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Die größten Hochwasser im Gebiet der Mulden
Uwe Büttner, Dipl.-Hydrologe, Landesamt für Umwelt und Geologie
1. Das Gebiet
Hinsichtlich seiner Gewässernetzstruktur und Lage innerhalb des zentraleuropäischen Mittel-
gebirgsgürtels stellt das Gebiet der Mulden (Abb. 1) ein einzigartiges Flussgebiet dar. Die
Abflüsse von zwei Dritteln eines Mittelgebirges, dem Erzgebirge, und seinem nördlich vorge-
lagerten Hügelland konzentrieren sich durch die Vereinigung von Zwickauer Mulde und Frei-
berger Mulde am Übergang zum nordsächsischen Tiefland mit einer Einzugsgebietsgröße von
rund 5350 km² in einem Gewässer, der Mulde, die bei Dessau in die Elbe mündet.
Abb. 1: Das Einzugsgebiet der Mulden und Hochwassermarken

2. Die Niederschlags- und Abflussverhältnisse
Die mittleren Niederschlagssummen zeigen im Allgemeinen eine deutliche Reliefabhängig-
keit. Das Erzgebirge zeichnet die Abnahme der mittleren Niederschlagshöhen in west-
östlicher Richtung aus, die durch erhöhte Niederschläge an Erhebungen, die die Umgebung
oder den Gebirgskamm überragen, und durch jahreszeitliche Unterschiede in Abhängigkeit
der Häufigkeit des Auftretens niederschlagsrelevanter Wetterlagen verwischt wird. Die ge-
genüber den Winterniederschlägen vergleichsweise größeren Sommerniederschläge weisen
im Zusammenhang mit den geodätischen Höhenverhältnissen und der geografischen Ausrich-
tung auf kontinentale Einflüsse im Erzgebirge hin. Es stellt damit insbesondere aus hygrischer
Sicht eine Enklave im weitgehend maritim geprägten Mitteleuropa dar.
Analog zur Niederschlagsverteilung ist das Erzgebirge hydrologisch durch die Abnahme der
mittleren Abfluss-Spenden ebenfalls in west-östlicher Richtung geprägt. Im Jahresgang zeigt
sich der in der Regel durch Schneeschmelze gekennzeichnete April als abflussreichster Mo-
nat. Bei Betrachtung der mittleren Hochwasserverhältnisse wird die abflusserhöhende Wir-
kung sommerlicher Niederschläge unabhängig von ihrer Dauer und Intensität, deutlich. Der
Juli weist einen nahezu gleichgroßen mittleren Hochwasserabfluss wie der April auf. Ein drit-
tes, in seiner Höhe jedoch kleineres Maximum tritt im Jahresverlauf der mittleren Hochwas-
serabfluss-Spenden im Dezember auf, das sich auf dem durch Warmluftzufuhr hervorgerufe-
nen „Weihnachtstauwetter“ gründet. Die Höhe der Abflüsse der Sommerhochwasser über-
steigt die der Winterhochwasser in der Regel beträchtlich, obwohl deren Anteile an den Jah-
reshöchstabflüssen geringer sind.
3. Die größten Hochwasser
Seit Beginn der regelmäßigen Beobachtungen am Anfang des 20. Jahrhunderts traten folgen-
de teileinzugsgebietsübergreifende und in ihren Scheitelwasserständen und –abflüssen heraus-
ragende Hochwasser auf:
31.Juli 1926
4. Januar 1932
10. Juli 1954
5./6. Juli 1958
8. Dezember 1974 und
13. August 2002.
Auf der Grundlage historischer Informationen dokumentierte FICKERT (1934) die nachfol-
gend aufgeführten extremen Hochwasser vor Beginn der regelmäßigen Beobachtungen:
30. Juli 1897
1. August 1858
30. Juni/1. Juli 1771
14. August 1573.

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Eindrucksvoll sind diese Hochwasser (ohne 1573) durch Marken belegt, von denen Abb. 1
eine Auswahl enthält.
Kennzeichnend für die Entstehung extremer Hochwasser im Muldegebiet sind sich generell
unterscheidende und zeitlich variable Niederschlagsverteilungen, die die Abb. 2 - 5 beispiel-
haft für die Hochwasser im Juli 1771, Juli 1897, Juli 1954 und August 2002 zeigen.
Abb. 2: Zentrum des Niederschlags am 30. Juni 1771 (abgeleitet aus FICKERT 1934)

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Abb. 3: 24-stündige Niederschlagshöhen in mm am 29./30. und 30./31. Juli 1897 im Mulde-
gebiet (aus FICKERT 1934)

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Abb. 4: Niederschlagssummen in mm vom 7. bis 11. Juli 1954 (aus BÖER et. al. 1959)

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Abb. 5: 24-stündige Niederschlagshöhen in mm im Gebiet der Elbe am 11./12. und 12./13.
August 2002
Insbesondere die bei Troglagen auftretenden Vb-Tiefs mit der Zufuhr feuchtwarmer Mittel-
meerluft, ihrem Aufgleiten auf Kaltluft und zusätzlichen orografisch bedingten Hebungspro-
zessen am Erzgebirge bilden die Ursache sommerlicher Hochwassergenesen. Abbildung 6
zeigt die Zugbahn des wetterbestimmenden Tiefs im Juli 1954, die starke Ähnlichkeiten mit
der Bewegungsrichtung des Tiefs ILSE im August 2002 aufweist.

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Abb. 6: Zugbahnen des wetterbestimmenden Tiefs und des Kaltlufttropfens vom 6. bis 11.
Juli 1954 (aus BÖER et. al. 1959)
Hervorgerufen durch die ereignisspezifischen Niederschlagsverhältnisse bilden sich in Ver-
bindung mit der stark verästelten Baumstruktur des Gewässernetzes im Muldegebiet im Detail
bisher nicht klassifizierbare Hochwasserabläufe aus. Beispielhaft wird in den Abb. 7 - 9 das
Wellenüberlagerungsverhalten anhand des zeitlichen Verlaufes der Scheitelfortpflanzungen
bei den Hochwassern im Juli 1897, Juli 1954 und August 2002 gezeigt.

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Abb. 7: Zeitlicher Verlauf der Hochwasserscheitel in den Hauptfließgewässern des Muldege-
bietes am 30./31. Juli 1897
Abb. 8: Zeitlicher Verlauf der Hochwasserscheitel in den Hauptfließgewässern des Muldege-
bietes vom 10. bis 12. Juli 1954

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Abb. 9: Zeitlicher Verlauf der Hochwasserscheitel in den Hauptfließgewässern des Muldege-
bietes am 12./13. August 2002
Die folgende Tabelle beinhaltet eine Zusammenstellung von Hochwasserständen an ausge-
wählten Pegeln:
Tabelle: Hochwasserstände an ausgewählten Pegeln

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Im Zusammenhang mit den Untersuchungen von GLASER (2001) zur mitteleuropäischen
Klimageschichte in den letzten 1000 Jahren wird deutlich, dass die Zeitpunkte des Eintretens
großer Hochwasser am Beispiel des Muldegebiets mit markanten Änderungen und mit Trend-
umkehrungen in den Temperatur- und Niederschlagsverläufen korrespondieren. Sie treten
außerdem in Zeiten sowohl der Über- als auch der Unterschreitung der Temperatur- und Nie-
derschlagsmittelwerte auf (Abb. 10 und 11).
Abb. 10: Jahresgang der Temperatur seit dem Jahr 1000 in Mitteleuropa (ergänzt, aus
GLASER 2001)
Abb. 11: Jahresgang des Niederschlags seit dem Jahr 1000 in Mitteleuropa (ergänzt, aus
GLASER 2001)

Literatur
BÖER, W., H. SCHUBERT & O. WILSER (1959): Das Sommerhochwasser der Elbe im Juli
1954. – Besondere Mitteilungen zum Deutschen Gewässerkundlichen Jahrbuch Nr. 19. Aka-
demie-Verlag, Berlin.
FICKERT, R. (1934): Die größten Sommerhochwässer des sächsischen Muldengebietes in
den letzten Jahrzehnten. – Beilage zum Jahrbuch des Sächsischen Amtes für Gewässerkunde,
Abflußjahr 1934.
GLASER, R. (2001): Klimageschichte Mitteleuropas – 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastro-
phen. – Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.