ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft
395
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
der Lohnsumme zwischen Hauptsitz und Betriebsstätten
zerlegt, weshalb das erhöhte Einkommen der Mitarbeiter
am Hauptsitz, oft auch die gegenüber dem Osten höheren
Einkommen der Betriebsstätten, den Osten trotz der dor-
tigen besseren technischen Produktivitäten benachteiligt.
Headquarter und Unternehmenssitze
Aus dem Militärischen übernommen beschreibt ein
Hauptquartier das logistische Planungs-, Befehls- und
Koordinationszentrum eines militärischen Großverbands.
Übertragen auf die unternehmerische Landschaft, ist ein
Headquarter gleichzusetzen mit einer Konzernzentrale, in
der die Managementtätigkeiten stattfinden und alle wich-
Durch die Einführung der gesetzlich geregelten Schul-
denbremse für Bund und Länder (und damit auch die Ge-
meinden) wird die Verteilung der öffentlichen Einnahmen,
vor allem der Steuern, auf die einzelnen Gebietskörper-
schaften von steigender Bedeutung sein. Für die Gemein-
den müssen vor diesem Hintergrund die Möglichkeiten
für eine autonome Finanzierung gesichert sein, um ihre
Aufgaben für die kommunale Daseinsvorsorge erfüllen zu
können. Speziell die ostdeutschen Gemeinden zeichnen
sich aber durch eine sehr hohe finanzielle Abhängigkeit
von den jeweiligen Ländern und damit durch eine geringe
Finanzautonomie aus.
Betrachtet man die Verteilung der Unternehmenssitze auf
alle deutschen Gemeinden fällt auf, dass sich nahezu kein
relevantes Headquarter in einer ostdeutschen Gemeinde
befindet. Die Hauptursache hierfür liegt in der jahrzehn-
telangen deutschen Teilung und der sich daraus entwi-
ckelnden unterschiedlichen Unternehmensstrukturen. Die
großen deutschen Unternehmen hatten zum Zeitpunkt der
Wiedervereinigung bereits ihre Unternehmenssitze in den
westdeutschen Gemeinden, und es gab keine Notwen-
digkeiten diese nach der Wiedervereinigung in den Osten
(zurück) zu verlagern, zumal dafür auch keinerlei Förderung
existierte. Parallel dazu hat die verstärkte Internationalisie-
rung dazu geführt, dass die Konzentration der tatsächlich
wertschöpfenden Arbeiten in den eigentlichen Unterneh-
menszentralen stattfindet. Dies hat einen wesentlichen Ef-
fekt für die Finanzen der Kommune, in der sich das jewei-
lige Headquarter befindet. Die besser bezahlten Tätigkei-
ten, beispielsweise in Forschung und Entwicklung, finden
in der Unternehmenszentrale statt, was dazu führt, dass
die jeweiligen Kommunen einen höheren Anteil an der Ein-
kommensteuer beziehen als Kommunen ohne Unterneh-
menshauptsitze. Weiterhin wird die Gewerbesteuer nach
Ulrich Blum, Isabelle Jänchen, Claudia Lubk
Die Relevanz von Unternehmenszentralen für die
fiskalische Leistungsfähigkeit
Für den Vergleich der fiskalischen Leistungsfähigkeit zwischen Bundesländern werden häufig
die Pro-Kopf-Steuereinnahmen herangezogen. Darüber hinaus sollte aber auch die Verrechnung
der Steuerarten zwischen den Ländern betrachtet werden. Speziell die Gewerbesteuerdaten für
Deutschland zeigen, dass Ostdeutschland sowohl bezogen auf die Zahl der Einwohner wie auch
die der Unternehmen unterdurchschnittliche Einnahmen hat. Für das regionale Steueraufkommen
sind insbesondere Führungsfunktionen, wie sie von Unternehmenszentralen ausgehen und die im
Osten unterrepräsentiert sind, bedeutend. Andere ostdeutsche Defizite liegen damit teilweise in
der Wirtschaftsstruktur, teilweise aber auch in der Systematik des Gewerbesteuerrechts.
Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Blum
ist Inhaber des Lehr-
stuhls für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsfor-
schung an der Universität Halle-Wittenberg.
Prof. Dr. Isabelle Jänchen
ist Lehrstuhlinhaberin für
öffentliche Finanzen und Volkswirtschaftslehre an der
Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung Meißen.
Claudia Lubk
, Dipl.-Volkswirtin, ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und
Wirtschaftsforschung der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg.
DOI: 10.1007/s10273-015-1838-3

Wirtschaftsdienst 2015 | 6
396
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
tung pro Einwohner bei rund 70%, pro Erwerbstätigen bei
rund 80% des westdeutschen Durchschnitts – und dies
mit aktuell tendenziell zunehmender Divergenz.
Erklärt werden kann der Unterschied der Produktivität der
ostdeutschen Länder zu den westdeutschen Ländern mit
drei Ursachen: das Fehlen von Führungsfunktionen ver-
bunden mit einer erhöhten Kleinteiligkeit der Wirtschaft,
geringere Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen
sowie schlechtere Erreichbarkeiten.
4
Um gleichwertige
Lebensverhältnisse herzustellen und die Steuerkraft der
neuen Länder zu stärken, scheint es erforderlich, diese
Ungleichverteilung infolge der Führungsfunktionen zu
überwinden, zumal von diesen eine Vielzahl von Sekun-
däreffekten ausgehen.
Bedeutung der Gewerbesteuer
In erster Näherung lässt sich als einfaches Maß für die
Verteilung der Gewerbesteuer auf die einzelnen Länder
die Gewerbesteuer nach Einwohnern und nach Zahl der
Unternehmen betrachten. Sowohl bei der Verteilung der
Gewerbesteuer nach Einwohnern als auch nach Unter-
nehmen weist Hamburg den jeweils höchsten Wert auf.
Interessant ist auch, dass Bayern beim Anteil der Gewer-
besteuer nach Unternehmen hinter Hessen und Bremen
liegt. Die Städte und Gemeinden in den ostdeutschen
Ländern haben in beiden Bereichen deutlich geringere
Steuererträge, sowohl pro Einwohner als auch pro Unter-
nehmen.
4 Vgl. U. Blum: Der Einfluss von Führungsfunktionen auf das Regional-
einkommen: Eine ökonometrische Analyse deutscher Regionen, in:
Wirtschaft im Wandel, 13. Jg. (2007), H. 6, S. 7.
tigen unternehmerischen Aufgaben koordiniert werden.
1
Größe und Funktionen von derartigen Zentralen variieren
nach Art der Unternehmensorganisation – ihrer „Architek-
tur“ (vgl. Kasten 1).
Es ist ein Spezifikum der deutschen Einheit, dass eigent-
lich die Produktionsleistung des Ostens zur Versorgung
des Gesamtlandes nicht nötig war – vielmehr reichte das
Angebot der Produktion Westdeutschlands und der EU
dazu aus. Insofern war das Interesse an Investitionen in
den neuen Ländern eher verhalten. Da es sich auch nicht
um ein eigenständiges Land mit Rechtsverfassung han-
delte, waren auch Unternehmenszentralen vor Ort nicht
erforderlich – die vorhandenen wurden seitens der Treu-
hand weitgehend geschlossen. Nur in wenigen Fällen
gelang es durch individuelle Initiativen, diese zu erhalten,
beispielsweise in Thüringen (Zeiss in Jena). Die Übernah-
me von Unternehmensteilen durch Auswärtige erfolgte
eher vorsichtig. Es waren neben dem qualifizierten Per-
sonal vor allem die betrieblichen Ansiedlungshilfen, die es
für Unternehmen sinnvoll erscheinen ließen, sich zu en-
gagieren: Ein erster gewerblicher Mittelstand entwickelte
sich aus den Modrow-Privatisierungen – der Rückgabe an
Enteignete der 1970er Jahre, die vor Ort geblieben waren.
Ein Interesse, ausgewiesene oder geflohene Unterneh-
mer zur Rückkehr zu bewegen, um insgesamt einen über-
kritischen Bestand an Familienunternehmen – vor allem
solchen mit internationaler Einbindung – aufzubauen, war
vor dem Hintergrund des fiskalischen Verwertungsinter-
esses am volkseigenen Vermögen nicht gegeben.
2
Insbesondere konnte aufgrund der Tatsache, dass zum
Zeitpunkt der Wiedervereinigung die großen deutschen
Unternehmen ihre Konzernzentralen bereits an westdeut-
schen Standorten eingerichtet hatten und in den jeweili-
gen Regionen strukturell eingebunden waren, die Wirt-
schaftspolitik in den ostdeutschen Ländern seit 1990 im
Wesentlichen nur darauf gründen, Bedingungen für die
Entstehung neuer Headquarter zu schaffen. Allerdings
wurden konkrete Politikfelder nicht implementiert und öf-
fentlich eher diskreditiert, wie sich dies am Beispiel eines
Gutachtens mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute zu
Ostdeutschland
3
zeigte. Somit verharrt seit nunmehr über
zehn Jahren in den neuen Ländern die Wirtschaftsleis-
1
Vgl. dazu A. D. Chandler: The Functions of HQ Units in the Multibusiness
Firm, in: Strategic Management Journal, 12. Jg. (1991), H. S2, S. 31-50.
2 Vgl. U. Blum, W. Gleißner: Vom ökonomischen Desaster zum subven-
tionierten Cluster? Alternative Aufbaustrategien „Build-Strategien“ in
den neuen Ländern und ihr ökonomischer Wert durch Risikodiversi-
fikation, in: H. Wagner, U. Heilemann (Hrsg.): Empirische Makroöko-
nomik und mehr, Festschrift zum 80. Geburtstag von Karl Heinrich
Oppenländer, Stuttgart 2013, S. 283-286.
3 Vgl. U. Blum, U. Ludwig, C. Lang, P. Marek: Wirtschaftlicher Stand
und Perspektiven für Ostdeutschland: Studie im Auftrag des Bundes-
ministeriums des Innern, Halle 2011.
Kasten 1
Definition Headquarter
Der Sitz eines Unternehmens, in dem strategische Ent-
scheidungen für das gesamte Unternehmen getroffen
werden. In einem Headquarter versammeln sich Füh-
rungsfunktionen wie die Koordination und Überwachung
anderer Unternehmensteile, aber auch humankapitalin-
tensive Tätigkeiten wie z.B. in Forschung & Entwicklung.
Diese sekundären Wertschöpfungsaktivitäten sichern die
primären Wertschöpfungsaktivitäten, die direkte Produk-
tionsrelevanz besitzen, ab. Vor allem bei Großunterneh-
men konzentriert sich in den Unternehmenszentralen ein
Personal mit überdurchschnittlichem Einkommen, was
erhebliche steuerliche Effekte auslöst.

ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft
397
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
legten Hebesatz abhängen. Die Hebesätze der Gewerbe-
steuer in Deutschland unterscheiden sich aber erheblich,
und es gibt keine Korrelation aus durchschnittlich hohen
Hebesätzen und hohem Gewerbesteueraufkommen in
den einzelnen Bundesländern. Denn tatsächlich sind
Hebesätze einerseits ein Element des Steuer- und damit
Ansiedlungswettbewerbs, um Unternehmen bzw. Betrie-
be zur Ansiedlung zu bewegen; sind sie aber erst einmal
gebunden, können sie steuerlich ausgebeutet werden.
Möglicherweise kommt es zur Abwanderung, allerdings
sprechen hohe Bindungswirkungen der getätigten Inves-
titionen, also versunkene Kosten, dem oft – zumindest
über einige Zeit – entgegen. Insofern müssen kommunale
Entscheidungsträger bei der Wahl des Hebesatzes stets
diese beiden Entscheidungsgrößen berücksichtigen.
Ursprünglich war die Gewerbesteuer nach dem Äquiva-
lenzprinzip dafür gedacht, den Städten und Gemeinden
die aus der Ansiedlung von Unternehmen entstehenden
vor allem infrastrukturellen Kosten über die Steuererträ-
ge zu erstatten. Damit konnte auch die Finanzhoheit der
Städte und Gemeinden über den Hebesatz begründet
werden. Die Entwicklung der Zahlen zeigt allerdings ein
anderes Bild. Von den Unternehmen in Deutschland zah-
len nur 41% überhaupt Gewerbesteuer.
7
Vor allem kleine
Unternehmen erwirtschaften keinen positiven Steuer-
messbetrag bzw. Gewerbeertrag. Das Äquivalenzprinzip
greift entsprechend nicht. Damit hat auch die finanzielle
Abhängigkeit der Städte und Gemeinden von einzelnen
„großen“ Steuerzahlern zugenommen. Für die Kommunen
ist damit die Gewerbesteuer keine von ihnen steuerbare
Größe mehr. Die Unterstützung bei der Ansiedlung von
Unternehmen führt für sie nur dann zu Steuererträgen,
wenn der Steuermessbetrag der anzusiedelnden Unter-
nehmen größer Null ist. Dies muss bei der Ansiedlungs-
politik stärker berücksichtigt werden. Darüber hinaus sind
die Kommunen abhängig von Unternehmensentscheidun-
gen hinsichtlich der Zusammenschlüsse von Unterneh-
men. Wie es das Beispiel Porsche und Volkswagen zeigt,
können durch unternehmerische Entscheidungen die Ge-
werbesteuereinnahmen stark zurückgehen, so entsteht
der Gemeinde Weissach nördlich von Stuttgart nach der
Übernahme von Porsche durch Volkswagen jährlich ein
Rückgang der Gewerbesteuer von ca. 70%.
8
Das Unter-
nehmen ist aber weiterhin vor Ort und die daraus resultie-
renden Ausgaben für die Gemeinde bleiben bestehen.
7 Vgl. Statistisches Bundesamt: Finanzen und Steuern: Gewerbesteuer,
Fachserie 14, Reihe 10.2., 2012, S. 11.
8 Wird ein Unternehmen als Betriebsstätte geführt, wird der Steuer-
messbetrag nach der Lohnsumme der Arbeitnehmer am Standort
in Relation zur Lohnsumme des gesamten Unternehmens ermittelt.
Dadurch ergeben sich zwangsläufig geringere Steuermessbeträge im
Verhältnis zur Ermittlung nach dem Gewerbeertrag.
Die derzeitige Regelung für die Gewerbesteuer basiert
auf dem bundeseinheitlich geltenden Gewerbesteuer-
gesetz.
5
Besteuert werden die Erträge aus inländischen
Gewerbebetrieben,
6
unabhängig davon, wo sie ihren Sitz
haben. Grundlage ist die nachhaltig auf Gewinn ausge-
richtete Tätigkeit eines Unternehmens. Die Gewerbesteu-
er wird von den Gemeinden direkt erhoben, d.h. sie besit-
zen sowohl die Steuerertrags- als auch die Steuerverwal-
tungskompetenz. Den Gemeinden stehen die Einnahmen
in vollem Umfang bis auf die Abführung einer Gewerbe-
steuerumlage zu. Für die Abführung der Gewerbesteuer-
umlage an Bund und Länder erhalten die Gemeinden im
Gegenzug einen Anteil an der Einkommensteuer.
Wie problematisch dies ist, zeigt der einfache Vergleich
der in Abbildung 1 für die Bundesländer ausgewiesenen
Pro-Kopf-Steuereinnahmen, weil die Steuereinnahmen
der Städte und Gemeinden bei der Gewerbesteuer nicht
nur vom Gewerbeertrag, sondern auch vom selbst festge-
5 Vgl. Beck’sche Textausgaben: Steuergesetze, Textsammlung mit Ver-
weisen und Sachverzeichnis, Stand 1.1.2015, 180. Ergänzungslieferung.
6 Zur Definition eines Gewerbebetriebs vgl. §15 Abs. 2 Einkommen-
steuergesetz.
Abbildung 1
Kommunaler Anteil an der Gewerbesteuer
nach Bundesland, 2007
in 1000 Euro
20
18
16
14
12
10
8
6
4
2
0
BB BW BY HE MV NI NW RP SH SL SN ST TH BE HB HH DE
Gewerbesteuer je Einwohner (rechte Skala)
Gewerbesteuer je Unternehmen (linke Skala)
3
2,5
2
1,5
1
0,5
0
je Unternehmen
je Einwohner
Abkürzungen: BB = Brandenburg, BE = Berlin, BW = Baden-Württem-
berg, BY = Bayern, DE = Deutschland, HB = Bremen, HE = Hessen, HH
= Hamburg, MV = Mecklenburg-Vorpommern, NI = Niedersachsen, NW
= Nordrhein-Westfalen, RP = Rheinland-Pfalz, SH = Schleswig-Holstein,
SL = Saarland, SN = Sachsen, ST = Sachsen-Anhalt, TH = Thüringen.
Quelle: eigene Darstellung auf der Basis der Daten aus dem Länderfi-
nanzausgleich des Bundesministeriums der Finanzen: Zweite Verord-
nung zur Durchführung des Finanzausgleichsgesetzes im Ausgleichsjahr
2007, Drucksache 735/08, 16.10.2008, Berlin 2008.

Wirtschaftsdienst 2015 | 6
398
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
Setzt man darüber hinaus die Zahl der Unternehmen in
Relation zur Einwohnerzahl, zeigt sich, dass Schleswig-
Holstein mit 118 Unternehmen auf 1000 Einwohner eine
Sonderstellung einnimmt. Überraschend ist dabei, dass
das bevölkerungsschwache ostdeutsche Bundesland
Mecklenburg-Vorpommern mit 54,8 Unternehmen auf
1000 Einwohner einen nahezu gleichen Anteil aufweist
wie der Stadtstaat Hamburg mit 55,9 Unternehmen.
Unternehmenssitze und Betriebsstätten
In der Gewerbesteuerstatistik wird unterschieden in Un-
ternehmenssitze (Steuerfestsetzung) sowie Betriebsstät-
ten (Zerlegungsfälle zu den Unternehmenssitzen). Der
Gesamtanteil der Betriebsstätten in Deutschland liegt bei
16,3% der gesamten Unternehmen. Die restlichen 83,7%
umfassen Unternehmenssitze unabhängig davon, ob das
Unternehmen Niederlassungen hat oder nur ein einzelner
Unternehmenssitz ist (vgl. Tabelle 1). Für die Betriebs-
stätten wird die zu zahlende Gewerbesteuer anhand des
Zerlegungsanteils und damit anhand der Lohnsumme be-
stimmt. Für die Gruppe der Unternehmenssitze wiederum
bestimmt sich die Höhe der zu zahlenden Gewerbesteuer
nach dem Gewerbeertrag und damit nach dem Steuer-
messbetrag. Für die Betriebsstätten ergibt sich ein Mit-
telwert von 9244,80 Euro, für die Unternehmenssitze sind
es 3658,72 Euro. Auch der Median zeigt eine deutliche
Verschiebung zugunsten der Betriebsstätten auf. Daraus
Bestätigt wird dieses Beispiel durch den Vergleich der
50 deutschen Städte mit dem jeweils größten absoluten
Steuermessbetrag pro Unternehmen. Hier zeigen sich
auf den ersten drei Plätzen die Gemeinden mit den Un-
ternehmenssitzen von Porsche (zum Zeitpunkt der Un-
tersuchungsdaten noch Unternehmenssitz), Volkswagen
und SAP.
9
Diese Gemeinden profi
tieren eindeutig von der
Höhe des Gewerbeertrags und nicht von der Höhe des
Gewerbesteuerhebesatzes. Berlin, Dresden und Leipzig
nahmen als einzige ostdeutsche Städte im Vergleich die
letzten drei Plätze ein, wobei die Höhe des Hebesatzes
deutlich die Hebesätze der Erstplatzierten übersteigt.
Bereits hier wird deutlich, dass die Unternehmensstruk-
tur innerhalb Deutschlands sehr stark divergiert
10
und die
Höhe der Gewerbesteuererträge für die Städte und Ge-
meinden erheblich beeinflusst.
Auswertung regionaler Gewerbesteuerdaten
Die Zahl der Unternehmen nach der Gewerbesteuerstatis-
tik
11
verteilt sich weitestgehend analog der Bevölkerung auf
die einzelnen Bundesländer (vgl. Abbildung 2). Nordrhein-
Westfalen hat dabei den höchsten Anteil an Unternehmen
von 22,4%, wohingegen Bremen nur 0,8% der deutschen
Unternehmen beheimatet. Sachsen führt bei den ostdeut-
schen Bundesländern mit einem Unternehmensanteil an
der Gesamtzahl der Unternehmen von 5,4%.
9 Die ersten drei Plätze sind wie folgt verteilt: 1. Weissach (BW) mit 125 798
Euro, Porsche, Hebesatz 330; 2. Wolfsburg mit 82 530 Euro, Volkswa-
gen, Hebesatz 360; 3. Walldorf mit 61 857 Euro, SAP, Hebesatz 255.
10 Platz 48: Berlin mit 2192 Euro, Hebesatz 410; Platz 49: Dresden mit 2069
Euro, Hebesatz 450; Platz 50: Leipzig mit 1843 Euro, Hebesatz 450.
11 Für die Auswertung wird auf die derzeit aktuellsten Gewerbesteuer-
daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2007 zurückge-
griffen. Neuere Auswertungen auf regionaler Ebene lagen zum Zeit-
punkt der Untersuchung noch nicht vor.
Tabelle 1
Steuermessbetrag von Unternehmenssitzen und
Betriebsstätten
Quelle: eigene Darstellung.
Tabelle 2
Größenklasse des Steuermessbetrags
(1) Anteil an allen Unternehmen. (2) Anteil an den Unternehmenssitzen.
Quelle: eigene Darstellung.
Abbildung 2
Unternehmen nach Bundesland, 2007
in % aller Unternehmen
Quelle: eigene Darstellung.
NW BY BW HE NI SN RP BE SH BB TH HH MV ST SL HB
25
20
15
10
5
0
Unternehmens-
sitze
Betriebs-
stätten
Unternehmensverteilung (in %)
83,7
16,3
Mittelwert Steuermessbetrag (in Euro)
3658,72
9244,80
Median Steuermessbetrag (in Euro)
0,00
89,33
Zahl der
Fälle
Anteil
in %
(1)
(2)
Steuermessbetrag 0
1 741 384
49,0
58,5
Steuermessbetrag > 0
1 233 637
34,7
41,5
Gesamt
2 975 021
83,7
100,0
Betriebsstätten
580 953
16,3

ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft
399
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
Aus der Gewerbesteuerstatistik lässt sich ableiten, dass
nach dieser Definition nur 0,35% der Unternehmenssitze
und damit insgesamt 0,4% aller deutschen Unternehmen
(Unternehmenssitze und Betriebsstätten) auch Head-
quarter sind. 99,6% der deutschen Unternehmen waren
2007 keine Organträger im steuerlichen Sinn (vgl. Tabel-
le 3). Untersucht man die Mittelwerte für den Gewerbe-
ertrag sowie den Steuermessbetrag nach der Organträ-
gerschaft, wird deutlich, dass das arithmetische Mittel
bei beiden Werten für die Organträger um ein Vielfaches
höher ist als für die Organgesellschaften. Beim Mittelwert
des Steuermessbetrags wird der Unterschied ebenso
deutlich. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch
der Medianwert. Beim Steuermessbetrag nimmt der Me-
dian bei den Organgesellschaften sogar den Wert 0 an,
was darauf hinweist, dass die Verteilung von hohen Wer-
ten dominiert wird.
Für die Städte und Gemeinden ergibt sich bei den Organ-
trägern eine größere Wahrscheinlichkeit, Gewerbesteuer-
erträge zu vereinnahmen als bei den Nicht-Organträgern.
Daraus lässt sich folgern:
• Die Ansiedlung eines Headquarters führt durchschnitt-
lich zu einem Steuermessbetrag von ca. 370 000 Euro.
• Die Verteilung der Steuermessbeträge fällt eindeutig
zugunsten von Headquartern im Verhältnis zu Unter-
nehmen, die keine Organträger sind, aus.
lässt sich folgern, dass Betriebsstätten in Deutschland
umso höhere Gewerbesteuerbeträge liefern, je geringer
die Häufigkeit regionalen Auftretens ist. Diese Erkenntnis
ist vor dem Hintergrund der Struktur der Gruppe der Un-
ternehmenssitze nicht überraschend, da von den 83,7%
der Unternehmenssitze nur 5% eine Niederlassung bzw.
Betriebsstätte haben. Die verbleibenden 95% sind Unter-
nehmen ohne Niederlassung.
Hierzu passt auch die Verteilung des Steuermessbetrags,
die Tabelle 2 wiedergibt. Von der Unternehmenssitzen
erwirtschaften 49% keinen positiven Steuermessbetrag.
Lediglich 34,7% rechnen mit einem Steuermessbetrag
größer Null, was wiederum bei den Städten und Gemein-
den zu Steuererträgen führt. Das bedeutet, dass bezogen
auf die Gesamtheit der deutschen Unternehmen knapp
59% keine Gewerbesteuer zahlen.
Organträger als Headquarter
Für eine detaillierte Untersuchung der fiskalischen Aus-
wirkung von Unternehmenssitzen und Betriebsstätten auf
die deutschen Städte und Gemeinden wird eine steuerli-
che Kategorisierung, die Definition der Organschaft, ge-
nutzt. Wirtschaftlich selbständige, aber rechtlich unselb-
ständige Unternehmen, Organgesellschaften, werden in
einem Unterordnungsverhältnis dem Organträger zuge-
ordnet. Organträger und Organgesellschaften müssen je-
weils juristische Personen sein. Für die Erhebung der Ge-
werbesteuer gelten die Organgesellschaften als Betriebs-
stätten. Der Gewerbeertrag der Organgesellschaften wird
damit zunächst dem Organträger zugerechnet und dann
über die Zerlegung auf die Gemeinden verteilt, in denen
die Organgesellschaften jeweils ihren Sitz haben. Die
Gesellschaft, die nach der steuerlichen Definition ein Or-
ganträger ist, muss demnach immer ein Headquarter für
mindestens eine Niederlassung sein.
Tabelle 3
Steuermessbetrag und Gewerbeertrag nach
Organträger, 2007
Quelle: eigene Darstellung.
Abbildung 3
Unternehmenssitze mit Niederlassung nach
Bundesland, 2007
in % aller Bundesländer
Quelle: eigene Darstellung.
Organträger
Nicht-
Organträger
Unternehmensverteilung (in %)
0,35
99,65
Steuermessbetrag = 0 (in %)
37,00
59,00
Steuermessbetrag > 0 (in %)
63,00
41,00
Mittelwert Gewerbeertrag (in Euro)
5 574 599
46 914
Median Gewerbeertrag (in Euro)
211 800
9 100
Mittelwert Steuermessbetrag (in Euro)
373 009
2 358
Median Steuermessbetrag (in Euro)
9 870
0
NI BY SH BW BB DE HB HE SN RP ST HH TH MV BE SL
6
5
4
3
2
0
7
1

Wirtschaftsdienst 2015 | 6
400
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
• Anteilig haben die ostdeutschen Länder deutlich we-
niger Unternehmenssitze als im Bundesdurchschnitt.
• Bei der Verteilung der Headquarter nach Bundeslän-
dern belegen die ostdeutschen Bundesländer mit Ber-
lin die letzten sechs Plätze.
Unternehmenssitze und Betriebsstätten nach
Bundesländern
Im Bundesdurchschnitt sind etwa 83% der deutschen
Unternehmen Unternehmenssitze und 17% Betriebsstät-
ten. Über diesem Bundesdurchschnitt liegen neben den
Stadtstaaten auch die Flächenländer Schleswig-Holstein,
Nordrhein-Westfalen sowie Hessen. In diesen Ländern ist
also der Anteil von Unternehmenssitzen an der Gesamt-
zahl der Unternehmen größer als 83%. Von den Ländern
knapp unter dem Bundesdurchschnitt führen Mecklen-
burg-Vorpommern und Sachsen die Liste mit den höchs-
ten Werten noch vor Baden-Württemberg und Bayern an
(vgl. Abbildung 5)
.
Bei der Gegenüberstellung der Steuermessbeträge nach
Unternehmenssitz und Betriebsstätte erhält man für die
Grundgesamtheit der deutschen Unternehmen eine Ver-
teilung von 51% zu 49%, d.h. von 100% Steuermessbe-
trag werden knapp 51% von den Unternehmenssitzen
und 49% von den reinen Betriebsstätten erwirtschaftet
(vgl. Abbildung 6). Dieser Verteilung von etwa 50:50 fol-
• Städte und Gemeinden mit Headquartern haben eine
deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, Gewerbesteuer
von diesen Unternehmen zu erhalten als Städte und
Gemeinden, die keine Headquarter haben.
Vergleich nach Bundesländern
Wie Abbildung 3 belegt, findet sich der größte Anteil an
Unternehmenssitzen mit Niederlassungen in Nieder-
sachsen, wobei der Anteil unter 10% liegt. Interessant
ist, dass Schleswig-Holstein einen ähnlich hohen Anteil
an Unternehmenssitzen mit Niederlassungen an der Ge-
samtzahl von Unternehmenssitzen aufweist wie Bayern.
Von den ostdeutschen Bundesländern hat Brandenburg
den höchsten Anteil. Alle anderen ostdeutschen Bundes-
länder liegen, was die Zahl der Unternehmenssitze mit
Niederlassungen angeht, unter dem bundesdeutschen
Gesamtdurchschnitt.
Untersucht man, wie in Abbildung 4 dargestellt, die Bun-
desländer nach dem Anteil der dort vertretenen Head-
quarter und damit Organträger, fällt auf, dass die Stadt-
staaten Hamburg und Bremen den höchsten Anteil an
den gesamten Organträgern in Deutschland haben. In-
teressant hierbei ist auch, dass Bayern knapp über und
Nordrhein-Westfalen knapp unter dem deutschen Bun-
desdurchschnitt liegt. Die ostdeutschen Länder belegen
bei der Häufigkeit der Headquarter die letzten fünf Plätze,
weit unter dem Durchschnitt. Hier kommt Sachsen au-
ßerdem nach Berlin, Thüringen und Brandenburg. Daraus
lässt sich folgern:
Abbildung 4
Headquarter nach Bundesland, 2007
in % der Unternehmen im jeweiligen Bundesland
Quelle: eigene Darstellung.
Abbildung 5
Unternehmenssitze und Betriebsstätten nach
Bundesland, 2007
in % der Unternehmen im jeweiligen Bundesland
Quelle: eigene Darstellung.
HH HB BW HE NI BY DE
RP SL SH BE TH BB SN ST MV
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0
0,7
0,1
NW
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
ST
HH
BW
BY
RP
SL
HB
MV
DE
HE
SH
TH
SN
BE
BB
NI
NW
Anteil Unternehmenssitze
Anteil Betriebsstätten

ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft
401
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
der Anteil des durch die Betriebsstätten erwirtschafte-
ten Steuermessbetrags deutlich höher ist als der Steu-
ermessbetrag von Unternehmenssitzen.
• Für Schleswig-Holstein, Niedersachen und Mecklen-
burg-Vorpommern zeigt sich, dass in den Unterneh-
menssitzen ein höherer Steuermessbetrag erwirt-
schaftet wird als in den Betriebsstätten.
Gewerbeertrag nach Bundesländern
Für den Vergleich der steuerlichen Leistungsfähigkeit der
Bundesländer nach der Gewerbesteuer wird der Gewer-
beertrag als Maß herangezogen. Da für die Betriebsstät-
ten nur der Steuermessbetrag ermittelt werden kann, ist
in Abbildung 7 der Gewerbeertrag von der Verteilung der
Unternehmenssitze auf die einzelnen Bundesländer ge-
prägt.
Der Mittelwert des Gewerbeertrags liegt in Niedersach-
sen am höchsten und ist fast doppelt so hoch wie der
bundesweite Durchschnitt. Interessant ist das vor dem
Hintergrund der Verteilung der größten 500 Unterneh-
men auf die deutschen Bundesländer,
12
die zeigt, dass
in Niedersachsen weder besonders viele Unternehmen
aus dieser Kategorie ihren Sitz haben, noch dass der An-
teil der Unternehmen mit sehr hohen Gewerbesteuerer-
trägen besonders hoch ist. Auffällig beim Mittelwert des
Gewerbeertrages ist allerdings, dass sowohl Bayern mit
64 282 Euro als auch Nordrhein-Westfalen mit 64 267 Eu-
ro unter dem bundesweiten Durchschnitt von 66 309 Euro
liegen. Daraus lässt sich folgern, dass die ostdeutschen
Bundesländer beim Mittelwert des Gewerbeertrages weit
unter dem Bundesdurchschnitt liegen.
12 Top-500-Unternehmen gemäß dem Ranking der Tageszeitung „Die
Welt“,
http://top500.welt.de/.
gen neben den Stadtstaaten Hamburg und Bremen auch
die Flächenländer Hessen, Brandenburg und Thüringen.
Interessant sind die deutlichen Abweichungen zugunsten
der Unternehmenssitze in Schleswig-Holstein, Nieder-
sachsen sowie Mecklenburg-Vorpommern. Auch nicht zu
erwarten war, dass die Relation aus Steuermessbetrag in
Baden-Württemberg und Bayern so deutlich zugunsten
der Betriebsstätten ausfällt. Für Sachsen und Sachsen-
Anhalt und das Saarland wiederum konnte diese Vertei-
lung aufgrund der beschriebenen geschichtlichen Ent-
wicklung so erwartet werden.
Bei der Verteilung der Steuerzahlung auf Gewerbebetrie-
be und Betriebsstätten ergeben sich damit in Deutsch-
land unterschiedliche Situationen: In Sachsen waren die
Betriebsstätten, mit einem Anteil von 18% an den gewer-
besteuerpflichtigen Unternehmen, für 57% der Gewerbe-
steuerzahlung verantwortlich. Interessanterweise gleicht
dieser Wert den Verteilungen in Hessen, Bayern und Ba-
den-Württemberg, obwohl die Unternehmensstruktur ei-
ne ganz andere ist. In Niedersachsen dagegen wurde ein
deutlich geringerer Anteil an Gewerbesteuer, nur 35% von
den Betriebsstätten gezahlt. Den Großteil an Gewerbe-
steuer in Niedersachsen leisteten die Unternehmenssitze,
die einen Anteil von 79% haben und 65% der Gewerbe-
steuer zahlen. Daraus lässt sich folgern:
• Für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern,
Sachsen, Sachsen-Anhalt und das Saarland gilt, dass
Abbildung 7
Mittelwert des Gewerbeertrags, 2007
in 1000 Euro
Quelle: eigene Darstellung.
Abbildung 6
Steuermessbetrag nach Unternehmenssitzen und
Betriebsstätten in Bundesländern, 2007
in %
Quelle: eigene Darstellung.
140
120
100
80
60
40
20
0
NI BW HH HE HB DE RP BY NW SH BB SL ST TH SN MV BE
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
SL
SH
HH
RP
BW
MV
DE
HE
BB
TH
BY
BE
HB
NI
ST
SN
NW
Steuermessbetrag Unternehmenssitz
Steuermessbetrag Betriebsstätte

Wirtschaftsdienst 2015 | 6
402
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
dersachsen liegen in dieser Betrachtung im Mittelfeld, die
ostdeutschen Bundesländer haben im Vergleich die nied-
rigste Zahl solch großer Unternehmen.
Analyse nach Branchen
Die Unternehmensstrukturen hängen auch von den
Branchen ab. In Ostdeutschland ist die Zahl der Unter-
nehmen im Baugewerbe, das konjunkturabhängig ist und
in dem vor allem sehr kleine Unternehmen mit wenigen
Beschäftigten zu finden sind, überproportional groß. So
sind z.B. in Sachsen 15,4% aller Unternehmen im Bau-
gewerbe tätig, in Brandenburg gar 16,8% der Unterneh-
men, während es in Westdeutschland nur zwischen 6,1%
(Hamburg) und 10,6% (Rheinland-Pfalz) sind. Besonders
viele Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, einer
der Branchen mit den wenigsten Unternehmen mit kei-
nem oder negativem Gewerbeertrag sowie den meisten
Unternehmen mit einem Gewerbeertrag über dem Bun-
desdurchschnitt, sind hingegen kontraintuitiv in Sach-
sen, Thüringen und Sachsen-Anhalt tätig. Allerdings sind
die Unternehmen in dieser Branche in den ostdeutschen
Bundesländern deutlich kleiner als die in Westdeutsch-
land.
Betrachtet man die Gewerbeerträge, die in den verschie-
denen Branchen erzielt werden, sind deutliche Unter-
schiede erkennbar. Die Unternehmen mit den größten
Gewerbeerträgen finden sich im verarbeitenden Gewerbe
(5,2% der Unternehmen mit einem Gewerbeertrag von
mehr als 500 000 Euro) sowie im Bereich Wasserversor-
gung (6,3%), wobei in dieser Branche insgesamt nur sehr
wenige Unternehmen tätig sind. Die Branchen mit dem
Bei den Größenklassen der Gewerbeerträge (vgl. Abbil-
dung 8) weisen die Anteile für die westdeutschen Län-
der einen nahezu deckungsgleichen Verlauf zur gesam-
ten bundesdeutschen Verteilung auf. Die Abweichung
Ostdeutschlands ist dagegen in den Bereichen der Ge-
werbeerträge, die kleiner als 12 100 Euro sind, deutlich
erkennbar. Der Anteil für die ostdeutschen Länder liegt
hier deutlich über dem gesamtdeutschen Verlauf, d.h. in
den ostdeutschen Ländern sind Unternehmen mit dieser
Größenklasse an Gewerbeerträgen häufiger vertreten als
insgesamt. Bei Gewerbeerträgen über 12 100 Euro sind
dagegen die Häufigkeiten in den ostdeutschen Ländern
sichtbar geringer als im Bundesdurchschnitt. In der Klas-
se der Gewerbeerträge von 4000 Euro bis ca. 30 000 Euro
gibt es einen deutlichen Anstieg für alle drei Kurven, der
danach wieder abfällt. Daraus lässt sich folgern, dass in
Ostdeutschland der Anteil der Unternehmen mit einem
Gewerbeertrag von 0 Euro und unter 0 Euro deutlich über
dem der westdeutschen Unternehmen liegt.
Interessant ist die Untersuchung der Verteilung der gro-
ßen Unternehmen mit einem Gewerbeertrag von mehr als
2,5 Mio. Euro pro Jahr nach Bundesländern. Nach einer
Umrechnung auf die Zahl der Unternehmen pro Mio. Ein-
wohner, um die Daten zwischen den Ländern vergleich-
bar zu machen, zeigt sich, dass die Zahl großer Unterneh-
men in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland
sehr gering ist. Aber auch zwischen den westdeutschen
Regionen gibt es deutliche Unterschiede. Daraus lässt
sich folgern: Betrachtet man nur die Unternehmen mit ei-
nem Gewerbesteuerertrag von mehr als 2,5 Mio. Euro, hat
Schleswig-Holstein die meisten solcher Unternehmen pro
Mio. Einwohner. Bayern, Nordrhein-Westfalen und Nie-
Abbildung 9
Mittlere Zahl der Beschäftigten pro Unternehmen
nach Bundesland, 2007
Quelle: eigene Darstellung.
Abbildung 8
Größenklassen der Gewerbeerträge, 2007
Anteile in %
Quelle: eigene Darstellung.
HH HB BW NI BY
DE HE SL RP SH BE ST SN BB TH MV
140
120
100
80
60
0
40
NW
20
0
unter 0
0,001 bis unter 4,0
4,0 bis unter 12,1
12,1 bis unter 24,1
24,1 bis unter 48,1
48,1 bis unter 72,1
72,1 bis unter 125,0
125,0 bis unter 250,0
250,0 bis unter 500,0
500,0 bis unter 2500,0
2500,0 bis unter 5000,0
5000,0 und mehr
Westdeutschland
Deutschland
Ostdeutschland mit Berlin
0
5
10
15
20
25
30
35
Gewerbeertrag in 1000 Euro

ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft
403
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
• Organträger und damit Headquarter beschäftigen im
Durchschnitt 361 sozialversicherungspflichtig Be-
schäftigte im Vergleich zu Nicht-Organträgern, bei
denen im Durchschnitt nur zehn sozialversicherungs-
pflichtig Beschäftigte arbeiten.
Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen
Die Analyse macht auf eine Reihe von Problemen auf-
merksam, die bei der Diskussion erforderlicher Refor-
men berücksichtigt werden sollten. Zunächst sollte die
Bedeutung der Führungsfunktion als großer Attraktor der
Gewerbesteuer relativiert werden, weil er eine strukturell
polarisierende Wirkung besitzt und die Verteilung, ins-
besondere unter den Bedingungen der immer noch an-
dauernden Konvergenzprobleme, zu Lasten des Ostens
geht und durch den Finanzausgleich kompensiert werden
muss. Hinzu tritt die im Vergleich zum Westen verringer-
te steuerliche Leistungsfähigkeit, die über die bereits
genannten Faktoren weitere strukturelle Gründe hat, bei-
spielsweise die starke Vorleistungsorientierung und die
damit verbundene häufig erhöhte Wettbewerbsintensität.
Ergänzend führen unternehmerische Reorganisationsmaß-
nahmen zu scheinbar willkürlichen – aber natürlich syste-
matisch im Recht kodifizierten – Umverteilungseffekten,
ohne die den Gemeinden auferlegten Kosten zu verändern.
Faktisch ist die Gewerbesteuer nicht indifferent gegenüber
der Größenverteilung der Unternehmen. Ein hoher Bestand
an Kleinstunternehmen erodiert die Steuerbasis, obwohl
die nicht oder kaum zahlenden Unternehmen dennoch
Kosten bei den Kommunen verursachen. In der Tat verän-
dern Aufteilungen oder Zusammenschlüsse die steuerliche
Veranlagung, was eigentlich in Bezug auf eine sinnvolle
Neutralitätsforderung nicht als angemessen erscheint. Die
erhöhte Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft wird
hier zum Steueraufkommensproblem der Kommunen.
Deutlich wurde auch, dass es starke sektorale Effekte auf
das Steueraufkommen gibt, die nicht allein über Größen-
strukturen zu erklären sind. Die Vorstellung, dass vor allem
die gewerbliche Produktion infrastrukturell belastend ist
und daher eine steuerliche Kompensation zugunsten der
Kommunen erfordert, ist falsch und daher rechtlich revisi-
onsbedürftig.
höchsten Anteil an Unternehmen mit einem Gewerbeer-
trag von unter 0 sind die Energieversorgung (49,5%), der
Dienstleistungssektor (39,9%) sowie die Branche des Ge-
sundheits- und Sozialwesens (33,4%).
Organträger sind in allen Branchen nur in sehr geringem
Umfang vertreten. Die meisten finden sich in der Erbrin-
gung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit
1,2% der Unternehmen. Im verarbeitenden Gewerbe sind
0,8% der Unternehmen Organträger, im Baugewerbe so-
wie im Gastgewerbe hingegen nur 0,1% der Unternehmen.
Entsprechend ist die Zahl der Unternehmen im Baugewer-
be, in dem vor allem sehr kleine Unternehmen mit wenigen
Beschäftigten zu finden sind, überproportional groß.
Beschäftigtenzahlen nach Bundesländern
Eine weitere Möglichkeit, die Unternehmensstruktur in
Ost- und Westdeutschland zu untersuchen, ist die Be-
trachtung der Zahl der sozialversicherungspflichtig Be-
schäftigten in den Unternehmen (vgl. Abbildung 9). Inter-
essant ist dabei die mittlere Zahl Beschäftigter pro Unter-
nehmen. Es zeigt sich deutlich, dass – mit Ausnahme von
Hamburg, das mit durchschnittlich 135 Beschäftigten eine
Sonderstellung einnimmt, die Unternehmen in Deutsch-
land im Durchschnitt nur zwischen 7,6 (Mecklenburg-Vor-
pommern) und 15,2 (Bremen) Beschäftigten haben.
Die ostdeutschen Unternehmen sind mit durchschnittlich
7,6 (Mecklenburg-Vorpommern) bis 9,9 (Berlin) Beschäf-
tigten kleiner als die westdeutschen Unternehmen mit
10,4 (Schleswig-Holstein) bis 15,2 (Bremen) Beschäftig-
ten. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 12,9 Be-
schäftigten pro Unternehmen. Diese Zahlen unterstrei-
chen noch einmal die Dominanz von Kleinstunternehmen
in Deutschland.
Im Zusammenhang mit der Diskussion von Organträgern
als Headquarter lohnt eine Betrachtung der durchschnitt-
lichen Beschäftigtenzahl. Im Mittelwert beschäftigen Or-
ganträger 361 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
(Nicht-Organträger: 10,2). Daraus lässt sich folgern:
• Ostdeutsche Unternehmen sind mit durchschnittlich
sieben bis zehn Beschäftigten deutlich kleiner als west-
deutsche Unternehmen mit zehn bis 15 Beschäftigten.
Title:
The Importance of Company Headquarters for Fiscal Performance
Abstract:
The fiscal capacity of the German Länder is often calculated on the basis of per capita tax revenues. Business taxes for Ger-
many show below average revenues for Eeastern Germany in relation to population size and number of firms. Headquarter functions,
which are underrepresented in the eastern Länder, play a dominant role for tax revenues. Other deficits relate to the economic structure
of these Länder and to some extent to the business tax laws there.
JEL Classification:
D30, H71, O10

Wirtschaftsdienst 2015 | 7
486
Analysen und Berichte Gewerbesteuer
Korrigendum
In Heft 6/2015 müssen in dem Aufsatz von Ulrich Blum, Isabelle Jänchen, Claudia Lubk „Die Relevanz von Unternehmenszentralen für die fiskali-
sche Leistungsfähigkeit“ die untenstehenden Abbildungen korrigiert werden. In Abbildung 1 (S. 397) waren die Gewerbesteuern je Einwohner für
Hamburg und Bremen zu hoch ausgewiesen. In Abbildung 3 (S. 399) fehlte Nordrhein-Westfalen.
NI BY SH BW BB DE HB HE SN RP ST
HH TH MV BE SL
6
5
4
3
2
0
7
1
NW
20
18
16
14
12
10
8
6
4
2
0
BBBWBY HE MV NI NWRP SH SL SN ST TH BE HB HH DE
Gewerbesteuer je Einwohner (rechte Skala)
Gewerbesteuer je Unternehmen (linke Skala)
3
2,5
2
1,5
1
0,5
0
je Unternehmen
je Einwohner
Abbildung 1
Kommunaler Anteil an der Gewerbesteuer
nach Bundesland, 2007
in 1000 Euro
Abbildung 3
Unternehmenssitze mit Niederlassung nach
Bundesland, 2007
in % aller Bundesländer
Abkürzungen: BB = Brandenburg, BE = Berlin, BW = Baden-Württemberg, BY = Bayern, DE = Deutschland, HB = Bremen, HE = Hessen, HH =
Hamburg, MV = Mecklenburg-Vorpommern, NI = Niedersachsen, NW = Nordrhein-Westfalen, RP = Rheinland-Pfalz, SH = Schleswig-Holstein, SL
= Saarland, SN = Sachsen, ST = Sachsen-Anhalt, TH = Thüringen.
Quelle: eigene Darstellung auf der Basis der Daten aus dem Län-
derfinanzausgleich des Bundesministeriums der Finanzen: Zweite
Verordnung zur Durchführung des Finanzausgleichsgesetzes im Aus-
gleichsjahr 2007, Drucksache 735/08, 16.10.2008, Berlin 2008.
Quelle: eigene Darstellung.
DOI: 10.1007/s10273-015-1852-5