Demografiestudie Landkreis Nordsachsen
Impulse des demografischen Wandels für den Landkreis Nordsachsen
im Kontext neuer regionaler Wachstumstrends in der Region Leipzig
Abschlussbericht

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Auftraggeber
Landratsamt Nordsachsen
04855 Torgau
Auftragnehmer
Leibniz-Institut für Länderkunde e. V.
Schongauerstraße 9
04328 Leipzig
Projektverantwortlich
Projektkoordination
Landrat Kai Emanuel
Amt für Wirtschaftsförderung und
Landwirtschaft
Germaine Schleicher
Richard-Wagner-Straße 7a
04509 Delitzsch
Autoren
Projektlaufzeit
Dr. Tim Leibert
Lennart Wiesiolek
Anika Schmidt
Lucas Mittag
Claire Bardet
01/2017 – 12/2017

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Danksagung
Die Autoren danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung, den
befragten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, den Expertinnen und Experten und
den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Meldeämter für ihre freundliche Unterstüt-
zung. Besonderen Dank schulden wir Frau Bürgermeisterin Karau (Dommitzsch), Herrn
Bürgermeister Klepel (Mockrehna), Herrn Oberbürgermeister Kretschmar (Oschatz),
Herrn Bürgermeister Schwalbe (Rackwitz) und ihren Mitarbeiter(innen) sowie Herrn Pla-
ner (WGD) für ihre Unterstützung bei der Zuwandererbefragung.
Hinweise
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abge-
ordneten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes.
Hinweis: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Studie haupt-
sächlich die männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen
verwendet. Dies impliziert keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll
im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral verstanden werden.

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Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung ................................................................................................................................... 1
1.1. Ausgangssituation ......................................................................................................... 1
1.2. Aufgaben- und Zielstellung ........................................................................................... 3
1.3.
Ablauf des Arbeitsprozesses ......................................................................................... 4
2.
Aktuelle demografische Trends im Landkreis Nordsachsen .................................. 6
2.1. Raummuster der natürlichen Bevölkerungsentwicklung ............................................ 14
2.1.1.
Raummuster der Geschlechterproportionen der jungen Erwachsenen ............. 19
2.1.2.
Typologie der Fertilität und der fertilitätsrelevanten Bevölkerungsstrukturen . 19
2.1.3.
Raummuster des Wanderungsverhaltens ........................................................... 22
2.1.4. Rückwanderung ................................................................................................... 25
2.2. Bevölkerungsstrukturelle Rahmenbedingungen ......................................................... 28
2.2.1.
Typologie der Triebkräfte der Bevölkerungsentwicklung ................................... 28
2.2.2.
Raummuster und Entwicklung des Altenquotienten .......................................... 31
2.2.3.
Raummuster und Entwicklung des Jugendquotienten ....................................... 36
2.2.4.
Typologie der Raummuster der Altersstruktur ................................................... 39
3.
Analyse der Wachstumsprozesse der Stadt Leipzig .................................................43
4.
Ergebnisse der Experteninterviews ...............................................................................53
4.1. Interviews mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern ........................................... 53
4.1. Hauptergebnisse der Unternehmensbefragung ......................................................... 57
4.1.1. Fachkräfte- und Personalsituation ...................................................................... 57
4.1.2. Wohnqualität ...................................................................................................... 61
4.1.3. Verkehrsanbindung ............................................................................................. 61
5.
Ergebnisse der empirischen Erhebungen ....................................................................62
5.1. Haushaltsbefragung 2017 ........................................................................................... 62
5.1.1. Umzugsgründe .................................................................................................... 64
5.1.2.
Die Wohnungssuche ............................................................................................ 67
5.1.3.
Die Bewertung des aktuellen Wohnumfeldes im Landkreis ............................... 70
5.1.4.
Fazit ..................................................................................................................... 74
5.2. Biographische Tiefeninterviews mit Zugewanderten ................................................. 75
5.2.1.
Diskussion der Ergebnisse ................................................................................... 76

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5.3.
Ergebnisse der Schülerbefragung ................................................................................ 80
5.3.1. Offene Antworten: Negative Aspekte des Wohnorts ......................................... 84
5.3.2. Offene Antworten: Positive Aspekte des Wohnorts ........................................... 85
6.
Stärken-Schwächen-Analyse des Landkreises Nordsachsen ................................86
6.1.1. Themenfeld Wanderung ..................................................................................... 88
6.1.2.
Themenfeld Soziale Infrastruktur ........................................................................ 88
6.1.3. Themenfeld Bevölkerungsstruktur ...................................................................... 88
6.1.4.
Zusammenfassung ............................................................................................... 89
7.
Strategische Ziele und Handlungsempfehlungen ......................................................92
7.1.
Strategisches Ziel „Etablierung einer Willkommenskultur zur Sicherung und
Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raums“ ............................................................... 94
7.1.1.
Subziel 1: Sicherung eines guten Angebots qualitativ hochwertiger
barrierearmer Dienstleistungen vor Ort ............................................................................. 94
7.1.2.
Subziel 2: Schaffung von adäquatem und bezahlbarem Wohnraum vor Ort ..... 95
7.1.3.
Subziel 3: Arbeitsmöglichkeiten mit angemessener Entlohnung, Bereitstellung
von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf
............................................................................................................................. 97
7.1.4.
Subziel 4: Offenheit der örtlichen Zivilgesellschaft zur Integration der
Neuankömmlinge ................................................................................................................ 99
7.2.
Strategisches Ziel „Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung und Ausbau der
(finanziellen) Handlungsspielräume der kreisangehörigen Städte und Gemeinden“ .......... 101
7.3.
Strategisches Ziel „Verbesserung der Erreichbarkeit und Sicherung der
Daseinsvorsorge“ .................................................................................................................. 103
7.4.
Strategisches Ziel „Festigung von Ortsbindungen und Steigerung der überregionalen
Bekanntheit“ ......................................................................................................................... 107
7.5.
Strategisches Ziel „Neue Kultur des Ehrenamts und der Bürgerbeteiligung etablieren“
................................................................................................................................... 108
8.
Anhang ................................................................................................................................... 110
8.1. Tabelle: Infrastrukturelle Ausstattung der Ortsteile ................................................. 110
8.1.
Fragebogen der Haushaltsbefragung ........................................................................ 126
9.
Abbildungsverzeichnis ..................................................................................................... 135
10.
Literatur ................................................................................................................................ 138

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1
1. Einleitung
1.1. Ausgangssituation
Mit knapp unter 200.000 Einwohnern ist Nordsachsen der bevölkerungsmäßig kleinste
und der am dünnsten besiedelte sächsische Landkreis. Viele der 30 kreisangehörigen
Städte und Gemeinden bestehen aus mehreren Ortsteilen, die zum Teil weniger als 100
Einwohner haben. Siedlungsstrukturell umfasst der Landkreis das wirtschaftsstarke und
infrastrukturell gut erschlossene nördliche Umland von Leipzig, aber auch äußerst dünn
besiedelte ländliche Räume mit Erreichbarkeits- und Versorgungsdefiziten. Die Mittelzen-
tren Delitzsch, Eilenburg, Oschatz, Schkeuditz und Torgau fungieren als Ankerpunkte für
die Versorgung der übrigen Gemeinden mit Waren des täglichen und periodischen Bedarfs,
öffentlichen und gewerblichen Dienstleistungsangeboten sowie Kultur- und Bildungsein-
richtungen. Dieses zentralörtliche Netz wird durch Grundzentren ergänzt.
Durch die S-Bahn Mitteldeutschland und neue Anschlussbuskonzepte hat sich die Qualität
des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) insbesondere entlang der Achsen Leipzig-
Delitzsch-Berlin und Leipzig-Eilenburg-Torgau-Cottbus nachhaltig verbessert. Im Torgau-
er Raum fehlt allerdings eine leistungsfähige Anbindung an das Fernstraßennetz. Der Süd-
osten des Kreisgebiets ist durch die ÖPNV-Achse Leipzig-Oschatz-Dresden und die Auto-
bahnanbindung infrastrukturell ebenfalls recht gut erschlossen. Diesen Standortvorteilen
stehen jedoch Erreichbarkeitsdefizite in den dünn besiedelten und von kleinen Dörfern
geprägten Achsenzwischenräumen gegenüber. Mit dem derzeit verfolgten Breitbandaus-
bau investiert der Landkreis in eine leistungs- und zukunftsfähige digitale Infrastruktur
auch in den peripheren Kreisteilen und schafft so die Grundlagen für eine Verbesserung
der Standort- und der Lebensqualität für Wirtschaft und Bevölkerung.
Leipzig ist derzeit die am schnellsten wachsende Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern
in der Bundesrepublik. Daran ändert auch die derzeit zu beobachtende leichte Abkühlung
des Wachstums nichts. Die positive demografische Entwicklung von Leipzig strahlt zu-
nehmend auf das Umland aus. Die Wanderungsgewinne des Landkreises aus Leipzig ha-
ben sich seit 2014 von Jahr zu Jahr verstärkt. Insbesondere der „erste Ring“, also die direkt
an Leipzig angrenzenden Städte und Gemeinden, können Bevölkerungszuwächse ver-
zeichnen, die sich vorrangig aus der Zuwanderung von sogenannten „Familienwande-
rern“ – unter 18-Jährigen und 30- bis 50-Jährigen – speist. Nachdem Taucha längere Zeit
das bevorzugte Wanderungsziel im Kreis war, hat sich der Schwerpunkt der Einwohner-
gewinne in den letzten beiden Jahren nach Schkeuditz und Markranstädt verschoben. Mit
zunehmender Entfernung von Leipzig verschlechtert sich die demografische Situation. In
den Städten und Gemeinden im „zweiten Ring“, der von Wiedemar über Delitzsch,
Schönwölkau und Zschepplin bis nach Eilenburg reicht, dominiert die Schrumpfung. Die

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Einwohnerverluste haben sich allerdings in den letzten Jahren verringert, insbesondere in
den beiden Mittelzentren. Außerhalb des direkten Leipziger Einzugsgebiets ist die
Schrumpfungstendenz noch ausgeprägter, allerdings deuten sich in den entlang der
Hauptverkehrsachsen gelegenen Gemeinden sowie in Bad Düben Stabilisierungstenden-
zen an. Ausbildungs- und Arbeitsplatzwanderer, also junge Erwachsene zwischen 18 und
29, kehren Nordsachsen dagegen nach wie vor häufig den Rücken. Das gilt für alle Teil-
räume des Landkreises.
Die 30 kreisangehörigen Städte und Gemeinden stehen nichtsdestotrotz vor großen de-
mografischen Herausforderungen, selbst wenn sich die aktuellen ermutigenden Trends
verstetigen sollten. Durch die lange Schrumpfungsphase, die durch alters- und ge-
schlechtsselektive Abwanderung junger Erwachsener, insbesondere junger Frauen ge-
prägt war, hat sich fast flächendeckend eine ungünstige Altersstruktur herausgebildet, die
durch hohe Seniorenanteile und einen hohen Bevölkerungsanteil der 50- bis 65-Jährigen
gekennzeichnet ist. Vor diesem Hintergrund sind in den nächsten Jahren steigende Ster-
beüberschüsse zu erwarten, durch die eventuelle Wanderungsgewinne aufgezehrt werden
könnten. Auch die schwache Besetzung der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen, die sich
durch die niedrigen Geburtenraten der frühen 1990er Jahre und die ausbildungsbedingte
Abwanderung erklärt, dürfte sich in den kommenden Jahren als „Echoeffekt“ in Form von
vorübergehend sinkenden Geburtenzahlen auf die Bevölkerungsentwicklung auswirken.
Die folgenden Jahrgänge sind aber wieder stärker besetzt. Positive Signale gibt es auch im
Bereich der natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Die Geburtenraten der kreisangehöri-
gen Städte und Gemeinden liegen zwar zumeist unter dem sächsischen Durchschnitt, aber
höher als in den meisten anderen Regionen Deutschlands. Als Folge der jahrelangen, heute
zwar abgeschwächten, aber bei Weitem nicht überwundenen, überproportionalen Ab-
wanderung junger Frauen ist das lokale Reproduktionspotential in fast allen Städten und
Gemeinden gering, sodass neben der „überalterten“ Bevölkerungsstruktur ein gewisser
Mangel an potentiellen Müttern als weitere große demografische Herausforderung im
Landkreis identifiziert werden kann.
Die vorliegende Studie zeigt, dass der Landkreis durch uneinheitliche Entwicklungstrends
gekennzeichnet ist, die sich durch die räumliche Strukturierung in Abhängigkeit von der
infrastrukturellen Ausstattung
1
sowie der kleinräumlich differenzierten demografischen
Struktur und den damit einhergehenden vielfältigen Entwicklungspotentialen bzw. -
1
Vergleiche dazu auch den Bericht von Stein et al. (2015) zur Regionalstrategie Daseinsvorsorge: Mobilität – Infrastruktu-
ren.

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hemmnissen in den Teilräumen ergeben. Dies wird in der demografischen Analyse sowie
den im Rahmen des Projekts durchgeführten empirischen Erhebungen besonders deutlich
und stellt dementsprechend den analytischen Kern der Studie dar. Es werden erhebliche
Unterschiede der Entwicklungsmuster bis hinunter zur Ebene der Ortsteile festgestellt.
Abschließend werden Strategien und Handlungsempfehlungen formuliert, die in der skiz-
zierten komplexen Ausgangslage sinnvoll sein könnten. In der vorliegenden Studie geht es
also um die Darstellung der grundlegenden demografischen Strukturen und Prozesse so-
wie die im Landkreis und in den kreisangehörigen Städten und Gemeinden vorhandenen
Potentiale und Herausforderungen, die für eine weitergehende Strategieentwicklung auf
Landkreisebene nutzbar gemacht werden können.
1.2. Aufgaben- und Zielstellung
Inhaltlicher Schwerpunkt des vorliegenden Berichts ist eine sorgfältige Analyse der demo-
grafischen Rahmenbedingungen in den Städten, Gemeinden und Teilräumen des Land-
kreises, insbesondere des Wanderungsverhaltens. Auf Grundlage des erhobenen Datenbe-
stands wird hinterfragt, wie der Kreis attraktiver für Zuziehende und seine Bewohner
gemacht werden kann, um positive Entwicklungen zu fördern und zu stabilisieren. So ist
das Leitziel des Projektes, auf Grundlage einer demografischen und infrastrukturellen
Bestandsaufnahme, sowie einer umfassenden empirischen Untersuchung der Sichtweisen,
individuellen Lebenswelten und Wanderungsprozesse, Impulse für eine räumlich ausge-
wogene Entwicklung des Landkreises Nordsachsen zu formulieren.
Die zentralen Bausteine sind dabei:
eine umfassende demografische Bestandsaufnahme inklusive der Wanderungsbe-
wegungen
infrastrukturelle Bestandsaufnahme in allen Gemeinden auf Ortsteilebene (siehe
Anhang 8.1)
Analyse der Wachstumsprozesse der Stadt Leipzig
Analyse der Wanderungsmuster und Wanderungsmotive
Befragungen von unterschiedlichen Expertengruppen aus Politik und Gesellschaft
Erarbeitung der einer Chancen- und Risikoanalyse der aktuellen Entwicklungen
Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für eine regionale Zukunftsstrategie
Bei der Ist-Analyse werden Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstruktur betrach-
tet im Hinblick auf besondere demografische Herausforderungen, etwa die die Tragfähig-

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keit von Infrastruktureinrichtungen oder die Gefahr einer verstärkten Schrumpfung infol-
ge einer „überalterten“ und „unterjüngten“ Bevölkerungsstruktur. Bei den Wanderungs-
trends wurden besonders die Verflechtungen der spezifischen Regionen und die Stadt-
Umland-Effekte der aktuellen Bevölkerungsentwicklung von Leipzig berücksichtigt. Durch
die enge Kooperation mit dem Landkreis Nordsachsen und den kreisangehörigen Städten
und Gemeinden war es zudem möglich, neben der Erfassung der übergeordneten Trends
je nach Datenlage Analysen bis auf Ortsteilebene durchzuführen, was weitergehende Ein-
sichten in die demografische Struktur ermöglichte.
Um die Sicht der Bürgerinnen und Bürger auf den Landkreis mit in die Betrachtung ein-
fließen zu lassen, wurde zusätzlich eine möglichst flächendeckende Haushaltsbefragung
der seit 2013 in den Landkreis Nordsachsen zugewanderten Menschen zu wahrgenom-
menen Lebensbedingungen und Wanderungsmotivationen, online-basiert und in ausge-
wählten Gemeinden auch schriftlich, durchgeführt. Um die Erkenntnisse aus den Befra-
gungen weitergehend zu vertiefen, wurden zudem längere qualitative Tiefeninterviews
mit zwölf Neubürgern geführt. Darüber hinaus war es möglich, Synergien mit einer lan-
desweiten Schülerbefragung zu nutzen, um auch die Perspektiven der zukünftigen Genera-
tionen auf das Leben im Landkreis zu dokumentieren.
Die seit den 1990er-Jahren erkennbare Aufteilung des Landkreises in wachsende Umland-
kommunen, Gemeinden entlang der überregionalen Verkehrsachsen sowie überalterte
und schrumpfende ländlich-periphere Teilräume gilt es dabei konstruktiv zu überwinden.
Die Ergebnisse dienen schlussendlich als Orientierungsgrundlage für die langfristige stra-
tegische Ausrichtung von Politik und Planung mit dem Ziel einer diversifizierten nachhal-
tigen Raumentwicklung in allen Teilräumen des Kreises.
1.3. Ablauf des Arbeitsprozesses
Die Kreisverwaltung und die WFG-Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH des Landkrei-
ses Nordsachsen haben den Prozess der Erarbeitung einer grundlegenden demografischen
Analyse durch das Leibniz-Institut für Länderkunde für die Erarbeitung einer Zukunfts-
strategie auf den Weg gebracht. Finanziert wurde das Projekt durch die Förderrichtlinie
Demografie der sächsischen Staatskanzlei. Im Rahmen dieser Richtlinie werden lokale
Projekte von Kommunen, Verbänden und Vereinen unterstützt, um die Entwicklung von
Ideen und Handlungskonzepten zur Thematik „Demografie“ zu fördern. Bis August 2016
wurden 144 Projekte mit insgesamt 6,5 Millionen Euro vom Freistaat gefördert. Durch den
Antrag zur Förderung von Maßnahmen für die Bewältigung des demografischen Wandels
fungiert der Landkreis Nordsachsen, vertreten durch das Landratsamt Nordsachsen, als
Antragsteller innerhalb der Förderrichtlinie. Der Antrag zur Projektförderung wurde zum
26.09.2016 im Referat 32 Demografie eingereicht und zum 17.11.2016 bewilligt.

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Die Arbeit des Projektteams und die Zwischenergebnisse wurden regelmäßig mit der ei-
ner Steuerungs-/Projektgruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Dezer-
nats Bau und Umwelt, Dezernats Ordnung, Dezernats Soziales, dem Amt für Wirtschafts-
förderung und dem Hauptdezernat abgestimmt. Alle einzelnen Planungsschritte, Erhe-
bungsinstrumente, sowie die Ergebnisse der Analysen wurden diesem Gremium regelmä-
ßig präsentiert und diskutiert. Die Projektlaufzeit war vom 01.01.2017 bis zum
15.12.2017.
Der Prozess der Erstellung der vorliegenden Studie gliedert sich in mehrere Stufen:
1. Recherche und Bestandsaufnahme der relevanten aktuellsten Kennzahlen der de-
mografischen Entwicklung sowie der Siedlungs- und Infrastrukturen in den ver-
schiedenen Raumtypen;
2. Erarbeitung der Gemeindesteckbriefe mit aktuellen Entwicklungstrends insgesamt
und für jede Gemeinde in Nordsachsen;
3. Explorative offene Leitfadeninterviews mit Vertretern von 28 der 30 Städte und
Gemeinden des Landkreises Nordsachsen;
4. Interviews mit ausgewählten Vertretern von wirtschaftlichen Unternehmen aus
verschiedenen Teilräumen des Landkreises;
5. Flächendeckende Haushaltsbefragung der seit 2013 Zugewanderten via Online –
Survey, unterstützt von den Kommunen im Landkreis Nordsachsen;
6. Schriftliche Zuwandererbefragung in ausgewählten Gemeinden in Kooperation mit
den kommunalen Meldeämtern in Dommitzsch, Mockrehna, Oschatz, Rackwitz
sowie der Wohnungsbaugesellschaft Delitzsch (Mieterbefragung);
7. Tiefeninterviews mit zwölf zugewanderten Personen verschiedener Altersgruppen,
um die Erkenntnisse aus der Haushaltsbefragung zu erweitern;
8. Vorstellung der Ergebnisse und Diskussion verschiedener Themenfelder mit allen
interessierten Vertretern der Kommunen und Fachämter in einem Abschluss-
workshop mit Ziel der Formulierung von konkreten Handlungsleitlinien;
9. Erarbeitung einer Darstellung von aktuellen Chancen und Risiken der Kreisent-
wicklung im Hinblick auf die Handlungsoptionen und einer Zukunftsstrategie für
Nordsachsen;
10. Zusammenstellung der gesammelten Erkenntnisse in diesem Abschlussbericht.

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2. Aktuelle demografische Trends im Landkreis Nord-
sachsen
Im Jahr 2016 ist die Bevölkerung des Freistaats Sachsen um 0,1% zurückgegangen. Dem
andauernden Wachstum der Großstädte Leipzig (+1,9%) und Dresden (+0,6%) stehen
Einwohnerverluste in den kreisangehörigen Gemeinden von 0,5% gegenüber. Mit einem
Plus von 458 Einwohnerinnen und Einwohnern (+0,2%) ist Nordsachsen der einzige säch-
sische Landkreis, der das Jahr 2016 mit einem Bevölkerungszuwachs abschließen konnte
(Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen 2018). Im folgenden Kapitel werden die
Komponenten der Bevölkerungsentwicklung – natürliche Bevölkerungsentwicklung und
Wanderungen – sowie die Altersstrukturen auf der Gemeinde- und – in Abhängigkeit von
der Datenverfügbarkeit- - der Ortsteilebene genauer analysiert. Dabei steht die Binnen-
entwicklung im Vordergrund. Die Auswirkungen des Wachstums von Leipzig auf den
Landkreis sind dann Thema von Kapitel 3.
Tabelle 1: Jährliche Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden des "inneren" und "äußeren" Rings von Leipzig 2011-
2016. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017); Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2018).
Gemeinde
2011-2012
2012-2013
2013-2014
2014-2015
2015-2016
2011-2016
Leipzig
2,1
2,1
2,4
2,9
1,9
12,0
Taucha
1,1
1,1
2,7
2,0
1,5
8,6
Schkeuditz
-0,4
0,5
1,1
1,7
2,6
5,6
Markranstädt
0,4
-0,3
0,8
1,5
2,4
5,0
Zwenkau
-0,2
0,7
0,8
0,3
2,0
3,5
Markkleeberg
0,5
0,3
0,7
0,5
1,0
3,0
Brandis
0,2
0,1
0,2
0,4
2,0
3,0
Naunhof
0,2
1,0
-0,1
1,1
0,2
2,4
Borsdorf
0,1
0,2
-0,1
0,1
2,0
2,4
Krostitz
0,2
0,4
0,5
-0,0
0,9
2,0
Jesewitz
-1,1
0,8
0,3
0,2
1,0
1,1
Belgershain
0,7
-1,0
0,2
0,5
0,1
0,6
Machern
-0,2
-0,2
0,8
0,1
-0,2
0,5
Großpösna
0,1
-0,3
0,4
-0,1
-0,2
-0,0
Rackwitz
0,8
-1,8
-1,0
1,4
0,6
-0,0
Pegau
-1,3
-1,1
-0,2
-0,5
0,5
-2,6
Böhlen
-0,6
-1,0
0,3
2,2
0,5
1,3
Rötha
-1,8
0,7
3,1
-0,6
-1,7
-0,3
Eilenburg
-0,9
-0,3
-0,6
0,4
0,8
-0,7
Delitzsch
-0,1
-0,6
-0,4
-0,2
-0,1
-1,4
Schönwölkau
-0,1
-2,5
0,1
0,2
-0,6
-2,8
Wiedemar
-1,1
-2,4
-0,1
0,6
0,0
-3,0
Städte und Gemeinden des "äußeren Rings" um Leipzig
Städte und Gemeinden des "inneren Rings" um Leipzig

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Das Wachstum von Leipzig strahlt zunehmend auf die umliegenden Städte und Gemeinden
aus. Karte 1 zeigt, dass der Landkreis Nordsachsen hinsichtlich der Bevölkerungsentwick-
lung seit dem Zensus 2011 in drei Ringe um die Kernstadt Leipzig unterteilt werden kann
Der „erste Ring“ (Karte 2) wird gebildet von den direkt an die Messestadt angrenzenden
Gemeinden Schkeuditz, Rackwitz, Krostitz, Jesewitz und Taucha. Zwischen 2011 und 2016
ist die Einwohnerzahl der genannten Städte und Gemeinden um insgesamt 5,3% gestie-
gen. Dieses Wachstum ist in erster Linie auf deutliche Bevölkerungsanstiege in Taucha
und Schkeuditz zurückzuführen (Tabelle 1), während die übrigen Gemeinden schwächer
gewachsen sind (Jesewitz und Krostitz) oder stagnieren (Rackwitz).
Karte 1: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der Städte und Gemeinden der Region Leipzig 2011-2016
2
in %.
Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2018).
2
Die in der Karte dargestellten Daten beziehen sich auf den 30.09.2016, die im Text erwähnten und in den Tabellen darge-
stellten Daten auf den 31.12.2016. In den meisten Fällen unterscheiden sich die Bevölkerungszahlen für die beiden Stichtage
nur geringfügig. In einigen Gemeinden sind die Einwohnerzahlen zwischen dem 30.09.2016 und dem 31.12.2016 jedoch

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Daran schließt sich ein „zweiter Ring“ an, bestehend aus Wiedemar, Delitzsch,
Schönwölkau, Zschepplin und Eilenburg. Auf Basis der Wanderungsverflechtungen mit
Leipzig und der Verkehrsanbindung könnte prinzipiell auch Bad Düben zum „zweiten
Ring“ gerechnet werden. Die Gesamteinwohnerzahl der Städte und Gemeinden des zwei-
ten Rings ist im Zeitraum 2011 bis 2016 um 1,6% zurückgegangen. Deutlichen Verlusten
in Schönwölkau, Wiedemar und Zschepplin steht eine relativ stabile Bevölkerungsent-
wicklung in Eilenburg gegenüber. Charakteristisch für den zweiten Ring sind vergleichs-
weise intensive Wanderungsverflechtungen mit Leipzig, die jedoch weniger stark sind als
im „ersten Ring“. Die übrigen Städte und Gemeinden liegen außerhalb des engeren Leipzi-
ger Umlands, allerdings zeichnen sich in der Bevölkerungsentwicklung Unterschiede zwi-
schen Kommunen, die entlang der überregionalen Verkehrsachsen Leipzig-Torgau-
Cottbus/Hoyerswerda [Korridor B87/RE10/S4] und Leipzig-Oschatz/Grimma-Dresden
[Korridor A14/B6/RE50] liegen und Gemeinden in den Achsenzwischenräumen ab. Insge-
samt haben die außerhalb des engeren Leipziger Umlands gelegenen Städte und Gemein-
den 3,3% ihrer Einwohner verloren. Peripher gelegene Gemeinden in den Achsenzwi-
schenräumen, etwa Dommitzsch, Laußig und Liebschützberg, sind deutlich stärker ge-
schrumpft.
Betrachtet man nur den aktuellsten Zeitschnitt 2014 bis 2016, wird deutlich, dass sich die
Bevölkerungsentwicklung weiter entspannt hat. Auch außerhalb des Leipziger Umlands
sind Stabilisierungs- und Wachstumstendenzen festzustellen, von denen auch viele der
bisher demografisch benachteiligten Gemeinden in den Achsenzwischenräumen profitie-
ren. Wichtige Gründe für die Abschwächung der Schrumpfung im Landkreis Nordsachsen
sind einerseits die seit Beginn des Jahrzehnts gestiegene internationale Zuwanderung und
andererseits der seit etwa 2013/14 verstärkte Zuzug aus der Stadt Leipzig zu nennen. Die
Strategie des Landkreises, Geflüchtete und Asylsuchende bevorzugt in Wohnungen unter-
zubringen und flächendeckend auf alle Städte und Gemeinden des Kreises zu verteilen
(Emanuel 2016), bringt insbesondere im Leipzig-fernen Raum Wachstumsimpulse. Die
Analyse der Wanderungsmuster und Wanderungsverflechtungen für die Jahre 2015 und
2016 (siehe Kapitel 3) belegt, dass der Zuzug ausländischer Staatsbürger vielerorts zu
einer positiven Wanderungsbilanz beigetragen hat. In vielen Kommunen zeichnet sich
zusätzlich ein Trend ab, dass vermehrt junge Erwachsene zwischen 25 und 45 sowie unter
18-Jährige deutsche Staatsbürger zuziehen.
deutlich angestiegen (z.B. in Schkeuditz um 266 Personen) bzw. zurückgegangen. In einigen Fällen hat dies Auswirkungen
auf die in den Karten dargestellten Inhalte. So ist Cavertitz anders als in der Karte dargestellt nicht gewachsen, da die Bevöl-
kerung zum Jahresende unter dem Vergleichswert von 2014 lag, am Ende des dritten Quartals 2016 jedoch noch darüber.

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Karte 2: Zuordnung der Städte und Gemeinden des Landkreises zu Analyseräumen. Eigener Entwurf.
Die aktuellen Trends der Bevölkerungsentwicklung bedeuten aber kein Ende der kreisin-
ternen demografischen Polarisierung in einen Wachstumsraum (das unmittelbare Leipzi-
ger Umland) und einen, den großen Rest des Landkreises umfassenden, Schrumpfungs-
raum. Das Wachstum der Gemeinden des „ersten Rings“ hat sich weiter verstärkt. Die
durchschnittliche jährliche Wachstumsrate ist von 0,5% im Zeitraum 2011-2014 auf 1,1%
im Zeitraum 2014-2016 gestiegen. Während der mittlere jährliche Zuwachs in Taucha und
Krostitz in beiden Perioden stabil geblieben ist, zeichnet sich insbesondere in Schkeuditz
und Rackwitz, mit gewissen Abstrichen auch in Jesewitz, ein deutlich dynamischeres Be-
völkerungswachstum ab. Im „zweiten Ring“ sind die Wachstumsimpulse nun ebenfalls
angekommen. Im Zeitraum 2011-2014 haben die fünf Städte und Gemeinden noch durch-
schnittlich pro Jahr 0,5% ihrer Einwohner verloren. Zwischen 2014 und 2016 hat die Ein-
wohnerzahl dieses Teilraums dagegen um 0,1% pro Jahr zugenommen – verantwortlich
dafür sind Trendwenden der Bevölkerungsentwicklung in Eilenburg, Wiedemar und
Zschepplin, die im Betrachtungszeitraum den Schrumpfungspfad verlassen haben und in
eine Wachstumsphase eingetreten sind.

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Karte 3: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der Städte und Gemeinden der Region Leipzig 2014-2016 in %.
Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2018).
Im Rest des Kreises hat sich die Bevölkerungsentwicklung etwas stabilisiert. Die mittleren
jährlichen Schrumpfungsraten haben sich von 0,7% im Zeitraum 2011-2014 auf 0,2% im
Zeitraum 2014-2016 verringert. Einige Städte und Gemeinden, namentlich Mockrehna
und Torgau, konnten ihre Einwohnerzahl steigern, in den meisten anderen hat sich die
Schrumpfung zum Teil deutlich abgeschwächt. Nur in einigen wenigen Gemeinden hat sich
die Schrumpfung im Zeitraum 2014-2016 gegenüber dem Zeitraum 2011-2014 verstärkt:
Arzberg, Elsnig und Laußig. Die skizzierte positive Entwicklung ist jedoch vorrangig auf
Einwohnergewinne im Jahr 2015 zurückzuführen. Zwischen dem 31.12.2015 und dem
31.12.2016 haben die Städte und Gemeinden außerhalb des unmittelbaren Leipziger Um-
lands zusammen 408 Einwohner verloren. Mit Ausnahme von Bad Düben, Dahlen, Mock-
rehna, Mügeln, Torgau und Trossin haben alle Gemeinden im Jahr 2016 Bevölkerung ver-
loren. Dagegen haben die Städte und Gemeinden des „zweiten Rings“ im Jahr 2016 zu-
sammen 86 Einwohner gewonnen – dies ist jedoch im Wesentlichen auf Zuwächse in Ei-
lenburg zurückzuführen. Der „erste Ring“ hat dagegen 780 Einwohnerinnen und Einwoh-
ner gewonnen; die Bevölkerung ist in allen Gemeinden gewachsen. Diese aktuellen Ent-
wicklungstrends stützen die oben getroffene Einschätzung einer zunehmenden Polarisie-

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rung zwischen dem „ersten Ring“ um Leipzig und den Leipzig-fernen Teilräumen des
Landkreises, die von einigen „Ausreißern“ mit vergleichsweise günstiger Bevölkerungs-
entwicklung (z.B. Eilenburg, Mockrehna) durchbrochen wird.
Tabelle 2: Bevölkerungsentwicklung 2011-2015 in % nach Region, Geschlecht und Altersgruppen. Eigene Berechnun-
gen; Datenquelle: Destatis (2018).
Eine nach Teilregionen, Alter und Geschlecht differenzierte Aufstellung der Bevölkerungs-
entwicklung im Landkreis Nordsachsen im Zeitraum 2011 bis 2015 (Tabelle 2) unter-
streicht die unterschiedliche Qualität der Entwicklungstrends und verdeutlicht einmal
mehr die Polarisierung zwischen dem demografisch relativ gut aufgestellten „ersten
Ring“ und den übrigen Teilräumen des Landkreises. Die Zahl der unter 6-Jährigen und der
Frauen und Männer im Familiengründungsalter (25- bis unter 40-Jährige) sind im „ersten
Ring“ deutlich gewachsen, was die Attraktivität dieses Teilraums für Familien und Paare
vor der Familiengründung unterstreicht. Im „zweiten Ring“ und den Städten und Gemein-
den außerhalb des unmittelbaren Leipziger Umlands sind dagegen weniger günstige Ent-
wicklungstrends festzustellen. Tabelle 2 zeigt auch die eingangs erwähnte schwache Be-
setzung der zwischen 1990 und 1995 geborenen Kohorte, die im Vergleich zu den zwi-
schen 1986 und 1991 Geborenen um fast 50% kleiner ist. Als demografischer „Echoef-
fekt“ werden die Geburtenausfälle der frühen 1990er Jahre in den mittelfristig, aber zeit-
lich begrenzt, Auswirkungen auf die Geburtenzahlen haben, wenn diese zahlenmäßig
schwach besetzte Kohorte ins Familiengründungsalter eintritt.
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
unter 3 Jahre
29,8 19,4
-0,4
12,4
-0,1
-2,8
5,5
5,7
3 bis unter 6 Jahre
14,8
8,1
6,1
-2,4
-3,3
2,5
2,9
2,5
6 bis unter 10 Jahre
2,2
10,5
8,5
1,5
3,0
-3,7
4,2
0,6
10 bis unter 15 Jahre
-0,5
4,3
4,9
16,8
5,5
7,2
3,9
8,9
15 bis unter 18 Jahre
45,7
27,5
33,8
5,0
22,1
18,9
30,0
17,2
18 bis unter 20 Jahre
48,6
22,4
-0,9
23,8
15,4
21,1
17,5
22,1
20 bis unter 25 Jahre
-41,2 -42,6 -47,9 -49,4 -47,0 -50,5 -46,0 -48,6
25 bis unter 30 Jahre 12,7 8,5
-2,0 -3,7 -12,3 -12,7 -4,7 -6,0
30 bis unter 35 Jahre
13,6
9,7
3,2
2,6
-3,2
0,5
1,8
3,2
35 bis unter 40 Jahre
32,3
21,4
15,0
19,9
6,9
5,3
14,2
12,5
40 bis unter 45 Jahre
-19,3 -28,5 -24,4 -26,8 -18,2 -22,6 -20,1 -25,1
45 bis unter 50 Jahre
-12,3 -9,3 -15,4 -18,6 -17,1 -19,2 -15,6 -16,8
50 bis unter 55 Jahre
11,2
11,6
-1,1
0,6
-0,2
0,7
2,0
3,0
55 bis unter 60 Jahre
6,6
3,9
3,3
4,2
0,2
1,3
2,4
2,5
60 bis unter 65 Jahre
22,5
15,8
36,2
30,0
26,1
25,0
27,7
24,2
65 bis unter 75 Jahre
-8,4 -10,9 -13,4 -15,1 -11,2 -14,6 -11,2 -13,9
75 Jahre und mehr
31,8
15,9
24,2
11,8
28,4
13,3
28,1
13,4
Insgesamt 5,1 1,9
-1,4 -2,0 -2,5 -3,3 -0,6 -1,8
Entwicklung 2011-
1. Ring
2. Ring
Ländlicher Raum
2015 in %
Nordsachsen

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Karte 4: Einwohnerentwicklung der Ortsteile der Städte und Gemeinden des Landkreises Nordsachsen 2011-2016.
Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2014), Einwohnermeldeämter
(2017).
Auf der Ortsteilebene stellt sich das Raummuster der Bevölkerungsentwicklung differen-
zierter dar. Karte 4 zeigt für fast alle Städte und Gemeinden ein Nebeneinander von stabi-
len, wachsenden und schrumpfenden Ortsteilen. Die kleinräumige Bevölkerungsentwick-
lung stellt sich also deutlich dynamischer dar als die Trends auf der Gemeinde- oder
Kreisebene. Insbesondere in Ortsteilen mit weniger als 100 Einwohnern schlagen sich
geringe absolute Veränderungen (etwa der Zuzug einer Familie oder die Geburt von Zwil-
lingen) in hohen Veränderungsraten nieder. Tendenziell gilt, dass die Klein(st)dörfer im
Landkreis zwischen 2011 und 2016 am stärksten geschrumpft sind, während die größten
Ortsteile – die Kernstädte von Bad Düben, Taucha und den Mittelzentren – im Schnitt am
stärksten gewachsen sind. Im Landkreis zeichnet sich also eine zunehmende Konzentrati-
on der Bevölkerung in den größeren Städten einerseits und im Leipziger Umland anderer-
seits ab. Nach Größenklassen differenziert bietet sich mit Blick auf die Bevölkerungsent-
wicklung der Ortsteile folgendes Bild:

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Die Ortsteile mit weniger als 100 Einwohnerinnen und Einwohnern (Stand 2016)
haben seit dem Zensus 2011 im Durchschnitt 5,2% ihrer Einwohner verloren. In
diesen Kleinstdörfern lebten 2011 5.190 Personen, 2016 noch 4.918 Frauen und
Männer. Von den 85
3
Ortsteilen, zu denen Daten vorliegen, haben 53 Einwohner
verloren, in acht hat sich die Einwohnerzahl nicht verändert und in 24 ist die Be-
völkerungszahl gewachsen. Am stärksten geschrumpft ist Neubleesern (Gemeinde
Beilrode, -32,7%), während die Einwohnerzahl des ebenfalls in Ostelbien gelege-
nen Arzberger Ortsteils Kamitz (+78,6%) am stärksten gewachsen ist.
In Ortsteilen mit 100 bis unter 300 Einwohnerinnen und Einwohnern lebten 2011
24.016 Menschen, 2016 jedoch nur noch 23.439 – dies entspricht einem Bevölke-
rungsverlust von durchschnittlich 2,4%. Von den 123 Siedlungen dieser Größen-
klasse sind 80 geschrumpft, in dreien hat sich die Einwohnerzahl im Betrach-
tungszeitraum nicht verändert und 40 sind gewachsen. Die stärksten Bevölke-
rungsverluste wurden im Wiedemarer Ortsteil Grebehna registriert (-22,1%), am
stärksten gewachsen ist der Rackwitzer Ortsteil Biesen (+53,5%).
Die Zahl der Personen, die in Ortsteilen mit 300 bis unter 500 Einwohnern leben,
ist zwischen 2011 und 2016 um durchschnittlich 1,7% gesunken – von 21.501 auf
21.136. Von den 54 Ortsteilen dieser Größenklasse haben 35 im Betrachtungszeit-
raum Bevölkerung verloren, während in 19 Ortsteilen Einwohnergewinne regis-
triert werden konnten. Am stärksten geschrumpft ist im Betrachtungszeitraum
Liebschützberg-Wellerswalde (-12%), am stärksten gewachsen der Cavertitzer
Ortsteil Bucha (+33,4%).
In den 30 Ortsteilen mit 500 bis unter 1.000 Einwohnern lebten 2016 20.684 Per-
sonen. Gegenüber 2011 (20.974) ist dies ein Minus von 1,4%. In 17 Ortsteilen ist
die Bevölkerungszahl zurückgegangen – am stärksten in Dahlen-Schmannewitz
(-6,9%), während 13 Ortsteile Bevölkerungszuwächse verzeichnen konnten. Der
Naundorfer Ortsteil Hof (+5,2%) ist am stärksten gewachsen.
In Ortsteilen mit 1.000 bis 3.300 Einwohnern lebten 2011 32.954 Personen. Bis
2016 ist diese Zahl um 1,2% auf 33.334 Einwohnerinnen und Einwohner gestie-
gen. Ohne die besonders stark gewachsenen Schkeuditzer Ortsteile Dölzig
(+32,4%) und Radefeld (+14,2%) wird aus dem 1,2-prozentigen Wachstum jedoch
ein Verlust von 1,2%. Von den 18 Dörfern und Kleinstädten dieser Größenklasse
3
Ohne Cavertitz-Reudnitz, Doberschütz-Winkelmühle, Mügeln-Lüttnitz und Mügeln-Remsa, für die aus Datenschutzgründen
für 2011 keine BV-Zahlen ausgewiesen sind. Die Einwohner des mittlerweile wüst gefallenen Ortsteils Kursdorf sind für
2011 in den Daten für die Kernstadt Schkeuditz enthalten.

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14
sind zehn im betrachteten Zeitraum geschrumpft – am stärksten die Stadt Dom-
mitzsch (-9%) – und acht gewachsen.
Die Ortsteile Bad Düben, Delitzsch, Eilenburg, Oschatz, Schkeuditz und Torgau mit
mehr als 7.000 Einwohnern sind im Schnitt um 1,7% gewachsen. Leider liegen
keine Ortsteildaten zu Taucha vor; angesichts des starken Bevölkerungswachs-
tums von Taucha würde der Anstieg der Einwohnerzahlen Ortsteilen mit mehr als
7.000 Einwohnern höher ausfallen. Die Kernstadt Oschatz ist als einzige ge-
schrumpft (-0,8%), die Kernstadt Schkeuditz (+7,4%) verzeichnete die höchsten
Einwohnerzuwächse.
2.1. Raummuster der natürlichen Bevölkerungsentwicklung
Auf Ebene der Bundesländer hat sich der Gegensatz zwischen dem „kinderarmen“ Osten
und dem „kinderreicheren“ Westen, der viele Jahre für das Raummuster der Fertilität in
der Bundesrepublik charakteristisch war, inzwischen umgekehrt. Mit 54,2 Geburten pro
1.000 Frauen im gebärfähigen Alter war die Allgemeine Geburtenrate im Zeitraum in den
ostdeutschen Ländern, insbesondere in Sachsen (57,1‰), deutlich höher als in West-
deutschland (49,1‰). Hierfür sind insbesondere eine niedrigere Kinderlosigkeit und eine
zunehmende Zahl von Zweitgeburten (Goldstein u. Kreyenfeld 2011) verantwortlich. Auch
der traditionelle Stadt-Land-Gegensatz ist inzwischen verschwunden. Dazu haben Gebur-
tenanstiege in den Großstädten beigetragen, die mit den 2007 eingeleiteten familienpoliti-
schen Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und den
dadurch gesunkenen Opportunitätskosten der Elternschaft zusammenhängen könnten
(Klüsener 2013). Auch in Westsachsen hat sich der Stadt-Land-Gegensatz bei den Gebur-
tenraten inzwischen umgekehrt. Im Jahr 2015 wurden in der Stadt Leipzig 56,3 Kinder pro
1.000 Frauen zwischen 15 und 45 geboren, im Landkreis Leipzig 54,6 und im Landkreis
Nordsachsen 53,6. Damit liegt die nordsächsische Geburtenrate zwar über dem Bundes-
durchschnitt (50,1 Geburten pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter), aber unter dem
ostdeutschen Mittel. Sachsenweit weist Nordsachsen die niedrigste Geburtenrate auf. Be-
achtlich sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Städten und Gemeinden (Tabelle 3)
Während in Arzberg, Dommitzsch und Trossin im Zeitraum 2013 bis 2015 durchschnitt-
lich weniger als 40 Kinder pro 1.000 Frauen zwischen 15 und 45 zur Welt kamen, waren
es in Löbnitz knapp 70. Überzeugende Erklärungen für die kleinräumigen Unterschiede
der Geburtenraten konnten in der Bürgermeisterbefragung nicht identifiziert werden.
Auch in der wissenschaftlichen Literatur konnten die Autoren keine entsprechenden The-
orien und Hypothesen finden, auf deren Basis Empfehlungen abgegeben werden könnten,
wie in Kommunen mit besonders niedrigen Fertilitätsraten geburtenfördernde Maßnah-
men umgesetzt werden könnten bzw. wie die Zahl der Geburten pro 100 Frauen im gebär-
fähigen Alter in Städten und Gemeinden mit aktuell hohen Werten auf diesem Niveau zu-

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mindest stabilisiert werden könnte.
Tabelle 3: Ausgewählte Indikatoren der Fertilität in den Gemeinden Nordsachsens, Eigene Berechnungen;
Arzberg
15,7
36,2
65,9
Bad Düben
17,7
51,7
89,2
Beilrode
18,2
59,9
79,3
Belgern-Schildau
16,5
47,7
70,6
Cavertitz
16,9
54,2
73,0
Dahlen
15,5
42,4
85,5
Delitzsch
19,0
56,3
95,0
Doberschütz
17,1
42,9
78,9
Dommitzsch
14,4
35,3
73,6
Dreiheide
17,4
58,6
77,3
Eilenburg
19,1
57,6
88,4
Elsnig
17,4
63,7
66,7
Jesewitz
18,9
52,7
69,9
Krostitz
18,5
48,0
81,0
Laußig
17,3
52,1
74,2
Liebschützberg
16,0
53,6
63,2
Löbnitz
16,6
69,6
77,4
Mockrehna
17,8
53,7
73,4
Mügeln
15,6
56,1
72,5
Naundorf
18,6
52,4
74,4
Oschatz
15,9
58,0
73,1
Rackwitz
20,3
45,8
72,7
Schkeuditz
18,8
55,5
79,1
Schönwölkau
18,7
54,8
84,8
Taucha
19,3
55,0
94,2
Torgau
18,4
55,8
83,5
Trossin
13,6
39,7
51,2
Wermsdorf
17,3
58,5
91,3
Wiedemar
19,4
52,0
74,6
Zschepplin
19,8
57,1
92,7
Deutschland gesamt
23,2
50,1
99,1
stark unterdurchschnittlich: 20% bis unter 33% unter dem Bundesdurchschnitt
Reproduktions-
potential*
Allgemeine
Geburtenrate**
Geschlechter-
proportion***
Städte und Gemeinden
sehr stark unterdurchschnittlich: mehr als 33% unter dem Bundesdurchschnitt
* Anteil der Frauen zwischen 20 und unter 40 an der weiblichen Bevölkerung
** Zahl der Geburten pro 1.000 Frauen zwischen 15 und unter 45
*** Zahl der Frauen zwischen 25 und unter 35 pro 100 Männer zwischen 30 und unter 40
unterdurchschnittlich: 10% bis unter 20% unter dem Bundesdurchschnitt
leicht unterdurchschnittlich: weniger als 10% unter dem Bundesdurchschnitt
über dem Bundesdurchschnitt

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16
Im Folgenden sollen zum besseren Verständnis der kleinräumigen Raummuster der Ferti-
lität im Landkreis drei Indikatoren näher betrachtet werden: die Geburtenrate, das Re-
produktionspotential und die Geschlechterproportionen der jungen Erwachsenen. Wäh-
rend die Geburtenrate Vergleiche über die Zahl der Geburten im Verhältnis zur Zahl der
Frauen im gebärfähigen Alter erlaubt, dienen die beiden anderen Indikatoren dazu, den
bevölkerungsstrukturellen Einfluss auf die Geburtenzahl zu beleuchten. Im Mittelpunkt
steht dabei nicht, die Frage, wie viele Kinder Frauen im gebärfähigen Alter zur Welt brin-
gen, sondern wie hoch der Bevölkerungsanteil der potentiellen Mütter ist. Zusätzlich wird
auf die Entwicklung der Zahl der Geburten und der potentiellen Mütter eingegangen.
Zwischen 2011 und 2015 ist die Zahl der Geburten im Landkreis um knapp 7% gestiegen
(Tabelle 3). Auf der Gemeindeebene treten jedoch deutliche Unterschiede zu Tage: Wäh-
rend im ersten Ring die Zahl der Geburten im Durchschnitt um fast 46% gestiegen ist, sind
die Geburtenzahlen außerhalb des Leipziger Umlands um knapp 3% gesunken. Die Städte
und Gemeinden des ersten Rings konnten im Betrachtungszeitraum alle eine Steigerung
der Geburtenzahlen verzeichnen. In den Leipzig-ferneren Städten und Gemeinden bietet
sich dagegen kein ganz eindeutiges Bild: In Dreiheide, Bad Düben, Cavertitz, Oschatz und
Wermsdorf sind die Geburtenzahlen um mehr als 10% gestiegen, während in Arzberg,
Naundorf, Dommitzsch, Dahlen, Mügeln, Elsnig, Mockrehna, Belgern-Schildau und Trossin
Rückgänge von mehr als 10% registriert wurden. Im zweiten Ring stehen beachtlichen
Steigerungen der Geburtenzahlen in Schönwölkau, Zschepplin und Wiedemar eine „rote
Null“ in Eilenburg und ein deutlicher Rückgang der Zahl der Lebendgeborenen in Delitzsch
gegenüber, sodass unter dem Strich nur eine geringe Steigerung um weniger als 1% zu
verzeichnen ist.
Um die Entwicklung der Geburtenzahl richtig einschätzen zu können, ist es notwendig,
parallel das Reproduktionspotential und die Entwicklung der Zahl der potentiellen Mütter
zu betrachten. Das Reproduktionspotential ist hier definiert als der Anteil der 20- bis 39-
Jährigen Frauen an der weiblichen Gesamtbevölkerung. Dabei handelt es sich um die Al-
tersgruppe mit der höchsten Geburtenwahrscheinlichkeit. Der Bevölkerungsanteil der
Frauen zwischen Anfang 20 und Ende 30 an der weiblichen Gesamtbevölkerung liegt im
Landkreis Nordsachsen bei 18% und damit weit unter dem Bundesdurchschnitt von etwas
über 23%. Das Bundesmittel wird in keiner der 30 kreisangehörigen Städte auch nur an-
nähernd erreicht. Dies ist nicht zuletzt auf alters- und geschlechtsselektive Abwande-
rungsprozesse in der Vergangenheit zurückzuführen. Wie in weiten Teilen des ländlichen
Raums Ostdeutschlands war die Abwanderung aus Nordsachsen von jungen Frauen domi-
niert – und ist es, wenn auch nicht mehr so stark wie noch in den 2000er Jahren bis heute
(Leibert 2016, Leibert et al. 2015). Vergleichsweise hohe Reproduktionspotentiale weisen
die Städte und Gemeinden der beiden Umlandringe um Leipzig auf – Krostitz ist nur knapp
am Schwellenwert „vorbeigeschrammt“. In Trossin, Dommitzsch, Dahlen, Mügeln, Arzberg

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17
und Oschatz ist das Reproduktionspotential dagegen schon stark unterhöhlt (Tabelle 3).
Tabelle 4 zeigt zudem, dass der Anteil der Frauen im geburtenstärksten Alter seit 2011
mit Ausnahme von Taucha im Landkreis flächendeckend z.T. deutlich zurückgegangen ist.
Parallel dazu ist auch die Zahl der potentiellen Mütter, also der Frauen zwischen 20 und
unter 40, – mit Ausnahme von Krostitz, Schkeuditz und Taucha – zum Teil deutlich zu-
rückgegangen (Tabelle 4). Insbesondere in Liebschützberg, Dahlen, Zschepplin, Mügeln
und Trossin ist die absolute Zahl der Frauen zwischen 20 und unter 40 im Zeitraum 2011
bis 2015 stark gesunken. Das Fehlen potentieller Mütter erschwert eine demografische
Stabilisierung der Städte und Gemeinden außerhalb des Leipziger Umlands erheblich.
Der Zusammenhang von Reproduktionspotential, Entwicklung der Zahl der potentiellen
Mütter und Entwicklung der Geburtenrate ist jedoch nicht ganz eindeutig, da Familien-
gründung und Ausbildungsbeteiligung in Deutschland als wenig vereinbar angesehen
werden. Kommunen, in die junge Frauen zum Studium und zur Berufsausbildung zuziehen,
weisen daher trotz hohem Reproduktionspotential tendenziell unterdurchschnittliche
Geburtenraten auf. Auch im Landkreis ist ein überdurchschnittliches Reproduktionspoten-
tial kein Garant für hohe Geburtenraten, wie die Geburtenrückgänge in Delitzsch und Ei-
lenburg sowie die recht moderate Steigerung in Rackwitz, der Gemeinde mit dem höchs-
ten Reproduktionspotential im Kreis, belegen. Auf der anderen Seite erfolgt der Zuzug in
den suburbanen Raum häufig im Vorgriff auf eine Familiengründung, sodass dort hohe
Geburtenraten bei eher durchschnittlichem Reproduktionspotential möglich sind. Ein Bei-
spiel dafür ist Schönwölkau, wo die Geburtenzahlen trotz eines deutlich überdurchschnitt-
lichen Rückgangs des Reproduktionspotentials und der Zahl der potentiellen Mütter zwi-
schen 2011 und 2015 um fast 80% gestiegen sind. Auch die deutlichen Steigerungen der
Geburtenzahlen in Oschatz, Wermsdorf, Wiedemar und Zschepplin sind im Kontext eines
erodierenden Reproduktionspotentials erfolgt. Tendenziell ist ein niedriges und über-
durchschnittlich rückläufiges Reproduktionspotential eine wichtige Erklärung für eine
negative Entwicklung der Geburtenzahlen. Die internationale Zuwanderung verbessert
das Reproduktionspotential nicht nachhaltig. Die Zuwanderer sind zwar mehrheitlich im
gebärfähigen Alter, aber überwiegend männlich. Mit Blick auf das geschwächte Reproduk-
tionspotential wird deutlich, dass sich eine nachhaltige Bevölkerungspolitik nicht nur auf
die Geburtenentwicklung beschränken darf, sondern auch den Zusammenhang zwischen
Bevölkerungsstruktur, Wanderungen und natürlicher Bevölkerungsentwicklung in den
Blick nehmen muss.

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18
Tabelle 4: Reproduktionspotential, Entwicklung der Zahl der Geburten und der potentiellen Mütter nach Gemeinden
und Analyseregionen 2011-2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017).
2011
2015
2011-2015
Arzberg
16,9 15,7
-1,2 -4,0 -40,0
Bad Düben
19,1 17,7
-1,4 -1,7
39,0
Beilrode
19,0 18,2
-0,8 -3,9
9,1
Belgern-Schildau
18,9 16,5
-2,4 -4,1 -15,0
Cavertitz
18,0 16,9
-1,1 -3,9
15,4
Dahlen
17,3 15,5
-1,8 -6,2 -28,6
Delitzsch
20,3 19,0
-1,3 -1,6 -9,7
Doberschütz
19,4 17,1
-2,3 -0,2 -7,7
Dommitzsch
16,0 14,4
-1,6 -4,4 -36,4
Dreiheide
19,6 17,4
-2,2 -0,4
100,0
Eilenburg
19,8 19,1
-0,7 -1,5 -0,8
Elsnig
18,8 17,4
-1,4 -0,1 -20,0
Jesewitz
20,4 18,9
-1,5 -0,3
85,7
Krostitz
19,5
18,5
-1,0
0,0
64,7
Laußig
19,1 17,3
-1,8 -5,5 -3,3
Liebschützberg
17,8 16,0
-1,8 -6,6
5,0
Löbnitz
19,5 16,6
-3,0 -3,4 -5,9
Mockrehna
20,7 17,8
-2,9 -2,9 -15,8
Mügeln
17,5 15,6
-1,9 -5,2 -22,9
Naundorf
20,4 18,6
-1,8 -2,5 -37,5
Oschatz
18,6 15,9
-2,7 -2,0
15,3
Rackwitz
21,2 20,3
-0,9 -2,4
9,1
Schkeuditz
19,1
18,8
-0,3
0,5
32,4
Schönwölkau
20,6 18,7
-2,0 -2,9
76,5
Taucha
18,6
19,3
0,6
5,9
68,4
Torgau
20,2 18,4
-1,9 -3,0 -7,9
Trossin
17,4 13,6
-3,9 -5,2 -12,5
Wermsdorf
19,1 17,3
-1,8 -3,5
11,1
Wiedemar
21,8 19,4
-2,4 -3,4
16,3
Zschepplin
21,6 19,8
-1,8 -5,6
23,8
Landkreis Nordsachsen
19,4 18,0
-1,4
-1,8
7,0
1. Ring um Leipzig
19,3
19,1
-0,2
1,9
45,7
2. Ring um Leipzig
20,4 19,1
-1,3 -2,0
0,7
Übrige Städte und Gemeinden 19,0 17,0
-2,0 -3,3 -2,7
Mittelzentren
19,7 18,3
-1,3 -1,6
2,5
Reproduktionspotential
Entwicklung der
Zahl der
potentiellen
Mütter 2011-2015
Entwicklung der
Geburtenzahl
2011-2015
Städte und Gemeinden

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Demografiestudie Nordsachsen
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19
2.1.1. Raummuster der Geschlechterproportionen der jungen
Erwachsenen
Die Zahl der Frauen pro 100 Männer ist ein weiterer wichtiger Indikator, um die Auswir-
kungen der Bevölkerungsstruktur auf die lokalen und regionalen Fertilitätsmuster ab-
schätzen zu können. Unausgewogene Geschlechterproportionen sind auf geschlechtsselek-
tive Wanderungsprozesse zurückzuführen. Ein regionaler „Frauenmangel“ wirkt sich
durch das Fehlen potentieller Mütter negativ auf die natürliche Bevölkerungsentwicklung
aus. Es liegen Studien vor (Weiß et al. 2013), die zu dem Ergebnis kommen, dass ein
„Männerüberschuss“ von mehr als 20% (85 Frauen pro 100 Männer) negative Auswirkun-
gen auf das gesellschaftliche Klima und die soziale Kohäsion von ländlichen Gemeinden
hat. Zu beachten ist, dass das „natürliche Mittel“ in den Altersgruppen 18-25 und 25-29 bei
97 Frauen pro 100 Männer liegt, da aus biologischen Gründen etwa 5% mehr Jungen als
Mädchen geboren werden. Mit zunehmendem Alter gleicht sich dieser Unterschied durch
die höhere Sterbewahrscheinlichkeit junger Männer an. Für die vorliegende Studie wurde
ein alternativer Ansatz zur Berechnung Geschlechterproportionen gewählt, um der Tatsa-
che Rechnung zu tragen, dass Frauen in festen Paarbeziehungen tendenziell einige Jahre
jünger sind als ihre männlichen Partner. Vor diesem Hintergrund wurde die Zahl der
Frauen in der besonders geburtenstarken Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen auf die
Zahl der Männer zwischen 30 und 40 bezogen. Die Geschlechterproportion lässt sich als
ein Maß dafür interpretieren, wie schwer es für Männer ist, vor Ort eine Partnerin zur
Familiengründung zu finden. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt zeichnet sich fast der
gesamte Landkreis durch ausgesprochen hohe „Männerüberschüsse“ aus, insbesondere in
Trossin, Liebschützberg und Arzberg (Tabelle 3) Relativ ausgewogene Geschlechterpro-
portionen gibt es nur in wenigen Gemeinden im Landkreis, nämlich in Delitzsch, Taucha,
Zschepplin, Wermsdorf und Bad Düben.
2.1.2. Typologie der Fertilität und der fertilitätsrelevanten Bevölkerungs-
strukturen
Um ein besseres Verständnis der kleinräumigen Raummuster der Fertilität im Landkreis
zu erzielen, wurde mit den drei oben diskutierten Indikatoren eine hierarchische Cluster-
analyse berechnet. Dabei handelt es sich um ein Strukturen entdeckendes, gruppierendes
Verfahren, bei dem die Bündelung von Objekten im Vordergrund steht (Backhaus et al.
2006). Mittels einer Clusteranalyse können die 30 Städte und Gemeinden des Landkreises
Nordsachsen auf ähnliche Merkmalsausprägung demografischer Variablen hin untersucht
und verglichen werden. Ziel einer Clusteranalyse ist es, Kommunen mit ähnlichen Bevöl-
kerungsstrukturen und Entwicklungstrends zu Gruppen (Clustern) zusammenzufassen,
die in sich möglichst homogen sind und sich möglichst stark von den übrigen Gruppen
unterscheiden. Dazu wird das Ward-Verfahren verwendet, das in der Literatur als sehr

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20
zuverlässig gilt. Vergleichsstudien haben gezeigt, dass die Objektmenge sinnvoll aufgeteilt
wird und dass häufig auch eine der Datenstruktur angemessene Clusterzahl signalisiert
wird (ebd.). Eine Möglichkeit, die Clusterstruktur im Nachhinein auf Plausibilität und Ver-
besserungsmöglichkeiten zu prüfen, ist die Durchführung einer Diskriminanzanalyse. Da-
bei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem überprüft werden kann, ob eine vorgegebe-
ne Typisierung die optimale Trennung der Variablen in Gruppen darstellt (Bahrenberg et
al. 2008). Dieses Verfahren zur Überprüfung der Clusterstruktur wurde auch im vorlie-
genden Bericht angewandt. Zur Ermittlung der Clusterzahl wurden das so genannte „El-
lenbogenkriterium“ und die Dendrogramme verwendet (Baum u. Weingarten 2004). Beide
Indikatoren sprechen für eine Lösung mit drei Clustern. Wie für Clusteranalysen empfoh-
len, bestehen zwischen den verwendeten Indikatoren keine starken statistischen Bezie-
hungen; eine partielle Korrelationsanalyse hat jedoch ergeben, dass alle drei Variablen mit
der rohen Geburtenrate, also der Zahl der Geburten pro 1.000 Einwohner, korrelieren. Mit
anderen Worten: allgemeine Geburtenrate, Reproduktionspotential und Geschlechterpro-
portionen in der geburtenstärksten Altersgruppe leisten jeweils einen eigenständigen
Beitrag, um das Geburtenniveau einer Gemeinde zu erklären. Das Reproduktionspotential
und die Geschlechterproportionen wurden für 2015 berechnet, die allgemeine Geburten-
rate ist der Durchschnitt der Jahre 2013 bis 2015.
Cluster 1
umfasst sechs Städte und Gemeinden, die sich durch ein deutlich unterdurch-
schnittliches Reproduktionspotential, niedrige Geburtenraten und einen ausgeprägten
„Männerüberschuss“ in der betrachteten Altersgruppe auszeichnen: Arzberg, Belgern-
Schildau, Dahlen, Doberschütz, Dommitzsch und Trossin. In Cluster 1 sind folglich die
Kommunen mit den ungünstigsten Rahmenbedingungen des Geburtenverhaltens zusam-
mengefasst. Die Geburtenzahl ist in allen sechs Städten und Gemeinden zwischen 2011
und 2015 deutlich zurückgegangen (Tabelle 4) Vor diesem Hintergrund ist eine Trend-
wende zu steigenden Geburtenzahlen eher unwahrscheinlich.
Zu
Cluster 2
gehören 14 Städte und Gemeinden, die sich durch ein überdurchschnittliches
Reproduktionspotential und relativ günstige Geschlechterproportionen auszeichnen.
Trotzdem liegt die Zahl der Kinder pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter nur leicht über
dem Mittelwert des Landkreises, was die oben geäußerte Einschätzung stützt, dass sich
prinzipiell vorteilhafte fertilitätsrelevante Bevölkerungsstrukturen nicht unbedingt in
hohen Geburtenraten niederschlagen müssen. Denkbar ist beispielsweise, dass in größe-
rem Maße Familien mit Kindern zuziehen, deren Familienplanung schon weitgehend ab-
geschlossen ist. Zu Cluster 2 gehören die folgenden Kommunen: Bad Düben, Delitzsch,
Eilenburg, Jesewitz, Krostitz, Naundorf, Rackwitz, Schkeuditz, Schönwölkau, Taucha, Tor-
gau, Wermsdorf, Wiedemar und Zschepplin. Cluster 2 umfasst mithin den ersten und zwei-
ten Umlandring von Leipzig sowie die Mittelzentren des Landkreises außer Oschatz.
In
Cluster 3
sind schließlich zehn Städte und Gemeinden zusammengefasst, die trotz rela-

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21
tiv ungünstiger bevölkerungsstruktureller Rahmenbedingungen (ungünstiges Reproduk-
tionspotential, „Frauenmangel“ in der geburtenstärksten Altersgruppe) hohe Geburtenra-
ten aufweisen: Beilrode, Cavertitz, Dreiheide, Elsnig, Laußig, Liebschützberg, Löbnitz,
Mockrehna, Mügeln und Oschatz. Von Mockrehna und Mügeln abgesehen ist die Geburten-
zahl in den genannten Kommunen zwischen 2011 und 2015 gestiegen oder zumindest
stabil geblieben. Offensichtlich herrschen in diesen Teilräumen des Kreises besonders
familienorientierte Bevölkerungsstrukturen vor.
Eine Besonderheit des Altersaufbaus der Bevölkerung in den ländlichen Räumen Ost-
deutschlands ist die „Wespentaille“ aller Alterspyramiden
4
in der Altersgruppe der 20- bis
25-Jährigen. Diese ist einerseits die Konsequenz alters- und geschlechtsselektiver Wande-
rungsprozesse – junge Erwachsene verlassen ländliche Räume und wandern zur Ausbil-
dung und zum Berufseinstieg in der Siedlungshierarchie nach oben – andererseits aber
auch eine Langfristfolge des Geburteneinbruchs der frühen 1990er Jahre, der in Ost-
deutschland zu besonders schwach besetzten Geburtsjahrgängen geführt hat. Als Echoef-
fekt dieses transformationsbedingten Geburtenrückgangs ist in fünf bis zehn Jahren mit
einem Rückgang der Geburtenzahlen zu rechnen. Für die zukünftige Entwicklung der Ge-
burtenzahlen ist auch von Bedeutung, dass die nach dem Anfang der 1990er Jahre gebore-
nen „Wendekinder“ ins Familiengründungsalter eintretenden Generationen kleiner sind
als die in den 1980er Jahren geborenen Kohorten. In Hinblick auf die zukünftige Entwick-
lung der Geburtenzahlen und die Größe der Elterngenerationen werden im Landkreis
zwei Stellschrauben von besonderer Bedeutung sein: (1) die Wanderungsmuster der jun-
gen Erwachsenen, insbesondere der jungen Frauen und (2) die Bleibewahrscheinlichkeit
der internationalen Zuwanderer und die zukünftige Entwicklung der politischen Rahmen-
bedingungen für Geflüchtete und anerkannte Asylbewerber(innen), etwa in Hinblick auf
die Weichenstellungen der neuen Bundesregierung zum Familiennachzug. Bei den Wan-
derungsmustern der jungen Erwachsenen insgesamt ist insbesondere relevant, ob sich der
Rückgang der Abwanderungsintensitäten aus ländlichen Räumen (Leibert 2016) fortsetzt,
inwieweit zur Ausbildung bzw. zum Berufseinstieg abgewanderte junge Erwachsene zu-
rückkehren bzw. zuziehen
5
und wie sich die Attraktivität des Landkreises Nordsachsen als
4
Die Alterspyramiden der einzelnen Städte und Gemeinden sind in den Gemeindesteckbriefen dokumentiert.
5
Bei den Zuzugs- bzw. Rückkehrwahrscheinlichkeiten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen ländlichen Räumen in
Ost- und Westdeutschland. In den alten Ländern werden, wenn man die Entwicklung der Geburtskohorten im Zeitverlauf
analysiert, in vielen ländlichen Kreisen die Einwohnerverluste durch Abwanderung der Anfang 20-Jährigen ab dem 25.
Lebensjahr der jeweiligen Kohorte durch Zuzüge (über-)kompensiert. In Ostdeutschland bleibt dieser Ausgleich der Abwan-
derungsverluste dagegen aus (Leibert 2016).

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22
Wohnstandort für Familien entwickelt, etwa mit Blick auf die Bildungs- und Betreuungs-
infrastruktur.
2.1.3. Raummuster des Wanderungsverhaltens
Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die alters- und geschlechtsspezifischen Mus-
ter des Wanderungsverhaltens im Landkreis Nordsachsen gegeben. Um die Auswirkungen
der sogenannten „Flüchtlingskrise“ auf das Wanderungsverhalten möglichst gering zu
halten, wurde ein mehrjähriger Analysezeitraum (2012-2015) verwendet.
Tabelle 5: Alters- und geschlechtsspezifische Wanderungsraten nach Städten und Gemeinden, Mittelwert 2012-
2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017).
Die alters- und geschlechtsspezifischen Raten des Wanderungssaldos sind in Tabelle 5
dokumentiert. Trotz deutlicher Unterschiede zwischen den einzelnen Städten und Ge-
meinden lassen sich einige Gemeinsamkeiten erkennen: Fast alle Kommunen sind attrak-
tiv für Familienwanderer, weisen also einen positiven Wanderungssaldo bei Frauen und
unter 18
18-25
25-30
30-50
50-65
65+
unter 18
18-25
25-30
30-50
50-65
65+
Arzberg
37,9
-80,6 -13,8
22,3
-5,9 -17,7
11,0
-75,9 -69,4
25,7
-5,7 -30,4
Bad Düben
12,1
-9,7
8,0
-2,9
0,8
13,6
0,4
-15,3 -23,8
2,8
4,7
17,4
Beilrode
-0,7 -38,1 -18,1
3,0
-2,9 -11,2
2,4
-63,6 -16,8
0,5
-6,9 -15,0
Belgern-Schildau 5,6
-42,1 -6,7
2,9 3,1 4,6 6,5
-89,4
3,0 2,8
-0,7
1,8
Cavertitz
11,6
-33,4 -22,5 -4,7
1,5
-12,7
22,2
-75,4 -9,8
2,7
-0,8 -34,8
Dahlen
9,5
-107,0 -43,1 -0,9 -4,3
1,5
-5,0 -113,1
18,0 0,9
-4,8
11,0
Delitzsch
7,5 10,3
-2,6 -1,1
3,5 3,1 10,8
-25,8 -9,6
8,3 1,3 3,2
Doberschütz
0,0
-52,2 -80,4
5,3 4,2
-12,5
30,8
-121,4 -16,0
12,6 0,4
-6,3
Dommitzsch
27,2
-27,1 -22,3
11,1
-2,1
1,7
41,5
-141,9
14,8
5,9
-0,7
14,7
Dreiheide
25,0
-111,6 -77,2
11,3
-7,2 -11,6
26,9
-69,4 -5,8
13,1
-5,9 -22,5
Eilenburg
17,0
-22,9
-9,8
5,4
0,3
5,3 15,3
-9,8
1,2
4,5
1,1
9,3
Elsnig
2,3
-86,0
10,9
-3,6 -5,4 -5,7
22,2
-112,2
64,9 15,5
-7,6 -19,0
Jesewitz
12,3
-59,4 -24,4
14,0
-3,1
0,0 16,3
-56,4
23,4 10,3
-4,9 -17,1
Krostitz
25,5
-109,8
26,6
20,3
1,0
-9,6
27,8
-94,5
96,6
15,6
-1,1
-25,0
Laußig
-1,8 -35,0
5,2 4,5
-1,9 -11,8
8,2
-110,8
13,6
-4,2 -2,9 -21,8
Liebschützberg 3,7
-106,8 -37,7
1,1
-9,8 -19,2
0,0
-109,3 -27,7 -3,2 -8,1 -25,2
Löbnitz
5,1
-8,5
0,0
18,2
-2,8
15,0
3,4
-54,9 -25,9
0,9
1,0
6,0
Mockrehna 5,7
-40,4 -16,3
6,7 2,2
-1,2 -1,4 -83,2
4,3 4,7
-2,3 -6,3
Mügeln
2,4
-72,6 -40,3
0,6
-3,8 -2,3 -7,3 -63,8 -10,8 -2,9 -0,6
5,4
Naundorf
14,8
-48,2 -32,3
10,4
-6,0 -11,5
11,2
-58,8 -26,0
9,2 0,9
-21,8
Oschatz
10,9
1,7
-32,8
1,8
5,1
5,4
11,1
-46,0 -44,9
11,7
3,6
6,8
Rackwitz
7,0 51,1 27,7 5,1
-13,0 -10,2
10,5
-51,9 -5,9 -1,8 -7,9 -19,0
Schkeuditz
21,8
34,7
6,2
34,4
4,3
2,9
15,5
-26,9
26,3
19,0
1,4
2,9
Schönwölkau
15,8
-71,2 -28,0
8,7 1,4
-14,9
4,0
-90,3
34,6
-1,5 -4,9 -26,0
Taucha
39,7
-40,5
45,9
43,8
6,8
9,4
34,7
-25,9
73,3
27,4
4,7
17,9
Torgau
12,6 6,5
-4,5 -4,5
1,1 2,5
-1,4 -18,2 -10,4 -1,1
1,2 6,5
Trossin
9,1
-51,0
0,0
9,6
1,3
-5,4
15,5
-165,9
0,0
-6,5
6,5
-21,4
Wermsdorf
10,3
-52,1 -52,1
7,8 1,4
-7,8
6,7
-101,8
9,5 3,6
-1,1 -22,5
Wiedemar
5,6
-58,5 -26,3
3,9
-2,8 -15,7
1,3
-113,8
0,0 4,3
-0,7 -17,3
Zschepplin
7,9
-50,7 -67,5
2,3
-6,9 -22,9 -2,3 -60,2
30,1
-1,9 -11,3 -39,9
Mittelwert 2012-
2015
Rate des Wanderungssaldos pro 1.000 Einwohner (Mittelwert 2012-2015)
Männer
Frauen

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Demografiestudie Nordsachsen
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23
Männern der Altersgruppen unter 18 und 30 bis unter 50 auf. Dagegen ist die Abwande-
rung der „Ausbildungswanderer“, also der 18- bis unter 25-Jährigen stark ausgeprägt, ins-
besondere bei den jungen Frauen. Wichtige Wirtschaftszentren, z.B. Schkeuditz oder Tor-
gau, weisen bei den 18- bis 25-jährigen Männern einen positiven Wanderungssaldo auf.
Am differenziertesten ist das Wanderungsverhalten der Arbeitsplatzwanderer (Alters-
gruppe 25-30) und der Ruhesitzwanderer (Altersgruppe 65+), das stark von den lokalen
Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt und den Standorten von Senioreneinrichtun-
gen beeinflusst wird.
Abbildung 1: Wanderungen innerhalb der Region Leipzig 2015: Altersstruktur nach Quelle-Ziel-Beziehung. Eigene
Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2016).
Je nach Quell- bzw. Zielgebiet der Wanderung unterscheidet sich die Altersstruktur der
Wanderungsströme (Abbildung 1). Unter den Zuwanderern aus dem Landkreis nach
Leipzig sind die 18- bis unter 25-Jährigen besonders stark vertreten, aber auch die über
45-Jährigen. Dagegen ist der Anteil der Familienwanderer, also der unter 18-Jährigen und
der 25- bis unter 45-Jährigen relativ niedrig. Die Zuwanderung von Leipzigern nach Nord-
sachsen wird dagegen spiegelbildlich von den Familienwanderern dominiert. Die Alters-
struktur derjenigen, die innerhalb der Landkreise Leipzig und Nordsachsen wandern, äh-
nelt – vom höheren Anteil der Ruhesitzwanderer abgesehen – stark derjenigen der Ab-
wanderer aus Leipzig. Das Altersmuster legt folglich nahe, dass sowohl bei der Abwande-

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24
rung aus Leipzig als auch bei lateralen Wanderungen innerhalb des ländlichen Raums fa-
milienbezogene Motive eine wichtige Rolle spielen, während der Zuzug nach Leipzig häu-
fig durch die in der Messestadt besseren Ausbildungs- und Berufseinstiegsmöglichkeiten
motiviert ist.
Mit den alters- und geschlechtsspezifischen Wanderungsraten wurde eine Clusteranalyse
gerechnet, um übergeordnete Typen des Wanderungsverhaltens zu identifizieren:
Zu
Cluster 1
gehören acht Gemeinden – Arzberg, Doberschütz, Dreiheide, Elsnig, Jesewitz,
Krostitz, Naundorf und Trossin –sowie die Stadt Dommitzsch. Die genannten Kommunen
zeichnen sich durch überdurchschnittliche Abwanderungsraten der jungen Erwachsenen
aus. Auffällig sind die sehr hohen Abwanderungsraten der Ausbildungswanderer – insbe-
sondere der Frauen zwischen 18 und 25 – sowie der männlichen Arbeitsplatzwanderer.
Auch die Ruhesitzwanderer ziehen aus den genannten Gemeinden fort. Dagegen sind die
Wanderungsbilanzen der Familienwanderer und der weiblichen Arbeitsplatzwanderer
positiv. Im Vergleich zum (ungewichteten) Kreismittel sind die Zuwanderungsraten rela-
tiv hoch. Die Gemeinden des Clusters 1 sind folglich für Familien durchaus attraktive Zu-
zugsziele, die Abwanderung der jungen Erwachsenen und der Senioren deutet dagegen
auf fehlende Ausbildungs- und Berufschancen und unzureichende Infrastrukturen für die
ältere Generation hin.
Cluster 2
umfasst die Städte Bad Düben, Delitzsch, Eilenburg, Oschatz und Torgau sowie
die Gemeinde Löbnitz. Familien- und Ruhesitzwanderer ziehen zu, wobei die Zuzugsraten
der Familienwanderer im Vergleich zum Kreismittel relativ gering ausfallen. Bei den Aus-
bildungs- und Arbeitsplatzwanderern ist der Wanderungssaldo negativ, aber – von den
weiblichen Arbeitsplatzwanderern abgesehen – ebenfalls im Vergleich zum Rest des Krei-
ses unterdurchschnittlich. Vor Ort vorhandene Ausbildungs- und Joboptionen und/oder
die vergleichsweise gute Verkehrsanbindung und Infrastrukturausstattung bremsen die
Abwanderungsneigung der 18- bis unter 30-jährigen Frauen und Männer. Das Vorhanden-
sein von Senioreneinrichtungen und die gute ärztliche Versorgung sowie das breite Nach-
versorgungs- und Dienstleistungsangebot fördern den Zuzug von über 65-Jährigen. Dage-
gen scheinen die genannten Standortvorteile für die Familienwanderer weniger relevant
zu sein. Möglicherweise sind Bad Düben und die Mittelzentren Paaren oder Familien, die
auf der Suche nach einem „ländlichen Idyll“ sind, zu urban oder zu teuer.
In
Cluster 3
sind 13 Städte und Gemeinden zusammengefasst: Beilrode, Belgern-Schildau,
Cavertitz, Dahlen, Laußig, Liebschützberg, Mockrehna, Mügeln, Rackwitz, Schönwölkau,
Wermsdorf, Wiedemar und Zschepplin. Die alters- und geschlechtsspezifischen Wande-
rungsmuster ähneln Cluster 1, allerdings sind sowohl die Abwanderung der Ausbildungs-
und Arbeitsplatzwanderer als auch die Zuwanderung der Familienwanderer schwächer
ausgeprägt. Dafür ist die Abwanderungsneigung der Ruhesitzwanderer stärker ausgeprägt.

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25
Cluster 3 entspricht am ehesten dem (ungewichteten) Mittelwert des Landkreises, sodass
man von einem „Durchschnittstyp“ sprechen kann.
Das alters- und geschlechtsspezifische Wanderungsmuster der Städte Schkeuditz und
Taucha, die
Cluster 4
bilden, zeichnen sich durch weit überdurchschnittliche Wande-
rungsgewinne bei den Arbeitsplatz-, Familien- und Ruhesitzwanderern und deutlich un-
terdurchschnittlichen Wanderungsverlusten bei den Ausbildungsplatzwanderern aus.
Schkeuditz und Taucha sind folglich als Wohn- und Arbeitsorte sehr attraktiv, wozu neben
der Nähe zu Leipzig und der guten Verkehrsanbindung auch endogene Standortvorteile
beitragen. Um junge Erwachsene zu halten oder anzuziehen, ist auch das Vorhandensein
von Mietwohnungen von großer Bedeutung (Elshof et al. 2017).
2.1.4. Rückwanderung
Als Grund für die Schrumpfung ländlicher Räume ist eine geringe Zuwanderung oft genau-
so bedeutend wie eine starke Abwanderung. Neben fehlenden Perspektiven auf dem Ar-
beitsmarkt sind häufig die Einschätzung, dass die Lebensbedingungen in einer Region
ungünstig seien, und der Ruf einer Region Faktoren, die Menschen ohne lokale Wurzeln
von einem Zuzug absehen lassen. Rückwanderer kommen dagegen häufig aus emotionalen
und familiären Gründen und legen daher andere Kriterien an, wenn sie ihre Wanderungs-
entscheidung treffen. So spielen „weiche“ Standortfaktoren wie Familienfreundlichkeit für
sie eine größere Rolle (Erdmann & Hamann 2012). Da Rückwanderer oft mit Partner und/
oder Kindern zuziehen, tragen sie zur Stabilisierung der demografischen Lage bei. Vom
mitgebrachten Humankapital und der oft vorhandenen Bereitschaft zum Engagement pro-
fitiert die Heimatregion auch wirtschaftlich und gesellschaftlich (von Reichert et al. 2014).
Lang und Hämmerling (2013) identifizieren in ihrer Untersuchung zu Motiven der Rück-
wanderer nach Ostdeutschland drei Rückkehrtypen: Der „
sozial motivierte Rückwande-
rertyp
“ kehrt aus familiären Gründen in die Heimat zurück; berufliche und Karrieremoti-
ve spielen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Diese Rückkehrer haben häufig Kinder und
nehmen auch eine Verschlechterung ihrer Einkommenssituation in Kauf, um näher bei
Familie und Freunden zu sein. Der „
vorrangig ökonomisch motivierte Rückwanderer-
typ
“ kehrt dagegen aus beruflichen Gründen in den Osten zurück. Zumeist handelt es sich
um hoch qualifizierte Singles, die häufig bereits zum Zeitpunkt ihrer Abwanderung kon-
krete Rückkehrabsichten hatten und sich durch ihren Aufenthalt in Westdeutschland oder
im Ausland beruflich und finanziell verbessern konnten. Der dritte Rückwanderertyp
kehrt aus einer Vielzahl von Motiven zurück, aber insbesondere aus Karriere- und Bil-
dungsgründen. Für diesen Typ ist außerdem eine Unzufriedenheit mit der Zielregion der
Abwanderung charakteristisch, sodass eine Rückkehr aus Enttäuschung und Versagen
vermutet werden kann. Vom dritten Rückkehrertyp abgesehen liegen die Gründe für die
Rückwanderung folglich (eher) in der Heimatregion, insbesondere in den individuellen

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26
sozialen Netzen. Die hohe Bedeutung von Familien und Freunden im Rückwanderungs-
prozess wird dadurch unterstrichen, dass Personen, die eine Rückwanderung planen oder
zumindest in Erwägung ziehen, mehrheitlich bereit sind, ungünstigere Arbeitsbedingun-
gen oder ein niedrigeres Gehalt zu akzeptieren (Lang et al. 2014, Lang und Nadler 2014).
Tatsächlich zeichnet sich ab, dass sich viele Rückwanderer gegenüber ihrer Beschäfti-
gungssituation in der Zielregion der Abwanderung beruflich verschlechtern oder – was
auch Sicht der Heimatregion sicher positiv zu bewerten ist – die für sie unbefriedigende
Arbeitsmarktsituation durch eine Unternehmensgründung verbessern (Lang et al. 2014).
Die als ungünstig wahrgenommene Arbeitsmarktsituation in Ostdeutschland ist das wich-
tigste Rückkehrhindernis (Lang und Nadler 2014). Die Diskrepanz zwischen Diskussionen
über einen Fachkräftemangel auf der einen Seite und der eher negativen Einschätzung der
individuellen Berufsperspektiven im Landkreis durch Jugendliche und junge Erwachsene
(siehe Ergebnisse der Schülerbefragung) auf der anderen Seite, dürfte auch darin begrün-
det sein, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen in ländlichen Regionen trotz dro-
hendem Fachkräftemangel viel zu häufig keine strategische Personalentwicklung betrei-
ben. Diese könnte überregionale Personalgewinnung ebenso umfassen wie die gezielte
Anwerbung von Rückkehrwilligen. Gerade letztere haben die Unternehmen bisher kaum
als Zielgruppe im Visier (Nadler und Matuschewski 2013). Von Seiten der rückkehrwilli-
gen Abgewanderten sprechen insbesondere das niedrige Lohnniveau und fehlende Karrie-
rechancen gegen eine Heimkehr nach Ostdeutschland. Auch wenn viele bereit sind, Abstri-
che zu machen, liegen die Gehaltsvorstellungen oft weit über dem, was die potentiellen
Arbeitgeber zu zahlen bereit sind. Eine erstaunlich große Zahl von Rückwanderern be-
mängelt ferner, dass die Bürokratie in Ostdeutschland ihre Rückkehr erschwert habe
(Nadler und Wesling 2013). Rückkehrinitiativen und Netzwerke spielen als Mittler zwi-
schen Rückkehrwilligen und der Wirtschaft eine wichtige Rolle und könnten auch dazu
beitragen, die befürchteten Schwierigkeiten bei einer Rückkehr (Lang et al. 2014) zu be-
wältigen. Leider sind die vorhandenen Rückkehrinitiativen vielen Rückkehrwilligen nicht
bekannt (Lang und Nadler 2014).
Aktuelle Auswertungen zur Rückwanderung von Erwerbspersonen auf Grundlage der
Integrierten Erwerbsbiografien des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(Fuchs et al. 2017) zeigen, dass von den zwischen 1999 und 2012 aus dem Landkreis ab-
gewanderten Erwerbspersonen
6
im Zeitraum 2001 bis 2014 etwas mehr als jeder Fünfte
6
Dazu gehören sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, geringfügig entlohnte Beschäftigte, Leistungsempfänger, Arbeits-
suchende und Maßnahmeteilnehmer(innen); nicht berücksichtigt wurden Beamtinnen und Beamte, Selbstständige und
mithelfende Familienangehörige (Fuchs et al. 2017).

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Demografiestudie Nordsachsen
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27
nach Nordsachsen zurückgewandert ist. Dieser Wert liegt leicht über dem Bundesdurch-
schnitt. Die Rückwanderungsneigung der abgewanderten nordsächsischen Männer ist
dabei deutlich höher als die der Frauen. Es kehren zudem überdurchschnittlich viele jün-
gere Erwerbspersonen in den Kreis zurück. Wie in den meisten anderen Kreisen kehren
nach Nordsachsen tendenziell mehr Gering- als Hochqualifizierte zurück; im Vergleich
zum Bundesmittel ist das Verhältnis zwischen den beiden Qualifikationsgruppen aller-
dings recht ausgeglichen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Bemühungen
des Landkreises, abgewanderte Nordsachsen in ihre Heimat zurückzuholen, von Erfolg
gekrönt sind und in Zukunft fortgesetzt werden sollten. Die Indikatoren des Rückwande-
rungsgeschehens sind, wie oben dargestellt, etwas günstiger als im Bundesdurchschnitt.
Nicht übersehen werden sollte jedoch, dass die meisten Abwanderer ihrer Heimat dauer-
haft den Rücken kehren. Im Bundesdurchschnitt kehrten in den letzten Jahren etwa 20%
der Fortgezogenen in ihren Heimatkreis zurück, der Maximalwert (im Landkreis Eichs-
feld) lag bei 32%. Um eine demografische Stabilisierung des Landkreises zu erreichen, ist
es allerdings notwendig, weitere Zuwanderungspotentiale zu erschließen. Dazu sollten
auch internationale Zuwanderer gehören.

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Demografiestudie Nordsachsen
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28
2.2. Bevölkerungsstrukturelle Rahmenbedingungen
2.2.1. Typologie der Triebkräfte der Bevölkerungsentwicklung
Die Bevölkerungsentwicklung einer Region wird durch zwei Faktoren beeinflusst: die na-
türliche Bevölkerungsentwicklung (die Differenz von Geburten und Sterbefällen) und den
Wanderungssaldo (die Differenz von Zu- und Fortzügen). Unter Berücksichtigung der
übergeordneten Entwicklung der Einwohnerzahl ergeben sich sechs Typen der Triebkräf-
te der Bevölkerungsentwicklung:
Typ 1
: Bevölkerungswachstum, gespeist durch Geburtenüberschüsse und Wande-
rungsgewinne;
Typ 2
: Bevölkerungswachstum, Wanderungsgewinne gleichen Sterbeüberschüsse
aus;
Typ 3
: Bevölkerungswachstum, Geburtenüberschüsse kompensieren Wande-
rungsverluste;
Typ 4
: Schrumpfung, Wanderungsverluste übersteigen Geburtenüberschüsse;
Typ 5
: Schrumpfung, Sterbeüberschüsse zehren Wanderungsgewinne auf;
Typ 6
: Schrumpfung, gespeist durch Wanderungsverluste und Sterbeüberschüsse.
Für die Analyse der Triebkräfte der Bevölkerungsentwicklung wurden die natürliche Be-
völkerungsentwicklung (Differenz aus Geburten und Sterbefällen) und die Wanderungsbi-
lanz (Differenz von Zu- und Fortzügen) verwendet, jeweils für den Zeitraum 2013 bis
2015. Ein mehrjähriger Analysezeitraum wurde gewählt, um mögliche Verzerrungen
durch singuläre Ereignisse in kleineren Gemeinden zu minimieren.
Die sowohl kurz- als auch langfristig nachhaltigste Bevölkerungsentwicklung weisen Städ-
te und Gemeinden mit Geburtenüberschüssen und Wanderungsgewinnen auf (
Typ 1
).
Diese Kommunen zeichnen sich durch eine vorteilhafte Altersstruktur mit einem relativ
hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen und ein überdurchschnittliches Reprodukti-
onspotential aus. Voraussetzung für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung sind auf
der einen Seite eine überdurchschnittliche Attraktivität für junge Familien und Zuwande-
rer aus dem In- und Ausland, auf der anderen Seite aber auch ein hohes Maß an Kinder-
und Familienfreundlichkeit, um eine Erosion des Reproduktionspotentials zu vermeiden.
Bei Typ 1 wird deutlich, dass die Bevölkerungsentwicklung nach dem „Matthäus-Prinzip“
(wer hat, dem wird gegeben) funktioniert. Geburtenüberschüsse sind am ehesten in Städ-
ten und Gemeinden zu erwarten, die durch ihre Attraktivität für Zuwanderer ohnehin
schon ein überdurchschnittliches Wachstumspotential aufweisen. Im betrachteten Zeit-

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Demografiestudie Nordsachsen
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29
raum gab es in der Region Leipzig vier Kommunen mit Wanderungsgewinnen und Gebur-
tenüberschüssen: die Stadt Leipzig selbst sowie Borsdorf und Machern im Landkreis
Leipzig. Der einzige Vertreter des Typs 1 im Landkreis Nordsachsen ist Jesewitz.
Deutschland insgesamt gehört im Betrachtungszeitraum zu
Typ 2
. Die natürliche Bevölke-
rungsentwicklung ist aufgrund der seit Jahrzehnten unterhalb des Bestandserhaltungsni-
veaus liegenden Geburtenraten, der steigenden Lebenserwartung und der alters- und ge-
schlechtsselektiven Wanderungsprozesse der letzten Jahre in weiten Teilen des Landes
negativ. Ein Bevölkerungswachstum ist unter diesen Rahmenbedingungen nur durch
Wanderungsgewinne aus anderen Landesteilen oder aus dem Ausland möglich. Die Ab-
hängigkeit der Bevölkerungsentwicklung von Wanderungen ist insofern problematisch, da
die räumliche Bevölkerungsentwicklung den dynamischsten Entwicklungsfaktor darstellt,
der zudem im Zeitverlauf stark schwanken kann und schwer vorhersagbar ist. Dies gilt
insbesondere für internationale Wanderungen, die in besonderer Weise von wirtschaftli-
chen und politischen Veränderungen im In- und Ausland, Kriegen und Gewalt beeinflusst
werden. Zu Typ 2 – wachsende Gemeinden mit Wanderungsgewinnen und Sterbeüber-
schüssen – gehören neun Städte im Landkreis Leipzig, darunter Borna, Markkleeberg und
Markranstädt. Im Landkreis Nordsachsen wird Typ 2 von Krostitz, Schkeuditz und Taucha
repräsentiert.
Mit Blick auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung der Typ-2-Gemeinden ist einerseits
denkbar, dass die Wanderungsgewinne mittel- oder sogar schon kurzfristig nicht mehr
ausreichen, um die Sterbeüberschüsse auszugleichen, was den Beginn einer Schrump-
fungsphase markieren könnte. Auf der anderen Seite ist aber auch ein Vorzeichenwechsel
bei der natürlichen Bevölkerungsentwicklung von Sterbe- hin zu Geburtenüberschüssen
keineswegs ausgeschlossen. Diese Entwicklungsoption ist in Städten und Gemeinden am
wahrscheinlichsten, die – wie die drei Vertreter dieses Typs im Landkreis Nordsachsen –
als Wohnstandort für Familien bzw. Paare vor der Familiengründung besonders attraktiv
sind. Zur Sicherung und Steigerung der Attraktivität gehört auf der lokalen wie auf der
regionalen Ebene auch eine Willkommenskultur, die nach Deppner und Teixeira (2012)
fünf Punkte umfasst: (1) gutes Angebot qualitativ hochwertiger barrierearmer Dienstleis-
tungen (z.B. ÖPNV, kommunale Bürgerdienste), (2) adäquater und bezahlbarer Wohn-
raum, (3) Aus- und Weiterbildungsangebote, (4) Arbeitsmöglichkeiten mit angemessener
Entlohnung und (5) Offenheit der örtlichen Zivilgesellschaft zur Integration
7
der Neuan-
7
Auch für Binnen- und Rückwanderer scheint die (Re-)Integration in die örtliche Zivilgesellschaft in vielen Fällen schwierig
zu sein (Leibert u. Wiest 2012). In diesem Sinne ist eine offene lokale Gesellschaft unabhängig von der Nationalität und
Herkunft der Zuziehenden eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration.

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Demografiestudie Nordsachsen
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30
kömmlinge. Zu ergänzen wäre als sechster Punkt die Sicherstellung einer guten Verein-
barkeit von Familie und Beruf, die nicht nur eine staatliche, sondern auch eine zivilgesell-
schaftliche Aufgabe ist, an der sich die Wirtschaft noch aktiver beteiligen sollte. Eine der-
art breit angelegte Willkommenskultur würde zusätzlich die Lebensqualität der örtlichen
Bevölkerung steigern.
Angesichts niedriger Geburtenraten, ungünstiger Geschlechterproportionen und der dy-
namischen Alterung der Bevölkerung im metropolenfernen Raum ist zu erwarten, dass die
Kombination von Geburtenüberschüssen und Wanderungsverlusten in Sachsen– wie in
der Bundesrepublik insgesamt – nur sehr selten auftritt. Tatsächlich fallen
Typ 3
(Groß-
pösna) und
Typ 4
(Belgershain, Otterwisch) in der Region Leipzig kaum ins Gewicht. Im
Landkreis Nordsachsen kommen beide Typen nicht vor, da Jesewitz (Typ 1) die einzige
der 30 kreisangehörigen Gemeinden mit einem (leichten) Geburtenüberschuss ist; alle
anderen nordsächsischen Städte und Gemeinden weisen Sterbeüberschüsse auf. Dass Ge-
burtenüberschüsse die entscheidende Stellschraube der Bevölkerungsentwicklung dar-
stellen, trifft unter den gegenwärtigen demografischen Rahmenbedingungen in der Bun-
desrepublik nur auf kleine Gemeinden mit günstigen Bevölkerungsstrukturen (d.h. hohen
Bevölkerungsanteilen im Familiengründungsalter) zu.
Typ 5
umfasst Städte und Gemeinden, die zwar Wanderungsgewinne verbuchen können,
jedoch nicht in der Höhe, die notwendig wäre, um das Geburtendefizit auszugleichen. Im
Landkreis Leipzig gehören im betrachteten Zeitraum acht Städte und Gemeinden (darun-
ter Grimma und Wurzen) zu Typ 5. Im Landkreis Nordsachsen gab es im Betrachtungs-
zeitraum neun schrumpfende Städte und Gemeinden mit Wanderungsgewinnen: Bad Dü-
ben, Belgern-Schildau, Delitzsch, Dommitzsch, Eilenburg, Löbnitz, Mockrehna, Oschatz und
Torgau. Einige dieser Städte und Gemeinden weisen im betrachteten Zeitraum deutlich
überdurchschnittliche Zuzugsraten auf, die jedoch durch hohe Sterbeüberschüsse mehr
als ausgeglichen werden. Dies ist die Konsequenz einer ungünstigen Altersstruktur der
Bevölkerung mit einem hohen Seniorenanteil. Diese Wanderungsüberschüsse waren –
zumindest teilweise – auf die Zuweisung von Geflüchteten und Asylsuchenden bzw. die
Zuwanderung ausländischer Staatsbürger zurückzuführen. Die Daten für 2016 zeigen,
dass Dommitzsch, Löbnitz und Oschatz inzwischen wieder Wanderungsverluste aufwei-
sen.
Typ 6
stellt schließlich die ungünstigste Kombination der Haupttriebkräfte der Bevölke-
rungsentwicklung dar. Zu Typ 6 gehören zehn Städte und Gemeinden im Landkreis Leipzig

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31
und 17 der 30 Städte und Gemeinden des Landkreises Nordsachsen: Arzberg, Beilrode,
Cavertitz, Dahlen, Doberschütz, Dreiheide
8
, Elsnig, Laußig, Liebschützberg, Mügeln, Naun-
dorf, Rackwitz, Schönwölkau, Trossin, Wermsdorf, Wiedemar und Zschepplin. Diese Städte
und Gemeinden schrumpfen durch Sterbeüberschüsse und Wanderungsverluste. Da Wan-
derungen alters- und geschlechtsselektiv sind, und insbesondere junge Menschen, na-
mentlich junge Frauen, fortziehen, ist die Gefahr sehr groß, dass eine demografische Ab-
wärtsspirale in Gang kommt. Die Abwanderung junger Bevölkerungsgruppen begünstigt
die Alterung nicht nur direkt, sondern auch indirekt, indem die abgewanderten potentiel-
len Mütter ihre Kinder in anderen Regionen bekommen. Für Kommunen, in denen sich
eine negative natürliche und räumliche Bevölkerungsentwicklung überlagern und wech-
selseitig verstärken, ist es besonders schwierig, aus dem Teufelskreis der Schrumpfung
und Alterung auszubrechen. Dies gilt insbesondere für dünn besiedelte, strukturschwache
ländliche Räume außerhalb der Pendlereinzugsbereiche der Agglomerationsräume, die –
von Rückwanderern, die aus persönlichen oder familiären Gründen zuziehen, abgesehen –
nur für einen beschränkten Personenkreis als Wanderungsziel attraktiv sind, während auf
der anderen Seite gerade junge Menschen gezwungen sind, zur Ausbildung oder aus beruf-
lichen Gründen abzuwandern. Die Wanderungsdaten für 2016 deuten an, dass den meis-
ten den oben genannten Städten und Gemeinden trotz allem eine Trendwende bei der
Wanderungsbilanz gelungen ist. Abgesehen von Beilrode, Mügeln und Rackwitz sind die
Wanderungsgewinne jedoch zahlenmäßig gering und es muss sich erst noch zeigen, ob es
sich dabei um einen dauerhaften Wandel des Wanderungsverhaltens handelt oder nur um
ein kurzes „Strohfeuer“. In Rackwitz sind angesichts der guten Anbindung an Leipzig und
überregionale Verkehrsachsen die Rahmenbedingungen für eine Verstetigung der Wande-
rungsgewinne am günstigsten.
2.2.2. Raummuster und Entwicklung des Altenquotienten
Die Alterung, also die Zunahme des Bevölkerungsanteils und der absoluten Zahl älterer
Menschen, ist ein zentraler Aspekt des demografischen Wandels sowohl auf der lokalen
als auch auf der regionalen, nationalen und europäischen Ebene. Wie schnell und intensiv
die Bevölkerung einer Raumeinheit altert, hängt von drei Faktoren ab: der Lebenserwar-
tung, der Entwicklung der Geburtenrate sowie den altersspezifischen Bilanzen der Bin-
nen- und Außenwanderungen (Gans 2011). Zur Messung der Alterung wird häufig der
Altenquotient verwendet, der definiert ist als das Verhältnis der Personen im Rentenalter
(hier: über 65) zur Zahl der Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter (hier: 18 bis un-
8
Ausgeglichene natürliche Bilanz

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32
ter 65). Der Altenquotient kann also näherungsweise als die Zahl der Rentnerinnen und
Rentner definiert werden, die von 100 Erwerbstätigen über die umlagefinanzierten Sozi-
alversicherungssysteme unterstützt werden.
Auf der Gemeindeebene sind die Unterschiede beim Altenquotienten innerhalb des Land-
kreises Nordsachsen beträchtlich. In den kleineren Gemeinden des Leipziger Umlands
liegen die Altenquotienten unter dem Bundesdurchschnitt, in den meisten Grund- und
Mittelzentren dagegen deutlich darüber. Besonders ausgeprägt ist die Alterung in Dom-
mitzsch, Bad Düben, Oschatz und Dahlen. Da der Bevölkerungsanteil der Hochbetagten
hoch mit dem Altenquotienten korreliert ist, liegt die Erklärung nahe, dass diese hohen
Werte durch die Standorte von Senioreneinrichtungen erklärt werden. Durch den
Kurstadtstatus von Bad Düben und die landschaftlichen Reize der genannten Städte ist ein
zusätzlicher Einfluss von Ruhesitzwanderungen jüngerer Seniorinnen und Senioren nicht
ausgeschlossen. Die vergleichsweise niedrigen Altenquotienten und Hochbetagtenanteile
in zahlreichen kleineren Gemeinden sind auf ein Fehlen von Senioreneinrichtungen zu-
rückzuführen. Eine Pflegebedürftigkeit ist fast zwangsläufig mit einem Umzug in das
nächste Grund- oder Mittelzentrum verbunden. In zahlreichen Gemeinden sind die Wan-
derungsverluste der über 65-Jährigen vor diesem Hintergrund beachtlich – teilweise wer-
den in absoluten Zahlen sogar die Wanderungsverluste der Ausbildungswanderer (Alters-
gruppe 18-25) übertroffen. In den Grund- und Mittelzentren trägt die Seniorenwanderung
zu einer Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung bei; 2016 war dies insbesondere in
Eilenburg und Wermsdorf der Fall.
Leider bildet der Altenquotient die Dynamik der Alterung im Landkreis Nordsachsen –
ebenso wie in vielen anderen ländlichen Räumen der ostdeutschen Bundesländer – nur
teilweise ab. Als Folge der schon mehrfach erwähnten starken Abwanderung insbesonde-
re junger Menschen in den 1990er und 2000er Jahren ist die Altersgruppe der 50- bis un-
ter 65-Jährigen besonders stark besetzt. Der Anteil dieser Altersgruppe an der Erwerbs-
bevölkerung, also den 18- bis unter 65-Jährigen liegt im Landkreis flächendeckend deut-
lich über dem Bundesdurchschnitt. Mit Werten zwischen knapp 40% (Taucha) und über
48% (Trossin) ist der Bevölkerungsanteil der über 50-Jährigen an der Gesamtbevölkerung
im erwerbsfähigen Alter sehr hoch.

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33
Tabelle 6: Ausgewählte Indikatoren der Altersstruktur der Bevölkerung der Städte und Gemeinden des Landkreises
Nordsachsen. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017).
Arzberg
21,96
34,60
47,55
13,17
Bad Düben
25,40
48,20
42,46
14,64
Beilrode
25,95
35,14
45,86
11,96
Belgern-Schildau
23,70
41,20
43,90
14,15
Cavertitz
24,27
36,58
45,91
13,23
Dahlen
22,96
46,35
46,00
15,27
Delitzsch
23,48
40,79
43,18
13,42
Doberschütz
22,30
35,09
47,14
11,83
Dommitzsch
20,35
50,70
47,10
17,75
Dreiheide
26,00
31,78
46,81
9,86
Eilenburg
25,48
44,08
41,27
15,03
Elsnig
24,21
33,77
47,34
11,82
Jesewitz
25,77
30,06
44,27
9,48
Krostitz
25,23
31,69
42,12
10,28
Laußig
22,51
37,05
45,53
12,43
Liebschützberg
22,76
37,29
45,78
12,62
Löbnitz
23,90
37,93
43,03
14,00
Mockrehna
23,58
34,53
43,69
12,22
Mügeln
24,49
44,06
46,64
14,78
Naundorf
25,13
32,64
44,10
11,30
Oschatz
23,91
47,79
43,00
14,59
Rackwitz
22,58
28,27
40,10
9,49
Schkeuditz
22,22
39,70
42,33
13,40
Schönwölkau
24,56
32,30
46,16
10,40
Taucha
26,70
42,23
39,74
13,35
Torgau
24,64
41,99
42,26
14,00
Trossin
20,38
40,88
48,38
13,49
Wermsdorf
26,40
40,08
45,31
13,00
Wiedemar
23,27
27,47
42,52
8,91
Zschepplin
26,69
30,57
43,61
9,48
Deutschland gesamt
25,85
33,56
35,30
10,95
**** Anteil der über 75-Jährigen an der Gesamtbevölkerung
Hochbetagte****
sehr stark unterdurchschnittlich: mehr als 33% unter dem Bundesdurchschnitt
stark unterdurchschnittlich: 20% bis unter 33% unter dem Bundesdurchschnitt
unterdurchschnittlich: 10% bis unter 20% unter dem Bundesdurchschnitt
leicht unterdurchschnittlich: weniger als 10% unter dem Bundesdurchschnitt
über dem Bundesdurchschnitt
* Zahl der unter 18-Jährigen pro 100 Einwohner(innen) zwischen 18 und unter 65
** Zahl der über 65-Jährigen pro 100 Einwohner(innen) zwischen 18 und unter 65
*** Anteil der 50- bis unter 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung im erwerbsfähigen Alter
Städte und Gemeinden
Jugendquotient* Altenquotient**
Alterung der
Erwerbsbev.***

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34
Daraus folgt einerseits, dass sich die – ohnehin schon hohe – Dynamik des Alterungspro-
zesses im Kreis in den kommenden Jahren deutlich verstärken wird, und andererseits,
dass durch einen kurz- bis mittelfristig erfolgenden Renteneintritt eines großen Teils der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer große Herausforderungen auf die Wirtschaft und
den öffentlichen Dienst zukommen. Die derzeit in vielen Branchen schon spürbaren
Nachwuchs- und Fachkräfteengpässe dürften sich vor diesem Hintergrund noch deutlich
verschärfen. Die dynamische Alterung der Kreisbevölkerung erschwert zudem eine demo-
grafische Stabilisierung des Landkreises. Alternde und gealterte Bevölkerungen zeichnen
sich durch eine ungünstige natürliche Bevölkerungsentwicklung mit ausgeprägten Sterbe-
überschüssen aus. Eventuelle Wanderungsgewinne werden unter diesen Rahmenbedin-
gungen schnell durch eine natürliche Schrumpfung aufgezehrt. Durch die Standorte von
Senioreneinrichtungen sind die Herausforderungen der Alterung in den zentralen Orten in
besonderem Maße spürbar, etwa was einen barrierefreien Umbau des öffentlichen Rau-
mes und die damit verbundenen Kosten angeht.
Karte 5: Altenquotienten der Ortsteile der nordsächsischen Städte und Gemeinden 2016. Eigene Berechnungen;
Datenquelle: Einwohnermeldeämter (2017).

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35
Tabelle 7: Abweichung des Altenquotienten der Ortsteile
9
der nordsächsischen Städte und Gemeinden vom Bundes-
mittel nach Größenklassen 2016. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Einwohnermeldeämter (2017)
Einwohnerzahl
Altenquotient: Zahl der über 65-Jährigen pro 100 Personen zwischen 18 und
65 im Vergleich zum Bundesdurchschnitt
sehr stark unter-
durchschnittlich
stark unterdurch-
schnittlich
unterdurch-
schnittlich
leicht unter-
durchschnittlich
Unter 100
64
28,1% (18)
14,1% (9)
3,1% (2)
9,4% (6)
100 bis unter
300
11
3
15,9% (18)
15,0% (17)
10,6% (12)
13,3% (15)
300 bis unter
500
51
7,8% (4)
11,8% (6)
25,5% (13)
11,8% (6)
500 bis unter
1.000
29
3,4% (1)
20,7% (6)
13,8% (4)
10,3% (3)
1.000 bis 2.700 16
0,0% (0)
12,5% (2)
18,8% (3)
18,8% (3)
über 7.000
6
0,0% (0)
0,0% (0)
0,0% (0)
0,0% (0)
leicht über-
durchschnittlich
überdurch-
schnittlich
stark überdurch-
schnittlich
sehr stark über-
durchschnittlich
Unter 100
64
4,7% (3)
7,8% (5)
10,9% (7)
21,9% (14)
100 bis unter
300
11
3
10,6% (12)
11,5% (13)
10,6% (12)
12,4% (14)
300 bis unter
500
51
15,7% (8)
9,8% (5)
5,9% (3)
11,8% (6)
500 bis unter
1.000
29
24,1% (7)
13,8% (4)
3,4% (1)
10,3% (3)
1.000 bis 2.700 16
12,5% (2)
0,0% (0)
6,3% (1)
31,3% (5)
über 7.000
6
0,0% (0)
16,7% (1)
50,0% (3)
33,3% (2)
9
Ohne Dahlen, Mügeln und Taucha. Der Ortsteil Winkelmühle (Doberschütz) wurde mit Wöllnau zusammengefasst, der
Ortsteil Reudnitz (Cavertitz) mit Olganitz. Beide Ortsteile haben weniger als 10 Einwohner(innen).

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36
In Tabelle 6 und Karte 5 sind die Raummuster der Alterung auf der Ortsteilebene darge-
stellt. Tendenziell konzentrieren sich Ortsteile mit niedrigen Altenquotienten in den
Leipziger Umlandringen, während in der Dübener Heide eine Häufung von Ortsteilen mit
besonders hohen Altenquotienten festzustellen ist. Die Analyse nach Ortsgrößenklassen
zeigt, dass gerade die Klein(st)dörfer altersstrukturell besonders polarisiert sind: Im Arz-
berger Ortsteil Elsterberg liegt der Altenquotient bei 11,5 – im Elsniger Ortsteil Polbitz
dagegen bei 100. Dort leben also genau so viele über 65-Jährige wie Personen zwischen 18
und 65. Besonders hohe Altenquotienten sind jedoch für Ortsteile mit mehr als 1.000 Ein-
wohnern charakteristisch, da dort die Senioreneinrichtungen konzentriert sind, was sich
in einer besonderen Dynamik der Alterung widerspiegelt. Für die kleineren Ortsteile gilt,
dass angesichts fehlender Senioreneinrichtungen eine Pflegebedürftigkeit einen Umzug
erforderlich macht. Die Tatsache, dass auch viele Klein(st)dörfer überdurchschnittliche
Altenquotienten aufweisen, zeigt jedoch, dass diese Siedlungen auch für Seniorinnen und
Senioren attraktiv sind – angesichts der infrastrukturellen Schwächen aber vermutlich
nur, solange sie noch automobil sind.
2.2.3. Raummuster und Entwicklung des Jugendquotienten
Analog zum Altenquotient kann auch ein Jugendquotient berechnet werden, der als die
Relation der Kinder und Jugendlichen (hier: unter 18-Jährige) zur Erwerbsbevölkerung
definiert ist. Im Gegensatz zum Altenquotienten sind bei den Jugendquotienten von Frau-
en (24,4) und Männern (24,0) im Landkreis nur geringe geschlechtsspezifische Unter-
schiede festzustellen. Anders als beim Altenquotienten sind die Unterschiede zwischen
den beiden Ringen um Leipzig (1. Ring: 24,2, 2. Ring: 24,3) und den übrigen kreisangehö-
rigen Städten und Gemeinden (24,1) nur schwach ausgeprägt. Auch auf der Gemeindeebe-
ne ist Spannweite zwischen der höchsten (26,7 in Taucha und Zschepplin) und der ge-
ringsten (20,3 in Dommitzsch, 20,4 in Trossin) Zahl von unter 18-Jährigen pro 100 Perso-
nen im erwerbsfähigen Alter relativ gering. Eine Konzentration von Kommunen mit un-
terdurchschnittlichen Jugendquotienten ist im Nordwesten des Landkreises entlang der
Achse Leipzig-Berlin (Delitzsch, Rackwitz, Schkeuditz, Wiedemar) sowie in den Achsen-
zwischenräumen
10
festzustellen. Eine Häufung von Städten und Gemeinden mit über- oder
nur leicht unterdurchschnittlichen Jugendquotienten zeigt sich im Ostteil des ersten und
zweiten Rings um Leipzig (Eilenburg, Jesewitz, Krostitz, Taucha, Zschepplin). Aus dem
Raummuster des Jugendquotienten lässt sich mithin nur bedingt ableiten, dass im Land-
kreis bestimmte Gemeindetypen oder Teilräume für Familien per se attraktiver wären als
10
Mit Ausnahme von Beilrode und Dreiheide, die beide überdurchschnittliche Jugendquotienten aufweisen.

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andere. Es treten vielmehr ortsspezifische Strukturen in den Vordergrund.
Karte 6 zeigt, dass auf der Ortsteilebene beachtliche Unterschiede beim Jugendquotienten
bestehen: Im Ortsteil Kamitz der Gemeinde Arzberg lebten 2016 keine Kinder und Jugend-
lichen (Jugendquotient 0,0), während in Mutschlena (Gemeinde Krostitz) 51 unter 18-
Jährige auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner im erwerbsfähigen Alter kamen. In prak-
tisch jeder Kommune gibt es Ortsteile mit deutlich über- bzw. unterdurchschnittlichen
Jugendquotienten. Aus Tabelle 8 kann man entnehmen, dass gerade sehr kleine Ortsteile
(sehr) stark unterdurchschnittliche Jugendquotienten aufweisen. Klein(st)dörfer unter
300 Einwohnern sind allerdings auch in der Gruppe der Ortsteile mit besonders hohen
Jugendquotienten überdurchschnittlich vertreten, was die demografische Polarisierung
dieser Ortsgrößenklasse noch einmal unterstreicht.
Karte 6: Jugendquotienten der Ortsteile der nordsächsischen Städte und Gemeinden 2016. Eigene Berechnungen;
Datenquelle: Einwohnermeldeämter (2017).

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38
Einwohnerzahl
Jugendquotient: Zahl der unter 18-Jährigen pro 100 Personen zwischen 18
und 65 im Vergleich zum Bundesdurchschnitt
sehr stark unter-
durchschnittlich
stark unterdurch-
schnittlich
unterdurch-
schnittlich
leicht unter-
durchschnittlich
Unter 100
64
25,0% (16)
14,1% (9)
14,1% (9)
9,4% (6)
100 bis unter
300
11
3
11,5% (13)
18,6% (21)
14,2% (16)
16,8% (19)
300 bis unter
500
51
0,0% (0)
15,7% (8)
27,5% (14)
17,6% (9)
500 bis unter
1.000
29
0,0% (0)
20,7% (6)
13,8% (4)
20,7% (6)
1.000 bis 2.700 16
0,0% (0)
6,3% (1)
37,5% (6)
25,0% (4)
über 7.000
6
0,0% (0)
0,0% (0)
16,7% (1)
66,7% (4)
leicht über-
durchschnittlich
überdurch-
schnittlich
stark überdurch-
schnittlich
sehr stark über-
durchschnittlich
Unter 100
64
9,4% (6)
7,8% (5)
4,7% (3)
15,6% (10)
100 bis unter
300
11
3
11,5% (13)
8,0% (9)
9,7% (11)
9,7% (11)
300 bis unter
500
51
27,5% (14)
3,9% (2)
2,0% (1)
5,9% (3)
500 bis unter
1.000
29
20,7% (6)
10,3% (3)
10,3% (3)
3,4% (1)
1.000 bis 2.700 16
18,8% (3)
12,5% (2)
0,0% (0)
0,0% (0)
über 7.000
6
16,7% (1)
0,0% (0)
0,0% (0)
0,0% (0)
Tabelle 8: Abweichung des Jugendquotienten der Ortsteile
11
der nordsächsischen Städte und Gemeinden vom Bun-
desmittel nach Größenklassen 2016. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Einwohnermeldeämter (2017)
11
Ohne Dahlen, Mügeln und Taucha. Der Ortsteil Winkelmühle (Doberschütz) wurde mit Wöllnau zusammengefasst, der
Ortsteil Reudnitz (Cavertitz) mit Olganitz. Beide Ortsteile haben weniger als 10 Einwohner(innen).

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2.2.4. Typologie der Raummuster der Altersstruktur
Die zukünftige Bevölkerungsentwicklung einer Region ist in hohem Maße durch die Al-
tersstruktur vorgezeichnet. Dies gilt insbesondere für die natürliche Bevölkerungsent-
wicklung. Die Zahl der Sterbefälle pro 1000 Einwohner ist in Regionen mit einem hohen
Seniorenanteil höher als in Räumen mit einer „jungen“ Altersstruktur. Weiterhin wirkt
sich ein hoher Bevölkerungsanteil der Frauen im gebärfähigen Alter positiv auf die Gebur-
tenzahl aus. Vor diesem Hintergrund ist in Raumeinheiten mit einer vorteilhaften Bevöl-
kerungsstruktur selbst bei einer relativ niedrigen Kinderzahl pro Frau ein Geburtenüber-
schuss möglich. Angesichts der bereits weit fortgeschrittenen Alterung der deutschen Be-
völkerung ist dieser Prozess in der Bundesrepublik weitgehend auf prosperierende Groß-
städte, darunter auch Leipzig, beschränkt, deren Bevölkerung sich in den letzten Jahren
durch die alters- und geschlechtsselektive Zuwanderung junger Menschen verjüngt hat. Im
Folgenden wird anhand einer Typologie, in die sowohl die regionalen Alten- und Jugend-
quotienten als auch der Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigen Alter auf der Gemeinde-
ebene eingeflossen sind, dargestellt, welche lokalen Altersstrukturtypen derzeit im Land-
kreis Nordsachsen bestehen (Karte 7). Leider ist mit den vorliegenden Daten keine diffe-
renziertere Betrachtung nach Staatsangehörigkeit möglich, sodass eine Verzerrung der
lokalen Altersstrukturen durch die Zuwanderung (in der Regel jüngerer) Geflüchteter und
Asylbewerber(innen) im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ nicht ausgeschlossen
werden kann. Grundlage der gemeindescharfen Analyse ist die Abweichung der lokalen
Alten- und Jugendquotienten vom Bundesmittel.
Typ 1
umfasst Gemeinden mit einem unterdurchschnittlichen Anteil an Einwohnern im
erwerbsfähigen Alter. Der Jugend- und der Altenquotient liegt über dem Bundesdurch-
schnitt, was auf eine gewisse Polarisierung der Altersstruktur hindeutet. Diese Polarisie-
rung kann sich durch einen verstärkten Zuzug von Ruhesitzwanderern ergeben, aber auch
durch eine Trendwende bei den Familienwanderern, durch die verstärkt junge Paare oder
Familien in Städte und Gemeinden zuziehen, die in der Vergangenheit einen dynamischen
Alterungsprozess durchlaufen haben. Im Landkreis Nordsachsen gehören Taucha und
Wermsdorf zu Typ 1.
Städte und Gemeinden mit hohem Kinder- und niedrigem Seniorenanteil gehören zu
Typ
2
. Dieser von der Altersstruktur her günstigste Typ dominiert in den wirtschaftsstarken
ländlichen Räumen Süd- und Nordwestdeutschlands und im suburbanen Raum der west-
deutschen Großstädte. Es handelt sich dabei um Regionen, die durch ein gutes Arbeits-
platzangebot, ein hohes Lohnniveau und günstige Lebensbedingungen für Familien attrak-
tiv sind (Leibert u. Köppl 2015). Im Landkreis Nordsachsen kommt Typ 2 derzeit nicht vor.
Städte und Gemeinden mit einer durchschnittlichen Altersstruktur gehören zu
Typ 3
.
Neun der 30 kreisangehörigen Städte und Gemeinden gehören zu Typ 3: Beilrode, Caver-

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40
titz, Dreiheide, Elsnig, Krostitz, Mockrehna, Naundorf, Schönwölkau und Zschepplin. Wie
oben bereits dargestellt, ist dabei jedoch zu bedenken, dass in allen genannten Gemeinden
die Altersgruppe der 50- bis unter 65-Jährigen sehr stark besetzt ist. Es ist also in den
kommenden Jahren mit einer sehr dynamischen Alterung und einem deutlichen Anstieg
des Altenquotienten zu rechnen.
„Überalterte“ und „unterjüngte“ Städte und Gemeinden sind in
Typ 4
zusammengefasst.
Die überdurchschnittlichen Alten- und unterdurchschnittlichen Jugendquotienten sind
insbesondere auf den Einfluss selektiver Wanderungen zurückzuführen. Die Abwande-
rung junger Menschen verstärkt die Alterung der zurückbleibenden Bevölkerung, wäh-
rend die „Unterjüngung“ dadurch ausgelöst wird, dass die Abgewanderten ihre Familie
anderswo gründen. Zu diesem ungünstigsten Altersstrukturtyp gehören 16 Städte und
Gemeinden im Landkreis: Arzberg, Bad Düben, Belgern-Schildau, Dahlen, Delitzsch,
Doberschütz, Dommitzsch, Eilenburg, Laußig, Liebschützberg, Löbnitz, Mügeln, Oschatz,
Schkeuditz, Torgau und Trossin. Daraus folgt, dass in Zukunft in weiten Teilen des Land-
kreises mit einer verstärkten Schrumpfung von „oben“ (durch die erhöhte Sterberate der
gealterten Bevölkerung) und von „unten“ (durch fehlende Geburten als Folge der selek-
tiven Abwanderung insbesondere junger Frauen) zu rechnen ist. Eine demografische Sta-
bilisierung ist unter diesen Rahmenbedingungen sehr schwierig.
Städte und Gemeinden mit unterdurchschnittlichen Alten- und Jugendquotienten – und
folglich einem besonders hohen Bevölkerungsanteil der Erwerbsbevölkerung – kenn-
zeichnen
Typ 5
. Im deutschlandweiten Vergleich handelt es sich dabei vorrangig um
Groß- und Universitätsstädte (Leibert u. Köppl 2015). Auch wenn sich abzeichnet, dass
innerstädtisches Wohnen auch für Familien zunehmend beliebter wird, sind die Großstäd-
te doch nach wie vor eher Wohnstandorte für kinderlose Frauen und Männer. Insbesonde-
re die Lebensphase der Berufsausbildung und des Studiums ist nur schwer mit einer Fami-
liengründung zu vereinbaren. Auf der anderen Seite sind die Kernstädte auch Quellgebiete
der Ruhesitzwanderung, sodass der Altenquotient zusätzlich durch Abwanderung redu-
ziert wird. Dieses Erklärungsmuster trifft auf die drei Vertreter des Typs 5 im Landkreis –
Jesewitz, Rackwitz und Wiedemar – jedoch nicht zu. Bei diesen Gemeinden handelt es sich
um Orte, in denen der hohe Anteil der Einwohner zwischen 18 und 65 auf eine in der Ver-
gangenheit junge Bevölkerungsstruktur (niedriger Altenquotient) zurückzuführen ist. Im
Gegensatz zu den Groß- und Universitätsstädten dominieren aber nicht die jüngeren Al-
tersgruppen der Erwerbsbevölkerung, sondern die älteren, deren Kinder schon das El-
ternhaus verlassen haben und zumeist auch aus der Heimatregion abgewandert sind, was
die niedrigen Jugendquotienten erklärt.

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Karte 7: Typologie der Altersstruktur der Städte und Gemeinden des Landkreises Nordsachsen 2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017).

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42
Abbildung 2: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der kreisfreien Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern 1990-2015 in %. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Destatis (2017).

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43
3. Analyse der Wachstumsprozesse der Stadt Leipzig
12
Leipzig ist derzeit die am stärksten wachsende Großstadt mit mehr als 500.000 Einwoh-
nern in der Bundesrepublik (Abbildung 2). Im Gegensatz zu den meisten anderen Städten
dieser Größenklasse beschränkte sich das Bevölkerungswachstum in der Region Leipzig in
den vergangenen Jahren jedoch im Wesentlichen auf die Kernstadt, während das Umland
nur in geringem Maße von den Einwohnergewinnen profitieren konnte (Abbildung 3). Im
Saldo haben die Landkreise Leipzig und Nordsachsen bis 2013 sogar Einwohner durch
Abwanderung an die Kernstadt verloren. Seit 2014 zeichnet sich eine durchgreifende
Trendwende ab. Die beiden Umlandkreise werden zunehmend zum Zielgebiet von Ab-
wanderern aus Leipzig (Tabelle 9). Das Wanderungsgeschehen in Leipzig war in den letz-
ten Jahren vom Zuzug von Ausbildungs- und Arbeitsplatzwanderern, also jungen Erwach-
senen der Altersgruppen 18 bis unter 25 und 25 bis unter 30 geprägt. Wenn diese Zuwan-
derer ins Familiengründungsalter kommen, stehen sie vor der Frage, ob sie den innerstäd-
tischen Wohnstandort beibehalten wollen, oder aus Leipzig fortziehen. Der derzeit positi-
ve Wanderungssaldo des Umlands ist teilweise auf die Suburbanisierung junger Paare und
Familien zurückzuführen, die vor einigen Jahren als Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatzwan-
derer nach Leipzig gekommen sind.
Betrachtet man die mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der Städte über 500.000
Einwohnern, wird besonders deutlich, warum die Bevölkerungsentwicklung von Leipzig
im Vergleich mit anderen deutschen Metropolen einen Sonderfall darstellt. Keine andere
Stadt dieser Größenklasse ist in den 1990er Jahren so stark geschrumpft und kaum eine
andere Stadt ist zwischen 2011 und 2015 so stark gewachsen (Leibert et al. 2016). Die
1990er Jahre waren in Leipzig durch eine ökonomische (Deindustrialisierung), eine de-
mografische (Abwanderung) und eine Wohnungsmarktkrise (massive Leerstände) ge-
kennzeichnet. Der seit dem Höchststand der Bevölkerung im Jahr 1933 (713.470 Einwoh-
ner, damaliger Gebietsstand) fast ununterbrochene Bevölkerungsrückgang verstärkte sich
durch Fortzüge nach Westdeutschland und eine kurze, intensive Suburbanisierungswelle
Mitte der 1990er Jahre massiv. 1998 wurde mit unter 440.000 Einwohnern (damaliger
Gebietsstand) die Talsohle durchschritten. Begleitet war der demografische Aderlass von
einer ausgeprägten Arbeitsmarktkrise, während der durch eine beispiellose Deindustriali-
sierung 100.000 Arbeitsplätze verloren gingen (Haase u. Rink 2015). Trotz der erhebli-
chen Einwohnerverluste wurde sowohl in der Kernstadt als auch im Umland in erhebli-
12
Dieses Kapitel bezieht sich größtenteils auf Leibert (2017).

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44
chem Umfang in den Neubau und die Sanierung von Wohnraum investiert, wodurch sich
die Wohnungsnot der späten DDR-Zeit in ein massives Leerstandsproblem umkehrte
(ebd.). In den späten 1990er Jahren endete die lange Schrumpfungsphase; Leipzig begann
wieder zu wachsen – in den 2000ern eher zögerlich, seit etwa 2010 sehr dynamisch (ebd.).
Das „Wiederwachstum“ wurde begünstigt durch eine günstigere wirtschaftliche Entwick-
lung und einen Reurbanisierungstrend. Wie eingangs gezeigt, profitierte das Leipziger
Umland nicht vom erneuten Wachstum der Kernstadt – ganz im Gegenteil: bis in die jüngs-
te Zeit hatte Leipzig einen positiven Wanderungssaldo mit den Landkreisen Leipzig und
Nordsachsen – es sind also mehr Personen vom Land in die Stadt gezogen als in die umge-
kehrte Richtung.
Abbildung 3: Mittlere jährliche Bevölkerungsentwicklung der an die kreisfreien Großstädte mit mehr als 500.000
Einwohnern angrenzenden Landkreise und kreisfreien Städte < 100.000 Einwohner 1990-2015 in %. Eigene Berech-
nungen; Datenquelle: Destatis (2017).
Haupttreiber des Bevölkerungswachstums der Großstädte sind Binnenwanderungsge-
winne junger Erwachsener, für die nicht zuletzt das breitgefächerte Bildungsangebot und
eine wissensbasierte Wirtschaftsstruktur, die Existenz urbaner kreativer Milieus und gute
Möglichkeiten zur Verknüpfung von Familie und Beruf ursächlich sind (Gans 2015). Dies
gilt auch für Leipzig, wo sich in der Altersverteilung der Zuwandernden ausgeprägte Peaks
bei den 19- bis 20-Jährigen (Ausbildungsbeginn) und den 26-Jährigen (Berufseinstieg)
feststellen lassen. Im Vergleich zu 2006 hat sich die Zuwanderung junger Erwachsener,
insbesondere in der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen deutlich verstärkt (Martin u.

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45
Schultz 2017). Zu der Alters- kommt noch eine Geschlechtsselektivität der Zuwanderung
in die Großstädte, die, insbesondere in Ostdeutschland, durch junge Frauen geprägt ist
(Leibert et al. 2015). Die ausgeprägte Alters- und Geschlechtsselektivität der Zuwande-
rung nach Leipzig hat auch innerstädtisch Spuren hinterlassen: Das Wiederwachstum von
Leipzig (Haase u. Rink 2015) ist verbunden mit einer Verjüngung und „Feminisierung“
insbesondere der zentrumsnahen Quartiere (Leibert et al. 2015; Leibert et al. 2016), die
wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Messestadt nicht nur durch Wanderungsgewin-
ne, sondern seit einigen Jahren auch durch Geburtenüberschüsse wächst. Diese Entwick-
lung zeigt sich auch darin, dass sich die Zahl der unter 6-Jährigen zwischen 2000 und 2016
fast verdoppelt hat, wobei 2016 die höchsten Geburtenraten in zentrumsnahen Quartieren
registriert wurden (Martin 2016).
Tabelle 9: Wanderungssaldo der Stadt Leipzig mit ausgewählten Regionen 2010-2016. Quelle: Amt für Statistik und
Wahlen der Stadt Leipzig (2017).
Das Leipziger „Erfolgsgeheimnis“ besteht darin, einen attraktiven Wohnungsmarkt mit
bezahlbarem, hochwertig saniertem Wohnraum in zentralen Lagen vorzuhalten (Haase u.
Rink 2015). Auch der Ruf, das „neue“ oder „bessere“ Berlin zu sein, der der Messestadt den
Spitznamen „Hypezig“ eingebracht hat, trägt sicherlich einen Gutteil zur positiven Bevöl-
kerungsentwicklung bei. Die genannten Standortvorteile drohen angesichts des starken
Wachstums von Leipzig wegzubrechen. Dies könnte zu einer Abschwächung der Zu- bzw.
einer Verstärkung der Abwanderung führen. Dafür spricht aus Sicht insbesondere die sich
abzeichnende Wohnraumverknappung, die insbesondere im mittleren und niedrigen
Mietsegment für Nachfrageüberhänge sorgen dürfte (Heinemann u. Schultz 2015). Diese
Entwicklungstrends auf dem Leipziger Wohnungsmarkt könnten zu einer Verstärkung
und Verstetigung der Zuwanderung insbesondere von Familien ins Umland führen. Be-
rechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft zufolge (Deschermeier et al. 2017)

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liegt die Bautätigkeit in Leipzig weit unter den durch die Bevölkerungsentwicklung be-
stimmten Bedarfen. Die Autoren zeigen, dass der Baubedarf insgesamt nur zu 41% ge-
deckt ist. Bei 3- und 4-Raumwohnungen klaffen Angebot und Nachfrage sogar noch weiter
auseinander. Um diese Nachfragelücke zu schließen, wäre in den kommenden Jahren um-
fangreicher Wohnungsbau nötig; trotz vorhandener Flächenreserven wird ein Neubau in
den notwendigen Größenordnungen seitens der Stadt Leipzig als nicht plausibel bewertet
(Heinemann u. Schultz 2015). Ein Blick auf die Entwicklung der Leerstände unterstreicht,
dass sich die Zeit dem Ende entgegen neigt, in der Leipzig als Lehrbuchbeispiel für einen
Mieterwohnungsmarkt gelten konnte. Zwischen 2011 und 2015 hat sich die Zahl der leer-
stehenden Wohnungen mehr als halbiert; die Leerstandsquote ist von 12% auf unter 6%
zurückgegangen. Knapp die Hälfte der unbewohnten Wohnungen sind zudem dem nicht
marktaktiven Leerstand zuzuordnen, die dem Wohnungsmarkt erst nach einer Sanierung
wieder zugeführt werden können (Kranepuhl u. Dütthorn 2016). In den Landkreisen
Leipzig und Nordsachsen wurden dagegen in den letzten Jahren erheblich mehr Wohnun-
gen gebaut als von der Bevölkerungsentwicklung her notwendig gewesen wäre; dies gilt
insbesondere für große Wohnungen und Einfamilienhäuser (Deschermeier et al. 2017).
Wohnungsmangel in der Kernstadt – insbesondere bei familiengerechtem Wohnraum –
und Überangebote im Umland können dazu führen, dass Familien in den kommenden Jah-
ren verstärkt aus Leipzig abwandern oder der „Speckgürtel“ verstärkt zum direkten Ziel-
gebiet überregionaler oder internationaler Zuwandernder wird. Eine Schlüsselrolle spielt
die verbesserte Erreichbarkeit des Umlands durch die 2013 eröffnete S-Bahn Mittel-
deutschland mit dem Leipziger Citytunnel. Die Ergebnisse der kommunalen Bürgerumfra-
ge 2015 zeigen, dass fast jede zweite Familie einen Umzug in Erwägung zieht. In den meis-
ten Fällen ist ein Umzug innerhalb Leipzigs geplant. Gerade Paare mit (bisher) einem Kind
denken jedoch überdurchschnittlich häufig über einen Umzug über die Stadtgrenzen nach
(Abel u. Schultz 2016). Nicht erfragt wurde, ob die Umzugspläne ins Umland auf Woh-
nungsmarktengpässe in Leipzig zurückzuführen sind.
Es gibt allerdings auch Entwicklungen, die auf eine verminderte Attraktivität suburbaner
Wohnstandorte hindeuten, etwa die Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit (Montanari et
al. 2013), die zunehmenden beruflichen Mobilitätserfordernisse in der Dienstleistungs-
und Wissensgesellschaft sowie die steigende Zahl von Doppelverdienerfamilien (Münter
2014). Auch steigende Mobilitäts- und Energiekosten könnten sich hemmend auf die At-
traktivität suburbaner Wohnstandorte auswirken (Münter 2014). Im Zusammenhang mit
der Reurbanisierungsdiskussion (Haase u. Rink 2015; Herfert u. Osterhage 2012) sind in
den letzten Jahren zudem neue Nachfragergruppen auf den städtischen Wohnungsmärk-
ten in den Fokus der Stadtforschung gerückt. Besondere Beachtung findet angesichts der
lange dominanten Wahrnehmung, dass in deutschen Großstädten „Familien fast zu einer
statistischen Randerscheinung geworden“ seien (BMVBS u. BBSR 2009, S. 6) das verstärk-
te Bleiben von jungen Familien in den Kernstädten, das als ein zentrales Merkmal der
Reurbanisierung angesehen werden kann (Herfert u. Osterhage 2012). (Mittelschicht-
)Familien tragen inzwischen als „Family Gentrifiers“ (Karsten 2014) entscheidend zu einer

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„Neuerfindung der Städte“ (ebd.) bei. Es bleibt also abzuwarten, wie stadtaffine Bevölke-
rungsgruppen mit den sich abzeichnenden Wohnungsmarktengpässen umgehen und wie
stark die „neue Suburbanisierung“ tatsächlich ausfallen wird.
Nicht zuletzt hängt die Frage, wie groß die Wachstumsimpulse
13
der Stadt Leipzig für das
Umland sind, stark von der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung der Messestadt ab.
Bleibt es mittelfristig bei den aktuell hohen Zuzugsraten, schwächt sich die Attraktivität
von Leipzig ab oder droht gar ein Trendbruch? Die für die Festlegung der Parameter der
aktuellen Leipziger Bevölkerungsvorausberechnung befragten Expertinnen und Experten,
zu denen auch der Projektleiter der hier dokumentierten Studie gehörte, sind diesbezüg-
lich geteilter Meinung. Als hemmend für eine Fortsetzung des starken Wachstums der
Stadt Leipzig wurde die Struktur des Leipziger Arbeitsmarkts eingestuft. Neben dem oh-
nehin geringen Lohnniveau wird mit Sorge gesehen, dass neue Arbeitsplätze in den letzten
Jahren vorwiegend im Niedriglohnbereich entstanden seien und dass die Branchenstruk-
tur, insbesondere die große Bedeutung der Automobilindustrie, keine vorteilhaften Rah-
menbedingungen für eine nachhaltig günstige wirtschaftliche Entwicklung in Leipzig bie-
tet. Auch könnte die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht mit den hohen Zuwachsraten mit-
halten. Auch altersstrukturelle Gründe sprechen für eine Abkühlung des Wachstums von
Leipzig. Aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er Jahre sei eine Verringe-
rung der innerdeutschen Zuzüge absehbar (Heinemann u. Schultz 2015). Zusätzlich dürf-
ten sich die massiven Bevölkerungsverluste und ungünstigen Bevölkerungsstrukturen in
Mitteldeutschland (Leibert et al. 2015) dahingehend auswirken, dass das „Zuzugspotenzi-
al“ aus dem mitteldeutschen Raum perspektivisch „austrocknet“ (Heinemann u. Schultz
2015). Dass diese Einschätzung nicht unbegründet ist, zeigt sich insbesondere darin, dass
die Zahl der Zuzüge aus Sachsen zuletzt stark gesunken ist (Martin u. Schultz 2017).
Andererseits gilt Leipzig als attraktive Stadt mit hoher Lebensqualität, die sich nach wie
vor durch einen aufnahme- und ausbaufähigen Wohnungsmarkt auszeichnet. Eine aktuelle
Analyse zeigt zudem, dass der Leipziger Arbeitsmarkt besser ist als sein Ruf: Das Beschäf-
tigungswachstum in Leipzig war zwischen 2008 und 2015 dynamischer als in der Bundes-
republik insgesamt, die sich aus spezifischen Standortvorteilen und einem beschäftigungs-
fördernden Branchenmix ergibt (Sommer-Ulrich u. Bischoff 2016). Das „Austrocknen“ des
mitteldeutschen Zuzugsreservoirs wird durch eine steigende Bedeutung des Zuzugs aus
13
Einige Autoren (z.B. Dembski et al. 2017) sehen Belege dafür, dass das Wiederwachstum von Großstädten nach einer
längeren Schrumpfungsphase weniger stark auf Klein- und Mittelstädte im Umland ausstrahlt als erhofft. Die auch im Land-
kreis Nordsachsen verfolgten Strategien, „traditionell suburbanisierungsaffine“ Haushalte (d.h. weiße Mittelschichtfamilien,
die in die Kernstadt pendeln) anzuziehen, wird vor diesem Hintergrund als nicht ausreichend bewertet, zumal die Umwand-
lung in „Schlafstädte“ mit zahlreichen Nachteilen verbunden ist. Dass sich die Stadt-Land-Gegensätze zwischen wachsenden
Großstädten und schrumpfendem Umland verfestigen und dauerhaft bestehen bleiben, ist folglich nicht unwahrscheinlich.

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Westdeutschland und aus anderen Großstädten (Martin u. Schultz 2017) ausgeglichen. Im
Vergleich zu Dresden zeichnet sich Leipzig tatsächlich durch ein fast bundesweites Ein-
zugsgebiet aus. Die Zuwanderung nach Dresden rekrutiert sich dagegen vorrangig aus den
Neuen Ländern (Schmidt 2016). Tabelle 8 zeigt, dass sich das räumliche Muster der Zu-
wanderung nach Leipzig tatsächlich verändert. Die Wanderungsgewinne werden zuneh-
mend vom Zuzug aus Westdeutschland und dem Ausland getragen. Es wird zu beobachten
sein, um welche Altersgruppen und Nationalitäten es sich dabei handelt, um abschätzen zu
können, wie hoch die Bleibewahrscheinlichkeit und die Neigung, sich im Leipziger Umland
niederzulassen, sind. Erfahrungen aus dem Berliner Raum (Leibert u. Schaarwächter
2017) legen nahe, dass Suburbanisierungstendenzen bei ausländischen Staatsbürgern
schwächer ausgeprägt sind als in der deutschen Bevölkerung.
Karte 8: Anteil der Zuzüge aus Leipzig an allen Zuzügen in % 2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches
Landesamt des Freistaats Sachsen 2016.
Karte 8 und Karte 9 zeigen, dass die stärksten Wanderungsverflechtungen der Stadt
Leipzig mit den Städten und Gemeinden des ersten und zweiten Rings bestehen. Auch in
einigen Kommunen entlang der überregionalen Verkehrsachsen (z.B. Dahlen, Doberschütz,
Torgau) ist der Anteil der Zuwanderer aus bzw. Abwanderer nach Leipzig an allen Zu- bzw.
Fortziehenden vergleichsweise hoch. Die Zahl der Leipziger, die in die Achsenzwischen-

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räume ziehen, ist dagegen recht niedrig – ebenso wie der Anteil der in die Messestadt ab-
wandernden Personen. Die dort gelegenen Städte und Gemeinden zeichnen sich insbeson-
dere durch laterale Wanderungsverflechtungen mit anderen Kommunen in ländlichen
Regionen aus (siehe detaillierte Aufstellung in den Gemeindesteckbriefen). Die Muster
und Motive der Wanderungsverflechtungen zwischen ländlichen Gemeinden sind noch
wenig erforscht (Elshof et al. 2017, Stockdale 2014, Vuin et al. 2016). Eine Forschungslü-
cke ist auch die Frage, warum Abwanderer aus den Kernstädten sich für eine bestimmte
Gemeinde entscheiden (Bijker et al. 2015). Die gegenwärtige Wanderungsforschung neigt
zu einer Überbetonung der „ländlichen Idylle“, der Immobilienkosten und der Nachteile
des Stadtlebens als Zuzugsmotive in ländliche und suburbane Räume und neigt dazu, an-
dere Motivlagen, etwa Arbeitsplatzwanderungen, am neuen Wohnort bestehende soziale
Netze, ökonomische Zwänge und Zufälle auszublenden. Die Komplexität des Entschei-
dungsprozesses wird dadurch zu stark reduziert (Bijker et al. 2015, Elshof et al. 2017,
Stockdale 2014, Vuin et al. 2016). Aktuelle Forschungen betonen, dass Wanderungen von
einem Zusammenwirken mehrerer Push- und Pull-Faktoren ausgelöst werden und oft
eines konkreten Anlasses, eines sogenannten Triggers bedürfen. Dabei kann es sich z.B.
um die Geburt eines Kindes oder einen Arbeitsplatzwechsel handeln (Stockdale 2014). Im
anschließenden Suchprozess werden verschiedene Alternativen innerhalb des Wahrneh-
mungsraums der Umzugswilligen geprüft. Mit anderen Worten: die potentiellen Zuzie-
henden müssen eine Gemeinde „auf dem Schirm haben“ und über entsprechende Orts-
kenntnisse verfügen (Bijker et al. 2015)

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Karte 9: Anteil der Zuzüge aus Leipzig an allen Zuzügen in % 2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches
Landesamt des Freistaats Sachsen 2016.
Bei der Interpretation der Wanderungsverflechtungen der kreisangehörigen Städte und
Gemeinden mit Leipzig ist zu berücksichtigen, dass die hier betrachteten Jahre 2015 und
2016 durch eine zahlenmäßig bedeutsame residentielle Mobilität von ausländischen
Staatsangehörigen geprägt waren. Da Leipzig Standort von Erstaufnahmeeinrichtungen
war, von denen Geflüchteten und Asylsuchenden auf die Landkreise verteilt werden, wur-
den die Wanderungsverflechtungen zwischen Kernstadt und Umland auch in hohem Maße
durch die „Flüchtlingskrise“ beeinflusst. Abbildung 4 zeigt, dass die Zuwanderung aus
Leipzig in einigen Städten und Gemeinden des Landkreises Nordsachsen von ausländi-
schen Staatsangehörigen dominiert war. Durch die Zuweisung von Geflüchteten und Asyl-
suchenden sowie die Zuwanderung ausländischer Staatsangehöriger konnte so vielerorts

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die Abwanderung deutscher Staatsbürger ausgeglichen werden. In den Mittelzentren Ei-
lenburg, Oschatz und Torgau
14
war dies auch 2016 der Fall.
Abbildung 4: Anteil der ausländischen Staatsbürger an den aus Leipzig Zuziehenden in ausgewählte nordsächsischen
Gemeinden 2015. Eigene Berechnungen; Datenquelle: Statistisches Landesamt des Freistaats Sachsen (2016).
Das oben skizzierte Muster hat sich auch 2016 nicht wesentlich verändert, wie Tabelle 10
belegt. Bei zurückgehenden Flüchtlings- und Asylsuchendenzahlen und der Abarbeitung
der „Altfälle“ ist kurzfristig damit zu rechnen, dass ausländische Staatsbürger verstärkt
den Landkreis verlassen, sofern sie nicht eine Wohnsitzauflage an Nordsachsen bindet.
Vor diesem Hintergrund ist in den kommenden Jahren in vielen Gemeinden mit einer ne-
gativen Wanderungsbilanz zu rechnen. Unter Umständen werden Wanderungsgewinne
bei deutschen Staatsbürgern „aufgezehrt“.
14
In den genannten Städten gilt dies auch für die Gesamtwanderungsbilanz. Ohne den Zuzug ausländischer Staatsbürger
hätte Oschatz eine noch negativere Wanderungsbilanz und Torgau einen negativen Wanderungssaldo. Lediglich in Eilenburg
ist auch die Wanderungsbilanz der deutschen Staatsbürger positiv (siehe Gemeindesteckbriefe).

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Tabelle 10: Wanderungsverflechtungen der nordsächsischen Städte und Gemeinden mit Leipzig 2016. Eigene Be-
rechnungen; Datenquelle: Einwohnermeldeämter (2017).
Deutsche Ausländer
gesamt
Deutsche Ausländer
gesamt
Deutsche Ausländer
gesamt
Arzberg
5,5%
26,3%
10,8%
9,3%
20,0%
11,6%
-4
1
-3
Bad Düben
19,4%
35,3%
22,3%
19,0%
30,6%
21,1%
5
5
10
Beilrode
7,1%
6,9%
7,1%
11,2%
0,0%
9,2%
-5
2
-3
Belgern-Schildau
8,3%
13,6%
9,2%
13,2%
6,8%
11,7%
-6
24
Cavertitz 8,8% 4,0% 7,3% 4,3% 0,0% 3,0% 2 1 3
Dahlen
Delitzsch
21,3%
9,0%
18,3%
21,9%
12,4%
19,5%
31
-4
27
Doberschütz
26,9%
10,9%
15
12
27
Dommitzsch
9,3%
37,0%
15,3%
13,0%
7,0%
10,8%
-4
62
Dreiheide
3,2%
0,0%
3,2%
12,0%
0,0%
11,8%
-7
0
-7
Eilenburg
17,6%
15,2%
16,7%
22,9%
12,7%
20,8%
-19
32
13
Elsnig
0,0%
0,0%
0,0%
1,6%
0,0%
1,5%
-1
0
-1
Jesewitz
43,0%
0,0%
43,0%
23,4%
0,0%
23,4%
36
0
36
Krostitz
44,9%
9,1%
38,7%
24,6%
0,0%
20,2%
38
3
41
Laußig
11,0% 11,1% 11,0% 11,1% 51,4% 19,9%
0
-16
-16
Liebschützberg
5,0%
9,7%
-9
Löbnitz
11,7%
56,8%
30,8%
10,3%
0,0%
4,5%
0
25
25
Mockrehna
Mügeln
17,6%
19,0%
17,8%
12,3%
10,5%
12,1%
16
6
22
Naundorf
Oschatz
6,2%
10,1%
7,7%
10,1%
5,1%
8,7%
-27
17
-10
Rackwitz
33,4%
28,5%
28
Schkeuditz
45,8%
17,1%
28,7%
50,7%
21,6%
34,6%
47
37
84
Schönwölkau
42,9%
17,9%
38,5%
26,1%
13,5%
23,1%
26
0
26
Taucha
72,7%
22,7%
61,4%
47,4%
26,8%
42,8%
248
3
251
Torgau
16,1%
13,7%
15,0%
19,5%
11,0%
16,7%
-31
41
10
Trossin 4,3% 0,0% 2,6% 2,1% 0,0% 1,6% 1 0 1
Wermsdorf
9,7% 16,1% 11,0% 14,7% 27,6% 17,5%
-9
-7
-16
Wiedemar
21,3%
15,5%
19,1%
14,4%
14,0%
14,3%
6
8
14
Zschepplin
18,8%
0,0%
18,8%
9,5%
0,0%
9,4%
12
0
12
keine Daten
keine Daten
keine Daten
Stadt bzw.
Gemeinde
keine Daten
keine Daten
keine Daten
keine Daten
keine Daten
keine Daten
keine Daten
Zuzüge
Wegzüge
Anteil der Zuzüge aus bzw. Wegzüge nach Leipzig an den Zu- bzw. Wegzügen
Wanderungsbilanz mit Leipzig
keine Daten

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4. Ergebnisse der Experteninterviews
4.1. Interviews mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern
Um eine erste Datengrundlage zu schaffen und Einsicht in den Erfahrungsschatz der loka-
len Schlüsselpersonen zu bekommen, wurden 30 bis 180-minütige qualitative Leitfadenin-
terviews in fast allen nordsächsischen Städten und Gemeinden durchgeführt. Dabei wur-
den in jeder Gemeinde jeweils ein hochrangiger Experte oder eine Expertin, meist die
(Ober-)Bürgermeister(innen) und/oder andere Mitarbeiter(innen) der Stadt- bzw. Ge-
meindeverwaltung (z.B. Hauptamtsleitern, Demografiebeauftragte) interviewt. Wichtig
war, dass es sich um eine Person handelt, die mit der demografischen und sozioökonomi-
schen Entwicklung der Gemeinde vertraut ist, und über kurz- und mittelfristige Entwick-
lungspotentiale, Planungen und Perspektiven Auskunft geben kann. Als Impuls für das
Interview diente der vorab verschickte demografische Steckbrief, der je nach Bedarf mehr
oder weniger ausführlich besprochen und diskutiert wurde. In den Interviews wurde über
aktuelle demografische Entwicklungen, insbesondere die Wanderungsmuster, ebenso
gesprochen wie über die Stärken und Schwächen der Gemeinde als Wohn- und Gewerbe-
standort sowie die sich aus der Bevölkerungsentwicklung ergebenden Chancen und Risi-
ken. Darüber hinaus interessierten uns die spezifischen Erwartungen und Planungen für
die nächsten 10 bis 15 Jahre sowie Einschätzungen zur Entwicklung der Region Leipzig
insgesamt. Zwischen Februar und April 2017 wurden insgesamt 27 Interviews geführt
15
.
Der Themenschwerpunkt lag dabei auf der demografischen Entwicklung der Gemeinde
und entsprechenden Veränderungen im Bereich der Infrastruktur (Bildung, Wohnraum-
versorgung und Baugebiete, Nahversorgung und Gewerbe, etc.). In der Auswertung erge-
ben sich einige Hinweise zum lokalen Arbeitsmarkt und zur Fachkräftesituation
16
.
Strategische Ausrichtungen der Gemeinden
Erklärtes Ziel der Bürgermeister(innen) ist der Zuzug von jungen (Familien-)
Wanderern, die im ländlichen Raum günstige Bodenpreise und eine gute Wohn-
15
In Dahlen und Torgau konnten keine Bürgermeisterbefragungen durchgeführt werden. Die Bürgermeister/innen von
Jesewitz und Zschepplin haben den Leiter der Verwaltungsgemeinschaft Eilenburg-West als Ansprechpartner für demogra-
fische Fragestellungen benannt, der im Interview auf Gemeinsamkeiten und Besonderheiten beider Gemeinden eingegangen
ist.
16
Die Fachkräftesituation wurde nur in einzelnen Interviews angesprochen. Dies kann auch daran liegen, dass in vielen
Gemeinden keine oder nur wenige Unternehmen ansässig sind und somit die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal eine
geringere Rolle spielt.

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qualität zu finden hoffen. Die Strategien sind dabei vielfältig angelegt, im Vorder-
grund stehen aber zumeist die Ausweisungen von neuen Eigenheimstandorten in
Randlagen oder auf ehemaligen Gewerbeflächen.
Bezüglich der Bevölkerungsentwicklung ergibt sich ein stark differenziertes Bild:
Während in etwa zwei Drittel der Interviews der Zuzug von Bevölkerung v.a. im
Kontext des Wohnungsbaus diskutiert wurde und die bereits erfolgte oder geplan-
te Ausweisung von weiterem Bauland breiten Raum einnahm, wurde zugleich in
vielen Interviews auch das Thema der Abwanderung als Problem angesprochen.
Die Attraktivität als Wohnstandort und die Verfügbarkeit von (günstigem) Bau-
land spiele eine zentrale Rolle für den Verbleib der Bevölkerung oder den Zuzug
von (in und um Leipzig arbeitenden) Pendlern, bzw. allgemein neuer Einwoh-
ner(innen). Die Versorgung mit Bildungs- und Betreuungseinrichtungen und die
ruhige/naturnahe Lage werden als Schlüssel für die Attraktivität als Wohnstand-
ort gesehen, sodass die Bemühungen auf einen Erhalt bzw. Ausbau der entspre-
chenden Infrastrukturen und eine bessere Bewerbung der Wohnqualität abzielen.
Einzelne Gemeinden sprachen konkret das Thema der Rückwanderung an, wobei
deutlich wurde, dass diese bereits beobachtbar ist (7 Gemeinden), beziehungswei-
se als Potential gesehen wird (2). Die Befragten erkennen, dass persönliche Netz-
werke, die Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum, Bauland und Arbeitsplätzen
sowie deren Erreichbarkeit und die Attraktivität der Gemeinde als Wohnort dabei
relevant sind. Diese verschiedenen Faktoren spielen in den jeweiligen Gemeinden
jedoch sehr unterschiedlich zusammen.
Die Rahmenbedingungen für Pendlermobilität sind eine Priorität der Gemeinden
und erstrecken sich über den Neu- und Ausbau von Park- & Ride-Möglichkeiten
oder die Schaffung von möglichst vielen Kita- und Schulplätzen vor Ort. Diejenigen
Gemeinden, die über eine S-Bahn-Verbindung nach Leipzig verfügen, sahen erwar-
tungsgemäß weniger Probleme bezüglich der Verkehrsanbindung.
Viele Gemeinden weisen darauf hin, dass die ÖPNV-Anbindung stark auf den Schü-
lerverkehr ausgerichtet ist und in den Ferien oft stark eingeschränkt ist. Die im
ländlichen Raum stark eingeschränkte Mobilität der nicht-automobilen Seniorin-
nen und Senioren wird in diesem Kontext als ein sehr wichtiges Thema wahrge-
nommen. Der Ausbau und Erhalt der bestehenden ÖPNV-Verbindungen ist für vie-
le kleinere Gemeinden zentral, u.a. auch um die Erreichbarkeit von Ausbildungs-
plätzen zu ermöglichen. In mehreren Gemeinden wurde die geplante oder ge-
wünschte Einrichtung von „Rufbussen“ bzw. Bürgerbussen erwähnt. Kritisiert
wurden auch das unzureichende ÖPNV-Angebot am Wochenende sowie fehlende
Busverbindungen über die Landkreisgrenze in die benachbarten Landkreise Mei-

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ßen, Mittelsachsen und Wittenberg.
Die Ansiedlung von neuen Unternehmen ist ein erklärtes Ziel vieler Gemeinden um
die Kommune nicht als reinen Wohnstandort zu entwickeln, sondern vielfältige
Lebensentwürfe zu ermöglichen und das Auspendeln und die damit verbundene
ausgelagerte Wertschöpfung (z.B. bei Nahversorgung oder Kinderbetreuung) der
Arbeitnehmer zu reduzieren.
So gut wie alle Gemeinden streben an, überregional bekannter bzw. sichtbarer zu
werden und erwägen neue Strategien und Kanäle, um ihre Standortvorteile wirk-
samer zu kommunizieren. Dabei ist klar, dass die lokalen Ressourcen für umfang-
reiche Imagekampagnen begrenzt sind. Es wurden teilweise auch Forderungen
nach einer Kooperation mit übergeordneten Stellen, z.B. dem Landkreis, laut.
Da viele nordsächsische Gemeinden vielfältige historische und naturräumliche
Vorzüge und Besonderheiten aufweisen, wird der Tourismus als wichtige Chance
gesehen. Vier Gemeinden erwähnen, dass der Ausbau der Infrastruktur für den
(Tages-)Tourismus ein gewisses Potential für wirtschaftliche Aktivitäten und Ar-
beitsplätze in der Gemeinde (und Region) mit sich bringen könnte. Der Fokus liegt
dabei auf einem Ausbau des bereits bestehenden Tages- und Wochenendtouris-
mus, in landschaftlich besonders attraktiven Teilen des Landkreises auch auf dem
(Wieder-)Ausbau von Freizeit- und Ferieninfrastrukturen. Dabei ist das Bewusst-
sein für eine koordinierte Entwicklung recht ausgeprägt.
Weitere Gemeindegebietsreformen und Zusammenlegungen scheinen den Bür-
germeistern in bestimmten Fällen im Kontext der schwierigen demografischen
Entwicklung unausweichlich. Grundsätzlich ist aber eine sehr skeptische Haltung
gegenüber weiteren Eingemeindungen auszumachen. Es wird argumentiert, dass
dabei die Bürgernähe und der Zusammenhalt der Gemeinschaft essentiell gefähr-
det würden. Im Gegenteil sei es wichtig, den lokalen Zusammenhalt zu stärken,
auch durch Nahversorgung und kulturelle Angebote vor Ort.
Aktuelle Dynamik der Wohnungs- und Gewerbeentwicklung
Neubaugebiete in nahezu allen Gemeinden verzeichnen aktuell hohe Nachfrage. In
einigen Orten ist von einem „Bauboom“ die Rede. Damit einhergehend wird kriti-
siert, dass Neuausweisungen von Baugebieten durch planerische Maßgaben be-
grenzt werden und so einer Konsolidierung des Bevölkerungszuwachses Grenzen
gesetzt seien. In Bad Düben, Naundorf, Wermsdorf, Mockrehna und Dreiheide trifft
die Nachfrage nach Bauland bereits auf ein begrenztes Angebot.
Auch nach Gewerbegebieten besteht Nachfrage, teilweise auch durch Neuansied-

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lungen. Die Situation vieler peripher gelegener Unternehmen ist oftmals schwierig,
auch wenn die Gemeinde nach Kräften Unterstützung bereitstellt. Die Anbindung
an die A14 spielt als Standortfaktor eine übergeordnete Rolle. Im Raum Torgau
wird der Ausbau der B87 als regional- und wirtschaftspolitisch vordringliche Auf-
gabe betont.
Das Vereinsleben und ehrenamtliche Initiativen sind in allen Städten und Gemein-
den integraler Bestandteil des sozialen Lebens und haben einen hohen Stellenwert
für die Bewohner. Sie helfen bei der Integration von Neubürgern, beim Knüpfen
von sozialen Netzwerken und verbessern die Lebensqualität vor Ort. Das Angebot
ist allerdings oft begrenzt durch fehlende Bereitschaft zum Engagement oder
durch geringe oder zurückgehende Mitgliederzahlen bzw. eine gesunkene Bereit-
schaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die meisten Vereine, insbesondere im
sportlichen Bereich, betreiben aktive Jugend- und Nachwuchsförderung.
Die Grundversorgung mit Waren des täglichen Bedarfs ist fast überall gewährleis-
tet. Dazu muss natürlich besonders in kleinen Ortsteilen ein gewisser Mobilitäts-
aufwand betrieben werden. In bestimmten Teilräumen des Landkreises ist die
Diversität des Angebots eingeschränkt. Viele Orte mussten Schließungen der klei-
nen lokalen Lebensmittelhändler hinnehmen.
Situation des Arbeitsmarktes
Sieben Expert(innen) äußerten sich konkret dazu, dass Arbeitnehmer vor Ort fehl-
ten. In vier Gemeinden wurde konkret ein Mangel an Auszubildenden und in drei
Gemeinden ein dezidierter Fachkräftemangel angesprochen, bzw. auf den anste-
henden Generationswechsel in den Unternehmen hingewiesen. Während der Lehr-
lings- bzw. Fachkräftemangel in den kleineren, wirtschaftlich eher monostruktu-
rierten Gemeinden mit der Abwanderung zusammenhängt, sind die Engpassberufe
beispielsweise in Schkeuditz mit einem gewachsenen Bedarf in Verbindung zu
bringen, bzw. ist die Beschäftigtenstruktur von einer größeren Fluktuation („Rota-
tionsprinzip“, v.a. aus anderen EU Ländern) geprägt.
Ein Großteil der Gemeinden verfügt über wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und
Arbeitsplätze vor Ort. Dabei sind die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich, da
in einigen Gemeinden ein Rückgang der Industrie- und Gewerbebetriebe stattfand,
wohingegen andere Gemeinden beschreiben, dass eine gewünschte Ansiedlung
von neuen Unternehmen wenig erfolgreich verlief.
Auf politischer Ebene wird auf Grund der gegenseitigen Beeinflussung von den Befragten
ein Bedarf erkannt, dass der Landkreis und die Stadt Leipzig enger zusammenarbeiten
(„
Leipzig vergisst das Umland
“). Eine erfolgreiche Lösung der anstehenden Herausforde-

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rungen (Breitbandausbau, sozialräumliche Ungleichheiten) kann aus Sicht der Inter-
viewpartner(innen) nur durch Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden, Ideenaus-
tausch und eine gemeinsame Koordination von Fördermitteln erfolgen. Die Interviews
machten jedoch deutlich, dass die großen Entfernungen im Landkreis und unterschiedli-
che Auswirkungen des Bevölkerungswachstums in Leipzig bei den Gemeinden zu äußerst
differenzierten Potentialen und Problemlagen führen.
4.1. Hauptergebnisse der Unternehmensbefragung
Im August und September 2017 wurden mit insgesamt sieben Vertreterinnen und Vertre-
tern von in verschiedenen Mittelzentren und einer Gemeinde ohne zentralörtliche Funkti-
onen ansässigen Unternehmen qualitative Interviews (Face-to-Face und Telefon-
Interviews) geführt. Das Ziel war es, deren Einschätzung und Bewertung der wirtschaftli-
chen, infrastrukturellen und demografischen Entwicklung des Landkreises zu erfragen
sowie ortspezifische Besonderheiten zu identifizieren. Die Unternehmen unterschieden
sich sowohl hinsichtlich der Personalstärke (ca. 4 bis 400 Mitarbeiter/innen), den jeweili-
gen betrieblichen Ausrichtungen und Tätigkeitsbereichen sowie den damit entstehenden
Anforderungen an die Qualifikationen des Personals. Neben zwei Betrieben, die im Be-
reich des Maschinen- bzw. Anlagenbaus verortet werden können, wurden ein Betrieb der
verarbeitenden Industrie, ein Einzelhandelsunternehmen, ein Regionalentwicklungs- und
Marketingbüro sowie ein Bau-/Sanierungsunternehmen und eine Wohnungsgesellschaft
interviewt. Im Folgenden werden signifikante Aussagen bezüglich der Personalsituation,
Handlungsansätzen und Strategien zur Personalsicherung und zur Wahrnehmung der
Standortbedingungen im Landkreis aus den Interviews herausgearbeitet. Diese sind auf
Grund der geringen Anzahl der Interviews sowie der deutlich unterschiedlichen örtlichen
und unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen nicht repräsentativ für die Situation
der Unternehmen im Landkreis Nordsachsen, können aber Hinweise für spezifische Prob-
lemlagen und die Einordnung anderer Forschungsergebnisse liefern.
4.1.1. Fachkräfte- und Personalsituation
17
In fünf der sieben befragten Unternehmen besteht momentan kein Personalmangel, d.h.
offene Stellen können besetzt werden und es finden sich ebenso genügend Auszubildende.
17
Für einen detaillierteren Überblick zur Fachkräftesituation im Landkreis Nordsachsen siehe den im Rahmen des Projekts
von Anika Schmidt erstellten Teilbericht.

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Lediglich die beiden befragten Unternehmen aus dem Bereich des Maschinen- und Anla-
genbaus beschreiben aktuell konkrete Probleme bei der Suche nach qualifiziertem Perso-
nal (Projektleiter, Fachingenieure) und deren langfristiger Bindung an das Unternehmen.
Dies wird in einem Fall auch damit in Verbindung gebracht, dass das Unternehmen schnel-
ler gewachsen sei, als die unternehmensinterne Ausbildung Personal entsprechend quali-
fizieren konnte und die Belegschaft zudem eine zunehmend hohe Fluktuation aufweise.
Zugleich betont ein Unternehmen die lange Einarbeitungszeit, die auf Grund der hohen
Spezialisierung nötig sei. Weiterhin werden Engpässe bei temporären Produktionsspitzen
geäußert, da zu wenig und nicht ausreichend qualifiziertes Personal über Zeitarbeitsfir-
men akquiriert werden könne. Bei zwei weiteren Unternehmen besteht die Perspektive,
dass es in den nächsten Jahren zu personellen Engpässen kommen wird, bzw. trotz guter
Auftragslage kein weiteres Wachstum der Belegschaft stattfinden wird. Die dafür genann-
ten Gründe sind beispielsweise altersbedingte Weggänge, eine Verjüngung und höhere
Fluktuation der bestehenden Belegschaft sowie Beobachtungen, dass Bewerbungszahlen
generell rückläufig sind. Weiterhin wird ein geringes Lohnniveau benannt, welches es ge-
rade im Handwerk (zunehmend) schwierig macht, Nachwuchs zu finden. Ebenso äußerte
ein Interviewpartner die allgemeine Einschätzung, dass Unternehmen im ländlicheren
Raum, die wie der Landkreis Nordsachsen durch eine kleinteiligere Wirtschaftsstruktur
geprägt sind, weniger attraktiv für Fachkräfte und höher qualifizierte Arbeitneh-
mer(innen) seien. Im Vergleich zu den Ballungsräumen böten sich je nach Branche und
Situation des Unternehmens weniger berufliche Entwicklungs- und Karrierechancen so-
wie geringere Lohnsteigerungen bzw. ein niedrigeres Lohnniveau. Lediglich ein Unter-
nehmensvertreter äußerte sich zum Thema der Rückkehrmigration und zeigte Hoffnung,
dass beispielsweise im Kontext von ererbtem Wohneigentum Zuzüge von qualifizierten
Arbeitnehmern stattfinden könnten.
Bezüglich der Personalgewinnung und Bewerbung von Stellenausschreibungen zeichnen
sich strategische Veränderungen auf Seiten der befragten Unternehmen ab. Während
Jobmessen und Zeitungsinserate mittlerweile an Relevanz verloren haben und nur geringe
Erfolge hinsichtlich der Personal- und Auszubildendenrekrutierung zeigen, werden offene
Stellen vor allem auf den eigenen Internetseiten oder Auftritten in sozialen Medien (z.B.
Facebook) beworben sowie freundschaftliche oder berufliche/betriebliche Netzwerke
genutzt.
Zu den
Handlungsansätzen im Bereich der Personalrekrutierung
zählen:
Vier Unternehmen beschreiben, dass im Zuge der Personalsuche bereits Maßnah-
men zur Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber umgesetzt werden, bzw. in
Planung sind. Beispiele hierfür wären Lohnsteigerungen, um mit dem städtischen
Arbeitsmarkt mitzuhalten, besondere Leistungen (Bezahlung Kita-Platz, Über-

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nahme ÖPNV-Ticket, betriebliche Altersvorsorge, Urlaubs-/Weihnachtsgeld, Mit-
arbeiteraktien) oder die Anpassung des Schichtsystems, um weiterhin für jüngere
Arbeitnehmer attraktiv zu sein. Zwei der größeren Unternehmen merkten zudem
an, dass einige Mitarbeiter(innen), u.a. auf Grund besserer Arbeitsbedingungen,
aus anderen, kleineren KMU im direkten regionalen Umfeld zu ihnen wechselten.
Um den Bedarf an spezifischen Fähigkeiten und technisch-handwerklichem Wis-
sen zu decken, findet eine interne (Weiter-)Qualifizierung parallel zum regulären
Betrieb statt. Dies ermöglicht den Unternehmen entsprechende Nischenangebote
abzudecken, ist jedoch sehr personal-, zeit- und kostenintensiv, sodass eine lang-
fristige Bindung der Arbeitskräfte gewünscht ist, die jedoch nicht immer eintritt.
Die Einschätzungen zur überregionalen Personalsuche hängen von der Qualifizie-
rung des gesuchten Personals ab. Insgesamt wird sie jedoch als eher wenig ziel-
führend für die Personalsicherung bewertet: Während im Bereich des Handwerks
auf Grund des generell geringen Lohnniveaus keine Wohnsitzverlagerung erwartet
wird und ein Einpendeln von weiter entfernten Wohnorten durch den frühen Ar-
beitsbeginn nicht praktikabel erscheint, nimmt ein anderer Interviewpartner ge-
nerell eine geringe Wechselbereitschaft wahr. Ein Unternehmen äußert sich konk-
ret, dass das Anwerben mit dem Ziel der Wohnsitzverlagerung bei höherqualifi-
zierten Arbeitnehmern aus anderen Bundesländern wenig erfolgreich sei, da der
Landkreis Nordsachsen den entsprechenden Anforderungen an das Wohnumfeld
im Vergleich zu anderen Zielregionen nicht zu entsprechen scheint. Die Anstellung
von pendelnden Arbeitnehmer(innen) aus anderen sächsischen Landkreisen oder
den Städten Leipzig und Dresden scheint für drei Interviewpartner eher praktika-
bel, wobei hier das Risiko besteht, bzw. auch bereits die Erfahrung gemacht wurde,
dass die Mitarbeiter(innen) nach einer gewissen Zeit wieder kündigen. Einfluss-
faktoren können eine geringer werdende Akzeptanz des täglichen Zeitverlusts und
Pendelaufwands oder besser bezahlte Jobangebote sein (u.a. Sogwirkung großer
Unternehmen im Ballungsraum Leipzig). Vor allem im Falle einer spezifischen Ein-
arbeitung ist dies mit (finanziellen) Verlusten für das Unternehmen verbunden
und hat in einem befragten Unternehmen bereits zur Folge, dass einpendelnde
Bewerber eher zurückhaltend eingestellt werden und ortsansässige Arbeitskräfte
bevorzugt werden.
Vier der befragten Unternehmen betreiben Nachwuchsförderung in der Region,
meist in Form von Kooperationen mit Schulen und Hochschulen. Dabei werden im
schulischen Kontext z.B. Praktika und Ferienarbeitsplätze angeboten, Workshops
und Betriebsbesichtigungen umgesetzt und sogar eigene Versuchslabore für Bil-
dungsprojekte unterhalten. Im akademischen Kontext bieten die Unternehmen

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ebenso Praktika und die Begleitung von Abschlussarbeiten an, übernehmen Lehr-
veranstaltungen und unterhalten Kooperationen mit Berufsakademien. Während
der damit verbundene Kosten- und Personalaufwand hoch sein kann, berichten die
Unternehmen von überschaubaren, teils enttäuschenden Ergebnissen, da das Inte-
resse der Studierenden in Form von eingebundenen Abschlussarbeiten oder Be-
werbungen eher gering ausfällt.
Die unternehmensinterne Ausbildung spielt bei sechs der befragten Unternehmen
eine große Rolle im Kontext der Personalsituation und der Sicherung qualifizierter
Arbeitskräfte. Es besteht z.B. die Hoffnung, dass die Auszubildenden die altersbe-
dingt freiwerdenden Stellen besetzen werden, wobei in einem anderen Fall bereits
klar ist, dass mehr Personen ausgebildet werden müssten um den (gestiegenen)
Personalbedarf zu decken. Ressourcen und Räumlichkeiten für mehr Ausbildungs-
plätze sind jedoch begrenzt. Eine Problemlage im Kontext der Ausbildung stellt
sich in der Erreichbarkeit der Berufsschulen und des Arbeitsplatzes mit dem ÖPNV
dar. Dies betrifft bereits eingestellte Auszubildende und hat zudem einen – wenn
auch schwer messbaren - Einfluss auf die Ausbildungssuche der Jugendlichen und
potentieller Bewerber. In diesem Kontext wurde von einem Unternehmer eine
Bündelung des Berufsschulangebots in Leipzig vorgeschlagen, da die dortige Er-
reichbarkeit längerfristig gesichert ist. Ein Befragter sieht zukünftig Potentiale be-
züglich der betrieblichen Ausbildung in lokalen/regionalen Kooperationen mit an-
deren Unternehmen. Durch die geeignete Kombination von Angeboten könnten
örtliche Synergieeffekte entstehen und der betriebliche Aufwand reduziert werden.
Ein Interviewpartner wies im Kontext der Personalsicherung auf erste Erfahrun-
gen mit der Anstellung von Geflüchteten und Arbeitnehmern aus dem Ausland
18
hin. Es wird ein großes Potential an motivierten, teils qualifizierten Arbeitneh-
mern wahrgenommen und von Seiten des Unternehmens besteht weiterhin die
Bereitschaft, interne Qualifizierungen umzusetzen und die Personen bei berufs-
praktischen Anliegen (Führerschein, Spracherwerb, Fahrten zu Ämtern) zu unter-
stützen. Erschwert wird die langfristige Personalplanung dabei jedoch von der oft
unklaren Aufenthaltsperspektive trotz gewünschter Beschäftigung im Unterneh-
men und dem häufigen Wegzug, der u.a. im „
unangenehmen Wohnumfeld durch be-
18
Nachrichtlich: Das Integrationskonzept des Landkreises sieht verschiedene Maßnahmen zur Integration von Geflüchteten
und Asylsuchenden in den Arbeitsmarkt vor, etwa durch Arbeitsmarktmentoren, die bestehende Angebote des Jobcenters
und der Agentur für Arbeit ergänzen.

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sorgte Bürger
“, begründet sei. Der Interviewpartner wünscht sich in diesem Kon-
text eine Schnittstelle zur Unterstützung von Unternehmen bei der Anstellung von
Geflüchteten, die konkret über aktuelle Gesetzesänderungen informiert, bei For-
malitäten hilft und auf langfristige Beschäftigungsperspektiven hinwirkt. Im Falle
eines Beschäftigten konnte eine erneute Einreise nach voriger Ausweisung erfol-
gen, nachdem der Interviewpartner mit viel Aufwand verschiedenste Stellen kon-
taktiert hatte und schließlich von Seiten des Landratsamtes in seinem Anliegen un-
terstützt wurde.
4.1.2. Wohnqualität
Unterschiedliche Einschätzungen bestehen zur Wohnqualität im Landkreis: Um das beste-
hende Personal vor Ort zu halten und im Kontext einer möglichen Wohnortverlagerung
attraktiv zu sein, wird die bestehende Ausstattung mit Angeboten der Nahversorgung,
Freizeitgestaltung sowie kulturellen Angeboten und Bildungs- und Betreuungseinrichtun-
gen von drei Interviewpartnern betont. Die - im Vergleich zu den städtischen Räumen
Leipzigs und Dresdens - ruhigere Lage im Landkreis Nordsachsen, die Ausstattung mit
Kinderbetreuungsplätzen und günstigere Kosten für Miete und Bauland bergen für zwei
Befragte ein Potential, welches von öffentlicher Seite besser vermarktet werden sollte.
Jedoch werden bei höherqualifizierten Arbeitnehmer(innen) ebenso Anforderungen an
das Wohnumfeld wahrgenommen (städtisches Leben, kulturelle Angebote, diverse Schul-
landschaft für Kinder), die im ländlicheren Raum nicht zur Genüge erfüllt würden.
4.1.3. Verkehrsanbindung
Je nach Unternehmensart und -standort wurden unterschiedliche Einschätzungen zur
ÖPNV-Anbindung geäußert. Während die Anbindung mit der S-Bahn aus den nächstgröße-
ren Städten für einige Unternehmen besonders vorteilhaft ist, zählt in Bezug auf das Per-
sonal bei anderen Betrieben vor allem die ÖPNV Anbindung im direkteren Unternehmen-
sumfeld, v.a. für Auszubildende und sonstige Arbeitskräfte ohne Führerschein. Eine weite-
re Reduzierung der Taktung und des Streckennetzes und die daraus resultierende zuneh-
mende Nutzung von PKWs würden die bestehenden Problemlagen verschärfen.
In welchem Maße und mit welchem Erfolg die oben benannten Handlungsansätze im Un-
ternehmen umgesetzt werden (können), hängt stark mit der Betriebsgröße und -struktur
und den jeweiligen Standortbedingungen zusammen. Zudem besteht Unklarheit über die
konkreten Rahmenbedingungen beobachtbarer Entwicklungen (z.B. Gründe für zuneh-
mende Fluktuation im Unternehmen), die Aufschluss über geeignete Ansatzpunkte liefern
würden. Die Wahrnehmungen zur Rolle und Bedeutung der politischen Akteure auf Ge-
meinde- und Landkreisebene fällt sehr gemischt aus. Während einige Interviewpartner
von guten Kontakten und aktiven, engagierten Persönlichkeiten in Verwaltung und Politik

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62
berichten, haben andere bisher wenig oder wenig erfolgreiche Aktivitäten der Landkreis-
politik und Wirtschaftsförderung wahrgenommen. Zu den genannten Handlungsansätzen
im Kontext der Personalsituation auf Ebene der Gemeinden und des Landkreises zählen
umfassendere Aktivitäten bezüglich der bereits erwähnten Erreichbarkeit der Ausbil-
dungsplätze mit dem ÖPNV, einer intensiveren Vermarktung der Gemeinde und des Land-
kreises als Wohn- und Lebensstandort sowie einer aktiven, kooperativen Standortpolitik.
Die Bildungspolitik steht laut zwei Interviewpartnern stärker in der Verantwortung, das
Interesse an den sogenannten MINT-Fächern
19
und technischen/handwerklichen Ausbil-
dungsberufen zu fördern.
5. Ergebnisse der empirischen Erhebungen
5.1. Haushaltsbefragung 2017
Die Umzugsentscheidung ist ein zentraler Punkt der Wanderungsdynamiken, die im Land-
kreis Nordsachsen untersucht werden sollten. Die Wahl des Lebensmittelpunktes ist das
Ergebnis eines komplexen Entscheidungsprozesses und eng mit der individuellen Lebens-
führung verknüpft. Darüber hinaus sind die kürzlich Zugewanderten besonders interes-
sant für die Regionalforschung, da sie eine vergleichende Perspektive mitbringen, bedingt
durch ein subjektives Bild auf den Wohnort und sein Umfeld, das anders als oftmals ange-
nommen, nicht unbedingt mit den objektiven Raumeigenschaften übereinstimmt (Münter
2012).
Die vorliegende Haushaltsbefragung wurde im Sommer und Herbst 2017 im gesamten
Landkreis Web-basiert sowie in ausgewählten Gemeinden per Briefpost durchgeführt.
Nach einer Veröffentlichung in den gemeindeeigenen Amtsblättern und Internetpräsenzen
wurde der Aufruf zur Teilnahme an der Online-Umfrage
20
über die einschlägigen regiona-
len (Print- und Online-)Medien verbreitet. Weitere Pressearbeit und Interviews mit der
Arbeitsgruppe führten zu einem anfangs starken Rücklauf. Über die Laufzeit von mehre-
ren Monaten ging der Rücklauf erwartungsgemäß etwas zurück, sodass etwa zur Halbzeit
über die Pressestelle des Landratsamtes und die Amtsblätter ein erneuter Aufruf gestartet
19
MINT-Fächer ist eine zusammenfassende Bezeichnung von Unterrichts- und Studienfächern beziehungsweise Berufen aus
den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
20
Nach einer Marktrecherche wurde die der externe Anbieter SoSci Survey (
https://www.soscisurvey.de/
) als geeigneter
professioneller Anbieter von Befragungssoftware identifiziert und der Fragebogen auf dem Server s2survey geladen und
veröffentlicht.

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63
wurde. Parallel wurde in den Gemeinden Mockrehna, Dommitzsch, Rackwitz und Oschatz
in Kooperation mit den Meldeämtern eine zufällige Stichprobe der seit 2013 zugezogenen
Neubürger(innen) persönlich angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert. Erkenntnis-
se aus den Experteninterviews haben ergeben, dass in diesen Gemeinden wahrscheinlich
unter den Zuziehenden nach 2013 überwiegend Personen angesprochen werden, die Ei-
gentum gebildet haben. Deshalb wurde darüber hinaus noch in Zusammenarbeit mit der
Wohnungsgesellschaft der Stadt Delitzsch mbH (WGD) eine kleine Stichprobe der dortigen
Mieter angeschrieben, sodass diese Gruppe mit eventuell abweichenden Motivationen und
Ansprüchen in der Umfrage ebenfalls repräsentiert ist. Um den Rücklauf zu erhöhen wur-
den unter allen vollständigen Einsendungen Gutscheine für Aktivitäten im Landkreis ver-
lost. Der Rücklauf mit insgesamt 368 gültigen Datensätzen, kombiniert aus Online-
Umfrage und schriftlicher Befragung, kann unter den zeitlichen und finanziellen Rahmen-
bedingungen des Projekts als befriedigend angesehen werden. Auch wenn angestrebt war,
eine möglichst flächendeckende Befragung durchzuführen, ist die räumliche Verteilung
der Rückmeldungen nicht als repräsentativ für den Landkreis anzusehen. Die Wohnorte
der Befragten sind Abbildung 5 zu entnehmen. Naturgemäß sind die kleineren, Leipzig-
fernen Gemeinden nicht besonders stark vertreten; auch im Torgauer Raum waren die
Abbildung 5: Wohnorte der Befragten, kombiniert aus Online- und schriftlicher Haushaltsbefragung
Antwortbereitschaft bzw. der Bekanntheitsgrad der Umfrage nicht besonders hoch.
60
50
40
35
33
23
19
10
7777766
54
3 3 3
22 2 2 2
11 1
0 0 0
0
10
20
30
40
50
60
70
Delitzsch
Mockrehna
Rackwitz
nicht beantwortet
Oschatz
Eilenburg
Dommitzsch
Schkeuditz
Belgern-Schildau
Doberschütz
Laußig
Löbnitz
Wermsdorf
Krostitz
Wiedemar
Torgau
Cavertitz
Bad Düben
Mügeln
Zschepplin
Arzberg
Beilrode
Dreiheide
Liebschützberg
Taucha
Dahlen
Jesewitz
Trossin
Elsnig
Naundorf
Schönwölkau
WOHNORTE DER BEFRAGTEN (N=346)

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64
Zur Altersstruktur der Befragungsteilnehmer(innen) kann gesagt werden, dass alle Alters-
stufen vertreten sind. Besonders hoch war die Antwortbereitschaft bei jüngeren Erwach-
senen zwischen 25 und 40 (Abbildung 6). Jüngere Menschen im Familiengründungsalter
sind allerdings eine wichtige Zielgruppe der Zuwanderung (siehe Bürgermeisterbefra-
gung) demografisch besonders relevant, weshalb die Ergebnisse trotz der Überrepräsen-
tation dieser Altersgruppe als relevant für die Kreisentwicklung anzusehen sind.
Abbildung 6: kombinierte Altersstruktur aus Online und schriftlicher Befragung
5.1.1. Umzugsgründe
Die meisten Zugezogenen wohnten, bevor sie in den Landkreis Nordsachsen gezogen sind,
zur Miete und ziehen in den Kreis, um Wohneigentum zu bilden. Die aktuellen Mieter sind
in der Befragung dennoch stark vertreten, auch da es ein erklärtes Ziel war auch diese
Gruppe in der Befragung entsprechend abzubilden. Mieter und Eigentümer werden in den
folgenden Auswertungen getrennt dargestellt
Abbildung 7: Wohnform vor dem Umzug im Verhältnis zur Wohnform in Nordsachsen (TDO)
0
5
10
15
20
90 82 73 69 64 61 58 55 52 49 46 43 40 37 34 31 28 25 20
Anzahl Fälle
Alter (Jahre)
ALTERSSTRUKTUR (N=246)
31
30
35
23
23
119
107
0
20
40
60
80
100
120
140
Eigentümer in TDO
keine Angabe
Mieter in TDO
WOHNFORM IN NORDSACHSEN
UND VORHER (N=368)
Eigentum
keine Angabe
Miete

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Die befragten seit 2013 nach Nordsachsen zugezogenen Eigentümer zeichnen sich bei
ihrer Umzugsmotivation durch eine deutliche Orientierung hin zu einer familiären Le-
bensform mit Kindern aus. An erster Stelle steht für diese Gruppe natürlich die Bildung
von Wohneigentum. Erkennbar ist auch eine lebensweltliche Orientierung, besonders an
den familiären Bedürfnissen und einem Bedürfnis nach einer ruhigen, ländlichen Woh-
numgebung, die insgesamt deutlich wichtiger als die Ausstattung der Wohnung oder die in
der Wohnumgebung vorhandenen sozialen Infrastrukturen ist. Auch die Gruppe der Mie-
4%
4%
7%
7%
14%
14%
14%
14%
15%
17%
22%
24%
25%
27%
30%
63%
0%
20%
40%
60%
80%
Trennung von dem Partner / der Partnerin
Sonstiges, und zwar
Pflegebedarf der Eltern oder Angehöriger
Erbe, Bereitstellung des Grundstücks oder
mietfreie Wohnung bei Eltern und Verwandten
Wunsch nach einer besseren Ausstattung der
Wohnung / des Hauses
Die Wohnkosten waren zu hoch
Die Wohnung / das Haus war zu klein oder zu
groß für die Haushaltsgröße
Umzug in die Nähe von Freunden & Bekannten
Bessere Qualität der Schulen oder
Kindertagesstätten
Arbeitsplatz / Ausbildungsplatz in der Nähe /
Region
Wunsch in einem anderen Wohnumfeld zu
wohnen
Wunsch nach ruhigem, ländlichen Leben
Umzug in die Nähe von Familie
Zusammenzug mit dem Partner / der Partnerin
Kinderwunsch / Andere Umgebung für die
eigenen Kinder
Wunsch nach einem eigenen Haus oder einer
Eigentumswohnung
UMZUGSGRÜNDE
(WOHNEIGENTÜMER)(N=161)
Abbildung 8: (Neue) Wohneigentümer in Nordsachsen orientieren sich nach einer familiären Umgebung mit dem
Partner und Kindern

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ter richtet sich mit dem Umzug auf ein ruhiges und ländliches Wohnumfeld aus. Der Fokus
auf die Partnerschaft und die erweiterte Familie spielt eine wichtige Rolle, wobei der Fo-
kus auf die Belange der Kinder nicht ganz so ausgeprägt ist, wie bei Menschen im Wohnei-
gentum. Die Stellung des Arbeitsplatzes ist bei Mietern in den Prioritäten etwas höher.
Und so zeigt sich, dass sich die Lebenswelten und Umzugsmotivationen zwischen diesen
Gruppen etwas, wenn auch nicht dramatisch unterscheiden.
3%
4%
6%
13%
13%
13%
14%
14%
16%
18%
21%
24%
29%
31%
32%
33%
0%
10%
20%
30%
40%
Erbe, Bereitstellung des Grundstücks oder
mietfreie Wohnung bei Eltern und Verwandten
Wunsch nach einem eigenen Haus oder einer
Eigentumswohnung
Pflegebedarf der Eltern oder Angehöriger
Bessere Qualität der Schulen oder
Kindertagesstätten
Sonstiges, und zwar
Umzug in die Nähe von Freunden & Bekannten
Die Wohnung / das Haus war zu klein oder zu
groß für die Haushaltsgröße
Trennung von dem Partner / der Partnerin
Die Wohnkosten waren zu hoch
Wunsch nach einer besseren Ausstattung der
Wohnung / des Hauses
Kinderwunsch / Andere Umgebung für die
eigenen Kinder
Arbeitsplatz / Ausbildungsplatz in der Nähe /
Region
Zusammenzug mit dem Partner / der Partnerin
Umzug in die Nähe von Familie
Wunsch nach ruhigem, ländlichen Leben
Wunsch in einem anderen Wohnumfeld zu
wohnen
UMZUGSGRÜNDE (MIETER) (N=136)
Abbildung 9: (Neue) Mieter in Nordsachsen suchen vor allem ein anderes ruhiges und familiäres Wohnumfeld

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67
10
20
30
40
50
nicht beantwortet
keine…
stimme nicht zu
stimme eher nicht zu
stimme eher zu
stimme voll zu
ICH HABE FRÜHER SCHON MAL
IN NORDSACHSEN GEWOHNT
UND WOLLTE ZURÜCK.
Bei der Frage nach der Rückwanderung ergab sich ein differenziertes Bild.
Der überwiegende Teil der Befragten
gibt an, keine Wohnerfahrung in
Nordsachsen zu haben, was darauf
hindeuten könnte, dass für diese
Gruppe die heimatliche Bindung und
Erfahrungen mit dem Leben im
Landkreis nicht unbedingt das ent-
scheidende Kriterium bei der Wohn-
standortwahl waren. Darüber hinaus
zeigt sich hier aber auch, dass die
Rückwanderung einen bedeutenden
Teil der Zuwanderung ausmacht.
Gerade Menschen, die zur weiterführenden Ausbildung den Landkreis verlassen haben,
sind damit eine wichtige Zielgruppe der Werbung um Zuwanderung. Auch die Ruhesitz-
wanderung im Renteneintrittsalter spielt hierbei eine Rolle.
5.1.2. Die Wohnungssuche
Abbildung 11: Suchräume der Befragten Personen
Besonders auffällig und auch ungewöhnlich ist, dass der überwiegende Teil der Befragten
sehr begrenzte Suchräume hatte. Die Mehrzahl hat nur in einem speziellen Ortsteil ge-
sucht oder ist direkt ohne Suche in einen bestehenden Haushalt oder eine geerbte Immo-
5 10 15 20 25 30
Keine aktive Suche (z.B. Erbschaft,…
Nur in meinem jetzigen Ortsteil.
Nur in diesen Stadt-/Ortsteilen…
Nur in diesen Städten/Gemeinden…
Auch überregional in…
Wo haben Sie überall nach einer Wohnung /
einem Haus / Grundstück gesucht ?
Abbildung 10:Die Mehrheit der Befragten hat vor dem Zuzug
keine Wohnerfahrung in Nordsachsen gehabt

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68
bilie gezogen. Die Begrenztheit der Suchräume kann als wichtiges Ergebnis der Befragung
angesehen werden, denn dadurch wird deutlich, dass Zuziehende nicht unbedingt einen
objektiven Vergleich verschiedener Standorte durchführen, sondern bisweilen bereits vor
der Umzugsentscheidung recht festgelegt auf einen Standort sind (vgl. Bijker et al. 2015).
Aufgeschlüsselt nach Wohnform zeigt sich nochmals, dass besonders die Mieter sich sehr
gezielt einen bestimmten Ortsteil aussuchen. Dabei ist vielfach die Nähe zum Arbeitsplatz
wichtig. Darüber hinaus könnte es auch darauf hinweisen, dass Wohnen zur Miete auch als
Übergangslösung genutzt wird, falls keine Immobilien oder Bauflächen im gewünschten
Ort verfügbar sind und andere potentielle Wohnstandorte nicht in Erwägung gezogen
werden. Dies zeigt sich auch bei den im nächsten Abschnitt dokumentierten Ergebnissen
der biographischen Interviews. Auch einige Bürgermeister(innen) haben die Einschätzung
geäußert, dass Zuwanderer zunächst als Mieter zuziehen und später Wohneigentum bil-
den. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass das Ergebnis eventuell verzerrt wird durch
ein unterschiedliches Verständnis von Ortsteil und Ort bzw. Stadt oder dem häufig statt-
findenden Zuzug in einen bestehenden Haushalt.
Abbildung 12: Suchräume nach aktueller Wohnform aufgeteilt
31%
17%
14%
24%
11%
24%
40%
16%
19%
4%
0%
5%
10%
15%
20%
25%
30%
35%
40%
45%
Wo haben Sie überall nach ihrer jetzigen Wohnung /
Haus / Grundstück gesucht?
Wohneigentümer (n=156)
Mieter (n=134)

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69
In der Auswertung wird eine klare Fokussierung auf einen Suchraum festgestellt, was mit
einer guten Ortskenntnis der Zuziehenden einhergeht. Ähnliche Untersuchungen weisen
auf einen engen Zusammenhang mit den Bedingungen des Wohnungsmarkes hin. Erst bei
wohnungsmarkbezogenen Engpässen in Wunschlagen erfolgt eine Erweiterung des Such-
raumes (vgl. Danielzyk, et al 2012).
Bei der Wohnungssuche stellen sich die Faktoren Sicherheit und Ruhe als durchgehend
von hoher Bedeutung dar. Darüber hinaus ist die Kostendimension ein entscheidendes
Kriterium, aber auch das infrastrukturelle Angebot vor Ort.
Abbildung 13: Kriterien bei der letzten Wohnstandortsuche (Eigentümer)
Die Mobilitätsbedingungen sind ebenfalls wichtig. Die Ausrichtung auf soziale Netzwerke
außerhalb der Familie kann als eher sekundär angesehen werden. Wie auch die Kultur-
und Freizeitangebote finden diese keine vorrangige Beachtung bei der Wohnstandortwahl.
Die Wohnkriterien sind planerisch sehr relevant aber auch schwierig zu fassen und zu
steuern. Vorliegende Studien zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Wohnkriterien
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Kultur-/Freizeitangebote
Ruf des Stadt-/Ortsteils
Die Menschen, die hier leben
Nähe zu Freunden
Einkaufsmöglichkeiten
Eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen…
Nähe zum eigenen Arbeitsort/Ausbildungsort (bzw.…
Eine gute Erreichbarkeit mit dem Auto
Nähe zur Familie
Betreuungsangebote für Kinder / Schulen
Ein kindergerechtes Umfeld
Ein naturnahes Wohnumfeld
Ein sicheres Wohnumfeld
Kosten (für Hausbau, Wohnung, Miete)
Ein ruhiges Wohnumfeld
Suchkriterien der befragten Wohneigentümer
in Nordsachsen (n=156)
wichtig
eher wichtig
eher unwichtig
unwichtig
keine Angabe
nicht beantwortet

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70
und der Umzugsentscheidung schwer nachzuweisen ist (Scheiner et al. 2013). Die planeri-
sche Unterstützung der Wohnstandortverlagerung sollte sich dementsprechend mehr auf
langfristige Weichenstellungen, Information und Beratung konzentrieren, als einzelne
Aspekte zu steuern versuchen.
5.1.3. Die Bewertung des aktuellen Wohnumfeldes im Landkreis
Wie diese Qualitäten nach dem Umzug bewertet werden, war ebenfalls Teil der Befragung.
Menschen, die eine Wohnung in einem ländlich geprägten Umfeld suchen, sind lebenswelt-
lich oft auf eine ruhige, naturnahe Wohnumgebung ausgerichtet. Die am neuen Wohn-
standort in Nordsachsen vorgefundenen Bedingungen scheinen den Bedürfnissen weitest-
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Kultur-/Freizeitangebote
Die Menschen, die hier leben
Ruf des Stadt-/Ortsteils
Nähe zu Freunden
Betreuungsangebote für Kinder / Schulen
Eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen…
Eine gute Erreichbarkeit mit dem Auto
Nähe zum eigenen Arbeitsort/Ausbildungsort…
Einkaufsmöglichkeiten
Ein kindergerechtes Umfeld
Ein naturnahes Wohnumfeld
Nähe zur Familie
Ein ruhiges Wohnumfeld
Ein sicheres Wohnumfeld
Kosten (für Hausbau, Wohnung, Miete)
Suchkriterien der befragten Mieter
in Nordsachsen (n=134)
wichtig
eher wichtig
eher unwichtig
unwichtig
keine Angabe
nicht beantwortet
Abbildung 14: Kriterien bei der letzten Wohnstandortsuche (Mieter)

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71
gehend auch zu entsprechen. Anders als bei der Suche spielen bei der Bewertung des
Wohnortes aber infrastrukturelle Gegebenheiten, wie die Verfügbarkeit von Lebensmit-
teln oder Ärzten, eine übergeordnete Rolle. Dies ergibt sich aus der veränderten Perspek-
tive und den Erfahrungen im Alltag.
Da sich die langfristigen Perspektiven in Abhängigkeit von der Wohn- oder Eigentums-
form jedoch unterscheiden können, wurde hier eine Unterscheidung nach Eigentümern
und Mietern vorgenommen. Wenngleich auch die Bedingungen und Standortqualitäten im
Landkreis sich deutlich unterscheiden, kann festgestellt werden, dass die Wohnzufrieden-
heit bei Mietern wie Eigentümern gleichermaßen als sehr hoch angesehen werden kann.
Soziale Netzwerke, insbesondere die Familie, spielen dabei eine zentrale Rolle. Eine Mehr-
heit der Befragten gibt darüber hinaus an, ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis in der
Wohnumgebung zu pflegen. Dies korrespondiert mit den bekannten Stärken des ländlich
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
An Vereinsleben teilzunehmen (außer Sport)
Musik-, Kino- oder Kulturveranstaltungen zu
besuchen
Ein Café oder eine Kneipe zu besuchen
In ein Restaurant gehen
Zum Frisör gehen
Sport zu treiben
Freunde zu besuchen
tägliche Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad
zurückzulegen
Mit der (erweiterten) Familie zu leben
Einen Arzt aufzusuchen
Lebensmittel einzukaufen
Natur zu erleben
Wie wichtig ist es Ihnen vor Ort...?
wichtig
eher wichtig
eher unwichtig
unwichtig
keine
Angabe
nicht beantwortet
Abbildung 15: Ansprüche an das direkte Wohnumfeld

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geprägten Raums. Dass dies bei den Mietern etwas weniger der Fall ist, mag daran liegen,
dass Mietwohnungen vor allem in zentraler gelegenen Wohnlagen zu finden sind, die sich
durch eine höhere Anonymität auszeichnen.
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Ich verbringe wenig Zeit an meinem Wohnort.
Ich kann mir gut vorstellen in einer anderen
Gemeinde im Raum Leipzig zu leben.
Ich habe das Gefühl, ab vom Schuss zu wohnen.
Ich habe vor Ort nur wenige Freunde und Bekannte.
Ich bin eher zufällig hier gelandet.
Ich engagiere mich vor Ort, z.B. in einem Verein.
Ich bin nur wegen der Wohnung / des Hauses
hierher gezogen.
Mit dem Angebot an Geschäften für den täglichen
Einkauf bin ich hier in der Gemeinde zufrieden.
Hier in der Nachbarschaft helfen wir uns
gegenseitig.
Ich kenne die Menschen in meiner Nachbarschaft.
Ich fühle mich an meinem Wohnort insgesamt sehr
wohl.
Familienangehörige von mir wohnen in der Nähe.
Aussagen zum aktuellen Wohnorts der befragten
Wohneigentümer in Nordsachsen (n=169)
stimme nicht zu
stimme eher nicht zu
stimme eher zu
stimme zu
keine Angabe
nicht beantwortet
Abbildung 16: Aussagen zum aktuellen Wohnort aus Sicht der Wohneigentümer

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Viele Zugezogene sehen eine Verbesserung der Lebensbedingungen nach dem Umzug. Das
zeigt, dass dem Bedürfnis der Zuziehenden, ihre Wohnsituation zu verbessern, im Land-
kreis entsprochen werden kann. Die Ergebnisse zeigen insbesondere, dass vielfach die
Wohnungsgröße erhöht werden konnte, was auf die vorhandenen Potentiale des relativ
entspannten Wohnungsmarktes hinweist. Auch die Umweltbedingungen und landschaftli-
chen Aspekte wurden im Vergleich zum vorherigen Wohnstandort als deutlich besser
wahrgenommen. Hier zeigen sich nochmals die wichtigen Potentiale, die der Landkreis
mit seiner naturräumlichen Ausstattung aufweist. Ein Hinweis, dass es wichtig sein könnte,
diese Potentiale zu erhalten um weiterhin attraktiv für Zuzug neuer Anwohner zu sein.
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Ich verbringe wenig Zeit an meinem Wohnort.
Ich habe das Gefühl, ab vom Schuss zu wohnen.
Ich bin nur wegen der Wohnung / des Hauses hierher
gezogen.
Ich bin eher zufällig hier gelandet.
Ich engagiere mich vor Ort, z.B. in einem Verein.
Ich kann mir gut vorstellen in einer anderen
Gemeinde im Raum Leipzig zu leben.
Ich habe vor Ort nur wenige Freunde und Bekannte.
Ich kenne die Menschen in meiner Nachbarschaft.
Hier in der Nachbarschaft helfen wir uns gegenseitig.
Mit dem Angebot an Geschäften für den täglichen
Einkauf bin ich hier in der Gemeinde zufrieden.
Ich fühle mich an meinem Wohnort insgesamt sehr
wohl.
Familienangehörige von mir wohnen in der Nähe.
Aussagen zum aktuellen Wohnorts der befragten
Mieter in Nordsachsen (n=143)
stimme nicht zu
stimme eher nicht zu
stimme eher zu
stimme zu
keine Angabe
nicht beantwortet
Abbildung 17: Aussagen zum Wohnort aus Sicht der Mieter

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74
Tabelle 11: Wohnortbewertung im Verhältnis zum vorherigen Wohnstandort
5.1.4. Fazit
Die Haushaltsbefragung gibt interessante Einblicke in die Motivationen und Bewertungen
der neu in den Landkreis zugezogenen. Unter dem Aspekt der Lebensqualität betrachtet,
scheinen die Menschen hier genau das zu finden, was sie suchen: Eine naturnahe, ruhige
Wohnumgebung und einen starken nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Auch die Zufrie-
denheit mit der Wohnsituation kann trotz teilweise negativer demografischer Rahmenbe-
dingungen als hoch angesehen werden. Ein Vorteil des Landkreises Nordsachsen ist ein
relativ entspannter Wohnungsmarkt, der es den Neubürgern erlaubt, ihre eigene Wohnsi-
tuation materiell und qualitativ durch einen Zuzug zu verbessern. Diese Vorteile sind al-
lerdings mit Einschränkungen bei der Nahversorgung, der ÖPNV-Anbindung, der ärztli-
chen Versorgung und dem Dienstleistungsangebot verbunden.
20
40
60
80
100
120
Vereins- und Freizeitangebot für Kinder und
Jugendliche
Vereins- und Freizeitangebot für mich
Qualität der ärztlichen Versorgung
Qualität der Schulen und Kindertagesstätten
Verkehrsanbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln
Das Dienstleistungsangebot (Bank, Post, etc.)
Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf
Verkehrsanbindung mit dem Auto
Umweltbedingungen (Luft, Lärm, Verkehr, etc.)
Wohnumgebung (Landschaft, Grünflächen, etc.)
Wohnungsgröße
VERGLEICH ALTER UND NEUER WOHNORT
1 (++)
2 (+)
3 (=)
4 (-)
5 (--)
nicht
wichtig
nicht beantwortet

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5.2. Biographische Tiefeninterviews mit Zugewanderten
Die Tiefeninterviews dienen dazu, die Erkenntnisse der Zuwanderungsbefragung weiter-
gehend zu vertiefen und den Prozess der Wohnstandortentscheidung genauer zu beleuch-
ten. Darüber hinaus erlaubt die offene Konzeption, Kontextinformationen zu sammeln, die
bei der individuellen Lebensplanung eine wichtige Rolle spielen. Eine Übersicht über die
geführten Interviews verdeutlicht die sehr heterogenen Lebensumstände der Inter-
viewpartner(innen). Aus einer Lebenslaufperspektive wird deutlich, dass die Entschei-
dung (wieder) in den Landkreis Nordsachsen zu ziehen, aus einer Vielzahl von sehr indi-
viduellen Gründen, Motiven und Erwartungen heraus getroffen wurde. Die Strategien der
Zuwanderer sind dabei so heterogen wie der Landkreis und die Möglichkeiten der Lebens-
führung. Die Interviewpartner(innen) wurden über öffentliche Bekanntmachungen in den
Amtsblättern der Gemeinden gefunden, oder durch Vermittlung der interviewten Exper-
ten. Obwohl darauf geachtet wurde, bei der Auswahl möglichst viele verschiedene regio-
nale Wohnumfelder und Altersgruppen abzubilden ist diese Auswahl nicht repräsentativ
für den Landkreis. Vielmehr ging es darum, stichprobenartig einzelne Stimmungsbilder zu
sammeln und im Kontext der gesammelten Daten auszuwerten.
Interview
partner
Berufstätig-
keit
Alter
Wohn
situation
Migrationsbiografie
Wichtigste
Zuzugs-
gründe
Zugewanderte
1
Angestellte in
TDO
U30
Partner,
Schwiegerel-
tern, keine
Kinder
Brandenburg, Leipzig,
Nordsachsen
Zusammen-
zug mit Part-
ner, geerbtes
Haus, dann
passender Job
in der Gegend
Zugewander-
ter 2
Selbständig in
Leipzig
40
Getrennt, 2
Kinder, mit
Partnerin
Sachsen-Anhalt, Leipzig,
Nordsachsen
Das Dorf,
Eigentum,
Unabhängig-
keit, Natur
Zugewanderte
3
Angestellte in
Leipzig
U50
Mit Partner,
keine Kinder
Sachsen, Brandenburg,
Nordsachsen
Ruhe, Nähe zu
Leipzig, indi-
viduelle Woh-
nung
Zugewander-
ter 4
Angestellt in
Hannover
U50
Mit Partne-
rin, 1 Kind
Niedersachsen, Hamburg,
Baden-Württemberg,
Nordsachsen
Erbe, Famili-
enheimat,
gute Anbin-
dung

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76
Zugewander-
ter 5
Angestellt in
TDO
Ü30
Vater, Stief-
mutter, Ein-
liegerwoh-
nung
Brandenburg, Berlin, Nord-
sachsen
Landleben,
Haus im Fami-
lienbesitz, nah
an der Heimat
Zugewanderte
6
Angestellt in
TDO
U40
Partner mit
Kind und
eigenes Kind
LK Leipzig, Leipzig, Nord-
sachsen
Zusammen-
zug mit Part-
ner, Landle-
ben für Kind,
Job
Zugewander-
ter 7
Rentner
Ü70
Mit Partnerin Ausland, NRW, Schleswig-
Holstein, Berlin, Bayern,
Nordsachsen
Haus, Ruhe,
schöne Land-
schaft
Zugewander-
ter 8
Angestellt in
Leipzig
Ü30
Mit Partne-
rin, 2 Kinder
Thüringen, Leipzig, Nord-
sachsen
Erbe, Anbin-
dung und
Nähe zu
Leipzig, Gar-
ten für Kinder
Zugewanderte
9
2 Rentner
Ü70
Ehepaar
1. Leipzig, Hamburg, Thü-
ringen, TDO
2. Sachsen-Anhalt, Leipzig,
TDO
Familie in der
Nähe mit
neuem Eigen-
heim, Preis
für Mietwoh-
nung, Garten
Rückwande-
rer 1
Rentnerin
Ü70
Alleinste-
hend
Nordsachsen, NRW, Nord-
sachsen
Heimat, Fami-
lie, Ruhestand
Rückwande-
rer 2
Angestellt in
TDO
U60
Mit Partnerin Nordsachsen, Baden-
Württemberg, Nordsachsen
Familie im
Umfeld, Haus
geerbt
Rückwande-
rer 3
Angestellt in
TDO
U50
Mit Partne-
rin, 1 Kind
Nordsachsen, Bayern,
Nordsachsen
Eigenes Haus,
Großeltern für
die Kinder in
der Nähe,
5.2.1. Diskussion der Ergebnisse
Soziale Netzwerke
Auffällig ist eine hohe familiäre und auch emotionale Bindung der Befragten an den Land-
kreis oder allgemein den ländlichen Raum, was die These unterstützt, dass soziale Netz-
werke eine zentrale Rolle bei der Zuwanderung und der Wohnstandortwahl spielen. Schon

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77
einige wenige befreundete Familien könnten unter Umständen das Klima in einem Ort
positiv verändern
21
. In einigen Beispielen entwickelte sich aus ähnlichen Zusammenhän-
gen eine Bürgerinitiative, die sich für die Belange des Wohnortes einsetzt und diesen
überregional bekannt machte. Heimat ist ein vielschichtiger Begriff, der von subjektiven
Erfahrungen und Präferenzen durchdrungen ist. In den Interviews erwies sich Heimat als
eine zentrale Kategorie. Dabei kann Heimat auch neu gefunden werden und muss nicht
allein mit dem Ort der Kindheit verbunden sein. Um eine Heimatbindung im konstruktiven
Sinne zu ermöglichen, wäre eine Förderung der lokalen Besonderheiten, für ein bewusstes
Erleben der Region und ein breites Angebot an Aktivitäten für Jung und Alt empfehlens-
wert.
Die sozialen Netzwerke, und dabei besonders die erweiterte Familie, spielen eine bedeu-
tende Rolle im Leben, insbesondere bei Menschen oder Paaren mit Kindern, da diese auf
Unterstützung bei der Lebensführung hoffen können. In einem Fall war dies aber auch
umgekehrt, sodass die (Groß-)Eltern den Kindern hinterhergezogen sind und gleichzeitig
für sich einen passenden Alterswohnsitz gefunden haben. Unterstützende soziale Netz-
werke und nachbarschaftliche Nähe sind ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal ländlicher
Räume und dörflicher Lebensformen. Viele der Befragten stellten die Erfahrungen mit der
Gemeinschaft als essentiell für ihr Wohlbefinden dar. Dies sind Stärken, die es hervorzu-
heben gilt.
Die Immobilie
Bei der Entscheidung für den Landkreis spielt darüber hinaus die Immobilie eine ent-
scheidende Rolle. Die Zuwanderungsentscheidung basiert zu einem großen Teil auf der
Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum, der entweder erworben, geerbt oder anderwei-
tig verfügbar gemacht wurde. Hier bestätigt sich die These, dass Wohnstandortentschei-
dungen nicht überwiegend aus rein rationalen Erwägungen getroffen werden, sondern
vielmehr aus einer Verkettung von passenden Umständen zusammen mit einem Umzug-
simpuls gebildet werden (Stockdale 2014, Bijker et al. 2015). Selbst der Arbeitsplatz wird
oftmals diesen Lebensumständen untergeordnet, sodass entweder der Kompromiss des
täglichen Pendelns in Kauf genommen wird, und/oder ein neuer Arbeitsplatz nach dem
Umzug in unmittelbarer Umgebung gesucht wird.
Die engere Wohnstandortwahl ist in erster Linie von familiären Strukturen, Anbindung an
21
Auch Elshof et al. (2015) betonen, dass „Familien anziehen“, dass also der Zuzug einer jungen Familie in einen bestimmten
Ort(steil) andere (ggf. befreundete) Familien zum Umzug in den gleichen Ort motiviert.

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78
die beruflichen Möglichkeiten und in zweiter Linie von Faktoren wie Nähe zur Natur, Ruhe,
gutnachbarschaftliche Verhältnisse und Verfügbarkeit sozialer Infrastrukturen geprägt,
die durchaus durch Kompromisse in Einklang mit dem individuellen Lebensstil gebracht
werden können.
Der Lebensentwurf
Nicht zu vernachlässigen ist also das Zusammenspiel verschiedener Umstände bei denen
Ansprüche mit bestimmten Angeboten und Gegebenheiten zusammenfallen. So sprechen
viele der Befragten von einer „glücklichen Fügung“, die Sie an ihren jetzigen Wohnort ge-
führt hat. Das trifft natürlich insbesondere auf die Bedingungen des Immobilienmarktes zu,
wo das Angebot begrenzt ist und eigentlich immer Kompromisse eingegangen werden
müssen. Natürlich gibt es unter den Befragten aber auch Menschen, die ihren Wohnort
lange und sorgfältig auswählen und persönliche Präferenzen gegeneinander abwägen.
Oftmals fällt die Entscheidung, in Nordsachsen zu wohnen, mit einem Bedürfnis nach einer
ruhigen, landschaftlich attraktiven Wohnumgebung zusammen, auch als Gegenentwurf zu
einem Leben in der (Groß-)Stadt. Das heißt, dass es trotz der sehr unterschiedlichen Vor-
lieben und Lebensentwürfe bestimmte Zielgruppen gibt, für die der Landkreis eine bzw.
die attraktivste Wohnumgebung ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass es in
Leipzig eine beachtliche Zielgruppe gibt, für die ein Leben im Landkreis in Betracht kommt.
Wenn man beachtet, dass Großstädte differenzierte Lebensentwürfe ermöglichen und
viele der Befragten biografische Erfahrungen mit dem Leben in Großstädten haben, aus
bestimmten Beweggründen dort aber nicht mehr wohnen wollen, ist es wichtig aus Sicht
des Landkreises diese Vielfalt und Differenzierung zu ermöglichen. Eine Diversifizierung
der Angebote und Umstände kann somit als wichtige Ressource gesehen werden. Auch im
ländlichen Raum ist eine Vielzahl an Lebensmodellen und Familienformen möglich. In
Anbetracht der Tatsache, dass die Städte besonders aufgrund ihrer Diversität und Vielfalt
für junge Menschen attraktiv sind, sollte Diversität als endogene Ressource gesehen wer-
den. Dabei wird der ländliche Raum natürlich nicht die gleichen Angebote wie die Stadt
machen können, aber es gibt auf der anderen Seite auch viele Angebote, die es in der Stadt
so nicht geben kann. Deshalb gilt es, die vorhandene gesellschaftliche Vielfalt in allen Tei-
len Nordsachsens zu unterstützen und zu fördern. Dabei sollte beachtet werden, dass
nicht alle Menschen ein Leben auf dem Land bevorzugen. Städtische Lebensformen sind
weiterhin beliebt, auch bei Familien (Karsten 2014). Natürlich gibt es auch Menschen, die
einen zurückgezogenen Lebensstil bevorzugen. Wichtig ist aber, dass beides ermöglicht
wird. Deshalb sollte bei der Strategieentwicklung darauf geachtet werden, gezielt be-
stimmte Zielgruppen in den Fokus zu nehmen. Besonders scheinen Menschen mit biogra-
fischen Erfahrungen mit Landleben dazu geneigt, in einer späteren Lebensphase weiterhin
oder wieder im ländlichen Raum wohnen zu wollen. Viele sehen den ländlichen Raum als

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79
Gegenentwurf zur Stadt, wo sie ungern leben, da dort schlechte Erfahrungen gemacht
wurden, es generell als hektisch empfunden wird oder die nachbarschaftlichen Beziehun-
gen fehlen.
Die Wohnstandortentscheidung
Dabei kristallisiert sich ein maßgebliches Gefüge aus sozialen Netzwerken, dem Haus oder
der Wohnung und dem individuellen (flexiblen!) Lebensentwurf heraus. Das alles ge-
schieht vor dem Hintergrund der gegebenen Mobilitäts- und Arbeitsmöglichkeiten und
des Gefühls von Heimat. Die Ideen und Strategien mit den potentiellen Einschränkungen
und Herausforderungen des ländlich geprägten Lebens (z.B. weite Wege, fehlende Infra-
strukturen) umzugehen, sind dabei vielfältig und werden bewusst angegangen.
Aus der Lebenslaufperspektive sind Wanderungsentscheidungen nicht unbedingt als final
anzusehen, selbst wenn Wohneigentum gebildet wird. Entscheidungsprozesse sind in ho-
hem Maße von den sich wandelnden individuellen Lebensumständen geprägt. Die Le-
bensumstände für eigene Kinder spielen demnach eine wichtige Rolle und werden in
Nordsachsen als grundsätzlich eher positiv bewertet, positiver als beispielsweise in den
Städten, sind aber nicht immer umzugsentscheidend. Die Partnerschaft oder die Unter-
stützung durch familiäre Netzwerke sind zum Teil von deutlich höherer Bedeutung. Bei
älteren Menschen, bei denen die Erfahrung der Wende einen bedeutenden biografischen
Umbruch darstellte, wurden die Auswirkungen der Wiedervereinigung besonders thema-
tisiert. Dabei kam oft die Diskrepanz zur Sprache, dass das Gemeinwesen in der DDR als
sehr viel gemeinschaftlicher wahrgenommen wurde. Es konnte aber auch eine grundsätz-
liche Zufriedenheit mit den Wohnumständen festgestellt werden. Eigentlich alle Befragten
fühlen sich mit dem Ort, an dem sie leben, stark verbunden und haben sich eine Existenz
aufgebaut, die zwar von hoher räumlicher Mobilität und einigen Kompromissen geprägt
ist, aber in der es sich in einem guten nachbarschaftlichen Umfeld wohnen lässt.
Wichtig sind dafür Orte der Begegnung, wie ein Kiosk, ein Bäcker, ein Vereinshaus oder
ein zentraler Versammlungsplatz. Oftmals spielt die freiwillige Feuerwehr eine zentrale
Rolle für das gesellschaftliche Leben. Es sollte darauf geachtet werden, dass vor Ort Be-
gegnungsstätten geschaffen oder erhalten werden, um ein aktives Gemeinwesen und eine
lebendige Zivilgesellschaft zu ermöglichen. Dabei kann es sich um multifunktionale Ge-
meindezentren oder andere Räumlichkeiten z.B. für Vereine, handeln. Die Kreativität der
Menschen ist nicht zu unterschätzen. Auch ohne vorgegebene Infrastruktur wird improvi-
siert und vieles möglich gemacht. Dass es dabei gilt, die Bevölkerung nach Möglichkeiten
zu unterstützen, ist ein wichtiger Aspekt für ein positives gesellschaftliches Klima. Hier
sind neben der Zivilgesellschaft auch der Landkreis und die Städte und Gemeinden in der
Pflicht.

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5.3. Ergebnisse der Schülerbefragung
Im Rahmen der sachsenweiten Schülerbefragung mit dem Befragungstool „fit4your
job“ unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Köhler (TU Dresden) war es möglich, einige
projektrelevante Fragen in die parallel stattfindende nordsächsische Schülerbefragung
aufzunehmen. In der Umfrage sollte generell die Situation der Jugendlichen und jungen
Erwachsenen erfasst werden, sowie deren Strategien in Vorbereitung auf den Übergang
von der Schule in die Ausbildung, respektive in die Hochschulen. Im Kontext der vorlie-
genden Studie standen die Fragen im Vordergrund, die sich auf die generelle Einschätzung
der Lebenssituation im Landkreis, der Heimatverbundenheit und der Umzugsbereitschaft
der jungen Menschen bezogen. Um die Aussagen im Kontext der unterschiedlichen Le-
bensbedingungen im Landkreis abzubilden, wurden für die folgenden Auswertungen zwei
Cluster gebildet. Die Schulstandorte Delitzsch, Krostitz, Eilenburg, Schkeuditz und Taucha
mit ihren jeweiligen Einzugsgebieten repräsentieren den ersten und zweiten Ring um
Leipzig und die Einstellungen und Perspektiven der Jugendlichen im infrastrukturell rela-
tiv gut ausgestatteten Leipziger Umland. Die Schulstandorte Beilrode, Torgau, Oschatz und
Mockrehna mit ihren jeweiligen Einzugsgebieten repräsentieren die Meinungen der in
peripheren ländlichen Räumen lebenden Jugendlichen.
Abbildung 18: Umzugsbereitschaft der Schüler in Nordsachsen
Deutlich zeigt sich bei den Schülern in Nordsachsen die durchweg hohe Bereitschaft zur
Mobilität auf der einen Seite mit etwas über der Hälfte, die deutschlandweit oder interna-
tional umziehen würden, aber auch eine gewisse Verbundenheit mit einer Region. Die
Umzugsbereitschaft dieser Altersgruppen ist insgesamt üblicherweise sehr hoch. Die den-
8%
11%
20%
18%
18%
15%
33%
37%
20%
18%
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Geschlecht - weiblich
Geschlecht - männlich
Würdest du für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in
einen anderen Ort oder ins Ausland ziehen? (n = 886)
Nein
Ja, aber nur in die Nähe meines
Wohnortes
Ja, in einen anderen Ort in
Sachsen
Ja, deutschlandweit
Ja, ins Ausland

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81
56%
44%
0%
50%
100%
Reichen dir die
Freizeitangebote in
deinem Wohnort aus?
(n = 886)
ja
nein
noch relativ hohen Werte für eine Präferenz bei Umzügen im Nahbereich sprechen für ein
Wohlfühlen in der Region.
Erfreulich ist, dass die große Mehrheit der Schü-
ler am Vereinsleben aktiv teilnimmt. Das spricht
für eine gute Ortsverbundenheit und eine gute
Vereinslandschaft im Landkreis Nordsachsen. In
den offenen Antworten, kamen allerdings auch
Kritikpunkte wie die mangelnde Diversität an
Angeboten zur Sprache. Nicht zu übersehen ist
aber auch noch die große Gruppe der Nicht-
Aktiven, die eventuell noch Potential für die Un-
terstützung der Vereine und Organisationen ha-
ben. Gerade im Sinne einer positiven Ortsbin-
dung zeigt sich hier auch noch Ausbaupotential.
265
114
22
45
66
108
394
0
100
200
300
400
500
Machst du in deiner Freizeit aktiv in einem Verein
oder in einer organisierten Gruppe mit? (n = 886)
Sportverein
Freizeitverein (z.B.
Musikverein,
Briefmarkensammler)
Hilfsorganisation (z.B. DRK,
Feuerwehr,
Arbeiterwohlfahrt)
religiöse/kirliche
Vereine/Einrichtungen
gemeinnütziger Verein (z.B.
Landjugend, Umweltschutz)
Woanders, und zwar:
Nein, ich mache nichts Aktiv
Abbildung 20: Freizeitaktivitäten und Vereinsleben der Schüler in Nordsachsen
Abbildung 19: Zufriedenheit der Schüler mit den
Freizeitangeboten

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Das zeigt sich auch in den Antworten auf die Frage, ob das Freizeitangebot als ausreichend
empfunden wird. Dabei geben mehr als die Hälfte der Jugendlichen an, dass es am Woh-
nort nicht genügend Möglichkeiten gibt.
8%
10%
11%
11%
12%
13%
13%
17%
24%
25%
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21%
31%
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27%
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16%
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14%
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13%
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14%
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13%
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13%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Eine gute Lehrstelle bekommt man hier nur, wenn
man die richtigen Beziehungen hat
Mir gefällt es hier, weil die meisten Leute so denken
wie ich
Ich bin hier verwurzelt. Es wäre schlimm für mich,
wenn ich hier weg müsste
Die Gegend hier hat wenig Zukunft
Mir macht es Probleme, dass mein Heimatort so
abgelegen ist
Ich würde gerne hier bleiben, aber es ist fast
aussichtslos, hier eine Lehrstelle oder einen…
Ich kann es gar nicht erwarten, endlich von hier
wegzukommen!
Wenn man etwas aus seinem Leben machen will,
muss man hier weg
Mir gefällt die schöne Landschaft hier
Ich fühle mich hier wohl, weil meine ganze Familie
hier wohnt
Hier ist meine Heimat! Ich werde mich immer mit
der Region verbunden fühlen, auch wenn ich ganz…
Hier sollte es mehr Freizeitangebote für Jugendliche
geben
Hier kann man sehr gut leben
Hier ist es ruhig uns sicher, genau richtig für Familien
mit kleinen Kindern
Delitzsch, Krostitz, Eilenburg, Schkeuditz, Taucha:
In wieweit stimmst du den folgenden Aussagen über
deinen Wohnort zu? (n=421)
stimme voll zu
stimme eher zu
stimme eher nicht zu
stimme gar nicht zu
Weiß nicht
nicht beantwortet
Abbildung 21: Aussagen der Schüler über den Wohnort im Umkreis von Leipzig

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Um die Aussagen im Kontext der unterschiedlichen Lebensbedingungen im Landkreis
adäquat abzubilden, wurden für die folgen Auswertungen zwei Cluster gebildet. Zunächst
wurden Delitzsch, Krostitz, Eilenburg, Schkeuditz, Taucha zusammengefasst als Gemein-
den im direkten Umkreis von Leipzig und anschließend Torgau, Oschatz, und Mockrehna
als Gemeinden deren Fahrtzeit nach Leipzig deutlich höher ist und der Einzugsbereich der
Schulen im ländlichen Raum angesiedelt ist.
9%
11%
11%
12%
16%
17%
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9%
9%
9%
9%
9%
8%
9%
9%
9%
9%
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Mir gefällt es hier, weil die meisten Leute so denken wie ich
Ich bin hier verwurzelt. Es wäre schlimm für mich, wenn ich
hier weg müsste
Ich kann es gar nicht erwarten, endlich von hier
wegzukommen!
Eine gute Lehrstelle bekommt man hier nur, wenn man die
richtigen Beziehungen hat
Die Gegend hier hat wenig Zukunft
Mir macht es Probleme, dass mein Heimatort so abgelegen
ist
Ich würde gerne hier bleiben, aber es ist fast aussichtslos,
hier eine Lehrstelle oder einen Arbeitplatz zu finden
Wenn man etwas aus seinem Leben machen will, muss man
hier weg
Ich fühle mich hier wohl, weil meine ganze Familie hier
wohnt
Hier kann man sehr gut leben
Mir gefällt die schöne Landschaft hier
Hier ist meine Heimat! Ich werde mich immer mit der Region
verbunden fühlen, auch wenn ich ganz woanders wohne
Hier ist es ruhig uns sicher, genau richtig für Familien mit
kleinen Kindern
Hier sollte es mehr Freizeitangebote für Jugendliche geben
Torgau, Oschatz, Mockrehna: In wieweit stimmst du den
folgenden Aussagen über deinen Wohnort zu?
stimme voll zu
stimme eher zu
stimme eher nicht zu
stimme gar nicht zu
Weiß nicht
nicht beantwortet
Abbildung 22: Aussagen über den Wohnort außerhalb des Ringes um Leipzig

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5.3.1. Offene Antworten: Negative Aspekte des Wohnorts
In den offenen Antworten findet sich ein sehr breites Spektrum von Rückmeldungen der
Schüler, was an ihrem Wohnort negativ ist. Von „alles“ bis „nichts“ ist vieles dabei. Zentra-
ler Kritikpunkt ist oft die Abgelegenheit, die schwierige ÖPNV-Anbindung vieler Orte und
besonders die Internetgeschwindigkeit. Darunter leiden dann unter Umständen auch die
sozialen Kontakte und die Möglichkeiten, Freunde zu besuchen. So schreibt ein Schüler
oder eine Schülerin:
Negativ an meinem Wohnort ist… „dass man keine eigenen Freunde in seinem Dorf hat, denn
die wohnen paar Dörfer weiter, die nicht so einfach mit Fahrrad zu erreichen sind sondern
nur mit Bus oder Eltern
22
.“
Des Weiteren fehlt es den Schülern an Freizeitangeboten. Teilweise wird bemängelt, dass
außer den klassischen Sportarten kaum etwas angeboten wird. Etwas außergewöhnliche-
re Hobbies oder Sportarten können nicht oder nur mit großem Zeit- und Finanzaufwand
ausgeübt werden. Eine Reihe von Kommentaren bemängelt aber auch das grundsätzliche
Fehlen von Angeboten für Kinder und Jugendliche und ein mangelndes (kommunalpoliti-
sches) Engagement für diese Zielgruppe. Oft wird auch genannt, dass eine dörfliche Le-
bensweise mit „
Intoleranz gegenüber Neuem
“, sozialer Kontrolle oder „
konservativem
Schachteldenken
“ den Ansprüchen der Jugendlichen nicht gerecht wird. Die oftmals positiv
konnotierte soziale Nähe kann so auch negativ interpretiert werden:
„…, dass sich fast jeder kennt, jeder weiß etwas über den anderen und ich muss fast jeden Tag
die Leute auf der Straße grüßen, denen ich eigentlich gar nicht grüßen will. Ich brauche eine
Veränderung.“
Als weiterer Kritikpunkt wird das unerwünschte Auftreten bestimmter Mitmenschen vor-
gebracht. Dabei werden beispielsweise Problemgruppen wie „Assis“, „Nazis“ oder „Säu-
fer“ benannt. Eine fehlende (berufliche) Zukunft sowie fehlende Arbeits- und/oder Aus-
bildungsplätze in der Region werden ebenfalls als Problem für junge Leute gesehen. Glei-
ches gilt für die als störend empfundene Vernachlässigung des öffentlichen Raums und die
Lebensqualität mindernde Ärgernisse wie Lärm oder Gestank.
22
Die wörtlichen Zitate sind hier so wiedergegeben, wie die Schüler(innen) sie geschrieben haben. Die Autoren haben keine
Rechtschreib-, Interpunktions- oder Grammatikkorrekturen vorgenommen.

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5.3.2. Offene Antworten: Positive Aspekte des Wohnorts
Auch bei den positiven Aspekten des Wohnorts gibt es ein sehr weites Spektrum an Ant-
worten. Auffällig ist die Dominanz von naturräumlichen Eigenschaften: eine schöne Natur
(Luft, Tiere, Wald), landschaftliche Reize (z.B. Elbe, Mulde) und die Ruhe.
„Schöne Landschaft mit vielen Möglichkeiten zum Wandern und entspannen Viele verschie-
dene Sportmöglichkeiten Trotz der vielen negativen Aspekte mag ich mein kleines Kaff trotz-
dem.“ Oder: „Die Ruhe und schöne Landluft. Man kann hier einmal alle Sorgen bei Seite legen
und in Ruhe entspannen.“
Was von einigen Jugendlichen bemängelt wurde, empfinden andere als Pluspunkt: Die
engen sozialen Netze, kurze Wege zu Familie und Freunden. Das ist sicherlich von der in-
dividuellen Persönlichkeit, aber auch von den infrastrukturellen Gegebenheiten abhängig.
Ein(e) Befragte(r) mag an seinem/ihrem Wohnort
„…dass meine Freunde alle nah bei mir
wohnen oder in der Umgebung, wo ich leicht mit dem Fahrrad hinfahren kann. Viele Leute
kennen sich untereinander. Man hat alles, was man braucht, abgesehen von großen Karrier-
echancen.“
Oft werden das Heimat- und Zusammengehörigkeitsgefühl und die gegenseitige Unter-
stützung im Dorf erwähnt:
„Es ist ruhig, die Menschen sind größten Teils freundlich und auf dem "Dorf" kennt jeder je-
den und alle unterstützen sich.“
Und auch in kleinen Orten lässt sich für manche anscheinend gute Freizeit verbringen:
„Das jeder jeden kennt und obwohl der Ort klein ist hat er doch eine gute Infrastruktur und
viele Berufsmöglichkeiten innerorts (Kindergarten, Werkstatt, usw.), viele Veranstaltungen
und Vereine (Blasmusikanten, FFW, usw.) Das alles für die Größe selbstverständlich.“
Die Infrastrukturausstattung, besonders im Hinblick auf den ÖPNV findet darüber hinaus
vielfach Erwähnung. Besonders der S-Bahn-Anschluss und die damit verbundene Nähe zu
Leipzig werden oft als Standortvorteil herausgestellt:
„In meinem Heimatort gibt es einen Bahnhof, womit man leicht, mit den Zügen, in die großen
Städte fahren kann. Und in meinen Heimatort ist eine Schule somit ist mein Schulweg nicht
all zu lang.“
Als kontroverses Thema wird zudem die homogene ethnische Zusammensetzung der Be-
völkerung positiv, aber auch negativ thematisiert. Einige Jugendliche sehen im niedrigen
Ausländeranteil eine Stärke ihres Wohnorts, andere kritisieren rechtes und fremdenfeind-
liches Gedankengut als eine Schattenseite ihrer Heimatgemeinde.

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6. Stärken-Schwächen-Analyse des Landkreises
Nordsachsen
Der Begriff der SWOT-Analyse ist ein Akronym, bestehend aus Strengths (Stärken),
Weakness (Schwächen), Opportunities (Möglichkeit/ Chancen) und Threats (Bedro-
hungen/ Risiken). Die SWOT-Analyse „
bezeichnet ein Instrument mit dem Stärken und
Schwächen einer Organisationseinheit analysiert und im Zusammenhang mit ihrem Umfeld
beurteilt werden
.“ (Künzli 2012: 126) Die Analyse dient der systematischen Verdeutli-
chung der Charakteristika und Ausblicke des Status Quo und des Umfelds einer Organisa-
tionseinheit. Dementsprechend stellt sie ein wichtiges Instrument zur Positionsbestim-
mung und Strategieentwicklung dar und bildet eine Basis für mögliche Strategieplanungen
und deren Umsetzung. Die Untersuchungsschwerpunkte der von Lucas Mittag durchge-
führten SWOT-Analyse beziehen sich auf die demografische sowie infrastrukturelle Be-
standsaufnahme, auf Teile der Wachstumsanalyse der Stadt Leipzig und der Analyse der
Wanderungsmuster und -motive. Bevor die Ergebnisse der im Rahmen des Projekts
durchgeführten SWOT-Analyse dargestellt werden, wird ein theoretischer Hintergrund
über die SWOT als Analyseinstrument gegeben.
Die SWOT-Analyse ist als Analyseinstrument an der Grenze einer Organisation zwischen
„Innen“ und „Außen“ angesiedelt. Es werden daher Merkmale der Organisation („Innen“)
mit Merkmalen der Umwelt („Außen“) aufgezeigt und verknüpft. Durch eine getrennte
interne und externe Analyse erfolgt darauf die Ableitung von Stärken und Schwächen der
Organisation und möglichen Chancen und Gefahren. Die Analyse kann in drei Abschnitte
geteilt werden. Hierzu gehören die Vorbereitung, die Durchführung und die Strategieent-
wicklung (Abbildung 23). Ein gezielter Einsatz von empirischen Daten, Fakten und Zahlen
im Verhältnis mit subjektiv getroffenen Ansichten ist zu beachten (Künzli 2012): „
Die
SWOT-Analyse erstellt eine Diagnose des Systems ‚Unternehmen‘ und seiner ‚Umwelt‘, um
daraus entsprechende Optionen abzuleiten
“ (Reinbacher 2009: 1). Je nach Komplexität des
zu untersuchenden Sachverhaltes ist eine Unterteilung durch Bildung von Themenfeldern
angemessen. Um den Erfolg der Untersuchung in den einzelnen Dimensionen sicher zu
stellen, ist demnach die Durchführung einer SWOT-Analyse pro Themenfeld möglich (An-
germeier 2008).

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Abbildung 23: Prozessabschnitte und ihre Anforderungen nach Angermeier (2008)
Für den Untersuchungsgegenstand des Landkreises Nordsachsen wurden drei rele-
vante Themenfelder identifiziert. Diese sind: „Wanderung“, „soziale Infrastruktur“ und
„Bevölkerungsstruktur“. Um einer Generalisierung der Ergebnisse vorzugbeugen, wird
jedes Themenfeld zunächst gesondert betrachtet. Dadurch wird der direkte Bezug zu
den Themen gewahrt und die Wahrscheinlichkeit einer fehlerhaften Vermischung bei
der späteren Kombination der Erkenntnisse verkleinert. Anschließend erfolgen die
Kombination der gewonnenen Erkenntnisse aus den drei Themenfeldern und die Stra-
tegieentwicklung.

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6.1.1. Themenfeld Wanderung
Stärken (S)
:
Binnenwanderung im LK stärkster Wanderungsstrom, Zuzugsüber-
schuss bei Ruhewanderern Mittelzentren, Zuwanderungsüberschuss und durch-
schnittlich 3,5% Zuwachs im inneren Ring, Familienwanderung im äußeren
Ring/ländlichen Raum
Schwächen (W)
:
selektive Wanderung besonders bei Arbeitsplatz- und Ruhesitz-
wanderung im äußeren Ring/ländlichen Raum, Fortzug von weiblichen Ausbil-
dungs- und Arbeitsplatzwanderern hoch
Chancen (O)
:
Verwurzelung von zugewiesenen Geflüchteten, starkes Wachstum
der Stadt Leipzig – inkl. Suburbanisierungstendenzen
Risiken (T)
:
Datenlage durch Zuzug Geflüchteter eventuell etwas undeutlich, Aus-
bildungswanderer z.B. in Leipzig bleiben dort, Suburbanisierungstendenzen mehr
im LK Leipzig, Suburbanisierungstendenzen haben kaum Auswirkungen auf den
ländlichen Raum
6.1.2. Themenfeld Soziale Infrastruktur
Stärken (S)
: Kinderbetreuung gut (2013), guter Krankenhausbestand, Gymnasien
bis 2030 gesichert, Radwegenetz, gute ärztliche Versorgung in den Mittelzentren,
gute Nahversorgung in Sozialräumen Delitzsch und Schkeuditz, Preisgefälle im
Wohnungsmarkt zu Leipzig
Schwächen (W)
: Unterangebot von Kita Plätzen in bestimmten Gemeinden (2013),
sinkende Schülerzahlen (2013), weniger Fachpersonal in Kitas und Schulen und
bei Ärzten, schwierige Nahversorgung im ländlichen Raum
Chancen (O)
: wachsende Kita Auslastungen, Anpassungen der Schulstrukturen zur
Verhinderung von Schließungen, Naherholungspotentiale, ärztliche Mobilität för-
dern, mobile Grundversorgung sicherstellen, Flächenreserven, Förderung des Eh-
renamtes
Risiken (T)
: begrenzte Kapazitäten der Kitas (Fachkräfte und Räume), Schließung
weiterer Schulen, Ärzteschwund im ländlichen Raum, Fachkräftemangel im Pfle-
gebereich, stationäre Pflege bevorzugt in Mittelzentren, weitere Verknappung der
Nahversorgung im ländlichen Raum
6.1.3. Themenfeld Bevölkerungsstruktur
Stärken (S)
: Altersklasse 6-15 stark, Ring um Leipzig weist solide Altersstruktur
auf, allgemeine Geburtenrate über dem sächsischen Durchschnitt, höchste Rate in
Mittelzentren
Schwächen (W)
: mehr als 50% älter als 50 Jahre, Zunahme der älteren Altersklas-
sen, Altersklasse 18-30 im Vergleich zu Leipzig wenig vertreten, niedrigste Gebur-
tenrate in Grundzentren, höchste Sterberate in der Region Westsachsen

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Chancen (O)
: Kooperation und Lernen von Gebieten mit verbesserter Bevölke-
rungsstruktur, Gemeinden mit auffälliger Polarisierung zwischen Jung und Alt
weisen gewisse Dynamik auf
Risiken (T)
: weitere Verstärkung der Überalterung im LK, Zunahme von Ruhesitz-
wanderern manifestiert derzeitige Bevölkerungsstruktur, Überalterung führt zu
Bevölkerungsschwund in der Zukunft
6.1.4. Zusammenfassung
Die zugeordneten Inhalte aus den drei SWOT-Matrizen werden sinnvoll miteinander ver-
knüpft. Es entstehen hierbei vier Kombinationsarten, die im Folgenden als
S-O-Strategie, S-
T-Strategie, W-O-Strategie
und
W-T-Strategie
bezeichnet werden. Die formulierten Ver-
knüpfungen können zudem nur als Strategieansätze gewertet werden, da für eine funda-
mentierte Strategie eine Betrachtung von mehr Themenfeldern benötigt wird.
S-O-Strategie
Die Attraktivität des Landkreises steigern, um Zuzugsüberschuss weiter zu ver-
größern, sodass eine Trendwende auch im ländlichen Raum erreicht wird. Dabei
sollte vermehrt auf die Interessen von jüngeren Bevölkerungsgruppen eingegan-
gen werden (bspw. in der sozialen Infrastruktur).
Die Erweiterung der Kinderbetreuungsangebote anstreben und kommunizieren,
da dies die Attraktivität der Gemeinden für Familienwanderer steigert.
Die Naherholungsgebiete wie z.B. den Naturpark Dübener Heide oder die Dahlener
Heide stärker zugänglich machen, um Erholungsstandorte regional bekannter und
beliebter zu machen. Der gezielte Ausbau des bestehenden Radwegenetzes in die-
sen Regionen ist hier ein möglicher Ansatz.
Die Mobilität der Haus- und Fachärzte in Mittelzentren für den ländlichen Raum
fördern, um flächendeckend die Gesundheitsversorgung aufrecht zu erhalten.
Das Ehrenamt sollte weiter gestärkt werden, um die soziale Infrastruktur zu ver-
bessern und eine Verwurzelung in den Orten zu erreichen.
Mit den im regionalen Vergleich günstigeren Wohnungsmarktstrukturen für einen
Zuzug nach Nordsachsen werben.
S-T-Strategie
Innerhalb dieser Betrachtung ist sich die Frage zu stellen „
Welche Stärken kann ich nutzen,
um Bedrohungen abzuwenden
?“
(Franta 2017) Es werden also die Stärken und Gefah-
ren/Risiken miteinander verknüpft.
Der Zuzug von Familienwanderern mit Kindern wirkt dem schrumpfenden Anteil
der jüngeren Altersgruppen entgegen und verhindert Schulschließungen.
Die Überalterung im Landkreis ist durch den Zuzug jüngerer Bevölkerungsklassen
einzudämmen.

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Die Standortvorteile des Landkreises sollten durch weiteren Ausbau der sozialen
Infrastruktur vor allem im ersten und zweiten Ring um Leipzig gestärkt werden.
Eventuell ist auch eine Steigerung des Bekanntheitsgrades durch Imagekampag-
nen anzustreben.
Das Ehrenamt ist zu stärken, um Einwohner vermehrt in die Gemeinde einzubin-
den und Abwanderungstendenzen entgegenzuwirken.
W-O-Strategie
Hinter der Kombination der Schwächen und Chancen steht der Gedanke die „
Schwächen zu
eliminieren, um neue Chancen zu nutzen
“ (Franta 2017).
Die Attraktivität der Grundzentren durch die zentralörtliche Verbesserung der so-
zialen Infrastruktur erhöhen, um die vorhandene niedrige Geburtenrate durch
den Zuzug von Familienwanderern zu steigern.
Kurz- und mittelfristig die Lebensmittelgrundversorgung v.a. im Altkreis Torgau-
Oschatz durch alternativen Einsatz von mobilem Gewerbe aufrechterhalten. Wenn
der Bedarf durch Zuzug steigt, besteht die Aussicht auf eine künftige Verbesse-
rung der Versorgungslage.
Im Kontext des Fortzugsüberschusses von Ruhesitzwanderern im zweiten Ring
und im ländlichen Raum verbesserte Angebote der ambulanten Pflege „zu Hause“
schaffen.
Die Sterberate durch verbesserte Angebote im Gesundheitswesen senken. Zudem
den Ausbau von Erholungsgebieten und Radwegenetzen fördern.
W-T-Strategie
Durch die Betrachtung der Schwächen und Risiken/Gefahren gilt es „
Verteidigungen [zu]
entwickeln, um vorhandene Schwächen nicht zum Ziel von Bedrohungen werden zu lassen
(Franta 2017).
Die nun folgenden Strategieansätze stellen durch ihren Umfang keine Ver-
teidigungsvorschläge dar. Sie benennen allein die Problematik, welche es in den nächsten
Schritten, durch die Entwicklung einer Verteidigungsstrategie, einzudämmen gilt.
Über die Hälfte der Bevölkerung ist älter als 50 Jahre. Mit Zunahme von Ruhesitz-
wanderern wird die Überalterung der Bevölkerungsstruktur weiter verschärft.
Der Fortzugsüberschuss bei Ausbildungswanderern verstärkt die Überalterung.
Die Bevölkerungsstruktur mit wenig Zuzug (im ländlichen Raum) hat daher mit
einer erheblichen Überalterung und Schrumpfung zu kämpfen. Aus diesen Prozes-
sen resultiert eine mangelnde Tragfähigkeit der Infrastruktur.
Fazit der SWOT
Die positiv verlaufende Bevölkerungsentwicklung in Leipzig wirkt sich auf Nordsachsen
momentan nur im ersten und zweiten Ring um Leipzig aus. Durch die Distanzempfindlich-
keit der Wandernden und der Pendler ist der Suburbanisierungsprozess Leipzigs in den

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ländlichen Teilräumen (noch?) nicht unmittelbar spürbar. Verbesserungen der Verkehrs-
infrastruktur könnten den mit akzeptablem Zeitaufwand erreichbaren Suchraum potenti-
eller Abwanderer aus Leipzig vergrößern. Da der demografische Wandel mit seiner Über-
alterung und Schrumpfung, selbst durch Wanderungsüberschüsse nur bedingt einge-
dämmt werden kann, gilt es durch Umstrukturierung der sozialen Infrastruktur, die regio-
nalen Bevölkerungsstrukturen und Wanderungsströme so zu nutzen, dass das Schrump-
fen der Bevölkerung bestmöglich gemanagt werden kann.

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7. Strategische Ziele und Handlungsempfehlungen
Zentraler Baustein einer Zukunftsstrategie ist eine (politische) Vision, wie der Landkreis
zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft aufgestellt sein sollte und wie die demo-
grafischen und sozio-ökonomischen Herausforderungen gelöst werden könnten. Vor die-
sem Hintergrund sollte der Landkreis die anstehende Fortschreibung des Kreisentwick-
lungskonzepts nutzen, um unter Beteiligung der kreisangehörigen Städte und Gemeinden,
zivilgesellschaftlicher Akteure, Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft und der Wis-
senschaft und in enger Kooperation mit dem Regionalen Planungsverband, aber auch der
Stadt Leipzig und den angrenzenden Landkreisen eine gemeinsame Vision „Nordsachsen
2030“ zu entwickeln. Auf dieser Basis sollte im Konsens mit den Städten und Gemeinden
eine langfristige, konsistente Regionalentwicklungsplanung und -politik für Nordsachsen
entwickelt werden. Dabei sollten die zentralen Zukunftsthemen des Landkreises (nament-
lich die sich verschiebende Altersstruktur der Bevölke