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Klimawandel und Gebäudeschäden
In den Jahren 2018 bis 2020 führten sehr heiße Sommer und
geringe Niederschläge zu einer starken Absenkung des natürli-
chen Grundwasserstandes und zur Abnahme der natürlichen
oberflächennahen Baugrundfeuchte. Dadurch trockneten obere
Baugrundschichten erheblich aus. In feinkörnigen, bindigen
Böden, wie Ton- und Schluffböden, aber auch in bindigen Kies-
sanden findet dadurch eine Volumenverringerung gegenüber
feuchterem Boden statt und es treten Schrumpfsetzungen auf.
Diese sind nicht ohne schädlichen Einfluss auf bestehende Ge-
bäude und Bauwerke. Gerade unter oberflächennahen Streifen-
gründungen, aber auch unter Kellern können dadurch klaffende
Fugen zwischen Gründungsschicht und Fundamentunterkante
entstehen. Damit verbunden sind u. a. Rissbildungen im aufge-
henden Mauerwerk. Der Lasteintrag in den Baugrund ist dann
nicht mehr umfänglich gewährleistet.
Derartige Phänomene sind in unterschiedlichen geologischen
Formationen möglich, z. B. im Löß oder Lößlehm, im Gehänge-
lehm, in eiszeitlichen bindigen Kiessanden, in der Verwitterungs-
zone von Mergelsteinen, von Tonsteinen oder von Schluffsteinen.
Vorsicht bei Großgrün in Gebäudenähe
Typisch im Dorf ist oft ein Großbaum in Wohnhausnähe. In
Zeiten großer Wasserknappheit suchen sich seine Wurzeln Be-
reiche mit Bodenfeuchte oder Restfeuchte auch unter Gebäuden.
Die Baumwurzeln entziehen dem bindigen Boden zusätzlich
Wasser, trocknen ihn aus und lassen ihn schrumpfen. Während
längerer Feuchteperioden kann dieser Schrumpfvorgang auf
natürliche Weise wieder ausgeglichen werden.
Ein ausreichend großer Abstand zwischen Baum und Gebäude
bietet Schutz vor dieser Wassersuche und dem Wasserentzug
durch den Baum. Als Faustformel für den zu planenden Baum-
abstand gilt: Wurzelumfang ist gleich Kronenumfang.
Vor dem Schaden klug sein!
Für die Errichtung von Neubauten ist die Erstellung eines Bau-
grundgutachtens unverzichtbar. Die vorgeschlagenen Grün-
dungsempfehlungen des Gutachters sollten mit dem Bauherrn
diskutiert werden. Dabei soll sowohl der Einfluss längerer
Trockenperioden als auch von Starkniederschlagsereignissen
betrachtet werden. Möglicherweise kann eine kostenaufwändi-
gere Tieferführung der Fundamente auf Baugrundschichten, die
frei vom Schrumpfen durch Austrocknung sind, Schutz vor diesen
Gebäudeschäden bieten. Aufwand und Nutzen eines Unterge-
schosses oder Kellers sollten abgewogen werden.
Bei der Flächengestaltung sind wirksame Wurzelsperren um
sensible Gebäudebereiche zu bedenken.
Reparaturmöglichkeiten?
Aus geotechnischer Sicht kommen folgende Reparaturmöglich-
keiten für diese Schäden in Frage:
Fundamentanhebung durch Verpressverfahren von Boden-
mörtel, Zementsuspension oder Kunststoffgelen
Nachgründung oder Unterfangung der abgesackten Funda-
mente mit anschließender Rissesanierung.
Für diese Maßnahmen wird an Gebäuden eine ausreichende
Baufreiheit benötigt.
Bäume in unmittelbarer Nähe des Gebäudes können dem Baugrund Wasser
entziehen, was zu Schäden am Gebäude führen kann.

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Eine alternative Sanierungsmaßnahme – aber Vorsicht!
Eine alternative Sanierungsmethode stellt die dosierte Wasser-
zugabe in den Baugrund entlang der geschädigten Bausubstanz
über einen längeren Zeitraum dar. Dadurch kann Quellen erreicht
werden, bis der ursprüngliche Baugrundzustand wiederherge-
stellt wird. Es darf jedoch nicht zum Aufweichen des bindigen
Baugrundes kommen! Das führt ebenfalls zu Bauwerkssetzun-
gen, weil die Gebäudelasten vom aufgeweichten Baugrund nicht
mehr aufgenommen werden können.
Bei Betroffenheit Baugrundexperten kontaktieren
Das Fällen von gebäudenahen Bäumen kann im umgekehrten Fall
auch zur Vernässung führen. Die Interaktion im Baum-Boden-
Gebäude-System ist sehr variabel. An jedem Standort liegt eine
ortstypische und besondere Situation vor, die nicht für das ge-
samte Dorf zutreffend sein muss. Die Existenz oder das Fehlen
von Grundwasser spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die
geologische Situation und die Art und Weise des Bauwerkes sind
weitere Aspekte. Aus diesem Grund sind genaue Analysen des
Untergrundes und aller Einflussfaktoren notwendig, damit
Bäume und Häuser harmonisch miteinander koexistieren können.
Zusammenfassung
Geänderte Nutzungen und Ansprüche, die Verringerung der
Artenvielfalt und die Auswirkungen des Klimawandels verlangen
eine neue Sicht auf die Vegetation im Dorf. Für einen nachhal-
tigen Umgang werden die folgenden Empfehlungen gegeben:
Die Planung und Pflege des dörflichen Grüns, wie Bäume
und Sträucher, Hecken, Wiesen und Hochstaudenfluren,
sollte einem regionaltypischen Ortsbild, einem zusammen-
hängenden und ökologisch funktionalen Biotopverbund
und einem positiven Siedlungsklima dienen.
Großkronige Laubbäume sollten durch ihre Effekte für Orts-
bild, Klima und Ökologie wieder verstärkt gepflanzt werden.
Wo Bäume oder andere Grünstrukturen entfernt werden
müssen, sollten diese durch Neupflanzungen bzw. Ansaaten
mit standortgeeigneten, als gebietsheimisch zertifizierten
Pflanzen ersetzt oder natürlicher Bewuchs zugelassen wer-
den, um die biologische Vielfalt zu fördern.
Der Biotopverbund wird auch durch Restflächen und Brachen,
die von (intensiven) Pflegemaßnahmen ausgenommen sind,
ermöglicht. Dort können sich standorttypische Pflanzen-
gemeinschaften, die für viele Tierarten wichtig sind, frei
entwickeln.
Natürlicher Bewuchs an Mauern, Weg- und Straßenrändern
sollte erhalten bzw. nur mit mechanischen Methoden ent-
fernt werden.
Ein ökologisch wertvoller Garten beinhaltet viele heimische
Arten, darunter bienenfreundliche Blütenpflanzen ein-
schließlich von Früh- und Spätblühern, die die Blühperiode
verlängern.
Die Kultivierung historischer Gemüse- und Heilpflanzen
sowie Obstsorten trägt zur Erhaltung der genetischen
Vielfalt
bei.
Wenig genutzte Bereiche in Garten und Hof sollten von
Mahd und Unkrautentfernung ausgenommen werden.
Die Befestigung und Versiegelung von Flächen sollte auf
der Grundlage einer realistischen Abwägung der Nutzungs-
anforderungen geschehen und – wo immer möglich – zu-
gunsten der Regenwasserversickerung, eines guten Mikro-
klimas und der Erhaltung von naturnahen Lebensräumen
vermieden werden.
Großflächig gekieste Bereiche und die Verwendung von
Kunststoffunkrautfolien sind unbedingt zu vermeiden.
Private und kommunale Flächeneigentümer können viel für
grüne Lebensräume im Dorf tun. Die Kommunen sind auch als
Vorbilder gefragt. Um diese Empfehlungen umzusetzen, sind
Kooperationen mit Umwelt- und Landschaftspflegeverbänden,
ehrenamtlichen Naturschützern und den LEADER-Aktionsgrup-
pen sinnvoll.
Parkplatz mit beschattenden Bäumen und
versickerungsfähigen Belägen in Goßdorf