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Wettlauf im Überfluss
Zur waldbaulichen Behandlung von Naturverjüngungen
Leicht oder schwer
Ganz grob vergeht ein Drittel ihrer Lebens-
spanne, bevor Bäume beginnen regelmäßig
zu blühen und Früchte auszubilden. Diese so-
genannte „Mannbarkeit“ tritt bei Birken oder
Aspen bereits nach 20 Jahren, bei den deutlich
langlebigeren Eichen und Buchen erst nach 60
oder 80 Jahren ein. Neben den unterschied-
lichen Zeitpunkten der Mannbarkeit spiegeln
die genannten Baumarten auch noch diverse
Strategien wider, sich zu vermehren und Le-
bensräume erfolgreich zu besetzen.
Auf der einen Seite stehen Baumarten mit
kleinen und leichten Samen, die frühzeitig
und häufig fruktifizieren. Neben Birken und
Aspen weisen auch Erlen, Lärchen, Fichten und
Kiefern derartige Eigenschaften auf. Die Größe
des Samens limitiert seinen Gehalt an Reser-
vestoffen und damit auch die Größe und Wi-
derstandskraft des Keimlings. Demzufolge sind
leichtsamige Baumarten auf günstige Keim-
betten angewiesen, denn bereits Moo spolster
oder eine dickere Streu- und Humusdecke
verhindern, dass die Wurzeln des Keimlings
in den humosen Oberboden gelangen. Schafft
der Keimling dies nicht, vergeht er in der Regel
aufgrund von Wasser- und/oder Nährstoff-
mangel. Der Vorteil leichtsamiger Baumarten
besteht darin, mit einem geringen Einsatz an
Biomasse, eine enorme Anzahl an Samen zu
produzieren, die zudem vom Wind über meh-
rere 100 m Distanz verbreitet werden. Samen
dieser Baumarten sind praktisch zu jeder Zeit
allgegenwärtig. Wenige Altbäume in der Nähe
reichen aus, um auch größere vegetationsfreie
Flächen rasch zu besiedeln.
Die Früchte von Buchen, Eichen, Ross- und
Esskastanien sowie Nussbäumen sind dem-
gegenüber um ein Vielfaches schwerer. Sie
enthalten viel mehr Reservestoffe und er-
möglichen so ein intensiveres Sproß- und
Wurzelwachstum des Keimlings. Ohne zusätz-
lichen Energiegewinn durch Photosynthese
können Eichen so bis zu 30 oder 40 cm groß
werden. Diese Bäume investieren wesentlich
höhere Anteile der jährlich produzierten Bio-
masse in die gesteigerte Konkurrenzkraft ihrer
Nachkommen. In günstigen Samenjahren, im
Fachjargon „Vollmasten“ genannt, übertrifft die
Masse der Früchte die des Laubes. Die in die
Früchte fließenden Mehrleistungen entspre-
chen mehr als zwei Drittel des durchschnitt-
lichen jährlichen Holzzuwachses. Aus diesem
Grund lassen sich Vollmasten auch dendro-
chronologisch an einer Reduktion der Jahr-
ringbreite nachweisen. Nach guten und sehr
guten Samenjahren füllen die Bäume zunächst
ihre Nährstoffreserven wieder auf. Halb- und
Vollmasten treten deshalb bei schwersami-
gen Baumarten zyklisch auf. Im Zusammen-
hang mit dem hohen Verbrauch an Nährstof-
fen fruktifizieren die Baumarten auf kräftigen
Böden regelmäßiger und intensiver.
Bisher nicht genannte Baumarten, wie Hain-
buche, Esche, Ahorn- und Lindenarten sowie
die Weißtanne, nehmen eine Zwischenstel-
lung ein. Mit dem zunehmenden Energiege-
halt der Samen oder speziellen Anpassungen,
wie der Fruchtfleischbildung bei Kirsche und
Eberesche, werden die Früchte zur wichtigen
Nahrungsgrundlage vieler Tierarten. Wenn-
gleich der Preis über die daraus resultieren-
den Verluste hoch ist, zahlt sich die Investiti-
on in nährstoffhaltige Früchte hinsichtlich der
Verbreitung der Samen aus. Kleinsäuger, vor
allem aber Vögel, verbringen die Samen über
deutlich größere Distanzen (im Extremfall 10 -
15 km), als dies allein durch Schwerkraft und
Wind der Fall ist. Allerdings sind die dabei au-
ßerhalb des Mutterbestandes erreichten Be-
siedlungsdichten eher gering. In den Kiefern-
beständen Sachsens ergaben Untersuchungen
zur Verbreitung von Eichen durch den Eichel-
häher Stammzahlen von 1.750 Stück/ha bis zu
4.200 Stück/ha. (Mosandl und Kleinert, 1998).
Viel aber selten
Konzentriert man sich jedoch auf den Mutter-
bestand, so ergaben Zählungen, dass in Bu-
chenbeständen in guten Samenjahren etwa
150 Bucheckern pro m² auf den Boden fal-
len. Bei sehr günstigen Masten wurden so-
gar bis zu 700 Eckern gezählt (Dohrenbusch,
1990). Auf einen Hektar bezogen, würde dies
das Aufkommen von 1,5 bis 7 Millionen Bu-
chenkeimlingen bedeuten! Doch die Fülle aus-
geschütteter Samen dient einer Vielzahl von
Tieren (Schwarzwild, Eichhörnchen, Mäuse,
Vögel, Insekten) als Nahrung. Hinzu kommen
die Risiken eines Pilzbefalles der überliegen-
den Samen und keimenden Buchen. Winter-
temperaturen unter -6 °C beschädigen die sehr
wasserhaltigen Früchte und Spätfröste (unter
-2 °C) die Keimlinge. Am Ende verbleiben nach
einem Jahr oftmals weniger als ein Prozent
des Samenangebotes. Aufgrund des hohen
Samenangebotes sind dies immer noch etwa
20.000 bis 40.000 junge Buchen pro Hektar!
Dieses üppige Angebot an jungen Buchen setzt

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neben einer hohen Zahl mannbarer Altbäume
und geeigneter Keimbetten am Boden auch
mehrfach günstige Witterungsverläufe voraus.
Warme Vegetationsperioden im Vorjahr sind
Voraussetzung für die vermehrte Anlage von
Blütenknospen. Trocken-warmes Wetter wäh-
rend der Blüte sichert eine gute Verbreitung
des Pollens und die Befruchtung. Abschließend
darf die in den Sommer fallende Ausbildung
und Reifung der Früchte nicht durch Trocken-
perioden gestört werden.
Derartige günstige Witterungsverläufe traten
in der Vergangenheit eher selten auf. Oftmals
verhinderten nasskalte Frühjahrswitterung
oder Spätfröste üppige Baummasten. Etwa
alle zehn Jahre rechnet man mit einer stär-
keren Baummast. Mit zunehmender Ungunst
der klimatischen Verhältnisse, vornehmlich in
den höheren Lagen der Gebirge, steigt diese
Zeitspanne außerdem auf mehr als zwei Jahr-
zehnte an.
Die in den letzten drei Jahrzehnten deutlich
längeren Vegetationsperioden und einzelne
sehr warme Jahre wirken sich daher positiv
auf das Samenangebot aus. Vor allem nach
den massiven Fichtenblüten 1992 und 2006
hingen praktisch alle mannbaren Fichten vol-
ler Zapfen. Und auch die im Waldzustands-
bericht aufgezeigte Zeitreihe zur Fruktifikati-
on der Buche zeigt in den letzten zehn Jahren
vier intensivere Samenjahre an. Vor allem in
den Jahren 2003 und 2006, mit sehr trocken-
warmen Sommern, hingen die Kronen voller
Bucheckern.
Hinzu kommen noch Verbesserungen im Nähr-
stoffhaushalt, die sich aus den anhaltenden
Stickstoffeinträgen aus der Luft und den in-
tensivierten Stoffumsätzen in den Humusauf-
lagen ergeben. Und auch das auf großkronige
Bäume ausgerichtete Pflegekonzept und die
relative Zunahme alter Bäume durch überwie-
gend kahlschlagsfreie Verjüngung förderte in
den letzten Jahren die Fruchtbildung.
Pollenwolke
Monoton bis vielfältig
Für Sachsen lassen sich aus den aktuellen
Waldstrukturen, insbesondere der Baumar-
tenverteilung, im Groben folgende Potenziale
an Naturverjüngung beobachten bzw. für die
Zukunft erwarten:
In den Kammlagen der Gebirge ermöglichte
die immissionsbedingte Verlichtung der Fich-
tenbestände in Verbindung mit intensiver Ver-
bissbelastung in den 1970-1990er Jahren die
Ausbildung intensiver Reitgrasdecken. Diese
hemmen bis heute das Auflaufen der vorwie-
gend leichtsamigen Baumarten. Die Fichte fin-
det vor allem im Bereich verrottender Stöcke
und stärkerer Hiebsreste günstige Situatio-
nen zum Keimen. Dies führt zu sehr ungleich-
mäßig verteilten Naturverjüngungsgruppen.
Einzig die Eberesche, die aufgrund intensiven
Wurzelwachstums auch den Graswurzelfilz zu
durchdringen vermag, hat sich auf größerer
Fläche wieder eingefunden. Weitere standorts-
gerechte Mischbaumarten (Bergahorn, Buche)
kommen als Altbaum nur selten vor, fruktifi-
zieren weniger intensiv und weisen als Keim-
ling und junger Baum eine sehr hohe Sterb-
lichkeit auf.
Gänzlich anders sieht die Situation in den hö-
heren und mittleren Berglagen aus. Sobald in
den vorherrschenden Fichtenbeständen in der
Folge von Durchforstung oder Erntenutzung
das Kronendach unterbrochen wurde, hat sich
intensiv Naturverjüngung eingestellt. Die Fich-
te wird überwiegend von der Eberesche be-
gleitet. Nur beim Vorkommen entsprechen-
der Altbäume – einzelne Ahornbäume am
Wegesrand, Buchenüberhälter, kleine Hors-
te mit Mischbaumarten – sind diese im nä-
heren Umfeld zahlreicher an der Verjüngung
beteiligt. Auch in den Buchenaltholzkomple-
xen führten die jüngsten Durchforstungen zu
nahezu flächendeckenden Unterständen. Die
stärkere zeitliche Koppelung der Verjüngung
an die genannten Samenjahre und an flächig
durchgeführte Holzerntemaßnahmen führt zu
größeren, stammzahlreichen und annähernd
gleichalten Verjüngungseinheiten.
Auch in den unteren Berglagen und im Hügel-
land ist standörtlich bedingt die Verjüngungs-
freudigkeit hoch. Die in dieser Standortsregion
gegebenen vielfältigeren Bestockungen sorgen
für die landesweit höchste Baumartenvielfalt
natürlicher Verjüngung. In den von Laubbäu-
men dominierten Beständen sind neben den
Hauptbaumarten (Eiche, Buche, Roteiche)
meist Ahorn und Birke vertreten. Unerwünsch-
te Fichtenverjüngungen können in Trockenpe-
rioden auch wieder vertrocknen. Vornehmlich
die in Verbindung mit hohen Stickstoffeinträ-
gen verbundenen Him- und Brombeerdecken
oder intensiver Wildverbiss verhindern lokal
das Aufkommen von Naturverjüngung.
Im Tiefland grenzt die Dominanz der Kiefern-
bestände das Samenpotenzial wiederum stär-
ker ein. Hier prägen neben Birke und Kiefer vor
allem die von Vögeln sehr effektiv verbreiteten
Eichenarten und die Eberesche das natürliche
Verjüngungspotenzial. Die Verjüngungen sind
eher stammzahlarm und präsentieren sich als
„grüner Schleier“ in den Beständen. Grund
sind die für Kiefernreinbestände charakteris-
tischen Rohhumusdecken oder geschlossenen
Bodenvegetationsdecken, vor allem mit Draht-
schmiele, Reitgräsern, Him- und Brombeere.
Diese profitierten von Stickstoffeinträgen
und intensiven Durchforstungen. Erst wenn
der Boden, gezielt zur Einleitung von Natur-
verjüngung oder als Pflanzplatzvorbereitung,
verwundet wurde, laufen Kiefer und Birke
stammzahlreich auf.
Übernehmen oder beseitigen?
Auch wenn es für konkrete Bestände sicher-
lich Abweichungen gibt, entspricht das aktuel-
le Potenzial an vorhandener bzw. zu erwarten-
der Naturverjüngung in Sachsen überwiegend
nicht den jeweiligen Verjüngungszielen. In den
höheren und mittleren Berglagen widerspricht
das außerordentlich hohe Potenzial an Natur-
verjüngung nicht den langfristig empfohlenen
Zielbestockungen. Im Tiefland und den Kamm-
lagen der Gebirge dagegen sind die Verjün-
gungspotenziale gering, obwohl die Baum-
artenzusammensetzung überwiegend den
Zielen entspricht. Einzig im Hügelland dürfte
die Ausgangssituation häufiger mit dem kon-
kreten Ziel übereinstimmen.
Unabhängig von eventuell anstehenden Ver-
jüngungsentscheidungen sollte geprüft wer-
den, inwiefern die zu erwartende Naturver-
jüngung den langfristigen waldbaulichen
Zielen entspricht. Denn nicht erst mit ge-
zielten Erntenutzungen wird Einfluss auf die
Verjüngungspotenziale genommen. So sind
beispielweise stärkere Unterbrechungen des
Kronenschlusses im Rahmen von Durchfors-
tungen strikt zu vermeiden, wenn verjün-
gungshemmende Bodenvegetation oder un-
erwünschte Naturverjüngung aufkommen
kann. Auch die gezielte Förderung langfris-
tiger Zielbaumarten kann sich dahingehend
lohnen, auch wenn ihre Erscheinungsform
nur mindere Holzerträge verspricht.
Viel häufiger dürfte diese Einschätzung aber
bereits vorhandene Naturverjüngungen be-
treffen. Der Handlungsrahmen reicht dann
von der vollständigen Übernahme, über die
gezielte Beeinflussung und/oder Ergänzung
bis zu ihrer vollständigen Beseitigung (siehe
Tabelle auf Seite 12). Aus betriebswirtschaft-
licher Sicht dürfte die flächendeckende Besei-

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tigung der Verjüngung, z. B. mittels Mulchge-
räten, und anschließende Kulturbegründung
jedoch kaum sinnvoll sein. Vielmehr sollte den
erst im späteren Bestandesleben auftretenden
hohen Risiken mit einer entsprechenden Be-
standesbehandlung und frühzeitiger Verjün-
gung Rechnung getragen werden.
Kunstverjüngungen bleiben nur dann das Mit-
tel der Wahl, wenn standortsgerechte, nicht
vorhandene Baumarten einzuführen sind, der
Ausgangsbestand negative vererbbare Eigen-
schaften (Drehwuchs, Neigung zum Zwieseln)
aufweist oder extreme Verjüngungsschwierig-
keiten bestehen.
Stammzahlreiche homogene Buchenverjüngung
Ausgewählt oder erprobt
Über Jahrhunderte dominierten Stockaus-
schlagswirtschaft und Naturverjüngung die
Verjüngung der Wälder. Ausgang des Mittel-
alters kamen die ersten künstlichen Saaten
hinzu. Die Pflanzung dürfte erst in der aktu-
ellen Waldgeneration zur bestimmenden Art
der Bestandesbegründung herangereift sein.
Die Baumschule und die vorausgehende Lo-
gistik der Saatgutbeschaffung sind somit rela-
tiv junge „Erfindungen“. Ihr Erfolg beruht nicht
zuletzt auf der weitreichenden Steuerung und
Planbarkeit des Verjüngungsgeschehens. Das
Aufkommen von Naturverjüngungen hängt
dagegen maßgeblich von den Unwägbarkeiten
des witterungsbestimmten Samenfalls und des
Auftretens von Schädlingen ab. Wie bei Saaten
auch, ist deshalb das Risiko eines Misserfolges
und ausbleibender Masten beim Verjüngungs-
fortschritt zu berücksichtigen.
Dafür entfallen die in jüngerer Zeit vermehrt
zu Tage tretenden Risiken irreversibler Wur-
zeldeformationen, die fehlerhaft durchgeführ-
te Pflanzungen bergen. Zu bedenken ist auch,
dass die gezielte Auswahl des Pflanzgutes
spürbar das Wuchs- und Ertragsniveau beein-
flusst. Und selbst bei passender Herkunftswahl
verbleiben folgende negative Effekte:
Die Samenernte erfolgt aus einem begrenz-
ten Pool von Saatgutbeständen. Zudem fruk-
tifiziert nur bei Vollmasten ein großer Teil der
Bäume. Bei regelmäßiger Samenernte ent-
spricht das gewonnene Saatgut somit nicht
dem gesamten Genpool des Bestandes.
Um aus dem knappen Saatgut eine Höchst-
menge an Pflanzen zu erzeugen, werden in
der Baumschule die Voraussetzungen für die
Entwicklung der Keim- und Sämlinge sehr
günstig gestaltet. Erst das anschließende
Verbringen der Pflanzen in den Wald stellt
eine erste Bewährungsprobe dar, die vor
allem Bäume mit kleinen Wurzelsystemen
bevorteilt. Bei größeren Pflanzen fällt der
„Pflanzschock“ intensiver aus, nicht zuletzt,
wenn die Balance zwischen Spross und Wur-
zel gestört wurde.
Die Folge ist eine genetische Verarmung bzw.
Verzerrung, während in Naturverjüngungen
mit der außerordentlichen Reduzierung der
Individuenzahl eine intensive natürliche Aus-
lese erfolgt. Neben der bestmöglichen Anpas-
sung an das Lokalklima, ermöglicht dies die
beständige „Erprobung“ der genetisch veran-
kerten Wuchseigenschaften auf dem konkre-
ten Mikrostandort.
Weniger ist mehr
In den sehr stammzahlreichen und baumar-
tenarmen Naturverjüngungen stellt die inner-
artliche Konkurrenz um Wurzel- und Wuchs-
raum den wesentlichen Auslesemechanismus
dar. Vitalere Individuen, die zunächst nur ge-
ringfügig bessere Ausgangsbedingungen ha-
ben, bauen sukzessive ihren Wuchsvorsprung
aus. Dieser Wettlauf im Überfluss folgt jedoch
nicht gänzlich forstlichen und waldbaulichen
Zielstellungen.
In der Regel dürften sich Individuen als kon-
kurrenzstark erweisen, die möglichst frühzei-
tig starkastige und breite Kronen ausbilden.
Ihr oftmals gedrungener Habitus (ausgedrückt
im Verhältnis von Baumhöhe zu Durchmes-
ser) verleiht ihnen zudem gegenüber Schnee-
druck mehr Stabilität. In Bezug auf die spätere
Wertschöpfung des Bestandes sind derartige
Stamm- und Kronenformen jedoch ungünstig.
Weiterhin erfolgt die natürliche Auslese nicht
als stetiger Prozess der Stammzahlreduktion.
Ohne vornehmlich witterungsbedingte Stö-
rungen – Schneedruck, Trockenheit, Umfallen
oberständiger Bäume infolge Sturms – ver-
bleibt die Stammzahl lange Zeit auf hohem
Niveau. Konkurrenzbedingt kleinkronige Bäu-
me mit hohen H/D-Werten prägen die Struktur
Handlungsempfehlungen in Abhängigkeit der Übereinstimmung zwischen Ausgangssituation und langfristigen waldbaulichen Zielen
Verjüngungspotenzial
Verjüngungspotenzial
Verjüngungspotenzial
zielführend
anteilig zielführend
nicht zielführend
Bodenvegetation verhindert
Beseitigung der Kulturhemmnisse
Bodenvorarbeiten und Kunstverjüngung von
Kunstverjüngung mit Zielbaumar-
Aufkommen von Naturverjüngung
(Bodenbearbeitung) zur Einleitung
Zielbaumarten mit geringeren Pflanzen-
ten, möglichst hohe Pflanzenzah-
(NV) (stark aufgelichtete Bestände)
von NV
zahlen
len für raschen Dichtschluss
Für die Einleitung von NV günstige
Baumartenangepasste Erntenut-
Bei Hiebsreife erfolgt Begründung von Ziel-
Vermeidung des Auflaufens von
Ausgangssituation (geschlossene
zung unter Berücksichtigung der
baumarten mit optimalem Ernteverfahren
NV durch dichten Kronenschluss;
vitale Altbestände, Streuauflage
Wertentwicklung des Bestandes
(geringe Pflanzenzahlen möglich), im Zuge
Kunstverjüngung mit optimalem
oder Moose/Kräuter am Boden)
nach der Mast von Zielbaumarten
der Erweiterung der Verjüngungseinheiten
Verjüngungsverfahren (hohe
(Keimlinge in großer Zahl vorhanden
werden aufkommende NV übernommen
Pflanzenzahlen oder Integration
und Bestand hiebsreif)
(Wuchsvorsprung?)
der unerwünschten NV als tempo-
räres Füllholz)
NV bereits angekommen
Entsprechend der aktuellen Wert-
Entsprechend der aktuellen Wertleistung
Behandlung als Zwischengene-
leistung des Altbestandes anteilige
des Altbestandes anteilige oder vollständige
ration mit geringer Umtriebszeit
oder vollständige Übernahme der
Übernahme der Verjüngung; Anreicherung
oder vollständige Beseitigung und
Verjüngung
von Zielbaumarten nur bei ausreichenden
Pflanzung von Zielbaumarten
Konkurrenznischen (schattenertragende
Baumarten, ausreichend freie Räume)

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einer insgesamt sehr instabilen Verjüngung.
Auf besseren Standorten halten die ungüns-
tigen Bestandesstrukturen länger an, da die
auslösenden Störungen seltener stattfinden.
Andererseits stellen stammzahlreiche Kol-
lektive eine vorteilhafte Basis für die späte-
re Auslese geradschaftiger und werthaltiger
Schaftformen und die Schaffung günsti-
ger erzieherischer Wirkungen (Astreinigung,
Wipfelschäftigkeit) dar. Bei den totastverlie-
renden Laubbäumen, insbesondere den zur
Mehrgipfeligkeit neigenden Baumarten Eiche
und Buche, führt das Unterschreiten minima-
ler Verjüngungsdichten zum Wegfall hoher
Wertschöpfung.
In Abhängigkeit von der Qualität der Nach-
kommen und der Zeit vom Oberstand aus-
gehender erzieherischer Wirkungen ergeben
sich artspezifische Korridore einer erwünsch-
ten Stammzahlhaltung in der Phase der Be-
standeserziehung.
Unter dem Aspekt der geklumpten und unre-
gelmäßigen Verteilung der Naturverjüngungs-
bäume sind in der Tabelle auf Seite 14 oben
Stammzahlkorridore zwischen dem Erreichen des Dichtschlusses bei zwei Meter Höhe (in
Klammern der durchschnittliche Abstand, in dem ein Baum zu finden sein sollte) und dem
bei sechs Meter Höhe ansteigenden Schneebruchrisiko (in Klammern der Standraum, den
vorwüchsige Bäume mindestens haben sollten).
Durch Schirmwirkung des Kiefernaltbestandes trupp- und gruppenweise auflaufende, gut differenzierte Naturverjüngung aus Kiefer und Eiche
Baumarten
Mindestzahl bei 2 m Höhe
Maximalzahl bei 6 m Höhe
Lärche, Douglasie
1.000 bis 2.000 (3 - 4 m)
2.000 bis 3.000 (2 - 5 m²)
Fichte, Tanne
1.500 bis 3.000 (2 - 3 m)
3.000 bis 4.000 (2 - 4 m²)
Kiefer
3.000 bis 5.000 (1 - 2 m)
5.000 bis 7.000 (1,5 - 2 m²)
Ahorn, Esche, sonst. Laubbäume
3.000 bis 5.000 (1 - 2 m)
5.000 bis 7.000 (1,5 - 2 m²)
Buche, Eiche
5.000 bis 7.000 (< 1 m)
7.000 bis 10.000 (> 1 m²)
genannten Pflanzenzahlen nur grobe Anhalts-
punkte. Entscheidender sind der Standraum
und die Verteilung einer ausreichenden An-
zahl an Auslesebäumen.
Ausgehend von etwa 100 (Buche, Eiche) bis
300 (Fichte, Kiefer) hiebsreifen Bäumen pro
Hektar, würde ein Auslesebaum alle sechs bis
zehn Meter ausreichen. In diesem Abstand
müssten für eine ausreichende erzieherische
Wirkung Verjüngungsgruppen mit mehreren
Bäumen vorhanden sein. Allerdings bestim-
men die zwischen diesen Gruppen vorhande-
nen Bäume die Möglichkeiten, regelmäßig im
Rahmen von Durchforstungen Holz zu ernten.
Für Waldbesitzer, die auf periodisch gleichmä-
ßige Erträge hoffen, ist dieses Vornutzungspo-
tenzial wichtig.
Vornehmlich sehr individuenreiche reine
Fichten-, Kiefern-, Buchen-, Eichen-, Rotei-
chen- und Ahornverjüngungen erwachsen
Bisherige Ergebnisse zu den Pflegevarianten (die Kosten wurden mit einem Stundensatz von 26 Euro errechnet)
Variante
Parameter
Vorteile
Nachteile
Pflegepfad
9 – 12,5 h/ha
- einfach durchführbar
- nur bis ca. 1,5 m durchführbar
(235 – 325 Euro/ha)
- gliedert Fläche
- geringer Pflegeeffekt
Reduktion N: 20 %
- sichert Begehbarkeit
- kostengünstig
unregelmäßige Freistellung
11 – 17,5 h/ha
- wie Pflegepfad
- nur bis ca. 1,5 m durchführbar
(285 – 455 Euro/ha)
- höherer Pflegeeffekt
Reduktion N: ~ 25 %
Freistellen von 400 vorwüchsigen
11 – 30 h/ha
- einfach durchführbar
- keine Gliederung
GFI in einem Radius von 1 m
(285 – 780 Euro/ha)
- kostengünstig
- ab 2 m Höhe fehlende Übersicht
Reduktion N: 13 %
- selektiver Pflegeeffekt
- Ergonomie (gebückte Haltung)
- erhöhte Disposition geförderter
Fichten (Schneedruck, Schäle)
selektive Förderung
15 – 30 h/ha
- selektiver Pflegeeffekt
- keine Gliederung
(390 – 780 Euro/ha)
- keine Destabilisierung
- hoher Aufwand
Reduktion N: max. 10.000 Stk./ha
- kostenintensiv
- mehrfaches Arbeiten notwendig
Jungbestandespflege
Vergleichswert Planungsprogramm
- kostengünstig
- setzt Begehbarkeit voraus
(Höhe 6 bis 10 m)
von Sachsenforst:
- selektiver Pflegeeffekt
- steigender Aufwand in dichter
300 – 400 Euro/ha
Verjüngung
- Gefahr einer schlechten Stabilitäts-
entwicklung

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überwiegend gleichförmig. Hier bedeutet we-
niger Stammzahl mehr Stabilität und mehr
verwertbaren Zuwachs. So fördert insbeson-
dere die frühzeitige Stammzahlreduktion den
Durchmesserzuwachs und führt zu günstigen
H/D-Werten. Im Vergleich zur künstlichen Ver-
jüngung fallen die investiven Kosten bei der
Naturverjüngung vornehmlich im Rahmen der
Jungwuchspflege an. Neben der Mischungs-
regulierung steht dabei die rationelle Stamm-
zahlreduktion im Vordergrund.
Frühzeitig und effektiv
Aus ökonomischer Sicht sind die Eingriffe auf
das notwendige Ausmaß (Intensität und Häu-
figkeit) zu beschränken und mit möglichst mi-
nimalem Aufwand (optimales Arbeitsverfah-
ren) zu führen.
In Naturverjüngungen wirkt nicht nur die
Konkurrenz der Bäumchen untereinander,
sondern auch die Beschattung und Wurzel-
konkurrenz durch die Altbäume (Oberstand).
In den ersten Jahren nach dem Auflaufen sind
ca. 25 bis 50 % Belichtung für das Wachstum
optimal. Das Kronendach der Altbäume sorgt
für ausgeglichenes, kühl-feuchtes Bestandes-
innenklima, das günstig auf den Wasserhaus-
halt der Bäumchen wirkt. Mit zunehmender
Durchwurzelung können die Pflanzen aber
auch extremere Bedingungen ertragen und
die volle Sonnenstrahlung ausnutzen. Bereits
nach etwa fünf Jahren sind die Höhenzuwäch-
se deshalb ohne den Schirm des Altbestandes
am größten.
Immer dort, wo deutliche Gradienten des Kro-
nenschlusses gegeben sind, verstärken diese
die baumindividuellen Wuchsunterschiede. So
bewirken beispielsweise Lücken in einem weit-
gehend geschlossenen Bestand die Bildung
von Verjüngungskegeln. Bei gleichmäßigeren
und stärkeren Auflichtungen auf großer Flä-
che, wie sie bei Schirmhieben gegeben sind,
schafft weniger das Licht, als vielmehr das
Wurzelwerk der freier stehenden Altbäume
entsprechende Gradienten im Höhenwachs-
tum der Verjüngung. Außerhalb der Wurzel-
werke erwächst jedoch eine flächendeckend
vorhandene Verjüngung mehr oder weniger in
einem Guss auf. Gleiches trifft auch auf weit-
gehend geschlossene bis lockere Altbestände
oder auf Freiflächen zu.
Unterschiedliche Ausgangssituationen erfordern ein differenziertes waldbauliches Vorgehen
links: ein etwa 100-jähriger Fichtenbestand im Forstbezirk Adorf, eine hohe individuelle Stabilität des Oberstan-
des in Verbindung mit einer fortgeschrittenen Verjüngungssituation ermöglichen eine langfristige Erntenut-
zung und damit die direkte Überführung in eine vertikal strukturierte, stabile Bestandesstruktur
rechts: ein gleichaltriger Fichtenbestand im Forstbezirk Neudorf mit homogener horizontaler und vertikaler
Struktur, geringer Kronenanteil im Oberstand, kniehohe Naturverjüngung mit stagnierendem Wachstum im
Unterstand. Eine ausreichende Stabilisierung des Einzelbaumes im Oberstand ist nicht mehr möglich. Ein langer
Erntenutzungs- und Verjüngungszeitraum in Verbindung mit einer Auflösung der kollektiven Stabilität führt
(im Vergleich mit dem Bestand auf dem linken Bild) zu einem deutlich höheren Risiko des Eintretens starker
Sturm- inkl. Folgeschäden
Fehlt diese differenzierende Wirkung des Ober-
standes und handelt es sich um flächendeckend
gleichförmige Verjüngungen, so empfehlen sich
frühzeitige schematische Eingriffe. Diese kön-
nen bei Baumhöhen zwischen 0,5 und 1,5 Meter
mit dem Freischneider erfolgen. Für Laubbäume
und verbiss- und schälgefährdete Nadelbäume
ist eine streifenweise Pflege zu empfehlen. In-
nerhalb eines etwa einen Meter breiten Strei-
fens bleibt die Stammzahl erhalten und sorgt
für Astreinigung bzw. Wildschutz. Das Freistel-
len von 400 bis 500 Bäumen ist bei Nadelbäu-
men oder sehr raschwüchsigen Laubbäumen
(Aspe, Birke, Ahorn) sinnvoll. Bei annähernd
gleichem Arbeitsaufwand kann der nächste
selektive Pflegeeingriff (ab sechs Meter Höhe)
eventuell günstiger durchgeführt werden.
Die aufwendigere frühzeitige Reduktion auf
eine Zielstammzahl (z. B. 1.500 Stück/ha bei
nicht standortsgerechter Fichtenbestockung)
sollte immer dann das Mittel der Wahl sein,
wenn die Baumart nur als Zwischenbesto-
ckung in kurzer Produktionszeit genutzt wer-
den soll.
Wenn sich die Individuen flächig in kleinen
Baumgruppen und unterschiedlichen Baum-
höhen präsentieren, die Struktur also we-
sentlich heterogener ist, sollte konventionell
selektiv eingegriffen werden. Dies trifft auch
auf Situationen mit langfristig stabilen Über-
schirmungen oder Baumartenmischungen zu.
Zeitlich sollte die Jungwuchspflege immer
nach den Eingriffen (bspw. Nachlichtungen/
Räumung) im Altbestand erfolgen. Auf die-
se Weise können die durch auftreffende Kro-
nen entstehenden Schäden als willkommene
Stammzahlreduktion integriert werden.
Die Quellenangaben der zitierten Literatur er-
halten Sie beim Autor.
Sven Martens ist Referent im Referat
Waldbau, Waldschutz im Kompetenz-
zentrum Wald und Forstwirtschaft von
Sachsenforst