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Ilka Reinhardt, Petra Kaczensky, Felix Knauer,
Georg Rauer, Gesa Kluth, Sybille Wölfl,
Ditmar Huckschlag und Ulrich Wotschikowsky
Monitoring von Wolf, Luchs und Bär
in Deutschland
BfN-Skripten 413
2015

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Monitoring von Wolf, Luchs und Bär
in Deutschland
Ilka Reinhardt
Petra Kaczensky
Felix Knauer
Georg Rauer
Gesa Kluth
Sybille Wölfl
Ditmar Huckschlag
Ulrich Wotschikowsky

Titelfotos:
oben: (S. Koerner); Mitte: (Luchsprojekt Bayern); unten: (A. Kopatz)
Adressen der Autorinnen und Autoren:
Ilka Reinhardt
LUPUS, Institut für Wolfsmonitoring und Forschung in Deutschland
Gesa Kluth
Dorfstr. 20, D-02979 Spreewitz
Petra Kaczensky
Institut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien
Felix Knauer
Savoyenstr. 1, A-1160 Wien
Georg Rauer
Sybille Wölfl
Luchsprojekt Bayern
Trailling 1a, D-93462 Lam
Ditmar Huckschlag
Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) Rheinland-Pfalz,
Hauptstr. 16, D-67705 Trippstadt
Ulrich Wotschikowsky
Deutinger Str. 15, D-82487 Oberammergau
Fachbetreuung im BfN:
Harald Martens
Fachgebiet II 1.1 „Zoologischer Artenschutz“
Die vorliegende Publikation ist die zweite, überarbeitete Version des BfN-Skriptes 251 „Monitoring von Groß-
raubtieren in Deutschland“. Dieses war Teilergebnis des F+E-Vorhabens „Grundlagen für Managementkon-
zepte für die Rückkehr von Großraubtieren – Rahmenplan Wolf“ (FKZ 3507 86040), gefördert durch das
Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktor-
sicherheit (BMUB).
Diese Veröffentlichung wird aufgenommen in die Literaturdatenbank „DNL-online“
(www.dnl-online.de).
BfN-Skripten sind nicht im Buchhandel erhältlich.
Institutioneller Herausgeber:
Bundesamt für Naturschutz
Konstantinstr. 110
53179 Bonn
URL:
www.bfn.de
Der institutionelle Herausgeber übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit, die Genauigkeit und Vollstän-
digkeit der Angaben sowie für die Beachtung privater Rechte Dritter. Die in den Beiträgen geäußerten An-
sichten und Meinungen müssen nicht mit denen des institutionellen Herausgebers übereinstimmen.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des institutionellen Herausgebers unzu-
lässig und strafbar.
Nachdruck, auch in Auszügen, nur mit Genehmigung des BfN.
Druck: Druckerei des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB)
Gedruckt auf 100% Altpapier
ISBN 978-3-89624-148-1
Bonn - Bad Godesberg 2015

1
Inhalt
1.
Einleitung ............................................................................................................. 3
2.
Hintergrund .......................................................................................................... 4
2.1
Aktuelle Situation von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland ................................ 4
2.1.1
Wolf ...................................................................................................................... 4
2.1.2
Luchs ................................................................................................................... 5
2.1.3
Bär ....................................................................................................................... 6
2.2
Anforderungen nach der FFH-Richtlinie .............................................................. 9
2.2.1 Erforderliche Daten .............................................................................................. 9
2.2.2
Berichtspflicht ...................................................................................................... 9
2.3
Gegenwärtiges Monitoring von Wolf und Luchs in Deutschland ....................... 13
3.
Monitoring – Grundlagen, Überlegungen .......................................................... 15
3.1
Begriffsbestimmung und Ziele ........................................................................... 15
3.2
Monitoringmethoden für Wolf, Luchs und Bär ................................................... 15
3.3
Empfohlene Monitoringmethoden für Deutschland ............................................ 17
3.4
Stratifiziertes Monitoring .................................................................................... 18
4.
Standards für ein Monitoring von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland ............ 19
4.1
Eine explizite und praktikable Definition der SCALP-Kriterien für deutsche
Verhältnisse ....................................................................................................... 19
4.1.1 Artspezifische Besonderheiten .......................................................................... 20
4.1.2 Kriterien für eine erfahrene Person .................................................................... 20
4.2
Analyse und Interpretation der Daten ................................................................ 20
4.2.1 Räumliche Analyse – Vorkommen und Verbreitungsgebiet .............................. 20
4.2.2 Demographische Analyse – Populationsgröße .................................................. 24
4.2.3 Standardisierung der Dateninterpretation .......................................................... 32
5.
Strukturen für ein Monitoring von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland ............ 33
5.1
Analyse vorhandener Strukturen ....................................................................... 33
5.1.1
Monitoringstrukturen .......................................................................................... 33
5.1.2 Datenqualität und Dateninterpretation ............................................................... 34
5.1.3 Bundesländerübergreifende Ansätze ................................................................ 35
5.2
Lösungsvorschläge und Empfehlungen für die Organisation des Monitorings .. 35
5.2.1 Erforderliche Strukturen, Aufgaben und Zuständigkeiten .................................. 35
5.2.2 Umsetzung des Monitorings in der Fläche ........................................................ 37

2
5.3
Bundesländerübergreifende Zusammenarbeit .................................................. 38
6.
Handbuch für das Monitoring von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland ........... 40
6.1
Hintergrund ........................................................................................................ 40
6.1.1 Warum ein Monitoringhandbuch? ...................................................................... 40
6.1.2 Zielgruppe und Inhalte des Handbuches ........................................................... 40
6.1.3
Wie viel Dokumentation ist nötig? ...................................................................... 40
6.2
Handbuch Luchsmonitoring ............................................................................... 42
6.2.1 Bewerten von Luchshinweisen .......................................................................... 42
6.2.2 Zusammenfassung Bewertung Luchshinweise ................................................. 50
6.2.3 Methoden zum Feststellen von Vorkommen und Populationsgrößen ............... 51
6.3
Handbuch Wolfsmonitoring ................................................................................ 58
6.3.1 Bewerten von Wolfshinweisen ........................................................................... 58
6.3.2 Zusammenfassung Bewertung Wolfshinweise .................................................. 66
6.3.3 Methoden zum Feststellen von Vorkommen und Populationsgrößen ............... 67
6.4
Handbuch Bärenmonitoring ............................................................................... 73
6.4.1 Bewerten von Bärenhinweisen .......................................................................... 73
6.4.2 Zusammenfassung Bewertung Bärenhinweise ................................................. 81
6.4.3 Dateninterpretation und Methoden zum Feststellen von Vorkommen und
Populationsgrößen ............................................................................................. 82
Danksagung .................................................................................................................. 86
Literatur ......................................................................................................................... 87
Anhang .......................................................................................................................... 92
Abkürzungen und Definitionen ...................................................................................... 92

3
1. Einleitung
Nach jahrhundertelanger Abwesenheit sind Wolf und Luchs wieder zurück in Deutschland.
Der Wolf hat sich in den letzten Jahren von Osten kommend, vor allem in nordwestlicher
Richtung in Deutschland ausgebreitet. Zwei Luchspopulationen und mehrere isolierte Einzel-
tiere leben wieder in verschiedenen Mittelgebirgen, und sogar der erste Braunbär hat schon
den deutschen Alpenraum besucht.
Mit der Rückkehr dieser Tiere begannen Biologen mit dem Sammeln von Hinweisdaten, oft
aus eigenem Engagement heraus. Allerdings gab es dabei zunächst kaum Abstimmungen in
Bezug auf die Bewertung und Interpretation der gesammelten Daten. Eine einheitliche Da-
teninterpretation ist jedoch die Voraussetzung, um ein Bild von der Gesamtsituation von Wolf
und Luchs in Deutschland zu bekommen. Mit der Ausbreitung der Tiere über verschiedene
Bundesländer und damit unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche wurde eine Vereinheitli-
chung der Hinweisinterpretation daher immer dringender.
Vor diesem Hintergrund beauftragte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) 2008 eine Gruppe
von Fachleuten damit, Standards für das Monitoring von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland
zu entwickeln. Diese sollten die mit der FFH-Berichtspflicht verbundenen EU-Vorgaben be-
rücksichtigen und die Vergleichbarkeit von Hinweisdaten innerhalb Deutschlands gewährleis-
ten. Die Standards wurden unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler 2009 fertig ge-
stellt (K
ACZENSKY et al. 2009). Noch im selben Jahr wurde das Papier von allen Ländern an-
genommen und damit die Voraussetzung für eine national einheitliche Bewertung der Hin-
weise von Wolf, Luchs und Bär geschaffen.
Bei Bedarf sollten die Standards weiterentwickelt und an den sich ändernden Kenntnisstand
angepasst werden. Fünf Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung ist es Zeit für eine Überarbei-
tung, in die die inzwischen gesammelten Erfahrungen aus der Praxis einfließen, aber auch
neue Methoden der Datenerhebung und Auswertung sowie Änderungen, die sich aus den
aktualisierten Begleittexten zur FFH-Berichtspflicht ergeben.

4
2. Hintergrund
2.1
Aktuelle Situation von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland
2.1.1 Wolf
Wölfe haben das größte Reproduktions- und Ausbreitungspotential der drei Arten. Jungtiere
wandern zum Teil hunderte Kilometer weit aus ihrem Geburtsrudel ab und können so Gebie-
te wieder besiedeln, aus denen der Wolf vor langer Zeit verschwunden war. In der zweiten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts kamen mehr als 40 Wölfe aus Polen nach Deutschland. Die
meisten von ihnen wurden geschossen, andere wurden Verkehrsopfer auf Schiene oder
Straße (R
EINHARDT & KLUTH 2007). Erst 1998 gelang es einem Wolfspaar, auf einem Trup-
penübungsplatz in Nordost-Sachsen ein Territorium zu etablieren. Zwei Jahre später kam es
zur ersten bestätigten Welpenaufzucht – etwa 150 Jahre nach der definitiven Ausrottung
dieser Art in Deutschland.
Die Wölfe in Deutschland gehören zur mitteleuropäischen Flachlandpopulation (K
ACZENSKY
et al. 2013). Diese Bezeichnung ist etwas irreführend, da sich die Population auch über
Mittelgebirge erstreckt. 2013 / 2014 wurden in Deutschland bereits 25 Wolfsrudel, acht
Wolfspaare sowie mehrere residente Einzelwölfe bestätigt. Ein Wolfsrudel hat sein Territori-
um grenzübergreifend sowohl auf sächsischem als auch auf tschechischem Gebiet. Repro-
duktionsnachweise gibt es aus fünf Bundesländern; in fünf weiteren wurden in den letzten
Jahren Einzeltiere bestätigt (Tab. 1). Weitere 30 Wolfsrudel und Paare wurden 2013 in West-
und Mittelpolen nachgewiesen (R
EINHARDT et al. 2015).
Die mitteleuropäische Population ist damit eine der am schnellsten anwachsenden Wolfspo-
pulationen in Europa. Ihre rasche Ausbreitung stellt eine besondere Herausforderung für den
Schutz, das Monitoring und das Management dieser Art in Deutschland dar. Abbildung 1
zeigt die Verbreitung des Wolfes in Mitteleuropa.

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5
Abb. 1: Wolfsverbreitung in Mitteleuropa 2006-2011. Dunkle Zellen: permanentes Vorkommen, graue
Zellen: sporadisches Vorkommen. Karte: K
ACZENSKY et al. 2013
.
2.1.2 Luchs
Luchspopulationen breiten sich wesentlich langsamer aus. Jungtiere siedeln sich überwie-
gend nahe ihrer Ausgangspopulation an. Abwandernde Luchse queren große ungeeignete
Gebiete nur selten. Fehlen Wanderkorridore, so bleiben Luchspopulationen isoliert. Anders
als Wolf und Bär war der Luchs in Mittel- und Westeuropa vollständig ausgerottet. Alle der-
zeitigen Populationen oder Einzelvorkommen stammen aus Wiederansiedlungen. Derzeit
besteht eine kleine Population im Bayerischen Wald und eine weitere im Harz (Abb. 2). Ein-
zeltiere unbekannter Herkunft wurden während der letzten zwei Jahrzehnte an zahlreichen
Orten in Deutschland nachgewiesen, oft weit entfernt von bestehenden Populationen (W
OT-
SCHIKOWSKY
2007).
Die Luchse im Bayerischen Wald sind Teil der Bayerisch-Böhmischen Population, die in den
1980er Jahren mit 17 slowakischen Tieren im böhmischen Teil des Grenzgebirges (Šumava,
Tschechien) begründet wurde (Č
ERVENY, J. & L. BUFKA 1996). Derzeit erstreckt sich ihr Areal
auf das Länderdreieck Tschechien, Österreich und Deutschland. Bis Ende der 1990er Jahre
nahm die Population zu und breitete sich aus. Der Populationstrend ist, trotz regelmäßiger
Reproduktionsnachweise, derzeit stagnierend (W
ÖLFL 2012). 2013 / 2014 wurden mittels
Fotofallenmonitoring die Anzahl erwachsener Luchse in Bayern auf 15 geschätzt; fünf Re-
produktionen wurden nachgewiesen.
Im Westteil des Harzes (Niedersachsen) wurden zwischen 2000 und 2006 insgesamt 24 Ge-
hegeluchse freigelassen (A
NDERS 2008). 2002 wurde die erste Reproduktion in freier Wild-

image
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6
bahn bestätigt. Das Verbreitungsgebiet der Harzpopulation erstreckt sich über die Länder
Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen. 2013 / 2014 wurden in der Harzpopulation
(inklusive Hessen) 6 – 7 Reproduktionen bestätigt. Der Bestand breitet sich langsam aus.
Abb. 2: Luchsverbreitung in Mitteleuropa 2006-2011. Dunkle Zellen: permanentes Vorkommen, graue
Zellen: sporadisches Vorkommen. Karte: KACZENSKY et al. 2013
.
2.1.3 Bär
Im Jahr 2006 wanderte ein junger männlicher Bär aus Norditalien (Provinz Trient) 250 km
weit bis nach Bayern. Seine Eltern waren slowenische Bären, die im Zuge einer Wiederan-
siedlung ausgesetzt worden waren. Bei seiner Wanderung überquerte er die Staatsgrenzen
von Italien, Österreich und Deutschland sowie die Grenzen von mehreren Provinzen in Ita-
lien und Bundesländern in Österreich mit deren unterschiedlichen Regeln für Management
und Monitoring. Aufgrund der Nahrungssuche an und im Siedlungsraum entstanden für
Menschen riskante Situationen. Das Tier wurde in Bayern geschossen. Mit der Zuwanderung
weiterer Bären aus Italien (Trient) muss in Deutschland (Bayern) gerechnet werden. Die
norditalienische Bärenpopulation reproduziert gut und ist im Anwachsen begriffen (D
ANPIAZ
et al. 2008). Abbildung 3 zeigt die Verbreitung des Bären in Mitteleuropa.

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7
Abb. 3: Bärenverbreitung in Mitteleuropa 2006-2011. Dunkle Zellen: permanentes Vorkommen, graue
Zellen: sporadisches Vorkommen. Karte: KACZENSKY et al. 2013
.
Wolf, Luchs und Bär unterliegen einem manchmal verwirrenden Rechtsstatus. Dies hängt mit
der unterschiedlichen Geschichte des älteren Jagdrechts und des vergleichsweise jungen
Naturschutzrechts zusammen. In der Bundesrepublik Deutschland ist der Wolf seit dem
31.08.1980 durch das Bundesnaturschutzgesetz „besonders geschützt“. In der Deutschen
Demokratischen Republik unterlag er dem Jagdrecht und genoss keine Schonzeit. Nach der
Wiedervereinigung 1990 ist er nach und nach in allen Ländern aus dem Jagdgesetz ge-
strichen worden und unterliegt nun im gesamten Bundesgebiet als streng geschützte Art al-
lein dem Naturschutzrecht. Im September 2012 wurde der Wolf in Sachsen jedoch wieder
dem Landesjagdrecht unterstellt, allerdings mit ganzjähriger Schonzeit.
Der Bär ist in Deutschland nach dem Bundesnaturschutzgesetz ebenfalls streng geschützt.
Der Luchs ist nach dem Bundesnaturschutzrecht streng geschützt, unterliegt, da er im Bun-
desjagdgesetz gelistet ist, daneben aber auch dem Jagdrecht, allerdings mit ganzjähriger
Schonzeit.
Zuständig für die Umsetzung des umfassenden Schutzes sind die Naturschutzbehörden der
Länder. Für den Luchs, in Sachsen auch für den Wolf, sind außerdem die Jagdbehörden
zuständig.

8
Tab. 1: Verbreitung von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland über administrative und politische
Grenzen.
Art Population Staaten Länder, Provinzen
Wolf
Mitteleuropäisches
Flachland
Deutschland
Polen
Tschechien
(D) Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Nie-
dersachsen, Mecklenburg-Vorpommern;
Eindeutige Nachweise: Schleswig-Holstein, Bayern,
Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz;
(PL) Lubuskie, Dolnośląskie, Zachodniopomorskie,
Pomorskie, Wielkopolskie, Kujawsko-Pomorskie;
(CZ)
Luchs
Böhmisch-Bayerisch-
Österreichisch
Tschechien
Deutschland
Österreich
(CZ)
(D) Bayern;
(AT) Ober- und Niederösterreich
Harz
Deutschland
Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen;
einzelne Nachweise: Thüringen
Vogesen-Pfälzerwald Frankreich
Deutschland
(FR)
(D) Rheinland-Pfalz (derzeit keine bestätigten Hin-
weise auf deutscher Seite)
Einzeltiere unbekannter
Herkunft. Kein Kontakt zu
anderen Populationen.
Belgien
Deutschland
(BE)
(D) Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sach-
sen, Sachsen-Anhalt
Bär
Alpen Italien
Österreich
(IT) bisher nur ein Zuwanderer
(AT)

9
2.2
Anforderungen nach der FFH-Richtlinie
Das Gesamtziel der Richtlinie besteht darin, für alle Lebensräume und Arten von gemein-
schaftlichem Interesse einen günstigen Erhaltungszustand (Favourable Conservation Status,
FCS) zu erreichen und zu erhalten und dazu beizutragen, die Biodiversität der natürlichen
Lebensräume und der wildlebenden Flora und Fauna in den europäischen Hoheitsgebieten
der Mitgliedstaaten zu erhalten (DocHab 04-03/03-rev.3). Um festzustellen, ob dieses Ziel im
Einzelfall erreicht ist, sollen die Mitgliedsstaaten „den Erhaltungszustand der natürlichen Le-
bensräume und der in Anhang II und IV Art. 2 aufgeführten Arten überwachen, mit besonde-
rer Berücksichtigung von prioritären Lebensräumen und prioritären Arten" (Art. 11, FFH RL).
Nachdem Wolf, Luchs und Bär in Deutschland in Anhang II und IV FFH RL gelistet sind, ist
das Monitoring des Erhaltungszustands eine Verpflichtung, die direkt aus Art. 11 der Habi-
tatrichtlinie folgt.
2.2.1 Erforderliche Daten
In den Leitlinien für Managementpläne für Großkarnivoren auf Populationsebene (L
INNELL et
al. 2008) ist der Begriff "günstiger Erhaltungszustand" (FCS) folgendermaßen definiert (diese
Leitlinien sind zwar rechtlich nicht bindend, werden von der Kommission aber als beste fach-
liche Grundlage verwendet):
Eine Population ist in einem günstigen Erhaltungszustand, wenn alle folgenden acht Bedin-
gungen erfüllt sind:
1 – Sie ist stabil oder nimmt zu.
2 – Sie hat genügend geeigneten Lebensraum zur Verfügung.
3 – Dieser Lebensraum wird seine Qualität beibehalten.
4 – Die Größe der günstigen Referenzpopulation (Favorable Reference Population, FRP)
ist erreicht (in Anlehnung an die Rote Liste Kriterien D oder E der IUCN
5 – Die Population ist so groß wie oder größer als zu dem Zeitpunkt, als die Direktive in
Kraft trat.
6 – Das geeignete Referenzgebiet (Favorable Reference Range, FRR) ist besetzt.
7 – Ein Austausch von Individuen innerhalb der Population bzw. zwischen Populationen er
folgt oder wird gefördert (mind. ein genetisch effizienter Migrant per Generation).
8 – Ein effizientes und robustes Monitoring ist etabliert.
Um festzustellen, ob das Ziel der Habitatdirektive erreicht ist, benötigen wir also Daten zur
Größe und zum Trend der
Population
, zu ihrer
Verbreitung
(Fläche und Verbindungen zu
anderen Populationen), über die Verfügbarkeit von geeignetem
Habitat
und dessen Qualität,
und zu ihrer
Gefährdung
. Dazu ist ein effizientes und robustes Monitoring unerlässlich.
2.2.2 Berichtspflicht
Die wesentlichen Ergebnisse des Monitorings sind alle sechs Jahre an die Kommission zu
berichten (Art. 17 FFH-RL). Detaillierte Erklärungen zur Berichtspflicht haben wir den Begleit-
texten zur Richtlinie
Assessment, monitoring and reporting under Article 17 of the Habitats

10
Directive: Explanatory notes and guidelines for the period 2007-2012. Final Version 2011
und
DocHab-04-03/03 rev.3
entnommen.
Für die Bewertung des Erhaltungszustandes werden sogenannte geeignete Referenzwerte
(Favorable Reference Values, FRV) herangezogen. Um einschätzen zu können, ob das Ver-
breitungsgebiet und die Population ausreichend groß sind, um als „günstig“ eingestuft zu
werden, sollen die Mitgliedsstaaten Schwellenwerte dafür benennen. Diese Referenzwerte
sind ausschließlich wissenschaftlich zu begründen. Mit sich änderndem Erkenntnisstand
können auch die Schwellenwerte geändert werden.
Für Wolf, Luchs, Bär und Vielfraß haben L
INNELL et al. (2008) praktikable Definitionen für die
günstige Referenzpopulation (Favorable Reference Population, FRP) und das günstige Refe-
renzgebiet (Favorable Reference Range, FRR) entwickelt:
Günstige Referenzpopulation (FRP):
für den günstigen Erhaltungszustand erforderliche Po-
pulationsgröße, die das langfristige Überleben der Art gewährleistet (Angabe in selber Ein-
heit wie Populationsgröße). Eine FRP muss folgende Kriterien erfüllen:
1 Die Population muss mindestens so groß sein wie zu dem Zeitpunkt, als die Habi-
tatdirektive in Kraft trat UND
2 sie muss mindestens so groß (vorzugsweise deutlich größer) sein wie (als) die MVP
(Minimum Viable Population) nach den IUCN-Kriterien D (>1000 adulte Tiere) oder E
(Aussterbewahrscheinlichkeit <10 % innerhalb von 100 Jahren) UND
3 die Population ist Gegenstand ständigen robusten Monitorings.
Günstiges Referenzgebiet (FRR):
Verbreitungsgebiet, das von der Population benötigt wird,
um FCS zu erreichen (in km², möglichst mit GIS-Karte). Ein FRR muss folgende Kriterien
erfüllen:
1 Es muss größer sein als das Mindestareal zur Erhaltung der Referenzpopulation
(da innerhalb des FRR nicht alle Gebiete gleich gut geeignet sind),
2 eine zusammenhängende Verbreitung der Population sicherstellen,
3 eine Vernetzung mit anderen Populationen gewährleisten.
In den aktuellen Begleittexten zur Richtlinie wird die Bedeutung des Trends zur Einschätzung
des Erhaltungszustandes hervorgehoben. Das Monitoringsystem sollte daher eine robuste
Einschätzung des Trends gewährleisten.
Trend
ist die gerichtete Änderung eines Parameters
(z.B. Populationsgröße) über einen bestimmten Zeitraum. Das Erkennen von Trends kann
durch Fluktuationen oder Populationszyklen erschwert werden. Um solche zu erkennen, ist
eine höhere Frequenz der Datenaufnahme geeignet. Um eine höhere Samplingfrequenz in
den Trendaussagen zu gewährleisten, sollen sich die Trendangaben auf einen Zeitraum von
zwölf Jahren beziehen.
Das
Vorkommensgebiet
ist ein Teil des Verbreitungsgebietes und bezieht sich auf die Flä-
che, die tatsächlich von der Art besetzt ist. Es wird als besetzte 10 x 10 km Rasterzellen auf
einer Karte (ETRS LAEA 5210 10 km grid) dargestellt. Eine Möglichkeit, das Vor-
kommensgebiet zu messen, ist, die von der Art besetzten Rasterzellen aufzusummieren.
Das
Verbreitungsgebiet
(range) kann als ein Polygon aufgefasst werden, innerhalb dessen
die
tatsächlich
besetzten Gebiete liegen. Häufig kommt die Art jedoch nicht flächendeckend
in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet vor. Das Verbreitungsgebiet entsteht, indem die Lü-
cken zwischen den besetzten Rasterzellen (Vorkommensgebiet) aufgefüllt werden. Die

11
Grenzen der Verbreitung dürfen allerdings nicht so großzügig um die tatsächlichen Vorkom-
mensgebiete gezogen werden, dass etwaige Änderungen nicht mehr erkennbar sind. Die
Entscheidung, ob zwei benachbarte Vorkommensgebiete zu einem Verbreitungsgebiet zu-
sammengefasst oder getrennt dargestellt werden, sollte sich an den ökologischen Charakte-
ristika der jeweiligen Art orientieren. Für terrestrische Säugetiere wird eine Trenndistanz von
40 – 90 km empfohlen.
Derzeit gibt es noch keine EU-weite Einigung über die verwendete Einheit für die
Populati-
onsgröße
. Empfohlen wird, möglichst die Einheit „geschlechtsreife Individuen“ zu verwenden.
Informationen zur
Populationsstruktur und Genetik
werden nicht ausdrücklich für die Berichte
verlangt, allerdings wird für die Beurteilung des Erhaltungszustandes eine „gewisse Kennt-
nis“ der Populationsstruktur vorausgesetzt. Es wird darauf hingewiesen, dass fehlendes oder
sehr geringes Populationswachstum, unnatürlich hohe Mortalität oder das Fehlen von Nach-
wuchs ein Zeichen für eine ungünstige Populationsstruktur sein kann. Ebenfalls kann es
sinnvoll sein, auch die genetische Struktur einer Population bei der Einschätzung zu berück-
sichtigen.
Auf nationaler Ebene sind Verbreitungs- sowie Vorkommenskarten zu erstellen. Die Karten
basieren auf 10 x 10 km ETRS89 Rasterzellen, projeziert im Koordinatensystem ETRS-
LAEA5210 (Lambert Azimuthal Equal-Area Projektion 52°N 10°E). Für jede biogeografische
Region, in der die Art vorkommt, muss ein Bericht erstellt werden, der die folgenden Informa-
tionen enthält:
Verbreitungsgebiet (range) innerhalb der biogeographischen Region
o
Größe des Verbreitungsgebietes [km²]
o
Methode (Inventur oder statistisch robuste Schätzung / Extrapolation / Experten-
schätzung)
o
Kurzzeittrend Zeitraum (rollendes 12-Jahre Zeitfenster)
o
Kurzzeittrend Richtung (stabil / zunehmend / abnehmend / unbekannt)
o
Kurzzeittrend Ausmaß (optional)
o
Günstiges Verbreitungsgebiet (wenn möglich in km² mit GIS-Datei)
o
Gründe für Änderung im Vergleich zum vorherigen Berichtszeitraum
Population
o
Schätzung der Populationsgröße (Einheit, Minimum, Maximum)
o
Zeitraum (Jahr oder Periode der Erhebung)
o
Methode (Inventur oder statistisch robuste Schätzung / Extrapolation / Experten-
schätzung)
o
Kurzzeittrend Zeitraum (rollendes 12-Jahre Zeitfenster)
o
Kurzzeittrend Richtung (stabil / zunehmend / abnehmend / unbekannt)
o
Kurzzeittrend Ausmaß (optional) (Minimum, Maximum, Konfidenzinterval wenn vor-
handen)
o
Günstige Referenzpopulation
o
Gründe für Änderung im Vergleich zum vorherigen Berichtszeitraum

12
Habitat
o
Schätzung der vorhandenen Habitatfläche [km²]
o
Zeitraum (Jahr oder Periode der Erhebung)
o
Methode (Inventur oder statistisch robuste Schätzung / Extrapolation / Experten-
schätzung)
o
Habitatqualität (gut / moderat / schlecht / unbekannt)
o
Kurzzeittrend Zeitraum (rollendes 12-Jahre Zeitfenster)
o
Kurzzeittrend Richtung (stabil / zunehmend / abnehmend / unbekannt)
o
Schätzung der vorhandenen Fläche des für die Art geeigneten Habitats [km²] (Fläche,
die geeignet erscheint, auch wenn sie noch nicht von der Art besiedelt ist)
o
Gründe für Änderung im Vergleich zum vorherigen Berichtszeitraum
Aktuelle Hauptgefährdungsursachen (anhand der unter
http://biodiversity.eionet.europa.eu/article17/reference_portal
verfügbaren Liste)
Zukünftige Hauptgefährdungsursachen (anhand der unter
http://biodiversity.eionet.europa.eu/article17/reference_portal
verfügbaren Liste)
Zusatzinformation
Hier können zum Beispiel Informationen gegeben werden, wenn zwei Mitgliedsstaaten eine
gemeinsame Einschätzung des Erhaltungszustandes vorgenommen haben. In diesem Fall
sollte die Art und Weise, wie die Einschätzung durchgeführt wurde, erläutert werden, ebenso
wie ein gemeinsames Management der Art (z.B. durch Populationsmanagementpläne) sicher
gestellt wird.
Schlussfolgerungen
Abschließend wird der Erhaltungszustand
der Art in der biogeografischen Region zum Ende
des Berichtszeitraums eingeschätzt (nach Anhang C,
notes & guidelines – Reporting under
Article 17
)
2.2.2.1 Räumliche Ebene
Die biogeografische Region ist die räumliche Ebene für die Einschätzung des FCS nach der
FFH-Richtlinie und deshalb auch die räumliche Einheit für den Bericht. Da der Gegenstand
jeder Schutzplanung die gesamte biologische Einheit, also die Population sein sollte, emp-
fehlen die Leitlinien eine Einschätzung auf Populationsebene. Dies ist im Einklang mit der
Feststellung der Richtlinie, dass Populationen als solche und unabhängig von politischen
Grenzen betrachtet werden sollten. Bei grenzüberschreitenden Populationen sollten die Mit-
gliedstaaten eine gemeinsame Einschätzung vornehmen, jedoch getrennt berichten (DocHab
04-03/03-rev.3).

13
2.2.2.2 Resümee für das Monitoring
Nach Art. 17 der Direktive soll alle sechs Jahre berichtet werden. Das Monitoring muss aber
kontinuierlich und systematisch erfolgen, wenn man ein klares Bild vom Erhaltungszustand
und von etwaigen Trends gewinnen will.
Der Schlussbericht an die Kommission muss vergleichbar und kompatibel mit Berichten an-
derer Staaten sein, um eine Analyse auf EU-Ebene zu ermöglichen. Dies erfordert eine
Standardisierung des Monitorings und der Interpretation der Ergebnisse, sowohl national als
auch international.
2.3
Gegenwärtiges Monitoring von Wolf und Luchs in Deutschland
Die Bundesrepublik ist durch Art. 11 der FFH-Richtlinie zur Überwachung des Erhaltungszu-
standes der Schutzgüter und somit zum Aufbau eines Monitoringsystems verpflichtet. Da der
Naturschutz und damit auch die Umsetzung der FFH-Richtlinie in Deutschland weitgehend in
die Zuständigkeit der Bundesländer fallen, obliegt diesen grundsätzlich die Umsetzung der
entsprechenden Vorgabe. Gegenüber der EU liegen die Berichtspflichten allerdings bei der
Bundesrepublik Deutschland. Da die Erhaltungszustände der Arten und Lebensraumtypen
auf der Ebene der biogeografischen Regionen innerhalb eines Mitgliedsstaates bewertet
werden sollen, müssen die Länder die Inhalte und Methoden des Monitorings untereinander
abstimmen.
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN), welches das FFH-Monitoring für die Bundesrepublik
Deutschland koordiniert, hat 2009 länderübergreifend abgestimmte Standards für das Moni-
toring von Wolf, Luchs und Bär in Deutschland veröffentlicht. Die zur Ermittlung des Vor-
kommensgebietes und der Populationsgröße herangezogenen Daten werden seit 2009 jähr-
lich auf einem Treffen der mit dem Wolf- und Luchsmonitoring beauftragten Personen der
einzelnen Länder vorgestellt und evaluiert. Ergebnis dieser jährlichen Treffen sind national
abgestimmte Vorkommenskarten der beiden Arten (Abb. 4) sowie eine Einschätzung der
Mindestpopulationsgröße, jeweils rückwirkend für das vorangegangene Monitoringjahr. Die-
se Ergebnisse bilden die Grundlage für den nationalen Bericht des Bundesamtes für Natur-
schutz.
Für den Wolf werden Totfunddaten und aktuelle Neuetablierungen von Wolfsrudeln und Paa-
ren durch LUPUS (Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland) kontinuierlich
gesammelt und auf Anfrage den Bundes- und Länderbehörden zur Verfügung gestellt, so
dass auch zwischen den jährlichen Treffen Auskunft zum aktuell bestätigten Wolfsbestand
gegeben werden kann.
Über die Monitoringstandards und die jährlichen Treffen hinaus gibt es derzeit kaum eine
Koordination des Monitorings von Wolf und Luchs zwischen den Ländern, oft nicht einmal
innerhalb eines Landes, wenn mehrere Arten gleichzeitig vorkommen. Weil die Arten unter-
schiedlichen Rechtskreisen unterliegen (Luchs: Naturschutzrecht und Jagdrecht, Wolf in
Sachsen: Naturschutz- und Jagdrecht, Bär und Wolf in den übrigen 15 Ländern: nur Natur-
schutzrecht), sind manchmal verschiedene Behörden zuständig. Die daraus resultierende
mangelnde Abstimmung erschwert noch ein koordiniertes Monitoring auf allen Ebenen so-
wohl innerhalb eines Landes als auch über Ländergrenzen und über Staatsgrenzen hinweg.
Die Beauftragung von Institutionen oder Einzelpersonen für das Monitoring ist Sache der
Länder. Entsprechend unterscheiden sich die Monitoringstrukturen sowie der Aufwand und
die dafür zur Verfügung gestellten Mittel von Land zu Land erheblich. In der Regel werden

image
14
die Daten auf Länderebene gesammelt und ausgewertet. Einige Länder haben inzwischen
jedoch Strukturen geschaffen, welche die Nutzung der Fachexpertise erfahrener Personen
länderübergreifend sicherstellt. In anderen Ländern sind ein oder zwei Experten mit dem
Monitoring beauftragt, die neben ihrer eigenen Feldarbeit auch jene von geschulten Perso-
nen koordinieren. In anderen Fällen werden die Daten hauptsächlich von geschulten Perso-
nen gesammelt, die nur wenig koordiniert und angeleitet werden.
Abb. 4: Das bestätigte Vorkommensgebiet von Luchs und Wolf in Deutschland im Monitoringjahr
2013 / 2014 – im Moment besteht noch keine Überschneidung des Luchs- und Wolfsvorkommens.
Die Daten stammen vom jährlichen Treffen der mit dem Monitoring beauftragten Personen der ein-
zelnen Länder.

15
3.
Monitoring – Grundlagen, Überlegungen
3.1
Begriffsbestimmung und Ziele
Der Begriff Monitoring wird häufig als Zählung oder Datenaufnahme missverstanden. Nach
H
ELLAWELL (1991, zit. in BREITENMOSER et al. 2006) ist Monitoring „eine reguläre, struktu-
rierte Überwachung, um sicherzustellen, dass eine bestimmte Maßnahme zum Ziel führt“.
Anzufügen ist, dass Monitoring stets über einen langen Zeitraum läuft. Zielorientiertheit und
Langfristigkeit sind die zwei wichtigsten Merkmale des Monitorings.
Beim Monitoring werden also Ergebnisse laufend mit dem gesteckten Ziel verglichen. Daher
muss, bevor ein Monitoring konzipiert wird, das Ziel definiert sein. Zweitens muss die Genau-
igkeit bekannt sein, die nötig ist, um das Erreichen des Monitoringziels einschätzen zu kön-
nen.
Beides zusammen entscheidet über die Methoden des Monitorings. Analyse und Inter-
pretation der Ergebnisse im Vergleich mit dem angestrebten Ziel entscheiden darüber, wie
weit die Maßnahmen angepasst werden müssen (L
INNELL et al. 1998, BREITENMOSER et al.
2006).
Das Ziel nach der Habitatdirektive ist es, einen günstigen Erhaltungszustand zu erreichen
und beizubehalten. Die genannten Populationsparameter wie Größe, Trend, Vorkommens-
gebiet, Verbreitungsgebiet, verfügbares Habitat etc. erlauben es, dies zu beurteilen (Kapitel
2.2).
Das Monitoring von Wolf- und Luchspopulation erfordert nicht, jedem einzelnen Luchs oder
Wolf nachzugehen. Dennoch gibt es manchmal Gründe, auch einem Einzeltier besonderes
Augenmerk zu widmen (Schäden, „Problemtiere“, öffentliches Interesse etc.).
3.2
Monitoringmethoden für Wolf, Luchs und Bär
Beim Monitoring wird zwischen passivem und aktivem Vorgehen unterschieden (BREITENMO-
SER
et al. 2006).
Passives Monitoring
erfordert kaum eigene Feldarbeit, sondern besteht im
Sammeln, Auswerten und Analysieren von Informationen, die zufällig anfallen, z. B. das Auf-
finden toter Tiere, Berichte über Schäden oder direkte Beobachtungen, bei bejagten Popula-
tionen auch Abschussdaten. Bei der Interpretation dieser Daten ist Vorsicht geboten, da die
Daten zufällig und nicht systematisch erhoben werden.
Manche Mortalitätsursachen sind leichter zu entdecken (z. B. Verkehrsverluste) als andere
(illegale Abschüsse, Krankheiten). Passives Monitoring liefert auch nicht notwendigerweise
die erforderliche Information für alle Fragen, beispielsweise hängt die Anzahl der Schadens-
fälle nicht unbedingt mit der Zahl von Wolf, Luchs und Bär zusammen, sondern eher mit der
Art der Viehhaltung (K
ACZENSKY 1996). Auch kann das untypische Verhalten eines einzelnen
Tieres das Bild verfälschen (L
INNELL et al. 1998).
Aktives Monitoring
ist das gezielte, systematische Sammeln von Daten für das Ziel des Moni-
toringprogramms (Breitenmoser et al. 2006). Dies schließt Feldarbeit und spezielle Untersu-
chungen oder Habitatanalysen ein. Die Daten werden gezielt und systematisch erhoben, um
systematische Abweichungen zu vermeiden. Mit den Ergebnissen können die anstehenden
Fragen unmittelbar beantwortet werden (B
REITENMOSER et al. 2006).
Welche Methoden gewählt werden, hängt von der Fragestellung, der erforderlichen Genau-
igkeit und den vorhandenen Ressourcen ab, darüber hinaus von den Umweltbedingungen,

16
der Tierart und der Größe und Verbreitung der Population. Es gibt keine artspezifische Me-
thode, die überall in Europa angewandt werden könnte, und auch keine, die alle Fragen be-
antworten kann, sondern es müssen jeweils die besten Methoden unter den gegebenen Um-
ständen gefunden werden. In den meisten Fällen wird dies eine Kombination von Methoden
sein. Einen Überblick dazu vermittelt die Tabelle 2.
Tab. 2: Monitoringmethoden für Wolf, Luchs und Bär in Europa (Quelle: LINNELL et al. 2008,
K
ACZENSKY et al. 2009, verändert.)
Art Methode
Länder, die diese Methode verwenden
Wolf
Systematisches Abspüren bei
Schnee
Schweden, Norwegen, Finnland, Frankreich,
Polen, Italien (Alpen), Litauen, Estland, Lettland
Genetische Analysen
Schweden, Norwegen, Finnland, Polen, Italien
(Alpen), Frankreich, Slowenien, Schweiz,
Deutschland
Heulanimationen
Frankreich, Polen, Italien (Alpen), Spanien
Sammeln von Anwesenheits-
hinweisen
Frankreich, Polen, Italien (Alpen), Schweiz,
Deutschland
Telemetrie
Schweden, Norwegen, Finnland, Slowenien,
Deutschland
Analysen von Abschussdaten
Lettland, Estland
Autopsie toter Tiere
Fast alle Länder
Luchs
Systematisches Abspüren bei
Schnee
Schweden, Norwegen, Finnland, Frankreich,
Polen, Estland, Litauen
Abspüren von Luchs-Familien bei
Schnee
Norwegen, Schweden
Sammeln von Anwesenheits-
hinweisen
Frankreich, Polen, Schweiz, Deutschland
Haarfallen (Genetik)
Polen, Frankreich
Fotofallen
Schweiz, Deutschland, Tschechien, Österreich
Analysen von Abschussdaten
Lettland, Estland, Norwegen
Autopsie toter Tiere
Fast alle Länder
Bär
Genetik Schweden, Spanien, Norwegen, Kroatien, Slo-
wenien, Italien, Österreich
Beobachtungen von Bärinnen mit
Jungtieren
Spanien, Norwegen, Schweden, Estland, Grie-
chenland
Autopsie toter Tiere
Fast alle Länder
Sammeln von Anwesenheits-
hinweisen
Österreich, Griechenland

17
3.3 Empfohlene Monitoringmethoden für Deutschland
Abspüren bei Schnee
ist die gängigste Methode für das Monitoring von Luchs und Wolf. Die
klimatischen Bedingungen für einen systematischen Einsatz dieser Methode herrschen in
Deutschland jedoch, wenn überhaupt, nur in den Gebirgen. Im Flachland reicht die Schnee-
decke hierfür nicht aus. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, sollte Abspüren im Schnee
jedoch genutzt werden, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln (Anwesenheits-
bestätigung, Reproduktion, Rudelgröße, markierende Individuen u. a.).
Genetische Untersuchungen
sind heute aus dem Monitoring von Wolf und Bär nicht mehr
wegzudenken. Das erforderliche Material (z.B. Kot, Haare, Speichelproben an Rissen) kann
unabhängig von der Jahreszeit gesammelt werden. Schnee eignet sich besonders, um Pro-
ben markierender Individuen (Urin, beim Wolf auch Oestrusblut) zu sammeln. Genetische
Analysen sollten ein fester Bestandteil des Monitorings in Deutschland sein.
Das
Suchen nach Hinweisen
auf die Anwesenheit von Wolf, Luchs und Bär, wie Spuren, Kot,
Markierungszeichen und Risse, ist die am häufigsten angewandte Monitoringmethode für
diese Tierarten (L
INNELL et al. 1998). Sie kann unabhängig von der Jahreszeit und von Um-
weltbedingungen angewendet werden und sollte besonders für Wolf und Bär genutzt wer-
den. Die erhobenen Daten liefern die Grundlage für Verbreitungskarten.
Systematische Heulanimationen
werden in vielen Ländern im Sommer durchgeführt, um Re-
produktion bei Wölfen nachzuweisen. Bisher wurde diese Methode in Deutschland mit gerin-
gem Erfolg angewandt. Allerdings ist die Antwortrate bei Heulanimationen generell gering.
Inzwischen haben sich andere Methoden (Kamerafallen, Genetik) zum Nachweis von Re-
produktion bei Wölfen bewährt. Im Einzelfall kann die Anwendung von Heulanimationen je-
doch sinnvoll sein.
Beim Luchs werden in der Schweiz, und seit 2008 auch in Bayern, mit systematischem
Ka-
merafallenmonitoring
gute Ergebnisse zur Schätzung der Populationsgröße erzielt. Auf
Grund der individuellen Unterscheidbarkeit der Luchse anhand des Fleckenmusters können
die Fotos nach einer statistischen Fang-Wiederfang-Methode analysiert werden. Außerdem
liefert der opportunistische Einsatz von Fotofallen Daten zum Minimalbestand, zur Raumnut-
zung und zum Dispersal von Jungtieren (W
ÖLFL 2012). Diese viel versprechende Methode
sollte für das Luchsmonitoring in Deutschland die Regel werden.
In Deutschland hat sich das Kamerafallenmonitoring in den letzten Jahren auch beim Wolf
bewährt. Mit Hilfe dieser Methode werden inzwischen die meisten Reproduktionsnachweise
erbracht. Außerdem liefert sie Daten zur Mindestrudelgröße, zur Abgrenzung benachbarter
Territorien und zum Vorkommensgebiet.
Telemetrie
ist eine wildbiologische Feldmethode, aber keine Monitoringmethode an sich. Sie
liefert detaillierte Informationen zu Streifgebiets- und Territoriengrößen, zur Nutzung des Ha-
bitats oder zur Mortalität, die mit anderen Methoden kaum gewonnen werden können. Daher
werden Telemetriestudien häufig dazu verwendet, die Ergebnisse des Monitorings zu kalib-
rieren (B
REITENMOSER et al. 2006). Zum Beispiel lassen sich ohne Kenntnisse über die Terri-
toriumsgrößen in einem bestimmten Gebiet, benachbarte Individuen oder Familiengruppen
nur schwer voneinander unterscheiden. Telemetrie ergibt sehr genaue Daten, ist aber auf
ausgewählte Flächen bzw. wenige Tiere begrenzt (B
REITENMOSER et al. 2006). Da die von
einzelnen Individuen gewonnenen Daten stark variieren können (R
EINHARDT UND KLUTH
2011), ist für eine Kalibrierung eine ausreichende Stichprobengröße erforderlich. Bei Wie-

18
deransiedlungs- oder Translokationsaktionen ist Telemetrie unverzichtbar, um Erfolg oder
Misserfolg zu dokumentieren.
Von der Öffentlichkeit gemeldete
Zufallshinweise
, tot aufgefundene Tiere sowie gerissene
Nutztiere sollten ebenfalls in standardisierter Form gesammelt werden.
3.4 Stratifiziertes Monitoring
Wölfe, Luchse und Bären sind stets selten und bewegen sich über große Räume. Sie kön-
nen daher nur ausnahmsweise über ihr gesamtes besetztes und möglicherweise zukünftiges
Verbreitungsgebiet hinweg mit gleicher Intensität überwacht werden, besonders wenn ihre
Populationen expandieren. Deshalb praktizieren manche Länder ein
stratifiziertes Monitoring
(Details siehe B
REITENMOSER et al. 2006). Die Intensität des Monitorings variiert dabei je
nach räumlicher und zeitlicher Ebene. Während auf einer großen Langzeit-Skala generelle
Fragen wie Vorkommen, Trend in Verbreitung und Populationsgröße im Vordergrund stehen,
werden auf kleinerer Skala (z. B. in Referenzgebieten über einen begrenzten Zeitraum) de-
taillierte Informationen erhoben, wie Territoriums- und Rudelgröße (um die Dichte einzu-
schätzen), Habitatnutzung oder Daten zur Reproduktion.
Präzise Daten, die in relativ kleinen Gebieten gewonnen wurden, sind nützlich, um Ergeb-
nisse aus extensiven Monitoringaktionen zu kalibrieren und zuverlässig zu interpretieren
(B
REITENMOSER et al. 2006).
Wichtige Voraussetzung für einen stratifizierten Monitoringansatz in Deutschland ist eine
länderübergreifende Koordination des Monitorings.

19
4.
Standards für ein Monitoring von Wolf, Luchs und
Bär in Deutschland
Es wird heute allgemein empfohlen (LINNELL et al. 2008) und ist vielerorts bereits Standard,
Hinweise von Wolf, Luchs und Bär nach ihrer Überprüfbarkeit in Nachweise (C1), bestätigte
Hinweise (C2) und unbestätigte Hinweise (C3) einzuteilen. Diese Kriterien wurden im Rah-
men von SCALP entwickelt. SCALP (
S
tatus and
C
onservation of the
A
lpine
L
ynx
P
opulation,
Molinari-Jobin et al. 2003, Molinari-Jobin et al. 2012) ist ein Zusammenschluss von Luchsex-
perten der Alpenländer zum Monitoring und Schutz des Luchses
(www.kora.ch).
Ein Ziel von
SCALP ist es, die länderübergreifende Vergleichbarkeit von Monitoringdaten zu gewährleis-
ten, wozu diese standardisierten Kriterien für die Interpretation von Monitoringdaten für den
Luchs entwickelt wurden.
4.1 Eine explizite und praktikable Definition der SCALP-Kriterien für
deutsche Verhältnisse
Nachfolgend definieren wir die für ein standardisiertes Monitoring von Wolf, Luchs und Bär in
Deutschland erforderlichen SCALP-Kriterien. Sie basieren auf den originalen SCALP-
Kriterien, wurden jedoch an die Situation in Deutschland angepasst und für Wolf und Bär auf
zwei weitere Arten erweitert.
Einige Vorbedingungen sind festzuhalten:
Für die Evaluierung der Felddaten ist mindestens eine erfahrene Person verfügbar.
Als erfahren gilt, wer ausgiebige Felderfahrung mit der in Frage kommenden Tierart hat
(siehe 4.1.2).
Alle Beobachtungen sind auf ihre Echtheit (mit anderen Worten auf gezielte Täuschung)
zu überprüfen.
Der Buchstabe C steht für Category. Die Ziffern 1, 2 und 3 sagen nichts über die fachliche
Qualifikation des Beobachters aus, sondern nur über die Überprüfbarkeit des Hinweises und
die entsprechende Zuordnung in die jeweilige Kategorie.
C1: eindeutiger Nachweis =
harte Fakten, die die Anwesenheit der entsprechenden Tierart
eindeutig bestätigen (Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis, Foto, Telemetrieortung).
C2: bestätigter Hinweis =
von erfahrener Person überprüfter Hinweis (z.B. Spur oder Riss),
bei dem ein Wolf, Luchs oder Bär als Verursacher bestätigt werden konnte. Die erfahrene
Person kann den Hinweis selber im Feld oder anhand einer aussagekräftigen Dokumentation
von einer dritten Person überprüfen und bestätigen.
C3: unbestätigter Hinweis =
Alle Hinweise, bei denen ein Wolf, Luchs oder Bär als Verur-
sacher auf Grund der mangelnden Indizienlage von einer erfahrenen Person weder bestätigt
noch ausgeschlossen werden konnte. Dazu zählen alle Sichtbeobachtungen ohne Fotobe-
leg, auch von erfahrenen Personen; ferner alle Hinweise, die zu alt, unzureichend oder un-
vollständig dokumentiert sind, die zu wenige Informationen für ein klares Bild (z.B. bei Spu-
ren) aufweisen oder aus anderen Gründen für eine Bestätigung nicht ausreichen. Die Kate-
gorie C3 kann in Unterkategorien, wie „wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“ unterteilt
werden.

20
Falsch: Falschmeldung =
Hinweis, bei der die entsprechende Tierart ausgeschlossen wer-
den kann.
k.B.: keine Bewertung möglich =
Hinweise, zu denen auf Grund fehlender Mindestinforma-
tionen keine Einschätzung möglich ist. Zum Beispiel Sichtmeldungen von Rissen oder Spu-
ren.
4.1.1 Artspezifische Besonderheiten
Der Braunbär ist der einzige Vertreter der Bärenfamilie und der Luchs die einzige größere
Katzenart in Deutschland. Deshalb sind indirekte Hinweise auf diese beiden Arten (Spuren u.
a.) in der Regel einfacher zuzuordnen. Beim Wolf ist dies komplizierter wegen der Ver-
wechslungsgefahr mit den Hinweisen auf ähnlich große Hunde. Daher sind bei Wolfshinwei-
sen strengere Maßstäbe anzulegen als bei Bär und Luchs.
Braunbär:
Spuren, Kot und sogar Haare von Bären sind relativ leicht zu erkennen. Dagegen
sind Risse dem Bären oft schwer zuzuordnen, weil das Rissbild stark variieren kann.
Luchs:
Spuren und Risse vom Luchs sind relativ leicht als solche zu identifizieren. Schwie-
riger ist dies mit Kot, Urinmarkierungen und Haaren. Sie können daher für sich allein nicht
als C2-Hinweis gewertet werden.
Wolf:
Wolfshinweise sind generell schwierig von Hundehinweisen zu unterscheiden. Spuren,
Kot und Risse können besonders leicht mit denen von Hunden verwechselt werden, so dass
besondere Vorsicht geboten ist. Zur Feststellung von Wolfspräsenz ist daher eine höhere
Anzahl von C2-Hinweisen erforderlich als bei Luchs und Bär (siehe Kapitel 4.2.2).
4.1.2 Kriterien für eine erfahrene Person
Eine Person gilt als erfahren, wenn sie bereits ausgiebig mit dem Sammeln von Felddaten
der jeweiligen Tierart beschäftigt war, so dass sie Routine im Erkennen und Interpretieren
von Hinweisen dieser Art hat. Sie muss also über längere Zeit an Feldarbeit im Rahmen na-
tional oder international anerkannter Wolf-, Luchs- oder Bären-Projekte teilgenommen ha-
ben. Sie muss mit der Biologie der jeweiligen Tierart und ihrer Beutetiere (Wild- und Nutztie-
re) vertraut sein. Um die Routine im Erkennen und Einordnen von Hinweisen dieser Tierart
aufrecht zu erhalten, muss diese Person Gelegenheit haben, Hinweise regelmäßig zu sehen
und ihren Blick ständig zu trainieren. Von großer Bedeutung ist dabei der häufige Erfah-
rungsaustausch mit anderen Personen, die im Monitoring der gleichen Tierart tätig sind.
4.2
Analyse und Interpretation der Daten
Im folgenden Kapitel skizzieren wir, wie Monitoringdaten analysiert und die Ergebnisse inter-
pretiert werden sollten, um den Monitoringanforderungen der Habitatdirektive gerecht zu
werden und Fragen der zuständigen Behörden zu Monitoringergebnissen, Management und
Schutzanforderungen zu beantworten.
4.2.1 Räumliche Analyse – Vorkommen und Verbreitungsgebiet
Mit den Begriffen Vorkommen und Verbreitungsgebiet wird der räumliche Zustand einer Po-
pulation beschrieben.

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image
21
Vorkommen
ist das Gebiet, das tatsächlich von der Art besiedelt ist. Es wird durch die be-
setzten Rasterzellen von 10 * 10 km Größe beschrieben. Als besetzt gilt eine Rasterzelle bei
einem C1-Nachweis. Liegt ein solcher nicht vor, so sind für Luchs und Bär zwei, beim Wolf
mindestens drei C2- Hinweise erforderlich. Die C2-Hinweise zum Besetzen von Rasterzellen
müssen voneinander unabhängig sein. Zellen nur mit C3-Hinweisen gelten nicht als besetzt
(Abb. 5, 6 und 7).
Telemetriedaten nicht residenter Wölfe und Luchse belegen dann Rasterzellen, wenn das
Tier sich noch im unmittelbaren Umkreis des Elternterritoriums aufhält. Die während der Ab-
wanderung durchwanderten Rasterzellen zählen nicht für das jährlich erhobene Vorkom-
mensgebiet und das permanente Verbreitungsgebiet.
Abb. 5: Beispiele für die Festlegung des Vorkommens pro Rasterzelle (grün = Vorkommen bestätigt =
besetzte Zelle). Links oben: ein C1 reicht für eine besetzte Zelle. Links unten: mindestens zwei C2
ergeben eine besetzte Zelle für Luchs und Bär (beim Wolf sind 3 C2 notwendig). Rechts: eine C2
und / oder beliebig viele C3 reichen nicht aus, um ein Vorkommen zu bestätigen. Die Zellen bleiben
unbesetzt.
Abb. 6: Beispiel für die Schätzung des Vorkommens (grün). Für eine besetzte (grüne) Zelle liegen
mind. ein C1-Nachweis oder zwei C2-Hinweise für Luchs und Bär bzw. mind. drei C2-Hinweise für
Wolf vor. Links: geschlossenes Vorkommen mit möglicher Ausdehnung nach Westen. Die Ausdeh-
nung ist spekulativ, da noch keine C1 und zu wenige C2-Hinweise vorliegen. Rechts: Vorkommen
mit Lücken. Diese können durch Lücken im tatsächlichen Vorkommen gegeben sein oder durch un-
genügenden Monitoringaufwand.

image
22
Das Vorkommen wird jährlich (Monitoringjahr: Mai bis April des Folgejahres) bestimmt. Der
Trend wird durch eine lineare Regression über alle Daten geschätzt (zeitliche Änderung der
Anzahl besetzter Zellen).
Abb. 7: Links: Wahrscheinlich das Vorkommen eines Einzeltieres. Rechts: Mögliche Präsenz einer Art
ohne Datengrundlage. Es besteht Klärungsbedarf. Möglich sind (1) mangelhaftes Monitoring (z. B.
unerfahrenes Personal) oder (2) “Enthusiasten”, die die Präsenz einer Art lediglich vermuten.
Verbreitungsgebiet
ist das gesamte Gebiet, in dem die Art am Ende der sechsjährigen Be-
richtsperiode vorkommt. Es wird durch die äußere Umgrenzung der besetzen Zellen gebildet,
ist also das Minimum-Konvex-Polygon des Vorkommensgebietes. Wenn fünf oder mehr an-
einander grenzende Zellen ohne Vorkommen sind, wird das Verbreitungsgebiet in mehreren
Teilgebieten dargestellt.
Das Verbreitungsgebiet wird nur alle sechs Jahre, im Berichtsjahr, geschätzt. Dafür wird das
Vorkommensgebiet der letzten beiden Monitoringjahre akkumuliert. Das Verbreitungsgebiet
ergibt sich aus dem Minimum-Konvex-Polygon um das akkumulierte Vorkommensgebiet der
letzten beiden Berichtsjahre (Abb. 8). Dort wo mindestens fünf Rasterzellen (50 km) unbe-
setzt bleiben, wird das Verbreitungsgebiet in mehrere Teilflächen unterteilt (Abb. 9 und 10).
Rasterzellen, die außerhalb des bekannten Vorkommens residenter Tiere, z.B. durch Tot-
funde oder abwandernde Tiere besetzt wurden, gehen nicht in das Verbreitungsgebiet ein.
Der Trend wird beschrieben durch die Differenz oder den Quotienten der Verbreitungsge-
bietsgröße im Jahr 0 und Jahr 12 (Jahr 12 ist das letzte Jahr des aktuellen Berichtszeitrau-
mes). Das Ausmaß des Trends ist die Änderung über die betrachtete Zeitperiode, z.B. die
Zunahme des Verbreitungsgebiets um 1200 km² in 12 Jahren oder 100 km² / Jahr.
Das Verbreitungsgebiet und sein Trend sind keine guten Indices, um den Trend der räum-
lichen Ausdehnung einer Population im Vergleich zu ihrem Vorkommen zu beschreiben.
Abb. 9 und Abb. 10 zeigen sehr verschiedene Verbreitungsgebiete, während die beiden Vor-
kommen ähnlich sind. Wir raten deshalb für Wolf, Luchs und Bär dazu, das Vorkommen (und
dessen Trend) zu benutzen, um die räumliche Ausdehnung einer Population zu beschreiben.

image
image
image
23
Abb. 8: Beispiel zur Schätzung der Verbreitung (rote Linie). Die Abbildung rechts zeigt keine besetzten
Zellen und deshalb keine Verbreitung.
Abb. 9: Zwei Teilgebiete, die durch weniger als fünf Zellen voneinander getrennt sind, ergeben ein
Verbreitungsgebiet.
Abb. 10: Zwei Teilgebiete, die durch fünf oder mehr Zellen voneinander getrennt sind, ergeben zwei
Verbreitungsgebiete.
Hier wird die Ermittlung des permanenten Verbreitungsgebietes einer Art beschrieben. Das
sporadische Verbreitungsgebiet würde alle in einem bestimmten Zeitraum einmal besetzten
Rasterzellen enthalten, selbst dann, wenn diese deutlich außerhalb der von residenten Tie-
ren genutzten Gebiete liegen. Die von abwandernden Tieren durchwanderten Rasterzellen
(Telemetrie, Totfunde, Fotos außerhalb des bestätigten Vorkommens) fließen hier mit ein.
L
INNELL et al. (2008) raten dazu, das permanente von dem sporadischen Verbreitungsgebiet
zu unterscheiden sowie innerhalb des permanenten Gebietes Areale mit von solchen ohne
Reproduktion abzugrenzen.

24
Sporadische Verbreitungsgebiete können Hinweise zu Ausbreitungstendenzen einer Art lie-
fern. Die klare Kennzeichnung von Reproduktionsgebieten und solchen ohne Reproduktion
kann Hinweise auf eventuelle Beeinträchtigungen in letzteren liefern.
Für Deutschland schlagen wir vor, die Rasterzellen mit Reproduktionsnachweis auf den jähr-
lichen Karten zu kennzeichnen (jeweils die Rasterzelle, in der eine Reproduktion im betref-
fenden Monitoringjahr das erste Mal nachgewiesen wurde). Die Unterscheidung in perma-
nentes und sporadisches Vorkommensgebiet sollte jeweils im Berichtsjahr erfolgen.
4.2.2 Demographische Analyse – Populationsgröße
Wegen der unterschiedlichen Lebensweise von Wolf, Luchs und Bär und der daraus resultie-
renden Datenverfügbarkeit erfordert die Schätzung der Populationsgröße artenspezifische
Methoden. Beispielsweise setzen Bären Kot während des Laufens ab, Wölfe platzieren ihn
sogar exponiert, Luchse dagegen verdecken ihn meist. Für genetische Analysen lässt sich
also Kot von Bär und Wolf recht leicht gewinnen, nicht aber vom Luchs. Bei Haaren – eine
weitere Quelle für genetische Analysen – ist es ganz anders. Bären lassen Haare an Sta-
cheldraht, mit dem man eine beköderte Lockstelle umgibt. Wölfe hingegen lassen sich kaum
so anlocken, dass regelmäßig Haare für eine genetische Untersuchung anfallen. Luchse
können an häufig begangenen Wechseln zwar an Duftmarkierstellen gelockt werden, jedoch
ist dies sehr zeit- und arbeitsaufwendig. Effizienter sind Fotofallen, weil sich Luchse meist
anhand ihres Fleckenmusters individuell unterscheiden lassen.
Wegen dieser Unterschiede geben wir für jede der drei Tierarten spezifische Hinweise zum
Einschätzen der Populationsgröße. Diese sollte jedes Jahr geschätzt werden. Der Trend ist
die lineare Regression der Größe über alle Jahre.
Zu beachten ist, dass kein enger Zusammenhang zwischen Populationsgröße und Vor-
kommen oder Verbreitungsgebiet besteht.
Die Populationsgröße ist der wichtigste Parameter, um den Zustand einer Population anzu-
geben. Deshalb ist es sinnvoll, das Monitoring darauf zu fokussieren. Es besteht jedoch eine
Wechselwirkung zwischen Methode und Populationsgröße. Manche Methoden sind gut ge-
eignet für kleine Populationen, wieder andere für größere. Dort ist ein
stratifiziertes Monito-
ring
zu empfehlen.
Im Folgenden konzentrieren wir unsere Empfehlungen auf die gegenwärtigen Populations-
größen, erörtern aber auch Vorschläge, wie bei größeren Populationen verfahren werden
sollte.
Bär
Bei kleinen und mittelgroßen Populationen (< 50 – 100 Tiere) ist das Mittel der Wahl die
ge-
netische Analyse
von Kot- und Haarproben. So kommt man zu einer Mindestgröße der Po-
pulation, denn nicht von allen Tieren wird jedes Jahr eine Probe gefunden.
Das genetische Monitoring wird ergänzt durch konventionelle Methoden wie Abspüren oder
das opportunistische Sammeln von Hinweisen. Es wird versucht, so viele genetische Proben
wie möglich zu sammeln, die dann jährlich im Labor analysiert werden. So entsteht eine Ta-
belle von Tieren pro Jahr, die bestätigt werden konnten (Abb. 11).

image
25
Abb. 11: Ergebnisse des genetischen Monitorings von Bären in den nördlichen Kalkalpen Österreichs
seit 2000. In den meisten Jahren konnten die im Gebiet lebenden Bären genetisch nachgewiesen
werden. Es gibt aber auch Lücken, was die Bedeutung des zusätzlichen konventionellen Monitorings
unterstreicht.
Der erforderliche Aufwand, um alle Bären einer Population nachzuweisen, kann aus der Er-
folgsrate bei anderen Populationen geschätzt werden. In Österreich ist die Erfolgsrate bei
den Proben 30 – 40 % (d. h. nur etwa ein Drittel der Proben ist für eine genetische Analyse
brauchbar). Darüber hinaus werden bei einer zufälligen Sammlung von Proben auch viele
Individuen mehrfach in den Proben vertreten sein. Die Erfahrungen aus dem Bärenmonito-
ring in Österreich zeigen, dass etwa zehn intakte Proben pro Bär erforderlich sind, also etwa
30 Proben pro Bär (Abb. 12), um relativ sicher alle Individuen nachzuweisen. Für eine Popu-
lation von zehn Bären braucht man also 300 Proben, um ein robustes Minimum der Popula-
tionsgröße zu ermitteln.
Wenn jedes Individuum genetisch identifiziert ist, kann ein Stammbaum konstruiert werden.
Dies bedeutet eine große Menge zusätzlicher Informationen zu Populationszusammen-
setzung, Reproduktion, Gefährdung der genetischen Vielfalt u. a. m. (K
RUKENHAUSE et al.
2008). Wir empfehlen dringend, die Informationen über die genetischen Beziehungen der
Individuen stets auf neuestem Stand zu halten.
Ab einer Populationsgröße von ca. 50 Tieren können neben Minimumschätzungen auch sta-
tistische Schätzungen anhand von
Fang-Wiederfang-Analysen
der genetischen Daten zum
Einsatz kommen.
Bei sehr kleinen Populationen kann man die Individuen manchmal an der Größe ihrer Tritt-
siegel unterscheiden. In der Regel wird jedoch ein genetisches Monitoring zusammen mit
konventionellen Methoden das verlässlichste Ergebnis liefern.

26
Abb. 12: Die Erfolgsrate des genetischen Monitorings (Prozentanteil der genetisch festgestellten Bä-
ren) gegen das Verhältnis positiver Proben pro Bär vermittelt einen Eindruck des erforderlichen Auf-
wands. Blaue Punkte sind Daten einzelner Jahre (2000 – 2007), der rote Punkt ist der Mittelwert aus
allen Daten. Etwa zehn positive Proben pro Bär scheinen zu genügen.
Das Vorkommen von Bären in Deutschland wird in absehbarer Zeit auf den Alpenraum be-
grenzt bleiben und nur einen kleinen Teil der Alpenpopulation umfassen. Jedes Monito-
ringprogramm muss daher sinnvollerweise mit den benachbarten Alpenländern abgestimmt
werden.
Tab. 3: Parameter, empfohlene Methoden und erforderliche Genauigkeit zur Schätzung des Vorkom-
mensgebietes und der Populationsgröße von Bären.
Parameter
Methode
Genauigkeit und Umfang der
erforderlichen Daten
Vorkommensgebiet
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen
Ein C1 oder zwei C2-Hinweise per 10 x 10 km
Zelle und Jahr
Populationsgröße
Genetische Untersuchungen:
< 50 Tiere Minimumschät-
zung; ab ca. 50 Tiere Fang-
Wiederfangschätzung mög-
lich, Suche nach Anwesen-
heitshinweisen
Minimumschätzung beruht auf C1- oder C2-
Hinweisen
Reproduktion
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen, Abspüren bei
Schnee, Genetik, Fotofallen
Reproduktion muss durch C1 oder C2-
Hinweise bestätigt werden.
0
20
40
60
80
100
0
2
4
6
8
10
12
14
Proben/anwesendem Bär
P roze nts a tz de r ge ne tis c h
nachge w iesenen B ä re n

27
Wolf
Genaue Schätzungen der Populationsgröße von Wölfen lassen sich nur schwer erheben.
Wölfe leben in Familien (Rudeln), die in der Regel aus den Elterntieren und deren Nach-
wuchs bestehen. Die Anzahl der Rudel (Familien) ist nicht nur leichter zu ermitteln, sondern
für die Beurteilung des Erhaltungszustandes auch sinnvoller als die Gesamtzahl der Tiere.
Wir empfehlen daher, wie in Skandinavien mit
Populationsindices
wie Anzahl der Rudel und
der reviermarkierenden Paare zu arbeiten (W
ABAKKEN et al. 2007). Die LCIE empfiehlt eben-
falls die Populationsgröße in Rudeln statt in Individuenzahlen anzugeben. In Tabelle 4 sind
die Altersklassen und die räumlichen Einheiten, in denen Wölfe im Rahmen des nationalen
Monitorings erhoben werden, aufgelistet.
Für den FFH-Bericht ist die Populationsgröße in Anzahl geschlechtsreifer Individuen anzu-
geben. Da die Populationsgröße zum Ende des Monitoringjahres geschätzt wird, ist die Po-
pulationsgröße beim Wolf gleichbedeutend mit der Anzahl mindestens zweijähriger Individu-
en, die am 30. April noch leben. In der Regel bedeutet dies, die Anzahl der Rudel und Paare
mit zwei zu multiplizieren und die Anzahl geschlechtsreifer, residenter Wölfe zu addieren. Ist
im Einzelfall bekannt, dass mehr oder weniger als zwei geschlechtsreife Tiere in einem Ru-
del leben, bzw. ein Tier eines Paares erst im ersten Lebensjahr ist, sollte die Zahl entspre-
chend korrigiert werden. Für die Populationsgröße werden nur residente Tiere berücksichtigt,
keine Disperser oder Floater. Neben der Anzahl geschlechtsreifer Individuen sollte auch die
Anzahl bestätigter Reproduktionen jährlich erfasst werden.
Ehemalige Gehegetiere, die entkommen sind und deren Besitzer ihren Besitzanspruch auf-
gegeben haben, zählen ebenfalls für die Populationsgröße. Dies ist allerdings besonders zu
vermerken.
Tab. 4: Definitionen Wolf
Begriff Definition
Wolfsstatus:
Residenter Einzelwolf
Einzelner Wolf, der mindestens 6 Monate in einem Gebiet lebt.
Wolfspaar
Wolfsrüde und -fähe, die gemeinsam ihr Territorium markieren, aber (noch) keinen
Nachwuchs haben.
Rudel (Wolfsfamilie)
eine Gruppe von mehr als zwei Wölfen, die in einem Territorium leben
Reproduzierende
Wolfsfamilie
besteht aus mindestens einem geschlechtsreifen Wolf mit bestätigter Reproduktion
Altersklassen:
Welpe (juvenil)
Wolf im ersten Lebensjahr. Da Wolfswelpen in der Regel Anfang Mai geboren wer-
den, erfolgt der Übergang vom Welpen zum Jährling am 1.Mai.
Jährling (subadult)
Wolf in seinem zweiten Lebensjahr
Geschlechtsreif (adult)
Tiere, die Ende April / Anfang Mai mind. zwei Jahre alt sind
Monitoringjahr
1. Mai – 30. April.
Für kleine bis mittelgroße Populationen (ca. 50 Rudel pro Management/Monitoringeinheit)
empfehlen wir eine Kombination von Suche nach Anwesenheitshinweisen, Fotofallenmonito-
ring und Genetik zur jährlichen Ermittlung von Populationsgröße und Vorkommensgebiet
(Tab. 5). Ab einer Populationsgröße von ca. 50 – 100 Rudeln kann ein stratifiziertes Vorge-
hen zur Ermittlung der Populationsgröße sinnvoll sein. Allerdings ist dafür eine länderüber-

28
greifende Koordination und Datenanalyse erforderlich. Bei einem stratifizierten Ansatz muss
zudem sicher gestellt sein, dass die Referenzgebiete für das Gesamtgebiet repräsentativ
sind.
Tab. 5: Parameter, empfohlene Methoden und erforderliche Genauigkeit zur Schätzung des Vorkom-
mensgebietes und der Populationsgröße von Wölfen.
Parameter
Methode
Genauigkeit und Umfang der
erforderlichen Daten
Vorkommensgebiet
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen, Fotofallen, Genetik.
Ein C1 oder drei unabhängige C2-Hinweise per 10 x 10
km Zelle und Monitoringjahr.
Populationsgröße
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen, Fotofallen, Abspü-
ren bei Schnee,
Genetik.
Ein Rudel muss durch C1 oder zwei unabhängige C2-
Hinweise bestätigt werden. Im Falle einer mind. 2 km
langen C2-Spur von mehr als 2 Wölfen reicht ein C2.
Ein Wolfspaar muss markierend durch C1 oder zwei
unabhängige C2-Hinweise bestätigt werden oder (ohne
Markierung) durch mind. zwei C1 oder C2 im Abstand
von mind. 4 Wochen. Im Falle einer mind. 2 km langen
C2-Spur von 2 markierenden Wölfen reicht ein C2.
Residente Einzeltiere müssen mit mind. 6 Monaten
Abstand wiederholt durch C1 oder mind. drei voneinan-
der unabhängigen C2 bestätigt werden.
Abgrenzung
benachbarter
Territorien
Genetik, Fotofallen, Telemet-
rie, Suche nach Anwesen-
heitshinweisen.
-
Reproduktion wurde in beiden Gebieten
zeitgleich
bestätigt ODER
-
Reproduktion wurde im Mai – Juli im Abstand von
mind. 10 km voneinander bestätigt ODER
-
mind. eins der Territorien ist über Telemetrie be-
kannt ODER
-
Abgrenzung über individuell eindeutig identifizier-
bare Individuen möglich ODER
-
über genetische Analysen.
Rudelgröße
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen (Fokus auf Spuren),
Abspüren bei Schnee, Gene-
tik, Fotofallen.
Die Mindestgröße des Rudels kann durch einen C1
oder C2-Hinweis* bestätigt werden.
Reproduktion
Suche nach Anwesenheits-
hinweisen (Fokus auf Welpen-
spuren), Abspüren bei
Schnee, Genetik, Heulanima-
tion, Fotofallen.
Mind. ein Welpe muss mit C1 oder mind. 2 unabhängi-
gen C2-Hinweisen bestätigt werden ODER
eine laktierende Fähe wurde mit C1 bestätigt.
* wurde die Anwesenheit eines Rudels bereits bestätigt, reicht ein C2-Hinweis (Spuren) für die Min-
destrudelgröße aus.
Für größere Populationen mit mehr als 100 Rudeln pro Management/Monitoringeinheit wer-
den neue Ansätze für die Ermittlung von Populationsgröße und Verbreitungsgebiet erforder-
lich. Nach dem derzeitigen Wissensstand erscheint für solche Populationen ein rotierendes
Vorgehen für die Ermittlung der Populationsgröße empfehlenswert. Voraussetzung dafür ist,
dass das Verbreitungsgebiet bekannt ist. Dies könnte durch ein Netzwerk von geschulten
Personen gewährleistet werden, welches das ganze Jahr und über das gesamte Vorkom-
mensgebiet opportunistisch Wolfshinweise aufnimmt. Aus den so erhobenen C1 und C2 Da-
ten kann mit der 95% Kernel-Methode das Verbreitungsgebiet ermittelt werden. Mit einem

29
opportunistischen Monitoring, das mit Hilfe eines aktiven Netzwerkes geschulter Personen
das gesamte Vorkommensgebiet abdeckt, erscheint es zumindest für räumlich stabile Popu-
lationen möglich, auch auf großer Fläche das Verbreitungsgebiet jährlich zu ermitteln. In Ge-
bieten, in denen die Population sich noch ausbreitet, sollte wie in kleinen bis mittelgroßen
Populationen ein aktives Monitoring erfolgen. Wir empfehlen, die Standards bei einem deutli-
chen Anwachsen der Populationsgröße (> 50 Rudel, > 100 Rudel) dem dann geltenden Wis-
sensstand anzupassen.
Zur Erhebung der Populationsgröße in großen Populationen kann entweder ein stratifiziertes
(siehe 3.4) oder ein rotierendes Vorgehen gewählt werden. Für ein rotierendes Vorgehen
wird das gesamte Verbreitungsgebiet in drei oder sechs Areale unterteilt. Jedes Jahr wird die
Populationsgröße (Anzahl Rudel & Paare) in einem der Areale erhoben. Während eines Be-
richtszeitraums (6 Jahre) würde auf diese Weise jedes Gebiet zwei- oder einmal aufgenom-
men. Eine Monitoringfrequenz von drei Jahren würde die Berechnung des Trends der Popu-
lationsgröße über 12 – 24 Jahre erlauben.
Die Methoden zur Ermittlung der Populationsgröße, einschließlich der dafür notwendigen
Abgrenzung benachbarter Territorien, sind in kleineren Populationen dieselben wie in größe-
ren. Für beide ist ein aktiver Monitoringansatz erforderlich. In größeren Populationen wird es
aber häufig nicht mehr möglich (und notwendig) sein, alle Parameter (z.B. Rudelgröße, An-
zahl Welpen) über die gesamte Population zu erheben. Hier ist ein stratifiziertes Vorgehen
zu empfehlen.
Auch in größeren Populationen sollten jährlich von einer Anzahl Rudel so viele Informationen
wie möglich gesammelt werden (Rudelgröße, Territoriengröße, Anzahl der Welpen). Diese
Daten helfen, die Populationsdynamik zu verstehen. Bei einem stratifizierten Vorgehen sind
sie notwendig, um die auf breiter Fläche gewonnenen Ergebnisse zu kalibrieren.
Die Rudelgröße wird in der Regel im Spätherbst / Winter ermittelt. Dies ist in Deutschland
schwierig und i.d.R. nur über ein intensives genetisches Monitoring im Winterhalbjahr zu er-
reichen. Stattdessen gibt es häufig gute Daten aus dem Sommerhalbjahr. Um eine Ver-
gleichbarkeit mit anderen Ländern zu gewährleisten und einen robusten Korrekturfaktor ent-
wickeln zu können, empfehlen wir, wann immer es möglich ist, sowohl die Sommer- als auch
Winterrudelgröße zu ermitteln.
Seit Gründung der Wolfspopulation in Deutschland wurden genetische Proben gesammelt.
Dadurch war es bisher möglich, einen fast lückenlosen Stammbaum der Wolfsrudel in
Deutschland zu erstellen. Auf diese Weise ist ein sehr detailliertes Bild zur Ausbreitung, zu
Verwandtschaftsverhältnissen und auch zur Inzuchtgefährdung entstanden. In Gebieten mit
flächendeckender Wolfsbesiedlung werden die genetischen Analysen immer wichtiger, um
benachbarte Territorien voneinander zu unterscheiden. Wir empfehlen daher, auch in den
nächsten Jahren zumindest die markierenden Tiere in den einzelnen Territorien jährlich ge-
netisch zu beproben.
In kleinen Populationen und am Rand des Verbreitungsgebietes ist die Kenntnis vom Vor-
kommen einzelner territorialer Tiere wichtig, sowohl für Managemententscheidungen als
auch für das Monitoring. Die individuelle Kenntnis solcher Tiere bzw. ihres Status (Ge-
schlecht, single / verpaart) kann von Bedeutung für das Management sein. Da unverpaarte
Wölfinnen sich mit Haushunden paaren können, sollten sie besonders eng überwacht wer-
den.
In Gebieten, in denen über längere Zeit nur einzelne Wölfe nachgewiesen werden oder im-
mer wieder zeitliche Lücken von mehreren Monaten zwischen einzelnen Nachweisen liegen,

30
sollte die Identität des Tieres jährlich genetisch geklärt werden, um festzustellen, ob es sich
jeweils um dasselbe, oder um immer wieder neu einwandernde Tiere handelt.
In Wolfsgebieten ist ein aktives Monitoring erforderlich, weshalb erfahrene Personen zur Ver-
fügung stehen müssen. Insbesondere die Abgrenzung benachbarter Territorien erfordert die
Koordinierung der dafür notwendigen Feldarbeiten und die Dateninterpretation durch erfah-
rene Personen. Außerhalb oder an der Ausbreitungsfront ist ein passiver Ansatz realisti-
scher. Sobald sich Hinweise aus einem neuen Gebiet häufen, sollte versucht werden, diese
zu bestätigen und gezielt vor Ort nach Wolfshinweisen zu suchen. Generell ist die Wahr-
scheinlichkeit hoch, dass gemeldete Wolfshinweise auf Hunde zurückzuführen sind. Es liegt
in der Verantwortung von erfahrenen Personen zu entscheiden, wann die Art und Anzahl der
gemeldeten Hinweise eine aktive Recherche auslösen sollten. Sobald ein Wolf bestätigt ist
(C2), muss das Monitoring intensiviert werden. Dabei ist der Fokus darauf zu legen, den Sta-
tus des Tieres herauszufinden.
Luchs
Die Populationsgröße beim Luchs ergibt sich wie beim Wolf aus der Anzahl mindestens
zweijähriger Individuen, die am Ende des Monitoringjahres noch leben. Hierzu zählen auch
ehemalige Gehegetiere, die entkommen sind und deren Besitzer ihren Besitzanspruch auf-
gegeben haben. Dies ist allerdings besonders zu vermerken. Zusätzlich sollten die Repro-
duktionseinheiten (Weibchen mit Jungen) erfasst werden. Tabelle 6 gibt einen Überblick über
die zu erfassenden Luchs"einheiten" und die Altersklasseneinteilung.
Tab. 6: Definitionen Luchs
Begriff Definition
Luchsstatus:
residenter
Luchs
Einzelner Luchs, der über mind. sechs Monate in einem Gebiet mit C1 oder C2
Daten bestätigt wurde.
Luchsfamilie
Luchsweibchen mit mind. einem Jungtier.
Altersklassen:
juveniler Luchs
Luchs im ersten Lebensjahr. Da Luchse in der Regel im Mai geboren werden,
erfolgt der Übergang vom juvenilen zum subadulten Luchs am 1.Mai.
subadulter Luchs
Luchse im zweiten Lebensjahr, wenn sie sich von der Mutter abgelöst haben und
selbstständig (unabhängig) geworden sind.
adulter Luchs
Geschlechtsreifer, reproduktionsfähiger Luchs
Der Übergang vom subadulten zum adulten Luchs erfolgt nach Monitoringjahr,
d.h. am 1. Mai des zweiten Lebensjahres.
Monitoringjahr
1.Mai – 30. April.
Luchse lassen sich anhand ihres Fleckenmusters meist individuell unterscheiden. Dies lässt
sich für ein Monitoring von Luchspopulationen nutzen. Genetisches Monitoring könnte in Zu-
kunft an Bedeutung gewinnen.
Wir empfehlen für alle kleinen Populationen und für das Vorkommen von Einzeltieren, ein
opportunistisches Fotofallenmonitoring
zu etablieren und Minimumschätzungen durchzufüh-
ren. Dafür werden Fotofallen an Rissen, Markierstellen und regelmäßig begangenen Wech-

31
seln aufgestellt. Für größere Populationen, wie im Harz und im Bayerischen Wald, sollte zu-
mindest auf Teilflächen ein
systematisches
Fotofallenmonitoring durchgeführt werden. Die-
ses liefert Daten für eine statistische Schätzung der Populationsgröße mittels Fang-
Wiederfang-Analysen. Allerdings muss gewährleistet sein, dass ein repräsentativer Aus-
schnitt des Luchslebensraums untersucht wird. Abspüren im Schnee liefert wertvolle zusätz-
liche Hinweise, zum Beispiel auf Reproduktion. In Tabelle 7 werden die im Rahmen des Mo-
nitorings zu erhebenden Parameter, die dafür empfohlenen Methoden sowie die erforderliche
Genauigkeit zur Schätzung von Vorkommensgebiet und Populationsgröße von Luchsen in
Deutschland aufgeführt.
Tab. 7: Parameter, empfohlene Methoden und erforderliche Genauigkeit zur Schätzung des Vorkom-
mensgebietes und der Populationsgröße von Luchsen.
Parameter
Methode
Genauigkeit und Umfang der
erforderlichen Daten
Vorkommensgebiet
Fotofallenmonitoring, Suche nach
Anwesenheitshinweisen.
Ein C1 oder zwei C2-Hinweise per 10 x
10 km Zelle und Jahr.
Populationsgröße
Bei kleinen Populationen opportunis-
tisches Fotofallenmonitoring für Min-
destgröße. Bei größeren Populatio-
nen systematisches Fotofallen-
monitoring für statistische Fang-
Wiederfang-Schätzung, Suche nach
Anwesenheitshinweisen.
Minimumschätzung beruht auf C1- oder
C2-Hinweisen.
Reproduktion
Abspüren bei Schnee, Fotofallen.
Reproduktion muss durch ein C1 oder
zwei unabhängige C2-Hinweise bestä-
tigt werden.
Luchsfamilien
Abspüren bei Schnee, Fotofallen.
Eine Luchsfamilie muss durch ein C1
oder zwei unabhängige C2-Hinweise
bestätigt werden.
Die beiden Populationen in Deutschland (Bayerischer Wald und Harz) sind gegenwärtig zu
klein, um ihre Vorkommensgebiete für einen stratifizierten Monitoringansatz in kleinere Un-
tersuchungsgebiete zu unterteilen. Dies gilt wahrscheinlich auch für zukünftige Populationen
(K
RAMER-SCHADT et al. 2005) in Deutschland, da diese voraussichtlich stark fragmentiert
sein werden. Sollten Gebiete kolonisiert werden, die gegenwärtig als ungeeignet für die Art
angesehen werden, und sollten sich Luchspopulationen über große Flächen ausdehnen,
empfehlen wir einen stratifizierten Ansatz mit mehreren (evtl. sich abwechselnden) Untersu-
chungsgebieten.
Habitat und Bedrohungen
Habitat
Bär, Wolf und Luchs zeigen eine gewisse Präferenz für Waldgebiete. Um die Habitateignung
für diese Tierarten abzuschätzen, sollten
Habitateignungsmodelle
(habitat suitability models)
in Referenzgebieten gebildet und über das gesamte fragliche Gebiet extrapoliert werden.
Allerdings sind solche Extrapolationen immer problematisch, weil die Vergleichbarkeit des
Referenzgebietes mit dem Gesamtgebiet meist nicht nachgewiesen werden kann. Eine an-
dere praktikable Methode ist jedoch nicht zur Hand. Entsprechend vorsichtig müssen Ergeb-
nisse aus solchen Extrapolationen interpretiert werden.

32
Derzeit sind Habitateignungsmodelle verfügbar für den Luchs in Deutschland (außer Alpen;
S
CHADT et al. 2002), für den Bären in den Ostalpen (GÜTHLIN 2008) und für den Wolf in
Deutschland (K
NAUER 2010 nach JEDRZEJEWSKI et al. 2004).
Alle diese Modelle nutzen groß-
räumige Landnutzungsdaten wie ATKIS oder Corine. Der einfachste Weg, um den Trend der
Habitateignung aufzudecken, besteht darin, die Extrapolationen der Modelle dann erneut zu
rechnen, wenn die Landnutzungsdaten aktualisiert werden und/oder bessere Tierdaten vor-
liegen.
Bedrohungen, Populationsstruktur und Genetik
Ein Monitoring aller Bedrohungsfaktoren ist kaum praktikabel. Deshalb muss das Monitoring
zu diesem Problemkreis situations- und fallbedingt sein. Von größter Bedeutung ist es, Be-
drohungen rechtzeitig zu entdecken, bevor einzelne Populationen in Gefahr geraten. Schlüs-
sel zur Aufdeckung solcher Gefahren sind wiederum zuverlässige Schätzungen von Popula-
tionsgröße und Trends sowie die Erhebung des genetischen Status. Je nach Gefährdungs-
ursache sollten entsprechende Fachleute hinzugezogen werden, u.a. von der Kriminalpolizei.
Voraussetzung dazu sind Datentransparenz und gute Kontakte zu solchen Personen.
Totfunde sollten routinemäßig auf Todesursachen, eventuelle Erkrankungen und Auffälligkei-
ten untersucht werden. Für den Wolf hat das Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung
(IZW) Berlin auf diesem Gebiet die meisten Erfahrungen und arbeitet bei Bedarf auch mit
forensischen Instituten zusammen. Wir empfehlen, das IZW als nationales Referenzzentrum
für die Untersuchung tot aufgefundener Wölfe zu nutzen.
Zur Einschätzung des Erhaltungszustandes ist eine gewisse Kenntnis der Populationsstruk-
tur und der genetischen Struktur einer Population erforderlich. Sowohl bei den beiden Luch-
spopulationen als auch bei der Wolfspopulation empfehlen wir, den genetischen Zustand,
insbesondere die Inzuchtbelastung zu überwachen. Die Anzahl der Nachkommen kann
ebenfalls ein Indiz für eine mögliche Inzuchtbelastung der Population sein (L
IBERG et al.
2005). Eine auf geringem Niveau stagnierende Population (Luchs, Bayerischer Wald) sollte
Anlass zur Ursachenforschung und zum Ergreifen entsprechender Gegenmaßnahmen sein.
Die gerichtet erscheinende Ausbreitung des Wolfes in Deutschland, die derzeit nur in Nord-
West Richtung erfolgt (R
EINHARDT UND KLUTH 2011), erscheint ebenfalls ungewöhnlich (z.B.
K
OJOLA et al. 2006). Auch hier empfehlen wir, die Ursachen dafür zu untersuchen.
4.2.3 Standardisierung der Dateninterpretation
Seit 2009 findet ein jährliches Treffen der in den einzelnen Ländern mit dem Monitoring be-
fassten Personen statt. Diese Treffen dienen dazu, die C1- und C2-Daten für besetzte Ras-
terzellen und jene Daten, die den Schätzungen der Populationsgrößen zugrunde liegen, zu
präsentieren und ggf. gemeinsam zu beurteilen. C1- und C2-Daten müssen so dokumentiert
sein, dass sie von anderen erfahrenen Personen selbst beurteilt werden können. Diese
„doppelte“ Begutachtung dient dazu, die Robustheit der Daten und damit die Reproduzier-
barkeit der Ergebnisse zu gewährleisten. Ergebnis dieser Treffen sind Populationsgrößen-
schätzungen und Vorkommenskarten auf Bundesebene.
Wir empfehlen, die jährlichen Treffen bis auf weiteres beizubehalten, um eine einheitliche
Dateninterpretation zu gewährleisten.

33
5.
Strukturen für ein Monitoring von Wolf, Luchs und
Bär in Deutschland
Die FFH-Richtlinie der EU (92/43/EWG) verpflichtet die Mitgliedsstaaten, den Status der Ar-
ten des Anhangs II und IV regelmäßig zu dokumentieren (vgl. a. Abschnitt 2.2), das heißt
unter anderem, den Erhaltungszustand von Wolf, Luchs und Bär zu erfassen und zu bewer-
ten. Um die für den Erhaltungszustand maßgeblichen Parameter wie Populationsgröße und -
trend, Verbreitungsgebiet sowie Lebensraumverfügbarkeit und -qualität zu erfassen, sind die
Bundesländer angehalten, ein robustes und effektives Monitoring zu installieren.
Die Biologie von Wolf, Luchs und Bär, aber auch das gesellschaftspolitische Interesse, das
ihre Rückkehr auslöst, stellt den behördlichen Naturschutz vor besondere Herausforderun-
gen. Diese Arten kommen in geringer Dichte auf großer Fläche vor. Aufgrund ihrer hohen
Mobilität und der großen Territorien ist ihr Monitoring finanziell und personell aufwändiger als
bei vielen anderen Arten der FFH-Richtlinie. Das Interesse der Öffentlichkeit und verschie-
dener Landnutzergruppen an Wolf, Luchs und Bär ist deutlich höher als bei anderen Tierar-
ten, nicht nur wegen potentieller Nutzungskonflikte (z.B. Übergriffe auf Nutztiere), sondern
auch wegen des gefühlten oder tatsächlichen Gefährdungspotentials für Menschen.
Der behördliche Naturschutz ist daher gefragt, nicht nur die Mittel für ein wissenschaftsba-
siertes Monitoring zur Verfügung zu stellen, sondern auch die Strukturen zu schaffen und zu
unterstützen, die notwendig sind, um die erforderlichen Daten zu erheben und zu analysie-
ren.
5.1
Analyse vorhandener Strukturen
5.1.1 Monitoringstrukturen
Die Verantwortlichkeit für die Zusammenstellung und Übermittlung der nationalen Populati-
onsdaten für die FFH-Berichtspflicht liegt beim Bundesamt für Naturschutz. Für den letzten
Berichtszeitraum erfolgte die Akkumulation und Auswertung der nationalen Wolf- und Luchs-
daten im Rahmen der jährlichen Treffen der für das Wolfs- und Luchsmonitoring zuständigen
Personen der Bundesländer.
Die Zuständigkeit für das Monitoring liegt in Deutschland aufgrund unserer föderalen Struktur
bei den Ländern. Wie die Länder das Monitoring von Wolf und Luchs organisieren, welche
Methoden mit welcher Intensität angewandt werden, ist Ländersache. In einigen Ländern
wurde die Zuständigkeit für den Wolf auf Landkreisebene delegiert. Dies stellt bei großräu-
mig agierenden Arten eine zusätzliche Herausforderung dar.
Die Wolfspopulation in Deutschland wächst schnell und stellt die Länder damit vor die Auf-
gabe ihre Monitoringstrukturen ständig ausbauen zu müssen. Die meisten Länder sind inzwi-
schen den Empfehlungen von K
ACZENSKY et al. (2009) gefolgt und haben versucht, eine
zweischichtige Monitoringstruktur (erfahrene Personen und geschulte Personen) aufzubau-
en. So haben in den letzten Jahren eine Vielzahl von Personen Schulungen zum Erkennen
und Dokumentieren von Hinweisen von Wolf und Luchs durchlaufen. Entsprechend ist das
Netzwerk geschulter Personen inzwischen deutlich angewachsen. Viele dieser geschulten
Personen sind durch regelmäßigen Feldeinsatz inzwischen in der Lage, bestimmte Hinweis-
arten (beim Wolf z.B. Kot oder Risse) selbstständig und zuverlässig einzuschätzen. Dies ist

34
eine sehr positive Entwicklung. Dennoch besteht auch weiterhin noch Schulungsbedarf, um
mit der Ausbreitung der Wolfspopulation Schritt halten zu können.
Einige Länder sind bereits auf einem guten Weg, was ihre Monitoringstruktur anbelangt, an-
dere werden sich allerdings zukünftig noch besser organisieren müssen, um mit schnell
wachsenden Beständen Schritt halten zu können. In einigen Gebieten mangelt es noch an
einem breiten Netzwerk geschulter Personen, so dass der Großteil der Datenerhebung von
den erfahrenen Personen selbst durchgeführt werden muss, was für diese einen enormen
Arbeitsaufwand darstellt. Häufig mangelt es diesen Fachleuten an Arbeitskapazität, um ein
Netzwerk geschulter Personen zu koordinieren und anzuleiten.
Vereinzelt wurden Personen per Dienstauftrag oder Werkvertrag für das Monitoring zustän-
dig erklärt. Dabei wird vergessen, dass mit der Datenevaluierung die Interpretation der Daten
noch nicht abgeschlossen ist. Zum Teil sind diese Personen noch für eine Vielzahl weiterer
Aufgaben verantwortlich. Dies und die stetig wachsende Datenmenge führen bisweilen dazu,
dass den für das Monitoring zuständigen Personen kaum Zeit für die Koordination des Netz-
werkes geschulter Personen bleibt. Notgedrungen wird die Evaluierung der Daten teilweise
den geschulten Personen überlassen, ebenso wie die Interpretation der räumlichen Situati-
on. Bei Einzelvorkommen kann das funktionieren. In Gebieten mit zahlreichen aneinander-
grenzenden Territorien und einer hohen Dynamik in der Bestandsentwicklung sind jedoch
ohne eine entsprechende großräumige Datenübersicht (die die geschulten Personen nicht
haben, weil sie in der Regel nur kleinräumig agieren) Fehlinterpretationen kaum zu vermei-
den. Mehrere Länder sind inzwischen dazu übergegangen, Fachexpertisen länderübergrei-
fend zu nutzen und die Datenevaluierung oder auch die Organisation des Monitorings über
Beraterverträge an erfahrene Personen zu vergeben, die schwerpunktmäßig in anderen
Ländern arbeiten. Dabei handelt es sich überwiegend um Länder, in denen Wolf oder Luchs
erst seit kurzem oder nur sporadisch vorkommen bzw. in naher Zukunft erwartet werden. Die
in diesen Ländern für das Monitoring zuständigen Personen lernen dabei von der Erfahrung
anderer Fachleute und können so schneller eigenen Sachverstand aufbauen.
5.1.2 Datenqualität und Dateninterpretation
Die Qualität der erhobenen Daten und ihre Analyse haben sich seit der Einführung der Moni-
toringstandards 2009 durch die vereinheitlichte Datenbewertung erheblich verbessert. Durch
die jährlichen Treffen der mit dem Monitoring beauftragten Personen ist gewährleistet, dass
einmal jährlich für Wolf und Luchs harmonisierte Mindestschätzungen von Populationsgröße
und Vorkommensgebiet auf nationaler Ebene erstellt werden.
Eine länderübergreifende Abstimmung bei der Datenauswertung ist allerdings noch immer
keine Selbstverständlichkeit. Werden grenzübergreifende Territorien von mehreren Ländern
als eigene gezählt, führt dies zwangsläufig zu Verwirrung in der Öffentlichkeitsarbeit. Dop-
pelzählungen grenzübergreifender Vorkommen, insbesondere beim Wolf, sind die Folge.
Die Vereinheitlichung der Datenevaluierung durch die Monitoringstandards gewährleistet
jedoch nicht, dass alle vorhandenen Vorkommen auch tatsächlich erfasst werden und die
Besiedlung der Fläche durch Wolf und Luchs korrekt interpretiert wird. Das wird besonders
deutlich, wenn die Vorkommenskarten mit den geschätzten Territorien in Deckung gebracht
werden. Sowohl beim Wolf als auch beim Luchs gibt es in einigen Gebieten offensichtliche
Erhebungslücken bei der Populationsgröße. Auch wenn der Einsatz von aktiven Monitoring-
methoden (z.B. gezieltem Fotofallenmonitoring, Ausfährten und genetischem Monitoring)
deutlich zugenommen hat, bedarf es teilweise noch einer besseren Lenkung und Koordinati-

35
on des Netzwerks der geschulten Personen. In Einzelfällen sind die jährlichen Vorkommens-
karten und die Minimumschätzungen geschlechtsreifer Tiere ein Nebenprodukt wissen-
schaftlicher Projekte, ohne dass der Fokus tatsächlich auf die Ermittlung der Populations-
größe in diesem Gebiet gelegt wird. Entsprechend vage sind dann die Ergebnisse.
In der Vergangenheit ist davon ausgegangen worden, dass die jährlichen Treffen der Wei-
terentwicklung der Monitoringstandards und der Kalibrierung der mit dem Monitoring beauf-
tragten Personen dienen, die dadurch mehr Erfahrung aufbauen können (Kaczensky et al.
2009). Die Weiterentwicklung der Monitoringstandards ist im Fluss und wird auch durch Ab-
stimmung und Erfahrungen aus den Nachbarländern stets verbessert. Allerdings hat sich
gezeigt, dass die Zeit auf den jährlichen Treffen mit zunehmender Ausdehnung der Wolfspo-
pulation allmählich knapp wird. Unter diesen Umständen können zwar einzelne Hinweise, die
z.B. Rasterzellen belegen, evaluiert werden. Für das Vorkommensgebiet klappt das auch
gut. Eine gemeinsame Interpretation der Daten für die Populationsgröße ist in dieser Runde
jedoch nicht möglich; dazu wäre die Kenntnis aller vorhandenen Daten aus einem Gebiet
nötig. Vereinzelt gibt es Hinweise auf Unterschätzung, etwa wenn Welpen im Winter nicht als
solche erkannt werden. Dieses Defizit ließe sich beheben, wenn die für das Monitoring zu-
ständigen Personen den Austausch mit anderen Fachleuten suchen und in schwierigen Fäl-
len zusätzlichen Fachverstand für die Datenevaluierung und –interpretation einholen. Teil-
weise wird allerdings auch bei den zuständigen Behörden erwartet, dass ihre Fachleute auf
allen Gebieten gleichermaßen Experten sind.
5.1.3 Bundesländerübergreifende Ansätze
Es gibt im Monitoring vom Wolf (zukünftig evtl. auch beim Luchs) bereits einen länderüber-
greifenden Ansatz, den die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) verfolgt. Die BImA
bewirtschaftet mit ihrer Sparte Bundesforst u.a. die Flächen des Bundesministeriums für Ver-
teidigung (BMVG) und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) im Auftrag. Diese Flä-
chen – aktive und ehemalige Truppenübungsplätze – werden häufig als erstes von Wölfen
besiedelt und spielen somit eine wichtige Rolle für die Ausbreitung der Wolfspopulation in
Deutschland. Von 2007 bis 2014 hat die Bundesforstverwaltung 36 Personen - überwiegend
Revierförster – im Erkennen und Dokumentieren von Wolfshinweisen schulen lassen. Inzwi-
schen gibt es auf allen größeren BMVG-Flächen in Deutschland geschulte Personen, die vor
Ort das Wolfsmonitoring durchführen sollen. LUPUS ist durch die BImA beauftragt, die auf
den BMVG-Flächen erhobenen Wolfshinweise zu evaluieren und einmal jährlich in einem
Bericht zum Vorkommen von Wölfen auf BMVG-Flächen zusammenzufassen. Bei Bedarf
sind auch Vor-Ort-Recherchen zur Abklärung unklarer Situationen möglich. Zwar gibt es
noch einige Abstimmungsschwierigkeiten mit Länderbehörden bzgl. der Datenweitergabe,
jedoch scheint dies ein viel versprechender Ansatz für eine großflächige und effektive Daten-
interpretation.
5.2 Lösungsvorschläge und Empfehlungen für die Organisation des
Monitorings
5.2.1 Erforderliche Strukturen, Aufgaben und Zuständigkeiten
Die Monitoringstandards geben vor, welche Daten für ein FFH-konformes Monitoring von
Wolf, Luchs und Bär erhoben werden müssen.

36
Die für Wolf, Luchs oder Bär
zuständigen Behörden
gewährleisten funktionsfähige Monito-
ringstrukturen, die auch mit schnell wachsenden Beständen Schritt halten können und stellen
die dafür notwendigen Finanzen bereit. Sie reagieren, wenn existierende Strukturen an ihre
Kapazitätsgrenzen kommen. Die Behörden können entweder selbst das Monitoring organi-
sieren und leiten oder externe Fachleute damit beauftragen. Als Auftraggeber verfügen die
Behörden über die Datenhoheit und können jederzeit den aktuellen Stand der Monitoringer-
gebnisse abfragen. Wichtig ist, dass der Informationsfluss gewährleistet ist und alle Zufalls-
meldungen von Bürgern, egal wohin sie gemeldet werden, zeitnah bei der für die Dateneva-
luierung zuständigen Institution eingehen.
Die zuständigen Behörden gewährleisten, dass Monitoringarbeiten in der Fläche tatsächlich
auch durchgeführt werden können. Immer wieder sprechen Flächenbesitzer Betretungsver-
bote für Monitoringarbeiten aus oder untersagen den Einsatz von Fotofallen etc.. Hier ist eine
rasche rechtliche Klarstellung von behördlicher Seite gefragt. Auf der anderen Seite liegt es
ebenfalls in ihrem Verantwortungsbereich, dass die im Monitoring involvierten Personen sich
an existierende Rechtsvorschriften halten (z.B. Störungsverbot für Aufzuchtstätten etc.).
Für die Datenevaluierung und –analyse sowie die Koordinierung des Netzwerkes geschulter
Personen sind
erfahrene Personen
notwendig, die nicht nur Routine in der Evaluierung von
Hinweisdaten haben, sondern auch das Hintergrundwissen, die Monitoringdaten in biologi-
sche Zusammenhänge und räumliche Strukturen zu übersetzen. Es kann nicht erwartet wer-
den, dass die für das Monitoring in den Bundesländern zuständigen Personen diese Exper-
tise von Anfang an mitbringen. Im Austausch mit anderen Fachleuten können sie diese je-
doch nach und nach entwickeln. Zentrale Aufgabe der für das Monitoring zuständigen erfah-
renen Personen ist neben der Datenevaluierung und –interpretation, die Organisation aller
Maßnahmen im aktiven Monitoring. Dazu gehört die Koordinierung und Anleitung des Netz-
werkes geschulter Personen. Sie behalten den Gesamtüberblick in einer Region und reagie-
ren auf mögliche Neuentwicklungen oder einen unklaren Kenntnisstand, indem sie die Hin-
weisrecherche durch geschulte Personen gezielt koordinieren und bei Bedarf eigene Erhe-
bungen im Feld durchführen. Wichtig ist, dass sie sowohl über die Arbeitskapazität als auch
über die Arbeitsmittel (Datenbank, GIS) verfügen, um das Netzwerk geschulter Personen
koordinieren und die Daten standardisiert eingeben und aufbereiten zu können. Sie bereiten
die Daten auf Bundeslandebene auf und nehmen an den Treffen der für Wolf-, Luchs- und
ggf. Bärenmonitoring zuständigen Personen teil. Es liegt in ihrem Verantwortungsbereich,
sich auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu halten und den engen Austausch mit an-
deren Fachleuten zu suchen.
Eine funktionsfähige Monitoringstruktur muss so flexibel sein, dass auf neue Entwicklungen
zeitnah reagiert werden kann. Zumindest beim Wolf ist davon auszugehen, dass die Popula-
tionsentwicklung ihre derzeitige Dynamik beibehält. Das Rückgrat einer solchen Struktur ist
ein
Netzwerk geschulter Personen
, das so über die Fläche verteilt ist, dass bei Bedarf
überall von einem passiven in ein aktives Monitoring übergegangen werden kann. Die ge-
schulten Personen unterstützen sowohl das passive Monitoring, indem sie Hinweise Dritter
recherchieren, dokumentieren, vorbewerten und an die Fachleute weiterleiten, als auch das
aktive Monitoring, in dem sie selbst nach Hinweisen suchen. Dieser Personenkreis sollte
nach einer einheitlichen und verbindlichen Schulung regelmäßig fortgebildet und über die
Weiterentwicklung von Monitoringmethoden und –standards informiert werden. Da die ge-
schulten Personen zum Großteil ehrenamtlich tätig sind, empfiehlt es sich zudem, Regelun-
gen zur Aufwandsentschädigung (z.B. für Fahrtkosten und / oder Einsatzzeit) zu treffen. Dies
ist vor dem Hintergrund, dass dieser Personenkreis in manchen Bundesländern auch für die

37
Begutachtung bzw. Dokumentation von potentiellen Wildtier- oder Nutztierrissen zur Verfü-
gung steht und dabei teils erheblichen emotionalen Belastungen ausgesetzt sein kann, als
Anerkennung ihrer Hilfe mehr als gerechtfertigt.
Empfehlenswert ist es, ähnlich wie in Frankreich und Norditalien, auch Förster in dieses
Netzwerk einzubinden. Für sie könnte das Monitoring von Wolf, Luchs und Bär Teil ihrer
Dienstaufgabe werden. Der Bundesforst ist diesen Weg bereits gegangen, in den Landes-
forsten ist das bisher noch die Ausnahme.
5.2.2 Umsetzung des Monitorings in der Fläche
Für die Erfassung des Vorkommensgebietes sollte das Netzwerk geschulter Personen das
ganze Jahr über Hinweise aufnehmen. Dabei ist von den für das Monitoring zuständigen
Personen darauf zu achten, dass Daten aus möglichst allen Rasterzellen des mutmaßlichen
Vorkommensgebietes erhoben werden. Beim Luchs hat die Anzahl der reproduzierenden
Weibchen eine hohe Aussagekraft über Populationsgröße und -zustand, beim Wolf ist es die
Anzahl von (reproduzierenden) Rudeln und Paaren. Um die Populationsgröße zu ermitteln,
muss die räumliche Struktur eines Bestandes erkannt werden.
Territorien sind jedoch keine statischen Gebilde, sondern können sich von Jahr zu Jahr ver-
schieben. Dies gilt auch für die Aktivitätsschwerpunkte innerhalb der Territorien. Sowohl
beim Luchs als auch beim Wolf können Territorien in ungesättigten Beständen zunächst
größer sein als zu einem späteren Zeitpunkt bei zunehmender Sättigung. Um die räumliche
Struktur eines Bestandes zu analysieren, ist ein fundiertes Verständnis über die Biologie und
Ökologie der betreffenden Tierart nötig. Die für die Dateninterpretation zuständigen erfahre-
nen Personen müssen das Netzwerk der im Monitoring involvierten Personen so koordinie-
ren, dass die für die Auflösung der räumlichen Struktur notwendigen Daten im Laufe des
Monitoringjahres gezielt erhoben werden. Insbesondere in Gebieten, in denen ein Territorium
an das Nächste grenzt, ist es notwendig, dabei systematisch vorzugehen, um mit der Ent-
wicklung der Bestandssituation in dem betreffenden Gebiet Schritt halten zu können. Die
Einschätzung, wie viele Territorien in einem bestimmten Gebiet vorkommen, muss anhand
der im Kapitel 4.2.2 definierten Kriterien vorgenommen werden und darf nicht auf Vermutun-
gen basieren. Dafür müssen die notwendigen Daten das ganze Monitoringjahr über gezielt
erhoben werden.

38
Tab. 8: Aufgabenteilung und Zuständigkeiten im Monitoring.
Wer
Zuständigkeit / Aufgaben / Qualifikation
Zuständige Behörden
auf Landesebene
- gewährleisten funktionsfähige Monitoringstrukturen;
- gewährleisten Finanzierung des Monitorings;
- beauftragen Fachexperten;
- haben die Datenhoheit;
- klären die rechtliche Voraussetzungen für das Monitoring und gewährleisten die
Einhaltung von rechtlichen Vorschriften;
- haben Meldepflicht gegenüber den Bundesbehörden für die Erstellung der
jährlichen Monitoringberichte als Grundlage für die FFH Berichtspflicht.
Erfahrene Personen, die auf
Landesebene für das Moni-
toring zuständig sind
- haben Routine im Erkennen und Bewerten von Hinweisen der entsprechenden
Tierart sowie ein fundiertes Hintergrundwissen über die Biologie und Ökologie;
- koordinieren das Netzwerk geschulter Personen entsprechend der aktuellen
Datenlage;
- evaluieren und archivieren Hinweise nach den Monitoringstandards;
- analysieren Vorkommen und Populationsgröße;
- halten zuständige Behörden auf dem Laufenden und sind jederzeit über den
aktuellen Monitoringstand auskunftsfähig;
- halten sich selbst auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und holen bei
Bedarf weitere Fachexpertise ein.
Geschulte Personen
- werden im Erkennen und Dokumentieren von Hinweisen von Wolf, Luchs oder
Bär geschult und regelmäßig fortgebildet;
- nehmen Hinweise im Feld über eine standardisierte Dokumentation mit Proto-
koll und Fotodokumentation auf;
- Vorbewertung und Weiterleitung der Hinweise an für das Monitoring zuständige
Institutionen;
- führen aktives Monitoring nach Anleitung der erfahrenen Personen durch.
Breite Öffentlichkeit
- Melden von Zufallshinweisen an geschulte Personen, erfahrene Personen oder
Institutionen.
5.3 Bundesländerübergreifende Zusammenarbeit
Die Strukturierung des Monitorings und die Dateninterpretation sollten unter Einbeziehung
der Landkreise auf Landesebene erfolgen. Die Dateninterpretation muss länderübergreifend
abgestimmt werden.
Um Doppelzählungen zu vermeiden, sollte bei Darstellungen von Wolf- und Luchsvorkom-
men auf Bundeslandebene deutlich gemacht werden, welche Territorien sich ausschließlich
innerhalb dieses Landes befinden und welche grenzübergreifend sind. Wenn immer möglich,
sollte auf nationale Angaben verwiesen werden.
Um die jährlichen Treffen effektiver zu gestalten, wäre es wünschenswert, wenn benachbarte
Länder sich vorher austauschen und abstimmen, welche grenzüberschreitenden Tiere bzw.
Territorien von welchem Bundesland vorgestellt werden. Die Vorstellung der Länderdaten
sollte in standardisierter Form erfolgen und der Fokus zukünftig stärker auf der Herleitung
der Populationsgröße liegen.

39
Vorschläge für eine bundesländerübergreifende Referenzstelle Wolf
Der Wolfsbestand wird schneller anwachsen als der Bedarf an Fachleuten gedeckt werden
kann. Der vorhandene Informations- und Beratungsbedarf könnte jedoch zukünftig durch
eine bundesländerübergreifende Referenzstelle Wolf gedeckt werden. Eine solche Refe-
renzstelle entlässt die Länderbehörden nicht aus ihrer Verantwortung; diese sind nach wie
vor für die Organisation und Umsetzung des Monitorings auf ihren Flächen zuständig. Eine
Referenzstelle Wolf kann jedoch länderübergreifend allen Behörden für aktuelle Informatio-
nen und kompetente Beratung zur Verfügung stehen. Sie kann einen kontinuierlichen Infor-
mationsfluss in Bezug auf die nationale Wolfssituation gewährleisten, als Clearing-Stelle in
schwierigen Monitoringfällen fungieren und wissenschaftsbasierte Beratung in Management-
situationen liefern.
Eine solche Einrichtung wäre also eine Monitoringzentrale mit zusätzlichen Aufgaben. Ver-
gleichbare Institutionen bestehen mit ONFC in Frankreich, KORA in der Schweiz und dem
Swedish Wildlife Damage Prevention Centre in Schweden. Zu den Aufgaben einer solchen
Institution könnten gehören:
Zeitnahe Aktualisierung von Populationsgröße (Anzahl Rudel / Paare), Totfundereig-
nissen und –ursachen in Form von Zahlen und Karten.
Erstellen eines jährlichen nationalen Statusberichtes im Anschluss an das jährliche
Monitoringtreffen. Darüber hinaus in Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten das Erstel-
len von Populationsstatusberichten.
Assistieren bei der Datenevaluation und –interpretation in schwierigen oder wichtigen
Fällen (Neuetablierungen, Abgrenzung benachbarter Territorien, Reproduktion, mög-
liche Hybridisierung, etc.).
Pflegen einer nationalen Genetikdatenbank in Kooperation mit dem Sencken-
berginstitut für Wildtiergenetik und Durchführen von Verwandtschaftsanalysen (Er-
mittlung der Herkunftsrudel neu identifizierter Individuen).
Bereitstellen von Beratung und Material und, wenn nötig, auch Unterstützung von
Vor-Ort-Einsätzen in Fällen von problematischem Wolfsverhalten. Führen einer Fall-
datei zu diesen Vorfällen.
Jährliche nationale Datenkompilierung von vom Wolf verursachten Schäden an Nutz-
tieren, Präventions- und Ausgleichszahlungen und Erstellen einer Übersicht zu den
aktuell in den einzelnen Bundesländern zur Anwendung kommenden Präventions-
und Kompensationssystemen.
Bereitstellen weiterer Fachexpertise zu wolfsrelevanten Themen für zuständige Be-
hörden und die für das Wolfsmonitoring in den Bundesländern zuständigen Fach-
leute.
Fachlicher Austausch mit anderen Ländern, um Behörden bei Bedarf über die Wolfs-
situation, Managementansätze im europäischen Ausland informieren zu können.
Informationsstelle für Behörden aus Nachbarländern zu Fragen des Wolfsmonitorings
und -managements in Deutschland.
Bei Bedarf Organisation weiterführender, national relevanter Analysen.
Sollte es zukünftig für Luchs und Bär einen ähnlichen Bedarf an einer solchen Einrichtung
geben, könnten entsprechende Referenzstellen gebildet werden.

40
6.
Handbuch für das Monitoring von Wolf, Luchs und
Bär in Deutschland
6.1 Hintergrund
6.1.1 Warum ein Monitoringhandbuch?
In Deutschland gibt es keine Ausbildung und kein Berufsbild, das
per se
zum Monitoring von
Wolf, Luchs oder Bär qualifiziert. Wer heute das Monitoring dieser Tierarten in Deutschland
durchführt, war lange Zeit in Bezug auf Felderfahrung und Einschätzung auf sich allein ge-
stellt. Großes Engagement und viel Eigeninitiative haben dazu geführt, dass Hinweise von
Luchs und Wolf überhaupt gesammelt und ausgewertet wurden. Seit 2009 gibt es in
Deutschland die Standards für das “Monitoring von Großraubtieren in Deutschland“, die
hiermit in zweiter, überarbeiteter Auflage vorliegen. Alle Länder haben zugestimmt, das Mo-
nitoring von Wolf, Luchs und ggf. Bär nach diesen Standards durchzuführen.
Sie sind die Grundlage für eine Vereinheitlichung der Dateninterpretation, zumal es in
Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, Frankreich oder den skandinavischen Ländern,
keine nationale Stelle gibt, an der Luchs- und Wolfshinweise zusammenlaufen. Das vorlie-
gende Handbuch ist in Abstimmung mit Monitoring-Fachleuten aus Deutschland und Europa
entstanden. Es soll die Dokumentation und Bewertung von Hinweisen von Wolf, Luchs und
Bär vergleichbar und transparent machen.
6.1.2 Zielgruppe und Inhalte des Handbuches
Dieses Handbuch ist für die mit der Evaluierung von Wolf-, Bär-, und Luchshinweisen in
Deutschland beauftragten Personen gedacht. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese
Personen über ausreichend praktische Erfahrung im Erkennen von Hinweisen der jeweiligen
Art verfügen. Das heißt, das Wissen und die Routine im Erkennen von Wolf-, Bär-, und
Luchshinweisen haben sie durch intensive Feldarbeit bereits erworben, qualifizieren sie also
als erfahrene Personen. Das Handbuch dient nicht der Beschreibung, wie man Hinweise
auf Wolf, Luchs oder Bär erkennt, sondern erläutert:
welche Hinweise von Wolf, Bär und Luchs unter welchen Voraussetzungen als eindeu-
tige Nachweise, bestätigte oder unbestätigte Hinweise gelten können,
wie Nachweise und Hinweise zu dokumentieren sind, und
mit welchen Methoden Nachweise und Hinweise zu erheben sind.
6.1.3 Wie viel Dokumentation ist nötig?
Generell sollten alle eingehenden oder durch aktives Monitoring gewonnenen Hinweise auf
Wolf, Bär und Luchs archiviert werden (Begriffserklärung siehe Anhang). Aus Sicht des Mo-
nitorings ist es natürlich wünschenswert, jeden Hinweis so genau wie möglich zu dokumen-
tieren. Doch muss der Arbeitsaufwand realisierbar sein. Wenn auf einer einzigen Spurenex-
kursion ins Kerngebiet der Lausitzer Wölfe 20 und mehr Wolfsspuren gefunden werden, ist
es unrealistisch und auch nicht notwendig, diese alle einzeln zu vermessen und zu doku-
mentieren. Auf der anderen Seite sind bestimmte Informationen, wie bestätigte Hinweise aus
neuen Gebieten oder Hinweise auf Reproduktion, so wichtig, dass sie dokumentiert werden
müssen, um zu gewährleisten, dass die Daten nachprüfbar sind. Häufig wird das Monitoring

41
von Personen unterstützt, die zwar eine Schulung durchlaufen haben (geschulte Personen),
aber bisher nicht die Gelegenheit hatten, eine ausreichende Routine in der Interpretation von
Hinweisen der jeweiligen Tierart zu entwickeln. In diesen Fällen sowie bei allen Hinweisen,
die von Dritten gemeldet werden, ist eine detaillierte Dokumentation der Hinweise Voraus-
setzung für eine Bewertung durch die erfahrenen Personen. Wir schlagen hier ein abgestuf-
tes Vorgehen bei der Dokumentation der Hinweise vor.
Dokumentiert werden müssen
alle Nachweise, die für C1 qualifizieren (Totfunde, lebend gefangene Tiere, genetische
Ergebnisse, Fotos, Telemetrieortung);
alle Hinweise, die als Reproduktionsnachweis dienen;
pro Jahr und Rasterzelle mindestens zwei bestätigte Luchs- oder Bärenhinweise (C2)
bzw. mindestens drei bestätigte Wolfshinweise (C2), sofern für diese Rasterzellen kei-
ne C1-Nachweise vorliegen (siehe Kap. 4.2.1);
alle Hinweise Dritter (breite Öffentlichkeit und geschulte Personen). Um diese Hinweise
als bestätigt (C2) klassifizieren zu können, ist eine standardisierte Dokumentation
zwingend erforderlich.
In den Handbüchern wird artspezifisch und für jede Hinweisart angegeben, was die Doku-
mentationen enthalten müssen.
Archivierung
Alle gesammelten Hin- und Nachweise müssen in digitalen Datenbanken archiviert werden,
die automatische Abfragen ermöglichen. Mindestens festgehalten werden müssen Datum,
Koordinaten, Tierart, Art des Hinweises und SCALP-Bewertung. Wünschenswert ist die
Speicherung der räumlichen Angaben als unprojezierte Längen- und Breitengrad-
Koordinaten in Dezimalgrad (Format dd.dddd°, WGS 84). Dies erleichtert das jährliche Zu-
sammenfügen der Monitoringdaten aus ganz Deutschland und gewährleistet die Kompatibili-
tät mit den Nachbarländern.
Darüber hinaus können die Datenbanken weitere Informationen enthalten, die regionale Ana-
lysen zu Detailfragen erlauben. Für eine deutschlandweite Analyse von Vorkommen und
Populationsgrößen sind diese detaillierten Informationen jedoch nicht notwendig.

42
6.2 Handbuch Luchsmonitoring
6.2.1 Bewerten von Luchshinweisen
6.2.1.1 Lebende Tiere
„Lebende Tiere“ können Tiere sein, die für ein Forschungsprojekt gefangen und besendert
wurden, sowie verletzte oder kranke Tiere oder verwaiste Jungtiere, die vorübergehend oder
dauerhaft in menschliche Obhut genommen wurden.
Adulte Eurasische Luchse (
Lynx lynx
) sind auf Grund ihres Körperbaus (kurzer Schwanz mit
schwarzer Spitze, Pinsel an den Ohrspitzen) und ihrer Größe und Gewicht (15-32 kg), mit
keinem anderen heimischen Wildtier zu verwechseln.
Insbesondere bei Luchsen, die außerhalb bekannter Luchsvorkommen gefunden werden
(Lebendfänge und Totfunde) und bei solchen, die ein auffällig vertrautes Verhalten zeigen,
sollte versucht werden, die Herkunft des Tieres durch genetische Untersuchungen abzuklä-
ren.
C1 - eindeutiger Nachweis
Lebende Tiere gelten als eindeutiger Luchsnachweis, wenn
das Tier von einer erfahrenen Person als Luchs identifiziert wurde ODER
durch eine genetische Untersuchung bestätigt wurde, dass es sich um einen Luchs han-
delt.
Dokumentation
Feldprotokoll (lebend gefangenes Tier) UND
Fotodokumentation:
- Porträtaufnahmen,
- Aufnahme des ganzen Körpers mit einem eindeutigen Größenvergleich zur Artbestim-
mung,
- Seitenansicht links und rechts zur individuellen Identifikation anhand des Fellmusters.
Evtl. Laborbericht Genetik.
6.2.1.2 Totfunde
Für Totfunde gilt im Prinzip das Gleiche wie für lebende Tiere. Erschwerend kann hinzu-
kommen, dass das tote Tier nicht mehr intakt (z. B. bei Verkehrsunfällen) oder bereits stark
in Verwesung begriffen ist. Hier kann bei Bedarf ein genetischer Test Klarheit schaffen.
Tote Luchse sollten pathologisch untersucht werden, um die Todesursache abzuklären.
C1 - eindeutiger Nachweis
Totfunde qualifizieren als eindeutiger Luchsnachweis, wenn
das Tier von einer erfahrenen Person als Luchs identifiziert wurde ODER
genetische Untersuchungen bestätigen, dass es sich um einen Luchs handelt.

43
Dokumentation
Feldprotokoll (Protokoll Totfund Luchs), UND
Pathologisches Gutachten, UND
Vermerk Verbleib, UND
Fotodokumentation:
- Porträtaufnahmen,
- Aufnahme des ganzen Körpers mit einem eindeutigen Größenvergleich zur Artbe-
stimmung,
- Seitenansicht links und rechts zur individuellen Identifikation anhand des Fellmus-
ters,
Evtl. Ergebnis genetischer Untersuchung.
6.2.1.1 Fotofallenfotos / -videos von Luchsen
Für Fotofallenfotos und -videos von Luchsen gilt im Prinzip das Gleiche wie für lebende
Tiere. Allerdings sollte die Möglichkeit von Fälschungen in Betracht gezogen werden.
C1 - eindeutiger Nachweis
Fotofallenfotos und -videos von Luchsen gelten als eindeutiger Luchsnachweis, wenn
mindestens zwei der folgende Merkmale deutlich zu sehen sind: kurzer Schwanz mit
schwarzer Spitze, Pinsel an den Ohrspitzen, Backenbart, Fellmusterung, lange Beine,
UND
das Tier von einer erfahrenen Person als Luchs identifiziert wurde, UND
ggf. der Standort vor Ort nachgeprüft wurde.
C3 - unbestätigter Hinweis
Fotos auf denen das Tier nicht sicher als Luchs bestätigt, aber auch nicht ausgeschlos-
sen werden kann, qualifizieren als C3.
Dokumentation
Protokoll – Luchshinweis UND
Ggf. Überprüfung Luchsfoto auf Echtheit.
Problematisch sind Aufnahmen mit automatischen Kameras von Dritten. Oft sind die Tiere
bildfüllend abgebildet und gerade bei Nachtbildern lässt sich kaum etwas vom Hintergrund
erkennen. Allerdings sollte es eigentlich immer zahlreiche andere Bilder von Wildtieren oder
Fehlauslösungen vom gleichen Standpunkt geben. Der angegebene Kamerastandpunkt soll-
te auf jeden Fall aufgesucht und auf Glaubhaftigkeit überprüft werden.

44
6.2.1.2 Trittsiegel und Spuren
Einzelne Trittsiegel
Luchse gehören zu den Katzen. Ihre Krallen sind beim Laufen normalerweise eingezogen,
die Pfoten sind rund und die Zehenstellung flexibler als bei den Hundeartigen. Dadurch
entsteht ein für Katzen charakteristischer Abdruck. Durch die Größe des Trittsiegels (6 – 9
cm) lässt sich der Pfotenabdruck eines adulten Luchses eindeutig von dem einer Haus-
oder Wildkatze (4 – 5 cm) unterscheiden. Luchstrittsiegel sind in der Regel eindeutig zu
erkennen.
Da aber Form, Größe und Sichtbarkeit von Krallenabdrücken bei allen Trittsiegeln immer
auch von Untergrund, Gelände, Witterung und Gangart beeinflusst werden, reicht ein ein-
zelnes Trittsiegel nicht aus. Einzelne Trittsiegel von Hund, Dachs, Fischotter oder
(Schnee)Hase können unter bestimmten Bedingungen denen eines Luchses so ähneln,
dass eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist.
C2 - bestätigter Hinweis
Trittsiegel können als bestätigter Luchshinweis gelten, wenn
mindestens drei luchstypische Trittsiegel erkennbar sind.
Dokumentation
Feldprotokoll – Luchshinweis UND
Fotos von mindestens drei Trittsiegeln mit eindeutigem Größenvergleich (Maßstab!).
Trittsiegel, die nur teilweise zu sehen sind (z. B. Ballen nur unvollständig abgedrückt, ein-
geschneit, von anderen Spuren überlagert) zählen nicht als eindeutiges Trittsiegel.
Unscharfe Bilder oder Trittsiegel ohne Größenvergleich zählen ebenfalls nicht als ein-
deutige Trittsiegel.
Spurenfolge
Bei lockerem Pulverschnee, leicht überschneiten oder ausgeschmolzenen Fährten lassen
sich die einzelnen Trittsiegel oft nicht genau erkennen. Man kann allerdings auch aus dem
Verlauf einer Spur Rückschlüsse auf den Verursacher ziehen. Die langen Beine (hoher
Schwerpunkt) und der kurze Schwanz (schlecht zum Balancieren) machen den Luchs zwar
weniger als andere Katzen geeignet, um auf Bäume zu klettern, doch klettert er weit besser
als ein etwa gleich großer Hund oder Wolf. Luchse laufen gerne auf liegenden oder schrä-
gen Baumstämmen, Felssimsen oder Steinmauern und haben kaum Schwierigkeiten, Hin-
dernisse wie z. B. Zäune zu überwinden. Der Schrittabstand variiert je nach Gangart zwi-
schen ca. 80 cm im geschnürten Schritt und ca. 140 cm im geschnürten Trab. Die Spur
eines Luchses kann, wenn die einzelnen Trittsiegel nicht zu erkennen sind, über kürzere
Distanzen und/oder im wenig strukturierten Gelände (z. B. auf Wegen und Forststraßen)
nicht eindeutig von Hund, Wolf, Gams oder Hirsch unterschieden werden, es sei denn, an-
hand des Spurverlaufes lassen sich eindeutige Merkmale von Luchsverhalten erkennen.
C2 - bestätigter Hinweis
Eine Spur kann auch, ohne dass einzelne Trittsiegel erkennbar sind, als bestätigter Luchs-
hinweis gelten, wenn
die Spur über eine längere Strecke (≥ 500m) verfolgt wurde UND

45
am Spurverlauf eindeutige Merkmale von Luchsverhalten erkennbar sind, wie: Balan-
cieren auf linearen Strukturen, Überwinden von Hindernissen, Durchschlüpfe, weitge-
hend linearer Verlauf oder die Spur zum Auffinden eines zusätzlichen Hinweises auf
den Luchs führt. Als zusätzliche Hinweise in unmittelbarem Zusammenhang mit der
Spur gelten: in Luchsmanier verscharrter Luchskot, Luchsrisse oder Markierstellen
(Urinmarken mit charakteristischem Katzengeruch).
Dokumentation
Feldprotokoll – Luchshinweis UND
Fotodokumentation:
-
2 – 3 Übersichtsfotos des Spurverlaufs mit eindeutigem Größenvergleich (Zollstock),
-
Übersicht- und Detailaufnahmen der Abschnitte, die typisches Luchsverhalten zeigen,
-
ggf. Fotos zusätzlicher Luchshinweise jeweils erst unmanipuliert und dann in De-
tailansicht (z. B. erst verscharrter Kot, dann Detailaufnahme Kot unverscharrt).
ggf. Dokumentation Riss, etc.
6.2.1.3 Risse
Die Hauptbeutetiere des Luchses sind mittelgroße Schalenwildarten wie Reh und Gämse, in
manchen Gebieten auch Rothirsche, allerdings eher die jungen oder weiblichen Tiere. Füch-
se, Hasen und Kleinsäuger werden gelegentlich, größeres Schalenwild selten gerissen.
Übergriffe auf Nutztiere betreffen fast ausschließlich Schafe, Ziegen und Gatterwild.
Der Luchs ist ein Überraschungsjäger, der seine Beute durch Ansitz vom Boden aus oder
durch Pirsch erbeutet. Er tötet das Beutetier nach einem kurzen Sprint durch einen gezielten
Biss in die Drossel, seltener in den Nacken. Durch seine spezifische Jagdweise und die Art
der Nutzung sind Risse von Schalenwild sowie von Schafen und Ziegen meist eindeutig dem
Luchs zuzuordnen.
Kleinere Beutetiere (z. B. Füchse, Hasen) oder exotische Beutetiere (z. B. Nandus, Strau-
ße etc.) veranlassen den Luchs auf Grund ihrer geringen Größe oder ungewöhnlichen Ana-
tomie evtl. zu Variationen in der Tötungs- und Nutzungsstrategie und sind daher als bestä-
tigte Hinweise nicht geeignet.
Meldeprämien und Kompensationszahlungen können eine Motivation für Fälschungen von
Luchsrissen sein. In der Regel lassen sich solche Manipulationen bei einer genauen Unter-
suchung aber feststellen.
C1 - eindeutiger Nachweis
Ein Riss gilt als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse ein Luchs am Kadaver
bestätigt wurde.
C2 - bestätigter Hinweis
Ein Riss kann unter folgenden Umständen als bestätigter Luchshinweis gelten, wenn der
Kadaver noch so intakt ist, dass die luchstypischen Merkmale erkennbar sind:
das gerissene Tier ist ein mittelgroßes, typisches Beutetier des Luchses (Reh, Gämse,
Damwild, Sikawild, Rotwildkalb oder ein einjähriges Stück) UND
der Kadaver weist einen typischen Tötungsbiss in die Drossel auf UND
außer dem Drosselbiss sind keine weiteren Bissverletzungen vorhanden UND

46
der Kadaver ist an Keule oder Schulter angeschnitten UND
der Kadaver ist weitgehend zusammenhängend.
Zur Feststellung von Verletzungen und Verletzungsgrad muss ein Riss komplett abgehäu-
tet werden. Nur so lassen sich alle Verletzungen und Unterhautblutungen finden bzw. ober-
flächliche Verletzungen von tiefer gehenden Wunden unterscheiden. Dafür muss der Ka-
daver noch soweit intakt sein, dass die luchstypischen Merkmale erkennbar sind.
An Luchsrissen sind Kratzspuren in der Decke eher selten. Viel öfter sind Kratzspuren dage-
gen bei Hunderissen zu finden. Zur Unterscheidung muss die Haut abgeschärft werden.
Luchskrallen hinterlassen dünne und tiefe Kratzer, wobei jedoch angeritzte Haut auseinan-
derreißen und eine breitere Verletzung vortäuschen kann. Hundekrallen hinterlassen in der
Regel breite und weniger tiefe Kratzer, können aber durchaus Spuren in tieferen Hautschich-
ten hinterlassen.
Dokumentation
Feldprotokoll – Luchsriss UND
Fotodokumentation:
Vor Abhäuten:
-
2 – 3 Übersichtsfotos des Fundortes und der Umgebung (mit ggf. weiteren Hinweisen
wie z.B. Spuren, Haare, Kot),
-
Ganzkörperfotos von beiden Körperseiten (inkl. Rücken, Bauch, Brust)
-
Übersichts- und Detailaufnahmen der Abschnitte, die Verletzungen und Fraßspuren
zeigen mit Maßstab,
Nach Abhäuten:
-
Ganzkörperfotos von beiden Körperseiten (inkl. Rücken, Bauch, Brust)
-
Detailaufnahmen der verletzten und angefressenen Bereiche
-
Übersichtsaufnahme der Fellinnenseite
-
Detailaufnahmen der Fellinnenseite mit evtl. Unterhautblutungen, Zerreißungen,
Kratzspuren, Perforierungen, mit Maßstab
-
Potentielle Bisslöcher = Eckzahnabstand (wenn möglich), mit Maßstab
ggf. Ergebnis Genetikanalyse.
6.2.1.4 Kot (Losung)
Luchskot ist schwer zu finden, da Luchse im Gegensatz zu den Hundeartigen ihren Kot
gerne verscharren. Der Kot besteht aus mehreren 2,5 bis 3 cm dicken Einzelstücken, enthält
viele Schalenwildhaare, Knochensplitter und ist durch den hohen Anteil an Muskelfleisch in
der Nahrung und dem darin enthaltenen Blut dunkel. Im Gegensatz zum Kot der Hundearti-
gen enthält Luchskot keinerlei pflanzliche Nahrungsreste (Früchte, Nüsse etc.). Eine eindeu-
tige Erkennung von Luchskot bleibt jedoch schwierig, es sei denn, er wird genetisch analy-
siert.
C1 - eindeutiger Nachweis
Luchskot gilt als C1-Nachweis, wenn er durch eine genetische Analyse bestätigt wurde.

47
C3 - unbestätigter Hinweis
Für sich allein kann Luchskot nicht als bestätigter Hinweis (C2) gelten.
Dokumentation
Protokoll – Luchshinweis UND
für C1: Ergebnisse genetischer Untersuchungen.
6.2.1.5 Urin / Markierstellen
Territoriale Luchse benutzen Markierstellen. Durch den dort abgesetzten Urin lassen sich
solche Markierstellen am Geruch erkennen. Verwechslungsgefahr mit den Markierstellen
von Haus- und Wildkatze ist gegeben. Im Schnee können auch Urinstellen von Jungluch-
sen gefunden werden. Urin kann dann als Nachweis gelten, wenn die genetische Untersu-
chung den Luchs bestätigt. Schnee mit Urin sollte bis zur genetischen Untersuchung tiefge-
froren aufbewahrt werden.
C1 - eindeutiger Nachweis
Urin kann als C1-Nachweis gelten, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde,
dass er von einem Luchs stammt (z. B. H
AUSKNECHT et al. 2007).
C3 - unbestätigter Hinweis
Für sich allein können Markierstellen nicht als bestätigte Hinweise (C2) gelten.
Dokumentation
Protokoll – Luchshinweis UND
Ggf. Ergebnis der genetischen Untersuchung.
6.2.1.6 Haare
Luchshaare sind in der Regel schwer zu finden. Doch wie jedes Tier verliert auch der Luchs
hin und wieder Haare, wenn er durch dichtes Gebüsch streift oder unter Hindernissen (z. B.
Stacheldraht, umgefallene Bäume) hindurch schlüpft. Auch an Markierstellen (z. B. markante
Felsen, Pfosten) hinterlassen die Tiere oft nicht nur Urinmarken, sondern reiben sich mit ih-
ren Wangen und Flanken an den Objekten und hinterlassen dabei Haare.
Luchshaare lassen sich von Haus- oder Wildkatzenhaaren nicht unterscheiden. Eine mikro-
skopische Untersuchung kann lediglich feststellen, ob ein Luchs ausgeschlossen werden
kann. Lediglich eine genetische Analyse kann den Nachweis auf einen Luchs bringen. Dafür
werden Haarproben in Papier trocken gelagert aufbewahrt.
C1 - eindeutiger Nachweis
Haare können als C1-Nachweis gelten, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wur-
de, dass sie von einem Luchs stammen.
C3 - unbestätigter Hinweis
Für sich allein können Haare lediglich als C3-Hinweis gelten.

48
Dokumentation
Protokoll – Luchshinweis UND
Für C1: Ergebnis der genetischen Untersuchung.
6.2.1.7 Kratzspuren im Gelände
Luchse nutzen Bäume unterschiedlicher Dicke zum Schärfen der Krallen, möglicherweise
auch zum Markieren ihres Territoriums. Diese Kratzbäume sind meist gekennzeichnet durch
lose Baumrindenstücke an der Stammbasis oder mehr oder weniger lange dünne, ausge-
franste Kratzer an rindenlosen Stämmen. Kratzbäume sind sehr selten zu finden (manchmal
in Nähe eines Risses) und die Verwechslungsgefahr mit anderen Ursachen für eine Rin-
denablösung (z.B. Pilzbefall, Schälen / Befraß durch Ungulaten) ist vorhanden.
C3 - unbestätigter Hinweis
Als alleiniges Merkmal können Kratzspuren im Gelände zum Bestätigen eines Luchses ledig-
lich C3 werden.
Dokumentation
Feldprotokoll Luchshinweis UND
Fotos.
6.2.1.10 Sichtungen
Luchse sind bei guten Sichtbedingungen relativ leicht zu erkennen. Jede Sichtbeobachtung
sollte in einem Gespräch mit dem Beobachter auf Stimmigkeit überprüft werden. Abgefragt
werden sollte das beobachtete Verhalten, die Größe und Statur des Tieres, die Entfernung
zum Tier sowie sonstige Auffälligkeiten. Dabei ist darauf zu achten, dass durch die Frage-
stellung die Luchssichtung nicht manifestiert wird (offene Fragen stellen).
Trotzdem ist immer die Gefahr gegeben, dass die Leute etwas sehen, was sie sehen
möchten oder mit ihnen schlicht die „Phantasie durchgeht“. Auch nach der Prüfung auf
Plausibilität einer Sichtbeobachtung bleibt immer eine gewisse Unsicherheit. Auch die Tat-
sache, dass ein Beobachter Jäger, Förster oder Biologe ist, schützt nicht vor Wunsch-
denken oder Irrtum! Anders sieht es aus, wenn der Beobachter das Tier fotografiert hat.
Für Beobachtungen mit Foto- und Videodokumentation von Luchsen gilt im Prinzip das
Gleiche wie für Fotofallenbilder und lebende Tiere. Allerdings lässt sich ein Luchs im Frei-
land nicht ohne weiteres „typisch“ fotografieren. Außerdem besteht bei Fotografien die
Möglichkeit von Fälschungen.
C1 - eindeutiger Nachweis
Beobachtungen mit Foto- und Videodokumentation von Luchsen gelten als eindeutiger
Luchsnachweis, wenn
mindestens zwei der folgende Merkmale auf dem Bildmaterial deutlich zu sehen sind:
kurzer Schwanz mit schwarzer Spitze, Pinsel an den Ohrspitzen, Backenbart, Fellmus-
terung, lange Beine, UND
das Tier von einer erfahrenen Person als Luchs identifiziert wurde, UND

49
auf Grund der Umgebung nicht davon auszugehen ist, dass es sich um eine Gehege-
aufnahme handelt und dies bei vorliegendem Verdacht auf eine Fälschung vor Ort
nachgeprüft wurde.
C3 - unbestätigter Hinweis
Sichtbeobachtungen können ein wichtiges Indiz für eine mögliche Luchsanwesenheit sein,
reichen für sich allein genommen jedoch nicht für eine Bestätigung aus, auch dann nicht,
wenn auf dem ggf. angefertigten Bildmaterial das Tier nicht sicher als Luchs bestätigt, aber
auch nicht ausgeschlossen werden kann.
Dokumentation
Protokoll – Luchshinweis.
Ggf. Überprüfung Luchsfoto auf Echtheit.
Für echte Freilandaufnahmen
spricht, wenn:
- die Landschaft im Hintergrund genug Anhaltspunkte gibt, dass der Standort im Nach-
hinein aufgesucht und bestätigt werden kann;
- der Luchs auf Forststraßen, Loipen oder Wanderwegen fotografiert wurde;
- andere menschliche Einrichtungen / Eingriffe zu sehen sind, die normalerweise nicht
in einem Gehege zu erwarten sind (z. B. Autos, Hochstände, frische Kahlschläge);
- der Luchs ohne entsprechendes Teleobjektiv (ab achtfacher Vergrößerung oder >
400 mm) nicht bildfüllend abgebildet ist.
Für Gehegeaufnahmen
sprechen Bilder, wenn
- der Luchs ohne entsprechendes Teleobjektiv (ab achtfacher Vergrößerung oder >
400 mm) bildfüllend abgebildet ist,
- Strukturen von Maschendraht, Zäunen oder Beton zu erkennen sind,
- abgesägte Baumstämme (stehend oder liegend) mit glatt geriebenen Oberflächen zu
erkennen sind,
- Perspektiven, die auf Aufnahmen von oben hindeuten (Schautribünen, außer bei
Aufnahmen von einem Hochstand).
Die Anzahl der Luchsgehege, die Aufnahmen wie im Freiland ermöglichen, ist vermutlich
stark eingeschränkt. In zweifelhaften Fällen ist eine Abklärung mit der Fellzeichnung von
Tieren aus den bekannten Gehegen (z. B. NP Bayerischer Wald, Tierpark Lohberg) anzu-
raten.
6.2.1.11 Lautäußerungen
Während der Ranzzeit (Februar - April) rufen Luchse wiederholt und ausdauernd. Diese
Rufe ähneln denen von ranzenden Füchsen oder balzenden Eulen.
C3 - unbestätigter Hinweis
Lautäußerungen vom Luchs können nur als C3 bewertet werden.

50
6.2.2 Zusammenfassung Bewertung Luchshinweise
In Tabelle 9 ist zusammenfassend dargestellt, welche Luchshinweise von erfahrenen Per-
sonen als C1 (eindeutiger Nachweis) oder C2 (bestätigter Hinweis) eingestuft werden
kön-
nen,
wenn sie die im vorherigen Kapitel genannten Kriterien erfüllen.
Alle C1-Hinweise sowie jene C2-Hinweise, welche die Grundlage für Vorkommenskarten
und Reproduktionsnachweise sind,
müssen
dokumentiert werden.
Eine Häufung von C3-Hinweisen in Abwesenheit von C1 und C2 sollte als Anlass ge-
nommen werden, das Monitoring zu intensivieren.
Zwei oder mehr miteinander in Zusammenhang stehende Hinweise werden zu einem Er-
eignis (Datensatz) zusammengefasst. Dieses erhält die höhere SCALP-Kategorie. Zum
Beispiel wird eine Spur, die zu einem Riss führt, mit diesem zu einem Ereignis zusammen-
gefasst. Bestätigt die genetische Analyse der am Riss genommenen Probe den Luchs,
wird das Ereignis als C1 eingestuft.
Tab. 9: Luchshinweise und ihre Bewertung (ausführliche Erläuterungen im Text).
C1
C2
C3
Lebendfänge
≥ 3 Trittsiegel
< 3 Trittsiegel
Totfunde
≥ 500m Spur und luchs-
typisches Verhalten
< 500m Spur und/oder kein luchstypi-
sches Verhalten
DNA-Nachweis luchstypischer Riss Komplett genutzter / stark verwester
Riss
Überprüfte Fotos / Videos
(sowohl von Fotofallen als auch
bei Sichtbeobachtungen)
Kot*
Haare*
Markierstellen*
Kratzbäume
Lautäußerungen, sofern keine Auf-
zeichnungen vorliegen
Sichtbeobachtungen ohne Fo-
to/Videobeleg in ausreichender Qualität
Hinweise Dritter, die auf Grund unzu-
reichender Dokumentation keine Be-
stätigung eines Luchshinweises zulas-
sen, aber Luchs möglich / wahrschein-
lich erscheinen lassen.
*ohne DNA Nachweis
Als
falsch
werden eingestuft:
Alle Hinweise, deren Überprüfung ergeben hat, dass es sich nicht um Luchshinweise
handelt.
Alle Hinweise, die auf Grund der Umstände unplausibel erscheinen (z. B. Luchs mit
langem Schwanz).
Keine Bewertung
: Hinweise ohne die mindestens notwendige Dokumentation, die eine
Einschätzung ermöglicht.

51
6.2.3 Methoden zum Feststellen von Vorkommen und Populationsgrößen
6.2.3.1 Vorkommen (
Occurence
) nach FFH
Sammeln von Zufallshinweisen
Eine 10*10 km ETRS89-Rasterzelle gilt als besetzt (Luchsvorkommen), wenn während
eines Monitoringjahres mindestens ein C1-Nachweis oder zwei C2-Hinweise für dieses
Gebiet dokumentiert wurden.
Die Dichte und Verteilung von zufälligen Luchshinweisen kann entscheidend für die Entde-
ckung neuer Luchsvorkommen sein und liefert wichtige Informationen zu Ausbreitung und
Trend des Luchsvorkommensgebietes. Die Art der Hinweise kann zudem auf mögliche Ge-
fährdungen (z. B. gehäufte Straßenmortalität) oder Konflikte (z. B. häufige Sichtbeobach-
tungen, Luchsübergriffe auf Nutztiere) aufmerksam machen.
Bei sporadischen, aber bestätigten Einzelhinweisen kann auf Grund des zeitlichen und
räumlichen Abstandes zwischen aufeinanderfolgenden Hinweisen unter Umständen darauf
geschlossen werden, ob es sich um ein oder mehrere Individuen handelt. Auch deuten
viele bestätigte Luchshinweise, die sich in einem Gebiet über das gesamte Jahr verteilen,
auf eine permanente Luchspräsenz hin. Ob es sich dabei aber um ein und denselben
Luchs, zwei oder drei Tiere, oder mehrere Tier in Folge handelt, lässt sich ohne Zusatzin-
formationen (z. B. Fotos von Jungtieren oder parallele Spuren von mehr als einem Luchs)
nicht sagen. Ohne eigenes, aktives Monitoring bleibt es allein dem Zufall überlassen, ob
solche Zusatzinformationen gesammelt werden.
An Hand der Hinweisdichte und Verteilung kann jedoch nicht verlässlich auf die Größe ei-
ner Luchspopulation geschlossen werden (B
REITENMOSER et al. 2006). Der Status eines
Luchses (territorialer, abwandernder oder nicht-territorialer „Floater“), das individuelle Ver-
halten (z. B. scheu – wenig scheu), die Witterung (z. B. Schneelage), das Gelände (z. B.
offen oder dicht bewachsen) und die Intensität der menschlichen Präsenz (z. B. Winter-
sportaktivität) sind alles Faktoren, die die Hinweisdichte beeinflussen können.
Ein einzelner abwandernder Luchs kann große Strecken zurücklegen (50-200 km) und so-
mit Nachweise in zahlreichen Rasterzellen generieren. Ein weniger scheuer Luchs hat hö-
here Chancen, gesehen und fotografiert zu werden als ein scheuer Luchs. Luchse, die in
den Mittelgebirgen oder Alpen auf einer Höhe mit stabiler Schneelage leben, haben eine
höhere Chance, gefährtet zu werden, als Luchse im Tiefland. Luchse in reinen Wald-
gebieten sind weniger sichtbar als solche in offenen Landschaften (z. B. alpine Weiden,
Wald-Feld Landschaften). Neben dem Verhalten des Luchses spielt auch das Verhalten
der Menschen im Luchsgebiet eine große Rolle. Wo es kaum Wege gibt oder die Land-
schaft wenig attraktiv ist, gibt es in der Regel auch weniger Naturnutzer und damit eine
geringere Wahrscheinlichkeit, auf Luchshinweise aufmerksam zu werden. Doch schon ein
einzelner Luchsfang mit ausreichend Zeit und Motivation kann unverhältnismäßig viele
Luchshinweise generieren.
Fazit:
Daten zur Luchsanwesenheit können durch Zufallsmeldungen gewonnen werden.
Die Dichte und Verteilung von Luchshinweisen liefert wichtige Hinweise auf das Vorkom-
mensgebiet und kann Gebiete aufzeigen, in denen das Monitoring verbessert werden
muss. Allerdings kann von Zufallshinweisen allein nicht auf die Populationsgröße rückge-
schlossen werden. Zudem ist der Einfluss von zufälligen Faktoren umso größer, je kleiner
das jeweilige Luchsvorkommen ist.

52
Aufwand:
Die Personal- und Reisekosten, die für die Evaluierung von Luchshinweisen
anfallen, lassen sich schwer abschätzen, da der Zeit- und Fahraufwand stark von der An-
zahl Luchse, der Meldehäufigkeit und der räumlichen Verteilung der Hinweise abhängt.
6.2.3.2 Populationsgröße und Reproduktionsnachweis
Fotofallen
Luchse weisen ein individuell unterschiedliches Fellmuster auf, ähnlich einem menschli-
chen Fingerabdruck. Dies ermöglicht es, einen Luchs an Hand eines Fotos eindeutig zu
identifizieren und auf späteren Fotos wieder zu erkennen (L
AASS 1999, HEILBRUNN et al.
2003, Z
IMMERMANN et al. 2008). Dadurch ist es möglich, die Größe einer Luchspopulation
mit systematisch platzierten Fotofallen über so genannte „Fang-Wiederfang“-Methoden
statistisch zu berechnen (z. B. mit dem Software Programm MARK®
http://welcome.warnercnr.colostate.edu/~gwhite/mark/mark.htm).
Der große Vorteil dieser
„Fang-Wiederfang“-Statistik ist, dass sie nicht nur eine Schätzung der Populationsgröße,
sondern auch ein Maß für die Güte dieser Schätzung liefert (z. B. L
AASS 1999, ZIMMER-
MANN
et al. 2008).
Da das Fleckenmuster auf der linken und rechten Seite unterschiedlich ist, muss der
Luchs, wenn er bei einem zweiten Foto wieder erkannt werden soll, simultan von beiden
Seiten fotografiert werden. Jeder Fotofallenstandort muss daher mit zwei leicht versetzten,
sich gegenüberstehenden Kameras bestückt werden. Für die Güte der Populationsschät-
zungen ist es daher wichtig, möglichst viele Luchse beidseitig zu fotografieren (B
REITEN-
MOSER et al. 2006).
Bei kleinen Populationen (≤10 Luchse) ist die „Fang-Wiederfang“-Statistik nicht robust ge-
nug. Hier empfiehlt es sich, über einen opportunistischen Fotofalleneinsatz die Ausbeute
an Luchsfotos zu maximieren, um eine Minimumzählung zu bekommen.
Fotofallen an Rissen sind außerdem geeignete Mittel, um Reproduktion nachzuweisen. Die
Chance, eine Luchsin und ihre Jungen am Riss zu fotografieren, ist gerade in den Som-
mermonaten, in denen die Jungen die Mutter noch nicht auf die Jagd begleiten, ungleich
höher, als die Familie auf einem Wechsel zusammen zu erfassen.
Fazit:
Fotofallen sind für kleine wie für große Luchspopulationen derzeit die effizienteste
und genaueste Methode, um die Größe und den Trend einer Luchspopulation zu bestim-
men. Zudem ermöglichen sie die Erfassung von Reproduktion.
Opportunistisches Fotofallenmonitoring für kleine Vorkommen (≤10 Luchse)
Für ein opportunistisches Fotofallenmonitoring sollten pro Luchsvorkommen mindestens 20
Fotofallen (zehn mit Infrarotblitz, zehn mit Infrarot- oder Normalblitz) zur Verfügung stehen.
Gute Erfahrungen gibt es inzwischen mit digitalen Modellen (z. B. Cuddeback®, Reconyx®,
Trailmaster®). Preislich bewegen sich die unterschiedlichen Modelle derzeit zwischen 200
und 600 €.
Wo Luchse bereits bestätigt wurden, sollten einzelne Kameras an allen bestätigten und
möglichen Luchsrissen mehrere Nächte aufgestellt bleiben. Die Erfahrung zeigt, dass ein
Luchs nicht jede Nacht an einen Riss zurückkehrt. Zudem sollten doppelte Fotofallen auf

53
Wechseln aufgestellt werde, auf denen Luchsspuren bestätigt oder unbestätigte Hinweise
wie Kot, Haare oder Markierstellen gefunden wurden.
Wo Luchse auf Grund von gehäuften C3-Hinweisen vermutet werden, sollten Kameras an
strategisch günstigen Punkten aufgestellt werden (z. B. Zwangswechsel, mögliche Mar-
kierstellen, auf Wegen in der Nähe von Sichtbeobachtungen). Zudem sollten einzelne Foto-
fallen an potentiellen Luchsrissen über mehrere Nächte aufgestellt bleiben.
Ein vermuteter Luchsriss sollte möglichst wenig manipuliert werden, um die Chance auf die
Wiederkehr des Luchses zu erhöhen. Es heißt dann abzuwägen, ob eine eindeutige Identi-
fizierung des möglichen Rissverursachers im Vordergrund steht oder die Möglichkeit eines
Fotonachweises mit individueller Identifikation. Der Riss sollte fixiert werden, damit ihn der
Luchs nicht aus dem Sichtbereich der Kamera ziehen kann.
An Rissen sollten nur Fotofallen mit Infrarotblitz aufgestellt werden. Durch die längere Ver-
weilzeit am Riss wird der Luchs in der Regel mehrmals fotografiert. Während die Luchse
durch einzelne Blitzereignisse auf Wechseln kaum abgeschreckt zu werden scheinen, kön-
nen Blitzlichtgewitter am Riss durchaus zum Aufgeben des Risses führen.
Fazit:
Opportunistisches Fotofallenmonitoring sollte in Deutschland in allen Gebieten mit
sporadischen oder vermuteten Luchsvorkommen betrieben werden. Im Moment sind dies
vor allem Pfälzerwald, Schwarzwald, Eifel, Hessen und Elbsandsteingebirge.
Aufwand:
Personal- und Reisekosten, die für die Evaluierung von Luchshinweisen sowieso anfallen.
4.000 – 8.000 € für Erstanschaffung von 20 automatischen Kameras.
400 – 800 € Materialkosten pro Jahr in den folgenden Jahren, da im Schnitt wohl zwei Ka-
meras pro Jahr zu ersetzen/reparieren sein werden.
1000 € laufende Kosten für Batterien und Zubehör pro Jahr.
Zusätzlich Fahrtkosten für die Betreuung der Fotofallen.
Systematisches Fotofallenmonitoring
Für ein systematisches Monitoring mit Fotofallen sollte ein Untersuchungsgebiet von 600 –
1.000 km² pro Luchspopulation abgedeckt werden. Die Fotofallendichte sollte ein Fotofal-
lenstandort (mit jeweils zwei gegenüberliegenden Kameras) pro 10 – 15 km² betragen. Aus
statistischen und praktischen Gründen ist es sinnvoll, Rasterzellen mit 2,5 km Kantenlän-
ge, also 16 Zellen pro 100 km², zu bestimmen und dann nur jede zweite Zelle mit einer
Fotofalle zu bestücken (Abb. 13). In Summe sind für einen systematischen Fotofallenein-
satz 48 – 80 Standorte (96 – 160 Kameras) nötig.
Das Fotofallenmonitoring sollte kontinuierlich über mindestens zwei Monate im Frühwinter
(Mitte September bis Mitte Dezember) oder im Spätwinter (Februar – April) durchgeführt
werden. Die Fallenstandorte sollten mit Hilfe der Rasterzellen gleichmäßig über das Gebiet
verteilt werden. Innerhalb der ausgewählten Zellen ist allerdings eine möglichst strategi-
sche Platzierung sinnvoll (z. B. auf Zwangswechseln, im Wald, nicht im offenen Gelände).
Sollte das Luchsverbreitungsgebiet in voneinander getrennten bzw. landschaftlich stark
abweichenden Gebieten (siehe mögliche Luchsgebiete in S
CHADT et al. 2002a+b) größer

image
54
als das Untersuchungsgebiet sein, kann die Luchsdichte auf den Rest des Luchsverbrei-
tungsgebietes extrapoliert werden.
Fazit:
Derzeit sind nur die Populationen im Bayerisch-Böhmischen Grenzgebiet und im
Harz groß genug für ein systematisches Fotofallenmonitoring. Sie entsprechen in ihrer
Ausdehnung etwa einem ausreichend großen Untersuchungsgebiet, sollten also komplett
mit einem systematischen Fotofallenmonitoring abgedeckt werden. Bei einer Extrapolation
muss berücksichtigt werden, dass die Dichte außerhalb des Untersuchungsgebiets variie-
ren kann.
Abb. 13: Verteilung von 72 Fotofallenstandorten (rote Punkte) in einem 900 km² großen Untersu-
chungsgebiet (Kantenlänge der kleinen Quadrate = 2,5 km).
Aufwand:
Mit dem Aufstellen und der Betreuung der Fotofallen im Feld sind ein bis zwei Personen
(eine Person für bis zu 50 Standorte, zwei Personen >50 Standorte) voll beschäftigt. Für
die Archivierung und Analyse der Bilder sowie die statistische Analyse ist mit weiteren zwei
Personen-Monaten zu rechnen.
4 – 5 Personen-Monate Fotofallenmonitoring und Auswertung pro Jahr.
20.000 – 40.000 € Erstanschaffung für 100 Kameras.
1.000 – 2.000 € Materialkosten pro Jahr in den folgenden Jahren, da im Schnitt wohl fünf
Kameras pro Jahr zu ersetzen/reparieren sein werden.
2.000 € laufende Kosten für Batterien und Zubehör pro Jahr.
Zusätzlich Fahrtkosten für die Betreuung der Fotofallen.

55
6.2.3.3 Genetik
Während Genetik zunehmend zur Bestandschätzung bei Braunbären verwendet wird, ist
die Methode bei Luchsen bisher unüblich. Noch wurde in keinem Gebiet Europas ein gene-
tisches Monitoring erfolgreich zur Schätzung von Luchsbeständen angewendet. Dies liegt
unter anderem daran, dass Luchskot schwer zu finden und der Aufwand für den Betrieb
von Haarfallen wegen der geringen Dichte der Luchse sehr aufwändig ist (S
CHMIDT und
K
OWALCZYK 2006). Genetische Analysen sind zudem teuer und liegen meist erst zeitverzö-
gert vor (aus Kostengründen werden in der Regel erst zahlreiche Proben gesammelt und
dann in einem Arbeitsschritt zusammen analysiert).
Da sich Luchse auf Grund ihres Fleckenmusters auch an Hand von Fotos individuell identi-
fizieren lassen, ist die Fotofallen-Methode im Moment effektiver und billiger als ein geneti-
sches Monitoring. Allerdings können Fragen zur Herkunft einzelner Luchse oder möglicher
Inzuchtprobleme nur über genetische Analysen geklärt werden (H
ELLBORG et al. 2002,
B
REITENMOSER-WÜRSTEN und OBEXER-RUFF 2003, RUENESS et al. 2003). Zudem können
genetische Analysen Aufschluss über Reproduktion liefern, und mit ihrer Hilfe können
Stammbäume erstellt und wichtige Informationen zum Populationszustand ermittelt wer-
den. In Einzelfällen kann die genetische Analyse von Haaren oder Kot die Anwesenheit
von Luchsen in einem Gebiet bestätigen (M
CKELVEYA et al. 2006). In Populationen, die
eine geringe Fellfleckung aufweisen, kann es schwierig sein, Luchse eindeutig zu identifi-
zieren. Erste Erfahrungen aus dem Harz deuten in diese Richtung (O. A
NDERS, pers.
Mittlg., Nationalpark Harz). Auch ein hoher Besucherdruck im Wald kann, wenn er mit
Diebstahl und Vandalismus einhergeht, den Einsatz von Fotofallen stark behindern.
Aufgrund dieser Vorteile mag sich die Wertschätzung der genetischen Analyse in Zukunft
erhöhen. Weitere methodische Entwicklungen sind im Auge zu behalten.
Fazit:
Ein genetisches Monitoring ist wegen fehlender Erfahrung derzeit nur bedingt für die
Bestimmung von Größe und Trend einer Luchspopulation geeignet. Für spezifische Einzel-
fragen sind genetische Untersuchungen jedoch unerlässlich. Für Fragen der Populations-
schätzung ist die weitere Entwicklung der genetischen Probensammlung zu beobachten.
Aufwand:
Personal- und Reisekosten, die für die Evaluierung von Luchshinweisen sowieso anfallen.
100 – 500 € / Probe.
6.2.3.4 Telemetrie
Radiotelemetrie ist ein gängiges Werkzeug der Wildtierforschung. Mit Hilfe von sender-
markierten Individuen können klassische Daten zur Raumnutzung (Wanderdistanzen und
Wege, Territoriengröße) und Aktivität (Ruhe und Aktivitätsphasen über den Tag, die Saison
oder das Jahr) gesammelt werden (z. B. B
REITENMOSER et al. 1993, HERFINDAL et al. 2005).
Die neue GPS-Technologie macht es zudem möglich, durch eine hohe Peilfrequenz auch
Risse zu finden oder sogar Interaktionen zwischen besenderten Tieren der gleichen Art
(Sozialverhalten) oder anderen Arten (Räuber-Beute, Konkurrenz) zu dokumentieren. Auch
können auf Grund eines veränderten Bewegungsmusters wichtige Informationen der Popu-
lationsdynamik gewonnen werden. So könnte ein verkleinerter Aktionsradius und die wie-
derholte Rückkehr an denselben Ort bei einem Luchsweibchen auf Reproduktion hindeuten
oder ein stationäres Signal über mehr als 24 Stunden auf einen Todesfall.

56
Die neuen technischen Entwicklungen bei GPS / GSM Sendern (die im Halsband gespei-
cherten GPS Daten werden über das GSM Netz an die Bearbeiter verschickt) machen ei-
nen ständigen Kontakt zu den besenderten Tieren zwar entbehrlich, doch bleibt die Metho-
de trotzdem aufwändig. Zur Besenderung müssen die Tiere gefangen werden. Um aber
Dichten oder Trends in der Population abschätzen zu können, müssen zahlreiche benach-
barte Tiere beiderlei Geschlechts über den gleichen oder zumindest überlappende Zeit-
räume überwacht werden.
In einer solch intensiv überwachten Luchspopulation kann die Effektivität und Präzision
anderer Monitoringmethoden getestet bzw. geeicht werden (L
INNELL et al. 1998, LINNELL et
al. 2005, B
REITENMOSER et al. 2006). Die Größe und Variation durchschnittlicher Streif-
gebiete kann als Referenzwert für die Schätzung der Populationsgröße in weniger intensiv
überwachten, lebensräumlich ähnlichen Gebieten dienen (L
INNELL et al. 1998, ANDREN et
al. 2002).
Fazit:
Radiotelemetrie ist für ein großflächiges Populationsmonitoring nicht geeignet. Zur
Beantwortung von Fragen zur Abwanderung und Raumnutzung ist sie jedoch nach wie vor
die Methode der Wahl. Auch kann die Telemetrie ein Hilfsmittel sein, um Reproduktion und
Mortalität zu dokumentieren (z. B. A
NDRÉN et al. 2006). In Referenzgebieten richtig ange-
wendet, sind die Ergebnisse von Telemetriestudien wichtig zur Überprüfung und Kalibrie-
rung anderer Monitoringmethoden.
Aufwand:
ca. 34.000 € für 10 GPS / GSM Sender.
10.000 € Fallen- und Fangmaterial Erstanschaffung.
Je nach Fragestellung und Gelände ein schwer zu kalkulierender zusätzlicher Aufwand an
Personal- und Reisekosten.
6.2.3.5 Ausfährten
Die Suche nach Spuren von Wildtieren gehört zu den klassischen Methoden der Wild-
tierforschung. Allerdings ist die Methode stark von den Witterungsverhältnissen des Gebie-
tes und des jeweiligen Jahres abhängig. Am besten sind die Bedingungen in den schnee-
reichen Hochlagen der Mittelgebirge oder in den Alpen. Auch in sandigen Gebieten können
immer wieder Spuren gefunden und ausgegangen werden.
Systematisches Ausfährten ist zeit- und personalaufwendig. Auch fehlt die statistische Ab-
sicherung, ob und in welchem Maß von Spurenanzahl und -dichte wirklich auf Luchsanzahl
und -dichte geschlossen werden kann (L
INNELL et al. 1998, BREITENMOSER et al. 2006).
Großangelegte Aktionen mit vielen Freiwilligen erscheinen zwar auf den ersten Blick preis-
günstig und als gute Gelegenheit zur Einbindung der lokalen Bevölkerung. Auf den zweiten
Blick sind sie aber mit großem Organisationsaufwand verbunden. Auch lässt die Datenqua-
lität wegen der unterschiedlichen Vorkenntnisse der Freiwilligen oft zu wünschen übrig.
Trotzdem kann opportunistisches Ausfährten wichtige Zusatzinformationen liefern, z. B.
über Reproduktion oder über die Nutzung von potentiellen Korridoren. Kommen aus einem
Gebiet gehäuft unbestätigte Luchshinweise, sollte die aktive Suche nach Spuren, neben
dem opportunistischen Fotofalleneinsatz, das Mittel der Wahl sein. Auf günstige Schnee-
bedingungen muss dabei flexibel reagiert werden können. Dies hat vor allem organisatori-

57
sche Konsequenzen. Ausfährten ist in Gebieten mit nur kurzfristigen Schneelagen lediglich
dann Erfolg versprechend, wenn die Personen rasch verfügbar sind. Wo Schnee oder
Sand fehlen, ist Ausfährten keine Option.
Fazit:
Opportunistisches, aktives Ausfährten kann lokal eine exzellente Methode sein,
Luchspräsenz oder sogar Reproduktion zu bestätigen. Zur Bestimmung von Größe oder
Trend einer Luchspopulation ist die Methode wegen der unsicheren Schneelage und ihrer
unsicheren statistischen Güte in Deutschland jedoch nicht geeignet.
Aufwand:
Die Personal- und Reisekosten, die für ein aktives, opportunistisches Ausfährten anfallen,
lassen sich schwer abschätzen, da der Zeit- und Fahraufwand stark von der räumlichen
Verteilung der Hinweise abhängt.

58
6.3 Handbuch Wolfsmonitoring
6.3.1 Bewerten von Wolfshinweisen
6.3.1.1 Lebende Tiere
Lebende Tiere können Wölfe sein, die für ein Forschungsprojekt (z. B. für Besenderung) ge-
fangen wurden, sowie verletzte oder kranke Wölfe oder verwaiste Welpen, die vorüber-
gehend in menschliche Obhut genommen wurden.
Bei Wölfen besteht grundsätzlich eine Verwechslungsgefahr mit Hunden, insbesondere mit
nordischen Hunderassen, Tschechoslowakischen und Saarloos Wolfhunden sowie Schäfer-
hundmischlingen. Daher muss die Identität des betreffenden Individuums sorgfältig überprüft
werden (das gilt ebenso für Totfunde und Fotos, siehe unten). Generell ist es wünschens-
wert, die Herkunft des Individuums genetisch abzuklären.
Lebend gefangene Wölfe werden anhand eines Feldprotokolls behandelt. Eine Fotodoku-
mentation wird erstellt und Blut, Haare oder Speichel werden für genetische Analysen si-
chergestellt.
C1 - eindeutiger Nachweis
Ein Lebendfang qualifiziert als C1, wenn
das Tier von einer erfahrenen Person als Wolf identifiziert wurde ODER
genetische Untersuchungen bestätigen, dass es sich um einen Wolf handelt.
Dokumentation
Feldprotokoll (Protokoll Lebendfang Wolf), UND
Fotodokumentation: gesamtes Tier, Details von Kopf, Zähnen, Vorderläufen, Pfoten,
Schwanz, UND
Ergebnis genetischer Untersuchungen.
6.3.1.2 Totfunde
Tot aufgefundene Wölfe werden anhand eines Feldprotokolls behandelt. Eine Fotodoku-
mentation wird erstellt und Blut, Haare oder Speichel werden für genetische Analysen si-
chergestellt. Außerdem wird der Kadaver zur Feststellung der Todesursache an das nationa-
le Referenzzentrum für Totfundmonitoring, das IZW Berlin, verbracht.
C1 - eindeutiger Nachweis
Ein Totfund qualifiziert als C1, wenn:
das Tier von einer erfahrenen Person als Wolf identifiziert wurde ODER
genetische Untersuchungen bestätigen, dass es sich um einen Wolf handelt.
Dokumentation
Feldprotokoll (Protokoll Totfund Wolf), UND
Fotodokumentation: gesamtes Tier, Details von Kopf, Zähnen, Vorderläufen, Pfoten,
Schwanz, UND
Pathologisches Gutachten, UND

59
Vermerk Verbleib, UND
Ergebnisse genetischer Untersuchungen.
6.3.1.3 Fotofallenfotos und -videos
Fotofallenfotos und –videos müssen das Tier entweder von der Seite oder von vorne zeigen,
vorzugsweise in Gesamtansicht. Größe, Zeichnung und Proportionen des Körpers, zumin-
dest aber der Kopf des Tieres müssen klar abgebildet sein. Bei Zweifeln an der Echtheit der
Aufnahme sollte der Standort überprüft werden, um Fälschungen nach Möglichkeit auszu-
schließen.
Problematisch sind Aufnahmen mit automatischen Kameras von Dritten. Oft sind die Tiere
bildfüllend abgebildet, und gerade bei Nachtbildern lässt sich kaum etwas vom Hintergrund
erkennen. Allerdings sollte es eigentlich immer zahlreiche andere Bilder von Wildtieren oder
Fehlauslösungen vom gleichen Standpunkt geben. Der angegebene Kamerastandpunkt soll-
te auf jeden Fall aufgesucht und auf Glaubhaftigkeit überprüft werden.
C1 - eindeutiger Nachweis
Ein Fotofallenfoto oder -video qualifiziert als C1, wenn
das Tier von der Seite oder möglichst vollständig von vorne abgebildet ist; Zeichnung
und Proportionen des gesamten Tierkörpers, mindestens aber des Kopfes deutlich zu
sehen sind oder das Tier eindeutig identifizierbar ist (Senderhalsband, Wolf mit Handi-
cap) UND
das Tier von einer erfahrenen Person als Wolf identifiziert wurde.
C3 - unbestätigter Hinweis
Fotofallenfotos oder -videos, auf denen das Tier nicht sicher als Wolf bestätigt, aber auch
nicht ausgeschlossen werden kann, qualifizieren als C3.
Dokumentation
Feldprotokoll (Fotofallenprotokoll Wolf)
6.3.1.4 Trittsiegel und Spuren
Spuren von Wolf oder Hund sind schwierig voneinander zu unterscheiden. Ein einzelnes
Trittsiegel oder eine Galoppspur genügen dazu nicht. Entscheidend sind Trittsiegel
und
Spurverlauf (Gangart, Verhalten) in Kombination miteinander. Typisch für Wölfe ist der ge-
schnürte Trab, bei dem die Tritte fast perlschnurartig in einer Linie liegen und die Hinter-
pfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten gesetzt werden. Diese energiesparende Gangart ist
bei Wölfen besonders häufig. Die Schrittlänge überschreitet im geschnürten Trab beim adul-
ten Wolf meist 110 cm. Da auch viele Hunde schnüren können, muss eine fragliche Spur
möglichst weit ausgegangen werden.
C2 - bestätigter Hinweis
Spuren adulter Wölfe
können
als C2-Hinweise gewertet werden, wenn folgende Bedingun-
gen erfüllt sind:
die Spur verläuft gerichtet und gleichmäßig im geschnürten Trab,
-
auf festem / flachem Boden / Sand / Schnee mindestens 100 m ODER

60
-
auf weichem Untergrund (Trittsiegel ca. 5 cm tief) mindestens 500 m ODER
-
mindestens 2.000 m im tiefen Schnee (> 10 cm), UND
die durchschnittliche Schrittlänge im geschnürten Trab ist ≥ 110 cm, UND
das Doppeltrittsiegel bzw. wenn messbar das Trittsiegel der Vorderpfote ist ohne Krallen
mindestens 8 cm lang; UND
die Krallen sind stark ausgebildet und gerade, UND
die einzelnen Abdrücke und der Spurverlauf lassen keine Merkmale erkennen, die Wolf
zweifelhaft erscheinen lassen.
In Ausnahmefällen können einzelne Individuen von diesen Angaben abweichen (kleinere
Pfoten, kürzere Schrittlängen, Laufen auf drei Beinen). Spuren dieser Individuen können
trotzdem für C2 qualifizieren, wenn die Spur schlüssig einem bestimmten Individuum zuge-
ordnet werden kann, das als Wolf bestätigt wurde.
Dokumentation
Der geschnürte Trab wird entsprechend des Feldprotokolls (Spurenprotokoll Wolf) ver-
messen und dokumentiert:
Folgende Maße müssen mindestens genommen werden:
-
≥ 3 Schrittlängen UND
-
≥ 3 Pfotenabdrücke, wenn möglich (bei Spurabschnitten im Schritt / schräger
Trab) Länge (ohne Krallen) und Breite von Vorder- und Hinterlauftrittsiegeln, an-
sonsten die Maße von ≥ 3 Doppeltrittsiegeln.
Fotodokumentation:
-
ein Foto der Spur in der umgebenden Landschaft UND
-
ein Foto der Gangart UND
-
ein Foto mit einem Maßstab, das die Schätzung der Schrittlänge ermöglicht UND
-
mindestens fünf Fotos, die verschiedene Tritt-in-Tritt-Abdrücke im Detail zeigen,
mit einem Maßstab;
-
wenn möglich (bei Spurabschnitten im Schritt / schrägen Trab) Fotos von ver-
schiedenen Einzelabdrücken mit Maßstab.
Welpenspuren
Welpenspuren sind in den ersten Monaten nicht von Hundespuren zu unterscheiden. Ihre
Spuren müssen deshalb im engen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang mit C1 und C2
Hinweisen von adulten Wölfen stehen, um als Reproduktionsbestätigung zu gelten.
Im ersten Winter sind Trittsiegel von adulten und juvenilen Wölfen bereits sehr ähnlich. Unter
guten Bedingungen lassen sich Welpentrittsiegel durch ihre dünnen, spitzen Krallen und die
prominenten Ballenabdrücke von Trittsiegeln adulter Wölfe unterscheiden. Um die Anwesen-
heit von Welpen anhand von Spuren bestätigen zu können, ist viel Erfahrung speziell im Er-
kennen von Welpenspuren erforderlich. Eine sorgfältige fotografische Dokumentation der
welpentypischen Merkmale ist unabdingbar.

61
6.3.1.5 Risse
Wölfe ernähren sich in Europa hauptsächlich von den hier vorkommenden wilden Huftierar-
ten sowie in manchen Ländern von Nutztieren (z. B. B
OITANI 1982, MERIGGI et al. 1991,
J
EDRZEJEWSKI et al. 2000, CAPITANI et al. 2004). In der Lausitz ist die Hauptbeuteart der Wöl-
fe das Reh, gefolgt von Rothirsch und Wildschwein. Hasen kommen hier mit einem Fre-
quenzanteil von 4 % in den Kotproben vor (C. W
AGNER 2008, WAGNER et al. 2008).
Risse von wilden Huftieren und Nutztieren können gute Hinweise auf Wölfe sein, wenn sie
typische Merkmale aufweisen. Besonders bei Nutztierrissen ist es jedoch häufig schwer,
Wölfe und Hunde als Verursacher zu unterscheiden. Die Kadaver müssen daher besonders
sorgfältig untersucht und dokumentiert werden.
Durch die Analyse genetischer Proben, die an frischen Kadavern (Zeitpunkt des Risses < 24
Stunden) genommen werden, kann der Verursacher festgestellt werden. Dafür werden an
den Bissstellen Tupferproben genommen. Tupferproben an den Fraßstellen ergeben dage-
gen oft den Nachnutzer (Fuchs) und sollten deshalb nur dann genommen werden, wenn die
Bissstellen nicht mehr erkennbar sind. Die Tupferproben müssen gut getrocknet und bis zur
Untersuchung trocken gelagert werden.
Tote Wildtiere, bei denen der Wolf als Verursacher vermutet wird, sind nach einem Feld-
protokoll zu untersuchen und fotografisch zu dokumentieren. Um festzustellen, wie das ge-
rissene Tier getötet wurde und welche Verletzungen es hat, muss es abgehäutet werden.
Für von Wölfen gerissene oder verwundete Nutztiere gelten häufig Kompensa-
tionsregelungen. Unabhängig vom bestehenden Kompensationssystem, in dem oft auch
zweifelhafte Fälle ausgeglichen werden, sollte für das Monitoring bei den Untersuchungen
dieser Fälle dieselbe Sorgfalt aufgebracht werden, wie für gerissene Wildtiere. Entsprechend
sind bei Nutztierrissen die gleichen Daten aufzunehmen wie bei Wildtierrissen.
Nutztierrisse werden daher ebenfalls anhand eines standardisierten Feldprotokolls aufge-
nommen und fotografisch dokumentiert. Dabei ist es oft besonders wichtig, die näheren Um-
stände zu klären, weil der Wolf dabei oft in eine für ihn unnatürliche Situation gerät (z. B.
viele Beutetiere, die nicht flüchten; Herdenschutzhunde, die beim Fressen stören), was sein
Verhalten beeinflussen kann.
Bei Nutztierrissen ist ein Protokoll Grundlage für das dem Schadensausgleich zugrunde lie-
gende Gutachten. Bei Wildtierrissen werden in der Regel ebenfalls Protokolle ausgefüllt, um
die Evaluierung und eventuelle spätere Analysen (z. B. der Beuteselektion) durchführen zu
können.
C1 - eindeutiger Nachweis
Ein Riss gilt als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse ein Wolf an dem Kada-
ver bestätigt wurde.
C2 - bestätigter Hinweis
Risse können als C2-Hinweise gelten, wenn
der Kadaver komplett abgehäutet wurde und die typischen Merkmale eines Wolfsangriffs
aufweist:
-
gut platzierter Tötungsbiss in den Hals (Drossel oder Genick), bei kleinen Tieren über
den Rücken, der von außen nicht sehr blutig wirkt, unter der Haut aber massive Ver-
letzungen aufweist.

62
-
Wenn andere Bisswunden vorhanden sind, sind diese schwer und lassen sich durch
die Umstände (z. B. Größe des Beutetieres) erklären. Sie sind im oberen Bereich der
Gliedmaßen (Schulter oder Keulen) oder am Hals platziert UND
-
das Tier wurde ≥ 5 m in Richtung der nächsten Deckung gezogen UND
-
≥ 5 kg wurden in der ersten Nacht gefressen UND
-
≥ 50 % der Bisse durchdrangen die Haut UND
-
≥ 50 % der Perforationen durch einzelne Zähne weisen einen Durchmesser > 3 und <
10 mm auf UND
-
der Abstand der Eckzahnperforationen (wenn er gemessen werden kann) liegt zwi-
schen 4 und 5 cm UND
-
wenn mehrere Tiere getötet wurden: Die Tiere mit aufgerissenen Bäuchen sind eben-
falls angefressen; andere sind getötet worden, aber nicht aufgerissen. UND
der Kadaver weist keine wolfsuntypischen Verletzungen, wie Bisse in Rücken, Bauch,
Seiten auf, UND
der Kadaver ist noch nicht so stark genutzt, dass die wolfstypischen Merkmale nicht
mehr erkannt werden können.
Risse von Nutztieren können in ihren Merkmalen u.U. stark von denen gerissener Wildtiere
abweichen. Insbesondere kleine Nutztiere, wie Kamerunschafe, können auch Verletzungen
aufweisen, die bei größeren Huftieren, v.a. aber bei gerissenen Wildtieren, fast nie vorkom-
men (Bisse in den Rücken). Bei Mehrfachtötungen sollten mindestens drei Kadaver abgezo-
gen und dokumentiert werden.
Dokumentation:
Feldprotokoll (Kadaverfund Wild- oder Nutztier), UND
Fotodokumentation:
Vor dem Häuten:
- Überblick der Situation mit dem gesamten Tier
- ggf. Schleppspur
- Gesamtansicht Kadaver von beiden Körperseiten
- Details: Tötungsbiss, weitere Verletzungen, Fraßspuren, Eckzahnabstand (wenn
möglich)
Nach dem Häuten:
- Gesamtansicht Kadaver von beiden Körperseiten (Kadaver und Decke)
- Tötungsbiss (Kadaver und Decke)
- weitere Unterhautblutungen
- Durchmesser der Zahnperforationen mit Maßstab
- Eckzahnabstand (wenn möglich) mit Maßstab
- durchgebissene Knochen, wenn vorhanden
für C1: Ergebnisse genetischer Untersuchungen.

63
6.3.1.6 Kot (Losung)
Wölfe setzen Kot häufig direkt auf Wegen und Wegkreuzungen ab, oft exponiert auf Gelän-
deerhebungen. Der Kot enthält Haare, oft große Knochensplitter und andere Reste von Beu-
tetieren. Normales Hundefutter enthält solche Bestandteile nicht. Da streunende oder verwil-
derte Hunde in Deutschland selten sind, lässt sich Wolfskot in den meisten Fällen anhand
ihrer Bestandteile sowie eines typischen strengen Karnivorengeruchs identifizieren. In den
wenigen Fällen, in denen (große) Hunde mit Teilen von Wildtieren gefüttert werden, ist ihr
Kot nicht von Wolfskot zu unterscheiden. Wolfskot ist dennoch eine bedeutende Informati-
onsquelle, denn er ist nicht nur jederzeit und überall zu finden, sondern repräsentiert auch
die Beutewahl. Frischer Kot liefert genetisches Material seines Urhebers und ist für geneti-
sche Monitoringmethoden die wichtigste Quelle.
Für Nahrungsanalysen (z. B. am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz) wird Kot
nach der Dokumentation tief gekühlt gelagert. Von frischem Kot mit intakter Oberfläche wird
zuvor eine Probe für genetische Analysen abgenommen und in einem Behälter mit Ethanol
(96%) aufbewahrt.
Kot kleiner Welpen lässt sich nicht von dem von Füchsen unterscheiden.
C1 - eindeutiger Nachweis
Kot gilt als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde, dass sie von
einem Wolf stammt.
C2 - bestätigter Hinweis
Kot kann als C2-Hinweis gewertet werden, wenn er
große Knochensplitter, Zähne oder Klauen von Schalenwild enthält, UND / ODER fast
ausschließlich aus den Haaren wilder Huftiere besteht UND
der Durchmesser ≥ 2,5 cm, die Länge ≥ 20 cm ist UND
direkt auf / an einem Weg oder an einer Wolfsspur gefunden wurde (
Vorsicht bei Ver-
dacht auf streunende Hunde!
)
Dokumentation
Feldprotokoll (Losungsprotokoll Wolf), UND
Fotodokumentation:
-
Übersicht, aus der die Position in der Landschaft hervor geht;
-
Großaufnahme mit Maßstab,
Empfohlen wird, den Inhalt von einem erfahrenen Labor identifizieren zu lassen.
für C1: Ergebnisse genetischer Untersuchungen.
6.3.1.7 Urin
Territoriale Wölfe hinterlassen häufig Urinmarkierungen. Sie können von Hundemarkierun-
gen nicht unterschieden werden. Im Zusammenhang mit einer Spur liefern sie jedoch die
Information, dass es sich um einen territorialen Wolf handelt. Deshalb wird bei der Doku-
mentation von Spuren im Schnee immer auf Urinstellen geachtet und die Position im Ver-
hältnis zu den Trittsiegeln festgehalten. Junge Wölfe hocken sich zum Urinieren meist hin,
während die Territoriumsinhaber häufig seitlich gegen Erhöhungen markieren.

64
Urin kann nur auf Grund einer DNA-Analyse als Wolfsnachweis gelten (H
AUSKNECHT et al.
2006). Schnee mit Urin sollte bis zur Analyse eingefroren gelagert werden. Aus Urinproben,
die von sandigem Grund genommen wurden, ist nur sehr schwer genügend genetisches Ma-
terial zu gewinnen.
C1 - eindeutiger Nachweis
Urin gilt als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde, dass er von
einem Wolf stammt.
Dokumentation:
Feldprotokoll UND
Ergebnis genetischer Untersuchung.
6.3.1.8 Haare
Wolfshaare lassen sich nicht von Hundehaaren unterscheiden. Eine mikroskopische Unter-
suchung kann lediglich feststellen, ob ein Wolf (Canide) ausgeschlossen werden kann. Le-
diglich eine genetische Analyse kann den Nachweis für einen Wolf erbringen. Dafür werden
Haarproben in Papier trocken gelagert.
C1 - eindeutiger Nachweis
Haarproben gelten als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde,
dass sie von einem Wolf stammen.
Dokumentation:
Feldprotokoll UND
Ergebnis genetischer Untersuchung.
6.3.1.9 Sichtungen
Sichtbeobachtungen werden in einem Feldprotokoll mit den näheren Umständen der Be-
obachtung und einer Beschreibung des Aussehens und des Verhaltens des Tieres dokumen-
tiert.
Für Beobachtungen mit Foto- und Videodokumentation von Wölfen gilt im Prinzip das Glei-
che wie für Fotofallenbilder. Fälschungen sind dabei nach Möglichkeit auszuschließen.
C1 - Nachweis
Eine Sichtbeobachtung qualifiziert dann als C1, wenn die dabei angefertigte Aufnahme (Foto
/ Video)
das Tier von der Seite oder möglichst vollständig von vorne zeigt; Zeichnung und Propor-
tionen des gesamten Tierkörpers, zumindest aber des vorderen Bereiches, deutlich zu
sehen sind oder das Tier eindeutig identifizierbar ist (Senderhalsband, Wolf mit Handi-
cap) UND
das Tier von einer erfahrenen Person als Wolf identifiziert wurde.

65
C3 - unbestätigter Hinweis
Sichtbeobachtungen ohne Fotodokumentation können nicht bestätigt werden und qualifizie-
ren deshalb grundsätzlich als C3-Hinweis. Sichtbeobachtungen mit Fotos oder -videos auf
denen das Tier nicht sicher als Wolf bestätigt, aber auch nicht ausgeschlossen werden kann,
qualifizieren ebenfalls als C3.
Dokumentation:
Feldprotokoll (Protokoll Wolfssichtung)
Ggf. Foto / Video.
6.3.1.10 Heulen
Manche Hunde können heulen wie Wölfe. Grundsätzlich lässt sich deshalb das Heulen eines
einzelnen Tieres nicht eindeutig einem Wolf zuordnen, und Berichte von heulenden Wölfen
lassen sich nicht bestätigen. Dies gilt auch, wenn das Heulen auf Tonträger aufgenommen
wurde. Trotzdem kann Heulen ein wertvoller Hinweis auf Wolfsanwesenheit sein.
Wird über Chorheulen berichtet, insbesondere mit Welpen, so kann dies Anlass sein, in dem
Gebiet umgehend nach Spuren und Kot zu suchen, sofern in diesem Gebiet Reproduktion
noch nicht bestätigt wurde. Gegebenenfalls kann eine organisierte Heulanimation durchge-
führt und wenn möglich die Antwort auf Tonträger aufgenommen werden.
C2 - bestätigter Hinweis
Heulen kann nur dann als C2-Hinweis qualifizieren, wenn
Chorheulen durch eine Heulanimation unter Leitung einer erfahrenen Person ausgelöst
wurde.
Vorsicht Hundezwinger!
Dokumentation:
Feldprotokoll UND
Aufnahme auf Tonträger.

66
6.3.2 Zusammenfassung Bewertung Wolfshinweise
In Tabelle 10 ist zusammenfassend dargestellt, welche Wolfshinweise von erfahrenen Per-
sonen als C1 (eindeutiger Nachweis) oder C2 (bestätigter Hinweis) bewertet werden
können,
wenn sie die im vorherigen Kapitel genannten Kriterien erfüllen.
Werden die Hinweise von den Fachleuten nicht selbst vor Ort überprüft, so ist eine Doku-
mentation entsprechend der Vorgaben in Kapitel 6.3.1 zwingend. Außerdem
müssen
alle C1-
sowie die C2-Hinweise, welche die Grundlage für Vorkommenskarten, Populationsgröße und
Reproduktionsnachweise sind, dokumentiert werden.
Eine Häufung von C3-Hinweisen, in Abwesenheit von C1 und C2, sollte als Anlass genom-
men werden, das Monitoring zu intensivieren.
Zwei oder mehr miteinander in Zusammenhang stehende Hinweise werden zu einem Er-
eignis (Datensatz) zusammengefasst. Dieses erhält die höhere SCALP-Kategorie. Zum
Beispiel wird Kot, der an einer Spur liegt, mit dieser zu einem Ereignis zusammengefasst.
Bestätigt die genetische Analyse der Kotprobe den Wolf, wird das Ereignis als C1 einge-
stuft.
Tab. 10: Wolfshinweise und ihre Bewertung (ausführliche Erläuterungen im Text).
C1
C2
C3
Lebendfänge
Wolfstypische Spur im ge-
schnürten Trab (mind. 100 / 500
/ 2000 m je nach Untergrund)
Einzelne Trittsiegel
Totfunde
Wolfstypischer Kot auf Wegen /
an Wolfsspur
Spuren in anderen Gangarten als ge-
schnürter Trab
DNA-Nachweis (auch Haplotyp
allein)
Wolfstypischer Riss
Stark genutzte Risse
Überprüfte Fotos / Videos
(sowohl von Fotofallen als auch
bei Sichtbeobachtungen)
Chorheulen, durch Heul-
animation ausgelöst
Wolfstypischer Kot abseits von Wegen /
Wolfsspur
Telemetrielokalisationen Haare*
Urin*
Heulen
Sichtbeobachtungen ohne Fo-
to/Videobeleg in ausreichender Qualität
Hinweise Dritter, die auf Grund unzu-
reichender Dokumentation keine Bestä-
tigung eines Wolfshinweises zulassen.
*ohne DNA-Nachweis
Als
falsch
werden eingestuft: Alle Hinweise, deren Überprüfung ergeben hat, dass es sich
nicht um Wolfshinweise handelt.
Keine Bewertung
: Hinweise ohne die mindestens notwendige Information, die eine Ein-
schätzung ermöglicht.

67
6.3.3
Methoden zum Feststellen von Vorkommen und Populationsgrößen
6.3.3.1 Vorkommen (
Occurence
) nach FFH
Sammlung von Zufallshinweisen
Ein Gebiet gilt als Wolfsvorkommen, wenn eine Zelle des ETRS LAEA 5210 10 km -Rasters
während eines Monitoringjahres mindestens einen C1-Nachweis oder drei voneinander un-
abhängige C2-Hinweise aufweist.
Die Sammlung von Zufallshinweisen (passives Monitoring) erfordert im ersten Schritt keine
eigene Feldarbeit, sondern besteht im Sammeln, Auswerten und Analysieren von Informatio-
nen, die zufällig anfallen, z. B. das Untersuchen tot gefundener Wölfe, das Auswerten von
Nutztierübergriffen, direkte Beobachtungen, die von der Bevölkerung gemeldet werden, oder
Umfragen. Bei der Interpretation der Daten ist Vorsicht geboten, da die Gefahr von systema-
tischen Abweichungen gegeben ist (siehe Kapitel 4.2).
Häufige Hinweise aus Gebieten, in denen Wölfe bisher nicht nachgewiesen wurden, sollten
Anlass sein, aktiv nach Wolfshinweisen zu suchen. Allerdings besteht beim Wolf immer die
Gefahr der Verwechslung mit Hunden. Außerdem ist die Tierart sehr stark emotional besetzt
und Medienberichte können eine regelrechte Welle von Wolfsbeobachtungen provozieren.
Wiederholte Sichtungen wirken dann oft geradezu infektiös. Bei mehr als fünf Millionen Hun-
den in unserem Land liegt es auf der Hand, dass viele von ihnen, v. a. wolfsähnliche Rassen
wie Huskies oder Tschechoslowakische Wolfhunde, für Wölfe gehalten werden können. Zu
entscheiden, ob zweifelhaften Hinweisen nachgegangen werden soll, ist Sache der mit dem
Wolfsmonitoring beauftragten Personen.
Problematisch sind Umfragen, weil Beobachtungen, Spuren oder andere Hinweise wegen
mangelnder Erfahrung oft nicht korrekt interpretiert werden (E
LGMORK et al. 1976, VAN Dyke
& B
ROCKE 1987a, b, zit. in LINNELL et al. 1998).
Jeder tot aufgefundene Wolf ist es wert, gründlich nach einem standardisierten Verfahren
untersucht zu werden, weil er eine Quelle wichtiger Informationen ist. Das IZW Berlin bietet
sich dafür als nationales Referenzzentrum für das Totfundmonitoring bei Wölfen an. Bei der
Interpretation von Daten wie Todesursachen oder Altersklassenverteilung ist zu berücksich-
tigen, dass diese Daten mit Sicherheit nicht zufällig verteilt sind.
Fazit:
Passives Monitoring allein ist nicht geeignet, um Vorkommensgebiete sicher abzu-
grenzen. Trotzdem sind Informationen aus zweiter Hand bzw. Zufallsbeobachtungen in das
Monitoring aufzunehmen, wenn auch mit gegebener Vorsicht zu interpretieren. Umfragen
scheinen in Deutschland zur Feststellung von Wolfsvorkommen wenig geeignet.
Suche nach Anwesenheitshinweisen
Bei der am weitesten verbreiteten Methode zur Bestätigung von Wölfen werden Transekte
(Forststraßen, Geländelinien, Gitternetzlinien u. a.) oder bestimmte, vorher ausgewählte Ge-
biete auf Wolfshinweise (Spuren, Kot) abgesucht. Dadurch werden Daten zur An- bzw. Ab-
wesenheit von Wölfen erhalten. Da Wölfe gerne Forststraßen nutzen und dort auch Kot ab-
setzen, sollten solche Straßen, Wege und Pfade wiederholt zu Fuß oder mit dem Fahrrad
abgesucht werden. Die Methode ist arbeitsaufwändig, aber einfach. Allerdings ist es deutlich
einfacher, Wolfshinweise in den (bekannten) Kerngebieten der einzelnen Rudel / Paare zu
finden, als in den Randbereichen, wo der dafür nötige Personalaufwand erheblich höher ist.

68
Oft fehlt hierfür schlicht die personelle Kapazität, um die entsprechenden Rasterzellen zu
untersuchen.
Zukünftig könnten
Scent Dogs
, das sind Hunde, die für das Anzeigen von Hinweisen be-
stimmter Tierarten ausgebildet wurden, diese Arbeit erleichtern (e.g. VYNNE
et al. 2011). Ein
Testen dieser Methode, vor allem in Gebieten mit vermuteter Neuetablierung und in Randbe-
reichen von Vorkommensgebieten wird empfohlen.
Abspüren bei Schnee
Schnee ist ideal zur Bestätigung von Wölfen. Die klimatischen Bedingungen dazu herrschen
in Deutschland aber nur in den Gebirgen. Im Flachland reicht die Schneedecke für ein sys-
tematisches Abspüren in der Regel nicht aus. Wenn sich die Gelegenheit bietet, sollte sie
allerdings unverzüglich genutzt werden. Bei mäßigem Schnee bietet sich das Abfahren von
(Forst-)Wegen mit dem KFZ an. Mindestens zwei im Abspüren erfahrene Personen sollten
sich dabei in jedem Fahrzeug befinden. Während der langsamen Fahrt wird zu beiden Seiten
bei offenem Fenster nach Spuren Ausschau gehalten. Wolfsspuren sind zur Bestätigung
mindestens 500 m zu verfolgen (siehe 6.3.1.4). Im Gebirge kann in der Regel nur zu Fuß
oder per Ski abgefährtet werden. Das bedeutet, dass in der Regel mehr Personen zum Ab-
suchen eines Gebietes benötigt werden, als unter Schneebedingungen im Flachland. Frische
Wolfsspuren sollten stets rückwärts ausgegangen werden, um die Tiere nicht zu stören.
Fotofallen
Fotofallen können in unklaren Situationen eingesetzt werden, um die Anwesenheit eines
Wolfes zu bestätigen. Die Fallen können an Wasserstellen, eventuell an vom Wolf stammen-
den Rissen oder an Wegen aufgestellt werden, an denen Spuren oder Kot gefunden wurden,
die nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Der Einsatz von Fotofallen kann die Bestäti-
gung von Wölfen anhand von anderen Kriterien selten ersetzen. Es ist unwahrscheinlich,
dass ein Wolf durch eine Fotofalle nachgewiesen wird, ohne vorher Spuren oder Kot hinter-
lassen zu haben. Der Einsatz von Fotofallen ist daher nur in Kombination mit der regelmäßi-
gen Suche nach Anwesenheitshinweisen effektiv.
Fazit:
Die Bestätigung von Wölfen in einem bestimmten Gebiet erfordert in der Regel aktives
Monitoring. Die Suche nach Wolfshinweisen (mit oder ohne Schnee) ist dafür die geeignete
Methode. Sie ist arbeitsintensiv, erfordert aber wenig materielle Ressourcen.
6.3.3.2 Populationsgröße und Reproduktionsnachweis
Reproduktion
Zur Bestätigung von Reproduktion sind C1 oder zwei voneinander unabhängige C2-Hinweise
erforderlich. In vielen Ländern wird Reproduktion im Winter anhand der Spuren im Schnee
nachgewiesen, die ein Rudel hinterlässt. Allerdings sind dies häufig Länder, in denen im
Winter kaum noch Jährlinge im Rudel mitlaufen. In Deutschland ist dies jedoch häufig der
Fall, was die Interpretation der Hinweise erschwert. In Gebieten ohne regelmäßigen Schnee
muss Reproduktion bereits im Sommer und Herbst bestätigt werden. In der Lausitz beginnt
die aktive Suche nach Welpenhinweisen ab Mitte Juni in Gebieten, in denen mindestens
zwei Altwölfe bestätigt wurden. Eine Häufung von Wolfskot auf begrenzter Fläche kann im

69
Mai – September ein Hinweis auf Reproduktion sein. Um die Rendezvousplätze kommt es
oft zu einer Akkumulation von Wolfskot auf Forststraßen und Wegen, die von den Wölfen
nun intensiver genutzt werden als der Rest ihres Territoriums.
In den letzten Jahren hat sich der Einsatz von Fotofallen in Kombination mit der Suche nach
Anwesenheitshinweisen als erfolgreiche Methode zum Nachweis von Reproduktion erwie-
sen. Die Fotofallen werden an Wegen / Wegkreuzungen platziert, an denen sich Wolfshin-
weise häufen und / oder Welpenspuren (z.B. an Pfützen) gefunden wurden. Mit zunehmen-
dem Alter werden die Welpen mobiler, und die Chance, dass sie die auch von den Altwölfen
frequentierten Wege nutzen, wächst. Da manche Wölfe im Laufe des Sommers mehrfach mit
ihren Welpen umziehen, kann es sein, dass man die Suche nach den Aktivitätsschwerpunk-
ten mehrfach wiederholen und die Fotofallenstandorte entsprechend anpassen muss.
Welpen als solche zu erkennen, wird im Laufe des Monitoringjahres immer schwieriger und
erfordert viel Erfahrung. Die meisten Welpen bilden im ersten Winter ein besonders „plüschi-
ges“ Welpenfell aus. Im Spätwinter / Frühling kann es bei einzelnen Tieren jedoch trotz guter
Fotos schwierig sein, sie korrekt als Welpe oder Jährling zu identifizieren. Um Welpenspuren
im Winter von denen älterer Wölfe unterscheiden zu können, werden sehr gute Spurbedin-
gungen benötigt, die nicht überall vorhanden sind. Im Tiefschnee ist dies kaum möglich.
Eine weitere Methode zur Bestätigung von Reproduktion ist die Heulanimation im Sommer.
Dabei wird die Antwort von Wölfen durch Abspielen eines Tonträgers oder durch eigenes
Heulen provoziert. Oft reagieren Welpen eifriger als adulte Wölfe und können auf Grund ihrer
hohen Stimmen als Jungtiere identifiziert werden. Im Allgemeinen ist die Erfolgsrate jedoch
gering und variiert stark, selbst in ein und derselben Region (M
ARBOUTIN 2008). Bei der In-
terpretation ist deshalb Vorsicht geboten. Keine Antwort muss nicht fehlende Reproduktion
bedeuten.
Durch genetische Analysen kann Reproduktion ebenfalls bestätigt werden, allerdings mit
einiger Zeitverzögerung. Inklusive Abfährten im Schnee, setzt auch dies die Suche nach An-
wesenheitshinweisen voraus, um genügend genetische Proben zur Klärung der Verwandt-
schaftsverhältnisse innerhalb des Rudels zu bekommen. Auch hier gibt es immer wieder Fäl-
le, in denen Genetikproben nicht sicher einem Welpen oder Jährling zugeordnet werden
können.
Fazit:
Die Bestätigung von Reproduktion ist meist arbeitsintensiv. Die Suche nach Anwe-
senheitshinweisen und der Einsatz von Fotofallen im Sommerhalbjahr haben sich als erfolg-
reiche Methodenkombination herausgestellt. Genetische Analysen können ebenfalls bei der
Bestätigung von Reproduktion helfen, allerdings mit zeitlicher Verzögerung, und nicht ohne
entsprechende Feldarbeit zum Sammeln der Proben.
Mindestgröße der Population
In den meisten Fällen wird bei Populationen von Wolf, Luchs und Bär auf den Versuch ver-
zichtet, genaue Individuenzahl zu ermitteln. Stattdessen wird oft eine Mindestzahl geschätzt.
Bei Wölfen kann dies die Mindestzahl der ermittelten Rudel sein plus die der markierenden
Paare (Frankreich, Italien / Piemont, Skandinavien, Finnland). Manchmal wird eine Mindest-
und Höchstschätzung der Individuen angegeben. Das ist möglich, wenn die Größe der Rudel
bekannt ist (was in der Regel ebenfalls eine Mindestangabe ist), oder mit Fang-Wiederfang-
Analysen auf genetischer Datengrundlage.

70
Die LCIE empfiehlt, für Wölfe Rudel / Paare statt Individuen zu zählen. Ohnehin werden nur
in wenigen Wolfsregionen die Daten so erhoben, dass eine robuste Angabe von Individuen-
zahlen inklusive Konfidenzintervall möglich wäre. Eine Umrechnung von Rudeln / Paaren in
geschlechtsreife Individuen, wie für die letzten FFH-Berichte erwünscht, ist leicht möglich
(siehe 4.2.2).
Rudel können durch aktive Hinweissuche mit und ohne Schnee, Fotofalleneinsatz oder ge-
netische Analysen festgestellt werden. Dabei müssen mehr als zwei Tiere zusammen oder
die Reproduktion bestätigt werden. Um ein Wolfspaar zu bestätigen, müssen zwei markie-
rende Tiere zusammen nachgewiesen werden. Gelingt dies nicht, müssen die beiden Tiere
wiederholt zusammen nachgewiesen werden; mit mindestens vier Wochen Zeitabstand da-
zwischen, um sicher zu stellen, dass es sich nicht um ein kurzzeitiges Zusammentreffen
zweier Individuen handelt.
In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass es mit zunehmendem Sättigungsgrad in
einem Gebiet immer schwieriger wird, einzelne Rudel voneinander zu unterscheiden. Dies ist
nur durch den intensiven Einsatz von Fotofallen und / oder genetische Analysen möglich. Die
Telemetrie kann hier im Einzelfall hilfreich sein, jedoch ist es nicht möglich, in allen Territori-
en Wölfe zu besendern. Um eine Abgrenzung einzelner Territorien voneinander zu erleich-
tern, haben wir aus den Erfahrungen der letzten Jahre entsprechende Regeln entwickelt
(siehe Tab. 5, Kap. 4.2.2). Bei geändertem Kenntnisstand sollten diese Kriterien angepasst
werden. Wichtig für diese Art von Analyse ist, dass alle Hinweise aus dem entsprechenden
Gebiet an einer Stelle zusammenlaufen und interpretiert werden, unabhängig von den vor-
handenen administrativen Grenzen. Selbst in Kenntnis aller Hinweise kann es mehrere Mo-
nate bis zu einem Jahr dauern bis das Puzzle gelöst ist. Je mehr Details fehlen, desto
schwieriger wird eine Analyse der Gesamtsituation.
Die Erhebung der Anzahl der Rudel / Paare, wie sie in den letzten Jahren durchgeführt wur-
de, ergibt die Mindestpopulationsgröße. Die Methodenkombination aus Suche nach Anwe-
senheitshinweisen, Fotofallen und genetischen Analysen erscheint auch bei einem weiteren
Anwachsen der Population in den nächsten Jahren praktikabel zu sein.
Die Mindestrudelgröße kann durch Abspüren bei Schnee oder auf Sand, Fotofalleneinsatz
sowie intensives genetisches Monitoring festgestellt werden.
Für die Schätzung der Populationsgröße auf Individuenbasis ist die Fang-Wiederfang-
Analyse auf genetischer Datengrundlage am besten geeignet. Diese Methode liefert eine
Populationsschätzung (Minimum, Maximum) mit Konfidenzintervallen, basierend auf dem
Verhältnis genetisch wiederholt identifizierter und neuer Individuen in einer Stichprobe. Mit
der Entwicklung neuer genetischer Methoden könnten die dafür zu kalkulierenden Laborprei-
se in den nächsten Jahren deutlich sinken. Der Aufwand genügend Proben zu sammeln,
bleibt allerdings hoch. Das Probenaufkommen pro Territorium sollte in allen Vorkommensge-
bieten annähernd vergleichbar sein. Für die Fang-Wiederfang-Analyse müssten pro Jahr und
Wolfsrudel 15 – 30 Proben analysiert werden (bei einer Rudelgröße von 5 – 10 Wölfen und
einer Erfolgsrate der genetischen Analysen von 70%).
Für eine Einschätzung der Populationsgröße auf Populationsebene (über nationale Grenzen
hinweg) sind gemeinsame Monitoringstandards sowie eine gemeinsame genetische Analyse
von Proben aus möglicherweise grenzübergreifenden Territorien notwendig.
Fazit:
Die in den letzten Jahren in Deutschland entwickelte Methodenkombination von Suche
nach Anwesenheitshinweisen und Fotofalleneinsatz, hat sich, in Ergänzung mit genetischen
Analysen, als brauchbar erwiesen, um die Mindestpopulationsgröße zu ermitteln. Sie er-

71
scheint auch bei einem weiteren Anstieg der Population in den nächsten Jahren praktikabel.
Allerdings fehlen mancherorts noch immer die strukturellen und personellen Voraussetzun-
gen, um mit einem weiteren Anwachsen der Population Schritt zu halten. Die Kooperation
über Ländergrenzen hinweg sollte verbessert und gestärkt werden.
Ist eine Populationsgrößenschätzung auf Individuenbasis gewünscht, ist dies nur mit einem
intensiven genetischen Monitoring auf der gesamten Fläche zu erreichen.
6.3.3.3 Ermittlung von Beeinträchtigungen, Populationsstruktur und genetischer
Struktur
Um den Erhaltungszustand der Population beurteilen zu können, sind gewisse Kenntnisse
der Populationsstruktur und der genetischen Struktur der Population sowie ihrer Beeinträch-
tigungen nötig. Anzeichen möglicher Beeinträchtigungen können z.B. erhöhte Mortalitätsra-
ten, bestimmte Mortalitätsursachen, fehlende Ausbreitung, Ausbreitungslücken, verlangsam-
tes bis stagnierendes Populationswachstum sein.
Die Mortalitätsrate über alle Altersklassen ist i.d.R. nur schwer feststellbar. Allerdings ermög-
licht ein genetisches Monitoring der erwachsenen Tiere (Territoriumsinhaber) Rückschlüsse
auf eventuell erhöhte Fluktuation in bestimmten Gebieten. Auch aus diesen Gründen emp-
fehlen wir, jährlich zumindest die Territoriumsinhaber genetisch zu identifizieren.
Ein Totfundmonitoring, wie es aktuell vom IZW Berlin durchgeführt wird, liefert wichtige
Rückschlüsse sowohl über Mortalitätsursachen als auch über den Gesundheitszustand der
Population. Wichtig ist, dass die Daten zentral und in einheitlicher Datenqualität zusammen
laufen. Dies ist am einfachsten zu gewährleisten, wenn das IZW als nationale Referenzstelle
für das Totfundmonitoring fungiert.
Das Populationswachstum (im Verhältnis zum verfügbaren, aber noch unbesetzten Habitat),
die durchschnittliche Rudelgröße sowie die durchschnittliche Anzahl Welpen pro Wurf kön-
nen ebenfalls wichtige Indizes sein, um eventuelle Beeinträchtigungen zu erkennen. Wäh-
rend das Populationswachstum von Wolf, Luchs und Bär für ganz Deutschland jährlich erho-
ben wird, können Rudel- und Wurfgrößen immer nur stichprobenartig erfasst werden. Es
sollte trotzdem versucht werden, diese Daten regelmäßig aus möglichst vielen Territorien zu
erhalten (Methoden siehe vorheriges Kapitel).
Die derzeitig gerichtet wirkende Ausbreitung des Wolfes in Deutschland lässt eine richtungs-
abhängige Beeinträchtigung vermuten (R
EINHARDT UND KLUTH 2011). Dies könnte am besten
durch die Telemetrie abwandernder Jungwölfe in ausreichender Stichprobe überprüft wer-
den. Telemetriedaten liefern zudem Informationen zur Habitatnutzung – Voraussetzung zur
Entwicklung geeigneter Habitatmodelle und einer robusten Aussage zum verfügbaren Wolfs-
habitat in Deutschland.
Genetische Analysen sind nicht nur eine wichtige Methode zur Erhebung der Populations-
größe. Sie geben auch wichtige Informationen zur Struktur einer Population. Bisherige gene-
tische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Gründertiere von Wolfsrudeln in Deutsch-
land eng miteinander verwandt sind. Es ist daher empfehlenswert, Inzuchtkoeffizienten sys-
tematisch zu analysieren und die Entwicklung dieses genetischen Merkmals zu überwachen.
Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den einzelnen Wolfsrudeln geben wichtige Infor-
mationen zum Ausbreitungsverhalten und reproduktiven Erfolg oder Nichterfolg aus Nach-
barpopulationen immigrierter Wölfe. Wir empfehlen daher das genetische Pedigree der Wöl-

72
fe in Deutschland weiter zu verfolgen. Dafür ist es notwendig, jährlich die genetische Identität
zumindest der Territoriumsinhaber zu bestimmen. Nur auf diesem Wege ist es möglich ein-
zuschätzen, wie effektiv die Verbindung mit benachbarten Populationen ist.
Insbesondere in Gebieten, in denen der Wolf sich neu etabliert (westliche Bundesländer,
aber auch Dänemark, Niederlande) ist das Interesse hoch, die Herkunft der Zuwanderer zu
ermitteln, auch um Gerüchte über etwaige Aussetzungen widerlegen zu können. Dies ist nur
möglich, wenn in den Quellregionen (östliche Bundesländer, möglichst auch Westpolen) die
Elterntiere in den einzelnen Rudeln jährlich genetisch erfasst werden. Lücken in der geneti-
schen Erfassung haben Auswirkungen weit über das betroffene Bundesland hinaus.
Fazit:
Ein national abgestimmtes Totfundmonitoring ist notwendig, machbar und bereits
weitgehend etabliert. Populationsparameter wie durchschnittliche Rudel- und Wurfgröße fal-
len bei der Erhebung der Populationsgröße teilweise an. Allerdings sollte darauf geachtet
werden, dass in einem bestimmten Prozentsatz der Population diese Parameter tatsächlich
jährlich erhoben werden. Genetik und Telemetrie liefern wichtige Daten zu Populationspara-
metern, die anders nicht zu erhalten sind. Da alle Länder von diesen Ergebnissen profitieren,
sollten entsprechende Projekte langfristig und länderübergreifend geplant werden. Für Ge-
netikdaten ist ohnehin nur eine länderübergreifende Auswertung sinnvoll.

73
6.4 Handbuch Bärenmonitoring
6.4.1 Bewerten von Bärenhinweisen
6.4.1.1 Lebende Tiere
In diese Kategorie fallen Individuen, die im Rahmen eines Forschungsprojekts oder des
Problembärenmanagements zum Zweck der Besenderung gefangen und wieder freige-
lassen werden, verletzte oder durch Krankheit geschwächte Tiere, die vorübergehend oder
dauerhaft in menschliche Obhut genommen werden, sowie verwaiste Jungtiere.
Verwechslungsgefahr mit anderen heimischen Wildtieren besteht nicht. Bären sind in allen
Altersklassen eindeutig zu erkennen (abgesehen von Jungtieren in den ersten Lebenswo-
chen, diese können aber das Winterlager noch nicht verlassen). Die sichere Unterschei-
dung des Europäischen Braunbären von anderen Braunbärrassen bzw. anderen Bärenar-
ten (z. B. Amerikanischer Schwarzbär) könnte theoretisch Schwierigkeiten bereiten, prak-
tisch ist das aber nicht relevant, da im Gegensatz zu Luchs und Wolf flüchtige Zoobären
nicht verschwiegen werden können.
C1 - eindeutiger Nachweis
Lebende Tiere gelten als Bärennachweis, wenn
eindeutige Fotos und Feldprotokolle vorliegen ODER
durch eine genetische Untersuchung bestätigt wurde, dass es sich um einen Bären
handelt.
Dokumentation
Feldprotokoll (lebend gefangenes Tier), UND
Fotodokumentation:
-
Porträtaufnahmen,
-
Aufnahme des ganzen Körpers (mit Größenvergleich),
-
Aufnahmen der Pfoten (mit Größenvergleich) UND
ggf. Laborbericht Genetik.
6.4.1.2 Totfunde
Für Totfunde gilt im Prinzip das Gleiche wie für lebende Tiere. Erschwerend kann hinzu-
kommen, dass tote Tiere durch Gewalteinwirkung verunstaltet (z. B. bei Verkehrsunfällen)
oder bereits stark in Verwesung begriffen sein können. In Zweifelsfällen kann ein geneti-
scher Test Klarheit schaffen. Tot aufgefundene Bären sind pathologisch zu untersuchen,
um die Todesursache abzuklären.
C1 - eindeutiger Nachweis
Totfunde qualifizieren als eindeutiger Bärennachweis, wenn
eindeutige Fotos und Feldprotokolle vorliegen ODER
genetische Untersuchungen bestätigen, dass es sich um einen Bären handelt.

74
Dokumentation
Feldprotokoll (Protokoll Totfund Bär), UND
Fotodokumentation:
-
Porträtaufnahmen,
-
Aufnahme des ganzen Körpers (mit Größenvergleich),
-
Aufnahmen der Pfoten (mit Größenvergleich) UND
Pathologisches Gutachten, UND
Vermerk Verbleib, UND
ggf. Ergebnisse genetischer Untersuchungen.
6.4.1.3 Fotofallenbilder / -videos von Bären
C1 - eindeutiger Nachweis
Fotofallenbilder und -videos von Bären gelten als eindeutiger Bärennachweis, wenn
der Körper des Bären mit Größenvergleich gut zu erkennen ist UND
mindestens zwei der folgende Merkmale deutlich zu sehen sind: breiter Kopf mit relativ
kleinen Augen und Ohren, kompakter Körper mit massigen Beinen und Höcker zwi-
schen den Schultern, nicht sichtbarer Stummelschwanz UND
auf Grund der Umgebung nicht davon auszugehen ist, dass es sich um eine Gehege-
aufnahme handelt.
Dokumentation
Protokoll - Bärenhinweis UND
Überprüfung des Fotos auf Echtheit
Für echte Freilandaufnahmen
spricht, wenn
- die Landschaft im Hintergrund genug Anhaltspunkte liefert, dass der Standort im
Nachhinein aufgesucht und bestätigt werden kann
- der Bär auf Forststraßen oder Wanderwegen fotografiert wurde
- andere menschliche Einrichtungen/Eingriffe zu sehen sind, die normalerweise nicht
in einem Gehege zu erwarten sind (z.B. Autos, Hochstände, frische Kahlschläge)
- der Bär nicht bildfüllend abgebildet ist
- der Bär keine für präparierte Tiere typische Pose einnimmt, bzw. mehrere Fotos in
verschiedenen Körperhaltungen vorliegen
Problematisch sind Aufnahmen mit automatischen Kameras von Dritten. Oft sind die Tiere
bildfüllend abgebildet, und gerade bei Nachtbildern lässt sich kaum etwas vom Hintergrund
erkennen. Allerdings sollte es immer zahlreiche andere Bilder von Wildtieren oder Fehlaus-
lösungen vom gleichen Standort geben. Der angegebene Kamerastandort sollte auf jeden
Fall aufgesucht und überprüft werden.

75
Für Gehegeaufnahmen
sprechen Bilder, wenn
- der Bär ausschließlich bildfüllend abgebildet ist;
- Strukturen wie Maschendraht, Zäune, Beton, Felsmauern oder abgesägte Baum-
stämme (stehend oder liegend) mit glatt geriebenen Oberflächen zu erkennen sind;
- die Bodenvegetation durch Trittwirkung kurz gehalten wirkt bzw. gänzlich fehlt;
- die Aufnahme nicht von einem Hochstand oder in steilem Gelände, aber trotzdem von
einem erhöhten Standpunkt aus gemacht wurde (Schautribünen!).
Es gibt nicht viele Bärengehege, die Aufnahmen wie im Freiland ermöglichen. In zweifel-
haften Fällen ist eine Abklärung mit den bekannten Gehegen (z. B. NP Bayerischer Wald)
anzuraten.
6.4.1.4 Trittsiegel und Spuren
Einzelne Trittsiegel
Bären sind Sohlengänger mit fünf Zehen und nicht einziehbaren Krallen an Vorder- und
Hinterfüßen. Ihre Spur ist charakteristisch: Die Zehenabdrücke stehen eng nebeneinander
in fast gerader Reihe, und zwischen den Abdrücken der Zehenballen und des Hauptballens
befindet sich ein deutlicher Wall. Trittsiegel von Vorderbranten und Hinterbranten unter-
scheiden sich markant, da die Krallen der Vorderbranten deutlich länger sind und nur die
Hinterbranten mit der ganzen Fußsohle auftreten (Vorderbranten: eher rundliche Form,
Krallenabdrücke weiter vor den Zehenabdrücken; Hinterbranten: längliche Form, Krallen-
abdrücke nahe bei den Zehenabdrücken). Da der Bär die Außenseite der Branten stärker
belastet, werden die inneren Zehen auf härterem Boden schwach bis gar nicht abgedrückt.
Dachsspuren sind Bärenspuren in der Form sehr ähnlich, aber deutlich kleiner (max. 5 cm
breit), selbst Jungbärentrittsiegel sind deutlich größer (mind. 7 cm breit). Ähnlichkeit be-
steht auch zwischen menschlichen Fußabdrücken und Trittsiegeln von Bärenhinterbranten.
Bären haben jedoch Krallen, größere und gleichförmige Zehenballen und keine gewölbte
Fußsohle.
Vollständige Bärentrittsiegel sind unverwechselbar. Oft können auch unvollständige Tritt-
siegel (fehlende Krallen, fehlende Innenzehe, unvollständiger Ballen) eindeutig angespro-
chen werden. Trotzdem können alle Arten von größeren Spuren irrtümlich als Bärenspur
gemeldet werden.
Bärentrittsiegel können besonders leicht durch Drücken eines Gipsabdrucks in weichen
Untergrund künstlich hergestellt werden. Bei der Beurteilung eines Nachweises auf der
Basis nur eines Trittsiegels sind daher immer auch die Lage des Trittsiegels und die Bo-
denbeschaffenheit im Umfeld zu berücksichtigen (z. B. kleine feuchte Stelle auf Forst-
straße oder großflächig weicher Boden). Verdächtig wären auch mehrere Trittsiegel aus-
schließlich vom selben Fuß.
C2 - bestätigter Hinweis
Für einen bestätigten Bärenhinweis genügt als Mindestanforderung ein einzelnes voll-
ständiges Trittsiegel (bei geringer Eindrücktiefe können Krallenabdrücke auch fehlen).

76
Bei Einzeltrittsiegeln ist eine plausible Erklärung nötig, warum nur ein Trittsiegel zu
finden war.
Unscharfe Bilder oder Trittsiegel ohne Größenvergleich zählen nicht als eindeutiges Tritt-
siegel.
Dokumentation
Protokoll – Bärenhinweis UND
Fotodokumentation:
-
Ein gutes Foto (nötiger Kontrast, aus senkrechter Position) mit Maßstab!
-
Bei Einzeltrittsiegel Überblicksfoto von der Lage des Abdrucks.
Spurenfolge
Bei lockerem Pulverschnee oder angetauten bzw. wieder zugeschneiten Fährten lassen
sich die einzelnen Trittsiegel oft nicht genau erkennen. Man kann allerdings auch aus der
Anordnung der undeutlichen Trittsiegel und dem Verlauf der Spur auf einen Bären als Ver-
ursacher schließen. Im Schnee ziehende Bären treten mit der Hinterbrante in den Abdruck
der Vorderbrante. Dadurch entsteht ein Spurbild von zwei parallel verlaufenden Reihen
länglicher Abdrücke, das einer menschlichen Spur recht ähnlich ist, nur dass die Abstände
der Tritte längs und normal zur Gehrichtung größer sind (das merkt man, wenn man ver-
sucht, in der Bärenspur zu gehen). Die Schrittlänge (100 – 160 cm) hängt natürlich von der
Größe des Bären, der Tiefe des Schnees und der Art des Geländes ab. Bären, auch sub-
adulte, weisen im Vergleich zum Menschen einen größeren Schrank auf. Der große
Schrank ist auch ein gutes Differenzierungsmerkmal zu stark ausgetauten Fährten von
(wilden) Huftieren. Auf kurze Strecken kann es zu einer Verwechslung mit Menschenspu-
ren kommen.
C2 - bestätigter Hinweis
Um als bestätigter Bärenhinweis zu gelten, muss eine Spur
über eine längere Strecke (>50m) verfolgbar sein UND
einen großen Schrank aufweisen.
Dokumentation
Protokoll – Bärenhinweis, UND
Fotodokumentation:
-
2 – 3 Übersichtsfotos des Spurenverlaufs mit eindeutigem Größenvergleich (Zoll-
stock).
6.4.1.5 Risse
Bären sind opportunistische Allesfresser und agieren nur gelegentlich als Beutegreifer. Der
Großteil der tierischen Nahrung besteht aus Aas (v.a. im Frühjahr) und Insektenlarven (v.a.
im Sommer). Gesundes Schalenwild wird vom Bären nur in Ausnahmefällen erbeutet. Atta-
cken auf Nutztiere betreffen in erster Linie Schafe, aber auch Rinder von mehreren 100 kg
können Opfer eines Angriffs werden. Das Jagdverhalten ist im Vergleich zu Luchs und Wolf
weniger stark instinktiv vorgegeben. Zwischen einzelnen Bären können große Unterschie-
de in Jagdtechnik und Beutespektrum vorkommen. Weitaus einheitlicher und damit typi-
scher ist die Art der Manipulation eines frischen Kadavers (Öffnen im Bauchbereich, zuerst

77
Fressen der Innereien und des Brustfleisches, Herausschälen des Kadavers aus der ganz
bleibenden Decke, Abdecken oder in Deckung Zerren des Kadavers). Aber auch hier kann
die Variabilität beträchtlich sein. Viele Risse / Kadavernutzungen können erst durch die
Sicherstellung zusätzlicher Bärenhinweise im Bereich der Fundstelle richtig zugeordnet
werden. Kleine Beutetiere (Geflügel, Kaninchen etc.) können auf Grund des unspezifischen
Tötens ohne Zusatzhinweise nicht eindeutig als Bärenriss bestätigt werden.
C2 - bestätigter Hinweis
Um als bestätigter Bärenhinweis zu gelten, muss ein Riss/Kadaver
ein Nutz- oder Wildtier mittlerer oder großer Größe sein (mind. Reh, Rind, Schaf oder
Ziege) UND
noch soweit intakt sein (keine Komplettnutzung, keine übermäßige Verwesung), dass
die bärentypischen Merkmale erkennbar sind:
-
massive Verletzungen am Rücken oder Kopf aufweisen (Prankenhiebe) ODER
-
in bärentypischer Weise angeschnitten sein ODER
-
im Umfeld zusätzliche, auch nicht eindeutige Hinweise auf den Bären aufweisen:
unvollständige Trittsiegel, Spuren im Gras, Kampfspuren, Kratzspuren, Wollhaare
oder untypische Grannenhaare.
Dokumentation
Protokoll – Bärenriss UND
Fotodokumentation:
-
2 – 3 Übersichtsfotos des Rissstandortes,
-
Übersicht- und Detailaufnahmen der typischen Wunden oder Fraßspuren,
-
Fotos der zusätzlichen Bärenhinweise,
ggf. Ergebnis der DNA-Analyse der Haar- oder Kotproben
6.4.1.6 Kot (Losung)
Bären setzen ihren Kot gern auf Forststraßen und Wegen ab. Der Kot ist relativ groß und
wird nicht verscharrt. Dementsprechend ist Bärenkot in Bärengebieten leicht zu finden.
Ein typischer Bärenkot ist im Freiland eindeutig zu erkennen: ein Haufen wurstförmiger
Stücke von mehreren Zentimetern Länge und 1,5 – 4 cm Dicke, mit reichlich wenig verdau-
ten, groben Stücken faserreicher Pflanzenteile oder mit Chitinpanzern von Insekten. Die
hohe Variabilität in Konsistenz, Inhalt und Form und der Einfluss der Witterung haben je-
doch zur Folge, dass Kot nicht immer sicher beurteilt werden kann. Das gilt im Besonde-
ren, wenn Bären (verwesendes) Fleisch oder faserarme Pflanzenkost (z. B. Biertreber von
Rotwildfütterungen) gefressen haben. Hier kann eine genetische Analyse Klarheit schaffen,
vorausgesetzt der Kot ist noch nicht zu alt.
Dachskot ist von Struktur und Geruch Bärenkot sehr ähnlich, aber (meistens) dünner. Ein-
zelner Dachskot ist von solchem von Jungbären nicht zu unterscheiden. Dachse setzen
ihren Kot an bestimmten Stellen ab (Latrinen), wodurch große Haufen entstehen können,
bei auffallend geringem Durchmesser der wurstförmigen Teilstücke im Vergleich zur Kot-
menge.

78
C1 - eindeutiger Nachweis
Bärenkot gilt als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde, dass
er von einem Bär stammt.
C2 - bestätigter Hinweis
Um als bestätigter Bärenhinweis zu gelten, muss ein Kotfund
typische Bärenkotmerkmale aufweisen:
-
>300g, UND
-
Würstelstücke, UND
-
Durchmesser > 2 cm, UND
-
Nahrung an unverdauten Resten erkennbar, UND
-
typischer Geruch.
Dokumentation
Protokoll – Bärenhinweis UND
Fotodokumentation UND
-
Fotos des Kotes am Fundort vor einer Manipulation,
-
Detailfotos vom Inhalt nach der Manipulation.
Für C1: Laborbericht Genetik
6.4.1.7 Haare
Bären hinterlassen Haare in verschiedenen Situationen: beim Gehen an abgebrochenem Ast
oder Baumrinde streifend, beim Liegen oder Wälzen im Gras, beim Überwinden von Hinder-
nissen (z. B. Stacheldraht), beim Klettern auf Bäume, beim Reiben an Markierbäumen. Typi-
sche Grannenhaare sind an ihrer Länge, Dicke und gewellten Form auch im Feld eindeutig
zu erkennen. Der Bär hat aber an manchen Körperstellen auch kürzere oder besonders lan-
ge ungewellte Haare, die nicht eindeutig als Bärenhaare angesprochen werden können.
Dasselbe gilt für die feinen Wollhaare.
C1 - eindeutiger Nachweis
Haare gelten dann als C1-Nachweis, wenn durch eine genetische Analyse bestätigt wurde,
dass sie von einem Bär stammen.
C2 - bestätigter Hinweis
Um als bestätigter Bärenhinweis zu gelten, müssen Haare
typische Grannenhaare von passender Länge, Dicke und Wellung sein.
Dokumentation
Protokoll – Bärenhinweis UND
Foto der Haare vor und nach dem Sammeln UND
Haarprobe UND
für C1 Laborbericht Genetik

79
6.4.1.8 Sichtungen
Bären sind leicht zu erkennen. Das gilt im Freiland jedoch keineswegs uneingeschränkt.
Beeinträchtigt wird die Verlässlichkeit von Sichtbeobachtungen durch wechselnde Licht-
verhältnisse, ungünstige Perspektive, kurze Beobachtungsdauer oder die Erwartungshal-
tung des Beobachters.
Jede Sichtbeobachtung sollte in einem Gespräch mit dem Beobachter auf Stimmigkeit
überprüft werden (Datum, Ort, Tageszeit, Beobachtungsdistanz, Sichtverhältnisse, Dauer,
Merkmale des Bären, Verhalten des Bären, Verhalten des Beobachters). Restlos sicher
kann man sich aber nie sein. Gerade weil Bären so bekannt sind, kann jeder Beobachter
einen Bären auch gut beschreiben.
Für Sichtbeobachtungen mit Foto- und Videodokumentation von Bären gilt im Prinzip das
Gleiche wie für Fotofallenbilder. Fälschungen sind dabei nach Möglichkeit auszuschließen.
C1 - eindeutiger Nachweis
Siehe 6.4.1.3.
C3 - unbestätigter Hinweis
Sichtbeobachtungen können wichtige Hinweise auf Bären sein, reichen für sich allein ge-
nommen jedoch nicht für eine Bestätigung aus, es sei denn, das Tier wurde fotografiert.
Nach Möglichkeit sollte an der Beobachtungsstelle Nachsuche gehalten werden, um zusätz-
liche Hinweise für eine Bestätigung der Bärenanwesenheit zu bekommen.
Dokumentation
Protokoll – Bärenhinweis
6.4.1.9 Lautäußerungen
Bären geben nur selten Laute von sich, z. B. Brüllen bei Kämpfen. Von unerfahrenen Per-
sonen werden aber regelmäßig röhrende Hirsche oder bellende Rehe für brummende Bä-
ren gehalten.
Falschmeldung
Bei Meldungen von brummenden Bären (ohne weitere Hinweise) kann man davon
ausgehen, dass sich der Beobachter getäuscht hat.
Dokumentation
Protokoll Bärenhinweis
6.4.1.10 Typische Schäden
Typische Bärenschäden sind zerlegte Bienenstöcke, aufgebrochene Rehwildfütterungen,
aufgebissene Rapsölkanister, aufgebrochene Fischfutterhütten. Die charakteristische Vor-
gehensweise und die Stärke der Gewalteinwirkung macht es in der Regel einfach, den Bä-
ren als Täter einzugrenzen. In der Regel werden am Tatort weitere Hinweise (Haare, Tritt-
siegel, Kot, Kratzspuren) gefunden.

80
C2 - bestätigter Hinweis
Um als bestätigter Bärenhinweis zu gelten, muss ein Schaden
ein typisches Schadensbild aufweisen UND
einen weiteren Hinweis (z. B. Haare, Kot, Trittsiegel, Kratzspur, Bissspur, Spuren koti-
ger Branten an der Wand, etc.) zeigen.
Dokumentation
Protokoll Bärenschaden UND
Fotodokumentation.
6.4.1.11 Reproduktion
Hinweise auf Reproduktion haben einen besonderen Stellenwert, da sie Rückschlüsse auf
den Zustand der Population erlauben. Bären paaren sich im Frühsommer, die Jungen wer-
den zur Zeit der Winterruhe geboren, im April/Mai verlässt die Bärin mit den Jungen das
Winterlager und führt diese bis zur Paarungszeit im darauf folgenden Jahr. Zum Zeitpunkt
des Verlassens der Winterhöhle wiegen die Jungen ca. 5 kg, zum Zeitpunkt der Trennung
von der Mutter ca. 40 kg.
Trittsiegel von Jungen sind deutlich kleiner als Trittsiegel von subadulten und adulten Bä-
ren. Dasselbe gilt für Kot, was Gesamtmenge und Durchmesser betrifft. Im Laufe des
Sommers verwischt sich der Unterschied zum Kot älterer Bären zusehends. Ein einzelner
kleiner Kothaufen bedeutet aber noch nicht viel (außer er wird durch eine DNA-Analyse
bestätigt). Jungbären- und Dachskot können sehr ähnlich sein und auch adulte Bären kön-
nen einmal ein kleines „Restwürstel“ herausdrücken und so Verwirrung stiften. Aussage-
kräftig ist erst das Ensemble von Mutter- und Jungbärenkot.
Parallel verlaufende, ungleich große Spuren im Schnee im Frühjahr können auf eine Bärin
mit einem Jährling hinweisen oder auf ein männliches Tier, das sich für ein weibliches inte-
ressiert (beginnende Paarungszeit). Vorsicht ist geboten bei der Beobachtung einer großen
Spur im Frühjahrsschnee, die von einer auffallend Kleinen begleitet wird: Dachse folgen oft
einer Bärenspur über weite Strecken!
C1 - eindeutiger Nachweis
Folgende Daten können als eindeutige Nachweise von Reproduktion gelten:
Lebendfang oder Totfund (Kriterien wie in 6.4.1.1 oder 6.4.1.2) ODER
Foto von Jungen oder Mutter mit Jungen (Kriterien wie in 6.4.1.3; Größenvergleichs-
möglichkeit unbedingt notwendig!) ODER
großer und kleiner Bärenkot im Abstand von wenigen Metern durch DNA-Analyse be-
stätigt.
C2 - bestätigter Hinweis
Folgende Hinweise können als bestätigte Bärenreproduktion gelten:
Trittsiegel mit Vorderbranten-Ballenbreite 7 – 9 cm (Frühling – Herbst) (Kriterien wie in
6.4.1.4) ODER

81
2 großer und kleiner Bärenkot im Abstand von wenigen Metern
Dokumentation
Wie in vorherigen Abschnitten
6.4.2 Zusammenfassung Bewertung Bärenhinweise
In Tabelle 11 ist zusammenfassend dargestellt, welche Bärenhinweise von Monitoring-
Fachleuten als C1 (eindeutiger Nachweis) oder C2 (bestätigter Hinweis) bewertet werden
können
, wenn sie die im vorherigen Kapitel genannten Kriterien erfüllen.
Werden die Hinweise von den Fachleuten nicht selbst vor Ort überprüft, so ist eine Doku-
mentation entsprechend der Vorgaben in Kapitel 6.4.1 zwingend. Alle C1-Daten sowie jene
C2-Daten, welche die Grundlage für Vorkommenskarten und Reproduktionsnachweise sind,
müssen
dokumentiert werden.
Eine Häufung von C3-Hinweisen, in Abwesenheit von C1 und C2, sollte als Anlass genom-
men werden, das Monitoring zu intensivieren.
Zwei oder mehr miteinander in Zusammenhang stehende Hinweise werden zu einem Er-
eignis (Datensatz) zusammengefasst. Dieses erhält die höhere SCALP-Kategorie. Zum
Beispiel werden Haare, die an einer Spur gefunden werden, mit dieser zu einem Ereignis
zusammengefasst. Bestätigt die genetische Analyse der Haarprobe den Bären, wird das
Ereignis als C1 eingestuft.
Tab. 11: Bärenhinweise und ihre Bewertung (ausführliche Erläuterung im Text).
C1
C2
C3
Lebendfänge Trittsiegel Unvollständige Trittsiegel
Totfunde
≥ 50 m Spurenfolge
< 50 m Spurenfolge
DNA-Nachweis Grannenhaare Wollhaare
Überprüfte Fotos
Kot
Untypischer Kot
Bärentypische Risse
Stark genutzter / verwester Riss
Bärentypische Schäden
Untypische Schäden ohne Zu-
satzhinweise
Sichtbeobachtungen
Lautäußerungen
Hinweise Dritter, die auf Grund
unzureichender Dokumentation
keine Bestätigung eines Bären-
hinweises zulassen, aber Bär
wahrscheinlich erscheinen lassen.
Falschmeldung =
Hinweis, bei der ein Bär als Verursacher ausgeschlossen werden konnte
oder sehr unwahrscheinlich ist.
Keine Bewertung =
Hinweise, zu denen auf Grund fehlender Mindestinformationen keine
Einschätzung möglich ist.

82
6.4.3 Dateninterpretation und Methoden zum Feststellen von Vorkommen und
Populationsgrößen
6.4.3.1 Vorkommen (
Occurence)
nach FFH
Als besetzt gilt eine Rasterzelle, wenn im aktuellen Jahr mindestes zwei C2 Hinweise oder
ein C1 Nachweis erbracht wurden. Diese Information kann durch das Sammeln und Evalu-
ieren von Zufallshinweisen erbracht werden.
Als Rasterzelle mit Reproduktion gilt eine Zelle, wenn im aktuellen Jahr mindestes zwei C2
Hinweise oder ein C1 Nachweis für Reproduktion erbracht wurden. Zufallsbeobachtungen
reichen für die Erfassung der Reproduktion nicht aus. Hierfür braucht es einen aktiven Mo-
nitoringansatz (siehe Kapitel 2.2).
Führende Weibchen haben Streifgebiete, die mehreren Rasterzellen entsprechen. Die ge-
naue Anzahl der Rasterzellen mit Reproduktionsnachweis ist jedoch nicht von Bedeutung.
In einem kleinen Bärenbestand am Beginn des Populationsaufbaus ist vielmehr entschei-
dend, die Anzahl der Reproduktionsereignisse sowie die Anzahl der Jungen genau zu er-
fassen.
Fazit
: Das Sammeln von Zufallsbeobachtungen ist entscheidend. Aufrufe, dass Beobach-
tungen gemeldet werden sollen und an wen, sollten in regelmäßigen Abständen über die
Verteiler von geeigneten Interessenverbänden (z. B. Sport- und Wandervereine, Jagd- und
Naturschutzverbände) erneuert werden – idealerweise gekoppelt mit dem Bekanntmachen
der aktuellen Monitoringergebnisse.
6.4.3.2 Populationsgröße und Reproduktionsnachweis
Dichte und Verteilung von zufälligen Bärenhinweisen
Bären haben große, überlappende Streifgebiete und können in kurzer Zeit große Strecken
zurücklegen. Letzteres gilt im besonderen Maß für abwandernde subadulte Männchen. Die
Trittsiegelmaße sind auch abhängig von der Bodenbeschaffenheit und damit kein exaktes
Maß, um ein Individuum zu identifizieren. Die Dicke des Kotes ist kein verlässliches Maß
für die Größe eines Bären. Bären haben keine Fellzeichnung, und selbst auf guten Fotos
ist ein bereits einmal fotografierter Bär nicht sicher wieder zu erkennen.
All das macht die Beurteilung der Populationsentwicklung anhand von nicht systematisch
gesammelten Hinweisen schwierig. Hinzu kommen die großen individuellen Unterschiede
im Verhalten der Bären und die ungleichmäßige Präsenz potentieller Beobachter im Bä-
rengebiet. Scheue, zurückgezogen lebende Bären produzieren viel weniger Hinweise als
habituierte oder gar futterkonditionierte Individuen.
All diese Unwägbarkeiten der individuellen und lokalen Unterschiede schlagen sich in einer
kleinen Population der Größenordnung, wie sie für die bayrischen Alpen möglich scheint,
besonders zu Buche.
Fazit:
Anzahl und Verteilung von Bärenhinweisen allein können keinen Aufschluss über
Größe, Trend und Zuwachs einer (kleinen) Bärenpopulation geben.
Aufwand:
Die Personal- und Reisekosten für die Evaluierung von Bärenhinweisen lassen
sich schwer abschätzen, da der Zeit- und Fahraufwand stark von der Anzahl der Bären, der
Meldehäufigkeit und der räumlichen Verteilung der Hinweise abhängt.

83
Genetik
Ausgangsmaterial für DNA-Analysen können sein: Gewebeproben (von Totfunden oder
gefangenen Tieren), Blutproben (von gefangenen Tieren), Haar- und Kotproben (im Frei-
land gesammelt). Die Analyse der mitochondrialen DNA erlaubt eine sichere Art-
bestimmung, die Analyse von Abschnitten der Kern-DNA (Mikrosatelliten, Sex-Marker) er-
laubt die Erstellung eines individuell charakteristischen genetischen Profils sowie die Be-
stimmung des Geschlechts. Damit können Individuen unterschieden und Ver-
wandtschaftsverhältnisse nachvollzogen werden. In kleinen Populationen können Fragen
der Inzucht und genetischen Variabilität überprüft werden.
Die Proben für die DNA-Analyse können beim Überprüfen von Hinweisen opportunistisch
gesammelt werden. Die Ergebnisse liefern eine Mindestanzahl Bären. Haarproben können
auch systematisch mit Haarfallen erhoben werden. Hier kann die Populationsgröße mit
einem Fang-Wiederfang-Ansatz geschätzt werden. Bei kleinen Populationen ist der
Schätzwert für die Populationsgröße aber so ungenau, dass die mit Haar- und Kotproben
bestimmte Mindestanzahl das bessere Ergebnis liefert.
In näherer Zukunft werden in den Bayrischen Alpen nur einzelne Bären, in erster Linie
Weitwanderer aus der Trentino-Population, auftauchen. Die wichtigsten Fragen, die ein
genetisches Monitoring in dieser Situation klären soll, sind: Ist es wirklich ein Bär? Welcher
Bär ist es? Männchen oder Weibchen? Ist es ein Bär oder sind es zwei? Für die Interpreta-
tion ist eine enge Kooperation mit den anderen Alpenländern notwendig. In Deutschland
untersuchte Proben müssen mit Proben aus Österreich, Schweiz, Italien und Slowenien
vergleichbar sein. Rasche eindeutige Identifizierung ist für die Beurteilung eines möglichen
Problembären unumgänglich.
Für den Erfolg entscheidend ist Sorgfalt beim Sammeln und Aufbewahren der Proben.
Proben dürfen nicht vermengt oder mit fremder DNA kontaminiert werden, Haarproben
müssen luftig und trocken gelagert werden und Kotproben in 96 % Alkohol. Man muss da-
mit rechnen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Proben kein Ergebnis bringt. Die DNA
in den ausgerissenen Haarwurzelzellen und abgelösten Darmschleimhautzellen ist nicht
unbegrenzt stabil und kann je nach mikroklimatischen Bedingungen bis zum Zeitpunkt des
Einsammelns der Probe schon verdorben sein. Bei reichlichen Probenfunden (in größeren
Populationen) kann man sich auf die Analyse guter Proben (frischer Kot,
≥5
Grannenhaa-
re) beschränken, bei wenig Probenfunden in Gebieten mit geringer Bärendichte wird man
auch weniger gute Proben einbeziehen.
Fazit:
Das genetische Monitoring ist zurzeit die verlässlichste und effizienteste Methode
zur Bestimmung von Größe und Trend einer Bärenpopulation. Hinweise auf Reproduktion
aus dem konventionellen Monitoring können abgesichert werden. Zusätzlich können Daten
über Inzucht und genetische Variabilität gesammelt werden.
Opportunistisches Sammeln von Haar- und Kotproben
Opportunistisches Sammeln von Proben bedeutet, dass Proben bei Gelegenheit gesam-
melt werden. Trotzdem müssen Proben aktiv gesucht werden, z. B. durch Ausgehen einer
Fährte, Abfahren von Forststraßen, Nachsuche im Bereich gemeldeter Hinweise oder bei
Schadensbegutachtungen. Zur Erhöhung der Haarprobenausbeute können auch Haar-
fallen eingesetzt werden, ohne einem besonderen Schema zu folgen.

84
In erster Linie werden Proben von Monitoring-Fachleuten (Bärenbeauftragten) gesammelt.
Hält sich ein Bär länger im Gebiet auf, können auch Revierjäger und Förster mit eingebun-
den werden. Sie müssen geschult, motiviert, mit Material versorgt und laufend informiert
werden.
Aufwand:
Personal- und Reisekosten, die für die Evaluierung von Bärenhinweisen ohnehin anfallen.
200 € Materialkosten pro Jahr für Probenröhrchen, Alkohol, Silikagel (zum trocken Lagern
der Haarproben).
150 – 500 € pro Probe.
Zusätzliche Reisekosten und Materialkosten für die Betreuung von Haarfallen.
In Österreich fielen bei einer Präsenz von 2 – 7 Bären etwa 100 Proben pro Jahr an (Ana-
lysekosten: ca. 13.000 €)
Im Trentino wurden für 27 Bären bis zu 800 Proben pro Jahr analysiert (Analysekosten: ca.
120.000 €).
Systematisches Sammeln von Haarproben mit Haarfallen
Systematisches Sammeln von Haarproben mit Haarfallen und Schätzen der Bärenanzahl
im Untersuchungsgebiet mit Fang-Wiederfang-Statistik ist eine Methode, die besonders für
die Untersuchung etwas größerer Populationen geeignet ist. Parameter wie kleines Unter-
suchungsgebiet und geringe Besuchsfrequenz der Fallen durch Bären lassen den Popula-
tionsschätzwert rasch unzuverlässig werden.
Das bedeutet, dass in der Anfangsphase einer möglichen Wiederbesiedelung der Baye-
rischen Alpen systematisches Sammeln mit Haarfallen nicht zielführend sein wird. Die
langgestreckte Form des Bärenhabitats in Bayern macht es überdies notwendig, ein sol-
ches Unterfangen grenzübergreifend in Zusammenarbeit mit Tirol und Salzburg anzu-
gehen.
Aufwand:
Personalkosten
1.000 – 2.000 € Materialkosten
10.000 km Reisekosten (1 Kontrolle und Umsetzen/Falle alle 2 Wochen) pro Saison.
150 € pro Probe (gute Proben vom Stacheldraht).
Telemetrie
Radiotelemetrie ist eine etablierte und vielfältig einsetzbare Forschungsmethode. Die neue
Sendergeneration von GPS-GSM Sendern macht es möglich, Individuen in kurzen Zeitab-
ständen genau zu orten und damit eine Fülle von Daten zur Raumnutzung und Aktivität zu
sammeln. Auch die Interaktion zwischen Individuen und zwischen Bär und Mensch kann so
näher untersucht werden.
Radiotelemetrie ist jedoch keine Methode für das Bestandsmonitoring, sie kann aber, ein-
gebettet in ein größeres Projekt, wichtige Zusatzinformationen zum Bestandsmonitoring auf

85
Basis des konventionellen Sammelns von Hinweisen liefern: Größe von Streifgebieten,
Größe zurückgelegter Distanzen, Hinweis auf Reproduktion (frühes Aufsuchen und spätes
Verlassen des Winterlagers), bevorzugte Tageslagereinstände, Aktivitätsrhythmus.
Unumgänglich ist die Radiotelemetrie für das Monitoring von problematischen Individuen
zur besseren Überwachung, Einschätzung der Gefährlichkeit und gezielten Ausrichtung
von Vergrämungsmaßnahmen.
Fazit:
Radiotelemetrie ist keine geeignete Methode für das Monitoring der Populations-
größe und -entwicklung. Das bessere Verständnis der Raumnutzung und Aktivität kann bei
der Suche nach Haar- und Kotproben für die DNA-Analyse hilfreich sein. In Refe-
renzgebieten richtig angewendet, sind die Ergebnisse von Telemetriestudien wichtig zur
Überprüfung und Kalibrierung anderer Monitoringmethoden.
Aufwand:
33.000 € für 10 GPS / GSM Sender.
10.000 € Fallen- und Fangmaterial Erstanschaffung.
Je nach Fragestellung und Gelände ein schwer zu kalkulierender zusätzlicher Aufwand an
Personal- und Reisekosten.

86
Danksagung
In diese überarbeitete Version sind die Erfahrungen und Diskussionsbeiträge vieler Perso-
nen aus den jährlichen Treffen der für das Monitoring von Wolf und Luchs zuständigen Per-
sonen eingeflossen, denen wir dafür danken. Ebenfalls wurden die Ergebnisse des internati-
onalen Monitoringworkshops, der im Rahmen der Entwicklung deutsch-polnischer Monito-
ringstandards für den Wolf im Mai 2013 in Neustadt / Spreetal stattfand, hier berücksichtigt.
Den Workshop-Teilnehmern aus Polen, Italien, Frankreich und Schweden gebührt unser
herzlicher Dank.
Ein besonderer Dank gilt auch Harald Martens vom Bundesamt für Naturschutz für die Pro-
jektbetreuung und hilfreiche Zusammenarbeit.
Finanziert wurde sowohl die erste Version als auch diese Überarbeitung mit Mitteln des Bun-
desministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

87
Literatur
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München.
Andrén, H., J.D.C. Linnell, O. Liberg, R. Andersen, A. Danell, J. Karlsson, J. Odden, P.F.
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tion, Volume 131(1):23-32.
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Blanco, J.C. 2008. Wolf monitoring in Spain without snow. Paper presented at the Monitoring
Workshop in Munich 17.–19.06.2008.
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Breitenmoser, U., Ch. Breitenmoser-Würsten, M. von Arx, F. Zimmermann, A. Ryser, Ch.
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http://www.kora.ch/pdf/reports/rep42_d.pdf
Weiterführende Literatur zum Erkennen von Hinweisen auf Bär, Luchs und Wolf:
Breitenmoser, U., C. Breitenmoser-Würsten. 2008. Der Luchs. Ein Großraubtier in der Kultur-
landschaft. Salm Verlag, Schweiz.
Kaczensky, P. T. Huber, I. Reinhardt, G. Kluth. 2008 (Neuauflage). Wer War Es? Spuren und
Risse von großen Beutegreifern erkennen und dokumentieren.
Bayerischer Landes-
jagdverband
,
Molinari, P., U. Breitenmoser, A. Molinari-Jobin, M. Giacometti. 2000. Raubtiere am Werk.
Handbuch zur Bestimmung von Großsraubtierrissen und anderen Nachweisen. Roto-
grafica Verlag, Limena, Italien (in Deutsch vergriffen).

92
Anhang
Abkürzungen und Definitionen
Begleittexte zur Richtlinie
: Die beiden Dokumente “
Assessment, monitoring and reporting
under Article 17 of the Habitats Directive: Explanatory notes and guidelines for the pe-
riod 2007-2012. Final Version 2011"
und
"DocHab-04-03/03 rev.3"
FAWF
= Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft, Rheinland-Pfalz.
FCS
= Favorable Conservation Status = günstiger Erhaltungszustand.
FFH-RL
= Fauna-Flora-Habitatrichtlinie, Richtlinie, Habitatdirektive: wird synonym verwen-
det.
FRP
= Favorable Reference Population = günstige Referenzpopulation.
FRR
= Favorable Reference Range = günstiges Referenzgebiet
IUCN
= International Union for Conservation of Nature
KORA
= Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtie-
re in der Schweiz.
LCIE
= Large Carnivore Initiative for Europe.
Leitlinien
= Guidelines for Population Level Management Plans for Large Carnivores (Linnell
et al. 2008).
MVP
= Minimum Viable Population = minimale lebensfähige Population.
SCALP
=
S
tatus and
C
onservation of the
A
lpine
L
ynx
P
opulation.
StMUGV
= Bayerisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz
Monitoring:
aktives Monitoring
= durch gezielte Aktivitäten im Großraubtier-Gebiet wird versucht,
Nachweise und bestätigte Hinweise zu finden, z. B. Ausfährten, systematisches Foto-
fallenmonitoring, Telemetrie
passives Monitoring
= zufällig gefundene Hinweise Dritter werden gesammelt und überprüft

93
SCALP-Kriterien für Deutschland:
C1: Eindeutiger Nachweis =
harte Fakten, die die Anwesenheit eines Wolfes, Luchses oder
Bären eindeutig bestätigen (Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis, Foto, Tele-
metrieortung).
C2: Bestätigter Hinweis =
von erfahrener Person überprüfter Hinweis (z. B. Spur oder
Riss), bei dem ein Wolf, Luchs oder Bär als Verursacher bestätigt werden konnte. Die
erfahrene Person kann den Hinweis selber im Feld oder anhand einer aussagekräftigen
Dokumentation von einer dritten Person überprüfen und bestätigen.
C3: Unbestätigter Hinweis =
Alle Hinweise, bei denen ein Wolf, Luchs oder Bär als Verur-
sacher auf Grund der mangelnden Indizienlage von einer erfahrenen Person weder be-
stätigt noch ausgeschlossen werden konnte. Dazu zählen alle Sichtbeobachtungen oh-
ne Fotobeleg, auch von erfahrenen Personen; ferner alle Hinweise, die zu alt, unzu-
reichend oder unvollständig dokumentiert sind, zu wenige Informationen für ein klares
Bild (z.B. bei Spuren) aufweisen oder aus anderen Gründen für eine Bestätigung nicht
ausreichen. Die Kategorie C3 kann in Unterkategorien, wie „wahrscheinlich“ und „un-
wahrscheinlich“ unterteilt werden.
Falsch: Falschmeldung =
Hinweis, bei der die betreffende Tierart als Verursacher ausge-
schlossen werden kann.
k.B.: keine Bewertung möglich =
Hinweise, zu denen auf Grund fehlender Mindestinforma-
tionen keine Einschätzung möglich ist. Zum Beispiel Sichtmeldungen von Rissen oder
Spuren.
Archivierung
= Festhalten von Hinweisen in einer digitalen Datenbank, um die Anzahl, zeit-
liche und räumliche Entwicklung von Meldungen analysieren und darstellen zu können.
Mindestens aufgenommen werden müssen: Datum, Koordinaten, Tierart, Art des Hin-
weises, SCALP-Bewertung.
Bewertung
= Die Einteilung der Monitoringdaten nach den SCALP-Kriterien erfolgt durch
erfahrene Personen nach einheitlichen Standards. In den Handbüchern ist für jede
Hinweisart artspezifisch festgelegt, welche Kriterien eine Einteilung in C1, C2 oder C3
rechtfertigen.
Dokumentation
= detaillierte Aufnahme der Charakteristika eines Hinweises nach bestimm-
ten Vorgaben, um eine nachträgliche Evaluierung des Hinweises durch erfahrene Per-
sonen als C1 (eindeutiger Nachweis), C2 (bestätigter Hinweis) oder C3 (unbestätigter
Hinweis) zu ermöglichen.
Erfahrene Personen
= Eine Person gilt als erfahren, wenn sie bereits ausgiebig mit dem
Monitoring der jeweiligen Tierart beschäftigt war, so dass sie Routine im Erkennen und
Interpretieren von Hinweisen dieser Art hat. Sie muss also über längere Zeit an Feldar-
beit im Rahmen national oder international anerkannter Wolf-, Luchs- oder Bären-
Projekte teilgenommen haben. Sie muss mit der Biologie der jeweiligen Tierart und ih-
rer Beutetiere (Wild- und Nutztiere) vertraut sein. Um die Routine im Erkennen und
Einordnen von Wolf-, Luchs- oder Bärenhinweisen aufrecht zu erhalten, muss diese
Person Gelegenheit haben, solche Hinweise regelmäßig zu sehen.
Geschulte Personen
= Personen, die eine Schulung im Erkennen und Dokumentieren von
Wolf-, Luchs- oder Bärenhinweisen absolviert haben (z. B. einen mehrtägigen Kurs).

94
Sie beherrschen das Handwerkszeug, haben idealer Weise bereits eigene Kenntnisse
im Monitoring der betreffenden Tierart sammeln können, jedoch noch nicht die langjäh-
rige Routine der erfahrenen Personen.
Breite Öffentlichkeit
= Personen ohne weitere Vorkenntnisse, die Hinweise melden.