Demografiestudie Landkreis Nordsachsen
Impulse des demografischen Wandels für den Landkreis Nordsach-
sen im Kontext neuer regionaler Wachstumstrends in der Region
Leipzig
Zentrale Ergebnisse des Abschlussberichts

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Auftraggeber
Landratsamt Nordsachsen
04855 Torgau
Auftragnehmer
Leibniz‐Institut für Länderkunde e. V.
Schongauerstraße 9
04328 Leipzig
Projektverantwortlich
Projektkoordination
Landrat Kai Emanuel
Amt für Wirtschaftsförderung und
Landwirtschaft
Germaine Schleicher
Richard‐Wagner‐Straße 7a
04509 Delitzsch
Autoren:
Projektlaufzeit
Dr. Tim Leibert
Lennart Wiesiolek
Anika Schmidt
Lucas Mittag
Claire Bardet
01/2017 – 12/2017

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Danksagung
Die Autoren danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung, den be‐
fragten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, den Expertinnen und Experten und den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Meldeämter für ihre freundliche Unterstützung. Be‐
sonderen Dank schulden wir Frau Bürgermeisterin Karau (Dommitzsch), Herrn Bürger‐
meister Klepel (Mockrehna), Herrn Oberbürgermeister Kretschmar (Oschatz), Herrn Bür‐
germeister Schwalbe (Rackwitz) und ihren Mitarbeiter(innen) sowie Herrn Planer (WGD)
für ihre Unterstützung bei der Zuwandererbefragung.
Hinweise
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abgeord‐
neten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes
Hinweis: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Studie hauptsäch‐
lich die männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen ver‐
wendet. Dies impliziert keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im
Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral verstanden werden.

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Inhaltsverzeichnis
1.
Aufgaben‐ und Zielstellung .................................................................................................. 1
2.
Demografische Trends in Nordsachsen .......................................................................... 2
2.1.
Raummuster der natürlichen Bevölkerungsentwicklung .............................................. 4
2.2.
Aktuelle Wanderungsmuster ........................................................................................ 5
3.
Zentrale Ergebnisse der Befragungen ............................................................................. 8
3.1.
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ....................................................................... 8
3.2.
Befragungen von Zugewanderten ................................................................................. 8
3.3.
Biografische Tiefeninterviews ..................................................................................... 12
3.4.
Schülerbefragung
........................................................................................................ 12
4.
Handlungsempfehlungen ...................................................................................................15
4.1.
Strategisches Ziel „Etablierung einer Willkommenskultur zur Sicherung und
Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raums“ ............................................................... 15
4.1.1.
Subziel 1: Sicherung eines guten Angebots qualitativ hochwertiger
barrierearmer Dienstleistungen vor Ort ............................................................................. 15
4.1.2.
Subziel 2: Schaffung von adäquatem und bezahlbarem Wohnraum vor Ort ..... 15
4.1.3.
Subziel 3: Arbeitsmöglichkeiten mit angemessener Entlohnung, Bereitstellung
von Aus‐ und Weiterbildungsmöglichkeiten und gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf
16
4.1.4.
Subziel 4: Offenheit der örtlichen Zivilgesellschaft zur Integration der
Neuankömmlinge ................................................................................................................ 16
4.2.
Strategisches Ziel „Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung und Ausbau der
(finanziellen) Handlungsspielräume der kreisangehörigen Städte und Gemeinden“ ............
17
4.3.
Strategisches Ziel „Verbesserung der Erreichbarkeit und Sicherung der
Daseinsvorsorge“ .................................................................................................................... 18
4.4.
Strategisches Ziel „Festigung von Ortsbindungen und Steigerung der überregionalen
Bekanntheit“ ........................................................................................................................... 19
4.5.
Strategisches Ziel „Neue Kultur des Ehrenamts und der Bürgerbeteiligung etablieren“
19
5.
Abbildungsverzeichnis ........................................................................................................21
6.
Literatur ...................................................................................................................................22

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1
1. Aufgaben- und Zielstellung
Inhaltlicher Schwerpunkt des vorliegenden Berichts ist eine sorgfältige Analyse der demografi‐
schen Rahmenbedingungen in den Städten, Gemeinden und Teilräumen des Landkreises Nord‐
sachsen. Dabei stehen insbesondere Wanderungsmuster und ‐ströme sowie die bevölkerungs‐
strukturellen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt. Auf Grundlage statistischer Daten und eigener
Erhebungen wird hinterfragt, wie der Kreis attraktiver für Zuziehende, aber auch für seine bereits
ansässigen Bewohner gemacht werden kann, um positive Entwicklungen zu fördern und zu sta‐
bilisieren. So ist das Leitziel des Projektes, auf Grundlage einer demografischen und infrastruktu‐
rellen Bestandsaufnahme sowie einer umfassenden empirischen Untersuchung der Sichtweisen,
individuellen Lebenswelten und Wanderungsprozess von Zu‐ und Rückwanderern sowie Schüle‐
rinnen und Schülern, Impulse für eine räumlich ausgewogene Entwicklung des Landkreises Nord‐
sachsen zu formulieren.
Karte 1: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der Städte und Gemeinden der Region Leipzig 2011‐2016 in %. Eigene Berechnun‐
gen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2018).

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2. Demografische Trends in Nordsachsen
Das Wachstum von Leipzig strahlt zunehmend auf die umliegenden Städte und Gemeinden aus.
Die aktuellen Trends der Bevölkerungsentwicklung bedeuten aber kein Ende der kreisinternen
demografischen Differenzierung in einen Wachstumsraum (das unmittelbare Leipziger Umland)
und einen, den großen Rest des Landkreises umfassenden, Schrumpfungsraum. Für eine weiter‐
gehende Analyse wurde der Landkreis für die Studie deshalb in funktionale Teilräume gegliedert.
Tabelle 1: Jährliche Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden des "inneren" und "äußeren" Rings von Leipzig 2011‐2016. Eigene Berech‐
nungen; Datenquelle: Destatis (2017); Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2018).
Der „Erste Ring“ um Leipzig
Der „erste Ring“ wird gebildet von den direkt an die Messestadt angrenzenden Gemeinden Sch‐
keuditz, Rackwitz, Krostitz, Jesewitz und Taucha. Zwischen 2011 und 2016 ist die Einwohnerzahl
der genannten Städte und Gemeinden um insgesamt 5,3% gestiegen. Dieses Wachstum ist in ers‐
ter Linie auf deutliche Bevölkerungsanstiege in Taucha und Schkeuditz zurückzuführen (Tabelle
1), während die übrigen Gemeinden schwächer gewachsen sind (Jesewitz und Krostitz) oder stag‐
nieren (Rackwitz). Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate ist von 0,5% im Zeitraum
2011‐2014 auf 1,1% im Zeitraum 2014‐2016 gestiegen. Während der mittlere jährliche Zuwachs
in Taucha und Krostitz in beiden Perioden stabil geblieben ist, zeichnet sich insbesondere in Sch‐
Gemeinde
2011-2012
2012-2013
2013-2014
2014-2015
2015-2016
2011-2016
Leipzig
2,1
2,1
2,4
2,9
1,9
12,0
Taucha
1,1
1,1
2,7
2,0
1,5
8,6
Schkeuditz
-0,4
0,5
1,1
1,7
2,6
5,6
Markranstädt
0,4
-0,3
0,8
1,5
2,4
5,0
Zwenkau
-0,2
0,7
0,8
0,3
2,0
3,5
Markkleeberg
0,5
0,3
0,7
0,5
1,0
3,0
Brandis
0,2
0,1
0,2
0,4
2,0
3,0
Naunhof
0,2
1,0
-0,1
1,1
0,2
2,4
Borsdorf
0,1
0,2
-0,1
0,1
2,0
2,4
Krostitz
0,2
0,4
0,5
-0,0
0,9
2,0
Jesewitz
-1,1
0,8
0,3
0,2
1,0
1,1
Belgershain
0,7
-1,0
0,2
0,5
0,1
0,6
Machern
-0,2
-0,2
0,8
0,1
-0,2
0,5
Großpösna
0,1
-0,3
0,4
-0,1
-0,2
-0,0
Rackwitz
0,8
-1,8
-1,0
1,4
0,6
-0,0
Pegau
-1,3
-1,1
-0,2
-0,5
0,5
-2,6
Böhlen
-0,6
-1,0
0,3
2,2
0,5
1,3
Rötha
-1,8
0,7
3,1
-0,6
-1,7
-0,3
Eilenburg
-0,9
-0,3
-0,6
0,4
0,8
-0,7
Delitzsch
-0,1
-0,6
-0,4
-0,2
-0,1
-1,4
Schönwölkau
-0,1
-2,5
0,1
0,2
-0,6
-2,8
Wiedemar
-1,1
-2,4
-0,1
0,6
0,0
-3,0
Städte und Gemeinden des "äußeren Rings" um Leipzig
Städte und Gemeinden des "inneren Rings" um Leipzig

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keuditz und Rackwitz, mit gewissen Abstrichen auch in Jesewitz, ein deutlich dynamischeres Be‐
völkerungswachstum ab.
Der „Zweite Ring“ um Leipzig
Der „zweite Ring“ besteht aus Wiedemar, Delitzsch, Schönwölkau, Zschepplin und Eilenburg. Cha‐
rakteristisch sind intensive Wanderungsverflechtungen mit Leipzig, die jedoch weniger stark aus‐
geprägt sind als im „ersten Ring“. Die Wachstumsimpulse von Leipzig strahlen zunehmend auch
in den „zweiten Ring“ aus: Im Zeitraum 2011‐2014 haben die fünf Städte und Gemeinden noch
durchschnittlich pro Jahr 0,5% ihrer Einwohner verloren. Zwischen 2014 und 2016 hat die Ein‐
wohnerzahl dagegen um 0,1% pro Jahr zugenommen – verantwortlich dafür sind positive Trend‐
wenden der Bevölkerungsentwicklung in Eilenburg, Wiedemar und Zschepplin.
Karte 2: Einwohnerentwicklung der Ortsteile der Städte und Gemeinden des Landkreises Nordsachsen 2011‐2016. Eigene Berechnungen;
Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2014), Einwohnermeldeämter (2017).
Ländlicher Raum
Die übrigen Städte und Gemeinden liegen außerhalb des engeren Leipziger Umlands, allerdings
zeichnen sich in der Bevölkerungsentwicklung Unterschiede zwischen Kommunen, die entlang
der überregionalen Verkehrsachsen Leipzig‐Torgau‐Cottbus/Hoyerswerda und Leipzig‐Oschatz/
Grimma‐Dresden liegen, und den Gemeinden in den Achsenzwischenräumen ab.
Grundsätzlich hat sich die Bevölkerungsentwicklung im ländlichen Raum in den letzten Jahren

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stabilisiert. Mockrehna und Torgau konnten ihre Einwohnerzahl steigern, in den meisten anderen
Städten und Gemeinden hat sich die Schrumpfung zum Teil deutlich abgeschwächt. Lediglich in
Arzberg, Elsnig und Laußig hat sich die Schrumpfung im Zeitraum 2014‐2016 im Vergleich zu
2011‐2014 verstärkt. Als wichtigste Gründe für die Abschwächung der Schrumpfung im Land‐
kreis Nordsachsen sind einerseits die seit Beginn des Jahrzehnts gestiegene internationale Zu‐
wanderung und andererseits der seit etwa 2013/14 verstärkte Zuzug aus der Stadt Leipzig zu
nennen. In vielen Kommunen zeichnet sich zusätzlich ein Trend ab, dass vermehrt junge Erwach‐
sene zwischen 25 und 45 sowie unter 18‐Jährige deutsche Staatsbürger zuziehen.
Auf der Ortsteilebene (Karte 2) stellt sich das Raummuster der Bevölkerungsentwicklung diffe‐
renzierter dar: Für fast alle Städte und Gemeinden ist ein Nebeneinander von stabilen, wachsen‐
den und schrumpfenden Ortsteilen festzustellen. Die Einwohnerentwicklung ist damit auf der
Ortsteilebene deutlich dynamischer als auf der Gemeinde‐ oder Kreisebene. Tendenziell gilt, dass
die Klein(st)dörfer im Landkreis zwischen 2011 und 2016 am stärksten geschrumpft sind, wäh‐
rend die größten Ortsteile – die Kernstädte von Bad Düben, Taucha und den Mittelzentren – im
Schnitt am stärksten gewachsen sind.
2.1. Raummuster der natürlichen Bevölkerungsentwicklung
Die zukünftige Bevölkerungsentwicklung einer Region ist in hohem Maße durch die Altersstruk‐
tur vorgezeichnet. Dies gilt insbesondere für die natürliche Bevölkerungsentwicklung. Im Jahr
2015 wurden in der Stadt Leipzig 56,3 Kinder pro 1.000 Frauen zwischen 15 und 45 geboren, im
Landkreis Leipzig 54,6 und im Landkreis Nordsachsen 53,6. Damit liegt die nordsächsische Ge‐
burtenrate zwar über dem Bundesdurchschnitt (50,1 Geburten pro 1.000 Frauen im gebärfähigen
Alter), aber unter dem ostdeutschen Mittel. Auf der Gemeindeebene treten zudem deutliche Un‐
terschiede zu Tage: Während im ersten Ring die Zahl der Geburten im Durchschnitt um fast 46%
gestiegen ist, sind die Geburtenzahlen außerhalb des Leipziger Umlands um knapp 3% gesunken.
In Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der Geburtenzahlen und die Größe der Elterngenera‐
tionen werden im Landkreis zwei Stellschrauben von besonderer Bedeutung sein:
(1) die Wanderungsmuster der jungen Erwachsenen, insbesondere der jungen Frauen und
(2) die Bleibewahrscheinlichkeit der internationalen Zuwanderer sowie die zukünftige Entwick‐
lung der politischen Rahmenbedingungen für Geflüchtete und anerkannte Asylbewerber(innen).
Bei den Wanderungsmustern der jungen Erwachsenen insgesamt ist insbesondere relevant, ob
sich der Rückgang der Abwanderungsintensitäten aus ländlichen Räumen (Leibert 2016) fort‐
setzt, inwieweit zur Ausbildung bzw. zum Berufseinstieg abgewanderte junge Erwachsene zu‐
rückkehren bzw. zuziehen und wie sich die Attraktivität des Landkreises Nordsachsen als Wohn‐
standort für Familien entwickelt, etwa mit Blick auf die Bildungs‐ und Betreuungsinfrastruktur.

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2.2. Aktuelle Wanderungsmuster
Die alters‐ und geschlechtsspezifischen Raten des Wanderungssaldos sind in Tabelle 2 dokumen‐
tiert. Um die Auswirkungen der sogenannten „Flüchtlingskrise“ auf das Wanderungsverhalten
möglichst gering zu halten, wurde ein mehrjähriger Analysezeitraum (2012‐2015) verwendet.
Trotz deutlicher Unterschiede zwischen den einzelnen Städten und Gemeinden lassen sich einige
Gemeinsamkeiten erkennen: Fast alle Kommunen sind attraktiv für Familienwanderer, weisen
also einen positiven Wanderungssaldo bei Frauen und Männern der Altersgruppen unter 18 und
30 bis unter 50 auf. Dagegen ist die Abwanderung der „Ausbildungswanderer“, also der 18‐ bis
unter 25‐Jährigen stark ausgeprägt, insbesondere bei den jungen Frauen. Wichtige Wirtschafts‐
zentren, z.B. Schkeuditz oder Torgau, weisen bei den 18‐ bis 25‐jährigen Männern einen positiven
Wanderungssaldo auf. Am differenziertesten ist das Wanderungsverhalten der Arbeitsplatzwan‐
derer (Altersgruppe 25‐30) und der Ruhesitzwanderer (Altersgruppe 65+), das stark von den lo‐
kalen Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt bzw. den Standorten von Senioreneinrichtun‐
gen beeinflusst wird.
Tabelle 2: Alters‐ und geschlechtsspezifische Wanderungsraten nach Städten und Gemeinden, Mittelwert 2012‐2015. Eigene Berechnun‐
gen; Datenquelle: Destatis (2017).
unter 18
18‐25
25‐30
30‐50
50‐65
65+
unter 18
18‐25
25‐30
30‐50
50‐65
65+
Arzberg
37,9
‐80,6
‐13,8
22,3
‐5,9
‐17,7
11,0
‐75,9
‐69,4
25,7
‐5,7
‐30,4
Bad Düben
12,1
‐9,7
8,0
‐2,9
0,8
13,6
0,4
‐15,3
‐23,8
2,8
4,7
17,4
Beilrode
‐0,7
‐38,1
‐18,1
3,0
‐2,9
‐11,2
2,4
‐63,6
‐16,8
0,5
‐6,9
‐15,0
Belgern‐Schildau 5,6
‐42,1 ‐6,7
2,9 3,1 4,6 6,5
‐89,4
3,0 2,8
‐0,7
1,8
Cavertitz
11,6
‐33,4
‐22,5
‐4,7
1,5
‐12,7
22,2
‐75,4
‐9,8
2,7
‐0,8
‐34,8
Dahlen
9,5
‐107,0
‐43,1
‐0,9
‐4,3
1,5
‐5,0 ‐113,1
18,0
0,9
‐4,8
11,0
Delitzsch
7,5
10,3
‐2,6
‐1,1
3,5
3,1
10,8
‐25,8
‐9,6
8,3
1,3
3,2
Doberschütz
0,0
‐52,2
‐80,4
5,3
4,2
‐12,5
30,8
‐121,4
‐16,0
12,6
0,4
‐6,3
Dommitzsch
27,2
‐27,1
‐22,3
11,1
‐2,1
1,7
41,5
‐141,9
14,8
5,9
‐0,7
14,7
Dreiheide
25,0
‐111,6
‐77,2
11,3
‐7,2
‐11,6
26,9
‐69,4
‐5,8
13,1
‐5,9
‐22,5
Eilenburg
17,0
‐22,9
‐9,8
5,4
0,3
5,3
15,3
‐9,8
1,2
4,5
1,1
9,3
Elsnig
2,3
‐86,0
10,9
‐3,6
‐5,4
‐5,7
22,2
‐112,2
64,9
15,5
‐7,6
‐19,0
Jesewitz
12,3
‐59,4
‐24,4
14,0
‐3,1
0,0
16,3
‐56,4
23,4
10,3
‐4,9
‐17,1
Krostitz
25,5
‐109,8
26,6
20,3
1,0
‐9,6
27,8
‐94,5
96,6
15,6
‐1,1
‐25,0
Laußig
‐1,8
‐35,0
5,2
4,5
‐1,9
‐11,8
8,2
‐110,8
13,6
‐4,2
‐2,9
‐21,8
Liebschützberg
3,7
‐106,8 ‐37,7
1,1
‐9,8 ‐19,2
0,0
‐109,3 ‐27,7
‐3,2
‐8,1 ‐25,2
Löbnitz
5,1
‐8,5
0,0
18,2
‐2,8
15,0
3,4
‐54,9
‐25,9
0,9
1,0
6,0
Mockrehna
5,7
‐40,4
‐16,3
6,7
2,2
‐1,2
‐1,4
‐83,2
4,3
4,7
‐2,3
‐6,3
Mügeln
2,4
‐72,6 ‐40,3
0,6
‐3,8 ‐2,3 ‐7,3 ‐63,8 ‐10,8 ‐2,9 ‐0,6
5,4
Naundorf
14,8
‐48,2
‐32,3
10,4
‐6,0
‐11,5
11,2
‐58,8
‐26,0
9,2
0,9
‐21,8
Oschatz
10,9
1,7
‐32,8
1,8
5,1
5,4
11,1
‐46,0
‐44,9
11,7
3,6
6,8
Rackwitz
7,0
51,1
27,7
5,1
‐13,0 ‐10,2
10,5
‐51,9
‐5,9
‐1,8
‐7,9 ‐19,0
Schkeuditz
21,8
34,7
6,2
34,4
4,3
2,9
15,5
‐26,9
26,3
19,0
1,4
2,9
Schönwölkau
15,8
‐71,2
‐28,0
8,7
1,4
‐14,9
4,0
‐90,3
34,6
‐1,5
‐4,9
‐26,0
Taucha
39,7
‐40,5
45,9
43,8
6,8
9,4
34,7
‐25,9
73,3
27,4
4,7
17,9
Torgau
12,6
6,5
‐4,5
‐4,5
1,1
2,5
‐1,4
‐18,2
‐10,4
‐1,1
1,2
6,5
Trossin
9,1
‐51,0
0,0
9,6
1,3
‐5,4
15,5
‐165,9
0,0
‐6,5
6,5
‐21,4
Wermsdorf
10,3
‐52,1
‐52,1
7,8
1,4
‐7,8
6,7
‐101,8
9,5
3,6
‐1,1
‐22,5
Wiedemar
5,6
‐58,5
‐26,3
3,9
‐2,8
‐15,7
1,3
‐113,8
0,0
4,3
‐0,7
‐17,3
Zschepplin
7,9
‐50,7 ‐67,5
2,3
‐6,9 ‐22,9
‐2,3 ‐60,2
30,1
‐1,9 ‐11,3 ‐39,9
Mittelwert 2012‐
2015
Rate des Wanderungssaldos pro
1.000 Einwohner (Mittelwert 2012‐2015)
Männer
Frauen

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6
Abbildung 1: Wanderungen innerhalb der Region Leipzig 2015: Altersstruktur nach Quelle‐Ziel‐Beziehung. Eigene Berechnungen; Da‐
tenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2016).
Je nach Quell‐ bzw. Zielgebiet der Wanderung unterscheidet sich die Altersstruktur der Wande‐
rungsströme
(Abbildung
1).
Unter den Zuwanderern aus dem Landkreis nach Leipzig sind die 18‐
bis unter 25‐Jährigen besonders stark vertreten, aber auch die über 45‐Jährigen. Dagegen ist der
Anteil der Familienwanderer, also der unter 18‐Jährigen und der 25‐ bis unter 45‐Jährigen relativ
niedrig. Die Zuwanderung von Leipzigern nach Nordsachsen wird dagegen spiegelbildlich von den
Familienwanderern dominiert. Die Altersstruktur derjenigen, die innerhalb der Landkreise
Leipzig und Nordsachsen wandern, ähnelt – vom höheren Anteil der Ruhesitzwanderer abgese‐
hen – stark derjenigen der Abwanderer aus Leipzig. Das Altersmuster legt folglich nahe, dass so‐
wohl bei der Abwanderung aus Leipzig als auch bei lateralen Wanderungen innerhalb des ländli‐
chen Raums familienbezogene Motive eine wichtige Rolle spielen, während der Zuzug nach
Leipzig häufig durch die in der Messestadt besseren Ausbildungs‐ und Berufseinstiegsmöglichkei‐
ten motiviert ist. Die stärksten Wanderungsverflechtungen der der Städte und Gemeinde des
Landkreises mit der Stadt Leipzig bestehen mit dem ersten und dem zweiten Ring. Auch in einigen
Kommunen entlang der überregionalen Verkehrsachsen (z.B. Dahlen, Doberschütz, Torgau) ist
der Anteil der Zuwanderer aus bzw. Abwanderer nach Leipzig an allen Zu‐ bzw. Fortziehenden
vergleichsweise hoch. Die in den Achsenzwischenräumen gelegenen Städte und Gemeinden zeich‐
nen sich durch laterale Wanderungsverflechtungen mit anderen Kommunen im ländlichen Raum
aus, die Wanderungsverflechtungen mit Leipzig sind dagegen eher schwach ausgeprägt.
Mit den alters‐ und geschlechtsspezifischen Wanderungsraten wurde eine Clusteranalyse gerech‐
net, um übergeordnete Typen des Wanderungsverhaltens zu identifizieren:

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7
Zu
Cluster 1
gehören acht Gemeinden – Arzberg, Doberschütz, Dreiheide, Elsnig, Jesewitz, Kros‐
titz, Naundorf und Trossin –sowie die Stadt Dommitzsch. Die genannten Kommunen zeichnen sich
durch überdurchschnittliche Abwanderungsraten der jungen Erwachsenen aus. Auffällig sind die
sehr hohen Abwanderungsraten der Ausbildungswanderer – insbesondere der Frauen zwischen
18 und 25 – sowie der männlichen Arbeitsplatzwanderer. Auch die Ruhesitzwanderer ziehen aus
den genannten Gemeinden fort. Dagegen sind die Wanderungsbilanzen der Familienwanderer
und der weiblichen Arbeitsplatzwanderer positiv. Im Vergleich zum (ungewichteten) Kreismittel
sind die Zuwanderungsraten relativ hoch. Die Gemeinden sind für Familien attraktive Zuzugsziele,
die Abwanderung der jungen Erwachsenen und der Senioren deutet dagegen auf fehlende Ausbil‐
dungs‐ und Berufschancen sowie unzureichende Infrastrukturen für die ältere Generation hin.
Cluster 2
umfasst die Städte Bad Düben, Delitzsch, Eilenburg, Oschatz und Torgau sowie die Ge‐
meinde Löbnitz. Familien‐ und Ruhesitzwanderer ziehen zu, wobei die Zuzugsraten der Familien‐
wanderer im Vergleich zum Kreismittel relativ gering ausfallen. Bei den Ausbildungs‐ und Arbeits‐
platzwanderern ist der Wanderungssaldo negativ, aber im Vergleich zum Rest des Kreises unter‐
durchschnittlich. Vor Ort vorhandene Ausbildungs‐ und Joboptionen und/oder die vergleichs‐
weise gute Verkehrsanbindung und Infrastrukturausstattung bremsen die Abwanderungsnei‐
gung der 18‐ bis unter 30‐Jährigen. Das Vorhandensein von Senioreneinrichtungen sowie das
breite Nachversorgungs‐ und Dienstleistungsangebot fördern den Zuzug von über 65‐Jährigen.
Dagegen scheinen die genannten Standortvorteile für die Familienwanderer weniger relevant zu
sein. Bad Düben und die Mittelzentren könnten Paaren oder Familien, die auf der Suche nach ei‐
nem „ländlichen Idyll“ sind, zu urban oder zu teuer sein.
In
Cluster 3
sind 13 Städte und Gemeinden zusammengefasst: Beilrode, Belgern‐Schildau, Caver‐
titz, Dahlen, Laußig, Liebschützberg, Mockrehna, Mügeln, Rackwitz, Schönwölkau, Wermsdorf,
Wiedemar und Zschepplin. Die alters‐ und geschlechtsspezifischen Wanderungsmuster ähneln
Cluster 1, allerdings sind die Abwanderung der Ausbildungs‐ und Arbeitsplatzwanderer sowie die
Zuwanderung der Familienwanderer schwächer ausgeprägt. Dafür ist die Abwanderungsneigung
der Ruhesitzwanderer stärker ausgeprägt. Cluster 3 entspricht am ehesten dem (ungewichteten)
Mittelwert des Landkreises, sodass man von einem „Durchschnittstyp“ sprechen kann.
Das alters‐ und geschlechtsspezifische Wanderungsmuster der Städte Schkeuditz und Taucha
(
Cluster 4)
zeichnet sich durch weit überdurchschnittliche Wanderungsgewinne bei den Arbeits‐
platz‐, Familien‐ und Ruhesitzwanderern sowie deutlich unterdurchschnittlichen Wanderungs‐
verlusten bei den Ausbildungsplatzwanderern aus. Schkeuditz und Taucha sind folglich als Wohn‐
und Arbeitsorte sehr attraktiv, wozu neben der Nähe zu Leipzig und der guten Verkehrsanbin‐
dung auch endogene Standortvorteile beitragen.
Aktuelle Auswertungen zur Rückwanderung von Erwerbspersonen auf Grundlage der Integrier‐
ten Erwerbsbiografien des Institutes für Arbeitsmarkt‐ und Berufsforschung (Fuchs et al. 2017)

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zeigen, dass von den zwischen 1999 und 2012 aus dem Landkreis abgewanderten Erwerbsperso‐
nen
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im Zeitraum 2001 bis 2014 etwas mehr als jeder Fünfte nach Nordsachsen zurückgewandert
ist. Dieser Wert liegt leicht über dem Bundesdurchschnitt. Es lässt sich also feststellen, dass die
Bemühungen des Landkreises, abgewanderte Nordsachsen in ihre Heimat zurückzuholen, von Er‐
folg gekrönt sind und in Zukunft fortgesetzt werden sollten. Um eine demografische Stabilisierung
des Landkreises zu erreichen, ist es allerdings notwendig, weitere Zuwanderungspotentiale, ins‐
besondere internationale Zuwanderer, zu erschließen.
3. Zentrale Ergebnisse der Befragungen
3.1. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister
In der Befragung der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Städte und Gemeinden in Nord‐
sachsen wurde deutlich, dass die unterschiedlichen Teilräume verkehrs‐ und bevölkerungstech‐
nisch recht unterschiedlich aufgestellt sind. Generell wird auf politischer Ebene die Notwendig‐
keit einer engeren Zusammenarbeit von Landkreis und Stadt Leipzig gesehen. Kritisiert wird eine
zu geringe Bereitschaft der Stadt Leipzig, auf Augenhöhe mit den übrigen Kommunen der Region
Westsachsen zusammenzuarbeiten („
Leipzig vergisst das Umland
“).
Die Bevölkerungsentwicklung wurde von den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern v.a. im
Kontext des Wohnungsbaus und der Verkehrsanbindung diskutiert. Zugleich wurde in vielen In‐
terviews das Thema der Abwanderung als Problem angesprochen. Die Attraktivität der Gemein‐
den als Wohnstandort und die Verfügbarkeit von (günstigem) Bauland spielt den Verwaltungs‐
spitzen zufolge eine zentrale Rolle für den Verbleib der Bevölkerung oder den Zuzug von (in und
um Leipzig arbeitenden) Pendlern und (jungen) Familien.
Eine erfolgreiche Lösung der anstehenden Herausforderungen (Breitbandausbau, sozialräumli‐
che Ungleichheiten) kann aus Sicht der Interviewpartner(innen) nur durch Zusammenarbeit zwi‐
schen den Gemeinden, Ideenaustausch und eine gemeinsame Koordination von Fördermitteln er‐
folgen. Die Interviews machten jedoch deutlich, dass die großen Entfernungen im Landkreis und
unterschiedliche strukturelle, wirtschaftliche und demografische Rahmenbedingungen bei den
Gemeinden zu äußerst differenzierten Potentialen und Problemlagen führen.
3.2. Befragungen von Zugewanderten
Die Umzugsentscheidung ist ein zentraler Punkt der Wanderungsdynamiken, die im Landkreis
Nordsachsen untersucht werden sollten. Die Wahl des Lebensmittelpunktes ist das Ergebnis eines
komplexen Entscheidungsprozesses und eng mit der individuellen Lebens‐führung verknüpft.
1
Dazu gehören sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, geringfügig entlohnte Beschäftigte, Leistungsempfänger, Arbeitssuchende
und Maßnahmeteilnehmer(innen); nicht berücksichtigt wurden Beamtinnen und Beamte, Selbstständige und mithelfende Familien‐
angehörige (Fuchs et al. 2017).

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Darüber hinaus sind die kürzlich Zugewanderten besonders interessant für die Regionalfor‐
schung, da sie eine vergleichende Perspektive mitbringen, bedingt durch ein subjektives Bild auf
den Wohnort und sein Umfeld, das anders als oftmals angenommen, nicht unbedingt mit den ob‐
jektiven Raumeigenschaften übereinstimmt (Münter 2012).
Die nach Nordsachsen zugezogenen Eigentümer zeichnen sich in der Befragung bei ihrer Umzugs‐
motivation durch eine deutliche Orientierung hin zu einer familiären Lebensform mit Kindern aus.
An erster Stelle steht für diese Gruppe erwartungsgemäß die Bildung von Wohneigentum (Abbil‐
dung 2). Erkennbar ist auch eine lebensweltliche Orientierung an familiären Bedürfnissen (Part‐
ner, Verwandtschaft, Kinderbetreuung) und einem Bedürfnis nach einer ruhigen, ländlichen Woh‐
numgebung, die zusammen deutlich stärker gewichtet werden als die Ausstattung der Wohnung
oder der direkten Wohnumgebung. Auch die Gruppe der Mieter richtet sich mit dem Umzug auf
ein ruhiges und ländliches Wohnumfeld aus. Auch hier zeigt sich ein Fokus auf die Partnerschaft
und die erweiterte Familie, während die Belange der Kinder nicht ganz so entscheidend sind. Die
Bedeutung des Arbeitsplatzes als Umzugsgrund ist bei Mietern etwas höher als bei Eigentümern.
Auffällig ist, dass der überwiegende Teil der Befragten sehr begrenzte Suchräume hatte (Abbil‐
dung 3). Die Mehrzahl der Befragten hat nur in spezifischen Ortsteilen gesucht oder ist direkt in
einen bestehenden Haushalt oder eine geerbte Immobilie gezogen. Die Begrenztheit der Such‐
räume kann als wichtiges Ergebnis der Befragung angesehen werden, denn hier wird deutlich,
dass Zuziehende nicht unbedingt einen objektiven Vergleich verschiedener Standorte durchfüh‐
ren, sondern bereits auf einen Standort festgelegt sein können (vgl. auch Bijker et al. 2015). Auf‐
geschlüsselt nach Wohneigentumsform zeigt sich, dass besonders die Mieter sich sehr gezielt ei‐
nen bestimmten Ortsteil aussuchen. Dabei ist vielfach die Nähe zum Arbeitsplatz wichtig. Darüber
hinaus könnte es auch darauf hindeuten, dass Wohnen zur Miete auch als Übergangslösung ge‐
nutzt wird, falls keine Immobilien oder Bauflächen im gewünschten Ort verfügbar sind und an‐
dere potentielle Wohnstandorte nicht in Erwägung gezogen werden. Auch einige Bürgermeis‐
ter(innen) haben die Einschätzung geäußert, dass Zuwanderer zunächst als Mieter zuziehen und
später Wohneigentum bilden. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass das Ergebnis eventuell
verzerrt wird durch ein unterschiedliches Verständnis von Ortsteil und Ort bzw. Stadt oder dem
häufig stattfindenden Zuzug in einen bestehenden Haushalt.
Umweltbedingungen und landschaftlichen Aspekte wurden im Vergleich zum vorherigen Wohn‐
standort als deutlich verbessert wahrgenommen (Abbildung 4). Hier zeigen sich wichtige Poten‐
tiale, die der Landkreis mit seiner naturräumlichen Ausstattung aufweist. In dieser Hinsicht ist
auch zu beachten, dass es wichtig ist, diese Potentiale zu erhalten und weiterzuentwickeln, um
weiterhin attraktiv für Zuwanderer zu sein. Gleichzeitig zeigen sich aber auch Defizite bei Ein‐
kaufmöglichkeiten, Dienstleitungen und im öffentlichen Nahverkehr.

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Abbildung 2: Umzugsgründe der befragten Zu‐ und Rückwanderer: Mieter und Eigentümer im Vergleich. Eigene Erhebungen.
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Sonstiges, und zwar
Trennung von dem Partner / der Partnerin
Pflegebedarf der Eltern oder Angehöriger
Erbe, Bereitstellung des Grundstücks oder
mietfreie Wohnung bei Eltern und Verwandten
Die Wohnkosten waren zu hoch
Wunsch nach einer besseren Ausstattung der
Wohnung / des Hauses
Umzug in die Nähe von Freunden & Bekannten
Die Wohnung /
das Haus war zu klein oder zu
groß für die Haushaltsgröße
Bessere Qualität der Schulen oder
Kindertagesstätten
Arbeitsplatz / Ausbildungsplatz in der Nähe /
Region
Wunsch in einem anderen Wohnumfeld zu
wohnen
Wunsch nach ruhigem, ländlichen Leben
Umzug in die Nähe von Familie
Zusammenzug mit dem Partner / der Partnerin
Kinderwunsch /
Andere Umgebung für die
eigenen Kinder
Wunsch nach einem eigenen Haus oder einer
Eigentumswohnung
Umzugsgründe der befragten Haushalte in Nordsachsen
Eigentümer (n=161)
Mieter (n=136)

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Abbildung 3: Suchräume des letzten Umzuges nach aktueller Wohnform aufgeschlüsselt. Eigene Erhebungen.
Abbildung 4: Wohnortbewertung im Verhältnis zum vorherigen Wohnstandort. Eigene Erhebungen
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keine aktive Suche
Nur in meinem
jetzigen Ortsteil
Nur in diesen Stadt‐
/Ortsteilen
Nur in diesen
Städten/Gemeinden
Auch überregional
Wo haben Sie überall nach ihrer jetzigen Wohnung / Haus /
Grundstück gesucht?
Wohneigentümer (n=156)
Mieter (n=134)
20
40
60
80
100
120
Vereins‐ und Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche
Vereins‐ und Freizeitangebot für mich
Qualität der ärztlichen Versorgung
Qualität der Schulen und Kindertagesstätten
Verkehrsanbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln
Das Dienstleistungsangebot (Bank, Post, etc.)
Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf
Verkehrsanbindung mit dem Auto
Umweltbedingungen (Luft, Lärm, Verkehr, etc.)
Wohnumgebung (Landschaft, Grünflächen, etc.)
Wohnungsgröße
Vergleich alter und neuer Wohnort
1 (++)
2 (+)
3 (=)
4 (‐)
5 (‐‐)
nicht
wichtig
nicht beantwortet

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3.3. Biografische Tiefeninterviews
Unter dem Aspekt der Lebensqualität betrachtet scheinen die Menschen im Landkreis Nordsach‐
sen genau das zu finden, was sie suchen: Eine naturnahe, ruhige, ländliche Wohnumgebung und
einen engen nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Auch die Zufriedenheit mit der Wohnsituation
kann trotz teilweise negativer sozioökonomischer und demografischer Rahmenbedingungen als
hoch angesehen werden. Ein Vorteil des Landkreises Nordsachsen ist ein entspannter Wohnungs‐
markt, der es Neubürgern erlaubt, ihre Wohnsituation materiell und qualitativ zu verbessern.
Es zeigt sich ein maßgebendes Gefüge bei der Wohnstandortentscheidung, bestehend aus sozialen
Netzwerken, der Immobilie und dem individuellen (flexiblen!) Lebensentwurf. Im Hintergrund,
teilweise nachrangig, spielen die gegebenen Mobilitäts‐ und Arbeitsmöglichkeiten und emotional‐
biografische Erfahrungen und Vorstellungen von Landleben eine weitere Rolle bei der Entschei‐
dungsfindung. Wohnstandortentscheidungen sind in hohem Maße von sich wandelnden individu‐
ellen Lebensumständen, aber auch gesellschaftlichen Konventionen geprägt. Oft sind es dann be‐
stimmte Fügungen und Zufälle, die den Ausschlag für eine Wanderung geben. Das bedeutet, dass
diese Entscheidungen nur zum Teil langfristig geplant werden. Daraus folgend gilt es zu berück‐
sichtigen, dass nicht nur materielle Rahmenbedingungen, sondern auch ein funktionierendes Ge‐
meinwesen und ein gutes gesellschaftliches Klima im Fokus der Bemühungen um mehr Zuwan‐
derung stehen sollten.
Viele der Befragten stellten ihre Erfahrungen in der Dorfgemeinschaft als zentral für ihr Wohlbe‐
finden dar. So sind das ehrenamtliche Engagement in Vereinen, in der Nachbarschaft oder bei der
Freizeitgestaltung Potentiale, die es zu unterstützen gilt, denn sie sind ein essentieller Aspekt für
ein positives gesellschaftliches Klima. In den Interviews kam auch zur Sprache, dass teilweise eine
institutionelle Unterstützung beim Zuzug nicht besonders ausgeprägt war. Hier sind neben der
Zivilgesellschaft auch der Landkreis und die Städte und Gemeinden in der Pflicht.
3.4. Schülerbefragung
Im Kontext der vorliegenden Studie wurde zusätzlich eine Schülerbefragung durchgeführt. Dabei
standen Fragen im Vordergrund, die sich auf die generelle Einschätzung der Lebenssituation im
Landkreis, die individuelle Heimatverbundenheit sowie die Umzugsbereitschaft der Schülerinnen
und Schüler bezogen. Um die Aussagen junger Menschen im Kontext der unterschiedlichen Le‐
bensbedingungen im Landkreis abzubilden, wurden für die folgen Auswertungen der Schülerbe‐
fragung zwei Cluster gebildet. Die Schulstandorte Delitzsch, Krostitz, Eilenburg, Schkeuditz und
Taucha mit ihren jeweiligen Einzugsgebieten repräsentieren den ersten und zweiten Ring um
Leipzig. Die Schulstandorte Beilrode, Torgau, Oschatz und Mockrehna mit ihren jeweiligen Ein‐
zugsgebieten repräsentieren die Meinungen der in eher ländlich geprägten Räumen lebenden Ju‐
gendlichen.

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Abbildung 5: Aussagen über den Wohnort im Leipziger Umland. Eigene Erhebungen.
Die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler (Abbildungen 5 und 6) zeigen, dass im Allge‐
meinen die Lebensqualität von jungen Menschen als sehr hoch eingeschätzt wird. Dabei spielt es
auch keine wichtige Rolle, in welcher Teilregion sie zur Schule gehen. Auffällig ist allerdings, dass
in ländlich geprägten Räumen die Freizeitangebote als deutlich verbesserungsbedürftig wahrge‐
nommen werden. Dazu kommt, dass Infrastrukturen (z.B. ÖPNV, Nachversorgung) und Dienst‐
leistungen (z.B. Bank, Post) aus Sicht der Jugendlichen zu wünschen übrig lassen und die lokalen
wirtschaftlichen Perspektiven als nicht besonders gut bewertet werden. Dies kann ein wichtiges
Warnsignal sein.
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Eine gute Lehrstelle bekommt man hier nur, wenn man die
richtigen Beziehungen hat
Mir gefällt es hier, weil die meisten Leute so denken wie ich
Ich bin hier verwurzelt. Es wäre schlimm für mich, wenn ich
hier weg müsste
Die Gegend hier hat wenig Zukunft
Mir macht es Probleme, dass mein Heimatort so abgelegen
ist
Ich würde gerne hier bleiben, aber es ist fast aussichtslos, hier
eine Lehrstelle oder einen Arbeitplatz zu finden
Ich kann es gar nicht erwarten, endlich von hier
wegzukommen!
Wenn man etwas aus seinem Leben machen will, muss man
hier weg
Mir gefällt die schöne Landschaft hier
Ich fühle mich hier wohl, weil meine
ganze Familie hier wohnt
Hier ist meine Heimat! Ich werde mich immer mit der Region
verbunden fühlen, auch wenn ich ganz woanders wohne
Hier sollte es mehr Freizeitangebote für Jugendliche geben
Hier kann man sehr gut leben
Hier ist es ruhig uns sicher, genau richtig für Familien mit
kleinen Kindern
Delitzsch, Krostitz, Eilenburg, Schkeuditz, Taucha:
In wieweit stimmst du den folgenden Aussagen über deinen
Wohnort zu? (n=421)
stimme voll zu
stimme eher zu
stimme eher nicht zu
stimme gar nicht zu
Weiß nicht
nicht beantwortet

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Abbildung 6: Aussagen über den Wohnort außerhalb der Leipzig‐nahen Gemeinden. Eigene Erhebungen.
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Mir gefällt es hier, weil die meisten Leute so denken wie ich
Ich bin hier verwurzelt. Es wäre schlimm für mich, wenn ich
hier weg müsste
Ich kann es gar nicht erwarten, endlich von hier
wegzukommen!
Eine gute Lehrstelle bekommt man hier nur, wenn man die
richtigen Beziehungen hat
Die Gegend hier hat wenig
Zukunft
Mir macht es Probleme, dass mein Heimatort so abgelegen
ist
Ich würde gerne hier bleiben, aber es ist fast aussichtslos,
hier eine Lehrstelle oder einen Arbeitplatz zu finden
Wenn man etwas aus seinem Leben machen will, muss man
hier weg
Ich fühle mich hier wohl, weil meine ganze Familie hier
wohnt
Hier kann man
sehr gut leben
Mir gefällt die schöne Landschaft hier
Hier ist meine Heimat! Ich werde mich immer mit der Region
verbunden fühlen, auch wenn ich ganz woanders wohne
Hier ist es ruhig uns sicher, genau richtig für Familien mit
kleinen Kindern
Hier sollte es mehr Freizeitangebote für Jugendliche geben
Torgau, Oschatz, Mockrehna: In wieweit stimmst du den
folgenden Aussagen über deinen Wohnort zu?
stimme voll zu
stimme eher zu
stimme eher nicht zu
stimme gar nicht zu
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4. Handlungsempfehlungen
Aus demografischer Sicht schlagen wir sechs strategische Ziele vor. Eine
leistungsfähige Breit‐
bandversorgung in allen Teilräumen des Landkreises
ist für die zukünftige Entwicklung
Nordsachsens von existentieller Bedeutung und wird hier als Selbstverständlichkeit und nicht als
Entwicklungsziel verstanden. Weiterhin ist eine
enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit
mit der Stadt Leipzig und den benachbarten sächsischen und sachsen‐anhaltischen Land‐
kreisen
anzustreben. Angesichts der scharfen Konkurrenz um Fördermittel, etwa im Verkehrs‐
bereich, ist ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen unerlässlich. Wichtig ist auch, nicht in
ein Gegeneinander von Stadt Leipzig und ländlichem Raum zu verfallen. Für eine nachhaltige po‐
sitive Entwicklung der gesamten Region ist eine prosperierende Kernstadt unerlässlich!
4.1. Strategisches Ziel „Etablierung einer Willkommenskultur zur Si-
cherung und Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raums“
Dieses Ziel kann als ein übergeordnetes Querschnittsziel verstanden werden, um die 30 kreisan‐
gehörigen Städte und Gemeinden sowie den Landkreis insgesamt attraktiver für Zuwanderer zu
machen. Die Etablierung einer Willkommenskultur hat in Anlehnung an Depner und Teixeira
(2012) verschiedene Dimensionen, die im Folgenden genauer dargestellt werden. Die Etablierung
einer Willkommenskultur ist eine Gemeinschaftsaufgabe, an der in erster Linie die kreisangehö‐
rigen Städte und Gemeinden mit ihren lokalen zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteu‐
ren mitwirken sollten. Dem Landkreis kommen vorrangig koordinierende und strategische Auf‐
gaben zu.
4.1.1. Subziel 1: Sicherung eines guten Angebots qualitativ hochwertiger barrie-
rearmer Dienstleistungen vor Ort
Vor dem Hintergrund der dynamischen Alterung ist die Herstellung von Barrierefreiheit für den
Landkreis und die kreisangehörigen Städte und Gemeinden eine der größten Herausforderungen
für die Zukunft. Landkreis und Gemeinden sollten sich eine schlanke, bürgernahe Verwaltung mit
kurzen Wegen zum Ziel setzen. „One‐Stop‐Shops“, in denen Bürgerinnen und Bürger ihre Behör‐
dengänge bürokratiearm und „aus einer Hand“ erledigen können, gehören ebenso dazu wie eine
weitere Digitalisierung der Verwaltungsabläufe. Gerade bei letzterem Punkt sind jedoch Bund und
Länder in der Pflicht, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen.
4.1.2. Subziel 2: Schaffung von adäquatem und bezahlbarem Wohnraum vor
Ort
Der Wunsch nach dem Erwerb von Wohneigentum und der Wunsch, in einem besseren Wohnum‐
feld zu leben, sind ‐ neben familien‐ und arbeitsbezogenen Motiven – die wichtigsten Gründe, nach
Nordsachsen zu ziehen. Diese von den Zugezogenen wahrgenommenen Stärken des Landkreises
sollten weiterentwickelt und besser vermarktet werden. Dabei sollte nicht nur auf „Häusle‐
bauer“ gesetzt werden. Insbesondere in Rackwitz, Taucha und den Mittelzentren des ersten und

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zweiten Rings um Leipzig sind auch Potentiale für Mietwohnungsbau vorhanden. Die Mittelzen‐
tren sollten dabei selbstbewusst auch urbane Baustrukturen entwickeln und sich als Orte präsen‐
tieren, in denen die Vorteile des städtischen und des ländlichen Lebens kombiniert werden kön‐
nen. In den Leipzig‐fernen Gemeinden dürften sich Zuzugspotentiale in erster Linie durch Wohn‐
eigentumsbildung ergeben. Wichtig ist, dass für verschiedene Zielgruppen nachfragegerechter
Wohnraum vorgehalten bzw. entwickelt wird.
Wohnungsneubau sollte sich in sowohl im öf‐
fentlichen als auch im (motorisierten) Individualverkehr gut angebundenen Ortsteilen
konzentrieren
, die über grundlegende Versorgungsinfrastrukturen verfügen um die vorhandene
Infrastruktur zu stützen und Verkehr zu vermeiden.
Potentiale der Innenentwicklung (etwa durch Sanierung und Modernisierung von Bestandsim‐
mobilien) sollten bevorzugt realisiert werden, bevor neue Wohnbauflächen an den Ortsrändern
realisiert werden. In jedem Fall sollte eine
weitere Zersiedelung im Kreisgebiet unbedingt ver‐
mieden werden
!
4.1.3. Subziel 3: Arbeitsmöglichkeiten mit angemessener Entlohnung, Bereit-
stellung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und gute Vereinbar-
keit von Familie und Beruf
Ein Schlüssel zur Revitalisierung ländlicher Räume ist ein attraktives Arbeitsplatzangebot mit gu‐
ten Karrieremöglichkeiten und angemessenem Lohnniveau, insbesondere im produzierenden Ge‐
werbe. Die Interviews mit Wirtschaftsvertretern haben gezeigt, dass offensichtlich im Landkreis
Nordsachsen durch Informationsdefizite zu den Möglichkeiten der lokalen Arbeitsmärkte bei den
Schulabgängerinnen und Schulabgängern ungenutzte Bleibepotentiale bestehen, durch die die
Abwanderungsneigung der „Ausbildungswanderer“ reduziert werden könnten. Hier sind die
Schulen, aber auch die regionalen Wirtschaftsunternehmen, gefordert. Ziel der Kreispolitik sollte
sein, den Landkreis Nordsachsen als multifunktionalen ländlichen Raum zu erhalten und weiter‐
zuentwickeln.
4.1.4. Subziel 4: Offenheit der örtlichen Zivilgesellschaft zur Integration der
Neuankömmlinge
Angesichts der ungünstigen Bevölkerungsstrukturen kann eine demografische Stabilisierung des
Landkreises Nordsachsen nur durch (internationale) Zuwanderung erfolgen. Die Strategie, Ge‐
flüchtete nach einem Schlüssel gleichmäßig auf die kreisangehörigen Städte und Gemeinden zu
verteilen, hat sich bewährt und sollte in Zukunft auch beibehalten werden. Der Kreis und die kreis‐
angehörigen Städte und Gemeinden sollten in Zusammenarbeit mit der lokalen Wirtschaft und
Zivilgesellschaft
Maßnahmen und Integrationskonzepte entwickeln, um Geflüchtete und
Asylsuchende mit guten Bleibeperspektiven in der Bundesrepublik zum Bleiben zu ani‐
mieren und ihre Integration in den lokalen Arbeitsmarkt und die örtliche Zivilgesellschaft
zu fördern
. Dies gilt in besonderem Maße für die Mittelzentren. Die Wanderungsdaten deuten
darauf hin, dass kleinere Gemeinden von Zuwanderern aus dem Ausland eher als Zwischenstation
gesehen werden und weniger als dauerhafter Wohnstandort.

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Der Landkreis sollte sich die vom Landkreistag formulierten vier „zentralen Gedanken gelingen‐
der Integration“ zu Eigen machen (Deutscher Landkreistag 2016: 12):
Wir können uns nicht leisten, dass Integration scheitert
.“
Menschen sind dann in unserer Gesellschaft integriert, wenn sie nicht nur mitspielen dürfen,
sondern Verantwortung übernehmen können und vom Hilfeempfänger zum aktiven Teil un‐
serer Gesellschaft werden
.“
Es gibt keine Berechtigung, nicht sein Bestes zur
Integration von Asylsuchenden zu geben
.“
Die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen ist eine einmalige Chance, bürokra‐
tische Strukturen zu verändern
.“
Auch die Stärkung ehrenamtlicher Strukturen ist von großer Bedeutung für eine gelingende In‐
tegration internationaler Zuwanderer.
Studien zur Zu‐ und Rückwanderung von deutschen Staatsbürgern in ländliche Räume Ost‐
deutschlands (Leibert/Wiest 2012) zeigen, dass auch Personen, die nach einer längeren Abwe‐
senheit in ihre Heimatregion zurückkehren und aus anderen Landesteilen zuziehende deutsche
Staatsbürger häufig Probleme haben, sich am neuen Wohnort zu (re‐)integrieren.
Auch wenn in erster Linie die Zivilgesellschaft gefordert ist, können die Städte und Gemeinden die
gesellschaftliche Eingliederung der Neubürgerinnen und Neubürger fördern. Dazu könnten sie
proaktiv Informationen zum gesellschaftlichen Leben vor Ort zusammenstellen (etwa in Form
eine „Willkommensbroschüre“, die auch online verfügbar sein sollte) und es den Zugezogenen so
erleichtern erste Kontakte zu knüpfen und am neuen Wohnort (wieder) Wurzeln zu schlagen.
4.2. Strategisches Ziel „Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung
und Ausbau der (finanziellen) Handlungsspielräume der kreisan-
gehörigen Städte und Gemeinden“
Eine erfolgreiche und bürgerfreundliche Bewältigung der Herausforderungen des demografi‐
schen Wandels setzt eine langfristig orientierte, konsistente Stadt‐ und Regionalentwicklungspla‐
nung sowie eine entsprechende Politik voraus, die das durch den kurzfristigen Horizont politi‐
scher Wahlperioden ausgelöste „zeitliche Steuerungsdilemma“ umgeht (Mäding 2015).
Weiterhin sind die entscheidenden „Player“ bei der Entwicklung ländlicher Räume nicht die Ge‐
meinden und Kreise, sondern Bund und Länder. Wichtige Weichenstellungen, die zu einer Stär‐
kung oder Schwächung ländlicher Räume beitragen, werden nicht vor Ort, sondern in Berlin oder
Dresden getroffen (z.B. Aufgabe/Erhalt von Infrastrukturen, Fördermittel, Kommunalfinanzen).
Die folgenden Handlungsempfehlungen liegen daher auch größtenteils in der Verantwortung der
Staatsregierung.
Lokale Probleme und Herausforderungen sollten nach dem Subsidiaritätsprinzip auch lo‐
kal angegangen und gelöst werden. In diesem Zusammenhang wäre eine weitgehende De‐
zentralisierung und Übertragung von Aufgaben von der Landes‐ auf die Kreis‐ und Ge‐
meindeebene wünschenswert.

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Die Gemeinden sollten in die Lage versetzt werden, sich über die Bereitstellung freiwilli‐
ger Leistungen als lebens‐ und liebenswerter Wohn‐ und Arbeitsort zu profilieren.
Die Gemeindefinanzierung sollte so weit wie möglich auf freie Budgets umgestellt werden,
die eine langfristige Planung ermöglichen.
Die derzeitige Gemeindestruktur im Landkreis sollte beibehalten werden. Ausgesprochen
wünschenswert wäre allerdings die Förderung einer vertieften interkommunalen Zusam‐
menarbeit (z.B. über Zweckverbände und Zweckvereinbarungen).
Eine besondere Herausforderung im Landkreis Nordsachsen ist die Zukunftsfähigkeit der
Klein(st)dörfer mit weniger als 200 Einwohnern. In fast allen Gemeinden gibt es ein Nebeneinan‐
der von kleinen Ortsteile mit einer sehr ungünstigen Bevölkerungsentwicklung und Klein(st)dör‐
fern mit erheblichem Revitalisierungspotential. Aus raumordnerischer und fiskalischer Sicht
wäre ein Auslaufenlassen der Klein(st)dörfer sinnvoll, allerdings sind diese Siedlungen auch Hei‐
mat, Element der Kulturlandschaft und geschichtsträchtige Orte, die man nicht nur als Kostenfak‐
tor betrachten darf. Über die Zukunft der Klein(st)dörfer sollte ein breiter, ergebnisoffener Dis‐
kurs unter Beteiligung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger eingeleitet werden, mit dem
Empfehlungen zum Umgang mit dieser siedlungsstrukturellen Kategorie erarbeitet werden.
4.3. Strategisches Ziel „Verbesserung der Erreichbarkeit und Siche-
rung der Daseinsvorsorge“
Voraussetzung, jenseits der beiden Ringe um Leipzig bestehende Zuwanderungspotentiale zu ak‐
tivieren, ist insbesondere eine Verbesserung der Erreichbarkeit, namentlich im ÖPNV. Vor dem
Hintergrund einer alternden Bevölkerung kommt auch der wohnortnahen Versorgung mit Waren
und Dienstleistung des täglichen Bedarfs und der medizinischen Versorgung eine wichtige Rolle
zu. Ein qualitativ hochwertiges Bildungs‐ und Kinderbetreuungsangebot gilt zudem als ein wich‐
tiges Zuzugsmotiv für junge Familien.
Der Landkreis sollte dies durch einen Ausbau der Radwegeinfrastruktur und des ÖPNV‐
Angebots fördern.
Der Schienen‐, nicht jedoch der Busverkehr, wird zunehmend in der Freizeit genutzt
(Naumann 2016). Diesen Trend sollte die Fahrplangestaltung berücksichtigen und auch
am Wochenende und am Abend bessere Verbindungen ermöglichen sowie eine bessere
Erschließung der wichtigsten Tourismus‐ und Naherholungsgebiete im Landkreis ge‐
währleisten.
Die im Mobilitätsprojekt „Nordsachsen bewegt“ angestrebte Einrichtung eines zentralen
Rufbussystems ist grundsätzlich zu begrüßen. Bisherige Erfahrungen mit bedarfsgesteu‐
erten Bedienformen in dünn besiedelten ländlichen Räumen zeigen jedoch einen sehr ho‐
hen Zuschussbedarf bei schwacher Bündelungswirkung (Küpper 2011). Initiativen zur
Etablierung von Bürgerbussen wie in Arzberg sollten gezielt unterstützt werden.

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Das aktuelle Schulnetz im Landkreis sollte nach Möglichkeit erhalten werden, um weite
Wege für die Schülerinnen und Schüler und Lebensqualitätsverluste durch lange Fahrzei‐
ten zu vermeiden. Mit neuen pädagogischen Konzepten (z.B. jahrgangsübergreifendem
Unterricht) und dezentralen Lösungen sollten Schulschließungen vermieden werden.
Schulen und Kitas könnten nachmittags und abends als Treffpunkte der Dorfgemeinschaft
und für Vereinsaktivitäten genutzt werden. Bei Neu‐ und Umbauten sollte folglich auf
möglichst flexible Nutzungskonzepte Wert gelegt werden (Reichard 2015).
Anpassungsmaßnahmen an den demografischen Wandel sollten im Dialog mit der Bür‐
gerschaft ausgehandelt werden. Unvermeidbare Rückbau‐ und Zentralisierungsmaßnah‐
men sollten mit Qualitätssteigerungen verbunden sein, um bei den Bürgerinnen und Bür‐
gern auf größeres Verständnis zu treffen (Weber 2016).
Angesichts der ungünstigen überregionalen Verkehrsanbindung sollten Maßnahmen ent‐
wickelt werden, um die Ortsteile Beilrode, Belgern und Dommitzsch besonders zu fördern
und in ihrer Funktion als Siedlungs‐ und Versorgungskerne der jeweiligen Stadtgemein‐
den und Verwaltungsgemeinschaften zu stärken.
4.4. Strategisches Ziel „Festigung von Ortsbindungen und Steigerung
der überregionalen Bekanntheit“
Es wichtig, dem dominanten Diskurs zu ländlichen Räumen in Ostdeutschland („Wolfserwar‐
tungsland“) aktiv zu widersprechen und eine eigene Erzählung gegenüberzustellen, die Nordsach‐
sen als lebens‐ und liebenswerten Kreis mit Zukunft charakterisiert. Auch sollte vermieden wer‐
den, die Chancen und Stärken des Kreises kleinzureden.
Die Zuwandererbefragung hat gezeigt, dass die Neubürger zumeist sehr gezielt an Orten, die ihnen
vorher schon bekannt waren, nach ihrer neuen Wohnung gesucht haben. Angesichts der Konkur‐
renz mit anderen ländlichen Regionen, die ähnliche Standortvorteile aufweisen, etwa dem Süd‐
raum Leipzig, ist es notwendig, die Bekanntheit der kreisangehörigen Städte und Gemeinden bei
potentiellen Zuzüglern zu erhöhen, etwa durch touristische Marketingmaßnahmen. Eine Stärkung
der Naherholungsfunktion des Kreises für die Einwohner der Stadt Leipzig kann folglich zum Zu‐
zug von Neubürger(innen) führen, die den Landkreis zunächst als Ausflügler kennengelernt ha‐
ben. Gemeinden, die für Touristen und Ausflügler attraktiv sind, sind häufig auch bevorzugte Zu‐
zugsorte, da durch ihre touristische Funktion Arbeitsplätze, Infrastrukturen und Kulturangebote
bieten können, die in anderen Kommunen vergleichbarer Größenordnung nicht vorhanden sind ‐
und natürlich nicht zuletzt auch aufgrund ihrer landschaftlichen Reize.
4.5. Strategisches Ziel „Neue Kultur des Ehrenamts und der Bürgerbe-
teiligung etablieren“
Für die zu erarbeitende Zukunftsstrategie sind zwei Zielgruppen besonders in den Blick zu neh‐

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men.
Angesichts der steigenden Zahl von Seniorinnen und Senioren müssen die Herausfor‐
derungen der Alterung aktiv angenommen und ein barrierefreier Umbau des Landkreises
in Angriff genommen werden
. Gleichzeitig sollte der höhere Anteil von Menschen über 65 auch
als Chance wahrgenommen werden: Hier liegen erhebliche Potentiale für das Ehrenamt sowie für
die Unterstützung der vorhandenen zivilgesellschaftlichen Strukturen.
Der Jugend soll ermög‐
licht werden, Wurzeln zu schlagen, um die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr nach einer
ausbildungsbedingten Abwanderung zu erhöhen.
Dabei spielen die Vereine eine zentrale
Rolle.

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5. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Wanderungen innerhalb der Region Leipzig 2015: Altersstruktur nach Quelle‐Ziel‐
Beziehung. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen
(2016). ..................................................................................................................................................... 6
Abbildung 2: Umzugsgründe der befragten Zu‐ und Rückwanderer: Mieter und Eigentümer im
Vergleich. Eigene Erhebungen.............................................................................................................. 10
Abbildung 3: Suchräume des letzten Umzuges nach aktueller Wohnform
aufgeschlüsselt. Eigene
Erhebungen. .......................................................................................................................................... 11
Abbildung 4: Wohnortbewertung im Verhältnis zum vorherigen Wohnstandort. Eigene Erhebungen11
Abbildung 5: Aussagen über den Wohnort im Leipziger Umland. Eigene Erhebungen. ....................... 13
Abbildung 6: Aussagen über den Wohnort außerhalb der Leipzig‐nahen Gemeinden. Eigene
Erhebungen. .......................................................................................................................................... 14
Karte 1: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der
Städte und Gemeinden der Region Leipzig
2011‐2016 in %. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen
(2018). ..................................................................................................................................................... 1
Karte 2: Einwohnerentwicklung der Ortsteile der Städte und Gemeinden des Landkreises
Nordsachsen 2011‐2016. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats
Sachsen (2014), Einwohnermeldeämter (2017). ..................................................................................... 3

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6. Literatur
Bijker, Rixt; Haartsen, Tialda; Strijker, Dirk (2015): How people move to rural areas: insights in
the residential search process from a diary approach. In: Journal of Rural Studies 38, S. 77‐
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Deppner, Wolfgang und Carlos Teixeira (2012): Welcoming Communities? An Assessment of Com‐
munity Services in Attracting and Retaining Immigrants in the South Okanagan Valley (Brit‐
ish Columbia, Canada), with Policy Recommendations. In: Journal of Rural and Community
Development 7 (2), S. 72‐97.
Deutscher Landkreistag (Hrsg.) (2016): Integration von Flüchtlingen in ländlichen Räumen. Stra‐
tegische Leitlinien und Best Practices. Berlin (DLT)
Dymarz, Maike; Hanhörster, Heike; Hans, Nils; Wallraff, Mona; Zimmer‐Hegmann, Ralf (2016): Ge‐
lingende Integration im Quartier. Dortmund (ILS).
Fuchs, Michaela; Nadler, Robert; Roth, Duncan; Theuer, Stefan u. Antje Weyh (2017): Rückwande‐
rung von Erwerbspersonen – aktuelle Deutschlandzahlen im regionalen Vergleich. In: Nati‐
onalatlas aktuell 11 (05.2017) 4 [22.05.2017].
Küpper, Patrick 2011: Auf dem Weg zu einem Grundangebot von Mobilität in ländlichen Räumen
– Probleme, Ursachen und Handlungsoptionen. In: Hege, Hans‐Peter, Knapstein, Yvonne,
Meng, Rüdiger, Ruppenthal, Kerstin, Schmitz‐Veltin, Ansgar, Zakrzewski Philipp (Ed.):
Schneller, öfter, weiter? Perspektiven der Raumentwicklung in der Mobilitätsgesellschaft.
ARL: Hannover: 152‐168
Leibert, Tim (2016): She leaves, he stays? Sex‐selective migration in rural East Germany. Journal
of Rural Studies 43: 267‐279
Leibert, Tim; Wiest, Karin 2012: SEMIGRA Final Report – Annex 2A. Case Study Report: Sachsen‐
Anhalt. Leipzig, Luxembourg: IfL; ESPON
Mäding, Heinrich (2015): Herausforderungen und Konsequenzen des demografischen Wandels
für Kommunalpolitik und ‐verwaltung. In: Bauer, H., Büchner, C., & Gründel, O. (Hrsg.): De‐
mografischer Wandel: Herausforderungen für die Kommunen. Potsdam: Univ.‐Verl.
Naumann, Thomas 2016: Freizeit, Erholung und Einkaufen führende Fahrtzwecke im ÖV. In:
Stadtverkehr 61, 10: 26‐27
Reichard, Christoph (2015): Demografischer Wandel und die Bereiche Ver‐ und Entsorgung. In:
Bauer, H., Büchner, C., & Gründel, O. (Hrsg.): Demografischer Wandel: Herausforderungen
für die Kommunen. Potsdam: Univ.‐Verl.
Weber, Gerlind (2016): Vom Streben nach Wachstum zur Gestaltung von Schrumpfung. In: Egger,
R., & Posch, A. (Hrsg.). (2016). Lebensentwürfe im ländlichen Raum. Wiesbaden: Springer
Fachmedien Wiesbaden