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SÄCHSISCHES
STAATSARCHIV
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2019

Seite
1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Andrea Wettmann
10
Aus den Beständen
Zwischen den Zeiten, zwischen den Zeilen – Der Nachlass des Bauern Edwin Arno Ulbrig und dessen Wirtschaftstagebücher
Daniel Fischer
12
Aspekte der Überwachung raumklimatischer Bedingungen in Archivräumen – Staatsarchiv Chemnitz
Ronald Pasler
14
Schimmelpilzproblematik in Archiven
Christine Grafe / Annette Gruschwitz
18
600 000 Digitalisate – Ein Zwischenbericht
Michael Merchel
20
Meldungen/Berichte
Wie sauer sind unsere Archivbestände? – Vier Bestandsuntersuchungen mit dem SurveNIR-System im
Sächsischen Staatsarchiv
Barbara Kunze
24
Sachsenringwerker arbeiten an ihrer Hinterlassenschaft – Förderverein des August Horch Museums unterstützt
Bewertung und Ordnung des Bestandes 31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau
Benno Stengel
26
Das Archiv als historisches Labor – Wo bleibt die universitäre Lehre in der Archivpädagogik?
Alexander Kästner
30
Novemberrevolution 1918 – Neue Online-Ausstellung des Sächsischen Staatsarchivs
Kevin Geilen
30
Publikationshinweis Audiovisuelle Medien
Stefan Gööck
31
Rezensionen
Tobias Winter, Die deutsche Archivwissenschaft und das „Dritte Reich“. Disziplingeschichtliche Betrachtungen
von den 1920ern bis in die 1950er Jahre
Jörg Ludwig
32
Felix Stalder, Kultur der Digitalität
Stephanie Kortyla
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Die Abgeordneten des Sächsischen Landtages
hatten mit der Bereitstellung von insgesamt
1,2 Mio. Euro für die Digitalisierung von
Archiv gut im Doppelhaushalt 2017/18 ein
eindeutiges Zeichen gesetzt. Ein wesentlicher
Aufgabenschwerpunkt des Staatsarchivs sollte
es in diesen beiden Jahren sein, digitale Kopien
des von ihm verwahrten, bis in das Jahr 948
zurückreichenden Kulturguts anzufertigen und
diese Abbilder der Originale den Bürgerinnen
und Bürgern online zur Verfügung zu stel-
len. Das Staatsarchiv hat mit diesen Mitteln
innerhalb von nur zwei Jahren mehr als fünf
Kilometer Archivgut sowie über 2 000 Stunden
Film- und fast 1 200 Stunden Audiomaterial
digitalisiert. Weitere Haushaltsmittel wurden
für den allerdings noch nicht abgeschlossenen
Aufbau der zur Speicherung und Bereitstellung
benötigten Infrastruktur verwendet.
Mit dieser Leistung konnte das in der Digitali-
sierungsstrategie „Sachsen Digital“ formulierte
Ziel, 5 % des Archivgutes zu digitalisieren, vor-
zeitig erfüllt und auch ein großer Fortschritt
auf dem Weg zu einer freien Weiterverwen-
dung staatlicher Informationen erzielt wer-
den. Dieser Erfolg ging jedoch auch zu Lasten
archivgesetzlicher Kernaufgaben. Im Bereich
der Überlieferungsbildung, also der Bewertung
und Übernahme von Unterlagen aus den Be-
hörden und Gerichten, bei der Verwahrung und
Erhaltung des Archivgutes ebenso wie bei der
Erschließung und Bereitstellung der Archivali-
en sind zusätzliche Rückstände entstanden, die
es in den nächsten Jahren aufzuarbeiten gilt.
Ob dies gelingen wird, hängt ganz wesentlich
vom künftigen Personalbestand des Staats-
archivs ab. Der von der „Kommission zur
umfassenden Evaluation der Aufgaben, Per-
sonal- und Sachausstattung“ des Freistaates
in ihrem Abschlussbericht 2016 festgestellte
Mindestbedarf an Personalstellen konnte auch
2018 nicht erreicht werden. Im Berichtsjahr
wurde jedoch der seit 2006 kontinuierlich an-
dauernde Personalabbau vorerst gestoppt und
das Personal-Ist gegenüber dem Vorjahr um
2,7 % erhöht. Den genannten Mindestbedarf
an Personalstellen könnte das Staatsarchiv
2019/20 wieder erreichen, wenn die im Haus-
haltsplan zugewiesenen Stellen tatsächlich
nachbesetzt werden.
Wie der gesamte öffentliche Dienst steht auch
das Staatsarchiv vor der Herausforderung, für
frei werdende Stellen die geeigneten Fachkräfte
zu gewinnen. Zwar hat das Staatsarchiv in der
Vergangenheit regelmäßig weibliche ebenso
wie männliche Archivreferendare, Archiv-
inspektorenanwärter und Fachangestellte für
Medien- und Informationsdienste ausgebildet.
Diese sind in Folge des Personalabbaus jedoch
ganz überwiegend in andere Bundesländer,
teilweise auch in den kommunalen Bereich
abgewandert. Die jüngsten Bemühungen des
Freistaates, als Arbeitgeber noch attraktiver
zu werden, sind daher sehr zu begrüßen. Das
Staatsarchiv beschreitet unabhängig davon
aber auch eigene Wege, um allen Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeitern möglichst gute und
zukunftsorientiere Arbeitsbedingungen zu
bieten. Dazu gehört einerseits, gemeinsame
Werte der Zusammenarbeit zu entwickeln, die
für das alltägliche Miteinander als Leitfaden
dienen können. Dieser bereits 2016 begonnene
Prozess wurde auch im Berichtsjahr erfolgreich
fortgesetzt. Ebenso entscheidend ist die For-
mulierung klarer und verlässlicher Ziele. Die
folgenden Überschriften greifen diese Ziele
auf und stellen den erreichten Sachstand dar.
„Wir erhöhen kontinuierlich die Zahl
der Digitalisate“
Bereits 2017 hatte das Staatsarchiv seine
Kapazitäten so weit wie möglich auf die Di-
gitalisierung von Archivgut konzentriert. Es
erwies sich dabei als enormer Vorteil, dass es
auf die Erfahrungen aus seiner Mitwirkung am
Isteinnahme (T
) (ohne Fördermittel)
2017
2018
insgesamt
90,70
91,1
Istausgabe (T
)
insgesamt
7.672,10
8.321,10
Personal
6.345,20
6.735,10
Benutzung
538,50
648,10
Schutz- und Ergänzungsverfilmung
80,70
78,60
Konservierung und Restaurierung
409,20
451,90
Archivierung von AV-Medien
20,10
49,60
Datenverarbeitung
123,50
176,60
Druck von Publikationen
11,60
16,60
Sicherungsverfilmung (Bundesmittel)
143,30
164,60
Personal (in VZÄ)
2006
2016 **
2017
2018 *
insgesamt
127,88
106,12
100,85
103,61
Archiv
70,56
55,44
52,45
56,76
Bibliothek
1,50
1,50
1,50
1,50
Verwaltung
14,63
15,36
13,48
13,75
Magazin
20,44
13,80
15,30
14,23
technische Werkstätten
15,75
15,03
14,13
13,38
Sonstige (IuK u. AVM)
5,00
5,00
4,00
4,00
* Personal-Ist am 31.12.2018 (Stellen im Personalsoll A, ohne Auszubildende,
Anwärter und Referendare; Vollzeitäquivalente)
** Personalbedarf laut Personalkommission
Palettenweise wurden Sicherungs- und Schutzfilme zur Digitalisierung an Dienstleister versandt
(Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 2
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Produktivpiloten der Deutschen Forschungs-
gemeinschaft (DFG) zur „Digitalisierung von
archivalischen Quellen“ zurückgreifen konnte.
Bereits hier war erfolgreich erprobt worden,
die Digitalisierung großer Mengen von Mikro-
filmen und Makrofiches aus der Bundessiche-
rungs- und der Schutzverfilmung an externe
Dienstleister zu vergeben.
Im Berichtsjahr wurden ca. 1 600 Meter des
Aktenbestandes, rund 16 300 Karten und Plä-
ne sowie ca. 217 Stunden kinematografischer
Film, 867 Stunden Video und 217 Stunden Au-
dio digitalisiert. Im Ergebnis liegen nun fast
30 Millionen digitale Kopien bereit, die zum
Großteil keinen Schutzbestimmungen unter-
liegen und nun sukzessive online zugänglich
gemacht werden können. In den kommenden
Jahren soll die Digitalisierung von Archiv-
gut fortgesetzt werden. Im Doppelhaushalt
2019/20 stehen dem Staatsarchiv dafür je-
weils 200 000 Euro zur Verfügung. Darüber
hinaus wurde ein Antrag des Staatsarchivs bei
der DFG bewilligt, so dass bis 2021 für diesen
Zweck weitere 157 064 Euro Fördermittel ver-
ausgabt werden können.
Als weiterhin schwierig und aufwändig erwies
sich der Aufbau der technischen Infrastruk-
tur für die Speicherung und Online-Stellung
der Digitalisate. In Eigenleistung sowie in
Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staats-
kanzlei und dem Staatsbetrieb Sächsische
Informatikdienste wurden 2018 einige, aber
noch nicht alle Voraussetzungen für einen
reibungslosen Arbeitsablauf geschaffen, um
die großen Datenmengen langfristig sichern,
in der archivinternen Datenbank verwalten
und im Internet performant benutzbar ma-
chen zu können. Nach langer Vorbereitungs-
zeit gelang der Durchbruch erst am Ende des
Berichtsjahres mit der Online-Stellung von
über 600 000 Digitalisaten aller Akten, Kar-
ten, Pläne, Stammtafeln und Zeichnungen des
vom Hauptstaatsarchiv Dresden verwahrten
Bestandes „Oberhofmarschallamt“.
Mit dem Einstieg in die Präsentation großer
Mengen von Archivgut im Internet setzt das
Staatsarchiv die E-Government-Strategie des
Freistaates Sachsen um, die auf eine Moderni-
sierung der Verwaltung und ein bürgernahes,
möglichst medienbruchfreies Angebot ihrer
Leistungen abzielt. Das Online-Angebot des
Staatsarchivs soll nun schrittweise ausgebaut
werden; weitere Bestände wie z. B. der Geheime
Rat und das Geheime Kabinett, die Gerichts-
bücher, die Auto Union AG Chemnitz oder die
historischen Karten und Pläne der Bergverwal-
tung sollen folgen und ganz oder teilweise zur
kostenlosen Nutzung im Internet bereitgestellt
werden. Allerdings sind vorher noch eine ganze
Reihe von Nacharbeiten zu erledigen sowie
insbesondere urheberrechtliche Fragen zu klä-
ren, für die während der laufenden Digitalisie-
rungsmaßnahmen im Doppelhaushalt 2017/18
die Personalkapazitäten fehlten.
„Bei der Bereitstellung des
Archivgutes setzen wir verstärkt
auf moderne Technologien“
Die Schwierigkeiten bei der Präsentation der
Digitalisate resultieren nicht zuletzt aus der
großen Datenmenge, die bei der Herstellung
dieser Bilddateien entsteht. Da vergleichbare
Erfahrungen in anderen sächsischen Behör-
den nicht vorlagen, musste das Staatsarchiv
zunächst einen Weg finden, die Bilddigitalisate
nach ihrer Größe automatisch zu differenzie-
ren und für die Online-Stellung auf der Website
Anzahl der Digitalisate (in Mio.)
Festaufzug am Hof Kurfürst Augusts (1553–1586)
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
10006 Oberhofmarschallamt, Hierüber Nr. 4)
(Foto Jürgen Lösel)
Besuch des Beauftragten für Informationstechnologie des Freistaates, Thomas Popp (3. v. l.) (Foto Sylvia Reinhardt)
„sachsen.de“ aufzubereiten. Mit der seit Ende
2018 erfolgreich betriebenen Routine werden
nicht nur die Downloadzeiten für Nutzerin-
nen und Nutzer verringert, sondern auch der
Speicherbedarf und die dadurch anfallenden
Kosten erheblich reduziert. Da kinematogra-
fische, videografische und Schall-Archivalien
auf der offiziellen Website des Freistaates noch
nicht in geeigneter Weise dargestellt werden
konnten, hat das Staatsarchiv zusätzlich ei-

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 3
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
nen eigenen YouTube-Kanal eröffnet, auf dem
testweise zunächst 17 Videos und Audios
eingestellt sind (s. hierzu den Beitrag von
Michael Merchel in diesem Heft).
Dieses Beispiel macht deutlich, dass der Weg
zum angestrebten „virtuellen Lesesaal“, in
dem Nutzerinnen und Nutzer künftig z. B.
auch solches Archivgut einsehen können, das
archivgesetzlichen Schutzfristen unterliegt,
noch weit ist. Um auf die großen Potentiale
hinzuweisen, die in der digitalen Vermittlung
von Kulturgut liegen, hat das Staatsarchiv an
einem Positionspapier der Konferenz der Lei-
terinnen und Leiter der Archivverwaltungen
des Bundes und der Länder (KLA) zum Thema
„Das digitale Gedächtnis nachhaltig aufbauen:
Digitalisierung archivischer Quellenbestände,
ihre Speicherung und Bereitstellung im Netz“
mitgearbeitet. Dieses Papier weist darauf hin,
dass die Archivträger nicht nur temporär Mit-
tel für die Digitalisierung bereitstellen, sondern
auch langfristig in den Aufbau und den nach-
haltigen Betrieb der technischen Infrastruktur
investieren müssen.
Dieser Appell an Politik und Verwaltung resul-
tiert nicht zuletzt aus den Erfahrungen beim
Aufbau des Archivportal-D im Rahmen der von
Bund und Ländern gemeinsam finanzierten
Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB). Auch
hier treffen derart große Datenmengen auf
eine offensichtlich unterdimensionierte tech-
nische Infrastruktur, dass der Ausbau für alle
deutschen Archive nur sehr stockend verläuft.
Obwohl die Verantwortlichen auch 2018 in-
tensiv an der Etablierung einer dezentralen
Datenaufbereitung und der Verbesserung der
Datenübernahme gearbeitet haben, konnten
die vom Staatsarchiv bereitgestellten Daten
wiederum nicht in dieses spartenspezifische
Online-Angebot integriert werden.
Unabhängig davon wurde das eigene Web-An-
gebot des Staatsarchivs auch im vergangenen
Jahr kontinuierlich ausgebaut. Auf reges Inte-
resse stößt zum Beispiel die neu eingerichtete
Panoramatour durch das Bergarchiv Freiberg.
Nachdem dieser neue Blick hinter die Kulis-
sen bereits 2017 für das Hauptstaatsarchiv
Dresden eröffnet worden war, können sich
Internetnutzerinnen und -nutzer nun auch auf
einen virtuellen Rundgang durch die öffentlich
zugänglichen Bereiche und durch die nicht-
öffentlichen Magazine und Werkstätten des
Bergarchivs Freiberg begeben, das gemeinsam
mit der Mineralienausstellung „Terra Minera-
lia“ im Schloss Freudenstein untergebracht
ist. Eine intensivere Beschäftigung mit Ar-
chivalien erlauben darüber hinaus zwei neue
Online-Ausstellungen des Hauptstaatsarchivs
Dresden: Sie zeigen die aussagekräftigsten
Exponate der 2017 präsentierten Ausstellung
„Verbrannt? Luther, Herzog Georg und die
Bannandrohungsbulle“ und eine anlässlich
des Jubiläums „100 Jahre Freistaat Sachsen“
kreierte, kommentierte Bildergalerie mit his-
torischen Dokumenten zu den Ereignissen
zwischen der Novemberrevolution 1918 und
dem vorläufigen Grundgesetz vom 28. Februar
1919. Einen experimentellen Charakter hatte
hingegen die Teilnahme des Staatsarchivs
beim Kultur-Hackathon „Coding da Vinci“, ei-
ner Veranstaltung zur kreativen Entwicklung
von Anwendungen, Apps und Spielen mit frei
nutzbaren Kulturdaten, die 2018 erstmals in
Ostdeutschland stattfand. Das Staatsarchiv
Leipzig stellte hier Metadaten bereit und sam-
melte im Austausch mit Softwareentwicklern
und anderen Gedächtnisinstitutionen erste
Erfahrungen auf diesem Gebiet.
Wie sich das wachsende digitale Angebot des
Staatsarchivs mittel- und langfristig auf die
Benutzung des Archivgutes auswirken wird,
ist noch nicht abzusehen. Einem bundesweiten
Trend folgend, hat sich die Zahl der Benutzerta-
ge, also die Zahl der Tage, an denen Benutzer
das Archiv aufgesucht haben, von 12 639 auf
10 517 sowie die Zahl der schriftlichen Anfra-
gen von 6 888 auf 5 959 verringert. Dagegen
ist die Zahl der Ausleihen für Ausstellungen um
fast 30 % und die Anzahl der Reproduktionen
von Archivgut noch einmal um mehr als 5 %
angestiegen. Besonders bemerkenswert ist da-
bei der Zuwachs an Kopien vom Original, die
von Nutzerinnen und Nutzern an den Selbst-
bedienungsscannern in Eigenregie angefertigt
wurden. Die Steigerung um 12 % macht deut-
lich, dass das Interesse am Archivgut weiterhin
wächst, die Bearbeitung aber nicht mehr so oft
im Lesesaal, sondern am heimischen Schreib-
tisch bzw. Computer erfolgt.
Moderne Technologien werden jedoch nicht
nur zur Präsentation des Archivgutes, sondern
auch zur internen Steuerung und zum Betrieb
des Staatsarchivs eingesetzt. Nachdem 2017
Verschiedene Typen von Magnettonbändern (Foto Jürgen Lösel)
Panoramatour Bergarchiv Freiberg, Screenshot (Produzent 360Grad-Team)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
mit Unterstützung des Innenministeriums
bereits die organisatorischen und techni-
schen Voraussetzungen geschaffen werden
konnten, wurde im Mai 2018 an allen fünf
Standorten die elektronische Aktenführung
implementiert. Noch ist es für eine abschlie-
ßende Bilanz zu früh. Es ist nach acht Monaten
jedoch bereits deutlich geworden, dass die
Umstellung auf das (fast) papierlose Büro zwar
mit erheblichem Aufwand verbunden ist, die
elektronische Vorgangsbearbeitung aber die
standortübergreifende Zusammenarbeit im
Staatsarchiv deutlich verbessert und die Trans-
parenz der internen Abläufe und Entscheidun-
gen für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
wesentlich erhöht hat.
Dieser Fortschritt konnte nur erreicht werden,
weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
Einführung grundsätzlich positiv gegenüber-
standen, intensiv geschult und von engagier-
ten Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus
den eigenen Reihen unterstützt worden sind.
Die Voraussetzungen für das Gelingen hatte
das aus allen Abteilungen zusammengesetzte
Projektteam geschaffen, das von den Füh-
rungskräften des Staatsarchivs begleitet und
unterstützt wurde. Eine wichtige Rolle kam
dabei auch der im Staatsarchiv neu geschaffe-
nen „Schriftgutverantwortlichen“ zu, die auch
künftig gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern für eine ordnungsgemäße
Schriftgutverwaltung sorgen und die unver-
zichtbare Daueraufgabe der Qualitätssiche-
rung übernehmen wird.
Einen erheblichen Aufwand verursachte im
Berichtsjahr auch die Umsetzung der europäi-
schen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO),
mit der die Regeln zur Verarbeitung perso-
nenbezogener Daten in der Europäischen
Union vereinheitlicht wurden. Diese Verord-
nung gilt für alle öffentlichen Stellen glei-
chermaßen, besitzt für Archive, die in ihrem
Archivgut massenhaft personenbezogene
Daten verwahren, aber eine ganz besondere
Bedeutung. Das Sächsische Archivgesetz war
durch ein am 25. Mai 2018 in Kraft getretenes
Artikelgesetz an die Bestimmungen der DSGVO
angepasst worden. Darüber hinaus mussten
im Staatsarchiv sowohl alle verwaltungsin-
ternen Regelungen, die konkrete Verarbeitung
personenbezogener Daten als auch die Da-
tenschutzorganisation und -dokumentation
überprüft und bei Bedarf geändert werden.
„Alle Findmittel werden elektronisch
erfasst“
Die Erschließung des Archivgutes, das vor
Jahrzehnten oder vor Jahrhunderten für die
Zwecke der Verwaltung angelegt worden ist,
aber nicht für die Benutzung durch heutige
Leser bestimmt war, gehört zu den wichtigsten
Kernaufgaben eines Archivs. Nur wenn das
Archivgut gefunden und genutzt werden kann,
macht die Erledigung der übrigen archivischen
Aufgaben – von der Überlieferungsbildung bis
zur Verwahrung und Erhaltung – einen Sinn.
Dennoch muss die Erschließung im Staats-
archiv aufgrund drängenderer Tagesaufga-
ben immer wieder zurückgestellt werden. Seit
Jahren halten sich daher die Neuzugänge aus
Behörden und Gerichten auf der einen und
die Erschließungsfortschritte auf der anderen
Seite in etwa die Waage. Zwar kann der Um-
fang des benutzbaren Archivgutes auf diese
Weise mit 98 % auf einem hohen Niveau ge-
halten werden. Aber nach archivfachlichen
Grundsätzen waren auch im Berichtsjahr nur
ca. 34 % des Aktenbestandes des Staatsarchivs
„voll erschlossen“. Dieser mehr oder weniger
unzureichende Erschließungszustand ist nicht
nur für Nutzerinnen und Nutzer hinderlich, die
vergeblich in der Datenbank des Staatsarchivs
oder im Internet recherchieren. Unzureichende
Informationen über das Archivgut verursachen
auch im Staatsarchiv zusätzliche Aufwände,
indem sie z. B. die Auskunftserteilung, die Ver-
filmung sowie die Digitalisierung erschweren.
Bei der Jahresplanung muss daher immer wie-
der aufs Neue abgewogen werden, welche
Bestände vorrangig bearbeitet werden können
und sollen. Die Konzentration der Fachkräfte
auf die Erschließung von Großbeständen mit
hoher informationeller Bedeutung gehörte
auch im Berichtsjahr zu den operativen Zie-
len des Staatsarchivs. Die Retrokonversion
konventioneller Findmittel erfolgte hingegen
auch 2018 wieder ganz überwiegend durch ex-
terne Dienstleister. Im Berichtsjahr konnte ein
Retrokonversionsprojekt von 133 600 Erschlie-
ßungsdatensätzen abgeschlossen werden, das
die DFG mit fast 90 000 Euro unterstützte.
Damit ist nun z. B. das „Wittenberger Archiv“
der Markgrafen von Meißen und Kurfürsten
von Sachsen ebenso online verfügbar, wie
der Bestand des für seinen Motorradbau in-
ternational renommierten VEB Motorradwerk
Zschopau.
Insgesamt sind inzwischen fast 60 % des Ar-
chivgutes in der Datenbank erfasst und 37 %
online recherchierbar. Für die Bereitstellung
von personenbezogenem Archivgut, das den
archivgesetzlichen Schutzfristen unterliegt,
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 4
Selbstbedienungsscanner im Staatsarchiv Chemnitz
(Foto Mark Frost)
Schulung für die elektronische Vorgangsbearbeitung in Leipzig (Foto Birgit Richter)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
fehlen nicht nur dem Sächsischen Staatsarchiv
derzeit noch die technischen und organisa-
torischen Voraussetzungen. Der Bestand der
fast 204 000 Medieneinheiten umfassenden
Dienstbibliothek, die auch den Nutzerinnen
und Nutzern des Staatsarchivs zur Verfügung
steht, ist hingegen zu 90 % katalogisiert und
über den Südwestdeutschen Bibliotheksver-
bund zum überwiegenden Teil auch online
recherchierbar.
„Wir konzentrieren uns auf die
Überlieferung der wichtigsten
anbietungspflichtigen Stellen“
Im Berichtsjahr haben von den 225 Behörden
und Gerichten, für die das Staatsarchiv insge-
samt zuständig ist, 145 mehr als 20 Kilometer
Papierunterlagen sowie zahlreiche elektroni-
sche Daten aus Fachverfahren zur Bewertung
angeboten. Das Staatsarchiv hat gemäß dem
Sächsischen Archivgesetz über den bleiben-
den Wert dieser Unterlagen entschieden und
370 Meter zur dauerhaften Archivierung über-
nommen. Die Übernahmequote liegt damit
wie in den Vorjahren stabil bei unter 2 %; die
übrigen 98 % der angebotenen Unterlagen
werden nach der Bewertung von den anbie-
tungspflichtigen Stellen datenschutzgerecht
vernichtet.
Diese Zahlen machen deutlich, dass die ver-
antwortungsvolle Aufgabe der Überlieferungs-
bildung vor allem aus fachlichen Gründen,
aber auch angesichts der riesigen Mengen
angebotener Unterlagen auf der einen und
der überschaubaren personellen Kapazitäten
auf der anderen Seite einer konsequenten
Standardisierung und Steuerung bedarf. Das
Staatsarchiv stimmt sich daher mit anderen
Bundesländern ebenso wie intern über Be-
wertungsentscheidungen ab und setzt seit
2017 die eigens entwickelten Kriterien für die
Priorisierung der anbietungspflichtigen Stel-
len planmäßig um. Diesem Ziel diente auch
ein interner Workshop, der 2018 zusätzlich zu
den regelmäßigen, abteilungsübergreifenden
Dienstbesprechungen mit allen zuständigen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Staats-
archivs stattfand.
Die Wirksamkeit dieser neuen Kriterien kann
nach der kurzen Zeit noch nicht genau beur-
teilt werden, zumal Veränderungen im Trend
auch immer von den Kapazitäten der anbie-
tenden Stellen abhängen. Für 2018 ist lediglich
festzustellen, dass sich die Anzahl der Anbie-
tungen gegenüber dem Vorjahr um 9 % und
die Anzahl der Übernahmen um 33 % reduziert
hat. Vorteilhaft für das Staatsarchiv und für
die anbietenden Stellen wirkt sich dabei auch
die stetig wachsende Zahl der unbefristeten
Vernichtungsgenehmigungen aus. Im vergan-
genen Jahr konnten fast 1 500 Aktengruppen
von den Behörden und Gerichten vernichtet
werden, ohne dass sie aufwändig in Listen
aufgenommen und dem Staatsarchiv noch-
mals angeboten werden mussten.
Betrachtet man die Überlieferungsbildung als
durchgehenden Prozess von der Entstehung
eines Dokuments bis zu dessen Archivierung,
könnte ein erheblich größerer Effizienzgewinn
für den Freistaat durch eine Verbesserung der
Schriftgutverwaltung erzielt werden. Ist eine
funktionierende Schriftgutverwaltung doch
keineswegs ein „bürokratisches“ Übel, son-
dern eine wichtige Voraussetzung dafür, dass
Verwaltungsabläufe reibungslos gesteuert
und Entscheidungen für Bürger, Gerichte und
Parlamente nachvollziehbar und damit über-
prüfbar dokumentiert werden können.
Durch die Einführung der elektronischen Vor-
gangsbearbeitung sind dieses Aufgabenfeld
und die bestehenden Defizite in der papier-
mäßigen Schriftgutverwaltung wieder stär-
ker in den Fokus gerückt. Allerdings verfügt
das Staatsarchiv nicht über die erforderlichen
Kapazitäten, um seiner archivgesetzlichen
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 5
Erschließung eines Bestandes im Staatsarchiv Chemnitz (Foto Mark Frost)
ca. 6,2 Mio. Archivalien
ca. 3,6 Mio. in
Datenbank
ca. 2,3 Mio.
online
Zur Bewertung angebotene Unterlagen (in km)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Aufgabe nachzukommen, die Behörden bei
der Verwaltung ihrer Unterlagen in dem er-
forderlichen Umfang zu beraten. Immerhin
ist es im Berichtsjahr gelungen, im eigenen
Ressort das Innenministerium zu unterstützen
und für dessen Mitarbeiterinnen und Mitar-
beiter Schulungen in der Schriftgutverwal-
tung anzubieten. Künftig könnte der Prozess
der Aussonderung und Archivierung dadurch
sowohl für das Innenministerium als auch für
das Staatarchiv erleichtert und im Idealfall „auf
Knopfdruck“ abgewickelt werden.
„Die Überlieferung der elektronischen
Unterlagen wird aktiv ausgeweitet“
Die Priorisierung in der Überlieferungsbildung
ist umso wichtiger, als es die Aufgabe der Be-
wertung und Übernahme von elektronischen
Akten und Fachverfahren zusätzlich zu be-
wältigen gilt. Im vergangenen Jahr hatte das
Staatsarchiv mit der Arbeit an einem Kataster
der auf ihre Archivwürdigkeit zu prüfenden
Fachverfahren begonnen, das im Berichtsjahr
fast 90 Positionen aufwies. Die Bandbreite
reicht hier von der elektronischen Steuerakte
beim Landesamt für Steuern und Finanzen
über die Automatisierte Liegenschaftskarte
beim Staatsbetrieb GeoSN bis hin zu einer
Schulverwaltungssoftware des Kultusminis-
teriums, die personenbezogene Daten von
Schülern und Lehrkräften enthält.
Die Bewertung und Übernahme dieser Daten ist
ein komplexer und aufwändiger Prozess, der ein
spezielles Fachwissen voraussetzt. Die Daten
werden im Zuge der Archivierung aus ihrer Um-
gebung herausgelöst und in das technisch vom
Staatsbetrieb Sächsische Informatikdienste
(SID) und fachlich vom Staatsarchiv betriebene
„Elektronische Staatsarchiv“ (el_sta) überführt.
Dort werden die Unterlagen nach internationa-
len Standards dauerhaft und an verschiedenen
Standorten vierfach redundant verwahrt und
von den Archivarinnen und Archivaren des
Staatsarchivs nach Maßgabe der gesetzlichen
Schutzfristen zugänglich gemacht.
Im Berichtsjahr wurden 92 elektronische Ar-
chivalieneinheiten, sogenannte Archivinfor-
mationspakete (AIP) übernommen, darunter
auch Daten aus dem Personalverwaltungs-
system des Innenministeriums sowie Abzüge
(Crawls) der offiziellen Website des Freistaates,
www.sachsen.de.
Künftig wird das el_sta auch
große Videodateien deutlich schneller und teil-
weise automatisiert übernehmen können. 2018
wurde die Hard- ebenso wie die Software den
Anforderungen entsprechend modernisiert
und ausgebaut. Noch ungelöst ist hingegen
die Frage, ob und wie künftig Mitteilungen von
Regierungsmitgliedern und Behörden in den
Sozialen Medien, z. B. vom Twitter-Account
des Ministerpräsidenten, übernommen werden
können. Diese und weitere Fachfragen wurden
auch 2018 wieder im Arbeitskreis „Archivie-
rung von Unterlagen aus digitalen Systemen“,
im DIN-Normenausschuss Information und
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 6
Dokumentation 15 „Schriftgutverwaltung und
Langzeitverfügbarkeit digitaler Informations-
objekte“ und in den Nestor-Arbeitsgruppen
„Elektronische Akte“ und „Formaterkennung“
diskutiert, in denen das Staatsarchiv bereits
seit vielen Jahren aktiv mitwirkt.
„Das Archivgut wird komplett
fachgerecht verpackt“
Der Einsturz des Stadtarchivs Köln, der sich
2019 zum zehnten Mal jährt, hat auch in
der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die
Bedeutung einer sachgerechten Verpackung
von Archivgut geschärft. Sie kann das Kultur-
gut selbstverständlich nicht vollständig vor
den Auswirkungen einer solchen Katastrophe
schützen. Die Bilder von fast völlig zerstörten
Archivalien neben vergleichsweise gut erhal-
tenen Archivkartons haben jedoch deutlich
gemacht, dass die Verpackung von Archivgut
nicht nur eine der einfachsten, sondern auch
der wirkungsvollsten präventiven Maßnahmen
der Bestandserhaltung darstellt. Diese nor-
mierten Verpackungsmaterialien bewahren das
Archivgut vor äußeren Einflüssen, also z. B. vor
mechanischer Beschädigung, vor Schwankun-
gen der Temperatur und Luftfeuchte sowie vor
schädlicher Lichteinwirkung, und unterstützen
außerdem die internen Arbeitsabläufe eines
Archivs, also z. B. das Ausheben und Rückla-
gern von Archivgut. Auch 2018 hat das Staats-
archiv daher wieder Haushaltsmittel im Um-
fang von rund 100 000 Euro verausgabt, um
das Verpackungsmaterial in einem zwischen
den Standorten abgestimmten, inzwischen gut
eingespielten Verfahren zentral zu beschaffen.
Die sogenannte technische Bearbeitung des
Archivgutes, also das Reinigen, das Ent-
fernen von Metallteilen und das Signieren,
sind Aufgaben, die im Staatsarchiv unter
Anleitung des eigenen Fachpersonals ganz
überwiegend von Hilfskräften durchgeführt
Archivguttransport des Historischen Archivs der Stadt Köln, das im Archivzentrum Hubertusburg in Wermsdorf
noch bis 2020 Teile seines Archivgutes restauriert (Foto Regine Bartholdt)
Elektronisches Archivgut
(Anzahl Archivinformationspakete – AIP)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 7
werden. Im Berichtsjahr haben diesen wich-
tigen Beitrag zur Erhaltung des Kulturgutes
insbesondere Menschen mit Behinderung und
geringfügig Beschäftigte im Gesamtumfang
von rd. 14 sogenannten Vollzeitäquivalenten
geleistet. Hinzu kamen acht Projektkräfte, die
zum großen Teil eine geordnete Übernahme
der fast drei Kilometer Unterlagen der von
der Treuhandanstalt bzw. Bundesanstalt für
vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS)
liquidierten Betriebe sichergestellt haben. Im
Ergebnis konnten 1 741 Meter Archivgut und
über 7 000 Einzelarchivalien wie z. B. Karten
und Pläne technisch bearbeitet werden.
„Wir konzentrieren die Bestands-
erhaltung auf die Bestände mit hoher
Priorität“
Die Digitalisierung führt in vielen Aufgaben-
bereichen der Verwaltung zur Reduzierung
oder mindestens zur Verschiebungen des Ar-
beitsaufwandes. Dies gilt in absehbarer Zeit
jedoch nicht für die Erhaltung des konventi-
onellen, nicht-elektronischen Kulturgutes in
den Archiven. Auch das Staatsarchiv verwahrt
Archivgut, das zum ganz überwiegenden Teil
mehr oder weniger stark geschädigt ist. Die
Aufgabe der Bestandserhaltung besteht im
Wesentlichen darin, das Archivgut in seiner
Entstehungsform zu erhalten, indem das Ein-
treten von weiteren Schäden verhindert und
geschädigtes Archivgut mindestens so wieder-
hergestellt wird, dass keine Verschlechterung
des Zustandes eintreten und eine Benutzbar-
keit wieder erreicht werden kann.
Da sowohl die personellen als auch die fi-
nanziellen Ressourcen begrenzt sind, hat das
Staatsarchiv ein Verfahren zur Priorisierung
der zu behandelnden Bestände eingeführt, das
im Berichtsjahr erstmals vollumfänglich getes-
tet worden ist. Ziel dieses Vorgehens ist es ei-
nerseits, die vorhandenen Kapazitäten auf die
Bestände zu konzentrieren, die aus archivfach-
lichen Gründen (z. B. Benutzungsfrequenz) und
aufgrund konservatorisch-restauratorischer
Maßstäbe (z. B. Behandlungsaufwand) bevor-
zugt zu bearbeiten sind. Darüber hinaus soll
erreicht werden, dass die konkreten Arbeits-
abläufe in den Werkstätten, in der Verfilmung
oder bei der Vergabe an externe Dienstleister
durch den Rückgriff auf eine vorhandene Liste
unterschiedlichster Bestände in einem Haus-
haltszyklus effektiv geplant und durchgeführt
werden können.
Im Rahmen der Bestandserhaltung sind je-
doch nicht nur die zu bearbeitenden Bestände,
sondern auch die durchzuführenden Maßnah-
men zu priorisieren. Dies gilt insbesondere für
besonders aufwändige und damit teure Ver-
fahren wie die Massenentsäuerung, mit der
dem Verfall der industriell produzierten Papiere
des 19. und 20. Jahrhunderts entgegengewirkt
werden soll. Das Staatsarchiv hat sich in den
vergangenen 15 Jahren auf die aus damaliger
Sicht effizienteren präventiven Maßnahmen
wie den Archivbau und die Verpackung kon-
zentriert. Diese Position galt es angesichts in-
zwischen verbesserter und verbilligter Massen-
entsäuerungsverfahren kritisch zu überprüfen.
Intensive Stichprobenuntersuchungen des Ar-
chivzentrums Hubertusburg mit einer Applika-
tion, die mithilfe der Nahinfrarotspektroskopie
die Bewertung des Papierzustandes und damit
der Einschätzung des Restaurierungsbedarfs
ermöglicht, schufen hierfür die Grundlage (vgl.
hierzu auch den Beitrag von Barbara Kunze
in diesem Heft). Die Ergebnisse zeigten, dass
die Beschaffenheit der Papiere selbst eines
Bestandes in der Regel sehr unterschiedlich
ist und auch sauer gefertigte Papiere heute
noch in einem Zustand vorliegen können, der
bei sachgerechter Verwahrung nicht bestands-
gefährdend ist. Daher hat sich das Staatsarchiv
entschieden, bis auf Weiteres nicht in eine
breit angelegte Massenentsäuerung einzu-
steigen, sondern nach einer differenzierten
Feststellung der Entsäuerungsbedürftigkeit
bei Bedarf eine kleine Auswahl von Beständen
oder Bestandsteilen behandeln zu lassen.
Im Ergebnis dieser Prioritätensetzung wur-
den im Archivzentrum Hubertusburg 2018
mehr als 90 Meter Akten und – vornehmlich
im Zuge der Verfilmungsmaßnahmen – über
7 000 Einzelblätter behandelt. An Fremdfirmen
wurden Aufträge für die Bearbeitung von ca.
104 Metern sowie 2 400 audiovisuellen Medi-
en vergeben und 9 000 Fotos für die Vergabe
vorbereitet. Im Rahmen der Schutz- und der
aus Bundesmitteln finanzierten Sicherungs-
verfilmung konnten mit rund 1,1 Mio. Auf-
nahmen etwa 234 Meter Archivgut verfilmt
werden. Diese Filme werden vom Bundesamt
für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
(BBK) zentral in besonderen Edelstahlbehältern
in einem Stollen in der Nähe von Freiburg im
Breisgau gelagert, dem sogenannten Zentralen
Bergungsort für Kulturgutschutz (ZBO).
Die Zusammenarbeit mit anderen Kulturgut
verwahrenden Einrichtungen wurde auch im
Berichtsjahr fortgesetzt. Nach dem Vorbild der
Verbünde in Dresden, Leipzig und Freiberg wird
auch in Chemnitz an der Gründung eines Not-
fallverbundes gearbeitet. Die beteiligten Insti-
tutionen werden künftig auch hier gemeinsam
die Notfallprävention vor Ort koordinieren und
sich im Ernstfall gegenseitig personelle und
materielle Hilfestellung leisten.
Gemeinsam mit dem Landesverband Sachsen
im Verband deutscher Archivarinnen und Ar-
chivare (VdA) veranstaltete das Staatsarchiv im
Archivzentrum Hubertusburg außerdem einen
Technische Bearbeitung von Archivgut im Bergarchiv Freiberg (Foto Bertram Kober)
Saurer Papierzerfall (Foto Barbara Kunze)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 8
Workshop „Notfall Wasser“, in dem sich die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sächsi-
schen Archiven praxisnah über Methoden und
Verfahrensweisen bei der Schadensaufnahme,
dem Einfrieren, der Vakuumgefriertrocknung,
der Reinigung von Archivgut und der Messung
von Bakterienbefall und Feuchtigkeit infor-
mierten.
„Wir etablieren die Marke Staatsarchiv“
Eine eigene Marke zu entwickeln, mit der die
Kunden „Vertrauenswürdigkeit“, „Transparenz“
und „Kundenorientierung“ verbinden, war auch
2018 ein strategisches Ziel. Da die Kapazitäten
für die Umsetzung dieses Vorhabens fehlten,
musste sich das Staatsarchiv jedoch wieder-
um auf eine anlass- und aufgabenbezogene
Zusammenarbeit mit Partnern und Medien
beschränken.
Bundesbeauftragten für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen
Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
den „Prager Frühling“ aus der Sicht der So-
zialistischen Einheitspartei Deutschlands
(SED) und der Stasi, und das Hauptstaats-
archiv Dresden präsentierte gemeinsam mit
„Altkruzianern“ historische Filmschätze zum
Dresdner Kreuzchor. Das Bergarchiv Freiberg
veranstaltete einen Tag der offenen Tür und
eine Buchvorstellung.
Im weiteren Verlauf des Jahres führte das
Bergarchiv Freiberg bereits zum dritten Mal
in Folge aus Anlass des Tags der deutschen Ein-
heit am 3. Oktober ein Podiumsgespräch durch.
Diesmal berichteten Zeitzeugen, wie sie sich als
junge Erwachsene im noch geteilten Deutsch-
land in einen Menschen aus dem jeweils an-
deren Teil Deutschlands verliebt hatten. Im
Staatsarchiv Chemnitz fanden eine Buchprä-
sentation der Stiftung Sächsische Gedenkstät-
ten und des Hannah-Arendt-Instituts für To-
talitarismusforschung an der TU Dresden zum
Konzentrationslager Sachsenburg sowie eine
gemeinsam mit dem BStU durchgeführte Po-
diumsdiskussion zum Thema „Karl-Marx-Stadt.
Bezirk und Stadt im Visier von SED und Stasi“
statt. In einer gut besuchten Tagung „Nach
Amerika! Überseeische Migration aus Sachsen
im 19. Jahrhundert“ machten das Institut für
Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
(ISGV) und das Staatsarchiv Chemnitz deutlich,
dass das Thema Migration nicht erst seit 2015
im Blick der Öffentlichkeit steht, sondern auch
in der Vergangenheit immer wieder Debat-
ten um die Integration von Fremden geführt
wurden. Den Anlass zu dieser Tagung bot der
200. Geburtstag des ehemaligen Glauchauer
Bürgermeisters Ottokar Dörffel, der 1854 nach
Brasilien ausgewandert war. Seine Auswan-
dererbriefe und die seiner Frau Ida erschienen
2018 in der Veröffentlichungsreihe des Staats-
archivs. Der frühneuzeitlichen Archivüberlie-
ferung zur Heimatgeschichte widmete sich
eine gemeinsame Veranstaltung des Sächsi-
schen Landeskuratoriums Ländlicher Raum e.V.
und des Staatsarchivs, die im August 2018
in Chemnitz stattfand. Im Hauptstaatsarchiv
Dresden führte das ISGV einen Workshop zu
Korrespondenzen protestantischer Fürstinnen
und Fürsten in der Reformationszeit durch,
der insbesondere das Kommunikationsprofil
protestantischer Fürstinnen in den Blick nahm.
Das Hauptstaatsarchiv und das Staatsarchiv
Chemnitz stellten Exponate für die vom Staat-
lichen Museum für Archäologie Chemnitz und
der Nationalgalerie Prag vorbereitete Sonder-
ausstellung „Sachsen Böhmen 7000. Liebe,
Leid und Luftschlösser“ bereit, die unter der
Im Berichtsjahr nahmen zeitgeschichtliche
Themen mit Bezügen zu aktuellen gesell-
schaftlichen und politischen Fragestellungen
im Staatsarchiv wieder einen breiten Raum ein.
Am bundesweiten Tag der Archive, der 2018
bereits zum neunten Mal stattfand und auch
in Sachsen ein breites Medienecho hervorrief,
war das Staatsarchiv in Bautzen, Chemnitz,
Dresden, Freiberg und Leipzig mit unterschied-
lichsten Veranstaltungen präsent. Unter dem
Motto „Demokratie und Bürgerrechte“ zeigte
das Staatsarchiv Leipzig im Verbund mit sechs
weiteren Archiven der Stadt Archivalien zu
Verfolgten aus der Zeit 1933 bis 1945 und zum
Kampf um die Durchsetzung demokratischer
Rechte von 1830 bis 1920, der Archivverbund
Bautzen rückte die Bedeutung von Verei-
nen für die Demokratie in den Mittelpunkt.
Das Staatsarchiv Chemnitz beleuchtete ge-
meinsam mit der Außenstelle Chemnitz des
Tag der Archive im Bergarchiv Freiberg (Foto Martina Walther)

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Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2018
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 9
Schirmherrschaft des sächsischen Minister-
präsidenten und des tschechischen Premier-
ministers steht, derzeit in Chemnitz zu sehen
ist und 2019 in Prag präsentiert wird.
Ihre Schatten warfen überdies das bevor-
stehende Jahr der Industriekultur 2020 und
die Sächsische Landesausstellung „Mensch –
Indus trie – Kultur“ voraus. Um die Kuratoren
bei der Recherche nach Themen und Expona-
ten zu unterstützen, veranstaltete das Staats-
archiv mit den Ausstellungsmachern einen
Workshop, in dem die reichhaltige Wirt-
schaftsüberlieferung seiner fünf Abteilungen
vorgestellt und gemeinsame Ideen für ihre Prä-
sentation entwickelt wurden. Auf der von der
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem
Sächsischen Industriemuseum durchgeführten
Auftaktveranstaltung fiel am 22. November
2018 der Startschuss zum Jahr der Industriekul-
tur. Auch das Staatsarchiv war dort vertreten,
um sich mit Akteuren aus den verschiedenen
Gesellschaftsbereichen, die sich dem Thema
Industriekultur verpflichtet fühlen, über geplan-
te Aktivitäten und Vorhaben auszutauschen.
Die internationalen Kontakte des Staatsarchivs
können hingegen nicht mehr so intensiv ge-
pflegt werden wie in der Vergangenheit. Umso
mehr freute sich das Staatsarchiv Leipzig über
das große Interesse der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des Kongresses der International
Association of Music Libraries, Archives and
Documentation Centres (IAML), die sich über
die deutschlandweit einzigartige archivalische
Überlieferung von Musikverlagen informier-
ten. Außerdem besuchte die Direktorin des
Tschechischen Nationalarchivs in Vorbereitung
auf den geplanten Neubau in Prag das Haupt-
staatsarchiv Dresden und informierte sich am
konkreten Beispiel über moderne Standards
des Archivzweckbaus.
Ausblick
Die Digitalisierung von Archivgut wird auch
im kommenden Jahr zu den Arbeitsschwer-
punkten des Staatsarchivs gehören. Die au-
ßergewöhnlich hohe „Schlagzahl“ der vergan-
genen beiden Jahre ist mit den vorhandenen
Ressourcen künftig jedoch nicht aufrecht zu
erhalten. Zum einen wurde inzwischen der
überwiegende Teil der vorhandenen Mikrofilme
und Makrofiches durch externe Dienstleister
digitalisiert, so dass 2019 mit der erheblich
aufwändigeren Digitalisierung vom Original
begonnen werden soll. Zum anderen müssen
nicht nur die Nacharbeiten an den Digitalisaten
erledigt und der Aufbau einer funktionieren-
den technischen Infrastruktur vorangetrieben,
sondern auch die übrigen archivischen Pflicht-
aufgaben wieder stärker in den Mittelpunkt
gestellt werden.
Der Gewinnung neuer Fachkräfte wird dabei
eine besonders große Bedeutung zukommen.
Im Staatsarchiv werden 2019 und 2020 drei
Fachangestellte für Medien- und Informati-
onsdienste, drei Archivinspektorenanwärterin-
nen und -anwärter sowie zwei Archivreferen-
dare ihre Ausbildung beenden. Ihnen könnte
das Staatsarchiv eine berufliche Zukunft in
Sachsen bieten. Die Konkurrenz um diese
Fachkräfte ist jedoch groß und wird angesichts
des demographischen Wandels mit Sicher-
heit noch größer werden. Das Staatsarchiv
wird sich daher gemeinsam mit den anderen
sächsischen Behörden dafür einsetzen, den
Freistaat Sachsen als Arbeitgeber – für neu
hinzukommende ebenso wie für bereits hier
tätige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – noch
attraktiver zu machen.
Andrea Wettmann
(Sächsisches Staatsarchiv,
Direktorin)
Auftaktveranstaltung zum Jahr der Industriekultur (© Koordinierungsstelle Sächsische Industriekultur, Foto Frank-Heinrich Müller)

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Zwischen den Zeiten, zwischen den Zeilen –
Der Nachlass des Bauern Edwin Arno Ulbrig
und dessen Wirtschaftstagebücher
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 10
Tagebücher sind zweifelsohne bedeutende
historische Quellen. Zu dieser Textsorte ge-
hören „klassische“ Tagebücher als private
Selbstzeugnisse von Personen ebenso wie
beispielsweise standardisierte Brigadetage-
bücher aus den Volkseigenen Betrieben der
DDR. Sie bilden in der Regel nicht den Kern der
Bestände staatlicher Archive, ergänzen jedoch
oft deren Überlieferung. Schließlich sind Tage-
bucheinträge Chronisten der Lebenswelt ihrer
Schreiber und berichten oftmals zugleich aus
dem Zeitgeschehen ihrer Entstehung. Für His-
toriker, Heimatforscher und Interessierte steigt
der Quellenwert insbesondere dann, wenn die
regelmäßigen Niederschriften einer Person
historische Zäsuren überdauerten.
Dies ist eine der reizvollen Eigenschaften der
Wirtschaftstagebücher aus dem Personen-
nachlass des Bauern Edwin Arno Ulbrig
(Bestand 13889), die seit Kurzem im Haupt-
staatsarchiv Dresden verwahrt werden und
für Archivbenutzerinnen und -benutzer zu-
gänglich sind. Sie stellen eine beinahe lücken-
lose Überlieferung zum Tagesgeschehen auf
einem Bauernhof im sächsischen Ehrenberg
bei Hohnstein zwischen 1923 und 1960 dar
und enthalten sogar sporadische Einträge seit
1919. Die Bücher aus der Feder Ulbrigs berich-
ten aus der ländlichen Lebenswelt in Zeiten der
Weimarer Republik und Weltwirtschaftskrise,
überdauern ungebrochen Nationalsozialismus
und Weltkrieg und begleiten die Entwicklun-
gen in der Landwirtschaft während der Boden-
reform und den Kollektivierungsprozessen in
der DDR. Sie zeugen von den für die Bauern
wichtigen Wetterdaten, von sozialen Verflech-
tungen in den anliegenden Dörfern und den
täglichen Arbeitsabläufen. Zwischen zahlrei-
chen Sachinformationen – und gelegentlich
zwischen den Zeilen – kommentierte Edwin
Arno Ulbrig das Zeitgeschehen und die große
Politik, die zwar fern seines Hofes stattfand,
die Arbeitsbedingungen des Bauern aber direkt
berührte. Die Wirtschaftstagebücher erlauben
somit nicht nur den diachronen Blick auf die
Führung eines Landwirtschaftsbetriebs, sie
zeigen zuweilen Ausschnitte aus der Gedan-
kenwelt und den Eindrücken ihres Verfassers
über verschiedene Zeiten und Zäsuren der
Geschichte hinweg.
Der Nachlass von Edwin Arno Ulbrig gelangte
im September 2017 im Rahmen einer Schen-
kung durch Manfred Schober in das Haupt-
staatsarchiv Dresden. Der langjährige Leiter
des Sebnitzer Heimatmuseums hatte selbst
einen Teil seines Lebens auf dem Bauernhof in
Ehrenberg verbracht und die Aufzeichnungen
Ulbrigs von diesem testamentarisch übertra-
gen bekommen. Ähnlich den im Hauptstaats-
archiv Dresden überlieferten Tagebüchern des
Zinngießermeisters Karl Eduard Klemm aus
Waldenburg (12711 Personennachlass Karl
Eduard Klemm) bilden die umfangreichen
Schriftzeugnisse Ulbrigs eine wertvolle Ergän-
zung zur staatlichen Überlieferung. Sie korre-
spondieren insbesondere mit den zahlreichen
Beständen, die die Wirtschaftspolitik im Raum
Sachsen zwischen 1860 und 1960 betreffen.
Die Hinterlassenschaft beinhaltet nicht nur die
hier im Zentrum stehenden Wirtschaftstage-
bücher. Sie wird vervollständigt durch Steu-
erbücher, amtliche und private Dokumente
rund um das Bauerngut in Ehrenberg und den
Nachlassgeber. Archivbenutzerinnen und -be-
nutzer haben seit November letzten Jahres die
Möglichkeit, sowohl im Lesesaal des Haupt-
staatsarchivs Dresden als auch auf der Home-
page des Sächsischen Staatsarchivs in den
Erschließungsinformationen zum Bestand zu
recherchieren
(http://www.archiv.sachsen.de/
unsere-bestaende.html). Die Wirtschaftstage-
bücher sind nach Jahrgängen verzeichnet und
können einzeln zur Einsicht bestellt werden.
Die komplementierenden Anlagen wurden
chronologisch geordnet unter einer Verzeich-
nungseinheit zusammengefasst.
Der Verfasser der Wirtschaftstagebücher, Edwin
Arno Ulbrig, wurde am 25. April 1899 als Sohn
eines Bauern auf einem Vierseitenhof in Ehren-
berg bei Hohnstein geboren. Dieser Hof war
es auch, den er später selbst bewirtschafte-
te. 1917 zog er als Freiwilliger in den Ersten
Weltkrieg. Nach seiner Rückkehr arbeitete er
zunächst im nahe gelegenen Langburkersdorf.
Erst 1921 übernahm er als ältester Hinterblie-
bener das Gehöft seiner Familie in Ehrenberg.
Bereits 1919 begann Ulbrig sporadisch mit
dem Führen von Tagebüchern. Seit Januar
1923 zeichnen sich die Eintragungen zunächst
durch Kontinuität aus. Doch auf tragische
Weise spiegelt eine längere Unterbrechung in
den Büchern die Härte des bäuerlichen Lebens
jener Zeit wider: Im Frühjahr 1923 verletzte
sich der erst 23-jährige Bauer bei Arbeiten
zur Aussaat schwer an der rechten Hand. Für
den 13. April findet sich der sichtbar mühevoll
vorgenommene Eintrag: „in die Drillmaschine
mit der Hand gekommen“. Von diesem Tag an
war es dem Rechtshänder nicht mehr möglich,
in gewohnter Manier zu schreiben. Die lücken-
haften Eintragungen des restlichen Jahres
zeugen von seinen neuerlichen Schreibver-
suchen. Die bemerkenswerte Tatsache, dass er
seit Ende Februar 1924 die täglichen Vermerke
wieder aufnahm, verweist auf die Wichtigkeit,
Die Wirtschaftstagebücher, notiert im Friedrichswerther-Schreibkalender, machen einen Großteil des Personen-
nachlasses aus. (Foto Sylvia Reinhardt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 11
die der Bauer seinen Tagebüchern beimaß. Seit
dem Unfall verrichtete Ulbrig alle notwendigen
Arbeiten mit seiner Linken – und, wie man es
anhand des veränderten Schriftbildes deut-
lich erkennen kann, auch das Schreiben der
Wirtschaftstagebücher. Als Medium nutzte
Ulbrig bis 1942 den Friedrichswerther-Schreib-
kalender und anschließend beinah jährlich
andere verfügbare Kalenderbücher wie den
Reichsnährstand-Taschenkalender oder das
Dreianker-Jahres-Merkbuch für seine Notizen.
Seit Mitte der 1920er Jahre vereinheitlichte
der Schreiber zunehmend seine Eintragungen.
Zu den obligatorischen Angaben gehörten bis
auf wenige Ausnahmen die Temperaturen und
Witterungsverhältnisse. Darüber hinaus finden
Eintrag vom 13. April 1923: „Ich in die Drillmaschine mit der Hand gekommen“
Eintrag vom 20. Februar 1924: „Heut hab ich erst den Kalender bekommen“.
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 13889 Personennachlass Edwin Arno Ulbrig, Nr. 7 und 8)
sich immer wieder Notizen über erledigte Auf-
gaben am Hof, Besorgungsfahrten, Einkäufe
und Handel, das Gesinde, Kostenaufstellungen
u. v. m. Exemplarisch und willkürlich ausge-
wählt sei hier der Eintrag vom 8. März 1932
in Auszügen zitiert: „Schnee, Wind kalt, früh
0 [Grad Celsius] / Ottfried 2 Fuhren Mist [...]
gefahren. Magd Kartoffeln / ausgelesen [...]
Schnee, 20 cm / Abends 0 Grad“. Den Charakter
der nüchternen Statistik und Alltagsschilde-
rung durchbrach Edwin Arno Ulbrig immer
wieder. Unter dem 30. Januar 1933, dem Beginn
der Herrschaft der Nationalsozialisten, notierte
er hoffnungsvoll: „Hitler Reichskanzler heute /
jetzt wird es besser nun. / Abends 6-Grad Kälte“.
Eintragungen wie die vom 23. Juli 1933, die
„Elende Zeiten“ monieren, in denen „kein
Mensch [...] etwas sagen“ dürfe, legen zu-
mindest ein schnell wachsendes Misstrauen
gegenüber den neuen Machthabern nahe. Die
Entwicklung derartiger Statements und deren
quellenkritische Auswertung in verschiedenen
Zeiten wird für Historiker, Volkskundler oder
Heimatforscher ebenso interessant sein wie
mögliche Einflüsse auf den Arbeitsalltag durch
Krisen, Krieg und Besatzung. Auf das Ende
des Zweiten Weltkriegs, der für den 9. Mai
1945 mit den Worten „Zusammenbruch / des
III. Reichs / Gott sei Dank“ kommentiert wurde,
folgten auf dem Gebiet der DDR tiefgreifende
Veränderungen für das bäuerliche Leben. Die
SED setzte in den 1950er Jahren die selbst-
ständigen Bauern durch Agitation und Re-
pression unter Druck, um sie zum Eintritt in
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossen-
schaften zu bewegen und die Kollektivierung
der Landwirtschaft durchzusetzen. Wie viele
andere widersetzte sich Edwin Arno Ulbrig
diesen parteilichen Bestrebungen in der noch
jungen DDR. Seine Resistenz führte dazu,
dass er im Juni 1958 für sechs Monate wegen
„staats-feindlicher Haltung“ inhaftiert wurde.
Das betreffende Wirtschaftstagebuch führ-
te in dieser Zeit der Sohn des Bauern weiter.
Man kann nur erahnen, welch schmerzvolle
Erfahrung die Zwangskollektivierung seines
Hofes in Ehrenberg am 31. März 1960 für den
Bauern gewesen sein mag. Die Niederschrif-
ten des letzten überlieferten Jahres sind nur
noch bruchstückhaft. Symptomatisch steht
der letzte Eintrag des Schreibers, der über fast
drei Jahrzehnte hinweg stets mit großer Sorg-
falt seine Wirtschaftstagebücher pflegte. Für
den 31. März 1960 steht geschrieben: „Ende
mit unserer Landwirtschaft“. Nach dem Rück-
zug als Bauer verstarb Edwin Arno Ulbrig am
14. Januar 1978.
Es steht außer Frage, dass mit dem Perso-
nennachlass eines Bauern aus dem sächsi-
schen Ehrenberg bedeutende Dokumente in
die Bestände des Sächsischen Staatsarchivs
übernommen werden konnten. Großer Dank
gilt hierbei dem Schenkungsgeber Manfred
Schober, der maßgeblichen Anteil an dem gu-
ten Erhaltungszustand der Tagebücher hat und
sich entschied, dieses wertvolle Schriftgut in
die Obhut unserer Archivarinnen und Archivare
zu geben. So wurde es möglich, den Nachlass,
der sicher noch viele spannende Fragen zu
beantworten vermag, in unseren modernen
Magazinen unter optimalen klimatischen
Bedingungen für die Nachwelt zu erhalten
und der Forschung sowie einer interessierten
Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Daniel Fischer
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 12
Im Archivgesetz für den Freistaat Sachsen, in
weiteren Rechtsvorschriften und (bau-)tech-
nischen Regelwerken sind die Schutzziele für
die Unterbringung von Archivgut sowie die
Vermeidung einer Gesundheitsgefährdung
der Beschäftigten in den Archiven verankert.
Abhängig von den historischen und baulichen
Gegebenheiten der Archive setzt man dabei
entweder allein auf die bauliche Gestaltung der
äußeren Hülle oder ergänzt diese bei Bedarf
durch technische Maßnahmen. Unabhängig
vom Weg zum Erreichen der gesetzten Ziele
bleibt es unerlässlich, die raumklimatischen
Bedingungen in den Archiven zu überwachen.
Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien-
und Baumanagement, Niederlassung Chem-
nitz, übernahm mit der Leitstelle Energie
diese Aufgabe nach der Errichtung des Ma-
gazinneubaus des Sächsischen Staatsarchivs,
Staatsarchiv Chemnitz. In den Magazinen ist
historisches Schriftgut, wie z. B. Akten, Kar-
ten und Musterbücher, untergebracht. Für den
Magazinbereich wurden mit dem Vermieter für
die relative Luftfeuchte im Sommer 50 ± 5 %
(Winter 45 ± 5 %) und für die Lufttemperatur
18 °C (im Sommer max. + 4 K, im Winter max.
– 2 K) vertraglich vereinbart. Die vorgenannten
Toleranzen nutzen die jahreszeitlich unter-
schiedliche Beschaffenheit der Außenluft zur
Minderung der Betriebskosten der lufttechni-
schen Anlagen aus. Der maximale stündliche
Gradient der Änderung der relativen Luft-
feuchte ist auf 1 % rel. Feuchte in 24 Stunden
begrenzt; das Gleiten der Soll- und Grenzwerte
zwischen den Sommer- und Winterparametern
wird regelungstechnisch über eine Cosinus-
Funktion abgebildet.
Zur Überwachung des Raumklimas finden
Messgeräte für die relative Luftfeuchte und die
Lufttemperatur Verwendung (Datenlogger),
welche die Messwerte in regelmäßigen Ab-
ständen speichern. Befindlich an den Stirn-
seiten der Rollregalanlagen erfassen diese die
Messwerte in ca. 1,70 m Höhe. Diese Art der
Betriebsüberwachung ersetzt natürlich nicht
die Mess- und Regelungstechnik der Klima-
anlage, sondern dient allein der Dokumenta-
tion der Raumluftzustände.
Zusätzlich wurde ein Gerät in einem Magazin-
karton deponiert, um den Einfluss der umhül-
lenden Kartonage auf das Archivgut bewerten
zu können. Aus der Grafik 1 ist ersichtlich, dass
die Kartonage dämpfend auf die Amplituden
der Raumluftzustände wirkt, die Steilheit der
Veränderungen geringer ausfällt und kurzzei-
tige Änderungen wie Ausheben von Archivgut
in der Nachbarschaft des Messgerätes und die
feuchte Reinigung von Fußböden und desglei-
chen nicht bis zum Archivgut gelangen. Diese
Aspekte sollten auch bei der Diskussion zur
Umhüllung von Archivgut Berücksichtigung
finden. Neben dem mechanischen Schutz
ist eine Vergleichmäßigung des Mikroklimas
in der Kartonage sicherlich dem Erhalt des
Archivgutes förderlich. Steile Veränderungen
der Raumparameter können Spannungen in
den Archivmaterialien erzeugen, die schädlich
für die Langzeitstabilität des Materials sind.
Befürchtungen, eine mikrobiologische Belas-
tung könnte in einer geschlossenen Kartona-
ge unbeobachtet ein „Eigenleben“ entwickeln,
sind sicherlich unbegründet, wenn sich die
lufttechnischen Parameter in den geforderten
Grenzen bewegen und das Archivgut ohne
signifikante Vorbelastung eingebracht wur-
de. Innere thermische und Feuchtequellen in
einer Kartonage können per se ausgeschlos-
sen werden. Einer Bewertung bedarf es aber
sicherlich, wenn der Verschluss der Kartonage
im Zusammenhang mit dem notwendigen
Austrag von Stoffen steht, die bei endogenen
Alterungsprozessen des Archivgutes entste-
hen. Hier muss eine Abwägung zwischen der
dämpfenden Wirkung der Kartonage gegen-
über Schwankungen der Luftfeuchte und
-temperatur, der jahreszeitlich differenzierten
Zahl von Schimmelpilzsporen, gasförmigen
Schadstoffen und dem notwendigen Abführen
u. U. schädlicher Zerfallsprodukte erfolgen.
Ähnlich dämpfend wirkt Archivgut an sich,
vergleicht man belegte Archivregale mit noch
freien Regalreihen, die von derselben lufttech-
nischen Anlage versorgt werden (Grafik 2). Wie
Grafik 1: relative Feuchte Magazin Ebene 1 und Magazinkarton
(rot: Grenzwert; blau: Wert Raumluft; ocker: Wert im Archivkarton)
Grafik 2: relative Feuchte – Magazin Ebene 3
(rot: Grenzwert; blau: Wert Raumluft belegtes Magazin;
ocker: Wert Raumluft leeres Magazin)
Foto Ronald Pasler
Aspekte der Überwachung raumklimatischer
Bedingungen in Archivräumen – Staatsarchiv
Chemnitz

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 13
bei der Frage „Kartonage Ja oder Nein“ kann
auch hier eine Abwägung notwendig sein: eine
erhöhte Dichte bei der Lagerung von Archiv-
gut, verbunden mit den Dämpfungseffekten
versus einer „luftigen“ Lagerung zum eventuell
schnelleren Austrag von (Schad-)Stoffen. Auf
diese Entscheidungen wirkt natürlich auch
die Handhabbarkeit der Archivgüter, verbun-
den mit dem Arbeitsschutz, ein und begrenzt
gegebenenfalls die Entscheidungsspielräume.
Des Weiteren sind in den einschlägigen Regel-
werken und Empfehlungen Richtwerte z. B.
zum Abstand der Regale zur baulichen Hülle
Foto Regine Bartholdt
definiert. Hier steht das Ziel, den Einfluss von
eventuellen Unzulänglichkeiten des Bauwerks
wie Kältebrücken und daraus resultierenden
Kondensationserscheinungen auf ein Mini-
mum zu reduzieren und eine Zirkulation zu
ermöglichen.
Bei der Überwachung der Raumluftparameter
wird häufig der Fokus auf die relative Luft-
feuchtigkeit gelegt – der Zusammenhang
zwischen absoluter Feuchte, Temperatur und
relativer Luftfeuchte sollte aber stets berück-
sichtigt werden. Wird bei einer Lufttemperatur
von 19 °C und einer absoluten Feuchte von ca.
5,6 g Wasser/m³ Luft die Lufttemperatur um
1 Kelvin abgesenkt, erhöht sich die relative
Luftfeuchte von 50,0 % auf 53,2 % (18 °C). In
diesem Kontext sind auch die Messtoleranzen
der eingesetzten Geräte und bei Vergleichen,
die der Messtechnik zur Steuerung der Lüf-
tungsanlagen zu betrachten.
Die Besonderheit, dass sich das Staatsarchiv
Chemnitz in einem angemieteten Objekt be-
findet, zieht nach sich, dass der Nutzer keinen
Zugriff auf die Daten der Gebäudeautomation
hat und auf eigene Messungen angewiesen
ist. Die derzeit gewählte Konzeption mit mo-
bilen Geräten ist durch das manuelle Auslesen
der Daten und die anschließende Auswertung
zeitintensiv. Überschreitungen der Grenzwerte
werden erst im Nachgang erkannt. Von Vorteil
wäre ein fest installiertes System zur Überwa-
chung und Dokumentation der Raumluftzu-
stände. Dieses könnte zeitnah Abweichungen
von den Normzuständen detektieren und ent-
sprechende Meldungen generieren. Auch für
landeseigene Liegenschaften wäre dies ein ge-
eignetes Arbeitsmittel, den Verantwortlichen
einen aktuellen Überblick über die raumklima-
tischen Bedingungen zu geben – unabhängig
von Zugriffsmöglichkeiten auf die Gebäude-
technik. Die bei einer eigenen Gewinnung
aktiver und historischer Daten entstehende
Redundanz zu einer Steuerungs- oder Gebäu-
deleittechnik ist ein positiver Nebeneffekt der
Arbeit um die Gewährleistung von notwen-
digen raumklimatischen Bedingungen zum
Schutze des Archivgutes. Mit der Erhebung
eigener Messwerte sind die Verantwortlichen
in den Archiven und Magazinen in der Lage,
bei Bedarf die regelkonforme Anlagenfahr-
weise von den Betreibern der lufttechnischen
Anlagen einzufordern, unabhängig davon, ob
es sich um eine landeseigene oder angemietete
Immobilie handelt.
Ronald Pasler
(Staatsbetrieb Sächsisches
Immobilien- und Baumanagement,
Niederlassung Chemnitz,
Leitstelle Energie)
Foto Ronald Pasler
Rechts im Bild der Magazinbau des Staatsarchivs Chemnitz (Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 14
Schimmelpilzproblematik in Archiven
Grundlagen
Schimmelpilze sind ubiquitär, d. h. in unserer
Umwelt und auch in Gebäuden in Luft und
auch im Staub verbreitet. Der Begriff „Schim-
melpilze“ stellt keine taxonomische Einheit im
wissenschaftlichen Sinn dar, vielmehr werden
hier verschiedene Abteilungen von hyphen-
bzw. sporenbildenden Pilzen zusammenge-
fasst. Die Belastungen mit Schimmelsporen in
der Luft unterliegen insbesondere im Außen-
luftbereich saisonal starken Schwankungen.
Diese breiten Schwankungsbereiche spiegeln
sich z. B. durch Einträge aus der Fensterlüftung
auch in den Innenräumen wider. Einen starren
Bewertungsgrenzwert für normalgenutzte In-
nenräume oder Arbeitsplatzbereiche, wie er bei
verschiedenen chemischen Innenraumbelas-
tungen etabliert ist, oder eine Null-Belastung
gibt es bei der Bewertung eines Schimmelprob-
lems im Innenraum – auch in Archiven – nicht.
Für die Bewertung eines Schimmelbefalls in
Gebäuden stellt das Umweltbundesamt mit
dem im Dezember 2017 überarbeiteten „Leit-
faden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanie-
rung von Schimmelbefall in Gebäuden“ für die
unterschiedlichen Untersuchungsstrategien –
darunter auch Luftproben – Bewertungshilfen
vor. Die Bewertungskriterien wurden als Ori-
entierungshilfe zur Abgrenzung bzw. als Hin-
weis auf mögliche Innenraumquellen und zur
Einstufung verschiedener Schadenskategorien
festgelegt. Diese Orientierungshilfen für die
Raumluftbewertung finden sich auch in der
VDI-Norm 6022 „Raumlufttechnik, Raumluft-
qualität – Beurteilung der Raumluftqualität“
wieder.
Generell gilt, dass Feuchte für das Wachstum
von Schimmel eine obligate Voraussetzung
darstellt, d. h., dass:
– bei relativen Feuchten deutlich unter 70 %
(a
w
-Wert < 0,7) Schimmelpilzwachstum
nahezu ausgeschlossen ist,
– mit steigendem Feuchteangebot die Wahr-
scheinlichkeit des Schimmelwachstums
steigt, xerophile Arten wachsen ab aw-Wer-
ten leicht über 0,7
(Aspergillus restrictus),
– bei 80 % relativer Feuchte und Tempera-
turen im deutlichen „Plusbereich“ nahezu
alle Schimmelpilze Wachstumsbedingungen
finden.
Für Archive mit Schriftgut wird eine Tempe-
ratur von 18 ± 2 °C empfohlen, aus den oben
beschrieben Wachstumseigenschaften, insbe-
sondere den Hinweisen zum Feuchteangebot
für ein Schimmelpilzwachstum, lässt sich ab-
leiten, dass die Luftfeuchte an der Objektober-
fläche < 60 % sein sollte.
Eine Expositionsermittlung im Sinne einer
quantitativen Risikoabschätzung für den ein-
zelnen Raumnutzer (individuelle Gesundheits-
bewertung) ist nach aktuellem Wissensstand
noch nicht möglich. Eine Dosis-Wirkungs-
Beziehung für die Schimmelgesamtbelastung
oder auch einzelne Arten kann derzeit noch
nicht vorgenommen werden. Allerdings ha-
ben verschiedene Studien eine ausreichende
Evidenz für eine Assoziation zwischen Schim-
melbefall und verschiedenen allergischen Er-
krankungen bzw. auch eine sensibilisierende
Wirkung (z. B. Asthma, allergische Rhinitis,
Hautirritationen) nachgewiesen. Vermutlich
ist allen Schimmelpilzen ein gewisses aller-
genes Potential eigen, insofern sind im Sinne
der Prävention erhöhte Schimmelbelastungen
auch z. B. durch geeignete Schutzmaßnahmen
oder ein angepasstes Hygienemanagement für
den Beschäftigten zu minimieren.
Arbeitsmedizinische Aspekte
Archivräume sind Arbeitsstätten im Sinne der
Arbeitsstättenverordnung, wobei in den ei-
gentlichen Räumen zur dauerhaften Lagerung
der archivierten Materialien, den Magazinen,
keine ständigen Arbeitsplätze eingerichtet
werden sollen. Die klimatischen Bedingungen
in den Magazinen richten sich vor allem nach
der Art des Archivguts, z. B. werden Mikrofilme
im Gegensatz zu Schriftgut z. T. bei – 20 °C
gelagert. Für die Beschäftigten bedeutet das,
dass sie sich an diese Bedingungen bei Ar-
beiten in den Magazinen anpassen und ggf.
persönliche Schutzausrüstung tragen müssen.
Eine arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge im
Sinne der Arbeitsmedizinischen Vorsorgever-
ordnung § 4 in Verbindung mit Anhang Teil 3
Absatz 1 Satz 2 ist aber erst bei Temperaturen
von – 25 °C und kälter vorgesehen.
In den eigentlichen Arbeitsräumen, wo die zu
archivierenden Dokumente gesichtet, geordnet
und ggf. aufgearbeitet werden, sind Arbeits-
schutzmaßnahmen vor allem dann notwendig,
wenn es sich um mikrobiell kontaminiertes
Archivgut handelt oder eine besonders hohe
Staubentwicklung zu erwarten ist. Aus der Ge-
fährdungsbeurteilung für diese Arbeitsplätze
muss hervorgehen, welche Maßnahmen dann
zwingend erforderlich sind, z. B. Arbeiten an
der Sicherheitswerkbank mit Frontschieber,
Reinigungsplan, Einsatz von Desinfektionsmit-
teln. Die Beschäftigten müssen entsprechend
unterwiesen sein, eine Betriebsanweisung für
derartige Arbeiten muss aushängen, ggf. muss
persönliche Schutzausrüstung angewendet
werden und es ist zu prüfen, ob eine arbeits-
Vermeidbarer Feuchteeintrag als Folge unsachgemäßen Nutzerverhaltens, Lagern und Trocknen von Reinigungs-
geräten bzw. Lappen in einem Archiv (Quelle LUA Sachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 15
medizinische Vorsorge verpflichtend oder
anzubieten ist. Ist es erforderlich, dass flüs-
sigkeitsdichte Schutzhandschuhe regelmäßig
vier Stunden oder mehr pro Arbeitsschicht
getragen werden müssen, ist eine arbeitsme-
dizinische Pflichtvorsorge nach Arbeitsmedizi-
nischer Vorsorgeverordnung § 4 in Verbindung
mit Anhang Teil 1 Absatz 1 Satz 2a Vorausset-
zung für die Tätigkeit. Werden diese Hand-
schuhe weniger als vier, aber mehr als zwei
Stunden pro Arbeitsschicht getragen, dann ist
eine arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten.
Beim Umgang mit relevant mit Schimmel-
pilzen kontaminierten Archivgut wäre eine
arbeitsmedizinische Angebotsvorsorge nach
Arbeitsmedizinischer Vorsorgeverordnung
§ 5 in Verbindung mit Anhang Teil 2 Absatz 2
Satz 1c anzubieten.
Für die Erarbeitung und Einhaltung der Maß-
nahmen des Arbeits- und Gesundheitsschut-
zes sind der Leiter bzw. die Leiterin des Archivs
verantwortlich, aber die Beschäftigten sind
nach Arbeitsschutzgesetz §§ 15 und 16 ver-
pflichtet, gemäß Unterweisung und Weisung
für ihre Sicherheit und Gesundheit bei der
Arbeit auch selbst Sorge zu tragen, jede von
ihnen festgestellte unmittelbare erhebliche
Gefahr zu melden.
Ansonsten ist bei Tätigkeiten mit Archiv-
gut nicht mit gesundheitlichen Gefährdun-
gen durch Biostoffe zu rechnen, wenn das
Archivgut frei von Kontaminationen aus z. B.
Alt schäden und in geeigneten baulichen und
raumklimatisch günstigen Räumen gelagert
wird.
Untersuchungsansätze
Für verschiedene sächsische Archive wurden in
den letzten Jahren immer wieder Anfragen zu
möglichen Schimmelproblemen in den Räumen
bzw. zur Abschätzung von Innenraumbelas-
tungen an die Landesuntersuchungsanstalt für
das Gesundheits- und Veterinärwesen Sach-
sen (LUA Sachsen) herangetragen. Der Kontext
dieser Anfragen war vielschichtig, so wurden
viele Untersuchungen nach Schadereignissen
(z. B. Wasserschäden und Hochwasser) oder
zur Expositionsabschätzungen bei Arbeiten
mit kontaminiertem Archivgut durchgeführt.
Außerdem erfolgten im Zusammenhang mit
Untersuchungen raumlufttechnischer Anlagen
Messungen der luftgetragenen Schimmelpilze
auch ohne konkrete Verdachtsmomente in ver-
schiedenen sächsischen Archiven.
Für die Gefährdungsbeurteilung und die nach-
folgende Festlegung von Schutzmaßnahmen
für die Beschäftigten der Archive trafen die
Fachgremien der Ministerien, Berufsgenos-
senschaften und Unfallversicherungen spezi-
elle Festlegungen. Der Arbeitskreis Archive im
Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe des
Bundesministeriums für Arbeit und Soziales
veröffentlichte speziell für Tätigkeiten mit kon-
taminiertem Archivgut, welche entsprechend
der Biostoffverordnung nicht gezielten Tätig-
keiten zuzuordnen sind, die TRBA 240 Tech-
nische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe:
„Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit mikro-
biell kontaminiertem Archivgut“.
Dabei besteht keine generelle „Untersuchungs-
pflicht“ in Archiven, mikrobiologische Unter-
suchungen können laut TRBA 240 aber z. B.
zur Überprüfung:
– von Arbeitsplatzbedingungen bei gesund-
heitlichen Beschwerden,
– zur Kontrolle technischer Maßnahmen wie
z. B. dem Einsatz von RLT-Anlagen oder
Luftfiltern sowie
– zur Kontrolle des Sanierungserfolges nach
Wasserschäden
anberaumt werden.
Hinsichtlich der Untersuchungsstrategien bzw.
der Nachweismöglichkeiten unterscheidet man
verschiedene Untersuchungsansätze zur Über-
prüfung des Vorkommens von Schimmelpil-
zen. Bei der
Raumluftuntersuchung
wird
zwischen der Bestimmung keimungsfähiger
Schimmelpilze (kultivierbare Schimmelpilze)
und der Bestimmung der Gesamtschimmel-
pilzsporenbelastung (kultivierbare und nicht
mehr kultivierbare Schimmelsporen und Be-
standteile – direkte Mikroskopie) unterschie-
den. Insbesondere im Zusammenhang mit
Altschäden oder belasteten Stäuben ist diese
direkte mikroskopische Untersuchung von
Luftproben oft wesentlich aufschlussreicher.
Für eine bessere Beurteilung der Problematik
z. B. bei speziellen gesundheitlichen Frage-
stellungen oder der Frage möglicher Quellen
ist nicht nur eine quantitative Abschätzung
der Gesamtbelastung, sondern auch eine
Kultivierung und Differenzierung der Schim-
melpilze im Spektrum notwendig. Die
Ober-
flächen- und Materialuntersuchungen
bei
feuchtegeschädigten Materialen oder bei nicht
mehr aktiven Altschäden werden mittels Kle-
befilmuntersuchungen der Oberflächen und
nachfolgender direkter Mikroskopie oder mit-
tels Tupferabstrichen und Oberflächenkontakt-
proben (Kultivierung) durchgeführt.
Im Archivbereich ist die Methodenauswahl
zur Oberflächenuntersuchung im Gegensatz
zur Innenraumuntersuchung in normal ge-
nutzten Aufenthaltsbereichen beschränkt.
Die Untersuchungsmethoden bei Archivgut
sind in der Regel „zerstörungsfreie“, also nicht
invasive Untersuchungsmethoden mit einer
möglichst minimalen Belastung für die un-
tersuchten Objekte.
Zur Überprüfung mikrobiologischer Belastun-
gen sollten valide und standardisierte Unter-
suchungsmethoden herangezogen werden.
Der DIN-Ausschuss, das Umweltbundesamt
und auch die Arbeitsschutzgremien geben eine
entsprechende Methodenauswahl vor.
Mikroskopisches Präparat eines
Epicoccum nigrum
(Quelle LUA Sachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 16
Untersuchungen zu Schimmelmessungen
in Archiven
Seit 2012 sind insgesamt 75 Einzelmessungen
der Raumluft in verschiedenen Archivräumen
durch die LUA Sachsen im Zusammenhang
mit Fragestellungen zu möglichen Schimmel-
problemen erfolgt und bewertet worden. Eine
statistische Aufarbeitung unserer Ergebnisse
ist in der Gesamtheit aufgrund der heteroge-
nen Fragestellungen und der unterschiedlichen
baulich-technischen Randbedingungen, wel-
che Raumluftuntersuchungen in den Archiven
der Landkreise und des Freistaates durch unser
Haus erforderlich machten, nur schwer mög-
lich. Als Untersuchungsanlass für die Messun-
gen der Raumluftqualität in Archivbereichen
wurden Fragen im Zusammenhang mit der
– Lagerung von Archivgut in feuchten Gebäu-
dehüllen,
– Lagerung von Archivgut bei offensichtlichen
Problemen der Reglung raumklimatischer
Parameter (mangelnde Regulation der
Raumluftfeuchte durch die Raumlufttech-
nik),
– Umlagern von Altbeständen bei Zusammen-
legung von Archiven,
– Umgang mit vorgeschädigtem Archivgut
nach Havarien,
– Änderung der Zuständigkeiten/Umgangs-
reglung bei Zugänglichmachen von Bestän-
den,
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sb
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ge
-
ne Messungen,
– Bestätigung unauffälliger Verhältnisse nach
Sanierungen
an die LUA Sachsen herangetragen.
Die anlassbezogenen Begehungen in den
Archiven einschließlich der Raumluftunter-
suchungen bei einem konkreten Schimmel-
verdacht fanden in dem o. g. Zeitraum auf
Veranlassung der Arbeitsschutzbehörden bzw.
der Landkreise in neun verschiedenen Objekten
statt. Teilweise waren sanierungsbegleitend
mehrere Messtermine pro Objekt notwendig.
Zu den baulichen Randbedingungen wäre
anzumerken, dass vier der in diesem Zusam-
menhang untersuchten Archive eine mecha-
nische Belüftung bzw. sogar Klimatisierung
aufwiesen. In fünf Objekten waren großflä-
chige Schimmelschäden sowohl in der Ge-
bäudehülle als auch auf dem Archivgut selbst
sichtbar. Als Ursache konnten in allen Fällen
sehr schlechte Lagerumstände ausgemacht
werden bzw. es war bereits kontaminiertes
und nicht behandeltes Archivgut in schadens-
freie Bestände eingelagert worden. Begleitend
wurden in diesen offensichtlich schadhaften
Objekten Raumluftfeuchten von bis zu 70 %
bzw. parallel auch Temperaturen von minimal
13 °C festgestellt. Oft waren die Fenster aus
Sicherheitsgründen nicht zu öffnen bzw. die
Archivbereiche wurden über einen sehr langen
Zeitraum nicht begangen.
Die Auswertung der Untersuchungen zeigte,
dass bei vier von diesen fünf offensichtlich
stark mit Schimmelbefall beeinträchtigten
Archiven auch in den Raumluftproben deut-
lich auffällige Verschiebungen in den Spek-
tren der keimungsfähigen Schimmelsporen
nachgewiesen werden konnten. In diesen
vier Fällen bestätigten die gemessenen ho-
hen Belastungen und vor allem die deutli-
che Dominanz eines sog. Feuchteindikators
im Innenraumluftspektrum das Bestehen der
z. T. offensichtlichen Schimmelprobleme. In
allen Fällen wies der sehr hohe Anteil von
As-
pergillus versicolor
(minimaler a
w
-Wert 0,78)
in den Innenraumproben eindeutig auf das
Vorhandensein von aktivem Schimmelbefall
und Feuchteproblemen in den betroffenen Be-
reichen hin. Die maximal nachgewiesene Spo-
renkonzentration dieser Schimmelpilzspezies
betrug bei unseren Messungen > 600 KBE/m³
in einem Archivbereich. Der Orientierungswert
in Innenräumen, der dem 95. Perzentil (Som-
mer und Winter) entspricht, liegt für diese Art
bei 42 KBE/m³ (Quelle: Schimmelpilzleitfaden
des Umweltbundesamtes). Für die Bewertung
der Innenraumluftverhältnisse, entsprechend
den Empfehlungen des Umweltbundes amtes
bzw. auch der VDI 6022, waren alle vier Ob-
jekte als hochgradig auffällig einzustufen. Ne-
ben diesen qualitativen Verschiebungen im
Innenraumspektrum wurden auch an allen
vier Messpunkten hinsichtlich der Gesamtbe-
lastung deutlich erhöhte Messwerte im Ver-
gleich zu den jeweiligen Außenluftbelastungen
gemessen. In einem Archiv waren allerdings
an allen Messpunkten, trotz offensichtlicher
Schäden auf dem Archivgut und auch bei einer
Aktivitätssimulation, keine Auffälligkeiten in
den dazugehörigen Raumluftspektren nach-
weisbar. Die Oberflächenproben und auch die
Direktmikroskopien des geschädigten Archiv-
gutes wiesen hingegen auch hier auf einen
Schimmelbefall hin. Die nachgewiesenen Be-
anstandungen, insbesondere bei den Raum-
luftmessungen, bildeten in vielen Fällen eine
Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung
und hatten in allen Fällen z. T. umfangreiche
Maßnahmen auf baulich-organisatorischer
bzw. auf präventiver Ebene zur Folge.
Übereinstimmend muss für alle 75 Innen-
raumluftproben aus den verschiedenen Ob-
jekten – egal ob offensichtlich schadhaft oder
nicht – aber auch festgestellt werden, dass
bei keiner Raumluftmessung Schimmelpilze
der Risikogruppe 2
(z. B. Aspergillus fumigatus)
eine nennenswerte Konzentration in den
Raumluftproben erreichten. Bei allen Mes-
sungen blieb der Nachweis des Schimmelpilzes
Aspergillus fumigatus
deutlich unter den Ori-
entierungskonzentrationen für Innenraumluft
des Umweltbundesamtes (95. Perzentil Som-
mer und Winter 41 KBE/m³). Ebenso war der
Nachweis dieser kritischen Spezies auf den
Oberflächenproben sehr selten. Die Einstufung
in Risikogruppen wird für biologische Arbeits-
stoffe nach BioStoffV festgelegt. Es gibt eine
Stufung in vier Risikogruppen, die Biostoffe
der Risikogruppe 2 könnten eine Krankheit
beim Menschen hervorrufen, eine Verbreitung
Direkte Mikroskopie eines schadhaften Aktendeckels mit Schimmelstrukturen u. a. Mycelbruchstücke, Konidien-
träger (Quelle LUA Sachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 17
in der Bevölkerung ist aber unwahrscheinlich;
eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung
ist normalerweise möglich.
Häufig nachgewiesen wurden hingegen auch
bei Abstrichen auf offensichtlich befallenen
Akten bzw. bei Proben von Regalbereichen
aus diesen Archiven Schimmelpilze mit einer
hohen Indikation für Feuchteprobleme wie
der o. g.
Aspergillus versicolor
sowie weitere
Arten z. B.
Acremonium strictum.
Oft konnten
in hoch feuchtegeschädigten Materialien auch
Milben gefunden werden. Bei der Betrachtung
der Messergebnisse aus den geschädigten Ar-
chivbereichen werden im Vergleich zu unse-
ren Messergebnissen aus normal genutzten
Innenräumen mit angezeigten Feuchte- oder
Schimmelproblemen keine Unterschiede hin-
sichtlich der Spektren sichtbar. Die in den Ar-
chivproben isolierten Schimmelpilzspezies sind
auch bei vergleichbaren Schadereignissen und
Feuchteproblemen im häuslichen Bereich oft
dominierend und führen zu erhöhten Innen-
raumbelastungen.
In den belasteten Archivbereichen konnten
außerdem mittels direkter Mikroskopie bei Un-
tersuchungen zur Gesamtpilzsporenbelastung
oft eine deutliche Kontamination mit Sporen
des Sporentyps
Aspergillus/Penicillium
nach-
gewiesen werden, so dass davon ausgegangen
werden muss, dass es durch Aufwirbelung
auch nicht mehr keimungsfähiger Schimmel-
sporen aus Stäuben und Altbelastungen zu
erhöhten Einträgen kommt.
Im Zusammenhang mit tätigkeitsbezogenen
Messungen (z. B. beim Umlagern oder Rei-
nigen) der Raumluftkonzentration zeichnet
sich bisher aus unseren Messergebnissen
eine leichte Verschiebung in den Spektren
hinsichtlich der Nachweise verschiedener Pe-
nicillien (u. a.
Penicillium olsonii, Penicillium
aurantiogriseum)
ab. Die nachgewiesenen
Penicillien sind ebenfalls alle innenraumluft-
typisch, eine explizite Assoziation zu Papier
oder Archivgütern kann für Vertreter dieser
Gattung ebenfalls nicht bestätigt werden. Der
Feuchteanspruch innerhalb dieser Gattung ist
weit gefächert. Innenraumlufttypische Pe-
nicillien haben ein allergenes Potential, ste-
hen aber nicht in Verdacht, Pilzinfektionen
beim Menschen hervorzurufen. Alle nach-
gewiesenen Arten waren der Risikogruppe 1
zuzuordnen.
Zusammenfassung
Die vorgestellten Methoden zur Untersuchung
und Bewertung von Schimmelpilzbelastun-
gen sowohl bei den Raumluftproben als auch
bei der Untersuchung von Materialien und
Oberflächen sind in der Innenraumanalytik seit
vielen Jahren gut etabliert und finden auch bei
möglichen Schimmelpilzbelastungen in Archi-
ven ihre Anwendung. Die Ergebnisse müssen in
die arbeitsplatzbezogene Gefährdungsbeurtei-
lung einfließen und ggf. technische, organisa-
torische und persönliche Schutzmaßnahmen
abgeleitet werden.
Christine Grafe
(Landesdirektion Sachsen) /
Annette Gruschwitz (Landesunter-
suchungsanstalt für des Gesundheits-
und Veterinärwesen Sachsen)
Rechtsgrundlagen und Literaturhinweise
Gesetz über die Durchführung von Maßnah-
men des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der
Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der
Beschäftigten bei der Arbeit (Arbeitsschutz-
gesetz – ArbSchG) vom 07.08.1996, zuletzt
geändert 31.08.2015
Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstät-
tenverordnung – ArbStättV) vom 12.08.2004,
zuletzt geändert 18.10.2017
Verordnung über Sicherheit und Gesundheits-
schutz bei Tätigkeiten mit Biologischen Ar-
beitsstoffen (Biostoffverordnung – BioStoffV)
vom 15.07.2013, zuletzt geändert 29.03.2017
Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge
(ArbMedVV) vom 18.12.2008, zuletzt geändert
15.11.2016
TRBA 460:
Technische Regeln für Biologische Arbeits-
stoffe (TRBA 460) Einstufung von Pilzen in
Risikogruppen (Stand 22.07.2016, zuletzt ge-
ändert 17.10.2017)
TRBA 240:
Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe
(TRBA 240) (Stand Dezember 2010, zuletzt
geändert 21.07.2015)
Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und
Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden
(Dezember 2017), Umweltbundesamt
Richtlinienreihe VDI 6022 Raumlufttechnik,
Raumluftqualität, VDI Fachbereich Technische
Gebäudeausrüstung
Mikroskopisches Präparat Aspergillus versicolor (Quelle LUA Sachsen)
Schimmelbefall auf einem Ordner (Quelle LUA Sachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 18
600 000 Digitalisate – Ein Zwischenbericht
600 000 Digitalisate – das ist eine ganze
Menge. 600 000 Digitalisate – das ist nicht
wirklich viel. Um genau zu sein, es sind derzeit
630 000 Bilddigitalisate, vor allem von Akten,
Karten und Zeichnungen auf der Website des
Staatsarchivs. Dazu kommen noch je ein in
SAX.Archiv – also die Beständeübersicht des
Staatsarchivs – eingebundenes Video und ein
Audio. Im YouTube-Kanal des Staatsarchivs
sind es derzeit 17 audiovisuelle Stücke.
Was treibt das Staatsarchiv da? Warum? Und
wo steht es? Es ist das Ziel des Staatsarchivs,
alle seine Erschließungsinformationen elektro-
nisch recherchierbar zu machen und – soweit
und sobald rechtlich möglich – im Internet für
jedermann zugänglich bereit zu stellen. Die
Erfassungsquote beträgt lt. Jahresstatistik der-
zeit ca. 58 %, online zugänglich sind ca. 37 %.
In absoluten Zahlen heißt dies: Das Staatarchiv
Archivalienart, Vorhandensein von Digitalisa-
ten, verwahrende Abteilung, Top-10-Bestände.
Auch war es uns wichtig, dass diese Datensätze
von den großen Internet-Suchmaschinen in-
diziert werden. Dies ist gelungen. Uns finden
so Nutzer, die uns und die andersherum auch
wir in der Vergangenheit nie im Blick hatten.
Ich begreife dies als eine archivische Jahrhun-
dertchance. Die Strategie, Beschäftigung mit
Geschichte und ihren Potentialen in die Gesell-
schaft zu tragen, geht hier auf.
Inzwischen gehen wir im Service noch einen
Schritt weiter. Wir stellen Digitalisate der Ori-
ginalarchivalien im Netz für jedermann kos-
tenfrei benutzbar zur Verfügung. Zunächst
waren es 60 000, derzeit sind es 630 000; der
gesamte Bestand 10006 Oberhofmarschall-
amt. In absehbarer Zeit wollen wir uns deutlich
im Millionenbereich bewegen. Vorgesehen ist,
mittelfristig von mindesten 5 % aller Archiva-
lien Digitalisate zur Verfügung zu stellen. Dies
ist neben dem gewünschten Service natürlich
auch eine Kostenfrage. Dem haben wir uns in
der letzten Zeit gewidmet. Derzeit ist dabei
folgender Sachstand erreicht:
Wir haben den wesentlichen Teil derjenigen
Archivalien digitalisiert, von denen bereits
im Programm der Bundessicherungsverfil-
mung sowie in der vom Freistaat Sachsen
finanzierten Schutzverfilmung Aufnahmen
gemacht worden sind. Hier kann preiswert
schon geleistete Arbeit nachgenutzt werden.
Als Zahl ausgedrückt: Es liegen ca. 30 Mio.
Bilddigitalisate vor, von denen nach heutiger
Annahme ca. 20 Mio. Bilddigitalisate rechtlich
onlinefähig sind; die anderen sollen künftig
in den Lesesälen des Staatsarchivs genutzt
werden, wenn keine Schutzfristen bestehen
bzw. diese auf Antrag verkürzt werden.
Diese Digitalisate müssen noch endbearbeitet,
von den externen Festplatten, auf denen sie
derzeit provisorisch gesichert sind, in das Spei-
chersystem (SAN) gezogen und hier verknüpft
werden. Zumindest liegt hier schon einmal
ein Potential an Digitalisaten vor, bei dem der
verwahrt, ca. 6,2 Mio. Archivalien, davon sind
ca. 2,3 Mio. Erschließungsdatensätze im Netz
sichtbar. Sie werden regelmäßig vierteljährlich
neu aus unserer internen Datenbank ausgele-
sen und gegen die bisherigen Daten auf unserer
Website ausgetauscht. Dies geschieht weitge-
hend automatisiert, sodass wir einerseits ohne
großen Arbeitsaufwand im Internet aktuell
bleiben, andererseits aber die zu schützenden
Daten der internen Datenbank für potentielle
Hacker absolut unzugänglich sind. Wir haben
Wert darauf gelegt, dass die veröffentlichten
Daten beständeübergreifend mit der internen
Suchmaschine von sachsen.de recherchierbar
sind, die den heute im Netz üblichen Suchstra-
tegien entspricht, also von einem einfachen
Suchschlitz auf unserer Startseite ausgeht. Den
haben wir dann allerdings noch mit einer Reihe
von möglichen Nachfiltern versehen – quasi
der Expertenmodus. Dies sind etwa Zeitraum,
Foto Regine Bartholdt
Digitalisatepräsentation in SAX.Archiv auf einem PC-Monitor. Das ausgewählte Digitalisat lässt sich im Vollbild-
modus betrachten, ist weiter zoom- und downloadbar.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 19
Großteil der Arbeit bereits erledigt ist. Beob-
achten Sie gern im Internet, was hier Schritt
für Schritt geschehen wird. Vorrangig wollen
wir den Bestand 12613 „Gerichtsbücher“ fit
für das Internet machen.
Wir programmieren derzeit mit Ziel 2019 ein
Zusatzprogramm zu unserer Fachsoftware zur
Verwaltung und Verknüpfung der Digitalisate
mit dieser. Ebenfalls in diesem Jahr rüsten wir
unseren internen Speicher soweit auf, dass alle
diese Digitalisate – und auch die der nächsten
Jahre – mit einer Qualitätsreserve und als Rück-
fallebene für einen möglichen Ausfall des Inter-
netservers sicher vorgehalten werden können.
Für das Web haben wir im letzten Jahr unsere
Speicherkapazität von 3 auf ca. 30 TB erwei-
tert. Dies ist bei Bedarf problemlos kurzfristig
weiter ausbaubar.
Die Präsentation der Digitalisate haben wir
noch einmal überarbeitet. Bilddigitalisate, die
eine hohe Zahl von Bildpunkten erfordern,
etwa von Karten, werden weiterhin „gekachelt“.
Das heißt, Nutzer müssen sich nur die Kacheln,
die sie gerade betrachten wollen, und dies auch
nur in der gewünschten Zoomstufe herunter-
laden. Dabei werden für das Gesamtdigitalisat
in der höchsten Zoomstufe durchschnittlich
15 MB fällig. Für das Staatsarchiv bedeutet
dies im Hintergrund allerdings, dass durch die
Kachelung etwa der zehnfache Speicherplatz
belegt wird. Für „normale“ Akten haben wir uns
entschieden, auf die Kachelung zu verzichten
und die einzelnen Bilder auf durchschnittlich
1,8 MB herunter zu rechnen – ein Wert, der
Kosten spart und dem Betrachter dennoch eine
Digitalisatepräsentation einer Akte auf dem Smartphone
(Foto Michael Merchel)
weiterhin hohe optische Qualität bietet. Alle
Bilddigitalisate sind übrigens frei downloadbar.
Aber schauen Sie selbst.
Da von einem zum nächsten Archivale eines
Bestands und selbst in einem einzigen Archi-
vale beide Arten von Vorlagen vorkommen
können, haben wir eine Routine programmie-
ren lassen, die erkennt, welche Vorlage vorliegt
und sie dann entsprechend für die Internet-
präsentation aufarbeitet. Erkennungsmerk-
mal für die Routine ist dabei die Größe der
Vorlage datei, mit dem über einen Schwellen-
wert die verschiedenen Wege der Aufbereitung
angesteuert werden. Gegenüber der in der
Vergangenheit verwendeten durchgängigen
Kachelung werden so etwa 90 % weniger Spei-
cherplatz benötigt. Dies ist – wie gesagt – eine
Routine; sie funktioniert also, ohne dass dafür
Personaleinsatz erforderlich wäre.
Darüber hinaus möchten wir auch die audio-
visuellen Medien einem breiten Nutzerkreis zu-
gänglich machen. Weil die technischen Voraus-
setzungen auf sachsen.de dafür nicht gegeben
waren, haben wir zunächst einen YouTube-Kanal
eingerichtet und darauf eine kleine Auswahl von
17 Stücken zur Verfügung gestellt. Inzwischen
haben wir eine Lösung für SAX.Archiv program-
mieren lassen, die das Streamen von Audios und
Videos ermöglicht. Wie oben schon gesagt, ist
dort momentan erst jeweils ein Beispiel einge-
stellt. Dabei soll es allerdings nicht bleiben. Wie
wir mit unserem YouTube-Kanal weiter verfah-
ren, müssen wir noch entscheiden. Selbstver-
ständlich wird unser eigener Webauftritt, bei
dem die Stücke im Kontext ihrer Erschließungs-
daten und des Bestands präsentiert werden,
der Schwerpunkt für die Präsentation sein.
Jetzt ist es erst einmal an der Zeit, die bereits
bzw. in nächster Zeit geschaffenen technischen
Voraussetzungen mit dem vorbereiteten Ma-
terial zu füllen. Daran werden wir – sportlich
betrachtet – die nächsten zwei Jahre arbeiten.
Daneben laufen natürlich weitere Digitalisie-
rungsprojekte. Wir prüfen Möglichkeiten, bes-
sere Digitalisate mit gleichzeitig geringerem
Speicherbedarf anzufertigen und vorzuhalten.
Wir denken nach vorn und werden Partner für
Kollaborationsprojekte bei der Erschließung
von Digitalisaten suchen. Und damit sind wir
am Ende dieses Beitrags angelangt – nicht aber
am Ende unserer Visionen für Sie als Nutzer.
Michael Merchel
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
YouTube-Kanal des Staatsarchivs

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 20
Wie sauer sind unsere Archivbestände? –
Vier Bestandsuntersuchungen mit dem SurveNIR-
System im Sächsischen Staatsarchiv
Die vielfach beklagte Unbeständigkeit von
Papieren des 19. und 20. Jahrhunderts wird
in der Regel auf den so genannten sauren
Papierzerfall zurückgeführt. Als wesentliche
Ursachen für das rasche Vergilben und die
Versprödung der Papiere gelten die saure Harz-
Alaun-Leimung und die Verwendung von lig-
ninhaltigen Faserstoffen. Diese Änderungen in
der Papierherstellung vollziehen sich im Laufe
des 19. Jahrhunderts. Somit gelten industriell
gefertigte Papiere spätestens ab etwa 1850
gemeinhin als vom sauren Papierzerfall be-
droht.
Der Umgang mit Aktenschriftgut dieser nun
über 150 Jahre umfassenden Überlieferung
zeigt allerdings große Qualitätsunterschiede.
Nicht zuletzt um diese Unterschiede besser
darstellen und verstehen zu können, wurden
im Sächsischen Staatsarchiv während der
letzten Jahre umfangreiche Stichproben von
vier Beständen papieranalytisch mit Hilfe des
SurveNIR-Systems der Firma Lichtblau e. K.
untersucht. Damit liegen nun Daten von ins-
gesamt 3 420 Dokumenten aus 800 Verzeich-
nungseinheiten vor, die hier zusammenfassend
präsentiert werden sollen.
Papierbruchstücke der stark beanspruchten Blattränder einer Akte (20124 Amtsgericht Leipzig, Nr. 29339)
(Foto Barbara Kunze)
Anzahl der je Bestand in die Stichprobe einbezogenen Verzeichnungseinheiten (VE) pro Dekade (Laufzeitbeginn):
12509 Sächsischer Kunstverein (8,5 lfm) (Stichprobe 2013: 200 VE; 600 Bl.),
10736 Ministerium des Innern (720 lfm) (Stichprobe 2018: 120 VE; 700 Bl.),
31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau (460 lfm) (Stichprobe 2017: 360 VE; 1420 Bl.),
30413 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt (2 550 lfm) (Stichprobe 2018: 120 VE; 700 Bl.)
Anzahl VE pro Dekade, Beständeübersicht

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 21
Die Auswahl der Bestände erfolgte auf der
Grundlage der jeweiligen Überlieferungszeit-
räume, die auch die Stichproben widerspie-
geln. Alle vier Bestände zusammen decken
sowohl das 19. als auch das 20. Jahrhundert
ab. Das zeitliche Nebeneinander von jeweils
zwei Beständen ermöglicht den Vergleich der
Papierqualitäten unterschiedlicher Überliefe-
rungsbildner.
Das SurveNIR-System erfasst und wertet
Nahinfrarotspektren der zu analysierenden
Papiere aus und ermittelt auf diese Weise
Informationen über deren stoffliche Zusam-
mensetzung und Zustand. So erfolgt u. a. eine
Einstufung nach vorwiegendem Faserstoff:
Hadern, Zellstoff oder Holzschliff (Holzstoff).
Gestrichene Papiere werden als Sondergruppe
ausgewiesen. Protein- und der Harzgehalt
dienen zur Bestimmung von Leimungsart
und Leimungsgrad. Zur Einschätzung der Ge-
fährdung durch den sogenannten Säurezerfall
ermittelt die Analyse die jeweiligen pH-Werte.
Die Bruchkraft nach Bansa-Hofer-Falzung (in
Newton) steht für die (Rest-)Stabilität und
Flexibilität der Papiere.
Bestandsübergreifend kann im Ergebnis der
Untersuchungen festgestellt werden, dass die
Häufigkeitsverteilung der Analyseergebnisse zum pH; Differenzierung nach Papier-
typ (Quelle: Kurzberichte der Fa. Lichtblau e. K. zu den Bestandsuntersuchungen im
Auftrag des Sächsischen Staatsarchivs, 2013–2018)
Häufigkeitsverteilung der Analyseergebnisse zur Bruchkraft nach Falzung; Differen-
zierung nach Papiertyp (Quelle: Kurzberichte der Fa. Lichtblau e. K. zu den Bestands-
untersuchungen im Auftrag des Sächsischen Staatsarchivs, 2013–2018)
12509 Sächsischer Kunstverein
10736 Ministerium des Innern
31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau
30413 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt
12509 Sächsischer Kunstverein
10736 Ministerium des Innern
31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau
30413 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 22
Beispielauswahl verschiedenartiger Dokumente aus dem Bestand 31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau
Briefkopfbogen Nr. 1271 (1963)
Schreibpapier Nr. 710 (1949)
Konzeptpapier Nr. 710 (1947–50)
Formulardruck Nr. 2142 (1976–82)
Durchschlag Nr. 1040 (1957)
Thermokopie Nr. 888 (1969)
Zeitungsausschnitt Nr. 1065 (1962)
Druck (gestrichenes Papier) Nr. 899 (1969)
Elektrokopie Nr. 2145 (1982)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 23
Harzleimung sich bereits mit ihrer Einführung
zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Bereich
der Schreibpapiere durchgesetzt hat. Dem-
gegenüber spielen stark ligninhaltige Papiere
(Holzstoffpapiere) im Vergleich zu Hadern-
und Zellstoffpapieren in Aktenschriftgut des
19. Jahrhunderts eine noch untergeordnete
Rolle. Erst im 20. Jahrhundert drehen sich die
Mengenverhältnisse entschieden zugunsten
der Papiere mit hohem Ligningehalt um. Sie
dominieren nun mit einem Anteil von jeweils
knapp zwei Drittel der analysierten Papiere.
Hadernpapiere sind in den Beständen des
20. Jahrhunderts nicht mehr vertreten.
Während diese Beobachtungen im Bestände-
vergleich ihre Bestätigung finden, erfordern
die Ergebnisse zum Säuregehalt eine Diffe-
renzierung.
Zwar wurden nahezu alle Papiere als sauer
(pH < 7) eingestuft, doch zeigt sich eine breite
Streuung der Werte von nahe dem Neutral-
punkt bis teils unter pH 3. Im Vergleich der
Papiertypen weisen die sogenannten Holz-
stoffpapiere mehrheitlich niedrigere pH-Werte
auf als die Hadern- und Zellstoffpapiere.
Darüber hinaus lassen sich allerdings sowohl
innerhalb der Zellstoff- als auch innerhalb
der Holzstoffpapiere bestandsübergreifend
wiederkehrende Wertehäufungen feststel-
len, die eine Unterscheidung nach moderat
sauren (pH 5,5–7) und stark sauren (pH 2,5–5)
Papieren nahelegen. Die bestandsbezogenen
jeweiligen Mengenverhältnisse variieren dabei
teils erheblich.
Vergleicht man nun die Ergebnisse zum Säure-
gehalt mit denen zur Bruchkraft nach Falzung,
werden bei näherer Betrachtung Übereinstim-
mungen sichtbar.
Auch hier können innerhalb der Zellstoff- und
Holzstoffpapiere wieder jeweils zwei Quali-
tätsgruppen unterschieden werden: Während
die eine Gruppe papiertypübergreifend mit
Werten oberhalb von 40 N gute Gebrauchs-
eigenschaften erwarten lässt, liegen die ent-
sprechenden Bruchkraftwerte der zweiten
Gruppe bei unter 25 N bei den Zellstoffpapieren
(10736 Ministerium des Innern) bzw. unter
5 N bei den Holzstoffpapieren. Der Anteil der
Papiere mit Bruchkraftwerten nahe 0 nimmt
bei den jüngeren Beständen gegenüber den
älteren Beständen gravierend zu.
Der direkte Wertevergleich belegt, dass pH-
Werte oberhalb von 5 mit vergleichsweise
guten Bruchkraftwerten einhergehen, wäh-
rend ein Absinken der pH-Werte unter 5 bzw.
4 (Holzstoffpapiere) durchgängig mit einem
vehementen Stabilitätsabfall verknüpft ist.
Gerade auch angesichts der bereits sehr nied-
rigen Bruchkraftwerte vieler verhältnismäßig
junger Papiere (vgl. Laufzeit der Bestände
31076 und 30413) ist die Deutung der Un-
tersuchungsergebnisse im Hinblick auf einen
alterungsbedingten Stabilitätsverlust mit den
vorliegenden statistischen Auswertungen der
erfassten Daten nicht möglich. Hier lassen
sich wegen der Verschiedenartigkeit der ana-
lysierten Papiere zumindest keine eindeutigen
Tendenzen nachweisen.
Zusammenfassend kann festgestellt werden,
dass die Bestandsuntersuchungen das be-
kannte Phänomen des Säurezerfalls bestäti-
gen, jedoch auch neue Fragen aufwerfen. So
resultiert aus der Harz-Alaun-Leimung und
dem Ligningehalt noch nicht zwingend eine
Instabilität der auf diese Weise hergestellten
Papiere. Was jedoch die klare Trennung der
beschriebenen Wertebereiche verursacht hat,
bleibt damit noch ungeklärt.
Es mag darüber hinaus erstaunen, dass ge-
rade die Überlieferung der eher typischen
staatlichen Verwaltungsbehörden (10736
Ministerium des Innern und 30413 Bezirks-
tag/Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt) in der
papieranalytischen Betrachtung jeweils deut-
lich schlechter abschneiden als der Bestand
12509 Sächsischer Kunstverein mit seinem
hohen Anteil an Korrespondenzen und Be-
legdokumenten und der Bestand 31076 VEB
Sachsenring Auto mobilwerke Zwickau, der
durch eine Vielzahl von Lichtpausen geprägt
ist. Erinnert sei hier an die in den 1880er Jah-
ren erlassenen staatlichen Vorschriften zur
Verwendung von beständigen Papierqualitä-
ten in der Verwaltung.
Die generell anzutreffende große Vielfalt
an Papierqualitäten in Aktenschriftgut des
19. und 20. Jahrhunderts macht es schwie-
rig, pauschale Aussagen über den Zustand
und die Beständigkeit dieser heterogenen
Überlieferung zu treffen. Dies ist in dem Ne-
beneinander von teils sehr unterschiedlichen
Papierqualitäten innerhalb einer Akte für
jeden unmittelbar erfahrbar. Der Bestände-
vergleich zeigt darüber hinaus, dass auch die
Verteilung verschiedenartiger Papiere inner-
halb mehrerer Bestände – selbst noch bei
ähnlicher zeitlicher Erstreckung – deutliche
Unterschiede aufweisen kann. Dies gilt es bei
der strategischen Ausrichtung bestandserhal-
tender Maßnahmen, bei der Bestände- und
der Maßnahmenpriorisierung zu berück-
sichtigen. Das Sächsische Staatsarchiv hat
daher beschlossen, auf eine breitangelegte
Massenentsäuerung zu verzichten. Auf der
Basis der in den vergangenen Jahren geschaf-
fenen guten baulichen Unterbringungssitua-
tion soll anstelle dessen beständeweise über
die jeweils durchzuführenden ergänzenden
Erhaltungsmaßnahmen entschieden werden.
Ein besonderer Fokus liegt dabei – nach wie
vor – auf den einfachen konservatorischen
Maßnahmen wie z. B. der Reinigung und der
Verpackung und auf einem bestandsscho-
nenden Umgang. Diese Maßnahmen sind aus
unserer Sicht vorrangig zu gewährleisten, da
sie gleichermaßen bereits heute den beiden
zentralen archivischen Aufgaben dienen: Er-
haltung und Zugänglichkeit unserer origina-
len schriftlichen Überlieferung.
Barbara Kunze
(Sächsisches Staatsarchiv, Abteilung
Zentrale Aufgaben/Grundsatz)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 24
Sachsenringwerker arbeiten an ihrer Hinterlassen-
schaft – Förderverein des August Horch Museums
unterstützt Bewertung und Ordnung des Bestandes
31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau
Das Automobilmuseum August Horch in Zwi-
ckau zeigt an seinem historischen Standort
in Teilen ehemaliger Gebäude des Automobil-
werkes Audi die geschichtliche Entwicklung
eines bedeutenden Industriezweiges der Stadt
Zwickau.
Unterstützt wird es dabei u. a. vom gleichnami-
gen Förderverein, der nunmehr seit 20 Jahren
besteht und nach der Wende von 1989/1990
zunächst als Träger des Museums fungier-
te. Heute nimmt der Förderverein zahlreiche
Aufgaben für das Museum wahr, was sich
in den Arbeitsgruppen wie „Öffentlichkeits-
arbeit“, „Zeitzeugenbefragung“, „Film und
Mitgliederbetreuung“, „Projekte/Technik“ und
„Bewahrung Archivgut“ widerspiegelt. Unter
dem Motto „historisch Wertvolles erhalten
und zugänglich machen“ steht die Tätigkeit der
Arbeitsgruppe „Bewahrung Archivgut“, eine
mit Akribie und Hintergrundwissen durchzu-
führende Arbeit. Es galt, für die Unterlagen aus
dem VEB Sachenring Automobilwerke Zwickau,
zu dem auch die Unterlagen seiner Vorgän-
gerbetriebe ab 1945 sowie der nach 1990
privatisierten Nachfolger zugeordnet sind,
Bewertungsvorschläge zu unterbreiten und
einen Klassifikationsvorschlag zu erarbeiten.
Aufgrund der Verordnung über das Archiv-
wesen der DDR von 1976 wurden die bis dahin
bestehenden Betriebsarchive in der DDR auf-
gelöst und die staatlichen Wirtschaftsunter-
lagen in die Zuständigkeit der Staatsarchive
überführt. Mit dieser neuen Zuständigkeit
sollte die Aufbewahrung, Bearbeitung und
Pflege von Archivgut konzentriert und fachlich
sichergestellt werden. Diese bewährte Form
der Zuständigkeit wurde nach der Wieder-
vereinigung auch im Sächsischen Archivge-
setz beibehalten und demzufolge gelangten
die Betriebsunterlagen des VEB Sachsenring
Automobilwerke Zwickau zur Aufbewahrung
und Bearbeitung in das heutige Sächsische
Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz. Eine Be-
wertung, Ordnung und Verzeichnung stand
noch aus. Der Zugriff auf die Unterlagen war
über die Abgabelisten allerdings gewährleistet.
War das Staatsarchiv Chemnitz seinerzeit in
einer nur teilsanierten ehemaligen Fabrik-
anlage untergebracht, in der keine dauerhaf-
te Archivierung des vorhandenen und noch
zu erwartenden Archivgutes gewährleistet
werden konnte, ist es seit 2013 in einem her-
gerichteten, denkmalgeschützten Gebäude
untergebracht, ergänzt um einen modernen
Magazinbau, der alle Sicherheits- und klima-
tischen Anforderungen erfüllt.
Seit 2008 unterstützen Mitglieder des Förder-
vereins auf der Grundlage unterschiedlicher
Vertragsverhältnisse die Aufarbeitung des
Bestandes 31076 VEB Sachsenring Automo-
bilwerke Zwickau. Dabei war von Vorteil, dass
die beiden Mitglieder der AG, Wolfgang Neef
und Benno Stengel, als langjährige Betriebs-
zugehörige im VEB Sachsenring Automobil-
werke Zwickau bzw. VEB IFA-Kombinat PKW
konstruktive wie technologische und auch
technisch-ökonomische Kenntnisse besitzen
und betriebsbedingte Prozesse heute noch
nachvollziehen können. Von Seiten des Staats-
archivs Chemnitz wurde die Unterstützung
dankbar angenommen. Über derartige Koope-
rationen können die für die Bewertung und
Klassifizierung technischer und technologi-
scher Unterlagen erforderlichen Kenntnisse
in die Bearbeitung einfließen.
Vor Beginn der Einzelprojekte mussten je-
weils die Ziel- und Aufgabenstellungen klar
formuliert und die Bewertungsgrundsätze
durch die Archivare vorgegeben werden. Da-
bei wurden seitens des Fördervereins auch
die Interessen der Nutzerseite artikuliert. Im
Rahmen des ersten Projektes wurden 2008
ca. 48 000 technische Zeichnungen, zu denen
auch die Stücklisten-Sammelblätter, die für
Betriebsmittel wie Vorrichtungen, Werkzeuge
und Prüfmittel (VWP) erstellt waren, bewertet.
Hiervon konnten 575 Zeichnungen zur Ar-
chivierung vorgeschlagen werden, aus denen
die konstruktive-technologische Entwicklung
nachvollzogen werden kann.
Im Anschluss daran sollten auch Empfehlun-
gen für die Bewertung und Klassifizierung der
Aktenüberlieferung erarbeitet werden. Dafür
konnte allerdings kein weiterer Werkvertrag
abgeschlossen werden. Angesichts der sehr
guten Erfahrungen und der ausgezeichneten
Zusammenarbeit während des ersten Projek-
tes erklärten sich Wolfgang Neef und Benno
Stengel bereit, das zweite Projekt als ehren-
amtliche Tätigkeit zu beginnen. Für den Zeit-
raum August 2015 bis Dezember 2017 konnte
dann ein Vertrag über eine geringfügige Be-
schäftigung abgeschlossen werden.
Vorbereitend wurde ein erster Entwurf für die
Klassifizierung des Aktenbestandes erarbeitet,
der Anregungen aus vorhandenen Karteien
und dem Findbuch zum Bestand 31050 Auto
Union AG, Chemnitz berücksichtigte. In ihm
spiegelt sich auch die „sozialistische Betriebs-
struktur“ wider. Diese DDR-Betriebsstruktur
weicht in weiten Bereichen von der heutigen
marktwirtschaftlichen Struktur großer Unter-
nehmen ab. Die Gliederung soll als Anregung
für die nachfolgende archivarische Bearbei-
tung dienen. Nach der Retrokonvertierung der
Ablieferungsverzeichnisse und Gliederung des
Bestandes im Archivprogramm AUGIAS-Archiv
wird das Findmittel im Internet recherchierbar
sein. Für das Findmittel 31076 wurden zwölf
Themenschwerpunkte gewählt. Diese sind glie-
derungsmäßig weiter untersetzt. Die Gliede-
rung verdeutlicht u. a., dass ein sozialistischer
Großbetrieb mit ca. 12 000 Beschäftigten nicht
nur für die Produktion zuständig war, sondern
auch umfassende Aufgaben im kulturellen und
sozialen Bereich zu erfüllen hatte.
Für die bessere Verständlichkeit wurden alle
zeitbezogenen, aber auch die technischen
und technologischen Abkürzungen, die in
den Dokumenten verwendet wurden, al-
phabetisch im Abkürzungsverzeichnis auf-
gelistet und aufgelöst. Zur Beurteilung der
Archivwürdigkeit und der gliederungsmäßi-
gen Zuordnung wurde jede Akte in die Hand
genommen. Im Ergebnis wurde empfohlen,
von den 6 721 Verzeichnungseinheiten (VZE)
1 781 VZE als archiv würdig zu bewerten und
4 940 VZE zu kassieren. Die große Anzahl zu
kassierender Dokumente ist hauptsächlich auf
die Tatsache zurückzuführen, dass viele Be-
richte, Sitzungsprotokolle und Aktennotizen
mehrfach in verschiedenen Strukturteilen des
Betriebes überliefert waren. Hier galt es darauf
zu achten, dass nur die beim Hauptakteur ent-
standene Akte zur Archivierung vorzusehen ist.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 25
Mit Abschluss dieser zeitaufwändigen Bear-
beitung konnte der Entwurf eines Findmittels
für den Bestand 31076 außerhalb des Archiv-
programms erstellt werden, der als Grund-
lage für die weitere archivarische Bearbeitung
dienen soll. Im Laufe der Bearbeitung waren
mehrere Neuübernahmen von Archivgut zu
berücksichtigen. Dabei handelt es sich um die
von der FES-Fahrzeugentwicklung Sachsen
GmbH in den Jahren 2015 und 2018 überge-
benen Unterlagen aus dem früheren Bereich
Konstruktion/Entwicklung des VEB Sachsen-
ring Automobilwerke Zwickau, darunter auch
zahlreiche Versuchsberichte, Zeichnungen und
Fotos. Hinzu kommen die im Auftrag der Bundes-
anstalt für vereinigungsbedingte Sonderauf-
gaben von der Rhenus GmbH abgegebenen
Unterlagen des Betriebes. Den Schwerpunkt
bildet dort der Zeitraum zwischen 1990 und
1995, in dem die Umstrukturierung, Bildung
von Nachfolgebetrieben bzw. die Liquidation
des Kernunternehmens stattgefunden haben.
Es handelt sich dabei u. a. um Personalakten,
Verkaufsverträge, Wertgutachten, Rechtsstrei-
tigkeiten. Durch Vermittlung des Fördervereins
des August Horch Museums gelangten auch
die Unterlagen aus den dienstlichen Nachläs-
sen des früheren Generaldirektors der VVB
Automobilbau, Dr. Winfried Sonntag, und des
Duroplast-Erfinders für die Trabantkarosserie,
Wolfgang Barthel, in die Obhut des Staats-
archivs Chemnitz und bilden dort den Bestand
33466 Wissenschaftlich-technisches Zentrum
des Automobilbaus, in dem die Unterlagen
seinerzeit entstanden sind. Insgesamt umfass-
ten diese nachträglichen Übernahmen knapp
1 000 Verzeichnungseinheiten.
Als Ergebnis einer inzwischen 10-jährigen er-
folgreichen und beide Seiten befruchtenden
Arbeit der AG „Bewahrung Archivgut“ des
Förder vereins des August Horch Museums für
das Staatsarchiv Chemnitz, in der ca. 6 000 Ar-
beitsstunden geleistet wurden, liegt nunmehr
Werbung für den Trabant 601 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, 31076 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, Nr. 7849)
der Entwurf eines Findmittels zum Bestand
31076 vor, in das alle Empfehlungen der Ar-
beitsgruppe zur Bewertung und Ordnung des
Archivgutes eingeflossen sind. Gleichzeitig
steht allen Wissenschaftlern und Forschern,
die sich mit der Entwicklung des Automobil-
baus im Zwickauer Raum beschäftigen – nicht
zuletzt dem August Horch Museum und sei-
nem Förderverein – eine Arbeitsgrundlage zur
Verfügung, die zur Zeit von den Archivaren des
Staatsarchivs Chemnitz weiterbearbeitet wird
und alsbald als Findmittel im Internet weltweit
recherchierbar ist.
Wir freuen uns auf eine weiterhin enge und
vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem
Staatsarchiv Chemnitz.
Benno Stengel
(Förderverein August Horch Museum,
AG „Bewahrung Archivgut“)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 26
Das Archiv als historisches Labor – Wo bleibt die
universitäre Lehre in der Archivpädagogik?
Archivpädagogik und universitäre Lehre –
offenkundig ist noch längst nicht zusammen-
gewachsen, was zusammen gehört. Archiv-
pädagogik möchte Geschichte „sinnlich und
persönlich erfahrbar machen“, Geschichte als
„offen und widersprüchlich“ sowie als „nah
und fremd“ vermitteln (Thomas Lange/Thomas
Lux). In dieser weit gespannten Zielsetzung ist
die Archivpädagogik jedoch befremdlich eng
auf Angebote für Schulklassen fokussiert. Das
mag daran liegen, dass anders als im Bereich
der Schule den meisten Lehrenden im Fach
Geschichte an Universitäten wohl zugetraut
wird, aufgrund eigener Archiverfahrung schon
„irgendwie“ eine Einführung in das Arbeiten im
Archiv leisten zu können. Als ob alle Lehren-
den für Ihre Forschungsprojekte den Gang ins
Archiv wagen müssten bzw. über archivkund-
liches Wissen verfügten, das über die eigene
Nutzererfahrung hinausreicht. Zudem wird
unausgesprochen unterstellt, dass angehende
Historikerinnen und Historiker zwangsläufig
Archivluft schnuppern müssten. Angesichts
des breit aufgestellten Arbeitsmarktes (man
vergleiche nur die Absolventenstudien ver-
schiedener Universitäten) und unterschied-
licher Interessen ist dies aber ein grundsätz-
licher Irrtum.
Diese Einschätzungen spiegeln sich in der
archivpädagogischen Literatur: Archivpäda-
gogische Angebote sehen sich beiläufig vor
die Herausforderung gestellt (freilich ohne das
allzu freimütig zu benennen), hinreichende
Kenntnisse und Fertigkeiten zur Arbeit im Ar-
chiv bei Lehrerinnen und Lehrern meist nicht
voraussetzen zu können. Diese Kompetenzen
haben schlichtweg keinen systematischen Ort
in der Lehramtsausbildung. Das mag damit
zusammenhängen, dass universitäre Lehre
und Archivpädagogik nach wie vor nur dort
miteinander in Kontakt kommen, wo es die
individuellen Vorlieben von Dozentinnen und
Dozenten ermöglichen. Das bildungspolitische
Experiment jedenfalls, Lehrerinnen und Lehrer
als Archivpädagoginnen und -pädagogen an
das Sächsische Staatsarchiv teilabzuordnen,
hat zwar beachtliche Ergebnisse in Form von
Praxisbeispielen produziert, war aber nüchtern
betrachtet zu kurzfristig angelegt (2009–2012),
um nachhaltige Impulse über Praxisvorlagen
hinaus setzen zu können (nachzusehen unter
https://www3.sachsen.schule/thema-archiv/
start/).
Was damit bereits ein flüchtiger Blick auf die
Voraussetzungen und die beteiligten professi-
onellen Akteurinnen und Akteure zeigt, offen-
bart sich noch einmal in den schon genannten
Zielen archivpädagogischen Handelns. Sowohl
in der eher theoriebezogenen Literatur als auch
in Praxisbeispielen werden diese Ziele zugleich
als Grundlagen der pädagogischen Arbeit an
den Kompetenzen historischen Denkens sowie
als zentrale Faktoren der intrinsischen Moti-
vation in erster Linie von Schülerinnen und
Schülern beschrieben, sich mit Geschichte
zu beschäftigen. Die unablässige Rede vom
„Archiv als außerschulischem Lernort“ spricht
hier für sich und suggeriert doch ungewollt
zugleich, dass es Motivationsprobleme an
Universitäten nicht gäbe und die Kompeten-
zen historischen Denkens bei Studierenden
breiter aufgestellt wären als bei Schülerinnen
und Schülern. Auch dies ist aber gewiss kei-
ne zwangsläufige Annahme. Auch und ins-
besondere eine fundierte und motivierende
Hochschullehre im Fach Geschichte benötigt
den Weg hin zu außeruniversitären Lehr- und
Lernorten! Der für Dresden mittlerweile vor-
liegende, von Mathias Herrmann verfasste,
geschichtsdidaktische Museumskompass
könnte Ideen für einen künftigen, didaktisch
ausgerichteten Archivkompass liefern.
Die nachfolgenden Überlegungen setzen
mangels systematischer Studien an diesen
holzschnittartig skizzierten Eindrücken und
Erfahrungen aus nunmehr 14 Jahren Lehre
im Fachbereich Geschichte der Frühen Neuzeit
an der TU Dresden an. Im Folgenden werden
einige historische Praxis- und archivkundliche
Grundlagenseminare vorgestellt, die in den
vergangenen Jahren in Kooperation mit dem
Stadtarchiv Dresden und dem Hauptstaats-
archiv Dresden stattfanden. Ziel ist es, die
Idee vom Archiv als historischem Labor in der
Hochschullehre zu profilieren, in dem unter
kontrollierten Bedingungen die stets geforder-
te Verknüpfung von Forschung und Lehre um-
gesetzt werden kann, die sich dann eben nicht
allein darin erschöpft, Forschungsliteratur zu
lesen und zu diskutieren. Ich plädiere dafür, der
universitären Lehre eine prominentere Stellung
in der Archivpädagogik zu geben, als dies bis-
lang der Fall ist, und künftig systematisch eine
interdisziplinäre Archivdidaktik zu entwickeln.
Nachfolgend ein Überblick über die, wo nicht
anders angegeben, in Kooperation mit dem
Stadtarchiv Dresden
und
dem Hauptstaats-
archiv Dresden in den vergangenen Jahren
durchgeführten Seminare. Die ausführliche
Beschreibung der didaktischen Konzeptionen
und der Umsetzung all dieser Lehrprojekte
muss an anderer Stelle erfolgen und bleibt
hier ausschnitthaft. In Teilen sind Ergebnisse
und Berichte aus diesen Veranstaltungen on-
line unter der nachfolgenden URL verfügbar:
https://tu-dresden.de/gsw/phil/ige/fnz/
studium/materialien/praesentationen (Bearb.
A. Kästner, Stand 19.09.2018). Die Chrono-
logie der Veranstaltungen deutet bereits an,
dass sich mein Interesse an einer stärker sys-
tematischen Einbeziehung von Archiven als
Lernorten aus zunächst eher traditionellen
Formaten wie paläografischen Übungen (im
Kern Lese- und Transkriptionsübungen) ent-
wickelt hat. Hierbei spielten die neuen tech-
nischen Möglichkeiten, über die vor allem das
Hauptstaatsarchiv Dresden mit seinen Buch-
scannern im Lesesaal verfügt, eine wichtige
Rolle. Mithilfe dieser Reproduktionstechnik
ließen sich zeitlich und inhaltlich flexibel sowie
ohne größeren Aufwand Quellen für die Lehre
verfügbar machen, die über die sonst üblichen
Schrifttafeln hinausgingen. Das Stadtarchiv
Dresden unterstützt seinerseits die Lehre
durch unkompliziert schnelle Reproduktionen
im Haus. Das Hauptstaatsarchiv Dresden hat
mir in Person von Herrn Dr. Peter Wiegand
und Frau Dipl. Archivarin Andrea Tonert im
August 2015 zudem großzügig eine zwei-
wöchige, berufsbegleitende Weiterbildung im
Haus ermöglicht, mit der die nachfolgenden
Lehrveranstaltungen auf eine breitere archiv-
kundliche Basis gestellt werden konnten:
2008
Archivreise, Transkriptionsübungen
und Exkursion in Kooperation mit der Jan
Evangelista Purkyně University in Ústí nad
Labem und dem Ephoralarchiv Freiberg (zus.
mit Ulrike Ludwig/Jakub Pátek/Eric Piltz)
2010
Praxisseminar „Bvdissinisches Chro-
nologivm“ in Kooperation mit dem Stadtarchiv
Bautzen (zus. mit Tim Deubel, / Onlineprä-
sentation)
2011
Übung „Theorie und Praxis der Edition
frühneuzeitlicher Handschriften (anhand von
Quellen zur Dresdner Anatomie)“
2013/14
zwei Praxisseminare „Paläografi-
sche Übungen“
2014/15
Praxisseminar „Geschichte aus dem
Archiv – Geschichte im Archiv“ (Plakatausstel-
lung StadtA DD)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 27
2015
Übung „Einführung in die Paläografie
der Neuzeit“
2015/16
Hauptseminar „Protest und Belei-
digung“ (zusammen mit Dagmar Ellerbrock/
Plakatausstellung und Vernissage SächsStA-D)
2016
Praxisseminar „Dresdner Stadtge-
schichte(n) schreiben“ (in weiterer Kooperation
mit drobs e.V.)
2016
Übung „Paläografische Übungen für
Einsteiger“
2016/17
Praxisseminar „Paläografische
Übungen für Fortgeschrittene – Edition aus-
gewählter Quellen zur Geschichte der Dresdner
Anatomie im 18. Jahrhundert“ (in Kooperation
vor allem mit SächsStA-D)
2017/18
Praxisseminar „Geschichte(n)
schreiben ... und veröffentlichen: Dresdner
Vereine früher und heute“ (in weiterer Koope-
ration mit drobs e.V.)
2017/18
Proseminar „Forschen im Archiv.
Eine systematische Einführung anhand frühneu-
zeitlicher Quellen“ (durchgeführt im StadtA DD)
2018
Praxisseminar „Geschichtswissen-
schaftliche Forschung im Archiv. Eine Ein-
führung (Blockveranstaltung)“ (zusammen
mit Mario Sempf und zudem in weiterer Ko-
operation mit dem Restaurant „Pulverturm“
und dem Landesamt für Archäologie Sachsen)
2019
Praxisseminar „Secrete, Abzüchte,
Gerinne und verkoteter Kehricht – Eine Ein-
führung in die Paläografie der Neuzeit anhand
von Quellen zur Dresdner Hygienegeschichte“
(in weiterer Kooperation mit Frank Männig,
Stadtentwässerung Dresden)
Das Fach „Geschichte der Frühen Neuzeit“ bie-
tet wie wohl kaum das einer anderen Epoche
Möglichkeiten, in Archiven zu lernen und zu
forschen. Aus der Schule ist für dieses Fach
kaum mit Vorkenntnissen bei Studierenden zu
rechnen, meist ist noch nicht einmal die Epo-
chenbezeichnung bekannt. Die Frühe Neuzeit
ist hinreichend fremd und nah zugleich, um
Interesse zu wecken und nach kurzer Einarbei-
tungszeit auch „befremdlich vertraut“, um das
geweckte Interesse in konkrete Projekte und
Forschungen überführen zu können. Selbst ge-
druckte Quellen aus dieser Zeit, die mittlerwei-
le in digitaler Form und in unüberschaubarer
Zahl für nahezu jedes Thema genutzt werden
können, konfrontieren Studierende mit einem
ihnen fremden Schrift- und Sprachbild und
stellen sie nicht selten vor ähnliche Herausfor-
derungen wie beim Lesen alter Handschriften.
Mit der an der Universität Zürich umgesetzten
digitalen Lernumgebung „Ad fontes“ hat sich
gleichwohl seit nunmehr über 15 Jahren ein
Werkzeug in der „Werkstatt des Historikers“
unverzichtbar gemacht. „Ad fontes“ erleich-
tert insbesondere das Einüben des Lesens und
diplomatischen Transkribierens frühneuzeit-
licher Handschriften erheblich
(https://www.
adfontes.uzh.ch/). Die dadurch frei werdenden
Ressourcen ermöglichen weiterführende Lehr-
angebote, mit denen im kurzen Zeitraum eines
Semesters historisch-praktische Projekte im
„historischen Labor“ Archiv umgesetzt werden
können.
Wie Thomas Lange und Thomas Lux zu Recht
festgestellt haben, ist der Übergang vom Un-
terricht zur Forschung im Archiv fließend und
doch gilt es mit Blick auf die universitäre Leh-
re einige besondere Rahmenbedingungen im
Blick zu halten. Im Zuge der Bologna-Reformen
wurden straffe Studien- und Prüfungsord-
nungen erlassen, deren Schlagworte „Credits“
und „kompetenzorientierte Modulprüfung“
den Rahmen dessen, was wünschenswert
und machbar ist, teils erheblich (wenngleich
meist ungewollt!) einschränken. Die Studien-
motivation wird stark extrinsisch erzeugt. Die
Arbeit im Archiv ermöglicht es nach meiner
Erfahrung jedoch, Studierende über den „Zau-
ber der Originale“ zu Leistungen zu bewegen,
die über das Prokrustesbett der Studien- und
Prüfungsordnungen hinausgehen. Um dies zu
gewährleisten, sind Lehrende zu einer kreati-
ven und flexiblen Interpretation der jeweiligen
Prüfungsspielregeln aufgefordert. Universi-
täten verfügen im Übrigen auch nicht immer,
wie häufig angenommen, über hinreichende
Ressourcen, um Projektideen auch umsetzen
zu können. Langfristig angelegte Projekte kön-
nen schon an den befristeten Arbeitsverträgen
für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter und der hieraus erwachsenden
Personalfluktuation scheitern. Und auch die
Finanzierung benötigter Sachmittel ist nicht
zwingend gegeben. Sowohl Archive als auch
Universitäten sind daher gut beraten, weitere
Partner (etwa Kulturstiftungen, Vereine, his-
torisch arbeitende Einrichtungen und Akteu-
rinnen und Akteure vor Ort usw. usf.) mit an
Bord zu holen. Projekte im Archiv erfordern
zudem einen zusätzlichen Zeitaufwand für
Lehrende und Archivare. Daher würde ich
dafür plädieren, Kooperationen über persön-
liche Kontakte hinaus etwas stärker zu for-
malisieren, damit erfolgreiche Projekte keine
Eintagsfliege bleiben. Regelmäßig stattfinden-
de historisch-archivpädagogische „summer
schools“ könnten hierfür ein möglicher Weg
sein. Die explizite Verankerung von Forschung
und Lehre im Archiv unter Berücksichtigung
von Wünschen und Ressourcen der Archive
im Wahlpflichtbereich der Studienordnungen
sollte ein künftiger Weg sein.
Sieht man von solchen Erwägungen einmal ab,
bleiben fürs Erste die großen Vorzüge von in
die Lehre integrierten Forschungsprojekten, die
auf ein konkretes „Produkt“ hin zugeschnitten
sind. Entsprechende Beispiele sind aus der Lite-
ratur und Praxis bekannt (siehe etwa den von
Simone Lässig und Karl Heinz Pohl herausge-
gebenen Band „Projekte im Fach Geschichte“).
In den vergangenen Jahren haben sich in
Dresden drei Formate bewährt. Im ersten Fall
erarbeiten Studierende kritische Editionen von
Praxisseminar zur Geschichte des Dresdner Pulverturms. Beginn am ehemaligen Standort (Foto Mario Sempf)
Quellen und erstellen überdies nach den Vor-

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 28
Studentisches Plakat aus dem Hauptseminar „Protest und Beleidigung“ im Hauptstaatsarchiv Dresden (WS 2015/16; Autorin Clara Kiewning)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 29
gaben von Richtlinien zur Erschließung von
Archivgut ausführliche Enthältvermerke, die
nach Prüfung in die Findmittel überführt wer-
den können. Diese Übungen fördern in beson-
derer Weise und fast beiläufig ein tieferes Ver-
ständnis für die Arbeit von Archivarinnen und
Archivaren sowie für die Logik der Recherche
im Archiv. Wer einmal selbst eine Archivalie für
die Benutzung erschlossen hat, geht danach
deutlich reflektierter bei der eigenen Recher-
che vor. Warum sollten Archive nicht gezielt
Angebote unterbreiten, einzelne Archivalien in
aktuell bearbeiteten Beständen innerhalb von
Lehrveranstaltungen zu erschließen und diese
Arbeit zu begleiten (Praktikanten im Archiv tun
dies ja auch)? Wer sich zudem selbst einmal an
einer kritischen Textedition einer handschriftli-
chen Quelle ausprobiert hat, kennt die Vorzüge
und Grenzen von Editionen besser und hat
diese stärker verinnerlicht. Einmal gemein-
sam im Vortragssaal des Hauptstaatsarchivs
anhand einer selbst reproduzierten Quelle
und auf großer Leinwand über die Hürden
der Transkription und Kommentierung von auf
den ersten Blick schwer lesbaren Textpassa-
gen oder unscheinbaren Dorsualvermerken
zu diskutieren, ist nicht nur für Studierende
ein äußerst einprägsames Erlebnis.
Entscheidend ist hierbei, wie bei anderen For-
maten auch, den Forschungsprozess nicht zu
stark vorzustrukturieren, sondern bereits die
Recherche als zunächst offenen (und mitunter
niederschmetternden) Teil dieses Prozesses
einzubinden und die Quellenauswahl gemein-
sam (!) zu erarbeiten. Universitäre Lehre bietet
hier mehr Raum und Zeit als der Schulunter-
richt. Als ein weiterer Motivationsfaktor hat
sich in den Veranstaltungen das experimentelle
Ausprobieren digitaler Werkzeuge erwiesen,
darunter sogenannte „Etherpads“, mit denen
Studierende zeitgleich und kollaborativ eine
Transkription erarbeiten können, oder digitale
Lern- und Kommunikationsplattformen wie
iversity oder opal. Das alles kann hier nicht
im Detail referiert werden und soll lediglich
andeuten, dass Forschen im Archiv als selbst-
tätiges und ganzheitliches Forschen stattfin-
den sollte, nicht als häppchenweise vorge-
gebener Prozess, dessen einzelne Passagen
lediglich in vorgegebenen Bahnen nachvoll-
zogen werden.
Und damit abschließend kurz zu zwei weiteren
Formaten, die jeweils noch stärker auf die Pub-
likation von Ergebnissen und den Transfer von
Forschungen im Archiv in eine interessierte
Öffentlichkeit setzen. In einigen Veranstaltun-
gen wurden gezielt Plakatpräsentationen er-
arbeitet, die entweder im Stadtarchiv Dresden
oder im Hauptstaatsarchiv Dresden ausgestellt
wurden. Wie bereits im ersten Fall motiviert
der Umstand, dass die eigenen Texte nicht nur
vom Dozenten geprüft und bewertet werden,
sondern einen deutlich darüber hinausgehen-
den Mehrwert erzeugen, zu erhöhtem Einsatz
und zu deutlich mehr Freude am eigenen Tun
(im Grunde eine pädagogische Binsenweis-
heit). Die entsprechenden Veranstaltungen
kombinierten die Forschung im Archiv mit
Redaktionsrunden zum Plakatdesign und zur
Frage der didaktischen Reduktion komplexer
Themen mithilfe mehrdimensionaler Darstel-
lungen im A0-Format. Überdies wurden alle
Plakate persönlich einem nichtuniversitären
Publikum vorgestellt. Auch dies erforderte
einmal mehr einen deutlich erhöhten Grad an
Selbstreflexion.
Im dritten Format wurde der eigentlich klas-
sische, im Studium aber kaum praktisch be-
schrittene Weg der Publikation von Texten
gewählt. Seit November 2016 kooperiert das
Institut für Geschichte der TU Dresden dabei
mit dem sozialen Verein drobs e.V., der die
Dresdner Straßenzeitung gleichen Namens
herausgibt. Das Pilotprojekt war das Semi-
nar „Dresdner Stadtgeschichte(n) schreiben“
(Sommersemester 2016). Als Arbeitsumge-
bung stellte das Stadtarchiv Dresden sowohl
einen eigenen Leseraum als auch einen Ar-
beitsraum für die Textredaktion zur Verfügung.
Gemeinsame Lektüre von Archivalien im Hauptstaats-
archiv Dresden (Foto Mario Sempf)
Die Deutsche Fotothek unterstützt seitdem die
Bebilderung der Artikel. Diese Veranstaltung
bildete den Prototyp seitheriger Seminare, die
allesamt forschungs-, ergebnis- und trans-
ferorientiert sind. Studierende erarbeiten sich
eigenständig historische Probleme aus der
Literatur, die sie für relevant erachten, reflek-
tieren ihre Maßstäbe für historische Relevanz
und formulieren ein eigenes Forschungsbe-
dürfnis. Die Studierenden fokussieren dieses
Bedürfnis in einer konkreten Fragestellung für
die Recherche, suchen danach eigenständig
Quellen und bearbeiten diese im Team. Sowohl
die Quellenkritik als auch die Texte werden
kollaborativ erarbeitet. Open Peer-Review ist
eine unabdingbare Methode, für die unter-
schiedliche Werkzeuge eingesetzt werden kön-
nen (etwa der cloudstore der TU Dresden oder
andere zulässige cloud-Dienste). Gemeinsame,
offene und ehrliche Redaktionssitzungen, in
denen an inhaltlichen und sprachlichen Details
gefeilt wird, sind unabdingbar. Die bisheri-
gen Ergebnisse dieser Bemühungen können
sich durchaus sehen lassen (nachzulesen
unter https://tu-dresden.de/gsw/phil/ige/fnz/
studium/drobs-schreiben-fuer-die-dresdner-
strassenzeitung).
Und wo bleiben bei all dem die Lehrenden
und die Archivpädagoginnen und -pädago-
gen? Deren Rolle kann hier nicht hinreichend
theoretisch und didaktisch präzise beschrieben
werden. Wenn die Studierenden aber selbst-
tätig und selbstständig arbeiten sollen, dann
obliegt es den „Praxisanleitern“ anzuleiten und
zu moderieren, also eine notwendige Offenheit
der Formate didaktisch herzustellen und zu
kontrollieren. Hierzu gehört als erste Voraus-
setzung im Rahmen von Forschung und Lehre
im Archiv, dass sich Archivpädagoginnen und
-pädagogen die Rahmenbedingungen univer-
sitärer Lehre vergegenwärtigen und Lehrende
an Universitäten die Arbeitsbedingungen und
Gegebenheiten in Archiven über ihre Nutzer-
perspektive hinaus reflektieren. Dialog ist also
unabdingbar, um die Laborbedingungen aus
der Perspektive der jeweils Beteiligten (dar-
unter auch der Studierenden selbst!) zu klären
und herzustellen. Das Archiv als historisches
Labor kann nur dann funktionieren, wenn es
als ein Labor ernst genommen wird, das Raum
für Experimente bietet, das das Scheitern von
Experimenten stets einkalkuliert und das die
professionelle Rolle von Lehrenden und Ar-
chivarinnen und Archivaren selbst auf den
Prüfstand stellt.
Alexander Kästner
(TU Dresden, Institut für Geschichte)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 30
Novemberrevolution 1918 – Neue Online-
Ausstellung des Sächsischen Staatsarchivs
Im November 2018 jährte sich zum 100. Mal
ein Großereignis, welches die politische und
gesellschaftliche Verfassung Sachsens wie
Deutschlands nachhaltig veränderte.
Nach vier Jahren Krieg mit Millionen Gefallenen
und Verwundeten, mit Lebensmittelknappheit
sowie der schließlich zerstörten Hoffnung auf
einen siegreichen Frieden gärte die Volksstim-
mung in der Heimat wie an der Front. Die Un-
zufriedenheit gipfelte in Massenprotesten im
gesamten Reichsgebiet und führte innerhalb
weniger Tage des Novembers 1918 zum Sturz
aller deutschen Herrscherhäuser.
Das Hauptstaatsarchiv Dresden hat aus die-
sem Anlass eine Online-Ausstellung auf der
Grundlage von 15 Archivalien verschiedener
Provenienz zusammengestellt, die durch Hin-
tergrundinformationen und zeitgenössische
Presseartikel verbunden werden. Auf diese
Weise bietet sie einen Einblick in die unruhi-
gen Monate um den Jahreswechsel 1918/1919
in Sachsen und weist gleichzeitig auf die be-
deutsame und reichhaltige Überlieferung des
Hauptstaatsarchives zum Themenkomplex
Erster Weltkrieg und seine Folgen hin.
Die Ausstellung ist auf
http://www.archiv.
sachsen.de/novemberrevolution-1918-4702.
html einsehbar
Kevin Geilen
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Sonderdepesche zur Unterrichtung der militärischen Verbände über die Vorgänge
in Berlin durch Prinz Max von Baden (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 11347 Generalkommando des XII. Armeekorps, Nr. 2360)
Publikationshinweis Audiovisuelle Medien
„Leipziger Liederbuch“,
Ralph Grüne-
berger (Text) und Walter Thomas Heyn
(Komposition), mit Fotografien von Sigrid
Schmidt und Gerhard Weber; veröffent-
licht in der Edition Kunst & Dichtung,
Leipzig 2017. Die Buchveröffentlichung
enthält zwei Audio-CD, deren erste nach
Archivalien aus dem Bestand 21761 Ver-
band der Komponisten und Musikwis-
senschaftler der DDR, Bezirksvorstand
Leipzig remastered wurde.
„Landwirtschaft & Sozialismus“,
Video DVD, veröffentlicht bei UAP
Video GmbH Leipzig, 2018. Die
enthaltenen Filme sind im Bestand
20314 agra-Landwirtschaftsaus-
stellung der DDR, Markkleeberg,
überliefert. Neben dieser Video-
DVD hat UAP weitere Titel des
agra-Filmstudios herausgebracht
(vgl.
https://www.uap-film.de).

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 31
Rezensionen
Tobias Winter, Die deutsche Archivwissen
-
schaft und das „Dritte Reich“. Disziplin-
geschichtliche Betrachtungen von den
1920ern bis in die 1950er Jahre, Berlin:
Duncker & Humblot 2018 (Veröffent-
lichungen aus den Archiven Preußischer
Kulturbesitz/Forschungen, Band 17), 606 S.
Die Geschichte des deutschen Archivwesens
in der NS-Zeit findet seit einigen Jahrzehn-
ten verstärkte Aufmerksamkeit. Neben den
Tagungsbänden der Deutschen Archivtage in
Cottbus (2001) und besonders in Stuttgart
(2005) sind als einschlägige Veröffentlichun-
gen vor allem die Monografien von Torsten
Musial (1996) und Stefan Lehr (2007), der von
Sven Kriese 2015 herausgegebene Tagungs-
band zur preußischen Archivverwaltung sowie
Heft 4/2017 der Fachzeitschrift „Archivar“ zu
erwähnen. In den Kreis dieser Forschungen
und Veröffentlichungen reiht sich Tobias Win-
ter mit der Druckfassung seiner 2016/17 an
der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an-
genommenen Dissertation nahtlos ein.
Gegenstand seines Buches ist nicht, wie der
Titel zunächst vermuten lässt, die Archiv-
wissenschaft als solche (oder die Methodik
der verschiedenen archivarischen Verwal-
tungspraktiken), sondern die institutionali-
sierte Archivlandschaft. Winter möchte nicht
die archiv-„wissenschaftliche“ Fachdiskussion
nach 1933 unter der Herrschaft der National-
sozialisten erforschen, sondern es geht ihm
um eine auf die Institutionen ausgerichtete
Disziplingeschichte. In den Fokus nimmt er
dabei die deutschen Archivtage, die Archiva-
lische Zeitschrift und die Archivarsausbildung
am Institut für Archivwissenschaft und ge-
schichtswissenschaftliche Fortbildung (IfA).
Zweckmäßig ist, dass in der Studie die Zeit
des Kaiserreiches und der Weimarer Repu-
blik sowie die Jahre nach 1945 einbezogen
werden, da viele fachliche Entwicklungen der
NS-Zeit in die Jahre vor 1933 zurückreichen
und viele Kontinuitäten über das Jahr 1945
hinausführen.
In seiner Untersuchung folgt Winter nicht dem
unscharfen kultur- und medienhistorischen
Archivbegriff Michel Foucaults und Jacques
Derridas, sondern einem praxisnäheren Archiv-
verständnis, greift auf Methoden der Genera-
tionen- und Netzwerkforschung zurück und
vermag dabei für die Gruppe der in der NS-Zeit
tätigen Archivare sowie für ihre Persilschein-
Seilschaften nach 1945 interessante gruppen-
biografischer Erkenntnisse zu erbringen.
Für die Jahre der Weimarer Republik wird deut-
lich, wie tief die Sinnkrise vieler Archivare nach
dem Ende des Ersten Weltkrieges war und
zu welchen Einkommens- und Statusverlus-
ten die Sparmaßnahmen in der öffentlichen
Verwaltung führten. In fachlicher Hinsicht
bedeutete das Hereinströmen großer Akten-
bestände in die Archive eine erhöhte Arbeits-
belastung, zwang aber auch zu methodisch
neuem Vorgehen. Das Wiedererscheinen der
Archivalischen Zeitschrift ab 1925 als rein ar-
chivfachliches Organ der deutschen Archivare
und die Gründung des IfA zur Ausbildung des
Nachwuchses im Jahr 1930 waren Antworten
auf diese neuen Herausforderungen.
Da die Mehrheit der meist nationalkonservativ
eingestellten Archivare dem Weimarer „Sys-
tem“ misstrauisch oder ablehnend gegenüber
stand, setzte sie der Machtergreifung der Na-
tionalsozialisten kaum Widerstand entgegen.
Auch deswegen verlief die Gleichschaltung im
Archivwesen reibungslos. Die Zustimmung zum
NS-Staat wuchs, als die Staatsarchive personell
aufgestockt und vermehrt in aktuelle politische
Aufgaben einbezogen wurden. Dies gilt be-
sonders für die revanchistische Ost forschung,
in der sich Albert Brackmann (bis 1936 Ge-
neraldirektor der preußischen Staatsarchive)
und Johannes Papritz vehement engagierten,
zugleich aber auch für Dienstleistungen bei der
Vorbereitung und Durchführung nationalsozi-
alistischer Verfolgungsmaßnahmen.
Mit dem Amtsantritt von Ernst Zipfel als Nach-
folger von Brackmann (1936) bahnte sich im
Archivwesen ein inhaltlicher Kontinuitätsbruch
an, da Zipfel kein renommierter Historiker wie
seine Vorgänger, sondern ein ehemaliger Of-
fizier und späterer Mitarbeiter im Reichsarchiv
war, der sich dort besonders mit Fragen der
Verwaltungsorganisation und archivischen
Bewertung befasst hatte. Damit kam es an
der Spitze des preußischen bzw. deutschen
Archivwesens zu einem Wechsel vom bisher
dominierenden Typ des Historiker-Archivars
zum Verwaltungs-Archivar, der sich vor allem
als Organisator und Leiter verstand und wenig
inhaltliches Interesse an den Archivbeständen
hatte. Als überzeugter Nationalsozialist inten-
sivierte Zipfel die politische Schulungsarbeit,
legte aber gleichzeitig Wert darauf, dass die
Archive eine gleichberechtigte Stellung ge-
genüber der akademischen Forschung ein-
nahmen und die eigene historisch-politische
Forschungsarbeit nicht vernachlässigten.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ver-
schlechterten sich die Arbeitsbedingungen
für das deutsche Archivwesen schnell. Viele
Staatsarchivare wurden in die von der Wehr-
macht besetzten Gebiete entsandt, wo sie
als Mitglieder der Archivkommissionen zum
Funktionieren des NS-Unterdrückungs- und
-Verwaltungsapparates beitrugen und sich
in die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik
verstrickten. Andere wurden als Frontsoldaten
eingezogen und fielen im Krieg. In den deut-
schen Staatsarchiven im Reich ging es bald
darum, die Bestände vor den immer häufige-
ren Luftangriffen der Alliierten zu schützen,
wozu 1943/44 umfangreiche Auslagerungen
in verschiedenste Ausweichstellen erfolgten.
Besonders interessant ist Winters Darstellung
für die Zeit nach dem 8. Mai 1945, für die er an-
hand verschiedener Briefwechsel zeigen kann,
wie sich unter den oft aus ihren Ämtern ent-
lassenen Staatsarchivaren braune Seilschaften
zur Persilschein-Ausstellung bildeten. Relativ
schnell waren fast alle Archivare in den west-
lichen (z. T. auch östlichen) Besatzungszonen
wieder im Amt und hatten glücklich eine ober-
flächliche Entnazifizierung überstanden. Zum
schwarzen Schaf des deutschen Archivwesens
wurde Ernst Zipfel, dem die Hauptschuld für
die NS-Verfehlungen zugeschoben werden
konnte und dem eine Wiedereinstellung im
staatlichen Archivwesen verwehrt blieb, wäh-
rend sein engster Mitarbeiter Georg Winter,
der im Weltkrieg in der Ukraine längere Zeit
für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg
(einer Organisation der NSDAP, die in den von
Deutschland besetzten Ländern Kulturgut
raubte) gearbeitet hatte, 1952 erster Direktor
des neugegründeten Bundesarchivs in Koblenz
wurde und dieses bis zu seinem Eintritt in den
Ruhestand (1960) leitete.
Jörg Ludwig
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Felix Stalder, Kultur der Digitalität,
Suhrkamp Verlag: Berlin 2016,
ISBN 978-3-518-12679-0, 282 S.
Der Schweizer Kultur- und Medienwissen-
schaftler Felix Stalder (Jg. 1968) ist Professor
für Digitale Kultur und Theorien der Vernet-
zung an der Zürcher Hochschule der Künste
und engagiert sich im Bereich Netzkritik.
Schwerpunkte seiner Arbeit bilden zudem
Urheberrecht, Commons und Kontrollgesell-
schaft. Er ist bereits als Autor und Heraus-
geber zahlreicher Werke bekannt und mit der
Monografie „Kultur der Digitalität“ aus 2016
pointiert er einmal mehr längst vorhandene
Wechselverhältnisse von Gesellschaft, Kultur
und Technologien.
Was bedeutet Digitalität? Die heutige Infor-
mationsgesellschaft ist u. a. geprägt von „ubi-
quitärer Verfügbarkeit“ und das 24 Stunden
am Tag, 7 Tage die Woche. Hinzu kommt eine
Informationsflut („Sog des Digitalen“), die es
für jeden Einzelnen zu bewältigen, zu filtern
und v. a. zu hinterfragen gilt. Wer stellt sich
(noch) die Frage: Fehlt eine „entscheidende
Referenz […, wenn an …] ihrer Stelle eine Fülle
anderer gefunden wird“? Jeder ist heutzutage
nicht mehr nur Rezipient, sondern kann – unter
Erfüllung minimaler Zugangsvoraussetzun-
gen – auch selbst Autor und somit Teil einer
Mitmachgesellschaft sein. Doch welche Kon-
sequenzen hat dies für Gesellschaft und jeden
Einzelnen? Was steckt dahinter, was spielt da-
bei alles eine Rolle, welche Aus- oder Wechsel-
wirkungen entstehen? Stalder blickt zunächst
in die Geschichte (Kap. 1 „Wege in die Digita-
lität“) und versucht, über die Herleitung von
Definition und Konzept von Kultur die Entste-
hungsvoraussetzungen heutiger Digitalität zu
erörtern. Als nächstes entzerrt und analysiert
er drei Säulen von Digitalität: Referentialität,
Gemeinschaftlichkeit, Algorithmizität (Kap. 2
„Formen der Digitalität“). Er schließt mit einer
Prognose (Kap. 3 „Richtungen des Politischen
in der Digitalität“) zu politischen Dimensionen
und stellt dafür zwei mögliche, in Kontrast
stehende Tendenzen auf: Postdemokratie und
Commons. Sein Fazit ist, dass beide Tendenzen
koexistieren und es kaum absehbar ist, wohin
die Entwicklung weitergehen wird.
Stalder identifiziert einen „Raum der [digitalen]
Netzwerke, der Gemeinschaften, der infor-
mellen Kooperation sowie des Tauschens und
Teilens“ und hinterfragt Nutzen und Folgen,
teilweise mit eindrücklichen und doch so
offensichtlichen Beispielen, bei denen sich der
Leser an einigen oder womöglich vielen Stel-
len selbst wiedererkennen wird. Referentialität
beispielweise dient der Bedeutungsprodukti-
on und Selbstkonstitution. In einer unüber-
blickbaren Masse an Informationen versucht
der Einzelne, Aufmerksamkeit zu bekommen,
vergisst aber dabei, dass er eine beschränkte,
wertvollste Ressource einsetzt, wenn er stets
mit Streams, Statusupdates, Selfies und Likes
beschäftigt ist: seine eigene Lebenszeit. Um
nicht vergessen zu werden, so der vermeint-
liche Druck von außen, sind ständige eigene
Präsenz und Validierung durch andere, ge-
nauer Aufmerksamkeit durch Feedback in
Form von Likes und Kommentaren, in Netz-
werken notwendig. „Motive des Eigennutzes
und des Gemeinschaftssinns [bilden] keinen
Gegensatz, sondern bedingen sich gegensei-
tig“. Netzwerke sind somit zugleich fragil und
stabil, ermöglichen sogenannte weak ties,
lose Verbindungen, die neue Informationen
und Ressourcen ermöglichen. Im Hintergrund
„wirken Dynamiken der Netzwerkmacht“, so
etwa Betreiber von sozialen Massenmedien
wie Facebook, Twitter und Google sowie ein-
gesetzte Technologien. Die wichtigsten und
mächtigsten sind dabei Algorithmen. Letzte-
re sind notwendig, um die schiere Masse an
Daten beherrschbar zu machen, wie sie etwa
bei Suchmaschinen eingesetzt werden. Gleich-
zeitig sind diese jedoch undurchschaubar, weil
sie von Komplexität, Dynamik und Interaktion
geprägt sind („Black Boxes“, „Algorithmen-
Wolken“). Hinzu kommen bei großen Anbietern
wie Google weitere Technologien zur Persona-
lisierung und Kontextualisierung. Jeder Nutzer
erhält schließlich eine andere Auflistung an
Suchergebnissen und dies zumeist auf Basis
von angelegten, für den Nutzer teilweise un-
sichtbaren Profilen. Google, Facebook und Co.
beobachten z. B. Surfverhalten, Suchanfragen,
Ortung von Smartphone, Sensoren von Smart
Homes und Aktivitäten in sozialen Netzwerken
gebündelt und schon erhält ein Nutzer (un-)
gewollt perfekt auf ihn zugeschnittene Infor-
mationen. Dies geht soweit, dass Netzwerk-
betreiber Prognosen aufstellen: „Idealerweise
sollen Fragen beantwortet werden, bevor sie
gestellt werden“, was jeder schon einmal bei
Stichworteingaben in Suchmaschinen erlebt
hat. Jedoch listet eine Suchmaschine auch
nur die Informationen, die zuvor in ihren In-
dex aufgenommen worden sind im Gegensatz
zum sogenannten Deep Web, welches Schät-
zungen zu Folge um ein Vielfaches größer
als das allgemein bekannte Web ist. Innerhalb
sozialer Massenmedien arbeiten wiederum
eigene Ordnungsoperationen, die dem Nut-
zer auf Basis seiner dort ein-/preisgegebenen
Daten (z. B. Anzahl und Aktualität von Posts
und Likes, aber auch privat geglaubte Inhalte
wie Nachrichtenchats) für ihn speziell ge-
wichtete Informationen bereitstellen. Stalder
kritisiert schließlich die umfangreiche Macht
der Netzwerkbetreiber, beispielsweise durch
sicht- und unsichtbare Entscheidungs- und
Manipulationsgewalt und beschreibt hiermit
die Tendenz hin zur Postdemokratie. Wenn ein
Netzwerk ein neues Feature bereitstellt, sieht
der Nutzer es zumeist als positiv an. Dahinter
mag jedoch nur eine weitere Möglichkeit des
Einsammelns von Daten stecken. Es findet eine
Machtverschiebung in den Hintergrund hin
zu wenigen Einzelnen statt bei gleichzeitiger
„unerklärlicher Akzeptanz“ der Nutzer. Nach
Stalder wird so aus dem Netzwerkeffekt ein
Monopoleffekt. Information und Positionie-
rung, Identität und Handlungsoptionen sind
meist nur innerhalb eines Netzwerkes, nicht
aber darüber hinaus zu anderen Räumen mög-
lich. Eine Form des Widerstands ist „Leaking“,
also das nichtautorisierte Veröffentlichen ge-
heimer Dokumente, spätestens bekannt durch
Edward Snowden. Als Gegensatz nennt Stalder
die Tendenz der Commons, bei der Entschei-
dungen und Beteiligung von allen Mitgliedern
ausgehen, eine gemeinsame Bereitstellung
bzw. Ressourcenschaffung und Kommunika-
tion die Basis bilden. Es werden (digitale) Res-
sourcen geschaffen, die sich durch Nutzung
Einzelner nicht verbrauchen. Beispiele finden
sich in den Bereichen der freien Software (z. B.
Debian), aber auch bei Datengenerierung wie
Wikipedia und OpenStreetMap. Auch zählt der
„De-Facto-Rechtsstandard der Freien Kultur“
Creative Commons (CC-Lizenzen, „Lizenz-
baukasten“) zu den Commons. Gleichzeitig
deckt Stalder auch Faktoren auf, die diese
Tendenz von innen heraus schwächen bzw.
von einzelnen Anbietern ausgenutzt werden
(Cloudsoftware wie Google mit Android und
Produktpalette oder Sharing Economy wie
Uber oder Airbnb).
Stalders Beobachtung und Analyse decken
einerseits Offensichtliches, andererseits Er-
schreckendes auf, wobei das Werk keinen
Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.
Er beschreibt anhand bekannter Beispiele ein-
drucksvoll Wechselwirkungen zwischen und
Veränderung von Gesellschaft, Kultur und
Technologie. Jeder Einzelne ist in gewisser
Weise Teil davon, könnte aber selbst bestim-
men, wie gläsern er letztlich sein möchte, wenn
er sich nicht zu sehr von sozialen Massen-
medien abhängig macht.
Stephanie Kortyla
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben/Grundsatz)
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2019 | 32

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2019
Titelbild:
Archvialiendigitalisat; Download von der Website des Staatsarchivs. Das Digitalisat wurde von einem bereits vorhandenen Makrofiche erstellt,
der bereits 1998 als Schutz-/Benutzungsmedium zur Schonung des Original-Archivales erstellt worden war. Farbtafel, Graustufenkeil, Aufnahme-
datum usw. (z. T. in diesem Ausschnitt nicht sichtbar) dokumentieren die Bearbeitung durch das Staatsarchiv, die Unterschiede zum Original.
Aufzug und Inventionen unter Kurfürst August (Invention 1 bis 7), [vor 1586] (Ausschnitt) (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
10006 Oberhofmarschallamt, Hierüber Nr. 04)
Adressen
Sächsisches Staatsarchiv
Behördenleitung sowie Zentrale Aufgaben, Grundsatz
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
Postanschrift: PF 100 444, 01074 Dresden
Telefon +49 351/8 92 19-710, Telefax +49 351/8 92 19-709, E-Mail poststelle@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Archivzentrum Hubertusburg
Hubertusburg Gebäude 71–79
04779 Wermsdorf
Telefon +49 34364/8 81-100, Telefax +49 34364/8 81-112, E-Mail poststelle-w@sta.smi.sachsen.de
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Hauptstaatsarchiv Dresden
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
Postanschrift: PF 100 444, 01074 Dresden
Telefon +49 351/8 92 19-710, Telefax +49 351/8 92 19-709, E-Mail poststelle-d@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Leipzig
Schongauerstraße 1, 04328 Leipzig
Telefon +49 341/2 55 55-00, Telefax +49 341/2 55 55-55, E-Mail poststelle-l@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Chemnitz
Elsasser Straße 8, 09120 Chemnitz
Telefon +49 371/9 11 99-210, Telefax +49 371/9 11 99-209, E-Mail poststelle-c@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Bergarchiv Freiberg
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Die Daten werden vierteljährlich aus der Erschließungsdatenbank des Staatsarchivs aktualisiert.

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Herausgeber:
Sächsisches Staatsarchiv, Archivstraße 14, 01097 Dresden
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Redaktionsbeirat:
Dr. Peter Hoheisel (Bergarchiv Freiberg)
Raymond Plache (Staatsarchiv Chemnitz)
Birgit Richter (Staatsarchiv Leipzig)
Dr. Peter Wiegand (Hauptstaatsarchiv Dresden)
Redaktion:
Michael Merchel (Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
E-Mail: michael.merchel@sta.smi.sachsen.de
Satz:
Sittauer Mediendesign
Druck:
Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
2. April 2019
Bezug:
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