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Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) Sachsen
01099 Dresden, Jägerstraße 8/10 - Tel. (0351) 8144-0 - Fax (0351) 8144-1020 - Web:
www.lua.sachsen.de
Empfehlungen zur Verhütung und Bekämpfung von
Pertussis im Freistaat Sachsen
- Sächsisches Herdbekämpfungsprogramm Pertussis -
Stand: Januar 2020
1
Epidemiologie
1.1
Erreger
Der Erreger ist ein kleines, unbewegliches, pleomorphes, gramnegatives Stäbchenbakterium
aus der Familie
Brucellaceae
, Genus Bordetella.
Es sind 8 Bordetellen-Spezies bekannt. Als Krankheitserreger beim Menschen treten vor
allem
Bordetella pertussis
(Pertussis),
Bordetella parapertussis
(Parapertussis) und
Bordetella
holmesii
auf. Andere Angehörige des Genus Bordetella wie
Bordetella bronchoseptica
,
Borde-
tella hinzii
oder
Bordetella avium
sind tierpathogen, können aber beim Menschen Erkrankun-
gen der Atemwege hervorrufen oder werden selten bei Erkrankungen von Immunsupprimier-
ten gefunden.
Virulenz
Die Pathogenese ist noch weitgehend unklar. Die Erreger besitzen eine Vielzahl von Virulenz-
faktoren, die u.a. die Kolonisierung des Wirtes ermöglichen sowie toxische Wirkung zeigen.
Dies sind z. B.: * PT (Pertussis-Toxin),
* FHA (Filament-Hämagglutinin), ACT (Adenylcyclase-Toxin), TCT (Trachealzytotoxin), hitze-
labiles Toxin, LPS (Lipopolysaccharide), * OMP (Outer membrane protein = Pertactin), * Agg
(Agglutinogene/Fimbrien)
(Antigene mit protektiven Eigenschaften sind mit * gekennzeichnet.)
1.2
Inkubationszeit (IKZ)
Meist 9 - 10 Tage (Spanne: 6 - 20 Tage)
1.3
Infektionsquelle
(und Reservoir)
Mensch (Inkubierte am Ende der Inkubationszeit, Kranke im Stadium catarrhale und Stadium
convulsivum - auch bei subklinischem bzw. abortivem Verlauf, Keimträger - langdauernder
Trägerstatus unbekannt)
1.4
Übertragung
aerogen, Speichelkontakt (vorzugsweise Tröpfcheninfektion über eine Distanz von höchstens
2 m)
1.5
Infektiosität
Kontagionsindex bis zu 90 %,
beginnt am Ende der Inkubatonszeit und ist am höchsten im Stadium catarrhale (Maximum
der Erregerausscheidung) und convulsivum (ohne Therapie), insgesamt ca. 3-6 Wochen nach
Erkrankungsbeginn,
bis ca. 1 Woche nach Beginn einer spez. Therapie (in Einzelfällen länger)
1.6
Vorkommen
weltweit; allgemeine Disposition, aber je jünger, umso höher (in ungeimpften Populationen
besonders Säuglinge und Kleinkinder betroffen)
1.7
Letalität
unter 0,1 %, am höchsten im Säuglings(!)- und Kleinkindalter (unter 0,5 %)
1.8
Immunität
-
nach Erkrankung bis 10 Jahre (Zweiterkrankungen möglich)
-
nach Impfung etwa 5-10 Jahre
-
keine Leihimmunität (Neugeboreneninfektion möglich)
2
Falldefinitionen
(siehe RKI)
Bei jedem akuten Husten, der länger als 14 Tage* anhält, ist Pertussis in die Differentialdiag-
nose einzubeziehen.
* nach CDC in MMWR vom 2. Mai 1997 / Vol. 46 / Nr. RR-10, S. 25 und RKI
WHO-Definition: länger als 3 Wochen

 
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2
2.1
Krankheitsverdacht
Ein Krankheitsverdacht liegt vor bei klinischem Bild, vereinbar mit Keuchhusten, ohne labordi-
agnostischen Nachweis und ohne Nachweis eines epidemiologischen Zusammenhanges.
Das klinische Bild weist mindestens eines der folgenden Merkmale auf:
-
anfallsweise auftretender Husten
-
inspiratorischer Stridor (Atemgeräusch beim Einatmen)
-
Erbrechen und/oder Würgen nach Hustenanfällen
-
Husten und Apnoe, nur bei Säuglingen
2.2
Erkrankung
Klinisches Bild vereinbar mit Keuchhusten (siehe Punkt 2.1) über 14 Tage Dauer und
Nachweis eines epidemiologischen Zusammenhanges mit einer durch labordiagnosti-
schen Nachweis bestätigten Erkrankung in den vorausgegangenen 2-4 Wochen oder Per-
tussisepidemie im Territorium
= klinisch-epidemiologisch bestätigte Erkrankung
Labordiagnostischer Nachweis
Positiver Befund mit mindestens einer der nachfolgend aufgeführten Methoden:
Direkte Erregernachweise:
»
Nukleinsäure-Nachweis
(z.B. PCR von Nasopharyngeal-Abstrich/-Aspirat/-
Waschung) =
Methode der Wahl!
»
Erregerisolierung aus Nasopharyngeal-Abstrich/-Aspirat/-Waschung, (keine Routine-
methode mehr)
Rachenabstriche und vordere Nasenabstriche sind für den direkten Erregernachweis
nicht geeignet.
Indirekter (serologischer) Toxin-Nachweis nur für
B. pertussis
:
IgG- oder IgA-Antikörpernachweis gegen das Pertussis-Toxin
Hinweise:
»
IgG-Antikörper gegen das Pertussis-Toxin- (PT, anti-PT-IgG): einmalig deutlich er-
höhter Wert im ELISA (anti-PT-IgG ≥ 100 IU/ml) oder ein deutlicher Anstieg zwischen
zwei Proben (Abstand zwischen 1. und 2. Serum mind. 2 Wochen)
»
IgA-Antikörper gegen das Pertussis-Toxin (anti-PT-IgA): IgA-Antikörper sollten nur
bei nicht eindeutig zu beurteilenden IgG-Werten bestimmt werden. IgA-
Antikörpernachweissysteme haben jedoch i.d.R. eine niedrige Sensivität (aber eine
hohe Spezifität).
»
Die Bewertung von Antikörpernachweisen erfordert eine genaue Kenntnis über den
Zeitpunkt der letzten Pertussis-Impfung. Ein einzelner, deutlich erhöhter Wert von an-
ti-PT-IgG oder -IgA weniger als 12 Monate nach Impfung kann nicht interpretiert wer-
den (siehe auch unter 4.2.3).
= klinisch-labordiagnostisch bestätigte Erkrankung
2.3
Keimträger
Labordiagnostischer Nachweis (siehe Punkt 2.2) bei nicht erfülltem klinischen Bild (hierunter
fallen auch asymptomatische Infektionen)
2.4
Labordiagnostischer Nachweis (siehe Punkt 2.2) bei unbekanntem klinischen Bild
3
Klinik
Gesamtkrankheitsdauer: 6-12 Wochen.
Erkrankung der Säuglinge, Klein- und Schulkinder sowie Erwachsenen. Für Säuglinge kann
die Krankheit lebensgefährlich sein. In den letzten Jahren Verschiebung der altersspezifi-
schen Inzidenz in höhere Altersgruppen. Beim Erwachsenen oft abortive Verlaufsform (oft
fehlgedeutet als chronische Bronchitis). Es können auch schwere Verläufe auftreten.
Stadium catarrhale:
1-2 Wochen langes Prodromalstadium, z. B. "akute respiratorische Erkrankung", "grippaler
Infekt".
Stadium convulsivum:
3-6 (bis 8-20) Wochen mit typischen stakkatoartigen Hustenanfällen ("Stick-Husten"), an de-
ren Ende das charakteristische Keuchen steht und/oder Schleimerbrechen.
Diese Symptome fehlen häufig bei Säuglingen. Sie erkranken statt an Hustenattacken oft an
lebensbedrohlichen Apnoen. Relatives Wohlbefinden zwischen den Hustenanfällen. Subkon-
junktivale Hämorrhagien (Einblutungen unterhalb der Bindehaut des Auges). Typisch ist eine
Leukozytose mit relativer Lymphozytose. Diese kann im 1. Lebensjahr fehlen.
Stadium decrementi:
2-4 Wochen oder länger. Langsames Abnehmen der Anfallfrequenz und -intensität.

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3
Komplikationen:
Bei > 10 % der Erkrankten, vorwiegend bei Säuglingen und Kleinkindern.
Häufig: Sekundärinfektionen wie Pneumonie, Otitis media.
Selten: Atemstillstand, kardiale Symptome, zerebrale Krämpfe, neurologische Veränderun-
gen wie Konvulsionen, auch Paralysen, Koma, Erblindung, Taubheit und motorische
Störungen, weiterhin Gewichtsverlust, Bronchitis, Atelektasen, interstitielles Emphy-
sem.
Die am meisten gefürchtete Komplikation ist die Enzephalopathie durch Hypoxie, metaboli-
sche Alkalose und Dehydratation. Prognose: etwa 33 % letal, 33 % Folgeschäden und 33 %
Restitutio ad integrum (vollständige Genesung).
Differentialdiagnose:
Keuchhustenähnliche Krankheitsbilder können auch durch
Mycoplasma pneumoniae,
Chlamydia trachomatis, Chlamydophila pneumoniae,
RS- und Adenoviren hervorgerufen
werden.
4.
Labordiagnostik
4.1
Indikationen zur
Diagnostik
-
Verdacht auf Keuchhusten im Säuglings- und Kindesalter
-
Differenzialdiagnose bei Husten > 14 Tage in allen Altersgruppen, einschließlich Erwach-
sene
-
Umgebungsuntersuchungen in Kindertagesstätten, Kinderheimen, Schulen, Spielgemein-
schaften, Pflegestätten, Heimen für geistig Behinderte und ähnlichen Einrichtungen ein-
schließlich Personal
-
Verdacht auf Keuchhusten bei geimpften Personen bzw. Bewertung von Pertussis-
Impfstoffen
4.2
Diagn. Verfahren
Mikroskopisches Direktpräparat ist ohne Aussagewert.
4.2.1 PCR
DNA-Nachweis mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
(= Methode der Wahl !)
Die PCR ermöglicht eine schnelle (innerhalb weniger Stunden) und sensitive Diagnostik. Die
Sensitivität dieser Methode ist deutlich höher als die der Kultur.
Material für die PCR sollte am besten innerhalb von 0-3 Wochen, bei Säuglingen und Unge-
impften innerhalb von maximal 4 Wochen nach Hustenbeginn entnommen werden da danach
die Erregerlast deutlich abnimmt.
Ein besonderer Vorteil dieser Methode besteht im einfachen Probenhandling, das keine spezi-
fischen Lager- und Transportbedingungen erfordert.
Die Probeentnahme mittels Nasopharyngeal-Abstrich erfolgt unter Verwendung spezieller
Tupfer (durch das zuständige Gesundheitsamt von der LUA Dresden anzufordern). Die exakte
Durchführung ist für das Ergebnis von ausschlaggebender Bedeutung (siehe Anlage 1).
Ansprechpartner: LUA Dresden:
Frau Dr. Ehrhard (Tel.: 0351 8144 1100)
Frau Dr. Köpke
(Tel.: 0351 8144 1250)
4.2.2 Erregeranzucht
keine Routinemethode mehr
-
Selbst bei lege artis durchgeführter Materialentnahme und -transport gelingt die Erreger-
anzüchtung nur bei ca. 50 % der Patienten mit Keuchhusten.

 
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4.2.3 Serologie -
Antikörpernachweis
-
Die Serodiagnostik ist nicht für die Frühdiagnostik einer Pertussis geeignet, da spezifische
Antikörper nur verzögert gebildet werden.
-
Die serologische Diagnostik ist nur für
B. pertussis
geeignet (eine spezifische Serodiag-
nostik für
B. parapertussis
ist nicht verfügbar).
-
Standard der Serodiagnostik ist die quantitative Bestimmung von IgG-Antikörpern gegen
das Pertussis-Toxin (PT, anti-PT-IgG) mit Hilfe eines Enzyme Linked Immunosorbent As-
says (ELISA) in einer Einzelprobe. Die Standardisierung der kommerziellen ELISA-Tests
ist bisher noch nicht erreicht, aber durch eine Empfehlung der EU-Referenzlaboratorien
(s.u.) sowie durch die Verfügbarkeit eines WHO-Referenzpräparates verbessert worden.
-
Der Nachweis von IgM-Antikörpern gegen PT ist nicht aussagekräftig und wird deshalb
nicht empfohlen.
-
IgA-Antikörper sollten zusätzlich bei nicht eindeutig zu beurteilenden IgG-Werten be-
stimmt werden. IgA-Antikörpernachweissysteme haben jedoch i.d.R. eine niedrige Sensi-
tivität (aber eine hohe Spezifität).
-
Serologisch ist keine Unterscheidung zwischen Immun- und Impfantwort möglich. Der
serologische Nachweis eines Einzelwertes ist nach Impfung mit azellulären Pertussis-
Impfstoffen für mindestens 12 Monate nicht aussagekräftig.
-
In Deutschland wird folgender Algorithmus zur Bewertung von anti-PT IgG empfohlen:
Anti-PT-IgG < 40 IU/ml:
kein Anhalt für kürzlichen Erregerkontakt
Anti-PT-IgG ≥ 40- < 100 IU/ml
: Spezifität sichern (Untersuchung einer zweiten Probe im
Mindestabstand von 2 Wochen oder zusätzliches Vorliegen deutlich erhöhter IgA-
Antikörper)
Anti-PT-IgG ≥ 100 IU/ml
: Anhalt für kürzlichen Erregerkontakt bzw.dringender Hinweis
auf eine akute / kürzliche Infektion, wenn die letzte Pertussis-Impfung länger als 12 Mona-
te zurückliegt
Ansprechpartner: LUA Dresden:
Frau Dr. Ehrhard (Tel.: 0351 8144 1100)
Frau Reif
(Tel.: 0351 8144 1200 )
5.
Therapie
5.1
Antibiotikatherapie
Eine Antibiotikatherapie ist sinnvoll, solange der Patient Bordetellen ausscheidet.
Mittel, Dosierung und Dauer der Therapie siehe Anlage 3, Beginn so früh wie möglich.
Der Patient ist im Allgemeinen 5 - 7 Tage nach Behandlungsbeginn nicht mehr infektiös.
Die Gabe während der Inkubationszeit und während des Stadium catarrhale vermag die Er-
krankung abzuschwächen. Auch im frühen Stadium convulsivum kann der Krankheitsverlauf
noch positiv beeinflusst werden.
5.2
Zusätzliche Therapie
Symptomatisch: evtl. Mukolytika, Antitussiva, Sedativa und Neuroleptika. Der Nutzen ist
schwierig objektivierbar.

 
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6.
Schutzimpfung
(bietet keinen Schutz
vor Parapertussis)
Wichtigste Form der Prophylaxe!
(Chemoprophylaxe siehe Punkt 7.3.3)
6.1
Impfkalender,
Grundimmunisierung
und Boosterung
-
Standardimpfung (S) für alle Kinder und Jugendlichen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr
mit fehlender oder unvollständiger Grundimmunisierung
-
Die Grundimmunisierung umfasst 3 Impfungen (DTPa oder andere Kombinationsimpfstof-
fe) im Abstand von 4 Wochen ab 3. Lebensmonat sowie 1 Impfung ab 2. Lebensjahr.
-
Die Boosterung erfolgt ab 6. Lebensjahr (1. Auffrischimpfung, DTPa oder Tdpa) und ab
11. Lebensjahr (2. Auffrischimpfung, Tdpa oder Tdpa-IPV). Der Abstand der 2. zur 1. Auf-
frischimpfung sollte in der Regel nicht kürzer als 5 Jahre sein.
-
Boosterung aller Erwachsenen alle 10 Jahre
-
Möglich ist eine Boosterung auch bei Kindern und Jugendlichen oder Erwachsenen, die
noch nie gegen Pertussis geimpft wurden, die sich jedoch mit dem Pertussis-Erreger be-
reits im Rahmen einer Infektion auseinandergesetzt haben. Die anderen Komponenten
des Impfstoffes sollten indiziert, zumindest aber nicht kontraindiziert sein. Eine fehlende
Grundimmunisierung gegen Pertussis ist keine Kontraindikation für diese Impfung.
Da ein monovalenter Pertussisimpfstoff nicht mehr verfügbar ist, sind bei vorhandener In-
dikation Kombinationsimpfstoffe (Tdpa, ggf. Tdpa-IPV) einzusetzen.
Mindestabstand zur DT/Td-Grundimmunisierung bzw. zur letzten DT/Td-Auffrischimpfung:
1 Monat
-
Eine Altersbegrenzung für die Pertussisimpfung existiert nicht.
-
Die aktuellen Empfehlungen der Sächsischen Impfkommission zur Durchführung von
Schutzimpfungen (E 1) und die Fachinformationen zu den Impfstoffen (z. B. Altersbegren-
zungen, Gegenanzeigen, Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen) sind zu beachten.
-
Hinsichtlich des Impfstoffangebotes wird auf die aktuelle Rote Liste verwiesen.
6.2
Impfschutz
-
Ab 4 Wochen nach der 3. Impfung gilt der Impfling als geschützt.
-
Die Langzeitwirkung einer Grundimmunisierung mit azellulären Impfstoffen beträgt min-
destens 5 Jahre, möglicherweise auch länger.
-
Die Wirksamkeit der azellulären Pertussisimpfstoffe liegt für typischen Keuchhusten bei
etwa 80 - 90 %.
6.3
Indikationsimpfungen
(nach SIKO-
Empfehlung E 1)
-
Eine Empfehlung für bestimmte (auch berufliche) Indikationsgruppen gibt die SIKO nicht
mehr, da es zum Erreichen des WHO-Zieles “Verringerung übertragbarer Krankheiten –
Krankheitsbekämpfung Pertussis" erforderlich ist, in der gesamten Bevölkerung sowohl
hohe Impfraten als auch einen ausreichenden Immunschutz zu erzielen und aufrecht zu
erhalten. Sofern in den letzten 5 Jahren keine Pertussis-Impfung stattgefunden hat, sollen
Haushaltskontaktpersonen zu Säuglingen (Väter, Geschwister, Großeltern, Betreuer wie
z. B. Tagessmütter, Babysitter, Hebammen u. a. Personen mit direktem Kontakt) vor-
zugsweise bis 4 Wochen vor dem Geburtstermin, spätestens so früh wie möglich nach
der Geburt des Kindes 1 Dosis Pertussis-Impfstoff erhalten.
-
Schwangere sollen vorzugsweise zwischen der 16. und 32. SSW eine Dosis Pertussis-
Impfstoff (Tdpa oder Tdpa-IPV) erhalten, unabhängig vom Abstand der letzten Td oder
Tdpa-Impfung. Nachholimpfungen nach der 32. SSW sollen so früh wie möglich erfolgen.
Erfolgte die Impfung nicht in der Schwangerschaft und nicht innerhalb der letzten 5 Jahre,
sollte die Mutter in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes geimpft werden.
-
Kontaktpersonen im Rahmen des sächsischen Herdbekämpfungsprogrammes (siehe
Punkt 7.3.4): Inkubationsimpfung, wenn die letzte Impfung länger als 5 Jahre zurückliegt
7
Antiepidemische
Maßnahmen
Anzuwenden bei Pertussis sowie Parapertussis (Ausnahme 7.3.4 Impfung, ggf. 7.3.3
Chemoprophylaxe)
7.1
Meldepflicht und epi-
demiologische Ermitt-
lung
Nach IfSG:
-
§ 6 Absatz 1:
Verdacht, Erkrankung, Tod (Arztmeldung)
-
§ 7 Absatz 1:
direkter oder indirekter Erregernachweis (
B. pertussis, B. parapertussis
),
wenn die Nachweise auf eine akute Infektion hinweisen (Labormeldung)
Epidemiologische Ermittlung bei Erkrankung/Tod nach Erfassungsbogen (Anlage 4) empfoh-
len.

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7.2
Maßnahmen bei
Erkrankten
-
respiratorische Isolierung im häuslichen Bereich
-
Hospitalisierung aus klinischer Indikation
-
Sicherung der mikrobiologischen Diagnostik mittels PCR (und/oder Antikörperdiagnostik)
vor Beginn der Chemotherapie
-
Therapie: Mittel, Dosierung und Dauer siehe Anlage 3, Beginn so früh wie möglich
-
Aufhebung der Isolierung frühestens 5 Tage nach Beginn der Chemotherapie oder 3 Wo-
chen nach Beginn der Paroxysmen (des anfallsartig auftretenden Hustens), wenn keine
Chemotherapie erfolgte
-
Personen, die an Keuchhusten erkrankt oder dessen verdächtig sind, dürfen in den in § 33
IfSG genannten Gemeinschaftseinrichtungen keine Lehr-, Erziehungs-, Pflege-, Aufsichts-
oder sonstige Tätigkeiten ausüben, bei denen sie Kontakt zu den dort Betreuten haben, bis
nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit durch sie nicht mehr zu be-
fürchten ist. Dies gilt entsprechend für die in der Gemeinschaftseinrichtung Betreuten mit
der Maßgabe, dass sie die dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtung dienenden Räume
nicht betreten, Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht benutzen und an Veran-
staltungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht teilnehmen dürfen (§ 34 Abs. 1 IfSG).
-
Tätigkeits- und Besuchsverbot in Vorschul- und Schuleinrichtungen und sonstigen Ge-
meinschaftseinrichtungen bis zur klinischen Genesung und mindestens 5 Tage nach Be-
ginn der Chemotherapie oder mindestens 3 Wochen ohne Chemotherapie oder nach ne-
gativer PCR
-
Meldung an das Gesundheitsamt siehe Punkt 7.1
-
Information des Gesundheitsamtes durch die Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen für
Kinder und Jugendliche (gemäß § 34 Abs. 6 IfSG)
7.3
Maßnahmen bei
Kontaktpersonen
Maßnahmen bei Kontaktpersonen zu bestätigten Erkrankungsfällen entsprechend Falldefinition
unter Punkt 2.2.
7.3.1 Beobachtung
auf respiratorische Symptome für 14 Tage
7.3.2 PCR
-
nach pflichtgemäßem Ermessen des Gesundheitsamtes bei epidemiologisch effektivem
Kontakt (Familie, Haushalt, Gruppe, Vorschuleinrichtung, Klasse, medizinische bzw. Pfle-
geeinrichtung), insbesondere zum Schutz der Hochrisikogruppe der Früh- bzw. Neugebo-
renen und der Säuglinge (< 1 Jahr)
-
bei Symptomfreiheit kann auf eine PCR verzichtet werden, wenn kein Kontakt zu Säuglin-
gen besteht.
7.3.3 Chemoprophylaxe
-
bei allen Kontaktpersonen mit positivem PCR-Nachweis von
B. pertussis
-
darüber hinaus (d. h. wenn kein positiver DNA-Nachweis (PCR) oder Erregernachweis
vorliegt) zu erwägen bis 3 Wochen nach dem letzten Kontakt zu einem infektiösen Erkrank-
ten bei allen engen Kontaktpersonen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, gesund-
heitlich gefährdeten Erwachsenen oder Erwachsenen, wenn sie Kontakt zu Kindern oder
gesundheitlich gefährdeten Personen haben, insbesondere bei in Risikobereichen wie ne-
onatologischen, Säuglings- bzw. Wochenstationen und im Kreißsaal tätigen Personen:
-
ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Personen: Chemoprophylaxe und Inkuba-
tionsimpfung
-
bei
B. parapertussis
-Infektionen Chemoprophylaxe in der Regel nur für enge Kontaktper-
sonen wie Säuglinge < 6 Monaten sowie Haushaltskontakte und Pflegepersonal von Säug-
lingen < 6 Monaten sowie ggf. gesundheitlich gefährdete Erwachsene
Mittel, Dosierung und Dauer der Prophylaxe siehe Anlage 3, Beginn so früh wie möglich

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7.3.4 Inkubationsimpfung
(gilt nur für Pertussis)
Inkubationsimpfungen haben als postexpositionelle Prophylaxe einen hohen Stellenwert. Da
ein nennenswerter Impfschutz erst nach 3 Impfdosen erreicht wird, sollte bei Ungeimpften oder
Kontaktpersonen, die bisher nur eine oder zwei Pertussisimpfdosen erhalten haben, zusätzlich
gleichzeitig die Chemoprophylaxe durchgeführt werden. Der Erfolg einer Inkubationsimpfung ist
umso höher, je früher sie erfolgt.
Im Einzelnen wird empfohlen:
-
Kinder unter 5 Jahre
Beginn, Weiterführung bzw. Vervollständigung der Grundimmunisierung (Abstand zwi-
schen 1. und 2. bzw. 2. und 3. Impfung: 1 Monat; Abstand zwischen 3. und 4. Impfung:
über 6 Monate).
-
Kinder und Jugendliche ab 6. Lebensjahr bis 18. Lebensjahr
Beginn, Weiterführung bzw. Vervollständigung der Grundimmunisierung, ggf. 5. oder 6.
Pertussisimpfung gemäß Impfkalender (Abstand zwischen 4. und 5. Impfung: in der Regel
über 3 Jahre, zwischen 5. und 6. Impfung in der Regel mindestens 5 Jahre).
-
Erwachsene
Booster bei vollständig Immunisierten, wenn die letzte Impfung länger als 5 Jahre zurück-
liegt, oder bei unvollständig Immunisierten oder bei unbekanntem Impfstatus (ggf. zu be-
achtende Abstände siehe Punkt 6.1).
7.3.5 Besuchs- und
Tätigkeitsverbot
-
ist bei asymptomatischen Kontaktpersonen (d. h. kein Husten) in der Regel nicht erforder-
lich
-
bei symptomatischen Kontaktpersonen für Vorschuleinrichtungen, Schulen, medizinische
Risikobereiche (Pädiatrie einschließlich Neonatologie, Intensivmedizin, Onkologie u.a.) er-
forderlich
»
bei PCR-Positiven bis mindestens 5 Tage nach Beginn der Chemoprophylaxe
»
bei PCR-Positiven ohne Chemoprophylaxe: 21 Tage nach Beginn des Hustens (Ver-
kürzung des Zeitraums ist ggf. möglich bei Vorliegen mindestens eines negativen
PCR-Befundes).

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Die Zusammenstellung erfolgte in Anlehnung an:
1. DGPI-Handbuch - Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart-New York, Georg Thieme Verlag; 2013: 434-
439
2. SIKO. Empfehlungen der Sächsischen Impfkommission zur Durchführung von Schutzimpfungen im Freistaat Sachsen
(E 1) vom 02.09.1993, Stand: 01.01.2020
3. Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) Sachsen, AG Infektionsschutz des Lan-
desverbandes Sachsen der Ärzte und Zahnärzte des ÖGD. Empfehlungen zur Verhütung und Bekämpfung von Per-
tussis im Freistaat Sachsen – Sächsisches Herdbekämpfungsprogramm – vom 20.07.94, Stand: Juni 2013
4. WHO. Pertussis vaccines: WHO position paper.
WER 2015; 90(35): 433-460
5. CDC. Manual for the Surveillance of Vaccine-Preventable Diseases.Centers for Disease Control and Prevention 2015,
Atlanta, GA
6. European Centre for Disease Prevention and Control: Guidance and protocol for the serological diagnosis of human in-
fection with Bordetella pertussis; Stockholm 2012
7. RKI-Ratgeber Keuchhusten (Pertussis). Aktualisierte Fassung vom Februar 2018
8. Riffelmann M, Littmann M, Hellenbrand W, Hülße C, Wirsing von König CH. Pertussis - nicht nur eine Kinderkrankheit.
Deutsches Ärzteblatt 2008; 105:623-8
Bearbeiter:
Dr. med. I. Ehrhard
LUA Dresden
Dr. med. T. Hackel
LUA Dresden
Dr. rer. nat. B. Köpke
LUA Dresden
Dr. med. S.-S. Merbecks
LUA Chemnitz
DB U. Reif
LUA Dresden
AG Infektionsschutz des Landesverbandes
Sachsen der Ärzte und Zahnärzte des ÖGD
(Leiterin: Dipl.-Med. S. Bertuleit )
Anlage 1:
Skizze: Durchführung des Nasopharyngeal-Abstriches
Anlage 2:
Hinweise zur Entnahme, Lagerung und Transport von Proben für die Pertussisdiagnostik
Anlage 3:
Therapie und Chemoprophylaxe bei Pertussis
- Mittel, Dosierung und Dauer
Anlage 4:
Pertussis-Erfassungsbogen
Anlage 5:
Erfassungsbogen für Kontaktpersonen

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Anlage 1
Durchführung des Nasopharyngeal-Abstriches
zum Nachweis von
Bordetella pertussis
und
Bordetella paraper-
tussis
(siehe auch Anlage 2)
Rayon-, Nylon- oder Polyester-Tupfer
(kein Kalziumalginat- oder Baumwolltupfer!)
Quelle: CDC: Manual for the Surveillance of Vaccine-Preventable Diseases, 2015

 
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Anlage 2
Hinweise zur Entnahme, Lagerung und Transport von Pro-
ben für die Pertussis-Diagnostik mit der PCR-Methodik
Als Probenmaterialien senden Sie bitte Nasopharyngeal-Abstriche ein.
Da für eine patientenfreundliche Entnahme von Abstrichmaterial aus dem Nasopharyngealraum nur wenige Sys-
teme geeignet sind, erhalten Sie die Abstrichsysteme von der LUA auf schriftliche oder telefonische (0351/8144-
1250 bzw. -1253, PCR-Labor) Anforderung.
Als Abstrichmaterialien für die PCR sind Rayon-, Nylon- oder Polyester-Tupfer (z.B. Dacron) zu verwenden. Cal-
cium-Alginat-Tupfer und Baumwolltupfer können nicht eingesetzt werden.
Das Abnahmeprinzip des Nasopharyngeal-Abstrichs ist - bei Bedarf - für „Erstentnehmer“ auf dem beigefügten
Blatt (siehe Anlage 1) veranschaulicht.
Die entnommenen Abstriche sind in dem trockenen Entnahmesystem auch über mehrere Tage gut haltbar, soll-
ten jedoch bis zum Transport in die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen im Kühlschrank aufbewahrt werden.

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Anlage 3
Therapie und Chemoprophylaxe bei Pertussis
Mittel
Dosierung / Dauer
Azithromycin
Säuglinge
< 6 Monate:
10 mg/kg KG/Tag in 1 Dosis für 5 Tage
Kinder
6 Monate:
Tag 1:
10 mg/kg KG (max. 500 mg) in 1 Dosis
Tage 2-5: 5 mg/kg KG/Tag (max. 500 mg) in 1 Dosis
Erwachsene:
Tag 1:
500 mg in 1 Dosis
Tage 2-5: 250 mg/Tag in 1 Dosis
Clarithromycin
Kinder
1 Monat:
15 mg/kg KG/Tag (max. 1 g/Tag) in 2 Dosen
für 7 Tage
Erwachsene:
1 g/Tag in 2 Dosen für 7 Tage
Erythromycin
Kinder
1 Monat:
z. B.:
Erythromycin-Estolat
40 mg/kg KG/Tag in 2 Dosen für 14 Tage
Jugendliche
14 Jahre und
Erwachsene:
2 g/Tag in 2 Dosen für 14 Tage
Trimethoprim /
Sulfamethoxazol
(TMP / SMZ)
= Alternative zu Makro-
lidantibiotika bei:
Allergie,
Unverträglichkeit,
Resistenz
gegenüber Makroliden
Kinder
2 Monate:
8 mg TMP/kg KG/Tag
und
40 mg SMZ/kg KG/Tag
in 2 Dosen für 14 Tage
Erwachsene:
320 mg TMP/Tag und 1600 mg SMZ/Tag
in 2 Dosen für 14 Tage

 
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Pertussis-Erfassungsbogen
Anlage 4
Name, Vorname:
geb.:
Anschrift:
Tel.:
Meldung am
durch
erkrankt am
vermutliche Infektionsquelle
letzter Kontakt
Falldefinition
direkter Nachweis (PCR)
indirekter Nachweis (PT-Ak)
1. Serum
2. Serum
PT-IgG EIA
PT-IgA EIA
*PT-IgG- bzw. PT-IgA-AK-Nachweis einmalig deutlich erhöhter Wert bei PT-
IgG oder einmalig deutlich erhöhter Wert bei PT-IgA. Der serologische Nach-
weis eines Einzelwertes ist
12 Monate nach Impfung mit azellulären Pertus-
sis-Impfstoffen nicht verwertbar.
*deutliche Änderung zwischen zwei Proben beim PT-IgG oder PT-IgA-
Antikörpernachweis
klinisch-epidemiologischer Fall
(Symptome, Indexfall bzw. entsprechende epid. Lage im Territorium angeben)
Keimträger
Impfungen
ja
nein
wenn ja
Anzahl der Impfungen
Impfdaten:
Impfstoff/ Hersteller
DTP
Chargen-Nr.:
DTPa □
Chargen-Nr.:
Tdpa
Chargen-Nr.:
P
Chargen-Nr.:
Pa
Chargen-Nr.:

 
Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) Sachsen |
13
Kontaktpersonen
Anlage 5
Nr.
Name, Vorname
Geburts-
datum
Tätigkeit/
Gemeinschaftseinrichtung
Symptome:
Impfstatus
Maßnahmen
Befund
weitere
Untersuchungen
Bemerkungen
Belehrung
Unterschrift
PCR
Besuchs-
verbot
Chemopro-
phylaxe
(Mittel)
1
1
2.
3.
4.
5.
2
1.
2.
3.
4.
5.
3
1.
2.
3.
4.
5.
4
1.
2.
3.
4.
5.
5
1.
2.
3.
4.
5.