an den Kriminologischen Dienst übermittelt, die seit Anfang 2011 für eine Dauer von
mindestens 6 Monaten in der sächsischen JSA Regis-Breitingen als Jugendstrafgefangene
inhaftiert waren und in den Jahren 2013-2016 entlassen wurden. Mittels anonymisierten
Personenschlüssels können somit sämtliche justiziellen Registrierungen der jeweiligen
Betroffenen im Beobachtungszeitraum erfasst und mit den Fragebögen des Vollzugs verknüpft
werden.
Die verwendeten Erhebungsbögen lassen sich in Selbstbeschreibungsbögen der
Jugendstrafgefangenen sowie Auskunftsbögen der jeweiligen Behandler des Sozialdienstes
untergliedern. Erstere werden auf freiwilliger Basis bei Austritt ausgefüllt. Erfragt werden unter
anderem Einschätzungen des Haftaufenthalts und zukunftsbezogene Aspekte. Unmittelbar
vor Entlassungstermin erfolgt eine fachdienstliche Einschätzung des Gefangenen hinsichtlich
individueller Mitarbeit, sozialen Beziehungen und Rückfallrisiko. Des Weiteren müssen
Angaben zu Ausgängen und Urlauben während der Haft, der Entlassungssituation sowie dem
Übergangsmanagement gemacht werden. Diese umfangreichen Informationen stehen für eine
Analyse von 769 ehemals Inhaftierten zur Verfügung.

Empirisches Vorgehen
42
Die Arbeit mit Bundeszentralregister-Auszügen induziert einige Problemstellungen, die
Vorüberlegungen zur Datenqualität unabdinglich machen. Neben der Selektivität der
Hellfelddaten, gilt es potentielle Verzerrungen aufgrund ungenauer oder mangelhafter
Registereinträge zu beachten (vgl. Coester et al. 2017: 235f.). Des Weiteren muss die
Mindesttilgungsfrist von fünf Jahren berücksichtigt werden, in deren Folge der
Beobachtungszeitraum innerhalb der Zeitspanne liegen muss (§ 46 Abs. I Nr. I BZRG). In
Abhängigkeit der Fragestellung hat sich in der Praxis zumeist die Anwendung eines
dreijährigen Risikozeitraums etabliert. Mit dem Ziel der Vergleichbarkeit wurde auch für diese
Untersuchung ein Beobachtungszeitraum, also die Spanne zwischen Registerauszugdatum
und Austritt aus dem Vollzug, von drei Jahren gewählt. Zusätzlich werden lediglich solche
Folgeentscheidungen nach Entlassung gezählt, deren Tat-Datum nach der Entlassung liegt.
Diese Vorgehensweise verhindert die Einbeziehung von Verurteilungen deren Bezugstaten
noch in der Haft begangen wurden. So können ‚unechte Rückfälle‘ ausgeschlossen werden,
die ein gängiges Problem von Rückfallmessungen darstellen (vgl. Kerner et al. 2017: 123).
Zudem ist darauf hinzuweisen, dass einbezogene Urteile beziehungsweise nachträglich durch
Beschluss gebildete Strafen nicht als Folgetat kodiert wurden, da für die einzelnen Taten
bereits Entscheidungen vorliegen und dies für die Frage der Rückfälligkeit unerheblich ist.
Der generierte Datensatz musste schließlich noch auf die Entlassungsart des ehemaligen
Gefangenen hin spezifiziert werden. Neben Endstrafe und Gnade, welche problemlos als
vorerst gültiges Ausscheiden aus dem Sanktionssystem verwendet werden konnten, galt es
die Herausnahme aus dem Jugendvollzug (§ 89 b JGG), die Entlassung zur Bewährung (§ 88
JGG, § 57 StGB) sowie die Zurückstellung nach § 35 BtmG zu bewerten. Während bei
letzterem durch die Unterbringung in einer therapeutischen Einrichtung und bei Aussetzung
zur Bewährung die Bedingungen zwar kontrollierter als bei der Endstrafe sind, kann im
Gegensatz zur Herausnahme jedoch eindeutig bestimmt werden, dass die verhängte
Jugendstrafe zunächst endete. Bei der Herausnahme ist eine direkt anschließende Verbüßung
bis zur Endstrafe in einer Justizvollzugsanstalt für Erwachsene möglich. Die Problematik der
Widerrufung der Reststrafe auf Bewährung und die gegebenenfalls restliche Verbüßung
innerhalb des Beobachtungszeitraums bleibt zwar bestehen, ist aber mit Blick auf die
Stichprobengröße hinzunehmen. Bei der Interpretation der Ergebnisse muss dieser Umstand
Beachtung finden, denn bei dieser Gefangengruppe wären trotz höherer Problembelastung,
die schließlich zum Widerruf führte, geringere Rückfallquote zu erwarten. Die Gefangen mit
Herausnahme aus dem Jugendvollzug (§ 89 b JGG), Abschiebung (§ 456a StPO) sowie
Verlegung in ein anderes Bundesland als Entlassungsart wurden aufgrund mangelnder
Information zum Entlassungszeitpunkt beziehungsweise zu potentieller Rückfälligkeit durch
die Zuständigkeit eines anderen Staates von der Stichprobe ausgeschlossen.

Empirisches Vorgehen
43
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte sowie des dreijährigen Beobachtungszeitraums gehen
schließlich 572 Fälle in die Analyse ein.
6.2 Operationalisierung
Im Folgenden werden die Operationalisierungen der verwendeten Variablen erläutert. Die
Zusammenstellung der Erhebungsinstrumente ermöglichte in den meisten Fällen kein
Zurückgreifen auf bereits etablierte Skalen. Bei Skalenbildung wurden zur Überprüfung der
Dimensionalität Faktorenanalysen berechnet. Als Entscheidungskriterium diente neben dem
Scree-Test auch die Höhe des Eigenwertes (>1). Zur Überprüfung der internen Konsistenz
wurde Cronbachs α berechnet. Erhöhte sich der Alphawert bei Auslassen eines Items, wurde
dieses von der Skalenbildung ausgeschlossen. Ratingskalen wurden in Anlehnung an Bortz
(1993: 26) zum Teil als quasi-metrisch im Sinne einer Messung durch Vertrauen
angenommen. Eine ausführliche Übersicht der verwendeten Variablen, inklusive Item-
Beschreibungen, angewandten Rekodierungen sowie Verteilungsmaßen befindet sich im
Anhang (vgl. Anhang A-1).
6.2.1 Abhängige Variablen
Rückfälligkeit:
In Kapitel 3.3.1 wurden bereits die drei etablierten Rückfalldefinitionen
vorgestellt, von denen die zweite in dieser Untersuchung Anwendung finden soll. Dazu wurde
eine Dichotomisierung in 0 - nicht rückfällig und 1 - rückfällig durchgeführt. Nach RD2 gelten
demnach all diejenigen als rückfällig, die mindestens eine neue Verurteilung zu einer
Freiheitsstrafe oder Jugendstrafe innerhalb des Beobachtungszeitraums hatten, wobei diese
unbedingt oder bedingt ausfallen konnte.
Mitwirkung:
Die Einschätzung der Mitwirkung des Jugendstrafgefangenen erfolgte, über das
von der Bundesarbeitsgruppe zur Evaluation des Jugendstrafvollzugs entwickelte
Erhebungsinstrument, zur Erfassung bestimmter Aspekte individueller und vollzuglicher
Leistungsziele (vgl. Hartenstein 2014). Kurz vor Entlassung des Jugendstrafgefangenen
schätzte der Sozialdienst auf einer jeweils vierstufigen Ratingskala von (0) trifft gar nicht zu
bis (3) trifft vollständig zu ein, inwieweit sich der Gefangene (a) ernsthaft mit der Straftat
auseinandersetzt, (b) aktiv an der Erreichung des Vollzugszieles mitarbeitet und (c) über
realistische, auf legalem Wege erreichbare Zukunftspläne verfügt. Zur Überprüfung der

Empirisches Vorgehen
44
eindimensionalen Struktur des erfassten Konstrukts wurde eine Faktorenanalyse
durchgeführt, welche auf Eindimensionalität verweist. Ein Cronbachs α von 0,91 bescheinigt
eine sehr gute interne Konsistenz des gebildeten Summenscores. Der Wertebereich liegt
zwischen 0 und 9.
6.2.2 Unabhängige Variablen
Die unabhängigen Variablen lassen sich in die zwei inhaltlichen Bereiche extramurale
Bindungen und innervollzugliche Einbindungen gruppieren, welche jeweils unterschiedliche
Dimensionen der sozialen Bindungskomponente darstellen. Zusätzlich werden Variablen
eingeführt, welche bestimmte Aspekt der Beziehungsqualität erfassen. Aufgrund der
Verwendung verschiedener Erhebungsbögen beinhalteten die Ausführungen ebenfalls
Informationen darüber, ob es sich um eine Selbsteinschätzung (SE) oder Fremdeinschätzung
(FE) handelte.
Förderliche Familien-, Freundes-, Partnerbeziehung (FE):
Für die Frage nach der Qualität der
Bindung zu Eltern, Familie und Partner liegen keine Eigeneinschätzungen vor. Vorteilhaft ist
jedoch, dass die qualifizierte Einschätzung des betreuenden Sozialdienstes zugleich indirekt
das Ausmaß der Normorientierung der Bezugspersonen erfasst. Als förderlich gelten
Beziehungen, insofern sie Ressourcen der persönlichen Entwicklung des Gefangenen
darstellen. Zudem ist davon auszugehen, dass lediglich solche Beziehungen positiv bewertet
werden, die durch starke Bindung aneinander deutlich für den Fachdienst zu Tage treten.
Demnach werden die Angaben vor Entlassung als Beziehungsparameter in die Analyse
eingehen. Die drei ‚Beziehungspartner‘ werden dabei einzeln betrachtet, um spezifische
Wirkungen ausmachen zu können. Die Einschätzung geschah auf einer vierstufigen Skala von
(1) trifft gar nicht zu bis (4) trifft vollständig zu. Die Merkmale wurden infolge dessen
dichotomisiert, wobei die Werte (1) und (2) als 0 - nicht förderlich und (3) und (4) als 1 -
förderlich interpretiert werden.
Delinquente Freunde (SE):
Die Selbsteinschätzung der Freundeskontakte nach Entlassung
erfolgte auf einer Skala von (0) trifft gar nicht zu bis (4) trifft sehr zu. Erfragt wurde inwieweit
nach Entlassung Umgang mit Freunden bestehen wird, die keine Straftaten begehen, die
selbst schon in Haft waren, mit denen Straftaten begangen wurden sowie solchen, die Alkohol-
oder Drogen konsumieren. Nach Umpolung des erstgenannten Items, sodass ein hoher Wert
auf der Skala für wenig Kontakt zu normorientierten Freunden steht, wurde mittels
Faktorenanalyse die Eindimensionalität überprüft. Sowohl die Ergebnisse der

Empirisches Vorgehen
45
Faktorenanalyse als auch ein Cronbachs α von 0,79 sprachen für die Verwendung eines
Summenscores. Der Wertebereich liegt zwischen 0-16.
Vertrauensverhältnis Bedienstete (SE):
Im Abgangsfragebogen wurde auf einer fünfstufigen
Ratingskala direkt erfragt, inwieweit den Bediensteten vertraut wurde. Hohe Werte gehen mit
geringer Hostilität einher und spiegeln in gewissem Maße die Empfänglichkeit für
normorientierte Rollenvorbilder wider. In Annahme der Messung durch Vertrauen wird das
Merkmal als quasi-metrisch in die Analysen eingehen.
Hierarchiestatus (SE):
Der Grad der Involviertheit in die Gefangenengruppe und damit
einhergehende Machtansprüche werden als Indikator subkultureller Orientierungen
aufgefasst. Die Frage danach, wo sich der Gefangene selbst in der Hierarchie zwischen den
Gefangenen sieht, erfasst dabei durch die semantische Umgestaltung der Antwortskala von
(1) ich habe gar keine Macht bis (5) ich habe sehr viel Macht explizit den eigenen Status
innerhalb der Gruppe. Es wird angenommen, dass die eigene Machteinschätzung ein quasi-
metrisches Konstrukt abbildet und wird daher als solches in die Analyse aufgenommen.
Wohnen Eltern (SE):
Die Frage nach der nachvollzuglichen Unterkunft wurde im
Abgangsbogen gestellt. Wurde das Wohnen bei den Eltern oder einem Elternteil angegeben
beziehungsweise eine gemeinsame Wohnung mit der Freundin / Ehefrau, wurde eine 1
vergebenen, eine 0 erhielten alle die anderweitig unterkamen.
Verhältnisbesserung Mutter (SE):
Kurz vor Entlassung wurde der Gefangene um eine
Einschätzung gebeten, inwieweit sich das Verhältnis zu Mutter verbessert oder verschlechtert
hat. Die Einschätzung fand auf einer Skala von (1) verschlechtert bis (5) verbessert statt. Da
die Abstände der Antwortkategorien nicht als gleich angenommen werden können, wurde die
Variable Dummy-kodiert. Als Referenzkategorie dienen demnach die Ausprägungen (1)-(3)
auf der Skala, wobei bei dieser keine Verhältnisänderung oder einer Verschlechterung
angenommen wird. (4 und 5) werden zu 1 - verbessert rekodiert, sodass der Effekt
tatsächlicher Besserung untersucht werden kann.
6.2.3 Kontrollvariablen
Alter:
Strukturelle Befunde zahlreicher empirischer Studien legen nah, dass die Rückfälligkeit
von entlassenen Jugendstrafgefangenen auch von deren Alter abgängig ist (vgl. Coester et al.
2017: 240). Für die Analyse wird das Alter bei Austritt aus dem Strafvollzug verwendet. Die
generierte Variable ergibt sich aus der Differenz des Austrittsdatums und des Geburtsdatums
des Gefangenen.

Empirisches Vorgehen
46
Haftdauer:
Sowohl die Haftdauer als auch frühere Inhaftierungen haben sich in Meta-Analysen
unter anderem bei Cottle et al. (2001) als relevante Faktoren in der Erklärung wiederholter
Straffälligkeit erwiesen. Die tatsächliche Haftdauer in Monaten wird durch Multiplikation des
Eintrittsdatums in den Vollzug vom Austrittsdatum berechnet.
Frühere Inhaftierungen:
Im Zugangsfragebogen wurde erfragt, ob der Neuankömmling in der
Vergangenheit bereits inhaftiert war. Wurde diese Frage mit ‚ja‘ beantwortet, ging der Proband
als sogenannter Wiederkehrer in die Analyse ein. Die Variable wurde dichotomisiert, wobei 0
- keine früheren Inhaftierungen und 1 - mindestens eine frühere Inhaftierung abbildet.
Deviant Kindheit:
Als wichtiger Prädiktor für eine kriminelle Laufbahn gilt in der
Verlaufsforschung unter anderem durch Moffits (1993) Tätertaxonomien, ein frühes Alter bei
abweichendem Verhalten. Eine Identifikation der jungen Straftäter hinsichtlich früher
Verhaltensauffälligkeiten wurde in Anlehnung an Hosser und Greve (1999) sowie Boxberg
(2018) anhand einer abgewandelten Form der Skala ‚Antisoziale Persönlichkeitsstörung‘ des
Erfassungsbogens ‚Strukturiertes Interview für DSM-III-R, Achse II‘ (SKID-II) realisiert, wobei
eine verkürzte Form mit acht statt zwölf Items zum Einsatz kam. Diese konnten in
Selbsteinschätzung durch Mehrfachnennung angekreuzt werden und fragten ein Spektrum
zwischen häufigem Lügen und Gewaltanwendung vor dem 14. Geburtstag ab, welches das
Ausmaß des abweichenden Verhaltens in der Kindheitsphase abzubilden vermag. Es wurde
ein additiver Index mit einem Wertebereich von 0-8 generiert, der mit höheren Werten
verstärktes abweichendes Verhalten in der Kindheit abbildet.
Drogensucht:
Mit Fokus auf die Drogenproblematiken von entlassenen Strafgefangenen
wurden bei Spohn und Holleran (2002) Evidenzen für einen bedeutsamen Zusammenhang
zwischen Drogenkonsum und Rückfälligkeit geschaffen. Es kann davon ausgegangen werden,
dass eine anhaltende Drogenproblematik auch nachhaltig prosoziale Beziehungen
beeinträchtigt. Die Einschätzung einer vorliegenden Suchtproblematik geschah durch den
Sozialdienst bei Entlassung. Auf einer 4-stufigen Skala wurde bewertet, ob eine erhebliche
Suchtproblematik in Bezug auf Drogen erkennbar ist. Bei der erfolgten Dichotomisierung zum
Ziel des Gruppenvergleichs wurde denjenigen eine 0 - nicht drogensüchtig zugewiesen, auf
die dies gar nicht oder allenfalls ansatzweise zutraf. Als 1 - drogensüchtig wurden die
Gefangenen eingestuft, bei denen dies annähernd oder vollständig zutraf.

image
Empirisches Vorgehen
47
6.3 Stichprobenbeschreibung
Die 572 untersuchten Jugendstrafgefangenen waren bei Strafantritt zwischen 15 und 29
Jahren alt. Das Durchschnittsalter lag zu Beginn der Haft bei 19,9 Jahren (Median=20;
SD=2,0). Lediglich 11,5% der Gefangenen waren unter 18 und damit im gesetzlichen Sinne
Jugendliche bei Eintritt in den Vollzug. 50,9% waren Heranwachsende und 37,6% waren
mindestens 21 Jahre alt. Das Durchschnittsalter bei Entlassung lag bei 21,1 Jahren (Median=
21; SD=1,9). Abbildung 2 zeigt die Altersverteilung zu Haftbeginn und -ende. Die
Altershäufigkeiten entsprechen den Angaben für den gesamten Jugendstrafvollzug, welche
durch das Statistische Bundesamt in dem Zeitraum veröffentlicht wurden. Auch für die JSA
Regis-Breitingen zeigt sich, dass der Großteil der Gefangenenpopulation aus
Heranwachsenden und jungen Erwachsenen besteht.
Abbildung 2:
Altersverteilung zu Haftbeginn und -ende
Hinsichtlich Staatsangehörigkeiten der Probanden zeigen sich im Vergleich mit anderen
Studien deutliche Unterschiede. Während Kerner et al. (2017) in der Untersuchung hessischer
Jugendstrafgefangener von Anteilswerten deutscher Staatsangehöriger zwischen 65,9% und
73% berichteten, sind in der sächsischen Stichprobe 94% deutscher Nationalität. Lediglich 33
Gefangene waren anderen Staaten zugehörig. Die meisten ausländischen Strafverbüßer
stammten aus Serbien (4), Tunesien (4) und Tschechien (3). Das Ausmaß kultureller Diversität
im jeweils übergeordneten Bundesland spiegelt sich im Teilsystem Gefängnis wider, sodass
ein Ost- / Westgefälle im Ausländeranteil auch an dieser Stelle zu beobachten ist.

image
Empirisches Vorgehen
48
Bei Betrachtung einzelner Aspekte zu Herkunftsfamilie und schulischer Ausbildung, bestätigt
sich das Bild defizitärer Ausgangslagen und Entwicklungen junger Mehrfachstraftäter. 80,3%
der Probanden gaben bei Eintritt in den Vollzug an, dass ihre leiblichen Eltern nicht mehr
zusammenleben. Die Trennungen fanden häufig bereits im frühen Kindesalter statt. Das
selbstberichtete Durchschnittsalter zum Trennungszeitpunkt lag bei 5,9 Jahren (Median=4;
SD=5,3). 20,4% äußerten in der Kindheit keine männliche Bezugsperson gehabt zu haben,
dabei sind 13% der jungen Männer bereits selbst Väter. Immerhin 23,3% gaben an bei
Fehlverhalten in der Kindheit zumindest gelegentlich Schläge, Tritte oder Prügel durch die
männliche Bezugsperson erfahren zu haben. Auch auf Bildungsebene zeigen sich
Rückstände, die Integrationshemmnisse auf dem Arbeitsmarkt für den weiteren Werdegang
induzieren. 65,5% der Gefangene hatten bei Inhaftierung keinerlei Schulabschluss, 23,8%
verfügten über einen Hauptschulabschluss oder ein Äquivalent. Abbildung 3 stellt den Status
der jungen Straftäter unmittelbar vor Haftantritt dar. Die überwiegende Mehrheit (84,0%) war
arbeitslos. Diejenigen die einer schulischen / beruflichen Ausbildung oder einer
Erwerbstätigkeit nachgingen bildeten in etwa gleich große Anteile.
Abbildung 3:
Ausbildungs- / Berufsstatus vor Haftantritt
Die Haftgründe stellen sich divers dar, wobei in einer Vielzahl der Fälle mehrere Delikte zur
Strafverbüßung standen. Über die Hälfte (54,4%) saß wegen Diebstahlsdelikten in Haft.
Darauf folgen Körperverletzungs- (40,2%), Betrugs- (21,9%) und Raubdelikte (21,5%). Die
Dauer der tatsächlich verbüßten Haftzeit für die jeweiligen Straftatbestände betrug
durchschnittlich 13,3 Monate (Median=12; SD=7,5).

image
Empirisches Vorgehen
49
170 von 528 (32%) gaben bei Strafantritt an, in der Vergangenheit bereits inhaftiert gewesen
zu sein und können demnach als Wiederkehrer bezeichnet werden. Die Angaben des
Sozialdienstes zur schwersten stationären Sanktionserfahrung im strafrechtlichen Werdegang
des Gefangenen sind Abbildung 4 zu entnehmen. Diese unterscheiden sich von den
Eigenangaben der Probanden, was unter anderem durch frühere Untersuchungshaft-
Aufenthalte begründet werden kann, die bei der Sozialdiensteinschätzung nicht berücksichtig
wurden.
Abbildung 4:
Schwerste stationäre Sanktionserfahrung (ohne U-Haft)

image
Ergebnisse
50
7 Ergebnisse
Im Folgenden werden die Ergebnisse der statistischen Analyse präsentiert. Die Reihenfolge
der Darstellung orientiert sich an den formulierten Hypothesen. Zunächst sollen jedoch
generelle Informationen zur Rückfälligkeit der untersuchten Stichprobe vermittelt werden.
7.1 Deskriptive Befunde zur Rückfälligkeit
Abbildung 5 zeigt die Rückfallhäufigkeiten nach den drei Kriterien. Zwar wird sich in dieser
Untersuchung lediglich auf RD2 bezogen, eine Übersicht ist dennoch von Interesse, denn die
die abgestuften Rückfalldefinitionen erlauben in gewissem Umfang Aussagen über die
Schwere des Rückfalls. Nach der weitesten Definition (mindestens eine neue Verurteilung)
sind 69% der entlassenen Jugendstrafgefangenen in einem Zeitraum von drei Jahren rückfällig
geworden. Eine erneute Verurteilung zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe mit oder ohne
Bewährung erfuhren 40%, etwas über ein Viertel mussten diese zur Strafverbüßung antreten.
Im Durchschnitt dauerte es 9,5 Monate (MW=291,9 Tage, Median=234 Tage, SD=233,2 Tage)
bis es zu einer Tathandlung im Dreijahreszeitraum kam, die eine Rückfälligkeit im Sinne einer
Verurteilung bedingte.
Abbildung 5:
Rückfälligkeit nach Kriterien
Ergebnisse

Ergebnisse
51
Im Vergleich zur Tübinger Rückfalluntersuchung (Coester et al. 2017) des hessischen
Entlassungsjahrgangs von 2009 zeigen sich für alle drei Rückfallkriterien geringere
Häufigkeiten. Im ebenfalls dreijährigen Risikozeitraum hatten in dem Sample 73,2% ein
Verfahren mit Folge, 51,6% eine (un-)bedinge Freiheits- oder Jugendstrafe und bei 29,7% kam
es zu einem erneuten Haftaufenthalt. Eine Schlussfolgerung dahingehend, dass der
sächsische Jugendstrafvollzug erfolgreicher in der Erreichung des Wirkungsziels als der
hessische Jugendstrafvollzug ist, kann dadurch jedoch nicht getroffen werden. So müssen
neben allgemeinen Entwicklungstrends der vergangenen Jahre auch bundeslandspezifische
Bevölkerungs- und Sozialstrukturen in derartige Überlegungen eingehen. Des Weiteren
unterscheiden sich die Strafzumessungspraktiken im föderalen System nicht unerheblich (vgl.
Jehle et al. 2013: 8).
7.2 Befunde zu Mitwirkung und Rückfälligkeit
Zunächst gilt es, den in Hypothese 1 postulierten Zusammenhang zwischen Mitwirkung und
Rückfälligkeit zu testen. Zur Visualisierung dient Abbildung 6. Dargestellt ist die Rückfälligkeit
nach den jeweiligen Mitwirkungskategorien, welche anhand einer Dreiteilung der
Mitwirkungsskala realisiert wurde. Während Jugendstrafgefangene, deren Mitwirkung als
gering eingeschätzt wurde in 48,1% der Fälle rückfällig werden, sind es bei mittlerer Mitwirkung
41,7%. Am deutlich geringsten ist die Rückfälligkeit in der Gruppe mit hoher Mitwirkung mit
33,3%. Mit höherer Mitwirkung geht demnach eine geringere Rückfälligkeit einher. Der
Zusammenhang der beiden Merkmale ist signifikant ((χ
2
(2)=6.9; p=0.02; V=0.13).

image
Ergebnisse
52
Abbildung 6:
Rückfälligkeit nach Mitwirkung (gering=0-3, mittel=4-6, hoch=7-9)
Der Korrelationskoeffizient der Mitwirkungsskala und der Rückfälligkeit beschreibt mit r= -0.2
(p<.001) einen negativen Zusammenhang. Offenbar geht mit geringeren innervollzuglichen
Bemühungen tendenziell eher eine neue potentiell zu verbüßende Strafhaft einher. Erkennt
man die Mitwirkung als ersten elementaren Schritt des Reintegrationsverlaufs und Basis der
Annahme behandlerischer Angebote und Maßnahmen, ist die Untersuchung von potentiellen
Wirkfaktoren auf diese Bereitschaft zentral.
7.3 Befunde zu Mitwirkung und sozialen Einbindungen
Die Korrelationskoeffizienten der im Folgenden besprochenen Auswertungen sind Tabelle 2
zu entnehmen. Es wurde angenommen, dass die Motivation und Änderungsumsetzung durch
subkulturelle Einflüsse der Insassengemeinschaft beeinflusst wird. Eine hohe Stellung in der
Gefangenenhierarchie könnte als Zeichen gegenläufiger Zielstellungen des Insassen und des
Behandlers interpretiert werden. Tatsächlich zeigt sich keine signifikante Korrelation zwischen
den Merkmalen (r=-0.02; p=0.2). Es kann nicht angenommen werden, dass mit subjektiv mehr
Macht innerhalb der Gruppe eine relevante Verringerung der individuellen Mitwirkung
einhergeht. Allgemein fällt auf, dass sich die Gefangenen auf der fünfstufigen Skala eher
machtvoller einschätzten. So gaben fast 40% an, innerhalb der Gefangenenhierarchie viel
oder sehr viel Macht innezuhaben. Zwar legt die Semantik der Fragestellung, Führung,

Ergebnisse
53
Kontrolle und gewisse Autorität nahe, jedoch kann dies von Seiten des Gefangenen als eher
gute Integration in die Gruppe verstanden worden sein. Zudem könnte das Vermeiden der
eigenen Einstufung als ‚Schwächling ‘ zu verzerrten Antworten geführt haben.
Tabelle 2:
Korrelationen Mitwirkung und soziale Einbindungen
Anmerkungen:
* p < 0.05; ** p < 0.01; *** p < 0.001
1
Ähnliches zeigt sich auch hinsichtlich des Vertrauens in Bedienstete. Ein gutes
Vertrauensverhältnis zu den normkonformen Autoritäten geht offenbar nicht mit einer
gesteigerten Mitwirkung einher (r=0.08, p=0.1). Die Einschätzung fiel vorwiegend positiv aus.
60% der Gefangenen ordneten ihr Vertrauen in die Bediensteten auf der fünfstufigen Skala
bei mindestens vier ein. Für die Mehrheit der Stichprobe galten die Kontrollierenden offenbar
nicht als klassische ‚Gegenspieler‘ und das Gros der Bediensteten konnte als vertrauensvolle
Kontaktperson anerkannt werden. Zwar muss der Befund im Befragungskontext verstanden
werden, dennoch scheint eine Voraussetzung für die positive Zusammenarbeit größtenteils
erfüllt worden zu sein. Da weder ein hoher Status in der Gefangenenhierarchie noch ein gutes
Vertrauensverhältnis zu den Bediensteten mit der Mitwirkung am Vollzugsziel in
Zusammenhang steht, können die Hypothesen 2 und 3 keine Unterstützung erfahren.
1
Als Zusammenhangsmaß zweier dichotomer Merkmale wurde der Phi-Koeffizient angegeben. Für dichotome und metrische
Variablen der punktbiseriale Korrelationskoeffizient.
Mitwir-
kung
Hierarchie-
status
Vertrauens-
verh.
Bedienstete
Förderl.
Fam.-
Bez.
Förderl.
Freund-
Bez.
Förderl.
Partner-
Bez.
Del.
Freunde
Arbeit /
Ausb.
Mitwirkung
Hierarchie-
status
-0.02
Vertrauens-
verh.
Bedienstete
0.08
-0.13**
Förderl.
Fam.-
Bez.
0.47***
0.05
0.03
Förderl.
Freund-
Bez.
0.42***
-0.01
0.01
0.41***
Förderl.
Partner-
Bez.
0.19***
0.13*
-0.04
0.29***
0.17*
Del.
Freunde
0.18***
0.16***
-0.18***
-0.13**
-0.16*
-0.16**
Arbeit /
Ausb.
0.19***
0.07
0.08
0.08
0.17
0.09
-0.25***

Ergebnisse
54
Die Berechnung des Rang-Korrelationskoeffizienten nach Spearman ergab übereinstimmende
Werte, sodass auch unter skalenkritischer Betrachtung nicht auf eine Wechselbeziehung der
Merkmale zueinander geschlossen werden kann. Im Allgemeinen scheinen die haftbezogenen
Einbindungen anhand der zur Verfügung stehenden Merkmale eher unzureichend abgebildet.
Wünschenswert wären mehr Frageitems, die insbesondere die Intensität des Kontakts zu
Mitinsassen und dessen Ausgestaltung sowie situationale Aspekte zum Hafterleben erfassen.
Ein anderes Bild zeigt sich für den Zusammenhang zwischen extramuralen Bindungen und
Mitwirkung. Die förderlichen Beziehungen zur Familie, Freunden, Partner sowie Arbeit /
Ausbildung korrelieren alle mittel bis stark mit der Mitwirkung. Prosoziale extramurale
Bindungen gehen daher tendenziell mit einer höheren Mitwirkung einher. Förderlich familial
Eingebundene weisen eine signifikant höhere Mitwirkung auf (MD=7) als
Jugendstrafgefangene, für die diese Einschätzung negativ ausfiel (MD=4) (U= 6101, p<0.01).
Auch für die förderlichen Freundes- sowie Partnerbeziehungen lassen sich ähnliche Effekte
erkennen, wobei die jeweilige Einschätzung mit vielen fehlenden Werten behaftet ist. Dabei
kann im Fall der Partner- und Freundesvariablen nicht davon ausgegangen werden, dass es
sich um rein zufällige ‚Missings‘ handelt. Oftmals ist eine Einschätzung vermutlich schlicht
nicht möglich, da die Freundes- und Partnerbeziehungen für den Sozialdienst nicht unmittelbar
greifbar sind. Aufgrund dessen werden die beiden Merkmale zwar in der bivariaten Analyse
unter Vorbehalt weiterbetrachtet, jedoch am Ende nicht in das vollständige Schätzmodell
eingehen. Gleichwohl scheinen die Befunde zunächst bindungstheoretisch formulierte
Zusammenhänge zu stützten. Ebenfalls signifikante Zusammenhänge zeigten sich für den
delinquenten Peerkontakt und die Mitwirkung, wobei diese in einem negativen
Zusammenhang stehen (r=-0.18, p<0.01). Die Mitwirkung derjenigen, die nach der Entlassung
eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle sicher oder wahrscheinlich haben, ist signifikant höher als
die der nicht schulisch oder beruflich eingebundenen (U=11324, p<0.01).
Zur Überprüfung der Teilfragestellung wurde, aufgrund nicht erfüllter Voraussetzungen für die
Modellierung eines linearen Regressionsmodells, eine logistische Regression durchgeführt
(vgl. Anhang A-2). Dieses Vorgehen berücksichtigt durch die Dichotomisierung der
Mitwirkungsskala (0-4=0-keine Mitwirkung (41%); 5-9=1-Mitwirkung (54%)) zugleich die
bereits angesprochene Problematik der skalentheoretischen Annahmen. Daher wurden
ebenfalls die innervollzuglichen Einbindungen einbezogen, welche zuvor keine signifikanten
Zusammenhänge mit der Mitwirkung aufwiesen. Das Modell zeigt für die Familienbindung
sowie für die Arbeit- / Ausbildungsvariable signifikante Effekte. Demnach haben familial
Eingebundene und Entlassene mit schulisch oder beruflicher Einbindung eine höhere
Wahrscheinlichkeit als nicht derart Eingebundene, im Vollzug aktiv an der Erreichung des
Vollzugsziels mitzuwirken.

Ergebnisse
55
Erneut zeigte sich kein Effekt der hierarchischen Stellung sowie des Vertrauensverhältnisses
zu den Bediensteten auf die Mitwirkung. Ebenfalls als nicht signifikant erwies sich der
delinquente Peerkontakt, welcher sich in der bivariaten Betrachtung noch als potentiell
negativer Einflussfaktor herausgestellt hatte. Insgesamt vermag es das Modell nicht
abschließend zu klären, inwieweit die Bindungen die Mitwirkung im Gesamtgefüge
beeinflussen. Die Kontrolle der gefundenen Effekte durch weitere, vormals kognitive,
motivationale und einstellungsbezogene Aspekte muss die Aufgabe weiterführender
Forschung sein. Im Sinne der Zielstellung, differenzierte Betrachtungen der sozialen
Komponente auf die individuellen Reintegrationsbemühungen in Haft anzustellen, konnten
jedoch die Hypothesen 2 und 3 verworfen werden. In der Stichprobe zeigten sich keine der
angenommenen innervollzuglichen Einbindungen als Prädiktoren der Mitwirkung. Während
die Hypothesen 4 und 5 demnach, im Rahmen methodischer Möglichkeiten, Unterstützung
erfuhren und sich die Relevanz familialer und beruflicher Einbindung für die Mitwirkung
abzeichnete, soll im Folgenden die übergeordnete Fragestellung zu extramuralen Bindungen
und Rückfälligkeit beantwortet werden.
7. 4 Befunde zu Rückfälligkeit und extramuralen Bindungen
Im vierten Hypothesenblock wurden Annahmen zum Einfluss der extramuralen Bindungen auf
die Rückfälligkeit getroffen, welche im Folgenden zunächst bivariat untersucht werden.
7.4.1 Förderliche Familien-, Freundes- und Partnerbeziehungen
In Abbildung 7 sind die Anteile Rückfälliger nach den jeweiligen Beziehungseinschätzungen
dargestellt. 53,8% der JGG, die über keine förderlichen Familienbeziehungen verfügten,
wurden erneut zu einer (un)bedingten Jugend- oder Freiheitsstrafe verurteilt. Demgegenüber
wurden lediglich 31,8% der Entlassenen, bei denen eine förderliche Familienbindung
angegeben wurde, rückfällig. Zwar werden die Familienbeziehungen allgemein eher förderlich
(56%) als nicht förderlich (43%) eingeschätzt, jedoch ist der Zusammenhang zwischen
förderlichen Familienbeziehungen und Rückfälligkeit signifikant (χ
2
(1)=15.8; p<0.01; φ=0.22).
Noch deutlicher sind die Unterschiede bei den Beziehungen zu Freunden und Partner/in
erkennbar. Wurden erstere als förderlich eingeschätzt, lag der Anteil der Rückfälligen bei
25,1% gegenüber der Vergleichsgruppe mit 53,4% (χ
2
(1)=8.4; p<0.01; φ=0.22).

image
Ergebnisse
56
Der Anteil der nicht Rückfälligen unter den partnerschaftlich eingebundenen liegt bei 79,1%,
lediglich 57,3% der nicht derart eingebundenen wurden nicht rückfällig (χ
2
(1)=6.5; p<0.01;
φ=0.15). Die letztgenannten Befunde sind jedoch, aufgrund der bereits angesprochenen
Fehlwerte, unter Vorbehalt zu interpretieren. Ungeachtet dessen verdeutlichen die
Gruppenunterschiede der Familienbindung die potentielle Schutzwirkung enger, prosozialer
Beziehungen an die Eltern.
Abbildung 7:
Rückfälligkeit nach extramuralen Beziehungen
Insofern die familialen Bindungen einen nachhaltigen, risikoreduzierenden Effekt haben,
müsste sich dies auch über die gesamte Zeitspanne von Entlassung bis zur potentiellen
Rückfälligkeit zeigen. Zur Überprüfung dieser Überlegung wurde neben dem eintretenden
Ereignis Rückfall nun auch die jeweilige Zeit bis zum Ereignis in Tagen nach Entlassung
berücksichtigt. Abbildung 8 liefert mittels Kaplan Meier Kurven eine visuelle Repräsentation
des Rückfallrisikos über die Zeit, differenziert nach der Familienvariable. Über die
Beobachtungszeit hatten diejenigen, die über förderliche Familienbeziehungen verfügten, eine
höhere kumulative Überlebensrate als die Vergleichsgruppe. Die, für die die Einschätzung
negativ ausfiel, hatten zu jedem Zeitpunkt nach Entlassung eine vergleichsweise höhere
Rückfälligkeit. Demnach kehrten 500 Tage nach Entlassung, rund 77% der
Jugendstrafgefangen, für die eine förderliche Familienbeziehung angeben wurde, nicht wieder
in den Vollzug zurück. Bei der Vergleichsgruppe waren es lediglich rund 60%.

image
Ergebnisse
57
Abbildung 8:
Überlebensraten nach Familienbeziehung
Die Überlebensrate derjenigen ohne förderliche Familienbindungen sinkt insgesamt rascher
und früher ab als die der Vergleichsgruppe. Die Kurven driften mit fortschreitender Zeit nach
Entlassung weiter auseinander. Dies könnte ein Indiz für die Nachhaltigkeit starker Bindung
an die Familie sein und zugleich die eintretende Phase der Stabilisierung symbolisieren.
Gewiss wird nur ein bestimmter zeitlicher Rahmen betrachtet, jedoch sind deutliche
Gruppenunterschiede auszumachen, welche sich mittels Log-Rank-Test als statistisch
signifikant erwiesen (χ
2
(1)=18.3; p<.001).
7.4.2 Arbeit und Ausbildung
Von denjenigen die einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz nach Entlassung sicher oder
wahrscheinlich hatten, wurden 36,1% rückfällig. In der Gruppe ohne schulische oder berufliche
Einbindung nach der Haft, misslang es 47,7% eine erneute Verteilung zu einem potentiellen
oder tatsächlichen Freiheitsentzug abzuwenden. Der angenommene Zusammenhang
zwischen Arbeit / Ausbildung und Rückfälligkeit erfährt Unterstützung (
χ
2
(1)=5.2; p=0.02;
φ=0.11). Gelingt es dem ehemaligen Jugendstrafgefangenen sich schulisch oder beruflichen
einzubinden, geht dies tendenziell mit einer geringeren Rückfälligkeit einher. Dieser Befund
unterstützt zunächst die getroffenen Annahmen zur kontrolltheoretischen argumentierten
Schutzwirkung der Integration in den Leistungsbereich.

image
Ergebnisse
58
Dabei gilt es zu beachten, dass lediglich die Aussicht auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz
abgefragt wurde und keine retrospektive Betrachtung stattgefunden hat. Demnach sind die
tatsächlichen Effekte erfolgreicher Einbindung wahrscheinlich stärker. Sollte trotz erhoffter
Berufschancen keine nachhaltige Einbettung in ein zufriedenstellendes Arbeitsumfeld
gelingen, könnte dies nach Stelly und Thomas` Erkenntnissen (2004) auch Gegensätzliches
bewirken. Wahrgenommene Stigmatisierung verfestigt sich in zunehmende gesellschaftliche
Exklusion und befördert ein erneutes Abdringen in deviante Strukturen. Auch an dieser Stelle
soll mittels Überlebensraten (vgl. Abbildung 9) ein potentieller Langzeiteffekt betrachtet
werden. Tatsächlich lassen sich signifikante Gruppenunterschiede ausmachen (χ
2
(1)=9.8;
p<.01). Anders als bei der familialen Bindungsvariable verlaufen die Kurven jedoch enger
beieinander und fallen zu Beginn ähnlich stark ab, was unter anderem gescheiterten
Integrationsversuchen in den Leistungsbereich zugeschrieben werden könnte. Wie auch bei
der Familienbindung soll diese Langzeitbetrachtung lediglich als Ausblick und visuelle
Unterstützung dienen. Von Interesse ist zunächst das Eintreten des Ereignisses Rückfall. Die
Befunde stellen jedoch eine vielversprechende Ausgangslage für weiterführende Forschung
dar.
Abbildung 9:
Überlebensraten nach schulischer / beruflicher Einbindung

Ergebnisse
59
7.4.3 Delinquente Peers
Zur Betrachtung der Rückfallhäufigkeiten und in Anbetracht der rechtsschiefen Verteilung der
Peer-Variable wurde die Skala mittels Mediansplit dichotomisiert, sodass sich die Gruppen
0=wenig delinquenter Peerkontakt (55%) und 1=viel delinquenter Peerkontakt (45%) ergaben.
Auch hier lassen sich Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich Rückfälligkeit
ausmachen. Während 46,5% der Gefangenen mit viel delinquentem Peerkontakt nach
Entlassung erneut zu einer Jugend- / Freiheitsstrafe mit oder ohne Bewährung verurteilt
wurden, ist dies lediglich bei 35,1% der Gefangenen mit wenig Kontakt zu potentiell
risikohaften Freunden der Fall. Der Zusammenhang zwischen den Merkmalen ist signifikant
2
(1)=5.5; p=0.02; φ=0.12). Entlassene mit viel delinquentem Peerkontakt werden tendenziell
häufiger rückfällig und umgekehrt. Inwieweit diese Risiko- und Schutzfaktoren auch unter
Kontrolle zusätzlicher Einflüsse die Rückfälligkeit begünstigen oder verringern, gilt es im
Folgenden in den generierten Regressionsmodellen zu testen.
7.5 Logistische Regressionsmodelle
Die Regressionsmodelle in Tabelle 3 wurden schrittweise spezifiziert und das
Einschlussverfahren der Variablen folgte den theoretischen Annahmen. Somit wurde im ersten
Modell überprüft, in welchem Ausmaß die bivariat herausgestellten Haupteffekte der
extramuralen Einbindungen und individuellen Mitwirkung auf die Rückfallwahrscheinlichkeit
wirken. Das erweiterte Modell bildet zusätzlich die postulierten Interaktions-Annahmen
zwischen der Familienbindung und des Wohnens bei den Eltern beziehungsweise des
verbesserten Verhältnisses zur Mutter ab. Abschließend wurde ein Kontrollmodell modelliert,
welches Merkmale beinhaltet, die sich in vorangegangen Studien als relevante Prädiktoren für
die Rückfälligkeit von Jugendstrafgefangenen erwiesen haben. Aufgrund der Fülle an
Einflussgrößen, die in Zusammenhang mit Rückfälligkeit stehen, gelten im Folgenden auch
Effekte auf 10%-Signifikanzniveau als (schwach) signifikant und werden im Modell
dementsprechend ausgewiesen.

Ergebnisse
60
Tabelle 3:
Logistisches Regressionsmodell - Rückfälligkeit in Abhängigkeit von Mitwirkung,
sozialen Einbindungen und Kontrollvariablen
Anmerkungen:
+ p < .1; * p < 0.05; ** p < 0.01; *** p < 0.001
Die Regressionsmodelle variieren in ihrer Anpassungsgüte an die Daten. Insgesamt konnte
das Kontrollmodell mit einem R-Quadrat nach Nagelkerke von 0.17 eine akzeptable
Anpassung leisten. Als zusätzliches Vergleichskriterium wird das AIC herangezogen, welches
die Anzahl der geschätzten Paramater berücksichtigt. Auch danach gilt das dritte Modell als
geeignetstes.
Rückfälligkeit
Haupteffektmodell
Erweitertes Modell
Kontrollmodell
b
Odds-
Ratios
b
Odds-Ratios
b
Odds-Ratios
Förderl. Fam.-
beziehung
-0.67
0.51*
-2.21
0.11*
-1.89
0.15*
Arbeit /
Ausbildung
-0.54
0.58
+
-0.45
0.64
-0.46
0.63
Delinquente
Peers
0.07
1.07*
0.08
1.08*
0.06
1.06
+
Mitwirkung
-0.02
0.98
-0.04
0.96
-0.02
0.98
Verhältnisbess.
Mutter
-0.16
0.85
-0.19
0.82
Wohnen Eltern
-0.51
0.60
-0.46
0.63
Förderl. Fam.*
Verhältnisbess.
Mutter
0.42
1.53
0.40
1.50
Förderl. Fam.*
Wohnen Eltern
0.22
1.25
0.17
1.19
Alter
-0.21
0.81**
Haftdauer
0.06
1.06**
Frühere
Inhaftierung
0.40
1.50
Deviant Kindheit
0.09
1.09
Drogenproblem
0.47
1.60
N=225; R
2
=0.08
AIC=299.79
N=225; R
2
=0.10
AIC=299.28
N=225; R
2
=0.17
AIC=293.24

Ergebnisse
61
Während im Haupteffektmodell die familialen Bindungen, die Arbeits- / Ausbildungssituation
sowie der delinquente Peerkontakt als signifikante Einflussfaktoren ausgemacht werden
konnten, bestätigte sich der bivariat angenommene Effekt der Mitwirkung auf die Rückfälligkeit
nicht. Tatsächlich verlieren individuelle, innervollzugliche Reintegrationsbemühungen an
Erklärungswert, insofern die sozialen Bezüge berücksichtigt werden. Die förderlichen
Bindungen zur Familie bilden auch unter Hinzunahme weiterer Faktoren einen relevanten
Schutzfaktor für Rückfälligkeit ab. Entlassene, für die die Familienbeziehung positiv
eingeschätzt wurde, haben gegenüber der Referenzgruppe eine deutlich geringere
Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden. Dabei ist der Effekt, welcher aufgrund des
Interaktionsterms lediglich im ersten Modell direkt interpretiert werden kann, durchaus stark.
So halbiert sich die Chance rückfällig zu werden gegenüber jenen, die nicht förderlich familial
eingebunden sind. Zwar konnte im ersten Modell eine sichere Arbeits- oder Ausbildungsstelle
die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls schwach signifikant auf dem 10%-Niveau verringern,
allerdings schwächte sich der Effekt in der Modellerweiterung ab. Ein intensiverer Kontakt zu
delinquenten Peers hatte durchgängig einen geringen, schwach signifikanten Effekt auf die zu
erklärende Variable.
Das Wohnen bei den Eltern sowie die Interaktion aus Familienvariable und elterliches Wohnen
wiesen keine statistisch signifikanten, von Null verschiedenen Koeffizienten auf. Ähnliches
zeigt sich auch für die Verhältnisbesserung zwischen Gefangenem und Mutter. Durchaus
interessant ist dabei, dass sowohl das Wohnen bei den Eltern als auch das positiv veränderte
Verhältnis seine vermeintlich rückfallreduzierende, wenn auch nicht signifikante Wirkung als
Einzelparameter, in der Interaktion mit der Familienvariable umkehrt. Für ein besseres
Verständnis wurden Rückfallwahrscheinlichkeiten mit den jeweiligen Merkmalsausprägungen
unter Konstanthaltung der restlichen unabhängigen Variablen bestimmt, um Aussagen über
die Wirkung der Interaktion machen zu können. Es zeigte sich keine Veränderung der
Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden, wenn die Interaktion aus Familienbindung und
Wohnen beziehungsweise Verhältnisverbesserung jeweils positiv oder negativ ausfiel.
Offenbar unterscheiden sich zwar förderlich familial Eingebundene signifikant von jenen, ohne
diese Familienbindung, allerdings kann weder das Wohnen bei den Eltern noch eine
Verhältnisbesserung zur Mutter zusätzlichen Erklärungswert liefern. Für die Kontrollvariablen
Alter und Haftdauer zeigen sich gut replizierte Effekte, die den Erwartungen entsprechen.
Steigt die Haftdauer um einen Monat, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit rückfällig zu werden
geringfügig. Beim Alter zeigt sich ein gegensätzlicher Effekt, sodass mit einem zusätzlichen
Lebensjahr die Wahrscheinlichkeit erneut zu einem (un)bedingten Freiheitsentzug verurteilt zu
werden, sinkt. Überraschenderweise erweisen sich weder eine vorhandene
Drogenproblematik noch frühere Inhaftierungen oder deviantes Verhalten in der Kindheit als
wirkungsvoll.

Ergebnisse
62
7.6 Diskussion
Konkludiert man die dargestellten Befunde, so lässt sich der in Hypothese 6 postulierte
Zusammenhang zwischen prosozialer Familieneinbindung und Rückfälligkeit bestätigen. Dies
spricht für die kontrolltheoretisch argumentierte Schutzwirkung der Eltern, welche sich als
durchaus gewichtig in der Rückfallverhütung erwies. Die Ergebnisse decken sich mit den
Erkenntnissen Stelly und Thomas‘ (2005) zur Rolle der Eltern in der Jungtäter
Vergleichsuntersuchung. Aufgrund einer Vielzahl fehlender Werte in den Freundes- sowie
Partnerbindungsvariablen konnten für diese Beziehungsdimensionen keine validen Aussagen
getroffen werden. Dabei wird den Freunden und einer potentiellen Partnerschaft nach
lebenslauftheoretischen Annahmen (vgl. Kapitel 3.1) eine zunehmend wichtige
Bindungskomponente für die Heranwachsenden zugeschrieben. Diesbezüglich besteht
folglich noch Forschungsbedarf, wobei möglichst auf Selbsteinschätzungen der Gefangenen
zurückgegriffen werden sollte, welche sowohl die subjektive Beziehungsqualität als auch die
Orientierungen der Bezugsperson adäquat zu erfassen vermögen. In diesem Zusammenhang
muss ebenfalls die Einschätzung der Mitwirkung durch den Sozialdienst diskutiert werden.
Unter anderem besteht die Gefahr, Interviewer- spezifische Aspekte der Einschätzung zu
messen. Demnach kann die Teilnahme des Gefangenen an einer, durch den Bediensteten
angebotenen Behandlungsmaßnahme, zu einer positiveren Mitwirkungseinschätzung führen
als tatsächlich vorhanden. Zusätzlich liegt die Vermutung nahe, dass mit der Annahme des
Vorhandseins förderlicher Beziehungen simultan auch die Bereitschaft zur Mitarbeit höher
eingeschätzt wird.
Die Mitwirkung am Vollzugziel bleibt ein zu untersuchender Aspekt, welcher im Besonderen
im Hinblick auf innervollzugliche Einbindungen und Lebenswelten nicht abschließend geklärt
werden konnte. Auch hier wären differenziert konzipierte Erhebungsinstrumente von Nöten,
welche die zugrundliegenden, latenten Konstrukte messbar machen. Interessant wäre zudem,
inwieweit neben den Mitinsassen als identitätsstiftenden Akteuren auch beispielsweise
religiöse Einbindungen Einfluss auf die nachhaltige Identitätsarbeit nehmen. So weisen
praxisnahe Befunde (Todd et al. 2000; O‘ Connor 2002) vermehrt auf religiöse Hinwendungen
der Gefangenen im Haftverlauf hin. Auch wenn diese zunächst der Monotonie des Haftalltags
entgegenwirken sollen, könnte auch Nachhaltigkeit gefestigter Identität entstehen, welche
schließlich den Ausgang individueller und institutioneller Bemühungen beeinflusst.
Ungeachtet dessen konnte die Relevanz der extramuralen Bindungen für die
Reintegrationsbemühungen in Haft herausgestellt werden. Anknüpfungspunkte ergeben sich
aus der Frage, inwieweit schließlich die Veränderungen der Reintegrationsbemühungen im
Zeitverlauf auf unterschiedliche soziale Einflüsse zurückzuführen sind und ob realpraktische

Ergebnisse
63
Möglichkeiten der Intervention oder Förderung dieser Wirkungen vorhanden sind. Innerhalb
der Grenzen retrospektiver Betrachtung gelang es in der bivariaten Analyse, potentielle
Langzeiteffekte familialer und beruflicher Einbindung aufzuzeigen. In Anlehnung an die
Stabilisierungsphase im Reintegrationsmodell (Stelly & Thomas 2004) konnten Indizien für die
Nachhaltigkeit der sozialen Einbindungen als Wendepunkte im Sinne der Theorie Sampson
und Laubs (1993) gefunden werden. Selbstredend sind umfängliche Untersuchungen zu
Langzeiteffekten der Haft und den intraindividuellen Veränderungen im sozialen Kontext
methodisch schwer umsetzbar. Nachvollzugliche Betrachtungen von Bedingungsfaktoren
erfolgreicher Integration in den Leistungsbereich wären jedoch vielversprechende Mittel des
Erkenntnisgewinns. Die Unwirksamkeit der Arbeit- / Ausbildungsvariable im finalen
Regressionsmodell kann demnach auch darauf zurückgeführt werden, dass lediglich
prospektiv erfragt wurde ob ein Arbeits- und Ausbildungsplatz nach Entlassung gegeben ist.
Ob die Einbindung schließlich gelang bleibt unklar. Daher kann die Hypothese 8 zwar nicht
unterstützt, jedoch aufgrund der eindeutigen bivariaten Befunde auch nicht gänzlich verworfen
werden.
Der in Hypothese 7 angenommene, negative Einfluss delinquenter Freunde auf die individuelle
Kriminalprognose bestätigte sich. Ein intensiverer Peerkontakt, welcher mit Alkohol-,
Drogenkonsum und krimineller Täterschaft verbunden ist, steigert die Wahrscheinlichkeit eines
Rückfalls. Das Risiko des Zurückfallens in alte Muster ist den theoretischen Annahmen (Stelly
& Thomas 2004) zufolge besonders dann hoch, wenn die Verhaltensänderungen zunächst
wenig ‚benefit‘ generieren. Dies betrifft neben monetären Mitteln auch statusbedingte Vorteile.
Das Fehlen prosozialer Netzwerkbeziehungen und positiver Verstärkung normkonformer
Handlungen führt demnach zur Orientierung an subkulturellen Rollenerwartungen, welche
zunächst leichter erreichbar scheinen. Zusätzlich müssen Überlegungen dahingehend
angestellt werden, dass auch informelles kriminelles Sozialkapital existiert (vgl. Loughran et
al. 2013: 927). So könnte wirksam eingeschätztes kriminelles Kapital ein Anreiz sein den
delinquenten Freundeskreis zu erhalten. Ein derartiger Moderator der Bindung zu den
abweichenden Peers könnte ebenfalls mit Überlegungen zum Erlernen krimineller Techniken
durch intensiven Mitinsassenkontakt vereinbart werden, welcher das kriminelle Humankapital
erhöht. Diese Annahmen lassen sich mit den vorhandenen Daten nicht prüfen, könnten jedoch
den Zugang zu einer systematischen Erklärung liefern.
Sowohl das Wohnen bei den Eltern nach Entlassung als auch ein verbessertes Verhältnis zur
Mutter hatten keinen Einfluss auf die Beziehung zwischen familialen Bindungen und
Rückfälligkeit, demnach müssen die Hypothesen 9 und 10 verworfen werden. Der
letztgenannte Faktor vermag jedoch auch keine Aussagen zur generellen Beziehungsqualität
zuzulassen.

64
Mithin kann sich das Verhältnis beider Parteien zwar verbessert haben, jedoch war es unter
Umständen bereits vor der Haft problembeladen, sodass eine relative Besserung nicht
unbedingt mit einer tragfähigen Mutter-Kind-Beziehung einhergeht. Gleichwohl ist es von
zentraler Bedeutung, die Veränderlichkeit sozialer Beziehungen für das Resozialisierungsziel
nutzbar zu machen, zeigt sich in den Befunden doch das protektive Potential der förderlichen
Einbindungen. Dies muss unter den Kontraktrestriktionen nach außen und der
stigmatisierenden Wirkung der Gefängnisstrafe gelingen. Zeitgleich unterstreicht der Befund,
dass sich die behandlerischen Maßnahmen auch auf das Erlernen praktischer
‚Beziehungshygiene‘ konzentrieren müssen. Ein risikobehaftetes Peerumfeld setzt Anreize für
einen Wiedereinstieg in die Kriminalität beziehungsweise keinen Anreiz für einen Ausstieg.
Neben diesen inhaltlichen Überlegungen gilt es zu beachten, dass mit der Betrachtung
lediglich eines Rückfallkriteriums und der Dichotomisierung der Rückfälligkeit ein
Informationsverlust einhergeht. Zwar wurde versucht, durch die Verwendung eines etablierten
Definitionsrahmens im Sinne der zweiten Kategorie (vgl. Kapitel 3.3), Vergleichbarkeit zu
generieren, jedoch sind für die unterschiedlichen Definitionen durchaus differenzierte
Ergebnisse zu erwarten. Der Einbezug einer zeitlichen Komponente, sowie von Vorstrafen und
ambulanten Sanktionen kann zusätzlichen Erkenntnisgewinn versprechen. An dieser Stelle
sei erneut darauf verwiesen, dass die hier dargestellten Befunde aufgrund der Betrachtung
einer einzigen Haftanstalt nicht generalisierbar sind. Gleichwohl ließen sich vielversprechende
Anknüpfungspunkte für weitere Forschung formulieren.

Zusammenfassung und Ausblick
65
8 Zusammenfassung und Ausblick
Erklärtes Ziel der Arbeit war es, anhand einer Fallstudie zur Rückfälligkeit sächsischer
Jugendstrafgefangener der JSA Regis-Breitingen, differenzierte Aussagen zum Einfluss
sozialer (Ein-)Bindungen auf Reintegrationsbemühungen in der Haft und Rückfälligkeit nach
Entlassung zu treffen. Im Zuge dessen sollte der Stellenwert extramuraler Bindungen
herausgearbeitet und Anknüpfungspunkte für weitere Studien im Problemfeld geschaffen
werden.
Hierfür wurde zunächst die Relevanz sozialer Bindungen im Kontext von Kriminalität und
Adoleszenz herausgestellt und in das Spannungsfeld Jugendstrafvollzug eingeführt. Die
Dichotomie als Chancenraum und Risikoumgebung spiegelte sich auch in der Ambivalenz der
sozialen Kontakte wider. Die Auswirkungen der sozialen Bindungsfaktoren auf Mitwirkung und
Rückfall wurden schließlich in einem handlungsorientierten Erklärungsmodell in Anlehnung an
Stellys und Thomas‘ (2004) qualitative Forschung zu Reintegrationsverläufen junger
Strafgefangener betrachtet. Die Teilfragestellung des ‚Wie‘ des Wirkens sozialer Bindungen
wurde im Hinblick auf die individuelle Mitwirkung des Gefangenen in der Haft diskutiert. Weder
eine machtvolle Stellung in der Gefangenenhierarchie noch ein vertrauensvolles Verhältnis zu
den Bediensteten zeigten sich in der Erklärung innervollzuglicher Reintegrationsbemühungen
wirkungsvoll. Die extramuralen Bindungen zur Familie sowie die Aussicht auf eine berufliche
oder schulische Einbindung erhöhten hingegen die Wahrscheinlichkeit, dass der Gefangene
aktiv im Vollzug mitarbeitete. Die Befunde gelten jedoch nicht als gesichert und müssen in
weiteren Untersuchungen spezifiziert werden. Im Besonderen die Veränderungsdynamik der
Mitwirkung unter Berücksichtigung haftimmanenter Sozialstrukturen könnte zusätzlichen
Erklärungswert liefern.
In Bezug auf die übergeordnete Fragestellung zum Stellenwert extramuraler Bindungen als
Einflussfaktoren auf die Rückfälligkeit konnten eindeutige Aussagen getroffen werden. Die
familialen Bindungen erwiesen sich auch unter Berücksichtigung weiterer personaler und
kriminogener Prädiktoren als gewichtiger Schutzfaktor vor einer erneuten Verurteilung zu
einem potentiellen Freiheitsentzug. Insoweit konnten die Erkenntnisse der TJVU (Stelly &
Thomas 2005) zur Rolle der Familie für die untersuchte Stichprobe unterstrichen werden.
Konträr zur familialen Ebene verhielt sich der Kontakt zu delinquenten Peers nach Entlassung,
welcher mit steigender Intensität die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöhte. Zwar konnte in der
multivariaten Betrachtung keine protektive Wirkung einer schulischen oder beruflichen
Einbindung konstatiert werden, allerdings lässt sich dies teilweise auf die prospektive Art der
Fragestellung zurückführen.

Zusammenfassung und Ausblick
66
Zusammenfassung und Ausblick
Paneldesigns, welche auch die Zeit nach Entlassung durch Interviews oder Fragebögen
erfassen wären wünschenswert, sind jedoch aufgrund des hohen planerischen und
methodischen Aufwands in der Praxis schwer umsetzbar. Da auch experimentelle Designs im
Gefangenkontext kaum durchführbar sind, muss bei Untersuchungen im Themenfeld oftmals
auf Bundeszentralregisterdaten sowie Fremd- und Selbsteinschätzungsfragebögen
zurückgegriffen werden. Welche Schwierigkeiten dies induziert wurde ebenfalls diskutiert.
Anknüpfungspunkte für weitere Studien ergaben sich auch für die förderlichen
Partnerbeziehungen, deren bivariate Betrachtung unter Vorbehalt eine potentielle
Schutzwirkungen nahelegte. Nach lebenslauftheoretischem Verständnis gewinnt die
Partnerschaft mit Ende der Jugendphase an Bedeutung und kann mit dem Eingehen der Ehe
oder durch eigenen Nachwuchs nachhaltig stabilitätsfördernd wirken. Eine langfristige
Schutzwirkung wäre demnach denkbar. Zusätzlich wurde in der Diskussion die Religion als
Komponente innervollzuglicher Einbindung angesprochen, welche in ihrer Identitätsformenden
Bedeutung ebenfalls relevant erscheint. Schließlich sei noch auf die Notwendigkeit der
Untersuchung veränderlicher Beziehungsvariablen im Haftverlauf verwiesen, welche einen
Erkenntnisgewinn für die praktische Sozialarbeit darstellen können. Die Integration der Familie
oder anderweitig Unterstützender ist angesichts der herausgestellten protektiven Potentiale
unbedingt empfehlenswert. Selbstredend bieten die vorhandenen Familienstrukturen, die in
der Stichprobenbeschreibung als vormals ungünstig erkannt wurden, nicht für jeden
Gefangenen einen vielversprechenden Ausgangspunkt erfolgreicher Resozialisierung. Jedoch
dürfte die Relevanz der sozialen Bezüge als Aushandlungsraum individueller Entscheidungen
im Verlauf der Arbeit deutlich geworden sein. Folglich muss der Vollzug auch Lösungen zur
Bewältigung dieser sozialen Problemstellungen bereitstellen, möchte er das Ziel zur
Befähigung der straffreien Lebensführung des Gefangenen langfristig erreichen.
Resümiert man die Ausführungen und Erkenntnisse zu Reintegrationsbemühungen und
Rückfälligkeit, ergibt sich ein hochkomplexes Bild von kognitiven Veränderungen,
Verhaltensänderungen sowie sozialen Einbindungen, die sich wechselseitig beeinflussen. Der
Abbruch der kriminellen Täterschaft muss insgesamt als Prozess erkannt werden, welcher
vom Gefangenen immer wieder neu bewertet wird. Rückschläge sind dabei nicht als
gänzliches Versagen individueller oder institutioneller Bemühungen zu bewerten, sondern als
Teilaspekte des Entwicklungsprozesses.

Literatur
67
Literatur
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Literatur

Anhang
74
Anhang
Anhang A-1: Variablenübersicht
Variable
WB
MW/SD/
Anteile
Fragestellung/ Rekodierung
Abhängige Variablen
Rückfall
Rückfälligkeit
0 / 1 1= 40%
0= 60%
1= erneute Verurteilung zu (un)bedingter
Freiheits-/Jugendstrafe
0= keine Verurteilung zu (un)bedingter
Freiheits-/Jugendstrafe
Mitwirkung
Mitwirkung
0-9
4,9 / 2,8
Der Gefangene setzt sich ernsthaft mit
seiner Straftat auseinander
Der Gefangene arbeitet aktiv an der
Erreichung des Vollzugszieles mit
Der Gefangene verfügt über realistische,
auf legalem Wege erreichbare
Zukunftspläne
(0) Trifft gar nicht zu - (3) Trifft vollständig
zu
Cronbachs α=0,89
Unabhängige Variablen: Extramurale Bindungen
Soziales Netzwerk und Entlassungssituation
Förderliche
Familienbeziehung
0 / 1 1=57,7%
0=42,3%
Der Gefangene verfügt über förderliche
familiäre Beziehungen
(1) Trifft gar nicht zu - (4) Trifft vollständig
zu
Dichotomisierung zu (1-2)=0; (3-4)=1
1= Förderliche Familienbeziehungen
0= keine förderlichen
Familienbeziehungen
Förderliche
Freundesbeziehung
0 / 1 1=18,3%
0=81,7%
Der Gefangene verfügt über förderliche
Freundschaften außerhalb des Vollzugs
(1) Trifft gar nicht zu - (4) Trifft vollständig
zu
Dichotomisierung zu (1-2)=0; (3-4)=1
1= Förderliche Freundesbeziehungen
0= keine förderlichen
Freundesbeziehungen
Förderliche
Partnerbeziehungen
0 / 1 1=13,1%
0=86,9%
Der Gefangene befindet sich in einer
förderlichen Partnerschaft
(1) Trifft gar nicht zu - (4) Trifft vollständig
zu
Dichotomisierung zu (1-2)=0; (3-4)=1
1= Förderliche Partnerbeziehung

Anhang
75
0= keine förderliche Partnerbeziehung
Delinquente Freunde 0-16 4,8 / 3,9
Ich habe nach Entlassung vor allem mit
Freunden zu tun, die auch schon in Haft
waren
Ich habe nach Entlassung vor allem mit
Freunden zu tun, mit denen ich Straftaten
begangen habe
*umgepolt: Ich habe nach Entlassung vor
allem mit Freunden zu tun, die keine
Straftaten begehen
Ich habe nach Entlassung vor allem mit
Freunden zu tun, die Alkohol und Drogen
konsumieren
(0) Trifft gar nicht zu - (4) Trifft sehr zu
Cronbachs α=0,79
Ausbildung / Arbeit
0 / 1 1= 66%
0= 34%
Nach der Entlassung haben Sie
1=sicher eine Arbeit, sicher eine
Ausbildungsstelle / wahrscheinlich eine
Arbeit wahrscheinlich eine
Ausbildungsstelle
0=keine Arbeit oder Ausbildungsstelle
Verhältnisbesserung
Mutter
0 / 1 1= 65%
0= 35%
Wie hat sich das Verhältnis zu Ihrer Mutter
während der Haft verändert?
(1) verschlechtert – (5) verbessert
Dichotomisierung (1-3)=0;(4-5)=1
1= verbessert
0=gleich oder verschlechtert
Wohnen Eltern
0 / 1 1= 35%
0= 65%
Wo werden Sie nach der Entlassung
wohnen?
1= bei meinen Eltern oder einem Elternteil
0=nicht bei meinen Eltern
Unabhängige Variablen: vollzugliche Einbindung
Hierarchiestatus
1-5
3,3 / 0,9
Wo sehen Sie sich in der Hierarchie
zwischen den Gefangenen?
(1) Ich habe keine Macht - (5) Ich habe
sehr viel Macht
Vertrauensverhältnis
Bedienstete
1-5
3,7 / 1,2
Den Bediensteten hier habe ich vertraut
(1) Trifft gar nicht zu - (5) Trifft sehr zu
Kontrollvariablen
Alter
21,1 / 2
In Jahren
Haftdauer
13,4 / 7,5
In Monaten
Frühere Inhaftierung
1= 32%
0= 68%
Waren Sie schon mal inhaftiert?
1=ja
0=nein
Deviant Kindheit
0-8
3,7 / 1,9
Vor meinem 14. Geburtstag habe / bin ich
mindestens einmal Schule geschwänzt,
von zu Hause weggelaufen, Gewalt
angewendet, sexuelle Gewalt angewandt,
ein Tier gequält, ein Feuer gelegt,
gestohlen, häufig gelogen

Anhang
76
Bei Zustimmung zu einem Item wurde ein
Punkt vergeben und ein additiver Index
gebildet
Drogensucht
0 / 1 1= 55%
0= 45%
Bei dem Gefangenen ist eine erhebliche
Suchtproblematik in Bezug auf Drogen
erkennbar
(1) Trifft gar nicht zu - (4) Trifft vollständig
zu
1=Drogensucht trifft annähernd oder
vollständig zu
0= Drogensucht trifft gar nicht oder
allenfalls ansatzweise zu
Anhang
Anhang A-2: Logistisches Regressionsmodell - Mitwirkung in Abhängigkeit von
sozialen Einbindungen
Anmerkungen:
* p < 0.05; ** p < 0.01; *** p < 0.001
Mitwirkung
b
Odds-Ratios
Hierarchiestatus
-0.05
0.94
Vertrauensverh.
Bedienstete
0.05
1.05
Förderl. Fam.-
beziehung
1.71
5.57***
Arbeit / Ausbildung
0.52
1.69*
Delinquente Peers
-0.01
0.98
N=263; R
2
=0.18