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SÄCHSISCHES
STAATSARCHIV
Sächsisches Archivblatt
Heft 2 / 2018

Seite
1
Aus den Beständen
„Ist zum Kriegsdienst gar nicht zu gebrauchen“ – Das sächsische Offizierskorps im Spiegel der Konduitenlisten
Andrea Tonert
4
Leipziger Liederszene in Videomitschnitten aus dem kulturellen Bereich
Stefan Gööck
6
Der Betriebsschutz als Quelle für die Wirtschafts-, Sozial- und Betriebsgeschichte der DDR
Martin Baumert
8
Ein Blick auf die Stadt Leipzig mit der Fotosammlung Heinz Morgenstern – Luftbildfotografie und ihre Erschließung
Laura Griebner
11
Rechtliches / Technisches
Die Anpassung des Archivgesetzes für den Freistaat Sachsen an die EU-Datenschutz-Grundverordnung
Silke Birk
13
„RESTAURIEREN Sie auch Filme?“
Stefan Gööck
17
Tipps vom Restaurator: Staublaus, Moderkäfer, Wollkrautblütenkäfer und Silberfischchen –
Sechs Jahre Insektenmonitoring im Archivzentrum Hubertusburg
Nikolai Krippner/Barbara Kunze
19
Meldungen/Berichte
Bestandserhaltung in Kommunalarchiven. Handlungsanleitungen und Praxisbeispiele – Kommunalarchivtagung 2018
Sigrid Unger
20
Erinnerungen auf zwei Kontinenten – Zum 200. Geburtstag von Ottokar Dörffel (1818–1906)
Judith Matzke
23
Zur Beteiligung von Archiven am Kultur-Hackathon Coding da Vinci – Ein Bericht und sechs Anmerkungen
Thekla Kluttig
25
Kooperation zwischen Sächsischem Staatsarchiv und Verein für Computergenealogie e.V. trägt weitere Früchte –
über 100 000 Einträge der Kartei Leipziger Familien schon abrufbar
Martina Wermes
27
„Problem CSSR“ – SED, Stasi und der „Prager Frühling“ im Bezirk Karl-Marx Stadt. Präsentation des Staatsarchivs Chemnitz
und des Stasi-Unterlagen-Archivs Chemnitz zum Tag der Archive
Annette Zehnter
28
Rezensionen
Hannes Berger, Sächsisches Archivgesetz, Kommentar, Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2018
(Schriftenreihe Recht der neuen Medien, Band 77)
Silke Birk
29
Erwin Frauenknecht/Gerald Maier/Peter Rückert (Hrsg.), Das Wasserzeichen-Informationssystem – Bilanz und Perspektiven.
Beiträge der gleichnamigen Tagung in Stuttgart am 17. und 18. September 2015, Stuttgart, 2017
Barbara Kunze
30
Marcel Lepper/Ulrich Raulff (Hrsg.), Handbuch Archiv. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart: J. B. Metzler Verlag, 2016
Peter Wiegand
31
Die Elektronische Akte in der Praxis – Ein Wegweiser zur Aussonderung, nestor materialien 20, 2018
Stephanie Kortyla
32
Georg Büchler (Hrsg.), Beiträge der 21. Jahrestagung der Arbeitskreises ‚Archivierung von Unterlagen aus digitalen Systemen‘,
Basel, 28. Februar und 1. März 2017
Stephanie Kortyla
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 1
„Ist zum Kriegsdienst gar nicht zu gebrauchen“ –
Das sächsische Offizierskorps im Spiegel der
Konduitenlisten
Das Urteil ist ebenso vernichtend wie amtlich.
Was sich liest wie eine vertrauliche persön-
liche Wertung, steht tatsächlich im Zentrum
einer eigens dazu angelegten Dokumen-
tengattung, der Konduitenlisten. Bei diesen
handelt es sich um eine bislang wenig ausge-
wertete, aber aussagekräftige Quelle zum kur-
sächsischen Offizierskorps aus dem Zeitraum
von 1730 bis 1855. Sie enthält formalisierte
und tabellarisch angelegte Beurteilungen, die
das Betragen, den Charakter und die Anlagen
sowie die Leistungen der Offiziere festhiel-
ten. Die Entstehung der Konduitenlisten als
systematische Evaluierung von Fähigkeiten
und Verhalten setzt die Etablierung der ste-
henden Heere zum Ende des 17. Jahrhunderts
voraus. In deren Zuge brachte der Landesherr
das Verfügungsrecht über die Offiziersstellen
und somit auch das Beförderungswesen unter
seine Kontrolle. Die Funktion der Konduiten-
listen lag zum einen darin, den Herrschenden
einen Überblick über den Zustand ihres Offi-
zierskorps zu verschaffen. Zum anderen konn-
ten sie in einem im Wesentlichen vom An-
ciennitätsprinzip, also der Beförderung nach
Dienstalter, geprägten Beförderungswesen bis
zu einem gewissen Grad das Leistungsprinzip
einführen.
In Kursachsen steht die Anlegung von Kon-
duitenlisten im Zusammenhang mit der nach
dem Großen Nordischen Krieg notwendigen
Heeresreform ab 1728, die insbesondere die
Regimenter betraf. Diese wurden dem Lan-
desherrn direkt unterstellt. Davor hatte die
personelle Besetzung, Bewaffnung und Aus-
rüstung allein in den Händen der jeweiligen
Regimentschefs gelegen. Unmittelbarer Aus-
löser der Erstellung der ersten überlieferten
Liste war offenbar, dass im Jahr 1730 einige
den Regimentern à la suite, d. h. ehrenhalber
zugeteilte Offiziere entlassen werden sollten,
und zwar diejenigen, denen „die Obristens ih-
rer Conduite halber kein sonderliches Zeugnüß
beygelegt.“
Vom Aufbau her sind die Listen zweigeteilt in
biographische Angaben und Beurteilungsteil.
Ersterer enthält mindestens Name und Rang,
Vaterland, Alter, Länge des Militärdienstes und
wo gedient. Der Beurteilungsteil enthält Aus-
sagen über dienstliche und charakterliche Qua-
litäten. Die Listen aus dem Zeitraum von 1730
bis 1776 wurden nach einem formalisierten
tabellarischen Verfahren unter Verwendung
von Planetensymbolen geführt, durch das die
Maßstäbe der Beurteilenden sichtbar werden:
appliziert sich / appliziert sich nicht
(verwendbar bzw. nicht zu verwenden)
exakt / liederlich
arbeitsam / kommode
gut Genie / kein gut Genie
lebt nüchtern und mäßig / debauchant
(ausschweifend), ab 1767 hieß diese
Kategorie „dem Trunk ergeben“
verträglich / Zänker
kein Spieler / Spieler
nicht eigennützig / eigennützig
unverheiratet / verheiratet
„Zeichen der üblen Conduite“, 1767 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10026 Geheimes
guter Wirt / kein guter Wirt
Kabinett, Loc. 30288/4)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 2
„Conduiten-Tabelle die beym Marchischen Infanterie-Regiment stehende sämtliche Officiers betr.“, 1730 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 11239
Konduitenlisten, Nr. 1)
Die Bedeutung richtete sich danach, ob das
Symbol in der Spalte „gute Conduite“ oder
„üble Conduite“ eingetragen wurde. Eine Hei-
rat wurde negativ bewertet, weil Angehörige
die Einquartierungslast für die Bevölkerung
erhöhten, und war deshalb auch bei Offizieren
reglementiert. Außerdem galten Verheiratete
als weniger mutig, da man davon ausging,
dass sie im Ernstfall zuerst an ihre Familien
dachten.
Wie aus den Kriterien hervorgeht, lag ihr
Zweck nicht in erster Linie darin, die fähigsten
Offiziere auszuwählen und diese schnell zu
befördern. Vielmehr sollten diejenigen Perso-
nen herausgefiltert werden, die für den Rang,
der ihnen nach Dienstalter zustand, ungeeig-
net waren, um diese ggf. zu entlassen oder zu-
mindest bei der Beförderung zurückzustellen.
Die beurteilten Offiziere durften vom Inhalt
dieser Listen keine Kenntnis erhalten. Ein
Exemplar verblieb beim beurteilenden Regi-
mentskommandanten, eines ging an den je-
weiligen Inspekteur zur Einreichung beim Kur-
fürsten. Damit keine Außenstehenden Einblick
erhielten, durfte auf dem zur Übersendung
verwendeten Kuvert niemals „Conduiten-Lis-
ten“, sondern immer nur „Militaria“ stehen. Die
Literatur beschreibt die verwendeten Symbole
als „Geheimchiffren“, was angesichts der ge-
nannten Maßnahmen nahe liegt.
Die späteren Listen enthalten zusätzlich ein
Bemerkungsfeld, in das Verbalbeurteilungen
eingetragen wurden, z. B.: „in der Werbung
nicht hinlänglich Fleiß angewendet“, „ist
lieber auf Uhrlaub als bey der Compagnie“,
„das Herz und der Wille ist guth, das Genie
aber mittelmäßig“ oder „hat durch tägliches
Brandtweintrincken eine ohnedem natür-
liche stupiditet dermaßen vermehrt, daß er
zu nichts zu gebrauchen. Ist über dieses ein
so übeler Wirth und voller Schulden, daß ihm
kein Compagnie Geldt anvertraut werden
kann.“ Solche vernichtenden Bemerkungen
führten nicht zwingend zur sofortigen Ent-
lassung, auch war es üblich, gerade jungen
Offizieren mehrere Chancen zur Bewährung
einzuräumen. So ist etwa der Premierleutnant
Bartholomäus Jezewsky, dem sein Komman-
dant Pierre de l´Hermet du Caila im Jahr 1731
bescheinigte: „ist zum Kriegs Dienst gar nicht
zu gebrauchen“, im Folgejahr weiterhin bei sei-
nem Regiment nachweisbar. Auf der anderen
Seite waren Beförderungen außer der Reihe
ebenso möglich, insbesondere wenn sich je-
mand bei Feldzügen besonders bewährt hatte.
Die gesellschaftliche Gleichberechtigung aller
Offiziere machte eine Positionierung im Heer
allein aufgrund von Leistung und Qualifikation
jedoch unmöglich.
Das Problem der missbräuchlichen Verwen-
dung der Konduitenlisten durch die Obristen,
sei es, dass sie einem missliebigen Unterge-
benen schaden oder einen Verwandten pro-
tegieren wollten, war den Verantwortlichen
bewusst, so dass den Kommandanten für
diesen Fall nicht näher bestimmte „unange-
nehme Folgen“ angekündigt wurden. Ob die
angedrohten Maßnahmen fruchteten oder
überhaupt jemals zur Anwendung kamen,
muss offenbleiben. Als weitere Maßnahme zur
Verhinderung von Missbrauch galt spätestens

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 3
„Conduitenliste von Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Xaverii Infanterie Regimente“, 1795 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 11239 Konduitenlisten, Nr. 24)
seit 1767 das Vier- bzw. Sechsaugenprinzip, da
die Listen vom Obristen und Kommandanten
des Regiments mit Zuziehung von einem oder
zwei Stabsoffizieren zu unterschreiben waren,
was Willkürakte zumindest erschwerte.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich
eine Anreicherung und Ausdifferenzierung
des Beurteilungsmodells beobachten. Die
Listen enthalten zum einen die bereits ge-
nannten biographischen Daten, daneben
Zusatzinformationen wie Religion, Teilnahme
an Feldzügen, Orden, Gesundheitszustand,
Verwundungen, Kriegsgefangenschaft, Feld-
diensttauglichkeit, Name der Eltern und Ar-
meezugehörigkeit des Vaters. Der Beurtei-
lungsteil enthält Angaben zu den Sprachen,
in welchen Wissenschaften der Offizier be-
sonders geübt sei und die Konduite als kurze
Verbalbeurteilung. In der Frühzeit dieser neu-
en Art der Listenführung ist noch zu erkennen,
dass einige Kommandanten das Prinzip der ro-
ten Tinte für gute Eigenschaften und schwarze
Tinte für negative Anmerkungen beibehielten.
Die Änderung lässt vermuten, dass durch die
Erfassung zusätzlicher nützlicher Kenntnisse
und Fähigkeiten das Leistungsprinzip bei Be-
förderungen gestärkt werden sollte bzw. dass
man wegen der Gefahr der missbräuchlichen
Verwendung von subjektiven Beurteilungskri-
terien wie „kein Genie“ zu besser nachprüf-
baren Kriterien wie Sprachkenntnissen gelan-
gen wollte.
Daraus ergeben sich vielfältige Auswertungs-
möglichkeiten. Naheliegend sind biogra-
phisch-genealogische Fragestellungen wie
Herkunft, Alter und militärische Laufbahn
einzelner Offiziere, was dadurch erleichtert
wird, dass die Listen vollständig durch ein
Namensregister erschlossen sind. Außerdem
ermöglichen die vergleichsweise komprimiert
vorhandenen Angaben Analysen zur Zusam-
mensetzung und Entwicklung des Offiziers-
korps nach Herkunft, Alter, Stand, Zugangs-
weg zur Offizierslaufbahn, Karrierewegen,
Teilnahme an Feldzügen, Anteil der verhei-
rateten Offiziere etc. Ebenso lassen sich die
Beurteilungskriterien statistisch auswerten,
des Weiteren bieten die Verbalbeurteilungen
Einblicke in die Lebenswirklichkeit, etwa wenn
von dem Premierleutnant Heinrich Eberhart
zur Horst berichtet wird, er sei dem Trunk so
ergeben, „daß er, wie die Elbe in Böhmen soll-
te passiret werden, man ihn vom commando
wegtragen müßen, und jedermann geglaubt,
er sey plessiret worden“. Die Konduitenlisten
bieten somit einen Ansatz zur Erforschung
von Karrierekriterien, Verhaltensmustern, Re-
gimentskultur und Wertmaßstäben im Heer-
wesen der Frühen Neuzeit.
Insbesondere im Hauptstaatsarchiv Dresden
stellt sich die Quellenlage zur kursächsischen
Armee als äußerst günstig dar, da hier au-
ßerdem auch die frühneuzeitlichen Muste-
rungslisten, Ranglisten, die Unterlagen der
Regimenter und Militärgerichtsbarkeit sowie
zwei biographische Nachschlagewerke über
das Offizierskorps jedem Interessierten zur
Einsichtnahme offenstehen.
Andrea Tonert
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 4
Leipziger Liederszene in Videomitschnitten
aus dem kulturellen Bereich
In der späten DDR waren interessierte Leipziger
bestens informiert über die Entwicklung der
Heimvideotechnik in der Welt. Regelmäßig
zur Messe drängten sich Technikfreaks vor
den Auslagen westlicher Hersteller. Selbst die
heimische Literatur informierte durchaus über
moderne Medien-Technik (z. B. in Leue/Starke/
Weber, Lexikon Unterhaltungs-Elektronik, Ber-
lin: transpress VEB Verlag für Verkehrswesen
Berlin, 1987). Mitte der 1980er Jahre wurden
die Vorzüge der Videoaufnahme in der öffent-
lichen Veranstaltungsreihe MEDIUM im Leipzi-
ger Kulturbund-Haus demonstriert: Noch beim
Dämmerlicht einer Stehlampe ließen sich mit
Videokamera und -recorder akzeptable Farb-
bilder aufzeichnen, die sofort anschließend auf
dem TV-Gerät betrachtet und zwischen zwei
Videorecordern kopiert werden konnten, ein-
schließlich brauchbarem Ton. All dies war sehr
fortschrittlich im Vergleich zur verfügbaren
Amateurfilmtechnik: Veralteten Kameras und
Magnettonbandgeräten aus Osteuropa, be-
stückt mit häufig fehlerhaften Wolfener Auf-
zeichnungsmaterialien. Zwangsläufig war nach
jeweils 2 ½ Minuten die Filmspule verbraucht,
für Aufnahmen im Innenraum wurden meh-
rere Kilowatt Licht benötigt, das Federwerk
verursachte laute Geräusche, eine synchrone
Tonaufnahme war ohnehin unmöglich, und
für die Entwicklung der Filme im Kopierwerk
vergingen Monate. Wenn es überhaupt gelang,
Kopien anfertigen zu lassen, waren sie teuer
und mangelhaft. Kein Wunder also, dass die
regionale Filmszene in der Videotechnik die
Zukunft zu sehen meinte. Wie bekannt, wurde
auch diese Begehrlichkeit bis zum Ende der
DDR vom staatlichen Handel nicht befriedigt.
Also konnten sich zunächst nur diejenigen,
die über gute Westkontakte verfügten, auf
privatem Wege modernere Heimelektronik
verschaffen und konfigurieren. Jedoch wurde
auch in öffentlichen Kultureinrichtungen, wie
etwa den Kabinetten für Kulturarbeit, den Kul-
turhäusern und Jugendclubs, spätestens in den
1980er Jahren erkannt, dass Videotechnik für
eine zeitgemäße, attraktive Arbeitsweise ge-
braucht wurde. Was auf der einen Seite Privat-
initiative war, wurde auf der anderen Seite als
staatliche Beschaffungskriminalität entfaltet.
Für einen VHS-Videorecorder flossen 10 000
DDR-Mark in dubiose Kanäle, für die passen-
den VHS-Videokassetten jeweils 1 DDR-Mark
pro Minute Spielzeit, also 240 DDR-Mark für
eine 4-Stunden-Kassette. Dem Bezirkskabinett
für Kulturarbeit Leipzig gelang es 1986, einen
VHS-Videocamcorder zu erwerben, das Stadt-
kabinett für Kulturarbeit folgte 1987 mit einer
veralteten Videokamera und einem gebrauch-
ten VHS-Videorecorder für Netzanschluss (vgl.
auch Stefan Gööck in: „Leipziger Liederszene
der 1980er Jahre“, Booklet zur DVD/CD-Edition
des Löwenzahn Verlag Leipzig, 2018).
Innere Umschlagseite „Lexikon Unterhaltungs-Elektronik“, transpress VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin, 1987
Die Videokamera des Stadtkabinetts für Kulturarbeit
einschließlich selbstgebautem Netzteil, ab 1988 (Foto
Stefan Gööck)
Plakat der Veranstaltung Liedercafé, 1987
Vor die Videolinse kamen Workshops, Castings
und öffentliche Veranstaltungen quer durch
viele Sparten: Off-Theater, Kabarett, Büh-
nentanz, Karneval, Zauberkunst, oft auch die
jungen Musikfolkloristen, Liedermacher und
Singeclubs. Die Wiedergabe der Mitschnitte
auf passenden Farbfernsehgeräten, etwa im
„Zentralen Klub der Jugend und Sportler“,
im Stadtkabinett für Kulturarbeit oder im Ju-
gendklub „Metrum“ des Neubaugebiets Grün-
au stieß auf erhebliches Interesse bei Künstlern
und Publikum. Allerdings erwies sich die Erwar-
tung, man könne sich mit einzelnen primitiven
Amateurröhrenkameras und VHS-Recordern
am Fernsehprogramm messen, als reichlich
naiv. Erst anderthalb Jahrzehnte später er-
öffnete sich für Autorenfilmer und Medien-
vereine dank bezahlbarer Digitalkameras und
Computer die Möglichkeit ernsthafter Low-

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 5
budget-Projekte (vgl. z. B. „Pennhouse-TV“
im Bestand 22048 Multimedienwerkstatt für
Kinder und Jugendliche Die Fabrik e.V., Leipzig).
Aufnahmen wie die frühen Videomitschnitte
aus dem Leipziger Kulturbereich sind selten.
Trotz aller medientechnischen Einschränkun-
gen vermitteln sie, vor allem in den wortbasier-
ten künstlerischen Sparten, das Lebensgefühl
in Teilen der jugendlichen Subkultur, zumal in
der DDR-Endzeit. Es zeigt sich, dass es auch
weit nach der 1976 erfolgten Ausbürgerung
des späteren Bundesverdienstkreuz-Trägers
Wolf Biermann vielen Leipziger Liedermachern
ganz selbstverständlich um die „scharfen Sa-
chen“ ging, derentwegen sich Feiglinge „in die
Hose machen“ (zitiert nach dem Biermann-
Gedicht „Die hab’ ich satt“). Renitent und lis-
tig wurden die Spielräume der Kulturpolitik
ausgetestet und erweitert. Insbesondere die
zweitgrößte Stadt der DDR, Leipzig, galt als
ein Ort, an dem mehr „ging“ als in kleineren
Ortschaften oder gar in der Hauptstadt Ber-
lin, wo die zentralen DDR-Medien die offizielle
Meinung produzierten. Leipzig verstand sich
als Standort der größten Ost-West-Messe und
des ältesten deutschen Dokumentarfilmfesti-
vals, war stolz auf seine Studenten, Kulturein-
richtungen und Printverlage, war ein „Fenster
zur Welt“, die „heimliche Hauptstadt“, also
das „Gelbe vom Ei“ (so ein damaliger Sticker
des Kabaretts „Academixer“). Während jun-
ge Leipziger Musikfolkloristen noch Ende der
1970er überlieferte Texte uminterpretierten,
um z. B. mittels „König von Preußen“ die DDR-
Wehrpflicht zu verspotten, behandelten die
Texte der Liedermacher in der zweiten Hälfte
der 1980er ziemlich unverblümt die Defizite
des realen Sozialismus, ohne freilich die Sys-
temfrage zu stellen – was Biermann allerdings
auch nicht getan hatte. Geistige Enge, Kon-
formismus, Militarisierung, Umweltzerstörung
und Perspektivlosigkeit wurden thematisiert,
schwul-lesbische Sehnsüchte vorgetragen, so-
gar weltumspannende Dystopien entwickelt,
ganz abgesehen von vordergründigen Dauer-
brennern wie der allgegenwärtigen Mangel-
versorgung und den einseitigen DDR-Medien.
Im geschichtspolitischen Mainstream wurde
seit 1990 umfassend geklärt, welchen ideolo-
giegesteuerten Gefährdungen die freie Mei-
nungsäußerung und die Kunstfreiheit in der
DDR unterlagen. Demgegenüber könnte in
Vergessenheit geraten, was dennoch möglich
war und auch erreicht wurde, und zwar nicht
nur am Beispiel prominenter DDR-Dissidenten,
sondern durchaus in einer gewissen Breite und
mit öffentlicher Anteilnahme (vgl. https://
de.wikipedia.org/wiki/Leipziger_Liederszene).
Um dies zu dokumentieren, wurden die frühen
Videomitschnitte aus dem Leipziger Kultur-
bereich archiviert. Die VHS-Kassetten, die zu-
nächst im Bezirksfilmstudio Leipzig (Bestand
22052) überdauerten, wurden mit dessen kine-
matografischen Materialien 1997 vom Staats-
archiv Leipzig übernommen und schließlich in
den Bestand 22342 Bezirkskabinett für Kultur-
arbeit Leipzig separiert. Nachdem im letzten
Jahrzehnt gelegentlich Ausschnitte aus diesem
Bestand für TV-Produktionen genutzt wurden,
sind in jüngster Zeit Teile des zuvor digitali-
sierten Materials wieder der Ursprungsszene
zugänglich geworden. Der Leipziger Löwen-
zahn-Verlag, neben der Folk-Welt-Musik dem
internationalen Festival in Rudolstadt und
generell der jüngeren Musikkultur verpflichtet
sowie auch personell der Szene verbunden,
hatte sich seit 2015 der Aufgabe verschrieben,
Teile der im Sächsischen Staatsarchiv über-
lieferten historischen Mitschnitte von Leipzi-
ger Liedermachern und Chansoninterpreten
zu veröffentlichen. Neben der Sichtung und
Gewichtung des umfangreichen Materials so-
wie dessen medientechnischer Aufarbeitung
waren die Veröffentlichungsrechte mit den in
die Jahre gekommenen Barden zu klären, wozu
es im veröffentlichten Booklet heißt, einige
„denken ökologisch und wollen Gras drüber
wachsen sehen.“ (ebenda, Vorwort). Neben
der Video-DVD mit ausgewählten historischen
Aufnahmen hat der Verlag eine begleitende
Audio-CD mit aktuellen Aufnahmen der-
jenigen Künstler hinzugefügt, die noch heute
auf der Bühne stehen, sowie im Booklet eine
historische Zusammenschau der Leipziger Lie-
derszene und ihrer Akteure publiziert. Die gra-
fische Gestaltung übernahm Jürgen B. Wolff,
der in den 1980er Jahren auch schon das
„Liedercafé“-Plakat entworfen hatte. Inhalt-
lich wurde die aufwändige Projektentwicklung
durch kollaborative Arbeit auf einer Website
(vgl.
www.logopaedie-connewitz.de/leipziger
liederszene) flankiert, die Finanzierung mit-
tels Crowdfunding ermöglicht. Die multime-
diale Publikation „Leipziger Liederszene der
1980er Jahre“ wurde am 2. Februar 2018 in
der überfüllten Halle D der Leipziger Kultur-
Fabrik Werk II präsentiert , begleitet von einem
4-stündigen Live-Programm. Es erwies sich,
dass die Leipziger Liederszene noch heute den
kritischen Dialog sucht und damit auch den
jüngeren Teil des Publikums erreicht. Im Finale
führten alle Protagonisten gemeinsam einen
Titel von Duo Sonnenschirm aus den frühen
1990er Jahren auf: „Doch ich vergaß mehr als
ihr/Je erfahrn könnt von hier.“
Stefan Gööck
(Archivzentrum Hubertusburg)
Finale der Liederszene-Veranstaltung, 2018 (Fotos Stefan Gööck)
Susanne Grütz/Duo Grütz-Schmidt, 2018
Jens-Paul Wollenberg, 2018
Jürgen B. Wolff/Duo Sonnenschirm, 2018

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 6
Der Betriebsschutz als Quelle für die Wirtschafts-,
Sozial- und Betriebsgeschichte der DDR
Die Wissenschaft steht im Bezug auf die
Geschichte der DDR-Wirtschaft vor dem
Problem, dass tendenziell zu viele Quellen
vorhanden sind. Eine Auswahl seitens der
Forschenden scheint dabei unerlässlich, um
die Flut an Dokumenten bearbeiten zu kön-
nen. Häufig stellen sich die betrieblichen Ak-
ten als nur begrenzt aufschlussreich für die
ökonomische und gesellschaftliche Entwick-
lung dar. Einen neuen Impuls geben hingegen
die Akten der Betriebsschutzämter (BSA) der
Deutschen Volkspolizei, die in den Kombinaten
die polizeiliche Funktion innehatten und den
betriebseigenen Werkschutz ersetzten. Diese
waren bis zu ihrer Auflösung 1990 für normale
Betriebe, wie den VEB Eilenburger Chemie-
werke, ebenso zuständig wie für Spezialbe-
triebe, z. B. die Wertpapierdruckerei Leipzig,
und sogar Kultureinrichtungen, wie das Bil-
dermuseum Leipzig. Im Staatsarchiv Leipzig
sind zwei BSA überliefert. Außerdem befinden
sich weitere Unterlagen in den Beständen der
Bezirksbehörden der Deutschen Volkspolizei
und der Volkspolizei-Kreisämter (VPKA) Borna
und Leipzig.
Hierbei handelt es sich um die Bestände 22243
Betriebsschutzamt Böhlen mit 4,35 lfm Über-
lieferung sowie 22244 Betriebsschutzamt Es-
penhain mit 0,4 lfm Akten. Beide BSA stellten
die polizeilichen Institutionen des VEB Kom-
binats „Otto Grotewohl“ Böhlen und des VEB
Kombinats Espenhain dar. Diese Werke bilde-
ten einen gemeinsamen, systemrelevanten
karbochemischen Industriekomplex mit einem
Anteil an der Teer- und Leichtölproduktion von
54,1 % und an der Treibstoffherstellung von
25,7 % der DDR im Jahr 1960.
Die BSA hatten aufgrund von vertraglichen
Vereinbarungen mit dem Betrieb, die Personal,
Dienststellen und Kompetenzen regelten, die
polizeilichen Aufgaben inklusive der Feuer-
wehr im Werk inne. Dabei übernahmen und
erweiterten die BSA die Kompetenzen des
Werkschutzes, der unmittelbar nach Kriegs-
ende aufgelöst wurde. Dadurch verfügte der
Betriebsschutz (BS) über einen erheblichen
betrieblichen Einfluss und diente gleichzei-
tig dazu, die staatliche Machtposition in den
Werken zu festigen. Entsprechend wurden die
Ämter von alten Kommunisten aufgebaut.
Beispielsweise organisierte der Altkommu-
nist und Widerstandskämpfer Josef Liebert
in Böhlen das BSA, nach Anregung der KPD-
Betriebsgruppe und auf Befehl des Bornaer
Militärkommandanten. Liebert stieg gleichzei-
tig weiter in der Hierarchie bis zum Kandidat
der SED-Kreisleitung auf.
Die BSA garantierten den Einfluss der SED
und die Durchsetzung ihrer Politik im Betrieb.
Hierzu gehörte die Überwachung unliebsa-
mer Gruppen unter den Führungskräften und
der Belegschaft. Beispielsweise finden sich
Dokumente zur religiösen Gesinnung von Ar-
beitskräften und deren kirchlicher Praxis. Of-
fensichtlich reichte konfessionelle Bindung in
den Schlüsselindustrien bereits dazu aus, dass
eine Überwachung erfolgte. Selbst parteitreue
Führungskader, wie der kaufmännischen Leiter
in Böhlen, wurden aufgrund ihres Glaubens
überwacht. Insgesamt betraf dies 1963 min-
destens 62 von 68 aktiven Kirchengängern,
darunter 14 ehemalige Zeugen Jehovas, fünf
Anhänger der Neuapostolischen Kirche und
vier Siebenten-Tags-Adventisten. Ebenfalls
wurde aufmerksam die Entwicklung von Ju-
gendweihen beobachtet, die 1962 auf 89,5
und 1963 sogar auf 95,8 % aller Kinder von
Belegschaftsangehörigen stiegen.
Besonders in den 1950er und 1960er Jah-
ren wurde die Belegschaftsentwicklung an
den Standorten durch den BS beobachtet.
Die Unterlagen bieten verlässliche Aussagen
über „Republikfluchten“ aus den Kombinaten.
Hierbei wurde speziell auf die akademisch ge-
bildeten Fach- und Führungskräfte geachtet.
Deren Migration in die Bundesrepublik war
für Hochtechnologieunternehmen besonders
schwer zu kompensieren. Dabei zeigen die Ak-
ten eine offene Einschätzung zum Thema Ab-
werbung, das der DDR-Propaganda diametral
gegenüber stand und individuelle Kontakte
sowie eigene Überzeugungen als Gründe für
den Grenzübertritt anführte. Auch in statisti-
scher Hinsicht bieten die Dokumente Einblick
in die Abwanderung von DDR-Bürgern, deren
Phasen sowie deren Altersstruktur. Bis zum
Ende der DDR-Zeit blieb die Überwachung
von Personen, die Westkontakte hatten, eine
zentrale Aufgabe des BSA. Dies betraf dabei
die Angehörigen des Betriebsschutzes weitaus
häufiger als Andere. Hieran bestätigt sich das
bereits bekannte Phänomen, dass die Überwa-
chungsorgane der DDR zu den am stärksten
überwachten Personenkreisen gehörten.
Für die Betrachtung der gesellschaftlichen
Entwicklung der DDR sind die Bestände
ebenfalls interessant. Beispielsweise zeigen sie
unangepasstes und widerständiges Verhalten.
Diese reichen von nationalsozialistischen Ein-
stellungsmustern, über das „Rowdytum“ bis
hin zur Verbreitung von „antisozialistischen“
Schriften und Graffitis. Eine kritische Distanz
gerade bei den Überwachungskategorien oder
bei vermeintlichen Kriminellen ist für die Nut-
zung der Akten unerlässlich. Folgendes Zitat
zeigt, wie kriminalistische Erkenntnis und
ideologische Vorgaben nebeneinander exis-
tent waren:
„Über das Rowdytum im Kombinat wurde
durch die Abtlg. K eine eingehende Analyse
erarbeitet. Darin wurde festgestellt, daß von
einem bandenmäßigen Auftreten von Grup-
pen Jugendlicher im Kombinat nicht gespro-
chen werden kann. Tatsache ist jedoch, daß
eine Reihe Jugendlicher […] in ihren Wohn-
orten Banden angehören. Bestätigt wird dies
dadurch, daß bereits einige Jugendliche […]
Angehörige des Betriebsschutzes Espenhain, 1960 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22244 Betriebs-
schutzamt Espenhain, Nr. 17)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 7
von ihrem VPKA wegen Rowdytum in Haft
genommen werden mußten. Mit der Unter-
schätzung des Rowdytums, wie es bei dem
ehemaligen K-Leiter Oltn. S. in Erscheinung
trat, mußte schnellstens Schluß gemacht
werden. Er vertrat die Meinung, in unserem
Dienstbereich gibt es kein Rowdytum.“
(22244 Betriebsschutzamt Espenhain, Nr. 3,
Dokument Stand der Erfüllung der Direk-
tive 4/60 des Ministeriums den Innern vom
19. September 1960)
Auch für Untersuchungen zum Thema Rassis-
mus, der vor allem ab Mitte der 1970er Jahre
durch die zahlreichen Vertragsarbeiter in der
gesamten DDR virulent wurde, eignen sich die
Aktenbestände. Dabei agierten die Polizisten
sowohl als Täter als auch als Chronisten. Ihre
Tätigkeiten erinnern dabei fatalerweise an den
Werkschutz im „Dritten Reich“, der ebenso zur
Stigmatisierung, Disziplinierung und Verfol-
gung der ausländischen Belegschaftsteile
diente.
Selbst die normale polizeiliche Arbeit, wie
die Erfassung von Kriminalität, bietet Auf-
schluss über die Entwicklungslinien in der
DDR-Gesellschaft. Dabei ist der hohe Grad
an persönlicher Bereicherung bezeichnend
für das Scheitern der sozialistischen Utopie.
Aber auch Sexualdelikte und ihre Vertu-
schung zeigen gravierende Probleme auf. Die
Kriminalitätsstatistiken weisen wiederum auf
historische Ereignisse hin. Daher verwundern
die zahlreichen Eigentumsdelikte nicht, die
das BSA Espenhain im Hunger winter 1946/47
registrierte. Von insgesamt 2 982 registrier-
ten Delikten waren 2 430 Diebstähle und 370
Einbrüche.
In betrieblicher Hinsicht erfüllte der BS noch
einen weiteren Zweck. Er sollte Sabotage und
Havarien verhindern. Die Bestände zeigen da-
bei, dass es sich vor allem um eine Fiktion han-
delte: Bewusste Sabotageaktionen gab es im
Untersuchungszeitraum nur in wenigen Fällen.
Durch ihre Ermittlungen widerlegten die BSA
häufig ihre eigene These der mutwilligen Zer-
störung. Gleichzeitig dokumentierten sie den
Rückgang des Unfallgeschehens, beispielswei-
se in Böhlen von 2 349 Unfällen mit 13 Toten
1948 auf 806 mit zwei Todes fällen 1960.
Für die Forschung beinhalten die Akten des
Weiteren zahlreiche Informationen zum be-
trieblichen Geschehen rund um den Aufstand
am 17. Juni 1953. Diese bieten Aufschluss
über den Verlauf der Auseinandersetzungen,
betriebsinterne Diskussionen und zur Reak-
tion der Sicherheitskräfte. Die Daten können
beispielsweise zusätzlich Aufklärung über
Verhaftungen in Betrieben liefern. Besonders
für die beiden Werke Espenhain und Böhlen
sind die Akten interessant, da in beiden, trotz
zahlreicher Missstände und Konflikte, keine
Streiks stattfanden. Andererseits lassen die
Dokumente erkennen, dass die Diskussionen
nicht mit der Niederschlagung endeten, son-
dern sich noch über Monate hinzogen.
Dem BS unterstanden ebenfalls die Kampf-
gruppen der Arbeiterklasse. Die Offiziere
übernahmen die Ausbildung, die Verwahrung
der Waffen und Ausrüstung sowie die militä-
rische Führung der Arbeitermilizen. Entspre-
chend setzen sich viele Dokumente mit ihrer
Organisation auseinander, bieten Erkenntnisse
über den militärischen Wert und lassen Rück-
schlüsse auf ihre Mitglieder zu.
Welche Vorteile bieten diese Archivbestände
nun für die Historiographie? Sie sind vor al-
lem eine gute Ergänzung für bisherige Quellen
zur DDR-Geschichte. Beispielsweise können
sie alternativ zu MfS-Beständen genutzt
werden, da sie oftmals durch diese als Quel-
le herangezogen wurden. Sie bilden gerade
für die Wirtschafts-, Sozial- und Betriebs-
geschichte neue Forschungsansätze, da die
BSA die offiziellen Betriebsergebnisse prüften
und politische und gesellschaftliche Entwick-
lungen im Betrieb dokumentierten. Die Akten
erlauben eine kritische Überprüfung der Da-
ten der Betriebsleitung, aber auch von Zeit-
zeugenberichten. Zusätzlich ergänzen diese
die Informationslage zu den Betrieben, den
zentralen Lebensorten im Arbeiter- und Bau-
ernstaat. Hierbei besteht die Möglichkeit, sich
über die Systemtreue oder Distanz einzelner
Belegschaften zu informieren. Außerdem lässt
sich anhand der Akten eine weitere Hierar-
chieebene in den Kombinaten erkennen, da
der Einfluss der Leitung des Betriebsschut-
zes in verschiedene Bereiche bis zur obers-
ten betrieblichen Führung reichte. Allerdings
erfordern sie die kritische Betrachtung durch
die Nutzenden, da auch diese Akten nicht frei
von den üblichen ideologischen Versatzstü-
cken sind und teilweise der Rechtfertigung
der eigenen Arbeit gegenüber Vorgesetzten
dienten. Dennoch lässt sich abschließend fest-
halten, dass ihr Aussagewert meist über den
betrieblichen Akten steht.
Martin Baumert
(Universität Leipzig)
Dokumentation eines zum Kohleschmuggel präparierten
Lastkraftwagens durch das Betriebsschutzamt Espen-
hain, 1950 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leip-
zig, 22244 Betriebsschutzamt Espenhain, Nr. 11, S. 16)
Handgezeichnetes Deckblatt der Chronik des Betriebsschutzamts Böhlen, 1960 (Sächsisches Staatsarchiv, Staats-
archiv Leipzig, 22243 Betriebsschutzamt Böhlen, Nr. 56)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 8
Ein Blick auf die Stadt Leipzig mit der
Fotosammlung Heinz Morgenstern –
Luftbildfotografie und ihre Erschließung
Betrachtet man Heinz Morgensterns Luft-
bilder, fragt man sich schnell, ob es denn die-
selbe Stadt ist – jene, die man hier zu sehen
bekommt und jene, die man zu kennen glaubt.
Es erscheint zuweilen, als läge Leipzig am
Meer, als hätten Stadtplanerinnen und Stadt-
planer viel Tetris gespielt, als seien Architekt-
innen und Architekten von Besucherinnen
und Besuchern aus der Luft ausgegangen. Der
Perspektivwechsel erfordert ein Hineindenken
und macht neu Sehen – ein Phänomen, das
dem Medium Luftbild eigen ist und das diese
Aufnahmen zu einem von vielen Seiten inte-
ressanten Gegenstand macht. In besonderer
Weise stellt er die Erschließung vor Heraus-
forderungen.
Gegenstand
Im Jahr 2010 erwarb das Stadtarchiv Leipzig
knapp 2 000 Luftbildaufnahmen des Foto-
grafen Heinz Morgenstern. Diese dokumen-
tieren die Stadt Leipzig und ihr nahes Um-
land während der ersten zehn Jahre nach
der Wende von 1989/1990. Im Rahmen eines
wissenschaftlichen Volontariats konnte die-
ser Bestand nun erschlossen werden, er steht
der Benutzung unter der Bezeichnung „Foto-
sammlung Heinz Morgenstern“ im Lesesaal
des Stadtarchivs zur Verfügung.
Provenienz
Heinz Morgenstern, 1943 in Leipzig geboren,
war bereits gelernter Starkstrommonteur
sowie Filmvorführer und arbeitete als Kino-
und Rundfunkmechaniker im Krankenhaus der
Nationalen Volksarmee in Wiederitzsch, als er
von 1962 bis 1964 in einem Sonderlehrgang
bei der Handwerkskammer zu Leipzig den
Abschluss „Fotograf“ erwarb. Im Anschluss
erhielt er eine Anstellung als „Pressefotograf
und Bildreporter“ – eine Berufsbezeichnung,
die er beibehielt – bei der Abendzeitung in
Leipzig und wurde Mitglied im Deutschen
Journalistenverband. Nach Einstellung der
Zeitung im Jahr 1975 kam Heinz Morgenstern
zur Fotoabteilung der Deutschen Werbe- und
Anzeigengesellschaft (DEWAG) Leipzig, be-
vor er sich selbstständig machte und fortan
freiberuflich als Fotograf tätig war. Zu seinen
Auftraggebern zählten das Leipziger Messe-
amt, die Pressestellen der Kombinate Deko-
Plauen, Rundfunk- und Fernmelde-Technik
(RFT) Staßfurt und der Vereinigung Volksei-
gener Warenhäuser (VVW) Centrum sowie das
Fernsehen der DDR, welches seine Motive für
die Nachrichtensendung Aktuelle Kamera an-
forderte. Auch ein Bildband zu Quedlinburg
im Auftrag des Volkseigenen Betriebs (VEB)
Brockhaus Verlag entstand in den 1970er Jah-
ren und erschien ab 1980 in drei Auflagen.
Das Ende der DDR löste viele dieser Kontakte,
während das Land auf einem anderen Gebiet
der Auflösung massiv entgegentrat – die
Bautätigkeit in den Bereichen Sanierung der
noch immer zu großen Teilen maroden städ-
tischen Bausubstanz sowie Neubau wuchs in
den 1990er Jahren exponentiell und mit ihr
die Nachfrage nach einer besonderen Art von
Fotografien: dem Luftbild. Auf dieses spezia-
lisierte sich Heinz Morgenstern. Zum Teil im
Auftrag, zum Teil freischaffend realisierte er
zusammen mit einem „Fliegerteam“ in einem
Leichtflugzeug der Marke „Cessna“ Rundflüge
über die Stadt Leipzig und Umgebung und fo-
tografierte in zeitlichen Intervallen die zentra-
len Schauplätze der Stadt- und Infrastruktur-
entwicklung. Seine Arbeit kennzeichnet dabei
eine Art enzyklopädische Akribie, mit der er die
Stadt und ihre Baustellen aus verschiedenen
Himmelsrichtungen, unterschiedlichen Flug-
höhen, näheren und weiteren Einstellungen
und in der Wiederholung den Fortschritt des
Geschehens dokumentierend aus der Luft ver-
maß. Für die Luftbildaufnahmen verwendete
Heinz Morgenstern eine Mittelformatkamera
„RZ 67 Professional“ sowie Nikon-Kameras
mit Normalobjektiv, er arbeitete mit Fujicolor-,
Kodak- und Agfa-Film. Bis 1998 war Heinz
Morgenstern beruflich tätig. (Die Darstellung
beruht auf einer schriftlichen Selbstauskunft
Heinz Morgensterns zu seinem beruflichen
Werdegang vom 1. August 2015.)
Übernahme
Die erste Aufnahme Heinz Morgensterns im
Bestand des Stadtarchivs Leipzig, ein Bild der
Oper Leipzig aus dem Jahr 1960, wurde bereits
1977 in die Fotosammlung aufgenommen.
Mit seinem Angebot aus dem Jahr 2010, das
sein „Archiv“ an Luftbildaufnahmen aus dem
Zeitraum 1992–1999 beinhaltete, ergab sich
die Möglichkeit, einen ganzen Zeitabschnitt
der städtischen Veränderung abzubilden. Im
selben Jahr erwarb das Stadtarchiv Leipzig
1 969 Farbnegative und -diapositive sowie
ca. 1 800 dazugehörige Farbabzüge mit dem
ausschließlichen Nutzungsrecht für die Dauer
des Urheberrechts.
Die Negative und Diapositive wurden in einer
durch Heinz Morgenstern angelegten Glie-
Heinz Morgenstern: Leipzig-Lößnig, 15.04.1996, Kleinbildnegativ (StadtAL, Samml. Morgenstern Nr. 823)
derung nach Aufnahmedatum und Filmen

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 9
übergeben, an der sich die Erschließung ori-
entierte. Die Positive sind durch Film- und Ne-
gativnummer den Negativen und Diapositiven
zugeordnet. Zusätzliche Informationen Heinz
Morgensterns zum Filmmaterial und -format
sowie zum Bildmotiv jedes einzelnen Fotos
sind in die Bearbeitung eingegangen.
Überlieferungsschwerpunkte
Die Luftbildaufnahmen des Bestandes Foto-
sammlung Heinz Morgenstern dokumentie-
ren fast das gesamte Stadtgebiet Leipzigs mit
besonderem Fokus auf die Ausweitung durch
Eingemeindungen und bauliche Veränderun-
gen zwischen 1992 und 1999. Einen Überlie-
ferungsschwerpunkt bildet der Bau der Neuen
Messe mit Verkehrsanbindungen: dem An-
schluss an die Autobahn 14 (außerstädtisch),
die erweitert ausgebaute Bundesstraße 2
(innerstädtisch) sowie die Anbindungen an
Straßen- und S-Bahn. Diese Bilddokumen-
tation, nimmt einen zentralen Stellenwert
ein, Heinz Morgenstern betont: „Es war eine
der größten Baustellen Deutschlands und für
mich die arbeitsintensivste und auch inter-
essanteste Zeit meines beruflichen Schaf-
fens!“ Weitere Schwerpunkte bilden die neu
entstehenden Wohnsiedlungen (Probstheida,
Wahren) und Gewerbegebiete (Schönefeld,
Mölkau), Veränderungen der Infrastruktur,
insbesondere von Straßen (Kohlgartenstraße,
Dübener Landstraße), Sanierung von Plätzen
und Altbauten (Augustusplatz, Rundling,
Universitätsbibliothek „Bibliotheca Alberti-
na“), besondere Neubauprojekte (Herzzent-
rum Leipzig, Listbogen), die Altbausubstanz
(Krochsiedlung, Alte Messe), Tagebau und die
Entstehung des Neuseenlandes (Cospudener
See, Kulkwitzer See) sowie die angrenzenden
und umliegenden Orte von Leipzig (Markran-
städt, Markkleeberg, Neukieritzsch, Brandis,
Groitzsch, Großpösna). Die Bilddokumenta-
tion einer Bautechnik-Messe auf dem agra-
Messegelände von 1991 vom Boden aus er-
gänzt als Ausnahme den Luftbildbestand.
Erschließung
Die Einordung der Übernahme in den Gesamt-
bestand des Stadtarchivs Leipzig erfolgte in
die nichtarchivischen Sammlungen. Aufgrund
der einheitlichen Provenienz bildet sie einen ei-
genen Bestand (2.4.3.37 Fotosammlung Heinz
Morgenstern). Für die Erschließung wurde von
einer Bewertung der Fotografien abgesehen.
Ausgangspunkt dafür war, dass der Bestands-
bildner durch die Aufnahme der Fotografien
in sein „Luftbildarchiv“ bereits eine Auswahl
getroffen hatte, dieser Zusammenhang sollte
erhalten werden. Die Erschließung erfolgte
im Archivfachinformationssystem des Stadt-
archivs Leipzig als endgültige, erweiterte
Erschließung. Pro Bild wurden eine Signatur
vergeben und ein Datensatz angelegt, in den
das durch einen externen Dienstleister ange-
fertigte Digitalisat des Bildes als TIFF-Datei
importiert wurde. Insgesamt umfasst der
bearbeitete Bestand 1.965 Fotografien, die
nun vollständig recherchierbar sind. Nach der
Verzeichnung wurden die Negative und Dia-
positive in für die Archivierung zertifiziertes
Fotoverpackungsmaterial umgepackt.
Gemäß unterschiedlicher Kameraeinstellun-
gen und Flughöhen zeigen die Luftbildauf-
nahmen eine Spanne von Totalansichten bis
Nahaufnahmen. Entsprechend wurde die
Erschließungstiefe angepasst, Aufnahmen
aus größerer Entfernung mit höherem Bild-
informationsgehalt wurden flacher erschlos-
sen als Ansichten aus geringer Entfernung.
Als Maßstab galt hierbei immer, was auf der
Aufnahme gut zu erkennen ist. Um die Anga-
ben des Bestandsbildners zum Bildmotiv in der
Erschließung zu berücksichtigen, wurde in der
eigens angelegten, an der Fotosammlung ori-
entierten Erschließungsmaske das Feld „An-
gabe Autor“ neu hinzugefügt, in das alle In-
formationen zum Bild von Heinz Morgenstern
ohne Änderungen übernommen wurden. In
einem zweiten Schritt wurden seine Angaben
einer Prüfung unterzogen und für die aus-
führliche Erschließung erweitert. Diese enthält
im Feld „Ort“ die geographische Verortung bis
zu einer Tiefe von den mit der Aufnahme er-
fassten Orten bzw. Ortsteilen, inklusive einer
Unterscheidung der zum Zeitpunkt der Auf-
nahme zu Leipzig gehörenden Ortsteile durch
die Voranstellung „Leipzig-“. Auf diese Weise
wird deutlich, dass die Aufnahmen ebenso
eine Dokumentation vor und nach den Einge-
meindungen in den 1990er Jahren darstellen.
Das Feld „Bezeichnung“ erweitert die Angaben
zum Bildmotiv, diese orientieren sich an den
historischen Bezeichnungen. Folgende Para-
meter wurden recherchiert und angegeben:
1. Hauptgegenstand der Aufnahme
2. Straßen und Plätze
3. Gebäude
4. Grünflächen, Gewässer, Brücken etc.
5. Blickrichtung
6. Art der Aufnahme
Um die Orientierung auf den zumeist auf den
ersten Blick schwer einzuordnenden Luftbild-
aufnahmen zu erleichtern, sind zwei Hilfe-
stellungen in die Erschließung eingegangen:
Zum einen wurde hinter „Blickrichtung“ die
Himmelsrichtung angegeben, welche die
Aufnahme eröffnet, gemeint ist hier die
Blickrichtung des Betrachters. Zum anderen
wurde ein System formaler Zeichen entwi-
ckelt, mittels dessen zusätzlich zur Nennung
der abgebildeten Straßen auch die Bezie-
hungen der Straßen untereinander, d. h. ihre
Kreuzungen, beschreibbar werden. Dies ist
ebenso ein Zugeständnis an die Besonder-
heiten von Luftbildaufnahmen, wie sie sich
bei der Bildbeschreibung eröffnen. So rei-
chen die diesbezüglichen Vorgehensweisen
– in Leserichtung von links nach rechts, von
Heinz Morgenstern: Baustand Neue Messe, 20.04.1994, Kleinbildnegativ (StadtAL,
Samml. Morgenstern Nr. 1786)
Heinz Morgenstern: Neue Messe mit Messe-Signet (MM) kurz nach ihrer Fertig-
stellung, 20.08.1996, Kleinbildnegativ (StadtAL, Samml. Morgenstern Nr. 1153)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 10
Vordergrund zu Hintergrund etc. – nicht aus,
zentrales Merkmal von Luftbildaufnahmen
sind die Strukturen, die Straßen und Gebäude
dem Bild einschreiben. Das System formaler
Zeichen ermöglicht, dies zu berücksichtigen.
Es enthält folgende Beziehungen: Ein in Leer-
zeichen eingefasster Bindestrich („ - “) im
Zusammenhang mit „Kreuzung“ steht für
eine Kreuzung der vorhergenannten an der
nachgenannten Straße: Mit dem Ausdruck
„Kreuzung Talstraße - Brüderstraße“ wird eine
Kreuzung der Talstraße an der Brüderstraße
beschrieben. Mehrere Kreuzungen an einer
Straße werden analog dargestellt, Kommata
trennen dabei die einzelnen Straßen vonein-
ander ab: Der Ausdruck „Kreuzungen Talstraße
- Brüderstraße, Seeburgstraße“ steht für eine
Kreuzung der Talstraße an der Brüderstraße
und eine Kreuzung der Talstraße an der See-
burgstraße. Stehen nach der Angabe „Kreu-
zungen“ Straßennamen, die über mehrere
Bindestriche verbunden sind, wird mit jedem
Bindestrich eine neue Kreuzung der vorher-
genannten an der nachgenannten Straße an-
gezeigt. Dies ermöglicht die Darstellung von
mehreren Kreuzungen an unterschiedlichen
Straßen: Der Ausdruck „Kreuzungen Talstraße
- Brüderstraße - Stephanstraße“ beschreibt
eine Kreuzung der Talstraße an der Brüder-
straße und eine Kreuzung der Brüderstraße an
der Stephanstraße. Für Übergänge der einen in
eine andere Straße an Kreuzungen wurde zwi-
schen die betreffenden Straßen ein Schräg-
strich gesetzt, zum Beispiel: „Grimmaische
Straße - Nikolaistraße/Universitätsstraße“.
Überlieferungskontext
Ein Schwerpunkt des Bestandes, der Bau der
Neuen Messe, kann als Fortsetzung einer
längeren Überlieferung betrachtet werden:
Die Leipziger Messe war früh Gegenstand
der Luftbildfotografie, so sind Luftbildauf-
nahmen der Technischen Messe auf der Alten
Messe als auch der Allgemeinen Muster-
messe in den Messehäusern der Innenstadt
von Leipzig aus dem Zeitraum 1922 bis 1939
im Bestand 20202 Leipziger Messeamt (I) des
Sächsischen Staatsarchivs, Staatsarchiv Leip-
zig überliefert. Die ersten Luftbildaufnahmen
des neuen Standortes der Leipziger Messe auf
der Neuen Messe könnten die Aufnahmen der
Fotosammlung Heinz Morgenstern sein.
Im Bestand des Stadtarchivs Leipzig sind Luft-
bildfotografien von Leipzig ausgehend vom
Beginn des 20. Jahrhunderts an überliefert.
Die Fotosammlung Heinz Morgenstern fügt
sich darin ergänzend ein und kann eine Lücke
schließen: Mit den Jahren 1992 bis 1999
umfasst sie eine Zeitspanne, die direkt vor
einem weiteren Bestand an Luftbildauf-
nahmen, der Fotosammlung Eberhard Mai
(Bestand 2.4.3.34), welche die Stadtentwick-
lung zwischen 1998 und 2008 abbildet, liegt
(siehe dazu: Anja Langer, in: Sächsisches Ar-
chivblatt, Heft 2/2015). Damit verfügt das
Stadtarchiv Leipzig über eine durchgehende
Dokumentation der Entwicklung der Stadt
Leipzig in Luftbildaufnahmen von 1992 bis
2008.
Luftbildfotografien können auch in Ortho-
fotos umgewandelt und in Geoinformations-
systeme (GIS) integriert werden, was sie für
unterschiedliche Zwecke nutzbar macht. Im
Sächsischen Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden stehen mit Orthofotos des Staats-
betriebes Geobasisinformation und Vermes-
sung Sachsen (GeoSN) von 2005 die ersten
Farbbilder einer vollständigen Befliegung des
Freistaates Sachsen zur Verfügung (Bestand
13085). Für analoge Luftbildbestände werden
die Möglichkeiten einer nachträglichen Geo-
referenzierung im Archiv noch ausgelotet
(siehe dazu: Konstantin Batury, in: Sächsi-
sches Archivblatt, Heft 2/2017). Der Bestand
Fotosammlung Heinz Morgenstern könnte für
eine zukünftige Erschließung in diesem Sinne
von Interesse sein, da er mit den Jahren 1992
bis 1999 einen Zeitraum abdeckt, der für den
Raum Leipzig vor der ersten verfügbaren Luft-
bildreihe des Landesvermessungsamtes Sach-
sen (1995 bis 2000, für Leipzig: 1998) liegt und
im Unterschied zu dieser Farbfilmaufnahmen
enthält. Ähnlich verhält es sich mit den Luft-
bildaufnahmen im GIS der Stadt Leipzig, erste
verfügbare Luftbildreihen von Leipzig sind hier
aus dem Jahr 1990 in Schwarz-Weiß und aus
dem Jahr 2000 in Farbe abrufbar. Neben dem
Farbfilmmaterial zeichnen sich die Luftbild-
aufnahmen der Fotosammlung Heinz Morgen-
stern auch durch geringe Flughöhen von ca.
100 bis 300 m aus. Vergleichbare Aufnahmen,
wie die Luftbilder des Bezirks Leipzig von 1983
und 1988/89 im Bestand 13302 VEB Geodäsie
und Kartographie Dresden des Sächsischen
Staatsarchivs, Hauptstaatsarchiv Dresden,
weisen mit Flughöhen zwischen ca. 1 500 m
und 2 500 m eine größere Entfernung auf und
liegen als Schwarz-Weiß-Negative vor.
Neben der zeitlichen, bildtechnischen und in-
haltlichen Dimension liegt die Bedeutung des
Bestandes auch in seiner Reichweite: Nahezu
alle Ortsteile Leipzigs sind detailliert und über
knapp zehn Jahre hinweg iterativ dokumentiert.
Damit stellt die Fotosammlung Heinz Mor-
genstern eine für den Zeitraum in ihrer Breite
einzigartige Dokumentation der städtischen
Nachwendeentwicklung in Leipzig dar, der das
Interesse von gegenwärtigen und zukünftigen
Stadtplanerinnen und Stadtplanern, Stadthisto-
rikerinnen und Stadthistorikern, Verkehrsplane-
rinnen und Verkehrsplanern sowie nicht zuletzt
Bürgerinnen und Bürgern sicher sein dürfte.
Mein Dank gilt Heike Gärtner für die Betreu-
ung des Volontariats sowie Frank Lehmann
und Konstantin Batury für die freundliche
Beantwortung aller Fragen.
Laura Griebner
(Stadtarchiv Leipzig)
Heinz Morgenstern: Brandis, Totale, 27.05.1999, Kleinbildnegativ (StadtAL, Samml. Morgenstern Nr. 1765)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 11
Die Anpassung des Archivgesetzes für den Freistaat
Sachsen an die EU-Datenschutz-Grundverordnung
Kein EU-Rechtsetzungsakt hat in den letzten Jah-
ren eine derart große Aufmerksamkeit erfahren wie
die Verordnung (EU) 2016/679 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 27. April 2016 zum
Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung
personenbezogener Daten, zum freien Datenver-
kehr und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG
(EU-Datenschutz-Grundverordnung – DSGVO).
Diese ist seit dem 25. Mai 2018 unmittelbar gel-
tendes Recht in der gesamten Europäischen Union.
Mit ihr wird das Ziel verfolgt, ein einheitliches,
harmonisiertes Datenschutzniveau innerhalb der
Europäischen Union zu schaffen. Obwohl Verord-
nungen des Europäischen Parlaments in den Mit-
gliedstaaten unmittelbar wirken und keines Umset-
zungsaktes bedürfen, enthält die DSGVO zahlreiche
Regelungs- und Öffnungsklauseln, die von den
Mitglied staaten im nationalen Recht bis zum
25. Mai 2018 auszufüllen waren. Deshalb mussten
die Datenschutzgesetze in Bund und Ländern so-
wie bereichsspezifische Datenschutzregelungen in
anderen Gesetzen und Verordnungen möglichst bis
zu diesem Zeitpunkt angepasst werden.
Auch die Archivgesetze des Bundes und der Länder
waren hinsichtlich ihrer Konformität zur DSGVO
zu überprüfen und anzupassen. Im Ergebnis wur-
de das Archivgesetz für den Freistaat Sachsen
(SächsArchivG) durch Artikel 25 des Gesetzes zur
Anpassung landesrechtlicher Vorschriften an die
Verordnung (EU) 2016/679 des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 27. April 2016 zum
Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung
personenbezogener Daten, zum freien Datenver-
kehr und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG,
das am 25. Mai 2018 in Kraft getreten ist, ge-
ändert. Die aktuelle Fassung des SächsArchivG
ist unter dem Link
http://www.revosax.sachsen.
de/vorschrift/2628 abrufbar. Nachfolgend sollen
die komplexen Regelungszusammenhänge zur
DSGVO nachvollziehbarer gemacht werden, so-
weit sie für das Archivrecht relevant sind. Dazu
im Einzelnen:
1. Allgemeine Anpassungen an die DSGVO
Das bisherige Sächsische Datenschutzgesetz wurde
durch das Sächsische Datenschutzdurchführungs-
gesetz (SächsDSDG) abgelöst. Dieses enthält nur
noch Vorschriften, die die Mitgliedstaaten im Wege
der Ausfüllung von Regelungs- und Öffnungsklau-
seln neben der DSGVO regeln konnten. Insbesonde-
re die datenschutzrechtlichen Begriffsbestimmun-
gen zu Begriffen wie „personenbezogene Daten“
oder „Verarbeitung“ von Daten ergeben sich jetzt
unmittelbar aus Artikel 4 Nummer 1 bzw. 2 DSGVO.
Auch im SächsArchivG waren deshalb allgemeine
datenschutzrechtliche Begriffe anzupassen. Der
bisher verwendete Begriff „Betroffener“ in § 5
Absätze 7 und 10, § 6 und § 9 Absatz 2 SächsAr-
chivG wurde jeweils durch den Begriff „betroffene
Person“ ersetzt. In § 5 Absatz 2 und § 10 Absatz 3
SächsArchivG wurde der Begriff der „Sperrung“
von Daten durch den Begriff „Einschränkung der
Verarbeitung“ ersetzt. Artikel 4 Nummer 3 DSGVO
bezeichnet damit die Markierung gespeicherter
personenbezogener Daten mit dem Ziel, ihre künf-
tige Verarbeitung einzuschränken.
Allgemeine Informationen zur DSGVO und zur
Rechtslage im Freistaat Sachsen sind unter
www.
datenschutzrecht-sachsen.de oder
www.saechs-
dsb.de abrufbar.
2. Beschränkungen zur Löschung,
Vernichtung oder Einschränkung der
Verarbeitung personenbezogener Daten
§ 20 Absatz 3 des außer Kraft getretenen Säch-
sischen Datenschutzgesetzes enthielt eine soge-
nannte Kollisionsnorm, die den Vorrang der ar-
chivgesetzlichen Anbietungspflicht (§ 5 Absätze 1
und 2 SächsArchivG) vor der Löschung von Daten
regelte. Eine solche Kollisionsnorm enthält nun-
mehr § 7 SächsDSDG. Die Vorschrift lautet:
§ 7 Sächsisches Datenschutz-
durchführungsgesetz
Beschränkungen zur Löschung,
Vernichtung oder Einschränkung
der Verarbeitung
personenbezogener Daten
Soweit öffentliche Stellen verpflichtet
sind, Unterlagen dem Sächsischen Staats-
archiv zur Übernahme anzubieten, ist eine
Löschung oder Vernichtung erst zulässig,
nachdem die Unterlagen dem Sächsischen
Staatsarchiv angeboten und von diesem als
nicht archivwürdig bewertet worden sind
oder über die Archivwürdigkeit nicht fristge-
mäß gemäß § 5 Absatz 6 des Archivgesetzes
für den Freistaat Sachsen vom 17. Mai 1993
(SächsGVBl. S. 449), das zuletzt durch Ar-
tikel 25 des Gesetzes vom 26. April 2018
(SächsGVBl. S. 198) geändert worden ist, in
der jeweils geltenden Fassung, entschieden
worden ist. Die Einschränkung der Verar-
beitung personenbezogener Daten lässt die
Anbietungspflicht nach dem Archivgesetz
für den Freistaat Sachsen unberührt. Die
Sätze 1 und 2 gelten für Träger von Archi-
ven sonstiger öffentlicher Stellen nach dem
Dritten Abschnitt des Archivgesetzes für
den Freistaat Sachsen entsprechend.
§ 7 SächsDSDG und § 5 Absätze 1 und 2
SächsArchivG bilden quasi „zwei Seiten einer
Medaille“. Während § 7 SächsDSDG den allge-
meinen Vorrang der Anbietungspflicht regelt, er-
gibt sich aus § 5 Absätze 1 und 2 SächsArchivG
neben diesem Vorrang der konkrete Umfang der
Anbietungspflicht. Damit werden die das Archiv-
recht prägenden Grundsätze der Trennung von
Verwaltung und Archiv sowie der Archivierung
als Surrogat für eine Löschung oder Vernichtung
beibehalten, was auf der Grundlage von Artikel 5
Absatz 1 Buchstabe b DSGVO zulässig ist. In den
dort geregelten Grundsätzen für die Verarbeitung
personenbezogener Daten wird einerseits das
Zweckbindungsprinzip fortgeschrieben, wonach
personenbezogene Daten für festgelegte, eindeu-
tige und rechtmäßige Zwecke erhoben und nicht in
einer anderen mit diesen Zwecken nicht zu verein-
barenden Weise weiterverarbeitet werden dürfen.
Andererseits betont die Vorschrift ausdrücklich,
dass eine Weiterverarbeitung (Zweckänderung)
für im öffentlichen Interesse liegende Archivzwe-
cke nicht als unvereinbar mit den ursprünglichen
Zwecken gilt. Die Vereinbarkeit mit den ursprüng-
lichen Zwecken wird damit fingiert, womit eine
Privilegierung der Archivzwecke und weiterer dort
genannter Zwecke stattfindet. Die Privilegierung
setzt außerdem voraus, dass die Verarbeitung zu
im öffentlichen Interesse liegenden Archivzwecken
den in Artikel 89 Absatz 1 DSGVO geregelten Ga-
rantien unterliegt (siehe dazu 3.).
Diese Privilegierung der im öffentlichen Interesse
liegenden Archivzwecke ist darüber hinaus noch
Artikel 17 Absatz 1 Buchstabe a DSGVO zu ent-
nehmen. Dieser verpflichtet den für die Datenver-
arbeitung Verantwortlichen, personenbezogene
Daten unverzüglich zu löschen, wenn diese für die
Zwecke, für die sie erhoben oder auf sonstige Weise
verarbeitet wurden, nicht mehr notwendig sind.
Artikel 17 Absatz 3 Buchstabe d ordnet wiederum
an, dass Absatz 1 nicht gilt, soweit die Datenver-
arbeitung für im öffentlichen Interesse liegende
Archivzwecke erforderlich ist und soweit diese
Zwecke durch die Löschung unmöglich gemacht
oder ernsthaft beeinträchtigt würden.
§ 7 Satz 3 SächsDSDG bindet die Archive des Drit-
ten Abschnitts des SächsArchivG ausdrücklich in
diese Vorschrift mit ein. Die Ausführungen gelten
deshalb gleichermaßen für Kreis-, Stadt- und Ge-
meindearchive sowie für Archive der Hochschulen
und Akademien.
3. Anbietung und Übernahme gemäß § 5
Absätze 1 und 2 SächsArchivG
Der konkrete Umfang bzw. Vorrang der archiv-
gesetzlichen Anbietungspflicht ergibt sich nach
wie vor aus § 5 Absätze 1 und 2 SächsArchivG.
Diese Regelungen sind quasi die „Kehrseite“ des
§ 7 SächsDSDG. Die wesentliche Anpassung an die
DSGVO ist in § 5 Absatz 2 SächsArchivG erfolgt,
der nun wie folgt lautet:
§ 5 Absatz 2
Archivgesetz für den
Freistaat Sachsen
Soweit Bundes- oder Landesrecht nichts
anderes bestimmt, erstreckt sich die Anbie-
tungspflicht auch auf Unterlagen, die dem
Datenschutz oder dem Geheimschutz unter-
liegen und die Daten im Sinne des Artikels 9
Absatz 1 der Verordnung (EU) 2016/679 des
Europäischen Parlaments und des Rates
vom 27. April 2016 zum Schutz natürlicher
Personen bei der Verarbeitung personen-
bezogener Daten, zum freien Datenverkehr
und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG
(ABl. L 119 vom 4.5.2016, S. 1, L 314 vom
22.11.2016, S. 72), in der jeweils geltenden
Fassung, enthalten, und auf Unterlagen, die
personenbezogene Daten enthalten, wel-
che nach Bundes- oder Landesrecht oder

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 12
der Verordnung (EU) 2016/679 gelöscht,
vernichtet oder in der Verarbeitung einge-
schränkt werden müssten oder könnten oder
in der Verarbeitung eingeschränkt worden
sind. Soweit die Speicherung der Daten un-
zulässig war, ist dieses besonders zu kenn-
zeichnen.
Es war insbesondere erforderlich, Daten im Sinne
des Artikels 9 Absatz 1 DSGVO ausdrücklich in die
Anbietungspflicht einzubeziehen. Dabei handelt es
sich um sogenannte besondere Kategorien perso-
nenbezogener Daten, die auch auf der Grundlage
der DSGVO einen besonderen Schutzstatus haben.
Das betrifft Daten, aus denen die rassische und
ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse
oder weltanschauliche Überzeugungen oder die Ge-
werkschaftszugehörigkeit hervorgehen sowie von
genetischen Daten, biometrischen Daten, Gesund-
heitsdaten oder Daten zum Sexualleben oder der
sexuellen Orientierung einer Person. Artikel 9 Ab-
satz 2 DSGVO regelt zahlreiche Ausnahmen zu dem
Grundsatz des Absatzes 1, wonach eine Verarbei-
tung dieser Daten untersagt ist. Artikel 9 Absatz 2
Buchstabe j enthält dabei eine Rechtsgrundlage, die
Verarbeitung dieser Daten für im öffentlichen Inte-
resse liegende Archivzwecke im Recht des Mitglied-
staates zu regeln, wenn dabei ein angemessenes
Verhältnis der damit verfolgten Ziele zum Wesens-
gehalt des Rechts auf Datenschutz gewahrt wird
sowie angemessene und spezifische Maßnahmen
zur Wahrung der Grundrechte und Interessen der
betroffenen Person vorgesehen werden.
Diese Voraussetzungen werden vom SächsArchivG
erfüllt. Es beinhaltet bereits seit seinem Inkraft-
treten im Jahr 1993 ein hohes Datenschutzniveau
sowie das Ziel, einen angemessenen Ausgleich in
dem Spannungsverhältnis von Datenschutz und
Informationszugang zu gewährleisten. Konkrete
Maßnahmen enthält § 10 SächsArchivG mit sei-
nem abgestuften System von Schutzfristen sowie
Verkürzungsmöglichkeiten dieser Schutzfristen.
Außerdem verpflichtet § 9 Absatz 2 Satz 1 Num-
mer 2 auch nach Ablauf der Schutzfristen zur Ein-
schränkung oder Versagung der Benutzung, wenn
Grund zu der Annahme besteht, dass schutzwür-
dige Belange betroffener Personen oder Dritter der
Benutzung entgegenstehen.
Seit der letzten Novellierung des SächsArchivG
zum 1. Februar 2014 stellt § 5 Absatz 2 außerdem mit
dem Satz: „Soweit die Speicherung der Daten unzu-
lässig war, ist dieses besonders zu kennzeichnen.“
klar, dass unzulässig gespeicherte Daten in Archive
im Sinne des SächsArchivG übernommen werden
dürfen. Auch diese Regelung ist von der DSGVO
gedeckt. Während Artikel 17 Absatz 1 Buchstabe d
nämlich für unrechtmäßig verarbeitete Daten dem
Grundsatz nach eine unverzügliche Löschung an-
ordnet, regelt Absatz 3 Buchstabe d auch insoweit
eine Ausnahme für im öffentlichen Interesse lie-
gende Archivzwecke.
4. Rechtsansprüche betroffener Personen
§ 6 SächsArchivG in der bis zum 25. Mai 2018
geltenden Fassung enthielt Vorschriften, die
sicher stellten, dass die im Sächsischen Daten-
schutzgesetz zugunsten von Betroffenen geregel-
ten Rechtsansprüche in modifizierter Form auch
nach einer Übernahme der Unterlagen ins Archiv
fortbestanden. Die DSGVO regelt diese sogenann-
ten Betroffenenrechte umfangreich in Kapitel III.
Artikel 89 Absatz 3 DSGVO enthält aber zuguns-
ten von im öffentlichen Interesse liegenden Ar-
chivzwecken eine weitere Privilegierung, auf deren
Grundlage bestimmte Rechte betroffener Perso-
nen modifiziert oder sogar ganz ausgeschlossen
werden können. Dieses wurde in § 6 SächsArchivG
umgesetzt, der wie folgt lautet:
§ 6
Rechtsansprüche
betroffener Personen
(1) Rechtsansprüche betroffener Perso-
nen gemäß Artikel 15 der Verordnung (EU)
2016/679 beschränken sich auf eine Aus-
kunft über die im Archivgut zu ihrer Person
enthaltenen Daten, wenn das Archivgut
durch Namen der Personen erschlossen ist.
Die Auskunft kann auch in Form der Einsicht
in das Archivgut oder durch Aushändigung
einer Kopie gewährt werden.
(2) Wird die Richtigkeit personenbezogener
Daten von der betroffenen Person bestrit-
ten, hat sie das Recht zu verlangen, dass
dem Archivgut ihre Gegendarstellung bei-
gefügt wird, wenn die betroffene Person
ein berechtigtes Interesse daran glaubhaft
macht. Nach ihrem Tod steht dieses Recht
den Angehörigen nach § 10 Absatz 4 Satz 2
zu. Weitergehende Rechte auf Berichti-
gung gemäß Artikel 16 der Verordnung (EU)
2016/679, auf Löschung gemäß Artikel 17
der Verordnung (EU) 2016/679 und auf Ein-
schränkung der Verarbeitung gemäß Artikel
18 der Verordnung (EU) 2016/679 bestehen
nicht. Eine Mitteilungspflicht des Sächsi-
schen Staatsarchivs gemäß Artikel 19 der
Verordnung (EU) 2016/679 besteht nicht.
(3) Ein Recht auf Datenübertragbarkeit
gemäß Artikel 20 der Verordnung (EU)
2016/679 und ein Widerspruchsrecht be-
troffener Personen gegen die Archivierung
sie betreffender Daten gemäß Artikel 21
Absatz 1 der Verordnung (EU) 2016/679
bestehen nicht.
Artikel 89 Absatz 1 DSGVO macht die In-
anspruchnahme der Privilegierungen durch die
Gesetzgeber der Mitgliedstaaten von geeigneten
Garantien für die Rechte und Freiheiten der be-
troffenen Personen abhängig, mit denen sicher-
gestellt wird, dass technische und organisatorische
Maßnahmen bestehen, mit denen insbesondere der
Grundsatz der Datenminimierung gewährleistet
wird. Das SächsArchivG enthält sowohl materiell-
rechtliche Vorschriften, die die Benutzung und
damit den Zugang zum Archivgut regeln (insbe-
sondere §§ 9 und 10), als auch mit § 8 Absatz 3
eine Vorschrift, die zu technisch-organisatorischen
Maßnahmen verpflichtet, um das Archivgut vor
Schäden, Verlust, Vernichtung oder unbefugter
Nutzung zu sichern. Solche Maßnahmen können
beispielweise bereits in Zugangs- oder Zutrittskon-
trollen zu Magazinräumen bestehen.
Artikel 89 Absatz 3 DSGVO verlangt darüber hin-
aus, dass die Betroffenenrechte, die ausgeschlos-
sen oder modifiziert werden, voraussichtlich die
Verwirklichung der spezifischen Archivzwecke
unmöglich machen oder ernsthaft beeinträchti-
gen. Das ist bei den durch § 6 SächsArchivG einge-
schränkten Rechten der Fall, denn Archivgut dient
im demokratischen Rechtsstaat unter anderem
zur retrospektiven Kontrolle des Regierungs- und
Verwaltungshandelns durch Verfassungsorgane,
Gerichte, Wissenschaft, Presse oder betroffene
Personen. Um dieses Ziel wie auch andere Ziele
zu verwirklichen, die mit der Archivierung verbun-
den werden, sind Archive auf ein hohes Maß an
Authentizität und Vollständigkeit des archivierten
Quellenmaterials angewiesen. Die Durchsetzbar-
keit von Rechtsansprüchen auf Berichtigungen,
Löschungen oder Einschränkungen der Benutz-
barkeit des Archivgutes würde die Authentizität
und Vollständigkeit des Archivgutes ausschließen,
womit die Funktionsfähigkeit des Archivwesens
gefährdet wäre.
§ 6 Absatz 1 SächsArchivG modifiziert wie bisher
das Auskunftsrecht betroffener Personen gemäß
Artikel 15 DSGVO. Es beschränkt die Auskunftser-
teilung auf den Fall, dass das Archivgut namentlich
erschlossen ist. Eine ausnahmslose Gewährung des
Auskunfts anspruchs, die mit der Durchsicht großer
Mengen an Archivgut zwecks Auskunftserteilung
verbunden wäre, würde die Funktions fähigkeit des
Archivwesens gefährden. Betroffene Personen ha-
ben außerdem ohnehin auf der Grundlage von §§ 9
und 10 SächsArchivG die Möglichkeit, im Rahmen
einer Benutzung des Archivgutes in diesem zu re-
cherchieren oder durch eine bevollmächtigte Per-
son recherchieren zu lassen. Neu hinzugefügt wur-
de in Absatz 1 die Möglichkeit der Aushändigung
einer Kopie zur Erfüllung des Auskunfts anspruchs.
§ 6 Absatz 2 Satz 1 gewährt des Weiteren
das Recht auf Berichtigung gemäß Artikel 16
DSGVO in der Form eines „Rechts auf Gegen-
darstellung“. Diese Einschränkung ist, wie bereits
ausgeführt, erforderlich, um die Authentizität
und Vollständigkeit des Archivgutes zu wahren.
Weitergehende Rechte auf Berichtigung, auf
Löschung und auf eine Einschränkung der Ver-
arbeitung im Archiv bestehen nicht. Außerdem
besteht keine Mitteilungspflicht des Archivs ge-
mäß Artikel 19 DSGVO im Zusammenhang mit der
Berichtigung oder Löschung personenbezogener
Daten oder der Einschränkung der Verarbeitung.
Zuletzt schließt noch Absatz 3 das Recht auf
Daten übertragbarkeit gemäß Artikel 20 DSGVO
sowie ein Widerspruchsrecht gemäß Artikel 21
DSGVO gegen die Archivierung aus.
5. Fazit
Das SächsArchivG bietet dem Sächsischen Staats-
archiv, den Kreis-, Stadt- und Gemeindearchiven
sowie den Archiven der Hochschulen und Akade-
mien im Freistaat Sachsen mit der Anpassung an
die DSGVO nach wie vor eine datenschutzgerech-
te und europarechtskonforme Grundlage für ihre
Arbeit. Es steht außer Zweifel, dass diese Archive
unter den in der DSGVO durchgängig verwendeten
Begriff der „im öffentlichen Interesse liegenden
Archivzwecke“ fallen. Der Begriff wird in der Ver-
ordnung allerdings nicht näher bestimmt, so dass
noch unscharf ist, inwieweit Einrichtungen, die
außerhalb der Archivgesetze des Bundes und der
Länder im öffentlichen Interesse „Archivaufgaben“
wahrnehmen oder eigene „Archive“ beanspruchen,
unter diesem Begriff subsumiert werden können.
Des Weiteren stellt sich die Frage, inwieweit Ein-
richtungen ohne diese öffentlich-rechtlichen Bin-
dungen, die von der DSGVO geforderten Garantien
und Maßnahmen erfüllen können. Hierzu bedarf
es in naher Zukunft archiv- wie rechtspolitischer
Diskussionen.
Silke Birk
(Sächsisches Staatsministerium
des Innern)

image
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 13
„RESTAURIEREN Sie auch Filme?“
Bereits vor einem Vierteljahrhundert wurde in
den USA ein abendfüllender Spielfilm digital
restauriert. Zunächst wurde das Originalbild-
negativ manuell überarbeitet, anschließend
jedes fotografische Einzelbild eingescannt.
Jede der 120 000 Bilddateien verursachte ei-
nen Speicherbedarf von ca. 40 MB (vgl. https://
cinemusic.de/2001-3711-snow-white-and-
the-seven-dwarfs). Anschließend wurden die
Bilddateien aufwändig digital überarbeitet,
wozu erneut viel Manpower erforderlich war.
Sodann wurden die Dateien dauerhaft ge-
sichert, zwecks Kinoeinsatz wieder auf Film
ausbelichtet und wenig später auch schon ein
Derivat auf Laserdisc vertrieben. Für dieses
digitale Restaurierungsprojekt soll ein sie-
benstelliger Dollarbetrag aufgerufen worden
sein, der allerdings in einer nachvollziehbaren
Relation zu den ursprünglichen hohen Pro-
duktionskosten stand und sich in den folgen-
den weltweiten Verwertungszyklen bis heute
rentiert. Szenenwechsel!
Das Sächsische Staatsarchiv beauftragt re-
gelmäßig Dienstleister, um von kinemato-
grafischen Archivalien digitale Videobenut-
zungsmaster erstellen zu lassen. So konnte
im Jahr 2017 ein Kurzfilmkonvolut im Umfang
von 164 Titeln, durchschnittlich je 30 Minu-
ten, extern digitalisiert werden. Weil es sich
überwiegend um gut erhaltene, professionelle
Kinokopien handelte, war nur geringer Auf-
wand für mechanische Überarbeitung und
Reinigung zu kalkulieren. Jedoch waren alters-
bedingte Schrumpfung des Trägers ebenso zu
erwarten wie Farbstich. Der Dienstleister sollte
die Licht- und Farbabstimmung der Digitali-
sate blockweise korrigieren und vorführfertige
HD-Dateien liefern. Im Ergebnis des Projekts
lag der finanzielle Aufwand je Titel bei 120
B
,
der Speicherbedarf für alle Masterdateien
noch unter 4 TB.
Der Begriff der Restaurierung steht offenbar in
hohem Ansehen. Wenn im Sachgebiet Audio-
visuelle Medien des Staatsarchivs angefragt
wird, ob wir neben allen anderen Aufgaben
denn auch Filme restaurieren, ist allerdings
eine Rückfrage zum Verständnis fällig: Was
soll Film-„Restaurierung“ konkret bedeuten?
Greifen wir nach den Sternen oder geht es um
völlig normale Medienarchivierung? Es ver-
steht sich, dass weder abendfüllende Spiel-
filme noch auswärtiges Unterhaltungskino in
unser archivgesetzliches Aufgabenspektrum
fallen. Ebenso wenig wird es darum gehen,
die überlieferten Filmtitel einer neuen Aus-
wertung im kommerziellen Kino zuzuführen;
eine solche Anforderung ist in 20 Jahren Be-
nutzungspraxis niemals vorgekommen. Zu
berücksichtigen ist auch unser Sicherungs-
konzept für kinematografische Überlieferung:
Nach wie vor bemühen wir uns um Original-
erhalt. Wäre unsere Herangehensweise im
Jahr 2018 als Restaurierung zu bezeichnen?
Als es das analoge Kino noch gab, in dem
tatsächlich filmfotografische 35mm-Streifen
ruckweise durch den Projektor transportiert
und mittels starker Lichtquelle auf die Lein-
wand projiziert wurden, war vor Beginn jeder
Vorstellung die zuvor abgelaufene Filmrolle
wieder auf Anfang zurück zu spulen und dabei
auf Schäden zu überprüfen. Vor allem me-
chanische Defekte waren sofort durch den
Filmvorführer zu beheben, um dem Publikum
ein störungsfreies Kinoerlebnis zu ermögli-
chen. Risse, beschädigte Perforationslöcher
Aushangblatt für Filmvorführer
und defekte Klebstellen waren zu sanieren

image
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 14
und Start-/Endbänder zu ersetzen. Außerdem
war der Zustand des Films auf der Begleit-
karte zu dokumentieren, wie etwa anhaften-
der Schmutz oder Verölung, offensichtliche
Fehlstellen, Laufstreifen und andere sichtbare
Beschädigungen. Die hier skizzierten Abläufe
lassen sich übertragen auf den Beginn je-
der Filmbearbeitung im Archiv. Anderenfalls
könnte nachlässige Handhabung Medium
und Maschine zerstören. Solange jedoch kei-
ne Veränderung des Inhalts bezweckt wird,
gehören einfache Eingriffe in das Material
zur normalen Gebrauchsweise kinematogra-
fischer Filme.
Dennoch wird eine Veränderung nicht nur
der 35mm-Kinokopie, sondern auch des
Filminhalts unabhängig davon stattfinden,
ob der Filmvorführer oder der Bearbeiter im
Archiv sich dessen bewusst sind oder nicht.
Um einen Riss zu reparieren, wurde der Film
üblicherweise am nächstgelegenen Bildstrich
gerade geschnitten, dann die Enden zusam-
mengefügt und geklebt; auf diese Weise sollte
der Bruch in der Projektion unsichtbar bleiben.
Zumindest ein Filmbild und 0,04 Sekunden Ton
wurden dabei verworfen. Bei größeren Per-
forationsschäden konnten auch längere Se-
quenzen verloren gehen. War der Filmanfang
durch die besondere Belastung beim Anfahren
des Projektors verschlissen, wird er – auch im
Archiv – durch standardisiertes Startband er-
setzt. Das originale Startband kann aber in-
formative Einzeichnungen enthalten haben,
wenn es sich nicht sogar um den Titelvor-
spann des Films handelt, der verloren ist. Die
Aufzählung ließe sich fortsetzen, jedenfalls
wird die Vorführkopie durch Gebrauch und
Alterung zernutzt, und mit dem Material ver-
gehen Teile des Inhalts sowie die ursprüng-
liche qualitative Anmutung.
Obwohl nicht für das „große Kino“ bestimmt,
kommen ähnliche Probleme bei Umkehrorigi-
nalen im 16mm- oder in den 8mm-Formaten
vor. Auch dieses Material kann durch Projekti-
on zernutzt worden sein. Kameraspulen laufen
genauso ab, wie sie aufgenommen wurden,
einschließlich aller Fehler und Redundanzen,
haben keine Klebstellen. Sollten Umkehrori-
ginale jedoch gestaltet werden, wurde das
Material physisch geschnitten, ausgemustert,
neu geordnet und geklebt; zusätzlich war eine
Nachvertonung auf der Magnettonrandspur
möglich. Filmwerke in Gestalt solcher Um-
kehroriginale hatten vergleichsweise geringere
Herstellungskosten, waren deshalb durch pri-
vate Filmer und für örtliche Low-Budget-Pro-
duktionen realisierbar, sind dementsprechend
häufig im Staatsarchiv überliefert. Potenziell
haben Umkehroriginale eine erstklassige Bild-
qualität, weil sie frei von Kopierverlusten sind.
Andererseits kann die Vielzahl an Klebstellen
ein ernsthaftes Problem darstellen, weil bei
jedem Durchlauf des Films die Klebstellen
besonders beansprucht werden. Sie können
sich lösen, brechen oder, wenn es sich um die
moderneren Bandklebestellen handelt, auf-
gezogen werden. In der Folge wandert ver-
schmierter Klebstoff auf dem Filmstreifen und
bindet Schmutz, zugleich werden benachbarte
Perforationslöcher zerstört.
Wiederum etwas anders stellt sich die Situati-
on dar, wenn es dem Archiv gelungen ist, die
wertvollen Negative – im Doppelsinne – zu er-
halten. Bild und Ton liegen in solchem Fall auf
getrennten Streifen vor und können ebenfalls
eine sehr große Zahl von Klebstellen aufwei-
sen. Es ist davon auszugehen, dass Negative
besonders sorgfältig geschützt wurden und
deshalb weniger „abgespielt“ vorgefunden
werden als Kinokopien. Stattdessen wird die
Synchronisation zwischen Bild und Ton ge-
stört sein, wenn die Startbänder defekt sind
oder einer der beiden Streifen durch Repara-
turen verkürzt wurde. Zuweilen sind mit den
Negativen „Lichtsteuerbänder“ überliefert,
die zur Korrektur von Helligkeit und Farbe im
Filmkopierwerk dienten. Kompatibel zur heu-
tigen Technik sind sie nicht, verweisen aber
darauf, dass solche Korrekturen unvermeidlich
vorzunehmen sind.
Zusätzlich zu den dargelegten mechanischen
Schäden zerfällt das Material der Filme, be-
schleunigt durch Hitze, Feuchtigkeit, Luftver-
schmutzung und Klimaschwankungen. Wie
bekannt, unterliegen die Trägermaterialien
aus der Periode vor dem Polyester, also die
feuergefährlichen Nitro- und die Acetat-
sicherheitsfilme, dem chemischen Abbau bis
zum Totalverlust. Verschmutzung, Biobefall,
Wasserschäden – die allgemein archivtypi-
schen Schadensbilder sind auch bei kinema-
tografischen Archivalien relevant. Daneben
verringert sich die Dichte der Farbschichten,
die ursprüngliche Farbigkeit geht verloren.
Soweit noch möglich, sind die angerissenen
Probleme im Archiv oder beim Dienstleister
rein auf der Ebene des physischen Materials
zumindest so weit zu beseitigen, dass der Film
auf dem vorgesehenen Wiedergabegerät ohne
weitere Schäden lauffähig ist. Das Ziel wird
unter heutigen Bedingungen meistens sein,
Bild und Ton vollständig und in bester Quali-
tät digital zu erfassen. Die dazu verwendete
Technik soll hier kein Thema sein, nur so viel:
Moderne Abtaster oder Filmscanner funkti-
onieren selbst dann noch, wenn auf beiden
Seiten des Filmstreifens die Perforation defekt
ist oder fehlt; eine ganz andere Frage wäre,
welche Folgen solche Schäden für Laufruhe
und Bildstand haben werden. Wenn nämlich
der Film trotz vorheriger Überarbeitung so
stark im Bildfenster taumelt oder an jeder
Klebstelle „springt“, dass die Wiedergabe des
Inhalts leidet, dann schlägt der mechanische
Schaden um in einen ästhetischen Verlust. Um
dem abzuhelfen, sind allerlei nachträgliche
Eingriffe in das Digitalisat möglich und üb-
lich. Im einfachsten Falle wird das Bild etwas
größer skaliert, wodurch unruhige Bildstriche
und seitliche Schwankungen, leider aber auch
Teile des Bildinhalts in der Kaschierung des
Bildfensters verschwinden. Mit fortschritt-
licher, allerdings aufwändiger Videosoftware
kann die Laufunruhe auch ohne Bildverluste
verringert werden. Fragt sich, ob dergleichen
Unaufhaltsamer Zerfall von Nitrofilmmaterial (Foto Stefan Gööck)

image
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 15
für Archivzwecke hinnehmbar ist. Dazu ist es
hilfreich, sich die Praxis des früheren analogen
Kinos in Erinnerung zu rufen. Sobald nämlich
im Verlauf der Filmprojektion der Bildbegren-
zungsstrich für das Publikum sichtbar wur-
de, dies konnte z. B. durch einen Wechsel der
verwendeten Filmkamera bedingt sein, war
am Filmprojektor die Justage zu korrigieren,
notfalls manuell. Dabei wurde der Filmvor-
führer unterstützt durch die in jedem Kino
noch heute übliche Kaschierung der Leinwand,
einem umlaufenden, mattschwarzen Streifen,
der Unsauberkeiten am Bildrand optisch un-
terdrückt. Aus heutiger Sicht wäre allerdings
zu fordern, dass möglichst wenig kaschiert
wird, möglichst das gesamte Filmbild im Di-
gitalisat enthalten ist – wenn nicht sogar im
„Overscan“ das abgetastete Bild bis in die
Perforation hinein erweitert wird, um auch
jene Bildteile noch sichtbar zu machen, die
niemals auf eine Leinwand projiziert worden
wären. Grundsätzlich entspricht eine digitale
Bildstandskorrektur jedoch der früheren Ge-
brauchsweise kinematografischer Filme.
Eine andere Fragestellung betrifft den Um-
gang mit Bildkontrast, Helligkeit und Farbe.
Dabei bestehen Unterschiede beim Digita-
lisieren von Kinokopien, vom Negativ oder
vom Umkehroriginal. War die Digitalisierungs-
vorlage eine professionelle Kinokopie, dann
wird die Abstimmung der Bilddarstellung, die
Korrektur von Farb- und Belichtungsfehlern
bereits im analogen Kopierprozess erfolgt
sein, weshalb keine unmotivierten plötzli-
chen Abweichungen enthalten sein sollten.
Allerdings könnte die Kopie – z. B. durch Al-
terung – durchgängig verändert sein, etwa
einen Farbstich haben. Dieser wäre bei der
Filmabtastung oder anschließend am Digi-
talisat relativ einfach global zu korrigieren,
wie auch die Grundeinstellung für Helligkeit
und Kontrast. Als Rechtfertigung ließe sich
anführen, dass auch in der menschlichen
Wahrnehmung so etwas wie ein „Weißab-
gleich“ stattfindet, eine Einstimmung auf
die vorherrschende Lichtfarbe, die uns dann
weiß erscheint, unabhängig davon, ob sie viel
Blau enthält (wie Tageslicht) oder viel Rot (wie
das Licht einer Kerze). Anders als mit einer
professionellen Kinokopie wird mit einem
Negativ umzugehen sein, das ja noch keine
Korrektur im Kopierwerk durchlaufen hat
und folglich alle ursprünglichen Licht- und
Farbfehler enthält. Das Negativ war aber von
Anfang an dazu bestimmt, korrigiert und zum
nutzbaren Positiv gewandelt zu werden; folg-
lich weicht auch in diesem Punkt die heutige
Praxis nicht vom ursprünglichen Gebrauch ab.
Allerdings ist die Bildkorrektur vom Negativ
anspruchsvoll, muss möglicherweise an jeder
einzelnen Einstellung (= Aufnahme) oder an
jeder Schnittsequenz neu ermittelt werden.
Am Umkehroriginal schließlich wäre eine Bild-
korrektur mindestens so aufwändig wie vom
Negativ; außerdem wäre zu fragen, wie ein
solches Material zeitgenössisch wahrgenom-
men wurde: Schließlich gelangten damals alle
Bildfehler unvermeidlich auf die Leinwand. In-
sofern gerät eine heute verfügbare digitale
Korrektur zwangsläufig zur „Verbesserung“,
die zu hinterfragen ist. Vorschlag für zwei
Rechtfertigungen: Um die im Film enthaltene
Information weitestgehend in das Digitalisat
zu übertragen, müssen die grundlegenden
Bildparameter auf die Abtastmaschine abge-
stimmt werden; anderenfalls können falsche
Farben „kippen“, dunkle Bildpartien „absaufen“
und helle „ausfressen“. Ein zweiter Aspekt
betrifft die ästhetische Wertigkeit der audio-
visuellen Archivüberlieferung im Umfeld all-
zeit perfekter Bildwelten. Zumindest für die
öffentliche Präsentation sollte das Benut-
zungsmaster weitgehend korrigiert dargebo-
ten werden, um Kompetenz und Engagement
des Archivs angemessen zu belegen.
Wo die Grenzen des Kompromisses liegen,
wäre am Objekt zu erörtern. Denn die Dienst-
leister bieten jenseits einfacher Bildkorrektu-
ren selbstverständlich alles an, was technisch
realisierbar ist. Mit Softwaretools kann die Ab-
folge mehrerer Filmbilder daraufhin analysiert
werden, welche Details nur in einem einzelnen
Bild enthalten sind, jedoch nicht im Bild davor
und im Bild danach. So können Schmutzparti-
kel mit großer Wahrscheinlichkeit erkannt und
digital retuschiert werden. Auch Laufstreifen
werden mit benachbarter Bildinformation
aufgefüllt. Das Korn-Rauschen des foto-
chemischen Films kann unterdrückt werden,
bis Flächen nur noch statisch und künstlich
aussehen und schnelle Bewegungen ein
Geisterbild hinterherziehen. Und wenn es der
Akzeptanz beim Publikum zu dienen scheint,
kann Filmkorn oder Schmutz digital hinzuge-
fügt werden, so zu sehen in diversen aktuellen
TV-Dokumentationen, in denen gelegentlich
sogar Standbildfotos mit Laufbildpatina ver-
sehen werden. Letztlich kann bei Bedarf jedes
Filmbild einzeln als Digitalfoto exportiert, ma-
nuell überarbeitet und anschließend wieder
zur Laufbilddatei zusammengefügt werden.
Zumindest im Staatsarchiv wird bei solchen
Manipulationen äußerste Zurückhaltung ge-
boten sein, um Originalerhaltung und Authen-
tizität zu bewahren.
Nachdem anfangs von der Notwendigkeit be-
richtet wurde, Filme mechanisch zu überarbei-
ten und lauffähig zu machen, anschließend
Digitalisate zu erzeugen und softwarebasiert
zu korrigieren (dies auch hinsichtlich Ton; hier
nicht ausgeführt), ist in letzter Linie die Frage
weitergehender inhaltlicher Wiederherstel-
lung aufzuwerfen. Insbesondere dann, wenn
die überlieferten audiovisuellen Objekte ein in
sich geschlossenes Medienwerk enthalten, soll
dies auch in digitaler Form adäquat dargebo-
ten werden. Im einfachsten Fall ist bei einem
längeren Film, der aus mehreren „Akten“ in
Gestalt einzelner 20-Minuten-Rollen besteht,
die fortlaufende digitale Wiedergabe zu er-
möglichen, so wie der Titel im analogen Kino
ohne Unterbrechungen aufgeführt worden
wäre. Komplizierter wird es, wenn eine grö-
ßere Zahl analoger Objekte zum gleichen Titel
überliefert ist, zum Beispiel außer professio-
nellen Kinokopien noch formatreduzierte oder
auch fremdsprachige Fassungen, dazu Bild-
Laufstreifen durch wiederholtes Abspielen (Foto Stefan Gööck)

image
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 16
und Tonnegative, separate Magnettonträger
und frühere Videoumsetzungen, dies alles in
jeweils mehreren „Akten“, aber unvollständig.
Hier ist schon vor der Bearbeitung genau ab-
zuwägen, aus welchen Vorlagen bei bestmög-
licher Bild- und Tonqualität eine vollständige
Masterfassung zum künftigen digitalen Ge-
brauch zusammengesetzt werden kann.
Schon ganz zu Beginn der Tätigkeit des
Sachgebiets audiovisuelle Medien im Säch-
sischen Staatsarchiv, in vor-digitaler Zeit,
stellte sich eine solche Aufgabe. Im Bestand
31363 VEB Strumpfwaren, Thalheim/E. sind
vier Produktwerbefilme überliefert, konkret
als vier Kinokopien in russischer Sprache
und vier deutsche Tonnegative ohne Bild.
Am Filmschneidetisch ließ sich zweifelsfrei
nachvollziehen, welcher deutsche Ton genau
zum Bild einer der russischen Fassungen ge-
hört haben musste, so dass die deutschen
Originalversionen im Studiovideomaster
rekonstruiert werden konnten. Fragmenta-
rische Überlieferungen, aus denen sich nur
mit zusätzlichem Aufwand die enthaltenen
Filmwerke wiederherstellen lassen, wurden
seitdem immer wieder vorgefunden und be-
arbeitet: So im Bestand der SED-Bezirkslei-
tung Karl-Marx-Stadt ein Stadt-Werbefilm,
bei dem eines der Tonnegative verstümmelt
ist (33229-013), oder in Johann Gottfried
Stejskals „Kruzianer“-Film (13826-001), bei
dem eine der ursprünglich zehn Negativrol-
len fehlt und weitgehend aus einer früheren
Videoarbeitskopie ergänzt werden konnte.
Weil es sich in allen genannten Fällen um
professionelle Materialien aus jüngerer Zeit
handelte, waren derartige Probleme kaum zu
erwarten. Sehr viel wahrscheinlicher werden
unvollständige Filmwerke nämlich dort vorge-
funden, wo schon die Herstellung des Films
von Mangel begleitet und auf nichtprofessi-
onelles Equipment beschränkt war. Beispiele
hierfür finden sich u. a. im Bestand Bezirks-
filmstudio Leipzig, etwa bei den heimatge-
schichtlich interessanten 16mm-Titeln „1 000
Wünsche werden Wirklichkeit“ (22052-02)
oder „Leipziger Südwest-Express“ (22052-013)
aus den 1960er Jahren. In beiden Fällen sind
mehrere Fragmente überliefert: Unterschied-
lich verstümmelte Vorführpositive mit Ton,
dazu Negative ohne Ton. Bereits in den 1980er
Jahren war versucht worden, mittels analoger
Filmkopie Teile dieser Titel zu retten, jedoch
konnte damals mit lokalen Mitteln keine
wirkliche Rekonstruktion gelingen. 2016/17
wurden die Fragmente am Schneidetisch me-
chanisch überarbeitet und zur Filmabtastung
gegeben. Anhand der Digitalisate konnten
im Videoschnitt Masterfassungen montiert
werden, die weitgehend vollständig sein dürf-
ten. Allerdings erwies es sich als schwierig,
Bild und Ton der unterschiedlichen Quell-
fragmente so zu korrigieren, dass sich eine
harmonische Gesamtwirkung ergeben hätte.
Es steht zu hoffen, dass künftig noch bessere
Hilfsmittel zur Verfügung stehen werden; ge-
nau deshalb ist die Möglichkeit beizubehalten,
auch künftig auf die Originalüberlieferung zu-
rückzugreifen.
Der vorstehende Beitrag sollte dazu anregen,
einen realistischen Blick auf das Spannungs-
feld von minimalistischer Bestandserhaltung
bis hin zur kommerziell lukrativen Postpro-
duktion zu entwickeln.
Stefan Gööck
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Durch Wasserschaden angelöste Bildschicht (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20314 agra-Landwirtschaftsausstellung der DDR, Markkleeberg, AV 20314-0818)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 17
Tipps vom Restaurator: Staublaus, Moderkäfer, Woll-
krautblütenkäfer und Silberfischchen – Sechs Jahre
Insektenmonitoring im Archivzentrum Hubertusburg
Dem aufmerksamen Betrachter von Schriftgut
bleiben die vielgestaltigen Spuren vergange-
ner Nutzung und Aufbewahrung nicht ver-
borgen. Diese zu lesen und richtig zu deuten,
ist für Fragen der Bestandserhaltung grund-
legend. Als eine besondere Art der Spurenlese
(-suche) kann das Insektenmonitoring ange-
sehen werden.
Ein „Leben zwischen den Zeilen“ ist in aller
Regel unerwünscht und gibt Zeugnis von un-
sachgemäßen Umgebungsbedingungen: Eine
schadhafte Raumhülle, mangelnde Hygiene,
zu hohe Raumfeuchte und zu geringer Luft-
austausch beschleunigen nicht nur die soge-
nannte natürliche Alterung von Materialien.
Sie schaffen auch gute Rahmenbedingungen
für den unkontrollierten Zugang und die
Vermehrung von Schadinsekten. Die über-
wiegend organischen Materialien, aus denen
unser Kulturgut sich zusammensetzt, dienen
ihnen als Nahrungsgrundlage. Loch- oder
Schabefraß sind die Folgen.
So stellen beispielsweise die Larven von Holz-
wurm
(Annobium punctatum),
von Bücher-
wurm oder Brotkäfer
(Stegobium paniceum),
von Wollkrautblütenkäfer
(Anthrenus verbasci)
oder auch Silber- oder Papierfischchen
(Zygen-
toma: lepisma saccharina, Ctenolepisma longi-
caudata)
eine unmittelbare Gefahr dar. Etwas
anders verhält es sich mit Staublaus
(Psocop-
tera)
und Moderkäfer
(Lathridiidae).
Diese er-
nähren sich von Schimmelrasen und verweisen
folglich primär auf Missstände anderer Art.
Der gesamtheitliche Blick auf das Zusammen-
spiel von Ursache und Wirkung ist der zentrale
Ansatz der heutigen Schädlingsbekämpfung
in Archiven, Bibliotheken und Museen. Nicht
zuletzt hat uns das durch Pestizide verseuchte
und dadurch für die Benutzung problemati-
sche Kulturgut gelehrt, dass andere Wege
zur Schadensprävention und -bekämpfung
einzuschlagen sind. Dabei haben Globalisie-
rung und Klimawandel die Bedrohung durch
Schadinsekten noch befördert. Wer hat noch
nicht von der neuen Gefahr, dem Papierfisch-
chen, gelesen: Es ist größer und gefräßiger
als sein Verwandter, das Silberfischchen, fühlt
sich in vergleichsweise trockener Umgebung
wohl und hat während der letzten Jahre auch
Zugang zu Kulturgut bewahrenden Einrich-
tungen in Deutschland gefunden.
Doch zurück zum Insektenmonitoring, dem
Kern und Ausgangspunkt für das sogenannte
integrierte Pestmanagement, kurz IPM: Bei
aller Sorgfalt kann leider ein Eintritt von
Schädlingen in die Magazine nicht zu 100 Pro-
zent ausgeschlossen werden. Da sie oftmals
lichtscheu, nachtaktiv oder schlicht so klein
sind, dass sie im Regelfall im Verborgenen
bleiben, sind Strategien zu entwickeln, um
ihrer dennoch habhaft zu werden und dies
eben vorzugsweise bevor ein etwaiger Scha-
den zu Tage tritt. Mit der Beobachtung des
Insektenvorkommens mittels Klebefallen
wird eine ergänzende Kontrollmöglichkeit
der bestehenden Aufbewahrungs- und Nut-
zungsbedingungen geschaffen, die frühzeitig
Handlungsbedarf erkennen lässt. Dieser be-
sondere Fokus ist gerade auch angesichts der
Mobilität und der Gefahr der Einschleppung
von Schadinsekten durch Übernahmen, durch
Leihverkehr oder durch den Ankauf von Verpa-
ckungsmaterialien gerechtfertigt. Im Archiv-
zentrum Hubertusburg des Staatsarchivs wur-
de im Jahr 2012 ein solches Monitoring mit
Klebefallen eingeführt. Seine Funktionsweise
sowie Erfahrungen damit sollen im Folgenden
vorgestellt werden.
Bewährt hat sich über die Jahre ein Monitoring-
konzept, das nicht nur auf der kontinuierlichen
Erfassung und Auswertung von Fallen beruht,
sondern auch auf der Sensibilisierung und
Mithilfe aller Mitarbeiter und Mitarbeiterin-
nen aufbaut. Dabei verfügt das Archivzentrum
über ein Raum- und Ausstattungsangebot,
das eine weitgehend separierte Lagerung und
Bearbeitung von Archivgut problematischer
Herkunft ermöglicht. Die räumliche Trennung
der unterschiedlichen Funktionsbereiche wie
z. B. Anlieferung, Trockenreinigung und Nass-
behandlung unterstützt die Eingrenzung von
Schabe- und Lochfraß in den durch die Einlage entstandenen Hohlräumen eines Bandes (Sächsisches Staatsarchiv,
Bergarchiv Freiberg, 40126 VEB Braunkohlenwerk Regis bei Borna (mit inkorporierten Betrieben, Betriebsteilen und
-vorgängern), Nr. 1–535) (Foto Barbara Kunze)
Silberfischchen in der Klebefalle (Foto Barbara Kunze)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 18
Risikobereichen, was bei der Festlegung der
Fallenstandorte entsprechende Berücksich-
tigung findet. Insgesamt werden derzeit im
Archivzentrum Hubertusburg 25 Räume, von
mehr als 200 Räumen im Ganzen, mit knapp
40 Klebefallen überwacht. Je nach Raumgröße
sind folglich teilweise auch mehrere Fallen pro
Raum im Einsatz. Ein besonderes Augenmerk
liegt auf den Magazinen. Darüber hinaus sind
es die Übernahme-/Übergabebereiche sowie
Gänge (Wegebereiche), die unter verstärkter
Beobachtung stehen, da über diese Schadin-
sekten von außen eingetragen und verbreitet
werden können. Doch auch Arbeitsräume zur
Behandlung von Archivgut mit entsprechend
kritischer Vorschädigung sowie – oftmals
nicht ständig frequentierte – Räume mit für
Schadinsekten attraktiven Nahrungsange-
boten wie die Materiallager (Papier, Karton,
Verpackungsmaterial, Wollfilze etc.) waren
in das Monitoring aufzunehmen. Diese be-
sonders sensiblen Areale werden dauerhaft
überwacht. Darüber hinaus wurde im Verlauf
der Jahre das Monitoring zumindest temporär
auf weitere Räume erweitert, sofern aus der
Mitarbeiterschaft verdächtige Beobachtun-
gen gemeldet wurden.
Um die unscheinbaren Fallen vor Verlust oder
Beschädigung im Zuge der sonstigen Raum-
nutzung zu schützen, hat sich die Kennzeich-
nung der Fallenstandorte mit entsprechen-
den Hinweisschildern als nützlich erwiesen.
Sie helfen darüber hinaus, das IPM im Hause
sichtbar werden zu lassen. Die ausgewiesenen
Kontaktdaten der jeweils Verantwortlichen
dienen als Kommunikationsangebot für alle
nicht direkt am IPM Beteiligten.
Letztlich findet die statistische Aufbereitung
statt. Dazu wird auf ein gängiges Tabellenkal-
kulationsprogramm zurückgegriffen. Auf die-
se Weise lassen sich Trends und Entwicklun-
gen des Insektenvorkommens darstellen. Das
jahreszeitlich bedingte Ansteigen und Abfallen
kann somit im längerfristigen Vergleich mit
Sonderentwicklungen abgeglichen werden.
Insbesondere in den Anfangsjahren war ein
signifikant hohes Aufkommen von Staublaus
und Moderkäfer festzustellen. Silberfischchen
und einige Larven des Wollkrautblütenkäfers
waren bislang nur sehr vereinzelte Gäste in
Arbeitsräumen, die von den Magazinen weit
entfernt liegen. Das Papierfischchen wurde
im Archivzentrum bislang noch nicht ange-
troffen. Hier wird die weitere Entwicklung
kritisch zu verfolgen sein. Staublaus und
Moderkäfer sind vermutlich mit dem im Ar-
chivzentrum zu behandelnden, teils feucht
geborgenen Archivgut eingetragen worden.
Mit der konsequenten Durchführung der all-
gemeinen Hygienemaßnahmen wie der regel-
mäßigen und bedarfsorientierten Reinigung
aller freien Flächen im gesamten Gebäude, der
getrennten Lagerung nach Herkunft und Be-
arbeitungsstatus, der genauen Überprüfung
verdächtigen Archivgutes samt Verpackung
sowie einer mehrwöchigen Kältebehandlung
zur Entwesung bei Verdachtsbestätigung
konnte eine Ausbreitung erfolgreich verhin-
dert und über die Jahre hinweg eine Reduktion
des Insektenvorkommens erzielt werden. Auch
wurde generell für sämtliche Transporte auf
die Verwendung von Holzpaletten zugunsten
von Kunststoffpaletten verzichtet, da von
einer erhöhten Anfälligkeit der Holzpaletten
für Schadinsekten ausgegangen werden muss
und angesichts der Mehrfachverwendung die
Gefahr des Einschleppens von Schadinsekten
als besonders hoch einzustufen ist.
Das Insektenmonitoring hat wesentlich dazu
beigetragen – gerade auch unter Berücksich-
tigung des teils problematischen Ausgangszu-
stands des eingelagerten und zu bearbeiten-
den Archivgutes – einen bewussten Umgang
damit zu ermöglichen, Kenntnisse über die
örtlichen Verhältnisse zu verbessern und da-
mit auch Erfahrungen nutzbar zu machen.
Damit konnten Gegenmaßnahmen entspre-
chend eingeleitet, überprüft, gesteuert und
begründet werden: eine Bilanz, die das Kon-
zept des IPM im Allgemeinen und des Insek-
tenmonitorings im Speziellen bestätigt.
Nikolai Krippner
(Historisches Archiv der Stadt Köln)/
Barbara Kunze
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Weiterführende Informationen:
DIN EN 16790
„Erhaltung des kulturellen Erbes
– Integrierte Schädlingsbekämpfung zum Schutz
des kulturellen Erbes“, in: Hofmann/Wiesner, Be-
standserhaltung in Archiven und Bibliotheken,
5. überarb. u. erw. Aufl., 2015
Prävention und Behandlung von Schädlingsbefall
in Archiven. Empfehlung der Konferenz der Lei-
terinnen und Leiter der Archivverwaltungen des
Bundes und der Länder (KLA), ausgearbeitet vom
Bestandserhaltungsausschuss der KLA, 2016.
(https://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/
bundesarchiv_de/fachinformation/ark/2016-08-
01_kla_empfehlungen_schaedlingspraevention.
pdf; aufgerufen 22.02.2018)
Pinninger/Landsberger/Meyer/Querner, Integriertes
Schädlingsmanagement in Museen, Archiven und
historischen Gebäuden, Berlin, 2016
Verifizierter Jahresvergleich 2012/2017 der seit Beginn des Monitorings fortlaufend überprüften Räume (Abbildung Nikolai Krippner)
Aufstellung einer Falle und deren Kennzeichnung im
Magazin (Abbildung Barbara Kunze)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 19
Bestandserhaltung in Kommunalarchiven.
Handlungsanleitungen und Praxisbeispiele –
Kommunalarchivtagung 2018
Die AG Kreisarchivare beim Sächsischen Land-
kreistag und die AG Archive beim Sächsischen
Städte- und Gemeindetag (SSG) organisierten
für den 7. März 2018 eine gemeinsame Fort-
bildungsveranstaltung in Leipzig. Die Tagung
widmete sich dem Thema: „Bestandserhaltung
in Kommunalarchiven. Handlungsanleitungen
und Praxisbeispiele“. Etwa 70 Archivarinnen
und Archivare aus den sächsischen Kommu-
nalarchiven folgten der Einladung.
Im ersten Teil informierte Birgit Schubert,
Stadtarchiv Chemnitz, über Empfehlungen und
Arbeitshilfen des Unterausschusses Bestand-
serhaltung der Bundeskonferenz der Kommu-
nalarchive (BKK), dessen Mitglied sie ist. Sie
ging dabei tiefer auf einige Papiere ein, be-
ginnend bei der grundsätzlichen Aufgabe zur
Bewahrung des historischen Erbes über Ver-
packungsmaterialien für Archivgut, Schimmel
im Archiv, Mikroverfilmung bis hin zur Vergabe
von Aufträgen an Dienstleister. Diese Arbeits-
hilfen sind auf der Internetseite der BKK unter
www.bundeskonferenz-kommunalarchive.de
zu finden. Sie informierte darüber, dass der Un-
terausschuss Bestandserhaltung derzeit eine
Arbeitshilfe zur Erfassung von Schäden am Ar-
chivgut erarbeitet. Praxisbezogene Anregun-
gen dazu sind im Unterausschuss Bestands-
erhaltung willkommen, ebenso wie eine regere
Mitarbeit aus sächsischen Kommunalarchiven.
Schubert berichtete außerdem über die För-
derung von Bestandserhaltungsprojekten im
Stadtarchiv Chemnitz durch die Koordinie-
rungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen
Kulturgutes (KEK). Im Stadtarchiv wurden
bereits vier kleinere Bestandserhaltungsmaß-
nahmen gefördert: Beseitigung von Brand-
schäden am Bestand Parkeisenbahn Chemnitz,
Sicherungsverfilmung und Digitalisierung von
maschinell gehefteten Akten, Erinnerungs-
album an den deutsch-französischen Krieg
1870/1871 und Unterlagen zur Industriege-
schichte und Stadtbildgestaltung. Schubert
erläuterte das Prozedere vom Förderantrag bis
zum Verwendungsnachweis und ermunterte
die Teilnehmer zur Antragstellung bei der KEK.
Im Anschluss ging Birgit Horn-Kolditz auf
den Bestandserhaltungsbedarf bei Personen-
standsunterlagen ein. Hierbei handelt es sich
um ein Projekt der AG Archive beim SSG. Mit
einer Umfrage sollte eine Schadenserfassung
der Personenstandsunterlagen erfolgen. Es
beteiligten sich nur sechs Stadtarchive, welche
etwa 1 200 lfm Personenstandsunterlagen ar-
chivieren. Der Bestandserhaltungsbedarf für
Register, Namensverzeichnisse und Sammel-
akten (ohne sonstige Unterlagen) insgesamt
wurde dabei mit 54 lfm für erforderliche Res-
taurierung, 333 lfm für Entsäuerung, 338 lfm
für Mikroverfilmung und 442 lfm für Digitali-
sierung ermittelt.
Häufigste Schadensbilder sind mechanische
Schäden und säurehaltige Papiere. Schon
allein diese Zahlen verdeutlichen den hohen
Bedarf an Bestandserhaltungsmaßnahmen,
die strategisch einzuplanen sind. Horn-Kolditz
betonte, wie wichtig die konkrete Schadens-
erfassung als Voraussetzung für Priorisierung
der Bestandserhaltungsmaßnahmen und de-
ren Finanzierung ist.
Nach Birgit Horn-Kolditz sprach Britta Gün-
ther zur Erhaltung der Beweiskraft von Per-
sonenstandsregistern. Sie betonte die Verant-
wortung der Archive für die Beweiskraft der
Unterlagen v. a. im Interesse der Betroffenen.
Erläutert wurden u. a. die Unterschiede zwi-
schen Haupteintrag, Randvermerk und Hin-
weisen in den Registern. Sie beschrieb die
Entwicklung der Formate und Einbände der
Register seit 1876 ebenso wie die Qualität
des Papiers, der Tinten, Farben und Stempel,
die meist rechtlich vorgeschrieben waren. Die
Bestandserhaltung der Personenstandsun-
terlagen besitzt in den Neuen Bundesländern
besondere Bedeutung, weil Anfang der 1980er
Jahre im Gebiet der ehemaligen DDR die Kas-
sation der Zweitbücher angeordnet wurde.
Ausnahmen bilden die Zweitbücher aus dem
Zeitraum 1933 bis 1945, die damals im Archiv-
depot Dornburg konzentriert und vor einigen
Jahren an die zuständigen Staatsarchive ab-
gegeben wurden. Günther konstatierte, dass
Übernahme und Benutzung der Personen-
standsunterlagen archivwissenschaftlich zu
wenig diskutiert werden.
In der Diskussion zum ersten Teil der Beratung
wurde deutlich, dass der Informationsfluss
zwischen den Arbeitsgemeinschaften und
vor allem bis zum kleinsten Kommunalarchiv
unbedingt verbessert werden muss. Andreas
Bürgel, Sächsischer Landkreistag, regte zur
Milderung des Personalmangels den Zu-
sammenschluss von Kommunalarchiven in
Archivverbünden an. Siegfried Hoche berich-
tete über die Digitalisierung der Namensver-
zeichnisse zu Personenstandsregistern im
Stadtarchiv Görlitz. Die Digitalisate sind im
Internet veröffentlicht, so dass die Benutzer
digital recherchieren können und die Unter-
lagen geschont werden.
Christoph Roth, Buchrestaurierung Leipzig
GmbH, verwies auf die Möglichkeiten anderer
Kultureinrichtungen, wie beispielsweise der
Bibliotheken. Für diese gibt es die Landesstelle
für Bestandserhaltung in Sachsen, die aller-
dings „nur“ für den Unterstellungsbereich des
Sächsischen Staatsministeriums für Wissen-
schaft und Kunst tätig ist. Die Tagungsteilneh-
mer waren sich einig, dass die Unterstützung
des Staates auch auf die Bestandserhaltung
in den sächsischen Kommunalarchiven er-
weitert werden müsste, denn auch hier liegt
ei
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a
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K
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u
r
g
u
t
.
Viele Kollegen, v. a. in den kleineren Archiven,
nahmen die Anregungen, Erfahrungen und
Hinweise sehr interessiert und dankbar zur
Kenntnis, sahen aber trotz aller Dringlichkeit
der Bestandserhaltung als vorherrschendes
Problem den zunehmenden Personalmangel in
den Archiven, der eine Umsetzung der Vorha-
ben oftmals sehr schwierig macht.
Der zweite Teil der Beratung war der Not-
fallvorsorge gewidmet. Christoph Roth gab
Praxistipps aus der Sicht eines Dienstleisters
zur Notfallvorsorge und Magazinhygiene. Er
wies auf die Nützlichkeit von Notfallboxen
hin, erläuterte deren Inhalt und gab prakti-
sche Hinweise für das Verhalten im Schadens-
fall, konkret bei Wasserschäden. Er erinnerte
u. a. daran, dass auch bei einem Schadensfall
möglichst jeder Handgriff fotografisch zu
dokumentieren sei – maßgeblich für die Ver-
sicherung. Bei Wasserschäden ist eine schnelle
Einlagerung im Kühlhaus wichtig. Er bot da-
für seine Hilfe im Notfall an und benannte
auch einige Kostenfaktoren. Beispielsweise
fasst eine Europalette ca. 10 lfm Archivgut,
38 Euro paletten passen auf einen Lkw, das
sind ca. 400 lfm und die Einlagerung im Kühl-
haus kostet je Palette und Tag nach seinen
Worten 0,28
B
. Anschließend erläuterte er
noch die Bedeutung der Magazinhygiene für
die Bestandserhaltung.

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 20
Dr. Almuth Märker, Universitätsbibliothek Leip-
zig, sprach über den Notfallverbund Leipziger
Archive und Bibliotheken. Dieser wurde nach
dreijährigen Verhandlungen 2012 gebildet.
Weitere Notfallverbünde bestehen derzeit in
Dresden, Freiberg, in der Lausitz und in Chem-
nitz (letzterer noch in Gründung). Dr. Märker
erläuterte die Schwierigkeiten bei der Vor-
bereitung eines solchen Verbundes und die
Lösungen. Unter dem Motto „Groß hilft Klein“
beteiligen sich verschiedene Einrichtungen am
Verbund, auch Mitarbeiter und Notfallboxen
stehen gegenseitig bei einem Schadensereig-
nis zur Verfügung. Sie gab den Hinweis auf
sogenannte Gefahrenkarten bei den Kommu-
nen, die bei der Analyse der Gefahrenlage (z. B.
mögliche Überschwemmungsgebiete) helfen.
Anschießend sprach Jürgen Meier, Vor-
standsmitglied der OKV – Ostdeutsche Kom-
munalversicherung a. G., zu Schadenfällen
und Prävention in Archiven aus der Sicht
des Kommunalversicherers. Er forderte eine
Risiko analyse in den kommunalen Archiven,
beginnend bei der Interventionszeit nach
Alarmauslösung über anlagetechnischen
Brandschutz bis zur Sicherung digitaler Spei-
chermedien. Die „Wiederherstellungskosten“
von Archivgut benannte er nach den Erfah-
rungen seiner Versicherung mit durchschnitt-
lich 12.000
B
/lfm.
Nach der Mittagspause gaben Siegfried
Hoche, Stadtarchiv Görlitz, Sigrid Unger, His-
torisches Archiv des Vogtlandkreises und Silva
Teichert, Stadtarchiv Zwickau, die jeweiligen
Berichte aus der BKK, den Arbeitsgemein-
schaften und dem Landesverband Sachsen
im Verband deutscher Archivarinnen und Ar-
chivare (VdA). Dabei wurde auch auf Arbeits-
papiere der Konferenz der Leiterinnen und
Leiter der Archivverwaltungen des Bundes
und der Länder (KLA) hingewiesen, die über
die Internetseite
www.bundesarchiv.de
(Über
uns – Partner) veröffentlicht sind. Der VdA-
Landesverband warb im Kontext zur Kommu-
nalarchivtagung für den Workshop „Notfall
Wasser“ am 25. April 2018 im Sächsischen
Staatsarchiv, Archivzentrum Hubertusburg,
der der Theorie die Praxis folgen lässt, und
teilte u. a. folgende Termine mit: 16./17. Mai
2019 Sächsischer Archivtag in Leipzig zum
Thema „Erschließung“; 2021 findet der Säch-
sische Archivtag in Mittweida statt.
Aufgrund der vorgerückten Zeit reichte And-
reas Bürgel seinen Beitrag „Die neue Daten-
schutzgrundverordnung – Auswirkungen auf
die Arbeit der Archive“ schriftlich nach. Die
Tagung fand ihren Abschluss mit einer Füh-
rung durch die Restaurierungswerkstatt der
Buchrestaurierung Leipzig GmbH.
Allen Referenten, Organisatoren und Sponso-
ren sei an dieser Stelle ein herzliches Danke-
schön gesagt!
Sigrid Unger
(Historisches Archiv des
Vogtlandkreises)
Erinnerungen auf zwei Kontinenten – Zum
200. Geburtstag von Ottokar Dörffel (1818–1906)
„Am 20. November mit Tagesanbruch sahen
wir das Land wie einen blauen Nebelstreifen
vor uns liegen […] Jede Viertelstunde entwi-
ckelte [sich] ein anderes, immer schöneres
Panorama vor unsern Blicken; denn die grün-
bewaldeten, zum Theil crotesk gestalteten
Küstengebirge gewähren ein wahrhaft ro-
mantisches Bild.“
Wir befinden uns im Jahr 1854 und das bei
Tagesanbruch erblickte Land ist Brasilien.
10 000 Kilometer von ihrer sächsischen Hei-
mat entfernt erhofften sich Ida und Ottokar
Dörffel wie Millionen Überseeauswanderer im
19. Jahrhundert jenseits des Atlantiks einen
Neuanfang. Im Gegensatz zu sechs Millionen
Deutschen, die es in diesem Zeitraum in die
USA zog, wählten sie den südamerikanischen
Kontinent zum Ziel ihrer Hoffnungen.
Brasilien, wo zwischen 1824 und 1933 etwa
210 000 deutsche Einreisende zu verzeichnen
waren, betrieb im 19. Jahrhundert eine aktive
Einwanderungspolitik. Das 1822 von Portu-
gal unabhängig gewordene Land war ver-
gleichsweise dünn besiedelt, es fehlten eine
kleinbäuerliche Landwirtschaft, ein gewerb-
licher Mittelstand und es bestand nach dem
Einfuhrverbot afrikanischer Sklaven auf den
Plantagen der Großgrundbesitzer ein großer
Bedarf an freien Lohnarbeitern. Erklärtes Ziel
der brasilianischen Regierung war die Anwer-
bung europäischer Einwanderer, unter denen
die Deutschen mit den ihnen zugeschriebe-
nen Eigenschaften von Ordnungsliebe, Ar-
beitsamkeit, Ehrlichkeit und Intelligenz zur
bevorzugten Zielgruppe wurden. Im Verlauf
des 19. Jahrhunderts entstanden vornehmlich
in den drei südlichsten und klimatisch gemä-
ßigtsten Provinzen eine Vielzahl deutsch ge-
prägter Siedlungen – in der Eigenbezeichnung
Kolonien –, die bekannteste unter ihnen die
nach ihrem Gründer Hermann Otto Blumenau
benannte Stadt mit heute 350 000 Einwoh-
nern. Nur 100 Kilometer von Blumenau ent-
fernt befindet sich mit der ca. 600 000 Ein-
wohner zählenden Stadt Joinville das heute
drittgrößte Industriezentrum Südbrasiliens
und die größte Stadt des Bundesstaats Santa
Catarina. Diese seit 1851 dem Urwald abge-
rungene Siedlung wurde nur drei Jahre nach
ihrer Gründung durch den Kolonisationsverein
von 1849 in Hamburg zur neuen Heimat der
Dörffels.
Ottokar Dörffel (Museum und Kunstsammlung Schloss
Hinterglauchau, Dörffel-Briefe)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 21
Zum Zeitpunkt der Auswanderung 36 Jahre
alt, konnte Ottokar Dörffel bereits auf ein be-
wegtes Leben zurückblicken und war in sei-
ner Heimat kein Unbekannter. Als Sohn eines
schönburgischen Beamten 1818 in Walden-
burg geboren, hatte er in Leipzig Rechtswis-
senschaft studiert und danach eine typische
Juristenlaufbahn des 19. Jahrhunderts mit
Stationen bei verschiedenen Patrimonialge-
richten durchlaufen, bevor er seinem Vater
in schönburgische Dienste gefolgt war. Mit
gerade einmal 30 Jahren wurde Dörffel Ende
1848 – in einer politisch sehr bewegten Zeit –
Bürgermeister von Glauchau. Beherrschendes
Thema seiner Bürgermeistertätigkeit war auch
weniger sein kommunalpolitisches Wirken als
seine Rolle während des Dresdner Maiauf-
stands. Als Glauchauer Stadtoberhaupt orga-
nisierte er im Mai 1849 zwei Freischarenzüge
zur Unterstützung der Dresdner Barrikaden-
kämpfer. Die Freischarenzüge kamen zwar
nie in Dresden an, kosteten ihn aber nach der
Niederschlagung des Aufstands bereits nach
einem halben Jahr seine Stellung als Bür-
germeister. Nach drei Jahren Prozess 1852
in zweiter Instanz zwar freigesprochen – in
erster Instanz war Dörffel wegen Hochverrats
zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden –,
konnte er jedoch keine seinem Anspruch
angemessene gesellschaftliche Rolle mehr
einnehmen. 1854 wagten er und seine Frau
Ida deshalb einen kompletten Neuanfang in
Brasilien.
Der gestandene Jurist und Kommunalpolitiker
begann hier wie die meisten Einwanderer mit
der Urbarmachung seines Grundstücks, mit
Landwirtschaft und Viehhaltung, engagierte
sich aber recht schnell wieder in Politik und
Verwaltung und entfaltete unternehmerische,
gesellschaftliche und publizistische Wirksam-
keit. Über 30 Jahre war Dörffel in der Kolonie-
verwaltung tätig, amtierte einige Jahre als
Koloniedirektor und Bürgermeister und war
mehrere Jahrzehnte hamburgischer, preußi-
scher und deutscher Konsul. Neben diesen po-
litischen Ämtern betrieb er auf seinem Grund-
stück eine Ziegelei und eine Druckerei, war
Mitbegründer und Mitglied zahlreicher lokaler
Vereine und Gründer der ersten deutschspra-
chigen Zeitung Südbrasiliens. Bis heute gilt
Ottokar Dörffel als eine der einflussreichsten
Persönlichkeiten Joinvilles im 19. Jahrhundert.
Trotz der Entfernung hielten die Dörffels Zeit
ihres Lebens Kontakt zu Verwandten und
Freunden in Sachsen. Resultat dessen ist ein
fast 100 Schreiben umfassender Briefwechsel
über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren,
der sich heute im Sächsischen Staatsarchiv,
Staatsarchiv Chemnitz und im Museum und
Kunstsammlung Schloss Hinterglauchau
befindet. Der im Staatsarchiv Chemnitz ver-
wahrte wesentlich größere Teil der Sammlung
entstammt einer Schenkung von Dr. Günter
Kretzschmar, einem Urgroßneffen Ottokar
Dörffels (vgl. Archivblatt 1/2010). Die Briefe
stellen in ihrer Quantität wie inhaltlichen Brei-
te ein einzigartiges Zeugnis der Kultur-, Men-
talitäts- und Alltagsgeschichte des 19. Jahr-
hunderts dar und bieten intensive Einblicke in
ein Auswandererleben.
Tagungsplakat (Gestaltung Robert Matzke)
Stadtansicht Joinville (Foto Judith Matzke)
Dörffelstraßen in Joinville (Foto Dilney Cunha) und Glauchau (Foto Judith Matzke)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 22
Mit viel Herzlichkeit, Humor und spielerischem
Umgang mit Sprache beschreiben Ida und
Ottokar Dörffel ihren Alltag vom Aufbruch in
Glauchau bis in Ottokar Dörffels Todesjahr,
schildern Tier- und Pflanzenwelt, Klima und
Wetter, Ernährungsgewohnheiten und pri-
vate Festkultur, gesellschaftliches Leben und
Vereinswesen, Gesundheitsfragen, persönli-
che Netzwerke, alte und neue Heimat sowie
Dörffels Werdegang in Brasilien.
Der 200. Geburtstag von Ottokar Dörffel in
diesem Jahr war für das Sächsische Staats-
archiv Anlass, diesen Briefwechsel in seiner
Schriftenreihe zu veröffentlichen und ihn
damit der Wissenschaft sowie interessierten
Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die
vollständig abgedruckten und ausführlich
kommentierten Briefe werden durch einfüh-
rende Texte zum Lebensweg Dörffels, zu den
Schönburgischen Herrschaften als Dörffels
Herkunftsregion, zu Brasilien als Ziel deut-
scher Auswanderer im 19. Jahrhundert und
zur Entwicklung Dona Franciscas/Joinvilles er-
gänzt. Die Publikation der Briefe bildet einen
von drei Höhepunkten, die zu diesem Jubiläum
2018 auf beiden Seiten des Ozeans veranstal-
tet wurden.
Den Auftakt machte in den Tagen um Dörf-
fels Geburtstag am 24. März ein viertägiges
Festprogramm in Joinville (Brasilien), bei dem
allen Aspekten seines Wirkens je eigene Ver-
anstaltungen gewidmet wurden – dem Po-
litiker eine Ehrensitzung im Stadtparlament,
dem Unternehmer eine Sitzung im Industrie-
und Handelsverein, dem Vereinsgründer eine
Kunstnacht im Theater und dem Freimaurer
eine öffentliche Sitzung im Freimaurertempel
der Logen „Ottokar Dörffel“ und „Freund-
schaft des Südlichen Kreuzes“. Umrahmt
wurden die Veranstaltungen durch ein Frei-
luftkonzert vor Dörffels Haus, dem heutigen
Kunstmuseum Joinvilles, und eine Ausstellung
im Stadtarchiv. Die kleine deutsche Gruppe,
bestehend aus Dr. Michael Wetzel, Hartmut
Morgeneyer – einem Nachfahren der Dörffels –
und der Unterzeichnerin beteiligte sich nicht
nur mit Vorträgen und Grußworten an allen
Veranstaltungen, sondern durfte auch eine
Gedenktafel entgegennehmen, eine Büste
enthüllen, ein Interview im lokalen Radio ge-
ben und wurde vom perfekt deutsch spre-
chenden Bürgermeister Joinvilles Udo Döhler
empfangen.
Diesseits des Atlantiks veranstalteten das
Sächsische Staatsarchiv, Staatsarchiv Chem-
nitz und das Institut für Sächsische Ge-
schichte und Volkskunde (ISGV) aus Anlass
von Dörffels Geburtstag am 7./8. Juni 2018 in
Chemnitz die interdisziplinäre und internatio-
nale Tagung „Nach Amerika! Überseeische Mi-
gration aus Sachsen im 19. Jahrhundert“. Die
Tagung ging mit einem breiten methodischen
Ansatz auf Makro- wie Mikroebene und mit
Perspektive der Herkunfts- wie Zielregionen
dem Migrationsprozess im 19. Jahrhundert
nach. Mit dem Ziel, die aktuelle Forschung
zur transatlantischen Wanderung aus Sach-
sen zu bündeln und der historischen Migrati-
onsforschung für Sachsen neue Perspektiven
zu eröffnen, wurden Referenten aus Sachsen,
Berlin, Marburg, Münster, Köln, Tübingen und
Brasilien nach Chemnitz eingeladen. Thema-
tisiert wurden die Entwicklung der deutschen
Migrationsforschung, die Position Sachsens
innerhalb der Auswanderung in die Neue
Welt, die Siedlungsaktivitäten der Adelsfami-
lie Schönburg jenseits des Atlantiks, Migra-
Judith Matzke (Red.), Von Glauchau nach
Brasilien. Auswandererbriefe von Ida und
Ottokar Dörffel (1854–1906), Halle/Saale,
2018, ISBN 978-3-96311-108-2, 49 Euro
Bei Interesse an der Publikation können
Sie sich an den Mitteldeutschen Verlag in
Halle
(https://www.mitteldeutscherver-
lag.de/) oder jede Buchhandlung wenden.
tionsmotive, Informationsmechanismen über
Wanderungsziele, Identitätskonstruktionen
sowie Wissenstransfer und Erinnerungskultur.
Neben Ottokar Dörffel standen mit dem Bio-
logen Fritz Müller und dem Königsteiner Öko-
nomen Eugen Hunger weitere Lebensmodelle
von Auswanderern im Mittelpunkt, die durch
ihre Briefe beeindruckende Quellenzeugnisse
hinterlassen haben. Regionale Schwerpunkte
der Tagung waren Brasilien und die USA. Die
85 Teilnehmer, darunter zahlreiche Nachfah-
ren der Dörffel-Familie, erlebten im Staatsar-
chiv Chemnitz zwei intensiv diskutierte und
abwechslungsreiche Tage, umrahmt von einer
thematischen Ausstellung und einer Archiv-
führung. Die Ergebnisse der Tagung werden
in der Schriftenreihe des ISGV veröffentlicht.
Der extra aus Brasilien angereiste Direktor
des Stadtarchivs von Joinville, Dilney Cunha,
Spiritus Rector der Veranstaltungen in Brasi-
lien, konnte sich während des anschließenden
Exkursionsprogramms ein persönliches Bild
von Ottokar Dörffels Wirkungsorten vor sei-
ner Auswanderung verschaffen. Den Höhe-
punkt der Rundreise bildeten der Empfang
beim Glauchauer Oberbürgermeister Dr. Peter
Dresler und der Eintrag ins Goldene Buch der
Stadt.
Ida und Ottokar Dörffel haben im 19. Jahr-
hundert Mut bewiesen und Neues gewagt. Sie
haben durch ihre Taten und Briefe bleibende
Spuren hinterlassen und uns in Sachsen wie
in Brasilien auch heute noch etwas zu sagen.
Gerade in der aktuellen gesellschaftspoliti-
schen Debatte um die Integration von Mig-
ranten kann die Beschäftigung mit deutschen
Auswanderern in der Vergangenheit und ihren
Bestrebungen zur Bewahrung ihrer kulturellen
Prägung einen kleinen Beitrag zum besseren
Verständnis der Situation von Fremden und
Flüchtlingen leisten. Der nun begonnene
kulturelle Austausch zwischen Sachsen und
Brasilien wird ganz sicher seine Fortsetzung
finden.
Judith Matzke
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Fábio Borba und Larissa Neves Camargo als Ehepaar Dörffel (Foto Judith Matzke)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 23
Zur Beteiligung von Archiven am
Kultur-Hackathon Coding da Vinci –
Ein Bericht und sechs Anmerkungen
Coding da Vinci ist ein Hackathon (Wort-
schöpfung aus „Hack“ und „Marathon“) –
also eine Veranstaltung, bei der interessierte
Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam
an der Entwicklung von nützlichen, kreativen,
technisch anspruchsvollen oder unterhalt-
samen Softwareprodukten arbeiten. Die Be-
sonderheit des 2014 erstmals ausgerichteten
Kultur-Hackathons Coding da Vinci ist, dass
die Teams mit offenen Daten aus Kulturinsti-
tutionen arbeiten (wie Archiven, Bibliotheken
und Museen) und dass sich die Entwicklungs-
arbeit über eine Zeitspanne von sechs bis zehn
Wochen erstrecken kann. Ausführliche Infor-
mationen über den Kultur-Hackathon bietet
die Website https://codingdavinci.de/.
Am 14./15. April startete mit einer Kick-Off-
Veranstaltung in der Universitätsbibliothek
Leipzig der erste „Coding da Vinci Ost“, der
sich an Kulturinstitutionen aus Sachsen, Sach-
sen-Anhalt und Thüringen wendete. 31 Insti-
tutionen stellten dafür Daten zur Verfügung,
darunter mit dem Sächsischen Staatsarchiv,
dem Stadtarchiv Leipzig und dem Archiv
der Hochschule für Musik und Theater „Felix
Mendelssohn Bartholdy“ auch drei sächsische
Archive. Die überwiegende Mehrheit der Kul-
turinstitutionen bot Digitalisate von Objekten
an (von Modellen antiker Bauwerke aus Kork
der Stiftung Schloss Friedenstein bis zu Ab-
bildungen von Schneckengehäusen aus dem
Museum für Naturkunde Berlin). Die öffent-
liche Präsentation der Daten durch die Da-
tengeber am 14. April war ein Vergnügen für
alle, die Freude an Kulturgut in seiner ganzen
bunten Vielfalt haben!
Einige Institutionen stellten Metadaten zur
Verfügung, darunter Daten aus Bibliotheks-
katalogen (Verbundzentrale des GBV) und
die Verzeichnungsinformationen aus dem
Archiv-Informations-System des Sächsischen
Staatsarchivs zu rund 22 000 Firmenakten des
Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu
Leipzig. Das Museum für Druckkunst Leipzig
und das Museum für Naturkunde Berlin
steuerten Audio-Dateien bei: den Sound von
Druckmaschinen und Tierstimmen.
Während der Kick-off-Veranstaltung wurde
bereits deutlich, dass die – gegenüber Meta-
daten – visuell ansprechenderen Digitalisate
und die Audio-Dateien auf eine größere Re-
sonanz unter den rund 100 „Hackern“ stießen:
Historische Grafiken, Fotos und Karten spre-
chen so wie Geräusche und Klänge Menschen
unmittelbar an. Im Verlauf der Auftaktver-
anstaltung und in den sich anschließenden
Wochen wurden diverse Projekte entwickelt –
am Ende konnten die Veranstalter bilanzieren,
dass 32 Projektideen im Hackdash eingetragen
worden waren, einer Internetplattform zur
Entwicklung kollaborativ bearbeiteter Projek-
te (https://hackdash.org/dashboards/cdvost).
14 dieser Projekte wurden für die Abschluss-
veranstaltung und Preisverleihung angemel-
det.
Wie ist die aktuelle Bilanz mit Blick auf die
Daten aus den drei sächsischen Archiven?
Die historischen Studierendenunterlagen der
Hochschule für Musik und Theater „Felix Men-
delssohn Bartholdy“ Leipzig aus den Jahren
1843 bis 1893 fanden leider keine Interessen-
ten. Zu den Metadaten (Verzeichnungsinfor-
mationen) von rund 22 000 Firmenakten des
Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu
Leipzig des Sächsischen Staatsarchivs, Staats-
Hackdash zum Coding
da Vinci Ost (Auszug)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 24
archiv Leipzig entstanden zwei Projekte, von
denen das eine im Verlauf des Hackathons
ohne sichtbares Ergebnis eingestellt wurde.
In dem anderen Projekt wird aktuell (Stand
August 2018) noch gearbeitet – hier soll eine
visuelle Darstellung auf der Basis von Open-
StreetMap entstehen, die eine interaktive
Betrachtung ermöglichen soll (Filterung nach
Art des Unternehmens, zeitlicher Horizont).
Die vom Stadtarchiv Leipzig zur Verfügung
gestellten Fotos aus dem Atelier Hermann
Walter aus der Fotosammlung des Stadtar-
chivs schließlich wurden zusammen mit Fotos
aus einer Sammlung des Stadtgeschichtlichen
Museums Leipzig im Projekt „Damals“ verar-
beitet. Sie sind nun geolokalisiert u. a. auf
Wiki Commons zu finden und werden auf
einer Web-Karte beim Klick auf einen Positi-
onsmarker angezeigt (Website:
http://damals.
in/leipzig/).
Soweit der Bericht, aus dem dieser Beitrag ur-
sprünglich nur bestehen sollte. Im Juni 2018
wurde aber bekannt, dass die Kulturstiftung
des Bundes in einem Modul des Programms
„Kultur digital“ den Kultur-Hackathon Coding
da Vinci in den Jahren 2019 bis 2022 mit
1,2 Millionen Euro fördern wird. Damit kön-
nen und sollten sich die Archive auch in den
kommenden Jahren fragen, ob eine Teilnahme
für sie lohnend sein könnte. Hierzu einige An-
merkungen:
1. Die Teilnahme an Coding da Vinci erweitert
den Horizont. Sie führt Akteure aus Archiven,
Bibliotheken, Museen und anderen Gedächt-
nisinstitutionen mit Kreativen v. a. aus den
Bereichen Design und Programmierung zu-
sammen und schafft den Rahmen für einen
intensiven Austausch. Sie kann dazu führen,
die eigenen Daten aus neuen Perspektiven zu
betrachten.
2. Ob die zur Verfügung gestellten Daten Lieb-
haber/innen für die Einbeziehung in Projekten
finden, ist völlig offen und nicht zu steuern
– was natürlich gut und richtig so ist. Und
(wenn überhaupt) in welcher Weise sie genutzt
werden, ist ebenso offen: Daten von verschie-
denen Datengebern oder aus anderen offenen
Internet-Quellen werden kombiniert und krea-
tiv weiterverwendet, wie es zu den Projekten
der Entwicklerinnen und Entwickler passt.
3. Das heißt für die datengebenden Einrich-
tungen: Vielleicht entsteht ein Projekt mit
einem konkreten Nutzen für die Einrichtung –
z. B. eine App, die ein Museum für die muse-
umspädagogische Arbeit nutzen kann. Oder es
entsteht ein Projekt mit einem konkreten Nut-
zen für die allgemeine Öffentlichkeit – so wie
die Website zur Präsentation von 1 400 Kar-
ten des Leibniz-Instituts für Länderkunde e.V.
in Leipzig (https://mprove.de/chronoscope/
leibnizmaps/index.html) oder die beiden Pro-
jekte auf der Basis der „Kartei der Reichsver-
einigung der Juden“ des International Tracing
Service (ITS)
(https://www.its-arolsen.org/nc/
news/news/detailseite/news/innovative-pro-
jekte-und-apps-mit-its-daten/). Wenn es so
kommt, ist das erfreulich – aber darauf setzen
kann man nicht.
4. Die Teilnahme am Vorbereitungstreffen,
der Kick-Off-Veranstaltung und der Preisver-
leihung ist – ohne Fahrzeiten – mit etwa zwei
Tagen zu veranschlagen. Hinzu kommen: Aus-
wahl des Datenbestandes, Klärung der Lizenz-
vergabe und Dateiformate (Meta daten und
ggf. Mediendateien), Erstellung des Daten-
formulars „Datengeber- und Sammlungsin-
formationen“, open-Access-Bereitstellung
der Metadaten und ggf. Mediendateien,
Vorbereitung einer Folie für eine einminütige
Vorstellung („One-Minute-Madness“) sowie
einer zehnminütigen Datenpräsentation für
die Kick-Off-Veranstaltung. Der Zeitaufwand
liegt damit bei mindestens drei Tagen.
5. Über Coding da Vinci wird regional und
überregional berichtet. Im Mittelpunkt der
Berichterstattung stehen die Veranstaltung
selbst und die dabei entstehenden Projekte,
nicht die datengebenden Institutionen. Wenn
ein Archiv die Beteiligung am Kultur-Hacka-
thon für seine allgemeine oder interne Öffent-
lichkeitsarbeit (gegenüber dem Archivträger)
nutzen möchte, muss es dazu selbst aktiv
werden.
6. Sollten sich Archive an Coding da Vinci
beteiligen? Grundsätzlich: Ja! Gegenwart und
Zukunft sind (auch) digital – und Coding da
Vinci ist eine sehr gute Gelegenheit, in kurzer
Zeit viel zu lernen (v. a. über Daten und Mög-
lichkeiten ihrer Aufbereitung und über offene
Lizenzen), über den eigenen Tellerrand hin zu
Bibliotheken, Museen und der freien Program-
mier- und Kreativszene zu schauen und inte-
ressante Kontakte zu knüpfen. Im konkreten
Einzelfall allerdings sind – wie stets – Aufwand
und Nutzen realistisch einzuschätzen und ab-
zuwägen.
Thekla Kluttig
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)
Website zum Projekt DAMALS beim Coding da Vinci

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 25
Kooperation zwischen Sächsischem Staatsarchiv
und Verein für Computergenealogie e.V. trägt
weitere Früchte – über 100000 Einträge der Kartei
Leipziger Familien schon abrufbar
Pünktlich zum Tag der Archive am 3. März
2018 ging das Kooperationsprojekt zwischen
dem Sächsischen Staatsarchiv und dem Verein
für Computergenealogie e.V. „Kartei Leipzi-
ger Familien“ an den Start, um die Kartei von
ehrenamtlichen Erfassern tiefer erschließen
und damit leichter weltweit recherchierbar
machen zu lassen. Diese Kartei ist das Le-
benswerk der früheren Mitarbeiterin der Zen-
tralstelle für Genealogie Helga Moritz, daher
wird sie oft in Genealogenkreisen auch als
„Moritz-Kartei“ betitelt.
Brigitte Helga Moritz wurde am 14. Februar
1926 in Breslau als zweites Kind des Kauf-
manns und Angestellten Walter Erich Willy
Moritz und seiner Frau Klara Gertrud Birner
geboren. Nach dem Schulbesuch, einem Pflicht-
jahr und einer begonnenen Buchhändlerlehre
bei der Firma Trewendt & Granier in Breslau
musste Helga Moritz im Januar 1945 mit der
Familie aus Breslau flüchten und gelangte über
Umwege nach Leipzig. Als Buchhandlungs-
gehilfin arbeitete sie zunächst bei Breitkopf
& Härtel, danach fast 20 Jahre beim Leip-
ziger Kommissions- und Großbuchhandel.
Schon hier kollidierten ihre Bildungs- und
Forschungsinteressen mit ihrem beruflichen
Umfeld, denn dem Wunsch nach verkürzter
Arbeitszeit, um mehr private Zeit zur Erfor-
schung der Leipziger Bevölkerung zu haben,
wurde nicht stattgegeben. So war es nur folge-
richtig, dass sie im Dezember 1965 den Betrieb
verließ, um zunächst als freie Mitarbeiterin im
Staatsarchiv Leipzig der dort angegliederten
Zentralstelle für deutsche Personen- und Fa-
miliengeschichte zur Verfügung zu stehen und
danach als erste festangestellte Mitarbeite-
rin in der am 1. Oktober 1967 gegründeten
Zentralstelle für Genealogie in der DDR tätig
zu werden. Ihr eigentlicher Wunsch nach ei-
nem Studium der Geschichte blieb damit un-
erfüllt, jedoch konnte sie sich nun voll und
ganz der Genealogie widmen. Kirchenbuch-
forschungen, vor allem in den ostdeutschen
Kirchenbuchunterlagen, und zahlreiche Einar-
beitungen von Ahnenlisten
in die Ahnenstammkartei
– das waren die Haupt-
arbeitsgebiete von Helga
Moritz. Im Mittelpunkt aller
ihrer Bestrebungen stand
jedoch stets die Fertigstel-
lung „ihrer“ Kartei Leipziger
Familien, die sie in über
30-jähriger Freizeitarbeit
von 1945 bis 1975 erstellte.
Mit ihr hat sie sich bleibende
Verdienste um die Genealo-
gie einer sächsischen Groß-
stadt erworben.
Sie verarbeitete ca. 200 000
Taufeinträge und ca. 20 000
Traueinträge der Leipziger
Kirchgemeinden St. Nikolai
und St. Thomas von 1580
bis 1850, teilweise bis 1875,
die sie im Kirchlichen Archiv
in Leipzig vorfand. Dazu er-
gänzte sie 150 000 Sterbe-
einträge aus den Leipziger
Ratsleichenbüchern von
1721 bis 1851 sowie alle
Bürgereinträge aus den Bürgerbüchern der
Stadt Leipzig von 1501 bis 1818, die ihr das
Stadtarchiv Leipzig zur Verfügung stellte. Mit
Hilfe eines eigenen phonetischen Alphabets
und einer familienweisen Verkartung der Ein-
träge schuf sie so ein unersetzliches Arbeits-
mittel in einem Umfang von rund 20 000 Kar-
teikarten mit Angaben zu schätzungsweise
über 200 000 Einzelpersonen für alle Familien-
forscher, die in Leipzig ihre Vorfahren hatten.
Ergänzend erarbeitete sie noch eine Konzept-
Kartei zu „Italienern“ in Leipzig (siehe Egbert
Johannes Seidel/Martina Wermes, Kartei Leip-
ziger Familien (Moritz-Kartei). Konzeptkartei
„Italiener“, in: Familie und Geschichte, Heft 3
(2017), S. 289–316).
Die Kartei Leipziger Familien wurde 1993 mit
Mitteln des Bundesinnenministeriums und des
Freistaates Sachsen für die Deutsche Zentral-
stelle für Genealogie (DZfG) erworben. 1998
kam sie in das Staatsarchiv Leipzig (zu dem
die DZfG zu diesem Zeitpunkt bereits gehör-
te), wurde dort in die Bestandsgruppe 13.01
Sammlungen zur Personen- und Familienge-
schichte als Bestand 21959 eingegliedert und
2001 schutzverfilmt. Im Sommer 2017 wurde
die Kartei auf der Grundlage einer Koopera-
tionsvereinbarung mit dem Verein für Com-
putergenealogie e.V. (Compgen) von diesem
digitalisiert. In aufwändigen Vorarbeiten unter
großem persönlichen Einsatz der Compgen-
Vorsitzenden Susanne Nicola mussten die
Vorder- und Rückseiten der Karteikarten
familienweise zusammengeführt werden,
um sie danach den weltweit agierenden ca.
45 Erfassern (Stand: August 2018) online zur
Verfügung stellen zu können. Dies wurde zum
laufenden Prozess erklärt und sukzessive mit
der Indizierung begonnen. Mit ins Boot geholt
wurden Mitglieder der Leipziger Genealogi-
schen Gesellschaft e.V., die sich verstärkt im
Projekt engagieren. Mit Stand vom 18. August
2018, also gut vier Monate nach Start des
Projektes, lagen bereits über 100 000 Einträge
zu rund 8 400 fertigen Karteikartenbearbei-
tungen vor. Eine enorme Leistung der vielen
Freiwilligen, die ein einzelnes Archiv niemals
leisten könnte! Die Buchstaben A, B und P, C,
G und K, D und T sowie E und F sind erfasst,
Von Compgen zusammengefasste Karteikarte (Vorder- und Rückseite)
weitere werden folgen. Eine Karteikarte enthält

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 26
dabei die biografischen Angaben zu einer Fa-
milie mit dem Familienoberhaupt, den dazuge-
hörigen Ehefrauen und allen Kindern, ergänzt
mit Angaben zu den angeheirateten Personen
dieser Kinder und deren Herkunft. Erfasst
werden außerdem Standes- und Berufsan-
gaben, zusätzliche Heirats- oder Arbeitsorte
oder Bemerkungen wie „unehelich“ oder „Tot-
geburt“ etc. Die Vielzahl von Daten verlangte
dem Compgen-Team bei der Erstellung der
DES(Dateneingabesystem)-Maske für diesen
speziellen Fall Außerordentliches ab. Erfahrun-
gen bei der Erfassung der historischen Ster-
beregister der Stadt Köln, Standesamt Mitte I
von 1938 bis 1978, wo bereits 157 000 Daten
aus 10 000 Seiten handschriftlicher Art erfasst
wurden, sowie bei der Indizierung der ca. 900
Juden- und Dissidentenregister des Zeitraums
(1801), 1808 bis 1874 aus dem Personen-
standsarchiv Ostwestfalen-Lippe (Detmold)
halfen bei der Durchdringung der komplizier-
ten Strukturen dieser genealogischen Mate-
rialien und führten letztendlich in Absprache
mit den Archivarinnen des Sächsischen Staats-
archivs zu einem erfolgreichen Anlaufen des
gemeinschaftlichen Crowdsourcing-Projektes.
Als qualitätssichernde Maßnahme ist im Pro-
jekt das Gegenlesen durch die Projektbetreu-
ung festgelegt. Laufend werden verwendete
Abkürzungen aufgelöst und in einer Übersicht
vorgehalten, um Neueinsteigern das Mit-
machen zu erleichtern. Für das Sächsische
Staatsarchiv war es dabei von Anfang an klar,
dass die Daten familienbezogen erfasst wer-
den. Nach Abschluss der Erfassung soll ein
Datenexport aus dem Compgen-System erfol-
gen, damit das Staatsarchiv die Daten auch in
seiner eigenen Infrastruktur nachnutzen kann.
Durch Compgen ist darüber hinaus eine im
Sinne von open access ständig präsente, kos-
tenfreie Nutzung der indizierten Daten auf
seiner Website gewährleistet. Eine allgemein
gültige DES-Bedienungsanleitung mit Video-
Einführung, ergänzt durch eine konkrete, auf
das Projekt bezogene Editionsrichtlinie, sichern
eine einheitliche Indizierung in der offenen
Gruppe aller interessierten Genealogen über
Kontinente hinweg ab. Schwierigkeiten gab
es z. B., weil Helga Moritz zur Dokumentation
der Familien oft Karteikarten verwendete, die
rückseitig bereits benutzt waren. Dies ist da-
ran zu erkennen, dass sich willkürlich Namen
und Orte auf der Rückseite der Karte befinden
(teilweise auch handschriftlich), die aus dem
Zusammenhang gerissen erscheinen. Manch-
mal waren auch Daten anderer Familien ent-
halten, die dann in aller Regel durchgestrichen
sind. Hierzu war es wichtig festzulegen, dass
diese Informationen, die offensichtlich nicht
zu der jeweiligen Familie gehörten, bei der Er-
fassung ausgelassen werden sollten. Beispie-
le veranschaulichen den Mitmachenden, was
gemeint ist und wie sich das Ganze auflöst.
Sind Probleme bei der Erfassung mit Hilfe der
Editionsrichtlinie nicht lösbar, wird der enge
telefonische Kontakt unter den Mitstreitern
gepflegt. Die Richtlinie ist dabei kein starres
Arbeitsinstrument, sondern wird laufend und
zeitnah verbessert. Die Offenheit des Projekts,
seine flexible Handhabung durch alle Beteilig-
ten und das gegenseitige Geben und Nehmen
sind die großen Pluspunkte solcher Mitmach-
projekte. Das Beispiel der „Kartei Leipziger
Familien“ zeigt, dass die Archivarinnen und
Archivare in Sachsen mit geringem Arbeits-
und Betreuungsaufwand viel erreichen kön-
nen, wenn sie auch nach außen als Partner
für die Zivilgesellschaft agieren.
Martina Wermes
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)
Digitalisierte Karteikarte mit indizierten Daten
Projektseite im DES-Bereich von Compgen

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 27
„Problem CSSR“ – SED, Stasi und der „Prager Frühling“
im Bezirk Karl-Marx Stadt. Präsentation des Staats-
archivs Chemnitz und des Stasi-Unterlagen-Archivs
Chemnitz zum Tag der Archive
In diesem Jahr jährt sich zum 50. Mal der „Pra-
ger Frühling“ – Anlass genug für das Sächsi-
sche Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz und
das Stasi-Unterlagen-Archiv Chemnitz zum
bundesweiten Tag der Archive am 3. März eine
weitere gemeinsame Veranstaltung durchzu-
führen. Dabei präsentierten beide Archive
erstmals gemeinsam Dokumente zu den Er-
eignissen 1968 und vermittelten somit einen
exemplarischen Einblick in die Geschehnisse
aus Sicht der DDR-Machthaber im ehemaligen
Bezirk Karl-Marx-Stadt.
Ein Vortrag von Dr. Bernd Florath (BStU),
Führungen durch das Staatsarchiv sowie Be-
ratungen zu den Nutzungsmöglichkeiten der
beiden Archive ergänzten das Angebot der
Veranstaltung mit rund 200 Besuchern. Die
ausgestellten Dokumente konnten noch bis
Ende März im Staatsarchiv und am 5. Mai zur
Museumsnacht in der Außenstelle Chemnitz
des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unter-
lagen (BStU) besichtigt werden.
Deutlich veranschaulichten die regionalen
Fallbeispiele, wie besorgniserregend die da-
maligen Reformen der C
ˇ
SSR für SED und Stasi
waren, wie das „Problem CSSR“ – so der Titel
eines Aktenbandes aus den Beständen des
Staatsarchivs – die Machthaber in der Region
in Alarmbereitschaft versetzte, wie die eigene
Bevölkerung selbst in diesem Zusammenhang
überwacht wurde und welche Repressions-
maßnahmen zum Schutz der SED-Diktatur
unternommen wurden.
SED und Stasi fürchteten, der „Prager Früh-
ling“, für sie eine „Konterrevolution“, könnte
dauerhaft die Oberhand gewinnen und auch
die DDR erreichen, denn mit ihrem Alleingang
war die C
ˇ
SSR zur Hoffnung für Demokratie-
und Freiheitsbestrebungen geworden. So stieß
der Prager Weg hin zu einem „Sozialismus mit
menschlichem Antlitz“ auch in der DDR-Be-
völkerung auf große Sympathie.
Akribisch hielten zahlreiche Inoffizielle Mit-
arbeiter der Stasi Meinungen und Ereignisse
in Betrieben, Universitäten, Kulturbetrieben
oder im errichteten Sperrgebiet entlang der
Grenze zur C
ˇ
SSR fest. Jede noch so kleine
mündlich oder schriftlich geäußerte Kritik an
der DDR, jede Art von Sympathiebekundung
für die Reformen in der C
ˇ
SSR wurde präzise
dokumentiert. Überwachungen, Einschüch-
terungen oder Verhaftungen von Anhängern
des „Prager Frühlings“ und gleichzeitig eine
verstärkte „Immunisierung“ der Bevölkerung
sollten verhindern, dass der „Virus“ für die
DDR-Führung gefährlich würde.
Die Besetzung der C
ˇ
SSR in der Nacht vom
20. auf den 21. August begrub – auch in der
DDR – alle Hoffnungen auf demokratische Re-
formen. Hilflosigkeit, Enttäuschung, Wut und
Entrüstung breiteten sich aus. Ein Gefühl, das
auch 50 Jahre später noch bei anwesenden
Zeitzeugen im Staatsarchiv zu spüren war.
Annette Zehnter
(Der Bundesbeauftragte für die Unter-
lagen des Staatssicherheitsdienstes der
ehemaligen DDR, Außenstelle Chemnitz)
Flugblatt aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt (BStU, MfS,
BV Karl-Marx-Stadt, Ast 1486/69, S. 15)
Protestbekundung im Bezirk Karl-Marx-Stadt (BStU, MfS, BV Karl-Marx-Stadt, ASt 742/69, S. 4)
Aufruf der tschechoslowakischen Bevölkerung an die
Bürger der DDR (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv
Chemnitz, 30524 Staatsanwalt des Kreises Zschopau, Nr. 1)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 28
Rezensionen
Hannes Berger, Sächsisches Archivgesetz,
Kommentar, Hamburg: Verlag Dr. Kovac,
2018 (Schriftenreihe Recht der neuen
Medien, Band 77)
Juristische Kommentare zu den Archivgeset-
zen der Länder fehlten bisher in der ansonsten
langen „Veröffentlichungsliste“ der Archiv-
Community. Leider ist auch der von Siegfried
Becker und Klaus Oldenhage bereits im Jahr
2006 erschienene Kommentar zum Bundes-
archivgesetz seit der umfassenden Novellie-
rung des Gesetzes im letzten Jahr nicht mehr
aktuell. Diese „Lücke“ schließt der Thüringer
Rechtswissenschaftler Hannes Berger mit ei-
nem Kommentar zum Sächsischen Archivge-
setz (SächsArchivG). Er ist Mitherausgeber der
Zeitschrift für Landesverfassungsrecht und
Landesverwaltungsrecht, die zum Ziel hat, das
Öffentliche Recht der sechzehn Bundesländer
zu vermitteln sowie aktuelle Entwicklungen
– auch rechtsvergleichend – zu begleiten. In
Aufsätzen hat sich Hannes Berger bisher un-
ter anderem mit dem Hochschul-, Bibliotheks-
und Archivrecht auseinandergesetzt.
In einer treffenden Einleitung zu Stellung
und Stand der Archivrechtswissenschaft
in Deutschland bringt er die aktuellen Her-
ausforderungen des Archivwesens zwischen
Digitalisierung, Europäisierung und Grund-
rechtsausgleich auf den Punkt. Berechtigter-
weise und in aller Bescheidenheit erhebt der
Autor neben der juristischen Kommentierung
der einzelnen Paragrafen des SächsArchivG
auch den Anspruch, die demokratiefördern-
de Funktion der Archive sowie ihre Funktion
der „Informierung der Öffentlichkeit als Vor-
aussetzung für eine gebildete, maßvolle und
reflektierte politische Meinungsbildung zu
fördern und zu unterstützen“. Diesem gene-
rellen Anspruch bleibt sich Hannes Berger bei
der Kommentierung der einzelnen Paragrafen
treu. Jedem Paragrafen sind Literaturangaben
vorangestellt, die den jeweiligen Regelungs-
gegenstand in der rechtswissenschaftlichen
und archivwissenschaftlichen Literatur über
Sachsen hinaus behandeln.
Seine Stärken entwickelt der Kommentar in
den Passagen, in denen verfassungs- und ver-
waltungsrechtliche Aspekte und Regelungs-
zusammenhänge des Archivwesens behandelt
werden. Schwächen bestehen bei den archiv-
wissenschaftlichen Inhalten. Das ist nachvoll-
ziehbar, schließlich ist der Autor Jurist und
kein Archivar. Leider erschien der Kommentar
im Mai 2018 zu früh, um die Anpassungen
des SächsArchivG an die EU-Datenschutz-
Grundverordnung aufzugreifen (siehe dazu
den Beitrag in diesem Heft). Infolgedessen
ist insbesondere die Kommentierung des § 6
schon jetzt nicht mehr aktuell.
Folgende Inhalte des Kommentars fallen auf
und sollen deshalb in positiver wie in negativer
Hinsicht besonders hervorgehoben werden:
– Eine Besonderheit der öffentlichen Archive
der ostdeutschen Bundesländer ist in ihrer
Zuständigkeit für Unterlagen der Partei- und
Massenorganisationen sowie der volkseige-
nen Wirtschaft der DDR zu sehen. Die Rege-
lung dieser archivischen Zuständigkeit wur-
de in den Landesparlamenten zu Beginn der
1990er Jahre – nicht zuletzt unter dem Ein-
druck der Diskussion zu Verbleib und Nut-
zung der Stasi-Unterlagen – politisch inten-
siv diskutiert. Vor diesem Hintergrund wäre
eine eingehendere Auseinandersetzung mit
den Gesetzesmaterialien in der Kommentie-
rung zu § 4 Absatz 2 (S. 45) und § 5 Absatz 4
(S. 76) wünschenswert gewesen.
– In der Kommentierung zur Anbietungs-
pflicht des § 5 Absatz 1 SächsArchivG
werden aktuelle Bezüge zu bekannt gewor-
denen Aktenvernichtungen oder -manipu-
lationen hergestellt, um die Notwendigkeit
einer nachträglichen Überprüfung des
Behördenhandelns zu unterstreichen. Die
Kommentierung enthält darüber hinaus in-
teressante Ansätze zur verwaltungsprozes-
sualen Durchsetzung der Anbietungspflicht
im sogenannten Organstreitverfahren
(S. 58), die weiter verfolgt werden sollten.
– In einer anderen Veröffentlichung (Kommu-
nalJurist 5/2017, S. 169–172) hat sich Hannes
Berger bereits mit Öffentlichen Registern
und Verwaltungsinformationssystemen
auseinandergesetzt. Das kommt in der Kom-
mentierung zu § 5 Absatz 1 Sätze 3 und 4 (S.
64) im Hinblick auf die Anbietungspflicht für
elektronische Unterlagen, die laufend aktua-
lisiert werden, zum Tragen, die kenntnisreich
eine Vielzahl öffentlicher Register und Ver-
waltungsinformationssysteme anspricht.
– In der Kommentierung zu § 5 Absatz 7 setzt
sich der Autor intensiv mit dem Referenz-
modell „Open Archival Information System“
und dem elektronischen Staatsarchiv des
Sächsischen Staatsarchivs auseinander, das
auf diesem Referenzmodell beruht.
– Bei § 9 Absatz 1 ist in verfassungsrechtlicher
Hinsicht seine Begründung des Archivzu-
gangs als einfachgesetzliche Ausprägung
des Grundrechts auf Informationsfreiheit
hervorzuheben (S. 123).
– Die Anwendung der §§ 9 und 10 verlangen
in der Archivpraxis durchaus tiefere Kennt-
nisse des allgemeinen Verwaltungsrechts.
Gerade für kleinere Archive kann der Kom-
mentar in dieser Hinsicht eine wertvolle
Hilfestellung sein, um die komplexen Rege-
lungszusammenhänge nachzuvollziehen, die
unbestimmten Rechtsbegriffe rechtssicher
anzuwenden und bei den vorgeschriebenen
Abwägungsprozessen alle Abwägungsin-
teressen verhältnismäßig in Einklang zu
bringen. Die Kommentierung ist insofern
klar strukturiert und spricht alle wichtigen
Problemkreise an.
– § 13 ist die wesentliche Vorschrift für das
kommunale Archivwesen im Freistaat Sach-
sen, die nach Auffassung von Hannes Berger
„etwas umfangreich“ geraten ist (S. 196).
Während er ausführlich das sogenannte
monistische Aufgabensystem erläutert, also
freiwillige Aufgaben der Gemeinden von
Pflichtaufgaben und Pflichtaufgaben zur
Erfüllung nach Weisung abgrenzt, übergeht
er bei § 13 Absatz 2 leider die beiden Vari-
anten, eigene oder gemeinsame Archive in
öffentlich-rechtlicher Form zu unterhalten.
In diesem Zusammenhang wären zumindest
kurze Ausführungen über die Möglichkeiten
der kommunalen Zusammenarbeit auf der
Grundlage des Sächsischen Gesetzes wün-
schenswert gewesen.
Trotz der erwähnten Desiderate ist der Kom-
mentar zum Sächsischen Archivgesetz ein
wichtiger Beitrag zu Fortentwicklung des
Archivrechts in Deutschland, auch wenn an
der einen oder anderen Stelle eine die Archiv-
gesetze des Bundes und der Länder verglei-
chende Perspektive hilfreich gewesen wäre.
Für die Archivpraxis im Freistaat Sachsen ist
er insbesondere für die Vielzahl an kleineren
Archiven eine wertvolle Arbeitshilfe.
Silke Birk
(Sächsisches Staatsministerium
des Innern)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 29
Erwin Frauenknecht/Gerald Maier/
Peter Rückert (Hrsg.), Das Wasserzeichen-
Informationssystem – Bilanz und Per-
spektiven. Beiträge der gleichnamigen
Tagung in Stuttgart am 17. und 18.
September 2015, Landesarchiv Baden-
Württemberg, Stuttgart: Verlag
W. Kohlhammer, 2017, 218 S., 92 Abb.,
1 Tabelle, klebegebunden, kartoniert,
ISBN 978-3-17-031538-9, 22,00
Die Erfassung von Wasserzeichen, die Online-
stellung der Daten und deren Nutzung ge-
hören heute zum Alltag der wissenschaftli-
chen Arbeit u. a. in den Handschriftenzentren
Deutschlands. Dieses Bild vermitteln die ins-
gesamt 16 Beiträge des hier vorzustellenden
Tagungsbandes.
Beeindruckend wird dabei unter Beweis ge-
stellt, was erreicht werden kann, wenn einzel-
ne Pioniere wie Gerhard Piccard in Stuttgart
vorweggehen, andere mit ihrem Arbeitsergeb-
nis überzeugen und schließlich zur Fortset-
zung und Weiterentwicklung des Erreichten
bewegen, wenn ergänzend die Möglichkeiten
der Informationstechnologie konsequent und
beharrlich mit dem Willen genutzt werden,
weiterhin Zeit und Geld zu investieren. Hier
hat sich über die letzten Jahrzehnte nicht zu-
letzt das Landesarchiv Baden-Württemberg
als Kompetenzzentrum für die Filigranologie
dauerhaft verdient gemacht. So ist die Tagung
2015 auch bereits die dritte Veranstaltung
dieser Art, die in Stuttgart Experten aus dem
In- und Ausland versammelt hat. Bei dem
DFG-geförderten Projekt zum Aufbau des
Wasserzeichen-Informationssystems (WZIS)
www.wasserzeichen-online.de
– war das
Landesarchiv wesentlicher Projektpartner ne-
ben weiteren sechs Institutionen und ist dabei
einziger Vertreter des Archivwesens.
Wie Gerald Maier und Peter Rückert vom
Landesarchiv Baden-Württemberg ausfüh-
ren, wurden bereits im
Bernstein-Projekt
– Memory of the World
die über Jahrzehnte
gesammelten Daten europäischer Institutio-
nen grenzüberschreitend zugänglich gemacht.
Übergreifende Recherchen waren jedoch
wegen der nicht einheitlich angelegten Da-
tensätze nur sehr eingeschränkt erfolgreich.
Auf den Erfahrungen der vorausgegangenen
Arbeiten aufbauend wurde in den Jahren 2010
bis 2014 mit dem WZIS ein weiterentwickel-
tes Erfassungstool geschaffen und online
zugänglich gemacht, mit dem die benötigte
Homogenisierung durch Normung der Er-
schließungselemente verbessert werden
konnte. Auch sind zusätzliche Funktionen
bereitgestellt worden: So bietet das WZIS die
Möglichkeit, einem Wasserzeichen mehrere
Abbildungen zuzuordnen, um die Ergebnisse
unterschiedlicher Reproduktionsmethoden
wie Durchzeichnung, Abreibung, Radiographie
oder Thermographie parallel wiedergeben zu
können. Weiter wird die Zusammenführung
von fragmentarischen Wasserzeichenabbil-
dungen technisch unterstützt, wenn diese
durch ihre Anordnung in den Falzbereichen
von gebundenem Schriftgut nicht vollständig
einsehbar sind.
Der fächer-, institutions- und länderübergrei-
fend kooperative Ansatz ist im Bereich der
Filigranologie von besonderer Bedeutung,
u. a. da nur mit einer ausreichend großen und
aussagekräftigen Referenzmenge die oftmals
angestrebte Papierbestimmung möglich wird.
Es ist daher sicherlich sehr zu begrüßen, dass
mit Hilfe des WZIS die Onlineverfügbarkeit
entsprechender Daten weiter angewachsen ist
und immer mehr, wie Corinna Meinel von der
Universitätsbibliothek Leipzig es formuliert,
„weiße Flecken auf der papiergeschichtlichen
Landkarte verschwinden“. Mehrere Beiträge
des Tagungsbandes schildern den jeweils ins-
titutionsspezifischen Ansatz bei der Anwen-
dung und Nutzung des WZIS.
Dabei verweist Martin Kluge von der Basler
Papiermühle darauf, dass „Wasserzeichen […]
weder angebracht [wurden], um Papiere mit
ihrer Hilfe später einmal datieren oder ihren
Herstellungsort lokalisieren zu können, noch
ihre Motive willkürliche Verzierungen [sind].
Sie sind bewusst gewählte Zeichen einer
produzierenden Mühle, eingesetzt mit einer
Botschaft, deren Code von zeitnahen Anwen-
dern des Papiers verstanden werden sollte.
Dabei unterliegen sie klaren Richtlinien und
Konventionen.“ Damit werden gleichermaßen
die Grenzen und die Chancen der Erforschung
von Wasserzeichen angesprochen. Mehr als
jedes andere Merkmal von Papier fordern sie
uns unmittelbar auf, die Kontextinformatio-
nen, die in der Materialität einer historischen
Quelle ihren Niederschlag gefunden haben,
wahrzunehmen und zu deuten.
Dass diese Kontextinformationen oft in
noch weit unscheinbareren Details als den
Wasserzeichen verborgen liegen, findet in
den Ausführungen des Abendvortragenden
Mark Mersiowsky vom Historischen Institut
der Universität Stuttgart beredten Ausdruck.
Er thematisiert in seinem Beitrag zur Mate-
rialität mittelalterlicher Briefe nicht nur die
Stofflichkeit der jeweiligen Schriftträger son-
dern auch das Format und die Nutzungs- und
Aufbewahrungsform. Dabei stellt er fest, dass
„restauratorische Unsensibilität“ dazu geführt
habe, dass „das Nebeneinander von Formen
und die Form, in der diese […] Belege aufbe-
wahrt wurden, nur selten noch zu sehen [sind.]
[…] Dem Wissen der Zeit nach fachgerechte
archivarische Verwahrung zerstört manchmal
die Evidenz, die wir für materialwissenschaft-
liche Untersuchungen brauchen.“ Auch wenn
dies wegen der widerstreitenden Anforderun-
gen des archivischen Alltages nicht immer
vermeidbar sein wird, so lohnt es doch, diesen
Hinweis als Mahnung ernst zu nehmen. So
wird hier auf eine Gefahr hingewiesen, der wir
vor allem dann zu unterliegen drohen, wenn
archivalische Quellen auf ihren sogenannten
Informationsgehalt – im Sinne der jeweiligen
Text- und vielleicht noch Bildinformation –
beschränkt betrachtet werden.
Kenntnisse über die Materialität und deren
Aussagekraft sind die Basis für sachgerech-
tes restauratorisches Handeln. So ist es nicht
überraschend, dass Irene Brückle, Professorin
des Studiengangs Konservierung und Restau-
rierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv-
und Bibliotheksgut an der Staatlichen Akade-
mie der Bildenden Künste Stuttgart, in ihrem
Beitrag „Papier als Kulturgut systematisch
betrachtet“ auf die diesbezügliche Expertise
wissenschaftlich ausgebildeter Restauratoren
hinweist. Sie wirbt damit dafür, diese Expertise
bei der Erforschung historischer Quellen und
bei Handlungsentscheidungen im Umgang
mit Kulturgut verstärkt zu nutzen.
Der Leser des Tagungsbandes erhält viel-
schichtige Einblicke in die wissenschaftliche
Arbeit mit Wasserzeichen. Den Ausgang hat
dieses Forschungsgebiet genommen in der
Arbeit mit mittelalterlichen und frühneuzeit-
lichen Papierdokumenten. Ob und, wenn ja,
wie es gelingen wird, die hier gewonnenen
Kompetenzen für die papiergeschichtliche
Forschung auf die weit umfangreichere jün-
gere Überlieferung zu übertragen, bleibt mit
Spannung abzuwarten. Neben dem inhalt-
lichen Fokus ist es aber sicherlich auch der
kooperative Ansatz einer – dezentralen und
dennoch einheitlichen Grundsätzen folgenden
– Erschließungsarbeit, der beispielgebend für
andere Arbeitsgebiete sein kann.
Barbara Kunze
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 30
Marcel Lepper/Ulrich Raulff (Hrsg.),
Handbuch Archiv. Geschichte, Aufgaben,
Perspektiven, Stuttgart:
J. B. Metzler Verlag, 2016,
ISBN 978–3–476–02099–4
Archive muss man verstehen. Das gilt unab-
hängig davon, ob man sich ihnen aus kultur-
wissenschaftlicher oder berufspraktischer
Perspektive nähert, sie als Gegenstand der
Medientheorie oder im Kontext geschichts-
wissenschaftlicher Propädeutik betrachtet.
Der in den letzten Jahren oft genug berufene
‚archival turn‘ der Geisteswissenschaften hat
jedenfalls deutlich gemacht, dass fundiertes
Wissen über die Prinzipien des Archivierens
und die spezifische Konsistenz von Archivgut
auf vielen Ebenen gefragt sind.
Vor diesem Hintergrund macht das „Handbuch
Archiv“ ein verlockendes Angebot: Es will die
Archive „les- und verstehbar“ machen, „meta-
phorische Kurzschlüsse“ vermeiden und den
„Graben wechselseitiger Missverständnisse“
zwischen der „Theoriekarriere der Rede vom
‚Archiv‘ und der institutionellen Praxis der
Archive reflektiert [...] überbrücken“. Zugleich
sollen dabei die unterschiedlichen „Archiv-
zugänge“ von „Theoretikern und Praktikern
[...] profiliert werden“ (S. IX). In 27 Einzelbei-
trägen und 6 Kapiteln widmen sich Autoren
verschiedener Herkunft der „Erfindung des
Archivs“ (I), der „Archivgeschichte“ (II), der
„Archivpolitik“ (III), dem „Archivmaterial“ (IV),
den „Archivpraktiken“ (V) und der „Produkti-
vität des Archivs“ (VI).
Was der Band unter praxisbezogener Refle-
xion von philosophischen Ansätzen versteht,
zeigt am besten der erste Abschnitt, der sich
unter anderem mit der „Idee des Archivs“,
der „archivarischen Gewaltenteilung“ und
„Archivproblemen“ befasst. Hier werden bei-
spielsweise die „konzeptuellen und ideenge-
schichtlichen Prozesse, die sich in Archiven
vollziehen“ (S. IX), beleuchtet und gedanklich
mit Praxisfragen wie der Zugänglichkeit,
dem Kulturgutschutz oder der Stellung des
Bundesbeauftragten für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen
Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
verknüpft. Hermann Lübbe beschreibt unter
anderem die „Präzeption“ der Überlieferung
durch die Archive und stellt sie – im Kont-
rast zur Rolle des Archivars Winston Smith in
George Orwells Roman ‚1984‘ – „als eine neue
und zusätzliche Teilung staatlicher Gewalten“
heraus (S. 9 f.). Der Artikel über „Archivpro-
bleme“ etwa befasst sich mit grundlegenden
Arbeitsprinzipien des Archivs („Ablegen und
Wegwerfen“, „Suchen und Finden“, „Wille zur
Ordnung“) aus philosophischem Blickwinkel.
Durch einen eher funktionalen Fokus zeich-
net sich der Abschnitt zur „Archivpolitik“ aus,
dessen Beiträge sich den Sparten und Auf-
gaben der Archive („Archivlandschaft“), ins-
besondere den Staatsarchiven („Archivische
Grundversorgung“), ihren rechtlichen Rah-
menbedingungen und ihrer politischen Rele-
vanz widmen. Gleiches gilt für den Abschnitt
über die „Archivpraktiken“, die sich den archi-
vischen Kernaufgaben („Bestandspolitik“, d. h.
Bestandbildung und Überlieferungsbildung,
Erschließung und Bestanderhaltung) widmen.
Die Sphäre der Quellenkunde berührt das
Kapitel „Archivmaterial“, das sich nach ei-
nem Abschnitt über die Medialität von Ar-
chiven der Gattung der Akten – freilich aus
einer medienwissenschaftlichen, nicht einer
historisch-grundwissenschaftlichen Richtung
– annähert. Es folgen Artikel zu Nachlässen,
Sammlungen, Pressearchiven, audiovisuellem
Archivgut und der Archivierung elektronischer
Unterlagen. Der Abschnitt zur „Produktivität
des Archivs“ nimmt abschließend die „Pers-
pektive der externen Akteure“ ein, „die auf das
Archiv treffen“ (S. IX). Neben der Figur des
Literaten, der sich als Gestalter sein eigenes
Archiv schafft, stehen hier die Historiker und
Philologen und ihre praktische Arbeit im Ar-
chiv im Mittelpunkt.
Im Ganzen hinterlässt der Band einen zwie-
spältigen Eindruck. Manchen Beiträgen ge-
lingt die ‚Erdung’ medientheoretischer Denk-
ansätze weniger gut, ebenso wie in einigen
Artikeln aus der Feder von Praktikern der phi-
losophische Überbau fehlt, so dass die Har-
monisierung von Medien- und Kulturtheorie
einerseits mit der archivpraktischen Sicht an-
dererseits an ihre Grenzen stößt. An manchen
Stellen drängt sich zudem die Perspektive spe-
zieller Archivsparten allzu sehr in den Vorder-
grund. Archivpraktiken, die erst in jüngerer
Zeit an Bedeutung gewonnen haben, fanden
noch keine Berücksichtigung. Kaum proble-
matisiert werden etwa die Herausforderungen
der Digitalisierung und ihre vielfältigen Aus-
wirkungen auf archivische Arbeitsmethoden
oder die Frage nach den Konsequenzen wach-
sender Online-Präsenz für die Kommunikation
zwischen den Archiven und ihren Benutzern.
Ebenso befremdlich mutet es an, dass der Be-
reich der historisch-politischen Bildungsarbeit
ausschließlich durch einen Beitrag zur ana-
logen Ausstellungspraxis repräsentiert wird,
die für die meisten Archive kaum je relevant
gewesen sein dürfte. Ausgesprochen positiv
wiederum hervorzuheben ist nicht nur die
ausführliche Behandlung der elektronischen
Unterlagen in einem eigenen Artikel, sondern
auch die Tatsache, dass dieser im Abschnitt
über die „Archivmaterialien“ angesiedelt, mit-
hin in den Kontext der Quellenkritik eingeord-
net wurde.
Den umfassenden Anspruch eines Handbuchs
kann der Band nicht ganz erfüllen. Dennoch
bündelt er ein breites Spektrum methodischer
Zugänge zum Archiv und hebt sich damit von
anderen Angeboten auf dem Buchmarkt ab,
die meist ausschließlich hilfswissenschaftlich,
geschichtspropädeutisch oder archivkundlich
orientiert sind. Vor allem können jene Artikel,
denen es tatsächlich gelingt, mit anschauli-
chen Praxisbezügen die Barriere zwischen
Theorie und institutioneller Praxis zu über-
winden, dazu beitragen, bei ihren Lesern das
Bewusstsein für die gesellschaftliche Relevanz
von Archiven zu stärken. Wenngleich der Band
ausdrücklich kein „Handbuch der Archivkun-
de oder der historischen Propädeutik“ (S. VIII)
sein will, gilt das auch für Archivare und
Historiker, die verstehen wollen, warum his-
torische Quellenkritik auch das Wissen über
Archivstrukturen, archivarische Methodik und
deren Auswirkung auf heuristische Prozesse
voraussetzt.
Peter Wiegand
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 31
Die Elektronische Akte in der Praxis –
Ein Wegweiser zur Aussonderung,
nestor materialien 20, 2018
Die Digitalisierung schreitet seit geraumer Zeit
voran und durchdringt immer mehr Alltag und
Arbeitsalltag, nicht zuletzt durch geschaf-
fene Grundlagen wie das E-Government-
Gesetz und die Digitalisierungsstrategie des
Freistaats Sachsen. Typische, bewährte Ar-
beitsinstrumente, wie v. a. in der öffentlichen
Verwaltung die Akte, werden ins Digitale über-
nommen. Bekanntlich gibt es nicht die eine,
sondern verschiedene Ausprägungen dieses
Unterlagentyps: Sach-, Serien-, Fallakte … Im
Digitalen bleibt diese Vielfältigkeit bestehen.
Dazu kommt nun die Herausforderung, diese
digitalen Unterlagen aus dem jeweiligen Quell-
system auszusondern – sowohl aus fachlicher
als auch aus technischer Perspektive.
Für die Theorie gibt es Anforderungskata-
loge zur Einführung von E-Akten-Systemen
oder Erhebungen zu Produkten (z. B. eine auf
Anbieterselbstauskünften beruhende Um-
frage des Kompetenzzentrums öffentliche IT
„Die elektronische Akte (E-Akte) Anbieter-
befragung“,
http://www.oeffentliche-it.de/
eakte, Stand: 13.02.2017). Zudem finden re-
gelmäßige Tagungen zur E-Akte, auf denen
vereinzelt Praxisfälle skizziert werden, statt.
Doch wird bei einem Blick in die Praxis auch
deutlich, dass Definitionen und Meinungen
darüber, was eine E-Akte sein kann, weit aus-
einandergehen. Gewiss unterscheiden sich
Akten hinsichtlich ihres Zwecks, wie bereits
angedeutet, doch kommen durch die Digi-
talisierung nun noch weitere Bausteine im
Kontext der Unterlagenentstehung hinzu.
Durch neue Werkzeuge und Unterlagenty-
pen wie z. B. Fachverfahren, Systeme zur
Vorgangsbearbeitung oder Zusammenarbeit
(s. z. B.
https://www.verwaltung-innovativ.de/
DE/E_Government/orgkonzept_everwaltung/
orgkonzept_everwaltung_node.html ) entste-
hen folglich Inhalte, die mitunter gar nicht im
klassischen Sinne veraktet, sprich in die Akte
aufgenommen werden. Was und wie wird in
Akten elektronisch (ab-)gebildet? Unabhängig
davon, ob es einen Zwischen- bzw. sogenann-
ten Langzeitspeicher für die Aufbewahrungs-
phase z. d. A.-verfügter E-Akten gibt, gilt es,
diese nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist
auszusondern, sprich aus dem Quellsystem
herauszuholen. Leichter gesagt, als getan. Wo
existieren Eventualitäten oder gar Fallstricke?
Hier setzt die Arbeitsgruppe E-Akte des nes-
tor-Netzwerks (Kompetenznetzwerk Lang-
zeitarchivierung/Kooperationsverbund zur
digitalen Archivierung) an und hat sich dazu
in den letzten zweieinhalb Jahren in mehre-
ren Arbeitssitzungen auf Basis von Praxis-
erfahrungen ausgetauscht und diese für
einen Wegweiser zur Aussonderung zusam-
mengetragen. Anfang 2018 ist der Wegweiser
erschienen und steht allen Interessierten
zum kostenlosen Download auf der Website
von nestor zur Verfügung (nestor-Material
20,
http://files.dnb.de/nestor/materialien/
nestor_mat_20.pdf).
Der Wegweiser versteht sich als „ersten Auf-
schlag“ und „work in progress“. Die AG ruft zur
Mitarbeit bzw. Weiterentwicklung des Weg-
weisers auf. nestor an sich ist ein freiwilliges
Netzwerk zum Austausch über digitale Archi-
vierung im deutschsprachigen Raum.
Was erwartet den Leser des Dokuments? Der
Wegweiser bündelt wesentliche Fragen und
praktische Hinweise zum Thema Aussonde-
rung von E-Akten aus E-Akten-Systemen,
die bis dato innerhalb der AG bzw. bei ihren
Teilnehmern aufgetreten sind. Der Blick in
die Praxis bzw. Ist-Stände unterscheidet den
Wegweiser von bisherigen theoretischen
bzw. prospektiven Anforderungskatalogen
und Erhebungen zur Einführung von diesen
Systemen.
Der Wegweiser dokumentiert, welche Aus-
prägungen E-Akten als Unterlagenart in und
welche Auswirkungen dies auf eine Ausson-
derung aus diesen Systemen haben können.
Die Informationsbasis generiert sich dabei aus
exemplarischen Praxisfällen. In der AG wur-
den vier Systeme detailliert analysiert, eine
aktuelle Übersicht über potentielle Systeme
umfasst hingegen knapp 30 Produkte, s. o.
Anzumerken bleibt, dass einige AG-Teilnehmer
denselben Systemanbieter nutzen. Gegenüber
Soll-Zuständen sollen somit Diskrepanzen
aufgedeckt und Hinweise für weitere System-
einführungen gegeben werden.
Inhaltlich ist das Dokument zweigeteilt:
Hauptteil bzw. Kernstück bildet der eigentliche
Wegweiser. Ergänzend dazu stehen wie üblich
Einleitung, Ausblick und Glossar. Optisch bzw.
formal grenzt sich der Hauptteil dadurch ab,
dass er tabellarisch gestaltet wurde, um eine
schnelle Übersicht zu erhalten und gleichzeitig
die Funktion einer Checkliste zu erfüllen.
Die inhaltlichen Hauptkategorien orientieren
sich am aktiven Lebenszyklus einer E-Akte:
„Anlage, Ablage und Verwaltung“ sowie „Aus-
sonderung“. Die Kategorie „Anlage, Ablage
und Verwaltung“ gliedert sich wiederum in
die Unterkategorien „System“, „Struktur“ (hier
Aktenstruktur) sowie „Objekt“. Jede (Unter-)
Kategorie umfasst eine Anzahl bestimmter
Merkmale (z. B. eindeutige Identifikatoren,
Dateiformate, Metadaten), wobei diese in-
nerhalb des Wegweisers mehrfach auftreten
bzw. auch einer anderen Kategorie zugeord-
net werden können. Kategorienauswahl und
Merkmalszuordnung verstehen sich als eine
von vielen Herangehensweisen bzw. Perspek-
tiven auf das Thema. Zur Orientierung dient
eine Mindmap der Kategorien und Merkmale
(s. Abbildung). Merkmale wiederum umfassen
Erläuterungen und Fragen mit Blick auf mög-
liche Auswirkungen bei einer Aussonderung.
Auch das Nichtvorhandensein eines Merkmals
führt gegebenenfalls zu Konsequenzen; auch
dies dokumentiert der Wegweiser. Sofern
AG-Teilnehmer Aussagen zu Praxisfällen ma-
chen konnten, sind diese ebenfalls vermerkt
und können als Ansprechpartner verstanden
werden.
Mit dem Wegweiser liegt nun ein kompak-
ter, bundesweiter und archivspartenüber-
greifender Überblick zum Thema E-Akte aus
archivischer Sicht vor, der sich sowohl an
Archivare und abgebende Stellen als auch
an Systemhersteller und Berater richtet. Eine
Informations- und Diskussionsbasis ist somit
geschaffen und soll zu weiterem Austausch
und Ergänzung durch Interessierte anregen.
Stephanie Kortyla
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Im Wegweiser diskutierte Aspekte, hier in einer Mindmap für eine kompakte Übersicht zusammengestellt

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2018 | 32
Georg Büchler (Hrsg.), Beiträge der
21. Jahrestagung der Arbeitskreises
‚Archivierung von Unterlagen aus
digitalen Systemen‘, Basel, 28. Februar
und 1. März 2017, in: Informations-
wissenschaft – Theorie, Methode und
Praxis, 2018-1, https://bop.unibe.ch/iw/
issue/view/784, ISSN 2297-9069
Bei der Tagung des Arbeitskreises „Archivie-
rung von Unterlagen aus digitalen Systemen“
(AUdS) handelt es sich um die aktuell wich-
tigste zur digitalen Archivierung im deutsch-
sprachigen Raum. Der Tagungsband umfasst
Berichte zu einem Großteil der gehaltenen
Vorträge. Ergänzend können ein Tagungsbe-
richt im Archivar 2-2017
(http://www.archive.
nrw.de/archivar/hefte/2017/Ausgabe-2/
Archivar-2_2017.pdf) sowie die Vortragsfolien
(https://www.staatsarchiv.sg.ch/home/auds/
21.html) hinzugezogen werden.
Neben Grundsatzüberlegungen und Model-
len u. a. zu zukünftigen Nutzern (Designated
Community) sowie zur Finanzierung digitaler
Archivierung im Verbund bieten Praxisberichte
Einblicke in Auffälligkeiten bei Dateiformaten
und Übernahme von Daten aus Fachverfahren
sowie von Webressourcen. Im Folgenden wer-
den zwei Artikel näher betrachtet.
Christian Keitel (Landesarchiv Baden-Würt-
temberg) erörtert das aus dem OAIS-Refe-
renzmodell bekannte Konzept der Designated
Community (DC), in dem zukünftige Nutzer
und deren Ansprüche an digitalen Objekte
im Fokus stehen, und geht dabei auf dessen
Entstehung und Notwendigkeit für die Archi-
vierung genuin digitaler Unterlagen ein. Er
zeigt dabei zunächst Unklarheiten bei Defi-
nitionen von DC auf und setzt das Konzept
in einen größeren Kontext klassischer (deut-
scher) archivwissenschaftlicher Theorien, um
somit auch Gegensätze sichtbar zu machen.
Anschließend versucht er, Lösungen zu finden,
indem er das Konzept erläutert und erweitert,
so z. B., warum DC im Zusammenhang mit
Nutzungszielen bzw. -szenarien sowie sig-
nifikanten Eigenschaften von Objektgruppen
zu sehen sind. Er zerlegt das Konzept in zwei
Komplexe: Zum einen müssen Möglichkeiten
zur Bestimmung von DC vorhanden sein (was
versteht die jeweilige Einrichtung unter DC)
und zum anderen muss davon separat die
Funktion von DC im archivischen Entschei-
dungsfindungsprozess gesehen werden (z. B.
bei der Bewertung). Wichtig laut Keitel ist es,
in einer Policy festzuhalten, was die jeweilige
Einrichtung unter DC versteht, und er weist
darauf hin, dass immer eine gewisse Subjekti-
vität gegeben ist. DC ist demnach als Kompass
zu verstehen. Keitels Fazit ist, dass bisher kein
stimmiges, brauchbares Bild von DC in der
Praxis bzw. Community zu erkennen ist, be-
fürwortet gleichzeitig weiterhin das Konzept
und schließt mit Beispielen aus der Praxis. In
dem Zuge empfiehlt er das nestor-Material
„Leitfaden zur digitalen Bestandserhaltung“,
hier v. a. „Anhang A: Mögliche Eigenschaften,
Zielgruppen und Nutzungsziele von Informa-
tionstypen“ zur weiteren Lektüre.
Martin Kaiser, Claire Röthlisberger-Jourdan
und Georg Büchler (Koordinationsstelle für
die dauerhafte Archivierung elektronischer
Unterlagen/KOST, Schweiz) erläutern eine
praktisch durchgeführte Analyse eines selbst
erstellten Dateikorpus im Hinblick auf eine
Empfehlung für das Dateiformat TIFF, zu dem
es aktuell eine Baseline-TIFF-Spezifikation
gibt, jedoch keinen ISO-Standard. TIFF ist eines
der am häufigsten auftretenden Formate im
Bereich der unkomprimierten Bilder. Es kann
angepasst werden und ist flexibel nicht nur
hinsichtlich der Einbettung von Metadaten
(-standards), was insgesamt eine hohe Kom-
plexität der Objekte an sich bewirken kann.
Im hiesigen Beitrag geht es um die Zusam-
mensetzung des zunächst aufzubereitenden
Dateikorpus (mehrere Millionen Dateien dreier
Archive) sowie um anzustrebende Analyse-
ergebnisse. Zur Durchführung werden in der
Community bekannte, frei verfügbare Tools
eingesetzt (z. B. JHOVE, ExifTool, tiffhist). Um
eine Automatisierung zu schaffen, wurde ein
Dachprogramm (Loop-Programm, Kombinati-
on aus Datenbank und Programmierschnitte/
API) zur Koordinierung dieser Tools erstellt. In
der Praxis wurden schließlich lange Analyse-
zeiten festgestellt, so dass einige Tools nicht
flächendeckend für alle Dateien eingesetzt
wurden. Die Autoren nennen abschließend
Beispiele für mögliche Auswertungsfälle, so
etwa die Aussagefähigkeit zur Verteilung von
Komprimierung im eigenen Datenbestand
oder eine Gegenüberstellung von Analyse-
ergebnissen verschiedener Tools. Solch eine
Analyse kann archivierenden Einrichtungen
z. B. als Orientierung bei einer Prognose bzw.
Strategiefindung zur Erhaltung von digitalen
Objekten dienen. Das Programm inklusive Da-
tenmodell und Skripten sowie der Testkorpus
sind frei verfügbar und zu weiteren Analysen
durch die Community wird aufgerufen. Auf
der Website der KOST (https://kost-ceco.ch)
ist diese Studie ausführlicher beschrieben.
Außerdem sind dort Empfehlungen zu TIFF wie
auch zu anderen Formaten zu finden.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass mit der Ta-
gung und dem Tagungsband wieder einmal ein
breites Spektrum der digitalen Archivierung
beleuchtet wurde. Sowohl die überwiegend
praktischen Arbeitsberichte als auch theoreti-
sche Grundüberlegungen gehen teilweise sehr
in die Tiefe, so dass ein gewisses Know-how
vorauszusetzen ist, um den Ausführungen
folgen zu können. Es handelt sich bei vielen
Beiträgen um Spezialfälle, so dass mit diesem
Tagungsband ein Laie, der einen Einstieg in das
Thema machen möchte, seine Schwierigkeiten
haben dürfte. Vor allem technisches Verständ-
nis und der Wille zum praktischen Ausprobie-
ren sind gefragt, um den einen oder anderen
Beitrag verstehen zu können (Netzressourcen,
Bildkompression, TIFF-Analyse, Formatidenti-
fizierung). Da die meisten der in den Beiträgen
genannten Werkzeuge offen verfügbar sind,
wäre eine Testbasis geschaffen. Andererseits
bilden die im hiesigen Band aufgeführten
Spezialfälle einen guten Fundus, über den
so manch ein Praktiker froh sein wird, und
nach anfänglichen AUdS-Tagungen mit zahl-
reichen allgemeineren Einführungsvorträgen
(https://www.staatsarchiv.sg.ch/home/auds.
html) kann ein stetes Fortschreiten bei der
digitalen Archivierung beobachtet werden.
Positiv hervorzuheben ist auch das Formale,
da es sich bei diesem Tagungsband um eine
kostenfreie Onlinepublikation handelt, die es
beispielsweise erlaubt, dass zu klein erschei-
nende Abbildungen mit vermeintlich nicht les-
baren Textbestandteilen am Bildschirm ohne
Qualitätsverlust vergrößert werden können.
Ebenso kann durch die Art der Publikation eine
größere Leserschaft orts- und zeitunabhängig
erreicht werden.
Stephanie Kortyla
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 2 / 2018
Titelbild:
Buchcover der Publikation „Von Glauchau nach Brasilien. Auswandererbriefe von Ida und Ottokar Dörffel (1854–1906); das Ehepaar Dörffel
auf der Veranda seines Hauses in Joinville (Brasilien), 1866; im Teich Spiegelung einer Stadtansicht von Glauchau
(Fotomontage Robert Matzke nach Vorlagen aus dem Arquivo Histórico Joinville und dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.)
Siehe Beitrag Matzke, Erinnerungen auf zwei Kontinenten
Adressen
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Behördenleitung sowie Zentrale Aufgaben, Grundsatz
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
Postanschrift: PF 100 444, 01074 Dresden
Telefon +49 351/8 92 19-710, Telefax +49 351/8 92 19-709, E-Mail poststelle@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
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Hubertusburg Gebäude 71–79
04779 Wermsdorf
Telefon +49 34364/8 81-100, Telefax +49 34364/8 81-112, E-Mail poststelle-w@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Hauptstaatsarchiv Dresden
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
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Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Leipzig
Schongauerstraße 1, 04328 Leipzig
Telefon +49 341/2 55 55-00, Telefax +49 341/2 55 55-55, E-Mail poststelle-l@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Chemnitz
Elsasser Straße 8, 09120 Chemnitz
Telefon +49 371/9 11 99-210, Telefax +49 371/9 11 99-209, E-Mail poststelle-c@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Bergarchiv Freiberg
Schloßplatz 4, 09599 Freiberg
Telefon +49 3731/39 46-10, Telefax +49 3731/39 46-27, E-Mail poststelle-f@sta.smi.sachsen.de
Archivverbund Bautzen
Staatsfilialarchiv Bautzen
Schloßstraße 10, 02625 Bautzen
Telefon +49 3591/53 48 72, Telefax +49 3591/53 48 17, E-Mail archivverbund@bautzen.de
Im Internet finden Sie uns unter:
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Informationen über die Bestände des Sächsischen Staatsarchivs (SAX.Archiv) unter:
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Die Daten werden vierteljährlich aus der Erschließungsdatenbank des Staatsarchivs aktualisiert.

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Impressum
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Redaktionsbeirat:
Dr. Peter Hoheisel (Bergarchiv Freiberg)
Raymond Plache (Staatsarchiv Chemnitz)
Birgit Richter (Staatsarchiv Leipzig)
Dr. Peter Wiegand (Hauptstaatsarchiv Dresden)
Redaktion:
Michael Merchel (Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
E-Mail: michael.merchel@sta.smi.sachsen.de
Satz:
Sittauer Mediendesign
Druck:
Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
17. September 2018
Bezug:
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