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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
1
INHALTSVERZEICHNIS
Prüfung der Sächsischen Archivverwaltung durch den Rechnungshof abgeschlossen
(Dr. Jürgen Rainer Wolf)
3
Deutsche Werkstätten Hellerau – ein wertvoller Archivbestand
(Bernd Scheperski)
3
Zur Benutzung der sächsischen Staatsarchive seit 1990
(Dr. Jörg Ludwig)
5
Begutachtung von flutgeschädigtem Archivgut im Hauptstaatsarchiv Dresden –
Studienpraktikum im Fachbereich Restaurierung
(Heidi Lennig)
8
Münzfund im Staatsarchiv Chemnitz
(Dr. Michael Wetzel)
10
Einsatz vor Ort. Behördenpraktikum der Archivreferendare
(Dr. Mathis Leibetseder/Dr. Rouven Pons)
11
Projekt „Nachweisbeschaffung für ehemalige NS-Zwangsarbeiter“ in Sachsen erfolgreich abgeschlossen
(Dr. Jörg Ludwig)
12
Verzeichnisdienste – Active Directory in der staatlichen Archivverwaltung
(Bernward Helfer/Jörg Werzinger/Christian Wortmann)
15
Startsignal für zukunftsweisende Baumaßnahmen
(Dr. Volker Jäger)
17
Überblick unter Tage – Beständeübersicht des Bergarchivs Freiberg erschienen
(Dr. Andreas Erb)
18
Schlüssel zur Geschichte der Leipziger Region – neue Beständeübersicht des Staatsarchivs Leipzig
(Birgit Richter)
19
„32 Millionen im Gepäck“ – Innenminister Rasch zu Besuch im Hauptstaatsarchiv Dresden
(Dr. Peter Wiegand)
20
Tag der Archive 2004 – Entdeckungsreise durch sächsische Archive
(Dr. Jörg Ludwig)
20
Archivarsaustausch zwischen Sachsen und Tschechien fortgeführt
(Petra Sprenger)
21
Archive leisten einen Beitrag für die Wissensgesellschaft
(Dr. Hans-Christian Herrmann)
22
Neu erworbene Nachlässe im Staatsarchiv Leipzig
(Dr. Hans-Christian Herrmann)
22
Ausstellungen zu aktuellen Themen im Staatsarchiv Leipzig
(Dr. Hans-Christian Herrmann)
22

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
2
Sachverständigenausschuss konstituiert
(Silke Birk)
23
Mehr als 33.000 Besucher sahen Ausstellung „Passage Frankreich–Sachsen“
in Schloss Moritzburg
(Dr. Lorenz Friedrich Beck)
23
Ortsgeschichte braucht Archive
(Dr. Hans-Christian Herrmann)
24
Staatsarchiv Leipzig beim „Tag der Sachsen“ in Döbeln
(Birgit Richter)
24
Rezensionen
25

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
3
Auf der Tagesordnung des Sächsi-
schen Landtages stand am 26. Mai
dieses Jahres der Jahresbericht 2003
des Sächsischen Rechnungshofes.
Nach kurzer Debatte stimmte das Ple-
num bei einer Stimmenthaltung der
Beschlussempfehlung des Haushalts-
und Finanzausschusses zu. Erst am
19. Mai hatte dieser einstimmig zu
Einzelplan 03 Sächsisches Staatsmi-
nisterium des Innern, zu Nr. 7 Sächsi-
sche Archivverwaltung, votiert: „Die
Darlegungen des Sächsischen Rech-
nungshofes werden zur Kenntnis ge-
nommen“.
In der Landtagsdebatte war lediglich
der Freiberger CDU-Abgeordnete
Gottfried Teubner, der auch Bericht-
erstatter des Ausschusses war, auf
diesen Punkt ausführlich eingegan-
gen. Er hatte sich darauf bezogen,
dass nach einer intensiven öffentli-
chen Diskussion über die Thesen des
Rechnungshofes zur Digitalisierung
als modernes Medium der ersatzwei-
sen Archivierung nunmehr eine Ver-
ständigung zwischen dem Rech-
nungshof und dem Innenministerium
erzielt wurde. Die vom Kabinett
gemäß dem 2001 vorgelegten Gut-
achten zum Unterbringungsbedarf
der Archivverwaltung bis 2020 zu-
stimmend zur Kenntnis genommene
Archivkonzeption wird danach nach
Abschluss der unumstritten notwen-
digen Baumaßnahmen voraussicht-
lich 2010 evaluiert werden.
Die Archivverwaltung wird durch
Weiterentwicklung modellhafter Be-
wertungsinstrumentarien, insbeson-
dere die Erteilung von Ausnahmege-
nehmigungen zur Anbietungspflicht
sowie von Archivierungsclustern
nach Quoten oder alphanumerischer
Vorauswahl, das nach archivwissen-
schaftlichen Methoden zu archivie-
rende Schriftgut der Gerichte, Behör-
den und sonstigen öffentlichen Stel-
len des Freistaates begrenzen. Bei der
Evaluierung wird ein besonderes
Augenmerk den dann erkennbaren
Auswirkungen der sachsenweiten
Einführung der elektronischen Vor-
gangsbearbeitung gelten, die nach
derzeitigem Planungsstand ab 2006
die Verwaltung umfassend von der
Führung von Papier-Akten entlasten
soll. Dabei wird auch wichtig sein,
ob, wie und mit welchem Aufwand
die Archivierbarkeit dieser elektroni-
schen Daten dann für die künftigen
Generationen gesichert werden kann.
Teubner würdigte diese konstruktive
Lösung als in aller Interesse liegend.
Dr. Jürgen Rainer Wolf
Staatsministerium des Innern
Gründung des Sächsischen Staatsarchivs zum 1. Januar 2005
Am 1. Januar 2005 entsteht das Sächsische Staatsarchiv. In der neuen Landesoberbehörde werden das Staatsarchiv
Chemnitz, das Hauptstaatsarchiv Dresden, das Bergarchiv Freiberg, das Staatsarchiv Leipzig sowie das Referat
Archivwesen des Staatsministeriums des Innern zusammengefasst. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe standen
noch einige Entscheidungen zur Organisation aus. Es ist vorgesehen, im nächsten Archivblatt über die neue Fach-
behörde des staatlichen Archivwesens in Sachsen zu berichten.
Die Redaktion
Prüfung der Sächsischen Archivverwaltung durch den Rechnungshof abgeschlossen
Deutsche Werkstätten Hellerau – ein wertvoller Archivbestand
Die Möbelindustrie in Dresden wur-
de und wird vor allem durch die
Deutschen Werkstätten Hellerau ge-
prägt. Der Name steht für Tradition –
im Sinne individueller Fertigung in
der Serienproduktion und handwerk-
licher Qualität. Diesem Anspruch
sind die Deutschen Werkstätten Hel-
lerau seit mehr als 100 Jahren treu
geblieben.
Für die 1898 gegründeten Deutschen
Werkstätten arbeiteten viele namhaf-
te Künstler wie Peter Behrens, Karl
Bertsch, Hans Hartl, Josef Hiller-
brand, Wilhelm Kreis, Hermann Mu-
thesius, Adelbert Niemeyer, Bruno
Paul, Richard Riemerschmid, Adolf
G. Schneck, Heinrich Tessenow und
Henry van de Velde. Besonders inno-
vative Leistungen der Möbelentwick-
lung und Gestaltung waren 1906 die
erste maschinelle Fertigung von Mö-
beln nach Entwürfen von Riemer-
schmid, 1910 der erste Einsatz von
Sperrholzplatten, 1935 die „wach-
sende Wohnung“ von Bruno Paul,
1950 der Einsatz verformten Lagen-
holzes (Menzel-Stuhl), 1957 die
komplettierungsfähigen Einzelmöbel
sowie 1967 die Montagemöbel Deut-
sche Werkstätten (MDW-Programm).
Neben der Fertigung von Möbeln
gehörte immer auch der Innenausbau
zum Produktionsprofil. Vom VEB
Deutsche Werkstätten Hellerau wur-
den z. B. die Semperoper Dresden,

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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
4
Bruno Goldschmitt: Fabrikgebäude der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst in Hellerau, um 1915
HStADD, 11764 Deutsche Werkstätten Hellerau, Nr. 4412
der Kulturpalast Dresden, das Ge-
wandhaus Leipzig und das Schau-
spielhaus Berlin eingerichtet. Diese
Tradition fand nach 1990 ihre Fort-
führung im Innenausbau des Sächsi-
schen Landtages, der Synagoge Dres-
den und des Auswärtigen Amtes in
Berlin (Gebäude des DDR-Außenmi-
nisteriums).
Die Entwicklung der Firma, die Zu-
sammenarbeit mit den unterschied-
lichsten Künstlern und Architekten
und die Gestaltung der Möbel spie-
geln sich in der archivischen Überlie-
ferung wider. Insofern verwundert es
nicht, dass das Landesamt für Denk-
malpflege das Archiv der Deutschen
Werkstätten 1997 in die Liste der
Kulturdenkmäler des Freistaates
Sachsen aufgenommen hat. Die Si-
cherung der kulturgeschichtlichen
Quellen wurde 1999 mit der Über-
nahme der Unterlagen in das Sächsi-
sche Hauptstaatsarchiv Dresden fort-
gesetzt (s. Sächsisches Archivblatt 2/
1999). Zwischen der Übernahme und
heute liegen fünf Jahre, die durch in-
tensive Erschließungsarbeiten und
Bestandserhaltungsmaßnahmen ge-
prägt waren.
Das Interesse vieler Benutzer im In-
und Ausland, die Quellen der Deut-
schen Werkstätten in die jeweiligen
Forschungsvorhaben einbeziehen zu
können, war schon immer sehr groß.
Aber erst mit der Übernahme der Un-
terlagen in das Hauptstaatsarchiv
Dresden konnte diesem Wunsch in
fachlich angemessener Weise ent-
sprochen werden. In enger Zusam-
menarbeit mit der Deutschen Werk-
stätten Hellerau GmbH wurde ein ge-
meinsamer Weg gefunden, um das
Archivgut zu erschließen. Die Firma
als Eigentümerin des Archivgutes
stellte finanzielle Mittel zur Verfü-
gung, um im Rahmen von Projekten
bzw. studentischer Nebentätigkeit
Drittkräfte für die Arbeiten zu gewin-
nen. Die fachliche Betreuung und
Anleitung erfolgte durch Mitarbeiter
des Hauptstaatsarchivs Dresden. Mit
der rechnergestützten Erfassung der
Unterlagen im Archivprogramm Au-
gias wurde sofort nach der Übernah-
me im November 1999 begonnen. In
dieser Phase der Bearbeitung galt es,
so schnell wie möglich das Archivgut
der Forschung zur Verfügung zu stel-
len. Innerhalb von zwei Jahren konn-
te dieses Vorhaben abgeschlossen
werden. Um die wertvollen Archiva-
lien vor Umwelteinflüssen wie Staub
und Licht sowie vor mechanischen
Beschädigungen bei der Lagerung zu
schützen, wurden die Unterlagen an-
schließend in säurefreien Dreiklapp-
mappen und Archivkartons verpackt
und etikettiert. Parallel zu dieser Ar-
beit erfolgte die Entmetallisierung.
Dabei mussten in aufwändiger Hand-
arbeit verrostete Büroklammern bzw.
Metallteile aller Größen und Art ent-
fernt werden. Insgesamt wurden 120
lfm Archivgut aus der Zeit von 1898
bis 1998 bearbeitet.
Der Benutzer kann nun anhand des
Findmittels seinen Interessen ent-
sprechend recherchieren: nach Auf-
sichtsrats- und Generalversamm-
lungsprotokollen, Geschäftsberichten
und Bilanzen, Informationen zur De-
montage, Unterlagen der Kombinats-
leitung und des Stammbetriebes,
nach Verträgen mit Künstlern, Pro-
jektunterlagen und Originalzeichnun-
gen von Einzelmöbeln, Inneneinrich-
tungen und Häusern, nach Katalogen,
Prospekten oder Unterlagen zur Gar-
tenstadt Hellerau. Darüber hinaus
sind ca. 13.160 Fotos, Bilder, Glas-
platten, Negative und Dias im Be-
stand enthalten, die nach themati-

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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
5
Transportfahrzeuge aus dem Fuhrpark der Deutschen Werkstätten Hellerau vor dem
Fabrikgebäude, 1938
HStADD, 11764 Deutsche Werkstätten Hellerau, Nr. F 1213
schen Gesichtspunkten (z.B. In-
neneinrichtungen,
Ausstellungen,
Personen und Ereignisse, Holzhäu-
ser) klassifiziert wurden. Vor der Ein-
sichtnahme in die Unterlagen muss
allerdings die Zustimmung der Deut-
schen Werkstätten Hellerau GmbH
eingeholt und im Hauptstaatsarchiv
Dresden vorgelegt werden.
Die Deutschen Werkstätten Hellerau
haben die Kultur- und Wirtschaftsge-
schichte in Deutschland, ja sogar in
Europa beeinflusst. In seinem 1993
erschienenen Buch “Vom Sofakissen
zum Städtebau” über die Geschichte
der Deutschen Werkstätten und der
Gartenstadt Hellerau fasst Klaus-Pe-
ter Arnold zusammen: “Hellerau hat
noch immer europäischen Klang und
ist bis heute ein Meilenstein in der
Geschichte der Architektur, des Städ-
tebaus, des Kunstgewerbes, des
Theaters und des Tanzes sowie der
Literatur geblieben.”
Bernd Scheperski
Hauptstaatsarchiv Dresden
Zur Benutzung der sächsischen Staatsarchive seit 1990
Eine im Jahr 2003 durchgeführte
Umfrage des Bundesarchivs, deren
Ergebnisse im Heft 2/2004 des „Ar-
chivars“ veröffentlicht worden sind,
hat gezeigt, in welch umfangreicher
Weise die ostdeutschen Staatsarchive
durch Anfragen zur Klärung offener
Vermögensfragen in Anspruch ge-
nommen werden. Ungeachtet der da-
bei zu Tage getretenen hohen Anfra-
genzahl und der politischen Bedeu-
tung des ganzen Themenbereiches
betreffen diese Auskünfte allerdings
nur einen sachlich und zeitlich be-
grenzten Ausschnitt der Archivbenut-
zung. Es fehlt – das ist aber nicht als
Kritik an dem im „Archivar“ abge-
druckten Beitrag zu verstehen – die
Einordnung der vermögensrechtli-
chen Auskünfte einerseits in die ge-
samte Auskunftstätigkeit und die
sonstige Benutzung der Archive, an-
dererseits auch in den Gesamtverlauf
der Archivbenutzung seit 1990, mit
seinen Höhen und Tiefen.
Es ist in diesem Zusammenhang si-
cher nützlich, am Beispiel eines Bun-
deslandes kurz auf beide Aspekte
einzugehen. Im Folgenden soll daher
die Benutzung der sächsischen
Staatsarchive in den letzten Jahren
(genauer gesagt, in den Jahren 1990 –
2003) skizziert und der gegenwärtig
erreichte Stand, auch mit Blick auf
andere Bundesländer, eingeschätzt
werden.
Da die persönliche Einsichtnahme im
Archiv sowie die Erteilung schriftli-
cher Auskünfte schon allein mengen-
mäßig die wichtigsten Formen der
Archivbenutzung sind (lässt man die
Anfertigung von Reproduktionen
einmal beiseite), kann die quantitati-
ve Entwicklung der Archivbenutzung
an den Zahlen der Benutzertage und
der schriftlichen Auskünfte abgele-
sen werden. Die für Sachsen verfüg-
baren Zahlen (vgl. Diagramm auf
S.6) machen deutlich, dass es in den
Jahren unmittelbar nach der Wende
zu einem regelrechten „Ansturm auf
die Archive“ kam. Von 1990 bis 1996
wuchsen die Benutzertage der sächsi-
schen Staatsarchive um ca. 100 %,
die schriftlichen Anfragen sogar um
260 %. Bei den schriftlichen Anfra-
gen wurde die stürmische Wachstums-
periode der Nachwendezeit im Jahr
1997 zunächst beendet. Für zwei
Jahre folgte eine rückläufige Ten-
denz, doch dann stabilisierten sich
die Zahlen auf hohem Niveau und
stiegen vor allem im Jahr 2003 wie-
der stark an. Bei der Benutzung im
Archiv wurde der Höhepunkt im Jahr
1999 erreicht; seitdem ist die Zahl
der Benutzertage leicht rückläufig,
doch hat es 2003 wieder einen Zu-
wachs gegeben.

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
6
Für den „Ansturm“ auf die sächsi-
schen Staatsarchive nach 1990 gab es
viele Gründe. Zum einen fielen Zu-
gangsbeschränkungen der DDR-Zeit
weg. Die Archive verließen den Zir-
kel der politisch oder fachlich defi-
nierten Exklusivität; sie öffneten sich
stärker für „Jedermann“, das heißt,
für Benutzer ohne offizielles Begleit-
schreiben einer Institution, für Benut-
zer, die keiner wissenschaftlichen
Einrichtung angehörten, oder für Be-
nutzer aus dem westlichen Ausland.
Das bedeutet nicht, dass die wissen-
schaftliche, besonders geschichtswis-
senschaftliche Benutzung absolut
zurückgegangen wäre. Gerade bei
den akademischen Forschungsthe-
men – z. B. zur sächsischen Landes-
geschichte – bestand ein großer
Nachholbedarf, so dass zahlreiche
Studenten, Promovenden oder Habi-
litanden bei weitem nicht nur sächsi-
scher Hochschulen die Staatsarchive
aufsuchten. Einen Boom gab es aber
auch im Bereich der Heimatge-
schichte. Zahlreiche Arbeitsbeschaf-
fungsmaßnahmen hatten die Erstel-
lung von Ortschroniken oder die Vor-
bereitung von Stadt- und Gemeinde-
jubiläen zum Ziel; zudem benutzten
Vorruheständler oder Rentner für hei-
matgeschichtliche Arbeiten nun ver-
stärkt die Archive.
Zum anderen kamen auch Personen,
die mit Hilfe der hier vorhandenen
Unterlagen erlittenes Unrecht nach-
weisen oder sich politisch rehabilitie-
ren wollten. Dabei ging es nicht zu-
letzt um den Rückerwerb enteigneten
Besitzes, um Entschädigungszahlun-
gen oder um andere Vermögensange-
legenheiten. Es war dies eine Archiv-
benutzung, wie sie typischerweise
nach gesellschaftlichen Umbrüchen
auftritt, vorausgesetzt, die alte poli-
tisch herrschende Klasse verfügte
über einen bürokratisch organisierten
Verwaltungsapparat, der seine Ent-
scheidungen schriftlich dokumentier-
te und diese Dokumente aufbewah-
ren ließ.
Parallel zu dieser direkten Inan-
spruchnahme der Archive kam es zu
einem dramatischen Anstieg schriftli-
cher Anfragen, insbesondere amtli-
cher Art. Wie bereits angeführt wur-
de, war der Anstieg schriftlicher An-
fragen weit höher als der Anstieg der
„direkten“ Benutzungen. Denn im
Rahmen der politischen oder berufli-
chen Rehabilitierung, der Vermö-
gensrestitution oder Entschädigung
wurden Ämter tätig, die bei der Ent-
scheidungsfindung häufig auf Archiv-
dokumente zurückgriffen. Neben
die amtlichen Anfragen traten zahl-
reiche private, die ebenso auf Eigen-
tums- und Rehabilitierungsfragen
zielten, häufig aber auch auf Be-
schäftigungs- und Entgeltbescheini-
gungen für die Rentenberechnung
oder auf genealogische, wissen-
schaftliche oder heimatkundliche
Zwecke.
Eine besondere Art von Auskünften,
die 2002 und 2003 in den Staatsar-
chiven in großer Menge eingingen,
waren die Anfragen ehemaliger
Zwangsarbeiter im Rahmen des Ent-
schädigungsverfahrens (s. hierzu in
diesem Heft den Beitrag: Projekt
„Nachweisbeschaffung für ehemali-
ge NS-Zwangsarbeiter“ in Sachsen
erfolgreich abgeschlossen). Vor al-
lem im Jahr 2003 ist der starke An-
stieg schriftlicher Auskünfte auf das
Projekt „Nachweisbeschaffung für
ehemalige NS-Zwangsarbeiter“ zu-
rückzuführen.
Wenn in den sächsischen Staatsarchi-
ven 2002/03 jährlich ca. 17.000 Be-
nutzertage registriert wurden, soll
auch gefragt werden, wie Sachsen
damit im deutschen Ländervergleich
dasteht. Als Basis für eine solche Ge-
genüberstellung können Daten für
das Jahr 2002 dienen, die im Statisti-
schen Jahrbuch des Bundes (Ausgabe
2003 auf S. 420) zum Archivwesen
von Bund und Ländern veröffentlicht
wurden, nämlich Angaben zu Um-

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
7
fang der Überlieferung, Benutzerta-
gen und Personal. Nicht einbezogen
in den Vergleich werden die Daten
des Bundes und der Stadtstaaten Ber-
lin, Bremen und Hamburg, denn es
handelt sich hier um Archivverwal-
tungen, die denen von Flächenlän-
dern sicher nur bedingt gegenüberge-
stellt werden können.
Für unsere Fragestellung relevant ist
zunächst die Angabe der Benutzerta-
ge. Was deren absolute Zahl anbe-
langt, so liegt Sachsen mit 16.666
Benutzertagen auf Platz 2 aller Bun-
desländer und wird nur von dem so-
wohl flächen- als auch bevölkerungs-
mäßig erheblich größeren Bayern
(29.743) übertroffen. Die Plätze 3
und
4
belegen
Niedersachsen
(15.967) und Nordrhein-Westfalen
(15.506). Da sich einwenden lässt,
dass der Vergleich absoluter Zahlen
für Länder ungünstig ausfallen könn-
te, die kleiner sind als Sachsen, wur-
de die Zahl der Benutzertage auch in
Relation zur Einwohnerzahl des je-
weiligen Bundeslandes gesetzt, wo-
bei sich die Reihenfolge in Tabelle 1
ergab.
wird, in welchem Maß die verwahr-
ten Unterlagen benutzt werden. Hier-
bei soll gelten, dass die Staatsarchive
stark benutzt werden, die eine hohe
Anzahl von Benutzertagen je Archiv-
mitarbeiter bzw. eine hohe Anzahl
von Benutzertagen je lfm verwahrtes
Archivgut aufweisen.
Die beachtlichen Pro-Kopf-Zahlen
der sächsischen Archivbenutzung aus
Tabelle 1 werden in Tabelle 2 durch
den Vergleich mit Personal und ver-
wahrtem Archivgut bestätigt, denn im
flächenstaatlichen Vergleich belegt
das Land jeweils den zweiten Platz.
Die sächsische Archivverwaltung
gehört damit derzeit – zumindest was
die persönliche Benutzung im Archiv
anbelangt – sowohl absolut als auch
relativ zu den am meisten in An-
spruch genommenen Archivverwal-
tungen Deutschlands.
Tabelle 1
Benutzertage je 100 Einwohner
Sachsen
3,80
Thüringen
3,78
Mecklenburg-Vorpommern
3,14
Bayern
2,41
......
Durchschnitt
1,73
Eine Interpretation von Zahlen über
die Archivbenutzung ist auch mög-
lich, wenn das verfügbare Personal
berücksichtigt und wenn gefragt
Benutzertage je Archivmitarbeiter
Benutzertage je lfm verwahrtes Archivgut
Bayern
132
Niedersachsen
0,19
Sachsen
130
Sachsen
0,18
Thüringen
113
Mecklenburg-Vorpommern
0,17
Mecklenburg-Vorpommern
92
Brandenburg
0,15
Durchschnitt
87
Durchschnitt
0,12
Tabelle 2
Da diese Erkenntnis keineswegs in
sächsisch-patriotische Hoch- oder
gar Überlegenheitsgefühle einmün-
den darf und sich sicherlich keine na-
tionalsächsischen Charakterzüge aus-
machen lassen, die die Menschen
hierzulande häufiger in die Archive
führen als in anderen Bundesländern,
soll abschließend nach Erklärungen
für die beachtliche Benutzungsfre-
quenz gesucht werden.
Zunächst fällt auf, dass sich bei den
angestellten Vergleichen meist ost-
deutsche Bundesländer in der Spit-
zengruppe befinden. Die hohe Inan-
spruchnahme sächsischer Archive
dürfte insofern auch mit besonderen
Bedingungen in Ostdeutschland zu-
sammen hängen. Viele der bereits
oben aufgezählten Gründe, die nach
1990 in Sachsen zu einem rasanten
Anstieg der Archivbenutzung geführt
haben, wirken sowohl hier als auch
in anderen ostdeutschen Ländern
fort.
Zu diesen Besonderheiten gehört
auch das archivische Erbe der DDR,
nämlich die Unterlagen von DDR-
Staat, SED und staatlicher Wirt-
schaft, die sich in den ostdeutschen
Ländern in einer bedeutsamen archi-
vischen Überlieferung manifestieren
und mit dazu führen, dass in den Ar-
chivverwaltungen Ostdeutschlands
spezifisch mehr Unterlagen verwahrt
werden als im Westen. Die größere
Nachfrage der Benutzer könnte zum
Teil auf diesem reicheren Angebot an
Archivgut beruhen. Dennoch besteht
hier keine lineare Abhängigkeit, denn
wie Tabelle 2 zeigt, ist die Nutzungs-
frequenz an den verwahrten Archiva-
lien in den Bundesländern durchaus
unterschiedlich.
Letztlich darf aber auch nicht verges-
sen werden, dass der Freistaat Sach-
sen auf eine bedeutende politische,
wirtschaftliche und kulturelle Ver-
gangenheit zurückblicken kann, in
der das Land durch Wirtschaftskraft,
kulturelle Ausstrahlung und zum Teil
auch durch politische Verbindungen
(z. B. die Personalunion mit Polen
1697 – 1763) nationalen und interna-
tionalen Rang erreicht hat. Diesem
Rang entsprechend werden viele sei-
ner Archivbestände oft auch von For-
schern genutzt, die von außerhalb
kommen, wenn auch die Masse der
Benutzer und der Großteil der Ar-
chivgutnachfrage aus dem Freistaat
selbst stammt.
Dr. Jörg Ludwig
Staatsministerium des Innern

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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
8
Begutachtung von flutgeschädigtem Archivgut im Hauptstaatsarchiv Dresden –
Studienpraktikum im Fachbereich Restaurierung
Wie sehen die Aufgaben und der Ar-
beitsalltag einer Restauratorin im Ar-
chivwesen, insbesondere an planen-
der und koordinierender Stelle, aus?
Um dieser Frage nachzugehen, be-
gann ich am 9. August dieses Jahres
im Rahmen meines Studiums zur
Dipl.-Restauratorin,
Fachrichtung
Graphik, Archiv- und Bibliotheksgut,
ein sechswöchiges Praktikum, wel-
ches im Referat Archivwesen des
Sächsischen Staatsministeriums des
Innern stattfand und durch Dipl.-
Rest. Barbara Keimer betreut wurde.
Aufgrund der immer noch aktuellen
Bewältigung von Hochwasserfolgen
des Jahres 2002 bot sich diese Pro-
blematik als Schwerpunktthema an.
Während rund 2 Wochen wurden da-
her im Hauptstaatsarchiv Dresden ge-
schädigte Akten begutachtet, die nach
der Flut von betroffenen Behörden,
wie dem Amtsgericht Dresden, der
Staatsanwaltschaft Dresden und dem
Oberlandesgericht Dresden, an das
Archiv abgegeben worden waren.
Parallel dazu erfolgten Betriebsbe-
sichtigungen bei den Firmen Zentrum
für Bestandserhaltung in Leipzig
(ZFB) und Papier-Trocknungs-Ser-
vice (PTS) in Neu-Isenburg, die als
Anbieter der Vakuumgefriertrock-
nung wesentlich an der Bergung und
Trocknung der flutgeschädigten Ak-
ten beteiligt gewesen waren. In Vor-
ortgesprächen wurden die jeweils
spezifischen Behandlungsparameter
sowie die Anlagenbeschaffenheit und
die Vorgehensweise bei der Gefrier-
trocknung erfragt.
Die Begutachtung der geschädigten
Archivalien begann mit Notariatsak-
ten aus der Zeit von 1855 bis 1981 im
Umfang von etwa 86 lfm, die im Au-
gust 2002 im Amtsgericht Dresden
etwa eine Woche im Wasser gelegen
hatten. Nach Bergung und Schockge-
frieren in verschiedenen Kühlhäusern
war die anschließende Gefriertrock-
nung bei der Firma PTS Neu-Isen-
burg durchgeführt worden. Ein Teil
der Akten war einer Gammabestrah-
lung unterzogen worden.
Notariatsakte mit stark aufgeweichtem und verklebtem Lacksiegel
Foto: Heidi Lennig
Weitere Akten aus der Zeit von 1950
bis 1999 entstammten den Beständen
der Staatsanwaltschaft Dresden (ca.
30,5 lfm) und des Oberlandesgerichts
Dresden (ca. 2,6 lfm). Erstgenannte
lagerten im August 2002 im Keller
der Staatsanwaltschaft Dresden, der
für 5–6 Tage bis zu einer Höhe von
ca. 40 cm geflutet war. Die Gefrier-
trocknung dieser Akten fand im ZfB
in Leipzig statt. Die Akten des Ober-
landesgerichtes wurden bei der Firma
PTS Neu-Isenburg gefriergetrocknet.
Außerdem war bei allen Akten, eben-
falls auf Veranlassung der Justiz, eine
Gammabestrahlung
durchgeführt
worden.
Im Hauptstaatsarchiv waren die ge-
trockneten Akten grob gereinigt, be-
schriftet und in Archivkartons einge-
lagert worden.
Die Begutachtung der Akten erfolgte
visuell und haptisch an Stichproben
anhand vorher tabellarisch festgeleg-
ter Kriterien. Durch eine Kategorisie-
rung von 0 bis 3 konnte der Schadens-
umfang je Akteneinheit differenziert
ausgewiesen werden. Die Zustands-
merkmale wurden mit Hilfe von
Excel-Tabellen erfasst und exempla-
risch durch eine Bilddokumentation
belegt. Darüber hinaus wurde eine
Einschätzung der Benutzbarkeit vor-
genommen.
Von den Notariatsakten des Amts-
gerichtes Dresden wurden 113 Akten
begutachtet (Stichprobenumfang ca.
2–3 %). Typische Schadensbilder wa-
ren Verschmutzungen und Schlamm-
verkrustungen, Versteifungen und
Verformungen, Verklebungen und
Verblockungen der Seiten, gebro-
chene Rücken, gerissene Heftungen,
Verbräunungen, Rostflecken, farbige
Ausblutungen, Abklatsch und Durch-
schlagen der Schriften, Ablösen der
nassklebenden Wertmarken, gebro-
chene oder verklebte Lacksiegel (vgl.
Abbildungen). Bei Einzelakten fielen
besondere Verbräunungen im Rand-
bereich auf, welche gleichzeitig mit
einer starken Versprödung der betrof-
fenen Bereiche auftraten. Hier sind
weitere Untersuchungen notwendig,
da ein Zusammenhang mit der Ge-
friertrocknung nicht auszuschließen
ist. Dies bezieht sich ebenfalls auf das
Schadensbild der verklebten und teil-
weise verlaufenen Lacksiegel, wel-
ches bei etwa 21 Akten festgestellt
werden musste. 5 Akten ließen
Schimmelbefall erkennen.
Von den 113 Akten werden lediglich
4 als gut benutzbar (4 %), 51 als ein-
geschränkt benutzbar (45 %) und 58
aufgrund starker Schäden als nicht
benutzbar (51 %) eingeschätzt. Zur
Konservierung/Restaurierung wird

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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
9
Notariatsakte mit starken Verschmutzungen, Knicken und roten Ausblutungen
Foto: Heidi Lennig
empfohlen: Um die Durchführung
weiterer Maßnahmen zu ermögli-
chen, müssen alle Akten einer inten-
siven restauratorischen Trockenreini-
gung unter Zuhilfenahme von Skal-
pell und Radiermaterialien unterzo-
gen werden. Neben der Reduzierung
der allgemeinen Verschmutzung ist
durch die Reinigung auch die weitge-
hende Entfernung von Sporenaufla-
gen sicherzustellen. Bei 19 Akten
müssen Metallteile entfernt werden
(17 %). Darüber hinaus sind bei ei-
nem Großteil der Akten (72 Akten)
Ordnungs- und Sortierarbeiten erfor-
derlich. Bei 58 Akten wird eine auf-
wändigere Restaurierung notwendig,
um eine vollständige Benutzbarkeit
wieder gewährleisten zu können
(51 %). Dazu gehört insbesondere
das Lösen von Verklebungen bei 31
Akten (27 %) und das Ablösen bzw.
Festigen der stark verformten und
verklebten Lacksiegel bei 15 Akten
(13 %). Eine Nassbehandlung in Er-
gänzung zur Trockenreinigung wird
bei 19 Akten empfohlen (17 %). Ab-
gelöste Wertmarken sind, soweit dies
als erforderlich angesehen wird, den
entsprechenden Akten zuzuordnen
und ggf. erneut zu fixieren (6 Akten =
5 %).
Von den Akten der Staatsanwaltschaft
Dresden wurden 24 Ordner von 156
begutachtet (Stichprobenumfang: ca.
15 %). Es handelt sich dabei um Ak-
tenordner, in denen sich überwiegend
einfache s/w-Kopien befinden.
Trotz des äußeren Erscheinungsbil-
des der Aktenordner waren die innen-
liegenden Kopien in erstaunlich gu-
tem Zustand. Der größte Schaden be-
schränkt sich auf die Aktenordner,
welche sehr stark verbogen, verformt
und verrostet waren. Bei 20 von 24
Ordnern sind die innenliegenden Ko-
pien gut bis sehr gut erhalten. Typi-
sche Schadensbilder sind hier neben
Verwellungen und Knicken vor allem
Ausblutungen von farbigen Register-
karten, ausgerissene Aktenlochungen
und Roststellen im Bereich der Hef-
tung und der Büroklammern sowie
Abklatsch von Stempeln und Schreib-
maschinenschriften.
Insgesamt ist der Erhaltungszustand
dieser Akten gut bis sehr gut, weshalb
in 13 Fällen (54 %) eine Umver-
packung ausreichend ist, um eine Be-
nutzung wieder zu gewährleisten. In
zwei Fällen wird eine neue Sortie-
rung notwendig. Neben der Ver-
packung ist bei den übrigen Ordnern
zusätzlich eine Trockenreinigung zu
empfehlen.
Von den Akten des Bezirksgerichtes
Dresden (heute Oberlandesgericht)
wurden 7 Archivkartons von 14 be-
gutachtet. Sie beinhalten 10 Urschrif-
tensammlungen und 4 Entschei-
dungssammlungen aus einem Zeit-
raum von 1959 bis 1982.
Alle Sammlungen bestanden aus lo-
sen Einzelblättern mit Aktenlochung.
Ebenso homogen wie die Materialien
und Beschreibstoffe erschien auch
das Schadensbild dieser Archivalien.
Typische Schäden waren ausgerisse-
ne Aktenlochungen, Abklatsch der
Schreibmaschinenschriften
sowie
leichte farbige Ausblutungen. Alle
Akten weisen mehr oder weniger
starke Oberflächenverschmutzungen,
leichte Verformungen, Verwellungen
und Versteifungen auf. Vereinzelt tra-
ten verlaufene Schriftzüge und Infor-
mationsverlust auf. Bei acht Akten
fiel ein unangenehmer, stechender
Geruch auf.
Aufgrund der relativ starken Ver-
schmutzungen und des auffälligen
Geruches sollten alle Akten zunächst
von der Benutzung ausgeschlossen,
sortiert und trockengereinigt werden.
Bei 12 Akten sollten Metallteile ent-
fernt werden. Eine aufwändigere Re-
staurierung wird bei keiner dieser Ak-
ten notwendig sein, jedoch müssen
mehrere Blätter aufgrund starker
Knicke geglättet werden.
Während des Praktikums wurde deut-
lich, wie schwierig es ist, eine aussa-
gekräftige, objektivierbare und nach-
vollziehbare Schadensdokumentation
insbesondere bei größeren Mengen
von Archivgut zu erstellen. Die Me-
thodik der tabellarischen Datenerfas-
sung und -auswertung sowie der
Stichprobenauswahl konnten erprobt
werden.
Darüber hinaus bot sich die Gelegen-
heit, mich mit dem Thema Gefrier-
trocknung näher zu beschäftigen.
Hierbei gaben vor allem die Firmen-
besuche beim ZfB in Leipzig und bei
PTS Neu-Isenburg einen interessan-
ten Einblick in ein mir bis dahin noch
nahezu unbekanntes Arbeitsgebiet.
Heidi Lennig
Staatliche Akademie der Bildenden
Künste Stuttgart
Studiengang Restaurierung und
Konservierung von Graphik, Archiv-
und Bibliotheksgut

image
image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
10
Münzfund im Staatsarchiv Chemnitz
Als das Staatsarchiv Chemnitz im
Frühjahr 2004 mit der Auflösung der
Lagerungsgemeinschaften der Amts-
gerichte begann, um daraus in einem
ersten Arbeitsschritt die Unterlagen
der Ämter herauszulösen und Ämter-
bestände zu bilden, galt es als selbst-
verständlich, dass bei der Durch-
führung des Projektes verschiedent-
lich mit Überraschungen zu rechnen
sei. Wohl dachte man dabei an feh-
lende Akten, Fremdprovenienzen
etc., nicht aber daran, eine numisma-
tische Besonderheit aufzuspüren. Ei-
ne umso größere Verwunderung herr-
schte daher, als bei der Neusignie-
rung und -etikettierung von Akten des
Bestandes 30016 Kreisamt Schwar-
zenberg ein preußisches Talerstück
von 1818 zum Vorschein kam – ge-
nauer gesagt eine Fälschung, die ei-
ner Untersuchungsakte vom Jahre
1829 gegen einen mutmaßlichen
Falschmünzer beigefügt war.
Der Fall selbst wird durch die Akte
(Signatur: Nr. 2839) erschöpfend do-
kumentiert. Demnach brachten Gen-
darmen am 23. September 1829 den
Zimmergesellen Johann Heinrich
Patzer aus Schwarzenberg zum dorti-
gen Kriminalamt und zeigten an, Pat-
zer habe bei einem Papierfabrikanten
mit Falschgeld bezahlt. Der Beschul-
digte erkannte den vorgelegten Taler
wieder, führte aber an, bei der Bezah-
lung nichts von dessen Unechtheit
gewusst zu haben. Jedoch ergaben die
weiteren Ermittlungen, dass Patzer
kurz zuvor in einer Schenke mit sei-
ner Münze abgewiesen worden war,
da die Wirtin die Fälschung bemerkt
hatte. Im Verhör verstrickte sich Pat-
zer in weitere Widersprüche, wenn-
gleich man ihm nicht nachweisen
konnte, den Taler selbst hergestellt zu
haben oder mit Falschmünzern in
Verbindung
zu
stehen.
Seinem
Rechtsbeistand gelang es, die Tat her-
unterzuspielen und für den völlig mit-
tellosen, dem Trunke ergebenen Zim-
mergesellen
„statt der böslichen Ab-
sicht nur den unbezähmbaren Appetit
nach Schnapps“
als Motiv herauszu-
stellen. Patzer wurde deshalb im
Frühjahr 1830 zu sechs Wochen
Handarbeit verurteilt, die er beim
Bau der Schwarzenberg-Johanngeor-
genstädter Straße ableistete.
Bemerkenswerter als der Fall ist das
sorgsam in Blatt 1 der Akte einge-
schlagene Beweisstück. Es handelt
sich um die Fälschung eines soge-
nannten preußischen Kanonentalers,
der seit 1816 geprägt wurde. Die Vor-
derseite ziert das Porträt des Mo-
narchen mit der Umschrift FRIE-
DR[ICH] WILHELM III KOENIG
VON PREUSSEN. Die Rückseite
glorifiziert den Sieg über Frankreich,
indem sie den bekrönten preußischen
Adler auf erbeuteten Kanonen und
Standarten abbildet. Als Prägestätte
ist A (Berlin), als Prägejahr 1818 an-
gegeben. Im Gegensatz zum Original
(750er Silber, ca. 22,2 Gramm) ist die
Fälschung um knapp 5,5 Gramm
leichter und von ziemlich mattem
Glanz. Das 1829 von den Schwarzen-
berger Beamten aufgenommene Pro-
tokoll spricht von einer Zinn-Zink-
Legierung, doch wird man diese Ana-
lyse dahingehend korrigieren müs-
sen, dass anstelle von Zink wohl vor-
nehmlich Blei zur Verwendung kam.
Offenbar wurde die Münze nicht ge-
schlagen, sondern gegossen. Auf die-
ses für Fälscher einfachere Herstel-
lungsverfahren
deuten
das
nur
schwach ausgeprägte Relief und die
fehlende Randschrift hin. Wie die
Untersuchungsakte beweist, konnte
die Fälschung von Zeitgenossen
leicht als solche erkannt werden. Die
Fälschung eines preußischen Kanonentalers (Vorder- und Rückseite), um 1829
StAC, 30016, Kreisamt Schwarzenberg, Nr. 2839
Foto: Veikko Thiele

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
11
verbreitete Skepsis gegenüber frem-
den, noch dazu in einem geringer-
wertigen Talerfuß (14-Taler-Fuß an-
stelle des in Sachsen bis 1836 übli-
chen Konventionstalerfußes) gepräg-
ten Münzen dürfte hierbei förderlich
gewesen sein. Die Behörden ihrer-
seits feilten den Rand ab, um eine
Materialprobe zu nehmen, entwerte-
ten die Münze, indem sie sie durch-
bohrten, und fügten sie der Unter-
suchungsakte als Beweisstück bei.
Diese Praxis war nicht unüblich,
doch haben sich solche Asservate
zumindest in älteren Beständen nur
sehr selten bis heute erhalten. So ist
das Fundstück das bisher einzige sei-
ner Art im Staatsarchiv Chemnitz,
obwohl gerade zur Falschmün-
zerei zahlreiche Akten vorhanden
sind.
Wie auch immer das seltene Vorkom-
men von Asservaten erklärt werden
kann – für den Historiker weisen Ak-
te und Münze auf jeden Fall auf ein
bislang
wenig
beachtetes
For-
schungsgebiet hin. Angesichts der
vielfältigen Überlieferung allein
schon in den Beständen der erzgebir-
gischen Ämter lohnt es sich gewiss,
zum Thema „Falschmünzerei“ in den
sächsischen Archiven zu recherchie-
ren.
Dr. Michael Wetzel
Staatsarchiv Chemnitz
Einsatz vor Ort. Behördenpraktikum der Archivreferendare
Wer kennt schon alle Facetten des
Ortszuschlags? Die beiden Referen-
dare des Sächsischen Hauptstaatsar-
chivs Dresden sahen sich während
ihrer Behördenpraktika im Sommer
2004 einer reichhaltigen und durch
zahlreiche Besonderheiten ausge-
zeichneten Überlieferung gegenüber.
Im Zuge ihrer achtmonatigen prakti-
schen Archivarsausbildung in Dres-
den, in der sie die verschiedenen Ar-
chivabteilungen durchlaufen, sind
solche Aufenthalte in Behörden vor-
gesehen. Vor der theoretischen Aus-
bildung an der Archivschule in Mar-
burg lernen sie also nicht nur den ar-
chivarischen Arbeitsalltag kennen,
sondern nehmen auch Einblick in die
Arbeitsweise behördlicher Registra-
turen. Ihre diesjährigen Stationen wa-
ren die Staatskanzlei, das Finanz-
und das Innenministerium, das Re-
gierungspräsidium Dresden sowie
die Generalstaatsanwaltschaft Dres-
den. Dort lernten sie unter fachkundi-
ger Anleitung die Registraturen und
den Geschäftsgang kennen. Eine zen-
trale Aufgabe aber war die Sichtung
und Einschätzung der Archivwürdig-
keit („Bewertung“) von Unterlagen
der Altregistraturen.
Vor rund fünfzehn Jahre nahmen die
sächsischen Ministerien und nachge-
ordneten Behörden ihre Arbeit auf;
mittlerweile sind die Regale in den
Registraturen prall gefüllt und die ge-
setzlichen Aufbewahrungsfristen für
einen Teil der Akten abgelaufen. Nun
gilt es, das auszusondernde Schrift-
gut zu erfassen und das zuständige
Archiv zu kontaktieren, denn ohne
dessen Zustimmung darf keine Akte
in den Reißwolf wandern. Den Archi-
varen obliegt die Bewertung aller
Unterlagen, die von den Behörden,
Gerichten und sonstigen öffentlichen
Stellen zur Erfüllung ihrer Aufgaben
nicht mehr benötigt werden. Falls die
Einschätzung ihrer Archivwürdigkeit
nicht anhand der Aussonderungsver-
zeichnisse möglich ist, müssen wei-
tere Prüfungen stattfinden. Hierzu
zählt auch die stichprobenartige
Durchsicht der Unterlagen in der Re-
gistratur. Keine geringe Aufgabe,
wenn man bedenkt, dass allein die
Aktenmagazine des Finanzministe-
riums mittlerweile rund 2.250 lau-
fende Meter (lfm) Schriftgut bergen.
Um mit dem Massenproblem fertig
zu werden, können anbietungspflich-
tige Stellen bei der sächsischen Ar-
chivverwaltung unbefristete Vernich-
tungsgenehmigungen beantragen –
ein Weg, den auch das Finanzmini-
sterium beschreiten möchte. Deshalb
soll in einer neuen Verwaltungsvor-
schrift, in welcher die Aufbewahrung
und Aussonderung von Unterlagen
geregelt wird, auch gleich die Bewer-
tung bestimmter Aktenplangruppen
festgeschrieben werden. Vom Fi-
nanzministerium wurden daher Über-
sichten angefertigt, aus denen Aufbe-
wahrungsfristen und Bewertungsvor-
schläge für diese Gruppen hervorgin-
gen. Die beiden Referendare des
Dresdner Hauptstaatsarchivs sollten
nun prüfen, welche dieser Aktenplan-
gruppen Unterlagen umfassen, die im
Sinne des sächsischen Archivgeset-
zes „bleibenden Wert“ besitzen kön-
nen. Zu diesen Aktenplangruppen
kann keine unbefristete Vernich-
tungsgenehmigung erteilt werden.
Eine zeitintensive Aufgabe: Fast
zwei Woche lang waren sie damit be-
schäftigt, die Registraturdatenbank
des Ministeriums auszuwerten, Ak-
ten stichprobenartig zu sondieren und
sich über Aufgaben und Strukturen
des Hauses zu informieren. Die Zen-
tralregistratur des Finanzministeri-
ums umfasst neben den behördenüb-
lichen Aktengruppen wie Personal-
und Arbeitsrecht auch das Haushalts-
wesen, die Sparkassenorganisation
und die Finanzverfassung des Frei-
staates. Alles mithilfe Registratur-
EDV erfasst und vorbildlich geord-
net.
Und dennoch fiel die Vorbereitung ei-
ner Entscheidung darüber, was anbie-
tungspflichtig bleiben muss und was
weggeworfen werden kann, nicht
leicht. Eine verantwortungsvolle Auf-
gabe stellte sich den beiden, denn was
sie jetzt generell zur Vernichtung vor-
schlügen, wäre unwiederbringlich
verloren. Potenziell archivwürdige
Unterlagen zeichnen sich in erster Li-
nie dadurch aus, dass sie das Handeln
der Behörde und zeittypische oder be-
sondere Ereignisse, Phänomene oder
Strukturen aussagekräftig dokumen-
tieren. Die klassischen Fragen, die
Archivare bei der Bewertung berück-
sichtigen müssen, lauten dabei etwa:
„Wie wirkt ein Ministerium bei der
Entstehung von Gesetzestexten mit?“

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
12
Im Staatsministerium der Finanzen wurden die Referendare von Registraturvorsteherin
Ria Krüger fachkundig betreut
Foto: Mathis Leibetseder
oder „Welchen Anteil haben Behör-
den bei der Umsetzung politischer
Vorgaben?“. Auch Unterlagen, die die
Tätigkeit herausgehobener Personen
dokumentieren oder für die Rechtssi-
cherung wichtig sind, können archiv-
würdig sein. Um zu einer stichhalti-
gen Einschätzung zu gelangen, muss
der Archivar über fundierte histori-
sche Kenntnisse verfügen. Er wird die
Zeitläufte verfolgen und sich fragen,
welche tagespolitischen Ereignisse
und Entwicklungen er im Rahmen
von Bewertung und Bestandsbildung
zu bedenken hat. Immer wieder muss
er sich bewusst machen, dass aus der
behördlichen Überlieferung jene 2 bis
5% herauszufiltern sind, mit deren
Hilfe sich die Menschen in fünfzig,
hundert oder fünfhundert Jahren ein
adäquates Bild von unserer Gegen-
wart machen können.
Deshalb erwies es sich als unum-
gänglich, die Unterlagen aus den er-
sten Jahren nach der Wende ziemlich
genau unter die Lupe zu nehmen,
denn dort schlummerten selbst in Ak-
tengruppen, die in „normalen“ Zeiten
wenig Bedeutsames aussagen, auf-
schlussreiche Informationen über die
Wiedererrichtung des Landes Sach-
sen und den Aufbau seiner Behörden-
struktur. In diesem Zusammenhang
können selbst besondere Einzelfälle
beamtenrechtlicher Versorgungsfra-
gen, vom Trennungsgeld über Sozial-
versicherungen bis hin zu Ortszu-
schlägen durchaus eine unvermutete
Bedeutung erlangen.
Die erste Welle von Aussonderungen
und Anbietungen bildet für die
Behörden des Freistaats Sachsen und
das sächsische Archivwesen gleicher-
maßen eine gewaltige Herausforde-
rung; Jahr für Jahr entstehen rund
20.000 lfm Akten in der sächsischen
Verwaltung. Die sächsischen Archive
betreuen rund 900 anbietungspflichti-
ge Stellen. Ohne eine intensive Form
der Zusammenarbeit, wie sie im vor-
liegenden Fall durch den Einsatz der
beiden Archivreferendare gefunden
wurde, kann dieser Herausforderung
kaum begegnet werden. Schließlich
ist eine gut funktionierende Koopera-
tion zu beiderseitigem Nutzen.
Dr. Mathis Leibetseder/Dr. Rouven Pons
Hauptstaatsarchiv Dresden
Projekt „Nachweisbeschaffung für ehemalige NS-Zwangsarbeiter“ in Sachsen
erfolgreich abgeschlossen
Im Herbst dieses Jahres endete das
Projekt „Nachweisbeschaffung für
ehemalige NS-Zwangsarbeiter“. Ein
nicht nur deutschland- oder europa-,
sondern wohl auch weltweit einmali-
ges Vorhaben konnte damit erfolg-
reich zum Abschluss gebracht werden.
Ausgangspunkt waren die im Gesetz
zur Errichtung einer Stiftung „Erin-
nerung, Verantwortung und Zukunft“
vom 2. August 2000 vorgesehenen
Entschädigungszahlungen für ehe-
malige NS-Zwangsarbeiter. Die ge-
setzlichen Regelungen sahen vor,
dass die geleistete Zwangsarbeit
durch Dokumente nachgewiesen
oder auf andere Weise glaubhaft ge-
macht werden muss. Im Hinblick auf
deutsche Dokumente sollte insbeson-
dere das beim Internationalen Such-
dienst des Roten Kreuzes (ISD) in
Bad Arolsen verwahrte Material ge-
nutzt werden. Allerdings stellte sich
heraus, dass trotz umfangreicher Ver-
filmungsarbeiten durch den ISD bei
weitem
nicht
das
gesamte
in
Deutschland vorhandene Material in
Bad Arolsen verfügbar und aufberei-
tet war und dass die Erfolgsquote des
ISD nur ca. 30% betrug.
Auf Initiative des Bundesverbandes
Information & Beratung für NS-Ver-
folgte und mit Unterstützung des ISD,
des Bundesarchivs und der Stiftung
„Erinnerung, Verantwortung und Zu-
kunft“ wurde daher das Projekt
„Nachweisbeschaffung“ ins Leben
gerufen. Die Anfragen, für die beim
ISD kein Nachweis erbracht werden
konnte, sollten an Archive geleitet
werden, um bislang nicht genutztes
Material in die Recherche einzubezie-
hen und die Trefferquote zu erhöhen.
Im Sommer 2001 begann die prakti-
sche Arbeit. Für die Weiterleitung der

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
13
Bildschirmansicht des Datensystems mit einem geöffneten Datensatz und Prüfergebnis-
sen (Name geschwärzt)
Prüfvorgänge wurde in Köln eine
Verteilstelle eingerichtet, die vom
ISD die negativ geprüften Datensätze
auf elektronischem Weg empfing, sie
nach geographischen oder sachli-
chen Gesichtspunkten sortierte und
an Archive und Institutionen weiter-
leitete. Als Empfänger kamen vor al-
lem das Bundesarchiv, Landeskoor-
dinierungsstellen (LKS) in den Bun-
desländern sowie große Wirtschafts-
archive (z. B. Krupp oder Siemens)
und Behörden mit entsprechender
Überlieferung in Frage. So verwahrt
z. B. die Bundeseisenbahnverwal-
tung Unterlagen über Zwangsarbeiter
bei der Deutschen Reichsbahn, die
Bundesknappschaft
über
den
Zwangsarbeitereinsatz in der Mon-
tanindustrie. Bedeutsam erweitert
werden konnte der Empfängerkrei-
ses dadurch, dass seit 2003 auch
polnische Archive und Einrichtungen
in den sogenannten Archivverbund
einbezogen wurden, denn auf diese
Weise waren auch Recherchemög-
lichkeiten bei einem Einsatz z. B. in
Schlesien gegeben. Die Zahl der am
Projekt Nachweisbeschaffung betei-
ligten Archive in Deutschland und
Polen stieg bis Frühjahr 2004 auf
ca. 300.
Für die Weiterleitung der Anfragen
(Datensätze) an die LKS bzw. Archi-
ve sowie für die archivische Prüfung
und die Übermittlung der Prüfergeb-
nisse an die Partnerorganisationen im
Ausland wurde ein elektronisches
Datensystem genutzt, womit die Ar-
beit sehr effizient und nahezu „pa-
pierlos“ erledigt werden konnte. Bei
insgesamt über 400.000 Einzelanfra-
gen, die im Rahmen der Nachweisbe-
schaffung als Prüfvorgänge zu vertei-
len waren, hat sich das im Internet zu
bedienende Datensystem glänzend
bewährt und ganz erheblich zu einem
vergleichsweise niedrigen Verwal-
tungsaufwand beigetragen. Die Be-
treuung des Datensystems übernahm
die Firma Ossenberg & Schneider
GmbH, Remagen.
In Sachsen wurde die Koordinierung
der Nachweisbeschaffung vom Refe-
rat Archivwesen im Staatsministeri-
um des Innern (SMI) wahrgenom-
men. Das SMI regelte die Einbezie-
hung der vier sächsischen Staatsar-
chive, der Landesversicherungsan-
stalt Sachsen (LVA), der Archive der
sieben kreisfreien Städte und der 22
Landkreise in das Datensystem und
vertrat Sachsen bei den Projektbe-
sprechungen
auf
Bundesebene.
Gleichfalls prüfte es die nach Ein-
satzort bzw. Einsatzorten erfolgende
Zuteilung der Datensätze an die säch-
sischen Archive, wobei die Staats-,
Kreis- und Stadtarchive Prüfvorgän-
ge zu Einsatzorten ihres Sprengels er-
hielten, die LVA zu ganz Sachsen, das
Bergarchiv Freiberg hingegen zum
Einsatz in Bergbau und Montanwe-
sen. Die Kreisarchive wurden beauf-
tragt, nicht nur in ihren Beständen zu
recherchieren, sondern auch die Ge-
meinden ihres Kreisgebietes einzube-
ziehen.
Der Zustrom von Prüfvorgängen war
beachtlich: Von Oktober 2001 bis
Ende Juli 2004 erhielt die LKS Sach-
sen insgesamt ca. 15.300 Datensätze.
Dies war zwar deutlich weniger als
z. B.
in
Sachsen-Anhalt
(über
24.000), Mecklenburg-Vorpommern
und Brandenburg (jeweils ca. 20.000),
andererseits aber mehr als in Baden-
Württemberg (knapp 15.000), Hessen
(knapp 5.000) oder Rheinland-Pfalz
(ca. 4.000). Dass vor allem die Neuen
Bundesländer in starkem Maße von
der Nachweisbeschaffung in An-
spruch genommen wurden, hing letzt-
lich damit zusammen, dass die An-
tragsteller (vor allem Polen, Ukrainer,
Weißrussen oder Tschechen) als
Zwangsarbeiter mehrheitlich in heute
ostdeutschen Regionen eingesetzt wa-
ren.
Auch innerhalb Sachsens (Stand: 31.
Juli 2004) gab es bei den Zuweisun-
gen ein Gefälle. Wegen der Zustän-
digkeit für ganz Sachsen erhielt die
LVA die
meisten
Prüfvorgänge
(16.272), dann folgten das Haupt-
staatsarchiv Dresden (11.082), das
Staatsarchiv Leipzig (7.889) und das
Staatsarchiv Chemnitz (5.409). Dem
Bergarchiv Freiberg wurden 175
Prüfvorgänge zugewiesen. Bei den
Stadtarchiven entfielen die meisten
Prüfvorgänge auf Dresden (5.523),
Leipzig
(4.163)
und
Chemnitz
(1.167). Da die Zwangsarbeiter größ-
tenteils in den Ballungszentren der
Großstädte arbeiteten mussten, liegt
die Zahl der den Kreisarchiven zuge-
leiteten Prüfvorgänge deutlich niedri-
ger: Das Kreisarchiv Torgau-Oschatz
erhielt 1.002 Datensätze, gefolgt vom
Vogtlandkreis (880) und Bautzen
(832); die niedrigsten Zuweisungen
entfielen auf Stollberg (141) und
Annaberg (122).
Erhielt die LKS Sachsen insgesamt
15.317 Prüfvorgänge, so konnten von

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
14
Sowjetische Kriegsgefangene bei Verlade- und Transportarbeiten bei der Pirnaer Firma
Küttner, um 1943
HStADD, 11743, Fa. Fr. Küttner AG, Pirna, Nr. 233
den sächsischen Archiven insgesamt
5.029 positive Prüfergebnisse einge-
geben werden. Mit einer Quote von
über 30 % zählt Sachsen neben Nord-
rhein-Westfalen zu den Ländern mit
dem höchsten Anteil positiver Prüfer-
gebnisse. Dieses erfreuliche Ergebnis
ist nicht zuletzt auf die umfangreiche
Wirtschaftsüberlieferung in den säch-
sischen Staatsarchiven zurückzu-
führen, was unterstreicht, wie wich-
tig das Archivgut der Wirtschaft auch
für die Rechtssicherung ist. Bei der
Erfolgsquote muss aber beachtet
werden, dass die Zwangsarbeiter oft
in mehreren Orten bzw. Regionen
eingesetzt waren und somit die Prüf-
vorgänge in der Regel mehreren ört-
lich zuständigen Archiven zugewie-
sen wurden. Bei entsprechender
Nachweismöglichkeit konnte ein
Prüfvorgang daher auch mehrfach
positiv geprüft werden.
Unter den beteiligten Einrichtungen
und Archiven in Sachsen schwankt
die Quote positiver Prüfergebnisse:
Mit 28 % erreichte das Kreisarchiv
Sächsische Schweiz den besten Wert,
gefolgt von den Kreisarchiven Aue-
Schwarzenberg (27 %) und Weiße-
ritzkreis (24,6 %). Wenig ergiebig
war die Recherche bei der LVA Sach-
sen (0,8 %), dem Kreisarchiv Riesa-
Großenhain (1,1 %) und dem Stadtar-
chiv Dresden (1,6 %). Diese Schwan-
kungsbreite hängt natürlich nicht mit
der Einsatzbereitschaft und den Re-
cherchefähigkeiten der Archivare
und Mitarbeiter zusammen, sondern
hauptsächlich mit der Überliefe-
rungslage. Bedeutsam war aber auch,
inwieweit es die im Prüfvorgang ge-
nannten Daten zum Einsatz erlaub-
ten, dem Antragsteller in Fällen, wo
kein Quellennachweis möglich war,
zu bescheinigen, dass die von ihm
gemachten Angaben zum Aufenthalt
in Deutschland plausibel waren. Das
Ausstellen sogenannter Plausibilitäts-
erklärungen war z. B. bei in der
Landwirtschaft eingesetzten Zwangs-
arbeitern möglich, wenn sie sich an
die Namen der Bauern erinnerten und
diese angaben.
Bei einer großen Anzahl von Prüfvor-
gängen, die nur spärliche Angaben
zum Einsatzort enthielten (z. B.
„Leipzig“, „Lager bei Dresden“ oder
„Fabrik in Chemnitz“), war die Re-
cherche sehr erschwert oder ganz un-
möglich. Einerseits konnten sich vie-
le der hochbetagten Antragssteller
nicht mehr genau an den Einsatzort,
den Betrieb und an geografische Zu-
sammenhänge erinnern, andererseits
hing die Dürftigkeit der Angaben
auch damit zusammen, dass zunächst
lediglich ein Abgleich mit Unterlagen
des ISD vorgesehen war, dem zum
Einsatzort eine bloße Ortsangabe
auch genügte. Problematisch war fer-
ner, dass Orts- und Firmenbezeich-
nungen in den Prüfvorgängen, aus
dem Gedächtnis zitiert, oft nicht mit
den korrekten Bezeichnungen übe-
reinstimmten. Als ein extremes Bei-
spiel sei die Angabe „Koschipinyj
Raj, Fahrendorfinstraße 21 oder 31,
Stadt Leipzig“ genannt, die als
Kammgarnspinnerei in der Pfaffen-
dorfer Straße 31 in Leipzig zu identi-
fizieren war.
Um bei dürftigen oder unklaren An-
gaben zum Einsatzort Nachbesserun-
gen zu ermöglichen, konnte im Da-
tensystem das Prüfergebnis „nicht
prüfbar“ gewählt und ein Text einge-
tragen werden, mit dem von den An-
tragstellern bzw. Partnerorganisatio-
nen weitere Informationen erbeten
wurden. Leider stellte sich aber her-
aus, das diese Zusatzinformationen
nur in wenigen Fällen eintrafen.
Zusammenfassend lässt sich sagen,
dass das Projekt „Nachweisbeschaf-
fung“ eine wichtige Hilfeleistung für
die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeiter war. Von den ca.
400.000 Prüfvorgängen, die nach
Deutschland zur Recherche geleitet
worden waren (davon wurden aber
nicht alle verteilt), konnten letztlich
über 40.000 positiv geprüft werden,
was in der Regel zu der gesetzlich
vorgesehenen Entschädigungszah-
lung geführt hat. Ferner war das Pro-
jekt ein bedeutsamer Erfolg für die
beteiligten Archive und Institutionen,
die mit neuen Organisationsformen
und IT-Unterstützung nicht nur die
Herausforderung hunderttausender
Recherchen gut bewältigt, sondern
auch der Öffentlichkeit gezeigt ha-
ben, welch eminente Bedeutung Ar-
chiven für die Rechtssicherung, Ver-
gangenheitsbewältigung und Wieder-
gutmachung zukommt.
Dr. Jörg Ludwig
Staatsministerium des Innern

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SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
15
Verzeichnisdienste – Active Directory in der staatlichen Archivverwaltung
1
1
Der Artikel ist auf Anregung des EDV-Ausschusses der Archivreferenten-Konferenz entstanden.
Bisher bildete i. d. R. jede Behörde ei-
ner Landesverwaltung mit ihren
Rechnern ein in sich geschlossenes
Netzwerk (LAN), das unter dem Be-
triebssystem Microsoft Windows NT
mit Hilfe eines primären Domänen-
controllers (PDC) und eines Siche-
rungs-Domänencontrollers
(BDC)
verwaltet wurde. D. h., Netzwerk-
und Domänengrenze – und damit
auch Verwaltungs- bzw. Administrati-
onsgrenze – waren zumeist identisch.
Domänenübergreifende Kommunika-
tion war nur eingeschränkt über die
Einrichtung sogenannter Vertrauens-
stellungen möglich. Bei dieser Netz-
werkstruktur benötigte man einerseits
eine große Anzahl an (physikalischen)
Servern und andererseits an jedem
Standort mindestens einen Netzwerk-
administrator. Zur effizienteren Ge-
staltung einer möglichst einheitlichen
Netzwerkverwaltung etablieren sich
in den letzten Jahren in einigen Lan-
desverwaltungen Verzeichnisdienste.
Was ist ein Verzeichnisdienst?
Ein Verzeichnisdienst (engl.: Direc-
tory Service) ist eine Infrastruktur-
komponente – oder einfacher: ein
Dienst – in einem Netzwerk, die bzw.
der applikationsunabhängig Daten
verwaltet und zugänglich macht. Der
Verzeichnisdienst erlaubt die Verwal-
tung von Daten zu unterschiedlichen
Objekten. Solche Objekte können
beispielsweise Benutzer, Computer,
Drucker oder auch Standorte, Behör-
den oder Organisationseinheiten sein.
Jedes Objekt wird durch eine be-
stimmte Menge von Eigenschaften –
den Attributen – beschrieben. Jedes
Attribut kann wiederum eine oder
mehrere Werte enthalten. So ist z. B.
„Vorname“ ein Attribut des Objektes
„Benutzer“ und „Hans“ ist der Wert
dieses Attributes.
Die Daten bzw. die Objekte werden
in einem Verzeichnis (engl.: Direc-
tory) hierarchisch strukturiert verwal-
tet. Die Struktur ist in Form eines
Verzeichnisbaums (engl.: Directory
Tree) darstellbar. Physisch ist ein
Verzeichnis eine besondere, auf
schnelle Lesbarkeit und besonders
gute Durchsuchbarkeit optimierte Art
von Datenbank. Die Verzeichnisda-
ten, d. h. die Datenbankeinträge, kön-
nen erstellt, geändert, verglichen, ge-
sucht oder gelöscht werden.
Die Datenbank beinhaltet neben den
Verzeichnisdaten auch das sogenann-
te Schema. Als Schema wird eine
Menge von Regeln bezeichnet, wel-
che Syntax und Gültigkeit der Ver-
zeichnisdaten definieren. So wird es
beispielsweise unmöglich sein, dem
Objekt „Drucker“ das Attribut „Ge-
burtsdatum“ zuzuweisen.
Die Zugänglichmachung der Ver-
zeichnisdaten erfolgt mittels eines
Zugriffsprotokolls (engl.: DAP = Di-
rectory Access Protocol). In der Pra-
xis hat sich LDAP (engl.: Light-
weight Directory Access Protocol)
als Zugriffsprotokoll etabliert. Die
Verzeichnisdaten stehen somit netz-
werkweit – entsprechende Zugriffs-
rechte vorausgesetzt – jeder Applika-
tion und jedem Nutzer und selbstver-
ständlich auch dem Betriebssystem
zur Verfügung. Eine Zugänglichma-
chung über Netzwerkgrenzen hinweg
ist ebenfalls möglich. Neben der Ver-
fügbarkeit sind auch die Vermeidbar-
keit von Mehrfachspeicherungen und
somit die Erhöhung der Datenkonsi-
stenz als Vorteile zu benennen.
X.500 bezeichnet eine 1988 von der
ITU (International Telecommuni-
cation Union) veröffentlichte Emp-
fehlung für einen Verzeichnisdienst,
die von der ISO (International Stan-
dards Organization) als Standard
übernommen wurde. Nahezu alle
verfügbaren Verzeichnisdienste, wie
z. B. NDS (Novell Directory Servi-
ces), ADS (Active Directory Servi-
ces) oder NIS (Network Information
Service), basieren auf diesem Stan-
dard.
Was ist Active Directory (AD)?
Active Directory bzw. Active Direc-
tory Services ist der mit Windows
2000 Server eingeführte Verzeichnis-
dienst von Microsoft. Der Verzeich-
nisdienst bildet den Kern für das Ma-
nagement wesentlicher Windows-Sy-
stemfunktionen. Benutzermanage-
ment, Sicherheitsverwaltung und
weitere Funktionen wie z. B. Datei-
en, Drucker, Datenbanken, Web-Zu-
griffe und Hostverbindungen werden
darüber gesteuert.
Durch Active Directory werden die
bisherigen flachen Domänen- und
Verwaltungsstrukturen von Windows
NT erweitert. Domänen können nun-
mehr hierarchisch strukturiert in
Domänenbäumen angeordnet werden
(vgl. Abb. 1). Dies ermöglicht eine
realitätsnahe Abbildung komplexer
Verwaltungsstrukturen.
Abbildung 1

image
image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
16
Abbildung 2
Abbildung 3
Ein Domänenbaum muss über ein
einheitliches Schema und einen ein-
heitlichen Namensraum verfügen.
Active Directory arbeitet mit DNS-
Namen (DNS = Domain Name Sy-
stem). So würde beispielsweise eine
untergeordnete Domäne „Verwal-
tung“ in einem Verzeichnisbaum
„hessen.de“ den DNS-Namen „ver-
waltung.hessen.de“ tragen.
Weiterhin ist es möglich, Domänen
in sich in sogenannte Organisatori-
sche
Einheiten
kurz
OU’s
(OU = Organizational Unit) – zu
strukturieren (vgl. Abb. 2). Durch
diese Containerobjekte können bei-
spielsweise sehr gut Organisations-
strukturen – wie Abteilungen, Refe-
rate, usw. – nachgebildet werden.
Allgemein kann jedes Containerob-
jekt weitere Containerobjekte sowie
beliebig viele Blattobjekte enthalten.
Typische Blattobjekte sind z. B. Be-
nutzer- oder Computer-Objekte.
Alle Verzeichnisobjekte sind über ei-
ne Zugriffssteuerliste – kurz ACL
(ACL = Access Control List) – gesi-
chert. Die ACL legt fest, wer auf wel-
ches Objekt wie zugreifen darf. Ad-
ministrative Berechtigungen lassen
sich somit gezielt delegieren. Weiter-
hin wird auch das Konzept der Verer-
bung unterstützt. Diese Konzept er-
laubt es, dass ausgewählte Rechte an
alle untergeordneten Objekte im
Verzeichnisbaum weitergereicht wer-
den.
Die Verwaltung der AD-Strukturen
erfolgt auf Domänencontrollern. Jede
Domäne muss dabei über mindestens
einen Domänencontroller verfügen.
Zwischen PDC und BDC, wie bei
NT-Domänen, wird nicht mehr unter-
schieden. Auf jedem Domänencon-
troller ist ein Replikat der Verzeich-
nisdatenbank gespeichert, welches
die Objektdaten der eigenen Domäne
sowie die Schema- und Konfigurati-
onsdaten des Domänenbaums ent-
hält. Darüber hinaus wird zusätzlich
auf mindestens einem Domänencon-
troller, dem sogenannten Katalogser-
ver, eine Untermenge (partielles Re-
plikat) aller Daten aus allen Domä-
nen des Domänenbaums gespeichert.
Der Einsatz von Active Directory er-
möglicht somit die flexible Verwal-
tung landesweiter Netzwerkstruktu-
ren. Die Abbildungen 3 und 4 zeigen
beispielsweise die bestehenden AD-
Grundstrukturen der hessischen und
der sächsischen Landesverwaltung.
Anmerkungen zum Einsatz von
Active Directory
Ausgehend von einer vorhandenen
Microsoft Windows-basierten Netz-
werk-Infrastruktur und von einer zu-
nehmenden AD-Integration weiterer
Produkte aus dem Hause Microsoft,
wie z. B. Microsoft Exchange Server
2000, ist der Weg zur Nutzung des
Verzeichnisdienstes Active Directory
vorgezeichnet. Zwar ergeben sich
insbesondere für die Netzwerkadmi-
nistration Erleichterungen, gleichzei-
tig erhöht sich jedoch die Bindung an
Microsoft.
Mit Microsoft Windows 2000 wurde
neben Active Directory ein weiteres
Managementinstrument zur Konfi-
gurationsverwaltung bereitgestellt:
Gruppenrichtlinien. Gruppenrichtli-
nien umfassen System-, Anwen-
dungs- und Benutzereinstellungen
sowie Sicherheitseinstellungen und
Einstellungen für die Softwarevertei-
lung. Sie sind somit ein mächtiges In-
strument zur Konfiguration, Verwal-
tung und Absicherung eines Netz-
werkes. Die Gruppenrichtlinien wie-
derum werden in Form von Gruppen-
richtlinienobjekten im Active Direc-
tory gespeichert. Je nachdem, wel-
chem Containerobjekt sie zugeordnet
werden, wirken sich Gruppenrichtli-
nien auf alle Benutzer oder Computer
einer OU, einer Domäne oder eines
Standortes aus.
Zusammenfassend ergibt sich somit
folgendes Bild:
Active Directory ermöglicht eine
zentrale Verwaltung der Netzwerk-
ressourcen von einem zentralen Ort
aus. Active Directory ermöglicht

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
17
Abbildung 4
gleichfalls durch Gruppieren von Ob-
jekten mit gleichen Verwaltungs- und
Sicherheitsanforderungen das zentra-
le Organisieren der Netzwerkressour-
cen.
In Active Directory gespeicherte
Gruppenrichtlinien ermöglichen eine
zentralisierte Verwaltung der Benut-
zerumgebung. Durch Gruppenrichtli-
nien kann sichergestellt werden, dass
Benutzer unabhängig vom verwende-
ten Computer auf alle Tools und Da-
ten zugreifen können, die sie für die
Erledigung ihrer Aufgaben benöti-
gen, jedoch keinen Zugriff auf das
erhalten, was zur Aufgabenerledi-
gung nicht erforderlich ist. Durch
Gruppenrichtlinien kann ebenfalls
die Installation, die Aktualisierung
und die Deinstallation von Software
gesteuert werden.
Mit Hilfe von Active Directory
wird das Delegieren von Verwal-
tungs-rechten oder Verwaltungsfunk-
tionen an eine einzelne Person oder
an eine Gruppe ermöglicht. Die Netz-
werkadministration kann z. B. hierar-
chisch gestuft an Root-, Domänen-
und OU-Administratoren übertragen
werden.
Abschließend soll darauf hingewie-
sen werden, dass die Nutzung dieser
Möglichkeiten – je nach Vereinheitli-
chungs- und Zentralisierungsgrad –
zwangsläufig im gleichen Maße zur
Einschränkung der Administrations-
rechte für die Netzwerkadministrato-
ren in einer Behörde führt.
Bernward Helfer
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Jörg Werzinger
Sächsisches Staatsministerium des In-
nern
Christian Wortmann
Nordrhein-Westfälisches
Staatsarchiv
Münster
(Weiterführende Literatur: Martin Kup-
pinger, Microsoft Windows 2000 im
Netzwerk, Microsoft Press Deutschland
2002, ISBN 3-86063-465-8; ders., Win-
dows Server 2003 – Das Handbuch,
Microsoft Press Deutschland 2003,
ISBN 3-86063-171-3; Peter Klement/
Franco Michela/Markus Palme, Active
Directory, Microsoft Press Deutschland
2003, ISBN 3-86063-676-6)
Startsignal für zukunftsweisende Baumaßnahmen
Die fachgerechte Unterbringung der
Staatsarchive ist ein grundlegendes
Ziel der sächsischen Archivverwal-
tung. Hier ist nach jahre-, teilweise
jahrzehntelangen Bemühungen nun
ein entscheidender Durchbruch ge-
lungen. Nachdem 1995 das Staatsar-
chiv Leipzig einen Neubau beziehen
konnte und 2001 ein Magazinneubau
für das Staatsfilialarchiv Bautzen im
dortigen Archivverbund fertiggestellt
wurde, sind in den nächsten Jahren
weitere umfangreiche Baumaßnah-
men vorgesehen.
Zentralwerkstatt für Erhaltung
von Archiv- und Bibliotheksgut
(ZErAB)
Kernstück im Bestandserhaltungs-
konzept der Archivverwaltung ist die
Errichtung einer Zentralwerkstatt in
Kooperation mit den Bibliotheken. In
dieser werden verschiedene Aufga-
ben der Restaurierung, Konservie-
rung und Verfilmung von Archiv-
und Bibliotheksgut zusammenge-
fasst. Dazu gehören zentrale Be-
schaffungsmaßnahmen und die Auf-
tragsvergabe an private Dienstleister.
Zur Bündelung der Ressourcen und
Erweiterung der Kapazitäten für die
Bestandserhaltung sollen hier auch
kostenintensive
Spezialtechniken
konzentriert und mengenorientierte
Arbeitsverfahren eingesetzt werden.
Darüber hinaus ist vorgesehen, eine
Reihe klimatisierter Sondermagazine
(insbesondere für Filmmaterialien)
sowie den Bereich Audiovisuelle
Medien an die Zentralwerkstatt anzu-
binden. Um einen Teil des in Staats-
besitz befindlichen Schlosses Huber-
tusburg/Wermsdorf einer Nutzung
zuzuführen, hat die Staatsregierung
beschlossen, die geplante Zentral-
werkstatt hier unterzubringen. Der-
zeit erarbeiten die beauftragten Pla-
nungsbüros unter Einbeziehung der
Archivverwaltung die erforderlichen
Planungsunterlagen. Noch 2004 wer-
den erste Baumaßnahmen (Dachsa-
nierung, Entkernung) umgesetzt. Der
eigentliche Baubeginn soll im 1.
Halbjahr 2005 erfolgen. Die Fertig-
stellung ist für Ende 2007 vorgese-
hen.
Bergarchiv Freiberg
Das Bergarchiv ist derzeit an zwei
Standorten in Freiberg untergebracht.

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
18
Neben dem Gebäude des Sächsischen
Oberbergamtes Kirchgasse 11 nutzt
es seit 1992 das Gebäude Fuchs-
mühlenweg 7 am Rande der Stadt.
Dies wurde wegen der erheblichen
Bestandszuwächse des Bergarchivs
nach 1990 notwendig. Sowohl die in-
effiziente Unterbringung als auch der
erhebliche Mangel an Funktionsräu-
men und fehlende funktionelle Zu-
ordnungen erfordern dringend bauli-
che Maßnahmen. Nach vielfältigen
Bemühungen im vergangenen Jahr-
zehnt ist nun mit der beabsichtigten
Nutzung von Schloss Freudenstein ei-
ne sehr zweckmäßige Lösung gefun-
den worden. Die Stadt Freiberg hat
das Schloss vor kurzem erworben.
Das zentral gelegene, denkmalge-
schützte Gebäude soll in den nächsten
Jahren saniert und umgebaut werden.
Mit langfristigen Mietverträgen aus-
gestattet wird neben dem Bergarchiv
eine Mineraliensammlung der TU
Bergakademie als Nutzer einziehen.
Zur Finanzierung der Maßnahme sol-
len Mittel des Programms „Städte-
baulicher Denkmalschutz“ eingesetzt
werden. Bereits am 1. Juli 2004 er-
folgte die symbolische Grundsteinle-
gung in Anwesenheit von Minister-
präsident Milbradt. Derzeit läuft ein
Architektenwettbewerb, der bis An-
fang 2005 abgeschlossen sein soll,
woran sich die weiteren Planungen
anschließen. Die Fertigstellung ist für
Ende 2008 vorgesehen.
Hauptstaatsarchiv Dresden
Das zwischen 1912 und 1915 errich-
tete Gebäude des Hauptstaatsarchivs
zählte seinerzeit zu den modernsten
Archivbauten Europas. Nun – nach
90 Jahren – entspricht es verständli-
cherweise in weiten Teilen nicht
mehr den fachlichen Anforderungen.
Insbesondere das Magazingebäude
ist dringend sanierungsbedürftig. Die
Lagerungskapazitäten sind seit Jah-
ren völlig erschöpft. Verschiedene
notwendige Funktionsbereiche feh-
len oder sind nur eingeschränkt nutz-
bar. Neben der Sanierung des beste-
henden Gebäudekomplexes ist die
Errichtung eines Erweiterungsbaus
unverzichtbar. Hier erweist sich die
vorausschauende Planung unserer
Vorfahren als sehr hilfreich, die seit
1915 die Fläche für diese Erweite-
rung gleich nebenan vorgehalten ha-
ben. Nach Genehmigung des Bauan-
trages im Juli 2004 wurde inzwi-
schen der Auftrag für die sich an-
schließenden Planungen erteilt. In
diesem Zusammenhang wird derzeit
ein Architektenwettbewerb durchge-
führt, dessen Ergebnisse im ersten
Quartal 2005 vorliegen sollen. Der
Baubeginn ist für 2006 vorgesehen.
Dr. Volker Jäger
Staatsministerium des Innern
Überblick unter Tage – Beständeübersicht des Bergarchivs Freiberg erschienen
Titelseite der Beständeübersicht des
Bergarchivs Freiberg
Nach langjährigen Vorarbeiten, deren
Anfänge bis in die Zeit der Gründung
des Bergarchivs als historisches
Staatsarchiv zurückreichen, erschien
im Dezember 2003 die Beständeüber-
sicht des Bergarchivs Freiberg. Mit
der Unterstellung des Bergarchivs
unter die Staatliche Archivverwal-
tung der DDR im Jahr 1967 begann
die
Abgrenzung
und
die
Er-
schließung der Bestände. Der seit
1977 geführte Zentrale Bestands-
nachweis (ZBN) diente zunächst als
rein internes Hilfsmittel und umfas-
ste die Eckdaten zu den Beständen.
Mit der Vielzahl neuer Bestände und
einer gestiegenen Nutzung im Berg-
archiv nach 1990 wuchs das Bedürf-
nis nach einem verbesserten Re-
chercheinstrument.
Die 1994 veröffentlichte Übersicht
über „Die Bestände des Sächsischen
Hauptstaatsarchivs und seiner Außen-
stellen Bautzen, Chemnitz und Frei-
berg“ sollte auch das Bergarchiv
einbeziehen; erschienen sind jedoch
nur zwei Teilbände für das Haupt-
staatsarchiv Dresden. Eine erste Fas-
sung der Beständeübersicht, die die
Mitarbeiter des Bergarchivs zu dieser
Zeit erarbeiteten, blieb ungedruckt.
Zu einer ersten Veröffentlichung von
Informationen über die Freiberger
Bestände kam es 1995 im sächsi-
schen Archiv- und Beständeführer
„Archive im Freistaat Sachsen“, den
Ingrid Grohmann herausgab (2003
erschien eine Neuauflage). Danach
setzte das Bergarchiv die Arbeiten an
einer Beständeübersicht kontinuier-
lich fort. 1999 konnte Uwe Grandke
eine erste Fassung als Hilfsmittel für
die Benutzer des Bergarchivs vorle-
gen. Sie bildete die Ausgangsbasis
der nun vorliegenden gedruckten
Übersicht.
Mit dieser Übersicht über die im Berg-
archiv verwahrten Bestände wird die
Reihe der Beständeübersichten der
sächsischen Staatsarchive eröffnet.
Sie enthält Angaben über die Ge-
schichte der einzelnen Behörden,
Einrichtungen und Personen sowie
über
Inhalt,
Umfang
und
Er-
schließungszustand der Bestände.
Damit stellt sie nicht nur eine wichti-
ge Orientierungshilfe über die Über-
lieferung zum sächsischen Bergbau
und Hüttenwesen dar, sondern er-
möglicht nun auch eine gezielte Vor-
bereitung auf einen Besuch im Berg-

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
19
archiv und eine Vorauswahl für die
Benutzung. Zugleich wird auf die
thematisch einschlägigen Bestände
anderer Häuser inner- und außerhalb
Sachsens verwiesen. Eine Geschichte
des Bergarchivs mit einer Auswahl-
bibliographie, Abbildungen typischer
Archivalien sowie Register der Orte,
Personen und Provenienzen runden
den Band ab.
Der Öffentlichkeit wurde die Bestän-
deübersicht des Bergarchivs am 21.
Januar 2004 im Rahmen eines Festak-
tes mit Staatsminister Rasch und zahl-
reichen geladenen Gästen präsentiert.
Nicht nur unter Bergbauinteressierten
erfreut sie sich inzwischen einer re-
gen Nachfrage. Für 20 Euro kann sie
im Buchhandel (ISBN 3-89812-216-
6) oder bei den Sächsischen Staatsar-
chiven bezogen werden.
Dr. Andreas Erb
Bergarchiv Freiberg
Schlüssel zur Geschichte der Leipziger Region – neue Beständeübersicht
des Staatsarchivs Leipzig
den mit rund einer Million Archivali-
en zusammen. Jeder Bestand ist mit
seinen Grunddaten zu Laufzeit, In-
halt, Geschichte, Umfang und Find-
hilfsmittel verzeichnet. Die Inhalts-
angabe hebt wichtige Überliefe-
rungsbereiche hervor. Den Schwer-
punkt der Beschreibung der Bestände
bildet ein verwaltungsgeschichtlicher
Überblick. Er erschließt die Ge-
schichte und Zuständigkeit der ein-
zelnen Bestandsbildner, gibt Aus-
kunft über Vorgänger, Umstrukturie-
rungen, Namenswechsel und Nach-
folgeeinrichtungen. Auf diese Weise
bietet das Werk eine komprimierte
Verwaltungsgeschichte der Leipziger
Region.
Die Beständeübersicht ermöglicht
den Zugang zu den Informationen auf
mehreren Wegen: Die Gliederung der
Bestände entspricht der einheitlichen
Tektonik der sächsischen Staatsar-
chive, die an den Zäsuren der sächsi-
schen Landesgeschichte orientiert ist.
Sie ermöglicht einen systematischen
Rechercheansatz, der vom Her-
kunfts- und Entstehungszusammen-
hang der Unterlagen, dem Prove-
nienzprinzip, ausgeht. Zusätzlich
sind sämtliche Bestände und die in
den Beschreibungen enthaltenen Pro-
venienzstellen in einem umfangrei-
chen Register verzeichnet. Darüber
hinaus runden ein Orts- und ein Per-
sonenregister das Angebot für den
Forscher ab.
Der Nutzer findet im Staatsarchiv
Leipzig die Unterlagen sächsischer
Mittel- und Lokalbehörden und Ge-
richte und einiger Bundes- und
Reichsbehörden sowie Ritterguts-
und Wirtschaftsbestände, Nachlässe
und Sammlungen aus dem Regie-
rungsbezirk Leipzig und seiner
historischen Vorgänger. Zusätzlich
werden Sammlungen zur Familien-
und Personengeschichte der Abtei-
lung Deutsche Zentralstelle für Ge-
nealogie aus dem europäischen
deutschsprachigen Raum und audio-
visuelle Medien für alle sächsischen
Staatsarchive verwahrt. Die Überlie-
ferung setzt im 13. Jahrhundert ein
und reicht bis in die unmittelbare Ge-
genwart.
Die Beständeübersicht erweitert die
Informationsangebote des Staatsar-
chivs Leipzig für die Öffentlichkeit.
Sie spiegelt die Ergebnisse der ziel-
gerichteten, 50-jährigen Arbeit der
Archivare wider, die das Archiv zum
Gedächtnisspeicher der Leipziger
Region werden ließen. Dazu gehört
die Überlieferungsbildung ebenso
wie die gerade in den letzten Jahren
forcierte Beständeerschließung, wo-
von ein hoher Grad an Benutzbarkeit
der Unterlagen zeugt. Der interne Er-
kenntnisgewinn ist evident: Die mit
der Drucklegung einhergehende re-
daktionelle Bearbeitung der Bestän-
de-Einträge schärfte den Blick für
Ordnungsprobleme, Lücken in der
Überlieferung und Desiderate der
sächsischen Verwaltungsgeschichte.
Die intensive Phase der Beschäfti-
gung mit dem Gesamtbestand eines
Archivs darf als positive Erfahrung
den Archivarskollegen vermittelt
werden.
Birgit Richter
Staatsarchiv Leipzig
Titelseite der Beständeübersicht des
Staatsarchivs Leipzig
Mit der „Übersicht über die Bestände
des Sächsischen Staatsarchivs Leip-
zig“ konnte der Öffentlichkeit im
Frühjahr 2004 bereits die zweite Be-
ständeübersicht in der Veröffentli-
chungsreihe der Sächsischen Archiv-
verwaltung vorgelegt werden. Das
zweibändige Nachschlagewerk verei-
nigt auf über 700 Seiten sämtliche
Bestände des Leipziger Staatsarchivs,
eingeleitet durch einen archivge-
schichtlichen Abriss und ergänzt
durch ein Literaturverzeichnis sowie
einen gesonderten Abbildungsteil mit
32 Farbfotos von repräsentativen Do-
kumenten und Ansichten der Archiv-
gebäude. Die Übersicht kann in den
sächsischen Staatsarchiven oder im
Buchhandel (ISBN 3-89812-218-2)
für 48,-
erworben werden.
Der Gesamtbestand des Staatsarchivs
setzt sich heute aus ca. 2.000 Bestän-

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
20
Archivleiter Dr. Guntram Martin erläutert Staatsminister Horst Rasch (rechts) ein
Beispiel aus dem wertvollen Kartenbestand des Hauptstaatsarchivs Dresden
Foto: Sylvia Reinhardt
„32 Millionen im Gepäck“ – Innenminister Rasch zu Besuch im Hauptstaatsarchiv Dresden
Am 30. Juli 2004 konnte das Haupt-
staatsarchiv seinen obersten Dienst-
herrn, Innenminister Horst Rasch, als
besonderen Gast begrüßen. Unter
dem Motto „Fundgrube Hauptstaats-
archiv“ hatte der Minister Vertreter
der Medien zum gemeinsamen Be-
such der sonst verschlossenen Maga-
zine in der Dresdner Archivstraße ein-
geladen. Er nahm den kleinen Ein-
blick in die Schätze des Hauses zum
Anlass, über den aktuellen Stand der
Bau- und Sanierungsarbeiten am
Standort zu informieren. Danach kön-
nen nun bis zur Feier des 175. Grün-
dungsjubiläums des Hauptstaatsar-
chivs im Jahr 2009 umfangreiche, be-
reits seit längerem notwendige Mo-
dernisierungs- und Erweiterungsmaß-
nahmen mit einem Finanzvolumen
von 32 Millionen Euro durchgeführt
werden. Die Investition in den Um-
bau wird die Nutzungsmöglichkeiten
des Archivs und die Unterbringung
der wertvollen Archivalien erheblich
verbessern, denn die 1915 errichteten
Magazine entsprechen bei weitem
nicht mehr den heutigen Standards für
eine optimale Bestandserhaltung. Das
Hauptstaatsarchiv, das derzeit etwa
41 Kilometer Aktenmaterial, 50.000
Urkunden, 400.000 Fotos und über
300.000 Karten verwahrt, wird damit
wieder zu einem der modernsten Ar-
chivgebäude Deutschlands in Bezug
auf Unterbringung und Benutzung
werden. In einem Rundgang durch
die Benutzersäle konnte Staatsmini-
ster Rasch einen persönlichen Ein-
druck von den Arbeitsmöglichkeiten
im Archiv gewinnen, dessen techni-
sche Ausstattung bereits jetzt eine be-
nutzerfreundliche Recherche für die
mehr als 10.000 Besucher pro Jahr
bietet. Der Leiter des Hauptstaatsar-
chivs, Dr. Guntram Martin, betonte,
dass im Dresdner Haus, einem der be-
deutendsten Archive Europas, Kul-
turgüter zu finden sind, deren Qualität
mit den Schätzen der staatlichen
Kunstsammlungen ohne weiteres ver-
gleichbar ist. Anhand einer kleinen
Auswahl von Dokumenten aus 1000
Jahren sächsischer Geschichte, darun-
ter der so genannten Goldenen Bulle
von 1376, einem der ältesten und wir-
kungsreichsten deutschen Verfas-
sungsdokumente, überzeugte sich Mi-
nister Rasch von der Aura dieser ein-
zigartigen historischen Quellen, deren
Erhaltung im Original zu den wichtig-
sten Aufgaben des Hauptstaatsarchivs
zählt. Sein besonderes Interesse fand
natürlich das königliche Gründungs-
dekret des Innenministeriums aus
dem Jahr 1831 – auch dieses, obwohl
äußerlich unscheinbar, ein unersetzli-
ches Unikat, das unter anderem die
eigenhändige Konzeption des ersten
sächsischen Innenministers Bernhard
August von Lindenau zum Aufbau
seines Ministeriums enthält. Mit der
baulichen Modernisierung der Dresd-
ner Magazine, deren Vorbereitungs-
phase bereits angelaufen ist, werden
nunmehr die zeitgemäßen Bedingun-
gen für eine dauerhafte und sichere
Verwahrung dieses kulturellen Erbes
geschaffen.
Dr. Peter Wiegand
Hauptstaatsarchiv Dresden
Tag der Archive 2004 – Entdeckungsreise durch sächsische Archive
In den Archiven Geschichte ent-
decken! Unter diesem Motto konnten
interessierte Bürgerinnen und Bürger
zum diesjährigen Tag der Archive
(25. September 2004) wieder eine
Entdeckungsreise durch die sächsi-
schen Archive antreten. Die sächsi-
schen Staatsarchive in Chemnitz,
Dresden, Freiberg und Leipzig hiel-
ten dazu auch in diesem Jahr interes-
sante Informationsangebote bereit.
Am 24. September zeigte das
Haupt-
staatsarchiv Dresden
unter dem Titel
„Fünfzehn bewegen Millionen“ Aus-
schnitte aus Werbe- und Lehrfilmen
der DDR zu so verschiedenen The-
men wie PKW-Produktion, Feld-
küchen, maschinelle Obsternte oder
Brandschutz. Bei zwei Vorführungen
konnten insgesamt 60 Besucher ge-
zählt werden. Am 25. September

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
21
fand ein Tag der offenen Tür statt.
Hier bestand Gelegenheit zur Besich-
tigung des Archivs und von ausge-
wählten Archivalien. Im Mittelpunkt
stand eine Archivalienpräsentation
unter dem Motto „Vom Egerer
Hauptvergleich bis zur Flutkatastro-
phe 2002 – Vom Wert bewahrter
Überlieferung aus 1000 Jahren säch-
sischer Geschichte“, die vielfältige
Dokumente zu herausragenden histo-
rischen Ereignissen, mit besonderem
Rechtscharakter oder in besonders
sehenswerter
Überlieferungsform
vereinte. Ungefähr 760 Besucher
nahmen dieses Angebot wahr.
Das
Staatsarchiv Chemnitz
präsen-
tierte zum Tag der Archive am 25.
September eine Ausstellung unter
dem Titel „Lieblingskinder – 100 Jah-
re Automobilbau in Sachsen“, die
zahlreiche interessante Dokumente
zur Automobilgeschichte in Südwest-
sachsen enthielt und zu der auch
Führungen angeboten wurden. Ferner
ermöglichte das Staatsarchiv einen
Blick hinter die Kulissen und infor-
mierte über
die Arbeitsaufgaben
Behördenbetreuung/Bewertung, Be-
nutzung/Erschließung und Bestands-
erhaltung, was auch Führungen durch
die sonst unzugänglichen Magazine
einschloss. Mit 170 Besuchern nutz-
ten etwa dreimal soviel Interessierte
wie 2001 die Informationsangebote
des Staatsarchivs Chemnitz.
Das
Staatsarchiv Leipzig
konnte zum
Tag der Archive 150 Besucher be-
grüßen – fast 70 % mehr als 2001.
Unter dem Motto „Archivgut ent-
decken“ wurden aus den über 2.200
Beständen des Staatsarchivs einige
Stücke im Original vorgestellt, die
beispielhaft für die Musik in der Ge-
schichte Leipzigs stehen. Als Publi-
kumsmagnet erwies sich die Station
„Geschichte authentisch erleben“ –
dazu präsentierten die Mitarbeiter als
szenische Lesung einen Hexenpro-
zess, weitgehend wortgetreu zur Pro-
zessakte aus dem Jahr 1660, die die
Zuschauer als Original bestaunen
und anhand einer Kopie auch selbst
einsehen konnten.
Archivführungen erlaubten einen
Blick hinter die Kulissen.
Das
Bergarchiv Freiberg
machte an
seinen beiden Standorten (Kirchgasse
und Fuchsmühlenweg) die Benut-
zerräume, einige Arbeitsräume sowie
bestimmte Abschnitte des Magazin-
bereichs zugänglich. Es zeigte in Ar-
chivalienausstellungen einen Quer-
schnitt seiner Überlieferung und stell-
te herausragende Stücke sowie kurio-
se Funde vor. Ferner informierte es
über moderne Methoden der Er-
schließung, technischen Bearbeitung
und Bestandserhaltung von Archivali-
en. Am Standort Kirchgasse war im
Foyer die Schneeberg-Ausstellung
„500 Jahre Markus-Semmler-Stolln“
zu sehen, die neben der Geschichte
dieses Bergbaudenkmals auch über
die vielfältigen Abbaubereiche des
dortigen Reviers einführte. Insgesamt
konnten 348 Besucher gezählt werden.
Dem positiven Fazit des VdA-Vor-
standes über den diesjährigen Tag der
Archive kann sich die sächsische Ar-
chivverwaltung voll anschließen. Die
Mühen der Vorbereitung und der
Durchführung haben sich gelohnt.
Voraussichtlich im Jahr 2006 soll der
nächste Tag der Archive stattfinden.
Dr. Jörg Ludwig
Staatsministerium des Innern
Archivarsaustausch zwischen Sachsen und Tschechien fortgeführt
Mit dem Besuch von vier sächsi-
schen Kollegen im September/Okto-
ber 2004 im Zentralen Staatsarchiv in
Prag wurde der im vergangenen Jahr
begonnene Arbeitsaustausch zwi-
schen der tschechischen und sächsi-
schen Archivverwaltung fortgesetzt.
Der Aufenthalt hatte zum Ziel, Mate-
rialsammlungen zum Bereich Berg-
bau und zur Geschichte der Ober-
und Niederlausitz zu erstellen, die
später zu Quelleninventaren führen
sollen. Außerdem ging es um die Un-
terstützung bei der Erstellung einer
deutschsprachigen Internetseite des
Zentralen Staatsarchivs Prag.
Untergebracht waren wir im moder-
nen und großzügigen Neubau des
Staatsarchivs in Prag-Chodovec, wo
uns die Direktorin, Dr. Eva Drasˇaro-
vá, begrüßte. Das Archivgebäude und
seine Einrichtungen stellte Jaroslav
Kolácˇny´ vor. Die ausgezeichneten
Benutzungsbedingungen und die Un-
terstützung der tschechischen Kolle-
gen erleichterten die Arbeit sehr.
Dafür
gilt
insbesondere
Herrn
Kolácˇny´ und den Mitarbeitern des
Benutzersaals unser herzlicher Dank.
Da die für die Geschichte der Lausit-
zen relevante Überlieferung zur Ab-
teilung 1 gehört, welche weiterhin im
Altgebäude des Staatsarchivs in
Prag-Dejvice untergebracht ist, er-
folgte auch ein Besuch in dieser Ab-
teilung, wo wir von der dortigen Lei-
terin, Dr. Alena Pazderová, empfan-
gen und trotz laufender Sanierungs-
arbeiten sowohl durch die Magazin-
als auch Benutzungsräume geführt
wurden.
Die Durchsicht der tschechischspra-
chigen Findmittel, die vollständig im
Neubau in Chodovec einsehbar sind,
ergab eine umfangreiche Überliefe-
rung zu beiden Themenbereichen, so
dass insbesondere die Arbeit zu den
Lausitzen nicht abgeschlossen wer-
den konnte und einer Fortführung in
den kommenden Jahren bedarf. Als
besonders ergiebig erwies sich neben
den Beständen „Lausitzer Schriften“
und „Lausitzer Seminar“ die Urkun-
denüberlieferung.
Die abendlichen Exkursionen in die
reizvolle Innenstadt von Prag ermög-
lichten auch eine kurze Besichtigung
der Ausstellung „Destruction and Ho-
pe. The Archives & The Floods“, in
der das vom Augusthochwasser 2002
besonders stark betroffene Stadtar-
chiv Prag gemeinsam mit dem Archiv
der Akademie der Wissenschaften der
Tschechischen Republik über die Si-
tuation während der Flut, die durch-
geführten Restaurierungsarbeiten und
die zahlreichen Helfer informierte.
Petra Sprenger
Staatsministerium des Innern

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
22
Archive leisten einen Beitrag für die Wissensgesellschaft
„Sich regen bringt Segen? Arbeit in
der Geschichte“ – so lautet das neue
Thema des Geschichtswettbewerbes
des Bundespräsidenten, an dem sich
Kinder und Jugendliche zwischen 8
und 21 Jahren beteiligen können. Die
Körber-Stiftung stellt Sach- und
Geldpreise im Gesamtwert von
250.000 Euro zur Verfügung. Einsen-
deschluss ist der 28. Februar 2005.
Die Teilnahme von Schülern aus
Sachsen und den anderen östlichen
Bundesländern ist immer noch ver-
gleichsweise niedrig. Zusammen mit
dem Regionalschulamt Leipzig und
der Sächsischen Akademie für Leh-
rerfortbildung begrüßten wir im
Staatsarchiv Leipzig am 21. Septem-
ber Lehrer aus dem Raum Leipzig,
um über die Chancen der Zusammen-
arbeit zwischen Schule und Archiv
zu informieren. Das Arbeiten mit Ar-
chivgut eröffnet als entdeckendes
Lernen die Möglichkeit, genau die
Qualifikationen zu erwerben, die laut
PISA-Studie im deutschen Bildungs-
wesen noch entwicklungsfähig sind
und die auch in den aktuellen Lehr-
plänen, wenn man etwa an das inter-
disziplinäre Arbeiten denkt, gefördert
werden sollen.
Im Rahmen des von der Körber-Stif-
tung veranstalteten Leipziger Work-
shops zum Geschichtswettbewerb
kamen am 28. September Lehrer aus
ganz Deutschland für einen Tag ins
Leipziger Staatsarchiv. Im Mittel-
punkt stand hier die Gruppenarbeit
mit Archivgut. Als besonders geeig-
net für das Wettbewerbsthema erwie-
sen sich die in den Staatsarchiven der
östlichen Bundesländer reichhaltig
überlieferten Wirtschaftsbestände.
Die eigene Arbeit am Archivgut ver-
mittelte den Lehrern Erfahrungen,
mit denen sie später ihre Schüler in
Kooperation mit dem Archivar an Ar-
chivgut heranführen und ihre Teil-
nahme am Wettbewerb erfolgreich
betreuen können.
Bildquellen aus dem Bestand Pierer-
sche Hofbuchdruckerei Altenburg
und aus dem Bestand Kammgarn-
spinnerei Leipzig schenkten Ein-
blicke in Arbeitsbedingungen der
frühen Industrialisierung. Arbeitsord-
nungen aus der Zeit von 1880 bis
1939 sowie Betriebsratsprotokolle
aus verschiedenen Wirtschaftsbestän-
den verdeutlichten die im Kontext
der Weimarer Republik sich durch-
setzenden Partizipationsmöglichkei-
ten für die Arbeitnehmer und deren
Zurückdrängung im Dritten Reich.
Dr. Hans-Christian Herrmann
Staatsarchiv Leipzig
Neu erworbene Nachlässe im Staatsarchiv Leipzig
Vor kurzem konnte ein Findbuch
zum Nachlass von Horst Mende vor-
gelegt werden, der seine Unterlagen
dem Staatsarchiv Leipzig im Juli
2004 geschenkt hatte. Mende, 1919
in Leipzig geboren, lebte seit Ende
der 50er Jahre in der Bundesrepublik
und war u. a. als Buchhändler in
Nürnberg tätig. Der Nachlass um-
fasst eine Vielzahl von Primärquellen
des in der Messestadt Aufgewachse-
nen, bspw. eine lückenlose Überliefe-
rung von Zeugnissen und Impfschei-
nen. Nach 1945 arbeitete Mende als
Dolmetscher für die amerikanische
Besatzungsregierung in Leipzig,
nach deren Abzug für die russische.
Es folgten Studium der Publizistik in
Leipzig und Tätigkeit als Redakteur
bei der DEFA-Wochenschau. Auf-
grund von Kontakten zum Ost-Büro
der SPD wurde Mende im November
1952 verhaftet und im Mai 1953 vom
Bezirksgericht Leipzig zu 15 Jahren
Haft verurteilt. Der Nachlass umfasst
die Prozessunterlagen, enthält aber
auch Druckschriften der DDR-Bür-
gerbewegung, Wahlkampfmateriali-
en der DSU und anderer Parteien, ei-
ne umfangreiche Dokumentation zu
speziellen Themen des Wiederverei-
nigungsprozesses, bspw. zur Leipzi-
ger Bücherei und zur Stadtentwick-
lung Leipzigs, aber auch Dinge, die
so nicht zu erwarten wären, wie sel-
tene Werkszeitschriften der Firma
Siemens aus den frühen 30er Jahren.
Im Sommer letzten Jahres wurde dem
Staatsarchiv außerdem der Nachlass
von Hermann Reichenbach ge-
schenkt. Die Unterlagen des ehemali-
gen Kinobetreibers eröffnen Ein-
blicke in Aufbau und Betrieb eines
Lichtspieltheaters von den zwanziger
Jahren bis in die frühe Nachkriegs-
zeit. Neben Geschäftsbüchern, die es
erlauben, lückenlos über Jahre hin-
weg das Kinoprogramm, die Besu-
cherzahlen und die erwirtschafteten
Einnahmen nachzuvollziehen, bein-
haltet der Bestand Materialien zur
Kinowerbung und eine Sammlung
von Presseausschnitten zur Entwick-
lung des Urheberrechts. Der Nachlass
wurde 2004 vollständig erschlossen.
Dr. Hans-Christian Herrmann
Staatsarchiv Leipzig
Ausstellungen zu aktuellen Themen im Sächsischem Staatsarchiv Leipzig
Das Thema Weimarer Republik er-
freut sich mit Blick auf den Be-
ginn des Ersten Weltkrieges im
Jahre 1914, aber auch vor dem
Hintergrund der Gegenwartsproble-
me, derzeit wieder eines wachsen-
den Interesses. Nicht zuletzt deshalb
präsentierte das Staatsarchiv Leipzig
eine vom Bundesarchiv und der
Erinnerungsstätte für die Freiheits-
bewegung in der deutschen Ge-
schichte konzipierte Ausstellung
zu „Matthias Erzberger. ’Reichsmi-
nister in Deutschlands schwerster
Zeit’“.

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
23
Mehr als 33.000 Besucher sahen Ausstellung „Passage Frankreich–Sachsen“
in Schloss Moritzburg
Die Gemeinschaftsausstellung des
Sächsischen Hauptstaatsarchivs Dres-
den, der Universität Leipzig, des
Stadtgeschichtlichen Museums Leip-
zig und der Staatlichen Schlösser und
Gärten Sachsens war vom 25. Juni bis
31. August 2004 in Schloss Moritz-
burg zu sehen. Nach der ersten Stati-
on der Ausstellung in Leipzig (s.
Sächsisches
Archivblatt
1/2004)
konnte damit in Schloss Moritzburg
auch dem Publikum aus der Dresdner
Die Ausstellung wurde am 13. Sep-
tember durch den Leiter der Außen-
stelle Rastatt des Bundesarchivs, Pro-
fessor Dr. Wolfgang Michalka, sowie
durch Professor Dr. Ulrich von Hehl,
Universität Leipzig, mit Vorträgen zu
Erzberger und zu Sachsen in der Wei-
marer Republik eröffnet.
Erzbergers politisches Lebenswerk
steht beispielhaft für die Weimarer
Republik. Er zählte zu den Wegberei-
tern der parlamentarischen Demokra-
tie und war der Schöpfer der einheit-
lichen Reichsfinanz-Verwaltung, die
in ihrer Bedeutung von den Zeitge-
nossen kaum erkannt und wegen der
Inflation zunächst nicht voll wirksam
wurde. Diese Verwaltungsreform war
der Schritt zum deutschen Einheits-
staat, da die bisherige Finanzhoheit
der Länder beschnitten wurde (u. a.
fiel dem Reich die Zuständigkeit für
die Eisenbahn zu), ohne aber deren
Interessen über das notwendige Maß
hinaus zu verletzen. Erzberger fiel
am 26. August 1921 einem Attentat
zum Opfer. Seine Ermordung steht
stellvertretend für die politische Po-
larisierung und Radikalisierung, die
auch zum Scheitern der Weimarer
Republik beitrug.
Ein anderes Thema, das derzeit heftig
diskutiert wird, ist die Vertreibung,
der sich am Beispiel der Vertreibung
der Sudetendeutschen die Ausstellung
„Odsun“ widmet, die vom Sudeten-
deutschen Archiv München konzi-
piert wurde. Sie ist vom 22. Novem-
ber bis zum 12. Januar 2005 im
Staatsarchiv Leipzig zu sehen.
Dr. Hans-Christian Herrmann
Staatsarchiv Leipzig
Sachverständigenausschuss konstituiert
Auf der Grundlage des „Gesetzes
zum Schutz deutschen Kulturgutes
gegen Abwanderung“
werden für
Deutschland besonders bedeutsame
Kulturgüter in ein Verzeichnis natio-
nal wertvollen Kulturgutes und natio-
nal wertvoller Archive eingetragen.
Zielsetzung des Gesetzes, dessen er-
ste Fassung aus dem Jahre 1955
stammte, war es, den infolge von Ver-
käufen ins Ausland aufgrund der Geld-
entwertung und insbesondere durch
den Krieg stark dezimierten deut-
schen Kulturbesitz gegen weitere Ab-
wanderung ins Ausland zu schützen.
Im Rahmen des Eintragungsverfah-
rens haben die jeweils zuständigen
obersten Landesbehörden das Votum
eines Sachverständigenausschusses
einzuholen. Nachdem Staatsminister
Horst Rasch die Mitglieder des Sach-
verständigenausschusses für Archive
bereits letztes Jahr berufen hatte,
fand die konstituierende Sitzung des
Ausschusses am 5. Oktober 2004 in
Dresden statt. Mitglieder des Aus-
schusses sind: Sigrid Häßler (Kreis-
archiv Vogtlandkreis), Perk Loesch
(Sächsische
Landesbibliothek
Staats- und Universitätsbibliothek
Dresden), Prof. Dr. Winfried Müller
als Vertreter des Bundes (Technische
Universität Dresden), Dr. Rosemarie
Pohlack (Landesamt für Denkmal-
pflege) und Lutz Georg Röth (Sächsi-
sches Buch- und Graphikkabinett
GmbH). Als stellvertretende Mitglie-
der wurden Dr. Petra Listewnik
(Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V.),
Dr. Hartmut Ritschel (Landesamt für
Denkmalpflege) und Prof. Dr. Man-
fred Rudersdorf (Universität Leipzig,
stellvertretender Bundesvertreter) er-
nannt. Der Ausschuss wählte in der
konstituierenden Sitzung Prof. Dr.
Müller zum Vorsitzenden und Sigrid
Häßler zur stellvertretenden Vorsit-
zenden.
In das Verzeichnis national wertvol-
len Kulturgutes werden Objekte ein-
getragen, deren Wegführung aus dem
Bundesgebiet einen wesentlichen
Verlust für den deutschen Kulturbe-
sitz bedeuten würde. Dem entspre-
chend werden in das Verzeichnis na-
tional wertvoller Archive solche ein-
getragen, die wesentliche Bedeutung
für die deutsche politische, Kultur-
und Wirtschaftsgeschichte besitzen.
Durch die Eintragung eines Objektes
wird dessen Ausfuhr ins Ausland von
einer Genehmigung der Beauftragten
der Bundesregierung für Kultur und
Medien abhängig gemacht. Verfü-
gungen im Inland bleiben uneinge-
schränkt möglich. In das Verzeichnis
wird allerdings nur Kulturgut einge-
tragen, das sich im privaten Eigen-
tum befindet. Nicht eingetragen wer-
den demnach Objekte, die sich im öf-
fentlichen oder kirchlichen Eigentum
befinden. Für die Eigentümer führt
die Eintragung bei bestimmten Steu-
erarten zu steuerlichen Vorteilen.
Gemäß der Ressortabgrenzung in der
Sächsischen Staatsregierung ist das
Sächsische Staatsministerium für
Wissenschaft und Kunst für die Ein-
tragung von Kunstwerken und ande-
rem Kulturgut einschließlich Biblio-
theksgut und das Sächsische Staats-
ministerium des Innern für die Ein-
tragung von Archiven, archivalischen
Sammlungen, Nachlässen und Brief-
sammlungen zuständig.
Silke Birk
Staatsministerium des Innern

image
SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
24
Kurfürst Friedrich August I. („August der Starke“): Skizze für einen idealen Museums-
bau, um 1717
HStADD, 10026, Geheimes Kabinett, Loc. 2097
Region eine Schau erlesener Expona-
te zur Geschichte der französisch-
sächsischen Beziehungen präsentiert
werden, fehlen doch dem Haupt-
staatsarchiv noch immer eigene Aus-
stellungsräumlichkeiten. Unter den
allesamt sehenswerten Objekten be-
fand sich eine namhafte Zahl von Ar-
chivalien, zu der das Hauptstaatsar-
chiv aus seinen zentralen Beständen
den größten Anteil beisteuerte. Her-
vorzuheben wären beispielsweise
Bau- und Gartenpläne für Schloss
Moritzburg, die berühmten eigenhän-
digen Planungen Augusts des Starken
für die museumsmäßig geordnete
Aufstellung seiner Sammlungen ein-
schließlich der Architekturzeichnun-
gen des Franzosen Longuelune für
diesen neuen idealen Museumsbau,
tagebuchartige Aufzeichnungen Au-
gusts des Starken über seine Kavaliers-
tour nach Frankreich, die Verfassung
für das Herzogtum Warschau (1807)
oder der für Sachsen so folgenreiche
Wiener Frieden nach dem Ende der
Napoleonischen Kriege 1815.
Die außerordentlich erfreuliche Besu-
cherzahl von mehr als 33.000 – wobei
sich mit den 10.500 Besuchern von
Leipzig eine Gesamtbesucherzahl
von etwa 44.000 ergibt – zeigt, wie
Archive auch bei schmalen Ressour-
cen in geschickter Zusammenarbeit
zum gegenseitigen Nutzen der Ko-
operationspartner ein breites Publi-
kum auf die von Ihnen bewahrten
Schätze aufmerksam machen können.
Sind doch im Original bewahrte
Archivalien Kulturgut und wertvolles
Erbe mit besonders dichter und au-
thentischer Aussage. In dieser Weise
stehen sie gleichberechtigt neben den
Sammlungen der Museen, wie es die
Grußworte bei der Eröffnung in Mo-
ritzburg hervorhoben.
Zum länger wirkenden Ertrag der
Ausstellung gehört der reichbebilder-
te Katalog, der im Buchhandel noch
zum Preis von 25 Euro erworben
werden kann (ISBN 3-89812-217-4).
Dr. Lorenz Friedrich Beck
Hauptstaatsarchiv Dresden
Ortsgeschichte braucht Archive
Die Workshops für Ortshistoriker ha-
ben im Staatsarchiv Leipzig bereits
Tradition. Zum vierten Mal kamen
am 29. September viele an Ortsge-
schichte Interessierte ins Staatsar-
chiv. Sie wurden über Aufgaben und
Struktur des Archivwesens informiert
und vor allem auf die relevanten Be-
standsgruppen hingewiesen. Im Mit-
telpunkt standen diesmal insbesonde-
re Bestände von lokalen Justiz- und
Verwaltungsbehörden sowie von Rit-
tergütern, die von der zuständigen
Bestandsreferentin Birgit Richter
vorgestellt wurden und die sich für
die Beteiligten als wahre Fundgrube
erwiesen. Ein weiterer Schwerpunkt
bildete die Frage, wie die großen Li-
nien der sächsischen Geschichte aus
der Perspektive des Ortshistorikers
dargestellt werden können und wie
sich Familiengeschichten in lokalge-
schichtliche Forschungen einbinden
lassen. Darüber referierte Martina
Wermes.
Dr. Hans-Christian Herrmann
Staatsarchiv Leipzig
Staatsarchiv Leipzig beim „Tag der Sachsen“ in Döbeln
Unter dem Motto „Doppelt gelingt
besser“ gestaltete Döbeln vom 3. bis
5. September 2004 im zweiten An-
lauf den diesjährigen „Tag der Sach-
sen“, denn 2002 hatte die hochwas-
sergeschädigte Stadt auf die Ausrich-
tung verzichten müssen. Das Staats-
archiv Leipzig nutzte die Teilnah-
memöglichkeit an der Veranstaltung
im eigenen Regierungsbezirk und
präsentierte seine viel beachtete
Wanderausstellung „Bewegte sächsi-
sche Region. Vom Leipziger Kreis
zum Regierungsbezirk Leipzig 1547
– 2000“. Damit beteiligte sich nach
Zittau (2001) erneut ein sächsisches
Staatsarchiv an diesem populären
sächsischen Fest. Das Interesse der
mehr als 300 Besucher am Informati-
onsstand des Staatsarchivs Leipzig
galt neben den eigentlichen Ausstel-
lungsinhalten den Fragen der archivi-
schen Zuständigkeit, der Benut-
zungsmöglichkeiten, der Unterbrin-

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
25
gung und der Fachausbildung. Der
Großteil der Besucher konnte erstma-
lig auf die sächsische Archivland-
schaft aufmerksam gemacht werden.
Für diese Form der Öffentlichkeitsar-
beit bezeugte auch der sächsische In-
nenminister Horst Rasch bei seinem
Rundgang dem Staatsarchiv Aner-
kennung.
Die Sächsische Archivverwaltung
bzw. das im Januar 2005 gebildete
Sächsische Staatsarchiv wird auch im
nächsten Jahr auf dem „Tag der Sach-
sen“ präsent sein. In Weißwasser soll
eine unter Federführung des Staatsar-
chivs Chemnitz erarbeitete Ausstel-
lung zur Geschichte des sächsischen
Automobilbaus eröffnet werden.
Birgit Richter
Staatsarchiv Leipzig
Rezensionen
Norbert Reimann (Hrsg.), Prakti-
sche Archivkunde – Ein Leitfaden
für Fachangestellte für Medien-
und Informationsdienste, Fachrich-
tung Archiv, Ardey-Verlag,
Münster 2004, geb., 357 Seiten,
ISBN 3-87023-255-2
Seit im Jahr 1998 der Ausbildungsbe-
ruf Fachangestellte für Medien- und
Informationsdienste geschaffen wurde,
gibt es in Deutschland nach einer Pau-
se von acht Jahren wieder eine spezifi-
sche Ausbildung im Bereich des mitt-
leren Dienstes, denn die Ausbildung
zum Archivassistenten in der DDR war
mit der Wiedervereinigung weggefal-
len.
Die Ausbildung gliedert sich in den be-
rufspraktischen Teil im Ausbildungsar-
chiv und in den theoretischen Teil in
der Berufsschule. Für die Berufsschu-
len entstanden mit dem neuen Ausbil-
dungsberuf erhebliche Probleme, da es
für ihn weder ausgebildete Lehrkräfte
noch geeignete Fachliteratur gab. Die
Aufgabe, die Lücke auf dem Gebiet
der Fachliteratur zu schließen, hat sich
das vorliegende Buch gestellt. Bereits
die Ankündigung während des 74.
Deutschen Archivtages 2003 in Chem-
nitz rief ein zustimmendes Echo her-
vor. In Fachkreisen erwartete man mit
großem Interesse das Erscheinen des
Buches, das, wie Norbert Reimann im
Vorwort
schreibt,
„ein
Gemein-
schaftswerk aller Referentinnen und
Referenten des Westfälischen Archiv-
amtes“ ist.
Die Palette der behandelten Themen
reicht von Informationen über das Be-
rufsbild des Fachangestellten für Me-
dien- und Informationsdienste, Fach-
richtung Archiv, über Grundfragen der
Organisation des Archivwesens und
die gesamte Breite der archivarischen
Tätigkeiten bis hin zu den Hilfswissen-
schaften und der Verwaltungsge-
schichte. Dazu kommt ein umfangrei-
cher Anhang, in dem u. a. Fachbegrif-
fe von A wie Ablieferungsverzeichnis
bis Z wie Zwischenarchiv trotz der ge-
botenen Kürze verständlich erläutert
werden. Ein gut gegliedertes Literatur-
verzeichnis enthält umfangreiche Hin-
weise auf ergänzende bzw. weiter-
führende Veröffentlichungen. Das Ver-
zeichnis wichtiger Internetadressen
und
Musterbeispiele
für
häufig
benötigte Schriftstücke ergänzen das
Informationsangebot.
Der Leitfaden ist durchweg verständ-
lich geschrieben. Er verzichtet auf all-
zu wissenschaftliche Ausführungen
und bietet vielmehr beispielhafte Er-
läuterungen, die auch dem archivisch
nicht vorgebildeten Leser den Zugang
zur archivarischen Arbeit erleichtern.
Die zahlreichen Abbildungen tragen
ganz erheblich zur Veranschaulichung
und zum Verständnis bei. Breiten
Raum nehmen die Ausführungen zu
den archivarischen Tätigkeiten ein, die
der Fachangestellte vorwiegend aus-
führen
wird.
Dazu
zählen
Er-
schließung und technische Bearbei-
tung von Archivgut ebenso wie die Be-
treuung der Benutzer und die Übernah-
me von Archivgut. Im Überblick wer-
den aber auch die Themen dargestellt,
mit denen der künftige Fachangestellte
in der Regel nicht befasst sein wird. So
wird beispielsweise die Bewertung
von Schriftgut als eine der schwierig-
sten archivarischen Tätigkeiten kurz
umrissen.
Dank gilt dem Herausgeber Norbert
Reimann für ein gelungenes Werk, das
Auszubildenden, Lehrkräften an den
Berufsschulen und Ausbildern in den
Archiven für die nächsten Jahre ein
wertvolles Hilfsmittel bei der Ausbil-
dung der Fachangestellten für Medien-
und Informationsdienste sein wird.
Birgit Giese
Staatsarchiv Leipzig
Beatrix Heintze, Walter Cramer,
die Kammgarnspinnerei Stöhr &
Co. in Leipzig und die sogenannte
„Judenfrage“. Materialien zu einer
Gratwanderung zwischen Hilfe und
Kapitulation (Sächsisches Wirt-
schaftsarchiv e. V., Erinnerungen,
Bd. 3), Leipziger Universitätsverlag,
Leipzig 2003, geb., 143 S., ISBN
3-935693-87-7
Beatrix Heintze, Enkelin des Leipziger
Industriellen Walter Cramer und Eth-
nologin mit Forschungsschwerpunkt
in Zentralafrika, legt mit dieser Publi-
kation einen bedeutenden Beitrag zur
Geschichte des deutschen Widerstan-
des im 3. Reich vor. Als Vorstandsmit-
glied der Kammgarnspinnerei Stöhr &
Co. in Leipzig lenkte Cramer die Ge-
schicke eines großen Unternehmens
und war einer der wenigen Vertreter
der deutschen Wirtschaft, die sich ak-
tiv auf die Seite der Hitlergegner stell-
ten. Als Freund und Mitstreiter von
Carl Goerdeler wurde er später hinge-
richtet.
Heintze, die bereits mehrere Publika-
tionen über Cramer und seine Verbin-
dungen zur Bewegung des 20. Juli ver-
fasst hat, beschäftigt sich in diesem
Buch mit seinem Einsatz gegen die na-
tionalsozialistische Judenverfolgung.
Anhand des im Staatsarchiv Leipzig

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
26
verwahrten Firmenarchivs von Stöhr
& Co. (zu Unterlagen aus dem Fir-
menarchiv der Kammgarnspinnerei
Stöhr, die nach 1945 aus den westdeut-
schen Tochtergesellschaften bzw. Be-
teiligungen von Stöhr & Co. gegründet
worden war, erhielt die Autorin nach
eigenen Angaben keinen Zugang)
schildert sie auf fesselnde Weise, mit
welcher Zähigkeit und mit welchem
Geschick ihr Großvater jüdischen Fir-
menmitgliedern, Vertretern und Ge-
schäftspartnern half, die antisemiti-
schen Anordnungen der Nationalsozia-
listen abzuwenden und zu unterlaufen
oder doch wenigstens ihre Umsetzung
hinauszuzögern. Dieser Kampf ver-
dient um so mehr Hochachtung, als er
gegen eine Übermacht von Bürokratie,
Partei und Polizeigewalt geführt wur-
de, und sein Scheitern eigentlich ab-
sehbar war. Was hätte in Deutschland
und Europa nicht alles verhindert wer-
den können, wenn nach 1933 mehr
Menschen so gedacht und gehandelt
hätten wie Walter Cramer!
Eine Herausforderung der Arbeit be-
stand darin, die Absichten, Ziele und
Handlungen Cramers in der mitunter
spröden
Wirtschaftskorrespondenz
und dem verklausulierten Schriftver-
kehr mit amtlichen Stellen herauszufil-
tern. Nur selten vertraute er Briefen
sein politisches Credo an, denn Unbe-
fugte konnten Einsicht nehmen und
ihn bei NS-Stellen verraten; nur selten
äußerte er in der täglichen Unterhal-
tung seine wahren Absichten. Eine un-
vorsichtige Äußerung Cramers im
April 1944, er müsse nach Budapest
fahren, um sich dort „um seine armen
Juden zu kümmern“, führte dann auch
zu Denunziation und Einleitung eines
Verfahrens wegen Wehrkraftzerset-
zung sowie – nachdem sich die Ver-
bindung zu Goerdeler und anderen
Verschwörern des 20. Juli herausge-
stellt hatte – zu Verhaftung und Hin-
richtung. Beatrix Heintze lässt in um-
fangreichem Maße die überlieferten
Quellen selbst sprechen, deren Inter-
pretation nicht nur erfordert, „zwi-
schen den Zeilen“ zu lesen, sondern
auch sehr sorgsam darauf zu achten,
welche Formulierungen wem gegen-
über zu welchem Zeitraum gebraucht
wurden, und mit Recht vermeidet sie
eine trockene und distanzierte Wissen-
schaftssprache.
Mit Heintzes eindringlicher Veröffent-
lichung vermehrt das Sächsische Wirt-
schaftsarchiv e. V. in Leipzig seine
Veröffentlichungsreihe um einen be-
deutenden Beitrag. In einer Bibliothek
zur Geschichte des Nationalsozialis-
mus in Deutschland bzw. Sachsen soll-
te dieses Buch nicht fehlen.
Dr. Jörg Ludwig
Staatsministerium des Innern
Katalog der Handschriften der Uni-
versitäts-Bibliothek Leipzig. Neue
Folge, Bd. I, Teil 3, Die neuzeitli-
chen Handschriften der Nullgruppe
(Ms 0601-01200), beschrieben von
Detlef Döring, Wiesbaden 2003,
Harassowitz Verlag, geb., 255 Sei-
ten, ISBN 3-447-04754-2
Nach den beiden ersten Teilbänden des
Katalogs zu den neuzeitlichen Hand-
schriften der Universitätsbibliothek
Leipzig (Rezension im Sächsischen
Archivblatt 1/2003, S. 29 f.) konnte
jetzt auch der dritte Teilband vorgelegt
werden. Er umfasst die bis auf wenige
Ausnahmen besetzten Signaturen 0601
bis 01200 der zur Publikation vorgese-
henen Nullgruppe der Handschriften-
abteilung der Universitätsbibliothek
Leipzig und damit etwa doppelt so vie-
le Stücke wie die beiden vorausgegan-
genen Bände. Für die Bearbeitung ste-
hen jetzt noch die Signaturen 01201
bis 01512 aus.
Schwerpunktmäßig
enthält
dieser
Band
wissenschaftsgeschichtliches
Material zur Universität Leipzig. Be-
sonders zahlreich vertreten sind Vorle-
sungsnachschriften des 19. Jahrhun-
derts aus verschiedenen Fakultäten
dieser Universität. Dem Charakter die-
ser Überlieferung, die nur relativ kur-
zer Erschließungsangaben bedarf, ist
es wohl auch geschuldet, dass im hier
vorgelegten Band eine größere Zahl
von Manuskripten aufgenommen wer-
den konnte als in den beiden vorange-
gangenen.
Neben den Vorlesungsnachschriften ist
mit wissenschaftlichen Manuskripten
und auch einigen Gelehrtennachlässen
weiteres wissenschaftsgeschichtliches
Material enthalten. Umfangreich ist
beispielsweise die Überlieferung zur
Rechtswissenschaft, zur Theologie,
zur Medizin und zur Musikwissen-
schaft. Aber auch aus anderen Berei-
chen sind Dokumente verzeichnet, die
erhebliches Interesse beanspruchen.
Stellvertretend sei das Reisetagebuch
des Arztes Christian Gottlieb Ludwig
über die von August dem Starken initi-
ierte Nordafrika-Expedition von 1731
bis 1733 genannt (Ms 0662).
Durch Schenkungen und Ankäufe ist
auch Verwaltungsschriftgut in die Uni-
versitätsbibliothek Leipzig gelangt,
das sonst eher in Archiven verwahrt
wird. Eine außerordentlich bedeutende
Quelle dieser Art ist das Hofjournal für
die Reise König Augusts III. von Po-
len zu seiner Krönung nach Krakau
von 1734 (Ms 0634). Als weitere Bei-
spiele seien ein Inventar des kursächsi-
schen Amtes Dippoldiswalde aus dem
Jahr 1664 (Ms 0766) und Dokumente
zu den evangelischen Kirchenvisita-
tionen des 16. Jahrhunderts in der Su-
perintendentur Altenburg (Ms 0924)
genannt.
An wertvollen Einzelstücken, die sich
in die bisher genannten Überliefe-
rungsgruppen nicht einordnen lassen,
sind insbesondere Briefe Martin Lu-
thers an Georg Brück (Ms 0659) und
Philipp Melanchthons an Ulrich Mord-
eisen (Ms 0660) erwähnenswert. Her-
vorzuheben sind auch die hier ab-
schriftlich überlieferten Chroniken der
Städte Tharandt (Ms 0760 und 0761)
und Parchim (Ms 0824).
Vereinzelt hat in die Handschriften-
sammlung auch Material Aufnahme
gefunden, das nicht handschriftlich ist.
Da man solche Dokumente hier nicht
vermutet, sei besonders darauf verwie-
sen. So gibt es 15 französische Militär-
karten, wahrscheinlich aus dem 18.
Jahrhundert (Ms 0768), eine Samm-
lung von etwa 3.500 Siegeln (Ms
01018) und eine Sammlung von Man-
daten und anderen Einblattdrucken
(Ms 01154).
Auch der dritte Band dieses Katalogs
wird in bewährter Weise von einem
kombinierten Orts- und Personenregi-

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
27
ster abgeschlossen. Das Sachregister
für das Gesamtwerk wird für den letz-
ten Band angekündigt.
Der Bearbeiter des Katalogs hat in den
Fällen, wo es wegen der Bedeutung
oder des heterogenen Inhalts der Ma-
nuskripte geboten war, wieder eine
sehr große Erschließungstiefe gewählt,
die oftmals bis auf die Ebene der ent-
haltenen Einzeldokumente geht, bei-
spielsweise beim oben erwähnten 176
Blätter umfassenden Material zur Kir-
chenvisitation in der Superintendentur
Altenburg. Bei den sehr zahlreich ent-
haltenen Vorlesungsnachschriften ist
die Beschränkung auf meist relativ
kurze Angaben berechtigt, zumal eine
tiefere inhaltliche Erschließung hier
besonders hohen Arbeitsaufwand er-
fordern würde. Nutzungsanforderun-
gen sind bei den Vorlesungsnach-
schriften vorwiegend von Wissen-
schaftshistorikern zu erwarten, die sich
für den Werdegang des Wissenschaft-
lers, der die Vorlesung hielt, oder des
Studenten, der sie aufzeichnete, inte-
ressieren. Die Recherche wird bei sol-
chen Benutzungsvorhaben zunächst
weniger auf den Inhalt der Vorlesun-
gen als auf die gesuchten Personen ab-
zielen. Bewusst kurz gefasst hat der
Bearbeiter auch wiederum die Anga-
ben zu den Nachlässen, die kein typi-
scher Bestandteil einer Handschriften-
abteilung sind und deren detaillierte
Erschließung den Rahmen eines Hand-
schriftenkatalogs sprengen würde.
Eckhart Leisering
Hauptstaatsarchiv Dresden
Stefanie Unger (Hrsg.), Archive und
ihre Nutzer – Archive als moderne
Dienstleister. Beiträge des 8. Archiv-
wissenschaftlichen Kolloquiums der
Archivschule Marburg (= Veröf-
fentlichungen der Archivschule
Marburg, Institut für Archivwissen-
schaft, Nr. 39), Marburg 2004, geb.,
261 Seiten, ISBN 3-923833-75-X
Elf Fachbeiträge sowie ein einführen-
des Vorwort der Herausgeberin vereint
die vorliegende Publikation. Als Ertrag
des 8. archivwissenschaftlichen Kollo-
quiums an der Archivschule Marburg
im Mai 2003 werden die dort gehalte-
nen Vorträge nun einem breiteren Kreis
Interessierter – vorwiegend wohl Kol-
legen aller Archivsparten im deutsch-
sprachigen Raum – zugänglich ge-
macht. Über die Dienstleistungsfunk-
tion der Archive in der sich wandeln-
den Gesellschaft ist in den vergangenen
Jahren und Monaten immer wieder öf-
fentlich und intern im Archivwesen dis-
kutiert worden, nicht zuletzt auf den
letzten beiden Deutschen Archivtagen
in Trier und Chemnitz. Anders als der
Titel vorliegender Publikation vermu-
ten lässt, liegt deren Schwerpunkt we-
niger bei den „klassischen“ Nutzern
und Dienstleistungen der Archive, son-
dern widmet sich den aktuellen struktu-
rellen und informationstechnischen
Veränderungen in den Verwaltungen
und ihren Folgen für die Archive.
Der erste und mit 43 Seiten umfang-
reichste Beitrag mit dem Titel „Archi-
ve zwischen Risiko und Chance: Inter-
ner Umgang mit externen Bedingun-
gen“ stammt von Gerd Schneider und
spricht grundsätzliche Probleme und
existenzielle Fragen der Archive sehr
offensiv an. Schneider, von Haus aus
Naturwissenschaftler und seit Jahren
in der Management- und Organisa-
tionsberatung tätig, ist in Sachsen kein
Unbekannter. Im Rahmen einer 2001
erfolgten externen Prüfung des Unter-
bringungsbedarfs der sächsischen
Staatsarchive eröffneten sich Schnei-
der umfassende Einblicke in Aufga-
ben, Arbeitsweise und Probleme der
Archive. Aus dieser Kenntnis heraus
legt Schneider in eindringlicher Spra-
che den Finger auf die wunden Punkte
und appelliert an die Archive, sich in
ihrem ureigensten Interesse stärkeres
Gehör bei ihren Trägern und in der Öf-
fentlichkeit zu verschaffen. Nur wenn
es den Archiven in kürzester Zeit ge-
linge, ihre Funktion für die Gesell-
schaft, ihre Unentbehrlichkeit für die
Verwaltung und ihren Bedarf verständ-
lich zu artikulieren, also archivfachli-
che Probleme in die Sprache der Haus-
hälter und Politiker zu übersetzen,
werden sie von größeren Einschnitten
und Archivgutverlusten verschont blei-
ben. Intensiver müsse vor allem die
Vorfeldarbeit, die Beratung von Re-
gistraturen, die rechtzeitige Abstim-
mung aller entscheidenden Fragen zur
Schriftgutverwaltung, zur IT-Anwen-
dung, die Entwicklung von Bewer-
tungsmodellen und die Einflussnahme
auf den Einsatz archivbeständiger Pa-
piere gestaltet werden. Angesichts der
anhaltend schwierigen wirtschaftli-
chen Rahmenbedingungen und der
daraus resultierenden umfassenden
strukturellen Veränderungen in der
Verwaltung können die Archive künf-
tig nur bestehen, wenn sie sich als
ernsthafte und nützliche Partner ihrer
Träger, ihrer anbietungspflichtigen
Stellen und ihrer Nutzer erweisen. Da-
zu sind innere Strukturen und Arbeits-
schwerpunkte in den Archiven selbst
zu optimieren, das Berichtswesen zu
reformieren, die Zusammenarbeit mit
anderen Institutionen zu intensivieren
sowie zu einer konsequent wirtschaft-
lichen Denk- und Handlungsweise
überzugehen. Schneider zeigt hier aber
nicht nur die Problemfelder und
Schwachstellen der Archive deutlich
auf, sondern bietet Argumente und Lö-
sungswege an, die er in acht Thesen als
Resümee zusammenfasst (vgl. dazu
auch Schneiders Beitrag „,Archivare
aufgewacht!‘. Anmerkungen eines Ex-
ternen zur gegenwärtigen Situation im
deutschen Archivwesen“ in Heft
1/2004 des „Archivar“).
Die weiteren zehn Beiträge stammen
von Fachkollegen/innen, die mehr
oder weniger spezielle Felder des Leit-
themas behandeln. So stellt Gerald
Maier das gemeinsame Internetportal
für Bibliotheken, Archive und Museen
(BAM-Portal) in Baden-Württemberg
vor als Form einer gelungenen Koope-
ration über Fachgrenzen hinweg zum
Besten der Nutzer. Die virtuelle Zu-
sammenführung der Bestände dreier
unterschiedlicher Typen von Informa-
tionsdienstleistern wird als wichtiger
Schritt der interdisziplinären Zusam-
menarbeit und als neue Qualität des In-
formationszugangs für eine Nutzung
herausgestellt.
Über die „Zentrale Datenbank Nach-
lässe“ im Bundesarchiv berichtet Irene
Charlotte Streul. Diese Datenbank ist
seit Oktober 2002 im Internet über die
Homepage des Bundesarchivs zugäng-

SÄCHSISCHES ARCHIVBLATT 2/2004
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lich und erfasst Nachlässe von 21.600
Personen mit rund 24.000 Beständen
(Stand Ende Mai 2003) aus zahlrei-
chen deutschen Archiven aller Sparten.
Neben einer laufenden Aktualisierung
und Pflege der Datenbank ist dem-
nächst eine gemeinsame Präsentation
der Nachweissysteme von Nachlässen
der Archive und Bibliotheken in Zu-
sammenarbeit mit der Handschriften-
abteilung der Berliner Staatsbibliothek
vorgesehen, die zu einer weiteren Ver-
besserung des Informationszuganges
beitragen wird (vgl.
http://kalliope.
staatsbibliothek-berlin.de) .
Detlev Heiden gibt in seinem Beitrag
einen Werkstattbericht über die Ein-
führung der neuen Archivsoftware sco-
peArchiv und zieht eine erste Zwi-
schenbilanz auf dem Weg zu einer in-
tegrierten IT-Lösung im Landeshaupt-
archiv Sachsen-Anhalt. Trotz der
ungünstigen
Rahmenbedingungen
während der Umgestaltungsphase der
sachsen-anhaltischen Archivlandschaft
wurde nach zwei Jahren Vorlauf im
Herbst 2001 scopeArchiv eingeführt.
Danach ist den Benutzern in einer elf
Hauptgruppen umfassenden gemeinsa-
men Tektonik aller drei Archivstandor-
te (Abteilungen) ein übergreifender
Archivzugang möglich, der auch das
Regionalprinzip transparent macht.
Über langfristige archivische Arbeits-
planung und rationellen Ressour-
ceneinsatz in den niedersächsischen
Staatsarchiven in Verbindung mit einer
Organisations- und Beständeuntersu-
chung berichtet Bernd Kappelhoff. Da-
bei wurden Organisation und Ablauf
aller archivischen Kernaufgaben als
Voraussetzung für nachfolgende Ver-
änderungen der Struktur und Arbeits-
organisation der Staatsarchive genau
analysiert. Im Ergebnis zeigte die Ein-
führung der lang-, mittel- und kurzfri-
stigen Arbeitsplanung und die Beseiti-
gung verkrusteter Strukturen bereits
nach zwei Jahren insbesondere bei der
Erschließung messbare Erfolge.
Einem ganz ähnlichen Thema widmet
sich Andreas Hedwig in seinem Auf-
satz über die Neue Verwaltungssteue-
rung der hessischen Staatsarchive.
Schrittweise soll hier die gesamte Lan-
desverwaltung auf der Basis der Ko-
sten-/Leistungsrechnung auf das be-
triebswirtschaftliche Rechnungswesen
umgestellt werden, wozu gegenwärtig
Vorbereitungen in den Staatsarchiven
laufen. Hedwig verschweigt dabei
nicht die Probleme und in manchen ar-
chivischen Arbeitsfeldern kaum um-
setzbaren Vorgaben von betriebswirt-
schaftlichen Produkt- bzw. Moduldefi-
nitionen.
Katharina Thiemann gibt in ihrem Bei-
trag „Kommunale Archivberatung und
Verwaltungsreform“ zunächst einen
Überblick zur Verwaltungsreform in
den Kommunen seit den 80er Jahren
und den Auswirkungen auf die Kom-
munalarchive mit Beispielen aus dem
Stadtarchiv Dortmund (kommunaler
Eigenbetrieb) und der Kreisverwal-
tung Soest. Allerdings führt die gegen-
wärtige Verschärfung der kommunalen
Finanzkrise dazu, dass Verwaltungsre-
form vorrangig Leistungs- und Stellen-
abbau mit den bekannten Folgen für
Überlieferungssicherung und -bildung
bedeutet. Bessere Überlebenschancen
bestehen für die Kommunalarchive
nur, wenn sie öffentlichkeitswirksam
ihre unverzichtbare Funktion als Do-
kumentationsstelle und Serviceein-
richtung für Verwaltung und Bürger
belegen können.
„Records-Management: Die interna-
tionale Diskussion“ lautet der Titel ei-
nes Beitrages von Nils Brübach (da-
mals Archivschule Marburg). Nach ei-
ner Erläuterung zum Inhalt von Re-
cords-Management wendet sich der
Autor der Frage zu, ob die internatio-
nalen Ansätze und Konzepte auf
Deutschland übertragbar sind. Dabei
weist Brübach auf die Scharnierfunk-
tion von Records-Management in den
Bereichen hin, in denen Aufgaben der
Schriftgutverwaltung mit denen der
Archivierung verknüpft sind.
Thekla Kluttig stellt in ihrem meta-
pherähnlich
tituliertem
Aufsatz
„Behördliche Schriftgutverwaltung –
obskures Objekt der Beratung“ ein
wichtiges Feld archivischer Dienstlei-
stungsfunktion am Beispiel Sachsens
vor. Zunächst geht sie kritisch der Fra-
ge nach, ob der real existierende Ar-
chivar wirklich der Experte für die ak-
tuelle behördliche Schriftgutverwal-
tung ist, ob sein Kenntnisstand und sei-
ne praktischen Erfahrungen insbeson-
dere mit elektronischen Registratur-
verwaltungsprogrammen ausreichen,
zumal auch dieses Thema in der Fach-
diskussion seit Jahren unterbelichtet
blieb. Danach stellt Kluttig Formen
und Methoden der Behördenberatung
und Schulung, der Zusammenarbeit
auf den Gebieten der Schriftgutverwal-
tung und Einführung IT-gestützter Vor-
gangsbearbeitung bei den Ministerien
des Freistaates sowie Probleme der
Vorgangs- und Aktenbildung vor. Re-
sümierend wird festgestellt, dass auch
die Archive in große Schwierigkeiten
geraten werden, wenn sie sich nicht
stärker als nützliche, moderne Einrich-
tungen ins Bewusstsein ihrer Träger
bringen und die Beratung der Behör-
den in Fragen der Schriftgutverwal-
tung als Schlüsselfunktion begreifen.
Auch Margit Ksoll-Marcon und Ka-
tharina Ernst widmen sich in ihren
Beiträgen der Beratung anbietungs-
pflichtiger Stellen. Während sich
Ksoll-Marcon den neuen Herausfor-
derungen bei der Behördenberatung
im Kontext mit dem Übergang zu di-
gitalen Unterlagen am Beispiel Bay-
erns zuwendet, berichtet Ernst über die
Vorteile der Nutzung von Internet und
Intranet für die Behördenberatung im
Bereich der Schriftgutverwaltung und
belegt dies mit Beispielen aus der
Schweiz und Australien.
Kritisch anzumerken bleibt, dass im
Unterschied zu anderen Tagungsbän-
den der Archivschule Marburg auf eine
Kurzvita der Autoren verzichtet wurde
und eine zumindest ungewöhnliche
beitragsübergreifende Durchnumme-
rierung der Anmerkungen erfolgt ist.
Insgesamt bietet die Publikation auf-
schlussreiche Einblicke in fundamen-
tale Probleme des Archivwesens unse-
rer Tage in einer Periode lang anhal-
tender Umgestaltung der Gesellschaft
und gibt zahlreiche Hinweise für die
tägliche Praxis sowie Anregungen für
Problemlösungen. Eine weite Verbrei-
tung und Diskussion der Beiträge in
Archivarskreisen wäre daher zu wün-
schen.
Dr. Gerald Kolditz
Staatsarchiv Leipzig