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Qualitätsstandards der
Einrichtungen im Hilfesystem
häuslicher Gewalt in Sachsen

Inhaltsverzeichnis
1
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
3
Qualitätsstandards für Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen in Sachsen
8
Qualitätsstandards für Interventions- und Koordinierungsstellen zur Bekämpfung
von häuslicher Gewalt und Stalking in Sachsen
30
Qualitätsstandards der Fachberatungsstelle KOBRAnet
51
Qualitätsstandards für Männer*schutzeinrichtungen in Sachsen
73
Qualitätsstandards für Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im
Kontext häuslicher Gewalt der Landesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Sachsen
100
Die Geschlechtsbezeichnungen bzw. Bezeichnungsvarianten stammen in den einzelnen Abschnitten von den
jeweils verantwortlichen Organisationen. Diese wurden für die Broschüre nicht vereinheitlicht, um im sensiblen
Themenfeld die Darstellung von Vielfalt durch die Eigendarstellung der Organisationen authentisch zu belassen.

2

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3
Vorwort
Sehr geehrte Lesende,
jeder Mensch hat das Recht auf ein gewaltfreies Zuhause.
Dies klingt zwar sehr einfach, ist jedoch oft nicht einfach
zu erreichen. Gewaltbetroffene
und das sind vor allem
Frauen* sowie Kinder und Jugendliche
benötigen Schutz
und Unterstützung, die ihnen im sächsischen Hilfesystem gewährt werden.
Vor Ihnen liegen die Qualitätsstandards der sächsischen Einrichtungen des Hilfesystems zur Be-
kämpfung häuslicher Gewalt. Sie sind das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses, an dem die
Landesarbeitsgemeinschaften gewaltfreies Zuhause Sachsen, Täterarbeit Sachsen sowie Jungen-
und Männerarbeit Sachsen beteiligt waren und der durch den Lenkungsausschuss zur Bekämpfung
häuslicher Gewalt unter dem Dach des Sächsischen Landespräventionsrates koordiniert und unter-
stützt wurde.
Allen an diesem Prozess Beteiligten, insbesondere den Mitgliedern der federführenden Unterar-
beitsgruppe Bedarfsplanung des Lenkungsausschusses zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, spreche
ich auf diesem Weg meinen großen Dank für ihre engagierte Mitarbeit aus. Da die Qualitätsstan-
dards pünktlich zur 50. Sitzung des Lenkungsausschusses im April 2021 vorlagen, konnte dieses Ju-
biläum mit einem wichtigen Schritt in Richtung Zukunftsfähigkeit für das Hilfesystem angemessen
begangen werden. Denn jetzt gibt es in Sachsen erstmals fachliche Standards für die Frauen- und
Kinderschutzeinrichtungen, die Interventions- und Koordinierungsstellen, die Beratungsstellen für
Gewaltausübende, die Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel und Betroffene von Ge-
walt im Namen der sogenannten "Ehre" und die Männerschutzwohnungen, zu denen sich die Ein-
richtungen beziehungsweise Projektträger bekennen.
Mit der Ratifizierung des Übereinkommens des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von
Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (der sogenannten Istanbul-Konvention) in Deutschland
im Jahr 2018 sind alle Ebenen zur Umsetzung dieses rechtsverbindlichen Vertragswerkes verpflich-
tet. Um das übergeordnete Ziel, nämlich wirksame Maßnahmen zur Verhinderung bzw. Eindäm-
mung von geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen* umzusetzen, braucht es nicht nur einen
ständigen quantitativen Ausbau des Hilfesystems zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, sondern auch
qualitative Fortschritte. Die hier vorgelegten Qualitätsstandards sind dabei ein entscheidender Bei-
trag, denn sie werden der Fachpraxis als wichtige Quelle dienen. Dass sie darüber hinaus auch An-
regungen für die strategische Weiterentwicklung des Hilfesystems durch mein Haus liefern werden,
begrüße ich als Staatsministerin für Gleichstellung und Gewaltschutz sehr.
Dem interessierten Fachpublikum wünsche ich mannigfaltigen Erkenntnisgewinn.
Ihre
Katja Meier
Staatsministerin für Gleichstellung und Gewaltschutz
& LPR-Vorstand

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4
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist notwendig und unsere Pflicht, sowohl auf gesellschaftli-
cher als auch individueller Ebene, unsere Mitmenschen vor Ge-
walt und ihren Folgen zu schützen. Aktiver Opferschutz in unse-
rer Gesellschaft kann aber nicht effizient von einzelnen Perso-
nen oder Einrichtungen allein angeboten werden, sondern er
bedarf der fallspezifischen und fallübergreifend Kooperation
und Vernetzung in starken und innovativen Strukturen. Dies ist
die Grundlage in unserer alltäglichen Arbeit in den regionalen,
sächsischen und bundesweiten Arbeitszusammenhängen.
Es freut mich, dass nach einer längeren Arbeitszeit die Quali-
tätsstandards der Einrichtungen des Hilfesystems zur Bekämpfung häuslicher Gewalt jetzt vorliegen.
Mit dem Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes am 1. Januar 2002 wurde in Sachsen ein Landes-
aktionsplan zur Bekämpfung Häuslicher Gewalt verabschiedet, der 2013 fortgeschrieben wurde. Es
war ein notwendiger Schritt, entsprechende Hilfesysteme festzuschreiben und zu etablieren. Doch
was steht dahinter? Welche Qualität der Leistungsangebote ist notwendig, um Betroffenen und Ge-
waltausübenden Unterstützung und alternative Lösungsansätze anzubieten? Mit diesen Fragen be-
schäftigten wir uns in der Unterarbeitsgruppe Bedarfsplanung des Sächsischen Lenkungsausschus-
ses zur Bekämpfung Häuslicher Gewalt
Wir versammelten Fachkräfte aus allen Bereichen, um gemeinsam über Qualität, Standards, Not-
wendigkeiten zu diskutieren, um nun die vorliegenden Qualitätsstandards für Sächsische Einrich-
tungen des Gewaltschutzes zu erarbeiten. Bestehenden Einrichtungen und neuen Angeboten soll-
ten sie als richtungsweisende Arbeitsgrundlage dienen, die immer wieder fortgeschrieben werden
kann.
Ich bedanke mich für die gelebte Kooperation, die gute Vernetzung und den inspirierenden fachli-
chen Austausch bei allen beteiligten Fachkräften
des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und
Gleichstellung,
des Sächsischen Städte- und Gemeindetages,
der Landesarbeitsgemeinschaften Gewaltfreies Zuhause, der Täterberatungsstel-
len, der Männerschutzwohnungen, der Gleichstellungsbeauftragten,
des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes,
des Traumanetzwerkes Sachsen und
des Landespräventionsrates.
Es war mir ein wichtiges Anliegen und ist mir eine Freude, das Ergebnis für alle Interessierten nun
vorliegen zu haben.
Annett Engelmann
Leiterin der UAG Bedarfsplanung
(Sprecherin der LAG Täterarbeit)
Beratungsstelle zur täterorientierten Anti-Gewaltarbeit der Triade GbR

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Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
7
Qualitätsstandards für Frauen*- und
Kinderschutzeinrichtungen in Sachsen
erarbeitet von:
Landesarbeitsgruppe gewaltfreies Zuhause Sachsen
Modellprojekt des Landesfrauenrat Sachsen e. V.
Ansprechpartnerin:
Sindy Lohberg
E-Mail:
fachstelle.FSH.KIS.Sachsen@gmail.com
Telefon:
+ 49 351 4171 6868

Inhaltsverzeichnis
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
8
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
11
2.
Zielgruppe
13
3.
Grundsätze der Arbeit
13
4.
Prozessqualität
16
4.1.
Kernaufgaben
16
4.2.
Struktursichernde Aufgaben
20
4.3.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit mit Behörden und Organisationen
des Gewaltschutzes
20
4.4.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Mulitplikator*innen
21
4.5.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivitäten
21
4.6.
Qualitätsentwicklung
21
5.
Strukturqualität
21
5.1.
Organisationsstruktur
21
5.2.
Personelle Ausstattung
22
5.3.
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
24
6.
Ergebnisqualität
26
7.
Ausblicke
28

1. Einleitung
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
9
1.
Einleitung
Häusliche Gewalt ist kein Einzelschicksal und betrifft vor allem Frauen* sowie Kinder und Jugendli-
che.
Durch die Ratifizierung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von
Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) am 12. Oktober 2017 verpflichtet
sich Deutschland zur Ergreifung weitreichender Maßnahmen zur Verhinderung geschlechtsbezoge-
ner Gewalt
darunter die Zusicherung, Schutz- und Hilfsdienste für gewaltbetroffene Frauen und
deren Kinder, bereitzustellen (Artikel 22 Istanbul-Konvention).
Die Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen (FKSE) sind für Betroffene von häuslicher Gewalt ein
unverzichtbarer Bestandteil des landesweiten Gewaltschutzes. Mit ihrem niedrigschwelligen Ange-
bot bieten sie Schutz, Beratung und psychosoziale Hilfestellung für die Bewältigung akuter und zu-
rückliegender Gewalterfahrungen an.
Rechtsgrundlagen
Die Arbeit der FKSE fußt auf der Feststellung, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder einen Angriff
auf die Menschenwürde (Art. 1 Grundgesetz [GG]) darstellt. Dieser Rechtsgedanke findet sich auch
in der Istanbul-Konvention. Demnach ist Gewalt gegen Frauen in der Partnerschaft eine Menschen-
rechtsverletzung (Art. 3 Istanbul-Konvention). Diese Feststellung ist bemerkenswert, da Menschen-
rechte üblicherweise als Abwehrrecht des Einzelnen gegen den Staat definiert sind. Gewalt in sozi-
alen Beziehungen war demnach juristisch lange Zeit Privatsache. Bei der Weltmenschenrechtskon-
ferenz 1993 in Wien wurde international die Abkehr von diesem Verständnis besiegelt und Gewalt
gegen Frauen grundsätzlich als Menschenrechtsproblematik anerkannt. Damit gehen weitreichende
Schutz- und Gewährleistungspflichten des Staates einher. So müssen staatliche Behörden effektive
Maßnahmen treffen, um Gewalt in der Partnerschaft zu verhindern und zu verfolgen (Art. 4 Istanbul-
Konvention).
Ausdruck dessen sind etwa die Möglichkeit der polizeilichen Wohnungsverweisung und das Gesetz
zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen (Gewaltschutzgesetz). Bei der po-
lizeilichen Wegweisung nach § 19 Sächsisches Polizeivollzugsdienstgesetz (SächsPVDG) sind Be-
troffene häuslicher Gewalt durch die Polizei auf Beratungsangebote hinzuweisen. Die Wegweisung
kann zudem durch Antragsstellung nach Gewaltschutzgesetz (GewSchG) verlängert werden. Das

Inhaltsverzeichnis
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
10
Gewaltschutzgesetz enthält Ansprüche gegen Täter*innen häuslicher Gewalt auf Kontakt- und Nä-
herungsverbot (§ 1 Abs. 1 GewSchG), Wohnungsüberlassung (§ 2 Abs. 1 GwSchG) und strafrechtliche
Vorschriften bei Verstößen dagegen (§ 4 GewSchG).
Auch die Rechte der Kinder in gewaltgeprägten Familien sind durch die Koordinierungs- und Inter-
ventionsstellen zu schützen und zu fördern. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung § 1631
Abs. 2 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB). Es ist zu beachten, dass Geheimnisträger*innen, wie Sozial-
arbeiter*innen und Psycholog*innen, beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bei den Sorgebe-
rechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken sollen (§ 4 Abs. 1 Gesetz zur Kooperation
und Information im Kinderschutz [KKG]). Scheitert das Bemühen, kann das Jugendamt informiert
werden (§ 4 Abs. 3 KKG).
Die Beratungsarbeit richtet sich nach den Richtlinien des Datenschutzes. Dabei besteht die Erlaub-
nis zur Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten für eigene Zwecke gemäß
§ 28 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) bzw. Art. 6 Abs. 1 Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) i.
V. m. Art 7 DSGVO. Die Einwilligung über die Dokumentation ist vorher von der Klientin* einzuho-
len. Dokumentationen über Beratungsinhalte und Daten der Betroffenen sind so aufzubewahren,
dass sie für Dritte unzugänglich sind.
Die Beraterinnen* unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht (§ 203 Abs. 1 Strafgesetzbuch
[StGB]). Davon kann nur abgewichen werden, wenn mit der Klientin* ausdrücklich eine Schweige-
pflichtsentbindung vereinbart wurde oder wenn eine gegenwärtige, nicht anders abwendbare Gefahr
für Leben, Leib, Freiheit oder andere Rechtsgüter besteht (§ 34 StGB).

3. Grundsätze der Arbeit
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
11
Ziele
Ziel der FKSE ist der Schutz von Frauen* und ihren Kindern und Jugendlichen vor Gewalt im häusli-
chen Bereich sowie deren Stärkung und Unterstützung bei der Überwindung bzw. Bewältigung der
ökonomischen, sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen der Gewalterfahrungen.
Übergreifende Ziele sind:
die Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt,
die Durchsetzung der Chancengleichheit aller Menschen sowie der Geschlechterge-
rechtigkeit innerhalb der Gesellschaft,
die Sensibilisierung der Öffentlichkeit,
die Vernetzung aller involvierten staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen im
Vorgehen gegen häusliche Gewalt und Stalking auf regionaler Ebene
2.
Zielgruppe
Das Angebot richtet sich an Frauen* und deren Kinder und Jugendlichen, die von physischer, psy-
chischer und sexualisierter Gewalt bedroht bzw. betroffen sind. Der Bedarf von Kindern und Jugend-
lichen als Zeug*innen bzw. Betroffene von häuslicher Gewalt wird dabei gesondert beachtet.
3.
Grundsätze der Arbeit
Anspruch gewaltbetroffener Frauen* sowie deren Kinder und Jugendliche auf adäquaten Schutz
und Hilfe
Die gewaltbetroffenen Frauen*, sowie alle mitbetroffenen Kinder und Jugendlichen (unabhängig
ihres Alters) haben das Recht, entsprechend ihrer individuellen Situation eine bedarfsgerechte Un-
terstützungsleistung zu erhalten.
Bedarfsgerechte Angebote
Es ist ein breit gefächertes bedarfsgerechtes Unterstützungssystem vorzuhalten, welches dem un-
terschiedlichen Unterstützungsbedarf der Frauen* sowie allen mitbetroffenen Kindern und Jugend-
lichen entspricht.

3. Grundsätze der Arbeit
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
12
Niedrigschwelliger Zugang
Alle gewaltbetroffenen Menschen müssen einfach und zeitnah Zugang zu Schutz, Beratung, Beglei-
tung und Unterstützung erhalten. Die Angebote sind für Menschen mit Beeinträchtigungen und Be-
hinderungen barrierefrei anzubieten. Die Hilfen sind unbürokratisch, schnell und kostenfrei zu ge-
währen.
Wahlfreiheit
Die Klientinnen* entscheiden selbst, ob und welches der Hilfsangebote sie in Anspruch nehmen
wollen.
Datenschutz, Vertraulichkeit und Transparenz
In den FKSE werden die Grundsätze des Datenschutzes der Sozialdaten beachtet. Insbesondere
werden keine personenbezogenen Daten und Inhalte der Beratung ohne Einwilligung der Betroffe-
nen an Dritte weitergegeben.
Die Mitarbeiterinnen* der Kinder- und Jugendberatung (KJB) sichern den Kindern und Jugendlichen
Vertraulichkeit im Rahmen des geltenden Rechts über die Inhalte der Beratungen zu, auch gegen-
über sorgeberechtigten Elternteilen. Veranlasst eine Eigen- bzw. Fremdgefährdung von Kindern
und Jugendlichen das Einbeziehen von Elternteilen und zuständigen Behörden, um eine unmittel-
bare Gefahr abzuwenden, so wird dies altersangemessen transparent und nachvollziehbar gemacht.
Parteilichkeit und Opferorientierung
Die FKSE positionieren sich in der Unterstützung der Frauen* und deren Kindern und Jugendlichen,
aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Kooperation mit anderen Organisationen gegen
jede Form von Gewalt, gegen die Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Geschlechts und ge-
gen jeden Rassismus. Die Bedürfnisse, Interessen und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen*
stehen im Vordergrund. In der Unterstützung der Frauen* beziehen die Mitarbeiterinnen* eine kri-
tisch-solidarische Haltung zu den gewaltbetroffenen Frauen*. Die Mitarbeiterinnen* der KJB arbei-
ten uneingeschränkt solidarisch und versuchen so, Wünsche und Bedürfnisse der Kinder und Ju-
gendlichen sicht- und hörbar zu machen.
Ganzheitlichkeit und Ressourcenorientierung
Im Beratungs- und Unterstützungsprozess werden die Frauen* sowie alle mitbetroffenen Kinder und
Jugendlichen in ihrem gesamten Lebenszusammenhang mit ihren Ressourcen, Fähigkeiten und

3. Grundsätze der Arbeit
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
13
Ambivalenzen gesehen. Ziel hierbei ist die Stärkung und die (Wieder-) Erkennung der Selbstwirk-
samkeit sowie deren Handlungsfähigkeit bei den Frauen*, Kindern und Jugendlichen. Die Hilfe ori-
entiert sich an den individuellen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen der Betroffenen.
Intersektionalität und Vielfalt
Die Mitarbeiterinnen* der FKSE nehmen die gewaltbetroffenen Frauen* sowie die mitbetroffenen
Kinder und Jugendlichen in ihrer Individualität (u. a. Nationalität, soziale Herkunft, sexuelle Orien-
tierung, Bildungsstand und Religion) sowie den unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen
wahr, respektieren diese und richten die Unterstützungsangebote an deren Bedürfnissen aus.
Qualifikation der Mitarbeiterinnen*
Die Mitarbeiterinnen* verfügen über qualifizierte sozialpädagogische, traumapädagogische
und/oder psychologische Ausbildungen und bilden sich zu neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft
und Praxis fort. Grundlagen der Arbeit sind ein fachlich adäquates Nähe-Distanz-Verhältnis und ein
respektvoller Umgang mit der Zielgruppe sowie zwischen den Mitarbeiterinnen*.
Interdisziplinärer Arbeitsansatz
Die Unterstützung gewaltbetroffener Menschen erfordert abgestimmte Konzepte, Angebote und
Maßnahmen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen.

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4. Prozessqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
14
4.
Prozessqualität
Kernaufgaben
Kontaktaufnahme
Die FKSE sind 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche erreichbar. Dies wird durch Fachpersonal sicher-
gestellt. Die Telefonnummer ist öffentlich zugänglich und bekannt. Bei der Kontaktaufnahme erfol-
gen:
Informationen über die Schutzmöglichkeiten sowie zu anderen Unterstützungs- und
Hilfsangeboten,
Klärung der Aufnahme in die Schutzeinrichtung bzw. Vermittlung oder Weiterver-
weisung an andere Einrichtungen,
Erfassung von besonderem Unterstützungsbedarf der Frau* bzw. der mitbetroffe-
nen Kinder und Jugendlichen (z. B. Behinderung/Beeinträchtigung, Sprachbarrie-
ren)
Aufnahme
Eine Aufnahme findet unabhängig von der Herkunft, dem Aufenthaltstitel, der Religionszugehörig-
keit und der finanziellen Möglichkeiten, in Abhängigkeit von der individuellen Lebens- und Gefähr-
dungssituation statt. Das Angebot richtet sich ebenfalls an Frauen* mit Behinderungen oder Beein-
trächtigungen.
Eine Aufnahme entsprechend der Aufnahmekriterien (Zielgruppe) ist jederzeit möglich. Für Frauen*
mit älteren Söhnen ist der Zugang entsprechend der Situation in der Einrichtung zu klären bzw. an-
dere Schutzmöglichkeiten zu organisieren. Hierbei ist der Fokus auf die Suche nach einer gemeinsa-
men Unterbringung zu legen. Die Trennung von Mutter und Sohn sollte vermieden werden, wenn
das dem Wunsch beider entspricht.
Die Aufnahme erfolgt durch das Fachpersonal. Das Gespräch findet in geeigneten ruhigen Räumen
statt.
Die Aufnahme wird im Rahmen eines standardisierten Verfahrens durchgeführt und umfasst eine
Gefährdungseinschätzung der Frau* sowie der mitbetroffenen Kinder und Jugendlichen, die Klärung
der medizinischen Versorgung, die Klärung des Unterstützungsbedarfs und der Existenzsicherung

4. Prozessqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
15
sowie wichtige Informationen zu Schutz und Sicherheit, Informationen zur Einrichtung sowie ver-
tragliche Vereinbarungen zum Aufenthalt.
Die Aufnahme wird dokumentiert, z. B. Anlegen einer Handakte und Dokumentation von Verletzun-
gen.
Ein gesondertes altersentsprechendes Aufnahmegespräch mit den Kindern und Jugendlichen er-
folgt zeitnah durch die Mitarbeiterinnen* der KJB und dient dazu, die Vorgänge und Erlebnisse al-
tersgerecht einzuordnen und den Kindern und Jugendlichen Erklärungen und Perspektiven zu lie-
fern.
Eine Erstversorgung mit Lebensmitteln, Kleidung sowie Hygieneartikeln wird bei Bedarf kostenlos
sichergestellt.
Beratung und Begleitung der Frauen
Die Beratung erfolgt durch qualifiziertes Fachpersonal im Rahmen eines standardisierten Unterstüt-
zungsverfahrens, das gemeinsam mit der Frau* erarbeitet und dokumentiert wird. Die Zielstellun-
gen orientieren sich an den Erwartungen und Bedürfnissen der Frauen*. Es werden regelmäßige
Beratungstermine angeboten. In Krisensituationen (persönliche Krisen, Krankheitsfälle, Bedro-
hung) in der FKSE werden die Bewohner*innen von qualifizierten Mitarbeiterinnen* auch nachts
und am Wochenende unterstützt.
Bei Bedarf werden Begleitungen zu Ämtern, Behörden, Gesundheitseinrichtungen etc. durch das
Fachpersonal oder andere Personen angeboten und die Frauen* bei Antragsstellungen und der Vor-
bereitung von Behördenterminen unterstützt.
Schriftliche Informationen zu wichtigen Themen und behördlichen Wegen werden zur Verfügung
gestellt.
Bei spezifischem Unterstützungsbedarf erfolgt eine Kooperation und Weitervermittlung an ent-
sprechende Stellen.

4. Prozessqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
16
Wohnen in einer FKSE
Das Konzept erfordert und die Rahmenbedingungen der Einrichtung ermöglichen den Frauen* und
deren Kindern und Jugendlichen die Selbstversorgung sowie die eigenständige Alltagsgestaltung.
Bei Bedarf erfolgt eine Unterstützung durch die Mitarbeiterinnen*.
Für die Frauen* und deren Kinder und Jugendlichen ist eine angenehme wohnliche Atmosphäre
(Sauberkeit, ansprechende zweckmäßige Einrichtungen) gegeben. Diese unterstützt die Stärkung
und Erholung nach dem Gewalterleben.
Das Zusammenleben wird durch regelmäßige Gruppenangebote gefördert.
Kinder- und Jugendberatung
Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen dient dazu, ihnen einen geschützten Rahmen mit einer
verlässlichen Bezugsperson zu bieten, in dem es zu einer Enttabuisierung der erlebten Gewalt kom-
men kann und in dem der Fokus darauf liegt, die Ressourcen und Bedürfnisse der Kinder und Jugend-
lichen (wieder) in den Vordergrund zu rücken und gemeinsam mit ihnen an der Umsetzung dieser zu
arbeiten.
Die besondere Belastung und die Mitbetroffenheit der Kinder und Jugendlichen durch die häusliche
Gewalt wird in der Beratung mit der Mutter* thematisiert. Die Inhalte der Beratungsgespräche wer-
den in angemessener Form und nach Einverständniserklärung durch die Mutter* dokumentiert.
Das Vorhalten von regelmäßigen Gruppenangeboten zur Entwicklung und Stärkung der sozial-emo-
tionalen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen fällt ebenfalls in den Bereich der KJB.
Außerdem arbeiten die Mitarbeiterinnen* in der KJB daran, einen guten Übergang in anschließende
Hilfe- und Unterstützungssysteme für die Kinder und Jugendlichen sowie deren Mütter* zu schaffen.
Voraussetzung dafür ist eine intensive Zusammenarbeit der KJB mit den örtlichen und überörtlichen
Netzwerken und Institutionen, z. B. öffentliche und freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe.
Für die fachliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie für ein Vorgehen bei Kindeswohl-
gefährdung liegt in den Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen ein einheitliches, inhaltlich fundier-
tes Konzept vor
„Mindest-Fachstandards für die Arbeit der Kinder- und Jugendarbeit in den FKSE
in
Sachsen“.

4. Prozessqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
17
Kooperation
Zu anderen involvierten Stellen, wie z. B. Polizei, Einwohnermeldeamt, Ausländerbehörde, Jobcen-
ter, Rechtsanwaltskanzleien, Beratungsstellen, medizinische und therapeutische Einrichtungen, Fa-
miliengerichte, öffentliche und private Träger der Jugendhilfe, Kindertagesstätten, Schulen, Förder-
einrichtungen, Wohnungsbaugesellschaften, werden regelmäßige und verbindliche Kooperationen
aufgebaut und gepflegt.
Die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt hinsichtlich des Schutzes und des individuel-
len Hilfebedarfs von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ist ein
wichtiger Bestandteil der Kooperationsarbeit.
Die FKSE kooperiert mit geeigneten regionalen Einrichtungen der Täter*innenarbeit, wenn der*die
gewalttätige Partner*in Angebote der Täter*innenarbeit bei häuslicher Gewalt wahrnimmt.
In der Kooperation wird besondere Sorgfalt auf die Wahrung der Interessen der Frauen* und des
Kindeswohls gelegt. Der Datenschutz wird gewährleistet
Auszug und nachgehende Beratung
Der Auszug der Frau* und deren Kinder und Jugendlichen wird gemeinsam mit einer* Mitarbeite-
rin* vorbereitet, z. B. Wohnungssuche und Umzug, Existenzsicherung, Kinderbetreuung.
Auf Wunsch der Frauen* erfolgt eine Vermittlung von Unterstützung für die Zeit nach dem Aufent-
halt, z. B. sozialpädagogische Familienhilfe, Frühfördermaßnahmen, Beratungsstellen. Beim Aus-
zug erfolgt ein strukturiertes Abschlussgespräch, welches dokumentiert wird.
Die Mitarbeiterinnen* der KJB führen ein Auszugsgespräch mit den Kindern und Jugendlichen, die
bei ihnen in Beratung waren. Bestandteil dieses Gesprächs kann u. a. die Erarbeitung eines Sicher-
heitsplanes sein.
Nach Verlassen der FKSE stehen ehemaligen Bewohnerinnen* sowie den Kindern und Jugendlichen
nachgehende Beratungen zur Verfügung.

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4. Prozessqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
18
Struktursichernde Aufgaben
Personalverantwortung,
Teambesprechungen und kollegiale Beratungen,
Supervision und kollegiale Fallberatung,
Fortbildungen,
Dokumentation der Arbeit der FKSE
quantitativ und qualitativ
für die Reflexion
des Unterstützungsprozesses und der Planung des weiteren Vorgehens, um Quali-
tätsmanagement zu sichern
Verwaltungsaufgaben:
Zuwendungs-/Vereinbarungsverfahren einschließlich Antrag, Dokumentation,
Abrechnung, Verwendungsnachweise,
Pflege und Wartung von Räumen, Technik, Ausstattung
Hauswirtschaft und Gebäudemanagement:
Gewährleistung der Funktionsfähigkeit des Hauses,
Instandhaltung des Gebäudes,
hauswirtschaftliche Organisation,
Übergabe und Abnahme der von den Bewohnerinnen* und ihren Kindern und
Jugendlichen genutzten Räume,
Lagerung von Notausstattungen und Verbrauchsmaterialien sowie Verwaltung
von Sachspenden
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit mit Behör-
den und Organisationen des Gewaltschutzes
Die Unterstützung von Frauen* und deren Kindern und Jugendlichen erfordert abgestimmte Ange-
bote und Maßnahmen verschiedener Institutionen wie der Interventions- und Koordinierungsstellen
(IKS), der Polizei, der Justiz, der Jugendhilfe und anderer Einrichtungen. Die IKS und FKSE kooperie-
ren fallbezogen mit den erforderlichen Institutionen, den Männer*schutzeinrichtungen und Tä-
ter*innenberatungsstellen und wirken an der fallübergreifenden Kooperation mit.

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5. Strukturqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
19
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplika-
tor*innen
Ausstellungen, Projekte, Aktionen, Schulungen,
Teilnahme an themenbezogenen Fachtagen,
Teilnahme an regionalen sowie überregionalen Netzwerken,
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivi-
täten
Pressearbeit,
Unterstützung der öffentlichen Mediendarstellung,
Informationsbroschüren, Internetauftritt, Plakataktionen,
zielgruppenspezifische und barrierearme Veröffentlichungen (z.B. in leichter Spra-
che),
Fachvorträge,
öffentlichkeitswirksame Aktionen
Qualitätsentwicklung
Regelmäßige Überprüfung und Weiterentwicklung von Konzepten und Sicherheitsplänen entspre-
chend den aktuellen Bedarfen und Entwicklungen.
5.
Strukturqualität
Organisationsstruktur
Die FKSE sind an den Wochentagen telefonisch, per Mail und persönlich erreichbar. Es wird eine
telefonische Erreichbarkeit (Rufbereitschaft) 24 Stunden 7 Tage die Woche abgesichert. Frauen*
und deren Kinder und Jugendliche werden entsprechend rund um die Uhr, auch an Wochenenden
und Feiertagen, aufgenommen.
Die KJB wird in den FKSE als eigenständiger Bereich angeboten.
In der Einrichtung wird die Sicherheit und der Schutz vor weiterer Gewalt durch unterschiedliche
Maßnahmen, wie geeignete bauliche Gegebenheiten, Sicherheitsanlagen, eine entsprechende
Hausordnung, sowie durch Absprachen mit der Polizei und ggf. mit der Nachbarschaft realisiert. Die

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5. Strukturqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
20
Adresse wird aus Gründen des Schutzes der Frauen und deren Kinder in der Regel nicht öffentlich
bekannt gegeben. Ein Sicherheitskonzept für den Schutz der Frauen und Kinder sowie für die Mitar-
beiterinnen liegt vor.
Datenschutzkonzept
In den FKSE werden die Grundsätze des Datenschutzes der Sozialdaten beachtet. Insbesondere
werden keine personenbezogenen Daten und Inhalte der Beratung ohne Einwilligung der Frauen*
an Dritte weitergegeben.
Personelle Ausstattung
Die im Folgenden beschriebene personelle Ausstattung ergibt sich aus dem umfassenden Leis-
tungsspektrum der FKSE, welche für die Unterstützung der Frauen* und deren Kindern und Jugend-
lichen erforderlich ist.
Die ganzheitliche und umfassende Unterstützung von zum Teil schwer traumatisierten Frauen* und
deren Kindern und Jugendlichen mit Gewalterfahrungen erfordert einen hohen Einsatz an qualifi-
ziertem Personal. FKSE können je nach konzeptioneller Ausrichtung alle notwendigen Leistungen
selbst unter einem Dach anbieten oder mit entsprechend qualifizierten Fachdiensten kooperieren.
Um die erforderlichen Leistungen zur Unterstützung der Frauen* und deren Kindern und Jugendli-
chen im FKSE qualitativ hochwertig und vollumfänglich zu erbringen, ist folgende Personalstruktur
erforderlich:
mind. drei hauptamtliche Vollzeitäquivalente (VZÄ), (zwei für die Erwachsenenbe-
ratung, eine für die KJB) größenabhängiger Personalschlüssel: 0,5 VZÄ pro (Fami-
lien)zimmer,
mind. 0,5 VZÄ für Rufbereitschaft pro FKSE,
mind. 0,5 VZÄ für Hauswirtschaft und Gebäudemanagement pro FKSE,
0,13 VZÄ für geschäftsführende Aufgaben und Verwaltung

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5. Strukturqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
21
Die erforderlichen formalen Qualifikationen für die Mitarbeiterinnen* umfassen:
für die Beratung der Frauen* und die KJB: abgeschlossenes berufsspezifisches
(Fach-)Hochschulstudium, wie z. B. Sozialarbeit oder Sozialpädagogik sowie Zu-
satzqualifikationen für die professionelle Beratung wünschenswert,
für die Rufbereitschaft: abgeschlossenes berufsspezifisches (Fach-)Hochschulstu-
dium, wie z. B. Sozialarbeit oder Sozialpädagogik sowie Zusatzqualifikationen für
die professionelle Beratung wünschenswert,
für Hauswirtschaft und Gebäudemanagement: entsprechend qualifiziertes Personal
(z. B. staatlich geprüfte Hauswirtschafterin*)
für geschäftsführende Aufgaben und Verwaltung: berufsspezifisches (Fach-)Hoch-
schulstudium mit Kompetenzen im Bereich Sozialmanagement bzw. eine* Büro-
fachkraft oder vergleichbare Berufsausbildung
Durchschnittliche Arbeitszeitanteile für Realisierung des Leistungsspektrums
in %
Fallarbeit:
aufsuchende und ambulante Beratungen, Begleitung, Falldokumentation, fallbezo-
gene Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, Nachsorge
60 %
Hauswirtschaft und Gebäudemanagement:
10 %
Vernetzungs- und Koordinierungsarbeit:
Schulungen, Weiterbildungen, Teilnahme an Runden Tischen
10 %
Öffentlichkeitsarbeit:
Fachtage, Ausstellungen, Aktionen
5 %
Supervision, Teamsitzungen, eigene Weiterbildungen:
15 %
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
Damit die Privatsphäre der Frauen* geschützt ist und die Möglichkeit besteht zur
Ruhe zu kommen und sich zurück zu ziehen, gibt es für jede Frau* und deren Kinder
und Jugendliche ein eigenes Familienzimmer. Mehrere Familienzimmer bilden eine
Wohneinheit, der jeweils eine Küche und sanitäre Anlagen zur Verfügung stehen.

5. Strukturqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
22
Die Ausstattung der Familienzimmer ist wohnlich und zweckmäßig. Es sind Gemein-
schaftsräume für die Frauen* und deren Kinder und Jugendliche in der erforderli-
chen Anzahl und Größe vorhanden:
mindestens ein Gemeinschaftsraum für die Frauen*,
mindestens ein Gemeinschaftsraum für die Kinder und Jugendlichen mit alters-
gerechter Ausstattung,
mindestens ein Wasch- und Trockenraum mit entsprechender Ausstattung der
erforderlichen Haushaltsgeräte.
Es ist ein geeigneter und sicherer Außenbereich für die Frauen* sowie deren Kinder
und Jugendliche vorhanden.
Die Familienzimmer, die Küche und die sanitären Anlagen, die Gemeinschaftsräume
und der Außenbereich sind barrierefrei gestaltet.
In den FKSE gibt es Orientierungsmöglichkeiten (Hinweisschilder, Hausordnung,
Brandschutz etc.). Die besonderen Anforderungen für Frauen* und deren Kinder
und Jugendlichen mit anderen Muttersprachen oder Behinderungen werden dabei
beachtet.
Es gibt die erforderliche Anzahl und Größe von Beratungsräumen:
mindestens ein geschützter separater Beratungsraum für Beratung der Frauen*
in der FKSE,
mindestens ein geschützter separater Beratungsraum außerhalb der FKSE für
die nachgehende Beratung,
mindestens ein geschützter separater Beratungsraum für die KJB mit geeigne-
tem Angebot an Beratungsmaterial.
Es gibt die erforderliche Anzahl und Größe von Räumen für die Mitarbeiter*innen:
mindestens zwei Büroräume für Dokumentation und Verwaltungsaufgaben,
mindestens ein separater Raum für (Team)besprechungen,
ein separater Pausenraum für die Mitarbeiter*innen inkl. Teeküche,
sanitäre Anlagen.
Es gibt die erforderliche Anzahl von Räumen für die Hauswirtschaft und Hausorga-
nisation (z. B. Lagerräume).

6. Ergebnisqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
23
Technische Ausstattung
Entsprechend des Sicherheitskonzepts und der örtlichen Gegebenheiten ist die erforderliche Sicher-
heitsausstattung vorhanden (z. B. Videoüberwachung Tür, Alarmanlagen, Schließanlagen).
Die FKSE verfügt über die erforderliche technische Ausstattung der Bürokommunikation. Dies be-
inhaltet auch die Versorgung der Mitarbeiterinnen* mit Diensthandys und Dienstlaptops, falls die
Arbeitsstruktur mobile Erreichbarkeit erforderlich macht.
Zur Sicherung der hauswirtschaftlichen Versorgung und für erforderliche Transporte der Frauen*
und von deren Kindern und Jugendlichen steht ein Dienstwagen zur Verfügung.
6.
Ergebnisqualität
Die Ergebnisqualität bezieht sich auf die erbrachten Leistungen und gibt Auskunft darüber, ob die
Ziele aus Sicht aller Beteiligten (Vertreter*innen der Einrichtung, Klient*innen, Mitarbeiterinnen*
und Kooperationspartner*innen) erreicht und Bedürfnisse befriedigt werden konnten.
In der Regel erfolgt die Bewertung durch die FKSE selbst und wird in den Alltag integriert. Zur Fest-
stellung der Ergebnisqualität werden Erhebungsmethoden verwendet, die die Besonderheiten jeder
Einrichtung und die Ressourcen berücksichtigen.
Entscheidende Kriterien für die Ergebnisqualität sind die Zufriedenheit der zu beratenden Frauen*
und der Nutzen der Beratung.
Zu den Indikatoren zur Erfassung von Zufriedenheit und Nutzen gehören quantitative und qualita-
tive Daten, die sowohl durch direkte Befragung, als auch mittels indirekter Erhebungen erfasst wer-
den können. Sie beziehen sich ebenso auf die Bedürfnisse der Beteiligten, als auch auf Ausstattung
der Institutionen (Strukturqualität) und ihre Leistungen (Prozessqualität).
Quantitative Daten geben Auskunft über die Inanspruchnahme der Angebote der Frauen*- und Kin-
derschutzeinrichtungen durch die Zielgruppe.

6. Ergebnisqualität
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
24
Durch statistische Erhebungen kann unter anderem Folgendes dokumentiert werden:
Anzahl der telefonischen und persönlichen Beratungskontakte zu den Frauen*,
Anzahl der Beratungskontakte in der KJB,
Anzahl der aufgenommenen Frauen* und deren Kindern und Jugendlichen,
Dauer des Aufenthaltes,
Zusammensetzung der Zielgruppe, etwa Altersstruktur, Anzahl von Bewohnerin-
nen* mit Migrationshint.rgrund und mit Behinderung
Allgemeine Kriterien für den Erfolg der Arbeit sind:
Stabilisierung der Frauen* und deren Kindern und Jugendlichen,
Information und Wissen über Rechte und Handlungsmöglichkeiten,
Handlungskompetenz unter Zuhilfenahme eigener Ressourcen,
Entscheidungskompetenz,
Gefühl von Sicherheit bei den Frauen*,
Schutz und Beendigung/Einschränkung von Gewaltsituationen bzw. –verhältnissen.
Quantitative und qualitative Daten ergeben sich aber auch aus der Reflexion der Arbeit seitens der
Mitarbeiterinnen*. Wichtige Instrumente sind Teambesprechungen, Fall-, Team- und Struktursup-
ervisionen, Konzeptionstage, Mitarbeiterinnen*gespräche, Jahresrückblicke und -planungen sowie
Formen der Selbstevaluation.
Darüber hinaus findet bei übergreifenden Fallkonferenzen sowie auf Tagungen, bei gemeinsamen
Fortbildungen und der Erarbeitung von Stellungnahmen ein gemeinsamer Reflexionsprozess zwi-
schen den Institutionen und Einrichtungen statt, der häufig in Bestandsaufnahmen, Leitbildern und
Umsetzungsstrategien dokumentiert wird.
Ein regelmäßiger Austausch mit den Kooperationspartner*innen des regionalen Netzwerkes, mit
Fachleuten aus den Bereichen Medizin, Polizei und Justiz, Politik und Wissenschaft sowie eine Aus-
wertung von Kooperationsbeziehungen ermöglichen die Erfassung der Ergebnisse aus Sicht der nicht
unmittelbar von der Arbeit Betroffenen:

7. Ausblicke
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
25
Statistische Erfassung und Auswertung/Veröffentlichungen und Berichte,
Erfassen der Zufriedenheit und Entwicklung der Zielgruppe, Vernetzungs- und Ko-
operationspartner, Mitarbeitende.
7.
Ausblicke
Die beschriebenen Qualitätsstandards stellen die erforderlichen Rahmenbedingungen dar, um konti-
nuierlich qualitativ hochwertige professionelle Unterstützung zu leisten. Die derzeitige Situation ist
so, dass von häuslicher Gewalt und Stalking betroffene Erwachsene, Kinder und Jugendliche keinen
Rechtsanspruch auf Beratung und Unterstützung haben. Dadurch fehlt eine notwendige langfristig
abgesicherte, einheitliche und verlässliche Finanzierung der FKSE. Folglich arbeiten die FKSE ohne
Planungssicherheit und die materiellen und personellen Ressourcen sind nicht immer ausreichend
vorhanden, um die dargestellten Qualitätsstandards vollumfänglich umzusetzen. Eine langfristig
gesicherte Finanzierung sollte angestrebt werden.
In den kommenden Jahren soll geprüft werden, in wie weit der Einsatz von Psychologinnen* in FKSE
sinnvoll erscheint und wie ein entsprechendes Konzept für deren Arbeit
getrennt zu den bereits
vorhandenen Beratungsleistungen und der KJB
gestaltet sein kann.
Es besteht der Anspruch, dass die FKSE allen Frauen* und deren Kindern und Jugendlichen, die von
häuslicher Gewalt betroffenen sind, zur Verfügung steht. Jedoch gibt es spezielle Zielgruppen, die
derzeit aus strukturellen Gründen kaum das Hilfeangebot nutzen können. Beispielhaft sind Frauen*
mit psychischen Erkrankungen, speziell Suchterkrankungen, Frauen* mit Haustieren und Frauen*
mit älteren Jungen zu nennen. Für diese sollen mittelfristig Konzepte erstellt werden, um den Zu-
gang zu FKSE zu optimieren.
Ein weiterer Aspekt stellt der zunehmende Anteil an Betroffenen mit Migrationshintergrund dar. Die
gesicherte vollständige Kostenübernahme für den Einsatz von qualitativ hochwertigen Dolmetscher-
diensten sollte in den nächsten Jahren besprochen und idealerweise finalisiert werden.
Die LAG gewaltfreies Zuhause Sachsen möchte zunehmend die Perspektive der Betroffenen stärker
in den Prozess der Qualitätssicherung integrieren. Die Rückmeldungen der Bewohnerinnen* kann
dazu beitragen, dass Hilfeangebot zu optimieren. In den kommenden Jahren soll ein Konzept zur
Umsetzung dessen entwickelt werden.

7. Ausblicke
Frauen*- und Kinderschutzeinrichtungen
26
Qualitätsstandards sind das Ergebnis eines kontinuierlichen Reflexions- und Veränderungsprozes-
ses zur Verbesserung des Angebotes im Sinne aller Beteiligten unter Berücksichtigung neuer Er-
kenntnisse und der sich daraus ergebenden Aufgaben. Allen Frauen*- und Kinderschutzeinrichtun-
gen in Sachsen ist der regelmäßige Austausch über Qualitätsstandards und ihre Weiterentwicklung
wichtig. Ziel ist es, einen gemeinsamen, den Zielsetzungen der Arbeit entsprechenden Prozess der
Qualitätsentwicklung zu gestalten und die dafür erforderlichen Ressourcen in Form von Informatio-
nen, Standards und Vorschlägen zur Ergebnissicherung zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund
spricht sich die LAG gewaltfreies Zuhause Sachsen für eine Evaluierung dieser Qualitätsstandards
nach fünf Jahren aus.

image
Interventions- und Koordinierungsstellen
27
Qualitätsstandards für Interventions-
und Koordinierungsstellen zur Bekämp-
fung von häuslicher Gewalt und Stalking
in Sachsen
erarbeitet von:
Landesarbeitsgruppe gewaltfreies Zuhause Sachsen
Modellprojekt des Landesfrauenrat Sachsen e. V.
Ansprechpartnerin:
Sindy Lohberg
E-Mail:
fachstelle.FSH.KIS.Sachsen@gmail.com
Telefon:
+ 49 351 4171 6868

Inhaltsverzeichnis
Interventions- und Koordinierungsstellen
28
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
33
2.
Zielgruppe
35
3.
Grundsätze der Arbeit
36
4.
Prozessqualität
37
4.1.
Kernaufgaben
37
4.2.
Struktursichernde Aufgaben
42
4.3.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit mit Behörden und Organisationen des
Gewaltschutzes
42
4.4.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplikator*innen
43
4.5.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivitäten
43
4.6.
Qualitätsentwicklung
44
5.
Strukturqualität
44
5.1.
Organisationsstruktur
44
5.2.
Personelle Ausstattung
44
5.3.
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
45
6.
Ergebnisqualität
47
7.
Ausblicke
49

1. Einleitung
Interventions- und Koordinierungsstellen
29
1.
Einleitung
Häusliche Gewalt ist kein Einzelschicksal und betrifft vor allem Frauen* und deren Kinder.
Durch die Ratifizierung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von
Gewalt gegen Frauen* und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) am 12. Oktober 2017 verpflich-
tet sich Deutschland zur Ergreifung weitreichender Maßnahmen zur Verhinderung geschlechtsbe-
zogener Gewalt
darunter die Zusicherung, Schutz- und Hilfsdienste für gewaltbetroffene Frauen*
und deren Kindern, bereitzustellen (Art. 22 Istanbul-Konvention).
Die Interventions- und Koordinierungsstellen (IKS) sind für Betroffene von häuslicher Gewalt ein un-
verzichtbarer Bestandteil des landesweiten Gewaltschutzes. Mit ihrem niedrigschwelligen und pro-
aktiven Angebot bieten sie psychosoziale Hilfestellung für die Bewältigung akuter und zurückliegen-
der Gewalterfahrungen, auch in den ländlichen Regionen, an.
Rechtsgrundlagen
Die Arbeit der IKS fußt auf der Feststellung, dass Gewalt gegen Frauen* und Kinder einen Angriff auf
die Menschenwürde (Art. 1 Grundgesetz [GG]) darstellt. Dieser Rechtsgedanke findet sich auch in
der Istanbul-Konvention. Demnach ist Gewalt gegen Frauen* in der Partnerschaft eine Menschen-
rechtsverletzung (Art. 3 Istanbul-Konvention). Diese Feststellung ist bemerkenswert, da Menschen-
rechte üblicherweise als Abwehrrecht des Einzelnen gegen den Staat definiert sind. Gewalt in sozia-
len Beziehungen war demnach juristisch lange Zeit Privatsache. Bei der Weltmenschenrechtskon-
ferenz 1993 in Wien wurde international die Abkehr von diesem Verständnis besiegelt und Gewalt
gegen Frauen* grundsätzlich als Menschenrechtsproblematik anerkannt. Damit gehen weitrei-
chende Schutz- und Gewährleistungspflichten des Staates einher. So müssen staatliche Behörden
effektive Maßnahmen treffen, um Gewalt in der Partnerschaft zu verhindern und zu verfolgen
(Art. 4 Istanbul-Konvention).
Ausdruck dessen sind etwa die Möglichkeit der polizeilichen Wohnungsverweisung und das Gesetz
zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen (Gewaltschutzgesetz). Bei der po-
lizeilichen Wegweisung nach § 19 Sächsisches Polizeivollzugsdienstgesetz (SächsPVDG) sind Be-
troffene häuslicher Gewalt durch die Polizei auf Beratungsangebote hinzuweisen. Die Wegweisung
kann zudem durch Antragsstellung nach Gewaltschutzgesetz (GewSchG) verlängert werden. Das

1. Einleitung
Interventions- und Koordinierungsstellen
30
Gewaltschutzgesetz enthält Ansprüche gegen Täter*innen häuslicher Gewalt auf Kontakt- und Nä-
herungsverbot (§ 1 Abs. 1 GewSchG), Wohnungsüberlassung (§ 2 Abs. 1 GewSchG) und strafrechtliche
Vorschriften bei Verstößen dagegen (§ 4 GewSchG). Zusätzlich haben die IKS Kooperationsverein-
barungen mit den jeweiligen Polizeidirektionen abgeschlossen, um die Zusammenarbeit und den
Datenaustausch verbindlich abzusichern. Dadurch kann der proaktive Ansatz des Unterstützungs-
und Beratungsangebots der IKS umgesetzt werden.
Auch die Rechte der Kinder in gewaltgeprägten Familien sind durch die Koordinierungs- und Inter-
ventionsstellen zu schützen und zu fördern. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung
(§ 1631 Abs. 2 Bürgerliches Gesetzbuch [BGB]). Es ist zu beachten, dass Geheimnisträger*innen, wie
Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen, beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bei den Sor-
geberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken sollen (§ 4 Abs. 1 Gesetz zur Koopera-
tion und Information im Kinderschutz [KKG]). Scheitert das Bemühen, kann das Jugendamt informiert
werden (§ 4 III KKG).
Die Beratungsarbeit richtet sich nach den Richtlinien des Datenschutzes. Dabei besteht die Erlaub-
nis zur Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten für eigene Zwecke gemäß
§ 28 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) bzw. Art. 6 Abs. 1 Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)
i. V. m. Art 7 DSGVO. Die Einwilligung über die Dokumentation ist vorher von der*m Klient*in ein-
zuholen. Dokumentationen über Beratungsinhalte und Daten der Betroffenen sind so aufzubewah-
ren, dass sie für Dritte unzugänglich sind.
Die Berater*innen unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht (§ 203 Abs. 1 Strafgesetzbuch
[StGB]). Davon kann nur abgewichen werden, wenn mit der*m Klient*in ausdrücklich eine Schwei-
gepflichtsentbindung vereinbart wurde oder wenn eine gegenwärtige, nicht anders abwendbare Ge-
fahr für Leben, Leib, Freiheit oder andere Rechtsgüter besteht (§ 34 StGB).

2. Zielgruppe
Interventions- und Koordinierungsstellen
31
Ziele
Die Arbeit zielt darauf ab, Betroffene von häuslicher Gewalt psychosozial zu unterstützen und mit
ihnen Schutzmöglichkeiten zu erarbeiten.
Übergreifende Ziele sind:
die Bekämpfung und Enttabuisierung geschlechtsbezogener Gewalt,
die Durchsetzung der Chancengleichheit aller Menschen sowie der Geschlechterge-
rechtigkeit innerhalb der Gesellschaft,
die Sensibilisierung der Öffentlichkeit,
die Vernetzung aller involvierten staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen im
Vorgehen gegen häusliche Gewalt und Stalking auf regionaler Ebene.
2.
Zielgruppe
Das spezialisierte und professionelle Angebot der Interventionsstellen richtet sich an alle Menschen
- Erwachsene, Kinder und Jugendliche - die von häuslicher Gewalt und Stalking betroffen sind, un-
abhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrem Bildungsgrad, ihrer sexuellen Orientierung, ih-
rem sozialen Status oder der kulturellen Herkunft.
Als sekundäre Zielgruppe sind die Mitarbeiter*innen der Netzwerkpartner*innen zu nennen, die
durch Schulungen zu Multiplikator*innen qualifiziert werden.

3. Grundsätze der Arbeit
Interventions- und Koordinierungsstellen
32
3.
Grundsätze der Arbeit
Bedarfsgerechte Angebote
Es ist ein breit gefächertes, bedarfsgerechtes Unterstützungssystem vorzuhalten, welches dem un-
terschiedlichen Unterstützungsbedarf der Zielgruppe entspricht.
Niedrigschwelliger Zugang
Alle von häuslicher Gewalt und Stalking betroffenen Erwachsenen, Kinder und Jugendlichen müssen
einfach und zeitnah Zugang zu Schutz, Beratung, Begleitung und Unterstützung erhalten. Die An-
gebote sind für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen barrierefrei anzubieten, die
Hilfen sind unbürokratisch, schnell und möglichst kostenfrei zu gewähren.
Wahlfreiheit
Die Klient*innen entscheiden selbst, ob und welches der Hilfsangebote sie in Anspruch nehmen wol-
len.
Datenschutz
In den IKS werden die Grundsätze des Datenschutzes der Sozialdaten beachtet. Insbesondere wer-
den keine personenbezogenen Daten und Inhalte der Beratung ohne Einwilligung der Betroffenen
an Dritte weitergegeben.
Parteilichkeit und Opferorientierung
Die IKS positionieren sich in der Unterstützung der Betroffenen, aber auch in der Öffentlichkeitsar-
beit und in der Kooperation mit anderen Organisationen gegen jede Form von Gewalt, gegen die Dis-
kriminierung von Personen aufgrund ihres Geschlechts und gegen jeden Rassismus. Die Bedürf-
nisse, Interessen und das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Menschen stehen im Vorder-
grund. Die Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendberatung arbeiten uneingeschränkt solidarisch
und versuchen so Wünsche und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sicht- und hörbar zu ma-
chen.
Ganzheitlichkeit und Ressourcenorientierung
Im Beratungs- und Unterstützungsprozess werden die von häuslicher Gewalt und Stalking betroffe-
nen Erwachsenen, Kinder und Jugendlichen in ihrem gesamten Lebenszusammenhang mit ihren
Ressourcen, Fähigkeiten und Ambivalenzen gesehen. Ziel hierbei ist die Stärkung und die (Wieder-)
Erkennung der Selbstwirksamkeit, sowie deren Handlungsfähigkeit bei den Erwachsenen, Kindern

image
4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
33
und Jugendlichen. Die Hilfe orientiert sich an den individuellen Handlungs- und Entscheidungsspiel-
räumen der Betroffenen.
Intersektionalität und Vielfalt
Die Mitarbeiter*innen der IKS nehmen von häuslicher Gewalt und Stalking betroffene Erwachsene,
Kinder und Jugendliche in ihrer Individualität (u. a. Nationalität, soziale Herkunft, sexuelle Orientie-
rung, Bildungsstand und Religion) sowie den unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen wahr,
respektieren diese, sind sich der Verschränkung und Potenzierung von unterschiedlichen Diskrimi-
nierungserfahrungen bewusst und richten die Unterstützungsangebote an deren Bedürfnissen aus.
Qualifikation der Mitarbeiter*innen
Die Mitarbeiter*innen verfügen über qualifizierte sozialpädagogische, traumapädagogische
und/oder psychologische Ausbildungen und bilden sich zu neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft
und Praxis fort. Grundlagen der Arbeit sind ein fachlich adäquates Nähe-Distanz-Verhältnis und ein
respektvoller Umgang mit der Zielgruppe sowie zwischen den Mitarbeiter*innen.
Interdisziplinärer Arbeitsansatz
Die Unterstützung gewaltbetroffener Menschen erfordert abgestimmte Konzepte, Angebote und
Maßnahmen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen.
4.
Prozessqualität
Kernaufgaben
Erstberatung
Der proaktive Erstkontakt durch die IKS und/oder die Kontaktaufnahme der Betroffenen, dient
dazu, die Anliegen der Klient*innen und entsprechende Hintergründe, sowie ihre akute Gewalter-
fahrung zu erfassen. Dabei haben der Schutz und die Sicherheit der gewaltbetroffenen Personen
oberste Priorität.
Es erfolgt eine Aufklärung über die Rahmenbedingungen und Angebote der IKS (siehe Strukturqua-
lität), Informationen über die allgemeine Arbeitsweise der IKS, der Schweigepflicht der Berater*in
sowie gegebenenfalls die Information über das fehlende Zeugnisverweigerungsrecht und die Da-
tenerhebung.

4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
34
Es erfolgt eine gemeinsame Planung des Hilfe- und Unterstützungsprozesses mit der*dem Be-
troffenen im Hinblick auf Schutz und Sicherheit, den Beratungsort und die Unterstützungsinhalte
sowie einem Beratungswunsch bzgl. der mitbetroffenen Kinder und Jugendlichen.
Beratungsinhalte und Umsetzung
Die Auswahl des Beratungsangebotes ergibt sich aus den vorhandenen Ressourcen, der Gefährdung
und dem Anliegen der Klient*innen und der fachlichen Überlegungen. Die Umsetzung erfolgt ent-
sprechend der Planung und Zielsetzung unter Berücksichtigung der Konzeption der jeweiligen IKS.
Je nach aktueller Situation und Anliegen der Betroffenen werden verschiedene Arten der Unterstüt-
zung angeboten:
Krisenintervention:
Die Beratung in akuten Krisen und Notsituationen erfolgt schnellstmöglich, nach polizeilicher Mel-
dung und Einverständnis der*s Betroffenen innerhalb eines Tages (Wochenenden oder Feiertage
nach max. drei Tagen) oder nach selbstständiger Kontaktaufnahme und Anfrage einer betroffenen
Person. Für Kriseninterventionen werden immer Zeiten für die sofortige Hilfestellung und Beratung
bereitgestellt. Fragen der Sicherheit und des Schutzes stehen dabei immer im Vordergrund.
Krisenintervention dient der Verhinderung von weiterer Gewalterfahrung und der Stabilisierung, bis
die betroffene Person Sicherheit und Schutz erlangt und ihre Lebenssituation wieder bewältigen
kann.
Kriseninterventionen können am Telefon oder persönlich, aber auch aufsuchend ein- oder mehr-
mals stattfinden.
Informationsvermittlung:
Es werden Informationen zu einer bestimmten Fragestellung im Zusammenhang mit häuslicher Ge-
walt und/oder Stalking vermittelt. Dies ist telefonisch, persönlich oder per E-Mail möglich.
(anonyme) Telefonberatung:
Dies ermöglicht aus verschiedenen Gründen (vollständig) anonym zu bleiben und bietet somit den
Betroffenen eine niedrigschwellige Möglichkeit, unabhängig von dem Ort und den Rahmenbedin-
gungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
35
Kurzfristige Beratung:
Dieses Angebot richtet sich an Betroffene, die zu einem begrenzten Problembereich eine Klärung und
Orientierung benötigen; zum Beispiel bei Entscheidungen hinsichtlich einer Anzeige, Trennung oder
die Aufklärung über die Mitbetroffenheit von Kindern und Jugendlichen. Die Gespräche können te-
lefonisch, schriftlich oder persönlich, einmalig oder auch mehrfach stattfinden.
Mittel- und langfristige Beratungen:
Diese werden bei komplexen Problemlagen im Zusammenhang mit Wegweisung, Stalking, Tren-
nung und Scheidung, Strafverfahren usw. angeboten. Auch traumasensible Langzeitberatungen
sind möglich.
Praktische Hilfen und Begleitungen:
Die Klient*innen können bei Bedarf praktische Hilfen in Form von Begleitungen zu Behörden, An-
wält*innen, Kliniken, Polizei oder bei Antragsstellungen (z. B. Leistungen nach Opferentschädi-
gungsgesetz, Arbeitslosengeld II, Wohnungswegweisung nach dem GewSchG etc.) bekommen.
Begleitungen in Straf- und Zivilverfahren:
Die IKS können auf Wunsch der Betroffenen und bei entsprechenden personellen Ressourcen, Be-
gleitungen im Straf- oder Zivilverfahren anbieten.
Inhalt der Begleitungen ist ausdrücklich nicht das „Einüben“ von Aussagen oder die Beeinflussung
der Klient*innen. Es geht darum, die Betroffenen zu stärken und sie nicht alleine zu lassen.
Die psychosoziale Prozessbegleitung erfolgt durch entsprechende externe Fachkräfte.
Vermittlung weiterer Hilfen:
Die Vermittlung weiterer Hilfen kann Inhalt jeglicher Beratung sein.
Die*der Berater*in ist sich des strukturellen Rahmens und der Aufgaben einer IKS bewusst, schätzt
ihre eigenen Kompetenzen, deren Grenzen und ihre eigene Zuständigkeit realistisch ein und vermit-
telt an zusätzliche oder weiterführende Hilfen wie zum Beispiel juristische Beratung, Erziehungsbe-
ratung, Suchtberatung, Schuldenberatung, Traumatherapie, Therapeut*innen.

4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
36
Kinder- und Jugendberatung
Es werden Informationen über die eigenständigen Angebote der Kinder- und Jugendberatung in den
IKS vermittelt.
Eine kurzfristige Beratung der mitbetroffenen Kinder und Jugendlichen dient dazu, gemeinsam mit
den Kindern und Jugendlichen die Erlebnisse mit häuslicher Gewalt und Stalking zeitnah aufzuar-
beiten, kindgerecht einzuordnen und eine Perspektive für diese zu entwickeln.
Bei mittel- und langfristigen Beratungen mit den mitbetroffenen Kindern und Jugendlichen liegt die
Konzentration darauf, die Ressourcen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen (wieder) in den
Vordergrund zu rücken und gemeinsam mit ihnen an der Umsetzung dieser zu arbeiten.
Für die fachliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie für ein Vorgehen bei Kindeswohl-
gefährdung liegt in den IKS ein einheitliches, inhaltlich fundiertes Konzept vor
„Mindestfachstan-
dards für die Arbeit der Kinder-
und Jugendarbeit in den IKS in Sachsen“.
Kontrolle des Interventionsprozesses
Im Austausch mit der*m Klient*in wird überprüft, ob das Vorgehen noch den Bedürfnissen und ver-
einbarten Zielen entspricht. Darüber hinaus dienen folgende Vorgehensweisen der Kontrolle des
Beratungsprozesses:
persönliche Reflexionen anhand der Dokumentation des Verlaufes und gegebenen-
falls relevanter Fachliteratur,
Ausgangslage und Beratungsanliegen sowie schriftlich festgehaltene Vereinbarun-
gen mit den Klient*innen,
Dokumentation über Anzahl der Termine, Weiterverweisungen und Abschluss der
Gespräche.

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4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
37
Abschluss und Auswertung
Der Abschluss des Unterstützungsprozesses erfolgt in enger Abstimmung mit der*m Klient*in. Der
Schwerpunkt liegt auf der Auswertung und der anschließenden Auflösung des Beratungsverhältnis-
ses. Dies umfasst folgende wichtige Inhalte:
sind Sicherheit und Schutz gelungen,
Rückschau auf Erreichtes und Nicht-Erreichtes,
die Zukunftsplanung der*s Betroffenen,
ggf. auch eine kritische Rückmeldung an die*den Berater*in,
Angebot, in möglichen künftigen Krisen erneut Kontakt aufnehmen zu können.
Struktursichernde Aufgaben
Personalverantwortung,
Teambesprechungen und kollegiale Beratungen,
Supervision und kollegiale Fallberatung,
Fortbildungen,
Dokumentation der Arbeit der IKS
quantitativ und qualitativ
für die Reflexion des
Unterstützungsprozesses und der Planung des weiteren Vorgehens, um Qualitäts-
management zu sichern,
Verwaltungsaufgaben:
Zuwendungs-/Vereinbarungsverfahren einschließlich Antrag, Dokumentation,
Abrechnung, Verwendungsnachweise,
Pflege und Wartung von Räumen, Technik, Ausstattung
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit mit Behör-
den und Organisationen des Gewaltschutzes
Die Unterstützung gewaltbetroffener Menschen erfordert abgestimmte Angebote und Maßnah-
men verschiedener Institutionen wie der Frauen*schutzeinrichtungen, der IKS, der Polizei, der Jus-
tiz, der Jugendhilfe und anderer Einrichtungen. Die IKS und Frauen*schutzeinrichtungen kooperie-

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4. Prozessqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
38
ren fallbezogen mit den erforderlichen Institutionen, den Männer*schutzeinrichtungen und Tä-
ter*innenberatungsstellen und wirken an der fallübergreifenden Kooperation mit. Die Zusammen-
arbeit mit dem zuständigen Jugendamt hinsichtlich Schutzes und individuellem Hilfebedarf von Kin-
dern und Jugendlichen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ist ein wichtiger Bestandteil der
Kooperationsarbeit.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplika-
tor*innen
Ausstellungen, Projekte, Aktionen, Schulungen,
Organisation berufs- und fachübergreifender Weiterbildungen für staatliche und
nichtstaatliche Einrichtungen,
Beteiligung an Schulungsmaßnahmen der sächsischen Polizeidirektionen,
Organisation von themenbezogenen Fachtagen,
Koordinierung und inhaltliche Gestaltung der regionalen Netzwerke,
Vorbereitung und Durchführung von Präventionsprojekten an Bildungseinrichtun-
gen,
Schulungen von Multiplikator*innen.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivi-
täten
Pressearbeit,
Unterstützung der öffentlichen Mediendarstellung,
Informationsbroschüren, Internetauftritt, Plakataktionen,
zielgruppenspezifische und barrierearme Veröffentlichungen (z.B. in leichter Spra-
che),
Fachvorträge,
öffentlichkeitswirksame Aktionen
Qualitätsentwicklung
Regelmäßige Überprüfung und Weiterentwicklung von Konzepten und Sicherheitsplänen entspre-
chend den aktuellen Bedarfen und Entwicklungen.

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5. Strukturqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
39
5.
Strukturqualität
Organisationsstruktur
Die IKS sind eine spezialisierte Beratungsstelle, die auch ambulante aufsuchende Arbeit/Beratung
durchführt. Die IKS sind an den Wochentagen telefonisch, per E-Mail und persönlich erreichbar, um
Beratungstermine zu vereinbaren. Auf Mitteilungen der Polizeidirektionen wird innerhalb von drei
Werktagen proaktiv ein Unterstützungs- und Beratungsangebot unterbreitet.
Die Kinder- und Jugendberatung (KJB) wird in den IKS als ein eigenständiger Bereich geführt.
Datenschutzkonzept
In den IKS werden die Grundsätze des Datenschutzes der Sozialdaten beachtet. Insbesondere wer-
den keine personenbezogenen Daten und Inhalte der Beratung ohne Einwilligung der betroffenen
Menschen an Dritte weitergegeben.
Personelle Ausstattung
Die Beratung wird durch hauptangestellte Mitarbeiter*innen geleistet. Um kontinuierlich qualitativ
hochwertige und vollumfängliche Arbeit zu leisten, ist folgende Personalstruktur erforderlich:
mind. zwei Vollzeitäquivalente (VZÄ) für die Erwachsenenberatung,
mind. eine VZÄ für die KJB,
mind. eine VZÄ für die fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit,
mind. eine VZÄ für die Bildungs- und Präventionsarbeit,
0,13 VZÄ für geschäftsführende Aufgaben und Verwaltung.
Die erforderlichen formalen Qualifikationen für in der Beratung tätige Mitarbeiter*innen umfassen:
ein einschlägiges Hochschul- oder Fachhochschulstudium im sozialpädagogischen
Bereich, alternativ eine Berufsausbildung oder Studium in einem anderen Fachbe-
reich,
einschlägige Erfahrung in der Arbeit und Beratung mit Gewaltbetroffenen,
Zusatzqualifikationen im beraterischen oder therapeutischen Bereich sind wün-
schenswert.

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5. Strukturqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
40
Der Einsatz von Hochschulpraktikant*innen zur Unterstützung ist möglich.
Durchschnittliche Arbeitszeitanteile für Realisierung des Leistungsspektrums
in %
Fallarbeit:
aufsuchende und ambulante Beratungen, Begleitung, Falldokumentation, fallbezo-
gene Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen
50 %
Vernetzungs- und Koordinierungsarbeit:
Schulungen, Weiterbildungen, Teilnahme an Runden Tischen
25 %
Öffentlichkeitsarbeit:
Fachtage, Ausstellungen, Aktionen
10 %
Supervision, Teamsitzungen, eigene Weiterbildungen:
15 %
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
angenehme Beratungsatmosphäre durch eine freundliche und aufgabengemäße
Gestaltung der Räume,
die Räume verfügen über ausreichenden Schallschutz,
die Größe und Anzahl der Räume entsprechen dem Umfang und Inhalt des Ange-
bots:
mindestens ein geschützter Beratungsraum für die Erwachsenenberatung,
mindestens ein geschützter Beratungsraum für die KJB mit geeignetem Angebot
an Beratungsmaterial,
mindestens ein Raum für (Team)besprechungen für mind. sechs Personen,
mindestens zwei Büroräume für Dokumentation und Verwaltungsaufgaben,
ein separater Pausenraum für die Mitarbeiter*innen inkl. Teeküche,
sanitäre Anlagen,

6. Ergebnisqualität
Interventions- und Koordinierungsstellen
41
der Eingang der IKS verfügt über eine Wechselsprechfunktion, Türspion und Si-
cherheitsschlösser,
für die Dokumentation, die Öffentlichkeits-, Fortbildungs- und Präventionsarbeit
stehen die erforderlichen technischen Geräte und Materialien vor Ort zur Verfü-
gung,
jede*r Mitarbeiter*in steht ein Arbeitsplatz zur Verfügung.
Die IKS verfügt über die erforderliche technische Ausstattung für eine adäquate Bürokommunika-
tion. Dies beinhaltet auch die Versorgung der Mitarbeiter*innen mit dienstlichen Mobiltelefonen
und Dienstlaptops, falls die Arbeitsstruktur mobile Erreichbarkeit erforderlich macht.
Für aufsuchende Beratung steht mindestens ein Dienstwagen zur Verfügung
6.
Ergebnisqualität
Die Ergebnisqualität bezieht sich auf die erbrachten Leistungen und gibt Auskunft darüber, ob die
Ziele aus Sicht aller Beteiligten (Vertreter*innen der Einrichtung, Klient*innen, Nutzer*innen, Mit-
arbeiter*innen und Kooperationspartner*innen) erreicht und Bedürfnisse befriedigt werden konn-
ten.
In der Regel erfolgt die Bewertung durch die IKS selbst und wird in den Alltag integriert. Zur Fest-
stellung der Ergebnisqualität werden Erhebungsmethoden verwendet, die die Besonderheiten jeder
Einrichtung und die Ressourcen berücksichtigen.
Entscheidende Kriterien für die Ergebnisqualität sind die Zufriedenheit der zu beratenden Personen
und der Nutzen der Beratung. Zu den Indikatoren zur Erfassung von Zufriedenheit und Nutzen ge-
hören quantitative und qualitative Daten, die sowohl durch direkte Befragung, als auch mittels indi-
rekter Erhebungen erfasst werden können. Sie beziehen sich sowohl auf die Bedürfnisse der Betei-
ligten als auch auf die Ausstattung der Institutionen (Strukturqualität) und ihre Leistungen (Prozess-
qualität). Quantitative Daten geben Auskunft über die Inanspruchnahme der Angebote der Inter-
ventionsstellen durch die Zielgruppe.

Interventions- und Koordinierungsstellen
42
Durch statistische Erhebungen kann unter anderem Folgendes dokumentiert werden:
Anzahl die telefonischen und persönlichen Beratungskontakte zu Betroffenen,
Anzahl der von der Polizeidirektion per Fax oder E-Mail übermittelten Fälle von häusli-
cher Gewalt und Stalking,
Anzahl der Kontakte von Angehörigen und anderen Bezugspersonen sowie professio-
nellen Unterstützer*innen,
Zugangswege sowie Überweisungen von anderen Institutionen,
Zusammensetzung der erreichten Zielgruppe: etwa Altersstruktur, Anzahl von Kli-
ent*innen mit Migrationshintergrund und mit Behinderung, Größe des Einzugsgebiets,
Problemlage
Allgemeine Kriterien für den Erfolg der Arbeit sind:
Stabilisierung der Klient*innen,
Information und Wissen über Rechte und Handlungsmöglichkeiten,
Handlungskompetenz unter Zuhilfenahme eigener Ressourcen,
Entscheidungskompetenz,
Gefühl von Sicherheit bei den Klient*innen,
Schutz und Beendigung/Einschränkung von Gewaltsituationen bzw. –verhältnissen,
Abwendung einer Kindeswohlgefährdung
Quantitative und qualitative Daten ergeben sich aber auch aus der Reflexion der Arbeit seitens der
Mitarbeiter*innen. Wichtige Instrumente sind Teambesprechungen, Fall-, Team- und Struktursup-
ervisionen, Konzeptionstage, Mitarbeiter*innen Gespräche, Jahresrückblicke und -planungen sowie
Formen der Selbstevaluation.
Darüber hinaus findet bei übergreifenden Fallkonferenzen sowie auf Tagungen, bei gemeinsamen
Fortbildungen und der Erarbeitung von Stellungnahmen ein gemeinsamer Reflexionsprozess zwi-
schen den Institutionen und Einrichtungen statt, der häufig in Bestandsaufnahmen, Leitbildern und
Umsetzungsstrategien dokumentiert wird.
Ein regelmäßiger Austausch mit den Kooperationspartner*innen des regionalen Netzwerkes, mit

7. Ausblicke
Interventions- und Koordinierungsstellen
43
Fachleuten aus den Bereichen Medizin, Polizei und Justiz, Politik und Wissenschaft sowie eine Aus-
wertung von Kooperationsbeziehungen ermöglichen die Erfassung der Ergebnisse aus Sicht der nicht
unmittelbar von der Arbeit Betroffenen.
Statistische Erfassung und Auswertung/Veröffentlichungen und Berichte
Erfassen der Zufriedenheit und Entwicklung der Zielgruppe, Vernetzungs- und Ko-
operationspartner, Mitarbeitende
7.
Ausblicke
Die beschriebenen Qualitätsstandards stellen die erforderlichen Rahmenbedingungen dar, um konti-
nuierlich qualitativ hochwertige professionelle Unterstützung zu leisten. Die derzeitige Situation ist
so, dass von häuslicher Gewalt und Stalking betroffene Erwachsene, Kinder und Jugendliche keinen
Rechtsanspruch auf Beratung und Unterstützung haben. Dadurch fehlt eine notwendige langfristig
abgesicherte, einheitliche und verlässliche Finanzierung der IKS. Folglich arbeiten die IKS ohne Pla-
nungssicherheit und die materiellen und personellen Ressourcen sind nicht immer ausreichend vor-
handen, um die dargestellten Qualitätsstandards vollumfänglich umzusetzen. Eine langfristig gesi-
cherte Finanzierung ist unerlässlich, um den Bedarfen der Betroffenen vollumfänglich gerecht zu
werden und um insbesondere auch die Netzwerk- und Präventionsarbeit deutlich zu stärken. Derzeit
kann die Präventionsarbeit nur im Ansatz geleistet werden.
Die Präventions- und Bildungsarbeit stellt einen wichtigen Baustein im Kampf gegen häusliche Ge-
walt und Stalking dar. Diese sollte in den nächsten Jahren verstärkt in den Fokus genommen werden.
Dafür sind zusätzliche materielle und personelle Ressourcen erforderlich. Um Synergieeffekte zu er-
reichen sollten zeitgleich Weiterbildungsmaßnahmen für alle involvierten Berufsgruppen, vor allem
Lehrer*innen und Erzieher*innen, Ärzt*innen sowie Familienrichter*innen, intensivst gefördert
werden. Eine Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden und landesweit sowie regional
agierenden Institutionen ist erwünscht.
Des Weiteren bedarf es einer zeitnahen landesweit einheitlichen Regelung für die Kinder- und Ju-
gendberatung (KJB) in den IKS. Die Basis der gesetzlichen Grundlagen kann fußen auf:
Die Zustimmung zur Beratung durch den Kinder/Jugendlichen begleitenden Eltern-
teils ist ausreichend (§ 1687 Abs. 1 S. 2 BGB).

7. Ausblicke
Interventions- und Koordinierungsstellen
44
Kinder und Jugendliche haben einen gesetzlichen Anspruch auf Beratung, welcher
sichergestellt werden muss (§ 8 Abs. 3 Achtes Buch Sozialgesetzbuch
Kinder und
Jugendhilfe
[SGB VII], Art. 19 Abs. 1 Übereinkommen über die Rechte des Kindes
[UN-Kinderrechtskonvention], Art. 18 Abs. 3 und Art. 26 Abs. 2 Istanbul-Konven-
tion).
In den einheitlichen Regelungen sollte ebenfalls enthalten sein, wie die konkrete Arbeit mit Jugend-
lichen gestaltet werden kann, die in ihren eigenen ersten Paarbeziehungen Gewalt erleben. Dabei
ist festzuhalten, wie die Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe struk-
turiert ist. Im optimalen Fall kann eine rahmengebende Kooperationsvereinbarung verabschiedet
werden.
Ein weiterer Aspekt stellt der zunehmende Anteil an Betroffenen mit Migrationshintergrund dar. Die
gesicherte vollständige Kostenübernahme für den Einsatz von qualitativ hochwertigen Dolmetscher-
diensten sollte in den nächsten Jahren besprochen und idealerweise finalisiert werden.
Die LAG gewaltfreies Zuhause Sachsen möchte zunehmend die Perspektive der Betroffenen stärker
in den Prozess der Qualitätssicherung integrieren. Die Rückmeldungen der Klient*innen können
dazu beitragen, dass Hilfeangebot zu optimieren. In den kommenden Jahren soll ein Konzept zur
Umsetzung dessen entwickelt werden.
Qualitätsstandards sind das Ergebnis eines kontinuierlichen Reflexions- und Veränderungsprozes-
ses zur Verbesserung des Angebotes im Sinne aller Beteiligten unter Berücksichtigung neuer Er-
kenntnisse und der sich daraus ergebenden Aufgaben. Allen Interventions- und Koordinierungsstel-
len für Betroffene von häuslicher Gewalt und Stalking in Sachsen ist der regelmäßige Austausch über
Qualitätsstandards und ihre Weiterentwicklung wichtig. Ziel ist es, einen gemeinsamen, den Zielset-
zungen der Arbeit entsprechenden Prozess der Qualitätsentwicklung zu gestalten und die dafür er-
forderlichen Ressourcen in Form von Informationen, Standards und Vorschlägen zur Ergebnissiche-
rung zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund spricht sich die LAG gewaltfreies Zuhause Sachsen
für eine Evaluierung dieser Qualitätsstandards nach fünf Jahren aus.

image
Fachberatungsstelle KOBRAnet
45
Qualitätsstandards der Fachberatungs-
stelle KOBRAnet
erarbeitet von:
KOBRAnet
Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel und Betroffene von Ge-
walt im Namen der Ehre
Ansprechpartnerin:
Ulrike Richter
E-Mail:
info@kobranet.eu
Telefon:
+49 351 8732 3610
(Dresden)
+49 341 3068 2929
(Leipzig)
+49 179 5928 337
(mobil)
Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel
und Betroffene von Gewalt im Namen der
Ehre

Inhaltsverzeichnis
Fachberatungsstelle KOBRAnet
46
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
54
2.
Zielgruppe
55
3.
Grundsätze der Arbeit
55
3.1.
Selbstverständnis
55
3.2.
Ziele
57
4.
Prozessqualität
59
4.1.
Kernaufgaben
59
4.2.
Struktursichernde Aufgaben
61
4.3.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
62
4.4.
Aktivitäten der Prävention und Arbeit mit Multiplikator*innen
63
4.5.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivitäten
63
4.6.
Qualitätsentwicklung
65
5.
Strukturqualität
65
5.1.
Organisationsstruktur
65
5.2.
Personalstruktur
65
5.3.
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
67
6.
Ergebnisqualität
68
6.1.
Statistische Erfassung, Auswertung, Veröffentlichungen und Berichte
68
6.2.
Erfassen der Zufriedenheit und Entwicklung der Zielgruppe, Vernetzungs- und
Kooperationspartner, Mitarbeitende
68
7.
Ausblicke
70
8.
Literaturverzeichnis
71

1. Einleitung
Fachberatungsstelle KOBRAnet
47
1.
Einleitung
KOBRAnet ist eine Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel und Betroffene von Gewalt
im Namen der Ehre in Sachsen, die seit Mitte der 90er Jahre aktiv ist. Träger ist die Hiller-
sche Villa gGmbh in Zittau.
Die Fachberatungsstelle hat vier Arbeitsschwerpunkte:
Beratung und Betreuung von Personen, die von Menschenhandel zum Zweck der se-
xuellen Ausbeutungs- und Zwangsprostitution betroffen sind,
Aufsuchende Sozialarbeit im sächsischen Prostitutionsmilieu,
Beratung und Betreuung von Personen, die von Gewalt im Namen der Ehre betrof-
fen sind,
Betreiben einer Schutzwohnung.
KOBRAnet arbeitet landesweit und verfügt über zwei Büros
in Dresden und in Leipzig. Die Arbeit
der Fachberatungsstelle ist von einer hohen Mobilität geprägt, die verschiedene Ursachen hat:
Aufsuchende Sozialarbeit in den Kommunen, in denen Prostitutionsausübung er-
laubt ist
das sind Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau, Görlitz und Plauen
Personen, die sich im Asylverfahren befinden, werden im Anschluss an den Aufent-
halt in einer Erstaufnahmeeinrichtung durch die Landesdirektion dezentral im gan-
zen Bundesland untergebracht. Beratungstermine in den Büros von KOBRAnet sind
nicht immer möglich, z. B. aufgrund räumlicher Beschränkungen des Aufenthalts
oder wegen nicht ausreichender finanzieller Ressourcen.
Die Klärung von Behördenangelegenheiten, die Begleitung zu Polizei-, Gerichts-
und Rechtsanwält*innenterminen oder die Begleitung zu medizinischen Terminen
erfordern die Präsenz der Mitarbeiterinnen* vor Ort.
Bei Betroffenen von Menschenhandel oder Gewalt im Namen der Ehre ist von einem
erhöhten Gefährdungspotential auszugehen, welches ein Aufsuchen der Beratungs-
stelle unter Umständen nicht möglich macht.
Überregionale Netzwerk- und Gremienarbeit erfordern Mobilität.

image
3. Grundsätze der Arbeit
Fachberatungsstelle KOBRAnet
48
2.
Zielgruppe
Personen, vorwiegend Frauen*, die Opfer von Menschenhandel oder Zwangspros-
titution sind,
Betroffene (vorwiegend Frauen*) von Gewalt im Namen der Ehre
z. B. Personen,
die zwangsverheiratet wurden oder von Zwangsheirat bedroht sind, Personen, die
von Ehrenmord bedroht sind,
Sexarbeiter*innen im sächsischen Prostitutionsmilieu
3.
Grundsätze der Arbeit
Selbstverständnis
„Es ist nicht gleichgültig, woher Soziale Arbeit ihr Selbstverständnis bezieht. Im Gegenteil,
konzep-
tuelle Vorentscheidungen wie
‚personenbezogene Dienstleistung‘ oder ‚Menschenrechtsprofession‘
bestimmen in hohem Maße Theoriebildung, Werteverständnis und Zielsetzungen sowie Hand-
lungswissen einer Profession und damit auch der Sozialen Arbeit.“
1
KOBRAnet als spezialisierte Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und Gewalt
im Namen der Ehre (FBS) handelt aus der Perspektive der Wahrung von Menschenrechten. Mit ihrer
fachlichen Kompetenz machen sich die Mitarbeiterinnen* für die Interessen der Betroffenen stark
und treten gegen strukturelle Gewalt ein.
Im Fokus stehen vorwiegend Frauen*, die von Menschenhandel oder Gewalt im Namen der Ehre
und damit von Menschenrechtsverletzungen bedroht oder betroffen sind.
Dabei sind
vier Leitmotive
Bestandteil des Selbstverständnisses und Richtschnur für das professio-
nelle Handeln: kritische Parteilichkeit für die Betroffenen, fachliche Kompetenz, antidiskriminieren-
der Ansatz und Eintreten für gesellschaftliche und politische Änderungen:
1
Staub-Bernasconi 2007, S.21

image
3. Grundsätze der Arbeit
Fachberatungsstelle KOBRAnet
49
Leitmotive:
Das Prinzip der kritischen Parteilichkeit für die Betroffenen meint keine allumfassende Parteinahme
mit Ansichten der Klient*innen, sondern vielmehr eine kritische Reflexion der Lebenssituation der
Betroffenen in ihrem Interesse.
2
Die Mitarbeiterinnen* wahren die Autonomie der Klient*innen und
orientieren sich an ihren subjektiven Bedürfnissen sowie an den gesellschaftlichen Rahmenbedin-
gungen.
Fachliche Kompetenz muss kontinuierlich gepflegt werden. Aufgrund des ständigen rechtlichen und
politischen Wandels und von Veränderungen bei den Zielgruppen eignen sich die Beraterinnen* der
FBS stetig Fachwissen zu rechtlichen Neuregelungen und politischen Rahmenbedingungen sowie
zu den Anforderungen der Zielgruppe wie traumasensible Beratungskompetenzen, Wissen über die
Situation in Herkunftsländern oder (asyl-)rechtliche Bestimmungen an. Gegenseitiger fachlicher
und kollegialer Austausch besteht im Dachverband Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Men-
schenhandel e. V. und in der ostdeutschen Vernetzung OSTnet.
Zur Fachlichkeit gehört auch das Arbeiten in Netzwerken und Kooperationen. Um den sich wandeln-
den Bedarfen der Betroffenen gerecht zu werden, werden bestehende Netzwerke kontinuierlich er-
weitert.
2
vgl. KOK Handbuch Kapitel II, S. 3-4

image
3. Grundsätze der Arbeit
Fachberatungsstelle KOBRAnet
50
Die Mitarbeiterinnen* leisten psychosoziale Beratung mit Ansätzen der Antidiskriminierung, des
Antirassismus und Antisexismus.
3
Dazu gehört, die Klient*innen nicht auf ihr Opfer-Sein zu reduzie-
ren, Reviktimisierung zu vermeiden und keine neuen Abhängigkeiten entstehen zu lassen. Sie wer-
den im Rahmen der Beratung ermutigt, eigene Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Es wird ver-
sucht, Handlungsspielräume mit den Klient*innen gemeinsam zu erweitern und Wahlmöglichkeiten
und Perspektiven zu erarbeiten, so dass ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht wird.
Neben der Beratungstätigkeit gehört zur Arbeit als FBS wesentlich, für die Rechte der Betroffenen
auch in Gesellschaft und Politik einzutreten und sich für nötige strukturelle Veränderungen einzu-
setzen. Die politische Arbeit umfasst dabei Themen wie z. B. die Benachteiligung von Frauen*, Ge-
walt an Frauen* im Migrationsprozess oder strukturelle Benachteiligung von Migrantinnen*.
Ziele
4
Die Arbeit der spezialisierten FBS ist werteorientiert und zielgeleitet. Sie orientiert sich an folgenden
Zielen, um Betroffene von Menschenhandel umfassend zu unterstützen:
Nachhaltigkeit: langfristige und auf die Zukunft orientierte Arbeit,
Verbesserung der Lebenssituation Betroffener,
Hilfe zur Selbsthilfe und Empowerment,
Sicherung der Arbeit der FBS,
Netzwerke und Kooperationen,
Prävention.
Nachhaltigkeit
Die Arbeit der FBS ist darauf ausgerichtet, möglichst nachhaltige Ergebnisse zu erzielen
sowohl
im individuellen Beratungsprozess und der Interaktion mit den Klient*innen als auch im Bereich der
gesellschaftspolitischen Einflussnahme. „Nachhaltigkeit zielt auf die dauerhaft stabile Sicherung
und Durchsetzung von Menschenrechten und mit ihnen Lebensführungskompetenzen des Einzel-
nen, die auch auf die Zukunft hin belastbar sind.“
5
3
vgl. KOK Handbuch Kapitel II, S. 4
4
Vgl. KOK Handbuch Kapitel III
5
Lob-Hüdelpohl 2007, S.134, in KOK Handbuch Kapitel III, S.1

3. Grundsätze der Arbeit
Fachberatungsstelle KOBRAnet
51
Verbesserung der Lebenssituation Betroffener
Zentrales Ziel der Arbeit von FBS ist es, die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern. Dieses
Ziel wird auf zwei Ebenen verfolgt: individuell in der Beratung mit der jeweiligen Person und über-
geordnet durch gesellschaftspolitische Arbeit. Die Lebenssituationen der Betroffenen sind aufgrund
ihrer Lebenswege und der erlebten Gewalt sehr unterschiedlich. Eines der wichtigsten Ziele der psy-
chosozialen Beratung ist, dass Betroffene die Kontrolle über ihr Leben (wieder)gewinnen und selbst-
bestimmt entscheiden und handeln können. Das Beratungsangebot kann den äußeren Rahmen da-
für schaffen.
Hilfe zur Selbsthilfe und Empowerment
Die Stärkung der Selbsthilfepotenziale der Betroffenen ist zugleich Ziel und Handlungskonzept der
FBS. Die Klient*innen werden in Anbetracht ihrer Gewalterfahrungen, der erlebten Diskriminie-
rung, biografischen Brüchen und der Entmächtigung zu selbstbestimmtem Handeln ermutigt und
„auf dem Weg dahin“ psychosozial begleitet. Das Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe korrespondiert mit
dem Konzept von Empowerment. „Das
Empowerment-Konzept richtet den Blick auf die Selbstge-
staltungskräfte der Adressaten Sozialer Arbeit und auf die Ressourcen, die sie produktiv zur Verän-
derung von belastenden Lebensumständen einzusetzen vermögen.“
6
Damit steht Empowerment
im Gegensatz zu einem defizitorientierten Bild von Klient*innen.
Sicherung der Arbeit von FBS
Solange Politik und Gesellschaft nicht in der Lage sind, Menschenhandel und Gewalt im Namen der
Ehre wirkungsvoll zu verhindern, sind der Schutz und die Betreuung der Betroffenen durch speziali-
sierte FBS nicht nur gesellschaftlicher Auftrag, sondern vielmehr ausdrückliche gesellschaftliche
und politische Verpflichtung. Neben der konkreten Unterstützung Betroffener leisten FBS einen
Beitrag zur Bekämpfung von Menschenhandel und Gewalt im Namen der Ehre sowie zur Prävention.
Die finanzielle Absicherung der Fachberatungsstellen durch die Bundesländer ist daher dringend er-
forderlich.
Netzwerke und Kooperationen
Der Aufbau tragfähiger Netzwerke und Kooperationen ist ein weiteres wesentliches Ziel der FBS.
Die Wirksamkeit der verschiedenen Maßnahmen gegen Menschenhandel und Gewalt im Namen der
6
Herringer 2006, S.7, in: KOK Handbuch, Kapitel III, S.2

image
4. Prozessqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
52
Ehre hängt im Wesentlichen davon ab, inwieweit es gelingt, die verschiedenen Interessen und Hand-
lungsansätze der gesellschaftlichen Akteur*innen in ein kooperatives Miteinander zu bringen. Ziele
von Kooperation und Vernetzung sind u. a.:
Betroffene von Menschenhandel und Gewalt im Namen der Ehre bedarfsgerecht zu
unterstützen im Hinblick auf verschiedenste Lebensbereiche und Anforderungen,
einen ganzheitlichen, interdisziplinären und gesamtgesellschaftlichen Ansatz ge-
gen Menschenhandel und ehrbezogene Gewalt zu implementieren,
gesamtgesellschaftlich für die Themen zu sensibilisieren,
Menschenrechtsverletzungen an Frauen* kontinuierlich auf die politische Agenda
zu setzen.
Prävention
FBS verfolgen das Ziel, Menschenhandel und Gewalt im Namen der Ehre mit präventiven Maßnah-
men entgegenzuwirken. Dies umfasst sowohl Individual- als auch allgemeine Prävention. Sie zielt
im Wesentlichen darauf ab, die Situation der Klient*innen nachhaltig so zu verbessern, dass sie nicht
erneut Opfer von Menschenhandel oder anderer Gewaltformen werden. Die Individualprävention
ist Ziel und Ergebnis der stabilisierenden Arbeit der FBS. Die allgemein präventive Arbeit der FBS
wird durch weitreichende Vernetzungen mit verschiedensten Akteur*innen, auch international, ge-
leistet.
4.
Prozessqualität
Kernaufgaben
Kontaktaufnahme/Aufnahme
Beratung
Die Kontaktaufnahme findet selten direkt durch die Klient*innen statt. Der Erstkontakt erfolgt
meist über eine der folgenden Möglichkeiten:
Polizei, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Frauen- oder Männerhäuser, Frauen- oder Migra-
tionsberatungsstellen, Erstaufnahmeeinrichtungen oder Gemeinschaftsunterkünfte, Gesundheits-
ämter, Arztpraxen oder Kliniken, Freund*innen, Lehrer*innen, Freier.

4. Prozessqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
53
Schutzwohnung
Untergebracht werden Frauen*, die von Menschenhandel oder Gewalt im Namen der Ehre betrof-
fen sind. Im Einzelfall ist auch die Unterbringung von Paaren möglich, die gemeinsam auf der Flucht
sind.
Im Zusammenhang mit einem Erstkontakt oder im Rahmen einer schon länger andauernden Bera-
tung stellt sich heraus, dass die Person in die eigene Schutzwohnung aufgenommen werden soll.
Im Rahmen der Aufnahme erfolgt eine genaue Einweisung in die Sicherheitsregularien, Hausord-
nung und organisatorischen Abläufe.
Aufsuchende Sozialarbeit
Im Rahmen der aufsuchenden Arbeit finden in der Regel nur Kurzkontakte statt. Die Kontaktauf-
nahme geht von den Mitarbeiterinnen* der Beratungsstelle aus.
Besteht ein intensiver Beratungsbedarf, werden dafür separate Termine vereinbart.
Ablauf und Inhalte der Hilfeleistung
Erstgespräch:
Klärung der Problemlage und des Hilfe- und Unterstützungsbedarfs,
Erhebung wichtiger Daten,
Aufklärung über die Arbeitsweise und Angebote der FBS
Inhalte der Beratung / Hilfeleistung:
Schaffung von Rahmenbedingungen sichere und geschützte Unterbringung der
Betroffenen,
Begleitung zu Behördengängen (Einwohnermeldeamt, Ausländerbehörde, Job-
center),
Begleitung zu Konsulaten,
Abklärung der gesundheitlichen Situation, Begleitung zu Arztterminen, Vermitt-
lung von Therapeut*innen,
psychosoziale Beratung,
Vermittlung zusätzlicher Beratungsangebote (z. B. Schuldnerberatung, Weißer
Ring etc.),

image
4. Prozessqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
54
Begleitung zu Polizeiterminen und Vernehmungen,
Gerichtsbegleitung, Prozessvorbereitung und -nachbereitung,
Recherche/Vermittlung bzgl. Angeboten zum Spracherwerb
wie z. B. Deutsch-
kurse, Nachhilfe etc.,
Vermittlung von Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen,
Rückkehrhilfen,
Krisenintervention,
Informationsvermittlung zu verschiedenen Themen
Die konkreten Inhalte der Beratung orientieren sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Klient*in-
nen.
Struktursichernde Aufgaben
Personalverantwortung
Die Personalverantwortung liegt grundsätzlich beim Träger (Hillersche Villa gGmbh). Teile der Per-
sonalverantwortung sind an die Projektleitung delegiert.
Supervision und kollegiale Fallberatung
Im Rahmen regelmäßig stattfindender Teamberatungen wird kollegiale Fallberatung durchgeführt.
Supervision ist eine wichtige Voraussetzung für die Prozessqualität und dient der Psychohygiene
der Mitarbeiterinnen*. Finanzielle Mittel dafür müssen Bestandteil der Förderung sein.
Verwaltungsaufgaben
Verwaltungsaufgaben (Zuwendungs- und Vereinbarungsverfahren einschließlich Antrag, Doku-
mentation, Abrechnung, Verwendungs- und Leistungsnachweis) werden sowohl von der Projektlei-
tung als auch von der Geschäftsführung des Trägers übernommen.
Pflege und Wartung von Räumlichkeiten, Technik, KFZ und Ausstattung wird von den jeweiligen
Mitarbeiterinnen* vor Ort vorgenommen.

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4. Prozessqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
55
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
Fachliche Vernetzung auf nationaler und überregionaler Ebene findet vor allem durch die Mitglied-
schaft und Mitarbeit im KOK (Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e. V.), im
OSTnet (Vernetzung der ostdeutschen Fachberatungsstellen) und in der Landesarbeitsgemein-
schaft (LAG) gewaltfreies Zuhause Sachsen statt.
Beratung und Unterstützung der oben beschriebenen Klientel kann nur in Zusammenarbeit mit un-
terschiedlichen Akteur*innen vor Ort verwirklicht werden. Daher vernetzt sich KOBRAnet kontinu-
ierlich mit möglichen Kooperationspartner*innen.
Ziel der Zusammenarbeit ist einerseits, das Angebot von KOBRAnet bekannt zu machen und Zu-
gänge sowie Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene von Menschenhandel und Gewalt im Na-
men der Ehre zu schaffen. Andererseits dient die Vernetzung der Entwicklung eines sachgerechten
Opferschutzes in Sachsen sowie dem Ausbau der Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene.
KOBRAnet sucht daher immer wieder Kooperationspartner*innen unterschiedlicher Berufsgruppen
und koordiniert fallbezogen die Zusammenarbeit mit allen involvierten staatlichen und nichtstaatli-
chen Beteiligten, wie z. B.:
Ministerien des Landes,
Landeskriminalamt (LKA)/Polizeiliche Dienststellen,
Ausländerbehörden,
Arbeitsämter/Jobcenter/Sozialämter,
Jugendämter,
Schutz- und Unterbringungseinrichtungen (Frauen- und Männerhäuser),
unterschiedlichen Beratungsstellen,
Flüchtlingsunterkünfte
Erstaufnahmeeinrichtungen, Gemeinschaftsunterkünfte,
Gesundheitsämter/Ärzt*innen/Therapeut*innen,
Gerichte,
Zeug*innenbegleitstellen,
Justizvollzugsanstalten,
Rechtsanwält*innen,
Staatsanwaltschaften,
Private Unterstützer*innen,

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4. Prozessqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
56
Projekte in den Herkunftsländern,
Botschaften/Konsulate,
Angehörige,
Freier,
Dolmetscher*innen,
nationale NGOs.
Aktivitäten der Prävention und Arbeit mit Multiplikator*in-
nen
Aktivitäten in diesem Bereich finden in unregelmäßigen Abständen statt
je nach Bedarf und Nach-
frage.
Mögliche Aktivitäten:
Fachtage, Informationsveranstaltungen und Vorträge zu den Themen Menschen-
handel, Kinderhandel, Sexarbeit und Gewalt im Namen der Ehre,
Präventionsveranstaltungen an Schulen zu den Themen Loverboys und Zwangsver-
heiratung,
Frauen-Cafés in Erstaufnahmeeinrichtungen
Information für geflüchtete Frauen*
zu den Themen Menschenhandel, Zwangsverheiratung, sexualisierte Gewalt, häus-
liche Gewalt.
Darüber hinaus hat die aufsuchende Sozialarbeit im sächsischen Prostitutionsmilieu präventiven
Charakter. Im Rahmen dieser Tätigkeit finden in der Regel jährlich ca. 1.000 Kontakte mit Sexarbei-
ter*innen statt.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivi-
täten
Anfragen von unterschiedlichen Medien werden je nach Situation, Thema und Inhalt entweder po-
sitiv oder negativ beantwortet. Anfragen bzgl. Interviews mit Betroffenen werden aus Sicherheits-
gründen meist abgelehnt.

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image
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5. Strukturqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
57
In unregelmäßigen Abständen werden Interviews für Printmedien, TV oder Radio gegeben
in der
Regel zu den Themen Menschenhandel oder Sexarbeit.
Mehrmals jährlich werden Interviews für Studierende verschiedener Fachrichtung gegeben, die Ba-
chelor-, Master- oder Doktorarbeiten zum Thema Menschenhandel verfassen.
Qualitätsentwicklung
Die Konzeption der Fachberatungsstelle wird jedes Jahr reflektiert und gegebenenfalls angepasst.
Sicherheitsbelange, die die einzelnen Arbeitsbereiche betreffen, werden immer wieder besprochen
und reflektiert - dies betrifft v. a. die Sicherheit in der Schutzwohnung, Vorsichtsmaßnahmen bei
der aufsuchenden Sozialarbeit sowie die Sicherheit der Mitarbeiterinnen*. Für die Mitarbeiterin-
nen* werden Auskunftssperren bei den zuständigen Meldebehörden eingerichtet.
5.
Strukturqualität
Organisationsstruktur
Erreichbarkeit
Die Fachberatungsstelle hat keine festen Beratungszeiten. Termine werden nach Vereinbarung ver-
geben und häufig außerhalb der Büroräume durchgeführt.
Datenschutz
In der Fachberatungsstelle KOBRAnet werden die Grundsätze des Datenschutzes beachtet. Es wer-
den keine personenbezogenen Daten von Klient*innen ohne deren Zustimmung an Dritte weiter-
gegeben.
Personalstruktur
Um die Aufgaben der Fachberstungsstelle adäquat erfüllen zu können, ist eine Personalausstattung
von mindestens 3,5 VZÄ erforderlich.
Als Qualifikation muss ein abgeschlossenes Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik bzw. ein ver-
gleichbarer Abschluss nachgewiesen werden. Bereitschaft zu Fort- und Weiterbildung muss vorhan-
den sein.

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5. Strukturqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
58
Prozentuale Aufteilung der Aufteilung der Aufgaben und Arbeitsin-
halte auf eine Vollzeitstelle bezogen:
in %
Fallbezogene Arbeit/Beratungen/Begleitungen
45 %
Aufsuchende Sozialarbeit
14 %
Schutzwohnung
3 %
Team/Weiterbildung
10 %
Vernetzung/Gremienarbeit
10 %
Öffentlichkeitsarbeit
5 %
Geschäftsführende Aufgaben/Verwaltung
13 %
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
Ausstattung Zweigstelle Leipzig
Räumliche Ausstattung: zwei Büroräume mit guter Anbindung an den ÖPNV
Sachliche und technische Ausstattung: Mobiliar, Telefon, PC mit Internetzugang, Kopiergerät
Ausstattung Zweigstelle Dresden
Räumliche Ausstattung: ein Büroraum mit guter Anbindung an den ÖPNV
Sachliche und technische Ausstattung: Mobiliar, Telefon und Internetzugang
Aufgrund der hohen Mobilität müssen für die Arbeit zwei Dienstwägen zur Verfügung stehen sowie
Mobiltelefone für alle Mitarbeiterinnen*.
Ausstattung Schutzwohnung
Räumliche Ausstattung: Drei-Raum-Wohnung mit guter Anbindung an den ÖPNV, zwei Klient*in-
nenzimmer, Wohnzimmer, Küche, Bad, Balkon
Sachliche und technische Ausstattung: komplette Wohnungsausstattung, Küche mit Waschma-
schine, Möbel, TV, Haushaltsgegenstände, Bettwäsche, Handtücher

image
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6. Ergebnisqualität
Fachberatungsstelle KOBRAnet
59
6.
Ergebnisqualität
Statistische Erfassung, Auswertung, Veröffentlichungen
und, Berichte
Statistik
Alle Erstkontakte werden statistisch erfasst
dabei werden in der Regel folgende
Daten erhoben: Geschlecht, Alter, Nationalität, Zugangsweg zur Beratungsstelle,
Problemstellung, Art der Hilfe/Unterstützung, Beratungsdauer.
Statistische Erfassung von Öffentlichkeitsarbeit, Gremienarbeit, Teilnahme an Ver-
anstaltungen.
Im Bereich der aufsuchenden Sozialarbeit werden folgende Daten erhoben: Art des
Prostitutionsbetriebes, Anzahl und Nationalität der angetroffenen Sexarbeiter*in-
nen.
Für die Schutzwohnung wird Dauer und Anlass des Aufenthalts erfasst sowie Perso-
naldaten der Bewohner*in und die jeweilige Finanzierung.
Berichte
Einmal jährlich wird ein Sachbericht verfasst, indem die statistischen Daten sowie allgemein die Tä-
tigkeit der Beratungsstelle dargestellt und ausgewertet werden.
Erfassen der Zufriedenheit und Entwicklung der Zielgruppe,
Vernetzungs- und Kooperationspartner, Mitarbeitende
Die Zufriedenheit von Zielgruppen, Kooperations- und Vernetzungspartnern wird nicht statistisch
erfasst. In direkter Befragung wird die Zufriedenheit in unregelmäßigen Abständen mündlich abge-
fragt und kommuniziert. Eine Befragung im Rahmen der aufsuchenden Sozialarbeit ist aufgrund der
Rahmenbedingungen nicht möglich.
Entwicklungen und Tendenzen in Bezug auf die verschiedenen Zielgruppen werden analysiert und
gegebenenfalls in den Sachbericht aufgenommen.
Bezüglich der Entwicklungen im sächsischen Prostitutionsmilieu steht KOBRAnet im engen Aus-
tausch mit den jeweiligen Gesundheitsämtern und Beratungsstellen für Sexarbeit.

7.
Ausblicke
Fachberatungsstelle KOBRAnet
60
7.
Ausblicke
Grundsätzlich ist die Entwicklung von Qualitätsstandards das Ergebnis eines kontinuierlich andau-
ernden Reflexions- und Veränderungsprozesses zur Verbesserung des Angebots im Sinne aller Be-
teiligten. Die oben beschriebenen Qualitätsstandards orientieren sich an den Mindestvoraussetzun-
gen für eine qualitativ gute Arbeit in den umrissenen Themengebieten. Auf diesem Hintergrund
lässt sich feststellen, dass für die Fachberatungsstelle KOBRAnet einige Anpassungen erforderlich
sind, zurzeit jedoch aufgrund mangelnder finanzieller Ausstattung nicht umsetzbar sind.
Veränderungsbedarf ist in folgenden Bereichen erforderlich:
Supervision für die Mitarbeiterinnen*
muss zur Sicherung der Prozessqualität be-
reitgestellt werden, kann aktuell jedoch nicht geboten werden.
Aktuell verfügt die Fachberatungsstelle über 2,5 VZÄ. Es bedarf einer
personellen
Aufstockung
um mindestens eine Personalstelle, damit die laufenden Aufgaben
ohne die Anhäufung von Überstunden erfüllt werden können und dringend erforder-
liche Fortbildungs- und Präventionsmaßnahmen durchgeführt werden können. In
diesem Zusammenhang sind v. a. Fortbildungsmaßnahmen im Polizeibereich und
Präventionsmaßnahmen in Schulen zu nennen.
Aktuell steht ein Dienstwagen zur Verfügung. Die
Bereitstellung eines zweiten
Dienstwagens
ist erforderlich. Durch die dezentrale Arbeit im ganzen Bundesland
sowie die aufsuchende Sozialarbeit im sächsischen Prostitutionsmilieu ist Mobilität
ein wichtiges Element, um dem Arbeitsauftrag gerecht werden zu können. Es ist
nicht vertretbar, dass zur Umsetzung der Arbeitsziele dauerhaft ein Privat-PKW ge-
nutzt werden muss.
KOBRAnet betreibt seit Herbst 2018 eine eigene Schutzwohnung in Leipzig. Die Erfahrungen der
ersten zwei Jahre sind sehr positiv. Allerdings stellt es sich immer wieder als Problem dar, dass Be-
troffene aufgrund verschiedener Gefährdungsaspekte nicht aufgenommen werden können. Zu nen-
nen sind hierbei Opfer von Menschenhandel, die in Leipzig gearbeitet haben und in einem entspre-
chend großen räumlichen Abstand untergebracht werden müssen, damit sie in der Folge nicht Tä-
ter*innen oder Freiern begegnen. Das Gleiche gilt für Betroffene von Gewalt im Namen der Ehre,
die aus Leipzig oder Umgebung stammen. Auch sie müssen in einem sicheren Abstand unterge-

8. Literaturverzeichnis
Fachberatungsstelle KOBRAnet
61
bracht werden, damit sie nicht von Familienangehörigen gefunden werden oder ihnen zufällig be-
gegnen.
Perspektivisch erscheint es daher sinnvoll, eine zweite Schutzwohnung in Dresden zu eröffnen.
Größe und Ausstattung sollten der Wohnung in Leipzig entsprechen.
8.
Literaturverzeichnis
KOK, Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel. 2012.
Handbuch zur Aus- und
Fortbildung und Qualitätssicherung für Fachberatungsstellen für Betroffene von Frauen-/Menschen-
handel
Staub-Bernasconi, Silvia. 2007. Soziale Arbeit: Dienstleistung oder Menschenrechtsprofession?
Zum Selbstverständnis Sozialer Arbeit in Deutschland mit einem Seitenblick auf die internationale
Diskussionslandschaft. In: Lob-Hüdepohl, Andreas; Lesch, Walter (Hrsg.):
Ethik Sozialer Arbeit. Ein
Handbuch
. Stuttgart. S. 20-54.

62

image
Männer*schutzeinrichtungen
63
Qualitätsstandards für
Männer*schutzeinrichtungen in Sachsen
erarbeitet von:
Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen e. V.
Jana Peters und Jörg Gakenholz
Ansprechpartner:
Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen e. V.
Jörg Gakenholz
E-Mail:
Joerg.Gakenholz@juma-sachsen.de
Telefon:
+49 173 2607 036
*
Wir berücksichtigen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Inhaltsverzeichnis
Männer*schutzeinrichtungen
64
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
76
2.
Zielgruppe
77
3.
Grundsätze der Arbeit
78
4.
Prozessqualität
81
4.1.
Kernaufgaben
81
4.2.
Struktursichernde Aufgaben
85
4.3.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
86
4.4.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplikator*innen
87
4.5.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivitäten
87
4.6.
Qualitätsentwicklung
88
5.
Strukturqualität
88
5.1.
Organisationsstruktur
88
5.2.
Personelle Ausstattung
90
5.3.
Räumliche , sachliche und technische Ausstattung
92
6.
Ergebnisqualität
93
6.1.
Statistische Erfassung und Auswertung, Veröffentlichungen und Berichte
93
6.2.
Erfassung des Mehrwertes der Arbeit
93
7.
Ausblicke
95
9.
Literaturverzeichnis
98

1. Einleitung
65
1.
Einleitung
Häusliche Gewalt ist strafbar (§ 1 Gewaltschutzgesetz [GewSchG] sowie §§ 174 bis 241 Strafgesetzbuch
[StGB]). Sie stellt eine schwerwiegende Menschenrechts- und Grundrechtsverletzung mit gravieren-
den Folgen für die physische und psychische Unversehrtheit der Gewalterfahrenden dar.
2019 richteten sich bundesweit 19 % der Partnerschaftsgewalt gegen Männer*. Das sind 26.889
Männer*, die von häuslicher Gewalt durch die (Ex-)Partner*in betroffen waren und zur polizeilichen
Anzeige brachten. Signifikant ist jedoch, dass sich mit 81 % der wesentliche Großteil der Gewalt ge-
gen Frauen* richtete.
7
Dennoch kann der Anteil von häuslicher Gewalt betroffener Männer* nicht
vernachlässigt werden.
Partnerschaftsgewalt ist nur ein Teil von häuslicher Gewalt. Das jährlich durch das sächsische Lan-
deskriminalamt veröffentlichte Lagebild „Häusliche Gewalt“ beinhaltet auch den
sozialen Nahraum.
2019 betrug demnach der Männer*anteil unter den Betroffenen ab 18 Jahren in Sachsen 29,5 %.
8
Die Zahl enthält auch häusliche Gewalt ausgehend von Männern* gegen Männer*.
Diese Zahlen sind über die Zeit relativ konstant. Sie bilden jedoch nur das polizeiliche Hellfeld ab,
denn es werden nur Gewaltbetroffene zahlenmäßig erfasst, die vorwiegend wegen (schwerer) Kör-
perverletzung sowie Bedrohung, Stalking und Nötigung eine Anzeige aufgegeben haben.
Um den betroffenen Männern* Hilfe anzubieten, wurden im Februar 2017 in Dresden und Leipzig
jeweils eine Schutzwohnung für Männer* als sächsisches Pilotprojekt eröffnet, gefolgt von einer
Einrichtung in Plauen im Januar 2019. Bundesweit existieren aktuell neun Männer*schutzwohnun-
gen mit insgesamt 27 Plätzen für gewaltbetroffene Männer* und ihre Kinder. Außerhalb Sachsens
sind diese in Oldenburg, Stuttgart, Nürnberg, Augsburg, Düsseldorf und Köln verortet.
Männer*, die häusliche Gewalt erfahren haben sowie ihre Kinder haben sehr unterschiedliche Un-
terstützungsbedarfe. Um eine professionelle und individuelle Arbeit zu gewährleisten und Män-
nern* die Möglichkeit zu geben, sich jederzeit Unterstützungsangebote zu suchen, sind die folgend
beschriebenen Minimalstandards unerlässlich. Neben den Minimalstandards werden in einigen
7
vgl. Bundeskriminalamt 2020, S.6
8
vgl. Landeskriminalamt Sachsen 2020, S.7

2. Zielgruppe
Männer*schutzeinrichtungen
66
Punkten auch optimale Varianten aufgeführt, die bei besserer Finanzierung ermöglicht werden soll-
ten.
2.
Zielgruppe
Die Hilfen der Männer*schutzeinrichtung können volljährige Männer* erhalten, die von physischer,
psychischer, sexueller, ökonomischer und/oder sozialer häuslicher Gewalt betroffen oder akut be-
droht sind.
Mit einem präventiveren Ansatz arbeitende Schutzeinrichtungen nehmen auch Männer* aus hoch-
strittigen, aber noch nicht zwangsläufig gewalttätigen Beziehungskonstellationen auf, um Deeska-
lationen und konstruktive Lösungen vorsorglich zu ermöglichen, beispielsweise der Oldenburger
MännerWohnHilfe e. V.
Ausschlusskriterien:
9
Minderjährigkeit,
unselbstständige Männer* (Versorgung, Haushalt),
uneinsichtig gewalttätige Männer*,
Männer*, bei denen eine Hilfe durch die Schutzwohnung unmöglich ist, z. B.
mit ausgeprägter Suchtproblematik,
mit psychischen und anderen seelischen Erkrankungen,
mit mittlerer bis schwerer geistiger Behinderung,
Männer*, die von langfristiger Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind,
Männer*, die in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden sollen
9
vgl. Peters 2019, S.92

3. Grundsätze der Arbeit
67
3.
Grundsätze der Arbeit
Bedarfsgerechte Angebote
Um individuelle und situationsgemäße Hilfen anbieten zu können, ist ein vielfältiges, professionelles
Unterstützungsnetzwerk mit Beratungs-, Begleitungs- und Unterbringungsmöglichkeiten, medizi-
nischer Versorgung und rechtlichem Beistand unerlässlich.
Ziel ist es, dass Männer* sich in ihrer Situation verstanden und angenommen fühlen. Dazu zählen
die Krisenintervention sowie die Informationen und Hilfen bei den notwendigen Aktivitäten zur so-
zialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Absicherung. Weiterhin werden betroffene Männer* bei Be-
darf zu Ämtern, Behörden und Gerichten begleitet. Ein Grundsatz für die Unterstützungsangebote
ist, dass die Männer* selbstbestimmt entscheiden, statt Abhängigkeiten zu schaffen.
Niedrigschwelligkeit
Da häusliche Gewalt für die Betroffenen meist schambesetzt ist und die
„Opferrolle“
für Männer* ge-
sellschaftlich tabuisiert wird, ist es umso wichtiger, Hilfeangebote niedrigschwellig zu gestalten.
Hierzu zählt die gesellschaftliche Aufklärung über die Thematik sowie deren Enttabuisierung. Nied-
rigschwellig heißt auch, verschiedene Hilfeangebote zur Hand zu haben, die schnell und unbürokra-
tisch akquiriert werden können, gendersensibel und unabhängig von Einkommen, Herkunft, Reli-
gion und sexueller Orientierung sind. Weiterhin muss die Kontaktaufnahme zur Einrichtung durch
verschiedene Zugangsmöglichkeiten, wie eine einrichtungsübergreifende Hilfshotline, die Erreich-
barkeit der Einrichtung per Telefon, Mail oder persönlich durch eine gute Verkehrsanbindung, mög-
lich sein.
Schutz und Anonymität
Der Schutz der Männer* vor Gewalt ist zu gewährleisten, die Sicherheit der Männer* und deren Kin-
der zu verbessern. Dabei ist maßgeblich wichtig, dass der Standort der Männer*schutzwohnungen
anonym bleibt. Besuch in der Wohnung wird grundsätzlich nicht gestattet; Ausnahmen können im
Einzelfall vereinbart werden. Es gibt Absprachen mit Behörden (vor allem dem Ordnungsamt und
Jobcenter) und der Polizei zur Wahrung der Anonymität. Um die Sicherheit innerhalb der Wohnung
zu gewährleisten, werden alle Bewohnenden vor Einzug über geltende Sicherheitsvorkehrungen in-
formiert und zur Einhaltung verpflichtet.

3. Grundsätze der Arbeit
Männer*schutzeinrichtungen
68
Verschwiegenheit/Offenbarungsbefugnis
Die Mitarbeitenden der Schutzeinrichtung unterliegen grundsätzlich der gesetzlichen Schweige-
pflicht nach § 203 StGB. Zur Weitergabe von Daten bedarf es einer schriftlichen Einwilligung der Be-
troffenen (Schweigepflichtentbindung). Diese regelt, welche Informationen an wen übermittelt wer-
den dürfen. Außerdem enthält sie eine Belehrung zum persönlichen Widerrufsrecht.
Aus § 34 StGB ergibt sich eine Offenbarungsbefugnis. Diese berechtigt die Mitarbeitenden der
Schutzwohnung dazu, auch ohne oder gegen den Willen des betroffenen Mannes* Informationen an
Dritte weiterzuleiten. Dies ist nur erlaubt, wenn es Hinweise dafür gibt, dass der Betroffene eine
Straftat begehen wird. Dann dient „die Datenweitergabe dazu (…), eine konkrete und erhebliche
Gefahr für die körperliche Unversehrtheit von (Ex-)Partner*in bzw. Kindern abzuwenden. In jedem
Einzelfall ist eine Rechtsgüterabwägung vorzunehmen.“
10
Das bedeutet, das Risiko der Datenwei-
tergabe mit dem Risiko für Leib und Leben anderer abzuwägen.
Autonomie und Selbstbestimmungsrecht
Die Männer* sind frei in ihrer Entscheidung bezüglich der Art der Hilfen. Gleichsam können die Män-
ner* über den Ort frei wählen
vorausgesetzt eine Hilfeleistung ist ansässig und aktuell verfügbar.
Sie werden über mögliche Hilfeangebote informiert und gemeinsam mit Mitarbeitenden wird der
Hilfeprozess geplant. Es gilt das Wunsch- und Wahlrecht.
Die Eigenverantwortung der Männer* soll und darf nicht eingeschränkt werden. Daher ist es die
Aufgabe der Mitarbeitenden, den Bewohnenden so viel Hilfe wie nötig, aber auch so wenig wie mög-
lich anzubieten. Verpflichtende Maßnahmen (z. B. Ordnung innerhalb der Wohnung oder regelmä-
ßige Gesprächstermine) sind in einer Nutzungsvereinbarung geregelt.
Kurz- bis mittelfristige Unterstützung
Während der Unterbringung werden die gewaltbetroffenen Männer* durch Fachpersonal unter-
stützt und begleitet. Kurz- bis mittelfristige Unterstützung heißt, dass Männer*
und bei Bedarf
deren Kinder
für bis zu drei Monate die Männer*schutzwohnung nutzen können. In Einzelfällen
kann dieser Zeitraum entsprechend verlängert werden. Ein früherer Auszug ist jederzeit möglich.
10
BAG Täterarbeit Häusliche Gewalt e. V. 2018 S.17

image
4. Prozessqualität
69
Solidarität
Die Männer*schutzeinrichtung positioniert sich nach innen und nach außen gegen jede Form von
Gewalt und Diskriminierung von Männern*, Frauen* und Kindern. Sie unterstützt die betroffenen
Männer* und ihre Kinder bei der Bewältigung der Situation durch Schutz, Unterbringung, Beratung
und Begleitung. Die Mitarbeitenden der Gewaltschutzwohnung haben eine kritisch- solidarische
Einstellung zu den betroffenen Männern*.
Ressourcenorientierung
Die gewaltbetroffenen Männer* werden ganzheitlich mit all ihren Stärken, Fähigkeiten und Fertig-
keiten wie auch Entwicklungsbedarfen und Ambivalenzen gesehen. Die Hilfen der Schutzeinrich-
tung richten sich nach den persönlichen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen des Betroffe-
nen.
Grundhaltung der Mitarbeitenden
In den Einrichtungen für Männer*schutz arbeiten sozialpädagogisch qualifizierte Mitarbeitende.
Grundlagen für die Arbeit sind eine respektvolle und empathische Begegnungsqualität, ein profes-
sionelles Nähe-Distanz-Verhältnis wie auch selbstreflexives Handeln.
Interdisziplinärer Arbeitsansatz
Um adäquat auf die Situation der Männer* reagieren und vielfältige Unterstützung bieten zu kön-
nen, sind Kooperationen mit themennahen Einrichtungen notwendig, vor allem mit regionalen Leis-
tungsanbietern und interdisziplinären Männer*beratungsnetzwerken.
4.
Prozessqualität
Kernaufgaben
Grundlage der Arbeit ist die Unterstützung gewaltbetroffener Männer* und deren Kinder durch die
Aufnahme in die Männer*schutzwohnung sowie die Beratung und Begleitung durch professionell
Handelnde. Folgende Schritte des Fallmanagements sind getrennt voneinander beschrieben, mit
dem Wissen, dass diese sich in der Praxis überlappen oder zeitlich versetzt stattfinden können.
Kontaktaufnahme
Die Kontaktaufnahme kann telefonisch, per Mail oder persönlich im Büro der Männer*schutzein-
richtung stattfinden; gegebenenfalls erfolgt diese durch eine Vermittlung von Interventionsstellen,

4. Prozessqualität
Männer*schutzeinrichtungen
70
Polizei oder anderen, vorher aufgesuchten Stellen. Hier wird der Fall von einem Mitarbeitenden
fachlich eingeschätzt und ggf. ein zeitnaher Termin für ein persönliches Treffen (max. drei Tage
nach Erstkontakt) vereinbart. Dabei ist die Erreichbarkeit der Einrichtung zu beachten.
Vorgespräch
Das Vorgespräch findet in einem ungestörten Raum statt. Es beinhaltet die Aufnahme der Kontakt-
daten des Mannes* sowie eine erste Situationsanalyse. Hier werden Möglichkeiten und Grenzen der
Hilfen innerhalb der Männer*schutzwohnung sowie alternative Angebote besprochen und ggf. an
solche Einrichtungen vermittelt. Um die Authentizität der Situation des Mannes* einschätzen zu
können, ist das Gespräch mit zwei Mitarbeitenden zu führen.
Ergebnis dieses Gesprächs kann sein, dass der Betroffene
die Aufnahme in die Männer*schutzwohnung wünscht,
eine ambulante Beratung bevorzugt, die von der Unterbringung in der Schutzwoh-
nung losgelöst ist,
weitervermittelte Hilfen (z. B. Täter- oder Opferhilfe) in Anspruch nehmen möchte
oder
keine Hilfen durch die Männer*schutzeinrichtung wünscht oder erhält (Ausschluss-
kriterien).
Aufnahme
Wenn sich der betroffene Mann* für die Aufnahme in die Männer*schutzwohnung entscheidet, von
Seiten der Einrichtung die Aufnahmekriterien erfüllt sind und keine Ausschlusskriterien entgegen-
stehen, wird er nach einem standardisierten Vorgehen (Aufnahmebogen) aufgenommen. Dieses be-
inhaltet:
die Einschätzung der Gefährdung, der der Mann* ausgesetzt ist und/oder die von
ihm ausgeht,
die Klärung des Bedarfs an Existenzsicherung,
den Umfang der benötigten Unterstützung und
ggf. den Umfang der medizinischen Versorgung.
Außerdem wird der Aufenthalt vertraglich durch einen Nutzungsvertrag geregelt. Optional bezahlt

4. Prozessqualität
Männer*schutzeinrichtungen
71
der Betroffene eine Kaution, um unregelmäßigen Mietzahlungen vorzubeugen oder durch den
Mann* verursachte Sachschäden im Nachgang zu begleichen.
Die Aufnahme wird in geeigneter Form dokumentiert. Kinder werden altersentsprechend über alle
notwendigen Schritte und Regelungen informiert sowie auch zu ihren Bedürfnissen und ihrem Hilfe-
bedarf befragt.
Aufenthalt
Schutz und Unterkunft:
Die Wohnung bietet den Männern* anonymen und durch die im Sicherheitskonzept getroffenen
Maßnahmen einen geschützten Rückzugsraum. Durch grundlegende Ordnungs- und Verhaltens-
richtlinien ist gewährleistet, dass sich jede*r in der Wohnung wohlfühlen kann. Die Rahmenbedin-
gungen sind so strukturiert, dass sich die Männer* selbst versorgen und ihre Alltagsgestaltung
selbstständig organisieren können. Bei Wunsch oder Notwendigkeit finden (regelmäßige) Gruppen-
gespräche statt, welche das Zusammenleben in der Schutzwohnung thematisieren und erleichtern
sollen.
Beratung:
Es werden wöchentliche Gesprächstermine durch das Fachpersonal angeboten. Diese Gespräche
orientieren sich an den Bedürfnissen und Erwartungen der Männer*. Die Mitarbeitenden arbeiten
gemeinsam mit den Betroffenen Ziele mit entsprechenden Handlungsschritten heraus und reflek-
tieren bisherige Resultate. Wichtige Themen sind auch Wohnsituation, Finanzierung und Auszug.
Methodisch arbeitet das Fachpersonal gendersensibel in Form von Einzelberatung, Gruppensitzun-
gen und Fallmanagement.
Begleitung und Unterstützung:
Die Mitarbeitenden begleiten die Betroffenen bei Bedarf zu Behörden, Ämtern oder medizini-
schen/psychologischen Hilfeeinrichtungen. Wenn erforderlich, unterstützen sie auch bei der Vorbe-
reitung von Ämtergängen (z. B. durch gemeinsames Ausfüllen von Anträgen). Bei spezifischem Be-
ratungs- oder Unterstützungsbedarf leiten die Mitarbeitenden den Mann* an entsprechende Koope-
rationspartner*innen und Fachstellen (z. B. Psycholog*innen, Rechtsanwält*innen, etc.) weiter.
Alle relevanten Beratungs- und Unterstützungsinhalte werden in geeigneter Form dokumentiert.
Eine anonymisierte, einrichtungsübergreifende Falldokumentation ermöglicht eine übersichtliche,

4. Prozessqualität
Männer*schutzeinrichtungen
72
aktuelle Statistik. Ein landesweites Monitoring wird künftig eine einheitliche Dokumentation aller
Hilfeangebote im Hilfesystem häuslicher Gewalt in Sachsen ermöglichen.
Bei spezifischem Beratungs- oder Unterstützungsbedarf der Kinder betroffener Männer* vermitteln
die Mitarbeitenden diese mit Einverständnis des Vaters* an entsprechende Kooperations-
partner*innen und Fachstellen (z. B. Psycholog*innen, Jugendamt, Kinder- und Jugendberatung).
Hierbei steht immer das Kindeswohl im Vordergrund. Außerdem bieten sie dem Vater* an, über die
Gewaltbetroffenheit des Kindes, das Kindeswohl und individuelle Unterstützungsmöglichkeiten zu
sprechen.
Auszug
Der Auszug aus der Männer*schutzwohnung wird gemeinsam vorbereitet. Dies beinhaltet bei-
spielsweise die Unterstützung bei der Wohnungssuche, beim Umzug oder bei der
Existenzsiche-
rung. Außerdem können auf Wunsch weiterführende Hilfen wie Beratungsstellen, Familienhilfe
oder Männer*gruppen vermittelt werden.
Die vorzeitige Beendigung der Maßnahme durch den Träger ist ggf. nicht ausgeschlossen. Ein Ver-
stoß gegen die vertraglich geregelte Nutzungsvereinbarung kann zur Abmahnung, zwei Abmah-
nungen zur fristlosen Kündigung der Vereinbarung führen.
Abschließend findet ein standardisiertes Gespräch statt, mit dem eine Evaluation und die Schlüssel-
übergabe sichergestellt wird.
Nachbetreuung
Den ehemaligen Bewohnenden der Männer*schutzeinrichtung wird das Angebot unterbreitet, sich
auch nach dem Aufenthalt jederzeit melden zu können. Zudem wird angeboten, dass sich die Mitar-
beitenden der Schutzeinrichtung nach einem einzeln abgesprochenen Zeitraum bei den Männern*
melden, um zu klären, ob noch Unterstützungsbedarf im Sinne einer Nachbetreuung besteht.

image
4. Prozessqualität
73
Struktursichernde Aufgaben
„Steuerungsprozesse sind Prozesse, die darauf abzielen, betriebliche Prozesse in eine bestimmte
Richtung zu lenken um Soll-Ist-Abweichungen zu
vermeiden oder zu korrigieren.“
11
Hierzu zählen
geschäftsführende, verwaltende und qualitätsentwickelnde Aufgaben.
Geschäftsführung/Personalverantwortung
Die geschäftsführende Leitung obliegt der Trägerschaft. Sie beinhaltet fachliche, organisatorische,
personelle und verwaltende Führung der Männer*schutzwohnung.
Sie stellt fachlich zum einen sicher, dass die Kernprozesse gemäß der Konzeption
der Männer*schutzeinrichtung strukturiert und durchgeführt werden; zum anderen
sichert sie die Weiterentwicklung der Konzeption der Männer*schutzeinrichtung.
Sie stimmt die Arbeitsabläufe mit den Zielen der Männer*schutzeinrichtung ab, for-
muliert die Leistungsbeschreibung der Einrichtung und fördert die interne Zusam-
menarbeit.
Sie stellt sicher, dass genügend qualifiziertes Personal für die Erfüllung aller Aufga-
ben vorhanden ist. Das beinhaltet die Personalgewinnung und -entwicklung (jährli-
che Personalgespräche, Stellenausschreibung, die Anleitung von Praktikant*innen,
Dienst- und Fortbildungspläne der Mitarbeitenden).
Sie koordiniert die Einarbeitung neuer Mitarbeitender. Das bestehende Fachperso-
nal des Schutzprojekts unterweist neue Mitarbeitende ins Tagesgeschäft. Neben
den Abläufen innerhalb der Männer*schutzwohnung, beinhaltet die Einarbeitung
auch die Verwaltung und Organisationsstruktur, die Qualität und Evaluation sowie
die Kontaktaufnahme zu Kooperationspartner*innen.
Sie trägt die Verantwortung für die Finanzierung der Männer*schutzeinrichtung.
Supervision und kollegiale Fallberatung
Zur Gewährleistung qualitativen Arbeitens bekommen die Mitarbeitenden durch regelmäßige kol-
legiale Fallberatungen und Teamgespräche sowie durch Supervisionen (mindestens vier Termine
jährlich) Unterstützung. Die fachspezifische Vernetzung der Akteur*innen wird durch den Fachaus-
tausch mit anderen Männer*schutzeinrichtungen und -beratungsangeboten befördert.
11
vgl. Preis 2010, S.21

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4. Prozessqualität
Männer*schutzeinrichtungen
74
Verwaltungsaufgaben
Die Verwaltung obliegt ebenfalls dem Träger. Zur Verwaltung der Finanz- und Sachmittel gehören
Personalwesen, Buchführung, Vertragswesen, Anträge für Zuwendungen, deren Controlling und
Nachweisführung sowie die Verwaltung zusätzlicher Finanzmittel (z. B. Spenden) und die Bürokom-
munikation. Außerdem beinhaltet die Verwaltung die Pflege und Wartung von Räumen, Technik
und Ausstattung.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
Der fachliche Austausch aller Akteur*innen der Männer*schutzeinrichtungen ist sehr wichtig. Daher
finden in regelmäßigen Abständen regionale, landes- oder bundesweite (Vernetzungs-)Treffen
statt, die persönlich wie auch als Video-Chat umgesetzt werden. Ein vierteljährlicher Turnus landes-
oder bundesweit wird angestrebt.
Zudem muss eine regelmäßige Vernetzung auch mit anderen Einrichtungen, Behörden usw. erfol-
gen.
Dazu gehören:
die fallbezogene Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen und Diensten,
die fallübergreifende Zusammenarbeit in Interventions-/Kooperationsprojekten,
Informations- und Öffentlichkeitsarbeit sowie
Aufklärung und Prävention.
Mögliche Kooperationspartner*innen sind:
Netzwerke/Arbeitskreise häusliche Gewalt,
Netzwerke/Arbeitskreise Männer*beratung,
Interventions- und Koordinierungsstellen häusliche Gewalt,
Frauen*schutzeinrichtungen,
Polizeidienststellen, insbesondere die Opferschutzbeauftragten,
(gerichts-)medizinische Einrichtungen,
Allgemeine Soziale Dienste, (religiöse) Beratungsstellen, therapeutische Einrichtun-
gen,
Täter*innenberatungen, Antiaggressionstraining-Anbieter*innen,

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4. Prozessqualität
Männer*schutzeinrichtungen
75
Dolmetscher*innen,
Jugendamt, Sozialamt, Meldebehörde, Ausländerbehörde,
Jobcenter,
Familiengerichte, Rechtsanwälte,
Vermietungsorganisationen,
Verband binationaler Partnerschaften,
LGBTI*/Queere Vereine.
Um einrichtungsübergreifend arbeiten zu können, gibt es regelmäßige Treffen der Akteur*innen
des Gewaltschutzes. Interdisziplinäre Fallkonferenzen werden bei Bedarf, z. B. bei hohem Gefähr-
dungsrisiko für den Betroffenen oder die Mitarbeitenden durch den/die Täter*in, und mit Einwilli-
gung des Betroffenen durchgeführt.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplika-
tor*innen
Die Mitarbeitenden arbeiten auch präventiv. Entsprechende Angebote können beispielsweise Aus-
stellungen, Kindergarten-, Schul- und Universitätsprojekte, Fachtagungen, Schulungen und Weiter-
bildung für Multiplikator*innen sein. Aktuell wird diese Arbeit vorwiegend ehrenamtlich geleistet.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivi-
täten
Durch kontinuierliche Kooperation mit Medien werden Betroffene und ihr Umfeld für das Angebot
der Männer*schutzeinrichtung sensibilisiert. Dies können beispielsweise Zeitungsartikel, etwa in lo-
kalen Presse- und Onlinemedien, in Amts- und Ärzteblättern, regelmäßige Newsletter, Blog-Ein-
träge oder Social Media-Präsenzen sein. Darüber hinaus werden Flyer mit Informationen zur Auf-
nahme und zur Wohnung sowie Kontaktmöglichkeiten bei Kooperationspartner*innen ausgelegt.
Qualitätsentwicklung
Die Mitarbeitenden der Männer*schutzeinrichtung erhalten zeitlich und finanziell die Möglichkeit,
sich kontinuierlich in einschlägigen Bereichen fortzubilden, um stets über Wissen zu aktuellen Ent-
wicklungen und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu verfügen. Themen können u. a. Be-
ratung, Traumata, psychische Krankheiten oder Hochrisikomanagement sein.

image
5. Strukturqualität
Männer*schutzeinrichtungen
76
Die Ziele der Einrichtung werden regelmäßig durch die Geschäftsführung und in Zusammenarbeit
mit den Mitarbeitenden überprüft und konzeptionell weiterentwickelt.
Optional kann ein Qualitätszirkel initiiert werden. Dieser trifft sich kontinuierlich und arbeitet zu
Themen der internen Qualitätsentwicklung. Außerdem können Fragebögen an die ehemaligen Be-
wohner* gesandt werden, um die Wirkung der Hilfemaßnahme zu evaluieren.
5.
Strukturqualität
Organisationsstruktur
Zeitliche Ausstattung und Erreichbarkeit
Die Arbeit in der Männer*schutzeinrichtung umfasst Beratung und Begleitung, Verwaltung und teil-
weise geschäftsführende Aufgaben. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen (LFSM) geht von
einem minimalen Personalschlüssel von 0,75 Vollzeitäquivalent (VZÄ) pro drei Plätzen aus, wie zum
Zeitpunkt der Befragung (2020) in den sächsischen Männer*schutzeinrichtungen gegeben. Für ge-
schäftsführende Aufgaben und Verwaltung sind 0,13 % pro vollzeitbeschäftigte/r Mitarbeiter*in
wünschenswert. Das Spektrum der Leistungen fächert sich zu etwa folgenden Zeitanteilen auf:
Fallarbeit einschließlich Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, fallbezogene Zu-
sammenarbeit mit anderen Einrichtungen: ca. 50 %,
Vernetzungsarbeit: ca. 15 %,
Öffentlichkeitsarbeit: ca. 10 %,
Die restlichen Anteile stehen für die Aufgabenbereiche Verwaltung, Team, Supervi-
sion und Weiterbildung zur Verfügung.
Optimal ist der Zugang zu den Männer*schutzwohnungen an sieben Tagen in der Woche rund um
die Uhr gewährleistet. Mit aktuell gegebenen personellen Ressourcen kann die telefonische Erreich-
barkeit (Rufbereitschaft) nur tagsüber an Werktagen angeboten werden. In der Praxis bedeutet Hilfe
somit, dass die Männer* schnellstmöglich nach Anrufeingang (werktags innerhalb der Arbeitszeit,
außerhalb dieser Zeiten spätestens bis zehn Uhr am nächsten Arbeitstag) von den zuständigen Mit-
arbeiter*innen kontaktiert werden. Innerhalb von maximal drei Tagen findet dann ein Beratungsge-
spräch statt.

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5. Strukturqualität
Männer*schutzeinrichtungen
77
Datenschutzkonzept
Die Männer*schutzeinrichtungen unterliegen grundsätzlich den aktuellen Richtlinien des Daten-
schutzes (Datenschutz-Grundverordnung [DSGVO]). Die Speicherung von personenbezogenen Da-
ten sowie Inhalten der Beratungen bedarf einer schriftlichen Einwilligung. Eine Weitergabe dieser
sensiblen Daten an Dritte erfolgt ausschließlich zweckgebunden für den Betroffenen und mit seiner
ausdrücklichen Einwilligung.
Handakten befinden sich in einem abschließbaren Schrank. Der digitale Speicherort der Daten ist
durch ein sicheres Passwort verschlüsselt. Die Speicherung der personenbezogenen Daten erfolgt
pseudonymisiert. Die entschlüsselnde Liste der Abkürzungen ist separat und durch ein Passwort ge-
schützt abgelegt.
92 Tage nach Ende der Hilfemaßnahme werden personenentschlüsselnde Daten, wie Namen und
zuordenbare Abkürzungslisten gelöscht (Art. 17 Abs. 1a DSGVO). Für statistische Erhebungen wer-
den anonymisierte Daten zu Alter, Herkunft, Anzahl der Kinder, Aufenthaltsdauer, Gewaltform u. ä.
weiterhin gespeichert.
Auch innerhalb der Einrichtung sind Sozialdaten Unbefugten strikt vorzuenthalten. Mitarbeitende
sind bezüglich der Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse nach § 67 Zehntes Buch Sozialgesetzbuch
Sozialverwaltungsverfahren und Sozialdatenschutz
(SGB X) zur Verschwiegenheit verpflichtet.
Diese stehen nach § 35 Abs. 4 Erstes Buch Sozialgesetzbuch
Allgemeiner Teil
(SGB I) den Sozial-
daten gleich. Die Pflicht zur Verschwiegenheit gilt auch nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses.
Personelle Ausstattung
In der Arbeit mit krisenbelasteten Menschen ist qualifiziertes Personal, welches unterschiedliche
und interdisziplinäre Leistungen anbieten kann, unerlässlich. Diese Angebotsvielfalt kann unter ei-
nem Dach ansässig sein oder aber durch Kooperationen mit anderen Fachdiensten abgedeckt wer-
den.

5. Strukturqualität
78
Seit 2020 werden die sächsischen Männer*schutzeinrichtungen mit 0,75 VZÄ be-
trieben.
Beratung/Intervention: sozialpädagogisch qualifiziertes Fachpersonal mit berufs-
spezifische (Fach-)Hochschulstudium Bachelor of Arts bzw. Master of Arts Soziale
Arbeit oder Diplomsozialpädagogik), ggf. Erfahrungen in (Männer*-) Beratung
und/oder Spezifizierung auf die Thematik häusliche Gewalt. Besonders zu berück-
sichtigen sind zurückliegende eigene Betroffenheit von häuslicher Gewalt und ein
reflektierter Umgang damit.
Geschäftsführende Aufgaben: berufsspezifisches (Fach-)Hochschulstudium mit
Kompetenzen im Bereich Sozialmanagement.
Verwaltungsaufgaben: Kompetenzen im Bereich Finanz- und Projektmanagement.
Mitarbeitende der Männer*schutzeinrichtung werden tarifgebunden gemäß Ein-
stufung nach Qualifikation und Erfahrung entlohnt.
Durch unbefristete Arbeitsverträge (wünschenswert) werden Mitarbeitende lang-
fristig gebunden und finanziell abgesichert.
Optional gelten vier Stunden telefonische Bereitschaft außerhalb der werktägigen
Arbeitszeiten als eine geleistete Arbeitsstunde.
Das Fachpersonal kann von ehrenamtlich Mitarbeitenden, studentischen Hilfskräf-
ten und Praktikant*innen unterstützt werden, sofern diese vom Fachpersonal ange-
leitet werden. Bei fachlicher Eignung ist eine vergleichbare Entscheidungs- und
Handlungskompetenz möglich. Dabei müssen Begleitung und Betreuung stets si-
chergestellt sein.
Eine professionelle Beratung bedarf ausreichend Zeit sowie Qualität in Ausbildung
und Methodenvielfalt. Trägerinterne Evaluation und Qualitätsmanagement gehö-
ren dazu.
Weiterhin sollten Stellenkapazitäten für regionale Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerk-
und Multiplikator*innenarbeit eingeräumt werden. Überregional werden die Reich-
weite und Wirksamkeit durch die Mitarbeit in bundesweiten Netzwerken erhöht.

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5. Strukturqualität
79
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
Räumliche und sachliche Ausstattung der Schutzwohnung
Als Minimum gilt: Die Männer*schutzwohnungen sind voll eingerichtet
wohnlich, zweckmäßig
und für die Selbstversorgung ausgelegt. Neben Küche, Bad und Gemeinschaftsraum steht jedem
Mann* ein eigener Rückzugsraum zu. Die Kinder wohnen in der Regel im Raum des Vaters*. Im Ge-
meinschaftsbereich gibt es eine Ecke mit Spielzeug für Kinder. Außerdem sind ein Computer, ein
Drucker und ein Fernseher sowie Internet und ein Festnetztelefon zur gemeinsamen Nutzung vor
Ort zugänglich.
In der Wohnung sind Haus- und Brandschutzordnung sichtbar angebracht. Die Wohnung ist nach
dem Sicherheitskonzept mit einem Sicherheitsschloss gesichert. Die Zimmer der Bewohner* sind
abschließbar. Außerdem befindet sich jeweils ein Safe für Wertsachen in jedem Schlafzimmer.
Die Männer*schutzwohnung ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar.
Als optimal gilt zusätzlich folgender Ausstattungsstandard für Schutzwohnungen:
ein eingebauter Querriegel und/oder ein digitaler Spion vor der Tür,
die Polizei führt vor Eröffnung der Männer*schutzwohnung eine Sicherheitsinspek-
tion durch,
Kindern
steht dem Alter entsprechend
ein eigenes Kinderzimmer zur Verfügung,
in jedem Bundesland ist mindestens eine Schutzeinrichtung barrierefrei zugänglich
für Männer* oder deren Kinder mit Behinderung,
die technischen Geräte innerhalb der Wohnung sind in einem gut funktionierenden,
zeitgemäßen Zustand.
Räumliche und sachliche Ausstattung der Beratungsräume
Büro und Beratungsräume der Einrichtung sind räumlich von der Männer*schutzwohnung getrennt;
in einem anderen Haus ansässig, so dass die Adresse der Unterkunft anonym bleibt. Die Beratungs-
räume sind gut erreichbar und freundlich gestaltet. Sie dienen für Beratungen vor, während oder
nach dem Aufenthalt in der Männer*schutzwohnung.

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image
6. Ergebnisqualität
80
Die Arbeitsplätze im Büro sind komplett ausgestattet, die technischen Voraussetzungen (Telefon,
Drucker, PC usw.) sind vorhanden. Für telefonische Bereitschaftszeiten steht ein Diensthandy zur
Verfügung. Es gibt einen Raum für Mitarbeiter*innengespräche.
6.
Ergebnisqualität
Statistische Erfassung und Auswertung, Veröffentlichun-
gen und Berichte
Die im Kernprozess dokumentierten Hilfeinhalte und Ergebnisse werden jährlich ausgewertet und
in einem Sachbericht dargelegt. Sie sind Teil der Verwendungsnachweise gegenüber Zuwendungs-
gebenden. Außerdem können erfasste statistische Zahlen zu Zwecken der Öffentlichkeits- und Lob-
byarbeit genutzt werden.
Erfassung des Mehrwertes der Arbeit
Mehrwert für die Männer* und ihre Kinder
Die Zufriedenheit der Männer* und ihrer Kinder ist entscheidend für die Ergebnisqualität der Arbeit.
Kriterien hierfür sind:
Die Betroffenen sind vor häuslicher Gewalt geschützt. Ihre persönliche Sicherheit ist
gewährleistet oder zumindest verbessert.
Die Männer* fühlen sich in ihrer Situation verstanden, angenommen und unter-
stützt.
Sie haben Wissen über rechtliche Möglichkeiten und verschiedene praktische Hand-
lungsstrategien erhalten und setzen diese um.
Die Männer* sind zur Ruhe gekommen und gehen gestärkt und stabil aus der Situa-
tion wieder hervor.
Die Betroffenen* haben Klarheit über ihre Situation erlangt. Sie entwickelten neue,
gewaltfreie Lebensperspektiven für sich und setzen diese um.
Väter* fühlen sich und agieren in ihrer Erziehungs- und Versorgungsrolle gestärkt.
Die Kinder sind sicher vor häuslicher Gewalt. Sie sind entlastet und werden bei der
Verarbeitung der Gewalterfahrung unterstützt. Ihre Entwicklungsmöglichkeiten
wurden verbessert.

6. Ergebnisqualität
Männer*schutzeinrichtungen
81
Zufriedenheit der Mitarbeitenden
Mitarbeitende, die zufrieden sind, sind motiviert und leistungsfähig. Daher ist die Zufriedenheit der
Mitarbeitenden ein wichtiges Grundkapital der Einrichtung. Kriterien hierfür sind:
Die Mitarbeitenden sind für ihre Verantwortlichkeiten qualifiziert. Sie sind tariflich
eingestuft und entsprechend entlohnt. Ihre berufliche Weiterbildung wird gefördert.
Sie können ihre Arbeit durch kollegiale Beratung und Supervision regelmäßig reflek-
tieren.
Bei der Entwicklung des Konzeptes und den Richtlinien des Qualitätsmanagements
werden die Mitarbeitenden mit einbezogen.
Kommunikationsstrukturen und Verantwortlichkeiten für Aufgaben sind geregelt
und transparent.
Es herrscht ein wertschätzendes, unterstützendes und anerkennendes Arbeitsklima.
Familie und Beruf sind vereinbar.
Mehrwert für die Kooperationspartner*innen
Die Kooperationspartner*innen kennen die Handlungsgrundlagen und Dienstleis-
tungen der Männer*schutzeinrichtung. Sie nutzen diese und verweisen ggf. ihre Kli-
enten* dort hin.
Die Mitarbeitenden sind über die Dienstleistungen und Angebote anderer Fachstel-
len informiert und können darauf zurückgreifen.
Die Kooperationsbeziehungen sind informell geregelt und werden regelmäßig ge-
pflegt. Sie sind für beide Seiten transparent.
Gesellschaftlicher Mehrwert
Durch die öffentliche Bekanntheit der Arbeit der Männer*schutzeinrichtungen verliert häusliche
Gewalt gegen Männer* ihre gesellschaftliche Tabuisierung. Kriterien dafür sind:
Die Männer*schutzeinrichtungen leisten aktiven Opferschutz. Es ist ein Beitrag zur
Minderung der Folgekosten von Gewalt.
12
Mittels der Existenz sowie der Öffentlichkeitsarbeit der Männer*schutzeinrichtung
12
vgl. Sacco 2017, S.79

7. Ausblicke
Männer*schutzeinrichtungen
82
wird die Gesellschaft hinsichtlich häuslicher Gewalt gegen Männer*, ihrer Auswir-
kungen und Möglichkeiten der Bekämpfung sensibilisiert.
Altersgemäße Präventions- und Sensibilisierungsarbeit in Schulen und Kindertages-
stätten vermittelt Wissen zum Erkennen häuslicher Gewalt, zu Folgen und Hand-
lungsmöglichkeiten.
Die Mitarbeit in Gremien und Netzwerken unterstützt aktuelle Diskurse und entwi-
ckelt diese weiter.
Die im Kernprozess dokumentierten Hilfeinhalte und Ergebnisse werden jährlich
ausgewertet und in einem Sachbericht dargelegt. Sie sind Teil der Verwendungs-
nachweise gegenüber Zuwendungsgebenden. Außerdem können erfasste statisti-
sche Zahlen zu Zwecken der Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit genutzt werden.
Einrichtungsübergreifende Statistiken ermöglichen repräsentative Aussagen, die
ein quantitatives Bild des Bedarfs an Schutzeinrichtungen der betroffenen Männer*
vermitteln.
7.
Ausblicke
Professionelle Arbeit kostet Geld und gutes Personal benötigt zeitliche, materielle und finanzielle
Ressourcen wie auch ein persönliches Einkommen! Dieser Grundsatz muss in Politik und Verwaltung
verankert werden. Um eine qualitative und umfassende Hilfeleistung anbieten zu können, die indi-
viduell die betroffenen Männer* und ihre Kinder unterstützt, ist ein größerer finanzieller Rahmen für
qualifiziertes Personal sowie eine sinnvolle räumliche und technische Ausstattung notwendig. Der-
zeit mangelt es nahezu flächendeckend an Männer*schutzwohnungen mit einer auf Dauer angeleg-
ten Regelfinanzierung. Die geschäftsführenden wie auch verwaltenden Aufgaben müssen zeitlich
und finanziell beachtet werden. Diese Bereiche werden aktuell in einigen Projekten ehrenamtlich
abgedeckt. Männer*schutzprojekte vollständig oder teilweise ehrenamtlich und durch Spenden un-
terhalten zu wollen, widerspricht diesen Qualitätsanforderungen an eine bedarfsgerechte, qualita-
tiv professionelle Umsetzung durch Fachkräfte mit einer fundierten Ausbildung.
Die Förderung der bestehenden Männer*schutzeinrichtungen umfasst derzeit 0,75 VZÄ. Dieser För-
derumfang bedeutet auch, dass Standards, die für Frauen*schutzhäuser gelten, aktuell nicht reali-
siert werden können; beispielsweise eine 24-Stunden Rufbereitschaft oder spezielle Angebote für
Kinder. Bei 30 geförderten Wochenstunden pro Männer*schutzeinrichtung ist das nicht oder nur mit

7. Ausblicke
Männer*schutzeinrichtungen
83
ehrenamtlichen Unterstützungsstrukturen möglich. Im Rahmen der Förderung kann eine Erreich-
barkeit werktags innerhalb der Arbeitszeit garantiert werden. Sinnvoll wäre es deshalb, den geför-
derten Stundenumfang der Männer*schutzeinrichtungen auf mindestens eine VZÄ auszuweiten,
wie in anderen Bundesländern bei nahezu gleicher Platzkapazität geschehen. Argumentationen,
eine längere Rufbereitschaft durch ehrenamtliches Engagement abzudecken, weisen wir auf Grund
der geforderten Fachlichkeit und Professionalität zurück. Professionelle Soziale Arbeit benötigt pro-
fessionelle Fachkräfte und eine dauerhafte Regelfinanzierung für Männer*- und Frauen*schutzpro-
jekte.
Bislang arbeiten die sächsischen Männer*schutzeinrichtungen als Pilotprojekt. Um ab 2022 in eine
Regelförderung übergehen zu können, wird im Jahr 2021 eine Evaluation der Pilotprojektphase
durchgeführt. Alle Geschlechter bringen bzw. jede geschlechtliche Sozialisation bringt eigene Be-
darfe und Besonderheiten hervor. Dementsprechend müssen soziale Hilfeleistungen geschlechter-
spezifisch betrachtet und methodisch angepasst werden. Denn nur so gelingt wirkliche und wirk-
same Gleichstellungsarbeit.
Um diese Bedarfe zu ermitteln, braucht es endlich eine repräsentative Studie zur Gewaltbetroffen-
heit von Männern*, Frauen* und deren Kindern. Das Bundesforum Männer - Interessenverband für
Jungen, Männer & Väter e. V. fordert eine solche Studie schon seit einigen Jahren. Ergänzend sollten
durch die Bundesländer landesweite Dunkelfeldstudien zu häuslicher Gewalt gegen Männer* geför-
dert werden. Denn es ist weiterhin von einer hohen Anzahl von Gewaltbetroffenen im Dunkelfeld
auszugehen.
Eine bekannte Schwierigkeit sind zudem hohe Mobilitätsanforderungen an potentielle Klienten*,
die beispielsweise über wohnortnahe Einzelwohnungen der Sozialämter oder den Ausbau des Net-
zes von Männer*schutzeinrichtungen aufgefangen werden könnten. Eine weitere sinnvolle Weiter-
entwicklung wäre es, barrierefreie Zugänge zu schaffen. Außerdem ist noch nicht abschließend ge-
klärt, ob Männer*schutzeinrichtungen überhaupt ausreichend für gewaltbetroffene Männer* sind
oder ob möglicherweise weitere Formate notwendig sind. Dies muss durch Forschungen oder er-
probende Pilotprojekte ausgelotet werden. Denn nur weil Frauen*schutzhäuser und -beratungsstel-
len für Frauen* hilfreiche Maßnahmen sind, müssen diese nicht auch für Männer* passend sein. Und
auch welche Zugänge zu Hilfen für Männer* als niedrigschwellig empfunden werden bzw. wie An-
gebote konzipiert sein müssen, um betroffene Männer* besser zu erreichen, ist noch weitreichender
zu ermitteln. Denkbar sind zum Beispiel ambulante Männer*beratungen, die an die Schutzwohnung
angegliedert sind oder Online-Beratungsmöglichkeiten.

7. Ausblicke
Männer*schutzeinrichtungen
84
Notwendig ist eine flächendeckende, adressatenbezogene Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Bis-
lang ist häusliche Gewalt gegen Männer* immer noch gesellschaftlich tabuisiert. Betroffene werden
oft herabgewürdigt und nicht ernst genommen. Viel zu oft gehen helfende Personen in Konfliktsi-
tuationen universell davon aus, dass der Mann* der Gewalttätige ist. Doch ist in mindestens jedem
fünften Fall von häuslicher Gewalt der Mann* in der Betroffenenrolle, wird aber oft stigmatisierend
in die Täterschublade gesteckt. Um dieser Diffamierung entgegen zu wirken, braucht es die Sensi-
bilisierung der Betroffenen, des sozialen Umfeldes sowie der Ersthelfenden, z. B. Ärzt*innen oder
Polizeibeamten. Diese erfolgt übergreifend u. a. durch die Öffentlichkeitsarbeit der LFSM mit Hilfe
von Bausteinen für die punktuelle Sensibilisierung betroffener Männer* und das gesellschaftliche
Umfeld.
Präventive Angebote, die häusliche Gewalt
sowohl gegen Frauen* als auch gegen Männer*
mit
Schüler*innen thematisieren, können einerseits für die Thematik sensibilisieren und Fälle zutage
bringen, andererseits von klein auf der Tabuisierung entgegenwirken.
Für eine bedarfsgerechte Perspektive für Männer*gewaltschutzangebote braucht es Klarheit,
Transparenz sowie gesellschaftliche und politische Anerkennung.

8. Literaturverzeichnis
85
8.
Literaturverzeichnis
Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt e. V. 2018.
Arbeit mit Tätern in Fällen
häuslicher Gewalt: Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt e. V.
Verfügbar unter (letzter Zugriff am 23. Februar 2021):
https://www.bag-taeterarbeit.de/images/Standard_BAG_T%C3%A4HG_2018.pdf
Bundeskriminalamt. 2020.
Partnerschaftsgewalt
Kriminalstatistische Auswertung
Berichtsjahr
2019.
Wiesbaden. Verfügbar unter (letzter Zugriff am 23. Februar 2021):
https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Part-
nerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2019.pdf
Landeskriminalamt Sachsen. 2020.
Straftaten der „Häuslichen Gewalt“
- Lagebild 2019.
Dresden.
Peters, Jana. 2019.
Häusliche Gewalt
betroffenen Männern* helfen. Ein Leitfaden zum Aufbau von
Männer*schutzeinrichtungen.
Norderstedt: BoD.
Preis, Wolfgang. 2010
. Prozessmanagement in der sozialen Arbeit - soziale Arbeit als Prozessmanage-
ment.
Berlin: RabenStück (Professionelles Handeln in der sozialen Arbeit).
Sacco, Sylvia. 2017.
Häusliche Gewalt Kostenstudie für Deutschland. Gewalt gegen Frauen in (ehema-
ligen) Partnerschaften.
Hamburg: tredition.

86

image
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
87
Qualitätsstandards für Beratungsstellen
zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im
Kontext häuslicher Gewalt der Landesar-
beitsgemeinschaft Täterarbeit Sachsen
erarbeitet von:
LAG Täterarbeit Sachsen
E-Mail:
kontakt@taeterarbeit-sachsen.de

Inhaltsverzeichnis
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
88
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
103
2.
Zielgruppe
104
3.
Grundsätze der Arbeit
104
4.
Prozessqualität
105
4.1.
Kernaufgaben
105
4.1.1. Erstkontakt und Erstgespräch vor dem Vertrag
107
4.1.2. Der Vertrag
110
4.1.3. Die Beratung
111
4.1.4. Abschluss- und Ausschlussverfahren
116
4.2.
Struktursichernde Aufgaben
117
4.2.1. Personal
117
4.2.2. Verwaltung
118
4.3.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
118
4.3.1. Zusammenarbeit lokaler Partner*innen im Einzelnen
118
4.3.2. Überregionale Vernetzung
122
4.4.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplikator*innen
122
4.5.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivitäten
123
4.6.
Qualitätsentwicklung
123
5.
Strukturqualität
125
5.1.
Organisationsstruktur
125
5.2.
Datenschutzkonzept und -bestimmungen
125
5.3.
Personelle Ausstattung
126
5.4.
Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
127
6.
Ergebnisqualität
128
6.1.
Statistische Erfassung und Auswertung, Veröffentlichungen und Berichte
128
6.2.
Mehrwert und Wirksamkeit der Arbeit
128
7.
Ausblicke
129

1. Einleitung
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
89
1.
Einleitung
Täterarbeit im Rahmen des aktiven Opferschutzes
Die folgenden Empfehlungen wurden durch die Landesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Sachsen
(LAG Täterarbeit Sachsen) erarbeitet. Als Grundlage zur Erarbeitung des Qualitätsstandards Täter-
arbeit Sachsen dienten der Standard zur
Arbeit mit Tätern in Fällen Häuslicher Gewalt
13
der Bundes-
arbeitsgemeinschaft für Täterarbeit Häusliche Gewalt e. V. und die Standards für die täterorien-
tierte Anti-Gewaltarbeit im Zusammenhang mit der
Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums
der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung zur Förderung der Chancengleichheit und zur
Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt (Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit)
17. Juli 2020
14
.
Wir möchten, dass die Täterarbeit in Sachsen ein flächendeckendes Angebot zur Bekämpfung Häus-
licher Gewalt wird. Wir haben aus den gewonnenen Erfahrungen der letzten 15 Jahre Täterarbeit in
Sachsen und in der Bundesrepublik Deutschland einen Rahmen entworfen, unter welchen Bedin-
gungen und in welcher Form und Durchführung Täterarbeit gelingen kann. Wir möchten, dass in
unserer Gesellschaft Häusliche Gewalt weiter enttabuisiert wird und dazu beitragen, Tötungen und
schwere körperliche Verletzungen und Misshandlungen zu vereiteln. Wir möchten, dass alle Einrich-
tungen und Institutionen, die eine entsprechende Förderung des Ministeriums erhalten, nach diesen
Standards arbeiten und auch entsprechend ausgestattet werden. In den folgenden Kapiteln werden
wir sowohl die inhaltliche Umsetzung der täterorientierten Anti-Gewaltarbeit darstellen, als auch
einen Ausblick auf die zukünftige Ausgestaltung von Täterarbeit im Freistaat Sachsen geben.
Ziel ist es, durch Beratungsstellen zur täterorientierten Anti-Gewaltarbeit (Täterberatungsstellen)
an den Ursachen der Gewaltsituation zu arbeiten. Die Täterberatungsstellen ergänzen das Hilfenetz
für Betroffene von Häuslicher Gewalt. Ziel dieser Beratungsstellen ist es, Veränderungen bei gewalt-
tätigen Männern und Frauen herbeizuführen, in deren Folge diese in der Lage sind, Verantwortung
für das eigene Gewalthandeln zu übernehmen, sich in die betroffene Person einzufühlen und Kon-
flikte partnerschaftlich und gewaltfrei zu lösen.
13
BAG Täterarbeit (2018): Arbeit mit Tätern in Fällen Häuslicher Gewalt. Standard der Bundesarbeitsgemeinschaft für Täterarbeit
Häusliche Gewalt e. V. Berlin März 2018
(https://www.bag-
taeterarbeit.de/images/Standard_BAG_T%C3%A4HG_2018.pdf) abgerufen
am 23. April 2020.
14
https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/18810
(aufgerufen am 07. September 2020)

3. Grundsätze der Arbeit
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
90
2.
Zielgruppe
Zielgruppe von Täterarbeit sind erwachsene Männer und Frauen, die gegenüber erwachsenen Per-
sonen im häuslichen Umfeld gewalttätig geworden sind, immer noch sind oder befürchten, gewalt-
tätig zu werden. Es wird sowohl mit Selbstmelder*innen als auch mit institutionell vermittelten bzw.
zugewiesenen Männern und Frauen (z. B. durch Justiz oder Jugendamt) gearbeitet. Sofern es sich
um Straftaten gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung handelt, sind existierende Angebote
zur Behandlung von Sexualstraftäter*innen in der Regel vorzuziehen, da Täterprogramme diesbe-
züglich keine Alternative darstellen
.
3.
Grundsätze der Arbeit
Unter Gewalt wird jede zielgerichtete Verletzung der körperlichen, seelischen und sozialen Integri-
tät einer anderen Person verstanden. Häusliche Gewalt kann ein Muster von kontrollierendem Ver-
halten beinhalten, das ernsthafte und langanhaltende negative Auswirkungen auf Wohlergehen,
Selbstwertgefühl, Autonomie, körperliche und seelische Gesundheit der geschädigten Person ha-
ben kann. Häusliche Gewalt beinhaltet insbesondere physische, psychische, sexualisierte, soziale,
emotionale und ökonomische Gewalt, Isolation, Stalking, Bedrohung und Einschüchterung. Wir ver-
treten zudem folgende Ansichten:
Gewalttätiges Verhalten ist erlernt. Gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien können
erlernt werden.
Täter*innen sind für ihr gewalttätiges Verhalten zu 100 % verantwortlich.
Gewalttätigem Verhalten liegt eine Entscheidung zugrunde.
Gewalttätiges Verhalten zielt darauf ab, Kontrolle zu sichern und Macht (wieder)
herzustellen.
Konflikt- und Gewaltverhalten sind zu differenzieren.
Gewalttätiges Verhalten ist in historische und gesellschaftliche, insbesondere das
Genderverhältnis betreffende Kontexte eingebunden und dient überwiegend der
Stabilisierung und Erhaltung von Machtverhältnissen.
Häusliche Gewalt tritt in jedem sozialen Milieu auf.

image
4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
91
4.
Prozessqualität
Im folgenden Kapitel beschreiben wir, wie konkret mit Täter*innen gearbeitet und in welchen
Schritten diese Arbeit vollzogen werden sollte und in welchen Settings Täterarbeit möglich ist. Das
im vorangegangenen Kapitel beschriebene Grundverständnis und die im Folgenden beschriebenen
Ziele von Täterarbeit, dienen dabei als Basis.
Kernaufgaben
Die Kernaufgaben von Täterarbeit lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die Täterarbeit beinhaltet insbesondere die Auseinandersetzung mit psychischer, physischer, sexu-
alisierter, sozialer, emotionaler und ökonomischer Gewalt, Isolation, Stalking, Bedrohung und Ein-
schüchterung sowie gewaltfördernden Haltungen und Glaubenssätzen.
Täterarbeit darf nicht isoliert stattfinden. Sie benötigt verbindliche Interventionsstrukturen gegen
Häusliche Gewalt, die von Seiten der Täterarbeit aktiv mitgestaltet werden müssen. Kooperation
muss auf der konkreten, fallbezogenen Ebene sowie auf übergeordneter, institutioneller Ebene
stattfinden. Dabei müssen alle Kooperationspartner*innen über Konzept, Inhalt und Bedingungen
der Täterarbeit informiert sein. Die Täterarbeitseinrichtung muss sich aktiv um verbindliche Koope-
rationsvereinbarungen zu Überweisungs-, Rückmeldungs-, Kontroll- und Evaluationsverfahren be-
mühen. Die Interventions- und Koordinierungsstellen gegen Häusliche Gewalt, Polizei, Justiz und
andere Einrichtungen des Opferschutzes stellen dabei die wichtigsten Kooperationsbündnisse dar.
Dabei verfolgt Täterarbeit folgende Kernziele:
keine erneute Gewaltausübung,
die Gewaltspirale muss schnell und nachhaltig unterbrochen werden,
gewaltausübende Männer und Frauen sollen das von ihnen ausgehende Risiko, Wie-
derholungstaten zu begehen, erkennen und vorbeugende Maßnahmen ergreifen
können
Zudem verfolgt die Täterarbeit nachstehende Leitziele:
Konfrontation mit der Tat und den Tatfolgen,
Übernahme von Verantwortung für das gewalttätige Handeln,
Entwicklung von Opferempathie,
Erarbeitung alternativer, gewaltfreier Handlungsstrategien

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
92
Im Sinne dieser Zielsetzung bestehen folgende weitere Ziele:
Verantwortungsübernahme:
Die Täter*innen sollen die Verantwortung für ihre Gewalttaten übernehmen. Verleugnungen,
Rechtfertigungen, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen sollen aufgedeckt und die Täter*in-
nen damit konfrontiert werden.
Selbstwahrnehmung und -kontrolle:
Die Täter*innen sollen eigene Grenzen und die Grenzen anderer erkennen und akzeptieren lernen.
Empathie:
Die Täter*innen sollen lernen, sich in die Lage der von Gewalt betroffenen (Ex-)Partner*innen und
der mit betroffenen Kinder hineinzuversetzen.
Alternative Konfliktlösungsstrategien:
Die Männer und Frauen sollen lernen, künftig Konflikte gewaltfrei zu lösen. Sie sollen eigene Stra-
tegien und Möglichkeiten entwickeln, wie sie in künftigen (Konflikt-)Situationen sozial kompetent
handeln können, ohne ihre eigenen und die Grenzen anderer zu verletzen.
Beziehungsfähigkeit:
Die Männer und Frauen sollen ihre Wahrnehmung und ihre Kommunikationsfähigkeit in Beziehun-
gen verbessern.
4.1.1.
Erstkontakt und Erstgespräch vor dem Vertrag
Über die Erfüllung von Eignungs- und Ausschlusskriterien entscheiden die Fachkräfte der Täterar-
beit nach Einzelfallprüfung. In ein längerfristig angelegtes Täterprogramm werden nur Männer und
Frauen aufgenommen, die ihre Tat eingestehen und ein Mindestmaß an Mitarbeitsbereitschaft ha-
ben. Wird ein Kriterium nicht erfüllt, muss die Zulassung zum Programm verweigert werden. Außer-
dem ist zu prüfen, ob folgende Kriterien einer Programmaufnahme entgegenstehen:
behandlungsbedürftige Suchtmittelabhängigkeit,
psychiatrische Erkrankung,
Suizidalität,
unzureichendes kognitives Verständnis.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
93
Bei fehlenden Sprachkenntnissen muss eingeschätzt werden, ob mit Hilfe von Sprach- und Kultur-
mittlung das Programm durchlaufen werden kann.
Um den Zugang zum längerfristig angelegten Programm durch die Täterberatungsstellen zu ge-
währleisten, muss mit den gewaltausübenden Männern und Frauen gearbeitet, d. h. Informationen
zum Programm gegeben werden. Zudem soll durch eine durchgeführte Anamnese und Diagnostik
der Täterberatungsstellen festgestellt werden, ob die Männer und Frauen das Programm durchlau-
fen können und wollen und Tatverantwortung übernehmen.
Alle Klient*innen müssen vor Aufnahme ins Täterprogramm mindestens drei Einzelgespräche ge-
führt haben, die dazu dienen, sie diagnostisch einzuschätzen, ihre Basismotivation selbst bei einem
Zwangskontext herzustellen und die Intervention bedarfsgerecht auszurichten. Im Aufnahmever-
fahren haben die Fachkräfte der Täterarbeitseinrichtung folgende Aufgaben:
für die Täterarbeit relevante Fallinformationen zu dokumentieren (z. B. Soziodemo-
graphie, Zugangskontext) und Unterlagen einzuholen (z. B. Gerichtsurteile, staats-
anwaltschaftliche Verfahrensakten),
Tathergang und Problemeinsicht der Klient*innen zu erfassen,
Ausmaß der bisher verübten Partnergewalt und rückfallrisikorelevante Fallmerk-
male (z. B. Suchtmittelkonsum, generelle Gewaltkriminalität) zu erheben,
die aktuelle Gefährdung von (Ex-)Partner*in und Kindern einzuschätzen und ggf. si-
cherheitsrelevante Maßnahmen einzuleiten (z. B. mit Klient*in Notfallplan entwi-
ckeln, kollegiale Fallberatung, Fallkonferenz einberufen),
Einigung über die Bedingungen zur Teilnahme herzustellen und gegenseitige schrift-
liche Vereinbarungen zu unterzeichnen (Vertrag und Schweigepflichtentbindungen),
nach Auswertung der vorliegenden Informationen über die Zulassung oder Nichtzu-
lassung der Klient*innen zum Täterprogramm zu entscheiden und den Klient*innen
und zuweisende Einrichtungen darüber zu informieren.
In der Aufnahmephase kommen standardisierte, empirisch fundierte und validierte Diagnose- und
Evaluationsinstrumente zum Einsatz, die eine Einzelfalleinschätzung von Fachkräften unterstützen
und absichern. Bewertungsgrundlage sind Aussagen über das Rückfallrisiko für Partnergewalt. In-
strumente und Schulungsmöglichkeiten für Fachkräfte werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft
Täterarbeit bereitgestellt bzw. sind in den Beratungsstellen vorhanden.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
94
4.1.2.
Der Vertrag
Inhalte der vertraglichen Vereinbarungen
Grundlage für die Teilnahme am Täterprogramm ist eine schriftliche Vereinbarung zwischen der Tä-
terarbeitseinrichtung und der teilnehmenden Person. Die Vereinbarung umfasst folgende Inhalte:
Gewaltverzichtserklärung,
Inhalte des Täterprogramms,
Vereinbarung zur verbindlichen und regelmäßigen Teilnahme,
Verpflichtung der Einhaltung der Regeln, Auflagen und Vereinbarungen,
das Verfahren bei Abbruch und Ausschluss,
das Verfahren bei erneuter Gewalt während der Programmteilnahme,
eine Schweigepflichtentbindung gegenüber:
(Ex-)Partner*in,
zuweisender Institution (z. B. Amts- oder Staatsanwaltschaft, Strafgericht, Fami-
liengericht),
Jugendamt (sofern fallbeteiligt),
fallbeteiligte Frauen- und Männerunterstützungseinrichtung bzw. Interventions-
stelle,
eine finanzielle Eigenbeteiligung.
Ohne diese vertragliche Vereinbarung zwischen Täterarbeitseinrichtung und der teilnehmenden
Person erfolgt kein Zugang zum Täterprogramm.
Verfahren bei Gewalttaten während des Täterprogramms
Die Teilnehmer*innen verpflichten sich vertraglich, erneute Gewalthandlungen zu unterlassen bzw.
von sich aus anzusprechen. Die Aufarbeitung erfolgt in der Gruppe oder in den Einzelsitzungen. Eine
Verlängerung des Täterprogramms ist für diese Fälle anzustreben. Die Täterarbeitseinrichtung er-
arbeitet mit den Teilnehmer*innen individuelle Maßnahmen zur Verhinderung erneuter Gewaltta-
ten. Hält sich der*die Teilnehmer*in nicht an die vereinbarten Maßnahmen oder zeigt keine Verant-
wortungsübernahme für sein*ihr Verhalten, erfolgt der Ausschluss aus dem laufenden Täterpro-
gramm. Es greift hier das unter
4.1.4 Ausschluss oder Abbruch
beschrieben Verfahren.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
95
4.1.3.
Die Beratung
Inhalte der Täterarbeit
Es gibt vielfältige pädagogische und therapeutische Ansätze, Konzepte und Methoden, um die oben
aufgeführten Ziele zu erreichen. Bei aller methodischen Gestaltungsfreiheit sind folgende Inhalte
dem Standard der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit entsprechend
verpflichtender Be-
standteil eines Täterprogramms:
Auseinandersetzung mit dem Gewaltbegriff und mit Gewalthandlungen:
Gewalttätige Männer und Frauen sollen für die unterschiedlichen Formen von Gewalt sensibilisiert
werden. Sie sollen ihr eigenes Gewaltverhalten innerhalb der Partnerschaft erkennen und benennen.
Ziel ist es, dass sie ein klares Verständnis von Gewalt entwickeln und dieses von sozial verträglichem
Konfliktverhalten abgrenzen können.
Tatrekonstruktion (Gewaltschilderung):
Zentraler und unverzichtbarer Bestandteil des Täterprogramms ist die detailgenaue Schilderung der
Gewaltsituationen/-taten durch die Teilnehmenden und die Konfrontation mit ihrem Gewalthandeln.
Ziel ist dabei, dass die Täter*innen ihre Verantwortung, ihre Handlungsalternativen zu verschiede-
nen Zeiten des eskalierenden Konfliktes und ihre dem Verhalten zugrundeliegenden Motive erken-
nen. Die Tatschilderung beinhaltet den Perspektivwechsel zu den betroffenen Frauen, Männern und
Kindern.
Auswirkung der Gewalt:
Das Täterprogramm richtet einen Fokus auf die kurzfristigen und langfristigen Folgen für die be-
troffenen Frauen, Männer und Kinder, wie physische und psychische Schädigungen und Verletzun-
gen.
Bilanz der Gewalthandlung:
Im Täterprogramm sollen die Männer und Frauen die Vor- und Nachteile ihres Gewaltverhaltens aus
ihrer Sicht analysieren. Sie sollen erkennen, dass Gewalt ihnen zwar möglicherweise kurzfristige
Vorteile gebracht hat, indem sie zur einseitigen Interessendurchsetzung oder zur Beendigung von
Konflikten geführt hat, damit aber schwerwiegende und langfristige Nachteile für die Opfer und Tä-
ter*innen verbunden sind.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
96
Gewaltfreie Handlungsstrategien:
Bestandteil des Täterprogramms sind Aneignung und Einüben gewaltfreier alternativer Handlungs-
strategien. Die soziale und kommunikative Kompetenz soll gestärkt werden. Das beinhaltet die Fä-
higkeit, eigene Gefühle und Bedürfnisse angemessen erkennen und ausdrücken zu können.
Notfallpläne:
Von zentraler Bedeutung sind das Ausarbeiten, Reflektieren und Anwenden von Notfallplänen zur
Rückfallprävention. Alle Teilnehmenden legen individuelle, möglichst konkrete und alltagstaugliche
Ausstiegsmöglichkeiten für zu erwartende kritische Situationen im sozialen Nahraum fest, reflek-
tieren diese und wenden sie an.
Kommunikationsmuster:
Im Täterprogramm erhalten Männer und Frauen die Möglichkeit, aktuelle Konflikte und Themen
aus ihren Partnerschaften einzubringen und zu reflektieren. Die partnerschaftlichen Kommunikati-
onsstrukturen der Teilnehmer*innen sollen herausgearbeitet und auf eskalationsfördernde Muster
überprüft werden.
Männer- und Frauenbild:
Männer sollen lernen, sich mit ihrem Männlichkeitsverständnis in Verbindung mit Gewalt, Macht
und Ohnmacht auseinanderzusetzen. Ziel ist es, biographische Erfahrungen und verinnerlichte pat-
riarchale Rollenbilder zu reflektieren. Sie sollen ihr Verhältnis zu Frauen hinterfragen und nach Maß-
gabe eines egalitären Partnerschaftsverständnisses verändern. Frauen reflektieren ihre Muster und
Sichtweisen auf ihr Männerbild, ihr Verständnis von Frau-Sein und ihre verinnerlichten Rollenbilder,
um ebenfalls ein partnerschaftliches Rollenverständnis erwerben und leben zu können.
Kinder als Mitbetroffene und Elternrolle:
Die Teilnehmenden sollen sich mit Verantwortung und Grenzen der eigenen Rolle als jeweiliger El-
ternteil auseinandersetzen. Insbesondere sollen sie die Auswirkungen der Gewalttaten auf die Kin-
der erkennen und die Beziehung zu den Kindern und die Haltung gegenüber dem anderen Elternteil
verbessern.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
97
Eigene Opfererfahrungen:
Jeder Mann und jede Frau sollte die Möglichkeit erhalten, eigene Opfererfahrungen zu reflektieren.
Ziel ist es, den Zugang zu eigenen Gefühlen zu ermöglichen und die Empathiefähigkeit zu verbes-
sern. Dabei muss vermittelt werden, dass eigene Opfererfahrungen keine Rechtfertigung für Ge-
waltausübungen sind.
Für die Bearbeitung dieser Inhalte und das Erreichen nachhaltiger Verhaltensänderung, ist die zeit-
liche Dauer und Prozesshaftigkeit eines sozialen Trainings von zentraler Bedeutung. Daher soll sich
ein Täterprogramm über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten zuzüglich Aufnahmever-
fahren und Katamnesegespräch erstrecken. Täterarbeit umfasst dabei das Leistungsspektrum von
Einzelberatung, Paargespräch und Gruppenarbeit/Trainingskurs. Im Folgenden soll auf die einzel-
nen Leistungsarten näher eingegangen werden.
Einzelberatung
Das Einzelberatungssetting soll besonders für Täter*innen angeboten werden, die aufgrund ver-
schiedener Hemmnisse nicht für ein Gruppenangebot in Frage kommen. Dabei spielt beispielsweise
die Arbeitstätigkeit im Schichtdienst, Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen (Polizei u. a.),
das Geschlecht oder die Persönlichkeitsstruktur eine Rolle. Einzelberatung ermöglicht ein tieferes
Eingehen auf individuelle Zusammenhänge und Dynamiken, muss jedoch auf die gruppendynami-
schen Aspekte der Beratung verzichten.
Inhaltlich werden im Einzelsetting ebenfalls die oben benannten Themen bearbeitet. Für die Arbeit
im Einzelsetting werden die entsprechenden Handreichungen aus dem Gruppenprogramm verwen-
det.
Paargespräch
Paargespräche können zusätzlich angeboten werden, sofern nachfolgende Voraussetzungen erfüllt
sind:
Der ausdrückliche Wunsch des Opfers und die Bereitschaft des*der Täter*in zu
Paargesprächen wurden in getrennten Gesprächen abgeklärt.
Das Opfer hat keine Angst oder Bedrohungsgefühle, in Anwesenheit des*der Tä-
ter*in offen zu sprechen.
Im Rahmen einer Analyse des Gefährdungsrisikos sind die Berater*innen für erneute
Gewalt zu der gemeinsamen Einschätzung gekommen, dass die Paargespräche im

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
98
Hinblick auf die Sicherheit aller Beteiligten vertretbar sind und in einem sicheren
Rahmen ablaufen können.
Das Opfer nimmt nach Möglichkeit Beratungsgespräche in einer Unterstützungs-
einrichtung wahr.
Der*die Täter*in nimmt am Täterprogramm teil.
Dabei muss besonders betont werden, dass der*die Täter*in zunächst an Einzel- oder Gruppensit-
zungen teilnimmt, um eine Basis für die Übernahme der Tatverantwortung zu schaffen. Ohne eine
Übernahme von Verantwortung für die eigenen Handlungen ist von Paargesprächen abzusehen.
Eine vertrauensvolle, berechenbare, transparente und angstfreie Beziehung zwischen den
(Ex-)Partner*innen ist ein wirkungsvoller Schutz vor Häuslicher Gewalt und Grundvoraussetzung für
das Führen von Paargesprächen.
Paargespräche finden grundsätzlich im Coberaterischen Setting statt und müssen die geschlechtli-
che Verteilung des Paares widerspiegeln. Paargespräche mit nur einer*m Berater*in sind zu vermei-
den, da sie das Risiko der Reviktimisierung des Opfers bergen. In der Beratungspraxis fokussieren
sich gewaltsensible Paargespräche auf einige zentrale Themen:
Paardynamik,
Gewaltmuster,
Deeskalationsstrategien,
unbedrohliches Verhalten,
Kommunikation und Bedürfnismanagement,
Geschlechterrollen und deren Ausgestaltung,
Paargeschichte und eigene Biographie,
verantwortungsvolle Elternschaft.
Gruppenarbeit/Trainingskurs
Als angestrebtes Beratungssetting wird Gruppenarbeit angeboten. Inhaltlich werden im Gruppen-
setting ebenfalls die oben benannten Themen bearbeitet. Die Bearbeitung der Themen erfolgt in
thematischen Modulen. Um die entsprechende nachhaltige Wirksamkeit zu erreichen, ist eine Sit-
zungszahl von 26 Sitzungen zu je zwei Stunden erforderlich. Das soziale Gruppentraining wird von
mindestens zwei Trainer*innen im gemischtgeschlechtlichen Team durchgeführt. Die Teilnahme an
Gruppen hat für die Täter*innen den Vorteil, dass die Gruppenmitglieder sich gegenseitig ergänzen

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
99
und unterstützen, so dass die Gruppensitzungen für die Einzelnen einen deutlichen Mehrwert ha-
ben. Gruppenarbeit mit Täter*innen wird in gleichgeschlechtlichen Gruppen durchgeführt.
Kontakt mit dem Opfer
Der Kontakt der Täterarbeitseinrichtung mit dem*der (Ex-)Partner*in bezieht sich vorrangig auf die
Informationsweitergabe zum Angebot der Täterarbeit, Erwartungen an die Beratung und auf Si-
cherheitsfragen. Kontaktaufnahme zu dem*der (Ex-)Partner*in dient darüber hinaus der Informa-
tionsgewinnung und dem Erfassen der Gewaltdynamik. Werden von Täter*in und Opfer perspekti-
visch Paargespräche gewünscht, ist ein persönlicher Kontakt mit dem*der (Ex-)Partner*in zur Vor-
bereitung gemeinsamer Gespräche wichtig. Zudem finden die Informationsgespräche mit dem*der
(Ex-)Partner*in nicht in Anwesenheit der Täter*innen statt.
Die Kontaktaufnahme erfolgt zu gewaltbetroffenen Partner*innen in bestehenden Partnerschaften
und nach Trennungen, sofern weiterer Kontakt zwischen Täter*in und Opfer nicht ausgeschlossen
werden kann. Die Vereinbarung der Täterarbeitseinrichtung mit den Gewaltausübenden umfasst
die Bekanntgabe der Kontaktdaten des*der (Ex-)Partner*in.
Nach dem Erstkontakt mit dem*der Täter*in versucht die Täterarbeitseinrichtung die (Ex-)Part-
ner*innen zeitnah telefonisch (bzw. ersatzweise schriftlich) zu kontaktieren und über Sicherheits-
fragen und Beratungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und Männer zu informieren.
Die Information der (Ex-)Partner*innen umfassen:
Inhalte, Ziele und Grenzen der Täterarbeit,
weiterbestehende Gefährdungen,
Notwendigkeit und Möglichkeiten eigener Sicherheitsvorkehrungen,
Angebot, jederzeit Kontakt mit der Täterarbeitseinrichtung aufnehmen zu können,
Informationen zu Unterstützungseinrichtungen bei Gewalt für Frauen, Männer und
ihre mitbetroffenen Kinder,
Beginn des Täterprogramms sowie Ausschluss, Abbruch und Abschluss der Bera-
tung.
Bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine akute Gefährdung von Leib und Leben der (Ex-)Partner*in-
nen und/oder der Kinder informiert die Täterarbeitseinrichtung diese umgehend.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
100
4.1.4.
Abschluss- und Ausschlussverfahren
Abschluss
Das Täterprogramm gilt als abgeschlossen, wenn das Programm vollständig durchlaufen wurde und
die im Programm unter Punkt 4.1.3 beschriebenen Themen erfolgreich durchgearbeitet sind. Dar-
über hinaus sind keine erneuten Gewaltvorfälle zu verzeichnen.
Als weiterer Indikator für einen erfolgreichen Abschluss kann die Rückmeldungen des*der (Ex-)Part-
ner*in über die gewaltfreien Verhaltensänderungen gewertet werden.
Die Täterberatungseinrichtungen bestätigen den Abschluss des Programms, die Anzahl der teilge-
nommenen Sitzungen und der bearbeiteten thematischen Inhalte, entsprechend des Täterpro-
gramms. Prognostische oder gutachterliche Stellungnahmen werden nicht getroffen. Hierüber sind
die Teilnehmer*innen zu Beginn des Programms hinreichend zu informieren.
Abbruch und Ausschluss
Teilnehmende sind aus dem Täterprogramm auszuschließen, wenn ein oder mehrere der folgenden
Punkte vorliegen:
Fehlende Verantwortungsübernahme:
Leugnungen, Unschuldsbeteuerungen und
Schuldzuschreibungen bezüglich der verübten Gewalt werden aufrechterhalten;
Erneute Gewalthandlung:
Der*die Teilnehmer*in ist nach einer erneuten Gewalt-
handlung gegen die/der (Ex-)Partner*in und/oder die Kinder nicht zur kritischen
Auseinandersetzung mit der Tat und zur Umsetzung von Maßnahmen bereit, die
eine Wiederholung ausschließen;
Unzureichende Mitarbeit und Kooperation:
Es fehlt wiederholt an der Bereitschaft
zur Mitarbeit und Kooperation. Das Gruppengeschehen oder die Einzelsitzung wird
aktiv oder passiv boykottiert;
Regelverstöße:
Die Teilnehmer*innen ignorieren wiederholt Regeln und Vereinba-
rungen;
Fehlzeiten:
Die Teilnehmer*innen halten sich nicht an die vereinbarten Bedingun-
gen einer verbindlichen Anwesenheit;
Gruppenfähigkeit:
Es fehlt die Fähigkeit oder Bereitschaft, den mit der Programm-

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4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
101
teilnahme verbundenen Anforderungen und Belastungen in der Gruppe standzu-
halten.
Bei der Umsetzung des Ausschlusses müssen Sicherheitsinteressen der (Ex-)Partner*innen und der
Kinder besonders berücksichtigt werden. Der von der Schweigepflicht entbundene Personenkreis,
wie das Opfer und die Kooperationspartner*innen, sind unverzüglich über den Ausschluss der Kli-
ent*innen zu informieren.
Dokumentation und Evaluation
Einrichtungen, die sich zu diesem Standard verpflichten, dokumentieren ihre Arbeit und halten sich
dabei an die Vorgaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit. Diese Vorgaben betreffen ein
standardisiertes Verfahren der fallbezogenen Diagnostik und Evaluation, sowie eine Jahresstatistik
mit Informationen über die Klient*innen, die geleistete Arbeit und die Einrichtungsressourcen. Für
die Vor- und Nachbereitung der Sitzungen
inklusive der Dokumentation
sind zusätzliche Zeiten
einzuplanen.
Die Täterarbeitseinrichtungen arbeiten nach einem schriftlichen Konzept, das in regelmäßigen Ab-
ständen fortgeschrieben wird, und schreiben jährlich einen Rechenschaftsbericht/Sachbericht.
Struktursichernde Aufgaben
4.2.1.
Personal
Die Personalverantwortung und -aufsicht obliegt dem Träger. Dieser trifft interne Regelungen wie
Dienstanweisungen, Tätigkeitsbeschreibungen und legt Weisungsbefugnisse sowie Vertretungsre-
geln fest. Zur Realisierung des Leistungsspektrums sollen (bezogen auf die jährliche Zuwendung)
folgende Zeitanteile an den geförderten Personalkosten der Einrichtung bereitgestellt werden:
Fallarbeit (Einzel-, Paar- und Gruppenberatung) einschließlich Vor- und Nachberei-
tung, Falldokumentation, fallbezogene Zusammenarbeit mit anderen Einrichtun-
gen: mind. 55 %,
Vernetzungsarbeit: mind. 15 %,
Öffentlichkeitsarbeit: mind. 5 %,
Die restlichen Anteile stehen für die Aufgabenbereiche Verwaltung, Team, Supervi-
sion und Weiterbildung zur Verfügung.

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4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
102
Die Fachkräfte der Täterarbeit erhalten Fallsupervision (mindestens sechs dreistündige Termine
jährlich) und die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung. Es finden regelmäßig, höchstens im Ab-
stand von 14 Tagen Teambesprechungen statt.
4.2.2.
Verwaltung
Im Bereich der Verwaltung werden folgende Aufgaben umgesetzt:
Zuwendungs-/Vereinbarungsverfahren inklusive der Antragsstellung,
Dokumentation der Tätigkeiten,
Fortschreibung der Konzeption,
Abrechnung der Leistungen, Erstellen des Verwendungs-/Leistungsnachweises,
Aktenablage, -archivierung,
Pflege und Wartung von Technik und Räumen bzw. Überwachung dieser.
Fachliche Vernetzung und Kooperationsarbeit
Wie bereits zu Beginn des Kapitels beschrieben, kann Täterarbeit wirkungsvoller und nachhaltiger
in Verbindung mit einem starken Netzwerk von Bündnispartner*innen gelingen. Im Folgenden wer-
den die wichtigsten Kooperationspartnerschaften auf lokaler Ebene genannt und der Kooperations-
gedanke näher erläutert. Neben einer lokalen Ebene agiert Täterarbeit nicht nur in der Region der
Zuständigkeit, sondern es ist auch erforderlich, sich über die Landes- sowie Bundesgrenzen hinaus
auszutauschen und gemeinsam an der Wirksamkeit des Opferschutzes und insbesondere der Täter-
arbeit zu arbeiten.
4.3.1.
Zusammenarbeit lokaler Partner*innen im Einzelnen
Interventions- und Koordinierungsstellen gegen Häusliche Gewalt (IKS)
Sind die geschädigten (Ex-)Partner*innen bereits an eine IKS angebunden, nimmt die Täterarbeits-
einrichtung Kontakt mit der IKS auf (Grundlage ist eine Schweigepflichtentbindung siehe oben). Im
Sinne des optimalen Opferschutzes ist es angeraten, die Gefährdungseinschätzung in Bezug auf er-
neute Gewalt mit den IKS abzugleichen. Bei Abbruch oder Ausschluss der Täter*innen aus dem Tä-
terprogramm informiert die Täterarbeitseinrichtung die Unterstützungseinrichtung, die mit den ge-
schädigten (Ex-)Partner*innen in Kontakt steht.

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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Mit den Interventionsstellen arbeiten die Täterarbeitseinrichtungen fallspezifisch und fallübergrei-
fend zusammen. So werden gemeinsam Polizeischulungen, Fachtage, Informationsveranstaltun-
gen für Multiplikator*innen und Öffentlichkeitsarbeit geplant und durchgeführt.
Jugendamt
Kinder sind von Häuslicher Gewalt grundsätzlich mit betroffen. Häusliche Gewalt ist ein potentieller
Tatbestand von Kindeswohlgefährdung und häufiger Indikator für weitere Gefährdungstatbestände
wie z. B. Kindesmisshandlung und -vernachlässigung.
In geeigneten Fällen und bereits im Vorfeld zu einem Familiengerichtsverfahren ist das Jugendamt
in der Position, Vätern und Müttern und dem Familiengericht ein Täterprogramm vorzuschlagen.
Täterarbeit muss sich deshalb um eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt bemühen und über
das Angebot informieren. Ein regelmäßiger Austausch zwischen den Institutionen ist im Hinblick
auf die Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung und den Schutzauftrag nach § 1666 Bürgerliches
Gesetzbuch (BGB), § 8a Achtes Buch Sozialgesetzbuch
Kinder- und Jugendhilfe
(SGB VIII) und
§ 4 Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) aufgrund Häuslicher Gewalt un-
erlässlich.
Das Jugendamt muss auch darüber informiert werden, dass ein Täterprogramm ausschließlich für
Partnergewalt und nicht für Erziehungsgewalt, Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung geeig-
net ist. Täterprogramme nach diesem Standard behandeln die schädigenden Auswirkungen Häusli-
cher Gewalt auf Kinder.
Polizei
Die Polizei ist häufig die erste staatliche Institution, die in Fällen Häuslicher Gewalt interveniert. Die
Täterarbeitseinrichtung muss die Polizei über die Täterarbeit informieren, damit die Polizei auf be-
stehende Angebote verweisen kann. Da die Polizei die Möglichkeit hat, Männer und Frauen auf dem
Wege proaktiver Informationsweitergabe tatzeitnah in eine Beratungsstelle zur täterorientierten
Anti-Gewaltarbeit zu vermitteln, ist es sinnvoll, dass von Seiten der Täterarbeit Kooperationsverein-
barungen mit der Polizei getroffen werden. In Sachsen werden gemeinsam Polizeischulungen von
den Opferschutzbeauftragten der Polizei mit den Interventionsstellen und den Täterberatungsstel-
len als Standard durchgeführt.
Justiz

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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Täterarbeit ist eine sinnvolle Ergänzung zu existierenden Sanktionsmöglichkeiten von Häuslicher
Gewaltkriminalität. Bestehende Möglichkeiten der Justiz, Täter*innen in Täterprogramme zu wei-
sen, sollten deshalb ausgeschöpft werden.
Die Amts- und Staatsanwaltschaften und Gerichte müssen über Täterarbeit informiert werden, da
sie über die weitere Vorgehensweise in Verfahren mit strafrechtlichem Hintergrund entscheiden
und Auflagen und Weisungen zur Teilnahme am Täterprogramm entsprechend des Gesetzes zur
Stärkung der Täterverantwortung § 153a Strafprozessordnung (StPO) erteilen können.
Im § 1666 BGB wird zur Gefahrenabwehr des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kin-
des die Nutzung öffentlicher Hilfen, u. a. der Gesundheitsfürsorge als Instrument des Familienge-
richts beschrieben. Hierbei wird auch in Absatz 3 explizit die Möglichkeit eines Verbots (Wegwei-
sung) beschrieben
“[...] vorübergehend oder auf unbestimmte Zeit die Familienwohnung oder eine an-
dere Wohnung zu nutzen, sich in einem bestimmten Umkreis der Wohnung aufzuhalten oder zu bestim-
mende andere Orte aufzusuchen, an denen
sich das Kind regelmäßig aufhält”
. In Fällen von Häuslicher
Gewalt zwischen Eltern wäre demzufolge direkt auf diese Gefahrenabwehr Bezug zu nehmen.
Nach Möglichkeit sollte eine entsprechende Zusammenarbeit mit der Gerichts- und Bewährungs-
hilfe erfolgen, da diese Empfehlungen zur Teilnahme am Täterprogramm geben und die Einhaltung
und Erfüllung entsprechender Auflagen überwachen kann.
Auch die Familiengerichte müssen über Täterarbeit bei Häuslicher Gewalt informiert werden. Denn
auch das Familiengericht kann von den Täter*innen verlangen, an einem Täterprogramm teilzuneh-
men. Hierzu finden sich im § 157 Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angele-
genheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) Erörterungen, wie das Gericht durch notwen-
dige Maßnahmen einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls begegnen kann. Zu den genannten
öffentlichen Hilfen zählt in dem Sinne insbesondere das Angebot des Täterprogramms. Wurden
über die Justiz Auflagen bzw. Weisungen an eine*n Täter*in erteilt, an einem Täterprogramm teil-
zunehmen, ist die Täterarbeitseinrichtung verpflichtet, Rückmeldungen über Beginn, Abbruch, Aus-
schluss und Abschluss einer entsprechenden Maßnahme gegenüber der weisenden Instanz vorzu-
nehmen. Für die Arbeit mit den Täter*innen bedeutet dies, dass sie zu Beginn der Maßnahme die
Täterarbeitseinrichtung gegenüber den Justizorganen von der Schweigepflicht entbinden müssen
(s. o.).

4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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Die Täterarbeitseinrichtung gibt keine gutachterlichen Stellungnahmen oder Sozialprognosen über
die Täter*innen ab.
Frauen- und Männerschutzeinrichtungen
Im Rahmen des Opferschutzes ist die Zusammenarbeit mit Frauen- sowie Männerschutzeinrichtun-
gen ein wichtiger Bestandteil. Genau wie der Kontakt zur IKS kann eine Einschätzung im Rahmen
eines Risikoscreenings der Berater*innen im Täterprogramm dazu führen, dass bei einem hohen
Risiko einer erneuten Gewalthandlung der Kontakt zu Schutzeinrichtungen für den*die Partner*in
eine der ersten Handlungs- bzw. Interventionsschritte wird. Wenn die Schutzeinrichtung bereits
den*die Partner*in eines*r im Täterprogramm aktiven Täter*in aufgenommen hat, ist es angera-
ten, dass die Täterarbeits- und Frauen- und Männerunterstützungseinrichtungen ihre Risikoein-
schätzungen für weitere Gewalt in einer Partnerschaft abgleichen, um weitreichenden Opferschutz
zu gewährleisten.
Sonstige
Grundsätzlich ist eine Vernetzung aller Hilfseinrichtungen anzustreben, die mit Fällen Häuslicher
Gewalt befasst sind. Dazu zählen:
Ehe-, Familien- und Paarberatungsstellen,
Suchtberatungsstellen,
Täter-Opfer-Ausgleich,
Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen,
Einrichtungen des Gesundheitswesens,
niedergelassene Psychotherapeut*innen,
Traumaambulanzen.

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4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
106
Gremien
Einrichtungen der Täterarbeit sollten in den Netzwerken rund um das Thema Häusliche Gewalt ein-
gebunden sein. Hierzu zählen städtische und landkreisbezogenen Netzwerktreffen mit regelmäßi-
gen, im Schnitt vier- bis sechsjährlichen Zusammenkünften, in denen die meisten der oben genann-
ten Kooperationspartner*innen zur Bekämpfung Häuslicher Gewalt auch vertreten sind. Darüber
hinaus bieten sich ebenfalls weitere Netzwerke bspw. der Kinder- und Jugendhilfe und des Kinder-
schutzes an, zielgerichtet und unter Berücksichtigung eigener Schwerpunkte zusammenzuarbeiten.
Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die definierten Leistungen, die auf einen gemeinsamen Zweck
ausgerichtet sind, zu verknüpfen.
4.3.2.
Überregionale Vernetzung
Neben regionaler, stellt die überregionale Vernetzung einen weiteren wesentlichen Bestandteil
fachlich hochqualifizierter Arbeit dar. So arbeiten die Täterberatungsstellen überregional in der Lan-
desarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Sachsen zusammen. Dort werden fallübergreifende und fall-
spezifische Komponenten der Täterarbeit besprochen und gleichzeitig gemeinsame Ziele und In-
halte auf Landesebene vertreten. Die Täterberatungsstellen sind gleichzeitig Mitglieder der Bun-
desarbeitsgemeinschaft Täterarbeit.
Hierzu gehören neben gemeinsamen Abstimmungs- und Arbeitsprozessen mehrere Treffen im Jahr.
Aktivitäten der Gewaltprävention und Arbeit mit Multiplika-
tor*innen
Neben der Netzwerkarbeit in Gremien gibt es bei öffentlichen Trägern und Institutionen auch eine
Reihe von Multiplikator*innen, die nah am Thema der Gewaltprävention arbeiten und weiter dafür
zu sensibilisieren sind. Hierzu zählen u. a. Schulungen bei der Polizei. In Zusammenarbeit mit den
Opferschutzbeauftragten der Polizei und den IKS sind regelmäßig Schulungen in den Polizeirevie-
ren im Einzugsgebiet der einzelnen Täterberatungsstellen zu organisieren. Diese Veranstaltungen
sind wichtiger Bestandteil an der Schnittstelle zu Situationen, in denen im Polizeieinsatz Häusliche
Gewalt oder Anzeichen davon festgestellt und entsprechend gehandelt werden muss.
Multiplikator*innen sind neben den im Punkt 4.3.1 beschriebenen Institutionen ebenfalls Studie-
rende, Aus- bzw. Weiterzubildende sowie Teilnehmende an Fachtagen. Hierzu gilt es, im Kontakt
mit Universitäten, Hochschulen und Ausbildungsanbietern zu sein.

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4. Prozessqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
107
Auch eigene Fachtage und solche von Netzwerkpartner*innen bieten sich an, um zum Thema Ge-
waltprävention aktiv zu sein. Für die Wirkung von Gewaltprävention im öffentlichen Raum eignen
sich ebenso Ausstellungen, öffentliche Veranstaltungen und Präsenz durch Plakate, Flyer und Infor-
mationsbroschüren.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fachpolitische Aktivi-
täten
Medienpräsenz ist ein wichtiger Bestandteil, um Gewaltprävention in den öffentlichen Fokus zu stel-
len und damit im Sinne des Opferschutzes wirksam zu werden. In Zusammenarbeit mit regionalen
und überregionalen Redakteur*innen und Journalist*innen entstehen Zuarbeiten für Artikel und
ggf. Dokumentationen, Filme und Videos, die eine öffentliche Präsenz des Themas unterstützen.
Eine Kooperation und Zusammenarbeit mit anderen Netzwerkpartner*innen ist in diesem Bereich
oft angeraten.
In fachpolitischen Aktivitäten ist ein Zusammenwirken mit anderen Partner*innen aus dem Wir-
kungsfeld der Gewaltprävention fast immer notwendig, um sowohl nach innen (Fach-/Qualitäts-
standards, Fachdiskussionen, Erfahrungsaustausch) als auch nach außen (Fachberatung, Weiterent-
wicklung und Umsetzung von Standards, Öffentlichkeitsarbeit, Qualitätssicherung) wirksam zu
werden. Die Zusammenarbeit in der LAG Täterarbeit Sachsen ist in dem Sinne ein bedeutender Be-
standteil der Wirksamkeit zum Thema Gewaltprävention in Sachsen, welcher regelmäßige Treffen,
Abstimmungen und Zusammenarbeit bedarf.
Qualitätsentwicklung
Zur Qualitätsentwicklung in den Beratungsstellen gehört die regelmäßige Überprüfung und Über-
arbeitung von Konzepten. Zur Entwicklung von Handlungsgrundlagen durch ein oder mehrere Kon-
zepte bedarf es wiederum der Abstimmung mit anderen, aktuellen Standards auf Landes- und Bun-
desebene, sowie eine Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiter*innen, die diese Konzeption umset-
zen. Über allgemeine Konzeptionen als Arbeits- und Handlungsgrundlage bedarf es einer vertieften
Arbeit mit spezifischen Konzeptionsfeldern wie z. B. der dolmetschergestützten Beratung und einer
Konzeption zum Thema Sicherheit im Rahmen des Beratungsprozesses.

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5. Strukturqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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5.
Strukturqualität
Organisationsstruktur
Zuwendungsempfänger für die Täterarbeit sind die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege,
die ihnen angeschlossenen Vereinigungen, andere freie Träger, Körperschaften oder Gesellschaf-
ten. Die Träger sichern die Organisationsstruktur ab.
Datenschutzkonzept und -bestimmungen
Im Folgenden werden die Konzepte zum Schutz der persönlichen Daten, Schweigepflicht sowie die
Befugnisse zur Offenbarung kurz beschrieben.
Datenschutz
Täterarbeitseinrichtungen erheben personenbezogene Daten in dem engen Rahmen, in dem es zur
Erfüllung ihrer Aufgaben notwendig ist und halten sich an die gesetzlichen Datenschutzbestimmun-
gen (z. B. Datenschutz-Grundverordnung [DSGVO], Bundesdatenschutzgesetz [BDSG], StGB, StPO
und SGB).
Datenspeicherung und Vernichtung
Personenbezogene Daten (Fallakten) werden vor dem Zugriff von Unbefugten verschlossen aufbe-
wahrt bzw. besonders geschützt, elektronisch gespeichert und nach Ablauf der geltenden gesetzli-
chen Fristen vernichtet. Bei Fällen, die von Staatsanwaltschaften und Gerichten zugewiesen wer-
den, gelten die gesetzlichen Bestimmungen des Gesetzes zur Täterverantwortung, die vorschrei-
ben, dass alle Vorgänge ein Jahr nach Ablauf der Maßnahme vernichtet werden müssen.
Schweigepflicht
Die Fachkräfte unterliegen der gesetzlichen Schweigepflicht gemäß § 203 StGB. Für die Datenwei-
tergabe an Dritte muss eine schriftliche Einwilligung der Klient*innen eingeholt werden (Schweige-
pflichtentbindung). Hierbei muss die Einwilligung deutlich machen, welche Informationen an wen
herausgegeben werden dürfen. Zudem ist eine Widerrufsbelehrung Bestandteil der Schweige-
pflichtentbindung.

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5. Strukturqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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Offenbarungsbefugnis
Eine gesetzlich festgelegte Offenbarungsbefugnis erlaubt es einer Fachkraft, ohne oder auch gegen
den erklärten Willen von Klient*innen, Informationen an Dritte weiterzugeben. Eine Befugnis liegt
beispielsweise vor, wenn sich Anhaltspunkte ergeben, dass der*die Täter*in eine Straftat begehen
wird und die Datenweitergabe dazu dient, eine konkrete und erhebliche Gefahr für die körperliche
Unversehrtheit von (Ex-)Partner*in bzw. Kindern abzuwenden. In jedem Einzelfall ist eine Rechts-
güterabwägung vorzunehmen.
Personelle Ausstattung
Fachkräfte der Täterarbeit müssen über folgende Qualifikationen und Fähigkeiten verfügen:
Hochschulabschluss (Diplom, Bachelor bzw. Master) in Sozialer Arbeit, Pädagogik
oder Psychologie oder vergleichbarer Abschluss,
gewaltspezifische Fortbildung der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit,
Erfahrung in der genderspezifischen Beratung und der Leitung von Gruppen,
Fachwissen über die Dynamik von Gewaltbeziehungen,
Reflexion der eigenen Genderrolle und der berufsmäßigen Vormachtstellung in ei-
nem Zwangskontext,
Bereitschaft zur Selbstreflexion und Verpflichtung zu kollegialem Austausch, Super-
vision und Fortbildung.
Für Täterarbeit steht ein ausreichendes Kontingent an Fachstunden zur Verfügung, das sich auf
mehr als zwei Fachkräfte verteilt. Zudem sind 0,13 % pro vollzeitbeschäftigte/r Mitarbeiter*in für
geschäftsführende Aufgaben und Verwaltung wünschenswert.

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5. Strukturqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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Räumliche, sachliche und technische Ausstattung
Täterarbeit muss in einer Einrichtung institutionalisiert sein und über ein Mindestmaß an Ausstat-
tung verfügen:
Die Einrichtung ist nach Möglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar
und barrierefrei zugänglich.
Die Einrichtung ist werktags telefonisch erreichbar, zusätzlich ist ein Anrufbeant-
worter/Sprachspeicher geschalten. Des Weiteren ist die Erreichbarkeit bei E-Mail
und Briefpost gesichert.
Die Räumlichkeiten sind für eine vertrauliche Beratung zweckmäßig; ein für Grup-
penarbeit geeigneter Raum ist vorhanden.
Die technische Ausstattung für die Möglichkeit zur Online-Beratung ist gegeben.
Es stehen ausreichend Arbeitsplätze für die Fachkräfte, technische Ausstattung (PC,
Drucker, Telefon, Kopierer, Speichermedien etc.) sowie ein Pausenraum für die Mit-
arber*innen zur Verfügung.
Zur Ausstattung gehört ein abschließbarer Aktenschrank und ein Aktenvernichter.
Die Möglichkeit für notwendige Dienstreisen wird eingeräumt und diese werden
entsprechend sächsischem Reisekostengesetz vergolten, sofern kein Dienstfahr-
zeug gestellt wird.

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6. Ergebnisqualität
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
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6.
Ergebnisqualität
Statistische Erfassung und Auswertung, Veröffentlichun-
gen und Berichte
Die Täterarbeitseinrichtungen erheben statistische Daten und dokumentieren ihre Arbeit. In der
jährlichen Statistik werden folgende Angaben berücksichtigt:
Geschlecht,
Zugangsart,
Altersverteilung,
Anzahl der Beratungen,
Zulassungen,
Ausschlüsse,
Gruppenteilnahme,
Abbrüche und Abschlüsse.
Jährlich berichten die Einrichtungen zur täterorientierten Anti-Gewaltarbeit gegenüber dem Kom-
munalen Sozialverband Sachsen (KSV) in einem Sachbericht über ihre Arbeit. Die Täterarbeitsein-
richtungen arbeiten nach einer schriftlichen Konzeption, die regelmäßig fortgeschrieben wird.
Mehrwert und Wirksamkeit der Arbeit
Täterarbeit soll primär dazu beitragen, dass Betroffene von Häuslicher Gewalt keine erneute Gewalt
erfahren müssen und geschützt sind. Daher ist die Gewaltfreiheit, ausgehend von den Täter*innen,
vorrangigstes Ziel der Täterarbeit. Mithilfe folgender Instrumentarien erfassen wir die Entwicklung
von Gewaltfreiheit:
Informationen der Adressat*innen durch kontinuierlichen Beratungsprozess,
Informationen durch das Opfer auf Grundlage einer Schweigepflichtentbindung ge-
genüber der Täterberatungsstelle,
Informationen durch Dritte (Jugendamt, Polizei, Gerichte, Beratungsstellen, Inter-
ventions- und Koordinierungsstellen gegen Häusliche Gewalt),
Katamnesegespräch mit den Adressat*innen von Täterarbeit ein halbes Jahr nach
Abschluss des Programms zur erneuten Überprüfung der Ziele.

7. Ausblicke
Beratungsstellen zur Arbeit mit Tätern und Täterinnen im Kontext häuslicher Gewalt
112
7.
Ausblicke
Der vorliegenden Qualitätsstandards ermöglichen allen Täterarbeitseinrichtungen in Sachsen nach
den beschriebenen Zielen und Inhalten gleichermaßen vorzugehen. Dazu werden ausreichende per-
sonelle und sachliche Rahmenbedingungen benötigt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können noch
nicht flächendeckend alle Notwendigkeiten wie Beratungsbedarfe, Beratungsfrequenz und not-
wendige Krisenberatungen berücksichtigt werden. Wünschenswert wäre hier eine Finanzierung von
Täterarbeit, die zum einen den aktuellen Bedarfen im Land Sachsen gerecht werden würde und zu-
dem Planungssicherheit bei den Trägern und Einrichtungen ermöglichen würde.
Offen bleibt weiterhin die Ausstattung für die aufsuchende Arbeit in den ländlichen Regionen bzw.
das Schaffen von Angeboten in Außenstellen. Hierzu ist es notwendig, mit einer Veränderung in der
Förderrichtlinie und zusätzlichen Mitteln auf die Bedarfe der ländlichen Regionen eingehen zu kön-
nen. Es wäre außerdem notwendig, Täterarbeitseinrichtungen
ebenso wie den anderen beteilig-
ten Institutionen
die Möglichkeit zu geben, zusätzliche Mittel für Dolmetscher*innen und öffent-
lichkeitswirksame Projekte beantragen und durchführen zu können.
Auch ein spezifisches Beratungsangebot für Jugendliche, die entweder gewaltausübend in ihren Fa-
milien oder in ihren ersten Partnerschaften sind, fehlt. Dies können Täterberatungsstellen auf Grund
der derzeitigen Förderrichtlinie nicht anbieten. Hierzu sind dann entsprechende Konzepte zu entwi-
ckeln und zusätzliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
Auch ist die Zusammenarbeit mit der Justiz weiter zu verbessern, um entsprechende Zuweisungen
(beispielsweise im Rahmen von § 153 StPO) für Täterarbeitseinrichtungen zu erhöhen. Eine konse-
quentere Nutzung des Gesetzes zur Täterverantwortung ist ebenso anzuregen, um die Wirksamkeit
von Täterarbeit weiter zu erhöhen.

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Herausgeber:
Landespräventionsrat (LPR) im Freistaat Sachsen
Geschäftsstelle LPR beim Sächsischen Staatsministerium des Innern, 01095 Dresden
Redaktion:
LPR
Gestaltung:
LPR
Inhalt:
Lenkungsausschuss zur Bekämpfung Häuslicher Gewalt/
Unterarbeitsgruppe Bedarfsplanung
Redaktionsschluss:
Juli 2021
Titelbild
: LPR/Jens Dauterstedt
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