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Europabildung in der Schule
(Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 08.06.1978 i. d. F. vom 15.10.2020)

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Vorbemerkung
Grundverständnis
Europa ist mehr als ein topographischer Begriff. Die europäische Dimension um-
schließt in all ihrer Vielfalt auch ein gemeinsames historisches Erbe, gemeinsame kul-
turelle Traditionen und gemeinsame Werte sowie Strukturen der gemeinsamen Prob-
lemlösung.
Die Beziehungen innerhalb Europas und zu allen anderen Teilen der Welt sind vielfäl-
tig. Insbesondere die internationalen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen
und Abhängigkeiten erfordern sowohl eine europaweite als auch weltweite Zusam-
menarbeit und einen friedlichen Interessenausgleich. Auch Herausforderungen im ei-
genen Land wie friedliche Konfliktlösungen, eine nachhaltige und global verantwortli-
che Wirtschafts- und Lebensweise, Migration sowie Bekämpfung von Armut, Krank-
heit, Diskriminierung und Rassismus erfordern ein Engagement weit über die eigenen
Grenzen hinaus.
Der Prozess des Zusammenwachsens Europas bedeutet für jede Einzelne und jeden
Einzelnen, die jeweilige lokale, regionale und nationale Geschichte und Tradition in
einem europäischen Kontext zu sehen, sich der Perspektive anderer zu öffnen, wert-
gebundene Toleranz und Solidarität zu üben und mit Menschen anderer Sprachen und
Kulturen zusammenzuleben und Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen in
Europa anzugehen. Damit übernimmt jede und jeder selbst Verantwortung für Freiheit,
Frieden, Gerechtigkeit sowie sozial gerechte und zukunftsfähige Lebensbedingungen
in Europa und in der Welt, auch durch politische Teilhabe auf europäischer Ebene.
Die leidvollen Erfahrungen zweier Weltkriege sowie die divergenten Entwicklungen in
West- und in Osteuropa seit 1945 haben den Europäerinnen und Europäern Anlass
gegeben, sich auf ihre gemeinsamen Grundlagen zu besinnen und im Bewusstsein
ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer gemeinsamen Verantwortung neue Wege der
Zusammenarbeit und Einigung zu beschreiten, nicht zuletzt um Voraussetzungen für
einen dauerhaften Frieden in Europa zu schaffen. Dieser Wille zur Zusammenarbeit
kommt maßgeblich mit dem Aufbau des Europarats und der Europäischen Union zum
Ausdruck. Die Aussöhnung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in besonde-
rem Maße durch die persönlichen Begegnungen bei Schüler- und Jugendaustauschen
befördert. Generationen von jungen Menschen wurden bei internationalen Austausch-
und Begegnungsprojekten darin bestärkt, Demokratie, gesellschaftliche Vielfalt und
europäische Verständigung zu leben und sich dafür zu engagieren. Die Neuordnung
der politischen Verhältnisse nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und die Überwin-
dung des Ost-West-Gegensatzes sowie die kriegerischen Auseinandersetzungen in
den nachfolgenden Jahrzehnten auf europäischem Boden wie die Kriege auf dem Ge-
biet der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, aber auch wie-
deraufflammende Nationalismen und Regionalisierungstendenzen zeigen, dass der

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Aufbau und der Erhalt eines Europas als Friedensgemeinschaft fortwährende Aufga-
ben sind.
Nachfolgende Generationen für den Begründungzusammenhang von Frieden und de-
mokratischem Zusammenleben in Europa zu sensibilisieren, durch anschauliche Ver-
mittlung ihr Vertrauen in ein gemeinsames Europa zu stärken und sie so zur eigenen
Teilhabe an dessen Weiterentwicklung zu befähigen, ist eine zentrale Aufgabe aller
Europäerinnen und Europäer.
Der Europarat, dessen wichtigste Ziele der Schutz und die Erhaltung von Menschen-
rechten und Demokratie sind, hat seit seinem Bestehen die europäischen Staaten in
einschlägigen Bereichen des Bildungswesens unterstützt (u. a. lebenslanges Lernen,
Bildung für nachhaltige Entwicklung, Fremdsprachen, Kulturgeographie, Geschichts-
unterricht und Holocaustgedenken). Besondere Verdienste hat sich der Europarat seit
1997 auch auf dem Gebiet der Demokratie- und Menschenrechtserziehung erworben;
2018 wurde ein Referenzrahmen für Demokratiekompetenzen (Reference Framework
of Competences for Democratic Culture) vorgestellt.
Die Europäische Union ist eine Gemeinschaft der Werte, wie es in Art. 2 des Vertrages
über die Europäische Union (EUV) verankert ist. Die Werte, auf die sich die Union
gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit,
Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte
der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in
einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Tole-
ranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit aller Geschlechter auszeichnet. Die
Charta der Grundrechte der Europäischen Union erlangte 2009 Rechtskraft. 2012
wurde der Europäischen Union der Friedensnobelpreis verliehen, „für über sechs Jahr-
zehnte, die zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschen-
rechten in Europa beitrugen“, so die Begründung für die Preisvergabe.
Es ist die Aufgabe aller Europäerinnen und Europäer, dieses europäische Miteinander,
diese Zeit des Friedens nach Jahrhunderten der kriegerischen Konflikte auf diesem
Kontinent zu bewahren und weiterzuentwickeln. Diese Werte sind auch bei der Bewäl-
tigung von besonderen Herausforderungen wie Finanz- und Währungskrisen, Aus-
trittsbestrebungen, Migration, Klimawandel, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Pande-
mien sowie regionalen und sozialen Disparitäten zu wahren und Beiträge zur Lösung
globaler Probleme sind einzubringen. Europa entwickelt sich ständig weiter, auch
durch dynamische Vernetzung und Mobilität zwischen den europäischen Regionen
und durch Entwicklungen der transnationalen und gesellschaftlichen Beziehungen.
Dabei können alle Menschen gleichzeitig ihrer Verbundenheit sowohl zur Herkunftsre-
gion als auch zu Europa Ausdruck geben. Den Regionen Europas und der nachbar-
schaftlichen Zusammenarbeit kommt in einem Europa der Bürgernähe und der grenz-
überschreitenden Kooperation nicht nur im Bereich der Bildung eine herausgehobene
Bedeutung zu.

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Deutschland ist fest verankert in europäischen Organisationen und Institutionen und
verdankt seine Aufnahme in die Weltgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und
die Wiedervereinigung nicht zuletzt seinem Bekenntnis zu Europa und der europäi-
schen Zusammenarbeit. Das europäische Miteinander und die verantwortungsvolle
Wahrnehmung der eigenen Rolle in Europa ist deshalb eine der Grundfesten der Bun-
desrepublik Deutschland. Dieses Bewusstsein der Bedeutung des europäischen Pro-
zesses für Deutschland gilt es zu schärfen in einer Zeit, in der dem Europagedanken
in Teilen EU-skeptische, nationalistische und antidemokratische Strömungen gegen-
überstehen.
Bedeutung und Rolle der Bildung
Der Schule kommt bei dieser Aufgabe eine besondere Verantwortung zu, denn sie ist
diejenige gesellschaftliche Institution, die alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Sie ist
ein zentraler Ort, an dem der europäische Gedanke vermittelt und gelebt werden kann
und an dem die jungen Menschen die für ihre individuelle und gesellschaftliche Zu-
kunftsgestaltung in Europa notwendigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten ent-
wickeln.
Die Europäische Kommission hat 2017 die Stärkung des europäischen Bewusstseins
durch Bildung und Kultur hervorgehoben und die Vision der Schaffung eines europäi-
schen Bildungsraums vorgestellt. Ziel ist es, allen jungen Menschen die besten Bil-
dungs- und Ausbildungschancen sowie EU-weite Beschäftigungsmöglichkeiten zu er-
öffnen. Verschiedene Initiativen sollen dazu beitragen:
Erleichterung der Anerkennung von Bildungsabschlüssen durch Transparenz
(bspw. durch den Europass, den Gemeinsamen Europäischen Referenzrah-
men für Sprachen des Europarats, den Europäische Qualifikationsrahmen für
lebenslanges Lernen)
mehr Bildungsgerechtigkeit und der Zugang zu hochwertiger Bildung für alle
Förderung der Inklusion
Erhöhung der Mobilität
Verbesserung des Lehrens und Lernens von Sprachen
Förderung von Kompetenzen für das Leben in der digitalen Welt und
Sensibilisierung für Geschichte und Kultur unserer europäischen Nachbarn.
Darüber hinaus bildet die EU-Jugendstrategie den Rahmen für die jugendpolitische
Zusammenarbeit in der Europäischen Union. Sie ist auf dem Verständnis begründet,
dass junge Menschen eine zukunftsrelevant gestaltende Rolle für die EU und ihre Mit-
gliedstaaten einnehmen, gleichzeitig jedoch komplexen Anforderungen gegenüberste-
hen, mit denen sie umgehen müssen.

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Die Bildungsministerinnen und -minister der Europäischen Union haben sich mit der
Pariser Erklärung 2015 für die Förderung von politischer Bildung im Sinne einer um-
fassenden Citizenship Education und der gemeinsamen Werte von Freiheit, Toleranz
und Nichtdiskriminierung eingesetzt. Darauf aufbauend haben sie 2018 eine Empfeh-
lung zur Förderung gemeinsamer Werte, inklusiver Bildung und der europäischen Di-
mension im Unterricht beschlossen.
Die Kultusministerkonferenz hat mit ihrer Empfehlung „Europa im Unterricht" vom
8. Juni 1978 erstmals die Elemente und Leitlinien des europäischen Bildungsauftrages
der Schule dargelegt, sie wurden 1990 und 2008 neu gefasst. Vor dem Hintergrund
der Entwicklungen in Europa und mit Blick auf die pädagogische Weiterentwicklung
hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, ihre bisherige Empfehlung zur Europab-
ildung in der Schule im Jahr 2020 zu aktualisieren und in den Zusammenhang weiterer
Empfehlungen und Beschlüsse zur historisch-politischen, zur Menschenrechts- und
zur Demokratiebildung zu stellen.
Um die Bedeutung der beruflichen Bildung für den europäischen Gedanken zu unter-
streichen, hat die Kultusministerkonferenz zudem beschlossen, zur Weiterentwicklung
der Integrationsleistungen und -möglichkeiten der beruflichen Bildung vor dem Hinter-
grund der Arbeitnehmerfreizügigkeit, der Demokratiebildung und der Stärkung des eu-
ropäischen Gedankens eine gesonderte Empfehlung „Berufliche Bildung als Chance
für Europa“ zu erarbeiten, denn Ausbildung und Arbeit sind maßgeblich für Integration
und Teilhabe und ein starker Schutzschild gegen antidemokratisches Gedankengut.
2. Ziele und allgemeine Grundsätze
Europabildung in der Schule muss sich an den Bedürfnissen insbesondere der jungen
in Europa lebenden Menschen orientieren, aktiv und kompetent am gesellschaftlichen,
beruflichen, politischen und kulturellen Leben in Europa gestaltend teilhaben zu kön-
nen. Sie nimmt dabei auch Bezug auf die gemeinsamen europäischen Werte und das
gemeinsame historische und kulturelle Erbe. Dies schließt die Auseinandersetzung mit
zentralen Aspekten und Inhalten der europäischen Geschichte und des europäischen
Einigungsprozesses ein.
Ziel der pädagogischen Arbeit an Schulen ist es
,
die Europakompetenz, d. h. neben
europabezogenen Kenntnissen vor allem interkulturelle Kompetenz, Partizipations-
und Gestaltungskompetenz sowie Mehrsprachenkompetenz, bei Kindern und Jugend-
lichen zu fördern und somit das Bewusstsein einer europäischen Identität als Ergän-
zung zu den lokalen, regionalen und nationalen Identitäten zu ermöglichen. Hierzu ge-
hört, sie darauf vorzubereiten, ihre garantierten Rechte als Bürgerinnen und Bürger in
der Europäischen Union aktiv wahrnehmen zu können. Sie werden so zu einer selbst-
ständigen, reflektierten Auseinandersetzung mit der aktiven Rolle Deutschlands in Eu-

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ropa, dem Europarat und der Europäischen Union, zur Teilhabe an politischen Ent-
scheidungsprozessen auf europäischer Ebene sowie zum Umgang mit globalen Her-
ausforderungen befähigt.
Aufgabe der Schule ist es auch, zur Anerkennung von Freiheit und Demokratie in Eu-
ropa zu erziehen sowie Selbstwirksamkeit, die Bereitschaft zu sozialem Handeln und
Verantwortungsübernahme zu fördern. Die Schule soll dazu beitragen, dass ein Be-
wusstsein europäischer Zusammengehörigkeit entsteht („In Vielfalt geeint“) und Ver-
ständnis dafür entwickelt wird, dass in vielen Lebensbereichen und in den Regionen
europäische Bezüge wirken und europäische Entscheidungen erforderlich sind. Die
Schule hat zudem die Aufgabe, Interesse und Akzeptanz gegenüber der Vielfalt von
Sprachen und Kulturen zu wecken und auszubauen. Dies wirkt der Vorurteilsbildung
entgegen und leistet einen Beitrag zu Toleranz und Respekt gegenüber anderen Le-
bensweisen sowie zur Völkerverständigung.
Europabildung nutzt die jeweiligen regionalen Verbindungen und die Bezüge zur Le-
benswelt der Schülerinnen und Schüler als Ausgangspunkt für Lernprozesse. Dazu
gehören sowohl Mobilitätserfahrungen als auch die sprachlich und kulturell heterogene
Zusammensetzung der Schülerschaft. Aktuelle Ereignisse auf europäischer Ebene so-
wie europäische und globale Herausforderungen werden in der Schule angemessen
aufgegriffen und analysiert. Dabei gelten die zentralen Prinzipien der Demokratiebil-
dung. Dazu gehört, dass diese Ereignisse, vor allem aber auch die (Weiter-)Entwick-
lung der Europäischen Union, des Europarats und der Beziehungen Europas zu sei-
nen Nachbarn insgesamt und die gegenwärtige und zukünftige Gestaltung der euro-
päischen und internationalen Zusammenarbeit immer kritisch und kontrovers disku-
tiert werden können.
Europabildung in der Schule ist Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft. Sie findet
in allen Schularten statt und ist inklusiv und integrativ zu gestalten.
Zur Erschließung der europäischen Dimension in Unterricht und Erziehung sollen alle
Fächer und Lernbereiche einen Beitrag leisten. Die Lehrpläne und Bildungspläne der
Länder enthalten dazu in differenzierter Weise konkrete Ziele und Themen sowie Hin-
weise auf geeignete Lerninhalte und zweckmäßige Arbeitsformen. Sie nehmen Bezug
zur politischen Bildung, zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung, zur Bildung für
nachhaltige Entwicklung, zur Bildung in der digitalen Welt, zur interkulturellen Bildung
und zur Persönlichkeitsbildung. Sie enthalten Hinweise für fächerverbindenden, fä-
cherübergreifenden oder fächerintegrierenden Unterricht und fördern die Kooperation
mit außerschulischen und internationalen Partnern.
Die Zusammenarbeit im Rahmen von Schulpartnerschaften bzw. im Rahmen des EU-
Programms für die allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport (Erasmus+)
kann hier wertvolle Beiträge leisten. Die Länder haben mit der seit 1995 tätigen Natio-
nalen Agentur für den Schulbereich beim Pädagogischen Austauschdienst (PAD) die

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dafür notwendigen Unterstützungsstrukturen geschaffen. Die durch Erasmus+ geför-
derten Kooperationsmöglichkeiten im Schulbereich, der die vorschulischen Einrichtun-
gen, Schulen aller Schularten und -stufen sowie Einrichtungen der Lehreraus-
und -fortbildung umfasst, dienen nicht nur der Erweiterung der europäischen, sondern
auch der jeweils fachlichen und methodischen sowie der persönlichen Kompetenzen.
In diesem Sinne sind Austausch und Begegnung sowohl im Real- als auch im digitalen
Raum sehr wertvolle und wichtige Aufgaben. In Zeiten, da interkulturelle Kompetenzen
notwendiger sind denn je, entfaltet der internationale Austausch für die teilnehmenden
Schülerinnen und Schüler wie auch für das pädagogische Personal an den Schulen
besonders nachhaltige Wirkungen. Neben seiner unbestreitbaren Bedeutung zur Ent-
wicklung von Sprachkompetenzen bietet Austausch wertvolle Chancen für die Demo-
kratiebildung, die Toleranzerziehung und die Persönlichkeitsentwicklung von Schüle-
rinnen und Schülern und für die Weiterentwicklung von Schulen insgesamt. Zudem
entfalten Austauscherfahrungen häufig biografische Bedeutung. Auslandserfahrun-
gen können das Gefühl der Selbstwirksamkeit sehr positiv beeinflussen.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler
aller Schularten und aller Gesellschaftsschichten Möglichkeiten zu einem europäi-
schen bzw. internationalen Austausch erhalten.
3. Maßnahmen der Bildungsverwaltung und -politik
Die Kultusministerkonferenz begreift Europabildung als Querschnittsthema, das vor
allem durch die Aneignung von Kompetenzen in Bezug auf Europa anschlussfähig ist
und im Sinne des lebenslangen Lernens nachhaltig wirkt.
Europabildung in der Schule leistet einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung ei-
nes Europabewusstseins und einer europäischen Zugehörigkeit. Sie sollte frühzeitig
in der individuellen Bildungsbiografie einsetzen.
Um das Engagement von Schülerinnen und Schülern, Lehr- und Fachkräften für Eu-
ropabildung in der Schule zu stärken, unterstützen die Länder die Umsetzung folgen-
der Maßnahmen:
Verankerung der Europabildung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Fach- und
Lehrkräften
Förderung von Lehrkräftefortbildungen und Hospitationen an Schulen in Deutsch-
land und im Ausland, Austausch von Fremdsprachenassistenzkräften sowie inter-
nationalen Freiwilligenprogrammen (z. B. Deutsch-Französischer Freiwilligen-
dienst, „kulturweit“), die über die EU, den PAD, die Jugendwerke oder andere Fach-
und Fördereinrichtungen gefördert werden
Ausweitung der inhaltlichen Bezüge zur Europabildung in den curricularen Vorga-
ben

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Ermutigung und Unterstützung der Landesinstitute bei der Entwicklung und Umset-
zung pädagogischer Konzepte zur Stärkung der interkulturellen Kompetenz und
Europakompetenz unter besonderer Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit
Stärkung von Schulen bei der Entwicklung eines europäischen Profils (z. B. Euro-
paschulen und Botschafterschulen des Europäischen Parlaments)
Förderung von Veranstaltungen zur Präsentation des schulischen Engagements
und von Erfahrungsaustausch im Bereich der Europabildung (z. B. „Best Practice“-
Beispiele, außerschulische Unterstützungssysteme)
Ermutigung der Schulen zur und Unterstützung bei der Teilnahme an den von der
Kultusministerkonferenz empfohlenen einschlägigen Wettbewerben und Projekten
(z. B. Europäischer Wettbewerb, EuropaSCHULpreis, Bundeswettbewerb Fremd-
sprachen, Jugend debattiert, EU-Projekttag an Schulen, ErasmusDays, Europawo-
che)
Förderung von Schulfahrten zu europäischen Institutionen und europäischen Lern-
orten der Demokratiebildung und Erinnerungskultur
Ausweitung der Beteiligung der Länder, der Landesinstitute und der Schulen an
Programmen auf europäischer und internationaler Ebene (z. B. Erasmus+, eTwin-
ning, PASCH-Netzwerk, PAD-Schulpartnerschaftsprogramme, Programme der
Fach- und Förderstellen der europäischen und internationalen Jugendarbeit)
Stärkung der Kooperation zwischen Schulen und Institutionen in Grenzregionen
auch unter Nutzung digitaler Formate
Förderung der Europakompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bil-
dungsverwaltung (z. B. durch Hospitationen in europäischen Institutionen, durch
Förderung von Fremdsprachenkompetenzen).
Förderung gemeinsamer länderübergreifender Projekte im Bereich der Nachhaltig-
keit.
4. Umsetzung in der Schule
Europabildung stellt eine übergreifende schulische Bildungsaufgabe dar, der sich so-
wohl alle Schulstufen als auch alle Schularten stellen. Die mit Europabildung ange-
strebten Bildungsziele und Kompetenzen eröffnen dabei Perspektiven für eine wertori-
entierte Ausrichtung des fachlichen und fächerübergreifenden Lernens mit dem Ziel
der Herausbildung eines europäischen Bewusstseins. Dabei sind die Grundsätze des
Beutelsbacher Konsenses zu beachten, neben dem Überwältigungsverbot und der
Subjekt- und Handlungsorientierung das Kontroversitätsgebot. Die Auseinanderset-
zung mit Fragen Europas und seiner Entwicklung ist in allen Bildungsgängen sowohl
eine Querschnittsaufgabe der Fächer als auch eine fächerübergreifende Aufgabe der
ganzen Schulgemeinschaft und dient damit der Schulentwicklung.

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Beiträge der Fächer und Lernbereiche zur Europabildung
Zur Erschließung der europäischen Dimension in Unterricht und Erziehung leisten
grundsätzlich alle Fächer und Lernbereiche der Schule in allen Schulstufen und -arten
einen Beitrag. Aus ihrer jeweils eigenständigen Perspektive heraus tragen sie über die
Jahrgangsstufen hinweg zur Europabildung bei. Dabei baut Europabildung auf Fach-
wissen und fachspezifischen Kompetenzen auf. Die Lehr- und Bildungspläne der Län-
der enthalten in differenzierter Weise explizite Ziele, Kompetenzerwartungen und In-
haltsfelder zum Erwerb von Europakompetenz. Die Befähigung der Schülerinnen und
Schüler zur Teilhabe am sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Gesche-
hen in Europa gehört zu den vorrangigen und verpflichtenden Zielen des Unterrichts.
Einen wesentlichen Beitrag leisten dazu die
Fächer des gesellschaftswissenschaft-
lichen Aufgabenfelds.
Dabei geht es
- im Fach
Geschichte
um das Verständnis der Entstehung, Entwicklung und der Be-
ziehungen der europäischen Staaten und ihrer Gesellschaften sowie der Überwin-
dung von nationalistischer Konfrontation, Krieg und Terror im Zuge der europäi-
schen Versöhnung und Einigung nach 1945 sowie nach Ende des Kalten Krieges
und deren Wertschätzung als beispiellose historische Integrationsleistung im Zuge
der Wiedervereinigung und des sich vertiefenden Integrationsprozesses in Europa.
- in der Fächergruppe der
Politischen Bildung
um das Verständnis der Strukturen
und Prozesse politischer Entscheidungen auf europäischer Ebene, ihrer Rolle für
die Sicherung von Frieden, Freiheit und Demokratie angesichts globaler Herausfor-
derungen, um die Entwicklung europapolitischer Urteils- und Handlungskompeten-
zen sowie um die Auseinandersetzung mit einer europäischen Identität . Dabei
spielt das Leitbild der aktiven europäischen Bürgerschaft (active citizenship) eine
zentrale Rolle.
- in den
Fächern mit wirtschafts- und rechtskundlichen
Inhalten um das Verständ-
nis für die ökonomischen und rechtlichen Grundlagen insbesondere der Europäi-
schen Union, die Sensibilität für den Interessenausgleich zwischen wirtschaftlichen,
ökologischen und sozialen Zielen sowie die Wertschätzung des Beitrags der euro-
päischen Integration zu Sicherung des Wohlstandes.
- im Fach
Geographie
um das Kennenlernen und die partizipative Gestaltung der
vielfältigen Natur- und Kulturräume Europas im Sinne der Nachhaltigkeit, aber auch
um Verständnis der weltweiten Vernetzungen Europas und seiner besonderen Rolle
im Hinblick auf die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, wie z.B. den
Klimawandel, geopolitische Konflikte, räumliche und soziale Disparitäten oder Mig-
rationsbewegungen.
Für die Erschließung der kulturellen Welt Europas und das Verständnis füreinander
haben die
Sprachen
eine zentrale Bedeutung:

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- Das Fach
Deutsch
zeigt u. a. die Beziehungen und Gemeinsamkeiten zwischen
der deutschen Sprache und Literatur und dem Umfeld der europäischen Sprachen
und Literaturen auf.
-
Fremdsprachen
öffnen den Zugang zu anderen Sprachgemeinschaften. Dialog-
und Kommunikationsfähigkeit sind Schlüsselqualifikationen über den Sprachenun-
terricht hinaus. Den alten Sprachen kommt große Bedeutung für ein vertieftes Ver-
ständnis des gemeinsamen europäischen Erbes zu. Besondere Bildungsangebote,
vor allem bilinguale Unterrichtsformen, dienen dem Erwerb vertiefter Kenntnisse in
den europäischen Sprachen und dem Ziel der Mehrsprachigkeit. Die Schülerinnen
und Schüler werden zugleich auf die durch wirtschaftliche Globalisierung und fort-
schreitende europäische Integration notwendige Mobilität und Vernetzung vorberei-
tet. Dabei leisten Exzellenzlabels wie CertiLingua einen wichtigen Beitrag.
Die
musisch-künstlerischen Fächer
vermitteln einen direkten Zugang zu den kultu-
rellen Traditionen Europas. In der unmittelbaren Auseinandersetzung und Reflexion in
den Fächern
Darstellendes Spiel
,
Musik
und
Bildende Kunst
werden diese Gemein-
samkeiten und Traditionen im Zusammenhang mit außereuropäischen Einflüssen in
besonderer Weise vermittelt und erfahrbar gemacht.
In den
Naturwissenschaften
geht es insbesondere im Bereich der Ökologie um das
Verständnis von grenzüberschreitenden Phänomenen, z. B. im Zusammenhang mit
Artenschutz oder Maßnahmen zur Plastikreduzierung. Auch der gemeinsame Umgang
mit einer Pandemie kann hier thematisiert werden.
Auf die aktiven Beiträge
aller weiteren Fächer
der allgemeinbildenden und der be-
rufsbildenden Schulen zur Förderung des europäischen Bewusstseins kann nicht ver-
zichtet werden, sie sind unabdingbare Bestandteile eines europäischen Gesamtkon-
zeptes in der Schule. Dabei ist die Entwicklung des europäischen Bewusstseins als
Urteils- und Handlungskompetenz zu erweitern auf die Erfahrungen in gelebter Demo-
kratie (z.B. Wahl der Klassensprecherin oder des Klassensprechers, Teilnahme an
Juniorwahlen und an Podiumsdiskussionen anlässlich der Wahlen zum Europäischen
Parlament etc.).
Zeitgemäße Lehr- und Lernprozesse, Lernarrangements und -methoden mit Unterstüt-
zung digitaler Medien sichern eine zukunftsorientierte Medienkompetenz, die das le-
benslange Lernen als integrale Aufgabe in allen Schulstufen ansieht. Dazu zählt auch
die kritische Reflexion der medialen Darstellung Europas.
Europabildung als Teil des Schullebens
Europabildung ist Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft und Bestandteil des
Schullebens. In diesem Zusammenhang werden Aspekte der Europabildung in die
Lernumgebung einer Schule eingebettet. Ein so verstandenes schulisches Konzept

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zur Europabildung ist Teil des Schulprogramms oder -profils, in dem Europabildung
als Querschnittsaufgabe verdeutlicht wird:
- Von besonderer Bedeutung sind Projekte der politischen Bildung mit europäischer
Themenstellung, wie sie vielfach an Schulen erfolgreich praktiziert werden, z. B. im
Rahmen eines jährlichen Europatags am 9. Mai, des EU-Projekttags und der Euro-
pawoche. Dazu zählt auch die aktive Auseinandersetzung mit staatenübergreifen-
den Regionalprojekten, beispielsweise im Zusammenhang mit Aktivitäten der Euro-
paregionen (INTERREG-Programme).
- Der Europäische Wettbewerb ist mit seinen jährlich durchgeführten Aktivitäten und
Preisträgerseminaren ein wichtiges Instrument der praktischen Schularbeit über
Themen mit Europabezug und der Begegnung mit Teilnehmerinnen und Teilneh-
mern aus den Staaten des Europarates und der Europäischen Union. Darüber hin-
aus bieten Organisationen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) o-
der das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) Wettbewerbe im europäischen
Kontext an.
- Besuche von europäischen Einrichtungen, z. B. des Europäischen Parlaments, der
Europäischen Kommission und des Europarats, tragen zu einem vertieften Ver-
ständnis europäischer politischer Strukturen bei und fördern zugleich die unmittel-
bare persönliche Auseinandersetzung mit europäischen Fragestellungen und Her-
ausforderungen an den Entscheidungsorten.
- Eine heterogene Schulgemeinschaft in den deutschen Schulen macht die Gemein-
samkeiten, Vielfalt, Nähe und Unmittelbarkeit Europas, seiner Nachbarregionen und
der Welt in besonderer Weise erfahrbar. Daher sollte Unterricht, wo immer möglich
und sinnvoll, kulturübergreifend gestaltet werden und damit der Reichtum der Kul-
turen – auch unter Berücksichtigung der Sprachen – zum Ausdruck kommen. Ge-
rade das gemeinsame Lernen fördert insbesondere die Fähigkeit zur Solidarität und
zum friedlichen Zusammenleben unter den Menschen in Europa und der Welt.
- Projekte im Zusammenhang von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bieten
ein weiteres Feld, auf dem Schulen sich mit ihren europäischen Partnern engagie-
ren können. Für die Zusammenarbeit in Umweltfragen und ein internationales Um-
weltbewusstsein setzen sich z. B. die Netzwerke von BNE-, Umwelt- und Nachhal-
tigkeitsschulen, UNESCO-Projektschulen in den einzelnen Ländern ein.
Begegnungen
mit Partnerinnen und Partnern anderer europäischer Schulen öffnen
wichtige Erfahrungsräume jenseits des Fachunterrichts und sollten für die Erschlie-
ßung der europäischen Dimension genutzt werden. Dazu bieten sich vielfältige Mög-
lichkeiten im schulischen Kontext an:
- Schulpartnerschaften dienen der Förderung interkultureller Kompetenzen und der
Europakompetenz der Schulgemeinschaft. Begegnungen bei gemeinsamen Projek-
ten und Drittortbegegnungen helfen beim Erwerb interkultureller Kompetenzen. Sie

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sollten einer größtmöglichen Zahl von Schülerinnen und Schülern ermöglicht wer-
den.
- Die Zusammenarbeit im Rahmen des EU-Programms für die allgemeine und beruf-
liche Bildung, Jugend und Sport „Erasmus+ 2014-2020“ bzw. des entsprechenden
Nachfolgeprogramms ab 2021 leistet wertvolle Beiträge zur Europabildung. Die
Länder sowie die Nationalen Agenturen für Erasmus+ im Bereich Schulbildung bzw.
Berufsbildung beim PAD bzw. beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) infor-
mieren und unterstützen Schulen, am Programm mit eigenen Projekten teilzuneh-
men.
- Die Teilnahme an Kulturprojekten und Kooperationen im Rahmen von Städtepart-
nerschaften, transnationalen Schultheater- und Begegnungsprojekten, regionen-
und grenzüberschreitenden kultur- und europabezogenen Festen oder auch ge-
meinsamen sportlichen Veranstaltungen bietet vielfältige Möglichkeiten des inter-
kulturellen Austauschs.
- Virtuelle Begegnungen (z. B. über die digitalen Plattformen eTwinning des Pro-
gramms Erasmus+ oder des PASCH-Netzwerkes) sind eine sinnvolle Ergänzung,
aber auch ein guter Einstieg in eine Schulpartnerschaft. Die Digitalisierung von
Schule und Unterricht bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für internationale Bil-
dungskooperationen dieser Art.
- Wichtig sind ferner der internationale Austausch für Lehrkräfte, Schulleitungen und
pädagogisches Personal sowie der Austausch von Fremdsprachenassistenzkräf-
ten. Er soll mit möglichst vielen europäischen Staaten gepflegt werden.
- Eine besondere Gelegenheit für pädagogische Kontakte und Arbeitsbegegnungen
mit Partnerinnen und Partnern innerhalb Europas bieten die europäischen Bildungs-
programme
für
Lehrkräfte
sowie
bilaterale
Programme
(Jugendwerke).
Das UNESCO-Schulnetz bietet entsprechende Primärerfahrungen in der ganzen
Welt an.
- Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Austausch- und Begegnungsprogrammen
(Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Fremdsprachenassis-
tenzkräfte) sowie Lehrkräfte aus dem Einsatz an deutschen Auslandsschulen brin-
gen ihre Erfahrungen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ein. Sie können von
persönlichem Kompetenz- und Erfahrungszuwachs berichten, aber auch konkret
darlegen, was diese Erfahrung in Bezug auf ihre Studien-, Berufs- und Lebensori-
entierung bewirkt hat.
- Exkursionen und Studienfahrten ermöglichen es, sich Europa auf vielfältige Weise
zu erschließen.
Schulen bündeln ihre vielfältigen Aktivitäten im Bereich der Europabildung und werden
Mitglieder von Netzwerken wie Europaschulen und Botschafterschulen des Europäi-
schen Parlaments.

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Um Europabildung und europäische Bildungskooperationen zur Aufgabe der ganzen
Schule zu machen, wird empfohlen, diese Aktivitäten konzeptionell zu verankern, d. h.
in das jeweilige Schulprogramm, Schulentwicklungskonzept oder Leitbild und das
Fahrtenkonzept aufzunehmen.
5. Empfehlungen zur Weiterentwicklung
Die Länder verständigen sich auf folgende Maßnahmen zur Umsetzung der Empfeh-
lung:
- regelmäßiger Austausch unter den Ländern unter Einbeziehung bewährter quali-
tätsvoller länderübergreifender, auch internationaler Programme, Wettbewerbe und
Projekte
- Einbeziehung der Empfehlung „Europabildung in der Schule“ bei der Neufassung
von Lehrplänen und Bildungsstandards sowie bei der Zulassung entsprechender
Lernmittel
- Durchführung von Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte zu
Themen mit Europabezug und zur europäischen Dimension im Unterricht unter Be-
rücksichtigung innovativer Lehr- und Lernmethoden
- Förderung der Mehrsprachigkeit und des bilingualen Unterrichts
- Förderung des besonderen Europabildungsschwerpunkts in Unterricht und Schul-
leben z. B. durch Projektarbeit zu europäischen Themen und mit schulischen und
außerschulischen Partnern
- aktive Unterstützung der Teilnahme schulischer Einrichtungen am EU-Programm
„Erasmus+“, den Programmen der Jugendwerke und anderen Fach- und Förder-
stellen der europäischen und internationalen Jugendarbeit, einschließlich einer Be-
teiligung an Projektformen der Landesinstitute und Landesschulbehörden
- Weiterentwicklung einer Digitalstrategie im Kontext der Europabildung
Anlage: Verweise/Links
(als gesonderte Liste auf
www.kmk.org
veröffentlicht)