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SÄCHSISCHES
STAATSARCHIV
Sächsisches Archivblatt
Heft 2 / 2017

Seite
1
Vorab
Bestände des Landtagsarchivs künftig im Sächsischen Staatsarchiv
Peter Wiegand
2
Aus den Beständen
Von der „Landlade“ zum „Landes-Archiv“ – Zur Geschichte des sächsischen landständischen Archivs bis 1831
Jörg Ludwig
5
Der „Schönburgische Brudermord“ 1617 im Spiegel der archivalischen Überlieferung
Michael Wetzel
6
Neue Quellen zur Heimatgeschichte des Vogtlandes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht –
Bestand Grundherrschaft Dorfstadt
Carsten Voigt
8
Die Inverlagnahme russischer und sowjetischer Komponisten
Elisabeth Posnjakow
10
Forstakten – wichtige Quellen für den Vermessungstechniker, Teil 1
Gunter Biele
12
Die DDR aus der Vogelperspektive – Ein Konzept zur Erschließung von analogen Luftbildern
Konstantin Batury
14
Papier, elektronisch oder beides? – Hybridakten als Herausforderung für die Archivierung
Jelena Steigerwald
16
Meldungen/Berichte
Digitalisierung audiovisueller Medien – Selbstverständnis und Werkstattbericht
Stefan Gööck
18
Ehrenamtliches Engagement in der Heimatforschung
Klaus Reichmann
19
Kölner Vorhaben im Archivzentrum Hubertusburg – Vom Einsturz in Köln zur Bearbeitung von Großformaten in Wermsdorf
Jana Wichmann / Nikolai Krippner
22
Nach fast 150 Jahren: Tagebuch eines Chemnitzer Soldaten restauriert
Gudrun Dudek / Birgit Schubert
24
Von der Kürzung zu 7-Zip
Christian Treu
26
Archivierte Diktaturen: Gedächtnis der Demokratie – Eine tagungsbegleitende Ausstellung zum Umgang der DDR
mit der NS-Vergangenheit
Annette Zehnter
28
„Die industrielle Stadt. Lokale Repräsentationen von Industriekultur im urbanen Raum seit dem ausgehenden
19. Jahrhundert“ – Kolloquium des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV) am 15./16. Juni 2017
im Staatsarchiv Chemnitz
Sönke Friedreich
30
„Industriekultur. Erforschen – Bewahren – Nutzen“ – Kolloquium am 24. / 25. Januar 2017 im Staatsarchiv Chemnitz
Torsten Bäz
31
Rezensionen
Michael Schäfer, Eine andere Industrialisierung. Die Transformation der sächsischen Textilexportgewerbe 1790–1890
Jörg Ludwig
32
Clementine von Breitenbuch / Asta von Breitenbuch / Matthias Donath / Lars-Arne Dannenberg,
Rote Sparren auf blauem Grund – Die Familie von Breitenbuch (Breitenbauch) in Sachsen und Thüringen
Jens Kunze
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 1
Bestände des Landtagsarchivs künftig
im Sächsischen Staatsarchiv
Für die Archivierung der Unterlagen des Säch-
sischen Landtags ist künftig das Hauptstaats-
archiv Dresden zuständig. Innenminister
Markus Ulbig, Landtagspräsident Dr. Matthias
Rößler und die Direktorin des Sächsischen
Staatsarchivs, Dr. Andrea Wettmann, unter-
zeichneten am 24. Mai 2017 die entsprechen-
de Vereinbarung. Diese sieht vor, dass die Ar-
chivalien des Landtags innerhalb der nächsten
sechs Monate an das Sächsische Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden übergeben wer-
den. Die elektronischen Unterlagen folgen ab
dem Jahre 2027. Mit dem Übergang wird eine
Personalstelle des Landtags zum Staatsarchiv
umgesetzt. Deren Stelleninhaber wird künftig
für die Archivierung der Landtagsunterlagen
auf der Grundlage des Sächsischen Archiv-
gesetzes zuständig sein. Das Landtagsarchiv
selbst bestand seit 1992.
Bei der Unterzeichnung erläuterte Innenmi-
nister Ulbig: „Das Sächsische Staatsarchiv
verwahrt künftig alle Landtagsarchivalien,
Dokumente und Akten. So gehen nun histo-
risch wertvolle Dokumente, wie beispielsweise
die Urschriften der Gesetze und die Landtags-
protokolle, in den Bestand des Staatsarchivs
über. Im Staatsarchiv befindet sich bereits
das Archivgut der Vorgängerinstitutionen des
Landtags. Mit der heutigen Übergabe knüpfen
wir an eine jahrhundertelange Tradition an.“
Bei den bereits im Staatsarchiv verwahrten
historischen Unterlagen handelt es sich um
die Überlieferung der älteren Landtage seit
dem 16. Jahrhundert, der Ständeversamm-
lung des Königreichs Sachsen (1831–1918), des
Landtags des Freistaats Sachsen (1918–1933)
sowie des Landes Sachsen (1945–1952). Mit
Blick auf das Staatsarchiv fuhr Ulbig fort:
„Mein Dank gilt den engagierten Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeitern, die mit ihrer Kompe-
tenz und langjährigen Erfahrung dazu beitra-
gen, bedeutende Unterlagen einer zentralen
Institution unserer Demokratie zu sichern.
Die Mitarbeiter verfügen über die Fähigkeit,
Archivgut auf Papier und als Datei zu erhalten
und können moderne Magazine nutzen, die
höchste Sicherheitsstandards erfüllen.“
Landtagspräsident Dr. Rößler erklärte seiner-
seits: „Der Sächsische Landtag vertraut dem
Staatsarchiv das parlamentarische Gedächtnis
des Freistaats an, damit es der Nachwelt für die
Ewigkeit erhalten bleibt. Wir übergeben nicht
einfach ein paar Akten, sondern historische
Zeugnisse, wie etwa die umfangreiche Doku-
mentation zur Erarbeitung unserer Sächsischen
Verfassung nach der friedlichen Revolution
1989 und der Wiedergründung des Freistaats
1990. Die Unterlagen belegen, warum sich un-
sere Verfassungsväter und der Gesetzgeber für
und gegen bestimmte Regelungen entschie-
den haben und welche Leitlinien ihr Handeln
bestimmten. Das Landtagsarchiv ist nicht nur
für Juristen und Historiker interessant. Eines
Tages werden kommende Generationen diese
Dokumente so fasziniert betrachten, wie wir
heute Papiere der Ständeversammlung des Kö-
nigreichs Sachsen oder des Sächsischen Land-
tags zur Zeit der Weimarer Republik.“
Im Anschluss an die Unterzeichnung hatten die
Anwesenden die besondere Gelegenheit, his-
torische Landtagsarchivalien aus dem Bestand
des Hauptstaatsarchivs Dresden in Augen-
schein zu nehmen. Neben den Originalen der
sächsischen Verfassungsurkunden von 1831,
1919, 1920, 1947 und 1992 waren unter an-
derem Landtagsakten aus dem Frühjahr 1555
und eine großformatige Ahnenprobe für einen
adligen Vertreter der Landstände von 1776 zu
sehen. Die chronologische Reihe vervollstän-
digten Dokumente aus der Sitzungsperiode
der ersten Kammer der Ständeversammlung
von 1833, Aufzeichnungen über Vorgänge im
Landtag während der nationalsozialistischen
Machtergreifung (1933) und die Geschäfts-
ordnung des Landtags vom 20. März 1947.
In einem symbolischen Akt zum Abschluss der
Veranstaltung brachten Innenminister Ulbig,
Landtagspräsident Dr. Rößler und Dr. Wett-
mann das älteste Dokument des neuen Land-
tagsarchivs, ein Protokoll der ersten Landtags-
sitzung vom 27. Oktober 1990, in das sonst
nicht öffentlich zugängliche Magazin des
Hauptstaatsarchivs.
Sächsisches Staatsministerium des
Innern: Medieninformation vom
24. Mai 2017 / Peter Wiegand
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler, Innenminister Markus Ulbig und Dr. Andrea
Wettmann (Direktorin des Sächsischen Staatsarchivs) (v. r. n. l.) bei der Unterzeichnung
des Vertrags zur Übergabe des Landtagsarchivs an das Sächsische Staatsarchiv am
24. Mai 2017
Bei der Betrachtung historischer Landtagsarchivalien aus dem Bestand des Haupt-
staatsarchivs Dresden mit dessen Leiter Dr. Guntram Martin
(Fotos Sylvia Reinhardt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 2
Von der „Landlade“ zum „Landes-Archiv“ –
Zur Geschichte des sächsischen landständischen
Archivs bis 1831
Abdruck des landschaftlichen Archivstempels, 1770
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
10015 Landtag, Nr. 319)
Unter den Behördenregistraturen bzw. Behör-
denarchiven, die nach 1834 zu Beständen des
Hauptstaatsarchivs Dresden wurden, dürfte
das der vorkonstitutionellen Landstände ei-
nes der ältesten und interessantesten sein. Es
reicht mit einzelnen Stücken bis ins 15. Jahr-
hundert zurück und beansprucht durch die
verfassungsrechtliche Stellung der Landstän-
de und ihre Mitwirkung an der Landespolitik
besondere Aufmerksamkeit, auch weil die
Landstände ohne ein eigenes Archiv und die
dort erfolgende geordnete Aufbewahrung von
Urkunden und Akten ihre Mitwirkungsrechte
gegenüber den Machtansprüchen der Landes-
herren nicht hätten behaupten können.
Erste Informationen über Umfang und Be-
schaffenheit der landständischen Überliefe-
rung liegen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts
vor. Sie zeigen einen zunächst kleinen, zuvor
offensichtlich nicht systematisch bewahrten
Bestand an Urkunden und Akten, der abge-
sehen von den Urkunden zeitlich erst 1547
einsetzt. Wegen der ein- oder mehrjährigen
Abstände der ständischen Zusammenkünfte
und der im Vergleich mit späterer Zeit gerin-
geren Schriftlichkeit erhielt die landständische
Registratur zunächst nur wenig Zuwachs: Von
13 Landtagsakten, die ein Inventar 1556 auf-
listete, stieg ihre Zahl bis 1582 auf lediglich
29. Obwohl die ständischen Zusammenkünfte
zwischen 1555 und 1628 durchgängig in Tor-
gau stattfanden, wurde das Schriftgut nicht
dort aufbewahrt. Zwischen 1565 und 1588
befanden sich der „Landschafft Händel“ nach-
einander bei Hans von Schleinitz, Haubold
von Starschedel, Hans Georg von Ponickau
und Hildebrand von Einsiedel. Diese Aufbe-
wahrungspraxis bei verschiedenen adligen
Landständen endete in den 1590er Jahren,
und auf dem Landtag 1595 wurde schriftlich
festgehalten, dass sich alle Landtagsakten
nun in einer verschlossenen „Landlade“ beim
kursächsischen Erbmarschall Hans Löser in
Pretzsch befänden und dort auch wieder ab-
zulegen seien.
Dass den Erbmarschällen aus der Adels familie
Löser damit direkt das ständische Akten- und
Archivwesen oblag, entsprach ihrer generel-
len Zuständigkeit für die Leitung der land-
ständischen Versammlungen. Zugleich wer-
den organisatorische Ausformungsprozesse
der Landtage deutlich, die in der Torgauer Zeit
zu einem gewissen Abschluss kamen. Die in
den 1560er Jahren entstandene, später fort-
geschriebene Landtagsordnung wurde um
1600 durch eine Regelung zur landschaft-
lichen „haubtlade“ ergänzt, wonach der Erb-
marschall verantwortlich für die Verwahrung
und Erfassung der darin verwahrten Unter-
lagen sowie für weitere Übernahmen war.
Außerdem sollten unter seiner Aufsicht in den
kursächsischen Kreisen drei „wohlvorwartte
Hinzu kam, dass Schloss Pretzsch nicht mehr
als Verwahrort zur Verfügung stand, weil die
Familie Löser die überschuldete Herrschaft im
Jahr 1640 verkaufen musste.
Zwischen 1640 und 1683 erfolgten in Dres-
den mehrfach Inventuren des Akten- und
Urkundenbestandes, in der Regel nach dem
Tod des bisherigen Erbmarschalls. Durchge-
führt wurden sie 1646 und 1660 in der großen
Appellationsstube, 1683 im Haus des Ober-
steuerdirektors Haubold von Miltitz in der Mo-
ritzstraße. Die dabei erwähnte Verwahrung in
drei eisernen Kästen diente dem Schutz der
Archivalien und machte sie im Notfall schnell
transportbereit. Ein solcher Transport erfolg-
te 1699, als das „Landes archivum“ zu seiner
Sicherung teils nach Scharfenberg, teils nach
Altenburg gebracht wurde. Scharfenberg
(im Besitz der Familie von Miltitz) war auch
während der schwedischen Invasion im Nor-
dischen Krieg Auslagerungsort.
Ab den 1690er Jahren kam für die histori-
schen Unterlagen der Stände die Bezeichnung
„Archiv“ auf, was fachliche Institutionalisie-
rungsprozesse und das Bewusstwerden neuer,
damit zusammenhängender Probleme signa-
lisiert. Auf dem Ausschusstag von 1694 und
dem Landtag von 1699/1700 problematisierte
Erbmarschall Hans Löser die Verknüpfung der
Archivaufsicht mit dem seiner Familie zuste-
henden Erbmarschallamt, da durch Todesfälle
und Vormundschaften das Archiv leicht in un-
geeignete Hände geraten könne. Gleichzeitig
erbat er im Februar 1700 (kurz vor Ausbruch
des Nordischen Krieges) eine Entscheidung
über die Verlagerung des Archivs, falls es in
Dresden nicht bleiben könne. Trotz mehr-
facher Nachfragen fällten die Landstände
keine Entscheidung. Informell wurde dem
Erbmarschall vorgeschlagen, die Archivnöte
„public“ werden zu lassen, wozu er sich freilich
nicht entschließen konnte.
Die Verknüpfung der Archivaufsicht mit dem
Erbmarschallamt war nicht das einzige fach-
lich-institutionelle Problem. Nach Auffassung
des 18. Jahrhunderts erlangte ein herrschaft-
liches Archiv erst durch fortdauernde Verwah-
rung an einem bestimmten Ort öffentlichen
Glauben, und gerade an dieser Ortsfestigkeit
fehlte es dem Landtagsarchiv. Zwar besaßen
die Erbmarschälle jeweils Unterkünfte in Dres-
laden“ mit beglaubigten Kopien der Landtags-
akten eingerichtet und feuersicher verwahrt
werden, womit offenbar dem Informations-
bedürfnis der Kreisstände entsprochen und
außerdem befürchteten Informationsdefiziten
bei einem eventuellen Verlust von Akten und
Urkunden in Pretzsch entgegengewirkt wer-
den sollte.
Soweit ersichtlich, blieben die landständischen
Unterlagen von ca. 1590 bis 1640 in Pretzsch
und überstanden die Wirren des Dreißig-
jährigen Krieges wohl gut. (Zur Zeit siehe auch
Beitrag Wetzel in diesem Heft.) Sie befanden
sich in einer eisernen Lade und zwei hölzernen
Kästen in der „Bücher-Kammer“ des Schlosses
und umfassten 1635 reichlich 100 Akten und
Urkunden, von denen letztere bis in das Jahr
1423 zurückreichten. 1640 wurden sie nach
Dresden überführt, wo sie, von einzelnen Aus-
lagerungen abgesehen, seitdem verblieben.
Grund für die Umlagerung dürfte gewesen
sein, dass die Landtage seit 1631 nicht mehr
in Torgau, sondern in Dresden stattfanden.

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 3
den, in denen auch die landständischen Archi-
valien aufbewahrt wurden, doch dürfte es sich
dabei um wechselnde Mietobjekte gehandelt
haben. Nach dem Tod des Erbmarschalls Tham
Löser 1721 wurde daher von einer ständischen
Deputation beschlossen, das Archiv künftig
an einem festen Ort unterzubringen, wozu
zunächst ein Haus am Altmarkt, später das
Miltitzsche Haus in der Rampischen Gasse
diente. Die Deputation stellte bei der Inven-
tarisierung des Archivs außerdem einen er-
heblichen Erschließungsrückstau, besonders
bei neueren, nicht formierten Akten, fest (bei
denen es übrigens auch zu einer Vermischung
mit privaten Unterlagen der Erbmarschälle
gekommen war). Eine Betreuung des Archivs
durch einen Archivar zog die Deputation noch
nicht in Betracht, sondern wollte die Erschlie-
ßungsarbeiten durch einige ihrer Mitglieder
vornehmen lassen.
In den Jahrzehnten bis zum Siebenjährigen
Krieg änderte sich wenig am Umgang mit
dem durch Zugänge langsam, doch stetig
anwachsenden Archivbestand. Er lagerte im
Miltitzschen Haus in einem mit einer eisernen
Tür verschlossenen und mit Regalen ausge-
statteten Gewölbe, welches zu den Landtagen
jeweils von einer Deputation geöffnet wurde,
um Akten und Protokolle der vorangegange-
nen Landtage zu entnehmen und diese sowie
neue Unterlagen nach Schluss des Landtages
wieder zu reponieren. Seit dem Landtag von
1742, als nach längerer Zeit der Stellvertre-
tung wieder ein Erbmarschall der Familie Löser
amtierte, wurde auf die aufwändige protokol-
larische, anfangs sogar notariell beglaubigte
Form der Archivöffnungen verzichtet. Auffäl-
lig ist, dass die Landtagsordnung von 1728 im
Unterschied zur Vorgängerversion keine Fest-
legungen zum Archiv mehr enthielt: Dies ist
wohl so zu verstehen, dass die Zuständigkeit
der auch für die Aktenführung des Landtags
verantwortlichen Erbmarschalls für das Archiv
als selbstverständlich galt.
Aus dem durch einzelne Aktenbenutzungen,
-reponierungen bzw. -neueinlagerungen nur
in mehrjährigen Abständen unterbrochenen
Schlummermodus wurde das Landständische
Archiv gerissen, als Dresden im Juli 1760 von
preußischen Truppen belagert und bombar-
diert wurde. Das Miltitzsche Haus fing Feuer,
das Archiv geriet in höchste Gefahr, konnte
durch den Einsatz des Archivars des Ober-
steuerkollegiums, Johann Immanuel Berthold,
jedoch gerettet und bis zum Kriegsende provi-
sorisch an anderer Stelle untergebracht wer-
den. Bertholds Rettungstat war insofern nicht
zufällig, als wahrscheinlich schon vor dem Sie-
benjährigen Krieg eine Mitaufsicht des von
den Landständen mitverwalteten Obersteu-
erkollegiums über das landständische Archiv
bestand. Zugleich wurde Bertholds Eingreifen
zum Ausgangspunkt für mehrere fachliche
Neuerungen, die ab 1763 zu deutlichen ar-
chivpraktischen Veränderungen führten.
Diese fügen sich ein in das sächsische Wie-
deraufbau- und Reformprogramm nach dem
Siebenjährigen Krieg (das sogenannte Rétab-
lissement), das auch auf eine effektiver, nach
aufgeklärt-rationalen Prinzipien arbeitende
Verwaltung abzielte und damit das Feld von
Schriftgut- und Archivverwaltung berührte.
Kurz nach Beginn des Landtags von 1763 wur-
de Berthold beauftragt, ein Inventar des land-
ständischen Archivs zu erstellen, auf dessen
Grundlage eine mehrtägige Bestandsprüfung
des Archivs erfolgte – die erste seit 1721.
Nachdem diese zur Zufriedenheit ausgefallen
war, wurde das Archiv am 26. November 1763
auch offiziell unter die Aufsicht von Berthold
und damit erstmals unter die Leitung eines
Archivars gestellt (wobei die Oberaufsicht
des Erbmarschalls fortbestand). Berthold, der
hauptamtlich Archivar im Obersteuerkollegi-
um blieb, kümmerte sich ab 1763 nachhaltig
um Defizite bei der Unterbringung, Ordnung
und Verzeichnung des landständischen Ar-
chivs. Aus der kriegsbeschädigten Unterkunft
in der Rampischen Gasse zog es 1765 zu-
nächst in das Steuer-Kanzlei-Haus am Alt-
markt, bevor es seinen dauernden Verwahrort
im Neubau des Land- und Steuerhauses fand.
In diesem Gebäude, wo ab 1776 die Landstän-
de tagten und in das auch das Obersteuer-
kollegium zog, standen gesonderte Räume
für das Steuerarchiv, das landständische
Archiv und die gemeinsame Archivleitung
zur Verfügung. Der Umzug der landständi-
schen Akten, Protokollbücher und Urkunden in
das neue Gebäude erfolgte am 2. Oktober 1775.
Zwischen 1766 und 1769 verbesserte Berthold
auch den Erschließungszustand des Archivs.
Da die vor allem zum rechtlichen Bestands-
nachweis angefertigten älteren Inventare den
neuen fachlichen Anforderungen nicht mehr
genügen konnten, erstellte er nach Abarbei-
tung der Erschließungsrückstände ein Reper-
torium über den gesamten Archivbestand, den
er zugleich nach einem rationalen Schema mit
sachlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten
gliederte. Dieses Schema sollte fast 250 Jahre
lang Bestand haben. Berthold initiierte außer-
dem Bestandsergänzungen, ließ vom im Archiv
fehlenden Landtagsakten Abschriften anfer-
tigen und erwarb ergänzend verschiedene
Druckschriften.
Unter seiner Leitung war die Betreuung des
landständischen Archivs rationeller und
professioneller geworden. Durch die Nähe
Schloss Pretzsch, Torhaus Hofseite (Foto Tnemtsoni, Vorlage Wikimedia Commons)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 4
zum Tagungsort der Landstände und zu den
Diensträumen des Obersteuerarchivars ge-
stalteten sich Verwahrung, Überlieferungs-
bildung und Benutzung des Archivs deutlich
einfacher als zuvor. Auf dem von Berthold
erreichten Stand konnten seine Nachfolger,
die Obersteuerarchivare Andreas Gotthelf Fin-
cke († 1796) und Carl Gottlob Voigt († 1843),
aufbauen und sahen vielleicht auch deswegen
kaum Veranlassung zu wesentlichen Neue-
rungen.
Die unruhigen Jahre der französischen Revo-
lutions- und Koalitionskriege überstand das
Archiv ohne große Einschnitte, sieht man von
der Abgabe von Unterlagen der Neustädter,
Thüringer und Wittenberger Kreisstände an
Preußen bzw. Sachsen-Weimar-Eisenach nach
der Landesteilung von 1815 ab. Der von der
Revolution von 1789 ausgehende, epocha-
le Bruch mit dem Ancien Régime ging am
sächsischen landständischen Archiv jedoch
nicht spurlos vorbei, sondern wirkte sich mit
zeitlicher Verzögerung aus. Als in Sachsen
1830/31 nach revolutionären Unruhen der
Übergang zur konstitutionellen Monarchie
und die Einführung einer repräsentativen
Landesvertretung erzwungen wurden, en-
dete die jahrhundertealte Tätigkeit der säch-
sischen Landstände, und an ihre Stelle trat
ein neues, auf Grundlage der Verfassung von
1831 gewähltes Zwei-Kammer-Parlament. In
feierlichem Zug wurde die vom König und
Mit regenten unterzeichnete Verfassung am
4. September in das Landhaus gebracht und
unter Abfeuerung von 24 Kanonenschüssen in
eine im landschaftlichen Archiv bereitstehen-
de eiserne Kiste abgelegt, wobei der Archivar
Voigt dem Landtagsmarschall versprechen
musste, „diese Urkunde treulich aufzube-
wahren“.
Im selben Augenblick, in dem die neue Ver-
fassung im landständischen Archiv depo-
niert wurde, verwandelte sich dieses in einen
historischen Bestand. Die Tätigkeit der alten
Landstände erlosch, ihre Aktenproduktion
kam zum Abschluss, und aus den Unterlagen
der neuen konstitutionellen Landstände ent-
stand eine neue, gesonderte Überlieferung.
Aufgrund der geänderten politischen und
Verfassungsverhältnisse hatten die altstän-
dischen Unterlagen für das neue Parlament
keinen aktuellen praktischen und rechtlichen
Nutzen mehr. Sie blieben zunächst weiter im
ständischen Archiv im Landhaus, bis schließ-
lich auf Initiative des Landtagsarchivars Edu-
ard Gottwald und des Staatsarchivdirektors
Karl von Weber die Abgabe jener Akten an
das 1834 gegründete Hauptstaatsarchiv
beschlossen wurde, die Gottwald als nicht
zum ständischen Archiv zugehörig ansah. Sie
wurden 1865 vom Hauptstaatsarchiv wegen
ihres historischen Werts und ihrer besseren
Benutzbarkeit übernommen, allerdings unter
Pertinenzgesichtspunkten auf verschiedene
vorhandene Bestände verteilt (besonders auf
den Bestand 10024 Geheimer Rat). Der zwei-
te, größere Teil des Archivbestands der alten
Landstände folgte in den Jahren 1935/37 nach
der Auflösung des Landtags und wurde später
zum Grundstock für die Bildung des heutigen
Archivbestands 10015 Landtag.
Jörg Ludwig
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Altes Landhaus in Dresden; heute Museum für Stadtgeschichte (Foto Jörg Blobelt, Vorlage Wikimedia Commons)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 5
Der „Schönburgische Brudermord“ 1617 im Spiegel
der archivalischen Überlieferung
Was vor genau 400 Jahren, am 28. November
1617, auf Schloss Hinterglauchau geschah,
zählt zu den spektakulärsten Kriminalfällen
des südwestsächsischen Raumes in der frü-
hen Neuzeit. Am Abend jenes Novembertags
erstach der als jähzornig und gewalttätig gel-
tende Wolf Ernst von Schönburg (1582–1623)
seinen Bruder Otto Wilhelm (1587–1617) im
Streit. Die Bluttat ging als „Schönburgischer
Brudermord“ in die Geschichte ein.
Dank einer breiten Überlieferung im Staats-
archiv Chemnitz und im Hauptstaatsarchiv
Dresden sind die Umstände des wohl richti-
ger als Totschlag zu bezeichnenden Vorgangs,
aber auch seine weitreichenden Folgen gut re-
konstruierbar. Anlass zu der Tat gaben offen-
bar die zerrütteten Vermögensverhältnisse der
Herren von Schönburg. Durch zahlreiche Erb-
teilungen geschwächt standen am Vorabend
des Dreißigjährigen Krieges gleich mehrere ih-
rer Herrschaften vor dem Bankrott. Besonders
dramatisch stellte sich die Lage unter den acht
erbberechtigten Söhnen Wolfs III. von Schön-
burg (1556–1612) dar, von denen Wolf Ernst
der älteste war. Für sich und seine Geschwister
verwaltete Wolf Ernst die Herrschaften Pe-
nig, Wechselburg und Rochsburg, zu denen er
1615 noch Glauchau und Remse aus dem Erbe
seines kinderlos verstorbenen Onkels Augus-
tus von Schönburg (1583–1610) für 150.000
Gulden übernahm. Damit beendete er zwar ei-
nen langwierigen Erbstreit, häufte jedoch zu-
gleich eine fast untragbare Schuldenlast auf.
Wie die Prozessakten belegen,
wurde an jenem denkwürdigen
28. November 1617 zwischen
den schönburgischen Brüdern
und ihren Beamten unter fort-
gesetztem Alko holgenuss die
Vermögenslage erörtert. Als
Veruntreuungsvorwürfe im
Raum standen, kam es zum
Handgemenge, bei dem das
spätere Opfer Otto Wilhelm
zunächst einen Schlichtungs-
versuch unternahm und dabei
von Wolf Ernst verletzt wurde.
Danach, so die Zeugenproto-
kolle, sei Wolf Ernst abgereist,
auf dem Glauchauer Markt-
platz aber umgekehrt und ins
Schloss zurückgekommen.
Dort sei er von Otto Wilhelm
mit einem Hirschfänger ange-
griffen worden und habe dem
Bruder in Notwehr einen töd-
lichen Stich in die Lunge bei-
gebracht. Einige Bedienstete
Otto Wilhelms jedoch sagten
gegenteilig aus, dass Wolf
Ernst der Angreifer gewesen
sei. Der Sachverhalt ließ sich
nie aufklären, wohl aber mach-
te sich Wolf Ernst durch seine
unmittelbare Flucht außer Lan-
des nach Gräfenthal (Thüringer
Wald) den schönburgischen
Geschichtsschreibern derart
verdächtig, dass ihm fortan
der Makel des Brudermörders
anhing.
Seine eigentliche Brisanz erhielt das Delikt
jedoch weniger aus der Schuldfrage. Als viel
bedeutsamer erwies sich das Ringen darum,
welches Gericht für den Fall zuständig sei.
Als souveräner Reichsstand beanspruchten
die Schönburger ihren Gerichtsstand vor den
Reichsgerichten, weshalb Kaiser Matthias
(1557–1619) die klagenden Brüder Wolf Ernsts
an seine Kanzlei in Prag verwies. In dem tra-
gischen Unglücksfall erkannte jedoch auch
Kursachsen seine Chance, die landeshoheit-
lichen Rechte der Schönburger zu unter-
graben. Gegen den Widerspruch des Kaisers
zog Kurfürst Johann Georg I. (1585–1656)
den Prozess an sich und behauptete damit
oberrichterliche Ansprüche über die Schön-
burgischen Herrschaften. Das Verfahren fand
1618 auch tatsächlich in Zwickau statt. Dem
dortigen Amtmann Sebastian Metzsch erteil-
te der Kurfürst den Auftrag, die Leiche Otto
Wilhelms in Glauchau untersuchen und Wolf
Ernst auf Schloss Osterstein vorladen zu las-
sen. Angesichts der politischen Schwäche der
Schönburger und nur halbherziger kaiserli-
cher Unterstützung setzte Metzsch den Auf-
trag ungehindert um. Die Aktenüberlieferung
bildet das ungleiche Verhältnis deutlich ab.
Während die schönburgischen Archivbestän-
de nur die kaiserlichen und familiären Korre-
spondenzen sowie abschriftliche Prozessfrag-
mente enthalten, finden sich die voluminösen
Prozessakten selbst im Bestand 30023 Amt
Zwickau.
Den Brüdern Wolf Ernsts schien die sächsi-
sche Intervention übrigens recht gelegen zu
kommen, strebten sie doch eine Enterbung
des Angeklagten an. Ihr Eigennutz verstellte
ihnen freilich den Blick für die langfristigen
Nachteile, die darin lagen, dass Kursachsen
einen Präzedenzfall geschaffen hatte und
fortan mit weiteren Eingriffen in die schön-
burgischen Hoheitsrechte den Weg zum Ver-
lust der schönburgischen Landeshoheit durch
die Rezesse von 1740 vorzeichnete. Auch ging
ihr Kalkül nicht auf. Wolf Ernst erschien 1620
unter Zusicherung freien Geleits in Zwickau
und brachte eine Verteidigungsschrift ein.
Noch während des Prozesses verfiel er einer
krankhaften Melancholie, an deren Folgen er
1623 starb. Das Verfahren wurde daraufhin
gegen den Protest der Brüder eingestellt.
Michael Wetzel
(Staatsarchiv Chemnitz)
Auszug aus der Verteidigungsschrift des Wolf Ernst von Schönburg
(Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, 30023 Amt Zwickau,
Nr. 2588, Bl. 165)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 6
Neue Quellen zur Heimatgeschichte des
Vogtlandes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht –
Bestand Grundherrschaft Dorfstadt
2015 und 2016 wurde im Staatsarchiv Chem-
nitz der Bestand 30633 Grundherrschaft
Dorfstadt bearbeitet, der zum größten Teil
bislang nicht benutzbar war. Bei den Erschlie-
ßungsarbeiten zeichnete sich schnell ab, dass
es sich hier um keinen durchschnittlichen
Grundherrschaftsbestand handelte. Der Groß-
teil der Akten gehörte zum Familienarchiv der
Trützschler und umfasste deshalb weit mehr
als nur die Grundherrschaft Dorfstadt.
Die adelige Familie Trützschler, die das Adels-
prädikat „von“ erst seit dem 19. Jahrhundert
regelmäßig im Namen führte, war eines der
wichtigsten Adelsgeschlechter im Vogtland
mit einer langen und kontinuierlichen Prä-
senz in der Region über Jahrhunderte hin-
weg. Bereits Anfang des 15. Jahrhunderts
saß die Familie auf der Burg Falkenstein, ihrem
Stammsitz. In den folgenden Jahrhunderten
erwarben die Trützschlers eine Reihe von Be-
sitzungen, die meisten davon im Vogtland in
der Nähe von Falkenstein/V. Dazu gehörten
die Rittergüter Oberlauterbach, Mühlberg,
Bergen, Ellefeld, Mechelgrün (oberer Teil) und
eben Dorfstadt.
Dorfstadt selbst war ursprünglich ein Vor-
werk, welches nachweisbar seit dem 15. Jahr-
hundert zur Burg Falkenstein gehörte. Im
Laufe des 17. Jahrhunderts entstand aus dem
Vorwerk ein selbstständiger Rittersitz, der sich
aber bis 1710, mit einer kurzen Unterbrechung
Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts, als
Dorfstadt Caspar Trützschler auf Oberlauter-
bach gehörte, immer im Besitz der Trützschler
auf Falkenstein befand.
Auf den zu erschließenden Akten waren zwar
römische und arabische Ziffern kombiniert
mit Bleistift verzeichnet, die auf die vormali-
ge Existenz einer Abgabeliste schließen ließen,
jedoch konnte diese nicht aufgefunden wer-
den. Die Erschließungsarbeiten erwiesen sich
als mühsam, da oft nur Teile von Akten oder
Einzelblätter vorhanden waren. Dabei konnte
es passieren, dass inhaltlich zusammenge-
hörende Aktenteile weit verstreut in anderen
Kartons lagen und dadurch erst viel später
auftauchten. Groß war der Schock, als im letz-
ten Karton zwei Ordner mit dem kompletten
Verzeichnis des Dorfstädter Rittergutsarchivs
auftauchten.
An dieser Stelle lohnt sich ein kleiner Exkurs
in die Bestandsgeschichte, die erst im Nach-
hinein durch umfangreiche Recherchen im
Hauptstaatsarchiv Dresden und durch eine
Auskunft des Stadtarchivs Falkenstein ermit-
telt werden konnte:
Der letzte Besitzer des Ritterguts Dorfstadt,
Hans von Trützschler Freiherr zum Falkenstein,
besaß eine große Menge Unterlagen, die im
Dorfstädter Schloss lagerte. Er entschloss sich
1937, einen Teil davon, es handelte sich vor
allem um Akten der Patrimonialgerichtsbarkeit
des Ritterguts Dorfstadt, in ein Archiv abzu-
geben. Fritz Groh, dem Stadtarchivar von Fal-
kenstein, gelang es, diese Akten für sein Archiv
zu sichern. Darüber kam es zu einem Streit mit
der Gemeinde Dorfstadt, welche die für die
Heimatgeschichte außerordentlich wertvollen
Quellen selbst haben wollte. Das Hauptstaats-
archiv in Dresden intervenierte zu Gunsten
von Groh, da die Gemeinde Dorfstadt weder
adäquate Lagerungsmöglichkeiten noch ge-
eignetes Personal hatte, um die Unterlagen
sachgerecht aufzubewahren. So gelangte
dann ein Großteil der Akten, die Hans von
Trützschler abgeben wollte, im Frühjahr 1937
in das Stadtarchiv Falkenstein. Die Gemeinde
Dorfstadt konnte sich nur einen kleineren, un-
bedeutenden Rest sichern.
Jedoch wollte sich von Trützschler nicht von
allen Akten trennen. Besonders jene Unter-
lagen, die Familienangelegenheiten betrafen,
blieben in seinem Besitz. Die Familie Trützschler
wurde im Herbst 1945 enteignet und vertrie-
ben, das Dorfstädter Schloss zunächst von
sowjetischen Besatzungstruppen genutzt.
Schon am 20. September 1945 machte Groh,
der nun auch als Archivpfleger für das Landes-
hauptarchiv tätig war, den Archivdirektor
Helmut Kretzschmar auf den wertvollen Ak-
tenbestand aufmerksam. Es konnte zu diesem
Zeitpunkt jedoch nichts zu seiner Sicherung
unternommen werden. Erst als die sowjeti-
schen Besatzungstruppen 1946 das Schloss
verließen, konnten entsprechende Maßnah-
men ergriffen werden. Groh stellte in einem
Bericht vom März 1947 an das Landeshaupt-
archiv fest, dass der Kommodenkasten mit
den Trützschlerschen Akten verschwunden
war. Angeblich hätte ihn der Bürgermeister
von Dorfstadt Hans von Trützschler zuge-
schickt, der inzwischen nach Plauen verzogen
sei. 1949 konnte ein Mitarbeiter des Landes-
Ahnenprobe August Heinrich Trützschler auf Dorfstadt, 18. Jh. (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 10015 Landtag, Nr. 732)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 7
hauptarchivs berichten, dass sich das Dorf-
städter Schlossarchiv in einem gesonderten
Schrank im Stadtarchiv Falkenstein befindet.
Vom ehemaligen Stadtarchivar Fritz Groh
wurden die Unterlagen verzeichnet und nun
als Bestand „Ritterguts- und Gerichtsherr-
schaft Trützschler zu Dorfstadt“ bezeichnet.
1967 wurde der Bestand an das Staatsarchiv
Dresden abgegeben. Zusammen mit 33 Akten
der Dorfstädter Patrimonialgerichtsherrschaft
aus der Lagerungsgemeinschaft Amtsgerichte
und Amtshauptmannschaften wurde virtuell
der Bestand Grundherrschaft Dorfstadt for-
miert. Zwei Jahre später wurden noch einige
Unterlagen der ehemaligen Forstrevierverwal-
tung Dorfstadt vom Staatsbetrieb Sachsen-
forst abgeben.
Trotz des späten Fundes des alten Verzeich-
nisses hat sich die Arbeit gelohnt, da eine er-
hebliche Verbesserung der Erschließung des
umfangreichen Bestandes erreicht werden
konnte. Als Lehre aus den Erschließungsarbei-
ten bleibt: Immer in den letzten Karton schau-
en, falls bei einem unerschlossenen Bestand
keinerlei Abgabeverzeichnisse oder sonstigen
Hilfsmittel vorhanden sind.
Insgesamt umfasst der Bestand Unterlagen
aus einem Zeitraum von 1502 bis 1945 mit
989 Akteneinheiten. 29 Akteneinheiten frem-
der Provenienz wurden aus dem Bestand he-
rausgelöst und entsprechend ihrer Provenienz
anderen Beständen zugeordnet. Es handelt
sich dabei meist um Patrimonialgerichts akten
anderer Grundherrschaften. Thematisch deckt
die Überlieferung ein breites Spektrum ab.
Dominierend sind aber Prozesse, welche die
Familie Trützschler vor dem Oberhofgericht
in Leipzig führte. Das betrifft Streitigkeiten
innerhalb der Familie Trützschler, mit anderen
Adeligen oder mit Behörden. Bei den Ausein-
andersetzungen handelt es sich meist um Erb-
und Grenzstreitigkeiten, Schuldforderungen
sowie Auseinandersetzungen über Jagd- und
Waldnutzungsrechte. Darüber hinaus sind
viele Prozesse vor dem Oberhofgericht mit
den Untertanen der verschiedenen Trützsch-
lerschen Rittergüter vorhanden.
Neben dem Rittergut Dorfstadt befinden sich
besonders zahlreiche Akten zu den Ritter-
gütern Oberlauterbach und Falkenstein im
Bestand. Alle drei Rittergüter gehörten durch-
gängig bis 1945 der Familie Trützschler, grenz-
ten aneinander und die Besitzer waren immer
Mitbelehnte an dem jeweilig anderen Besitz.
Zudem waren sowohl die Gerichtsbarkeit als
auch die Abgaben- und Fronpflichten der
Untertanen innerhalb der Dörfer im Umfeld
der Rittergüter sehr zersplittert, so dass oft
zwei oder gar alle drei Rittergüter Anteile an
einem Ort besaßen. In Dorfstadt selbst be-
saßen Mitte des 18. Jahrhunderts die Ritter-
güter Dorfstadt, Falkenstein, Oberlauterbach,
Mühlberg und Ellefeld Anteile an der Gerichts-
barkeit. Alle fünf Rittergüter waren zu diesem
Zeitpunkt im Besitz der Familie Trützschler.
Neben den schon genannten Rittergütern
befinden sich auch zu den vogtländischen
Rittergütern Bergen und Mechelgrün (oberer
Teil) Dokumente im Bestand. Zum Rittergut
Kleinhermsdorf bei Borna, welches ebenfalls
zeitweise im Trützschlerschen Besitz war, gibt
es ebenfalls einige Unterlagen. Sie betreffen
vor allem Jagd- und Grenzstreitigkeiten vor
dem Oberhofgericht in Leipzig. Zusätzlich
sind im Familienarchiv der Trützschlers eini-
ge Akten zu Erb- und Besitzangelegenheiten
des Ritterguts Schloditz (bei Plauen) aus der
Mitte des 18. Jahrhunderts überliefert. Dieses
Rittergut gehörte zwar nie der Familie Trütz-
schler, aber Charlotte Erdmuthe von Wolfers-
dorff, die 1757 mit dem Besitz belehnt wurde,
war eine geborene Trützschler.
Die Überlieferung zur Familie Trützschler auf
Dorfstadt ist besonders für das 18. Jahrhun-
dert relativ dicht. Eine Besonderheit des Be-
standes sind Akten, die Angelegenheiten der
Stadt Falkenstein betreffen, welche teilweise
einen Bezug zu den Rittergütern Falkenstein
und Dorfstadt haben (z. B. Grundsteuer-
angelegenheiten), zum Teil aber wohl einfach
über die Stadtratstätigkeit von Franz Oswald
von Trützschler Freiherr zum Falkenstein und
seinen Sohn Hans Erik in das Familienarchiv
gelangten.
Die Überlieferung enthält jedoch nicht nur
Akten des Familienarchivs, sondern auch des
Patrimonialgerichts Dorfstadt, welche nicht
an die Justizbehörden abgegeben worden
sind, sondern im Privatbesitz verblieben. Im
Vergleich zu anderen Grundherrschaftsbe-
ständen sind recht viele Fälle vorhanden, die
zum Bereich der Strafgerichtsbarkeit gehören,
etwa Delikte wie Beleidigung und Körperver-
letzung oder außereheliche Beziehungen.
Neben den klassischen Wirtshausschlägereien
stößt man hier auf einige sozialgeschichtlich
besonders interessante Fälle. So zeigte 1792
ein Mann die Stiefmutter seiner Enkelkinder
an, da diese ihre Stiefkinder fortwährend
schlug und misshandelte (Nr. 101).
Gerade zusammen mit der Überlieferung
des Stadtarchivs Falkenstein sowie den ent-
sprechenden Grundherrschaftsbeständen
(z. B. 30647 Grundherrschaft Falkenstein
bei Auerbach/V., 30701 Grundherrschaft
Lauter bach bei Oelsnitz/V.) und den Akten
des Lehnhofs im Hauptstaatsarchiv Dresden
zu den Trützschlerschen Rittergütern bietet
der Bestand 30633 Grundherrschaft Dorf-
stadt wertvolle Quellen zur vogtländischen
Regionalgeschichte und zur Trützschlerschen
Familiengeschichte.
Carsten Voigt
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Die Erschließungsinformationen des Bestands
finden Sie online unter folgender Adresse:
http://www.archiv.sachsen.de/archiv/bestand.
jsp?oid=06.02&bestandid=30633. Sie können
den Bestand aber auch über die Beständeüber-
sicht oder die Suche unserer Website aufrufen.
Erbvergleich zwischen den Brüdern Trützschler über Dorf-
stadt und Bergen, 1601 (Sächsisches Staatsarchiv, Staats-
archiv Chemnitz, 30633 Grundherrschaft Dorfstadt, Nr. 751)
Plan zur Gemeinheitsteilung eines Gemeindegrundstücks in Dorfstadt, 1844–1855 (Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Chemnitz, 30633 Grundherrschaft Dorfstadt, Nr. 923)

Die Inverlagnahme russischer und
sowjetischer Komponisten
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 8
Archivarbeit – ein Begriff, für den die meisten
Studierenden nichts als ein müdes Gähnen oder
ein Achselzucken übrig haben. Assoziiert wer-
den damit in der Regel die Adjektive: alt, ver-
staubt, überladen, unübersichtlich, langweilig,
leblos. Als Studierende*r einer Geisteswissen-
schaft mit historischem Schwerpunkt kommt
man jedoch nicht an der Auseinandersetzung
mit Archiven vorbei, da neues Wissen nicht
aus der Standardliteratur generiert werden
kann. Für frische wissenschaftliche Erkennt-
nisse ist es notwendig, sich dem „Mysterium
Archiv“ zu stellen. Studiert man in Leipzig, hat
man die Möglichkeit, vor Ort eine Abteilung
des Sächsischen Staatsarchivs (SächsStA-L)
aufzusuchen. Aufgrund der enormen Musik-
verlagsbestände besteht seit Jahren eine Ko-
operation mit dem Musik wissenschaftlichen
Institut der Universität Leipzig. Als historisch
orientierte Master studentin am genannten
Institut beschloss ich, im Staatsarchiv Leipzig
ein Forschungspraktikum zu absolvieren, aus
welchem sich letztendlich die Fragestellung
für meine Masterarbeit entwickeln sollte. Auf-
grund meiner Russischkenntnisse kam schon
im Vorfeld die Idee auf, mich mit bisher un-
zureichend erschlossenen Akten des Bestands
des Musikverlags VEB Edition Peters ausei-
nanderzusetzen, welche die Inverlagnahme
russischer und sowjetischer Komponisten zu
DDR-Zeiten betreffen.
Ähnlich wie bei den oben erwähnten Assozia-
tionen mit Archiven rufen die Wörter „DDR“
oder „Sowjetunion“ Erinnerungen an die
Schulzeit hervor, in welcher man einst ge-
lernt hatte, dass zwischen Ost und West ein
massiver „Eiserner Vorhang“ bestand. Diese
Metapher suggeriert eine strikte Trennung
zweier Weltteile und eine „Abschottung“ des
„Ostens“ vom Rest der Welt. Diese dichoto-
me, im gesellschaftlichen Diskurs weit ver-
breitete Sichtweise ist vor allem simpel. Da-
raus ergeben sich zunächst zwei Annahmen:
1. Kontakt zwischen Ost(-Deutschland) und
West(-Deutschland) war nicht oder nur un-
ter extrem schweren Bedingungen möglich.
2. Die UdSSR und die DDR hielten zusammen
wie Pech und Schwefel.
Setzt man sich nun mit der Geschichte des
in Leipzig ansässigen Petersverlags auseinan-
der, kann bereits die erste Annahme wider-
legt werden: Mit der 1950 in Frankfurt/Main
gegründeten Niederlassung von C. F. Peters
bestand von Anfang an reger Kontakt und
in Leipzig produzierte Noten wurden schon
1953 in deren Katalog aufgeführt. Selbst nach
dem Mauerbau 1961 wurden die Handels-
beziehungen nach Frankfurt weiter ausgebaut
und sogar von der Regierung gefördert. Der
Petersverlag trug aufgrund seiner internati-
onalen Anerkennung einen beachtlichen Teil
zur Exportwirtschaft der DDR im Verlagswe-
sen bei. Hierbei wird deutlich, dass finanzielle
Interessen auch in einem angeblich antikapi-
talistischen Staat nicht unbedeutend waren.
Die Entwicklung in der Musik in der Sowjet-
union verlief im dialektischen Wechsel zwi-
schen Repressalien und Liberalisierungen. In
den 1930er Jahren wurde der „Sozialistische
Realismus“ als ästhetische Vorgabe für die
Künste formuliert. Die kreativen Köpfe soll-
ten in diesem Sinne Werke schaffen, welche
den Sozialismus als Ideal propagieren. Doch
das Konzept war von Anfang an brüchig und
spätestens nach dem Tod Stalins 1953 setz-
te das „Tauwetter“ ein, welches den Kompo-
nisten mehr Freiheiten einräumte. Beim seit
1956 jährlich veranstalteten Musikfestival
Warschauer Herbst trafen Komponisten aus
Ost und West zum ersten Mal aufeinander.
Viele sowjetische Komponisten wurden da-
mals durch diese Begegnung inspiriert, so-
dass sie – im Westen bereits lange etablierte
– „neue“ Kompositionstechniken aufnahmen.
Unter dem Begriff „Avantgarde“ wurden die-
se Komponisten im Osten diffamiert und im
Westen wiederum für eigene Propaganda-
zwecke gegen die UdSSR missbraucht.
Die zentrale Figur war dabei der Komponist
Edison Denissow, welcher als konsequentester
Vertreter der „Avantgarde“ gilt. Die Repres-
salien, mit welchen er zu kämpfen hatte, er-
schwerten seinen Schaffensprozess zwar ein
wenig, allerdings wurde das Ausmaß durch
die „Neue Musik“-Szene übertrieben darge-
stellt. Seine Karriere florierte im Westen durch
den Ruf des „unterdrückten Rebellen“, wo er
erfolgreicher wurde als im eigenen Land. Im
Bestand VEB Edition Peters des Staatsarchivs
Leipzig sind mehrere Korrespondenzmappen
zu Denissow erhalten. Der Briefwechsel zeugt
nicht nur von geschäftlichen Absprachen zur
Inverlagnahme seiner Kompositionen und
sogar Auftragswerken, sondern auch von ei-
nem ausgesprochen freundschaftlichen und
persönlichen Ton.
Nun mag es nicht überraschen, dass ein
Komponist der UdSSR mit einem Verlag der
DDR eng zusammenarbeitete, geht man von
der Annahme aus, die beiden Staaten seien
bedingungslose Verbündete gewesen. Wird
allerdings Denissows Ruf innerhalb der UdSSR
berücksichtigt, stellt sich die Frage, warum
dieser nicht bis zur Spitze der DDR durchge-
drungen ist. Beim näheren Blick in die Akten
wird ersichtlich, dass der Petersverlag unter
der Direktion Bernd Pachnickes geschickt
agierte. Dem Ministerium für Kultur wurde
sowjetische Musik grundsätzlich als förder-
lich für den Sozialismus verkauft, sodass eine
Inverlagnahme dieser Komponisten keine
weiteren Fragen aufwarf. Argumentiert wurde
vor allem mit der „Fortschrittlichkeit“ derarti-
ger Musik. Bei der Aufstellung einer Statistik
verlegter Werke konnte ich feststellen, dass
zwar die mit dem sozialistischen Realismus
verbundenen Komponisten wie die „sowje-
tischen Klassiker“ Dmitri Schostakowitsch,
Sergej Prokofjew und Aram Chatschaturjan
mit Abstand am häufigsten verlegt wurden,
allerdings ausschließlich in Form populärer
Massenwerke für Klavier, Taschenpartituren
und kleiner Kammerbesetzungen. Dieses
Vorgehen sicherte eine beständige Einnah-
mequelle und so konnte sich der erfolgrei-
che Verlag bedeutenderen Projekten widmen.
Umfangreiche Sinfonien, Opern, Konzerte
und andere große Werke findet man ab den
1970er Jahren bei jungen Komponisten der
„Avantgarde“.
Die einzige größere Hürde stellte die 1974
gegründete Allunionsagentur zur Wahrung
der Urheberrechte auf dem Gebiet der Sow-
jetunion, abgekürzt aus dem Russischen als
WAAP, dar. Diese verwaltete die Rechtever-
gabe sowjetischer Werke an Verlage aus dem
Ausland. Verfolgt man die Korrespondenz
zwischen dem Verlag und der WAAP, erweist
sich die Kommunikation als problematisch.
Pachnicke verlangte hartnäckig die Weltrech-
te für sowjetische Werke, die außerhalb der
UdSSR vertrieben werden sollten und wurde
von der WAAP immer wieder hingehalten,
bis schließlich herauskam, dass die Rechte
an Hans Sikorski verkauft worden waren –
einen Hamburger Verlag. Über die Gründe für
dieses Vorgehen der WAAP kann nur speku-
liert werden; es ist jedoch wahrscheinlich,
dass finanzielle Interessen dahinter steck-
ten. Ein Verlag aus Westdeutschland brachte

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 9
schlichtweg mehr Geld ein. Die Unklarheiten
bezüglich der Rechtsfragen dauerten noch
bis in die späten 1980er Jahre an. Nach einem
gegen Pachnicke geführten Gerichtsprozess
in anderer Sache fand die WAAP in ihm einen
perfekten Sündenbock, ebenso in Denissow.
Es wurde unterstellt, der Komponist habe der
Edition Peters Werke angeboten, die von der
WAAP nicht freigegeben waren. Der Brief-
wechsel jedoch belegt, dass Denissow den
Verlag immer wieder auf Absprachen mit der
WAAP hinwies.
Die gescheiterte Kommunikation sorgte bei
Pachnicke für Frustration. So formulierte er
am 21. Mai 1976 einen kritischen Brief [s. Ab-
bildung] an Julia Gaidukowa von der WAAP,
der jedoch nie abgeschickt wurde – vermutlich
aus diplomatischen Gründen, um die ohnehin
spannungsgeladene Beziehung zur WAAP
nicht endgültig eskalieren zu lassen.
Das Archiv erweist sich durch derartige For-
schung als eine wahre Schatzkammer, wenn
es um den Einblick in Lebenswelten vergange-
ner Zeiten geht. Der „Eiserne Vorhang“ offen-
bart sich in diesem Beispiel als ausgesprochen
löchrig, was das gängige Geschichtsbild in
Frage stellt. Verstaubt ist eher der gesell-
schaftliche Diskurs – vor allem in den Lehr-
plänen der allgemeinbildenden Schulen – und
nicht die Archive, aus denen noch einiges an
Leben herauszuholen ist.
Elisabeth Posnjakow
(Universität Leipzig,
Institut für Musikwissenschaft)
Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 21109 VEB Edition Peters, Leipzig, Nr. 3431

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 10
Forstakten – wichtige Quellen für den
Vermessungstechniker
Teil 1
Informationen über bestimmte Sachverhalte
werden oftmals nicht in
den
Archivalien
gefunden, wo sie eigentlich enthalten sein
müssten. Sei es, dass die Angaben in den
entsprechenden Dokumenten nicht vermerkt
wurden oder aber durch den Verlust von Un-
terlagen die Information verloren ging. In
solchen Fällen kann nur durch eine Recher-
che in alternativen Quellen versucht werden,
die Lücke zu füllen. Ein interessanter Fall ist
in diesem Zusammenhang die Überlieferung
von Grenzverhältnissen in den Katasterunter-
lagen. Da das Zahlenwerk der Landesvermes-
sung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
nicht überliefert ist und die Katasterkarten
(Vermessungsrisse) nicht all die Angaben
enthalten, die ein Vermesser für seine Arbeit
benötigt, besteht die Notwendigkeit einer
Recherche nach Ersatzunterlagen. In diesem
Beitrag wird auf Archivalien hingewiesen, die
vermessungstechnische Informationen über
Gemarkungsgrenzen enthalten, aber in Be-
ständen von Forstbehörden überliefert sind.
Die rechtmäßige Grenze eines Flurstücks wird
in der Regel im graphischen, numerischen und
registrativen Teil des Liegenschaftskatasters
nachgewiesen. Im Laufe der Zeit sind infolge
von Flächenveränderungen bestimmte Ab-
schnitte von Gemeindeflurgrenzen zum Teil
mehr oder weniger unkenntlich geworden.
Eigentumsprobleme bei Grund und Boden,
auch Unklarheiten über Flurstücksgrenzen,
die oft mit der Bodennutzung zu DDR-Zeiten
zusammenhängen, verhindern den Grund-
stücksverkehr und behindern die Ansiedlung
von Investoren. Lässt sich eine Flurgrenze
nach dem Liegenschaftskataster nicht wie-
derherstellen, erfolgt eine Grenzfeststellung
unter Beteiligung der Grundstückseigen-
tümer. Kann eine bestehende Grenze nicht
festgestellt werden und bleibt „streitig“, weil
die Beteiligten sich nicht einigen, macht sich
eine vermessungstechnische Grenzermittlung
der Flurgrenze durch die öffentlich bestell-
ten Vermessungsingenieure erforderlich. In
der Katastervermessungsvorschrift wird der
Vermessungstechniker angewiesen, Wider-
sprüche im Katasternachweis durch sachge-
mäße Auswertung aller Unterlagen zu klären.
Das bezieht auch die aus dem 19. Jahrhundert
überlieferten Katasterunterlagen mit ein. Die
Grenzermittlung stützt sich vor allem auf die
graphischen Katasternachweise. Für den Ver-
messer ist hierbei auch die Kenntnis über die
Ursprünge des überlieferten Vermessungs-
materials und deren entstehungsgeschicht-
liche Zusammenhänge von Bedeutung, da
es sonst zu falschen Interpretationen von
Abweichungen zwischen den örtlichen Ge-
gebenheiten und grafisch ermittelten Maßen
kommen kann.
In den Jahren 1835 bis 1841 wurde in Sachsen
zwecks Einführung eines neuen Grundsteuer-
systems eine allgemeine Landesvermessung
durchgeführt. Das geschah unter Aufsicht der
am 7. März 1835 errichteten „Königlichen Zen-
tralkommission zur Vorbereitung eines neuen
Grundsteuersystems“, die dem Finanzministe-
rium unterstellt war. Diese Landesvermessung
bestand grundsätzlich aus zwei unabhängig
voneinander ausgeführten Vermessungs-
maßnahmen. Von den Detailgeodäten wurde
die Detailaufnahme durchgeführt und durch
Flurgrenzgeodäten erfolgte die Flurgrenz-
aufnahme. Durch die Detailaufnahme sind
die Flächeninhalte der einzelnen Flurstü-
cke für die spätere Bonitierung vermessen
worden. Die Flurgrenzaufnahme wurde nur
durchgeführt, um die bei der Detailaufnah-
me ermittelten Maße durch die Berechnung
des Gesamtflächeninhaltes zu kontrollieren.
Der Vergleich wurde von der Zentralkommis-
sion vorgenommen, die die Vermessung als
richtig anerkannte, wenn die Differenz 3 1/3
Prozent nicht überstieg. Überschritt die Dif-
ferenz 3 1/3 Prozent, wurde die Vermessung
der entsprechenden Vermessungsabschnitte
wiederholt. Dies ist ein deutlicher Beleg für
die Genauigkeit, mit der die Flurkarten ge-
zeichnet wurden. Für das Aufnahmeverfah-
ren war allein der Zweck der Katastrierung,
und zwar die Ermittlung der Flächeninhalte für
die Steuererhebung, von Bedeutung. Eine al-
ternative Weiternutzung der Messtischblätter
war nicht beabsichtigt. Daher wurde auf den
Flurkarten auch nur das eingezeichnet, was
für die Parzellenflächenberechnung und die
Steuerermittlung unbedingt notwendig war.
Die Katasterkarten enthalten die Bezeichnung
der Gemarkung, die Flurstücksnummer, den
Parzellengrundriss, und in der Regel wird
auch der Maßstab genannt. Es wurden keine
Grenzsteinnummern eingetragen und ebenso
wenig die Steinbreiten, also die Entfernung
zweier benachbarter Grenzsteine voneinander.
Das sind aber gerade die Zahlenangaben, die
der Vermesser heute für seine Arbeit dringend
benötigt. Mit dem Gesetz zur „Einführung ei-
nes neuen Grundsteuersystems“ vom 9. Sep-
tember 1843 wurde die neue Grundsteuer
eingeführt. Das Gesetz schrieb vor, dass für
jeden Flurbezirk neben dem Flurbuch ein Ka-
taster aufzustellen sei. Grundlage für künftige
Zergliederungen und der damit verbundenen
Fortführung der Messtischblätter bildete das
Gesetz vom 30. November 1843. Die ehemals
nur als Grundlage für die Flächenberechnung
Ausschnitt aus der Flurkarte der Gemarkung Langebrück, 1865 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 13657 Katasterkarten, Nr. B 442)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 11
erstellten Messtischblätter erlangten so-
mit im Nachhinein für die Fortführung des
Katasters eine enorme Bedeutung. Was die
Verwahrung der Karten der Flurgrenzaufnah-
me betrifft, so wurde in der Anweisung zur
Führung der Grundsteuerbücher festgelegt:
„Die Flurkarten (Menselblätter, Koordinaten-
aufnahmen der Steuervermessung) werden
nebst den zugehörigen Messungshandrissen
und Rechnungsnachweisen beim Zentral-
büro für Steuervermessung aufbewahrt.“ Das
Zentralbüro für Steuervermessung (ab 1918
Landesvermessungsamt) hatte seine Dienst-
räume im Finanzministerialgebäude, das am
13. Februar 1945 völlig zerstört wurde. Die
darüber hinaus überlieferten Karten der De-
tailvermessung sind heute in dem im Haupt-
staatsarchiv Dresden verwahrten Bestand
13657 Katasterkarten enthalten.
Bei Grenzermittlungsverfahren sind neben den
zentralen Ortslagen auch die am Rande der
Gemarkung liegenden Feld- und Waldlagen
des Gemeindegebietes von Bedeutung. Somit
fällt meist ein hoher Prozentsatz der Verfah-
rensgebietsgrenze mit den Gemarkungs-
grenzen zusammen. Aufgrund des geringen
Grundstücksverkehrs an den Ortsrändern sind
kaum Grenzveränderungen eingetreten und
daher auch nur sehr wenig Zahlennachweise
entstanden. Für den Vermessungstechniker
bietet sich hier alternativ die Nutzung von
Akten und Karten aus den Beständen der
Forstverwaltungseinrichtungen an. Über-
wiegend grenzen Gemeindegemarkungen an
Forstreviere und haben daher abschnittwei-
se mit den Forstarealen einen gemeinsamen
Grenzverlauf. Von Seiten der Forstbehörden
wurde an den Außengrenzen eine permanente
Grenzpflege durchgeführt und in diesem Zu-
sammenhang eine zahlenmäßige sowie auch
graphische Grenzdokumentation angelegt, die
nahezu lückenlos überliefert ist.
Bis 1809 hat die Forstvermessung in Sach-
sen der Hauptmann des Ingenieurkorps Carl
Friedrich Schelling geleitet. Im Jahre 1811
übernahm der Forstrat Heinrich Cotta die
Direktion der Forstvermessung. Speziell für
die Durchführung der Vermessung und Kar-
tierung der königlichen Waldungen wurde
im Jahre 1812 die Forstvermessungsanstalt
(später in Forsteinrichtungsamt umbenannt)
gegründet. Abgeschlossen wurde die Vermes-
sung der sächsischen Wälder im Jahre 1831.
Bei den Forstvermessungsarbeiten sind die
bis dahin vorhandenen Karten der Landes-
vermessung nicht mit einbezogen worden. In
seinem Vortrag vom 19. Februar 1810 weist
der Kabinetts-Sekretär Johann Kriebitzsch
ausdrücklich darauf hin: „Von den Karten
der Landesvermessung sei, nach Schellings
Gutachten, bei der Forstvermessung kein
Gebrauch zu machen.“
Die Forstgrenzkarten sollten unterschiedli-
chen Zwecken dienen. Sie sollten die Grenzen
richtig darstellen und den Revierverwalter
in den Stand versetzen, undeutlich gewor-
dene Grenzlinien wieder herzustellen sowie
verloren gegangene Grenzpunkte wieder
aufzufinden. Da unterschiedliche Ansprüche
an die Karten auch das Zeichnen der Karten
in unterschiedlichen Maßstäben erforderte,
wurden separat zu den forstwirtschaftlichen
Karten zwei Arten an Forstgrenzkarten ange-
fertigt. Es handelt sich hierbei um die Spe-
zialkarten und die Sektionskarten, die heute
im Hauptstaatsarchiv Dresden im Bestand
10859 Forsteinrichtungsamt überliefert sind.
Die Spezialkarten enthalten eine Gesamtüber-
sicht des Forstreviers. Eingezeichnet wurden
die forstlichen Außengrenzen mit allen Grenz-
zeichen sowie die Sektions- bzw. Abteilungs-
grenzen. Die Spezialkarten waren aber wegen
ihres unhandlichen Formates während der
Arbeit im Gelände, z. B. bei den Forstgrenz-
revisionen, praktisch schlecht verwendbar.
Darum wurde die Spezialkarte in Sektionen
eingeteilt und wurden davon Sektionsblätter
angefertigt. Die Sektionskarten, oder auch
Forstkartenblätter genannt, sind also Kopien
der Spezialkarte entlang ihrer Außengrenze.
Gezeichnet wurden die Karten im Maßstab
1: 4 853 1/3 bzw. bei Neuaufnahmen im
Maßstab 1: 5 000. Da die Grenzzeichennum-
merierung auf den Karten enthalten ist, lässt
sich die Zugehörigkeit der im Gelände vor-
handenen Grenzsteine zur Forstkarte feststel-
len. Die Abstände der einzelnen Grenzsteine
zueinander (Steinbreiten) sind in die Karten
nicht eingezeichnet worden. Weshalb diese
nicht mit eingetragen wurden, darüber ist in
einer Akte der Oberforstmeisterei Bärenfels
eine Begründung überliefert. Am 28. Februar
1858 wendet sich der Oberforstmeister von
Klotz in seinem Hauptjahresbericht mit der
Frage an die Direktion der Forstvermessung,
ob es als zweckmäßig anzusehen sei, bei der
Herstellung der Sektionskarten die Grenz-
maße, damit waren die Abstände zwischen
den Grenzsteinen gemeint, mit in die Karten
aufzunehmen. Ihm wird von Seiten der Di-
rektion mitgeteilt: „Was die […] Frage betrifft,
ob es für zweckmäßig zu erachten sei, bei der
Erneuerung der Specialkarten die Grenzmaße
auf diesen selbst anzuschreiben, so erlaubt
sich die Direktion hierüber Folgendes zu be-
denken. Das Anschreiben der Grenzmaße auf
den Specialkarten kann dieselbe nicht für an-
gemessen, öfters nicht einmal für ausführbar
erachten. Häufig ist nämlich bei dem kleinen
Maßstabe, welcher den Forstvermessungen zu
Grunde liegt, der Raum zwischen den Grenz-
punkten gar nicht ausreichend, um die aus
Ruthen, Füßen und Zollen, mithin aus we-
nigstens drei Ziffern bestehenden Grenzmaße
deutlich anbringen zu können, es leidet ferner
durch das Anschreiben der Zahlen die Deut-
lichkeit der Karten und durch das Nachbrin-
gen von Grenzveränderungen, die […] zu viel-
fachen Rasuren führen, welche letztere auch
die Dauer der Karten beeinträchtigen würden.“
Neben den Grenzkarten ist in den Beständen
der Forstbehörden auch ein umfangreiches
Zahlenwerk über die Grenzvermessung über-
liefert.
Gunter Biele
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
(Der Beitrag wird fortgesetzt.)
Ausschnitt aus der Spezialkarte des Forstreviers Langebrück, o. D. (SächsStA-D,10859 Forsteinrichtungsamt,
Reihe A, Mappe 26/1)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 12
Die DDR aus der Vogelperspektive – Ein Konzept
zur Erschließung von analogen Luftbildern
Seit der Einführung von Google Maps und an-
deren vergleichbaren Diensten vor über zwölf
Jahren sind Geoinformationssysteme (GIS)
kaum mehr aus unserem Alltag wegzudenken.
Sie ermöglichen es uns bequem, unsere Reise-
route zu planen, fremde und exotische Städte
zumindest von oben zu betrachten oder auch
zu sehen, wie das eigene Wohnhaus wohl aus
der Vogelperspektive aussieht.
Neben diesen privaten Nutzungsmöglichkei-
ten bieten Systeme, die Satelliten- oder Luft-
bilder mit anderen räumlichen Daten verknüp-
fen, auch eine Vielzahl an wissenschaftlichen
und wirtschaftlichen Auswertungsmöglich-
keiten. Man denke hier z. B. an die Archäologie,
die Umweltforschung, die Kartografie und
Geografie, die Logistik oder die Siedlungsfor-
schung. Noch mehr Auswertungsmöglichkei-
ten bieten solche Systeme, wenn sie nicht nur
aktuelle Bilder der Erdoberfläche zeigen, son-
dern diese auch mit historischen Aufnahmen
kombinieren. Archive besitzen solche Aufnah-
men. Nur liegen diese meist in analoger Form
als klassisches Foto vor, sind nach heutigen
Maßstäben für viele dieser Zwecke nur unzu-
reichend erschlossen und damit nicht in Geo-
informationssystemen nutzbar. Daher wurde
im Rahmen einer Transferarbeit an der Archiv-
schule Marburg ein Konzept für die Digi -
talisierung und Erschließung von analogen
Luftbildern entwickelt.
Die Ausgangslage
Im Hauptstaatsarchiv Dresden lagert ein Be-
stand von circa 36 000 analogen Luft bildern
aus dem Zeitraum von 1979 bis 1991. Sie zeigen
das Gebiet der damaligen Bezirke Karl-Marx-
Stadt, Leipzig und Dresden – also in etwa das
Gebiet des heutigen Freistaats Sachsen – in
der Spätphase der DDR. Es handelt sich da-
bei um 23 x 23 cm Schwarz-Weiß-Negative
im Maßstab von circa 1:16 000. Sie wurden
vom Betrieb „Fernerkundung, Industrie- und
Forschungsflug“ der Interflug im Auftrag des
VEB Geodäsie und Kartographie, meist auf
Rollfilmen, angefertigt und dienten der Erstel-
lung der amtlichen topografischen Karte der
DDR. Leider ist ein Großteil der Erschließungs-
informationen, die bei der Benutzung und
Auswertung der Luftbilder noch vorhanden
gewesen sind, in der Nachwendezeit verloren
gegangen. Eine kursorische Nacherschließung
im Hauptstaats archiv Dresden erlaubt zwar
mittlerweile eine Benutzung der Luftbilder,
nur ist sie relativ kompliziert zu handhaben
und somit alles andere als komfortabel. Bei-
spielsweise ist es nicht möglich, mittels einer
Suchabfrage nach einem konkreten Ort zu
suchen.
Die Digitalisierung
Um eine zeitgemäße Benutzung zu ermögli-
chen und die Luftbilder überhaupt in ein GIS
integrieren zu können, müssen diese zunächst
digitalisiert werden. Eine Digitalisierung der
Luftbilder ist auch notwendig, um eine weitere
Schädigung der Filmnegative zu verhindern.
Bereits jetzt zeigen sich einige Schäden durch
unsachgemäße Handhabung und die Alterung
des Trägermaterials. Für die Digitalisierung
wird in der Transferarbeit eine Auflösung von
einem Pixel pro 25 μm empfohlen, was einen
angemessenen Kompromiss zwischen einer
guten Auflösung und beanspruchtem Spei-
cherplatz darstellt.
Das Ergebnis einer manuellen Erschließung von drei Luftbildern aus dem Raum Groitzsch

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 13
Die Erschließung
Im nächsten Schritt müssen die digitalisierten
Luftbilder genau im Raum verortet werden.
Diesen Vorgang, bei dem jedes Pixel im Luft-
bild mit festen Geokoordinaten verknüpft
wird, nennt man Georeferenzierung. Damit
ergibt sich die Möglichkeit, die Luftbilder in ein
GIS einzufügen und darin ähnlich komfortabel,
wie man es beispielsweise von Google Maps
gewohnt ist, zu recherchieren. Es ergaben sich
für die Überlieferung des Hauptstaatsarchivs
Dresden drei grundsätzliche Möglichkeiten,
die Erschließung umzusetzen.
Die manuelle Georeferenzierung
Bei dieser Herangehensweise werden in ei-
nem Programm, im vorliegenden Fall mit der
freien Software QGIS, die Luftbilder und eine
aktuelle oder historische Karte quasi neben-
einander gelegt und dann händisch einzelne
Punkte, sogenannte Passpunkte, auf dem
Luftbild den korrespondierenden Punkten
auf der anderen Karte zugeordnet. Es müs-
sen dabei mindestens drei Punkte pro Bild
verknüpft werden, wobei die Genauigkeit mit
der Anzahl der Punkte steigt. Anschließend
rechnet das Programm die Rasterdaten des
Luftbildes um und zieht es lagegetreu auf dem
Referenzsystem, also der vorhandenen Karte,
neu auf. Der Nachteil besteht darin, dass diese
Vorgehensweise äußerst zeitaufwändig ist
und daher mit den vorhandenen personellen
Ressourcen des Sächsischen Staatsarchivs nur
schwer umzusetzen ist.
Die automatische Georeferenzierung
Eine Lösung für dieses Problem wäre eine
automatische Erkennung und Zuordnung
der Passpunkte durch eine Software. Diese
Vorgehensweise beruht meist auf einer auto-
matischen Erkennung von Straßennetzen,
Kreuzungen oder anderen markanten Punk-
ten in den Luftbildern, die dann mit bereits
vorhandenen Daten, beispielsweise Straßen-
netzplänen, abgeglichen werden. Anhand die-
ses Vergleichs können die Pixel des Luftbilds
dann wieder den Raumkoordinaten zugeord-
net werden. Auch wenn diese Methoden im
„Laborversuch“ bereits gute Ergebnisse erzielt
haben, sind sie noch nicht praxisreif und für
die Massenerschließung ungeeignet. Trotzdem
sollten die Archive die Entwicklung im Auge
behalten und nach Möglichkeit sogar fördern.
Die Erschließung mittels
Flugtrassenübersichten
Den Kernpunkt der Transferarbeit stellt die
Vorstellung einer neuen Erschließungsart dar,
die zum einen zeit- und kostensparend ist und
zum anderen der Qualität und dem Nutzungs-
komfort der manuellen Erschließungsmetho-
de möglichst nahe kommt. Dabei werden zwei
grundlegende Tatsachen bei der Herstellung
der Luftbilder genutzt. Zum einen wurde die
Kamera in Flugrichtung (Ost-West-Richtung)
in fest vorgegebenen Abständen ausgelöst.
Zum anderen war auch der Abstand zwischen
den Flugtrassen (Nord-Süd-Richtung) immer
gleich. Aus den oben erwähnten Qualitätspäs-
sen ist weiterhin bekannt, wie viele Luftbilder
in einer Flugtrasse aufgenommen worden
sind. Aus diesen Informationen lässt sich ein
Raster erstellen, das mit den Methoden der
manuellen Georeferenzierung in ein GIS inte-
griert werden kann. Es muss also nicht mehr
das Einzelbild erschlossen werden, sondern
alle Bilder eines Films werden auf einmal er-
schlossen. Im Ergebnis sieht der Nutzer dann
z. B. eine Satellitenaufnahme, die er wie ge-
wohnt nach konkreten Orten und anderem
durchsuchen kann, und über die ein trans-
parentes Bild gelegt wurde, anhand dessen
er oder sie die Film- und Bildnummern der
benötigten Luftaufnahmen ablesen und das
entsprechende Luftbild im Archiv bestellen
kann.
Konstantin Batury
(Staatsarchiv Chemnitz)
Das Ergebnis der Erschließung derselben drei Luftbilder mittels Flugtrassenübersichten (Grün ist die Filmnummer, rot die Luftbildnummern)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 14
Papier, elektronisch oder beides? – Hybridakten
als Herausforderung für die Archivierung
Die Hybridakte ist eine Kombination elektroni-
scher Bestandteile mit Papierdokumenten. Sie
kann in der Verwaltung überall dort entstehen,
wo Dokumente zumindest zum Teil elektro-
nisch vorkommen, diese jedoch nicht mehr
konsequent ausgedruckt werden. Darunter
fallen zum Beispiel E-Mails. Für die Archivie-
rung ist es unabdingbar zu wissen, in welcher
Form die Akten vorliegen, denn nur dann kann
eine vollständige Übernahme archivwürdiger
Akten gewährleistet werden. Daher wurden
in einer Transferarbeit im Rahmen der Ausbil-
dung für den höheren Archivdienst die Sach-
akten des Sächsischen Staatsministeriums für
Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) auf ihre
hybriden Bestandteile untersucht.
Das SMUL hat bereits 2004 als Pilotprojekt
die elektronische Akte eingeführt. Die E-Ak-
ten werden seit 2010 im gesamten SMUL im
Vorgangsbearbeitungssystem VIS.SAX elekt-
ronisch gebildet. Daneben führt das SMUL je-
doch auch Papierakten. Für die Untersuchung
sind ausgewählte Metadaten in VIS.SAX aus
dem Zeitraum 2006 bis 2014 ausgelesen und
anhand von 50 Stichproben ausgewertet wor-
den. Die Auswahl der Metadaten stützte sich
auf die bei Gesprächen ermittelte Praxis der
Aktenverzeichnung sowie die zu Grunde lie-
genden verwaltungsinternen Vorschriften. Ziel
der Transferarbeit war zu klären, in welchem
Umfang Hybridakten vorliegen, verschiedene
Hybridaktentypen zu identifizieren und die
Ursachen für Hybridakten zu ermitteln.
Erkennen von Hybridakten
Als Problem ergab sich die Erkennbarkeit der
Hybridakten auf Grundlage der Metadaten
im Vorgangsbearbeitungssystem VIS.SAX.
Zwar können in VIS.SAX im Metadatenfeld
„Medium“ die Einträge „Papier“, „elektro-
nisch“ oder „hybrid“ vergeben werden, dieses
Feld ist jedoch auf „Papier“ voreingestellt und
wird häufig nur auf dem Dokumentendeck-
blatt geändert, nicht jedoch auf Vorgangs-
oder Akten ebene. Normalerweise findet die
Bewertung der Akten im Archiv aber auf Ak-
ten- oder Vorgangsebene statt, daher ist es
für das Archiv auf den ersten Blick unmöglich,
reine E-Akten zu erkennen, geschweige denn,
Hybridakten zu identifizieren. Auch wenn die
Metadaten auf dem Dokumentendeckblatt mit
einbezogen werden, ergeben sich keine ein-
deutigen und einheitlichen Nachweise, da es
mehrere Möglichkeiten gibt, ein elektronisches
oder hybrides Dokument zu kennzeichnen. Wie
viele Hybridakten im SMUL insgesamt vorlie-
gen, konnte deswegen nicht ermittelt werden.
Die Hybridaktentypen im SMUL
Anhand der Stichproben konnten fünf ver-
schiedene Aktentypen abgegrenzt werden.
Typ A:
E-Akte mit Restpapierbestandteil
Typ B:
Führende Papierakte mit
elektronischen Datenträgern
Typ C:
E-Akte
Typ D:
Parallele Akte
Typ E:
Unvollständige (führende)
Papierakte in Kombination mit
unvollständiger E-Akte
Im Normalfall müssten alle Akten im SMUL
parallel, in Papierform, wie auch in elektroni-
scher Form redundant geführt werden (Typ D),
da die Papierakte führend ist. Die Stichproben
haben jedoch ergeben, dass in vielen Fällen
E-Mails nicht mehr ausgedruckt und auch
elektronisch erstellte Dokumente in Einzel-
fällen nur noch elektronisch abgespeichert
wurden. Dadurch sind die Papierakten häufig
nicht mehr vollständig; allerdings kann die
Vollständigkeit der E-Akte z. T. gleichermaßen
nicht gegeben sein (Typ E). Eine weitere Ur-
sache für Hybridakten bei Papieraktenführung
sind elektronische Datenträger (Typ B).
Seit 2004 arbeitet ein Referat im SMUL bereits
vollständig elektronisch ohne eine parallele
Papieraktenführung (Typ C). Da diese Arbeits-
weise zukünftig auch in allen anderen Refera-
ten eingeführt werden soll, lässt sich anhand
dieses Referates erkennen, welche Arten von
Hybridakten zukünftig anfallen werden. Hier
trat die Hybridakte in Form von E-Akten mit
Restpapierbestandteil aufgrund von nicht
scanbaren Bestandteilen (z. B. großformatige
Pläne oder Bücher), nicht eingelesenen Daten-
trägern oder nicht gescannten Dokumenten
auf (Typ A).
Bewertungsmöglichkeiten
Für das Archiv ergeben sich folgende Bewer-
tungsmöglichkeiten: 1. die Übernahme aller
Akten als Hybridakten, 2. die Übernahme
als Papierakten oder 3. die Übernahme als
E-Akten. Während im ersten Fall sehr viele
Akten doppelt archiviert würden, müssten
im zweiten und dritten Fall die fehlenden
Bestandteile ermittelt und diese ausgedruckt
bzw. eingescannt werden. Um hohe Speicher-
und Lagerplatzkosten zu vermeiden, sollte die
erste Variante möglichst vermieden werden.
In allen drei Fällen wären die Anzahl der Akten
und damit der Aufwand wesentlich geringer,
wenn genau festgestellt werden könnte, um
welche Aktentypen es sich handelt. Für die
Zukunft sollte daher eine einheitliche und
eindeutige Kennzeichnung im Metadatenfeld
„Medium“ veranlasst werden. Das erspart
nicht nur zusätzlichen Aufwand im Archiv, es
verbessert auch die Aktenführung in der Ver-
waltung. Weiterhin wäre es wünschenswert,
wenn die Eintragungen im Metadatenfeld
„Medium“ nicht nur auf Dokumentenebene,
sondern auch auf Vorgangs- und Aktenebene
übertragen werden. Berücksichtigung finden
müsste dabei, dass automatisch Hybridvor-
gänge oder Hybridakten entstehen, wenn
sowohl der Meta dateneintrag „Papier“ wie
auch der Meta dateneintrag „elektronisch“
innerhalb eines Vorgang oder einer Akte ver-
geben wurden.
Um die bisher angefallenen Akten zu be-
werten, wäre es sinnvoll, die elektronischen
Bestandteile nach dem Ausschlussprinzip
herauszufiltern.
Für die Bewertung der Hybridakten sind einer-
seits die Vollständigkeit der Akten und die Ver-
meidung der Redundanz relevant, andererseits
sollten auch die Auswertungsmöglichkeiten
und die Nutzerinteressen sowie die Rechts-
qualität bedacht werden. Wenn beispielsweise
das Schriftformerfordernis im Archiv gewahrt
werden soll, müssten einige Papierbestand-
teile zwingend mit übernommen werden.
Dagegen sind für die zukünftige Nutzung
elektronische und damit einfach zu durch-
suchende Daten vorteilhafter, so dass diese
selbst dann archivwürdig sein könnten, wenn
sie vollständig redundant sind. Eine Abwägung
dieser Faktoren ist wichtig, bleibt jedoch zu-
künftigen Untersuchungen vorbehalten.
Jelena Steigerwald
(Landesarchiv Sachsen-Anhalt,
vormals Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 15

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 16
Digitalisierung audiovisueller Medien –
Selbstverständnis und Werkstattbericht
Weil ja nun überall Digitalisierung auf der
Tages ordnung steht, erscheint die Frage nach
Zweck und Ziel fast schon unzulässig. Den-
noch soll hier am Beispiel der Archivierung
audiovisueller (AV-)Unterlagen im Sächsischen
Staatsarchiv verdeutlicht werden, was Digi-
talisierung im engeren Sinne konkret meint.
Durchgesetzt hat es sich, unter Digitalisierung
das Auslesen der auf physischen AV-Medien
überlieferten Inhalte und deren Speicherung
in Form von Dateien auf IT-Systemen zu ver-
stehen. Dazu sind Normen festzulegen (vgl.
z. B. Stefan Gööck in: Sächsisches Archivblatt
1/2013, S. 8–10), vor allem aber muss geklärt
sein, wofür die Digitalisate bestimmt sind. Soll
mittels Digitalisaten die Benutzung der über-
lieferten Original-Stücke vermieden, somit de-
ren Lebensdauer verlängert werden? Oder sol-
len die Digitalisate ein dauerhafter Ersatz für
Originalarchivalien sein, die künftig nicht mehr
nutzbar sind? Zur Beantwortung dieser Frage
sind die Eigenarten der jeweiligen Aufzeich-
nungssysteme und die daraus resultierenden
Sicherungskonzepte zu berücksichtigen. Im
Sächsischen Staatsarchiv unterscheiden wir
für die Digitalisierung zwischen Benutzungs-
Mastern (für kinematografische Archivalien)
und Ersatz-Originalen (für elektronische, also
Audio- und Videoarchivalien).
Erstens: Der Lebensdauerzyklus kinemato-
grafischer Filme, also fotochemisch erzeugter
Streifen für den Filmprojektor, soll aktuell noch
immer durch Klimatisierung verlängert wer-
den, um zumindest mittelfristig die Originale
zu erhalten. Gleichzeitig wird keine Benutzung
des überlieferten Materials zugelassen, außer
zur Erzeugung von Benutzungs-Mastern. Der
Anspruch an das Benutzungs-Master soll so
bemessen werden, dass über einen längeren
Zeitraum hinweg alle Benutzungswünsche
befriedigt werden können, im Höchstfall
also auch jene von TV-Produzenten, die un-
sere Archivalien nachfragen. Insofern lag es
von Anfang an nahe, Formate der Video-
Studio-Technik für die Benutzungs-Master
von Filmmaterial zu verwenden. Noch heu-
te sind die Video-Studio-Kassetten, die vor
20 Jahren dazu verwendet wurden, technisch
brauchbar, sie enthalten freilich nur das in-
zwischen veraltete SD-Fernsehformat, das
unsere kinematografischen Archivalien in der
erneuerten HD-Fernsehwelt nicht mehr op-
timal darstellen kann. Es wird sich also nicht
vermeiden lassen, in größerem Umfang neue
Film-Abtastungen bei speziellen Dienstleistern
in Auftrag zu geben, unter Verwendung eines
heute gebräuchlichen Video-Austauschfor-
mats. Ob die aktuell zu erzeugenden digitalen
Benutzungs-Master allerdings der Endpunkt
der Entwicklung sein werden, ist zu bezwei-
feln. Die Technik der Filmabtastung, also
die Umsetzung kinematografischer Inhalte
in Video-Master, wurde ständig verbessert,
überträgt heute mehr Details, Schärfe und
Kontrastumfang in überzeugenden Farben.
Diese Entwicklung dauert an. Obwohl es na-
türlich zutrifft, dass der Film eine Grenze hat,
jenseits derer keine zusätzlichen Details mehr
enthalten sind, hat die Praxis der letzten Jahr-
zehnte diese Grenze immer weiter in Richtung
höherer Auflösungen verschoben. Inzwischen
wird sogar Normal-8-Film, also das kleinste
kinematografische Ursprungsbild, mindestens
im Full-HD-Format, also mit 1 080 Zeilen ab-
getastet. Digitales Kino wird zunehmend mit
4 000 Bildzeilen realisiert; entsprechende
Ultra-HD-Fernsehgeräte sind sogar schon
im Privatalltag angekommen. Sicher scheint
nur zu sein, dass dieser medientechnische
Fortschritt spannend bleiben wird. Auf der
anderen Seite, wenn es nicht um die Zu-
gänglichmachung, sondern um die Sicherung
kinematografischer Inhalte in digitaler Form
ginge, existieren viele fachlich begründete
Vorschläge, aber bis heute keine allgemein
durchgesetzte Norm. Der klassische Film ist
noch nicht tot, jedenfalls nicht im Archiv.
Was die Benutzungs-Master angeht, so stellen
sie einen finanziellen und auch moralischen
Wert dar. Dies insbesondere dann, wenn bei
der Abtastung eine aufwändige manuelle
Korrektur von Licht, Farbe, Bildstand und Ton
erfolgt ist, eine sogenannte Postproduktion.
In der Praxis des Sachgebiets Audiovisuelle
Medien des Sächsischen Staatsarchivs wurde
deutlich, dass es dabei einen Unterschied gibt
zwischen professionellen Kinokopien, etwa
DEFA-Auftragsarbeiten für DDR-Firmen,
und örtlich hergestellten 16-mm-Filmen,
die häufig im Original überliefert sind. Beim
professionellen 35-mm-Kinofilm wurden Be-
lichtungs- und Farbfehler des Originalnegativs
üblicherweise bereits bei der Herstellung der
endgültigen Vorführkopien weitestgehend
korrigiert. Diese überlieferten 35-mm-Streifen
erscheinen ausgeglichen und bereiten folglich
auch bei der Umsetzung zum digitalen Master
weniger Sorgen. Ist allerdings nur das Film-
negativ überliefert, fällt ähnlicher Aufwand an
wie bei den wertvollen Umkehr-Unikatfilmen,
die neben Farb- und Lichtsprüngen, wie sie
bei der Aufnahme entstanden sind, auch Bild-
stands-Fehler und defekte Klebstellen enthal-
ten. Es ist nicht möglich, solche Unikate mit
einfachen und billigen „Einlicht-Abtastungen“,
also unter Verzicht auf Korrekturen, adäquat
umzusetzen. Der hohe Arbeitszeitaufwand
führt zu entsprechenden Kosten, ermöglicht
häufig aber auch hervorragende Qualität. Eine
weitere Kategorie kinematografischer Stücke
stellen formatreduzierte Massenkopien dar, die
in zahlreichen Beständen als Belehrungs- und
Image-Filme im 16-mm-Format vorkommen.
Häufig wurden diese Kopien bereits nachläs-
sig hergestellt und anschließend rücksichtslos
„abgespielt“. Schmutz und Laufstreifen sind in
der Abtastung auch mit modernsten Mitteln
kaum vollständig zu unterdrücken.
Zum Zweiten: Die elektronischen AV-Medien
können entweder Tonaufnahmen oder Video
enthalten. Träger sind ganz überwiegend
Magnetbänder, konfektioniert als Magnet-
Ton-Bänder für Spulen, Wickelkerne und Au-
dio-Kassetten, oder als Video-Magnetband
in Video-Kassetten, bespielt mit anfangs
analogen, später auch digitalen Aufnah-
men. Zumindest in den Archiven, die nicht
auf AV-Medien spezialisiert sind, fallen die
vorhandenen Wiedergabegeräte mit großer
Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahrzehnt
aus. Aus diesem Grund sind rechtzeitig hoch-
wertige Ersatz-Digitalisate zu erzeugen, die
dem Original adäquat sind, und deshalb leider
einen vielfach höheren Speicherbedarf haben
werden als z. B. heruntergerechnete Internet-
Dateien. Denn mit der Ersatz-Digitalisierung
elektronischer Überlieferung ist die Verant-
wortung verbunden, solche Parameter und
Formate, Codecs und Container verbindlich
festzulegen, die bei bester Qualität eine mög-
lichst lange Geltungsdauer erwarten lassen.
Dies ist nicht trivial, weil die flüchtige Ent-
wicklung der Audio- und besonders Video-
Software ständig neue Medien-Formate für
die unterschiedlichsten Zwecke hervorbringt,
vom digitalen Großbild-Kino bis zum Smart-
phone. Bewusst im Gegensatz hierzu sind
für Archivzwecke langfristig gültige, einheit-
liche Entscheidungen zu treffen und „Haus-
Formate“ festzulegen. Schließlich birgt auf
lange Sicht jede künftige Recodierung der
Digitalisate das Risiko nicht rückholbarer Ver-

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 17
luste und damit schrittweiser Veränderung der
überlieferten Inhalte. Insofern hätte der beste
Migrationszyklus eine möglichst lange Dauer.
In einem klassischen Archiv, das AV-Archivie-
rung als Nebenschauplatz betreibt, kann kaum
die Fachkompetenz erworben werden, die für
eigenständige Grundsatzentscheidungen im
AV-Bereich erforderlich wäre. Im Dschungel
der Formate sollte deshalb Orientierungshilfe
bei den Leuchttürmen der Branche gesucht
werden, deren Entscheidungen sich auf inter-
nationale Normierungsgremien stützen. Doch
auch dann schwingt der Zweifel mit, in wel-
cher Tradition Formatentscheidungen stehen,
wer möglicherweise von welchen Interessen
geleitet wird. Viele Medienformate sind auch
in der digitalen Welt an Hersteller gebunden,
einige werden von Freiwilligen als Open Source
entwickelt. Wer will behaupten, welcher Weg
zuverlässig, welcher eine Sackgasse wäre? Je-
denfalls ist mitzuteilen, dass im Sächsischen
Staatsarchiv für die Digitalisierung der elekt-
ronischen AV-Überlieferung bisher der Main-
stream gewählt und das Deutsche Rundfunk-
archiv zum Vorbild genommen wurde. Bleibt
die Frage nach der Sicherung. Offensichtlich
kann auch das beste Ersatz-Digitalisat erst
dann seinem Namen gerecht werden, wenn
es nach aktuellem Stand der modernen In-
formationstechnologie dauerhaft redundant
gesichert ist. Oder im Umkehrschluss: Digi-
talisierungsvorhaben, bei denen fragwürdige
Dateiformate auf temporären Speichermedien
abgelegt werden, sind keine Sicherungs-, son-
dern allenfalls Benutzungsprojekte.
Im April 2017 gewährte das ZDF in Mainz
den TeilnehmerInnen der Frühjahrstagung
der Medienarchivare Einblick in seine Video-
kassetten-Digitalisierungsstraße. Seit Juli
2015 soll in geplant sechs Jahren der gesamte
Bestand an Studio-Video-Kassetten, Umfang
rund eine halbe Million, durch Überspielung
in Dateien überführt werden. Das ZDF stellt
die Digitalisierung seiner Kassettenbestän-
de als folgerichtige Weiterführung früherer
Sicherungsprojekte dar, die noch „Band zu
Band“ erfolgten, und setzt weiterhin auf das
vorhandene, erfahrene Personal. Begründet
wird der Verzicht auf „Roboter“, die anderswo
angekündigt wurden, mit dem steigenden An-
teil alterungsbedingter Komplikationen, denen
z. B. durch wiederholtes Umrollen der Kasset-
ten und den Gebrauch spezieller Reinigungs-
Laufwerke begegnet werden müsse. Zweck
des ZDF-Projekts ist die 1:1-Grundsicherung
der aufgezeichneten Inhalte, ohne Optimie-
rung. Leider wird die Digitalisierung außer-
halb der streng genormten Hörfunk- und TV-
Anstalten weniger gleichförmig verlaufen,
weil z. B. örtliche oder Landesverwaltungen
überwiegend nicht-professionelle Aufnahme-
technik unkundig verwendet haben.
Im Sachgebiet Audiovisuelle Medien des
Sächsischen Staatsarchivs wurde Mitte der
2000er Jahre begonnen, zwecks beschleunig-
ter Erschließung von Audio-Mitschnitten im
Bestand 22041 Sächsische Landesanstalt für
privaten Rundfunk und neue Medien (SLM)
zunächst die Aufnahmen in Computer ein-
zuspielen. Anhand der grafischen Darstel-
lung der Digitalisate wurde es möglich, die
Struktur zu erkennen und wahlfrei auf Details
zuzugreifen, ohne zeitraubendes Um spulen
der Audio-Kassetten (vgl. Stefan Gööck in:
Tagungsband 15. Sächsischer Archivtag, 7.–8.
Mai 2007 in Herrnhut, S. 163–174). Dabei wur-
de deutlich, dass laienhafte Aufnahmen zu
höherer Sorgfalt bei der Digitalisierung zwin-
gen – ein Befund, der sich 2011 bestätigte,
als im Sachgebiet Audiovisuelle Medien be-
gonnen wurde, für den Sächsischen Landtag
die VHS-Video-Mitschnitte der ersten bei-
den Legislaturperioden zu digitalisieren (vgl.
Andrea Wettmann in: Sächsisches Archivblatt
1/2011, S. 26).
Bei diesen und zahlreichen weiteren Digi-
talisierungsvorhaben im Sachgebiet Audio-
visuelle Medien hat es sich gezeigt, dass viel
Zeit nicht nur zum „Kodieren“, sondern auch
für Kopiervorgänge und die Überprüfung
der Digitalisate z. B. mit MD5-Prüfsummen
benötigt wird. Parallele Arbeit an mehreren
Computersystemen erscheint deshalb unver-
zichtbar. Andererseits ist es von Vorteil, alle
Digitalisate eines Projekts in einem gemein-
samen Speichersystem übersichtlich zu bün-
deln und abzugleichen.
Sowohl von Benutzungs-Mastern (Kinemato-
grafie) als auch von Ersatz-Originalen (elek-
tronische = Audio- und Video-Archivalien)
werden bei Bedarf datenreduzierte Derivate
erstellt, um sie im Lesesaal und im Internet
zur Verfügung zu stellen oder als Kopie auf
Datenträgern auszuhändigen. Normalerweise
erübrigt sich die aufwändige Sicherung die-
ser heruntergerechneten Dateien, weil es sich
nur um temporäre Formate handelt. Haben
sich neue Formate etabliert, können sie mit
wenig Aufwand von den Mastern oder Ersatz-
Originalen abgeleitet werden.
Stefan Gööck
(Archivzentrum Hubertusburg)
Auszubildende im Staatsarchiv Leipzig bei der computergestützten Audio-Erschlie-
ßung, 2006. Mittels grafischer Darstellung der digitalisierten Töne lassen sich Ab-
schnitte erkennen und direkt anspringen. (Fotos Stefan Gööck)
Video-Digitalisierungsstraße im ZDF, Mainz 2017

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 18
Ehrenamtliches Engagement in der Heimatforschung
Für den ländlichen Raum ist es wichtig, enga-
gierte Personen zur Übernahme von Verant-
wortung und Eigeninitiative zu motivieren
– auch im Bereich der Heimatforschung.
Das seit März 2017 laufende Projekt „Unter-
stützung des freiwilligen Engagements in der
Heimatforschung im ländlichen Raum Sach-
sens“ des Sächsischen Landeskuratoriums
Ländlicher Raum e.V. (SLK) will Initiativen im
Bereich der Heimatforschung bündeln, um da-
durch eine Stärkung der regionalen Identität
und Identifikation der Menschen in den Dör-
fern und Gemeinden zu erreichen. Es findet
in Kooperation mit dem Evangelischen Zent-
rum Ländlicher Raum – Heimvolkshochschule
Kohren-Sahlis statt und wird vom Sächsischen
Staatsministerium für Umwelt und Landwirt-
schaft unterstützt.
Die große Resonanz des ersten Fachtages
für Ortschronisten und Heimatforscher des
SLK am 9. April 2016 gab den Impuls für das
Projekt. Das Wissen um die eigene Herkunft,
um die Geschichte des Ortes und der Region,
in der man lebt, ist die Grundlage für die
Identitätsstiftung. Mit ihrer Arbeit leisten die
Heimatforscher dazu einen wichtigen Bei-
trag, denn sie halten die Geschichte der Orte
im ländlichen Raum lebendig. Das Anliegen
des Projektes ist es, die ehrenamtlich Tätigen
fachlich zu unterstützen, ihnen beispielsweise
Anforderungen zu Personen- und Bildrech-
ten zu vermitteln, sie in die Archivbenutzung
einzuweisen oder ihnen Werkzeuge zur pro-
fessionellen Aufarbeitung ihrer Forschungs-
ergebnisse an die Hand zu geben.
Schaffung von Weiterbildungsangeboten
und Möglichkeiten für den Fachaustausch
Zunächst ist es notwendig, den Unterstüt-
zungsbedarf der Heimatforscher durch Inter-
views zu ermitteln. Die Ergebnisse dienen
dazu, die Inhalte zukünftiger Veranstaltungen
bedarfsorientiert zu planen. Weiterhin werden
Regionalgespräche in den Direktionsbezirken
mit Institutionen (Museen, Forschungsein-
richtungen u. a.) und Heimatforschern vor Ort
stattfinden. Dieser Fachaustausch soll helfen,
Lösungsansätze für typische Probleme zu er-
arbeiten. Geplant sind weiterhin verschiedene
Workshops und Exkursionen, die neben der
fachlichen Beratung auch ein Forum für die
Vernetzung und den Austausch bieten. Geplant
sind u. a. Workshops im Staatsarchiv Chemnitz
oder im Leibniz-Institut für Länderkunde.
Als erste Veranstaltung im Rahmen des
Projektes fand am 1. April 2017 der zweite
Fachtag für Ortschronisten und Heimatfor-
scher statt. Er stand unter dem Motto „Ein
Bild von Heimat“. Das Themenspektrum der
dort angebotenen Workshops reichte von der
sachgerechten Archivierung von Bildern, über
die Bildrecherche bis hin zu rechtlichen Fra-
gen ihrer Verwendung in Publikationen und
Ausstellungen. Wegen des großen Interesses
und des vielfach geäußerten Wunschs der
80 Teilnehmer nach weiteren Veranstaltungen
ist bereits ein dritter Fachtag in Vorbereitung.
Dieser wird am 10. März 2018 in der Heim-
volkshochschule Kohren-Sahlis stattfinden.
Im Rahmen des Projektes unterstützte das SLK
die Arbeitstagung zum ländlichen Raum mit
dem Titel „Rettet das Dorf!“, welche am 12. und
13. Mai 2017 in Kohren-Sahlis stattfand. Die
Tagung stellte die Thematik des Wandels und
der Zukunft des Dorfes in den Mittelpunkt.
Wissenschaftler und politisch Verantwortliche
erörterten und diskutierten Chancen und Per-
spektiven für die Dörfer. Thematisiert wurde
dabei auch die Frage, inwieweit das bürger-
schaftliche Engagement von Heimatforschern
und Ortschronisten dabei unterstützen kann.
Stärkere öffentliche Wahrnehmung
der Leistungen der ehrenamtlichen
Heimatforscher
Mit geeigneten Aktionen der Öffentlich-
keitsarbeit möchte das SLK mithelfen, die
öffentliche Wahrnehmung der Leistungen
der Heimatforscher im ländlichen Raum zu
erhöhen. Ehrenamtlich Tätige sollen ermutigt
und befähigt werden, mehr als zuvor selbst
Maßnahmen zu realisieren.
Motivation vorhandener Gruppen und
Verstärkung von Netzwerkstrukturen
Um ehrenamtlich Tätige zu unterstützen und
zu motivieren, diese Arbeit weiterhin zu betrei-
ben, soll im Evangelischen Zentrum Ländlicher
Raum – Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis
eine Beratungsstelle eingerichtet werden.
Ganz praktisch kann dies bereits in Form ei-
ner Telefonberatung in Anspruch genommen
werden. Wir möchten ehrenamtlich Tätige im
Bereich der Erforschung von Heimat- und Re-
gionalgeschichte ermutigen, sich zu beteiligen
und ihre Anliegen, Vorstellungen, aber auch
Probleme und Wünsche vorzubringen.
Klaus Reichmann
(SLK)
Kontakt: Klaus Reichmann, M. A.
Projektkoordinator
Sächsisches Landeskuratorium
Ländlicher Raum e. V.
Büro: Pestalozzistraße 60 a
04655 Kohren-Sahlis
Telefon: +49 34344/6 48 12
E-Mail: klaus.reichmann@slk-miltitz.de
Im Rahmen des Marktplatzes Heimatforschung zum Fachtag für Ortschronisten
und Heimatforscher tauschten sich Gert Schreiber (links) vom Verein Spurensuche
Altmörbitz und Thomas Brandenburg vom Geschichtsverein Borna aus.
Peter Ruf vom Kohrener Geschichtsverein führte die Teilnehmer der Arbeitstagung
„Rettet das Dorf!“ bei einem Stadtspaziergang durch Kohren-Sahlis und erläuterte
die Situation des ländlichen Raumes an Beispielen vor Ort. (Fotos SLK)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 19
Kölner Vorhaben im Archivzentrum Hubertusburg –
Vom Einsturz in Köln zur Bearbeitung von
Großformaten in Wermsdorf
Beim Einsturz des Historischen Archivs der
Stadt Köln (HAStK) am 3. März 2009 wur-
den etwa 30 Regalkilometer an Archivgut
verschüttet. Bis zum offiziellen Einstellen der
Bergungsarbeiten am 9. August 2011 war es
schließlich möglich, das Gros an Archivalien,
circa 95 %, zu bergen. Diese zeigen mitunter
erhebliche Einsturzschäden, die einer archi-
varischen und konservatorischen Bearbeitung
bedürfen, bevor sie Nutzern erneut zugäng-
lich gemacht werden können. Das Archivgut
ist unter anderem stark verschmutzt und
von feinem, hoch alkalischem Baustaub und
-schutt überzogen. Als weitere Schäden sind
hauptsächlich mechanische Beeinträchtigun-
gen wie Stauchungen, Verwerfungen, Knicke,
Risse und Fehlstellen zu verzeichnen.
Zur Bewältigung der Bergung des immensen
Volumens an Archivgut wurde dieses deutsch-
landweit in 20 Asylarchive ausgelagert, die
nach der Katastrophe im Zuge eines archiv-
übergreifenden Notfallmanagements Lager-
kapazitäten zur Verfügung gestellt hatten.
Von diesen 20 Asylarchiven sind derzeit noch
die Standorte in Düsseldorf und Wermsdorf
aktiv. Dabei gestalten sich die Aufgaben beider
Dependancen des Kölner Stadtarchives sehr
unterschiedlich. Während in Düsseldorf die
geborgenen Einheiten archivarisch klassifiziert
und erfasst werden, finden in Wermsdorf, ge-
nau wie im Restaurierungs- und Digitalisie-
rungszentrum (RDZ) in Köln, hauptsächlich
bestandserhaltende Maßnahmen statt.
Ab dem Jahr 2010, dem Beginn der Koopera-
tion zwischen dem Freistaat Sachsen und der
Stadt Köln, war der Kölner Standort im Archiv-
zentrum Hubertusburg (AZH) in Wermsdorf
schwerpunktmäßig auf die Bearbeitung der
nassgeborgenen und zum Schutz vor mikro-
biellem Befall tiefgefrorenen Archivalien
spezialisiert. So konnte ein Großteil des ge-
frorenen Archivgutes durch die geräumige
Gefriertrocknungsanlage des AZH behandelt
werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten hat
sich der Standort seit 2015 sukzessive auf
die Bestandserhaltung planer Großformate
umgestellt.
Großformate im HAStK –
der zu bearbeitende Bestand
Die Anzahl der Großformate des Kölner Stadt-
archivs beläuft sich nach vorläufigen Annah-
men auf rund 330 000 Objekte. Der Bestand
zeichnet sich dabei durch seine Vielfalt an
Darstellungsformen und Materialitäten aus.
Neben händischen Architekturzeichnungen
finden sich fotografische Reproduktionen aus-
geführt als Cyanotypien, Diazotypien, Eisen-
gallus-Kopien, Silbergelatine-Kontaktkopien
etc. sowie Poster und Plakate. Als Materiali-
en lassen sich Transparent-, Zellstoff-, Holz-
schliff- und Kunstdruckpapier, als auch diverse
Folien und textile Träger unterscheiden.
Schadensbilder – vom Eckenknick
zum Totalschaden
Die Großformate sind teilweise derart be-
schädigt, dass die Entwicklung von Restau-
rierungsmethoden und die Umsetzung von
diffizilen Einzelbehandlungen durch Restau-
ratoren erfolgen müssen, bevor eine erneute
Benutzung/Digitalisierung stattfinden kann.
Was die hauptsächlich anzutreffenden Schä-
den – durch den Einsturz hervorgerufen als
auch alterungs- und benutzungsbedingt –
Nach einer Trockenreinigung direkt zur Digitalisierung als auch Benutzung freigegebenes Poster (Historisches
Archiv der Stadt Köln, Bestand 7305)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 20
anbelangt, sind diese mechanischen Ur-
sprungs. Es handelt sich dabei vordergründig
um lokale als auch ganzflächige Deformie-
rungen, wie Knicke oder Stauchungen sowie
Risse und Fehlstellen, die in ihrer Quantität
und Qualität je Objekt sehr variabel sein kön-
nen. Darüber hinaus zeigt etwa ein Drittel
des Großformatebestandes eine Beklebung
mit unterschiedlichsten Selbstklebebändern,
die aufgrund ihrer negativen Alterungseigen-
schaften die Großformate langfristig schä-
digen. Hinzu kommen außerdem vereinzelt
chemische Alterungs- und Abbaureaktionen
unterschiedlicher Füll- und Zusatzstoffe ver-
wendeter Papierarten sowie Beschreibmittel,
die unter anderem zu einer Versäuerung, Ver-
bräunung, Versprödung oder einem Ausblei-
chen führen.
Arbeitsprozesse
Zur Ermöglichung eines aufeinander abge-
stimmten Arbeitsablaufes arbeiten derzeit
vier Restauratoren sowie sieben Restaurie-
rungshelfer für das HAStK in Wermsdorf. Ins-
gesamt werden dadurch acht Hauptprozesse
des Großformateprojektes bedient, die eine
Bearbeitung verschmutzter und beschädigter
Großformatige Architekturzeichnung vor (links) und nach bestandserhaltenden Maßnahmen (rechts). Vor Behandlung des Objektes ist nur eine eingeschränkte Nutzung und
keine Digitalisierung möglich. Eine Rissschließung samt Fehlstellensicherung ermöglicht nicht nur den Zugang zu allen relevanten Objektinformationen, sondern auch eine
Digitalisierung sowie eine Stabilisierung der Objektsubstanz als Beitrag zur Bestandssicherung (Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 1592)
Weder benutzbare, noch digitalisierbare Fragmente von Großformaten (Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 1592)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 21
Objekte hin zu gereinigten, konservierten als
auch digitalisierten Großformaten gewährleis-
ten. Dabei werden die Prozesse analog zum
Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum
(RDZ) in Köln in zwei Kategorien, Konservie-
ren I und Konservieren II, unterteilt. Ersteres
bedeutet einen verkürzten Ablauf für all die
Objekte, die nach einer Trockenreinigung kei-
ne weitere Behandlung benötigen. Konser-
vieren II beinhaltet dagegen weiterführende
Maßnahmen. Folgend werden alle Haupt-
prozesse entsprechend ihrer Reihenfolge an-
schaulich erläutert.
Konservieren I
Fotodokumentation I
In der Fotodokumentation I wird durch Res-
taurierungshelfer die Vorder- und Rückseite
des jeweiligen Großformates fotografisch in
seinem Zustand vor Durchführung irgendwel-
cher Konservierungsmaßnahmen erfasst. Die
Daten werden gespeichert und dienen nicht
nur als Beweismaterial für das Regressver-
fahren, sondern auch als Vergleichsmaterial,
um Vor- und Nachzustände zu visualisieren.
Schadensdokumentation
In der Schadensdokumentation werden
durch den Restaurator jedes einzelne Objekt
analysiert und seine spezifischen Merkmale
wie Material, Größe als auch seine Schäden
(einsturzbedingt bzw. nicht einsturzbedingt)
und die nötigen konservatorischen als auch
restauratorischen Maßnahmen notiert. Diese
Zustandsbeschreibung bildet unter anderem
eine Grundlage im Beweissicherungsverfah-
ren im laufenden Prozess der Stadt Köln zur
Einsturzursache.
Trockenreinigung
Um die Großformate wieder nutzbar zu machen
und weiteren Schädigungen entgegenzuwir-
ken, muss jedes Objekt mindestens einer Tro-
ckenreinigung, sprich einer konservatorischen
Feinreinigung von beiden Seiten, unterzogen
werden. Hierbei wird mittels verschiedener
Hilfsmittel wie Pinsel, Naturlatexschwämmen
und Druckluft die Oberflächenverschmutzung
durch Restaurierungshelfer entfernt.
Konservieren II
Als weiterführende Maßnahmen für beschä-
digtere Großformate finden in Wermsdorf die
Maßnahmen: „Risse schließen“, „Klebeband
entfernen“ und „Glätten“ statt bzw. werden
derzeit eingeführt.
„Risse schließen“
Unter der Bezeichnung „Risse schließen“ ver-
birgt sich ein Konvolut an kleineren Maßnah-
men. Wenn ein Großformat Risse aufweist,
kann es zudem auch Fehlstellen und lokale
Deformierungen haben. Im Zuge der Maß-
nahme werden auch lokale Deformierungen
geglättet und Fehlstellen gesichert. Entspre-
chend der Materialart werden unterschiedli-
che Behandlungsmethoden angewendet:
Alle Großformate, die während der Schadens-
dokumentation als Holzschliff- bzw. Zellstoff-
papiere identifiziert wurden und zu sichernde
Risse und/oder Fehlstellen aufweisen, werden
mit Japanpapier und Weizenstärkekleister
bearbeitet. Für diesen Arbeitsschritt wurden
seit 2016 unter restauratorischer Anleitung
und Aufsicht Restaurierungshelfer ange-
lernt. Mittlerweile konnten dadurch bereits
an 500 Großformaten erfolgreich Risse ge-
schlossen und Fehlstellen gesichert werden.
Bestandserhaltende Maßnahmen bei Rissen
respektive Fehlstellen an Transparentpapieren
befinden sich derzeit noch in der Testphase
und werden 2018 produktiv laufen.
„Klebeband entfernen“
Unter dieser Maßnahme verstehen sich so-
wohl das Lösen von Klebebandfolien als auch
das Reduzieren von Klebstoffresten. Hierbei
werden vor allem wärmeinduziert Träger-
folien abgezogen, mit Lösemitteln Klebstoffe
angequollen und anschließend mittels Watte-
stäbchen vom Objekt abgenommen. Dieser
Standard wurde erst kürzlich eingeführt und
wird nun ebenfalls durch Restaurierungshelfer
routiniert in den Arbeitsalltag eingepflegt.
„Glätten“
Die Maßnahme „Glätten“ befindet sich gera-
de noch in der Konzept- und Testphase. Hier
sollen alle Großformate bearbeitet werden,
die ganzflächige Deformierungen aufzeigen.
Durch verschiedene Befeuchtungsmethoden
mit anschließender beschwerter Trocknung
soll eine Glättung der Objekte erzielt werden.
Besondere Herausforderung sind bei dieser
Maßnahme ebenfalls die große Material-
vielfalt, unterschiedlichste Grade an Defor-
mierungen sowie verschiedenste Alterungs-
zustände der Großformate.
Fotodokumentation II
In der Fotodokumentation II, mit der gleich-
zeitig die Digitalisierung des jeweiligen Groß-
formates stattfindet, wird der Nachzustand
der Vorder- und Rückseite durch Restaurie-
rungshelfer festgehalten. Dies erfolgt entwe-
der direkt nach der Trockenreinigung, wenn an
den Großformaten keine weitere Behandlung
nötig ist, oder nach der entsprechenden Be-
handlungsmethode, wie sie unter Konservie-
ren II beschrieben wurde.
Qualitätssicherung
Im Anschluss an die Fotodokumentation II
erfolgt die Qualitätssicherung durch den Re-
staurator. In diesem Arbeitsschritt werden
die durchgeführten Maßnahmen geprüft.
Wenn alles erfolgreich und richtig durchge-
führt wurde, werden die fertig bearbeiteten
und nach Größe sortierten Objekte in ihre
Endverpackungen überführt. Diese bestehen
aus Archivsammelmappen aus säurefreiem
Karton für Objekte der Größen A4 bis A0. In
regelmäßigen Abständen werden die fertigen
Großformate nach Köln transportiert, um dem
HAStK und Benutzern wieder im Original so-
wie nun auch elektronisch als Digitalisat zur
Verfügung zu stehen.
Aktueller Stand und Ausblick
Mit dem Projektbeginn zur Bearbeitung des
Großformatebestandes des Kölner Stadtar-
chives (2015), der Entwicklung der dazuge-
hörigen Prozessabfolge (2016) und der ent-
sprechenden Behandlungsmaßnahmen sowie
deren Vermittlung an Restaurierungshelfer
(2016/17) konnten bis heute bereits 3 000
Großformate fertig bearbeitet werden. Die
nächsten 6 000 Großformate befinden sich
im laufenden Prozess der Bearbeitung. Hier
fehlen nur noch wenige Schritte, bis diese
in ihre Endverpackung gelangen und zurück
nach Köln transportiert werden können. Die
einzelnen Arbeitsprozesse werden weiter rou-
tiniert, evaluiert und verbessert. Zielsetzung
ist bis zum derzeit vereinbarten Kooperations-
ende 2020 mindestens 15 000 Großformate
bearbeitet zu haben.
Jana Wichmann/Nikolai Krippner
(Historisches Archiv der Stadt Köln,
Außenstelle Wermsdorf)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 22
Nach fast 150 Jahren:
Tagebuch eines Chemnitzer Soldaten restauriert
Ein besonders wertvolles Dokument ist ins
Stadtarchiv zurückgekehrt, das eine Einma-
ligkeit in der schriftlichen Überlieferung der
Stadt Chemnitz darstellt. Mit Unterstützung
der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des
schriftlichen Kulturguts (KEK) konnte es res-
tauriert werden. Es handelt sich dabei um ein
reich illustriertes Album, das der Chemnitzer
Soldat Karl Richard Zschacke über die Ereig-
nisse des Deutsch-Französischen Kriegs von
1870/71 anlegte.
Der 1850 als Sohn eines Getreidehändlers in
Chemnitz geborene Karl Richard Zschacke
diente seit 1869 im 7. Königlich Sächsischen
Infanterieregiment „Prinz Georg“ Nr. 106,
das in der Kaserne an der Zschopauer Straße
stationiert war. Am Feldzug gegen Frankreich
1870/71 nahm er als Gefreiter teil. Er erlebte
unter anderem die Schlacht bei Sedan und die
Belagerung von Paris. Nach einer Erkrankung
und Entlassung aus dem Lazarett wurde er
als Schreiber in das französische Lazarett in
Uebigau bei Dresden abkommandiert.
Aus der Sicht eines einfachen Soldaten schil-
dert Zschacke in diesem Album mit hand-
schriftlichen Tagebucheintragungen sein
persönliches Erleben vom Juli 1870 bis August
1871. Er beschreibt die Route und den Ver-
lauf des Vormarsches von der Mobilmachung
bis nach Frankreich, den Kriegsverlauf, sei-
ne Erkrankung bei Paris, die Rückkehr nach
Deutschland, seinen Einsatz im Lazarett und
als Kompanieschreiber. Die Berichte werden
ergänzt durch vielfältiges Kartenmaterial
der Kriegsschauplätze und illustriert durch
Vor der Restaurierung (Stadtarchiv Chemnitz, Personenfonds, Nr. 115)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 23
Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte so-
wie durch Grafiken, Handzeichnungen und
Drucksachen. Sie geben detaillierte Auskunft
über Verlauf, Ereignisse und Schlachtfelder
des Krieges, die besetzten Gebiete und die
eingesetzten Waffen. Besonders wertvoll sind
Originaldokumente wie Feldpostbriefe, ein
Feldgesangbuch des Königlich Sächsischen
Armeekorps´, persönliche amtliche Armee-
dokumente sowie eine große Anzahl kostbarer
Porträtfotos von Zschacke selbst, von Kriegs-
kameraden, Offizieren, Krankenwärtern und
Pflegern im Lazarett.
Nach dem Krieg kehrte Zschacke nach Chem-
nitz zurück und war als Kaufmann tätig. Das
Album führte er bis um 1900 fort. Als Mitglied
des Königlich Sächsischen Militär-Veteranen-
Vereins nahm er an Gedächtnisfeiern an den
Feldzug teil. Er sammelte Beiträge zum Tod
von Kaiser Wilhelm I., Kaiser Friedrich III.
sowie von Bismarck und dokumentierte die
Geschichte des sächsischen Königshauses.
Erst 52-jährig, verstarb er im Jahre 1902 in
Chemnitz.
Das Album ist über 140 Jahre alt und befand
sich vor der Restaurierung in einem desolaten
Zustand. Buchblock und Einband wiesen viel-
fältige und teils starke Materialschäden, Ver-
schmutzungen und Wasserränder auf. Infolge
der vielen Einklebungen von Zeitungsartikeln
und Dokumenten konnte man die Seiten nicht
umblättern, ohne sie zu beschädigen. Beson-
ders die zahlreichen Visitenkartenfotos nach
der Mitte des 19. Jahrhundert mussten drin-
gend archivgerecht gesichert werden, stellen
sie doch eine sozialgeschichtliche Quelle dar,
die bisher nur wenig beachtet wurde. Sie be-
sitzen außerdem einen hohen Stellenwert in
der Geschichte der Fotografie und gehören
zu den ältesten fotografischen Aufnahmen im
Stadtarchiv.
Bereits zum dritten Mal konnte mit Hilfe der
seit 2011 bestehenden Koordinierungsstelle
zur Erhaltung schriftlichen Kulturgutes (KEK)
ein Bestandserhaltungsprojekt des Stadt-
archivs realisiert werden. Die beiden vorange-
gangenen Projekte betrafen die Restaurierung
brandgeschädigter Unterlagen der ehemali-
gen Karl-Marx-Städter Pioniereisenbahn und
die Vorbereitung eines Digitalisierungsvor-
habens von Ratsprotokollen der 1960er und
1970er Jahre. Eingerichtet bei der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz und angesiedelt bei
der Staatsbibliothek zu Berlin arbeitet die KEK
nach eigener Darstellung „an einem elemen-
taren Ziel: der dauerhaften Erhaltung des
nationalen Erbes in Form schriftlicher Über-
lieferungen. Die KEK leistet politische Über-
zeugungsarbeit und vor allem unterstützt sie
Archive und Bibliotheken im Erhalt wertvoller
und einzigartiger Originale.“ Nach erfolgter
Restaurierung kann der Sammelband nun
Ende dieses Jahres digitalisiert werden.
Gudrun Dudek / Birgit Schubert
(Stadtarchiv Chemnitz)
Nach der Restaurierung (Stadtarchiv Chemnitz, Personenfonds, Nr. 115)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 24
Von der Kürzung zu 7-Zip
Nicht immer ist uns bewusst, wie stark Kür-
zungen und Kompressionsverfahren unseren
Alltag bestimmen. Sei es der Schnappschuss
mit dem Smartphone, die Datei auf dem
E-Book, die per E-Mail erhaltene Word-Datei
oder das digitale HD-Fernsehen – sie sind alle
nur durch moderne Kompressionsverfahren
denkbar. Diverse Verfahren zur Informati-
onsverdichtung wurden jedoch bereits in der
Vergangenheit angewendet. Von den Inschrif-
ten auf antiken Monumenten, über gekürzte
Urkundentexte aus dem Mittelalter bis hin zur
Stenografie des 20. Jahrhunderts, der Bedarf
zur Verkürzung war und ist in allen Epochen
gegeben. Mal lag die Priorität auf der effizi-
enten Nutzung eines teuren Beschreibstoffes
oder Trägermediums, mal sollten möglichst
viele Informationen in kurzer Zeit festgehal-
ten werden. Auch ohne technische Hilfsmittel
konnten auf dem Gebiet der Stenografie be-
eindruckende Kürzungsergebnisse erzielt
werden. Nach jahrelangem Training können
Stenografen mit ca. 480 Silben pro Minute
etwa das Zehnfache der üblichen Schreibge-
schwindigkeit erreichen. Vergleichbar krypti-
sche Kurzformen finden sich heute auch in
sozialen Medien, Messanger-Apps und Twitter
(Beispiel: T 4 2 2N8 – tea for two tonight).
Historisch dienten Kürzungen jedoch nicht
ausschließlich der Platzersparnis, der best-
möglichen Nutzung des Trägermediums oder
dem Ausdruck der Gruppenzugehörigkeit.
Durch ihre Formelhaftigkeit dienten sie auch
der Sicherung der Authentizität des Verfas-
sers. Die Übergänge zwischen grafischen Kür-
zungen, formalen Bestandteilen und Authen-
tifizierungsmethoden waren zum Teil fließend,
wie sich am Beispiel des Chrismons, der Rota
und des Bienenkörbchens (Recognitionszei-
chen auf mittelalterlichen Urkunden) zeigen
lässt. Diese sind den Archiven seit Jahrhun-
derten durch ihr Archivgut vertraut.
Wie die Sprache selbst sind auch Abkürzun-
gen einem relativ starken Wandel unterwor-
fen. Zur Auflösung von regionalspezifischen,
historischen und berufsgruppentypischen
Abkürzungen muss der Leser mitunter viel
Spezialwissen mitbringen oder zu Hilfsmit-
teln wie dem „Lexicon Abbreviaturarum“ von
Adriano Cappelli oder der Onlinedatenbank des
Bundesarchivs zu „Abkürzungen aus Bestän-
den der Parteien und Massenorganisationen
der DDR“ greifen. Manche Abkürzungen sind
dabei relativ kurzlebig wie zum Beispiel der
E
inzelhandels
V
erkaufs
P
reis in der DDR, ande-
re wie
S
enatus
P
opulus
q
ue
R
omanus werden
noch nach zwei Jahrtausenden verwendet.
Unterschiede gibt es zudem auch in der Ver-
breitung im Alltag: Während die
Kripo
laut
Duden als Kurzwort allgemein gebräuchlich
ist, sind die Abkürzungen
Sa
nitäts
Feldw
ebel
und
Inh
aber des
E
isernen
K
reuzes
2. Kl
asse
nicht jedem geläufig und sollten zum besseren
Verständnis ausgeschrieben werden.
Das Staatsarchiv leistet dies u. a. in seinen
Erschließungsinformationen zu seinen Archi-
valien.
Am Grundbedarf zum sparsamen Umgang mit
den Ressourcen Zeit und Trägermedium hat
sich auch in der digitalen Welt nichts geän-
dert. Die frühen Großrechner seit den 1950er
Jahren hatten nur relativ geringe Mengen an
Speicherplatz und Rechenleistung zur Ver-
fügung. Daher wurden Dateien zum Teil zu-
nächst ohne spezielle Kompressionsverfahren
auf einen geringen Speicherbedarf optimiert.
In Texten, Tabellen und Datenbanken wurde
vieles fast bis zur Unkenntlichkeit gekürzt und
ließ sich nur noch mit umfangreicher, zum
Teil gedruckter Dokumentation entziffern. Im
Archivblatt 1/2016 wurde bereits detailliert
auf einen solchen Fall am Beispiel von DDR-
Statistiken, u. a. mit gängigen Schlüssellisten,
eingegangen. Auch auf den frühen IBM-PCs
stand dem Nutzer nur wenig Speicherplatz zur
Verfügung. Das gängigste Speicher medium
für PCs war lange die Diskette, welche typi-
scherweise zwischen 0,2 und 1,4 Megabyte
an Speicher bot. Durch die Verwendung des
Dateisystems FAT waren zudem die Dateina-
men auf das 8.3-Format beschränkt, also acht
Zeichen für den Dateinamen und drei Zeichen
für die dokumentenspezifische Endung. Hier-
durch kam es zu den etwas ungewöhnlich
anmutenden Namen wie z. B. „Auftra~1.wps“.
Im elektronischen Staatsarchiv el_sta sind
derartige Dateien archiviert. Auch die Schlüs-
sellisten hält das Staatsarchiv bereit.
Trotz der stetig ansteigenden Speicherkapa-
zitäten und den parallel dazu absinkenden
Speicherpreisen gibt es weiterhin den Bedarf
zur Informationsverdichtung und damit für
effektive Kompressionsverfahren. Spätestens
mit dem Aufkommen des Internets rückten
Bandbreite und Übertragungsgeschwindigkeit
Häufig gebrauchte historische Kürzung am Beispiel einer mittelalterlichen Schenkungsurkunde (Sächsisches Staats-
archiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Urkunden, Nr. 50)
Moderne Kürzungen aufgrund von Speicherknappheit am Beispiel der DDR-Statistik (SächsStA-D, 12894 Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 25
zunehmend in den Fokus. Die heutige Infor-
mations- bzw. Wissensgesellschaft lebt von
der möglichst schnellen Bereitstellung von
Daten. Durch die inzwischen ebenfalls ge-
stiegene Rechenleistung können komplexe,
aber effektive Kompressions- und Dekom-
pressionsverfahren relativ schnell verarbeitet
werden. Selbst für Smartphones stellen Kom-
pression und Dekompression keine relevante
Hürde mehr dar. Dabei bieten moderne ma-
schinenverständliche Markup- und Program-
miersprachen wie HTML, XML und VisualBasic
ein noch größeres Einsparungspotenzial als
mittelalterliche Urkunden, da sie aus häufig
wiederkehrenden Elementen aufgebaut sind.
Inzwischen basieren zahlreiche weitere For-
mate auf XML und teilen sich somit die glei-
chen Eigenschaften (XHTML, DOCX, ODT, SVG,
GEDCOMX).
Doch wie funktioniert die Kompression von
elektronischen Daten eigentlich? Am einfachs-
ten lässt sich die Kompression anhand der
Sprache erklären, vergleichbare Prinzipien gel-
ten jedoch auch für binäre Daten, Bild dateien
und Ähnliches. Obwohl der Wortschatz natür-
licher Sprachen enorm groß ist, häufen sich je
nach Sprache bestimmte Zeichenketten, Wör-
ter und Elemente. Wiederholungen sind nicht
die Ausnahme, sondern stellen die Regel dar.
Ein etwas zugespitztes Beispiel soll folgender
Satz bieten: „…
er
v
er
k
au
fte den L
au
tsprech
er
an Pet
er
“. Sowohl „er“, als auch „au“ kommen
mehrfach vor und können in ein sogenann-
tes Wörterbuch aufgenommen werden.
Anschließend werden die aufgenommenen
Zeichenketten durch je einen Verweis ersetzt.
Lange Zeichenketten bieten einen größeren
Einsparungseffekt als sehr kurze. Laut Duden
machen die 100 häufigsten deutschen Wörter
etwa die Hälfte aller Texte aus
(http://www.
duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/die-
haeufigsten-woerter-in-deutschsprachigen-
texten – Stand 27.06.2017). Dazu kommt noch
eine Häufung von Präfixen bzw. Endungen wie
ver-, aus-, -schaft, -heit, -ung sowie der wie-
derholte Gebrauch von feststehenden Wen-
dungen. Gerade weil die Schriftsprache keine
zufällig angeordnete Zeichenkette ist, ergibt
sich analog und digital ein starkes Kompres-
sionspotenzial.
Ein entscheidender Unterschied zwischen
Abkürzungen und der Kompression aus der
Informationstechnik ist, dass nicht mehr das
Verständnis aus dem Kontext relevant ist, son-
dern die Kenntnis des spezifisch verwendeten
Verfahrens. Die elektronische Kompression
nimmt wenig Rücksicht auf kulturelle und
historische Bedeutung und verwendet relativ
komplexe Algorithmen zur Informationsver-
dichtung. Dadurch steigt die Effizienz drama-
tisch, aber eine Dekompression ohne passende
Software wird dadurch praktisch so gut wie
unmöglich. Passende Programme und Con-
tainerformate wie WinZip, WinRAR, gzip und
7-Zip sind jedoch seit den 1990er Jahren na-
hezu allgegenwärtig und zum Teil sogar auf
Betriebssystemebene implementiert. Grundla-
ge der verbreiteten Kompressionsverfahren ist
eine Reihe von eng verwandten Algorithmen
wie LZ77, LZMA, Brotli, Zopfli und Deflate. Sie
wurden zu unterschiedlichen Zeiten umgesetzt
und für verschiedene Anwendungszwecke
optimiert. Modernere Formate wie 7-Zip oder
Brotli verwenden mehr Rechenleistung für die
Sortierung und Komprimierung. Dadurch kann
etwas gründlicher und umfassender analysiert
werden und Redundanzen können besser ver-
mieden werden. Da der Rechenaufwand zur
Dekompression nicht im gleichen Maß steigt
wie die Kompressionsrate, lassen sich derart
optimierte Dateien mitunter ähnlich schnell
öffnen wie klassische Zip-Dateien.
Neben der Kompression von Textdateien, bei
denen sich die Ausgangsinformation vollstän-
dig wiederherstellen lässt, können Bilder und
Töne zusätzlich auch verlustbehaftet kompri-
miert werden. Bei der sogenannten Quantifi-
zierung werden komplexe Werte durch ma-
schinell leichter darzustellende Werte ersetzt
und anschließend, wie oben beschrieben,
komprimiert. Dabei können Informationen
über die Klangereignisse, die Farbwerte oder
Bildschärfe verloren gehen. Andere Verfahren
sparen wiederholte Informationen bei Stand-
bildern aus oder löschen leise Töne nach ei-
nem Paukenschlag. Im Gegensatz zum Text-
verständnis sind dabei minimale Verluste für
die Wahrnehmung bis zu einem bestimmten
Maß akzeptabel.
Die erfolgreichen Formate MP3 und MP4
(H.264) aus dem audiovisuellen Bereich be-
weisen, dass die Fähigkeiten des menschlichen
Gehirns, fehlerhafte und fehlende Informatio-
nen auszugleichen, nicht unterschätzt werden
sollten. Da diese und weitere Formate sich be-
reits im privaten und behördlichen Alltag eta-
bliert haben, werden sie immer häufiger auch
in die Archive gelangen. Denkbare Szenarien
sind die Archivierung des YouTube-Kanals
des Freistaates Sachsen oder die Übernahme
digitaler Beweisvideos in einem Gerichts-
verfahren. Ähnlich wie Grundkenntnisse in
der Papierherstellung, Fotochemie und Res-
taurierungstechniken wird die Kenntnis von
Kompressionsverfahren eine zunehmende
Rolle in der Archivguterhaltung spielen. Um
die obige These, das Gehirn könne erstaun-
liche Fehlerkorrekturleistungen erbringen, zu
untermauern, möchte ich mit einem kleinen
Beispiel schließen.
In diesem Sinne:
D4NK3 FÜR 1HR3 4UFM3RK54MK31T!
Christian Treu
(Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Die in Rot hervorgehobenen Strukturelemente einer XML wiederholen sich häufig und bieten sich zur Kompri-
mierung an.

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 26
Archivierte Diktaturen: Gedächtnis der Demokratie –
Eine tagungsbegleitende Ausstellung zum Umgang
der DDR mit der NS-Vergangenheit
Am 27. April 2017 diskutierten unter dem Titel
„Wer Nazi war, bestimmen wir“ Forscher, Archi-
vare und Experten im Staatsarchiv Chemnitz
über den Umgang der SED-Diktatur mit der
NS-Vergangenheit. Veranstalter der Tagung,
die sich an Fachkreise wie auch an eine breite
Öffentlichkeit wandte, waren die Sächsische
Landeszentrale für politische Bildung und die
drei sächsischen Außenstellen des Bundesbe-
auftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in
Kooperation mit dem Staatsarchiv Chemnitz.
Nach einer Einführung zum Entnazifizierungs-
prozess in Sachsen folgten drei Podien: „Sei-
tenwechsel – Nationalsozialisten im Dienste
der DDR“ thematisierte u. a. anhand regionaler
Beispiele den ambivalenten Umgang der SED-
Herrscher mit NS-Funktionären. Das zweite
Podium „Ablage der Diktatur – Gedächtnis der
Demokratie?“ legte den Fokus auf die Rolle
der Archive bei der Erforschung und Aufarbei-
tung beider Diktaturen. Den Abschluss bildete
das Podium „‚Projekt Aufarbeitung‘ – Versuch
einer Bilanz“.
Schaufenster ins Archiv: Präsentierte
Fallbeispiele aus Sachsen
Eine Besonderheit der Tagung war die erst-
malige Präsentation regionaler Fallbeispiele
aus den Aktenbeständen der sächsischen
Außenstellen des BStU und des Staatsarchivs
Chemnitz. Sie veranschaulichten konkret,
was die Forscher in der Tagung vortrugen.
Hinter der Fassade des antifaschistischen
Staates spielte die DDR-Führung ein sorgsam
verhülltes doppeltes Spiel: SED und Staats-
sicherheit prangerten Westdeutschland an, in
einer direkten Linie zum NS-Regime zu stehen
und Hort für Kriegsverbrecher zu sein. Sie be-
haupteten gleichzeitig, die DDR habe durch
die „antifaschistisch-demokratische Umwäl-
zung“ mit sämtlichen nationalsozialistischen
Kontinuitäten gebrochen. Tatsächlich aber
unterlag die Ahndung und Aufarbeitung von
NS-Verbrechen im eigenen Land der politi-
schen Strategie der SED: Je nach Nützlichkeit
konnten die Ermittlungen gegen NS-Täter in
Vorzeigeprozessen münden oder in Vertu-
schungsmanövern.
Die „Absicherung“ dieser Politik oblag der
DDR-Staatssicherheit. Mit geheimpolizeilichen
Mitteln und einer faktischen Monopolisierung
einschlägiger NS-Akten konnte die Stasi die
betreffenden Informationen unter Kontrolle
halten. Sie ermittelte verdeckt und prüfte
Fälle von NS-Verstrickten vor allem auch un-
ter dem Gesichtspunkt der politischen Zweck-
mäßigkeit. Überwogen die politischen Vorteile,
wurden die Fälle vor Gericht gebracht. Dann
konnten strenge Urteile die antifaschistische
Bericht zu einer sogenannten Aussprache mit Franz Emil Bienert (BStU, MfS, BV Karl-
Marx-Stadt, AIM, Nr. 1573/72, Bl. 21)
Vorschlag zur Anwerbung Bienerts als Geheimer Informator (GI) (BStU, MfS, BV Karl-
Marx-Stadt, AIM, Nr. 1573/72, Bl. 23)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 27
Rigorosität der DDR demonstrieren. In vielen
Fällen jedoch verzichtete die Staatssicher-
heit auf die Offenlegung ihrer Ermittlungen.
Stattdessen nutzte sie ihr Wissen zum eigenen
Vorteil und warb auch die ins Visier geratenen
Personen als inoffizielle Mitarbeiter an.
Im Folgenden ein Beispiel aus den Chemnitzer
Beständen des Stasi-Unterlagen-Archivs und
des Sächsischen Staatsarchivs, das auch in
der Präsentation im Staatsarchiv Chemnitz zu
sehen war:
NS-Funktionär im Dienste der DDR:
Der Geheime Informator „Schmidt“
Die Geschichte des GI „Schmidt“, des Gehei-
men Informators „Schmidt“ (frühe Bezeich-
nung für Inoffizieller Mitarbeiter des Minis-
teriums für Staatssicherheit) beginnt in den
Dokumenten noch mit Lebensdaten aus dem
19. Jahrhundert. Franz Emil Bienert, geboren
1889, trat 1933 als Polizeibeamter in Diensten
des Polizeipräsidiums Chemnitz in die NSDAP
ein. Fünf Jahre später wurde er SS- und Ge-
stapo-Angehöriger. Seine dortige Position als
Kriminalkommissar übte er zuletzt im Rang
eines SS-Obersturmführers aus.
befragte ihn zu seiner Vergangenheit. Auf
Fürsprache des sowjetischen Verbindungs-
offiziers der Kreisdienststelle wurde jedoch
von einer weiteren sogenannten operativen
Bearbeitung Abstand genommen.
Zwei Jahre später erfolgte – mit Wissen um
seine SS- und Gestapo-Vergangenheit – eine
erneute Kontaktaufnahme durch die Staats-
sicherheit. Im Ergebnis mehrerer sogenannter
Aussprachen entschied die Abteilung V der
Bezirksverwaltung, ihn als Geheimen Infor-
mator (GI) unter dem Decknamen „Schmidt“
zu verpflichten.
Bienert erhielt bis 1964 Aufträge von der
Staatssicherheit. Unter dem Decknamen
„Schmidt“ berichtete er vorwiegend über ehe-
malige Gestapo-Angehörige sowie über seine
Arbeitskollegen aus einer Handelsorganisati-
on. Auf Grund seines Alters und Gesundheits-
zustandes stellte die Staatssicherheit danach
die aktive Zusammenarbeit mit Bienert ein.
Um jedoch weiterhin seine Konspiration zu
gewährleisten, führte sie Kontrolltreffs durch.
1972 legte sie den Vorgang endgültig ad acta.
Forschungsergebnisse legten Jahrzehnte spä-
ter offen, dass Bienert an der Ermordung von
Widerstandskämpfern beteiligt war.
Annette Zehnter
(BStU, Außenstelle Chemnitz)
(Hingewiesen wird auch auf das Titelbild dieses
Heftes.)
„Einschätzung“ des MfS über die bisherige Zusammenarbeit mit
Bienert (BStU, MfS, BV Karl-Marx-Stadt, AIM, Nr. 1573/72, Bl. 37)
Mit Kriegsende flüchtete Bienert in den Westen
Deutschlands und verdiente seinen Lebens-
unterhalt mit Gelegenheitsarbeiten, zumeist
ohne polizeiliche Anmeldung. An-
fang 1947 wurde er zur Festnah-
me ausgeschrieben. Im Februar
1949 entschloss sich Bienert, in
die sowjetische Besatzungszone
zurückzukehren und stellte sich
bei seinem Grenzübertritt der Po-
lizei. Er wurde inhaftiert und der
sowjetischen Besatzungsmacht
übergeben. Trotz eines eingeleite-
ten Strafverfahrens wegen Kriegs-
verbrechen erfolgte keine Anklage.
Stattdessen stellten die Sowjets
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Chemnitz frei, ihrerseits Anklage
zu erheben. Diese wurde jedoch
auch nicht tätig, so dass Bienert
im Juni 1949 aus der Untersu-
chungshaft entlassen wurde.
Kurz darauf vom sowjetischen
Geheimdienst als Informant ge-
worben, sagte Bienert in dessen
Auftrag 1951/52 als Kronzeuge in
München in einem Prozess gegen
einen ehemaligen SS-Angehöri-
gen aus. Dieser wurde u. a. durch
Bienerts Aussage zu sieben Jahren
Zuchthaus verurteilt.
1955 nahm die DDR-Staats-
sicherheit Bienert ins Visier. Die
Kreisdienststelle Karl-Marx-Stadt
„Transparenz staatlichen Handelns ist eine Säule der Demokratie“, so der Bundesbeauftragte Roland Jahn (r.) in einer
der Diskussionsrunden: (v. l. n. r.) Dr. Clemens Vollnhals (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.),
Sven Felix Kellerhoff (DIE WELT) und Dr. Andrea Wettmann (Direktorin Sächsisches Staatsarchiv) (Foto BStU)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 28
„Die industrielle Stadt. Lokale Repräsentationen von
Industriekultur im urbanen Raum seit dem ausge-
henden 19. Jahrhundert“ – Kolloquium des Instituts
für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV)
am 15./16. Juni 2017 im Staatsarchiv Chemnitz
Seit einigen Jahren werden in Sachsen unter
dem Begriff der „Industriekultur“ die komple-
xen Verflechtungen von Industrialisierung,
gesellschaftlicher Modernisierung und Trans-
formation der Lebens- und Arbeitswelten
seit dem 19. Jahrhundert intensiv diskutiert.
Zahlreiche Akteure – Unternehmer, Stadtver-
waltungen, Tourismusverbände, Kultureinrich-
tungen, Architekturbüros, private Initiativen,
Archive, Museen und Universitäten – stecken
dabei ein Feld ab, dessen Themen von der
Umnutzung klassischer Industriebauten und
Bewahrung technischer Denkmale bis hin zu
Ausstellungen zur Industriegeschichte und
pädagogischer Vermittlungsarbeit reichen.
Die Erforschung von Industriegeschichte und
industriellen Beziehungen als Bestandteil der
Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte hat
im Zuge dieses neu erwachten Interesses fri-
sche Impulse erhalten. Dabei hat sich gezeigt,
dass die überaus vielfältige Industriestruktur
Sachsens ein fruchtbares Untersuchungsfeld
darstellt, das auch für die Bearbeitung über-
geordneter Fragestellungen zu Verlauf und
Folgen von Industrialisierungs- und Deindus-
trialisierungsprozessen geeignet ist.
Aufbauend auf diesem Interesse war das
Staatsarchiv Chemnitz am 15. und 16. Juni
2017 Gastgeber eines vom Institut für Sächsi-
sche Geschichte und Volkskunde e.V. (Dresden)
veranstalteten Kolloquiums zur industriellen
Stadt seit dem 19. Jahrhundert. Die Veranstal-
tung setzte damit die erfolgreiche Zusammen-
arbeit zwischen dem Sächsischen Staatsarchiv
und dem ISGV fort, in der sich die enge Verbin-
dung von Forschung und Archivwesen mus-
tergültig ausdrückt. Ziel der Veranstaltung war
es, die vielschichtigen Beziehungen zwischen
Stadt und Industrie, insbesondere in kleine-
ren und mittleren Städten, in regionaler und
interregionaler Perspektive zu beleuchten und
die Wahrnehmungsweisen der Industrie durch
eine Vielzahl von Akteuren zu rekonstruieren.
So sollten Prozesse der Selbstreflexion über
städtische Identitäten in ihrer historischen Ge-
nese herausgearbeitet und neue Sichtweisen
auf die historisch gewachsene urbane Indus-
triekultur gewonnen werden.
Im Anschluss an die Grußworte von Raymond
Plache, Leiter des Staatsarchivs Chemnitz, und
Winfried Müller, geschäftsführender Direktor
des ISGV, eröffnete Clemens Zimmermann
(Saarbrücken) die Veranstaltung mit einem
Überblick über die Konzepte historischer In-
dustriestadtforschung. In einer prägnanten
Skizze zeichnete er zunächst die wichtigsten
Themenfelder dieses Forschungszweiges aus
geschichtswissenschaftlicher Perspektive
nach, um sodann das Konzept der Pfadabhän-
gigkeit sowie die spezifische Perspektive auf
Medialität und Repräsentationen von Städten
vorzustellen. Er schloss seinen Vortrag mit der
Bemerkung, dass das herkömmliche Narrativ
von Aufstieg, Niedergang und „Wiederge-
burt“ von Industriestädten zunehmend und
zu Recht in Frage gestellt werde, während der
globale Charakter industrieller Vernetzung
eine immer wichtigere Rolle spiele.
In den vier sich anschließenden Beiträgen
wurden verschiedene Aspekte der Industri-
alisierungsgeschichte und der Ausprägung
städtischer Selbstbilder von industriellen
Städten präsentiert und anhand vielfältiger
historischer Quellen dokumentiert. Andrea
Hauser (Bremen) stellte die Gewerbe- und
Industrieausstellung von 1881 in Halle/Saale
vor und unterstrich die Bedeutung dieses
Ausstellungstypus´ für die Entwicklung und
Repräsentation industrieller Städte im späten
19. Jahrhundert. Sandra Schürmann (Ham-
burg) skizzierte das Fallbeispiel der Indust-
riestadt Recklinghausen, die seit den 1930er
Jahren ein gebrochenes Verhältnis zur eige-
nen Industrie(-geschichte) aufwies, wobei
innerstädtische, soziale Scheidelinien eine
große Rolle spielten. Mit dem Selbstbild als
einer „sauberen“ Industriestadt und den da-
mit einhergehenden Distinktionsbemühungen
befasste sich Sönke Friedreich (Dresden) am
Beispiel der Stadt Plauen i.V. Das Beispiel einer
höchst differenzierten Industrialisierungsge-
schichte in einer sächsischen Kleinstadt stand
im Mittelpunkt des Beitrages von Ulrich Heß
(Wurzen), der anschaulich machte, wie stark
das industrielle Erbe Wurzens bis in heutige
Bewusstseinsprozesse der Stadtbevölkerung
nachwirkt.
Dr. habil. Sönke Friedreich erstellte das Tagungsprogramm, referierte zum historischen Verhältnis von Stadt und
Industrie in Plauen und moderierte die letzte Tagungssitzung (Foto Hendrik Keller)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 29
Im Anschluss an die angeregten Diskussionen
um die empirischen Fallbeispiele industrieller
Städte verwies Tobias Crabus (Chemnitz) in
seinem Beitrag auf die vielfältige Überliefe-
rung des Staatsarchivs Chemnitz, die nicht
nur für die Beschäftigung mit der Industrie
im engeren Sinn, sondern auch für die Stadt-
geschichte ein reichhaltiges Quellenmaterial
bereitstellt. Sein Appell an die Teilnehmenden
zielte auf eine noch stärkere Nutzung der
staatlichen Archivbestände auch für Fragen
der historisch gewachsenen Industriekultur.
In der anschließenden Führung durch das
Staatsarchiv Chemnitz vermittelte Raymond
Plache die vielen Facetten der Archivarbeit
und gab den Tagungsteilnehmern und -teil-
nehmerinnen einen umfassenden Einblick
„hinter die Kulissen“ des Archivs.
Am zweiten Tag des Kolloquiums standen
nicht mehr allein städtische Selbstbilder als
Repräsentationen von Industriekultur im
Zentrum der Diskussion, sondern Blicke „vom
Rand“ auf die industrielle Stadt. So beleuch-
tete Swen Steinberg (Dresden) zunächst die
Konstitution und Konflikte des Industriedor-
fes als einer modernen, bislang nur wenig
erforschten Siedlungsform in Sachsen am
Beispiel von Kriebethal. Er unterstrich die Be-
sonderheiten der unternehmerisch geprägten
industriedörflichen Entwicklung in Abgren-
zung zur Stadt, sah in verschiedenen Kon-
fliktlinien, z. B. um die Umweltverschmutzung
oder die Sozialpolitik, aber durchaus auch Ge-
meinsamkeiten. Antje Reppe (Dresden) stellte
empirisches Material zur Repräsentation in-
dustrieller Entwicklungen auf verschiedenen
städtischen Heimatfesten in Sachsen um die
Wende zum 20. Jahrhundert vor und zeigte
die beinahe durchgängig positive Sichtweise
auf den industriellen Fortschritt in den bür-
gerlichen Führungsschichten der kleinen und
mittleren Städte auf. Der Beitrag von Florian
Schwemin (Regensburg) befasste sich mit
katholischen bzw. kirchlichen Sichtweisen
auf Industrialisierungsprozesse in der länd-
lichen Gesellschaft Bayerns und verwies auf
generelle Fragen gesellschaftlicher Moderni-
sierung, die in diesem Zusammenhang disku-
tiert wurden. Nadine Kulbe (Dresden) entwarf
eine Skizze der proletarischen Naturheilbewe-
gung um die Jahrhundertwende sowie deren
Sichtweisen auf die industrielle Stadt und
die in ihr manifesten sozialen und gesund-
heitspolitischen Probleme. Sie stellte dabei
das Wirken von Hermann Wolf, langjähriger
Vorsitzender des Verbandes Volksgesundheit
in Freital, in den Mittelpunkt. Abschließend
analysierte Anne Scheinhardt (Rom) den Ort
und die Transformation von Industriekultur
in der – nicht unbedingt als Industriestadt
bekannten – Metropole Rom und fragte da-
nach, inwieweit man von einer Entwicklung
von Industriekultur zur „Kulturindustrie“ spre-
chen könne. Sie schloss damit an Fragen zum
Umgang mit dem industriellen Erbe an, die
bereits am vorhergehenden Tag zu lebhaften
Diskussionen geführt hatten.
Die Vielfalt der in den Vorträgen dargebrach-
ten Themen machte erneut deutlich, dass
Industriegeschichte und Industriekultur sich
nicht auf wenige Gegenstandsbereiche oder
methodische Zugänge reduzieren lassen.
Gerade die Vielzahl der individuell je ganz
eigen geprägten industriellen Städte macht
den Reiz dieses Forschungsgebietes aus und
lädt zum Vergleich ein. Nicht zuletzt zeigten
die anregenden Gespräche zwischen den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass eine
regionale Perspektive auf industriekulturelle
Themen sinnvollerweise immer durch den
überregionalen Austausch und Vergleich er-
gänzt werden sollte. Die Beiträge des Kolloqui-
ums werden im Band 30 (2018) des Jahrbuchs
„Volkskunde in Sachsen“ publiziert.
Sönke Friedreich
(ISGV, Dresden)
Prof. Dr. Winfried Müller, Direktor des ISGV, in der Diskussion mit Prof. Dr. Clemens Zimmermann, Universität des Saarlandes (Foto Hendrik Keller)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 30
„Industriekultur. Erforschen – Bewahren – Nutzen“ –
Kolloquium am 24./25. Januar 2017 im Staatsarchiv
Chemnitz
2017 jährt sich der Geburtstag von Louis Fer-
dinand Schönherr, einer der bedeutendsten
Chemnitzer Unternehmerpersönlichkeiten des
19. Jahrhunderts, zum 200. Mal.
Louis Schönherr, geb. 1817 in Plauen, gründe-
te 1851 in Chemnitz die wohl bedeutendste
sächsische Webstuhlfabrik. Er startete die in-
dustrielle Serienproduktion speziell von Tuch-
webstühlen und Webstühlen zur Herstellung
von Möbelbezugsstoffen mit 20 Beschäftig-
ten. Schon 1855 wurde die Webstuhlmanu-
faktur durch eine eigene Gießerei ergänzt, ein
Jahr später zählte das Unternehmen bereits
150 Mitarbeiter und verkaufte seinen tausend-
sten Webstuhl. Schönherr überarbeitete 1861
seine Konstruktion, so dass mit den Webstüh-
len auch gemusterte Stoffe gefertigt werden
konnten. 1871 wurden der zehntausendste
Webstuhl gefertigt und eine eigene Fabrik-
feuerwehr gegründet. Neben den Webstühlen
wurden bis dahin auch 5 023 Spulmaschinen,
2 917 Schär- und Baumaschinen sowie 399 Lei-
nen- und Schlichtmaschinen produziert. So
wurden bis Ende 1871 18 339 Maschinen her-
gestellt, damals ein Wert von ca. 100 Millionen
Mark (heute ca. 696 Mio. Euro).
1872 wurde das Unternehmen in die Aktien-
gesellschaft „Sächsische Webstuhlfabrik AG
vormals Louis Schönherr“ umgewandelt. Im
Jahr 1888 wurde die erste Doppel-Plüschweb-
maschine mit doppelten Kettfäden vorgestellt.
1895 fertigten die 1 200 Beschäftigten be-
reits den fünfzigtausendsten Webstuhl, die
monatliche Produktion lag bei 250 Stück.
Somit erreichte das Unternehmen Weltruf und
begründete wesentlich den Erfolg der säch-
sischen Textilindustrie; eine wirtschaftliche
aber auch kulturelle Tradition, die eine bis
heute fortwährende Errungenschaft darstellt.
Vertreter von Vereinen, Unternehmen und
Einrichtungen haben sich im Verein „Schön-
herr 200“ e.V. zusammengeschlossen, um das
200. Jubiläum angemessen zu würdigen. Zu-
gleich soll damit an die prägende Industrie-
geschichte, die bemerkenswerten Leistungen
auf wirtschaftlichem und technischem Gebiet,
die hier in den letzten 200 Jahren erbracht
wurden, aber ebenso an das reiche industrie-
kulturelle Erbe erinnert werden, das die Regi-
on um Chemnitz den heutigen Generationen
hinterlassen hat. Dieses industriekulturelle
Selbstverständnis gilt es zu erkennen, zu be-
wahren, zu nutzen und auszugestalten.
Eröffnet wurde das Schönherr-200-Jubiläum
mit einem Kolloquium, das von der Cammann
Gobelin Manufaktur und dem Sächsischen
Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz organi-
siert wurde und die Bandbreite des industrie-
kulturellen Erbes am Beispiel wichtiger Ver-
treter demonstriert und das Jubiläum in den
Kontext der sächsischen Industriekultur stellt,
der seit einigen Jahren seitens der Öffentlich-
keit und nicht zuletzt auch der Landespolitik
zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Unter dem Titel „Industriekultur. Erforschen –
Bewahren – Nutzen“ wurden am 24. und 25.
Januar 2017 im Staatsarchiv Chemnitz drei
wichtige Aspekte der Industriekultur näher be-
leuchtet: die archivalische Überlieferung und
deren Nutzung, die Zeugnisse und Erlebbar-
keit der Technik, die Sicherung und Nutzung
der Industriearchitektur. In der Veranstaltung
haben ca. 100 Teilnehmer die Möglichkeit er-
halten, durch ausgewiesene Kenner aktuelle
Erkenntnisse zur Bewahrung der Zeugnisse
der Industriekultur, zu Forschungstendenzen
und zeitgemäße Konzepte zu deren Nutzung
präsentiert zu bekommen. Dafür konnten als
Referenten u. a. Historiker, Archivare, Res-
tauratoren, Denkmalpfleger, Architekten und
Stadtplaner gewonnen werden.
Einer der beiden Organisatoren, das Staats-
archiv Chemnitz, Abteilung 4 des Sächsischen
Staatsarchivs, verwahrt u. a. das Archivgut der
wichtigsten Unternehmen und Betriebe der
Region vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts
und stellt dieses für die Wissenschaft und
Forschung bereit. Dazu gehören für die Stadt
Chemnitz neben der Sächsischen Webstuhl-
fabrik Louis Schönherr Chemnitz u. a. auch
die Maschinenfabrik Germania Chemnitz, die
Sächsische Textilmaschinenfabrik vorm. Ri-
chard Hartmann AG Chemnitz, die Chemnit-
zer Aktienspinnerei, die Wanderer-Werke AG
Siegmar, die Auto Union AG Chemnitz und
deren Nachfolgebetriebe. Insgesamt handelt
es sich bei der Wirtschaftsüberlieferung um
fast 10 km Unterlagen aus der gesamten süd-
westsächsischen Region.
Der zweite Organisator des Kolloquiums „In-
dustriekultur“ war die Firma Cammann Gobelin
Manufaktur mit den beiden Inhabern Peggy
Wunderlich und Torsten Bäz. Das Unterneh-
men ist 1886 durch Paul Cammann in Chem-
nitz als Möbelstoffweberei gegründet worden.
Bis heute produziert die Firma Cammann auf
typischen Schönherr-Jacquard-Webstühlen
Luxusstoffe. Für historische, aber auch moder-
ne Räume – und das weltweit. Der historische
Erfolg der Weberei, vormals einer der großen
Mokett- und Epinglé Möbelstofflieferanten
weltweit, ist insbesondere durch die enge
Zusammenarbeit mit der Firma Schönherr zu
begründen. Innovationen in beiden Firmen
wurden durch die wechselseitige Inspiration
von Technik und Marktbedarf erzeugt. Bis heu-
te leben die Inhaber von Cammann diese textile
Tradition und bewahren so eine lebendige
Industriekultur in der sächsischen Region.
Torsten Bäz
(Cammann Gobelin Manufaktur,
Chemnitz)
Die Akteure des Kolloquiums „Industriekultur“ im Januar 2017: (v. r. n. l.) Raymond Plache (Abteilungsleiter Staats-
archiv Chemnitz), Ralph Lindner (Stiftungsdirektor der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen), Prof. Dr. Helmuth
Albrecht (Direktor des Instituts für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte (IWTG) an der
TU Bergakademie Freiberg), Dr. Andrea Wettmann (Direktorin des Sächsischen Staatsarchivs), Dr. Bruno Bartscher
(Referatsleiter Luftverkehr und Binnenschifffahrt im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst),
Torsten Bäz (Inhaber Cammann Gobelin Manufaktur) (Foto Stefan Möbius)

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Rezensionen
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 31
Michael Schäfer, Eine andere Industria-
lisierung. Die Transformation der sächsi-
schen Textilexportgewerbe 1790–1890,
Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2016
(Regionale Industrialisierung, Bd. 7), 477 S.
Die Industrialisierung in Sachsen galt durch die
umfangreichen Monografien von Rudolf For-
berger („Die industrielle Revolution in Sachsen
1800–1861“, 2 Bde., Berlin, 1982–2003) und
Hubert Kiesewetter („Industrialisierung und
Landwirtschaft. Sachsens Stellung im regi-
onalen Industrialisierungsprozeß Deutsch-
lands im 19. Jahrhundert“, Köln u. a., 1988;
„Die Industrialisierung Sachsens. Ein regional-
vergleichendes Erklärungsmodell“, Stuttgart,
2007) eigentlich als vergleichs weise gut er-
forscht. Allerdings ist Geschichtsforschung
kein zeitlich abgeschlossener Prozess, da sie
sich stets mit neuen Fragestellungen, metho-
dischen Ansätzen und Quelleninterpretatio-
nen auseinandersetzen muss. Es ist in diesem
Sinn ganz berechtigt, wenn vermeintlich ab-
schließend erforschte historische Entwicklun-
gen aus einem neuen Blickwinkel betrachtet
und neu bewertet werden.
Der durch zahlreiche Veröffentlichungen zur
Wirtschaftsgeschichte Sachsens gut bekannte
Autor Michael Schäfer untersucht in seinem
Buch die industrielle Transformation in der
wichtigsten Gewerbebranche Sachsens des
18. und 19. Jahrhunderts: dem Textilgewerbe.
Neu ist dabei vor allem die Einbeziehung der
sich rasch wandelnden Absatzmöglichkeiten
und Marktanpassungen, ohne die der spezifi-
sche Verlauf der Industrialisierung in Sachsen
tatsächlich nicht erklärt werden kann. Dieser
Ansatz unterscheidet sich von bislang vorlie-
genden Studien zur Industrialisierung nicht nur
Sachsens, sondern auch in anderen deutschen
Staaten, da überregionale Marktfaktoren in der
Regel unbeachtet blieben. Zeitlich setzt die Stu-
die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
ein und beschreibt zunächst die variantenrei-
che Ausgangssituation in den protoindustriel-
len Textilrevieren Sachsens. Anschließend wer-
den Beginn und Fortgang der Industrialisierung
für die Zeiträume 1790–1815, 1815–1850 und
1850–1890 und jeweils in den drei großen
Branchen Baumwoll-, Woll- und Leinengewer-
be beschrieben, bevor in einem Schlusskapitel
die Forschungsergebnisse zusammengefasst
und systematisiert werden. Der Anhang enthält
Tabellen mit statistischen Angaben zur Textil-
produktion und zur Betriebsanzahl, ferner ein
Quellen- und Literaturverzeichnis.
Als Informationsgrundlage dienten der Unter-
suchung eine vor allem ab den 1830er Jahren
reichhaltige zeitgenössische Wirtschaftslite-
ratur (darunter die gedruckten Berichte der
sächsischen Statistikbehörden, die „Deutsche
Gewerbezeitung“ und die Jahresberichte der
sächsischen Handels- und Gewerbekammern),
zahlreiche Veröffentlichungen der späteren
betriebswirtschaftlichen und historischen
Forschung sowie eine Fülle von archivischen
Unterlagen. Zu diesen gehören vor allem die
bereits von der älteren handels- und gewerbe-
geschichtlichen Forschung herangezogenen
Berichte der sächsischen Landesökonomie-,
Manufaktur- und Kommerziendeputation
über die Leipziger Messen („Messrelationen“).
Andere Archive, wie verschiedene Kom-
munalarchive, das Unitätsarchiv Herrnhut
(wo Unterlagen der im 18./19. Jahrhundert
sehr bedeutenden Leinwandfirma Abraham
Dürninger & Co. verwahrt werden) und das
Sächsische Wirtschaftsarchiv, wurden weni-
ger intensiv genutzt. Dies erfolgte nicht nur
quellenbedingt, sondern ist auch arbeitsöko-
nomisch nachvollziehbar.
Durch eine souveräne Auswertung der archi-
vischen Bestände und der gedruckten Litera-
tur kann Michael Schäfer eine überzeugende
Lesart von der industriellen Transformation
der sächsischen Textilexportgewerbe entwi-
ckeln. Die Menge der von ihm dabei heraus-
gearbeiteten Informationen erlaubt es nicht,
auf alle wichtigen Erkenntnisse einzugehen,
die das Buch enthält. Hervorgehoben sei die
Neubewertung des Einflusses, den die napo-
leonische Kontinentalsperre auf die Gründung
von sächsischen Maschinenspinnereien und
die Entwicklung des sächsischen Textilge-
werbes insgesamt ausgeübt hat. Hier müssen
vereinfachte ältere Vorstellungen von einer
treibhausartigen Wachstumsförderung durch
den Marktausschluss englischer Fabrikate er-
heblich korrigiert werden. Ferner unterstreicht
Schäfer die erstaunlich große Adaptions- und
Überlebensfähigkeit protoindustrieller Pro-
duktionssysteme im 19. Jahrhundert, die auf
die Herausforderung industrieller Konkurrenz
(insbesondere aus England) flexibel und durch
Auffinden ökonomischer Nischen und Freiräu-
me erfolgreich reagierten. Dabei kann er auch
ältere Urteile über eine angeblich mangelnde
Innovations- bzw. Industrialisierungsbereit-
schaft sächsischer Textilunternehmer ent-
kräften, da der Einsatz von Maschinen sehr
konkret von den gegebenen Absatzchancen
der jeweiligen Produkte und von der Markt-
macht anderer Anbieter abhing. Es war für
viele sächsische Fabrikanten ökonomisch oft
vernünftiger, vorhandene vorindustrielle Be-
triebsformen beizubehalten und die Produkti-
on auf gefragte, lohnkostenintensive Produkte
umzustellen, als industriell aufgerüstet den
Freitod in einer direkten Konkurrenz mit der
überlegenen, viel moderner ausgestatteten
englischen Industrie zu suchen.
Die branchenweise Darstellung der indust-
riellen Transformationsprozesse in den drei
aufeinander folgenden Zeiträumen macht
den konkreten Verlauf der Industrialisierung
im sächsischen Textilgewerbe sehr gut nach-
vollziehbar. Sie bringt allerdings mit sich, dass
wichtige Einzelfragen der Industrialisierung
wie z. B. der Technologietransfer, der Dampf-
maschineneinsatz in den Fabriken oder deren
Finanzierung mehr sporadisch in die Darstel-
lung eingestreut sind und nicht gesondert
dargelegt werden. Relativ wenige Informati-
onen finden sich auch über die Arbeiterschaft
in den Textilfabriken und die frühindustrielle
Arbeitswelt.
Diese wenigen Desiderate, die bei der konkre-
ten Zielstellung und dem Aufbau des Buches
schwer vermieden werden konnten, weisen
z. T. auf weiteren Forschungsbedarf hin. Zu
Gegenständen künftiger Untersuchungen
könnten neben der frühindustriellen Finan-
zierung und der vielumstrittenen Frage einer
Kapitalknappheit auch die Rolle des sächsi-
schen Staates gehören, dessen Aktionen oft
als Entscheidungen eines monolithischen
Akteurs gedeutet werden, in Wirklichkeit aber
eher das Ergebnis von zähen Auseinander-
setzungen zwischen verschiedenen Verwal-
tungen oder Verwaltungsebenen mit unter-
schiedlichen Vorstellungen waren.
Jörg Ludwig
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2017 | 32
Clementine von Breitenbuch/
Asta von Breitenbuch/Matthias Donath /
Lars-Arne Dannenberg, Rote Sparren
auf blauem Grund – Die Familie von
Breitenbuch (Breitenbauch) in Sachsen
und Thüringen, Meißen: edition Sächsi-
sche Zeitung, 2016 (Adel in Sachsen,
Bd. 8, hrsg. von Matthias Donath /
Lars-Arne Dannenberg), 519 Seiten,
über 100 Abbildungen, 9 genealogische
Tafeln und 1 Karte, 29,90
Die Familie von Breitenbuch gehört zu den
ältesten, aber weniger bekannten Adelsfami-
lien Sachsens und Thüringens. Ursprünglich
stammt sie aus dem Saaleraum um Zeitz. Na-
mensgebender Stammsitz war im 12. Jahr-
hundert die Burg Breitenbach im Zeitzer
Forst zwischen den Dörfern Schlottweh und
Breitenbach. Von hier breitete sich die Fami-
lie nach Thüringen und Sachsen aus. Ab dem
16. Jahrhundert waren über rund 350 Jahre
die Burg Ranis und Schloss Brandenstein ihre
wichtigsten Besitzkerne. Der Name der Fami-
lie wandelte sich bis ins 16. Jahrhundert von
„Breitenbach“ und „Breitenbuch“ in „Breiten-
bauch“, ehe 1906 eine amtliche Rückbenen-
nung in „Breitenbuch“ erfolgte.
Im 8. Band der Reihe „Adel in Sachsen“, er-
schienen bei „edition Sächsische Zeitung“, be-
schäftigen sich mit dieser Familie im Auftrag
des Breitenbuch´schen Familienverbandes
Matthias Donath und Lars-Arne Dannenberg.
Aufbauend auf den Forschungen von Asta
und Clementine (Mense) von Breitenbuch ha-
ben sie eine zeitgemäße Familiengeschichte
erstellt. Dabei nutzen sie nicht nur das von
der Familie zur Verfügung gestellte Material,
sondern ziehen weitere Quellen aus verschie-
denen mitteldeutschen Archiven wie auch
aus Beständen des Instituts für Personenge-
schichte in Bensheim heran. Unter den Hin-
weisen zur Benutzung erläutern die Bearbeiter
die lange Entstehungsgeschichte des Buches,
die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Sie
verweisen auf ein Dilemma der Arbeit: Nicht
alle Informationen, die von Asta und Mense
von Breitenbuch stammen, konnten verifiziert
werden, da mancher Quellennachweis fehlte
und darüber hinaus einst nutzbare Quellen
heute verschollen oder vernichtet sind.
In der umfangreichen Einleitung werden nach
dem Konzept, das sich in der Schönberg´schen
und Watzdorf`schen Familiengeschichte (Adel
in Sachsen, Bd. 4 und Bd. 6) bewährt hat, die
Familie und einzelne Mitglieder in ihr histori-
sches, gesellschaftliches, soziales und wirt-
schaftliches Umfeld eingeordnet. Gleich zu
Beginn wird quasi nebenbei auf eine beson-
ders hervorzuhebende Leistung der Bearbeiter
verwiesen. Ihnen ist es gelungen, die Vermen-
gung der aus dem Zeitzer Raum stammenden
Familie von Breitenbuch und der meißnischen
Familie von Breitenbach zu beenden. Diese
Klarstellung wird für die weitere Forschung zu
diesen Familien und zu anderen Themen säch-
sischer Landesgeschichte sehr hilfreich sein.
In den Abschnitten „Rittergüter und Lehns-
recht“ sowie „Besitzentwicklung“ wird deut-
lich, wie durch das Zusammentragen ver-
schiedener Besitzrechte Rittergüter entstehen
konnten.
Indem Familiengeschichte aus verschiedenen
Blickwinkeln betrachtet wird, entstehen eini-
ge Doppelungen. So wird beispielsweise die
Übernahme des ehemaligen Besitzes der Fa-
milien von Münchhausen im heutigen Nieder-
sachsen mehrmals dargestellt. Das fällt jedoch
nur auf, wenn man das Buch von Anfang bis
Ende durchliest, wozu der Rezensent nun mal
verpflichtet ist, will er sich ein ausgewogenes
Urteil bilden. Breiten Raum nimmt die Darstel-
lung des Neustartes der Familie in Sachsen
nach der Wiedervereinigung Deutschlands
ein. Trotz Enteignung und Vertreibung 1945
leben in Sachsen heute wieder mehrere Fa-
milienzweige. Die Familie von Breitenbuch
verfügt heute über mehr Rittergüter und
Wirtschaftsbetriebe, als sie 1945 besaß, und
bewirtschaftet mehr land- und forstwirt-
schaftliche Fläche, als sie 1945 durch die Ent-
eignung verloren hatte. Der Großteil davon
befindet sich im Freistaat Sachsen. Auch die
Zahl der Familienmitglieder ist größer als in der
Vergangenheit. Man muss Matthias Donath
und Lars-Arne Dannenberg zustimmen: „Das
ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte.“
Der Einleitung schließen sich 313 Einzelbio-
grafien sämtlicher bekannter Familienmit-
glieder über 25 Generationen an, die vorwie-
gend auf die Arbeiten von Asta und Mense
von Breitenbuch zurückgehen. Die Lektüre
dieser Lebensgeschichten ist ausgesprochen
spannend. Man erhält einen hervorragenden
Einblick in die adlige Lebenswelt über mehr
als 800 Jahre, vollführt eine Reise durch die
deutsche Geschichte und erlebt, wie die Fami-
lie mit den Problemen und Verwerfungen der
Zeit umging, die sie zum Teil auch sehr direkt
betrafen. Nur wenige Leser werden sich in die
vielen Einzelschicksale vertiefen, obwohl es
fast immer lohnt. Aber auch wenn man sich
nur für ausgewählte Epochen interessiert,
kann man in einzelnen Biographien viel In-
teressantes finden. Hervorzuheben sind die
eingefügten Abschriften von Originalquellen.
Besonders die Erinnerungen der Familienmit-
glieder aus dem 19. und 20. Jahrhundert las-
sen den Leser wichtige Aspekte adligen Leben
sehr direkt miterleben.
Für die Biographien aus dem 17. und 18. Jahr-
hundert wurden ganz offensichtlich die Le-
bensläufe aus den betreffenden Leichen-
predigten herangezogen. Manche Passagen
wurden wohl sogar wörtlich übernommen.
Hier wäre für den mit dieser Quellengattung
wenig vertrauten Leser eine kritische Anmer-
kung – vielleicht schon in der Einleitung –
nötig gewesen. So wird es sich bei der Behaup-
tung, Melchior von Breitenbauch (1599–1681)
habe die Bibel 61-mal gelesen, um einen Topos
handeln, der häufiger benutzt wurde, um die
Gottesfürchtigkeit einer Person zu beweisen.
Generell wurden in den biographischen Teilen
der Leichenpredigten die positiven Aspekte
von Charakter und Leben des Verstorbenen
hervorgehoben. Der Lebenslauf muss deshalb
im Zusammenhang mit den anderen Teilen der
Leichenpredigt – etwa dem Leichtext oder dem
Hauptteil der Predigt – interpretiert werden.
Den Abschluss des Buches bildet ein umfang-
reicher Anhang, der neben einem Verzeichnis
der Geschlechtstage auch neun Stammtafeln
sowie getrennt Orts- und Personenregister
enthält. Ergänzt wird das auch gestalterisch
gelungene Buch durch zahlreiche Abbildun-
gen, insbesondere Portraits, und eine Karte
zu den Rittergütern.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass
Matthias Donath und Lars-Arne Dannenberg
mit ihrem Werk „Rote Sparren auf blauem
Grund – Die Familie von Breitenbuch (Brei-
tenbauch) in Sachsen und Thüringen“ ein wei-
teres Mal einen wichtigen und lesenswerten
Beitrag für die mitteldeutsche Adelsforschung
geleistet haben. Historiker und Archivare, aber
auch interessierte Laien, die sich mit dieser
Familie, mit dem sächsischen Adel oder all-
gemein mit regionalgeschichtlichen Themen
beschäftigen, sollten dieses Werk für ihre
Nachforschungen nutzen.
Jens Kunze
(Wermsdorf)

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 2 / 2017
Titelbild:
Spiegelüberlieferung im Staatsarchiv Chemnitz zu den Unterlagen des BStU zum Ermittlungsverfahren gegen
Franz Emil Bienert (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, 39074 NS-Archiv des MfS, Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt
(Objekt 14), Nr. Obj. 14 ZD 54/2965); s. Beitrag Zehnter, Archivierte Diktaturen
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Die Daten werden vierteljährlich aus der Erschließungsdatenbank des Staatsarchivs aktualisiert.

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Redaktion:
Michael Merchel (Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
E-Mail: michael.merchel@sta.smi.sachsen.de
Satz und Druck:
Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
15. September 2017
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